Auf vielfachen Wunsch unserer Skihasen und Häsinnen hier nun das lang ersehnte GÄSTEBUCH.
Obwohl wir Gästebücher eigentlich eher doof finden! ;-)
Schreibt uns Euren Senf!
(Kritik, Anregungen, oder erzählt uns einfach von Euren sexuellen Problemen!)
Dein Name:
Deine E-Mail-Adresse: und nich lügen!!!! ;-) (freiwillich!!)
Website (falls Du
sowas schon hast):
das "http://" muss mit dabei!
Hier rrrrein das Zeug :
   
Zur Verifizierung hacke bitte diese 3-stellige Zeichenfolge exakt so in das
weisse Feld unterhalb ein,sonst gehts nich...
da! ->
 


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 Senf Nr. 4016 von Antje vom 03.03.2026 um 14.22Uhr
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 Senf Nr. 4011 von Hörspiele vom 18.02.2026 um 14.35Uhr
Michael Koser:
Prof. van Dusen: Eine Unze Radium (RIAS 1978)
Wie Sie wahrscheinlich wissen Mr.Hatch ist Radium
ein rätselhaftes praktisch noch unerforschtes
Element. Rätselhaft, praktisch unerforscht. Warum
Mr Hatch, warum sendet Radium Strahlen aus. Ja
warum. Und welche Wirkung haben diese Strahlen.
Wirkungen Strahlen. Diese Fragen vor allem gilt es
zu beantworten Mr Hatch. Meinen Bericht über den
höchst merkwürdigen Fall der verschwundenen Unze
Radium kann ich bei aller Bescheidenheit kaum
besser beginnen als mit dem Gespräch, das ich
damals für meine Zeitung, den Daily New Yorker mit
Prof. Dexter vom physikalischen Institut führte,
Gespräch ist allerdings nicht der rechte Ausdruck,
Prof. Dexter ein Wissenschaftler von der leicht
begeisterten Sorte, hielt mir einen Vortrag

Prof. van Dusen: Das sicherste Gefängnis der Welt
(RIAS 1978)
Ich, meine Herrschaften, ich, Prof. Augustus van
Dusen, Dr. der Philosophie, der
Naturwissenschaften, der Medizin usw usw Mitglied
diverser Akademien und zahlreicher
wissenschaftlicher Gesellschaften ich erklär
hiermit feierlich daß einem wahrhaft intelligenten
Menschen nichts wohlgemerkt nichts unmöglich ist.
Hört hört. Ich habe gesprochen. Mit dem
wahrhaftintelligenten Menschen meinen Sie ja wohl
in erster Linie sich selbst nicht wahr Prof.
Selbstverständlich, mein bester, kenne dich
selbst. Ah. Solon, 6. Jh. vor Chr. Darauf muß ich
was trinken, Ober noch eine Flasche Champagner.
Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen möchte,
begann an einem Frühlingsabend bei Chirico in der
5thAvenue wo sich eine kleine aber erlesene
Gesellsch

Prof. van Dusen: Mord bei Gaslicht (RIAS 1978)
Ja, Moment, ich muß erst den Satz zu Ende
schreiben, ja bitte? Hallo? Ja? Spreche ich mit
Mr. Hatch, Mr Hutchinson Hatch vom Daily New
Yorker? Ja und wer sind Sie. Oh natürlich
verzeihen Sie, Henley ist mein Name, Weldon
Henley, erinnern Sie sich noch an mich? Ah ja ich
erinnerte mich an ihn aus den guten alten Zeiten,
als ich noch freier Mitarbeiter bei der eleganten
Welt war und die Spalte Klatsch mit Hatch schrieb,
Sie wissen schon, wer mit wem wo wann wie lange
und bei meinen ungeheuer anstrengenden Recherchen
auf Mitternachtsparties und dergleichen war ich
des öfteren auch auf Mr. Weldon Henley gestoßen,
daß er mir einen unauslöschlichen Eindruck
hinterlassen hatte, kann ich zwar gerade nicht
behaupten, aber aufge

Prof. van Dusen: Der Mann, der seinen Kopf verlor
(RIAS 1979)
Wie so viele Fälle in der ruhmreichen Laufbahn von
Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen, genannt die
Denkmaschine begann auch dieser damit daß James,
van Dusens getreues Faktotum, an die Tür des
Labors klopfte, hinter der sich sein Herr mit
chemischen, vielleicht auch physikalischen oder
biologischen, auf alle Fälle epochalen
Untersuchungen beschäftigte, es war an einem
kühlen Herbstnachmittag, genauer am 20. September
1902. Ja? Herr Professor. Wie oft habe ich ihnen
schon gesagt James daß Sie mich während der
Experimente auf gar keinen Fall stören dürfen. Ja
ich weiß Herr Prof. Nabitte. Entschuldigen sie
Herr Prof aber der Herr läßt sich nicht abweisen.
Welcher Herr. Der Herr an der Tür, Herr Prof, der
Herr der sie un

Prof. van Dusen: Stirb schön mit Shakespeare (RIAS
1979)
Verschwunden? Ja Prof, spurlos verschwunden. Hm.
In Luft aufgelöst, und das praktisch vor meiner
Nase. Nun ja. Und vor 300 Zuschauern. Ach das
klingt schon anders, hat man die Polizei
verständigt. Natürlich und Detective Sergeant
Caruso ist auch schon fleißig am suchen, aber er
wird nichts finden, der Fall ist so rätselhaft, so
unerklärlich, daß nur einer ihn lösen kann, Prof
Dr Dr Dr Augustus van Dusen genannt die
Denkmaschine und deshalb bin ich hier. Sehr
schmeichelhaft mein lieber Hatch, ich glaube Ihr
Fall interessiert mich, erzählen Sie mir die
Geschichte. Ja. Die ganze Geschichte mit allen
Einzelheiten von Anfang an. Also ich war gestern
abend im Theater. Die ganze Welt ist Bühne und
alle Frauen und Männer bloße Spiele

Prof. van Dusen: Die Perlen der Kali (RIAS 1979)
Man schrieb den 7.Mai des Jahres 1903, es war
Frühling in NewYork, im Central Park blühten die
Krokusse, die Wolkenkratzer am Timessquare
schossen in die Höhe und in der Wallstreet
vermehrten sich die Dollars auf wunderbare Weise,
nicht daß von all dem viel zu sehen gewesen wäre,
es nämlich dunkel, genauer eine halbe Stunde vor
Mitternacht, ganz davon abgesehen, daß der New
Yorker Frühling mich gerade jetzt ziemlich kalt
ließ, denn ich war dabei, meine geliebte Vater-
und Heimatstadt für längere Zeit zu verlassen.
Alle Besucher von Bord bitte. Mein Name ist Hatch,
Hutchinson Hatch, Reporter beim Daily New Yorker,
dem Weltblatt der Weltstadt und wenn Sie jetzt
fragen warum ich mich vom Broadway verabschiede um
die

Prof. van Dusen: Whisky in den Wolken (RIAS 1979)
Hoch, da, da geht er hoch, sehen Sie doch, Prof,
er steigt, er steigt. Ja was haben Sie denn
erwartet, natürlich steigt er, er muß ja steigen.
Und wie er steigt Prof, jetzt muß er schon 500m
hoch sein mindestens 600, 700, das geht ja wie die
Feuerwehr. Die physikalischen Eigenschaften des
Wasserstoffgases wie ich soeben auszuführen
gedachte als Sie mich unterbrachen bedingen doch.
Um Gotteswillen, eine Explosion an Bord, eine
Stichflamme, das Gas, das Gas hat sich entzündet,
der Ballon steht in Flammen, er stürzt ab, oh
Gott, wie, wie konnte das geschehen, Prof. Das,
mein lieber Hatch muß und wird untersucht werden,
nehmen Sie den Hut ab, was wir hier mitansehen ist
nicht nur das Ende eines großen wissenschaftlichen
Unternehmens

Prof. van Dusen: Wettbewerb der Detektive (RIAS
1979)
Wenn jemand behauptet der Fall des verschwundenen
Ministers sei der ungewöhnlichste in der langen
ruhmreichen Laufbahn von Prof Dr Dr Dr Augustus
van Dusen genannt die Denkmaschine, dann werde ich
bestimmt nicht widersprechen, und der Prof. selbst
wohl auch nicht, dabei fing alles ganz harmlos an,
ich saß in unserem Londoner Hotel dem Savoy am
Kamin und studierte die Times vom Tage. Irland
Einfuhrzoll für Getreide, nicht viel los in der
Politik, ah Hofnachrichten, 9 September 1903,
seine Majestät König Edward der 7. hält sich
zurzeit in Schloß Roche Abbey bei Doncaster auf,
um die dortigen Galopprennen mit seinem Besuch zu
beehren, dem gehts gut, auch Innenminister Lord
Chesterfield befindet sich nicht in Lon

Prof. van Dusen: Ein Mörder bei Madame Tussaud
(RIAS 1979)
London 16. November 1903, am frühen Abend,
typisches englisches Herbstwetter, Regen, Kälte,
Nebel, während Big Ben die sechste Stunde schlägt,
geschieht im vornehmen Hotel Savoy am Victoria
Embankment folgendes: ein Kellner in der Hand ein
Tablett mit einem Sektkühler, einer Flasche und
einem Glas stürzt in das Büro des Hoteldirektors,
bleich wie der Tod. Herr Direktor Mr Bunny Sir.
Was soll denn das wiederum heißen, seit wann ist
es im Savoy Sitte, ohne Anmeldung und ohne
anzuklopfen in das Büro des Direktors
einzudringen. Aber, aber Herr Direktor. Sie sind
doch Kellner bei uns, wie ich sehe, Name. Max, Max
Nicholas Zimmerkellner im vierten Stock, aber,
aber hören Sie doch Herr Direktor. Und Sie sind,
wie ich eben

Prof. van Dusen: Lebende Bilder - toter Mann (RIAS
1979)
Calais, Calais, der Expreß nach Paris fährt in
Kürze ab, beim Einsteigen bitte beeilen. Ah
Frankreich Prof la belle France, das Land der
Kultur und der Lebensfreunde, Jack Offenbach, die
Kathedrale von Chartres, Emil Zola,
Tivolibouexiere, Champagner, Trüffel, Schnecken
mit Knoblauch. Wie ich schon des öfteren
Gelegenheit hatte festzustellen mein lieber Hatch,
Sie besitzen einen bemerkenswerten Sinn für das
unwesentliche. So. Zum Express nach Paris bitte
einsteigen und die Türen schließen, der Zug fährt
ab. Was hätte ich denn Ihrer Meinung nach erwähnen
sollen, Prof. Vor allem doch dieses, daß sich in
Frankreich zur Zeit ein für unsere gesamte
Zivilisation bedeutungsvoller, ja wegweisender
Prozeß vollzieht, ich meine die Verbind

Prof. van Dusen: Sein erster Fall (RIAS 1979)
Einer, zwei, drei, vier, fünf, sechs sieben. Am
frühen Morgen hatten wir Paris verlassen, die
Grenzkontrolle lag hinter uns und jetzt fuhren wir
quer durch das deutsche Reich, ich langweilte mich
ungeheuer, der Zug hatte keinen Speisewagen und
draußen gabs nichts zu sehen, nur Wiesen und
Wälder, abundzu einen Kirchturm oder einen Ochsen
auf dem Feld. Was um alles in der Welt treiben sie
denn da, Hatch. Siebzehn, ich zähle die Ochsen
draußen auf dem Feld, achtzehn. Ochsen zählen sie,
ohne Frage eine Tätigkeit die Ihnen angemessen
ist, mein lieber Hatch, darf ich dennoch darum
bitten, daß sie das einstellen, sie stören mich.
Was soll ich denn tun Prof, mir ist langweilig.
Nehmen sie sich ein Beispiel an mir, arbeiten sie.
Prof. Dr.

Prof. van Dusen: Stimmen aus dem Jenseits (RIAS
1980)
Kennen Sie Bad Emsingen, nein, na dann lassen Sie
sich mal was aus dem Baedeker vorlesen, Band
Mitteldeutschland, Ausgabe von 1903, ja hier, im
Herzen des Fürstentums Schleuß-Reitz-Wittgenstein,
inmitten grüner Wälder und ausgedehnter Weinberge,
liegt Bad Emsingen, mit 2000 Einwohnern nach der
Hauptstadt Wittgenstein die größte Ortschaft des
Fürstentums, Kenner deutscher Badeorte werden hier
zwar die internationale Atmosphäre vermissen, wie
sie etwa Kissingen oder Baden-Baden auszeichnet,
wer jedoch Ruhe sucht und Linderung von Leiden des
Verdauungs- und Nervensystems, wird beides in Bad
Emsingen finden, das heilkräftige Wasser der
Fürstenquelle wird allgemein gerühmt, der
gepflegte Kurpark und die

Prof. van Dusen: Wer stirbt schon gern in Monte
Carlo (RIAS 1980)
Mesdames, faites vos jeux, rien ne va plus,
dixneuf rouge impair passe. Wieder nix dann auf
ein neues. Mes dames, faites vos jeux, rien ne va
plus, huit noir pair manque. Danke mein Freund,
hier für die Bank. Merci Monsieur de Marquis.
Sagenhaft Marquis, 6000 Franc und das heute abend
schon zum 12 mal oder. Zum 13, Milord. Sagenhaft,
gestern eine runde viertel Million, heute, wieviel
haben Sie heute gewonnen. Genau 78 000 Franc,
bisher. Sagenhaft. Dem glücklichen Milord schlägt
keine Stunde, Sie haben ja auch nicht gerade Pech
gehabt. Mein Gott Marquis die paar 1000 Franc
nicht der Rede wert. Mesdames, faites vos jeux.
Montecarlo mehr brauche ich nicht zu sagen, Sie
wissen bescheid, Säulen und Samt, Kristallüster,
Gold auf

Prof. van Dusen: Rotes Blut und weißer Käse (RIAS
1980)
Ah das ist eine Luft, was meine Herren, weich wie
Samt, klar wie ein Bergquell, rein wie ein frisch
gebadetes Baby. Kaum Kohlenmonoxid, keine
Schwefelverbindungen. Die schiere Gesundheit meine
Herren, Natur atmen sie, atmen sie tief durch.
Eine gute Havanna wäre mir lieber. Aber Hatch.
Nein keine Sorge Prof, ich verkneife mir meine
unnatürlichen Gelüste. So ist es recht Mr. Hatch,
lassen sie alles hinter sich, was den Menschen an
der wahren Entfaltung seines ichs hindert, Nikotin
und Alkohol, einschnürende Kleidung, die
Konventionen der sog. Gesellschaft, das
nervenzerfetzende Chaos der großen Städte. Ach New
York, hätten Sie mich bloß nicht erinnert, Dr.
Pontifex, Broadway, Times Square, Central Park,
die Freiheitsstatue, wie

Prof. van Dusen: Zocker, Zossen und Zinnober (RIAS
1980)
Mitten in Europa liegt das deutsche Kaiserreich,
mitten in Deutschland liegt Berlin, mitten in
Berlin liegt die Straße unter den Linden, und
mitten auf dieser Straße befanden sich am 24. Juni
1904 unter hunderten von Menschen zwei
amerikanische Weltreisende, Prof DrDrDr Augustus
van Dusen, die Denkmaschine zu benannt und meine
Wenigkeit Hutchinson Hatch, es war ein herrlicher
Tag, die Passanten trugen Musselin kleider sofern
weiblich und falls männlich Flanellanzüge und
Panamahüte, die Sonne schien und über die Straße
zog die Wache mit klingendem Spiel, die Luft roch
nach Sommer, nach Blüten, Kiefernharz, Staub und
Schweiß, nach Bier und nach Knackwurst mit
Mostrich, aber was wir zu diesem Zeitpunkt noch
nicht w

Prof. van Dusen: Duell der Giganten (RIAS 1980)
In Rußland ist alles anders, als wir gestern aus
Berlin abfuhren war es der 19. Juli 1904, und
heute in Rußland hatten wir nicht etwa den 20.
Juli, nein wir waren ganze 13 Tage zurück und
schrieben erst den 7. Juli 1904, und warum, weil
die Russen immer noch einen Kalender aus dem
Altertum haben und den haben sie, weil sie
unbedingt anders sein wollen als alle andern.
Sankt Petersburg hier Sankt Petersburg, Warschauer
Bahnhof, Endstation, alles aussteigen. Das war
vielleicht auch der Grund, weshalb der Fall, der
uns in St. Petersburg erwartete, sich so sehr von
den Fällen unterschied, mit denen es Prof. Dr. Dr.
Dr. Augustus van Dusen genannt die Denkmaschine,
ansonsten zu tun hatte, nicht weil es um die
Kronjuwelen des Zaren ging

Prof. van Dusen: Das Gefängnis des Grafen Dracula
(RIAS 1980)
Glauben Sie mir, Prof. van Dusen darf man keinen
Moment aus den Augen lassen, ein einziges Mal habe
ich es getan und prompt rutschte der große Mann
bis über die Ohren in die Bredouille aus der er
sich dann ganz allein herausarbeiten mußte, ohne
seinen getreuen Freund und Helfer Hutchinson
Hatch, es war in Sofia, im Herbst des Jahres 1904,
der Prof. hatte einen ungeheuerlichen Fall
aufgeklärt, in den Kronprinz Boris verwickelt
gewesen war und deshalb lebten wir als Ehrengäste
des fürstlichen Hofes wie die Maden im Speck, ich
fing an mich zu langweilen und als sich mir die
Gelegenheit zu einer Spritztour über die Grenze
bot griff ich sofort zu, in Mazedonien war damals
der Teufel los, bulgarische Banditen, serbische
Komita

Prof. van Dusen: Im Harem sitzen heulend die
Eunuchen (RIAS 1981)
Konstantinopel, Konstantinopel ist die Königin der
Städte, hat mal jemand gesagt, und dieser jemand
hat gar nicht so unrecht, Konstantinopel ist
wunderschön, wenn man nicht allzunah rangeht, gute
drei Wochen waren wir jetzt schon hier wir hatten
alle Sehenswürdigkeiten besichtigt, die
HagiaSophia, die Eyüpmosmoschee, das Kloster der
heulenden Derwische, den alten Sultanspalast und
jetzt war uns langweilig, präziser gesagt mir war
langweilig, der Prof. langweilt sich bekanntlich
nie, er arbeitete fleißig, vielleicht an seiner
atomaren Strukturtheorie oder an einer neuen
Erfindung, während ich aus dem Fenster unseres
Salons im Pera Palace Hotel lehnte und die
Aussicht beguckte, die hauptsächlich aus dem
städtischen Zentralfriedhof

Prof. van Dusen: Der Fluch des Pharao (RIAS 1981)
Luxor meine Herrschaften, wir sind in Luxor
gelandet, zur Besichtigung der altägyptischen
Tempel von Theben hier aussteigen. Merkwürdig. Was
ist merkwürdig Prof. Benedict. Wieso ich seh ihn
nicht. Ja das ist ja gerade das merkwürdige, mein
lieber Hatch, ich sehe ihn nämlich auch nicht,
dabei habe ich ihn sehr nachdrücklich gebeten uns
an der Landungsstelle abzuholen, das fängt ja gut
an. So wie es anfing, sollte es auch weitergehen
in der Geschichte vom Fluch des Pharao und von den
drei Leichen im Tal der Könige, damit meine ich
nicht, daß sich aus einer Touristenreise ein
komplizierter Kriminalfall entwickelt, das ist
normal wenn Prof DrDrDr Augustus van Dusen die
weltberühmte Denkmaschine durch die Lande zieht,
er

Prof. van Dusen: Hatch will heiraten (RIAS 1981)
Ich weiß gar nicht, ob ich sie Ihnen überhaupt
erzählen soll, die Geschichte von der Prinzessin
aus Ruritanien und von der merkwürdigen Hochzeit
an Bord der Ormuz, ein richtiger Kriminalfall ist
sie eigentlich nicht und deshalb hat sie in meiner
Chronik der Abenteuer von Prof v. Dusen an sich
auch nichts zu suchen aber dann frage ich mich was
würde wohl der Prof dazu sagen. Mein lieber Hatch
was haben sie gegen die Geschichte. Ach wissen Sie
Prof. Wenn ich recht verstehe, ist sie Ihnen nicht
kriminell genug. Genau Prof. Mein lieber Hatch, da
kann ich sie beruhigen, Dummheit ist doch auch
kriminell, ganz zu schweigen von Betrug,
Vortäuschung falscher Tatsachen. Eigentlich habe
ich mehr an Mord und Totschlag gedacht. Mord

Prof. van Dusen: Der Kopfjäger von Singapur (RIAS
1981)
Ahaha, und auch das dürfte Sie interessieren,
meine Herren, in den drei Jahren seit meinem
Amtsantritt ist der Ananasexport der Kolonie um
17,6 Prozent gestiegen, haha, um 17,6 Prozent
meine Herren. Was Sie nicht sagen. Gewaltig. Ja
nicht wahr, noch ein Glas Portwein. Ich weiß
nicht. Danke Sir Francis, aber ich fürchte, es ist
bereits 2 Uhr. Ja. Sir Francis? Ja Gates?
Inspector Boggles, Sir Francis, er wünscht sie zu
sprechen. Aber Gates, ich habe mir jede Störung
strikt verbeten, einen Gast wie Prof. van Dusen
hat man schließlich nicht alle Tage. Och zu gütig,
Sir Francis. Habe ich ihnen nicht befohlen, mich
auf gar keinen Fall mit dienstlichen
Angelegenheiten zu behelligen. Sir Francis.
Antworten Sie, Gates, habe ich oder habe

Prof. van Dusen: Doktor Tschu Man Fu (RIAS 1981)
Prost Prof. Auf mein Wohl und auf Ihres natürlich
auch mein lieber Hatch. Ah Champagner. Ja. Nie
wieder Ziegeltee mit Mehl und ranziger Butter,
keine stinkenden Yaks mehr, keine getrockneten
Kamelfladen, auf die Zivilisation. Auf die
Wissenschaft mein lieber Hatch. Die Wissenschaft
war schuld ich meine an unserer Expedition nach
Zentralasien, Prof van Dusen hatte in
tibetanischen Lamaklöstern die Mysterien
orientalischer Medizin studiert, Akupunktur z.B.,
wissen Sie was das ist, wenn Sie Kopfschmerzen
haben, piekt man Ihnen eine silberne Nadel in den
großen Zeh und dann sind die Kopfschmerzen weg
oder auch nicht, die Reise war sehr anstrengend
gewesen, aufregend auch durch einen
außergewöhnlichen Kriminalfall im Klos

Prof. van Dusen: Robinsons Insel (RIAS 1981)
Neptun bin ich der Herr und Meister des Ozeans und
seiner Geister, es ist daher mein gutes Recht, die
Tauf zu halten recht und schlecht so wie es
schreibt die Sitte vor wenn man fährt über den
Äquator. Bravo. Charmo. Danke sehr, vielen Dank,
danke. Das poetische Kunstwerk, das sie eben
gehört haben, stammt nämlich von mir, ich darf
mich vorstellen, Hutchinson Hatch, Reporter,
Verseschmied nur bei besonderen Anlässen bei einer
Äquatortaufe zum Beispiel, was wäre so eine Taufe
ohne den Meeresgott Neptun, und was wäre Neptun,
ohne einen Monolog in geschliffenen Versen. So
will ich denn zur Taufe schreiten, und euch ein
kühles Bad bereiten, denn Untertauchen das muß
sein. Untertauchen wie dumm. Also wissen Sie Lord
Chip

Prof. van Dusen: Die Erde hat ihn wieder (RIAS
1982)
Ruhe, Ruhe oder ich lasse den Saal räumen, fahren
Sie mit der Befragung Ihres Zeugen fort Herr
Staatsanwalt. Also eine Bombe, Prof. Kleinstein.
So ist es. Begründen Sie diese Feststellung.
Einspruch euer Ehren, die Antwort wäre eine reine
Schlußfolgerung des Zeugen und insofern
unzulässig. Einspruch stattgegeben. Mein Zeuge ist
als wissenschaftlicher Sachverständiger durchaus
qualifiziert. Einspruch stattgegeben. Mr.
Hamburger. Stellen wir die Frage anders, Prof
Kleinstein, was haben Sie entdeckt, als Sie im
Auftrag der Polizei den Tatort untersuchten. Nun,
Spuren von Natriumnitrat, von Kollodium, von
Nitroglykol. Und Nitroglykol, Natriumnitrat und
Kollodiumwolle sind die Hauptbestandteile von
Ammongelit, ist das so richtig

Prof. van Dusen und der Zirkusmörder (RIAS 1982)
Popeye ist tot, Popeye ist tot Prof. Wer ist tot.
Popeye Prof. Und wer, wenn Sie mir die Frage
gestatten, ist Popeye. Aber Prof, Sie kennen
Popeye nicht, gehen Sie denn nicht in den Zirkus.
Ich bitte Sie, derart kindlichen um nicht zu sagen
kindischen Vergnügungen kann ein seriöser Mensch
wohl nur wenig abgewinnen. So, nun ja also Popeye
ist ich meine war eine unserer größten
Attraktionen, Popeye der schlaue Schimpanse, denkt
und handelt wie ein Mensch. Ein Schimpanse, ein
Menschenaffe der Spezies pantroglodytes, mein
lieber Mr. Mr. Bailey, James Bailey, Direktor und
Miteigentümer des Zirkus Barnum & Bailey, der
größten Show der Welt, drei Manegen, 1000
Mitarbeiter, gigantische Tiershow,
Monstrositätenkabinett. Und wenn

Prof. van Dusen rettet die Venus von Milo (RIAS
1982)
März 1904, Vorfrühling, Vorfrühling in Paris, wer
irgend konnte ging spazieren an der Seine, im
BoisdeBoulogne, nur einer nicht ProfDrDrDr
Augustus van Dusen bekannt als die Denkmaschine
dabei hätte er eine kleine Erholung gut brauchen
können, erst vor kurzem hatte er nämlich den
komplizierten Fall des teuflischen
Cinematografenmörders erfolgreich abgeschlossen
und jetzt wandelte er schon wieder auf
kriminologischen Pfaden, das heißt genaugenommen
wandelte er nicht, er saß, er saß und starrte auf
den Bildschirm eines hochmodernen
Röntgenstrahlapparats. Was glauben Sie, Prof. Ich
glaube nicht, Monsieur Popelotte, ich weiß. Um so
besser, was wissen Sie. Man hat Ihnen etwas, wie
sagt man in Unterweltkreisen, mein lieb

Prof. van Dusen und der schreckliche Schneemensch
(RIAS 1982)
Wie hat es eigentlich genau angefangen, wie hat es
eigentlich genau angefangen, unser unglaubliches
Abenteuer in Tibet, der Fall, der in meinen
Aufzeichnungen den Titel trägt Prof. van Dusen und
der schreckliche Schneemensch, jedenfalls nicht
mit dem schrecklichen Schneemensch, hm, der kam
erst später nach dem Typ der plötzlich in unserem
Lager auftauchte. Hallo sie da. Mitten in der
Wüste. Hören sie mal alter Knabe. Es war am Abend
des 20. September 1905, wir hatten gegessen, falls
man das essen nennen kann, Ziegeltee mit Fett und
Gerstenmehl wie jeden Abend, und wie jeden Abend
duftete es lieblich nach ranziger Yakbutter und
angeschmorten Kamelfladen, letztere pflegen die
Mongolen als Brennmaterial zu benutzen

Prof. van Dusen auf dem Hochseil (RIAS 1983)
Hört den Meister, der Meister ist alles, ihr seid
nichts, ihr seid Werkzeuge, ihr seid willenlos,
für euch zählt nur eins, der Wille des Meisters.
Drei Menschen stehen erstarrt, gebannt vor einem
vierten, und dieser vierte ist ein Mann im
Schatten, ein Mann mit gewaltigem schwarzen Bart
und unheimlich stechenden Augen, Ort des
Geschehens, ein Zimmer in einem Wohnhaus, irgendwo
in Athen, Zeit 29. August 1904, am späten Abend.
Ihr wißt was ihr zu tun habt, jeder einzelne von
euch, Diavolo. Ja Meister. Elastico, Elastico ah
ja richtig, Elastico ist ja bereits drüben am
Tatort, Fatima. Jawohl, Meister. Merlini. Meister,
ich höre und gehorche. Es wird Ihnen aufgefallen
sein, meine Damen und Herren, ich selbst,
Hutchinson Hatch weithin

Prof. van Dusen: Wo steckt Prof. van Dusen? (RIAS
1983)
Mein lieber Hatch, vor mir so weit das Auge reicht
die tiefblauen Wasser des Golfs von Neapel, zur
rechten Sorrent und die vielbesungene Insel Capri,
zu linken die majestätische Silhouette des Vesuv
der seine schmale Rauchfahne über den gleichfalls
tiefblauen Himmel zieht, bei solch grandiosem
Panorama mag es verzeihlich sein, daß ein
ansonsten eher nüchterner Wissenschaftler und
nicht zu vergessen Amateurkriminologe ein wenig
ins schwärmen gerät, o bella Napoli. Der Brief des
Prof. erreichte mich am 13. Juli 1904 in einem
kleinen Tessiner Gasthof nahe dem Monte Paradiso,
ein interessanter Fall lag hinter uns, in meiner
van Dusen Chronik trägt er den Titel Rotes Blut
und weißer Käse, vielleicht erinnern Sie sich und
vielleicht

Prof. van Dusen und der grundlose Mord (RIAS 1983)
Erhebet euch von euren Sitzen, das hohe Gericht
betritt den Saal, Sie bleiben stehen Angeklagter,
Ihr Name ist Frederick Oconnor. Jawoll.
Frederickoconnor sie werden beschuldigt am 6.Juli
1903 in seiner Majestät Hauptstadt London Sir
Philip Evan-Burnes heimtückisch und mit Vorbedacht
ermordet zu haben, erklären sie sich für schuldig
oder für nicht schuldig. Nicht schuldig. Mylord.
Hä, ja dann wollen wir mal anfangen, äh wer hat
das Wort. Der Vertreter der Anklage, Mylord.
Wirklich, äh also das Wort hat der Vertreter der
Anklage, äh der Anklage, wie heißt er denn. Sir
James Bladderstone, Mylord. Äh wie, Bladderstone,
merkwürdiger Name, na ja bitte, Sir James
Bladderstone. Mylord, meine Herren Geschworenen,
Mord, vorsätzli

Prof. van Dusen gegen das Phantom (RIAS 1983)
Ein wunderschöner Märzmorgen im Jahre des Herrn
1904, die Sonne war gerade aufgegangen und schien
herab auf Meereswellen, Strand, Klippen und auf
zwei Figuren die über den noch feuchten Sand
dahinspazierten, es waren sie werden es sich
gedacht haben Prof DrDrDr Augustus van Dusen
allerorten gerühmt als Wissenschaftler als
Kriminologe kurz als die Denkmaschine und meine
Wenigkeit Hutchinson Hatch, weniger gerühmt aber
doch ganz zufrieden, das heißt im allgemeinen,
diesmal war ich ausgesprochen sauer denn ungerührt
von der schönen Umgebung hielt der Prof mir wieder
mal eine Moralpredigt. Wie oft mein lieber Hatch
habe ich es Ihnen nun schon sagen müssen. Na
bestimmt einige hundert Mal. Nikotin auch in
kleinen

Prof. van Dusen und das Auge des Zyklopen (RIAS
1984)
Ruhe Maureen O Shaughnessy genannt die Sirene, Sie
sind festgenommen. Aus welchem Grund nehmen Sie
mich fest. Diebstahl, sie stehen im dringenden
Verdacht heute abend im Hause von Mr Osgood P
Quackenbush dem diesen gehörigen Rubin Auge des
Zyklopen entwendet zu haben. Das müssen sie
beweisen. Haha, Carusos Gesicht hätten Sie sehen
sollen, Prof, so lang, er hätte sich bequem mit
seinen Plattfüßen selbst drauftreten können und
als die Sirene dann schließlich abgeführt wurde,
stand er da wie ein Häufchen Unglück und sagte
immer wieder, was mach ich bloß, was mach ich
bloß, ich bin verantwortlich für das Auge des
Zyklopen und jetzt ist das Ding weg, es war zu
schön. Mein lieber Hatch. Ja Prof. Habe ich mich
nicht

Prof. van Dusen und der fliegende Teppich (RIAS
1984)
Zählen Sie 2 und 2 zusammen, mein lieber Hatch,
vorbei, Prof, ein für alle mal vorbei, weißt du
was das macht, zwei und zwei. Ja weiß doch jeder
vier. Vier, ich will dir mal sagen, zwei und zwei
ist fünf. Ach was. Oder sechs oder drei oder 77,
nur nicht vier, niemals. Ist ja recht Kamerad,
trinken wir noch einen. Natürlich trinken wir noch
einen, Herr Wirt. Ja. Whisky für mich und meinen
Freund. Whisky gibts hier nicht, hab ich doch
schon dreimal gesagt, na, zwei Absinth, am besten
lasse ich die Flasche auch gleich da. Oh, das ist
ja scheußliches Zeug. Nimms, wie es kommt,
Kamerad, spül alles runter, Prost. In der Stadt
Oran an der nordafrikanischen Küste liegt die zu
recht weithin unbekannte Hafenkneipe zum karierten
Kakadu, und

Prof. van Dusen hilft Scotland Yard (RIAS 1984)
Woran es liegt, weiß ich nicht, vielleicht an Big
Ben oder an ScotlandYard oder einfach an der
Atmosphäre London, London, das weiß jeder, London
ist die Weltmetropole der Kriminologie und wenn
sich in London eine Persönlichkeit aufhält die man
wohl mit fug und recht als Weltmeister der
Kriminologie, der Amateurkriminologie bezeichnen
darf, dann ergibt das eine erlesene Mischung,
Kaviar für Krimikenner sozusagen, denken sie an
den grundlosen Mord, an die Verbrecherjagd im
Wachsfigurenkabinett der Madame Tussauds, denken
sie vor allem an den Fall des geheimnisvollen
Mörders der seine Tat vorher ankündigte, aber da
fällt mir ein an den Fall können sie ja gar nicht
denken weil sie ihn noch nicht kennen, das muß
anders wer

Prof. van Dusen und der Schatz des Maharadschas
(RIAS 1984)
Es war am frühen Morgen des 3. April 1905, seiner
großbritannischen Majestät Passagierschiff Ormuz
unter Kapitän Bleker lief in den Hafen von Bombay
ein. Da liegt es vor uns Prof, Indien, das Land
der Geheimnisse, das Land der Wunder. Für den
Wissenschaftler mein lieber Hatch gibt es keine
Wunder. Für den Journalisten um so mehr, ich bin
gespannt, was wir hier erleben werden.
Interessanter als das, was sie gerade hinter sich
haben, kann es kaum sein, ich sage nur Prinzessin
Lascaris von Ruritanien. Prof. Besagte Prinzessin
war gar keine, das wissen sie wenn sie das Kapitel
meiner van Dusen Chronik kennen, das den Titel
trägt Hatch will heiraten, der Titel sagt alles,
ich hatte mich wie ein rechter Blopskopp verhalten
und wenn

Prof. van Dusen im wilden Westen (RIAS 1985)
Barranca, hier Barranca, beim Einsteigen beeilen
und die Türen schließen. Trostloses Nest. In der
Tat... Prof. Mein lieber Hatch, was gibt es denn.
Sehen Sie mal zur Tür, ein Indianer, ein richtiger
Indianer, in unserem Abteil. Und deshalb stören
Sie mich beim lesen in meinen Forschungen. Hugh
ich heilige Pfeife des Friedens, welche dem großen
Geist wohlgefälligen Rauch zum Himmel sendet,
großes Häuptling der Pueblos, hugh. Ja sehr
erfreut, Prof. van Dusen. Prof doch nicht so.
Hugh, er Prof. Dr.Dr.Dr.Augustus van Dusen, großer
Wissenschaftler und Kriminologe.
Amateurkriminologe, bitte. Großer Wissenschaftler
und Amateurkriminologe, welcher unter allen
Bleichgesichtern bekannt und berühmt ist als die
Denkmaschine

Prof. van Dusen und der Vampir von Brooklyn (RIAS
1985)
Ach Sie sinds kommen Sie rein, bleiben Sie nicht
an der Tür stehen, was haben Sie denn auf dem
Herzen ah nein. Am 20. Juli 1902 schlug der Vampir
von Brooklyn zum erstenmal zu... Ah da sind Sie ja
pünktlich wie immer, unser Tee wartet schon, was
haben Sie denn auf einmal, ah. Der zweite Mord des
Vampirs geschah am 24. Juli… der dritte am 26.
Juli. Guten Tag, entschuldigen Sie die Verzögerung
ich hatte Angst, es könnte dieser dieser Vampir
sein aber als ich Sie durch den Spion gesehen
habe, treten Sie näher leisten Sie mir ein bißchen
Gesellschaft, nein, nein. Und so ging es weiter,
Schlag auf Schlag, der vierte Mord, der fünfte
Mord, und am 5. August schließlich mordete der
Vampir von Brooklyn zum sechsten Mal, sechs Morde
in

Prof. van Dusen und die blutige Botschaft (RIAS
1985)
Eigentlich war es ja mehr als ein Fall, eigentlich
war es ja mehr als ein Fall, es war sogar eine
ganze Reihe von Fällen, mit denen wir es damals in
Berlin zu tun hatten, das blutige Verbrechen im
Hotel Kaiserhof zB, die rätselhaften Vorgänge im
Reichsschatzamt, das Abenteuer im unheimlichen
Irrenhaus, natürlich auch die Affäre um den
Kriminalassistenten im Waschkorb und aber ich will
hier noch nicht alles verraten, nur soviel, alle
diese Einzelfälle waren so verzahnt so miteinander
verbunden, daß sie schließlich und endlich doch
nur einen einzigen Fall ergaben aber was für einen
meine Damen und Herren. Ah! Ein Zimmermädchen
schrie, damit fing es an. Einen Augenblick, mein
lieber Hatch, wie oft habe ich mich bemüht ihnen

Prof. van Dusen auf der Hintertreppe (RIAS 1985)
Am Abend des 10.August 1903 gegen 8 Uhr, London
EastEnd, finstere Gegend und finsteres Wetter,
Regen, leichter Nebel, Dämmerung, leere Straßen,
nur abundzu das Rasseln einer Droschke, der Ruf
eines blinden Bettlers und die Schritte zweier
Männer die unter Regenschirmen zielbewußt
voranstreben plötzlich bleiben sie stehen, etwa 20
Meter vor ihnen spielt sich eine merkwürdige Szene
ab, drei Gestalten in langen weißen Mänteln
schleppen einen unförmigen Sack zu einer Kutsche
am Straßenrand. Prof. Hm. Der Sack zappelt. Dies
ungewöhnliche faktum mein lieber Hatch ist mir
nicht entgangen. Hilfe. Und um Hilfe ruft er auch
der Sack. Ohne jeden Zweifel. Wissen sie was Prof
in dem Sack steckt ein Mensch. Was sie nicht sagen
mein lie

Prof. van Dusen: Schall und Rauch (RIAS 1986)
Guten Abend meine Damen und Herren, Sie kennen
mich oder besser gesagt, Sie kennen meine Stimme,
ich bin Hutchinson Hatch, der mehr oder weniger
rasende Reporter aus NewYork ansonsten Chronist
Assistent und Begleiter von Prof DrDrDr Augustus
van Dusen, dem großen Wissenschaftler und genialen
Kriminologen. Amateurkriminologe, mein lieber
Hatch, Amateurkriminologe, allmählich sollten sie
es wissen. Ach Verzeihung Herr Prof, natürlich dem
genialen Amateurkriminologen, der in Ost und West,
in Nord und Süd und überall sonst bekannt ist als
die Denkmaschine, die Geschichte, die ich Ihnen
heute erzählen will, gehört zu den kleineren
Fällen des großen Prof, aber dem großen ist alles
groß und gerade die Affäre um den

Prof. van Dusen trifft Kaiser Wilhelm (RIAS 1986)
Bis heute ist sie ein strenggehütetes Geheimnis
geblieben die sensationelle ja geradezu
unglaubliche Affäre um den deutschen Kaiser
Wilhelm den zweiten, die sich im Sommer des Jahres
1904 auf der ostfriesischen Insel Norderney
zugetragen hat, in der Öffentlichkeit kursierten
damals nur vage Gerüchte, über eine gewisse
delikate Angelegenheit, in der Prof. van Dusen
seiner Majestät unter die Arme greifen konnte,
mehr wußte niemand, außer den direkt Beteiligten
natürlich, aber jetzt ist es soweit, vor ihren
Ohren meine Damen und Herren, werde ich die
Wahrheit, die volle Wahrheit enthüllen, über einen
der kuriosesten Fälle des großen Kriminologen und
über eine raffinierte Intrige, die beinahe den
Lauf der Weltgeschichte verändert

Prof. van Dusen: Dritte Runde für van Dusen (RIAS
1986)
Der Expreß von Bukarest nach Konstanza donnerte
durch die Nacht, vorbei an galarischen Dörfern, an
Maisfeldern und Schafweiden über die große
Donaubrücke bei Cernavoda und weiter in die platte
Steppenlandschaft der Dobrudscha, es war am 13.
Oktober 1904 gegen 10 Uhr abends, wir hatten ein
ganz anständiges Abendessen hinter uns und
unterhielten uns noch ein bißchen vor dem
schlafengehen, Prof van Dusen war bester Laune und
das kommt wie sie wissen nun wirklich nicht jeden
Tag vor, er hatte gerade die theoretischen
Grundlagen für eine völlig neuartige
Rechenmaschine entwickelt, nebenbei nur so aus
Spaß. Computer, Computer, so möchte ich das Gerät
nennen. Hört sich sehr interessant an, Prof. Hhm.
Erzählen Sie

Prof. van Dusen und der Leichenräuber (RIAS 1986)
Mr H.Hatch! Mach den Mund zu Tommy und die Tür
auch von außen. Mr Hatch der Chef will Sie
sprechen Mr Hatch. So das wird ja wohl noch ein
bißchen Zeit haben, der Artikel hier muß nämlich
um 5 fertig sein also zieh ab, und komm in einer
Stunde wieder. Sofort hat Mr. De Witt gesagt, sie
sollen alles stehen und liegen lassen, der Chef
ist sauer, Mr Hatch und wissen sie wer bei ihm
ist, Detective Sergeant Caruso. Ach du dicker
Vater. Die Woche fing ja gut an, heute war nämlich
Montag, Montag der 31. Oktober 1898, kein blauer
Montag, eher ein schwarzer, der Chef und Caruso,
bißchen viel auf einmal aber jammern half nichts
wenn Mr DeWitt Chefredakteur des DailyNewYorker
pfeift dann hat Reporter Hutchinson Hatch zu
erschei

Prof. van Dusen und der Mafiamord (RIAS 1986)
Ich schlief, und ich träumte, einen prophetischen
Traum, wie sich herausstellen sollte, ich saß in
einem italienischen Restaurant. Aufessen, essen
Sie auf, Mr. Hatch. Vor mir auf dem Tisch stand
eine Schüssel Spaghetti, so groß wie die Kuppel
vom Capitol. Aufessen, essen Sie auf, Mr Hatch.
Diese gewaltige Menge sollte ich ganz allein
aufessen. Aufessen, essen Sie auf, Mr Hatch. Mein
Chefredakteur saß mir gegenüber. Aufwachen, wachen
Sie auf, Mr Hatch, aufwachen, wachen Sie auf, Mr
Hatch. Nein nein, ich kann nicht mehr. Bitte Sir
wachen Sie auf, Sie werden am Telefon verlangt.
Das war natürlich nicht der Chefredakteur, das war
Henry, mein kombinierter Kammerdiener, Butler und
auch Chauffeur wenn ich keine Lust habe meinen

Prof. van Dusen und die verschwundenen Millionäre
(RIAS 1987)
Es war die Hochzeit des Jahres, ganz New York
redete darüber und ganz New York war dabei, das
Fußvolk stand draußen und reckte die Hälse, die
geladenen Spitzen der Gesellschaft saßen drinnen
in der kleinen aber feudalen St.Paulskapelle am
Broadway der ältesten Kirche der ganzen Stadt,
Gold Silber und Juwelen glitzerten, Orchideen
dufteten, Unsinn, Orchideen duften nicht, aber sie
waren jedenfalls da, wie alles was Rang und Namen
hatte, denn Bräutigam und Braut gehörten
unbestritten zur absoluten creme de la creme, zu
den oberen 400, wie man in New York sagt. Willst
du, Hutchinson Jefferson Hatch, die hier anwesende
Penelope De Witt, zu deinem dir ehelich
angetrauten Weibe nehmen, sie lieben und ehren bis
daß der Tod

Prof. van Dusen und der schwarze Ritter (RIAS
1987)
Sie wollen mir doch nicht erzählen, Prof, daß Sie
sich für einen englischen König aus dem
Mittelalter interessieren oder für eine
historische Ausstellung, Sie doch nicht Prof, da
kenn ich Sie besser, Sie sind Prof Dr Dr Dr
Augustus van Dusen, der weltberühmte
Wissenschaftler und Amateurkriminologe, Sie sind
die Denkmaschine. Und Sie mein lieber Hatch sind
zur Zeit mein Chauffeur, darf ich sie ersuchen
sich dieser Tatsache zu erinnern, den Strom ihrer
belanglosen Rede einzudämmen und ihre
Aufmerksamkeit auf die Landstraße zu richten. Ach
wissen Sie Prof, ich kann Automobilfahren und
gleichzeitig reden, das macht mir nichts aus. Aber
mir mein lieber Hatch haben Sie also die Güte sich
mit geschlossenem Mund auf die Lenkung des

Prof. van Dusen in Marokko (RIAS 1987)
Tanger, Marokko, geheimnisvoller Orient, Land der
Wunder und Mysterien, Stätte blutiger Intrigen und
haarsträubender Abenteuer. Was reden Sie da wieder
für ein Unsinn, mein lieber Hatch, wie selbst
Ihnen bekannt sein dürfte, liegt Tanger
keinesfalls im Orient im Osten, vielmehr im
Westen, gen Sonnenuntergang im Maghreb wie der
Araber sagt, ferner. Aber Prof, seien Sie doch
nicht so kleinlich, das ist doch nur der
Aufmacher, die Schlagzeile sozusagen, damit die
Leute herhören. Ein billiger journalistischer
Trick, mein lieber Hatch, unangemessen und
unnötig, immerhin geht es um ein neues Kapitel der
van Dusen Chronik, seit langem erwartet die
Menschheit eine präzise wahrheitsgetreue
Schilderung unserer Erlebnisse in Maro

Prof. van Dusen: Ein Dinosaurier für Prof. van
Dusen (RIAS 1987)
Hören Sie meine Herren hören Sie den Pfiff der
Lokomotive, welch lieblicher welch erhabener
Klang. Lieblich na ich weiß nicht. Im übertragenen
Sinne natürlich, symbolisch wenn sie verstehen was
ich meine, schauen Sie aus dem Fenster unseres
luxuriösen mit allen Errungenschaften modernster
Technik ausgestatteten Pullmanwagens, hier in
dieser Wüstenei, wo noch unlängst die wilde
Rothaut ihr Leben vertändelte in sinnloser, wohl
gar blutiger Muse, in dieser Wüstenei, meine
Herren, eilt heute ein amerikanisches Dampfroß
zielstrebig fürbaß, ein Bote, ein Wahrzeichen des
unaufhaltsamen Fortschritts. Es ratterte durch den
Süden des Bundesstaates Wyoming, das amerikanische
Dampfroß, rechts und links eintönige Prärie, am
Horizont

Prof. van Dusen und der Fall Hatch (RIAS 1987)
Hutchinson Hatch, der Assistent und treue Chronist
Prof. van Dusens, sitzt in der Klemme, genauer
gesagt in einer Gefängniszelle, welche
geheimnisvollen Machenschaften brachten ihn hinter
Gitter, hören Sie Prof van Dusen und der Fall
Hatch, von Michael Koser. Ok Doc, was sagt der
Fachmann. Nun, eine abschließende Diagnose wird
sich natürlich erst in der Folge einer extensiven
Anamnese stellen lassen, doch bereits nach
kursorischer Examination des Patienten stehe ich
nicht an, die evidente Manifestation einer akuten
Psychose zu konstatieren, welche Psychose so
werden Sie fragen, Lieutenant, lassen Sie mich
Ihnen diese Antwort geben, wir sehen uns mit jenem
spezifischen Syndrom konfrontiert welches gewisse
sich progressiv

Prof. van Dusen läßt die Sau raus (RIAS 1988)
Prof. van Dusen ist bekanntlich ein abgeklärter
Mensch, der über den Dingen des Alltags steht,
doch wenn er mal so richtig geärgert wird, dann,
hören Sie Prof. van Dusen läßt die Sau raus, von
Michael Koser. Wir machten ein paar Tage Ferien,
Prof. van Dusen und ich und die hatten wir auch
dringend nötig, hinter uns lag eine anstrengende
Automobiltour durch England und nicht zu vergessen
die mindestens genau so anstrengende Affäre um den
Siegelring des Königs Artus und um den
geheimnisvollen schwarzen Ritter. Es war Sonnabend
der 6.Juni 1903, wir saßen beim Frühstück und
fühlten uns wohl, es war rundherumschön.
Herrliches Wetter Prof. Mein lieber Hatch obzwar
sie sich seit nunmehr gut 5 Jahren der Ehre und
des Vorzugs

Prof. van Dusen und die 7 Detektive (RIAS 1988)
Happy birthday to you, happy birthday to you,
happy birthday Professor… Ich wäre Ihnen sehr
verbunden mein lieber Hatch, wenn Sie Ihren Gesang
einstellten. Aber Prof, was haben Sie denn
dagegen, daß ich ein bißchen singe, um mir Mut zu
machen. Wenn die Musik Ihnen als moralisches
Tonikum unentbehrlich ist so tun Sie mir doch
wenigstens den Gefallen, ein anderes Lied zu
wählen, ich habe nicht Geburtstag und ich. Aber
gleich Prof, es ist zehn vor zwölf, seien Sie
nicht so pingelig. Und vor allem lege ich nicht
den mindesten Wert auf die Anerkennung oder gar
feierliche Begehung der jährlichen Wiederkehr
eines lediglich vom Zufall bestimmten Datums wie
es die Geburt eines Menschen darstellt und sei
dieser auch eine so eminente

Prof. van Dusen fährt Schlitten (RIAS 1988)
Frage: was tut unser verehrter Herr
Oberbürgermeister, Antwort: nichts oder doch, er
grinst, anscheinend glaubt er, die schwerwiegenden
Probleme unserer Metropole schlicht und einfach
ausgrinsen zu können, und das haben Sie
geschrieben Mr. Hatch. Sieht ganz so aus Chef,
erstens steht unter dem Artikel groß und deutlich
Hutchinson Hatch. Und zweitens. Natürlich der Stil
rasant witzig dynamisch intelligent so schreibt
nur einer beim guten alten Daily New Yorker oder
finden Sie nicht Chef. Ich will Ihnen sagen was
ich finde MrHatch ich finde das Maß ist voll
diesmal sind Sie zu weit gegangen, schlimm genug
daß sie sich dauernd mit der Polizei anlegen aber
jetzt auch noch mit dem Herrn Oberbürgermeister,
am liebsten würde ich Sie

Prof. van Dusen fällt unter die Räuber (RIAS 1989)
Montenegro meine Damen und Herren ist nicht das
kleinste Land der Welt, es gibt noch kleinere,
Liechtenstein zum Beispiel oder Monaco oder
Andorra, aber wenn Montenegro auch nicht groß ist,
hat es doch einiges zu bieten, ein weltbekanntes
Insektenpulver, eine Haupt- und Residenzstadt mit
sage und schreibe 3000 Einwohnern, viele Ziegen,
ein paar Bären und Räuber, speziell von denen kann
ich Ihnen ein Lied singen, meine Damen und Herren,
und damit fange ich jetzt an. Es war am 16. August
des Jahres 1904 an einem heißen Sommermorgen, eine
große schwarze Kutsche quälte sich die Serpentinen
über der dalmatinischen Stadt Katoro hoch, hinten
hing ein Schild, Thomas Cook und Söhne,
Tagesausflug in die wildrom

Prof. van Dusen: Im letzten Moment (RIAS 1989)
Prof. van Dusen in der Todeszelle, das ist ein
Kapitel für sich, was sage ich Kapitel, ein ganzer
Roman, ein Roman der anfängt mit der Flucht aus
dem sichersten Gefängnis der Welt, Sie kennen die
Geschichte meine Damen und Herren und der zuende
geht an jenem tragischen Aprilmorgen im Gefängnis
von SanFrancisco, aber dazwischen gab es im Leben
des großen Kriminologen noch eine Todeszelle, die
bekannteste von allen die Todeszelle von Sing
Sing. Donnerstag 8. Mai 1902, ein Uhr mittags.
Haben Sie gehört Kelly, noch 30 Stunden, 30
Stunden sind schnell vorbei, Kelly. Lassen Sie
mich in Ruhe. Ruhe, Sie kommen nicht mehr zur
Ruhe, Kelly, Sie müssen immer wieder daran denken,
sich vorstellen, wie es sein wird, morgen abend,
wie

Prof. van Dusen und der Mord im Club (RIAS 1989)
Der Lesesaal des Clubs, bitte leise meine Herren,
einige unserer betagteren Mitglieder pflegen sich
nach dem Mittagessen hierher zurückzuziehen, um
einen Whisky zu sich zu nehmen, um in Ruhe die
Times zu studieren. Um ein Nickerchen zu machen,
das ist eher ein Schlaf- als ein Lesesaal, Mr.
Wallace, Leichenhalle wäre auch nicht verkehrt.
Hatch. Wenn diese ehrwürdigen Mumien nicht so
vernehmlich schnarchten würde man nicht glauben
daß sie noch am Leben sind, der hier zum Beispiel
in der Ecke zwischen Zimmerpalme und Kamin, wenn
ich den mal kurz anstupse, dann fällt er doch
tatsächlich aus dem Sessel. Warum sollte er auch
nicht, mein lieber Hatch, der Mann ist tot. Tot.
Tot. Tot. Kein Zweifel Wallace. Aber ich habe

Prof. van Dusen spielt Weihnachtsmann (RIAS 1989)
Denn dies, mein lieber Hatch, steht doch wohl
gänzlich außer Zweifel, das neue Jahrhundert,
welches nun mehr Einlaß heischend vor der Tür
steht. Vor der Tür, aber das neue Jh. ist doch
schon da, Prof, seit fast 1 Jahr. Hm Sie irren wie
alle Welt irrt, das 20.Jh. beginnt nicht mit dem
Jahr 1900, bei diesem handelt es sich vielmehr um
das letzte Jahr des 19.Jh sondern mit dem Jahr
1901, es wird also in genau 8 Tagen und wie spät
ist es? 7 Min. nach 9. Es wird also in 8 Tagen, 2
Std. und 53 Min. anbrechen, und es wird ein Jh.
der Wissenschaft sein, ein Jh. der Technik, ein
Jh. des Fortschritts. Ich hatte Prof v. Dusen im
chem.Institut der Uni. besucht wo er wie jedentag
bis in den Abend gearbeitet hatte und jetzt
wanderten wir durch dunkle ver

Prof. van Dusen sieht doppelt (RIAS 1990)
Ihr Frühstück meine Herren. Endlich, stellen Sie
es ab auf den Tisch, ein Glas Tee, einen Zwieback
für Sie Prof, und für mich Kaffee, Toast, Butter,
Moment warten Sie, Sie kriegen noch was. Nicht
nötig, wünsche guten Appetit die Herren. Ein
Kellner der kein Trinkgeld will, so was hab ich
noch nicht erlebt, na mir solls recht sein, guten
Appetit Prof. Danke, mein lieber Hatch, Ihnen
guten Appetit zu wünschen, hieße Eulen nach Athen
tragen. Da haben Sie recht, Prof, mir schmeckts
immer, sagen Sie mal Prof. Hm? Kann eine
Kaffeekanne ticken? Bitte? Die dicke Kanne hier
auf dem Tisch die tickt, komisches Land dieses
Kravonien, Kellner nehmen kein Trinkgeld,
Kaffeekannen ticken. Stellen Sie die Kanne ab
Hatch, erheben Sie sich, öffn

Prof. van Dusen und der dritte Mann (RIAS 1990)
In der Nacht vom 4. zum 5.Februar 1904 lag dichter
Nebel über England, Nebel über der Stadt Dover
über dem dortigen Grandhotel. Sir, Mr Hatch. Was
ist? Mr Hatch, Sir, bitte machen Sie auf. Wie
spät. 3 Uhr Mr Hatch. Nachts. Natürlich, Mr.
Hatch, Besuch für Sie, Sir. Ach soll wieder
verschwinden. Zwei Herren, Mr. Hatch, aus London.
Kein Interesse. Aber das kann doch nicht Ihr Ernst
sein, Mr. Hatch, Sie wissen ja nicht, daß man.
Smiley, Inspektor Smiley von Scotland Yard, Sie
sind mein Besuch aus London. Zur Hälfte, Mr.
Hatch, zur Hälfte, ich freue mich, Sie
wiederzusehen. Ich aber gar nicht, Inspektor, ich
hab nämlich was gegen Leute, die mich mitten in
der Nacht aufwecken. Ungewöhnliche Ereignisse
erfordern ungewöhnliche

Prof. van Dusen auf dem Totenschiff (RIAS 1990)
Sagen Sie mal Mr. Hatch. Ja? Wie gefällt sie Ihnen
denn so? Wer, Mr. Kettle? Na wer schon, die
Kaiserin von China natürlich. Ach na ja, ganz neu
ist sie ja nicht mehr und wenn ich mir überlege
was in den letzten Tagen so alles passiert ist,
irgendwie unheimlich. Wissen Sie Mr. Hatch, schön
war sie nie die alte Kaiserin und gemütlich auch
nicht, aber das müssen Sie ihr lassen, die
Verpflegung ist ordentlich. Und die Bar erst,
Seniore, bestens bestückt, Salute Senior Hatch.
Salute. Salute Zahlmeister. Ah, ah ah. Tot? Tot,
Mr. Hatch, Nummer vier. Das vierte Opfer, der
vierte Mord an Bord der Kaiserin von China
unterwegs im Nordpazifik auf der Route Yokohama
SanFrancisco, zuerst Mr.Darby dann Frau vonPahlen,
Mr.Phipps der Funker und

Prof. van Dusen in geheimer Mission (RIAS 1990)
Prost, Professor. Prosit, mein lieber Hatch. Auf
unsere nächsten 60 Fälle, Prof. Unsere Fälle, mein
lieber Hatch… Während die abendliche Dämmerung
schwer und düster auf die kravonischen Fluren
hernieder sinkt, stampft und dampft er unbeirrbar
voran, der von Sagen, Mythen und Legenden
umwitterte Orientexpreß, umwittert, ich weiß
nicht, umwabert, umwoben, ja das ist gut, der von
Legenden umwobene Orientexpreß. Mein lieber Hatch.
Romantik gewiß, doch es ist die Romantik des
Fortschritts, der Technik, die Romantik dieser
unserer modernen Zeit. Hatch. Ja Prof. Haben Sie
die Güte, Ohren und Geschmack der Mitwelt nicht
durch die lautstarke Deklamation Ihrer
verquollenen Prosa zu insultieren. Verquollene
Prosa, das ist

Prof. van Dusen und das Geheimnis der Pyramide
(RIAS 1991)
Die sensationelle, über alle Maßen erstaunliche
Affäre um das Geheimnis der Cheopspyramide begann
am Vormittag des 14. Dezember 1904 im Hauptbahnhof
von Kairo. Hilfe, ein Arzt, Hilfe, Hilfe. Hören
Sie Prof, Ihr Typ wird verlangt, Sie sind doch
Arzt. Mein lieber Hatch, ich bin Prof Dr Dr Dr
Augustus van Dusen. Naturwissenschaftler,
Amateurkriminologe, Denkmaschine, wissen wir,
Prof, aber. Außer Physik, Chemie, Biologie etc.
etc. habe ich sämtliche Bereiche der Humanmedizin
studiert, zu Bologna, Heidelberg, Paris,
Salamanca. Hilfe ein Arzt um Gotteswillen. Einem
so dringenden Appell konnte van Dusen sich nicht
verschließen, er brach die beliebte
Selbstbeweihräucherung ab auch wenn es schwerfiel
und wandelte gemessen

Prof. van Dusen besucht seine Bank (RIAS 1991)
Und was soll ich Ihnen sagen, Professor, tote
Hose, total tote Hose. Mein lieber Hatch, ich darf
Sie daran erinnern, daß Sie zu Prof. Dr Dr Dr
Augustus van Dusen sprechen. Wissenschaftler,
Amateurkriminologe, Denkmaschine, als ob ich das
nicht wüßte, ich sitze in Ihrem Salon, Prof,
trinke Ihren Whisky, apropos auf ihr Wohl. In
diesem Falle ersuche ich sie sich der ansonsten
von ihnen gepflegten vulgären Ausdrucksweise
tunlichst zu enthalten. Vulgär? Sie erwähnten,
wenn ich mich recht erinnere, ein
dahingeschiedenes Beinkleid. Tote Hose, meinen
Sie, das ist nur so eine Redensart, Prof. Ah so.
Ich wollte sagen, es war nichts los, absolut
nichts, kein Mord, keine Brandstiftung, nicht mal
ein mickriger Raubüberfall, ich hätte mich in den

Prof. van Dusen treibt den Teufel aus (RIAS 1992)
Das Abenteuer um den schwarzen Magier, der vom
Teufel geholt wurde, und zwar aus einem hermetisch
verschlossenen Raum im Leichenschauhaus, dieses
rätselhafte, unheimliche, und über alle Maßen
makabre Abenteuer begann in einem gar nicht
makabren Ambiente im Chambre Separee bei Delmonico
an der Fifth Avenue, es war am Sonntag, dem 6.
Januar 1901, spätabends um, ja genau das war der
casus knaxus. Wie spät ist es Oskar? Genau 2
Minuten vor 12 Uhr, Mr. Hatch. Um elf wollte sie
hier sein Oscar. Wenn sie mir die Bemerkung
gestatten, Mr. Hatch, nach meiner unmaßgeblichen
Erfahrung pflegen sich Damen, die mit einem Herrn
verabredet sind nichteben selten zu verspäten. Mit
mir nicht Oscar der Champagner wird war

Prof. van Dusen: Ohrenzeuge Prof. van Dusen (RIAS
1992)
Es ist schon erstaunlich, meine Damen und Herren,
wie viele van Dusen Fälle in einem fahrenden Zug
anfangen, vielleicht hat das ja einen tieferen
Sinn, die Eisenbahn als Symbol der Technik, des
Fortschritts und so, vielleicht liegts aber auch
nur daran daß wir beide, Prof van Dusen und ich
öfter mal reisen, von einem Ort zum andern, wie an
diesem 31. Juli 1902, wir hatten New Mexico,
Wyoming, den Yellowstone Nationalpark kurz den
fernen Westen unseres großen Landes hinter uns und
fuhren gen Osten zurück in die Heimat. New York,
Mutter der Metropolen, schönste aller Städte, was
meinen Sie, Prof. Wie bitte Hatch? Ob man wohl
schon was sehen kann, Wolkenkratzer, Smog über
Manhattan? Mein lieber Hatch wir befinden uns im

Prof. van Dusen: Augustus im Wunderland (RIAS
1992)
Wer sind Sie? Ich, ich bin Prof. Dr.Dr.Dr.
Augustus van Dusen… Gebrülstig wars, die schloimen
Düxe sich in dem Burden gröll verschlotzten, gar
mieslich frümpelten die Flüxe und die Mohm-Ralben
krotzten. Wie bitte? Und die Mohm-Ralben krotzten.
Aha, sie pflegen sich mit Psychopathologie
abzugeben, Kollege Jellypot. Wie kommen Sie darauf
Kollege van Dusen? Weil Sie uns mit den
Ejakulationen eines offensichtlich wahnwitzigen
traktieren. Aber werter Kollege, wo denken Sie
hin, was ich zum Vortrag brachte, ist ein
Kunstwerk, ein Poem. Jabberwocky von Lewis
Carroll. Ah Sie kennen Jabberwocky Mr. Hatch,
Hutchinson Hatch, Begleiter, Assistent und
Chronist von Prof. van Dusen. Nun, Mr. Hatch, da
Sie Jabberwocky kennen

Prof. van Dusen beschwört einen Geist (RIAS 1992)
Auf Ihr Wohl, Professor, auf Prof. Dr. Dr. Dr.
Augustus van Dusen, die Denkmaschine, den größten
Wissenschaftler und Amateurkriminologen den die
Welt je gesehen hat, nicht schlecht Prof, gar
nicht schlecht, das muß man Ihnen lassen, Sie
trinken zwar selbst nicht, aber Ihre Hausbar,
erstklassig, zum Wohl, ihre Türklingel, Prof wer
kann das sein, am Pfingstsonntag morgens viertel
nach neun? Zu solch einer ungehörigen Stunde, mein
lieber Hatch, pflegt mich nur eine einzige Person
heimzusuchen, und diese Person war schon da,
nämlich meine Wenigkeit, Hutchinson Hatch,
einerseits Journalist beim Daily New Yorker,
andererseits Begleiter, Assistent und Chronist von
Prof. van Dusen, ich hatte kurz mal meine Nase
reingesteckt zwecks

Prof. van Dusen: Es tickt bei Prof. van Dusen
(RIAS 1993)
14. November 1902, Freitag, ein Tag wie jeder
andere, am frühen Nachmittag verläßt Prof. van
Dusen sein Haus in der 35.Straße West Manhattan
NewYorkCity wie an jedem andren Tag, er sieht
nicht nach rechts er sieht nicht nach links, er
sieht in das offene Buch vor seiner Nase, wie
jeden Tag und wie jeden Tag hebt er die linke Hand
mit dem Regenschirm, die Droschke, die wie immer
ein Haus weiter gewartet hat, fährt vor, wie jeden
Tag, der Prof. steigt ein, vertieft in seine
Lektüre, wie jeden Tag, der Kutscher schließt die
Tür, diesmal vielleicht ein wenig sorgfältiger als
sonst, die Droschke fährt die 35. Straße entlang,
nach Osten, wie jeden Tag, Richtung Universität,
so, meine Damen und Herren, beginnt es, das
unglaubliche Abenteuer

Prof. van Dusen und das Gold von Mexiko (RIAS
1993)
Ja, die Sache mit dem mexikanischen Gold, das war
schon eine tolle Geschichte, meine Damen und
Herren und vor allem die Geschichte von Hutchinson
Hatch, Assistent, Begleiter, Chronist, und
insofern eher eine Nebenfigur, aber diesmal nicht,
diesmal spielte ich die Hauptrolle. Wie bitte?
Jedenfalls zuerst, später tauchte natürlich Prof
van Dusen auf, und das war gut so, was hätte der
Fall sonst auch in der unsterblichen van Dusen
Chronik zu suchen, also wie gesagt eine tolle
Geschichte, meine Freundin Penny entführt, ich
selbst niedergeschlagen, schwarz angemalt,
beschossen, verfolgt, schließlich mußte ich sogar
tauchen, im Atlantik mit einem neumodischen
Sauerstoffapparat. Mein lieber Hatch. Weiß schon
Prof, wie erstattet man

Prof. van Dusen und die schwarze Fünfpenski (RIAS
1993)
Achtung zum Eilzug der Great Eastern Railway nach
Cromer über Jensford, Baltimor, Ipswich, Norwich
bitte einsteigen und die Türen schließen. Ein
unmögliches Verbrechen, sagten sie Inspektor.
Keineswegs Prof, deshalb hätte ich sie nicht
aufgestört und mitgenommen, mit einem unmöglichen
Verbrechen wird Scotland Yard schon allein fertig.
Glauben sie Inspektor, in diesem Falle vermag ich
nicht einzusehen. Es geht um zwei, Prof, zwei
unmögliche Verbrechen, absolut rätselhaft völlig
unerklärlich. Und Scotland Yard ist total von den
Socken. Sozusagen Mr. Hatch sozusagen. Sehr schön,
berichten sie Inspektor. Cromer war unser Ziel und
Cromer falls sie es nicht wissen meine Damen und
Herren Cromer ist ein netter kleiner Bade

Prof. van Dusen: Ufos über Prof. van Dusen (DLR
1994)
Der Zug war voll, ach voll ist gar kein Ausdruck,
total überfüllt war er, überall Männer, Frauen,
Koffer, Kinder, vor allem Kinder, Kinder zu
Hunderten laut und beweglich und klebrig von wegen
der Eistüten und Lutschbonbons, vermutlich die
Sprößlinge mormonischer Großfamilien, mit den
lieben Eltern unterwegs zum Yellowstone
Nationalpark, Prof van Dusen hatte sich entnervt
in den letzten freien Waschraum geflüchtet und die
Tür verriegelt, mir war nicht nach Wasser pur, ich
kämpfte mich mit Knie und Ellbogen durch bis an
die Bar im Salonwagen und hier kam ich mit dieser
netten jungen Frau ins Gespräch. Hutchinson Hatch,
sagen sie bloß, sie sind der Hutchinson Hatch. Ich
kenne jedenfalls keinen anderen. Der Journalist

Prof. van Dusen und der Fall Zola (1/2) (DLR 1994)
In Paris hatte Prof. van Dusen sich was angewöhnt,
jeden Morgen machte er einen kurzen Spaziergang im
Boisdeboulogne in aller Herrgottsfrühe auf
nüchternen Magen und ich mußte natürlich mit auch
an diesem 8.März 1904 einem Dienstag es war kühl
noch nicht richtig hell und mir knurrte der Magen.
Ihre Gesichtszüge mein lieber Hatch weisen einen
gewissen vergeistigten Ausdruck auf, ein höchst
ungewöhnliches Phänomen, woran denken sie. Ich, an
nichts Prof, an gar nichts. Das glaub ich ihnen
aufs Wort. Ich hatte doch an was gedacht, an
Kaffee heiß und duftend, an knusprigen Toast, an
ein weichgekochtes Ei, frische Butter, goldgelben
Honig, an normannischen Käse und Schinken aus
Bayonne, kurz an ein ordentliches Frühstück

Prof. van Dusen und der Fall Zola (2/2) (DLR 1994)
Falls Ihnen nicht mehr ganz präsent ist, was im
ersten Teil der Story so abgelaufen ist, meine
Damen und Herren, fasse ich das wichtigste für Sie
noch mal kurz zusammen. Der Ort ist Paris, die
Zeit März 1904, anderthalb Jahre vorher, in der
Nacht vom 28. zum 29. September 1902 ist der große
Romanautor Emil Zola gestorben, angeblich an einer
Kohlenmonoxidvergiftung, ein Unfall heißt es
offiziell, aber die französischen Schriftsteller
vermuten politischen Mord und beauftragen Prof.
van Dusen den Fall Zola neu aufzurollen, damit
beginnt ein Abenteuer, das in der an
außergewöhnlichen Fällen reichen van Dusen Saga
einzigartig dasteht, in einer Verbrecherkneipe am
Montmartre geraten wir, der Prof und ich, in eine
Razzia, wir

Prof. van Dusen spielt das Mörderspiel (DLR 1994)
Der erstaunliche Mörderspielfall, der seinerzeit
in der New Yorker Gesellschaft größtes Aufsehen
erregte, gehört ohne Zweifel zu den ganz
besonderen Episoden in der großen van Dusen
Chronik, vielleicht weil der Mord der aus dem
Spiel entstand, durch seine wahrhaft
außergewöhnliche Raffinesse einmalig in der
Kriminalgeschichte ist, ganz sicher aber auch
deshalb weil der Prof seine Untersuchungen in
dieser Affäre längere Zeit ohne Hutchinson Hatch
durchführen mußte, trotzdem brauchte er auf einen
Assistenten nicht ganz zu verzichten, sofern man
Detective Sergeant Caruso als solchen bezeichnen
kann, wie dem auch sei, meine Damen und Herren,
eine Geschichte, eine Detektivgeschichte
insbesondere erzählt man, sie wissen es, von

Prof. van Dusen und das Zeichen der Sieben (DLR
1994)
Ich machte die Tür auf, und da lag er, ein toter
Mann… Ein toter Mann, auf dem Fußboden, im Salon,
in meiner Suite im feudalen Hotel Savoy, ich
schloß die Augen, wartete ein paar Sekunden,
machte sie wieder auf, die Leiche war immer noch
da, ein graubärtiger Mann in Hemdsärmeln und
schwarzer Hose, auf der Stirn war die Zahl sieben
in seine Haut geschnitten, ich kannte ihn, vor
wenigen Stunden erst hatte ich ihn gesehen,
lebend, ich muß Alarm schlagen dachte ich, schnell
zum Empfang raus durch den Korridor um die Ecke,
plötzlich tat sich vor mir eine Tür auf, eine
wohlbekannte Tür, die Tür zur Suite von Prof. van
Dusen. Hallo mein lieber Hatch. Prof. Was ist
ihnen. Sie sind schon zurück aus Cambridge. Ja.
Wollten sie nicht er

Prof. van Dusen auf Hannibals Spuren (1/2) (DLR
1995)
Wie fängt ein van Dusen Fall an meine Damen und
Herren, natürlich mit dem Anfang werden Sie sagen,
so gehört es sich, so erwarten sie es und so hat
es der große Amateurkriminologe seinem Chronisten
und Assistenten immer wieder eingeschärft… keine
Regel ohne Ausnahme, die außergewöhnliche schier
unglaubliche Affäre um das mörderische
Elefantenrennen quer durch die Alpen fängt schon
vor dem Anfang an, mit einem sog. Prolog, nicht im
Himmel wie beim Kollegen Goethe, sondern in
womöglich noch erhabeneren Regionen, in den
luxuriösen Räumlichkeiten des exklusiven
Globetrotterclubs zu London. Es ist Sonntag, der
29. November 1903, kurz nach zehn Uhr abends, Sir
Patrick Lafferty, der allseits bekannte Abenteurer
und

Prof. van Dusen auf Hannibals Spuren (2/2) (DLR
1995)
Ich kann mir zwar nicht vorstellen, meine Damen
und Herren, daß Sie schon alles vergessen haben,
was im ersten Teil dieser denk- und merkwürdigen
Geschichte vor sich ging, aber zur Sicherheit will
ich doch lieber das wichtigste für Sie kurz
zusammenfassen, also, im November 1903 schlossen
Sir Patrick Lafferty und Mr Basil Blott im
Globetrotter Club zu London eine Wette darüber ab,
wer im nächsten Jahr von ihnen auf Hannibals
Spuren mit einem Elefanten über die Alpen ziehen
und als erster Italien erreichen würde, Prof. van
Dusen und ich waren Zeuge der Wette, und wir waren
auch am 22. Mai 1904 in Grenoble beim Start zum
Alpenübergang, der sich so ganz anders entwickelte
als ich erwartet hatte, ein Mord geschah, die myst

Prof. van Dusen und das Phantom der Oper (DLR
1996)
In die Oper, haha, ich, das ist nicht Ihr Ernst,
mein lieber Hatch. Ich bin nur der Bote, Prof, die
Einladung stammt von Mr. Grau. Grau, sie meinen
den Intendanten der Metropolitan Opera, mein
lieber Hatch. Den Boss der Met, genau den, Prof,
ich habe ihn vorhin im Club getroffen, er hat mir
sein leid geklagt und dann hat er sie heute abend
zur Vorstellung gebeten, mich natürlich auch. Mein
lieber Hatch, entsinnen sie sich des Mordfalls
Lawrence King. Na klar Prof, Titel in der Chronik,
Prof van Dusen beschwört einen Geist, Mai 1901.
Dann rufen sie sich gefälligst meine
abschließenden Worte ins Gedächtnis zurück in
welchen ich mich über die mit dem Begriff Oper
assoziierte Aura des Irrationalen, der Täuschung,
des Scheins ausließ

Prof. van Dusen: Die Mauer muß weg (DLR 1997)
Es war ein Sonntag hell und klar so sagt der
Dichter und er hat wie so oft nur zum Teil recht,
sicher es war ein Sonntag, Sonntag der 20.
November 1904, aber es war schon 5 Uhr
nachmittags, also nicht mehr ganz hell und die
Klarheit ließ auch zu wünschen übrig denn ein
kräftiger Wind pustete dicke Staubwolken durch die
Gegend, das ist so üblich in Alexandria meine
Damen und Herren sie können es im Baedeker
nachlesen und jetzt wissen sie auch, wo wir uns
befinden nämlich in der berühmten ägyptischen
Hafenstadt, genauer im Hotel Miramar in unserer
Suite. Mein lieber Hatch. Hmh. Mein lieber Hatch,
es hat geklopft. Wird der Tee sein Prof. Aber es
war nicht der Tee, es war das Schicksal
beziehungsweise die Kriminologie, das heißt

Prof. van Dusen: van Dusens größter Fall (Die
lange Nacht einer Radiolegende) (mit O-Ton-
Collage) (DLR 1998)
Meine Damen und Herren, es ist soweit, endlich
kann ich es enthüllen, das große Geheimnis, das
mir seit langem auf der Seele liegt, in einem
äußerst wichtigen Punkt hat sich die monumentale
van Dusen Chronik na sagen wir an der Wahrheit
vorbeigemogelt, doch jetzt ist die Zeit gekommen,
jetzt werde ich reden, ich werde die Wahrheit
sagen, die ganze Wahrheit nichts als die Wahrheit
und ich verspreche ihnen sie werden staunen. Es
war am 7. April 1912, am Ostersonntag und es war
in Berlin der deutschen Haupt- und Kaiserstadt,
sie werden fragen, was sucht Hutchinson Hatch, New
Yorker Journalist und weiland kriminologischer
Assistent in der alten Welt, Antwort offiziell war
ich hier als Sonderkorrespondent des Daily New
Yorker

Hutchinson Hatch und die Stimme aus dem Jenseits
(Erzählung, profvandusen.com 2009)
Heute morgen habe ich einen sehr interessanten
Artikel im Daily New Yorker, meiner Zeitung,
gelesen, ich sage meine Zeitung, weil sie mir seit
vielen Jahren gehört, zusammen mit fünf, sechs
anderen, von den Zeitschriften gar nicht zu reden,
und weil ich lange Zeit ihr Chefreporter war, mit
dieser regelmäßigen Tätigkeit habe ich aufgehört,
immerhin bin ich siebzig, aber ab und zu schreibe
ich noch was, und wehe, die Redaktion wagt es,
daran herumzumäkeln! Ansonsten genieße ich den
Ruhestand und freue mich des Lebens in meiner
schicken Frank-Lloyd-Wright-Villa über dem Hudson:
weiß, nur Geraden und rechte Winkel – die schiere
Mathematik, darum habe ich sie auch »Zwei plus
zwei gibt vier« genannt oder kurz

Professor van Dusen im Spukhaus (Highscore Musik
2015)
Hallo und willkommen zurück, nein das ist nicht
gut, wie wärs damit, hochgeschätzte Freunde, es
sind nun einige Jahre ins Land gegangen, seitdem,
um Gotteswillen viel zu hochtrabend, streng dich
an, Hutchinson Hatch, du wirst es doch nicht
verlernt haben, also gut letzter Versuch, treffen
Sie gerne alte Freunde, ich wette Sie tun es, ich
wünschte mir würde dieses Glück in einem ganz
bestimmten Fall noch einmal zu teil werden, Sie
alle wissen längst von wem ich rede und sie fragen
sich zu recht mit welcher Geschichte ich sie heute
unterhalten möchte, ist denn nicht schon alles
erzählt, alles gesagt worden was ihn betrifft, ich
habe lange geschwiegen, das ist wahr, aber das
bedeutet nicht, daß es da nicht noch einige
Abenteuer gegeben

Professor van Dusen reitet das trojanische Pferd
(PvD.sucht die Arche Noah) (Highscore Musik 2015)
Mit der Peitsche zeigte der Kutscher nach vorn, wo
sich am Horizont die Konturen eines flachen Hügels
ab zeichneten. Truva. Truva? Ich denke wir fahren
nach Troja. Truva mein lieber Hatch ist die
türkische Bezeichnung des Ortes, den wir als Troja
kennen. Aha der Hügel war also das berühmte Troja,
Stadt der Mythen und Legenden, Schauplatz des
bekanntesten Krieges der Weltgeschichte, gestern
waren wir, Prof. van Dusen und ich, mit dem
planmäßigen Dampfschiff von Konstantinopel nach
Canakkale an den Dardanellen gefahren, wo wir in
einem schäbigen Hotel, dem einzigen der Stadt
übernachtet hatten, nach einem Frühstück das
diesen Namen nicht verdiente hatten wir ein
Fuhrwerk nebst Kutscher gemietet und waren
stundenlang


Michael Koser:
Der letzte Detektiv: Testmarkt (BR 1984)
Sie war ein paar Jahre jünger als ich, um die 35,
dunkles Haar, dunkle Augen, eine wohlgefällige
Figur, in einem von diesen weißen Overalls, die
nach gar nichts aussehen, und mehr kosten, als ein
Detektiv im Monat verdient, in der 40-
Quadratmeterklasse schätzte ich, auf dem
Klientenstuhl in meinem Büro plus Apartment, 22
Quadratmeter und ein paar Zerquetschte, wirkte sie
wie ein aufgeblühter Kirschzweig in einer alten
Bierflasche, ich bin sentimental, ich mag
Kirschblüten. Mein Name ist Delgado, Judith
Delgado. Judith, das gefällt mir, ein Mensch,
dessen Name mit J anfängt, kann nicht ganz
schlecht sein. Ich heiße Jonas, nur Jonas, wie der
Typ mit dem Walfisch in der Bibel, viele Leute
wundern sich darüber daß ich nur

Der letzte Detektiv: Safari (BR 1984)
Der Löwe war kein echter Löwe, natürlich nicht,
seit Jahren gab es keine Löwen mehr auf der Erde
und in einer Raumstation schon gar nicht, aber
echt oder nicht, der Löwe war da, und er sah
gefährlich aus, so gefährlich, daß Jonas
vorsichtshalber erst mal rannte und sich einen
hohen Baum suchte, Kokospalme oder Bandiang, was
weiß ich, auf Bäumen haben Löwen nichts zu suchen,
das wußte ich, und das wußte auch der Löwe, zu
meinem Glück. Ich wartete, bis mein Puls wieder
unter Schallgeschwindigkeit war, und dann
versuchte ich Sam über Funk zu erreichen. Sam!
Sammy! Wo steckt der verrückte Blechkanister? Sam!
Hat mein Herr und Meister gerufen? Gerufen?
Gebrüllt habe ich, hör zu, du Spottgeburt von
Chips und Eisen

Der letzte Detektiv: Reservat (BR 1984)
Es war einmal eine Zeit da gab es Privatdetektive,
harte Männer, gerecht, nie um eine Antwort oder um
einen Ausweg verlegen, und wenn es sie nicht in
Wirklichkeit gab, dann doch wenigstens in Büchern
und Filmen. Heute im frühen 21. Jahrhundert gibts
nur noch einen von der Sorte. Mich. Ich bin Jonas.
Jonas, der letzte Detektiv. Nicht so hart, auch
nicht immer gerecht, dafür fällt mir manchmal
keine Antwort ein, und nach einem Ausweg muß ich
oft lange suchen. Aber ich tue, was möglich ist,
mehr kann man nicht verlangen. Was Frau Marcus-
Pallenberg von mir wollte, war nicht möglich. Oder
doch? Sie müssen ins Reservat. Ein Vorschlag, Frau
Marcus-Pallenberg, kaufen Sie sich ein paar starke
Männer die mich fesseln

Der letzte Detektiv: Schlachthaus (BR 1984)
So fangen die meisten meiner Fälle an: Ein Typ
sitzt in meinem Büro, rutscht auf dem Stuhl rum,
und weiß nicht so recht, ob er mir überhaupt
erzählen soll, weshalb er gekommen ist. Wie
gesagt, so fangen die meisten meiner Fälle an,
dieser nicht. Darf ich Ihnen jetzt die Speisekarte
vorlegen, mein Herr? Ich warte noch. Gestatten Sie
mir die Bemerkung, mein Herr, Sie warten bereits
eine halbe Stunde, wenn Sie schon nicht essen
wollen dann vielleicht wenigstens noch einen
Whiskey? Danke, wissen Sie falls meine Verabredung
nicht kommt muß ich die Rechnung selber zahlen und
bei Ihren Preisen. Verstehe, in diesem Fall muß
ich Sie darauf aufmerksam machen daß Ihr Tisch
benötigt wird. Ach wann? In wenigen Minuten mein
Herr

Der letzte Detektiv: Requiem (BR 1985)
Alles neu macht der Mai, macht die Seele froh und
frei. Sam halt den Schnabel Sammy. Aber Chef, Sam
hat keinen Schnabel, Sam ist kein Vogel, Sam ist
ein Computer, laß das Haus, kommt hinaus, bindet
einen Strauß. Und Computer, die nicht gehorchen,
kommen auf den Schrottplatz, so, jetzt kann ich
mal was sagen, zur Richtigstellung sozusagen. Es
war nämlich gar nicht Mai, nicht mal ein bißchen,
im Gegenteil, es war Herbst, trüber grauer
Spätherbst, 7. November 2009, und alles neu, das
stimmt auch nicht, jedenfalls nicht ganz, gut ich
hatte mir was Neues zum Anziehen geleistet, einen
antiken Trenchcoat Marke Bogie, nicht billig, aber
edel, meinte Judith, und für den guten Sam war ein
funkelnagelneuer Vocoder drin ge

Der letzte Detektiv: Kidnapper (BR 1985)
Robodocs gehen mir auf die Nerven darin bin ich
altmodisch, nicht nur darin mir stinkt so einiges
in dieser unserer Zeit aber Robodocs ganz
besonders, darum suche ich mir einen echten
menschlichen Medizinmann wenn die vorgeschriebene
Jahresinspektion fällig wird, das heißt, dieses
Mal, im Mai 2010, war es eine Medizinfrau,
vielleicht hätte ich doch lieber zum Robodoc gehen
sollen, was Frau Dr. Simon mir sagte gefiel mir
nämlich gar nicht. Sie gefallen mir nicht Jonas.
Machen Sie sich nichts draus, ich gefall vielen
nicht. Äußerlich ist ja alles in Ordnung so weit,
aber innen. Magen? Ganz richtig. Ihr Magen, akute
Ulkusgefahr, rauchen Sie, Nikotin? Nein. Nehmen
Sie sonst irgendwelche Drogen? Äh Alkohol? Also,
also wenn

Der letzte Detektiv: Schmiergeld (BR 1985)
Ich machte die Tür auf und da saß er mitten in
meinem Büro auf meinem besten und einzigen
Klientenstuhl, er war klein, und trug grau, das
offizielle grau der Politiker und Geschäftsleute,
eine graue Maus, unauffällig, abgesehen von einer
Kleinigkeit, er war tot, sein Gesicht war blau
angelaufen, die Zunge hing ihm aus dem Mund, die
Augen standen weit offen, das gefiel mir nicht,
welcher Detektiv findet schon gern eine ermordete
Leiche in seinem Büro? Erwürgt mit einer
Drahtschlinge, fachmännische Arbeit, zwei Täter,
einer hält den Mann fest, der andere zieht zu. Wie
weiland die Thugs, eure mäßige Belesenheit dürfte
sie kaum kennen, eine indische Mördersekte, welche
vorzugsweise in Bengalen florierte, zu Ehren ihrer
Göttin

Der letzte Detektiv: Niemandsland (BR 1985)
Ich konnte mich nicht rühren, ich war gefesselt
und geknebelt, ich hatte Angst, ich wartete, die
Tür ging auf und herein kam, nein, kein Mann mit
Pistole, eine Frau mit Laserstrahler, Frau
Professor Caligari, sie zielte auf meine Stirn,
ich starrte in ihre Augen und in die Mündung, drei
Löcher, schwarz wie der Tod, ihr Finger am Abzug
bewegte sich, wurde weiß, aber es zischte nicht,
es klingelte, wieder und wieder, und da wachte ich
endlich auf, ich schüttelte den schweren Kopf, um
den schweren Traum zu verscheuchen und griff zum
Fon. Ja? Jonas? Jonas. Jonas, nur Jonas.
Privatdetektiv? Ja. Der letzte. Ein Fossil. Ein
Dinosaurier. Nur nicht so groß und so schrecklich.
Dafür bin ich zu müde. Und wer sind Sie? Mein Name
ist Sesam.

Der letzte Detektiv: Sündenbock (BR 1986)
Uhuhuhuh, uhuhuhuh! Acht Uhr früh, und es krähte
der Hahn. Uhuhuhuh, uhuhuhuh! Ein Hahn war es
natürlich nicht, wo gibts denn heutzutage noch
Hähne? Im zoologischen Garten, Herr
Oberstabsveterinär, hinten rechts, neben den
Schweinen, oink. Weiß ich doch, Sammy. Ein armer
alter Hahn ohne Schwanz, wenn der überhaupt noch
kräht, dann bestimmt nicht am Morgen, sondern
nachts, da träumt er vielleicht von Würmern und
von seinen Hennen, mein Kräher war Sam. Uhuhuhuh,
uhuhuhuh! Wachet auf, wachet auf! Es krähte der
Hahn. Morgenstund hat Gold im Mund, erhebe dich du
schwacher Geist, der du noch in die Kissen beißt,
early to bed and early to rise is healty, wealty
and wise, uhuhuhuh! Das reicht, Sam. Uhu

Der letzte Detektiv: Todestour (BR 1986)
Jonas. Was ist? Zeit zum Aufstehen? Ruhe, kein
Wort, keine Bewegung, Sie befinden sich im Bereich
akuter polizeilicher Notstandsmaßnahmen. Verhalten
Sie sich ruhig, dann passiert Ihnen nichts. Ich
verhielt mich ruhig, das fällt mir nicht schwer,
wenn sechs Typen mit Laserstrahlern auf mich
zielen, sechs Typen in schwarzen Kampfanzügen und
schwarzen Schutzhelmen, bei solchen Weckern kann
ein sensibler Mensch schon das Flattern kriegen,
zum Glück bin ich nicht sensibel, und außerdem
Kummer gewohnt, normalerweise weckt mich Sam, aber
ich war sauer, Judith war bei mir, ausnahmsweise
und Judith war von meinem Weckdienst gar nicht
begeistert, das sah ich ihr an, und ich sah noch
was, durch meinen leeren Türrahmen

Der letzte Detektiv: Spielwiese (BR 1986)
Hallo... Ja, am Apparat. Tot? Ja. Viertelstunde.
Danke. Miles Archer, mein Partner, ermordet, wenn
der Partner eines Mannes umgebracht wird, erwartet
man, daß er was unternimmt, aber das war
schwierig, ich hatte so viel zu tun, so viele
Leute wollten was von mir, Mister Joel Cairo, zum
Beispiel. Ich versuche, ein Schmuckstück
wiederzubeschaffen, das - sagen wir - verlegt
wurde, ich dachte und hoffte, Sie könnten mir
helfen. Es ist eine Statuette, eine schwarze Figur
eines Vogels, Mister Spade. Mister Spade war ich.
Samuel Spade, ein blonder v-förmiger Satan oder so
ähnlich, auf der Suche nach dem Malteser Falken,
Birgit war übrigens auch da. Kann ich dich mit
meinem Körper kaufen, Sam? Ich denk darüber nach.
Oh, ich bin

Der letzte Detektiv: Inselklau (BR 1986)
Was haben Sie verloren? Eine Insel, nein moment
das stimmt nicht. Hab ich mir doch gleich gedacht.
Zwei Inseln, nein, also eigentlich drei. Sind Sie
sicher, nicht vielleicht vier? Drei Inseln,
verloren, weg, verschwunden, wie finden Sie das?
Also ich... Laß doch, Jonas, der Mann ist
betrunken. Nicht doch, betrunken ist man im
Dipsomaten, oder im Casablanca, aber nicht hier.
Das Maritim ist ein hochfeudales Hotel. In
Westerport bei Babelshaven. Wer in der Bar vom
Maritim trinkt, ist bestenfalls angeheitert. Der
Mensch neben uns war angeheitert, ziemlich
angeheitert, kein Wunder, wo er doch drei Inseln
verloren hatte. Ja wohl, drei Inseln, weg, und ich
steh da. Sie sitzen, um genau zu sein. Sind Sie
fromm? Was? Nein nicht be

Der letzte Detektiv: Megastar (BR 1989)
Mein Büroapartment, 22 Quadratmeter und ein paar
Zerquetschte, war das reine Krankenhaus, die
undefinierbare Topfpflanze, Jo’s nachträgliches
Geschenk zum Geb., ließ alles hängen was sie
hatte, mein Magen gab schrille Signale aus dem
Untergrund, und Sam war erkältet, sagte er. Ha-
Hatschi, was muß der arme Sammy leiden. Schluß
damit, Sam, du bist ein Computer, du kannst gar
nicht erkältet sein. Kann ich wohl. Kannst du
nicht. Doch, und ich werde es beweisen, wenn eure
logische Hypopotenz gestatten, a) Computer können
schneller denken als Menschen. OK. b) Computer
können also mehr als Menschen. Ja. c) Wenn
Computer mehr können dann können sie
notwendigerweise auch genauso viel wie Menschen.
Aha ja. Mensch

Der letzte Detektiv: Supernova (BR 1989)
Es war Montag der 12.September 2011, das Datum
habe ich mir gemerkt, man kriegt ja nicht jeden
Tag einen Brief von einer Leiche. Montagmorgen,
Zeit, die Wochenpost aus der Box zu holen, den Weg
hätte ich mir sparen können, dachte ich, als ich
wieder zu Hause war, das Übliche: Werbung, 2-D, 3-
D, holo-graphisch, eine Mahnung der Girozentrale,
endlich mein Konto aufzufüllen, widrigenfalls und
so weiter, das übliche. Papierkorb. O bitte,
Exzellenz, nicht Papierkorb, eine veraltete
Vokabel, altmodisch, abgestanden, altbacken,
antiquiert, ach, der moderne Mensch benutzt einen
Shredder, und drückt sich entsprechend aus. Ok
Sammy schmeißen wir das Zeug halt in den Shredder.
Könnte eure drognodetische Zurückgebliebenheit

Der letzte Detektiv: Schneewittchen (BR 1989)
Es war ein toter Tag, ein Tag, an dem die große
Stadt Babylon so grau und so kalt wirkte wie ein
krepierter Elefant, ein Tag, an dem nichts
passiert, dachte ich. Das war ein Irrtum. Ich war
in den Trödelladen gegangen weil mir die alte
Postkarte im Schaufenster aufgefallen war, eine
Fotographie, 2D, schwarz weiß, altmodisch, so
altmodisch wie Jonas. Ein kleiner Mann mit Hut,
die Oberlippe schief hochgezogen, Revolver in der
Hand und über dem Mann, von links unten nach
rechts oben, ein schwarzer Schriftzug. Eine
Rarität mein Herr, das authentische,
handgeschriebene Autogramm des Schauspielers
Humphrey Bogart, Mitte des vorigen Jahrhunderts
mehr als 60 Jahre alt. 65 genau, das ist ein Bild
aus Big Sleep 1946. Der Herr ist ein

Der letzte Detektiv: Störfalle (BR 1989)
Plötzlich war er da, er stand mitten in meinem
Büro, sehr jung, sehr verlegen und starrte mich
an, mit riesengroßen Kalbsaugen, ich hätte die Tür
verrammeln sollen, oder noch besser verreisen,
weit weit weg von Babylon, aber meine
Kristallkugel war außer Betrieb an diesem 10.
Januar 2012. Herr Jonas? Sie sind doch Herr Jonas?
Ich glaub schon, außerdem stehts draußen an der
Tür. Ja, Herr Jonas, ich, äh, ich finde Sie toll.
Sie sind ein Held, ja, Sie sind der größte, echt,
total der größte. Hör mal zu, Kleiner, Jonas ist
alles mögliche, eine 1-Mann-Show, Jongleur, Clown,
Feuerspucker, Degenschlucker, der Mann auf dem
fliegenden Trapez, der Mann, der durch den
brennenden Reifen springt, für 100 Euros pro Tag
und Spesen, aber

Der letzte Detektiv: Eurodschungel (BR 1990)
Er fing schon mies an, dieser 3. Mai 2012, Jacob
hatte vor, seinen Schuppen umzutaufen, nicht mehr
Casablanca sollte er heißen, sondern... Wie soll
dein Schuppen jetzt heißen? Babylon, Cafe Babylon.
Cafe? Du weißt doch gar nicht, was Cafe ist,
Jacob. Na und? Cafe hat was, Nostalgie, Klasse. Es
gab immer noch den alten Synth-Whisky, mies und
teuer, es war immer noch das alte Casablanca, ich
fühlte mich wie zu Hause, müde und mies. Ja? Ja,
Moment, für dich Jonas. Sie können eine Nachricht
hinterlassen, sprechen Sie nach dem Pfeifton, tüt,
oder pfeifen Sie nach dem Sprechton, wie Sie
wollen. Jonas? Von mir aus können Sie auch summen
oder singen. Sind Sie Jonas, der Detektiv? Ich
mußte es zugeben, Jonas, nur Jonas

Der letzte Detektiv: Eurobaby (BR 1990)
Bamballa. Kennen Sie Bamballa? Eine Hafenstadt in
Sahel, Nordost-Afrika. Trocken, heiß, staubig,
trübselig, und über dem Ganzen ein durchdringender
Duft nach Kamelmist und abgelatschten Sandalen.
Äh! Das letzte. Ja, Gottes linke Achselhöhle. Das
Loch gleich neben der Hölle. Des Teufels fauler
Stockzahn. Der Arsch der Welt. Sam. Mein Computer
und ständiger Begleiter, redet viel, weiß alles.
Ja. Nur nicht, wie man aus diesem verfluchten Nest
rauskommt. Ich saß fest, seit einer Woche, ich
hatte einen Job in Merdistan gehabt, das ist der
sympathische Staat im Orient, der seine Bürger mit
öffentlichen Massenfolterungen bei Laune hält, ich
sollte ein Kind aus Merdistan holen für seine
Mutter in Babylon, ihr merdistanischer Ex

Der letzte Detektiv: Euromüll (BR 1990)
Jonas, hilf mir, Jonas, bitte, bitte hilf mir!
Hilf! Jonas! Hilf! Jonas, bitte, bitte hilf mir!
Jonas bitte. Jonas bitte hilf mir, Jonas! Judith
ruft mich. Sie ist in Gefahr. Sie braucht Hilfe.
Wo ist Sie? Wo bin ich? Ich wachte auf. Ich war in
Afrika, ich hatte geträumt, aber da rief immer
noch jemand. Jonas! Hilfe! Hilf mir Jonas. Hilfe!
Machen Sie auf, Jonas, schnell! Nicht Judith. Die
war zu Hause in Babylon. Ein Mann. Jonas, laß das,
Jonas jetzt steh doch auf! Da ist einer an der
Tür! An der Tür. Vor unserem Bungalow, in der
Hotelanlage am Meer, unter Palmen, mitten in der
Nacht. Ein Radaubruder. Wußte der nicht, daß Jonas
Urlaub hatte? Jonas! Um Gottes Willen, Hilfe!
Hilfe! Ah! Nein, ich will das nicht, ich hab frei.
Was ist Jonas? Ach

Der letzte Detektiv: Euroblues (BR 1990)
Judith ist tot, damit sollte ich anfangen, aber
das kann ich nicht, ich fange an mit dem 20. Juni
2012, dem Tag, an dem ich Judith zum letzten Mal
lebend gesehen habe, bei mir, in meinem
Büroapartment. Wir schreiben das 21. Jahrhundert,
eine Zeit der Pläne und Grenzen, der Rahmen und
Programme, in dieser Zeit lebte ein Mann, der
anders ist als die anderen, der in keinen Rahmen
paßt und in kein Programm, der seinen Weg geht,
einsam, integer, furchtlos, es ist, Tusch Majestro
please, Jonas, Jonas, the last detective hahaha.
Bravo, du solltest dir angewöhnen, deine Tür
abzuschließen, Jonas. Judith! Bist du sicher, daß
du zu mir willst? Stör ich? Ich hab das Gefühl ich
bin hier in eine Sitzung des Vereins für
gegenseitige Beweih

Der letzte Detektiv: Attentat (BR 1991)
August 2012. Hochsommer, brütende Hitze, die
Klimaregulierung war kaputt, wie immer, Babylon
die große Stadt, stank zum Himmel, ein
gigantischer Misthaufen, verrottet, verwest,
verfallen und trotzdem begehrt, manche reißen sich
sogar darum, alle fünf Jahre wenn die Wahl zum
Bürgermeister ansteht. Harry Hauer. Nur Harry
Hauer. Ihr Kandidat. Neu. Harry Hauer. Wer hat
sich hochgearbeitet vom Volksrentner zum
Multimilliardär? Harry Hauer. Wen braucht Babylon?
Harry Hauer. Wer wird Bürgermeister? Harry Hauer.
Wen wählen Sie? Harry Hauer. Nur Harry Hauer.
Harry Hauer. Nur Harry Hauer. Ihr Kandidat. Neu.
Unverbraucht. Harry Hauer... Wen wählen Sie?
Überall Wahlrobots und Slogomaten.

Der letzte Detektiv: Westfront (BR 1991)
Was ist los mit dir Jonas, du sitzt da, sagst
nichts, machst ein Gesicht wie Chefinspektor Brock
im Spätdienst, trinken tust du auch nicht, was
hast du? Ich mach mir Gedanken, Jacob. Ach was,
worüber? Über Philip Marlowe, warum er immer im
Trenchcoat rumgelaufen ist, in Kalifornien, wo es
nie geregnet hat, damals. Im 20. Jahrhundert. Ich
sag dir was, Jonas, du bist von der Rolle. Sah
ganz so aus. Vielleicht lags daran, daß Judith
gerade ein viertel Jahr tot war, oder daß mein
letzter Fall schon zwei Monate zurücklag. Wie auch
immer, mit Jonas war nicht viel los, mit dem
Casablanca auch nicht, außer Jonas nur zwei Gäste,
alter Mann, junge Frau, hinten in der Nische.
Weißt du was ich glaube, Jonas? Ich glaube, du
wirst alt

Der letzte Detektiv: Wunderland (BR 1991)
Ein Klient kommt ins Büro, ein ordentlicher Fall
bei einem ordentlichen Privatdetektiv fängt so an,
so muß es sein, so steht es in den Büchern, nicht
beim letzten Detektiv, meine Fälle fangen meist
woanders an, im Casablanca zum Beispiel, dieser
Fall fing ordentlich an, in meinem Büro, nur eins
war nicht in Ordnung, der Klient hätte eine
Klientin sein müssen, wunderschön, geheimnisvoll,
und möglichst blond. Nett haben Sie es hier, Herr
Jonas, so, so übersichtlich. Schauen Sie, Damen
und Herren, staunen Sie, vor Ihnen erstreckt sich
in seiner ganzen unfaßbaren Weite von sage und
schreibe 22 Quadratmeter das Büroapartment von
Jonas dem letzten Detektiv. So lebt Jonas, Damen
und Herren, so arbeitet Jonas, sind Sie hier um
mein

Der letzte Detektiv: Paranoia (BR 1991)
Zwei Knaben gingen durch das Korn... Nicht schon
wieder. Der eine bluß das Klappenhorn. Nein. Doch,
er konnts zwar nicht gut blasen, doch blus ers
einigermaßen. Freut euch des Lebens. Ja wahrlich
freuet euch und abermals freuet euch, denn siehe,
Großmutter wird mit der Sense rasiert. Ole.
Hahaha. Sam hatte sich einen Virus eingefangen,
den berüchtigten Klapphornvirus, weiß der Teufel,
wo er sich rumgetrieben hatte, Sam ist mein
Computer, klein, aber laut, eine Nervensäge schon
ohne Virus, und mit Virus gar nicht mehr
auszuhalten. Und ferner steht geschrieben im Buche
des Klapphorns: zwei Knaben suchten emsiglich am
Baum nach einem Apfel, sie fanden keinen Apfel
nicht. Der Baum das war ne Pappel, hallo. Was
sagten Sie

Der letzte Detektiv: Pharao (BR 1993)
Das Ministerium für Kultur war noch dasselbe
schäbige Gebäude, nicht weit vom van-Dusen-Platz,
aber hinter dem schäbigen Schreibtisch im
schäbigen Büro saß nicht mehr Dr. Gödel
Escherbach, Gott hab ihn selig, jetzt saß da eine
Frau wie eine Stahlfeder: grau, hart, dünn,
gespannt. Cornelia Schrödinger, M.A., Dezernentin
für Museen und kulturellen Austausch, setzen Sie
sich, Herr Jonas. MA? Magister Artium, ein
akademischer Titel, Medienwissenschaft Universität
Babylon, und wo haben Sie studiert, Herr Jonas?
Uni Feuerland, Nahkampf und Guerillatechnik. Der
antarktische Krieg, ich verstehe, zur Sache Herr
Jonas, im November 2010 vor rund zweieinhalb
Jahren haben Sie für uns einen Auftrag ausgeführt,
sie haben damals

Der letzte Detektiv: Nachtcafe (BR 1993)
Sie wimmelten um uns herum, kratzten an der
Plexikuppel, drückten sich die verschorften Nasen
platt, stierten auf unseren Tisch, unsere Teller,
Steaks, echtes Rindfleisch, unbezahlbar, sie
zeigten uns ihre dürren Rippen, ihre
aufgetriebenen Bäuche, ihre offenen Wunden, ihre
Eiterbeulen, und sie schrien, sie schrien vor
Hunger, sie schrien nach unseren Abfällen, der
bullige Typ neben mir warf ihnen was zu, einen
abgenagten Knochen, durch die elektronisch
gesicherte Klappe, sie stürzen sich drauf, fielen
übereinander her, schlugen sich blutig. Hahahaha,
das macht Laune und Appetit, Hunger ist der beste
Koch, sagten schon Opa und Oma im guten alten 20.
Jahrhundert, na, ihr Klappergestelle, noch ein
Stück? Kusch später

Der letzte Detektiv: Strafkolonie (BR 1993)
Mir gings gar nicht gut, Jacobs neuer Whisky,
beste Schmuggelware aus Singapur, sagte er,
gestern abend hatte ich das Zeug im Casablanca
getestet, ich fühlte mich wie die uralte Mumie
eines uralten Pharao und ich sah auch so aus, aber
den kahlköpfigen Mann, der mir in meinem
Büroapartment gegenüber saß, störte das nicht, im
Gegenteil. Sehr schön, zerknittert, unrasiert,
Augen blutunterlaufen, Ringe drum herum, bleiben
Sie so, Herr Jonas, so sind Sie genau richtig für
den Job. Welchen Job? Den Sie für mich erledigen
werden, Herr Jonas. Werd ich das, worum gehts
denn? Sie werden meine Außenstände eintreiben, so
was machen Sie doch, oder? Klar, mach ich, wenn
sich nichts Besseres bietet, ich bin Detektiv,
Privatdetektiv.

Der letzte Detektiv: Ufo (BR 1993)
Er stand auf seines Daches Zinnen und schaute mit
trüben Sinnen auf Babypsilon die große Stadt. Die
Sicht aus meinem Fenster im 16. Stock war gut,
ausnahmsweise, klar und scharf lag das nächtliche
Babylon unter mir, ein riesiger Flickenteppich, im
Westen die Ghettos der Reichen, in gedämpftes
Goldgelb, ruhig, gediegen, grell und aufdringlich
das Zentrum, das Amüsierviertel, knallbunt
flackernd, strahlend weiß die geballten Hochhäuser
der Wirtschaft, steif und steril, dazwischen in
unregelmäßigem Hell-dunkel die normalen
Wohnbezirke, im Südosten ein großes schwarzes
Loch: das Reservat, rundum, am Horizont, die
Wildnis, eine dauernde dunkle Drohung, darüber,
als heller Kontrapunkt: ein Ufo, ein rotierender
Diskus

Der letzte Detektiv: Weihnachtsmärchen (BR 1995)
Sti-hille Nacht, hei-lige Nacht, Coco hat in die
Hose gemacht. Altes Ferkel. Coco lacht, daß es
kracht, hah ahahaha, Spaß muß sein, Kinder, aber
jetzt sind wir mal ein bißchen ernst
ausnahmsweise. Ich nicht. Kinderweihnachten steht
vor der Tür, das Fest der Liebe, was ist Liebe?
Liebe ist nicht nur das, was die Großen nachts im
Bett machen, wenn sie glauben, ihr schlaft schon.
I pfui Teufel. Liebe ist Fühlen, mitfühlen, mit
den vielen armen Kindern, die keine Geschenke
kriegen, mit den Kindern in der Drittwelt, die
krank sind, die Hunger haben, Liebe ist Geben. Ne
ne! Nehmen. Gebt, Kinder, soviel Euros, wie ihr
könnt, schickt sie an mich an euren Freund Coco,
den Clown mit dem goldenen Herzen, Network HoloTV
Babylon

Der letzte Detektiv: Virtuella (BR 1995)
Sie kennen das, aus hundert Romanen und tausend
Filmen, der Privatdetektiv sitzt in seinem Büro,
dreht Däumchen, bohrt in der Nase, plötzlich geht
die Tür auf - und wer kommt rein? Richtig, eine
tolle Frau, atemberaubend, geheimnisvoll, blond,
angezogen wie das Titelblatt von Lifestyle. Sie
sah mich an, herausfordernd, abschätzend, sie
setzte sich, schlug die Glitzerbeine übereinander,
vielleicht ein bißchen klein geraten, und ein
bißchen ungelenk, sie war erst dreizehn. Dreizehn
einhalb, hallo, wie geht es Ihnen? Gestern ging es
noch, und selbst? Danke der Nachfrage, Sie sind
der Detektiv? Ich bin Jonas, nur Jonas, der letzte
Detektiv, Enkel von Sam Spade und Philip Marlowe,
Spezialist für aussichtslose Fälle, für Fälle

Der letzte Detektiv: Kopfjäger (BR 1995)
Der Klimadom war kaputt, endgültig, die Schleusen
des Himmels hatten sich geöffnet. Babylon soff ab,
Sintflut. Weltuntergang. Großalarm. Tatü Tata...
Das Wasser stieg und stieg. Als es mir in Mund und
Nase lief, wachte ich auf. Kein Wasser, keine
Sintflut. Ein Traum. Aber der Alarm war noch da.
Unüberhörbar. Innervierend. Sam, natürlich, Sammy,
wer oder was sonst. Halts Maul. Wie spät? Drei Uhr
17 Minuten und 9 Sekunden wenns beliebt, Tatü
Tata! Mitten in der Nacht machst du einen
widerlichen Radau. Was ist los. Alarmstufe Rot,
Genosse. Knallrot. Feuerrot. Priorität 1a. Jetzt
nimm endlich ab, das Fon. Tatü Ta. Jajaja jaja.
Jonas nur Jonas der letzte Detektiv, wenn Sie mich
wegen irgendwelchem Pipifax geweckt haben wird

Der letzte Detektiv: Unterwelt (BR 1995)
Ih, eine Ratte! Es war keine Ratte, es war Sam,
Samobil, genauer gesagt, nach dem Kopfjägerfall
hatte ich ihm gekauft, was er sich schon lange
gewünscht hatte: ein Mobilitätssystem für
Minicomputer, Software, Räder, Getriebe, Motor,
maßgeschneidert, Sam war begeistert, Jonas
weniger, ein Computer, der spricht, ist schlimm
genug, ein Computer, der spricht und durch die
Gegend düst, ist schlimmer, ein Computer, der
spricht und düst und mit seinem Herrn fangen
spielt ist das letzte. Na los, krieg mich doch
krieg mich doch bin ein bißchen flotter, krieg
mich doch, krieg mich doch, bin ein kleiner Otter.
Du Lahmgesäß. Sofort kommst du her, Sam, bei Fuß.
So nicht, denn wahrlich, Sammy ist kein Pfiffi,
keine Töle, kein Hundevieh

Der letzte Detektiv: Blackout (BR 1998)
Ich wachte auf wie jeden Morgen, soweit nichts
Besonderes, aber wenn ich aufwache liege ich im
Bett, normalerweise, diesmal nicht, diesmal lag
ich im Eingang eines Hauses an einer Straße, war
ich schon mal auf der Straße aufgewacht? Ich
konnte mich nicht erinnern, ich konnte mich an
nichts erinnern, an gar nichts, ich richtete mich
auf, kam auf die Beine, sah mich um. viele
Fahrzeuge auf der Straße, und Menschen, Menschen
über Menschen, alle in Bewegung, eifrig,
zielstrebig, leicht verblödet, ich stand nur da,
nicht eifrig, auch nicht zielstrebig, aber
verblödet, nicht nur leicht, völlig, total, ich
wußte nichts mehr, ich wußte nicht, wo ich war,
nicht, wie ich hergekommen war, und vor allem
nicht, wer ich war, in meinem

Der letzte Detektiv: Drachentöter (BR 1998)
Was trägt die fashionbewußte, zeitgeistige, up-to-
date Babylonierin demnächst im Ocean-Park? CamFash
zeigt es Ihnen, meine Damen, schauen Sie her, Sie
auch, meine Herren, sind unsere Andro-Models nicht
eine wahre Augenweide? Es geht los mit Modell
Franzi, ein Superbadeanzug im Stil der naughty
nineties, provokant hohes Bein, unauffällig
eingearbeiteter Wonderbra. 19. Oktober 2014,
Kaufhaus Wunderland, Tigrisplatz, Babylon, Camelot
Fashions der größte Textilkonzern in Europa,
führte Bade- und Freizeitmode vor, natürlich
Computer-Design, keine Haute Couture, natürlich
Androidinnen, keine menschlichen Modells, großer
Andrang, sehr viele Frauen, viele Männer, ein paar
Transis, und mitten drin Jonas. Wie das

Der letzte Detektiv: Knochenarbeit (BR 1998)
Es war kein Treibhaus. Es war eine Terrasse. Aber
sie war heiß und hell und grün, wie ein Treibhaus.
Und der Mann im Rollstuhl war wie General
Sternwood, uralt, halbtot, mit einem Gesicht wie
eine zerknitterte Maske. Er war natürlich nicht
General Sternwood, er war Senior Hector de la
Serna, wir waren auch nicht in Los Angeles,
sondern in der Siedlung Bon Retirdo, auf der
schönen Insel Palmera im Mittelmeer, wo sogenannte
Senioren aus ganz Europa auf den Tod warten wenn
sie es sich leisten können, und ich war nicht
Philip Marlowe. Sie sind Jonas, nur Jonas, der
letzte Detektiv. In Babylon. Auch auf Palmera, das
kann ich Ihnen versichern, hätte ich Sie sonst
kommen lassen? Das hatte er, Airticket Babylon-
Alicante

Der letzte Detektiv: Invasion (BR 1998)
Ich hätte nicht aus der Mine fliehen sollen, Herr
Jonas, das ist mir klar, ich hätte nicht nach
Babylon kommen sollen, aber ich mußte einfach, ich
mußte wissen, was mit meinem kleinen Bruno ist, ob
er die Invasion überlebt hat. Die was? Die
Invasion, die Aliens, die aus dem Weltraum
gekommen sind, in ihren Raumkreuzern, die hier
alles kaputtgeschossen haben. Haben sie das? Ja,
dann sind sie gelandet und haben die Erde besetzt,
aber das wissen Sie doch so gut wie ich, Herr
Jonas. Da bin ich mir nicht so sicher. Sie war
nicht mein Typ. Sehr groß, grob, unschön, trotzdem
wimmelte ich sie nicht ab, als sie sich zu mir
setzte, im Casablanca, ich hörte ihr zu, warum
weiß ich nicht, vielleicht hatte ich eine
Vorahnung, sie hieß Lili, sagte

Der letzte Detektiv: Traumschiff (BR 2001)
Sechs Uhr zehn, die Sonne ging auf über Babylon,
das stand im Kalender, zu sehen war es nicht, seit
Monaten streikten die städtischen Putzbrigaden,
der Klimadom war dicht, total verdreckt, darunter
taten 20 Millionen Babylonier das, was sie immer
taten: standen auf, gingen schlafen, liefen herum,
gingen arbeiten, brachten sich um, machten Liebe,
machten gar nichts, machten weiter, der 21.
September 2015, ein Tag wie jeder andere, nicht
für Sam, heute war sein Geburtstag, sagte er. Hey,
heute ist mein Geburtstag, jawoll, der Tag des
Herrn, der Tag des Herrn Samuel, happy birthday to
me, happy birthday to me... Quatsch, Computer
haben keinen Geburtstag. Ach? Und wo, so frage ich
euer Ehren, gezielt, dezidiert und

Der letzte Detektiv: Totentanz (BR 2001)
Noch ein Bier, Gringo? Immer mit der Ruhe, ich hab
ja noch was. Hör zu, Gringo, du sitzt jetzt schon
zwei Stunden vor einem Bier, bei solchen Gästen
geh ich Pleite, hau ab, Gringo, verpiß dich. Der
Wirt erinnerte mich sehr an seinen Kollegen Jakob
vom Casablanca, genauso umgänglich, genauso
liebenswürdig, erstaunlich, wo die beiden doch
viele tausend Kilometer auseinander waren, die
Cantina saluti pesetas stand nicht in Babylon,
sondern in Puerto Porco im freundlichen Ländchen
Costaguana in Südamerika, Sam sagte Costamerda, er
war nämlich der Landessprache mächtig, und fand es
hier genauso schön wie sein Herr. Sammy will nach
Hause. Jonas auch, Sam, ich werd dich wohl
verkaufen müssen. Verkaufen? Hör

Der letzte Detektiv: Wildwest (BR 2001)
Als das in Babylon erfolgreichste und beliebteste
Holoformat des vergangenen Jahres hat sich noch
vor Schwarze Dahlie, der Serienmörder der Woche
die von Supermedia produzierte Kain-und-Abel-Show
erwiesen, eine schlichte Grundidee: fünf
Freiwillige werden zusammengesperrt und
eliminieren sich gegenseitig, bis nur noch eine
Person übrig bleibt, und eine aufwendige
Produktion in wechselnden Szenarien, erwähnt seien
hier nur die römischen Gladiatorenspiele im
Amphitheater, der Wüstenplanet oder die Schlacht
von Stalingrad, diese Mischung kam offenbar an,
damit hat wieder einmal Supermedia den begehrten
Big Brother gewonnen. Glückwunsch, Beringer, das
war doch Ihre Idee, die Kain-und-Abel

Der letzte Detektiv: Mafia (BR 2001)
Abends war ich im Casablanca gewesen, allein, ich
hatte an Jamaro gedacht, kein Wunder, daß ich in
der Nacht von ihr träumte, ein erotischer Traum
wars leider nicht, außer vielleicht für einen
Bondage-Fan, Jonas ist keiner. Hilf mir, Jonas,
sie haben mich gefangen, die Russen und ihr
schwarzer Teufel, im Aeroport, zuviel Technik, ich
war nicht stark genug, und jetzt halten sie mich
fest, gefesselt, unter Drogen, du mußt mir helfen,
Jonas. Jamaro, indianische Medizinfrau, Schamanin,
vor einem halben Jahr waren wir uns begegnet,
drüben, in Costaguana, die Totentanz-Geschichte,
wir waren uns nahegekommen, sehr nahe, bis Jonas
nach Babylon zurückflog. Jamaro blieb dem Mörder
ihres Stammes auf den Fersen, dem schwarz

Der letzte Detektiv: Comeback (Kanzlei Dr. Bahr
2008)
Die Mitternacht zog näher schon in stummer Ruh lag
Babylon. In stummer Ruh, nimm dir ein Beispiel
dran Sammy, und was heißt Mitternacht, es ist fünf
nach 8, früher Morgen. Das war nicht die
Zeitansage, du Banane äh Banause, das war Pöesie,
Poesie, Dichtkunst, du verstehen. Sam, mein
Computer, ein Sonder-modell, besonders verbal,
extrem verbal, er kann seine Klappe nicht halten,
auch wenn er keine hat, er nervt, andererseits,
was wäre mein Leben ohne Sam, entspannter,
ruhiger, und viel, viel uninteressanter, wer will
das schon? Belsatzar von Heinrich Heine, ein
unsterbliches Meisterwerk, Jehova, dir künd ich
auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon.
Schluß mit dem Knattergemine, geh ans Fon. Oh da
bemüht

Der letzte Detektiv: Abgesang (Kanzlei Dr. Bahr
2008)
Sie war jünger als ich, um die 40, dunkles Haar,
dunkle Augen, eine wohlgefällige Figur in einem
dieser Outfits, die nach nichts aussehen und mehr
kosten als ein Detektiv im Monat verdient, in
meinem schäbigen Büroapartment wirkte sie wie ein
Kirschblütenzweig in einer alten Bierflasche. Mein
Name ist Judith. Judith? Sie sehen mich an, als ob
Sie mich kennen, kenne ich Sie? Sie hieß Judith,
und so sah sie auch aus. Was war das? Eine
Halluzination? Dejavu Monsignore. Deschawas? Ach
vergiß es. Dabei hatte er so mies angefangen,
dieser 1. Mai 2017. Der Geburtstag eines gewissen
Detektivs. Ich war früh geweckt worden. Im Prinzip
keine schlechte Sache, weil ich böse geträumt
hatte. Ich war draußen, in PH1, kroch durch Röhren


Michael Koser:
Cocktail für Zwei: Kongo King Blue (DLR 1998)
Wenn ich die frühe Karriere unseres
Glücksritterduos Felix und Cora Revue passieren
lasse, ihre ersten Unternehmungen in Rußland und
London, das Berliner Tangoabenteuer, den Coup in
Monte-Carlo, die Affäre um den Hohenzollernhort,
dann frage ich mich, womit fange ich an, mit dem
Anfang natürlich, sagt der chronikalisch korrekte
Pedant, so gehört es sich, so muß es sein,
wirklich, die zwanziger Jahre in denen unsere
Geschichten spielen, waren alles mögliche, golden,
schmutzig, wild, mondän, krisenhaft, glorreich,
schrill, pedantisch und korrekt waren sie nie, ich
glaube ich beginne mit dem Abenteuer an der
Riviera, blaues Meer und Sonnenschein, Kinostars,
Luxus, großes Geld und große Gauner, der ideale
Einstieg in die

Cocktail für Zwei: Tango Berlin (DLR 1998)
Als das Jahr 1920 sich dem Ende zuneigte, als die
Tage kürzer und kälter, die Nächte länger und
heißer wurden, schüttelte ganz Berlin sich im
Shimmyfieber, ganz Berlin nein, im vornehmen Hotel
Kaiserhof trotzte das Orchester dem Zeitgeist und
spielte weiterhin Tango, zur Freude eines
erlesenen Publikums, es war Hochsaison, Sonntag,
der 10. Oktober 1920, mitten in der Nacht. Eben
hab ich etwas Hochinteressantes gehört, Freund
Felix. Von wem, teuerste Cora. Von dem kleinen
kravonischen Botschaftsattache, mit dem ich gerade
getanzt habe, der mit den breiten Schultern und
den schönen schwarzen Haaren. Und dem Hohlraum
darunter. Mag sein, aber die Fassade ist imposant,
das müssen sie zugeben. Was haben Sie denn nun

Cocktail für Zwei: Kaiserpunsch (DLR 1998)
An einem schönen Sommerabend im Jahr der großen
Hitze, präziser am Donnerstag, dem 11. August 1921
gegen 9 Uhr, ritt ein elegantes Paar auf zwei
eleganten Brauen über den einsamen Strand des
eleganten Badeorts Schevenig, es war noch sehr
warm, die Dämmerung hatte soeben erst eingesetzt,
und die Reiter, die man in ihrem eleganten Hotel
kannte als Sir Mortimer und Lady Gwendolyn
Grenfellpetinkton waren auf der Suche nach dem
Sinn des Lebens. Was vermissen Sie, Freund Felix.
Das Salz in der Suppe, Spannung, Gefahr, Risiko,
Abenteuer. Das exquisite Gefühl auf dem Drahtseil
über dem Löwenkäfig Tango zu tanzen. Genau das,
teuerste Cora, für eine geruhsame Existenz in
Filzpantoffeln sind Felix und Co nicht ge

Cocktail für Zwei: Bloody Mary (DLR 1998)
Bisher meine Damen und Herren haben Sie mit mir
Felix und Cora an die CotedAzur begleitet, nach
Berlin und zum Versteck des Hohenzollernhorts,
jetzt wird es Zeit, zu den Ursprüngen
zurückzukehren, als alles begann, es war einmal
ein Krieg, ein Weltkrieg, er sollte der letzte
sein und war doch nur der erste, in diesem Krieg
gab es einen Offizier der Felix hieß und zum
Geheimdienst seines Landes gehörte und es gab auf
der Gegenseite eine Spionin namens Cora, nun
geschah es, daß beide sich trafen und aus Feinden
zu Freunden wurden, da sie der Ansicht waren, für
einen frühen Tod seien sie viel zu schade,
verließen sie die Front unter Mitnahme erheblicher
Summen die nicht ihnen gehörten sondern ihren
jeweiligen Generalstäben und

Cocktail für Zwei: Eiffel sour (DLR 1999)
Das Jahr 1922 war angebrochen und die Welt drehte
sich immer schneller, Landru der schwarzbärtige
Frauenmörder verlor Bart und Kopf, mit großem
Getöse tagte zu Genua eine internationale
Konferenz, die die Weltwirtschaft sanieren sollte,
ein gewisser Josef Stalin wurde Generalsekretär
der kommunistischen Partei Rußlands, der
französische Ministerpräsident Briand mußte
zurücktreten und Monsieur Poincare übernahm seinen
Posten, das alles ist bekannt, das alles steht in
den Geschichtsbüchern, daß der Eifelturm, das
weltberühmte Wahrzeichen der Stadt Paris gestohlen
wurde, das steht nicht in den Geschichtsbüchern,
am Nachmittag des 9. Mai 1922 nahm diese schier
unglaubliche Geschichte ihren Anfang. Von hier aus
ist

Cocktail für Zwei: Surabaya Sling (DLR 1999)
Es war ein schöner Junitag im Jahre 1922, die
Sonne strahlte als gäbe es weder Weltkriege noch
Friedensverträge, die Vögel die nichts wußten von
Wirtschaftskrise und Inflation sangen aus vollem
Hals und durch die von keiner Erhebung
beeinträchtigte Plattheit der norddeutschen
Tiefebene dampfe behäbig ein Bummelzug, sofern er
nicht, wie es sich des öfteren als unumgänglich
erwies, in einem der zahlreichen kleinen Bahnhöfe
eine Verschnaufpause einlegte. Willsum hier
Willsum, beim aus- und einsteigen beeilen bitte.
Was für ein Nest, teuerste Cora, so winzig, so
ruhig, so ganz und gar uninteressant. Glauben sie
Felix, je kleiner die Laus, desto fetter der
Schmaus. Oh kravonisches Sprichwort. Ganz recht,
hätten sie nicht Lust, diesem

Cocktail für Zwei: Germanengold (DLR 1999)
Wir sind von Kopf bis Fuß auf Wagner eingestellt,
denn das ist unsere Welt und sonst gar nichts.
Heil dir Holde. Heil dir Held Herman. Was gibts zu
schmausen. Semmeln, Wurst, Käse, Eier, wie immer.
Trefflich, trefflich, schenk ein den Kaffee aus
keramischer Kanne, schweig stille Loki du arger
Wicht. Pst gleich kriegst ein Wursti. Herman der
Cherusker und Thusnelda saßen am Frühstückstisch,
dieser stand in der Villa Walhall und diese
wiederum stand an der Poschingerstr. im vornehmen
Münchner Stadtteil Bogenhausen, eigentlich hieß
Herman Alois Wichtel und so sah er auch aus, trotz
seiner wenig imposanten Statur, seiner auswärts
gebogenen Knie, seiner spärlichen mausblonden
Haare hielt er sich für die leibhaftige Wiedergeb

Cocktail für Zwei: Titanic Smash (DLR 1999)
Titanic, alle reden immer nur von der Titanic
dabei waren es zwei zwei Schiffe. Es war vor
Jahren gewesen noch während des Kriegs, in
Amsterdam, Felix hielt sich incognito im neutralen
Holland auf, der Grund tut nichts zur Sache, in
einer finsteren Kaschemme im Hafenviertel war er
mit einer gewissen wichtigen Kontaktperson
verabredet, der Mann ließ auf sich warten, er kam
übrigens nie, er trieb ein Messer im Rücken in
einer abgelegenen Gracht, doch dies nur nebenbei,
während er wartete gab Felix einem betrunkenen
Seemann einen Ginebra aus, und der revanchierte
sich mit einer höchst erstaunlichen Geschichte.
Zwei Schiffe zwei Schwestern, fast Zwillinge, erst
die Olympic, dann die Titanic, eine sah aus wie
die andere, darum ist


Michael Koser: (Sonstige Hörspiele):
Einmal Utopia - hin und zurück (RIAS 1970) (Ein
Schulfunk-Hörspiel) (nach Robert Sheckley: A
Ticket to Tranai)
(Ein Planet mit dem Ruf eines Steuerparadieses und
Idealstaates erweist sich bei näherem Kennenlernen
als Paradies mit kleinen Fehlern. Seit Gottlieb
von Borg gehört hat, einem kleinen kolonisierten
Planeten irgendwo in der Galaxis, glaubt er sein
Utopia gefunden zu haben, denn dort soll es die
absolute Freiheit des Individuums geben. Keine
staatliche Aufsicht, keine Gesetzbücher, keine
Juristen, keine Polizei und deshalb auch keine
Verbrechen. Jeder kann tun, was er will. Freie
Bahn dem Tüchtigen. Private Unternehmerinitiative
und freier Kapitalfluß sind das ökonomische
Prinzip. Armut gibt es nicht. Auf Borg hat jeder
das Recht, an der Umverteilung des Reichtums zu
seinen Gunsten mitzuwirken. Was das in der Praxis
bedeutet, erfährt Gottlieb gleich nach seiner
Ankunft, als er einem Straßenräuber zum Opfer
fällt. Man klärt ihn auf, daß es sich um einen
Steuereintreiber der Regierung gehandelt hat, eine
unbürokratische und verhältnismäßig schmerzlose
Methode der Finanzpolitik. Umverteilung durch
Straßenraub ist ganz legal. Jeder sorgt für sich
selbst, und man rät ihm, es ebenso zu machen. Der
Präsident persönlich heißt ihn willkommen und
vermittelt ihm einen Job in einer Fabrik, in der
möglichst unzuverlässige und ungeschickte
Haushaltsroboter konstruiert werden, um den
Menschen das Gefühl der Überlegenheit zu geben.
Man drängt Gottlieb, so schnell wie möglich zu
heiraten, denn Junggesellen haben auf Borg keinen
Status, und Abweichungen von der Norm sollte er
sich besser nicht leisten. Als ihn seine junge,
hübsche Frau jedoch aufklärt, daß es auf Borg
üblich ist, die Frauen regelmäßig einzufrieren,
damit sie sich im Kältegenerator jung erhalten
können, sieht er die Zeit für Reformen gekommen.
Bereitwillig will ihm der Präsident sein Amt
abtreten, denn auf Borg kann jeder Präsident
werden. Als er jedoch hört, welch makabres Ende
dem Staatsoberhaupt droht, wenn die Bevölkerung
bei sinkender Popularität mehrheitlich den
Minusknopf drückt, beschließt er spontan, zur Erde
zurückzukehren, von der man sagt, daß sie mit
ihrem geregelten Staatswesen und ihrer geordneten
Wirtschaft ein wahres Paradies sein soll)

Kein Job mehr für die Roboter (RIAS 1970)
(Schulfunk) (nach Brian Aldiss: But who can
replace a man)
(Ein Experiment soll klären, ob Roboter bei
Ausbleiben menschlicher Befehle selbst
Entscheidungen treffen können. Kein Mensch muß
mehr körperlich arbeiten. Alle anfallenden
Tätigkeiten werden zuverlässig von Robotern
erledigt, die ihre Anweisungen per Funk erhalten.
Die Robotpsychologin Julia will erstmals beweisen,
daß Roboter fähig sind, ihre Arbeit ohne Anleitung
selbständig zu organisieren. Mit Billigung des
obersten Konzils wird die Funkverbindung zu einer
der landwirtschaftlichen Außenstationen
unterbrochen. Eine Überwachungsfrequenz, von der
die Roboter nichts wissen, erlaubt es, den Verlauf
des Experiments zu verfolgen. Als die Anweisungen
von der Zentrale ausbleiben, ahnt R 1, Koordinator
der mit sieben Robotern besetzten Agrarstation,
daß irgend etwas nicht so ist, wie es sein soll.
In seiner Datenbank findet er jedoch für eine
solche Situation keinen Präzedenzfall. Ein
technischer Defekt scheidet aus, deshalb kann der
Fehler nur bei den Menschen selbst liegen. Wären
nur einige Menschen außer Betrieb, hätten andere
sie längst ersetzt. Da dies nicht der Fall ist,
bleibt einzig die logische Folgerung, daß alle
Menschen außer Betrieb sein müssen. Wenn aber
keine Menschen mehr da sind, gibt es auch
niemanden, für den die Roboter arbeiten können.
Also sind die Roboter jetzt frei und können tun,
was Ihnen gefällt. Sie werden ihre eigenen Herren
sein und bald die Welt beherrschen. R 1, der über
das Gehirn mit der größten Kapazität verfügt,
ernennt sich zum Führer. Die Stadt der Menschen
soll zerstört und durch eine neue für Roboter
ersetzt werden. Spaltbares Material ist in ihren
Atomreaktoren ausreichend vorhanden. Als man in
der Zentrale registriert, daß das Experiment außer
Kontrolle zu geraten droht, versucht man, es im
letzten Moment zu stoppen. Aber zu spät: R 1 hat
seinen Empfänger abgeschaltet. Schon bewegt sich
ein immer größer werdender Zug von Robotern auf
die Stadt zu)

Reservat. There are no Truths outside the Gates of
Eden (RIAS/SWF 1970) (Werkstatt des Hörspiels)
(Andersdenkende und Außenseiter der Gesellschaft
werden in ein Reservat abgesondert und
ausgebeutet. Um sich subkultureller Bewegungen zu
entledigen, die das lautlose Funktionieren der
Gesellschaft stören und ideologische
Unzufriedenheit verbreiten könnten, hat man unter
einem gigantischen Plexiglasdom einen Freiraum
geschaffen, ein künstliches Paradies der
Antisozialen, von der Außenwelt hermetisch
abgeschlossen und durch eine komplexe Maschinerie
ständig in einem Schwebezustand gehalten.
Automaten versorgen die Insassen mit allem, was
sie brauchen. Jeder kann leben, wie er es sich
wünscht. Nichts ist verboten. Fast alle sehen
glücklich aus. Die wenigsten wollen wahrhaben, daß
ihr Horizont begrenzt ist, daß es eine Grenze
gibt, die nicht überschritten werden kann.
Möglichkeiten der innerinstitutionellen Rebellion
sind bewußt vorgesehen und selbst
institutionalisiert. Aber es ist sinnlos,
Automaten zu zerstören, weil jeder Ansatz, ein
Zeichen zu setzen, folgenlos bleibt. Die weitaus
meisten haben ihre ursprünglichen Ziele längst
zugunsten individueller Glücksbefriedigung
aufgegeben. Anfängliche Widerstände in der
Öffentlichkeit sind beseitigt, seit man erkannt
hat, daß die Institution keine karitative Anstalt,
kein sozialer Luxus ist, sondern sich ökonomisch
selbst trägt. Weil antisoziale Haltung oft mit
künstlerischer Begabung korrespondiert, kann die
Gesellschaft sich der Resultate ihrer
schöpferischen Arbeit bedienen, um nach Entfernung
extremer Auswüchse und normalisierender
Bearbeitung die streng lineare Geometrie des Plans
abzurunden. Daß die Schützlinge auf diese Weise
Erhebliches zur Bereicherung der Gesellschaft
beitragen, die Sie ablehnen, entbehrt nicht einer
gewissen Ironie. Thema des Hörspiels in der
Dialektik zwischen Innenansicht und
Außendarstellung der "Institution" sind Begriffe
wie Freiheit, Toleranz und Revolution, aber auch
die Abkapselung des Kulturbetriebs von der realen
gesellschaftlichen Entwicklung, wobei Michael
Koser sein eigenes Werk selbstkritisch nicht
ausnimmt). (Die Utopie handelt von einem
künstlichen Paradies, geschaffen von einer
zukünftigen Weltregierung für alle diejenigen, die
gegen den "Plan", die vorausberechnete
wirtschaftliche und politische Ordnung opponieren:
Künstler, Gammler, Oppositionelle jeder Art. In
dem von der Außenwelt abgeschlossenen Reservat
erhalten die darin Angesiedelten mühelos alles,
was sie zum Leben brauchen, haben sie völlige
Freiheit, die Lebensform zu wählen, die sie
wünschen - die Gesellschaft "draußen" aber hat
sich dadurch auf "humane" Art von ihrer
unberechenbaren Opposition und Revolution befreit.
Auf der anderen Seite finden sich auch die
Außenseiter der Gesellschaft im Reservat mit der
"repressiven Toleranz" ab, geben echte
revolutionäre Haltung auf zugunsten einer
individuellen Glücksbefriedigung. - Das Hörspiel
soll auffordern, über Begriffe wie Freiheit,
Toleranz, Revolution nachzudenken)

Tote singen nicht (Kriminalparodie auf Raymond
Chandler) (RIAS/SWF 1971)
Das Haus war der gemeinsame Alptraum eines
größenwahnsinnigen Architekten und eines Bauherrn,
der zuviel Geld hatte, eine unwahrscheinliche
Kreuzung aus gotischem Palazzo, maurischer
Kathedrale und griechischem Eiscreme, aber ich war
ja nicht hier, um den Geschmack der oberen
Zehntausend zu beurteilen, Mister Waterson ließ
mich warten, er konnte sich das leisten, er hatte
eine Empfangshalle so groß wie das Landedeck eines
Flugzeugträgers, einen fast echten englischen
Butler, den er wahrscheinlich auf einer
Antiquitätenmesse ersteigert hatte, und mehr
Dollars als die übrige Stadt zusammen und ich war
bloß ein kleiner Fisch, mein Auto war drei Jahre
alt, mein Anzug war auch, und mein letzter
Kontoauszug war

John Bomb jagt Dr. Pop (Kriminalparodie auf Ian
Fleming) (SWF/RIAS 1971)
(Action à la 007. Aber es ist anstrengend
geworden, Null-Null zu sein. Nicht die Parties,
nicht die Mädchen - die schafft man an einem
Vormittag. Aber die Jagd. Früher hatte man es
leichter: da hat man die eine Hälfte mit dem
Sportwagen gemacht und die andere Hälfte unter
Wasser, mit dem Flugzeug, das ging auch noch. Aber
dann haben die Schurken Raketen eingesetzt, und
jetzt ist unter Raumschiffen nichts mehr zu
machen. Natürlich fängt John Bomb am Ende Dr. Pop,
fragt sich bloß, wo und unter welchen Umständen)

Was hilft gegen Vampire? (RIAS 1972)

Zwei Messer stecken, ach, in einer Brust (RIAS
1972) (Ein Werwolf-Hörspiel)
(Der Originaldatensatz von Deutschlandradio/RIAS
betitelt das Hörspiel mit „Zwei Messer stecken,
ach, in einer Brust“. Es kann natürlich sein, daß
bei der Dokumentation ein Schreibfehler
unterlaufen ist oder die Bandschachtel falsch
beschriftet war. Da Michael Koser gerne mit
Wortspielen hantiert – die Originalvorlage ist
hier wohl Goethes Faust („Zwei Seelen wohnen, ach,
in meiner Brust“) – kann es natürlich gut sein,
daß das Zitat von Koser hier entsprechend
umgewandelt wurde. Dabei machen wohl beide
Versionen („einer“ bzw. „meiner“) Sinn. Ich konnte
in den Beitrag hineinhören, leider wurde der Titel
hier nicht genannt. Inhaltlich geht es um die
Ermordung einer Prostituierten durch Jack the
Ripper. Da die Geschichte nicht aus der Ich-
Perspektive der Frau erzählt wird, macht „Zwei
Messer stecken, ach, in einer Brust“ mehr Sinn.
Das ist aber nur meine Interpretation) (Info ARD
Hörspielarchiv)

Der geheimnisvolle Fall der Weihnachtsgans (RIAS
1972) (nach Arthur Conan Doyle: Sherlock Holmes,
Der blaue Karfunkel)
(Am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages kam
ich zu Sherlock Holmes, um ihm meine Glückwünsche
zu überbringen, er lag auf dem Sofa in einem
purpurnen Morgenrock, neben sich den
Pfeifenständer und einen Stoß Zeitungen, vor der
Couch stand ein hölzerner Stuhl, über der Lehne
hing ein nicht sehr respektabel aussehender
Filzhut, er war schon ziemlich ramponiert und
hatte viele Beulen, Vergrößerungsglas und
Pinzette, die auf dem Stuhlsitz lagen, legten die
Vermutung nahe, daß Holmes bei der Arbeit war.
Hoffentlich störe ich dich nicht, sagte ich. Nicht
im geringsten, ich bin froh, die Sache mit dir
besprechen zu können. Er deutete mit dem Daumen
auf den alten Hut. Da haben wir eine ganz banale
Angelegenheit)

Ach und Krach (RIAS 1973)
(Lärm wird von der Staatsführung als notwendiges
Zugeständnis an den Fortschritt propagandistisch
kompensiert. Die Welt ertrinkt im Lärm. Die
Schwelle des Erträglichen ist schon lange
überschritten. Lärmschleusen und elektronisch
gesteuerte Schallisolierungen sind nur für die
Spitzen der Gesellschaft erschwinglich.
Untergrundkommandos bekämpfen Lärm mit Gegenlärm.
Die Mehrzahl der Bevölkerung hat resigniert. Um zu
akzeptablen neuen Ideen für den Lärmschutz zu
kommen, beschließt das Führungsgremium der
obersten staatlichen Instanz, zwei Probanden unter
dem Vorwand eines freiwilligen Berufs- und
Eignungstests auf das Problem anzusetzen. Sie,
027-41-316 W, erhält von den Testmaschinen den
Auftrag, das Thema in einem Rundfunkhörspiel zu
erörtern, er, 142-20-444 M, soll eine Maschine
oder Vorrichtung erfinden, die Lärm erträglicher
macht. Vier Wochen später kann der Versuch
erfolgreich abgeschlossen werden, daß dabei die
Rollen vertauscht wurden und er das Hörspiel, sie
die technische Verbesserung realisiert hat,
scheint unerheblich. Ihre Idee war es, die
allgemein gebräuchlichen, jedoch ineffektiven und
sozial isolierenden Ohrenschützer mit kleinen
Empfängern auszustatten, aus denen sanfte Musik
oder eine freundliche Stimme kommt. Im Gremium ist
man sich schnell einig, daß die Möglichkeiten
dieser Lärmschutz-Kopfhörer weit über die
Absichten der Erfinderin hinausreichen. Mit ihrer
Hilfe wird es gelingen, die Menschen, die sich dem
technischen Fortschritt so wenig anzupassen bereit
sind und die zwangsläufigen Begleitumstände über
Gebühr betonen, im staatlichen Sinne progressiv zu
konditionieren. Entsprechende Slogans sind bereits
ausgearbeitet. Per Gesetz könnte das Tragen der
Kopfhörer zur Pflicht gemacht werden. Dann könnte
auch das vorgelegte Anti-Lärm-Hörspiel nach
angemessener Bearbeitung über die Kopfhörer laufen
- trotz seiner radikalen Tendenzen. Denn wann
hatte verbaler Radikalismus, zumal in
künstlerischer Form, je über heilsame Abreaktion
hinausgehende, radikale Wirkung?)

Müllschlucker (SWF 1973)
(Es gibt keine Kriege mehr, die Welt ist heil, und
die unliebsamen Alten werden in den Weltraum
hinausgeschossen, wo sie die "gute alte Zeit"
verherrlichen. "Ehre das Alter, aber nicht zu
sehr, wenn du selbst alt werden willst", ist einer
der Leitsätze des weisen Boseko, Cheftheoretiker
der Neuen Ära, die einige Jahre nach dem Schock
des 3. Weltkriegs begonnen hat. Aber der
allgemeine Vorsatz, in Zukunft besser aufzupassen,
wird immer wieder gefährdet durch Leute wie Opa
17, deren Wünsche rückwärts orientiert sind und
die militaristisches und kapitalistisches
Gedankengut verbreiten. So beschließt die
Großfamilie V-97-663, es den anderen gleichzutun,
die ihre kriegslüsternen Alten auf MS 1
abgeschoben haben, den Müllsatelliten, den man zu
Beginn der Neuen Ära gebaut und in eine
Erdumlaufbahn geschossen hat. Opa 17, der sich
jetzt wieder Cäsar nennt, kommt in gute
Gesellschaft. Aber er hat ganz und gar keine Lust,
hier als einfacher Arbeiter bei einem der
Monopolisten für Altpapier, Glas oder Schrott ganz
unten anzufangen. Jeder, der einen Abfallstoff
findet, auf den noch niemand ein Monopol hat, darf
sich selbst zum Monopolisten ernennen. Wenn er
alle Herausforderer im offenen Kampf besiegt, kann
er sich in die Monopolrolle eintragen lassen,
erhält Sitz und Stimme im höchsten Gremium des
Müllplaneten und bestimmt fortan mit über die
Verteilung der lebenswichtigen Güter, die von der
Erde geschickt werden. In einem märchenhaften
Aufstieg bringt es Opa Cäsar vom Monopolisten für
Altmedikamente zum uneingeschränkten Herrscher
über den Müllplaneten. Unter dem Motto "Durch Müll
zum Sieg" fordert er von der Erde ultimativ die
Abschaffung aller Errungenschaften der Neuen Ära,
so daß man sich gezwungen sieht, den Satelliten
mit seiner zeternden Besatzung auf eine neue, für
die Erde ungefährliche Umlaufbahn abzudrängen. Die
Welt ist wieder in Ordnung. Michael Kosers Satire
zielt auf die ewig Gestrigen, nimmt aber auch die
allzu simplen utopischen Entwürfen einer
befriedeten Welt von morgen nicht aus)

Verfahren (Ein Denk-Spiel über Autos) (RIAS 1973)
(Die Zunahme der Verkehrsdichte gipfelt in einem
nicht mehr endenden Stau, der lückenlos alle
Straßen des Landes ausfüllt. Aufgrund verstärkter
Neuzulassungen ist nun auch auf einer der letzten
Bundesstraßen der Verkehr endgültig zum Erliegen
gekommen. Das Verkehrsministerium bittet
durchzuhalten, seit Eintritt der derzeitigen
statischen Situation vor zwei Jahren ist die
Regierung unermüdlich damit beschäftigt, Maßnahmen
zur Schaffung wirksamer Abhilfe zu überprüfen. Der
Automobilclub unterstreicht seine Forderung nach
neuen Straßen und empfiehlt, gelegentlich den
Motor laufen zu lassen, damit er fahrbereit
bleibt. Unter dem Wahlspruch "Mein Auto ist meine
Burg" haben sich kleine, straff organisierte
Gruppen gebildet, Autokameraden, die treu zu ihrem
geliebten vierrädigen Freund stehen. Wer träumt
nicht davon, auf menschenleeren Autobahnen frei
aufs Gaspedal zu treten, in die Sitze gedrückt zu
werden, die Bäume nur als undeutliche Schatten zu
sehen! Pünktlich um zwölf kommt der
Polizeihubschrauber zur Essen- und Postausgabe.
Wehe dem, der sein Wasser zum Trinken mißbraucht!
Es gilt, den Ruf der saubersten Autos auf der
ganzen Autobahn zu verteidigen! Das Autoradio
wirbt für Klapp-WCs und Häkelschoner fürs Lenkrad.
Im beliebten Wunschkonzert schickt die Familie
liebe Grüße an den Papa bei Kilometer 52. Im Raum
Neuwied kommt es zu Zusammenstößen zwischen
Autokameraden und einer Gruppe linker
Naturfreunde, die am Begrenzungsstreifen gegen den
Individualverkehr demonstrieren. Das
Innenministerium empfiehlt, sich durch eine
lautstarke radikale Minderheit nicht provozieren
zu lassen, Regierung und Institutionen und die
gutgesinnte Mehrheit der Bevölkerung stehen hinter
den Autokameraden. Trotz - temporärer! -
Verstopfung der Autobahnen und Bundesstraßen sind,
wie der Bundesverband der Autoindustrie
versichert, doch noch eine ganze Reihe von Straßen
zweiter Ordnung und Feldwegen unbesetzt, was
bedeutet, daß die Straßenkapazität im großen und
ganzen gesehen bei weitem noch nicht erschöpft
ist, und das heißt: weitermachen und noch mehr
leisten zum Wohl des Ganzen)

Yeti in Dichtung und Wahrheit (RIAS 1973)
(Hörfolge aus dem sagenhaft-phantastischen Sujets
um Professor Kolimowski, der unbekannten
Phänomenen nachspürt und wiederholt ungewöhnliche
Begegnungen hat)

Dies Blutbild ist bezaubernd schön (Ein Vampir-
Hörspiel) (RIAS 1973)
Amsterdam, 17. Mai, 6 Uhr 15, in einer halben
Stunde wird Prof. Vandenburg bei mir erscheinen,
der international angesehene Experte auf dem
Gebiet der okkulten Wissenschaften, er hat
versprochen, mir meinen ersten Vampir vorzuführen,
ich bin gespannt. Wir sind da, Vorsicht, das ist
der Sarkophag, fassen Sie mit an, der Deckel ist
schwer, sie haben doch das Kruzifix bei sich und
den Knoblauch. Natürlich, im Sarg liegt ein
älterer Mann, er wirkt entspannt, ruhig, als ob er
schläft, ich habe das Gefühl, daß er mich durch
die Wimpern hindurch beobachtet, seine
Gesichtsfarbe ist ich würde sagen ausgesprochen
gesund, die Lippen nein das ist geronnenes Blut in
den Mundwinkeln, und dann zwei dunkle Linien bis
zum Kinn

Von rechts nach links: Super Tarzan Special Agent
Love Story Space Captain Lonesome Gun (Ein
utopisches Hörspiel) (RIAS 1974)
(Totalidentifikation als Unterhaltungsangebot
eines elektronischen Massenmediums, das selbst
systemkritische Ansätze zum konsumierbaren
Programmbestandteil macht. Im Rahmen des
allmonatlichen Inside-Programms für Outsider
gewährt die Kult AG Einblicke in Produktionsweisen
und demonstriert, wie mit Hilfe des
Programmcomputers aus vorgegebenen Versatzstücken
eine Vielzahl von Unterhaltungsprogrammen montiert
werden, die nach Passieren der elektronischen
Zensur mit Werbespots angereichert und im Stimu-
Sender gespeichert werden, von wo aus sie zu Hause
am Identi-Stimulationsset mit Hilfe des
Programmwählers jederzeit abgerufen und durch
Stimulierung entsprechender Gehirnzentren als
induktive Halluzination erlebt werden können. Die
Programminhalte freilich sind die gleichen wie in
der Vor-Kult-Zeit: starke Männer, die für Recht
und Gesetz kämpfen, Abenteuerfrische, der Duft der
großen weiten Welt, Geschichten, die das Leben
schrieb, unermeßliche Gefahren in Raum und Zeit.
Doch in den Reihen der Programmierer wird
Unzufriedenheit laut. Sie wollen andere Sendungen
machen, das übersättigte Publikum aktivieren, ihn
die dauernde Fremdbestimmung bewußt machen. Mitten
ins laufende Programm hinein fordern sie dazu auf,
den Gehorsam zu verweigern, Widerstand zu leisten,
eigene Entscheidungen zu treffen. Aber Kult AG
weiß auch die Äußerungen der Rebellion für ihre
Zwecke nutzbar zu machen. Die Teilnehmer können
identifiziert bleiben. Alles ist unter Kontrolle.
Denn was da live miterlebt wurde, ist nicht der
Versuch eines kulturrevolutionären Umsturzes,
sondern ein gut arrangiertes Spezialprogramm für
progressive Minderheiten aus der kombinierten
Serie: The Great Red Hope - Kulturrevolution.
Michael Koser demonstriert, inwieweit Kritik, als
Spiel konsumierbar gemacht, nicht mehr geäußert zu
werden braucht, Protest und Widerstand aus zweiter
Hand den Einzelnen von seiner Verpflichtung zum
Engagement entbinden, statt sie ihm bewußt zu
machen, wobei der Autor seine eigene Arbeit
selbstkritisch in die gleiche Perspektive rückt.)
(Der Autor entwirft keine unverbindlichen
utopischen Zukunftswelten, sondern bezieht sich
konkret auf gegenwärtige Mißstände unserer Welt.
Hier nimmt er satirisch den Zustand heutiger
Massenkommunikationsmittel und ihr Angebot an
Unterhaltungssendungen aufs Korn. "Kult AG",
computergesteuert, Massenmedium der Zukunft,
beliefert ein gelangweilt-williges Publikum noch
immer mit den bekannten Geschichten: Tarzan,
Special- Agent, Lonesome Gun, Weltraum-Krimis etc.
Ein paar Mitarbeiter der "Kult AG" tun sich jedoch
zusammen, um wider den Stachel zu löcken, wollen
ihr Publikum zum Widerstand aktivieren. Doch die
Äußerungen der Rebellion weiß "Kult AG" für ihre,
für unsere Zwecke nutzbar zu machen)

Heil im Siegerkranz - Satire auf den Geist der
Gründer (RIAS 1975)
(Sprecher, Rolle/Funktion: Inge Wolffberg:
Winnetou, Wilhelmine Buchholz, Gert Haucke: Old
Shatterhand, May Karl, Kara Ben Nemsi alias Karl
Friedrich May, Hubertus Bengsch:
Comanchenhäuptling, Onkel Fritz, Professor, Helmut
Krauss: Red Batman, Arbeiter, Hadschi Halef Omar,
Peter Schiff: Tramp, Zarathustra, Diener, Dr.
Stinde, Barde)

Jahrmarkt der Vergangenheit. Heute wars - Satire
auf das Gestern von morgen (RIAS 1975)
(Das Hörspiel „Heute war’s – Satire auf das
Gestern von morgen“ aus dem Jahr 1975 erschafft
eine Welt im Jahr 2020: Es gibt nur noch einen
Staat auf der Welt, die Menschen leben in großen
Superstädten unter Plexiglas. Und sonst? Alles ist
möglich, auch, daß Gegenwart und Zukunft so
aussehen wie in diesem Hörspiel – so zumindest das
Resümee des Autors Michael Koser)

Ping-Pong zur Ming-Zeit (Erotische Erzählung aus
dem alten China) (RIAS 1977)
Kennen Sie Kung Fu, kennen Sie Mao Tse Tung, aber
kennen Sie auch Ming Ping Pong? Ming Ping Pong ist
kurz gesagt nichts anderes als eine Abkürzung bzw.
Kurzfassung des Titels dieser unserer Sendung,
welcher in voller Länge lautet wie folgt: Ping-
Pong zur Ming-Zeit, erotische Erzählungen aus dem
alten China. Das Manuskript schrieb Michael Koser.
Aber was, werden Sie nun fragen ist Ping Pong zur
Mingzeit, eigentlich um ganz ehrlich zu sein, nur
der etwas reißerische Titel für eine Sendung über
einen wichtigen Abschnitt der chinesischen
Literaturgeschichte, mit Körperkultur oder gar
Leistungssport hat unser Thema höchstens im
übertragenen Sinne zu tun... steht und fällt mit
dem Text, dem Wort. Fönis war

Loch Ness (RIAS 1977)
(Yeti, Loch Ness und UFOs sind Hörfolgen aus dem
sagenhaft-phantastischen Sujets um Professor
Kolimowski, der unbekannten Phänomenen nachspürt
und wiederholt ungewöhnliche Begegnungen hat)

Ufos (RIAS 1978)
(Ein Kontakt mit Außerirdischen enthüllt das
Mysterium des Ursprungs der menschlichen Rasse.
Professor Kolimowski, prominenter Anthropologe,
Zoologe und Physiker, Entdecker des sagenhaften
Yeti und Konstrukteur einer leider noch nicht voll
funktionsfähigen Zeitmaschine, wird seit einem
Jahr vermißt. Alles deutet darauf hin, daß er bei
einem Tauchversuch auf der Suche nach dem
Ungeheuer von Loch Ness Opfer seines
Forschungsdrangs geworden ist. Doch dann gibt es
ein überraschendes Lebenszeichen in Form dreier
von ihm persönlich besprochener Tonbandkassetten,
die nach Aussage eines ostfriesischen Bauern von
einer fliegenden Untertasse über seiner Wiese
abgeworfen worden sein sollen. Die allem Anschein
nach authentischen Tondokumente enthalten die
unglaublichen Schilderungen des Wissenschaftlers,
der von einem unbekannten Flugobjekt entführt
wird. Mit einem ad hoc aus Teilen seines
Fotoapparats konstruierten Universal-Translators
gelingt es ihm, mit den Außerirdischen in
Kommunikation zu treten. Sie kommen von der Vega
und bringen ihn geradewegs in das geheime
galaktische Hauptquartier am Grund des Bermuda-
Dreiecks. Hier, in der Tiefe des Ozeans, steht er
einem der weisen UFO-Lenker aus galaktischen
Fernen gegenüber und erhält Aufschlüsse über
Vergangenheit und Zukunft der Menschheit. Vor zwei
Millionen Jahren hatten böse Reptilien vom
Aldebaran auf der Erde den Keim für die
menschliche Rasse gelegt, um dereinst über willige
Söldner in ihrem Geiste zu verfügen. Das Imperium
von Aldebaran existiert nicht mehr, aber seither
behalten die Veganer den von jenen geschaffenen
Vorposten im Auge. Werden die Menschen
hoffnungslos dem Bösen verfallen oder sind sie
noch für das Gute zu retten? Sollen sie eine
letzte Chance erhalten oder exterminiert werden?
Eines ist sicher: in einer zweiten Sintflut wird
es keinen Noah mehr geben)

Das Geheimnis von Craven-Hall (RIAS 1978) (nach
Catherine Louisa Pirkis: The Murder at Troytes
Hill)
Versetzen Sie sich nun im Geiste zurück, um ein
gutes dreiviertel Jahrhundert, in die Zeit der
Gasbeleuchtung und der Pferdedroschken und folgen
sie mir in das Gerichtsgebäude einer kleinen
englischen Stadt, wo gerade eine Totenschau
abgehalten wird, ein Mord hat stattgefunden. Und
dann sahen Sie die Leiche. Jawohl euer Ehren, ich
erblickte den dahingeschiedenen in seinem Blute
liegen, inmitten dieser chaotischen Umgebung, es
war abscheulich, wenn ich mir diesen starken
Ausdruck gestatten darf. So, und was taten Sie
dann? Ich sagte oh! Oh? Jawohl euer Ehren, oh, ich
erinnere mich genau. Und dann? Äh, dann dachte ich
nach. In der Tat, und? Ich äh ich dachte also
nach, etwa 2 Minuten, würde ich sagen, dann

Die Iden des März (RIAS 1981) (Carl Martell:
Report vor Ort - Sensationen von gestern für Leute
von heute)

Die Wikinger in Vinland (RIAS 1981) (Carl Martell:
Report vor Ort - Sensationen von gestern für Leute
von heute)

Schmetterling mit Hakenkreuzen (BR 1981) (nach
Philip K. Dick: The man in the high castle)
Tschuang Tse träumt, er sei ein Schmetterling, er
fliegt dahin, flattert mit den Flügeln und freut
sich, plötzlich wacht er auf und erkennt, er sei
Tschuang Tse, ist er nun Tschuang Tse, der
träumte, er sei ein Schmetterling, oder ist er ein
Schmetterling, der träumt er sei Tschuang Tse,
ahaha, wer kann das sagen, ich bin Melville
Abendsen, geboren 1918, als der erste Weltkrieg zu
Ende ging, im zweiten Soldat, Guadalcanal, Midway,
Guam, bei Iwojima verwundet, Besatzer auf Okinawa
bis 1946, ich bin Schriftsteller, ich schreibe
Science Fiction, ich äh habe eine Idee im Kopf,
eine Geschichte, die nicht in der Zukunft spielt,
die gegenwärtig ist, zeitgenössisch und doch nicht
von dieser unserer Zeit, ich will gewissermaßen

Zwei Leichen im Orient-Express (nicht gesendet)
(profvandusen.com)
Guten Morgen, Professor, wachet auf, wachet auf,
es krähte der Hahn, Morgenstunde hat bekanntlich
Gold im Munde. Wie spät? Sieben Uhr durch,
Professor, und die Sonne scheint. So, geben Sie
mir mein Notizbuch. Sagten Sie Notizbuch? Ja doch,
gestern abend, kurz vor dem Einschlafen, hatte ich
einen höchst interessanten Gedanken im
Zusammenhang mit meiner atomaren Strukturtheorie,
von der Sie ohnehin nichts verstehen, da, auf der
Ablage, etwas schneller, wenn ich bitten darf.
Bitte sehr, Professor. Fällt Ihnen nichts auf,
Professor? Nein. Und heute nacht haben Sie auch
nichts gemerkt? Wie Sie wissen, mein lieber Hatch,
erfreue ich mich eines gesegneten Schlafes, auch
auf Reisen, was ist geschehen? Sehen Sie

Das schaudererregende Abenteuer im Orient-Express
(WDR 1982)
Guten Morgen Homes, früh im Bett und früh heraus
glaube mir das zahlt sich aus. Was ist die Uhr.
Präzise 7 mein lieber Homes und die Sonne scheint.
So geben sie mir mein Spritzbesteck. Aber Homes
sie haben doch versprochen. Verschonen sie mich
mit ihren spießbürgerlichen Moralpredigten was
wissen sie schon davon wie sehr ich meine 7%Lösung
brauche, da auf der Ablage nun geben sie schon
her. Wenn sie darauf bestehen. Ja. Fällt ihnen
nichts auf Homes. Nein. Und heute nacht haben sie
auch nichts gemerkt. Wissen Sie mein lieber Watts
ich erfreue mich selbst auf Reisen eines passablen
Schlafes, was ist geschehen. Werfen Sie einen
Blick aus dem Fenster. Ah wir stehen. Sehr
scharfsinnig, 7 Uhr sollten wir nicht schon seit
Stund

Im Wald, da sind die Räuber (RIAS 1982) (Carl
Martell: Report vor Ort - Sensationen von gestern
für Leute von heute)

Festgemauert in der Erden (RIAS 1982) (Carl
Martell: Report vor Ort - Sensationen von gestern
für Leute von heute)
(Meine Damen und Herren. Heute meldet sich wieder
"Report vor Ort" - mit Sensationen von gestern für
Leute von heute. Carl Martell will mit der Sendung
"Festgemauert in der Erden" einen historischen
Ablauf von den Feierlichkeiten des Turmbaus zu
Babel geben. Wir wünschen gute Unterhaltung!)
(Anmoderation)

Die lange Nacht des jungen Werthers (RIAS 1982)
(Michael Koser: Report vor Ort - Sensationen von
gestern für Leute von heute)

Der Weltuntergang findet nicht statt (RIAS 1982)
(Carl Martell: Report vor Ort - Sensationen von
gestern für Leute von heute)

Als die Römer frech geworden (RIAS 1983) (Carl
Martell: Report vor Ort - Sensationen von gestern
für Leute von heute)

Film Noir (DLR 2000)
Keine Fotos, keine Fotos, bitte, keine Kameras,
lassen Sie den Mann doch in Ruhe, und keine Fotos,
hören Sie bitte auf zu fotografieren, machen Sie
Platz... Als ich Malibu Beach erreichte, war der
Regen noch stärker geworden, Blitze zuckten über
den Nachthimmel wie der Widerschein fernen
Artilleriefeuers, ich hielt, fünf Minuten vor elf,
ich war pünktlich, die Straße war leer, bis auf
einen einsamen Buick weiter vorn an der Biegung,
unter einer windgeschüttelten Palme, und bis auf
Arnolds Cadillac natürlich, er hockte vor dem
Strandhaus wie eine riesige Kröte, ich hätte in
guter Stimmung sein sollen, aber mein Gemüt war
fast so dunkel wie der Himmel, Schatten der
Vergangenheit oder eine Vorahnung an diesem
verregneten Abend

Die Alzheimergang (DLR 2002)
Ich soll die Story erzählen, das haben Garbo und
Harald und Hildchen so beschlossen, ich weiß nicht
wie ich das finde, klar ich gehör auch zur
Alzheimergang, bloß irgendwie doch nicht so ganz
richtig, weil ich bin erst 19 und Alzheimer ist
noch weit hoffe ich mal, aber wenn die anderen
unbedingt wollen, okay. Hören Sie sich das mal an:
gerade im Bereich der Seniorenpolitik, sagte Dr.
Waldhorn, muß sich sehr viel ändern, unseren
älteren Mitbürgern, sagen wir es doch ganz
deutlich, geht es zu gut. Was zu gut? Ja. Der
spinnt, der Waldhorn. Och, vielleicht hat seine
Mutter ja recht. Der Sie immer die Karten legen,
Hildchen, ja, und was sagt die alte Isolde
Waldhorn. Sie sagt, ihr Sohn sei ein,
entschuldigen Sie den Ausdruck, ein

Die Schule der Glücksritter (DLR 2004) (geplant
als Cocktail für Zwei: Chicago Flip)
Pittsburgh, hier Pittsburgh. Der Pennsylvania
Special rollte gerade ein, als ich den Bahnsteig
betrat, ich fror ohne Hut und Mantel, der
Schneeregen der Dezembernacht hatte mich
durchnäßt, die Tasche war so schwer und ich wurde
verfolgt, während ich am Zug entlang hastete, sah
ich mich um, da kamen sie, zwei große Männer in
dunklen Mänteln und klobigen Schuhen, in Panik
stieg ich in den nächsten Wagen, ein Pullmansalon
mit Privatabteilen und lief den Gang entlang,
fängt ja gut an das neue Leben, dachte ich,
plötzlich öffnete sich die Tür neben mir, eine
Hand packte mich, zog mich ins Abteil. Legen Sie
sich ins Bett schnell. Meine Tasche. Die
verstecken wir unterm Bett, cava unter die Decke
Mademoiselle wickeln sie sich


Weitere Informationen zu den Hörspielen gibt es im
Hörspielarchiv im Internet unter:
https://hoerspiele.dra.de/

Raymond Chandler: Heißer Wind (BR 1966)
Es war ein unerquicklicher Abend, der Wüstenwind
fegte durch Los Angeles, einer jener heißen
trockenen Santa Anas, die durch die Gebirgsgpässe
der Sierra Nevada herunterstürmen, einem das Haar
kräuseln, an den Nerven zerren und auf der Haut
jucken, an Abenden wie diesem artet die
friedlichste Bierrunde gern in eine wilde
Schlägerei aus, ich saß in der Kneipe im Haus
gegenüber, der junge Mann hinter der Theke sah
aus, als ob er noch nie in seinem Leben einen
Schluck zuviel getrunken habe. Ihr Bier bitte.
Danke. Hoffentlich ist es zu ihrer Zufriedenheit
eingeschenkt. Ganz famos sogar, sie haben das
Lokal erst vor kurzem eröffnet, nicht wahr. Vor
knapp zwei Wochen, sie waren doch schon einmal
hier, nicht. Ja, stimmt
...
Dashiell Hammett: Das Haus in der Turk Street (WDR
1974)
Mein Name ist Tracy, dh. es ist einer von vielen
Namen, die ich mir zugelegt habe im Lauf der
Jahre, ich gehöre zu den Leuten, die am liebsten
incognito reisen der Not gehorchend, wenn sie
wissen was ich meine, ich könnte auch sagen es
gehört ganz einfach zu meinem Beruf unter falscher
Flagge zu segeln, also ich nannte mich Tracy an
dem Tag, von dem hier die rede ist und ich war
hinter einem jungen Mann her in San Francisco, er
war seinen Eltern davongelaufen, sein Vater war
Bürgermeister in Tacoma, einem kleinen Nest in
Colorado, ich sollte den verlorenen Sohn
aufstöbern und zur Heimkehr bewegen, möglichst
diskret, keine sehr dankbare Aufgabe für einen
Detektiv, aber es lag gerade nichts anders vor,
der junge Mann
...
Ross Macdonald: Schwarzes Blut (WDR 1993)
(An einem Mittwochnachmittag flog ich von Mazatlan
nach Hause, während des Landeanflugs auf Los
Angeles sah ich aus der Mexicana-Maschine zum
ersten Mal den Ölfleck auf dem Meer, wie ein
unförmiger Teppich, einige Kilometer breit und
etliche Kilometer lang, bedeckte er das blaue
Wasser vor Pacific Point, unweit der Küste ragte
eine Bohrinsel auf wie der Metallgriff eines
Dolches, in den Bauch der Erde gerammt, damit sie
schwarzes Blut verströme, der mexikanische
Flugbegleiter schritt durch den Gang, um zu
prüfen, ob wir alle zum Landen bereit waren, ich
fragte ihn, was mit dem Meer passiert sei. Der
Latino gestikulierte und zuckte nur die Achseln,
als erübrige sich die Frage von alleine angesichts
des)
...
Leo Malet: Die Brücke im Nebel (SWF 1989)
Mein Wagen war in der Inspektion, also nahm ich
die Metro ins 13. Arrondissement, hätte mir auch
ein Taxi leisten können, aber bis Weihnachten war
es noch eineinhalb Monate, außerdem nieselte es
hundsgemein, und dann lösen sich die Taxis in
Paris bekanntlich in Luft auf, laufen einfach ein,
sobald sie vom ersten Tropfen naß werden, ich nahm
also die Metro, setzte mich ins 1.Klasseabteil der
Linie Eglise de Pantin - Place dItalie und las
noch mal diesen mysteriösen nach billigem Parfüm
riechenden Brief, lieber Genosse, ich wende mich
an dich auch wenn du flic geworden bist, aber du
bist anders als die anderen flics und außerdem
kenne ich dich von klein auf, ein Scheißkerl hat
ne Schweinerei vor, komm zu mir ins
...
Michael Lewin: Der stumme Handlungsreisende (SDR
1998)
Krimizeit aus Studio13: Gut Mr Samson, ich lese
ihnen den Text noch mal vor. Schießen sie los.
Detektiv zum Spartarif in Großbuchstaben. Ja. Bei
Auftragserteilung bis 31. August 10% Rabatt auf
alle privaten Ermittlungen auch in
Scheidungsangelegenheiten. Finden sie 10% genug.
Bitte. Genug Rabatt, würden sie dafür ihre
Scheidung vorantreiben. Ich, ich bin nicht
verheiratet. Naja aber wenn sies wären. Also.
Schreiben sie 20%. Ok also 20%. Und die Anzeige
ist morgen drin. Ja Sir, ab morgen eine Woche
lang. Ich hoffe der Aufwand lohnt sich. Ja das
hoff ich auch. Nicht daß ich kurz vor der Pleite
stand, ich doch nicht, es ging um etwas anderes,
meine Tochter hatte mir geschrieben daß sie mich
besuchen wollte, ich hatte sie
...
Jim Thompson: Gefährliche Stadt (NDR/SWF 1996)
...Ich fasse also zusammen Mr Handler, sie haben
einen Freund, einen alten, aus der Zeit als sie
Wildcatter waren und nach Öl gebohrt haben, und
dieser Freund hat es genau wie sie geschafft, er
ist die Treppe raufgefallen. Sie wissen so gut wie
jeder hier, daß mich das Öl 40m durch die Luft
gewirbelt hat und daß ich deswegen nicht mehr
laufen kann. Entschuldigen sie Mr Handler, ihr
Freund sitzt also nicht im Rollstuhl aber er ist
genau wie sie mit einer vielzu hübschen, mit einer
viel zu jungen Frau verheiratet und die möchte
jetzt so langsam ihr erbe antreten. Das glaubt er
zumindest, ja. Aber ihr Mann stirbt nicht und sie
hat bisher noch nichts unternommen um seinen Tod
zu beschleunigen, die Frage ist also was soll er
machen
...
Cornell Woolrich: Der Mann gegenüber (HR/SWF 1993)
Er ist tot. Ja. Ja, etwas mehr müssen Sie schon
sagen, unter Ihrem Fenster liegt ein toter Mann
und alles was sie sagen ist ja, wer ist der Mann.
Er wohnt gegenüber, er hat seine Frau umgebracht.
Was. Er hat seine Frau umgebracht, vorgestern,
vorgestern nacht. Er hat seine Frau umgebracht,
woher wissen sie das, haben sies gesehen. Nein,
aber ich weiß es, er wollte mich auch umbringen.
Aber er ist doch tot, nicht sie. Das ist mir auch
lieber so. Also jetzt passen sie mal auf, vor
genau, moment, vor genau 16 Minuten bekommen wir
einen Anruf daß aus diesem Fenster hier ein Mann
auf den Hof gestürzt ist, jemand rief an und
sagte, ich habe gerade gesehen wie jemand aus
einem Fenster im 3. Stock gestürzt ist, wir
stellen noch ein
...
Ed McBain: Stirb Kindchen stirb (BR/WDR 1992)
Kriminalhörspiel aus dem 87. Polizeirevier: Mit
Detective Steve Carella dem gründlichen. Nochmal
von vorne, Minute für Minute, also du steigst die
Feuerleiter runter, was siehst du, was hörst du,
ich will alles wissen. Detective Bert Kling dem
Knallharten. Oh mann als Cop bist du hier nur das
Arschloch. Detective Meyer Meyer dem gemütlichen.
Ich hab hier ne Hundemarke, Detective Meyer wau
wau. Der aber auch anders kann. Hörmal zu du
Kinderschänder, du verschaffst mir den
Aufenthaltsort von Martin Proctor oder ich laß
dich hochgehen, ist das klar. Und Detective Ollie
Weeks dem Witzbold. Und denk an die vier großen W,
nach dem wo und dem was jetzt das wer und vor
allem das wie, hehehe. Happy New Year, Leute
...
James M. Cain: Der Postmann klingelt immer zweimal
(HR 1994)
Gegen mittag warfen sie mich vom Heuwagen, ich war
am abend zuvor aufgesprungen, unten an der Grenze,
sackte gleich ab, ich war hundemüde nach den 3
Wochen in Tijuana und als sie hielten, um den
Motor abzukühlen, sahen sie meinen Fuß
herunterhängen, immerhin sie gaben mir noch eine
Zigarette. Sag mal Chef ist nicht zufällig einer
in nem hellgelben Cadillac vorbeigekommen. Ich
machte mich auf die Socken, um was eßbares
aufzutreiben. Heute. Ja. Und so kam ich zu dir
Cora nach Twin Oaks. Heute nicht, willst du was
essen, tja ich kann ja schon mal anfangen also
Orangensaft, Cornflakes, Spiegeleier mit Speck,
Enchiladas, Pfannkuchen und Kaffee. Die
Spiegeleier kommen sofort. Eins muß ich dir gleich
sagen
...
Mickey Spillane: Ich, der Richter (WDR 1999)
New York im Jahre 1950, schöne Frauen, harte Kerle
und große Kaliber, das ist die Welt des berühmt-
berüchtigten Privatdetektivs Mike Hammer, der
gnadenlos wie ein schwarzer Ritter durch den
Dschungel der Großstadt streift. Niemand sagte
etwas, als ich das Zimmer betrat, sie wichen
beiseite und ich spürte, wie ihre Blicke auf mir
lagen, Chiefdetective Pat Chambers deutete auf die
Schlafzimmertür. Dort drin, Mike. Dort drin, dort
drin lag mein bester Freund tot auf dem Boden, der
beste Freund, den ich jemals hatte. Hast du den
Stuhl verschoben, Pat. Nein, warum. Normalerweise
steht der Stuhl neben dem Bett. Auf dem Stuhl lag
seine 38er Pistole, es war klar, wie es sich
abgespielt haben mußte. Der Mörder hat den
...

Walter Netzsch, Peer Frank Günther, Henri Pierre
Cami: Grieminahles: Drei Mal Hochspannung für
Narren (Der Nuggetkiller etc.) (BR 1955)
Achtung, vergessen sie nicht Nerven und Antenne zu
erden, ziehen sie ihr dickstes Fell an, sichern
sie ihr Radiogerät gegen Bewerfen mit
Aschenbechern und Schuhen, wir fangen an. Sie
hören zuerst das Opfer oder der Nuggetkiller, eine
atemberaubende Angelegenheit. Tick tack, tick
tack. Du Weibi. Ja. Zucker ist wieder keiner da.
Tu ihn halt raus, du mußt ja nur hinlangen, das
Buffet ist ja hinter dir. Ja der gehört an Tisch
und net ins Buffet. Wenn er aber net am Tisch ist,
ist er im Buffet. Was ist denn jetzt des, wenn
mans Buffet aufmacht, dann spielts Radio. Ja das
hat der Onkel Franz neulich schon gesagt, irgendwo
muß in der Wohnung ein Kurzschluß sein. Ah drum
ist vorhin wie ichs Radio aufdrehen wollt der
Staubsauger gegangen
...
Rolf und Alexandra Becker: Dickie Dick Dickens (BR
1957)
Wir erzählen Ihnen die Geschichte von Dickie Dick
Dickens, dem gefährlichsten Mann, den die
Unterwelt Chicagos je ausgespuckt hat. Dickie Dick
Dickens, gefürchtet, verachtet, gehaßt, ein
Ausgestoßener, und doch, hat nicht auch er
beigetragen der herrlichen Millionenstadt ihren
geheimnisvollen Glanz zu geben. Das war die
herrliche Millionenstadt. Hier verlebte Dickie
Dick Dickens 68% seines sensationellen Lebens, die
restlichen 32% verbrachte er in Sing Sing, der
modernsten Strafanstalt der Staaten, es war ein
heißer Julitag im Jahre 1924. Chicago, sowieso ein
heißes Pflaster, brütete unter den brennenden
Strahlen der unerbittlichen nordamerikanischen
Sonne, die Stadt war gewissermaßen in Schweiß
gebadet, an jenem Tag
...
Erwin Weigel: Wer ist der Täter? (Kriminalfälle
zum Mitraten) (BR 1981-2002) Donnerstag abend:
Krimitermin in Bayern 2. Wer ist der Täter?
Welcher Täter? Der Gärtner... Der Täter ist der,
der den Mord begangen hat. Ich bin derselben
Meinung wie der Herr. Keine Ahnung... Wer ist
bitte der Täter? Der Gärtner. Der Chauffeur. Ich
kann leider keine Auskunft geben, da ich
Angestellter des Bayerischen Rundfunks bin... Ja,
da muß ich aber sehr überlegen, nein, das könnt
ich nur meditativ, aber ich bin jetzt gerade nicht
in der Verfassung, meditativ zu sein, es tut mir
furchtbar leid. I net
...
Florian Pauer nach Motiven von Edgar Wallace: Der
Joker (SWF 1988)
Guten Morgen, Ann. Ich darf Sie darauf hinweisen,
daß es bereits viertel vor elf ist, haben Sie
verschlafen, Inspektor? Und wenn es so wäre, ist
Sir John schon da? Allerdings. Ann Pattison, ist
Higgins endlich da? Ja, Sir John, er ist soeben
gekommen. Dann schicken Sie ihn sofort rein. Ja,
Sir John. Sehen Sie, er wartet bereits seit zwei
Stunden auf Sie, und wenn ich Ihnen einen guten
Rat geben darf, dann seien Sie heute freundlich zu
ihm, er ist nämlich gestern zum dritten Mal bei
der Fahrprüfung durchgefallen und hat eine
fürchterliche Laune. Ja, wie gewöhnlich, also dann
werde ich mich mal in die Höhle des Löwen wagen.
Guten Morgen, Sir. Ah, da sind Sie ja endlich
Higgins, guten Morgen, ja, jetzt beantworten Sie
mir einmal
...
Simone Schneider: Roter Stern (BR/SFB 1992)
Liebste Lilina, 50.000 Tonnen schwer und höher als
das Warenhaus Die Welt des Kindes in den Himmel
über Moskau ragt, Lilina, mein erster
Wolkenkratzer naht, vor den Ufern Sewastopols
schwimmt New World New York, zwei Klassen und zwei
Schornsteine, bunt geflaggt zu Blasmusik auf
schwarzem Meer tanzt Roter Stern, pack deine
Tränen in einen Sack und schick Sie mir nach
Amerika, Ozean der Fanatiker, reißt sich die blaue
Bluse auf, um mich in eine andere Welt zu
schaukeln, Lilina, adieu, dein Hündchen. Wladimir
auf dem Weg in seine Bordkabine. Tief ist der
Ozean. Der Ozean ist eine Sache der Vorstellung.
Was unterscheidet ein Ufo von einer schwebenden
Ikone? In Moskau setzt man ganze Häuserblöcke auf
...
Shirley Jackson: Das Haus (BR 1994)
Institut für Parapsychologie Dr. John Montague,
sehr geehrte Mrs Vance, sie kennen meinen Namen
wahrscheinlich nicht, ich bin Wissenschaftler und
dennoch oder gerade deshalb hat mich die
Erforschung sog. übersinnlicher Phänomene immer
beschäftigt, im Augenblick habe ich die
Möglichkeit im Rahmen eines Forschungsprojekts
einem immer noch skeptischen und überheblichen
Kollegenkreis einen konkreten Zusammenhang
zwischen Psychologie und Parapsychologie
experimentell zu demonstrieren. Dr Montague, ist
das überhaupt sein richtiger Name. Es gibt einen
Dr John Montague, Dr der Philosophie und
Anthropologie, Promotion in Oxford 1950. Das
klingt doch alles ziemlich unseriös. Ein
Forschungsprojekt und
...

Jack Ritchie: Der Mitternachtswürger (BR 1992)
Ich frage sie, was hatten sie in der Tiefgarage zu
suchen Mr. Turnbuckle, Henry Turnbuckle,
Privatdetektiv und nicht schwerhörig, Mrs Homa
Schleidel hatte Grund zur Annahme, daß ihr Gatte
nicht wie er behauptete, jeden Donnerstag abend im
Kegelclub verbringt, er suchte in der Tat heute
nicht diesen Ort auf, sondern das Hinterzimmer des
Buchhandels nur für Erwachsene, wo er 1 Stunde und
23 Minuten bei einer Filmvorführung verweilte,
gegen 21 Uhr 45 befand er sich dann auf dem Weg
zurück zu seinem Wagen wo ich ihm meinem Auftrag
gemäß unauffällig folgte, in der Tiefgarage
richteten sich plötzlich ein halbes dutzend
Taschenlampen auf meine Person, und mir wurde
dringend geraten, keinen Mucks zu tun sonst
...
Henry Slesar: Genau die richtige Art von Haus (WDR
1965)
Dadadabadada, hu-la… Sally. Hu-la, lalala...
Sally, bitte hören Sie gefälligst mit dem Geplärre
auf, das macht einen ganz krank. Ja, Mr. Hacker.
Machen Sie mal ein Fenster auf, die Luft ist ja
zum schneiden. Das kommt von Ihrer Zigarre, Mr.
Hacker. Reden Sie nicht, reden Sie nicht, bedienen
Sie lieber das Telefon. Ja, Mr. Hacker, hier
Maklerbüro Hacker… ja… ja… bei 30 Grad im
Schatten, nein, nein, Idiot. Sind Sie immer so
höflich zu meinen Kunden? War kein Kunde. Wer
war’s denn? Heizölfirma. Was wollte die denn? Öl
verkaufen. Was, Heizöl bei der Hitze, Idiot. Hab
ich doch gesagt, hida...badadada... Ein fremder
Wagen. Häh? Fährt ganz langsam, sehen Sie mal, New
Yorker Nummer dem gelben Rechteck nach zu
...
Ray Bradbury: Ein langer Weg nach Hause (NDR/SDR
1989)
Es war ein langer heißer Tag gewesen, die
Rechenmaschinen im Büro hatten gesungen wie
Millionen metallischer Grillen, ein schrecklicher
Tag, Mr Sternwall hatte mich angebrüllt, ich hätte
Sternwall am liebsten umgebracht, eines Tages
dachte ich auf dem Nachhauseweg, eines Tages wirst
du diesen Mr Sternwall vom 10. Stock aus dem
Fenster werfen, mein Herz ratterte wie eine aus
dem Tritt geratene kaputte Rechenmaschine als ich
endlich vor der Wohnungstür stand, was hatte doch
der Doktor gesagt, ihr Herz hat ein bißchen Ruhe
nötig, gönnen sie sich einen Urlaub, Urlaub, es
war völlig unmöglich mit Lydia über Urlaub zu
reden, jedes Mal wenn ich auf mein Herz zu
sprechen kam, klappte ihr Mund zu wie eine Falle,
nein, hinter der
...

Weitere Informationen zu den Hörspielen gibt es im
Hörspielarchiv im Internet unter:
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Michael Koser: Tote singen nicht (Kriminalparodie)
(auf Raymond Chandler) (RIAS/SWF 1971)

Phil Marlin: Das Haus war der gemeinsame Alptraum
eines größenwahnsinnigen Architekten und eines
Bauherrn, der zuviel Geld hatte, eine
unwahrscheinliche Kreuzung aus gotischem Palazzo,
maurischer Kathedrale und griechischem Eiscreme.
Aber ich war ja nicht hier, um den Geschmack der
oberen Zehntausend zu beurteilen. Mister Waterson
ließ mich warten. Er konnte sich das leisten, er
hatte eine Empfangshalle so groß wie das Landedeck
eines Flugzeugträgers, einen fast echten
englischen Butler, den er wahrscheinlich auf einer
Antiquitätenmesse ersteigert hatte, und mehr
Dollars als die übrige Stadt zusammen, und ich war
bloß ein kleiner Fisch, mein Auto war drei Jahre
alt, mein Anzug war auch, und mein letzter
Kontoauszug war das Papier nicht wert, auf dem er
gedruckt stand.

Waterson: Sie sind mir empfohlen worden, Mister
Marlin und ich habe Sie aus Los Angeles kommen
lassen, weil es in unserer sauberen kleinen Stadt
keine Privatdetektive gibt.
Marlin: Bourbon on the rocks.
Waterson: Bitte?
Marlin: Sie haben vergessen, mir was anzubieten,
oder gibt es in Ihrer sauberen kleinen Stadt auch
keinen Alkohol?
Waterson: Ich glaube nicht, daß mir Ihr Ton
gefällt.
Marlin: Den kriegen Sie gratis, ich koste 100
Dollar pro Tag plus Spesen, dafür bekommen Sie
einen verhältnismäßig unbestechlichen Detektiv,
der regelmäßig zum Friseur geht und sich dreimal
am Tag die Hände wäscht, wenn Sie einen Heiligen
brauchen, hätten Sie dem Papst schreiben sollen,
haben Sie einen Auftrag für mich oder nicht?
Waterson: Ja, ich werde mich bemühen, Ihr Benehmen
zu ignorieren.
Marlin: Wenn Ihnen dabei wohler ist, also, ich
höre.
Waterson: Es geht um meinen Schwager, den Bruder
meiner Frau, William Chain, 28 Jahre er ist seit 4
Tagen verschwunden und sie sollen ihn auftreiben
hier ist ein Foto.
Marlin: Warum gehen Sie damit nicht zur Polizei.
Waterson: Bill war, ist in letzter Zeit, wie soll
ich sagen, etwas merkwürdig, seit er drüben
verwundet und nach Hause abgeschoben wurde.
Marlin: Nicht ganz richtig im Kopf.
Waterson: Wenn Sie es unbedingt so ausdrücken
wollen ja, wir fürchten, das heißt meine Frau
fürchtet, daß er etwas anstellen könnte, etwas
Kriminelles.
Marlin: Wo soll ich ansetzen, ich, ich brauche
Informationen.
Waterson: Natürlich, ich habe Ihnen ein
Hotelzimmer reservieren lassen, Sie halten sich
dort auf, bis sich meine Frau mit Ihnen in
Verbindung setzt, sie kennt Bill besser als ich
und wird Sie informieren.

Empfangschef: Ihr Schlüssel, Sir, Zimmer 207.
Marlin: Danke.
Empfangschef: Sind Sie das erste Mal in San Pedro,
eine saubere, kleine Stadt, Sir, wir sind stolz
darauf...
Marlin: Ja, ja, das kenn ich schon, heben Sie sich
das für den nächsten auf und schicken Sie mir in
zehn Minuten eine Flasche Bourbon aufs Zimmer.

Marlin: Die Atmosphäre des Zimmers schlug mir
entgegen, wie das zahnlose Grinsen einer uralten
Frau, es stank nach Chlor und verborgenen Sünden,
ich machte das Fenster auf und vertrieb mir die
Zeit mit meiner Flasche. Ja?

Waterson: Lassen Sie die Finger vom Fall Chain.
Wenn Sie wissen, was gut für Sie ist, verschwinden
Sie aus der Stadt.
Marlin: Hören Sie mal gut zu...
Violet: Mister Marlin? Hier ist Violet Waterson!
Marlin: Ach so, wer weiß, außer Ihnen und Ihrem
Mann, noch davon, daß ich hier in der Stadt bin?
Violet: Niemand, warum fragen Sie.
Marlin: Es ist nicht wichtig, was wollten Sie mir
sagen, Mrs. Waterson?
Violet: Nicht jetzt, treffen Sie mich heute abend
im Tijuana-Klub, gegen neun.
Marlin: Muß das sein.
Violet: Sie sind nicht sehr höflich, Mister
Marlin.
Marlin: Ich habe einen Job.
Violet: Deshalb will ich mich ja mit Ihnen
treffen, seien Sie pünktlich.

Kellner: Bitte Sir, Mrs. Waterson.
Marlin: Danke, bringen Sie mir einen Martini.
Kellner: Trocken, Sir?
Marlin: Wie die Sahara.
Kellner: Sehr wohl.

Marlin: Sind Sie nicht ein bißchen zu jung für
Ihren Mann?
Violet: Danke, sehen Sie nicht ein bißchen zu gut
aus für einen Privatdetektiv?
Marlin: Och, durch jahrelanges Bodybuilding
entwickelte ich mich vom Schwächling zum
kraftvollen Wunschtraum der Frauen, wo ist ihr
Bruder?
Violet: Ich weiß nicht, bitte, Mister Marlin, Sie
müssen ihn finden, bevor er noch mehr Unheil
anrichtet.
Marlin: Unheil, was für Unheil, Mrs. Waterson?
Violet: Nennen Sie mich Violet.
Marlin: Was für Unheil, Mrs. Waterson?
Violet: Ich mach mir Sorgen um Bill, wissen Sie,
ich hab mich immer für ihn verantwortlich gefühlt,
obwohl er älter ist als ich.
Marlin: Warum haben Sie mich hierher bestellt?
Violet: Bill ist mit einem Mädchen befreundet, das
bis vor kurzem im Klub gearbeitet hat, eine
Tänzerin, Kokola Bern, so nannte sie sich
jedenfalls, ein unmögliches Wesen, vulgär, ich hab
nie verstanden, was Bill an ihr fand, geben Sie
sich Mühe, meinetwegen, und wenn Sie was
herausbekommen haben, rufen Sie mich an, ich bin
immer für Sie zu sprechen, wenn Sie Bill gefunden
haben, dürfen Sie mich zu Champagner einladen.

Marlin: Violet, ich mag Blonde, besonders wenn sie
eine Figur wie Marilyn Monroe haben, als meine
Knie nicht mehr zitterten, ging ich an die Bar, in
einer viertel Stunde hatte ich die Adresse von
Kokola Vern alias Maggie Pulaski.

Maggie Pulaski: Sie wandeln nicht auf dem Pfade
des Lichts.
Marlin: Wie war das?
Maggie Pulaski: Ihre Aura ist unrein, Ihre Seele
wälzt sich im Schlamm wie ein Tier, Sie sind der
Versucher, der Dämon, der den Kindern des Lichts
Fallstricke legt.
Marlin: Wo ist Bill Chain, Ihr Freund Chain,
verstehen Sie mich?
Maggie Pulaski: Führe uns nicht in Versuchung,
gehen Sie, verdunkeln Sie nicht durch Ihre
Gegenwart das Licht, das nur den Reinen scheint,
gehen Sie...

Marlin: Eine geladene und entsicherte 38er kann
auch in einer zitternden Hand sehr überzeugend
wirken, ich zuckte die Achseln und ging.

Marlin: Sie wandeln nicht auf dem Pfade des
Lichts.
Empfangschef: Verzeihung, Sir?
Marlin: Sie sind der Dämon, der den Kindern des
Lichts Fallstricke legt, sagt Ihnen das was?
Empfangschef: Ich wüßte nicht. – Oh, besten Dank,
Sir.
Marlin: Kommt jetzt die Erleuchtung, wandeln Sie
nun auf dem Pfade des Lichts?
Empfangschef: Könnte sein, die Vereinigung der
Freunde des Lichts, eine Sekte, irgendwie östlich,
glaube ich, indisch oder so, der Chef nennt sich
Guru, wirkt sehr auf Frauen, ich habe gehört, daß
er ganz gut davon leben kann.
Marlin: Ja, was es nicht alles gibt, in Ihrer
sauberen, kleinen Stadt.

Marlin: In dieser Nacht träumte ich von Violet
Waterson, es war ein wunderschöner Traum, in
Breitwand und Technicolor.

Marlin: Ja?
Piet: Hä-hä-hä-hä-hä-hä-Hände hoch!
Toni: Halts Maul, Piet, ich würde an Ihrer Stelle
die Hände hochnehmen, Mister Marlin, wir haben
zwei Kanonen und können damit umgehen, wie man so
sagt, sieh dir mal seine Brieftasche an, Piet,
sieh mal an, ein Privatdetektiv, ein mieser
Schnüffler, wie man so sagt, das hätte ich nicht
von Ihnen gedacht, Mister Marlin, ich glaube, wir
müssen Ihnen eine kleine Lektion erteilen, Mister
Marlin, Sie schnüffeln hinter Bill Chain her, der
Boss schätzt das nicht, Sie werden von hier
verschwinden und wir werden Ihnen Beine machen,
wie man so sagt, brat ihm eine über, Piet.
Piet: Au!
Toni: Halts Maul, Piet, Mister Marlin, Sie haben
meinem Kumpel den Unterkiefer gebrochen, das
gehört sich aber gar nicht.
Marlin: Hören Sie, mein Freundchen, ich bestimme
jetzt, was sich gehört, ich habe eure Kanonen und
ich kann auch damit umgehen, raus hier, los raus.
Toni: Mister Marlin, wir sehen uns noch.
Marlin: Ja, das werden wir ja sehen.

Marlin: Ich konnte mir denken, wer die beiden
Figuren auf mich losgelassen hatte, und die
silberne Kette aus Indien, die an Piets
ungewaschenem Hals ebenso fehl am Platz war wie
eine Jungfrau im Bordell, machte mich noch
sicherer, es wurde Zeit, daß ich mir diesen Guru
mal ansah, schlägt dich einer auf die rechte
Wange, so tritt ihm dafür kräftig in den Bauch,
wie man so sagt.

Guru: Wie war der Name?
Marlin: Chain, William Chain.
Guru: Und Sie glauben, daß er ein Erleuchteter
ist, ein Jünger des Karma?
Marlin: Ich glaube, daß er zu Ihrem Verein gehört,
wenn Sie das meinen, und daß Sie mir sagen können,
wo er steckt.
Guru: Wer auf dem Pfade des Lichts wandelt, hat
die unreinen Tiefen des Irdischen hinter sich
gelassen.
Marlin: Das zieht bei mir nicht.
Guru: Drohen Sie mir, Mister Marlin?
Marlin: Sie haben mir doch diese beiden Witzbolde
mit Kanonen auf den Hals gehetzt, das ist meiner
Aura nicht gerade gut bekommen.
Guru: Sie versündigen sich an den Geheimnissen des
Karma.
Marlin: Ach hören Sie doch auf, Sie sind hier
nicht in Ihrem Tempel oder wie Sie das nennen,
reden Sie Klartext, an Ihrer religiösen Masche bin
ich nicht interessiert.
Guru: Ich habe Sie unterschätzt, Mister Marlin,
wie Sie mit meinen, nun ja, Abgesandten fertig
geworden sind, Kompliment.
Marlin: Ach, nicht der Rede wert, so was mach ich
jeden Morgen vor dem Frühstück, außer Sonntags.
Guru: Ich könnte Sie gebrauchen, wenn wir die
Sache zusammen deichseln, kann nichts mehr schief
gehen, ich beteilige Sie, ein Millionengeschäft,
Mister Marlin.
Marlin: Wo ist Chain?
Guru: Chain, Chain, Chain ist unwichtig, das
wissen Sie doch, ich weiß, wer Sie bezahlt und
warum Waterson so scharf darauf ist, seinen
Schwager wieder in die Hand zu bekommen, überlegen
Sie sich die Sache!

Marlin: Ich verstand überhaupt nichts mehr, aber
ich hatte ein merkwürdiges Gefühl, Phil Marlins
berühmte Vorahnung, deshalb fuhr ich den Wagen nur
um die Ecke und wartete, nach einer halben Stunde
erschien eine alte Bekannte, Miss Magie Pulaski,
die da auf dem Pfade des Lichts wandelte, sie
verschwand im Haus des Guru und kam nach kurzer
Zeit mit einem Mann zurück, ich brauchte nicht auf
das Foto zu sehen, um ihn zu identifizieren, mein
Gefühl hatte recht gehabt, ich fuhr hinterher, wir
hielten in einer ruhigen Straße am Stadtrand,
Magie Pulaski ging mit Chain in einen Bungalow,
ich wartete, die Minuten schichteten sich
aufeinander wie zerschundene Autos auf einem
Schrottplatz, schließlich kam Magie allein zurück,
setzte sich in ihren Wagen und fuhr ab, ich suchte
einen drugstore in der Nähe, um meinen
Auftraggeber anzurufen: Es begann zu regnen.

Violet: Phil. Wie sieht er aus?
Waterson: Gute Arbeit, Marlin, wo steckt er?
Marlin: Das habe ich Ihrer Frau schon gesagt.
Waterson: Gut, warten Sie da, ich bin in einer
halben Stunde bei Ihnen, übrigens, was für einen
Wagen fahren Sie?
Marlin: Buick, grün, bißchen angerostet, warum?

Radio: ...der befleckt noch furchtsam ist, der
Detektiv in Geschichten dieser Art muß solch ein
Mann sein, er ist der Held, er ist alles, er muß
ein vollkommener Mann sein und ein gewöhnlicher
Mann, und er muß doch ein...

Polizist Mac: Das ist er, Chef, grüner Buick.
Marlin: Wenn Sie sich meinen Wagen lange genug
angesehen haben, können Sie mir vielleicht sagen,
was Sie von mir wollen?
Polizist: Sie stehen im Parkverbot, Mister!
Marlin: Ich brech gleich in Tränen aus, wo ist
denn das Schild?
Polizist: Wenn die Polizei sagt, daß Sie im
Parkverbot stehen, dann stehen Sie im Parkverbot.
Aussteigen!
Marlin: Moment mal, nehmen Sie Ihre verdammten
Pfoten von meinem Wagen!

Marlin: Der Griff einer Polizeipistole an meinem
Hinterkopf war das letzte, was ich spürte. Ich war
Tarzan und hüpfte im Urwald von Ast zu Ast, ich
rief den Kampfschrei der großen Menschenaffen und
zertrat alle Bullen der Welt unter meinen großen
Füßen, ich war der größte, und Violet Waterson sah
bewundernd zu mir auf, wenn mir nur der Kopf nicht
so weh getan hätte...

Polizeichef: Wird aussagen, was wir ihm
beibringen. Ja, Marlin ist dran, bei dem
Beweismaterial schickt ihn jede Jury in die
Gaskammer. Der Guru? Marlin muß eben gestehen, daß
er Chain in seinem Auftrag umgelegt hat, dann sind
wir die ganze Bande los, wenn er nicht will, laß
ich ihn auf der Flucht erschießen, sowieso
sicherer, natürlich, gefälschte Aussage, kein
Problem, die Papiere bring ich Ihnen, sobald ich
Zeit habe, ok, danke.

Polizist: Chef, er wird wach.
Polizeichef: Dann werden wir uns doch mal um
Mister Marlin kümmern.

Marlin: Ich lag in einem Zimmer auf einem weichen
Berberteppich, meine Luger hatte ich in der Hand,
ich brauchte nicht am Lauf zu riechen, um zu
wissen, daß sie vor kurzem abgefeuert worden war,
neben mir lag Bill Chain, tot, mit einem häßlichen
Loch im Kopf, die Bullen waren auch da, allmählich
wurde mir die Sache klar, ich hätte mich selbst
zusammenschlagen können, wenn das nicht schon
jemand anders für mich erledigt hätte.

Polizeichef: Nehmen Sie ihm die Pistole weg, Mac.
Marlin: Kann ich, kann ich eine Zigarette haben?
Polizeichef: Erst wenn Sie Ihre Aussage gemacht
haben.
Marlin: Sie haben mich niedergeschlagen.
Polizeichef: Natürlich, schließlich haben wir Sie
bei einem Mord erwischt, warum haben Sie Chain
erschossen, der Guru hat Sie dafür bezahlt,
stimmt’s?
Marlin: Erzählen Sie doch weiter, Sie, Sie wissen
ja mehr als ich, haben sich doch schon alles
zurechtgelegt.
Polizist: Da hat er recht, Chef.
Polizeichef: Wir haben sogar schon ein
schriftliches Geständnis.
Marlin: Gute Arbeit.
Polizeichef: Sie waren heute morgen beim Guru und
haben von ihm den Auftrag bekommen, Chain
umzulegen, und das haben Sie dann auch gleich
getan, mit Ihrer eigenen Kanone, Sie brauchen nur
noch zu unterschreiben.
Marlin: Ach, machen Sie es selber, ich... auf eine
kleine Urkundenfälschung kommt es doch sicher
nicht mehr an...
Polizist: Ein Witzbold, Chef.
Polizeichef: Wie Sie wollen, Marlin, Plan Nummer
zwei, Mac, nehmen Sie sich zwei Leute und fahren
Sie Mister Marlin zum Präsidium, Sie sind
persönlich für ihn verantwortlich, bei einem
Fluchtversuch wird sofort scharf geschossen.
Polizist: OK, Chef, kleiner Umweg über den Wald,
sicherheitshalber?
Polizeichef: Sie haben es erfaßt.

Marlin: Kann ich... kann ich jetzt eine Zigarette
haben?
Polizist: OK, hier, halt mal an, steigen Sie aus,
Marlin.
Marlin: Endstation Sehnsucht.
Polizist: Raus, wir haben nicht viel Zeit, los,
los, noch ein paar Schritte, wir wollen es uns
doch nicht zu leicht machen.

Piet: Ha-ha-ha-hallo?
Toni: Halts Maul Piet, seien Sie beruhigt Mister
Marlin das war fünf Minuten vor zwölf wie man so
sagt, kommen Sie, unser Wagen steht gleich hier
auf dem Waldweg.
Marlin: Erinnern Sie mich daran, daß ich Sie in
meinem Testament bedenke, auch wenn Sie an
Mundgeruch leiden... wohin?
Toni: Zum Boss natürlich, seine Heiligkeit, der
Guru, will mit Ihnen die Karre aus dem Dreck
ziehen, wie man so sagt, hahahaha...

Marlin: Haben Sie mal eine Zigarette für mich?
Danke.
Guru: Spielen Sie Schach, Mister Marlin?
Marlin: Ja.
Guru: Ich hab mich manchmal gefragt, Mister
Marlin, was sich wohl ein Bauer denkt, der auf dem
Feld hin und hergeschoben wird, wenn er denken
könnte, natürlich, sagen Sie es mir.
Marlin: Was hatte Chain gegen Waterson in der
Hand?
Guru: Sieh da, Sie haben nachgedacht, Mister
Marlin, es nützt Ihnen zwar nichts mehr, aber Sie
geben sich Mühe, lobenswert.
Marlin: Danke, darf ich mich eins rauf setzen?
Guru: Waterson ist der heimliche Boss unserer
kleinen sauberen Stadt, Mister Marlin, mit dem
Polizeichef zusammen kontrolliert er alles was
Geld bringt, Bars, Spielhöllen, das
Rauschgiftgeschäft, was Sie wollen, Chain hatte
keine Ahnung davon, aber als er vom Militär
entlassen wurde, und bei Waterson wohnte, stieß er
zufällig auf Unterlagen, interne Abrechnungen,
Geschäftspapiere, er war entsetzt, moralisch
entrüstet, glaubte immer noch an Sauberkeit,
verstehen Sie, an den amerikanischen Traum,
deshalb nahm er die Papiere an sich, um Waterson
hochgehen zu lassen, zur Polizei konnte er damit
natürlich nicht gehen, aber er hatte jemand, dem
er sich anvertrauen konnte, einen geistigen
Ratgeber, der ihn auf dem Pfade des Lichts zur
Vollkommenheit führte.
Marlin: Und Sie sahen Ihre große Chance, Sie
nahmen Chain bei sich auf, versteckten ihn und
benutzten seine Papiere um Waterson zu erpressen,
die fromme Hochstapelei genügte Ihnen nicht mehr,
Sie wollten in das ganz große Geschäft einsteigen.
Guru: Sehr gut, Mister Marlin.
Marlin: Aber Waterson war gerissener als Sie, er
kriegte heraus, wo Chain steckte, und ließ ihn von
der Polizei umlegen.
Toni: Tote singen nicht, wie man so sagt.
Marlin: Außerdem ließ er Beweismaterial fälschen,
um Sie in den Mord an Chain zu verwickeln, Sie
haben Ihr Spiel verloren.
Guru: Noch nicht, Mister Marlin, Toni, Piet, seht
mal nach, wer da ist, will jetzt nicht gestört
werden.
Toni: OK, Boss.
Guru: Noch nicht, Mister Marlin, ich habe Sie, und
Sie wissen, wer Chain erschossen hat und warum,
ich biete Waterson ein Geschäft an, wenn er mich
beteiligt, liefere ich Sie der Polizei aus, als
Leiche natürlich.

Polizeichef: Hände hoch!
Waterson: Was habe ich Ihnen gesagt, Chef, da sind
sie beide.
Polizeichef: Umlegen, Mister Waterson?
Waterson: Mit Mister Marlin würde ich mich gern
noch ein bißchen unterhalten, aber den Guru
brauchen wir nicht mehr, würden sie
freundlicherweise...
Guru: Nein, nicht!
Waterson: Danke, damit sind Sie selbst auch
überflüssig geworden, Chef, Sie wissen zu viel.
Polizeichef: Mister Waterson!
Marlin: Gratuliere, Mister Waterson, damit haben
Sie alle Zeugen ausgeschaltet.
Waterson: Bis auf einen, Marlin, Sie wissen, daß
mir gar nichts anderes übrig bleibt, als Sie auch
noch zu erschießen.

Marlin: Im Moment konnte ich nichts anderes tun,
als Waterson freundlich anzugrinsen, und unter dem
Tisch mit dem Fuß nach dem schweren 45er-Colt des
Polizeichefs zu angeln, mein Leben hing an meinem
großen Zeh, wie schon so oft.

Waterson: Ich muß mich bei Ihnen bedanken, Mister
Marlin, ohne Sie wäre mein Plan schiefgegangen.
Marlin: Es freut mich immer, wenn ein Auftraggeber
mit mir zufrieden ist, empfehlen Sie mich bitte
weiter.
Waterson: Sie waren mir äußerst nützlich, nicht
weil Sie Bill Chain gefunden haben, das hätte
notfalls auch die Polizei erledigen können, Sie
sind der Sündenbock, der Mann, dem man alles
anhängen kann, und diese Rolle haben Sie perfekt
gespielt, Sie haben Chain aufgestöbert und mich
informiert, damit ich mich um ihn und Sie kümmern
konnte, und wenn der Guru nicht dazwischen
gekommen wäre, lägen Sie jetzt als überführter
Mörder im Leichenschauhaus, aber nicht wahr,
aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Marlin: Sie waren aber auch nicht schlecht, Ihre
Rolle als biederer Kleinstadtmillionär, der sich
widerwillig mit einem Privatdetektiv abgeben muß,
großartig.
Waterson: Angewandte Psychologie, mein bester,
bevor ich Sie kommen ließ, habe ich mich über Ihre
Methoden und Ihren Charakter genau informiert, Sie
lassen sich von Ihren Auftraggebern nichts
gefallen, außerdem sind Sie stur, wenn Sie einen
Fall bearbeiten, führen Sie ihn zu Ende,
Widerstand macht Sie nur noch verbissener, deshalb
habe ich für Widerstand gesorgt, dieser Anruf
gestern in Ihrem Hotel.
Marlin: „Lassen Sie die Finger vom Fall Chain“,
hmh, das waren Sie.
Waterson: Ja, ich wußte, wie das auf sie wirken
würde, und ich hatte recht, ich habe meistens
recht, Marlin.
Marlin: Damit haben Sie es ja auch zum großen
Kleinstadtgangster gebracht.
Waterson: Ganz recht, seien Sie mir nicht böse,
wenn ich unsere interessante Unterhaltung jetzt
beende, es ist noch so viel zu tun, ein neuer
Polizeichef und... Violet!

Marlin: Sie stand in der Tür wie der Racheengel
der Apokalypse, und ihr Schwert war ein Smith &
Wesson Detective Special, ich langte nach dem
Colt, aber das war nicht mehr nötig, sie wurde mit
der Situation allein fertig, das ewig weibliche,
wie man so sagt, aber Toni, der mir das Leben
gerettet hatte, war tot, und Piet, und drei
Bullen, und der Guru, und der Polizeichef, alle
tot, und jetzt war Waterson fällig.

Violet: Er hat mich belogen, er hat versprochen,
daß Bill nichts geschieht.
Marlin: Geben Sie mir Ihren Revolver.
Violet: Ich konnte doch nicht ahnen, daß er Bill
umbringen wollte, und ich hab ihm noch dabei
geholfen.
Marlin: Trösten Sie sich, ich auch, dann haben Sie
mich also im Auftrag Ihres Mannes auf Magie
Pulaski angesetzt.
Violet: Ja, ich sollte auf Sie aufpassen, damit
Sie Bill auch bestimmt finden, er sagte, er wolle
nur die Papiere zurück, er hat versprochen, daß
Bill nichts geschieht.
Marlin: Bill, Violet, das war doch nur Theater,
Sie wollten sicher gehen, ich sollte mit feuchten
Dackelaugen hinter Ihnen herlaufen, damit ich
nicht sehe, was rechts und links von mir
geschieht, ja, gut ausgedacht, so war’s doch, ach,
so war’s doch.

Marlin: Der Fall war erledigt, das Aufräumen
konnten andere übernehmen, ich rief die Polizei in
Los Angeles an und bestellte zwei Wagenladungen
Staatsgewalt nach San Pedro, dann machte ich
Bilanz, mein Honorar für zwei Tage und die Spesen
waren in den Wind gehustet, und die versprochene
Champagnerorgie mit Violet konnte ich im
Frauengefängnis feiern, wenn Waterson mir
wenigstens einen Vorschuß gegeben hätte.

Empfangschef: Sie wollen uns schon wieder
verlassen, Sir, hoffentlich hat es Ihnen in
unserer sauberen kleinen Stadt gefallen.
Marlin: Ja, ich brauch mich wochenlang nicht mehr
zu waschen.
Empfangschef: Ich habe gehört, daß sich demnächst
hier einiges ändern wird, glauben Sie das?
Marlin: Hm, vielleicht.
Empfangschef: Ach, wissen Sie, das ist uns schon
ein paar Mal so gegangen, wenn ein Boss abtritt,
steht der nächste schon von der Tür, verzeihen
Sie, Sir, gute Reise.

Marlin: Phil Marlin war mal wieder der große
Katalysator gewesen, der Mann, der seine Fälle auf
einem Berg von Leichen beendet, hart,
unbeeindruckt, ein Held, wie er im Buche steht,
wenigstens bei Chandler, ich hing mir selbst zum
Hals raus. Als ich aus der Stadt fuhr, hing der
schmutzig-gelbe Himmel über mir wie das Fell einer
ertrunkenen Siamkatze. Ich wollte nach Hause.

Phil Marlin, Privatdetektiv: Arnold Marquis
Mr. Waterson: Gerd Martienzen
Mrs. Violet Waterson: Barbara Schöne
Polizeichef: Klaus Sonnenschein
Gangster Pete: Norbert Langer
Gangster Toni: Joachim Pukasz
Der Guru: Moritz Milar
Maggie Pulaski: Eva Manhardt
Polizist Mac: Andreas Berg
Empfangschef: Georg Braun

Michael Koser: Dies Blutbild ist bezaubernd schön
(Ein Vampir-Hörspiel) (RIAS 1973)

Broker: Amsterdam, 17. Mai, 6 Uhr 15, in einer
halben Stunde wird Prof. Vandenburg bei mir
erscheinen, der international angesehene Experte
auf dem Gebiet der okkulten Wissenschaften, er hat
versprochen, mir meinen ersten Vampir vorzuführen,
ich bin gespannt.
Prof.V: Wir sind da, Vorsicht, das ist der
Sarkophag, fassen Sie mit an, der Deckel ist
schwer, Sie haben doch das Kruzifix bei sich und
den Knoblauch.
Broker: Natürlich. Im Sarg liegt ein älterer Mann,
er wirkt entspannt, ruhig, als ob er schläft, ich
habe das Gefühl, daß er mich durch die Wimpern
hindurch beobachtet, seine Gesichtsfarbe ist ich
würde sagen ausgesprochen gesund, die Lippen nein
das ist geronnenes Blut in den Mundwinkeln, und
dann zwei dunkle Linien bis zum Kinn.
Prof.V: Man muß nur daran glauben, wenn Sie den
Pfahl festhalten würden, ginge es leichter,
festhalten, er bäumt sich auf.
Broker: Blut spritzt auf, und jetzt, er zerfällt,
er verwest vor meinen Augen, das Fleisch wird
grün, löst sich von den Knochen, verschwindet,
wird zu Stein.
Prof.V: So das wäre geschafft, Sie sind bleich,
Mister Broker.
Broker: Das ist der Mond, ziemlich theatralisch
das ganze, finden Sie nicht.

Varney: Das ist alles?
Carter: Ja, Mr. Varney, wenn Brokers Angaben
stimmen, ist das Tonband vor einem guten Monat in
Amsterdam aufgenommen worden.
Varney: Wann haben Sie es nach London bekommen?
Carter: Gestern von der Direktion des Hotels in
dem Broker gewohnt hat, anscheinend hat er es in
seinem Zimmer vergessen, als er abreiste.
Varney: Wann?
Carter: Am 18. Mai.
Varney: Wohin?
Carter: Unbekannt, wir haben seitdem nichts von
ihm gehört, das ist ungewöhnlich, bei früheren
Gelegenheiten hat uns Broker alle paar Tage
informiert, ich mache mir Sorgen, Broker ist mein
Autor.
Varney: Sie wollen ihn suchen?
Carter: Ja, wenn es Ihnen recht ist, werde ich
nach Amsterdam fliegen, dieser Professor
Vandenburg sollte aufzutreiben sein und kann mir
vielleicht weiterhelfen.

Stewardeß: Madame, wir heißen sie an Bord herzlich
willkommen... Amsterdam... Coffee or tea...
Prof.V: Das von den meisten Autoritäten empfohlene
Mittel gegen Vampire ist natürlich der Essen-
Pfahl, und ich habe nie etwas anderes benutzt.
Carter: Gewiß, um auf Broker zurückzukommen,
Professor.
Prof.V: Oh ja natürlich, verzeihen Sie, Mr.
Carter, wenn ich über meine Arbeit spreche
vergesse ich alles anderes, Sie sind kein Adept.
Carter: Nein, wie ich schon sagte, ich bin ein
Lektor, der seinen Autor sucht.
Prof.V: Ja, was Mr. Broker betrifft, ich hatte
eigentlich erwartet, daß er nach unseren
Erlebnissen in der Gruft seine Nachforschungen
aufgeben würde, aber er war bei weitem nicht so
beeindruckt wie wir, ich vermutet hatte, er wollte
unbedingt am Ball bleiben, so sagen sie ja wohl.
Carter: Sie wissen, daß er einen Tag später
abgereist ist.
Prof.V: Aber natürlich, mein Freund.
Carter: Wohin?
Prof.V: Daß Sie hartnäckig sind, wie unser Freund
Broker, habe ich schon gehört.
Carter: Von wem?
Prof.V: Ist nicht von Bedeutung.
Carter: Sie wollen meine Fragen nicht beantworten.
Prof.V: Mr. Carter, ich weiß nicht, ob ich ihnen
antworten darf, immerhin geht es hier um
Geheimnisse, die nur für wenige bestimmt sind, die
man nicht an den Straßenecken ausrufen kann, ich
mache Ihnen einen Vorschlag, gehen Sie in Ihr
Hotel zurück, warten Sie, es wird sich jemand mit
Ihnen in Verbindung setzen, Sie werden neue
Informationen erhalten, und können dann
entscheiden, ob Sie Ihre Suche fortsetzen wollen,
aber wenn Sie mir erlauben, Ihnen einen guten Rat
zu geben, fliegen Sie nach London zurück, wir
haben hier ein Sprichwort das sagt, wer sich in
Gefahr begibt kommt darin um, übrigens, Sie haben
doch ein Tonbandgerät in Ihrem Gepäck.

Frau: Dieses Tonband ist für Sie abgegeben worden
von einer jungen Dame.
Carter: Hat sie ihren Namen hinterlassen?
Frau: Nein.
Carter: Danke.
Broker: Paris, 19. Mai, 23 Uhr, die zweite Etappe
meiner Nachforschungen beginnt, ich werde an der
Feier der geheimnisvollen schwarzen Messe
teilnehmen und den berüchtigten AB Karl Melk
kennenlernen, den Prof. Vandenburg für das
Oberhaupt der Vampire in Frankreich hält, ich
stehe vor dem alten Haus in der Avenue Huysmans,
in dem Satanisten und Vampire ihre finsteren
Rituale zelebrieren.
Mann: Losungswort?
Broker: Die Stunde der bleichen Eitergewässer ist
gekommen.
Guru: Meister aller Untoten, der du austeilst die
Wohltaten des Verbrechens, Verwalter der Sünden
und Laster, Satan, wir beten dich an und erflehen
für uns Ruhm, Reichtum und Macht.
Frau: Satan.
Broker: Der Raum, in dem ich mich befinde, ist
voller Menschen, etwa 50 Personen, schätze ich,
meist ältere Frauen, gut genährt, gut gekleidet,
sie starren in Verzückung auf den schwarzen Altar,
auf die Statue des Teufels mit den blutigen
Reißzähnen, auf den häßlichen alten Mann, in
blutroter Robe, der mit obszönen Gesten seine
Litanei herunterbetet.
Guru: Meister Satan Dracula, großer Drache, deine
treuen Diener flehen dich auf den Knien an, hilf
uns bei Missetaten, auf daß menschliche Vernunft
sie nicht ergründe.
Frau: Meister.
Broker: Qualmende Räuchergefäße auf dem Altar,
trotzdem riecht es hier vor allem nach sehr
menschlichem Schweiß, meine Augen tränen, der
Gestank ist kaum zum aushalten.
Guru: Verbrennt Raute, Blätter von Bilsenkraut und
Stechapfel, trocknet Myrrhe, das sind Gerüche
angenehm Satan unserem Herrn und nun vermischt
euch zur Ehre unseres Meisters.
Frau: Ah.
Broker: Jetzt scheinen die Gläubigen in eine Art
Trance zu geraten, sie bewegen sich rhythmisch,
sie fangen an, sich die Kleider vom Leib zu
reißen, sie fallen übereinander her, komisch,
Gruppensex, eine gutbürgerliche Massenorgie, ich
hatte mir eigentlich etwas anders vorgestellt,
etwas gefährlicheres, größeres als nur
Ersatzbefriedigung zu kurzgekommener Muttchen, das
war mir ein bißchen zu tief unten, hoffentlich
bringt die nächste Spur mehr ein, Carmelia hat ein
äußerst interessantes Treffen für mich arrangiert.

Stewardeß: International Airlines bitten alle
Passagiere für Flug Nr. 333 nach Paris zum Ausgang
B, ihre Maschine ist startbereit, Madame und
Monsieur... O Champs Elysees. Kaffee, Tee?
Carter: Ich war in Paris, ich saß in meinem
Hotelzimmer und dachte darüber nach, wie ich das
alte Haus in der Avenue Huysmans finden könnte,
allerdings gab ich mir keine große Mühe, einen
Plan auszuarbeiten, wahrscheinlich rechnete ich
damit, daß ich wie in Amsterdam ohne mein zutun
einen neuen Hinweis bekommen würde, außerdem hatte
ich noch ein zusätzliches Problem, wer war
Carmelia?
Carter: Hallo?
Carmelia: Gehen Sie zum Hauptpostamt zur Abteilung
für postlagernde Sendungen, Sie werden ein
Päckchen finden, das auf Ihren Namen aufgeben
wurde.
Carter: Mit einem Tonband?
Carmelia: Ja, wenn Sie es abgehört haben werden
Sie wissen was Sie zu tun haben.
Carter: Wer sind Sie?
Carmelia: Ich heiße Carmelia.
Carter: Können wir uns treffen?

Broker: Paris 20. Mai 3 Uhr 45 morgens, im heißen
Samowar, einem Lokal, das als Treffpunkt
osteuropäischer Emigranten gilt, warte ich auf
meine nächste Kontaktperson, es ist niemand anders
als Graf Dracul aus dem berühmten Geschlecht der
transsylvanischen Draculas.
Graf: Hört, in 15. Jahrhundert lebt der Dracul,
töten tat er tausend Türken, 1000 Ungarn und
Rumänen, Herr war er der Walachei, schön?
Broker: Sehr schön.
Kellner: Was darf ich bringen?
Graf: Sie haben, wie sagt man, Spesen, Mr. Broker?
Broker: Nur zu, bestellen Sie, was sie wollen.
Graf: Gut, ich will haben eine Bloody Mary, rot
und warm.
Broker: Pink Gin.
Graf: Aha, sie kommen auf Geschmack, bißchen rosa
ja, hören sie, Lieblingsstrophe von Heldenlied,
seine langen spitzen Zähne schlug er in den Hals
der Mädchen, schlürfte Blut aus ihren Adern, bis
sie bleich darniedersanken, Furcht ergriff das
ganze Land, ah, waren schöne Zeiten damals in
Transsylvanien, Land meiner Väter.
Broker: Sicher, und heute?
Graf: Sakrada, heute Volksrepublik Transsylvanien
hat weggenommen alle Länder, Schloß und Güter,
leibeigene Bauern, ich bin vertrieben von Scholle,
heimatlos in Fremde, sehr traurig, Mister Broker.
Broker: Aber ihre nächtlichen Aktivitäten, ich
meine, sie sind hier und heute noch als Vampir
tätig, wie damals?
Graf: Ach Mr. Broker, kein Geld, keine
Leibeigenen, die stillhalten, keine Zähne, zu alt,
alles vorbei, alles anders, kein Blut mehr, Mr.
Broker, nur noch Bloody Mary.
Broker: Darf ich Ihnen noch etwas bestellen?
Graf: Ich danke, nein ich muß zu Hause sein wenn
Sirene von Renoir ertönt.
Broker: Sie müssen in Ihren Sarg zurück?
Graf: Sie sind Romantiker, Mister Broker, nein,
nein, früher einmal, jetzt geh ich in mein Bett,
Fernsehen, hat mich gefreut, übrigens wenn Sie
wollen Informationen über moderne Vampire, Sie
sollten fahren nach Amerika, zu meinem reichen
Vetter in New Transsylvania, Kalifornien.

Carter: New Transsylvania Californien, USA.
Mann: Rezeption?
Carter, Zimmer 99, buchen Sie für mich einen Flug
nach San Francisco.
Stewardeß: International Airlines bitten alle
Passagiere für Flug 666 nach San Francisco zum
Ausgang C, ihre Maschine ist startbereit, ladies
and gentlemen, we welcome you on bord. If you're
going to San Francisco. Coffee or Tea?
Mann: Willkommen in Newmans, der erfolgreichsten
kleinen Stadt in den ganzen großen United States,
ehe Sie etwas anderes unternehmen, sollten Sie
sich ein Vergnügen gönnen, besuchen Sie
Vampireland, die größte Attraktion in den ganzen
großen United States, yes sir, lehrreich,
spannend, amüsant, sollten sie nicht versäumen, in
einer halben Stunden fahrt die nächste Kutsche.
Carter: Vampireland, Vampirland, das klang
vielversprechend, alles was Broker erlebt und was
ich auf den Tonbändern gehört hatte, konnte
eigentlich nur Kulisse sein, eine uralte
Geschichte, die dadurch nicht wirklicher wurde,
daß irgendjemand sie aus verstaubten Büchern
herausgesucht und neu aufbereitet hatte, worum es
wirklich ging, konnte ich möglicherweise im
Vampirland erfahren, was immer das sein möchte.
Carmelia: Ich darf sie auf unserer Rundreise durch
Vampireland begrüßen, ich bin ihre Führerin und
heiße Carmilla.
Carter: Carmelia, haben Sie mich in Paris
angerufen?
Carmelia: Später, Mr. Carter, bevor unsere Fahrt
zu Ende ist, werden Sie mehr wissen, jetzt lassen
Sie mich meine Arbeit tun, bitte. Vampireland,
meine Herrschaften wurde erst vor wenigen Jahren
errichtet von der International Vampires Company,
als originalgetreue stilechte Imitation der
transsylvanischen Karpatenlandschaft mit ihren
Wäldern und Bergen, mit ihren geheuren und weniger
geheuren Bewohnern, die Anlage kostete 50 Mio.
Dollar.
Frau: Wonderful!
Carmelia: Wir verlassen jetzt den Highway und
fahren durch ein echt mittelalterliches Tor in
Vampireland ein, Blende 8, 1 fünfzigstel, es wird
dunkel, blutrot versinkt die Sonne hinter dem
Kosovoberg, auf dem Sie vorn rechts Draculas
Schloß sehen, die Wölfe, Kinder der Nacht, regen
sich in ihren Schlupfwinkeln, sie wittern den
geheimnisvollen Unbekannten, der Macht über sie
hat, Fledermäuse sirren durch die schwüle Luft,
das ist die Stunde, in der Dracula erwacht. Ah!
Kein Grund zur Beunruhigung, es handelt sich nur
um optische und akustische Spezialeffekte, für Sie
programmiert und arrangiert von International
Vampires Company.
Frau: Wonderful.
Carmelia: Meine Damen und Herren, wir haben nun
unser Nachtquartier, den alten transsylvanischen
Gasthof zur goldenen Krone erreicht, International
Vampires Company wünscht Ihnen einen erholsamen
Aufenthalt, angenehmes Gruseln und eine gute
Nacht.
Frau: Wonderful.
Carmelia: Mr. Carter, Sie werden in Ihrem Zimmer
außer Ihrem obligatorischen Knoblauchkranz ein
Tonband finden.
Carter: Mit schönen Grüßen von Dracula?
Carmelia: Vielleicht.
Carter: Wonderful.

Broker: New Transsylvania 23. Mai, 18 Uhr 30,
heute nacht werde ich Vampireland erkunden, auf
eigene Faust, und wenn mehr dahintersteckt, als
nur eine Touristenattraktion, werde ich es
herausbekommen. Vor mir liegt Draculas Schloß, ein
Horrorgedicht in bester amerikanischer Neugotik,
wahrscheinlich aus Gips und Plastik, aber doch
irgendwie beeindruckend.
Mann: Seien Sie willkommen, Sie werden erwartet.
Broker: Wieso, niemand weiß, daß ich hier bin.
Mann: Folgen Sie mir.
Broker: Ich bin in einem Zimmer, das offenbar für
einen späten Gast hergerichtet wurde, für mich?
Die Atmosphäre ist, wie soll ich sagen, nicht
geheuer, ich bin kein Feigling, aber ich habe das
Fenster verriegelt und die Tür abgeschlossen,
Carmelia, Carmelia!
Carmelia: Meine Augen brennen in dich hinein und
deine Kraft wird zu Wasser, ich liebe in deinem
warmen leben und du sollst in meinem sterben.
Broker: Laß doch den Unsinn, deine Zähne.
Carmelia: Liebe braucht Opfer und Opfer sind
blutig, ich vergehe vor Sehnsucht nach deinem
warmen roten Blut.
Broker: Carmelia!
Carmelia: Mein Biß ist sehr süß und sehr bitter.
Carmelia: Mein Biß ist sehr süß und sehr bitter.
Carter: Das zieht bei mir nicht, Schluß damit.
Carmelia: Willst du dich nicht von mir beißen
lassen.
Carter: Nein, vielen Dank, ich will wissen, was
hier gespielt wird.
Carmelia: Sie reagieren genau wie Broker, das war
vorauszusehen, wir wollten es wenigstens
versuchen, Sie sind schwer zu beeindrucken, Mister
Carter, nicht gerade ein Kompliment für meine
vampirischen Fähigkeiten.
Carter: Tut mir leid, was jetzt?
Carmelia: Kommen Sie mit.
Carter: Wohin?
Carmelia: Zur Direktion von International
Vampires, Sie wollten doch wissen, was los ist,
wir gehen in den Keller und fahren durch einen
Gang unseres unteririschen Kommunikationssystems
in einer Druckluftkapsel, einer Art Rohrpost, in
ein paar Minuten sind wir im Hochhaus.

Carter: Mr. Varney.
Varney: Mr. Carter.
Carter: Sie sind doch in London.
Varney: Was bedeutet ein Ort, was bedeutet ein
Name, ich bin einer und ich bin viele, hier bin
ich Mr. Dracula, Chef der International Vampire
Company, Generaldirektor und Besitzer der
Aktienmajorität, einer der reichsten Männer im
reichsten Land der Erde, sagen Sie nichts,
Carmelia das Tonband, hören Sie, was ich Mister
Broker zu sagen hatte, ich liebe es nicht mich zu
wiederholen.
Broker: Das steckt also hinter der ganzen
Horrorshow, Kapital, eine Firma.
Varney: Die Firma, Mister Broker, Geld ist Leben
und Leben ist Blut, 3. Buch Moses Kapitel 17 der
Zeit angepaßt, Voltaire, Sie kennen Voltaire?
Broker: Flüchtig.
Varney: Voltaire sagt: Die wahren Blutsauger
wohnen nicht auf den Friedhöfen, sondern in
wesentlich angenehmeren Palästen, ein wahres Wort,
wir haben Paläste und Fabriken in allen Ländern,
die Öffentlichkeit kennt uns nicht, wir schätzen
es nicht, wenn jemand von außen uns zu nahe kommt,
wie Sie, Sie haben sich von den für Sie
arrangierten Aufführungen unserer Filialen nicht
irreführen lassen, das spricht für Sie.
Broker: Danke.
Varney: Reißzähne, Sarkophage, transsylvanische
Grafen und schwarze Messen, darüber ist die Zeit
hinweggegangen, Feierabendhorror, weiter nichts,
es gibt schlimmeres, Gasöfen, qualmende
Schornsteine, tote Fische in den Flüssen,
verhungernde Kinder, lebende Fließbandautomaten,
das ist unser Horror, der neue Horror, Mr. Broker,
daran verdienen wir.
Broker: Und sicher nicht schlecht.
Varney: Ganz recht, natürlich pflegen wir auch die
Tradition, Vampireland und seine Ableger in
Amsterdam und Paris sind Launen von mir,
allerdings Launen, die Geld bringen, Sie sind
alert und zielbewußt, Mr. Broker, wir können Sie
gebrauchen, kommen zu International Vampires,
verdienen Sie mit, werden Sie einer von uns,
werden Sie Vampir.
Carter: Wie hat Broker sich entschieden?
Varney: Positiv natürlich, er ist jetzt einer
meiner Stellvertreter, sehr tüchtig, ein Gewinn
für die Firma, wollen sie ihn sprechen?
Carmelia: Verzeihung Mr. Dracula, ich fürchte Mr.
Broker hat keinen Termin frei, die Arbeit an
unserem neuen Projekt.
Varney: Ah ja, bedauerlich, was sie betrifft Mr.
Carter, ich mache Ihnen das gleiche Angebot,
entscheiden Sie sich schnell, Zeit ist Geld, Geld
ist Leben usw.
Carter: Nein ich lehne ab, mit Dank, wenn sie
wollen, aber unwiderruflich, ihre Firma gefällt
mir nicht.
Varney: Schade, Sie sind ein Idealist, Mister
Carter, ich respektiere ihre Entscheidung, leben
sie wohl.
Carter: Sie lassen mich gehen?
Varney: Natürlich, wofür halten Sie uns, gehen
Sie.
Carmelia: Gute Reise.

Carter: Im Wartesaal des Flughafens dachte ich
nach über die fantastische Geschichte, in die ich
geraten war und darüber, was ich jetzt tun sollte,
zu Varna Dracula, zum Verlag konnte und wollte ich
nicht mehr zurück, ich hatte mir einiges
zurückgelegt, vielleicht sollte ich mich für ein
halbes Jahr zurückziehen und das Buch schreiben,
das Broker nicht mehr schreiben würde, es erschien
mir wichtig, anderen mitzuteilen, was ich erfahren
hatte, möglicherweise würde man mir sogar glauben,
ich zweifelte allerdings daran, daß es etwas
nützen würde, was hilft schon gegen Vampire, ein
Buch, ich weiß nicht.
Stewardeß: International Airlines bitten alle
Passagiere für Flug Nr. 999 nach London zum
Ausgang B, ihre Maschine ist startbereit, ladies
and gentlemen we welcome you on board.

Carmelia: Auf dem Flug von San Francisco nach
London ist gestern gegen 19 Uhr Ortszeit eine mit
6 Besatzungsmitgliedern und 52 Passagieren
besetzte Maschine der International Airlines über
dem Nordatlantik abgestürzt, es muß damit
gerechnet werden, daß keiner der Insassen den
Absturz überlebte.
Varney: Gut gemacht, Carmelia.
Carmelia: Armer Mister Carter.
Varney: Er wußte zu viel, und jetzt wieder an die
Arbeit.

Stan Broker: Martin Hirthe
Michel Carter: Michael Degen
Varney: Sigmar Schneider
Professor Vandenborg: Gerd Martienzen
Graf Dracul: Georg Braun
Carmelia: Christine Merthan
Stewardeß: Iris Hahnemann
Pförtner: Paul Hubschmid
Ordog: Dietrich Frauboes
Immer wieder angespielter Song im Hörspiel:
Aphrodites Child - The Four Horsemen

Michael Koser: Ping-Pong zur Ming-Zeit (Erotische
Erzählung aus dem alten China) (RIAS 1977)

Kennen Sie Kung Fu? Kennen Sie Mao Tse Tung? Aber
kennen Sie auch Ming Ping Pong?
Ming Ping Pong ist kurz gesagt nichts anderes als
eine Abkürzung bzw. Kurzfassung des Titels dieser
unserer Sendung, welcher in voller Länge lautet
wie folgt:
Ping-Pong zur Ming-Zeit - Erotische Erzählungen
aus dem alten China
Das Manuskript schrieb Michael Koser

Aber was, werden Sie nun fragen ist Ping Pong zur
Mingzeit. Eigentlich um ganz ehrlich zu sein, nur
der etwas reißerische Titel für eine Sendung über
einen wichtigen Abschnitt der chinesischen
Literaturgeschichte, mit Körperkultur oder gar
Leistungssport hat unser Thema höchstens im
übertragenen Sinne zu tun... Steht und fällt mit
dem Text, dem Wort.

Fönis war die Tochter des Tsam Jü, aus Dung Ping
in der Provinz Schanto, als sie noch ein Kind war,
mischten ihre Eltern immer wohlriechende
Substanzen in ihre Speisen und Getränke, so daß
spätel, als sie herangewachsen war, ihr ganzer
Leib duftete, und man ihr den Beinamen Palfüm gab.

Nun ja, und so weiter, die beste und
interessanteste Lösung für eine Sendung über
erotische Erzählungen aus dem alten China ist
immer noch, da werden Sie uns zustimmen, das
schlichte erzählen, daran wollen wir uns halten,
aber bevor wir beginnen Ihnen die erste Geschichte
zu erzählen, können wir nicht umhin in aller
gebotenen Kürze etwas über China, die Ming-Zeit
und chinesische Geschichten im allgemeinen zu
sagen.

Die Ming Zeit, das heißt die Epoche in der die
kaiserliche Ming Dynastie das Reich der Mitte
beherrschte, dauerte nach unserer Zeitrechnung von
1368 bis 1644, sie war nach der unruhigen Ära der
Mongolenherrschaft eine verhältnismäßig friedliche
Epoche der chinesischen Geschichte.

Friede und Freude in China und in der Welt, unser
Reich wird ewig sein wie die Sonne.

In der chinesischen Literaturgeschichte ist die
Mingzeit die Periode des Realismus, in ihr
entstanden die ersten großen Romane, beide
Gattungen, Geschichte und Roman galten wenig in
der literarischen Wertskala ihrer Zeit, wurden zum
niederen Schrifttum gezählt, im Gegensatz zu Lyrik
und Essay, daher schmückten sich die Erzählungen
häufig mit eingestreuten Betrachtungen und vor
allem mit Gedichten.

Der Rauch des Beckens löst sich schon auf, tief
liegen die Schatten der Lampe, der Wandschirm
hinter dem Bett bewegt sich, und auch der
beschwerte Vorhang. Liebeslust ist vergleichbar
mit Fischen, die sich im Wasser tummeln, nach
Westen sich wendend kaum daß sie nach Osten
geschwommen.

Im alten China gab es zwei Arten von Erzählungen,
Novellen in der Schriftsprache, die nur wenige
gebildete beherrschten, und Geschichten in der
Umgangsprache des Volkes, sprachlich formal
unterscheiden sie sich stark voneinander, wie etwa
die lateinische Hochliteratur des späten
Mittelalters von den Literaturen in den jeweiligen
Volkssprachen, was den Inhalt betrifft sind sie
gleich, sie erzählen von Mandarinen, von Räubern
und Geistern, von Mönchen und da auch im alten
China die Liebe als wichtiger Bestandteil des
Lebens galt, von edlen und weniger edlen
liebenden.

Das sei uns Stichwort für unsere erste Geschichte,
sie stammt aus der Sammlung San Yan, das heißt
drei Gespräche des Autors Feng Menglong, und wurde
übersetzt von Kartar Fung, bei dieser Gelegenheit
machen wir eine dankbare Verbeugung auch vor den
anderen Übersetzern, ohne deren Mühe die Sendung
nicht zustande gekommen wäre, Johanna Herzfeld,
Wolfgang Bauer und Herbert Frank, und jetzt fangen
wir an zu erzählen.

Brave Männer und ihre Gattinnen tun alles für die
Nachkommenschaft, vergnügt und hilfsbereit
meditieren Mönche in verschlossenen Zellen, wir
wissen alle, daß geben seliger macht den nehmen,
wo aber steht geschrieben daß nicht auch nehmen
zum Glück beitragen kann, danach handeln wohl
viele Mönche dieser Welt, vielleicht sogar die
meisten, ein Kloster allerdings, der Tempel zum
edlen Lotus, schien darin eine Ausnahme zu sein,
deshalb hatte das Kloster großen Zuspruch und wohl
auch deshalb, weil sich in ihm eine Halle befand,
die man die Kindersegenhalle nannte, Guanyin, die
Göttin der Barmherzigkeit, hatte dort ihre
Residenz und zu ihr kamen aus den fernsten
Provinzen die Frauen, denen Kindersegen versagt
geblieben war, Guanyin war eine wahrhaft
barmherzige Göttin, denn keine der Frauen ging
ungetröstet nach Hause, haha, neun Monate nach dem
Gebet hatte ihr Segen das Wunder vollbracht und
kräftige Kinder krähten in den Wiegen, hehe, wie
schnell machen doch solche Geschichten die Runde
im Lande, eines Tages hörte auch der Statthalter
Wan Dan von den Wundern Guanyins, und da er ein
äußerst besonnener, mithin aber auch skeptischer
Mann war, wollte er alles recht genau wissen.

Am besten ist's wenn ich selbst einmal den Tempel
besuche.

Gedacht getan, der Statthalter, vom Vater Abt mit
allen gebührenden Ehren empfangen, inspizierte das
Kloster aufs sorgfältigste, ohne jedoch etwas
Ungewöhnliches oder gar Ungehöriges zu entdecken,
so kehrte er zurück und dachte nach.

Kann denn eigentlich eine hölzerne Gottheit
derartige Dinge vollbringen,

frage er sich und es bedurfte nicht allzulangen
Nachdenkens, um sich darüber klarzuwerden, daß
hier irgendeine Teufelei mit im Spiel zu sein
schien, er gab den Auftrag, zwei der schönsten
Blumenmädchen herbei zurufen.

Geht ins Kloster zum edlen Lotus, sobald die Zeit
gekommen ist, da ihr in der Zelle schlafen sollt,
wird jede von euch ein Gefäß mit Tinte unter dem
Gewand verbergen, die eine wird rote, die andere
schwarze Tinte mit sich führen, sobald sich euch
eine Gottheit oder etwas dergleichen nähern
sollte, beschmiert ihr unbemerkt den Kopf mit der
Farbe.

Die Mädchen taten wie ihnen befohlen war, als
eines der beiden, namens Yuan Mei des Nachts in
der ihr zugewiesenen festverschlossenen Zelle lag,
geschah folgendes: Plötzlich bewegte sich eine
Platte des Fußbodens und wurde langsam
weggeschoben, Yuan Meis Augen weiteten sich, als
sie den kahlgeschoren Kopf eines Mönchs sah, der
sich Stück um Stück nach oben schob.

Da schau, das ist also das große Tempelgeheimnis.

Bald darauf drängte sich ein nackter Männerleib an
den ihren, auch fühlte sie eine erfahrene Hand an
ihren Brüsten.

Ich bin ein Jünger Buddhas und von Guanyin zu euch
gesandt,

sprach der Mönch und machte sich emsig ans Werk,
trotz aller Wonne versäumt es Yuan Mai jedoch
nicht, aus ihrer Tintenschale Farbe zu nehmen, mit
der ihre liebkosenden Hände den kahlen Schädel
fleißig einrieben, der Wonnespender war so tief
beschäftigt, daß er nichts gewahr wurde, als er
zum Ende gekommen war, machte er einem zweiten
Mönch Platz, welcher die fromme Arbeit mit
frischen Kräften fortsetze, zur gleichen Zeit
erging es Lin Wan, dem zweiten Blumenmädchen ganz
ähnlich, auch ihr erschienen zwei Wonnemönche, um
Guanyins Segen weiter zu geben und um mit Tinte
gezeichnet zu werden, zärtlich nahm der zweite
Abschied.

Mache ich euch glücklich, ihr seht daß ich nicht
so heftig bin wie der andere, ich bin ganz auf
euer Empfinden eingestellt.

Am frühen Morgen erschien überraschend der
Statthalter mit hundert bewaffneten Bütteln im
Kloster und befahl dem Abt: Bringt mir die
Namensliste euer Brüder, ehrwürdiger Meister.

Dann ließ er nach der Liste alle Mönche vor sich
rufen und als sie erschienen waren, gebot er ihnen
die Kappen abzunehmen, niemand wagte sich der
Aufforderung zu widersetzen und so entblößten sich
alle Häupter, da konnte man plötzlich zwei
feuerrote Schädel in der Sonne leuchten sehen und
nicht weniger deutlich hoben sich zwei weitere ab,
die pechschwarz gefärbt waren.

Faßt die vier und legt sie in Ketten, sagt mir
Halunken, warum ihr so farbige Schädel habt, wer
hat sie euch bemalt.

Als er keine Antwort erhielt, ließ der Statthalter
die Blumenmädchen vortreten, sie berichteten und
die vier entdeckten Farbköpfe machten unermüdlich
Kotau und erflehten die Gnade des Statthalters,
der aber geriet in unbändigen Zorn, nannte sie vor
Geilheit stinkende Hunde und räudige Wasserbüffel,
dann sprach er zum Abt:

Ihr seid ein sehr kluger Mann, aber doch nicht so
klug, daß ihr euch nicht hättet erwischen lassen,
aus eurem Kloster habt ihr ein Freudenhaus gemacht
und ehrbare Frauen habt ihr in den Schmutz
gezogen.

Was nun folgte, kann man sich leicht ausmalen, der
Abt mußte im Gefängnis schmachten, ihm wurde der
Prozeß gemacht und er bereute bitter seine
Leichtfertigkeit, schon lange bevor er dem Henker
übergeben wurde, nur zwei kindliche Novizen, deren
Unschuld allein schon durch ihre Jugend erwiesen
war, blieben ungeschoren, verschont blieb auch der
uralte zahnlose Weihrauchdiener, dem zu seinem
Glück keine Frau mehr etwas anhaben konnte.

Das war unsere erste chinesische Geschichte, die
so dürfen wir wohl annehmen, Ihnen weniger
exotisch als vielmehr trotz der Göttin Guanyin
merkwürdig vertraut erschien, von lüsternen
Mönchen wimmelt es schließlich auch in der
Novellenliteratur des Abendlandes, bei Boccaccio
und seinen Nachahmern, bei der Königin Margarete
von Navarra, bei Balzac, und da wir gerade bei
diesem Thema sind, auch sonst bieten die
Erzählungen aus dem alten China eine Fülle auch
hier bekannter Typen und Gestalten, wovon Sie sich
im weitern durch Stichproben überzeugen wollen, da
ist etwa der edle Räuber:

Der Mandarin von Wuhim hat haufenweise Gold und
Juwelen in seinem Amtssitz aufgestapelt, und all
diesen Reichtum hat er auf unredliche Weise
zusammen gebracht, erleichtere ihn doch mal um
einen Teil seiner Besitztümer und verteile den
unter die Armen.

Die lustige Witwe:

Das Schicksal hat uns zusammengeführt, er war
Liebe auf den ersten Blick, du weißt ich bin
Witwe, ich bin wieder frei, willst du dein Leben
fürderhin mit mir teilen, dann geh zur
Heiratsvermittlerin, wegen deiner Armut brauchst
du dir keine Sorgen zu machen, Geld habe ich
selbst genug.

Die jungen unerfahren Liebenden:

Erst küßten sie sich zaghaft, doch wurden sie
immer kühner, als sie merkten wie leicht es ist
und gleichzeitig wie wunderbar die Zungen zu
tauschen, aber so groß beider Sehnsucht auch war,
sie wußten anfangs nicht, was nun weiter geschehen
sollte, doch auch bei völliger Unberührtheit
bricht die Liebe sich Bahn und so kam es wie es
kommen mußte, beide fanden ohne fremde Hilfe zu
einander.

Außerdem gibt es natürlich auch erfahrene
Liebhaber, edle Helden, schöne Mädchen, finstere
Bösewichte, im fernen Osten wie im nahen Westen,
also sind, werden Sie fragen, die Chinesen gar
nicht so ungeheuer anders wie es die Volksmeinung
wahrhaben will, zumindest soweit es ihre Novellen
betrifft, gewiß, einerseits, andererseits aber
enthalten auch die erotischen Geschichten aus der
Mingzeit hinreichend unbekanntes, verblüffendes,
kurioses, eben typisch chinesisches.

Bei der umfassenden Darstellung der chinesischen
Gesellschaft in den Novellen war die Erotik nur
ein, allerdings, wichtiges Moment, Autoren und
Leser waren nicht prüde, pornografisch
interessiert waren sie allerdings auch nicht.

Was erscheint nun in den Geschichten der Mingzeit
dem fremden Teufel, wie man im alten China den
Barbaren aus dem Westen nannte, als eigentümlich
chinesisch, da ist wohl an erster Stelle die große
Bedeutung die literarisch geistiger Bildung
zugemessen wird, Helden und Heldinnen der Novellen
sind zwar auch schön und edel, vor allem aber klug
und gebildet.

Ich habe das Studium der Konfuzianer zu meiner
Beschäftigung erkoren und mich der Literatur
verschrieben, alle vier Klassen des Schrifttums,
kanonische Bücher Geschichtswerke, Philosophen und
die schöne Literatur, habe ich von vorn bis hinten
durchgeackert.

Eisvogel war die Tochter eines Bürgers aus Juanan,
namens Liu, sie war schon früh von großer Klugheit
und konnte das klassische Buch der Lieder und das
Buch der Urkunden auswendig.

Sehr chinesisch ist auch die formalistische
Höflichkeit, von der sich nicht einmal Grabräuber
freimachen können.

Bevor er den Sarg öffnete, klopfte er daran und
sprach:

Mein liebes Fräulein, entschuldigt bitte, was ich
jetzt tun werde, ich nehme mir all eure Haare,
denn ich kann sie bestimmt besser gebrauchen als
ihr, macht mir also bitte keine Schwierigkeiten.

Fremd ist uns auch die reizvolle, leider kaum zu
imitierende Lösung des alten Problems vom Mann
zwischen zwei Frauen:

Beide Mädchen sagten: zwar sind wir nur geringe
Personen, aber es tat uns dennoch immer wieder
weh, daß wir die Zeit, ob Herbstmond oder
Frühlingsblüte, nutzlos vergeudet haben und daß
wir nicht dazu kamen die liebende Neigung zu
befestigen, wir möchten mit euch das eheliche
Lager teilen und auf ewig euch zu treuen Diensten
sein, wenn ihr unserer Bitte folgt, werden wir
beide euch heiraten.

Und sie lebten fortan, wie wir doch hoffen wollen,
zu dritt glückselig beisammen, noch unvertrauter
als offizielle problemlose Vielweiberei ist eine
besondere Art chinesischer Geister die es gewaltig
nach irdischer Liebe verlangt, darum geht es in
der zweiten Geschichte, die wir in größerer
Ausführlichkeit erzählen wollen, sie heißt Sjä-
dau, die schöne Kurtisane.

Während der Regierungszeit des Mingkaisers Hongwu
lebte in der Stadt Kanton ein junger Mann namens
Jen, der Meni gerufen wurde, sein Vater Jenbeilu
wurde als Inspektor des Schulwesens in die Stadt
Fengdu versetzt und nahm seine Familie mit, Meni
war ein schlanker junger Mann, immer guter Laune
und seinen Altersgenossen in allen Dingen
überlegen, er verstand ebenso schön zu schreiben
wie zu malen, und spielte Gitarre und Schach
gleich ausgezeichnet, bei all diesen Vorzügen war
es nicht verwunderlich, daß der reiche Herr
Tschang, der auf dem Lande lebte, ihn als
Hauslehrer einstellte. Eines Tages wollte Meni
seine Eltern besuchen, auf seiner Wanderung zur
Stadt gelangte er zu einem Hain von Pfirsichbäumen
die in voller Blüte standen, als er hielt um den
Anblick zu genießen wurde er gewahr, daß sich
zwischen den Zweigen eine schöne junge Dame zu
verbergen trachtete, am nächsten Tag ging Meni
absichtlich den gleichen Weg und diesmal ließ die
Dame ihn in ihr Haus bitten.

Verbringt den Abend bei mir junger Herr.

Erlaubt mir nach eurem geehrten Familienamen zu
fragen.

Der Name meiner unbedeutenden Familie ist Ping,
mein Gatte, Herr Ping, ist leider kurze Zeit nach
unserer Hochzeit gestorben und ich habe mich als
Witwe in dieses Landhaus zurück gezogen, durch
diese Heirat bin ich übrigens verwandt mit eurem
hochgeschätzten Gönner Tschang.

Es entwickelte sich eine geistreiche Unterhaltung
und, ohne daß sie es gewahr geworden, war die
zehnte Abendstunde herangekommen, die schöne Dame
geleitete Meni in ihr Schlafzimmer und sagte:

Schon seit langer Zeit lebe ich in diesem Haus in
völliger Einsamkeit, nun hab ich heute Abend eure
Höflichkeit und Liebenswürdigkeit kennengelernt,
und ich kann mir nicht versagen, euch ein wenig
meine Liebe zu zeigen, darum schlage ich euch vor,
mir heute Nacht Gesellschaft zu leisten.

Das ist mein sehnlichster Wunsch, aber ich hätte
niemals gewagt euch darum anzugehen.

Darauf entkleideten sie sich und gingen gemeinsam
zu Bett, sie waren glücklich wie zwei im Wasser
spielende Fische und vergaßen über ihrer Liebe die
Welt um sich herum. Am nächsten Morgen beschenkte
die schöne Dame Meni mit einem kostbaren
Briefbeschwerer aus Jade, geleitete ihn zur Tür
und sagte:

Wenn ihr nichts Besseres vorhabt, so kommt heute
abend wieder. nehmt euch kein Beispiel an
herzlosen und unzuverlässigen Menschen.

Einer solchen Ermahnung bedarf es bei mir nicht.

Sechs Monate vergingen ohne daß die Liebenden
merkten wie die Zeit dahinfloß, sie betrachteten
die Blumen und schauten zum Mond auf, sie sangen
und schlürften Wein und versagten sich keinerlei
menschliche Freude, aber das Unglück will es, daß
das gute niemals von Dauer ist, so mußte auch für
diese beiden liebenden das Ende ihres Glücks heran
kommen, sein Vater und Herr Tschang entdecken
zufällig, daß Meni seine Nächte weder im
Elternhaus auf noch auf Tschangs Gut verbrachte,
sie nahmen ihn streng ins Gebet, Meni sah ein daß
es keinen Ausweg für ihn gab und berichtet von
seiner Bekanntschaft mit der schönen Dame aus der
Familie Ping, die eine Verwandte des Herrn Tschang
sei, dieser sagte erstaunt:

Aber ich habe in dieser Gegend überhaupt keine
Verwandten, und kein Zweig meiner Familie führt
den Namen Ping, hinter deinem Erlebnis steckt
sicher ein Spuk, ich rate dir dringend, vorsichtig
zu sein und unter keinen Umständen noch einmal
dieses Landhaus aufzusuchen.

Meni glaubte ihm nicht und besuchte am Abend, wie
er es gewohnt war, seine schöne Geliebte, sie
leerten einige Schälchen Wein miteinander und in
der Nacht gaben sie sich ihrer Liebe hin, aber als
der Morgen heraufdämmerte begann sie bitterlich zu
weinen und sagte:

Wir werden auf immer getrennt werden.

Unter heißen Tränen nahmen sie voneinander
Abschied, als Mengis Vater feststellte, daß sein
Sohn wieder in jenem Haus übernachtet hatte, wurde
er zornig und sagte zu Herrn Tschang:

Ich will mich von meinem zuchtlosen Sohn geführt
selbst an jenen Ort bemühen und nachforschen.

Sie gingen zu dritt aus der Stadt und schlugen den
Weg zum Pfirsichhain ein, als sie dort anlangten,
reckten sie alle überrascht den Hals, rundum sahen
sie nur glitzerndes Wasser und bewaldete Hügel,
nichts weiter, vor ihnen ragte ein Dickicht mit
Pfirsichbäumen auf, im Untergehölz schimmerte ein
einfaches Grabdenkmal, das Haus war verschwunden,
Herr Tschang schüttelte nachdenklich den Kopf.

Es wird erzählt, daß sich an dieser Stelle das
Grab einer Kurtisane aus der Tang-Epoche befindet,
Sedau war ihr Name, in einer späteren Generation
erinnerten sich die Menschen der Worte des
Dichters Jinku, zarte Pfirsichblüten bedecken Jaus
Grab, und sie pflanzten an dieser Stelle mehrere
hundert Pfirsichbäume an, damit sie zur Blütezeit
darunter Lustwandeln konnte, die schöne Dame, der
euer geschätzter Sohn begegnet ist, ist zweifellos
Sedau gewesen, sie ist schon Jahrhunderte lang
tot, aber ihr Geist ist anscheinend der gleiche
geblieben, es ist ratsam, dieser Sache nicht
weiter nachzugehen.

Meni studierte weiter und bestand auch die höchste
Prüfung, mit der er den Grad eines Tshinshi, eines
Doktor erwarb, er wurde nicht müde sein
abenteuerliches Erlebnis zu erzählen, aber wie oft
er auch an die schöne Geliebte dachte, er hat sie
nicht wiedergesehen.

Die Geschichte, erotisch, aber eher elegisch als
heiter, ist vorbei und auch mit unserer Sendung
geht es dem Ende zu. Und am Himmel schwebt die
Krähe, huscht der Hase dahin, auf Erden erscheinen
die Menschen von heute, verschwinden die von
gestern, wo einstmal Freude herrschte, ragt jetzt
ein öder Hügel, in einem Augenblick wird Recht zu
Unrecht, Sieg zur Niederlage, lerne jenseits von
Lärm und Hast der Welt Ruhe zu finden.

Und jetzt wissen Sie, was Ping-Pong zur Ming-Zeit
ist. Das wars. Ping Pong zur Ming-Zeit. Erotische
Erzählungen aus dem alten China. Das Manuskript
schrieb Michael Koser. Es sprachen: Almut Eggert,
Rolf Marnitz, Klaus Nägelen, Henning Schlüter und
Peer Schmidt. Aufnahmeleitung: Ingeborg Karn.
Schnitt: Manfred Rabbel. Ton: Klaus Krüger. Regie:
Dietrich Auerbach. RIAS Berlin 1977.

Michael Koser: Das Geheimnis von Craven-Hall (RIAS
1978) (nach Catherine Louisa Pirkis: The Murder of
Troyte's Hill)

Versetzen Sie sich nun im Geiste zurück, um ein
gutes dreiviertel Jahrhundert, in die Zeit der
Gasbeleuchtung und der Pferdedroschken und folgen
sie mir in das Gerichtsgebäude einer kleinen
englischen Stadt, wo gerade eine Totenschau
abgehalten wird, ein Mord hat stattgefunden.

Richter: Und dann sahen Sie die Leiche.
Butler Hales: Jawohl euer Ehren, ich erblickte den
dahingeschiedenen in seinem Blute liegen, inmitten
dieser chaotischen Umgebung, es war abscheulich,
wenn ich mir diesen starken Ausdruck gestatten
darf.
Richter: So. Und was taten Sie dann?
Butler: Ich sagte oh!
Richter: Oh?
Butler: Jawohl euer Ehren, oh, ich erinnere mich
genau.
Richter: Und dann?
Butler: Äh, dann dachte ich nach.
Richter: In der Tat. Und?
Butler: Ich äh ich dachte also nach, etwa 2
Minuten, würde ich sagen, dann kam ich zu der
Überzeugung, dies sei ein Fall für die Polizei,
daher beschloß ich mich nach Grenfell zu begeben
und Wachtmeister Williams zu benachrichtigen.

Wachtmeister: Bei dem Toten handelt es sich um
einen gewissen Alexander Henderson, allgemein
bekannt als Old Sandy, 62 Jahre alt, Gärtner bei
Mr. Craven auf Craven Hall, in dieser Eigenschaft
bewohnte er eine Hütte im Park des besagten Mr.
Craven, nicht weit vom Herrenhaus entfernt. Dort.
Richter: Dort fand ihn Mr. Cravens Butler, in
leblosem Zustand, worüber er Sie informierte, das
ist uns bereits bekannt, Wachtmeister, wir wollen
von Ihnen wissen, ob Ihnen etwas besonders
auffiel, als Sie die Leiche in Augenschein nahmen.
Wachtmeister: Gewiß euer Ehren, in dem Zimmer
herrschte ein unglaubliches Durcheinander, ganz
abgesehen von der Leiche, ein Tohuwabohu, gar
nicht zu beschreiben.
Richter: Machen Sie uns die Freunde und versuchen
Sie es trotzdem.
Wachtmeister: Ja euer Ehren, äh, das Bett war
umgestürzt, desgleichen der Tisch und ein Stuhl,
der zweite Stuhl stand auf dem Kleiderschrank,
Laken und Bettdecke waren zusammengerollt und in
den Kamin gestopft worden, Vasen und anderes
Geschirr lagen in Scherben auf dem Fußboden, als
ob eine Horde Affen gehaust hätte.

Dr. Johnson: Sofortiger Exitus war natürlich die
Folge.
Richter: Natürlich, würde es Ihnen etwas
ausmachen, Doktor Johnson, Ihre Aussage kurz zu
wiederholen, wenn möglich so, daß sie auch für
einen medizinischen Laien verständlich wird.
Dr.: Wie Sie wünschen, euer Ehren, ich möchte aber
darauf hinweisen, daß laienhafte Formulierungen
nicht gerade zur wissenschaftlichen Präzision
beitragen.
Richter: Wir werden uns damit abfinden, Doktor,
die Todesursache war also.
Dr.: Schlicht gesagt, ein Schlag auf den Schädel
ausgeführt mit einem stumpfen Gegenstand und
großer Körperkraft, die Lage des Toten auf dem
Fußboden des Zimmers, direkt unter dem offenen
Fenster, deutet darauf hin, daß er den Schlag
erhielt, während er den Kopf aus dem Fenster
steckte.
Richter: Interessant, und wann.
Dr.: Der Tod trat etwa 12 Stunden vor meiner
Untersuchung ein, also zwischen 5 und 6 Uhr am
frühen Morgen des 8. September 1901, darauf läßt
auch die Tatsache schließen, daß der Tote
lediglich mit einem Nachthemd aus himmelblauem
Flanell bekleidet war.

Craven: Familienfaktotum könnte man sagen, treuer
Diener, seit ich in Oxford war, als Student,
wissen Sie, alte neue und vergleichende
Philologie, damals fing ich an mit meinen
Forschungen über die Ursprache der Menschheit, ich
weiß nicht ob sie sich vorstellen können.
Richter: Gewiß Mr. Craven, äh hatte der Tote Ihres
Wissens Feinde?
Craven: Feinde, wer?
Richter: Handerson natürlich.
Craven: Sandy, meinen Sie, Feinde, ganz bestimmt
nicht, eine Seele von Mensch, allgemein beliebt.
Richter: Demnach glauben Sie nicht, daß der Täter
in seinem Wirkungskreise zu suchen wäre.
Craven: Unsinn, völlig unmöglich, ein
Landstreicher vielleicht oder ein Irrer.

Richter: Gestatten Sie mir zum Schluß dieser
Totenschau einige notwendige Betrachtungen, der
Fall liegt noch in den bewährten Händen der
hiesigen Kriminalpolizei und ich bin sicher, daß
Inspector Griffin, der die bisherigen
Untersuchungen mit großer Umsicht geleitet hat,
bald den Urheber dieser schändlichen Tat ermitteln
und der gerechten Strafe zuführen wird, aber wie
ich soeben erfahren habe, gedenkt der
Polizeipräsident unserer Grafschaft einen Londoner
Spezialisten hinzuziehen, angesichts gewisser
angeblich merkwürdiger Umstände des Falles und
angesichts der Tatsache, daß eine angesehene
Familie wenn auch nur indirekt betroffen sei, wir
halten dies, wir sagen es in aller Offenheit, für
eine durchaus unnötige Maßnahme, ja noch mehr, für
eine Verschwendung von Steuergeldern, denn kann
wohl ein Zweifel daran bestehen, daß es sich beim
Täter um einen Wahnsinnigen handelt, der durch
eine Überprüfung der einschlägigen Anstalten in
der Umgebung leicht zu ermitteln sein dürfte, für
uns ergibt sich daraus wieder einmal die traurige
Veranlassung, auf den gefährlichen Geist dieser
unserer modernen Zeit, warnend hinzuweisen, auf
die beklagenswerte Hektik des kaum begonnenen
Jahrhunderts, die sich ausdrückt in Automobilen,
Telefonen und weiß der Himmel noch was für
entsetzlichen Erfindungen, auf die verfehlte Sucht
nach neuem, die das bewährte alte verachten zu
müssen glaubt, all dieses kann wie wir leider
schon des öfteren festzustellen hatten,
ungefestigte Charaktere in kriminellen Irrsinn
stürzen, bedenken Sie dies meine Herren vom der
Jury, wenn sie sich nunmehr zurückziehen um ihren
Spruch zu beraten.

Inspektor Griffin: Mord durch eine oder mehrere
unbekannte Personen, na das war zu erwarten, dann
machen Sie mir mal eine Liste aller Sanatorien in
der Grafschaft, damit wir sie in den nächsten
Tagen abklappern können.
Wachtmeister: Schon dabei, Inspektor, was meinen
sie, vielleicht haben wir den Burschen schon,
bevor dieser Spezialist aus dem Zug steigt.
Inspektor: Ihr Wort in Gottes Ohr, Williams und in
das des Herrn Polizeipräsidenten.
Gordon: Eine Dame möchte sie sprechen, Inspektor.
Inspektor: Eine Dame, Sie können gehen Williams,
und Sie auch Gordon.

Miss Brooke: Inspektor Griffin?
Inspektor: Zu Ihren Diensten, Mam.
Brooke: Mein Name ist Brooke, Miss Loveday Brooke.
Inspektor: Erfreut, möchten Sie nicht Platz nehmen
und vielleicht eine Tasse Tee?
Brooke: Danke aber zu einem Plauderstündchen bin
ich eigentlich nicht gekommen, haben Sie mein
Telegramm nicht erhalten?
Inspektor: Telegramm, was für ein Telegramm?
Brooke: Ich soll hier einen Fall lösen, mit dem
Sie allein nicht fertig werden, den Mord an
Alexander Henderson.
Inspektor: Moment mal, Brook. Brook ah, dann sind
Sie ja der Spezialist aus London.
Brooke: Ich bin wie sie sehen die Spezialistin aus
London, Sie dürfen den Mund wieder zumachen,
Inspektor, haben Sie übrigens etwas dagegen wenn
ich rauche.
Inspektor: Ja, ich meine natürlich nein, bitte
entschuldigen Sie meine Verwirrung, ich habe
natürlich keine Dame erwartet.
Brooke: Natürlich nicht, ein weiblicher Detektiv,
der auch noch raucht, das ist ja wohl der Gipfel,
die muß ein Mannweib sein, ein Blaustrumpf, eine
Suffragette, wenn nicht noch schlimmeres, so
nachdem ich Ihnen das Wort aus dem Munde genommen
und das obligatorische Vorgeplänkel.
Inspektor: Aber ich bitte sie ganz und gar nicht.
Brooke: Sollten wir vielleicht mit der Arbeit
anfangen, was bei der Totenschau ausgesagt wurde,
können Sie voraussetzen, ich war da, klein und
bescheiden, in der letzten Reihe, Sie haben mich
sicher nicht gesehen.
Inspektor: Ich muß gestehen.
Brooke: Macht nichts, macht nichts, meinen Sie
übrigens auch wie der in Ehren vergreiste Richter,
daß der Täter ein Geisterkranker ist?
Inspektor: Ich weiß nicht so recht.
Brooke: Sehr schön, sehr schön, immer offen
bleiben, das ist mein Motto, ein guter Detektiv
geht ohne Vorurteil und vorgefaßte Meinung an
seine Fälle, und Sie sind doch ein guter Detektiv.
Inspektor: Ich hoffe es.
Brooke: Ich auch, das würde unsere Zusammenarbeit
nämlich sehr erleichtern, gut ans Werk Inspektor,
äh zunächst will ich von Ihnen nichts weiter als
ein paar Informationen, also erzählen Sie mir was
von den Cravens auf Craven Hall.
Inspektor: Ja, aber, aber Sie glauben doch nicht.
Brooke: Ich glaube gar nichts, Inspektor, bitte.
Inspektor: Ja, die Cravens, immer noch eine der
angesehensten Familien in der Grafschaft,
heutzutage allerdings wie soll ich sagen, ein
bißchen heruntergekommen, Craven Hall soll stark
verschuldet sein, Mr. Craven senior haben Sie ja
wohl bei der Totenschau erlebt, ein Gelehrter,
zerstreut, weltfremd, schreibt seit Jahrzehnten an
einem großen Werk über die Urlaute der Menschheit
oder so ähnlich und interessiert sich für nichts
anderes, Witwer, hat 2 Kinder, Cilia 18 und Walter
20.
Brooke: Warum sind die beiden nicht bei der
Totenschau vernommen worden?
Inspektor: Ganz einfach, Cilia ist in Liverpool
bei Bekannten.
Brooke: So, wann abgereist?
Inspektor: Am 7. September, einen Tag vor dem
Mord, abends, in einem gemieteten Automobil, wir
haben nachgefragt, routinemäßig, und der Chauffeur
hat es bestätigt.
Brooke: Damit hätte Miss Craven ein Alibi.
Inspektor: Nicht, daß sie es brauchte, Cilia hätte
nie die Kraft gehabt, Sandy den Schädel
einzuschlagen, sie ist ein nettes Mädchen, hat so
gar nichts von diesen modernen jungen Frauen die
auf Tennisplätzen herumflirten und die Straßen mit
dem Velociped unsicher machen.
Brooke: Danke sehr.
Inspektor: Ai, das war natürlich nicht persönlich
gemeint.
Brooke: Geschenkt. Inspektor, geschenkt, weiter,
Walter Craven.
Inspektor: Krank, Gelbsucht, er liegt isoliert von
der Außenwelt in einem Seitenflügel von Craven
Hall.
Brooke: Seit wann?
Inspektor: Warten Sie mal, ja, seit dem 7.
September.
Brooke: Die Tochter verreist, der Sohn wird krank,
genau zur gleichen Zeit, merkwürdig, finden Sie
nicht.
Inspektor: Merkwürdig, reiner Zufall.
Brooke: Glauben Sie wirklich, woher wollen Sie
wissen, daß Walter den kranken nicht nur spielt.
Inspektor: Auch wenn wir hier nicht bei Scotland
Yard sind, so leicht lassen wir uns nicht an der
Nase herumführen, Mr. Craven Junior hat ein
ordnungsgemäßes ärztliches Attest vorgelegt, als
er zur Totenschau bestellt wurde.
Brooke: Wer hat das Attest unterschrieben, der
Hausarzt?
Inspektor: Ja, das nehm ich doch an.
Brooke: Aber sie wissen es nicht genau.
Inspektor: Nein.
Brooke: Dann prüfen sie es bitte nach.
Inspektor: Wenn sie unbedingt wollen.
Brooke: Ja, die Sache ist wichtig, es geht
immerhin um Walter Craven Alibi.
Inspektor: Ach das Alibi, das steht sowieso fest.
Jonny Hales, der Butler, ist bereit zu beschwören,
daß in der fraglichen Nacht weder Walter noch
sonst jemand Craven Hall verlassen hat.
Brooke: So, und woher weiß er das so genau?
Inspektor: Hales hat sein Zimmer direkt neben der
Tür, die Scharniere quietschen entsetzlich, dazu
kommt, daß der alte Hales wie so oft wegen seines
Rheumas die ganze Nacht wachblieb, also niemand
konnte in der Mordnacht aus dem Haus gehen ohne
daß der Butler es hörte.
Brooke: Nicht schlecht soweit, aber eines haben
Sie vergessen, oder einen, Hales selbst.
Inspektor: Kaum, würde er dann wohl allen anderem
im Haus ein Alibi geben?
Brooke: Da könnten Sie recht haben, gut, legen wir
Mr. Hales und das Problem der Alibis erst mal aufs
Eis, fragen wir nach den Motiven, wer hätte einen
Grund haben können, Sandy Henderson umzubringen?
Hales?
Inspektor: Tja, soviel ich weiß kamen die beiden
nicht gerade gut miteinander aus, nach Hales lag
Sandy den ganzen Tag faul auf seinem Bett herum,
ließ den Park verwildern und bekam dafür von Mr.
Craven einen höheren Lohn als der Butler.
Brooke: Interessant wenns stimmt, aber kaum ein
Mordmotiv, die übrige Dienerschaft
Inspektor: Nur noch Köchin und Zimmermädchen, und
die kommen nicht in Frage, nicht kräftig genug.
Brooke: Akzeptiert, und was ist mit Craven senior?
Inspektor: Nix. Im Gegenteil. Mr. Craven hing sehr
an Sandy, obwohl der unter uns gesagt ein alter
Streithammel war, auch wenn er an allen Ecken und
Enden gespart werden mußte, für Sandy Lohn war
immer genug da.
Brooke: Und wenn man Hales glauben kann, war
Sandys Lohn nicht gerade winzig, dann fehlt uns
also nur noch ein Motiv für Walter Craven, den so
plötzlich erkranken.
Inspektor: Der hat seine eigenen Probleme, die mit
Sandy nichts zu tun haben. Walter ist sozusagen
der begehrteste junge Mann in Grenfell und
Umgebung, alle unseren würdigen Geldverleiher sind
hinter ihm her, wie der Teufel hinter der armen
Seele, er hat so viel Schulden, daß ich nicht weiß
wie er da jemals wieder rauskommen will, das
Familiensilber hat er schon versetzt.
Brooke: Und zurzeit liegt er krank danieder,
unerreichbar für seine Gläubiger, äußerst
praktisch, wie gehts jetzt weiter, ihr
Polizeipräsident sagte etwas von einer Stelle bei
Craven, von einer Möglichkeit ins Haus zu kommen.
Inspektor: Richtig, Craven sucht für seine
wissenschaftlichen Arbeiten einen Sekretär, eine
Guinee pro Monat bei freier Station.
Brooke: Sehr verlockend.
Inspektor: Vielleicht kann ich ihn von den
Qualitäten einer Sekretärin überzeugen.
Brooke: Tun sie das Inspektor, ich logiere im
Ochsenkopf, wenn mit Craven alles klar geht,
treffen wir uns morgen vormittag sagen wir um 10
und sie begleiten mich dann nach Craven Hall,
einverstanden.

Inspektor: Ein gewöhnlicher Räuber wars mit
Sicherheit nicht, Sandys Sparbuch und 200 Pfund in
Bar lagen unberührt in seinem Schrank, also
vielleicht doch ein irrer, dieses verwüstete
Zimmer, das kann doch kein normaler Mensch gewesen
sein.
Brooke: Aber Inspektor, immer schon offen bleiben,
denken sie dran, es gibt mindestens noch 2 andere
Möglichkeiten.
Inspektor: Und die wären?
Brooke: 1. der Mörder will uns täuschen, will uns
glauben machen, Sandy sei von einem Wahnsinnigen
erschlagen worden, 2. der Mörder hat etwas
bestimmtes gesucht und wollte alle Spuren seiner
Suche beseitigen.
Inspektor: Und das, verehrte Kollegin, ist Craven
Hall.
Brooke: Aha, von weitem ganz hübsch, frühes 17
Jahrhundert nehm ich an.
Inspektor: Kann sein ich versteh nicht davon, die
franzosischen Fenster rechts von der Tür, das ist
das Arbeitszimmer von Mr. Craven.
Brooke: Und Walters Krankenlager?
Inspektor: Irgendwo im linken Seitenflügel im 2.
Stock glaub ich.
Brooke: Da wir gerade von Walter reden, haben Sie
sich um sein Attest gekümmert.
Inspektor: Hätte ich fast vergessen, das Attest
ist von Dr. Waters in Grenfell ausgestellt worden.
Brooke: Und?
Inspektor: Dr. Waters ist zwar etwas kurzsichtig,
und nicht mehr der jüngste, aber er würde nie ein
Gefälligkeitsattest unterschreiben, auch nicht für
die Cravens.
Brooke: Das rote Dach da über den Büschen, das
gehört wohl zu Sandy Hütte.
Inspektor: Richtig, wir sind da.
Brooke: Dann liefern sie mal die neue Sekretärin
ab, wir sehen uns wie besprochen um 5 in ihrem
Büro.

Hales: Inspektor.
Inspektor: Tag Hales, ich bringe ihnen Mr. Cravens
neue Sekretärin, Miss Brooke, er weiß Bescheid.
Hales: Miss äh bitte folgen sie mir.
Brooke: Einen Moment noch, ein Wort im Vertrauen,
Inspektor.
Inspektor: Ja?
Brooke: Fragen sie ihn, ob er in der Mordnacht,
als er nicht schlafen konnte, irgend ein
ungewöhnliches Geräusch gehört hat, leben sie wohl
Inspektor, und vielen Dank für ihre Mühe.
Inspektor: Nicht der Rede wert, Miss, ach Hales?
Hales: Sir?
Inspektor: In der Nacht, in der Sandy umgebracht
wurde.
Hales: Ja Sir.
Inspektor: Haben sie da irgendetwas Ungewöhnliches
gehört?
Hales: Ungewöhnlich Sir?
Inspektor: Ja ein auffälliges Geräusch, ein
Geräusch das man normalerweise sonst nicht hört.
Hales: Ah ich verstehe, Sir, ich glaube nicht,
Sir, falls man nicht die Tatsache, daß Kapitän
geheut hat, für ungewöhnlich halten wollte.
Inspektor: Käptain?
Hales: Mr. Cravens irischer Setter, Sir.
Inspektor: Ah ja, wann war das?
Hales: Wenn ich mich recht erinnere, Sir, gegen 5
Uhr morgens, das war übrigens wenn ich das
hinzufügen darf, das letzte mal, das Cäptain sich
vernehmen ließ, seit dem ist er verschwunden.
Inspektor: Was sie nicht sagen.
Brooke: Der kuriosen Zwischenfall mit dem Hund in
der Nacht, elementar mein lieber Inspektor.
Inspektor: Wie meinen.
Brooke: Oh nichts von Bedeutung, walten Sie ihres
Amtes, Hales.
Hales: Sehr wohl, Miss, wie ich bereits bemerkte,
folgen Sie mir.
Brooke: Eine schlimme Sache, der Mord an Ihrem
Gärtner, Hales.
Hales: So ist es, Miss, Ihr Zimmer, Miss, ein
Dichterzimmer von Miss Celia, die sich zur Zeit in
Liverpool aufhält, oh, oh ich muß um
Entschuldigung bitten, Miss, wie ich bemerke ist
noch nicht aufgeräumt, ich werde ihnen sogleich
das Mädchen schicken.
Brooke: Lassen Sie nur, Hales, das mache ich schon
selbst.
Hales: Wie es Ihnen beliebt Miss, Abendessen um 7
Uhr, pünktlich, Mr. Craven wünscht Ihre
Anwesenheit, bis dahin muß ich sie sich selbst
überlasen.

Inspektor: Zucker, Miss Brooke?
Brooke: Danke Inspektor.
Inspektor: Nein. Keine Sahne, danke.
Brooke: Ist Celia Craven blond?
Inspektor: Was, ja ich glaub schon, warum?
Brooke: Weil ich das hier auf dem Fußboden ihres
Zimmers gefunden habe.
Inspektor: Aha. Eine Haarsträhne, blond, na und?
Brooke: Diese Strähne, lieber Inspektor ist gut 40
cm lang, so was schneidet sich ein Mädchen nicht
aus Spaß ab oder durch Zufall.
Inspektor: Aber ich versteh nicht. Was schließen
sie daraus?
Brooke: Vorläufig noch gar nichts, dazu müßte ich
erst mehr über Walter Cravens Krankheit wissen.
Inspektor: Aber was hat denn das damit zu tun, und
was wollen sie dauernd mit Walter, sie sind auf
der falschen Fährte, Miss Brooke, glauben sie mir,
was sie tun sollten.
Brooke: Was ich tun sollte, überlassen sie bitte
ganz und gar mir, Inspektor, übrigens habe ich
nicht nur diese Haarsträhne gefunden.
Inspektor: So, was denn noch?
Brooke: Einen toten Hund, genauer gesagt einen
irischen Setter, dem jemand den Schädel
eingeschlagen hat mit einem stumpfen Gegenstand.
Inspektor: Mr. Cravens Kaptain.
Brooke: Ohne Zweifel, er lag oberflächlich
vergraben unter einem Gebüsch im Park, knapp 5
Meter von Sandys Hütte entfernt, wenn ich meiner
Nase trauen kann, war er schon etwa 1 Woche tot,
das heißt.
Inspektor: Das heißt, daß er wahrscheinlich in der
Nacht vom 7 auf 8 September totgeschlagen wurde.
Brooke: Gegen 5 Uhr als Hales sein Todesheulen
hörte und da nach Dr. Johnson Aussage Henderson in
eben dieser Nacht auf eben diese Weise umgebracht
wurde und zwar zwischen 5 und 6.
Inspektor: Läßt sich zwischen beiden Ereignissen
ein Zusammenhang vermuten.
Brooke: Sehr gut Inspektor, die Frage ist nur, was
für ein Zusammenhang.
Inspektor: Ja, ja, äh das ist wie sie so richtig
sagen die Frage, vielleicht hat der Hund den
Mörder gestellt?
Brooke: Könnte sein, nur war Captain leider uralt,
zahnlos, halb blind und so gut wie taub, ich habe
mich informiert, Fakten, Inspektor, Fakten, darauf
kommt es an, Regel 2 des guten Detektivs, eine
Tatsache ist mehr wert als 1000 Vermutungen, und
deshalb sollten wir heute mit dem spekulieren
aufhören.
Inspektor: Wüßte nicht, was ich lieber täte.
Brooke: Freuen sie sich nicht zu früh, Inspektor,
Fortsetzung folgt bald, allerdings wohl besser
nicht hier, man könnte sich fragen, was ich
ständig in Grenfell und speziell ihrem Büro zu
suchen habe.
Inspektor: Daran habe ich auch schon gedacht und
mir was überlegt, was halten sie davon, um die
Mittagszeit kommt der Briefträger mit der Post
nach Craven Hall, ein zuverlässiger Mensch, tut
der Polizei gern mal einen Gefallen, wenn sie mir
was mitteilen wollen, schreiben sie es auf und
geben sie es ihm mit, heimlich, ich mach es
genauso, noch eine Tasse Tee?
Brooke: Ja gern.

Butler: Wünschen Sie noch Gemüse, Miss?
Brooke: Danke Hales.
Craven: Essen sie nur, Miss äh.
Brooke: Brooke, Loveday Brooke.
Craven: Essen sie doch, Miss Brooke, essen sie
tüchtig das stärkt die kleinen grauen Zellen, und
die brauchen wir, die brauchen wir bald, wenn wir
anfangen gemeinsam an meinem großen Werk zu
arbeiten, sie wissen doch worum es geht, oder,
habe ich sie schon gefragt, welche Sprachen sie
beherrschen, das ist wichtig, Miss äh Brooke,
äußerst wichtig. Je mehr desto besser, desto
besser, nicht wahr.
Brooke: Ich spreche außer englisch natürlich.
Craven: Natürlich. Natürlich.
Brooke: Französisch, italienisch, deutsch,
verstehe spanisch, latein, altgriechisch, ach ja
und ein bißchen hebräisch.
Craven: Und, und? Das ist alles? Miss Brooke, kein
Sanskrit, Miss äh, die erhabene Sprache der alten
Inder, wirklich nicht, chinesisch, gotisch,
isländisch, kein bißchen, kein ganz kleines
bißchen.
Brooke: Leider nein, Mr. Craven.
Craven: Ein Jammer, ja was machen wir denn da, sie
können abräumen, Hales.
Butler: Sehr wohl, Sir.
Craven: Das gewaltige Werk Miss äh.
Brooke: Brooke.
Craven: Ms Brooke danke, das gewaltige Werk, die
Krönung meines wissenschaftlichen Strebens und
Lebens verlangt nun einmal die Kenntnis aller
wichtigen Idiome der Menschheit, die Urlaute, Miss
Brook, die Ursprache, ist ihnen eigentlich klar,
welch gigantischer Aufgabe ich mir gestellt habe,
wissen sie in welcher Sprache Adam und Eva im
Paradies miteinander konversierten, sie wissen es
nicht, niemand weiß es, nur ich, ich weiß es oder
ich werde es sehr bald wissen, denn die Urlaute,
glauben sies mir, sind nicht verschwunden, sie
stecken in jeder Sprache überall, man muß sie nur
finden und erkennen, und wenn ich sie gefunden und
erkannt habe, dann werden sie es alle bereuen, daß
sie mich ausgelacht haben, alle, die eingebildeten
Professoren und Doktoren, sie werden meinen Namen
mit Ehrfurcht nennen, sie werden mein Werk
bewundern, und es wird Jahrhunderte überdauern.
Butler: Sir?
Craven: Jawohl die Jahrhunderte.
Butler: Sir.
Craven: Was? Was, was gibts Hales?
Butler: Vielleicht möchten sie einen Blick in die
Zeitung werfen Sir, die Liverpool News von heute.
Craven: Gut, gut, geben sie doch her, Hales.
Butler: Bitte Sir ich erlaube mir ihre besondere
Aufmerksamkeit auf diesen Artikel hier zu lenken.
Craven: Wieso, was, achso, in den Morgenstunden
des gestrigen Tages haben sich eine große
Menschenmenge am Pier A, um der Abfahrt der
Edinburg Castle beizuwohnen, unter den Passagieren
der Jungfernfahrt nach New York.
Butler: Sir?
Craven: Ja, ja verstehe, Hales, wer ist die junge
Dame hier am Tisch, sie kommt mir irgendwie
bekannt vor.
Butler: Miss Brooke Sir, Ihre neue Sekretärin.
Craven: Ach, wirklich, ja richtig, ich erinnere
mich. Miss Brooke.
Brooke: Ja, Mr. Craven?
Craven: Heute brauche ich sie nicht mehr, bin
nicht in der rechten Stimmung zur Arbeit, aber
morgen abend nach dem essen da stellen sie sich
bitte in meinem Arbeitszimmer ein, bereiten sie
sich geistig darauf vor, daß ich ihnen das Vorwort
meines großen Werkes diktieren werde, Sie dürfen
sich zurückziehen, Miss äh.
Brooke: Brooke, Mister Craven.

Brooke: Dies, lieber Inspektor, ließ mir wie sie
sich denken können, hinreichend Zeit, meinen
eigentlichen Pflichten in Craven Hall nachzugehen,
und wenn ich auch bislang noch nicht in die
Geheimnise der Urlaute eindringen konnte, so ist
es mir doch gelungen, eines der Geheimnisse von
Craven Hall aufzudecken, wovon ich ihnen durch den
getreuen Postboten hiermit sogleich Mitteilung
mache, ich meine die mysteriöse Krankheit des
jungen Mr. Walter, der ich wie Sie sich erinnern
werden, von Anfang an mit gewissen zweifeln
gegenüberstand, es wird sie interessieren zu
hören, daß meine Zweifel sich als durchaus
begründet erwiesen haben, heute vormittag war ich
nämlich in einem unbewachten Augenblick so
glücklich das sog. Krankenzimmer im Seitenflügel
in Augenschein zu nehmen obwohl ich lediglich
einen kurzen Blick auf das darin aufgestellte Bett
werfen konnte, die Köchin hatte ihren Posten an
der Tür nur für wenige Sekunden verlassen, blieb
meiner geschulten Beobachtungsgabe keine wichtige
Einzelheit verborgen, im Bett lag kein junger Mann
sondern ein etwa 18 jähriges Mädchen mit
gelbgeschminkten Gesicht und kurzgeschnittenen
blonden Haaren, die Schlußfolgerungen, welche
daraus zu ziehen sind, kann ich wohl getrost ihnen
überlassen, in diesem Zusammenhang noch ein
Hinweis, beschaffen sie sich die Passagierliste
der Edinburg Castle, die vorgestern von Liverpool
nach New York abgesegelt ist, es sollte mich nicht
im mindesten wundern, wenn sie darin einen
bekannten Namen fänden, doch nun zu wichtigerem,
ich weiß, wer Hendersen erschlagen hat, nur eine
Person kommt in Frage, alle übrigen sind aus einer
Vielzahl von Gründen, die auch ihnen inzwischen
klar sein müßten, eliminiert, letzte Gewißheit vor
allem was das Motiv betrifft, hoffe mir ich noch
am heutigen Tage zu verschaffen, dabei könnte ihre
Hilfe unter Umständen von einigem nutzen für mich
sein, stellen sie sich daher bei Anbruch der
Dunkelheit hier ein, am besten mit einer kleinen
polizeilichen Heeresmacht und verbergen sie sich
im Park, behalten sie vor allem die französischen
Fenster des Arbeitszimmers im Auge, sobald sie
dort direkt hinter den Scheiben eine grüne Lampe
aufleuchten sehen ist es angezeigt, daß sie mit
gewisser Dringlichkeit das Zimmer betreten, ich
verlasse mich auf Sie, wenn ich auch hoffe, daß
der Fall durch die Kraft des Geistes allein und
ohne rohe Gewalt gelöst werden kann, Ihre ergebene
Loveday Brooke.

Craven: Was machen Sie denn da?
Brooke: Oh, oh, Sie haben mich erschreckt, Mr.
Craven, ich bereite unsere Arbeit vor, hier, sehen
sie.
Craven: Was haben Sie in meinen Privatpapieren zu
suchen, Miss äh.
Brooke: Brooke.
Craven: Ich mag das nicht, man könnte fast
glauben, sie seien an meinen kleinen Geheimnissen
interessiert, Leute, die meine kleinen Geheimnisse
kennen, mag ich nicht, lassen Sie sich das gesagt
sein.
Brooke: Ja, Mr. Craven, verzeihen Sie.
Craven: Wo waren wir stehengeblieben.
Brooke: Sofort, für das Problem der Reduzierung
menschlicher Sprache auf die sechs Urlaute ist die
Frage nach den emotionalen Grundsituationen von
entscheidender Bedeutung, daß Schmerz, Leid, Lust,
Freude, Mangel und Befriedigung ihren jeweiligen
sprachlichen oder doch stimmlichen Ausdruck
besitzen, davon darf ausgegangen werden, wenn auch
experimentelle Bestätigung, soweit hatten sie
diktiert, Mr. Craven.
Craven: Experimentelle Bestätigung, experimentelle
Bestätigung, das ist es, das a und o, der letzte
Beweis, auch die vergleichende Philologie ist eine
exakte Wissenschaft und bedarf des Experiments,
aber wie vorgehen, ja wie vorgehen?
Brooke: Tierversuche, haben sie schon daran
gedacht, Mr. Craven, das wäre doch meiner
bescheidenen Meinung nach ein guter Anfang, die
Urlaute zu bestimmen.
Craven: Was, was war das Miss, Tierversuche,
äußerst interessant, Sie sagen da etwas, woran ich
selbst schon oft gedacht habe, wenn wie der selige
Mr. Darwin uns glaubwürdig versichert, wir
Menschen von Tieren abstammen, dann läßt sich
erwarten, daß die Urlaute im Tierreich
gewissermaßen vorgebildet sind. Angenommen, man
fügt einem Tier Schmerzen zu, einem Affen oder
einem.
Brooke: Oder man töten, da man einen Affen doch
wohl nur selten zur Hand hat, zum Beispiel einen
Hund.
Craven: Aha, Hund, glauben sie ja nicht Miss äh.
Brooke: Brooke.
Craven: Glauben Sie ja nicht, daß Sie als erste
auf diese geniale Idee gekommen sind, nein, nein,
Miss Brooke, ganz und gar nicht, ich Miss Brooke,
jawohl ich habe.
Brooke: Sie wollen doch damit nicht andeuten, daß
sie ein solches Experiment bereits durchgeführt
haben, Respekt, Mr. Craven.
Craven: Ja, ja.
Brooke: Der arme Kapitän.
Craven: Gewiß, gewiß, aber die Wissenschaft
verlangt Opfer.
Brooke: Der Mond schien hell, nicht wahr Mr.
Craven, und Sie waren da draußen im Park, allein
mit Captain, allein mit in ihrem großen
Experiment, womit haben sie ihn erschlagen, Mr.
Craven, mit einem Stück Holz?
Craven: Ich bitte Sie, das wäre eine höchst
unwissenschaftliche Methode gewesen Miss Brooke,
nein, nein, sehr sauber, sehr ordentlich, mit
meinem Hammer, meinem Geologenhammer, hier, Miss
äh, keine Angst, ich hab ihn danach sorgfältig
abgewaschen.
Brooke: Und wie hat Captain reagiert, waren sie
zufrieden?
Craven: Ja, wie mans nimmt, wie mans nimmt, bevor
er starb hat er sehr schön geheult, sehr laut,
sehr urtümlich, aber ich weiß immer noch nicht,
wie ich diesen Laut in Buchstaben fassen soll, die
Umsetzung, Miss äh, die Umsetzungen des
stimmlichen ins schriftliche, ein großes Problem.
Brooke: Der Mond schien noch immer, und sie
standen an der Gärtnerhütte, den Hammer in der
Hand, und da ging ganz plötzlich das Fenster auf.
Craven: Pst, niemand darf davon wissen, das ist
ein Geheimnis, so, jetzt kann uns keiner
belauschen.
Brooke: Lassen sie doch die Vorhänge, Mr. Craven,
wer soll uns schon vom Park aus beobachten?
Craven: Wer? Aber das wissen sie doch, er
natürlich, nachts schleicht er draußen herum, und
er grinst, und flüstert, ich weiß bescheid, Herr,
ich kenne ihr Geheimnis.
Brooke: Und damals in der Nacht stand er plötzlich
am Fenster.
Craven: Ja, ja, das tat er, er beugte sich vor und
sah mich an, und ich dachte, blitzschnell dachte
ich daran, daß er mein Geheimnis kannte, seit
vielen, vielen Jahren, und daß ich ihn dafür
bezahlen mußte, immer wieder und immer mehr, und
dann dachte ich auf einmal an etwas ganz anderes,
an mein Experiment, und daß ist meine Forschungen
weit, sehr weit voranbringen könnte, wenn ich den
Todeslaut eines Menschen, kein Hund, kein Tier,
ein richtiger Mensch, und dann und dann.
Brooke: Dann haben Sie zugeschlagen.
Craven: Ja, ich hab zugeschlagen und Sandy fiel
um, zurück in sein Zimmer, stumm, stumm, stellen
sie sich vor, kein Wort, kein Laut, gar nichts, er
fiel einfach um, das war alles, ich war maßlos
enttäuscht, und traurig, ja traurig, als ich im
Zimmer nach meinem Geheimnis suchte und alles
durcheinander brachte, damit sie am nächsten Tag
etwas zu raten hatten, da mußte ich immer daran
denken, daß es eigentlich umsonst gewesen war,
ganz umsonst, ja aber dann fiel mir etwas ein, ich
konnte das Experiment ja jederzeit wiederholen,
bei günstiger Gelegenheit natürlich, verstehen sie
Miss äh.
Brooke: Brooke.
Craven: Meinen sie nicht auch, daß der Todesschrei
einer Frau sehr viel elementarer sein müßte, als
der eines Mannes, vom Hunde ganz zu schweigen.
Brooke: Mr. Craven.
Craven: Bleiben Sie stehen, was wollen Sie mit der
Lampe am Fenster, Sie sind doch Wissenschaftlerin,
Miss äh.
Brooke: Brooke.
Craven: Warum sträuben Sie sich so, denken sie an
mein großes Werk.
Inspektor: Hände hoch, legen Sie den Revolver weg,
Mr. Craven, Williams, die Handschellen, gehen sie
zur Seite, Miss, alles in Ordnung, Miss Brooke.
Brooke: Keine Sorge Inspektor, Achtung.
Wachtmeister: Wir haben ihn Sir, für sein Alter
ziemlich kräftig.
Craven: Hier wäre wohl ein Urlaut tiefsten
Schmerzes angebracht, wenn ich nur wüßte wie.

Inspektor: Dieses Experiment mit den Urlauten, das
ist ja wohl das merkwürdigste Mordmotiv, das mir
jemals untergekommen ist.
Brooke: Ziemlich kurios, sogar für eine
Spezialistin aus London, Cravens zweites Motiv,
oder sein erstes, wie sie wollen, ist dafür um so
gewöhnlicher, schlichte Erpressung, darauf hätten
Sie übrigens schon längst kommen können,
Inspektor, der übertrieben hohe Lohn, den Craven
Sandy zahlte, ist ein deutlicher Hinweis, dem
hätten Sie nachgehen sollen.
Inspektor: So, hätte ich, aber wer konnte wir denn
bei einem Mann wie Mr. Craven darauf kommen, daß
er was zu verbergen hatte, da wir gerade dabei
sind, was hatte er zu verbergen?
Brooke: Hier, das hab ich vor der großen
Auseinandersetzung in seinem Schreibtisch
gefunden, unten den Privatpapieren, Cravens
Geheimnis, hier bitte sehr, sie brauchen es
wahrscheinlich für die Verhandlung.
Inspektor: Eine amerikanische Heiratsurkunde:
Archibal Craven, Irma Labell, New York 1866, das
war's also, Bigamie.
Brooke: Ein überseeisches Abenteuer in seiner
Jugendmaienblüte von dem niemand wußte nur der
treue Diener Sandy Henderson, dann kam Craven
zurück, wurde solide, heiratete, zeugte Kinder,
lebte in ständigen Ängsten vor einem Skandal.
Inspektor: Und zahlte und zahlte, bis er sich mit
einem Schlag von seinem Quälgeist befreite, die
Urkunde, das war es doch sicher, was Craven in
Sandys Zimmer gesucht hatte.
Brooke: Natürlich, und dabei hat er das Chaos
angerichtet, das sie verwirren und auf eine
falsche Fährte locken sollte.
Inspektor: Aber eigentlich haben wir doch von
Anfang an recht gehabt, es war tatsächlich ein
Irrer.
Brooke: Sicher Craven ist geisteskrank, kein
Zweifel, aber daß sie ihn ohne meine Hilfe
überführt oder auch nur verdächtig hätten, wage
ich zu bestreiten.
Inspektor: Ja, wie auch immer, und jetzt muß ich
ihnen noch eine dumme Frage stellen, ich hätte es
gern gelassen, aber dazu bin ich ehrlich gesagt zu
neugierig, wie sind sie überhaupt auf Mr. Craven
gekommen und dann die Sache mit Walter.
Brooke: Langsam, langsam Inspektor, eins nach dem
anderen, zunächst einmal, es gab durchaus Hinweise
auf Craven, Sandys hoher Lohn zum Beispiel oder
auch der Tod des Hundes, der mich auf das andere
Motiv brachte, aber das entscheidende war, daß ich
alle übrigen Personen die für die Tat in frage
kamen, eliminiert konnte.
Inspektor: Das hatten sie mir schon vor der
Festnahme geschrieben, aber ich verstehe immer
noch nicht.
Brooke: Fangen wir mit Walter Craven an, der ohne
es zu wollen alles getan hat, um unsere Arbeit zu
erschweren und das nur weil er sich gerade am 7.
September gedrängt fühlte, Craven Hall, England
und vor allem seine Gläubiger für immer zu
verlassen, damit letztere Herrschaften dabei nicht
störend eingriffen, führte die Familie unterstützt
von der Dienerschaft eine kleine Komödie auf, in
Frauenkleidern und verschleiert, reiste der
verlorene Sohn nach Liverpool, während seine
Schwester sich die Haare abschnitt, das Gesicht
gelb anmalte und den halbblinden Dr. Walters zu
sich bestellte, der dann auch nichts ahnend, dem
angeblichen Walter Craven eine Gelbsucht
bescheinigte, ich vermute, daß sie sich sehr
ähnlich sehen.
Inspektor: Celia und Walter, aber ja, fast wie
Zwillinge.
Brooke: Nach der glücklichen Ankunft Walters in
Amerika hätte Celia vermutlich ihre Rolle
aufgegeben.
Inspektor: Woher wußten Sie übrigens, daß Walter
auf der Edinburg Castle zu finden war?
Brooke: Um ehrlich zu sein, das war eher ein
Zufall, ein paar Bemerkungen, zwischen Craven
Senior und Hales, die nicht für mich bestimmt
waren, damit hatte Walter ein Alibi, als Sandy
umgebracht wurde, war er in Liverpool, gut 50
Meilen von Craven Hall im Hotel, das haben Sie
doch überprüft.
Inspektor: Ja das Alibi steht, Walter war also aus
dem Rennen und Celia.
Brooke: Celia auch, aus dem einfachen Grunde, daß
sie für den tödlichen Hieb zu schwach war,
dasselbe trifft auf Köchin und Zimmermädchen zu.
Inspektor: Blieb nur noch Mr. Craven Senior und
Hales.
Brooke: Hales kam von Anfang an nicht in Frage,
ein korrekter Butler wie er, der seinen Beruf
ernst nimmt, wäre absolut außerstande gewesen
Sandys Zimmer in einer derartigen Unordnung zu
hinterlassen, ist eine psychologische
Unmöglichkeit.
Inspektor: So Fakten, Miss Brooke, Fakten, ein
guter Detektiv.
Brooke: Geht mit der Zeit, irgendwann einmal wird
es sich hoffentlich bis zur Polizei von Grenfell
herumsprechen, daß es sich bei der Psychologie um
eine durchaus ernstzunehmende Wissenschaft
handelt, schon mal was von Lombroso gehört,
Inspektor?
Inspektor: Apropos Hales, er hat doch ausgesagt,
daß niemand, also auch nicht Mr. Craven, in der
bewußten Nacht Craven Hall verlassen haben kann.
Brooke: Durch die Tür, Inspektor, wohlgemerkt,
durch die Tür, und das trifft auch zu, aber es
gibt auch noch eine andere Möglichkeit, die großen
französischen Fenster im Arbeitszimmer, die bis
auf den Fußboden gehen, leicht zu öffnen, leicht
zu schließen, wenn man nicht wie es sie es
vorzieht, direkt durch die Scheiben zu spazieren.
Schaffner: Grenfell, der Schottland Express von
Glasgow über...
Inspektor: Soll ich ihnen nicht Ihre Taschen.
Brooke: Danke, danke Inspektor das kann ich
selbst, alles klar Inspektor, oder haben Sie noch
Fragen?
Inspektor: Keine Fragen mehr, aber gratulieren
sollte ich ihnen wohl noch zu ihrem Erfolg.
Brooke: Aber Inspektor, ich bin gerührt.
Inspektor: Der allerdings fast ein bißchen zu
schlagend ausgefallen wäre, wenn wir gestern abend
nur 5 Sekunden später gekommen wären, gäbe es
heute keine Spezialistin aus London mehr, zu
meinem Leidwesen, muß ich sagen.
Schaffner: Einsteigen, Türen schließen, Abfahrt.
Brooke: Wenn sie 5 Sekunden später gekommen wären,
Inspektor hätte ich Gelegenheit gehabt, ihnen
etwas vorzuführen, was sie vermutlich noch nicht
kennen, einen fernöstlichen Verteidigungsport
namens Jiu-Jitsu, aber trotzdem vielen Dank.
Inspektor: Jiu was, gute Fahrt Kollegin.
Brooke: Danke und wenn sie wieder mal einen Fall
haben, der ihnen Schwierigkeiten macht, schicken
Sie mir einfach ein Telegramm: Loveday Brooke,
London, Scotland Yard, das genügt.

Loveday Brooke: Uta Hallant
Inspektor Griffin: Peter Schiff
Richter: Friedrich W. Bauschulte
Craven Sr.: Henning Schlüter
Sein Butler John Hales: Erich Fiedler
Herbert von Boxberger u.a.

Michael Koser: Schmetterling mit Hakenkreuzen (BR
1981) (nach Philip K. Dick: The Man in the High
Castle)

Melville Abendsen: Tschuang - Tse träumt, er sei
ein Schmetterling, er fliegt dahin, flattert mit
den Flügeln und freut sich. Plötzlich wacht er auf
und erkennt, er sei Tschuang Tse. Ist er nun
Tschuang Tse, der träumte, er sei ein
Schmetterling, oder ist er ein Schmetterling, der
träumt er sei Tschuang Tse. Ahaha, wer kann das
sagen. Ich bin Melville Abendsen, geboren 1918,
als der erste Weltkrieg zu Ende ging, im zweiten
Soldat, Guadalcanal, Medan, Guam, bei Iwojima
verwundet, Besatzer auf Okinawa bis 1946, ich bin
Schriftsteller, ich schreibe Science Fiction, ich,
äh habe eine Idee im Kopf, eine Geschichte, die
nicht in der Zukunft spielt, die gegenwärtig ist,
zeitgenössisch und doch nicht von dieser unserer
Zeit, ich will gewissermaßen zeitlich seitwärts
gehen, fragen, was wäre wenn, wenn die anderen den
zweiten Weltkrieg gewonnen hätten, Unmögliches
erzählen, um die Schrecken des möglichen zu
beschwören, zuerst also der Traum des Tschuang
Tse, und dann, am besten ein Sprung, mitten hinein
ins unmögliche, etwa so:
Steward: Meine Damen und Herren, im Namen der
deutschen Lufthansa begrüße ich die in New York
zugestiegenen Passagiere an Bord unseres
Messerschmitt- Großraumflugzeugs Dürer auf seinem
Linienflug Berlin - San Francisco, unsere Flugzeit
wird nunmehr noch 2 Stunden betragen und wir
werden in einer Höhe von 20km fliegen, sie können
nun wieder rauchen, wenn sie wollen, wir bitten
sie aber weiterhin angeschnallt zu bleiben, danke.
Melville: Datum, warum nicht heute, also 24. April
1962, 9 Uhr vormittags.
Brecker: Zigarette?
Sundmann: Ich rauche nicht, danke.
Brecker: Fabelhaft, in zwei Stunden über einen
Kontinent, in fünf Monaten zum Mars, deutsche
Wertarbeit, darauf kann man stolz sein, Landsmann?
Sundmann: Schwede.
Brecker: Immerhin nordisch, sozusagen
Rassenbruder.
Sundmann: Wenn Sie es so ausdrücken wollen.
Brecker: Fliegen Sie zum ersten Mal in die
Pazifikzone?
Sundmann: Nein.
Brecker: Ich schon, geschäftlich unterwegs?
Sundmann: Ja.
Brecker: Welche Branche, wenn ich fragen darf.
Sundmann: Plastprodukte.
Brecker: Ach was, ich dachte, wir haben das
Monopol für Plaste, IG Farben.
Sundmann: Verkauft ab und zu Lizenzen, ans
neutrale Schweden.
Brecker: So, ich bin Künstler, Bildhauer, ich habe
gerade eine große Ausstellung in New York
eröffnet, und jetzt habe ich eine in San
Francisco, Kulturaustausch, Förderung von
Freundschaft und Verständnis zwischen den
Großmächten und so weiter, das
Propagandaministerium bezahlt, Brecker, Axel
Brecker.
Sundmann: Sundmann.
Brecker: Vielleicht kennen Sie meine Sachen,
Monumentalplastiken, der Meldegänger oder der
Geist des 9. November, in der Halle der
Reichskanzlei, nein.
Sundmann: Moderne Kunst interessiert mich nicht,
ich bin konservativ, Kubismus, Expressionismus.
Brecker: Lieber Herr Sundmann, ist entartet,
chaotisch, plutokratisch, und vorbei, ein für
allemal vorbei, gottseidank, denn was Herr
Sundmann, soll die Kunst darstellen, das Ideal,
nicht wahr, die ewigen Werte, Blut, Volk, Rasse.
Sundmann: Wenn Sie gestatten, Herr Brecker, ich
möchte lesen.
Melville: Herr Brecker ist in jeder zeit immer nur
Herr Brecker, aber Herr Sundmann sollte nicht nur
Herr Sundmann sein.
Tagomi: Wer ist Herr Sundmann? Bedeutende
Persönlichkeit, zweifellos, empfohlen von hoher
Stelle, Tokyo, von zu hoher Stelle, nicht
zuständiger Stelle, Baron Mori, Außenministerium,
gewiß, Ankauf von Plastprodukten, wichtig,
nipponweit zurück hinter Reich, aber warum
außenpolitische Empfehlung für schwedischen
Wirtschaftsmann.
Melville: Das ist der Chef der japanischen
Handelsmission Tagomi, ich kannte mal einen Tagomi
auf Okinawa, sein Büro hat er im Nipponcenter an
der Golden Gate Brücke im 8. Stock, immer noch 24.
April 1962, 9 Uhr 15.
Tagomi: Ja.
Miss Melikyan: Mr Childan ist hier, Mr Tagomi, Mr
Childan von Amerika Antiqua.
Tagomi: Ah, soll warten, sie hingegen Miss
Melikyan, betreten bitte mein Büro...
...
Tagomi: ...ich kaufe es, Person in meiner Lage
streckt Hand aus nach jedem Strohhalm.
Melville: 25.April 1962 6 Uhr 20 abend, Frank
Frink gefesselt im Laderaum eines
Lufthansaflugzeugs, ein böses Ende, aber es hilft
nichts, in dieser schwarzen Welt darf es keinen
Hoffnungsschimmer geben.
Frank Frink: Schwarze Wagen am Flugplatz, schnell
durch die Straßen, durch die Straßen zum Lager,
wie wird das sein, nackt und allein im Raum ohne
Fenster, warten, warten, warten auf das Zischen,
ZyklonB, würgen im Hals, keine Luft, keine Luft,
das Zischen, lauter, immer lauter, immer lauter,
immer lauter, oder die schwarze Wand mit
dunkelroten Flecken wie Rost, ein Mann in Schwarz,
mit Revolver Colt 44 aus epischem Bürgerkrieg,
zeitgenössisches amerikan. Kunstgewerbe
geschmiedet.
Steward: Meine Damen und Herren wir werden in
wenigen Minuten auf dem Charles Lindbergh
Flughafen New York landen, wir wünschen einen
angenehmen Aufenthalt.
Melville: 25.April 1962 7 Uhr Kearnystreet
SanFrancisco, auf einer Bank an der kleinen
Grünfläche sitzt Tagomi, er betrachtet das bei
Childan erworbene Schmuckstück.
Tagomi: Was sehe ich, Dreieck, aus Silber, daran
Tropfen, kein Plan, keine Symmetrie, helle
Oberfläche, dunkler Untergrund, Feuer und Erde,
Yin und Yang, Tao auf amerikanisch, innere
Wahrheit, Hexagramm61, Schweine und Fische,
Dummheit und Verstand, warum verstehen,
Unternehmen Löwenzahn wird uns vernichten,
Todestrieb, Ende der Welt aber mehr Welten,
möglicherweise in anderer Dimension, irgendwo
ideale Welt, möglicherweise klare Alternativen,
gut böse, schwarz weiß, leicht zu verstehen,
Existenz des bösen in jeder Welt, schreckliches
Dilemma, nicht zu lösen, was immer geschieht, ist
böse, dennoch hoffen und versuchen, warten, sehen,
und warten, sehen, warten, sehen, warten, sehen.
Melville: Die Kulissen der Umwelt werden plötzlich
weggezogen und Tagomi nimmt wahr, was dahinter
ist, die Realität, Tagomi sieht, hört, riecht,
fühlt eine unvorstellbar häßliche Silhouette
kahler Wolkenkratzer, Autos über Autos, Menschen
über Menschen, Schweiß, Gift, Aggression,
Brutalität, entsetzliche Einsamkeit.
Tagomi: Wo bin ich, ist was, innere Wahrheit.
Melville: Tagomi hat seinen letzten Herzanfall,
25. April 1962, 7 Uhr 15, Cheyenne, mein alter
ego, der alternative Abendsen tritt auf, nicht als
deus exmachina, er weiß auch nicht wies
weitergehen wird, aber er hat eine wirkliche
Alternative beschrieben in seinem Buch, immerhin,
mein Buch ist nicht viel, aber besser als nichts.
Julia Frink: Ihr Haus ist ein ganz normales Haus,
Mr Abendsen, keine Festung.
Melville: Festung, ach der Klappentext und der
arme Gag vom Verlag.
Frink: Haben Sie keine Angst, der SD will sie
umbringen, ein Mörder war schon unterwegs zu
Ihnen.
Melville: War, was ist passiert?
Frink: Ich habe ihm die Kehle durchgeschnitten,
glauben Sie mir nicht?
Melville: Doch, doch, ich glaube ihnen, Sherry?
Frink: Die andere Welt in Ihrem Buch, woher wissen
Sie das alles, durch das Orakel.
Melville: Interessante Brosche, ein Talisman, ja,
durch das Orakel, Mrs. Frink, bei jeder Idee,
jeder Figur, jeder Szene, bei allen Einzelheiten,
habe ich das Iging gefragt, es hat Jahre gedauert.
Frink: Also hat das Orakel Ihr Buch geschrieben.
Melville: Das könnte man sagen, wissen sie, was
das letzte Hexagramm war, als das Manuskript
fertig da lag, 61.
Frink: Jung fu, innere Wahrheit, das bedeutet, Ihr
Buch ist wahr, Deutschland und Japan haben den
Krieg verloren.
Melville: Vielleicht.
Frink: Sie müssen daran glauben, wenn es überhaupt
so etwas wie Wahrheit gibt, dann ist sie im Buch.
Melville: Vielleicht, wollen sie, daß ich Ihr
Exemplar signiere.
Frink: Ich muß gehen.
Melville: Ich bring sie ans Tor.
Frink: Beim Schein der untergehenden Sonne
schlagen die Menschen entweder auf den Topf und
singen oder sie seufzen laut über das nahende
alte.
Melville: Sie wissen, wer auf den Topf geschlagen
und gesungen hat.
Frink: Nein.
Melville: Juan Tse, der chinesische Philosoph Juan
Tse.
Frink: Der mit dem Schmetterling.
Melville: Sie kennen die Geschichte, wissen Sie
auch, daß sie kein Ende hat, ist er Tsuang Tse,
der träumte, er sei ein Schmetterling oder ist er
ein Schmetterling, der träumt, er sei Tuan Tse,
der träumt er sei ein Schmetterling, der träumt er
sei Tsuang Tse.
Frink: Und so weiter.
Melville: Alles ist dunkel, Julia, nichts ist
wahr, was wir auch wählen, mit Sicherheit wissen
wir nur eines, es ist die falsche Alternative,
wohin gehen Sie.
Frink: Ich weiß nicht, vielleicht zu meinem Mann,
ich habe vorhin versucht, ihn anzurufen, aber ich
konnte ihn nicht erreichen.
Melville: Bitte, ich hab nicht…
Frink: Ich konnte ihn nicht erreichen.

Tagomi, Chef der japanischen Handelskommission:
Aljoscha Sebald
Julia Frink: Katharina Lopinski
Frank Frink: Rüdiger Bahr
Joe Cinderella: Horst Sachtleben
Sundmann alias Oberst Hansen: Harald Leipnitz
Melville Abéndsen, Schriftsteller: Gert Günther
Hoffmann
Mr. Childan: Siemen Rühaak (Antiquitätenhändler)
Graf Felix von Eckhart: Hans-Günter Martens
Bridageführer Blobel: Gerd Eichen
Yatabe alias Tedeki: Gerhard Becker
Axel Brecker, Bildhauer: Eric P. Caspar
Radiosprecher: Axel Wostry
Radiosprecher: Jürgen Jung
Miss Melikyan, Tagomis Sekretärin: Christine
Merthan
Reinhard Heydrich: Wolf Goldan
Stewart: Gerhard Mohr
Lkw-Fahrer: Bernd Herberger
Charly: Kurt Goldstein
Matson, Boss der Eisengießerei: Christoph Lindert
Sekretär: Hans Peder Hermansen
Polizist: Michael Hoffmann
Telefonistin: Ute Mora

Michael Koser: Film Noir (DRadio 2000)

Keine Fotos, keine Fotos, bitte, keine Kameras,
lassen Sie den Mann doch in Ruhe, und keine Fotos.
Hören Sie bitte auf zu fotografieren. Machen Sie
Platz...

Film Noir
von Michael Koser

John: Als ich Malibu Beach erreichte war der Regen
noch stärker geworden, Blitze zuckten über den
Nachthimmel wie der Widerschein fernen
Artilleriefeuers, ich hielt, fünf Minuten vor elf,
ich war pünktlich, die Straße war leer, bis auf
einen einsamen Buick weiter vorn an der Biegung
unter einer windgeschüttelten Palme, und bis auf
Arnolds Cadillac natürlich, er hockte vor dem
Strandhaus wie eine riesige Kröte, ich hätte in
guter Stimmung sein sollen, aber mein Gemüt war
fast so dunkel wie der Himmel, Schatten der
Vergangenheit oder eine Vorahnung, an diesem
verregneten Abend des 9. November 1945 begann der
Alptraum. Vor drei Stunden hatte Lana mich zu
Hause angerufen.

John Garfield: Hallo?
Lana Arnold: Jonny Darling, was machst du?
John: Was ich seit Wochen mache, nichts, aber das
sehr intensiv.
Lana: Und wie geht es der süßesten liebsten
Prothese auf der ganzen Welt, Jonny.
John: Sie tut weh und sie sehnt sich nach dir Lana
nach deinen Händen, kommst du.
Lana: Edward ist noch hier, er wird erst später
zum Strandhaus fahren.
John: Schade.
Lana: Er will mit dir reden, Jonny, heute noch, er
will dir eine Chance geben, endlich, für den
nächsten Großfilm von Pandora Pictures, sollst du
das Drehbuch schreiben, was sagst du.
John: Ich weiß nicht.
Lana: Um 11 im Strandhaus sei pünktlich Darling
und danach rufst du mich gleich an.

John: Lana ist jung, blond und wunderschön, und
sie ist Arnolds Frau. Eduard Arnold ist der Boss
von Pandora Pictures. Wenn er lieber nachts
arbeitet als am Tag, und lieber in einem
Strandhaus als im pompösen Büro, dann haben seine
Angestellten sich danach zu richten. Ich bin Autor
bei Pandora, mein Name ist John Garfield, ich bin
26 Jahre alt, ich hab es weit gebracht, von Windom
in Minnesota bis nach Hollywood, dazwischen war
der Krieg, auf Guadalcanal habe ich mein linkes
Bein verloren, mein Roman, „Die Dunkelheit der
Tropen“, habe ich im Armeehospital geschrieben,
schnell, wie im Fieber, das Buch war ein Erfolg,
die Pandora hat es verfilmt, mir geht es gut, ich
fahre einen Lincoln Continental, ich mache 800
Dollar die Woche, meine Drehbuchentwürfe
verstauben auf meinem Schreibtisch in den
Pandorastudios, mein zweiter Roman kommt nicht von
der Stelle, mir geht es schlecht, nein, das ist
nicht wahr, mir ginge es schlecht, wenn Lana nicht
wäre, ihretwegen habe ich noch nicht aufgeben,
obwohl ich immer wieder von Guadalcanal träume,
von schwarzen aufgeblähten Leichen unter heißer
Sonne, und von einer leeren weißen Seite, auf der
nie ein Wort stehen wird. Ich ging zur Tür des
Strandhauses, Licht fiel durch den Türspalt, und
durch die Fenstervorhänge, innen spielte das
Radio: Tanzmusik, ich klopfte, ich wartete, ich
klopfte wieder, stärker, war Arnold nicht da? Ich
stieß die Tür auf, Arnold war da, aber er konnte
nicht an die Tür kommen, er lag mitten im Raum auf
dem dicken uringelben Teppich vor der breiten
Couch, die jede junge Schauspielerin bei Pandora
kannte, er lag auf dem Gesicht, in einer
Blutlache, in der rechten Hand ein Revolver, ein
38 Colt Banker Special, sein Nacken war noch warm.
Ich dachte nicht an die entgangene Chance, ich
hatte nur einen Gedanken, jetzt war Lana frei. Auf
dem Schreibtisch vor dem großen Fenster zum Ozean
stand ein Telefon.

Lana: Edward ist... tot, ist das wahr, Jonny?
John: Ich weiß, was ich sage Lana, im Südpazifik
habe ich genug Leichen gesehen, er hat ein Loch in
der Schläfe, eine Schußwunde.
Lana: Erschossen, ermordet?
John: Selbstmord, er hat den Revolver noch in der
Hand, soll ich die Polizei rufen.
Lana: John, die Polizei konnte glauben.
John: Was? Lana.
Lana: Daß du Edward.
John: Daß ich, hahaha, daß ich Edward umgebracht
habe, ist doch Unsinn.
Lana: Natürlich Unsinn, Jonny Darling, aber du
bist im Strandhaus, bei Edward, und wenn die
Polizei herauskriegt, daß du und ich.
John: Und was soll ich jetzt tun, Lana?
Lana: Komm zu mir, Jonny, ich brauche dich, ich
liebe dich.
John: Ich dich auch, Lana, aber Edward.
Lana: Laß ihn einfach liegen, für morgen früh hat
er Mister Raft ins Strandhaus bestellt, zu einer
Produktionsbesprechung, soll der ihn finden.
John: Wenn du meinst, Lana.
Lana: Komm, Jonny Darling, komm zu mir, jetzt, auf
der Stelle, so schnell du kannst. O Jonny.

John: Ich fuhr nach Beverly Hills, über die
Küstenstraße und den Santa Monica Boulevard, so
schnell ich konnte, außen war die Villa der
Arnolds ein französisches Chateau en miniatur,
innen ein üppig illustrierter Artikel aus Better
Hopes, moderner Luxus a la america, Lana erwartete
mich an der Tür in einem schwarzen Seidenneglige
und zog mich in ihr Boudoir.

Lana: Jonny, Jonny Darling.
John: Lana, liebste.
Lana: Nicht so laut, du weckst Dolores.
John: Und wenn, jetzt können es alle wissen.
Lana: Jonny Darling, bitte, du mußt vernünftig
sein, nur noch kurze Zeit.
John: Lana, ah.
Lana: Jonny, Edward hat sich erschossen, ich kann
es kaum glauben, warum, Jonny, warum hätte er das
tun sollen.
John: Könnte er was gewußt haben, von uns, meine
ich?
Lana: Ich weiß nicht, er hat sich nie etwas
anmerken lassen, aber wir wissen von nichts,
Jonny, dabei bleiben wir.
John: Wie du willst, Lana.
Lana: Versprich es mir, Jonny, du wirst nichts
sagen.
John: Versprochen.
Lana: Und wenn man ihn morgen findet, werden wir
sehr überrascht sein.
John: Ja, Lana, Lana.
Lana: Komm, zieh dich aus Jonny, zeig mir deine
Prothese, laß mich sie anfassen.

John: Es war sehr spät, als ich nach Hause kam, in
mein kleines Apartment am San Vincente Boulevard,
ich konnte nicht schlafen, ich war aufgeregt,
machte mir Sorgen, machte Pläne, dachte an Lana,
schließlich nahm ich eine Tablette. Es war ein
Gang, rechts und links Türen, hinten wo der Gang
endete, war es dunkel, im dunkel lauerte die
Gefahr, der Tod, das Dunkel kam näher... Ich wurde
wach, es klingelte, das Telefon, ich fühlte mich
nicht gut, ich hatte Kopfschmerzen, das Telefon
nahm keine Rücksicht, es klingelte weiter, bis ich
abhob.

John: Hallo?
Ella Rains: Sie müssen sofort kommen, John!
John: Ach Ella, was ist passiert?
Ella: Der Boss ist tot, John, und die Polizei ist
hier.
John: Die Polizei?
Ella: Die Polizisten wollen Sie sprechen, John,
werden Sie wach, und kommen Sie in Ihr Büro,
schnell!

John: Ella Rains, mein Sekretärin, nicht nur
meine, die Sekretärin aller Autoren bei Pandora,
aber ich bildete mir ein, daß sie für mich
besonders gern arbeitete, sie wartete in meinem
Büro, als ich kam, sie und zwei Männer, die ich
nicht kannte, beide waren groß, aber das war auch
alles, was sie gemeinsam hatten, einer war
schlank, sah gut aus, trug Kleidung, die eindeutig
nicht aus dem Kaufhaus stammte, der andere, der
seine massigen Schultern und seinen Bierbauch in
einen schäbigen Anzug von der Stange gezwängt
hatte, wirkte wie ein Preisboxer.

John: Wer sind Sie, was haben Sie in meinem Büro
zu suchen?
Taylor: Miss äh.
Ella: Rains.
Taylor: Würden Sie uns bitte allein lassen, Miss
Rains.
Ella: Wenn Sie mich brauchen, Jonny.
McLane: Los, los, und machen Sie die Tür zu, wenn
Sie draußen sind!
Taylor: Mister Jonny Garfield, nehme ich an, ich
bin Detective Leutnant Robert Taylor, mein Kollege
Detective Sergeant Barton McLane.
John: Der im teuren Anzug war der Chef, in der
good cop bad cop Routine, die die beiden abzogen,
spielte er den guten, den freundlich-sachlichen.
Taylor: Sie wissen weshalb wir hier sind, Mr.
Garfield?
John: Arnold ist tot, Ella, Ms Rains hat es mir
gesagt aber warum kommen sie zu mir.
McLane: Wir stellen hier die Fragen, Garfield.
Taylor: Wo waren Sie gestern abend, Mr. Garfield.
John: Zuhause.
McLane: Ach, wirklich.
Taylor: Den ganzen Abend, Mr. Garfield, auch um,
sagen wir, elf Uhr?
John: Seit sechs, da bin ich nach Haus gekommen.
Taylor: Und Sie sind nicht mehr weggegangen, Mr.
Garfield.
John: Nein.
McLane: Und nachts, was haben Sie nachts gemacht.
John: Geschlafen.
McLane: Ach was, und wo.
John: In meinem Bett, natürlich.
McLane: Natürlich, Zeugen.
John: Natürlich nicht.
Taylor: Besitzen Sie eine Handfeuerwaffe, Mr.
Garfield?
John: Ja, aber.
McLane: Pistole oder Revolver?
John: Pistole.
McLane: Typ?
John: Japanische Armeepistole, ein Nambu 32, ein
Souvenir aus dem Pazifik.
McLane: Wo ist sie?
John: Hier im Schreibtisch.
Taylor: Würden Sie uns Ihre Pistole zeigen, Mr.
Garfield?
John: Wenn’s sein muß.
McLane: Na, Garfield, wo ist sie.
John: Sie muß hier sein, in der Schublade.
McLane: Ist sie aber nicht.
John: Dann muß sie jemand rausgenommen haben.
McLane: Jemand? Sie haben sie rausgenommen,
Garfield.
John: Unsinn, wozu.
Taylor: Wann haben Sie Ihre Pistole zuletzt
gesehen, Mr. Garfield?
John: Ich weiß nicht, vor ein paar Wochen.
McLane: Was Sie nicht sagen, Ihre Fingerabdrücke.
John: Was?
McLane: Geben Sie uns Ihre Fingerabdrücke, oder
haben Sie was dagegen?
Taylor: Sie würden uns die Arbeit sehr
erleichtern, Mr. Garfield.

John: Dann gingen sie endlich, mit meinen
Fingerabdrücken und mit meiner Schreibmaschine,
meiner Underwood, ich fragte nach dem Grund, aber
sie gaben mir keine Antwort, natürlich nicht,
statt dessen rieten sie mir, die Stadt nicht zu
verlassen, ganz langsam kroch etwas in mir hoch,
was ich seit Guadalcanal sehr gut kannte, Angst,
die Dunkelheit am Ende des Ganges, diese Wendung
ging mir nicht aus dem Kopf, hatte ich sie
irgendwo gelesen, vielleicht bei William Irish
(Cornell Woolrich) oder James M. Cain.

Ella: John?
John: Ja, Ella was ist.
Ella: Glaubt die Polizei etwa, daß Sie, äh, daß
Sie was mit dem Mord an Mr. Arnold zu tun haben?
John: Mord, Arnold ist ermordet worden?
Ella: Das hat er gesagt, der nette, Leutnant
Taylor, warum haben die Ihre Schreibmaschine
mitgenommen, John?
John: Wenn ich das wüßte, ich muß telefonieren,
bitte Ella, wir sehen uns später.
Ella: Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, John.
John: Danke, Ella.

John: Ich mußte Lana sprechen, Dolores, das
mexikanische Hausmädchen wollte mich nicht
verbinden, aber ich bleib beharrlich und dann kam
sie doch an den Apparat, Lana, meine Lana, die
nicht allzusehr trauernde Witwe.

Lana: Du solltest nicht anrufen, Jonny, das ist
leichsinnig.
John: Die Polizei war hier, im Büro.
Lana: Du hast doch nichts gesagt?
John: Natürlich nicht.
Lana: Gut, gut, bleib dabei, Jonny.
John: Lana, sie haben gesagt, Edward ist ermordet
worden.
Lana: Wirklich? Das hat nichts zu bedeuten Jonny,
die Polizei ist immer mißtrauisch.
John: Aber.
Lana: Bleib ruhig, Jonny, Darling, alles wird gut,
ich liebe dich.
John: Ich dich auch, Lana, ich, Lana?

John: Ich versuchte zu arbeiten, aber das war
unmöglich, ich rief noch mal bei Lana an, diesmal
kam sie nicht ans Telefon, ausgegangen, sagte
Dolores, schließlich verließ ich das Büro und die
Pandorastudios, ziellos fuhr ich durch die
Straßen, vor einem Kino am Sunset Boulevard hielt
ich, ich sah mir die Nachmittagsvorstellung an,
ein Doppelprogramm, Laura und Double Indemnity,
schwarze Filme, als ich aus dem Kino kam, war es
dunkel, ich ging in eine Bar, wie sie hieß, habe
ich vergessen, ich trank einen zu trockenen
Martini, und rief Lana an, sie war noch nicht zu
Hause, vor dem Apartmenthaus am San Vincente
Boulevard stand ein Streifenwagen, als sie mich
sahen, stiegen sie aus, Detective Leutnant Taylor
und Sergeant McLane.

Taylor: Wir haben auf Sie gewartet, Mr. Garfield.
McLane: Und das tun wir gar nicht gern, wo waren
Sie?
John: Geht Sie das was an, was wollen Sie.
Taylor: Uns in Ihrem Apartment ein bißchen
umsehen.
John: Um diese Zeit, na, kommen Sie morgen wieder
oder besser gar nicht.
McLane: So nicht Freundchen, wir haben einen
Durchsuchungsbefehl.

John: Ich mußte sie reinlassen, das Wühlen
übernahm McLane, Taylor sah nur zu, der Sergeant
ging nicht gerade behutsam vor, meine Bücher warf
er auf den Fußboden, die Schubladen der Kommode
drehte er kurzerhand um, nach dem Zimmer war die
Küche an der Reihe, Geschirr klirrte und
schepperte, dann suchte er im Bad.

John: Was zum Teufel suchen Sie eigentlich,
Leutnant.
McLane: Zum Beispiel das hier.
Taylor: Die Pistole, Sergeant.
McLane: Die Pistole, Leut, im Wassertank, in
Cellophan, an die Innenwand geklebt.
Taylor: Kein sehr fantasievolles Versteck, Mr.
Garfield.
McLane: Ich denke, Sie sind Schriftsteller, da
hätte Ihnen auch was Besseres einfallen können.
John: Ich verstehe nicht, meine Nambug.
McLane: Haarscharf und ganz genau.
John: Im Wassertank, vom Klo, wie, wie komm denn
die dahin?
McLane: Nicht die leiseste Ahnung, was Garfield,
aha.
Taylor: Vorsicht Serge, Fingerabdrücke.
McLane: Ich paß schon auf, Leut.
Taylor: Abgefeuert?
McLane: Ja, noch gar nicht lange her.
John: Das ist doch nicht möglich.
McLane: Die Mordwaffe, ganz klar.
John: Nein.
McLane: Und Sie haben sie abgefeuert, Garfield.
John: Nein!
McLane: Geben Sie es doch zu!
John: Nein, nein!
Taylor: Wir werden uns im Präsidium weiter
unterhalten Mr. Garfield, Sie sind festgenommen
unter der Beschuldigung des Mordes an Edward
Arnold, ich warne Sie alles was Sie sagen kann als
Beweismittel gegen Sie verwendet werden, kommen
Sie.

John: Eine grelle Lampe schien mir ins Gesicht,
sonst war der Raum dunkel, ich sah sie kaum, die
beiden, die mich weiter verhörten, ich hatte das
Gefühl, in einem Alptraum gefangen zu sein und
bemühte mich verzweifelt aufzuwachen, aber der
Nachtmar nahm kein Ende.

Taylor: Sie waren letzte Nacht in Mr. Arnolds
Strandhaus, Mr. Garfield.
John: Nein, nein.
McLane: Sie lügen, das ist dumm von Ihnen,
Garfield, dadurch reiten Sie sich nur noch mehr
rein.
Taylor: Sehen Sie, Mr. Garfield, wir haben Arnolds
Terminkalender gefunden, im Schreibtisch, im
Strandhaus, und da steht zum 9. November 11 Uhr
abends Garfield, mit Ausrufezeichen.
McLane: Wir haben noch was gefunden, Garfield,
Ihre Fingerabdrücke am Telefon.
Taylor: Mister Raft, der den Toten heute morgen
entdeckte, war so umsichtig, uns von einer Zelle
anzurufen, er habe, so sagte er uns, viele
Kriminalfilme gedreht und kenne sich mit
Fingerabdrücken bestens aus.
McLane: Sie waren im Strandhaus, Garfield, und da
haben Sie Arnold erschossen, mit Ihrer Pistole.
John: Das stimmt nicht, Arnold ist mit einem
Revolver erschossen worden, einem Colt Banker
Special Kaliber 38.
Taylor: Wie kommen Sie denn darauf.
John: Ich war da, im Strandhaus.
McLane: Na also.
John: Ich habe die Waffe gesehen bei Arnolds
Leiche.

John: Was blieb mir übrig, obwohl ich Lana
versprochen hatte, es nicht zu tun, sagte ich die
Wahrheit, daß ich eine Verabredung mit Arnold
gehabt hatte, zum Strandhaus gefahren war und ihn
dort tot aufgefunden hatte, ich sagte die
Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit.

Taylor: Wen haben Sie vom Standhaus angerufen, Mr.
Garfield?
John: Das spielt doch keine Rolle.
Taylor: Meinen Sie, sie haben keine Kampfspuren
bemerkt?
John: Kampfspuren, nein, und in Arnolds rechter
Hand war ein Banker Special, da bin ich sicher,
deshalb war ich auch überzeugt, daß er Selbstmord
begangen hat.
McLane: Das könnte Ihnen so passen, mein Gott,
Garfield, was sind Sie für ein mieser Lügner.
John: Aber so war es!
Taylor: Nein, Mr. Garfield, so war es nicht, der
Sessel war umgekippt auf dem Boden, und in seiner
Hand hielt der Tote keine Waffe, keine Pistole,
kein Revolver, keinen Banker Special, ein Colt
Banker Special war im ganzen Strandhaus nicht zu
finden.
McLane: Sie haben uns ein Märchen erzählt,
Garfield, um Ihre jämmerliche Haut zu retten, aber
das bringt Ihnen gar nichts, wir wissen ganz
genau, was passiert ist.
Taylor: Sie waren um 11 am Strandhaus, Mr.
Garfield.
John: Ja, aber.
Taylor: Arnold hat Ihnen die Tür geöffnet, er war
mißtrauisch, einem Unbekannten hätte er kaum
aufgemacht, Sie hatten eine Auseinandersetzung mit
Arnold.
McLane: Und dann haben Sie ihn umgelegt, mit Ihrer
Knarre, die Sie nur deshalb mitgebracht hatten.
John: Nein, warum, warum hätte ich das tun sollen,
es gab doch kein Grund dafür.
Taylor: Wirklich nicht Mr. Garfield? Arnold, Lana
du verdienst sie nicht, gib sie frei sonst.
John: Was, was ist das?
Taylor: Ein anonymer Brief, wir haben ihn in
Arnolds Schreibtisch gefunden, unter dem
Terminkalender.
McLane: Getippt auf Ihrer Maschine, Garfield.
John: Was, aber, aber nicht von mir.
McLane: Natürlich nicht, und erschossen haben Sie
ihn auch nicht obwohl in seinem Schädel eine Kugel
Kaliber 32 steckt, und ich wette die paßt genau in
Ihre Nambu.
Taylor: Feierabend, Serge.
McLane: Ok, Leut, spät genug, bis morgen Garfield.

John: Sie steckten mich in eine Einzelzelle,
nahmen mir Gürtel und Schnürsenkel weg, brachten
mir was zu essen, ich kriegte nichts runter,
schlafen konnte ich auch nicht, eine unsichtbare
Schlinge zog sich um meinen Hals zusammen, immer
enger, immer fester, ich verstand überhaupt nichts
mehr, ich hatte keinen anonymen Brief an Arnold
geschrieben, ich hatte den Revolver in seiner Hand
gesehen, ich hatte ihn nicht mit meiner Pistole
erschossen und die Waffe später im Wassertank
versteckt. Oder doch? War meine Erinnerung falsch,
litt ich an Amnesie, war ich verrückt. Ein
Telefonat durfte ich am nächsten Morgen führen,
ich rief Lana an, nicht zu Hause, sagte Dolores,
ich fühlte mich sehr allein, um so größer war
meine Freude, als mir am späten Nachmittag eine
Besucherin angekündigt wurde, aber es war nicht
Lana.

John: Sie sind es, Ella!
Ella: John, wie geht es Ihnen, werden Sie gut
behandelt?
John: Sicher.
Ella: Haben Sie einen guten Anwalt?
John: Anwalt, was soll ich mit einem Anwalt?
Ella: Aber John, ist Ihnen nicht klar wie ernst
die Sache ist, die Polizei hält Sie für den Mörder
von Mr. Arnold, Sie sind so gut wie überführt, hat
Leutnant Taylor mir gesagt, aber ich glaube das
nicht, John, Sie haben Mr. Arnold nicht ermordet,
das werde ich beweisen, John, ich werde mich für
Sie einsetzen, ich werde nachforschen und den
wahren Mörder ermitteln.
John: Nett von Ihnen Ella, aber lassen Sie lieber
die Finger davon, das ist keine Arbeit für Sie.
Ella: Ich werde Hilfe haben, Sie werden sehen.

John: Vor Monaten hatte ich auf einer Party bei
den Arnolds einen jungen Anwalt ken nengelernt,
Carson hieß er, Jack Carson, er war auch bei der
Armee gewesen und als dienstunfähig entlassen
worden, sonst wußte ich nichts über ihn, er war
bereit, meine Verteidigung zu übernehmen. Er oder
irgendein anderer. Mir war alles recht.

Jack Carson: Kein Augenzeuge, immerhin, ist doch
was, aber Indizien, sicher, nur Indizien, aber
genug, mehr als genug, unter uns, Garfield, es
sieht nicht gut aus für Sie, gar nicht gut, am
besten, Sie bekennen sich schuldig.
John: Was?
Carson: Und wir plädieren auf zeitweilige
Unzurechnungsfähigkeit.
John: Aber ich bin unschuldig.
Carson: Wenn Sie das sagen, Garfield.
John: Sie glauben mir nicht. Carson, Sie sind mein
Anwalt.
Carson: Spielt doch überhaupt keine Rolle, ob ich
Ihnen glaube oder nicht Garfield, was das Gericht
glaubt, das ist wichtig, wir haben ja noch Zeit,
denken Sie über meinen Vorschlag nach, ja?

John: Ich mußte über so vieles nachdenken: Arnold,
das Strandhaus, Lana, die nicht ans Telefon kam,
und die Beweismittel der Polizei, was ging vor,
was geschah mit mir, ich fand keine Antwort, die
Dunkelheit am Ende des Ganges kam näher, hatte
mich fast schon erreicht, aber es gab ja noch
Ella, ein paar Tage später kam sie wieder, und
diesmal war sie nicht allein.

John: Leutnant Taylor!
Taylor: Sie wundern sich, Mr. Garfield? Ella, Miss
Rains, hat mich überredet, sie zu begleiten.
Ella: Wir arbeiten zusammen, John, Bob Taylor und
ich, für Sie.
Taylor: Ella ist hartnäckig, Mr. Garfield, und
sehr überzeugend, Sie hat es tatsächlich
geschafft, mich ein wenig unsicher zu machen, ein
ganz klein wenig, sehen Sie, Mr. Garfield, Sie
sind praktisch schon tot, alle Indizien, alle
Argumente sprechen gegen Sie, wenn Sie Arnold
wirklich umgebracht haben, dann haben Sie sich
dabei sehr, sehr dumm angestellt, und dumm Mr.
Garfield, sind Sie nicht, da bin ich mir sicher.

John: Endlich, ein Lichtstrahl drang durch die
Dunkelheit, ein schmaler Lichtstrahl zugegeben,
aber er war hell genug, mir Mut zu machen, Taylor
wollte noch einmal meine Version der Ereignisse im
Strandhaus hören, ich erzählte sie ihm, und jetzt
sagte ich alles.

Ella: Da sehen Sie’s Bob, John ist unschuldig.
Taylor: Wenn er die Wahrheit sagt.
John: Es ist die Wahrheit, Leutnant, ich schwöre
es Ihnen.
Taylor: Nehmen wir an, ich glaube Ihnen, dann
hätten nicht Sie Arnold getötet.
Ella: Dann war es jemand anders.
John: Oder vielleicht doch Selbstmord.
Taylor: Mit Ihrer Pistole, die in Ihrem Apartment
wieder auftaucht, unmöglich, es war Mord.
Lana: Mrs. Arnold, sie hat es getan.
John: Lana? Niemals!
Lana: O John sind Ihnen denn noch immer nicht die
Augen aufgegangen, sie hat ihren Mann ermordet,
und Sie, John, Sie spielen den Sündenbock.
Taylor: Ich bewundere Ihren Enthusiasmus Ella,
bedauerlicherweise muß ich ihn ein wenig dämpfen,
Mrs. Arnold kann ihren Mann nicht erschossen
haben, falls Mr. Garfield.
John: John. John.
Taylor: Falls John die Wahrheit sagt, und davon
wollten wir doch ausgehen.
John: Das Telefongespräch vom Strandhaus.
Taylor: Sehr richtig, John, als Sie anriefen, war
Mrs. Arnold in Beverly Hills, weit weg vom Tatort.
John: Und die Leiche war noch warm.
Taylor: Mrs. Arnold war es also nicht.
Ella: Nicht persönlich, nicht eigenhändig, sie
hatte Hilfe, einen Komplizen.
Taylor: Ein sehr interessanter Gedanke, Ella,
haben Sie Beweise?
Ella: Gestern abend war ich in Beverly Hills, vor
dem Anwesen der Arnolds, es war schon dunkel, ich
wartete in meinem Wagen.
John: Worauf?
Ella: Ich weiß es selbst nicht, auf irgend etwas,
etwas, daß Sie entlastet, John.
John: Sie sind ja eine richtige Miss Marple, Ella.
Ella: Mrs. Arnold brachte einen Mann zur Tür, ich
habe sie deutlich erkannt, ihre blonden Haare, ihr
helles Abendkleid.
Taylor: Den Mann auch?
Ella: Leider nicht, er trug einen Hut, hatte den
Mantelkragen hochgeschlagen, die beiden umarmten
und küßten sich, lange, heiß und leidenschaftlich.
John: Sie müssen sich irren.
Ella: Dann stieg der Mann in sein Auto und fuhr
weg, ich wollte ihm folgen, aber bis ich meinen
Wagen gestartet und gewendet hatte.
Taylor: War er verschwunden, haben Sie die
Automarke erkannt?
Ella: Ein Buick, glaube ich.
Taylor: Das hilft uns nicht weiter, jeder zweite
in LA fährt einen Buick.
John: Mir fällt was sein, an dem Abend, als ich
Arnold fand, stand ein Buick an der Küstenstraße,
nicht weit vom Strandhaus, ein Zufall, vermutlich.

John: Ich wollte es nicht glauben, Lana liebte
mich, nicht irgendeinen unbekannten Buick Fahrer,
Ella war überreizt, sie hatte Gespenster gesehen,
damit beruhigte ich mich, ich verdrängte die
nagenden Zweifel so gut ich konnte.

Carson: Das Gericht hat den Termin für die
Verhandlung festgesetzt, Garfield, auf den 28.
November.
John: So schnell. Das ist gut.
Carson: Wie man’s nimmt. Tja, Garfield, wie gehen
wir vor, haben Sie Ihre Meinung inzwischen
geändert?
John: Nein, ich bin unschuldig, dabei bleibe ich.
Carson: Sie machen es mir wirklich schwer,
Garfield, Ihre Geschichte ist so, so wenig
glaubwürdig.
John: Aber sie ist wahr, Carson, und Lana, Mrs.
Arnold, wird sie bestätigen.
Carson: Das ist äußerst unwahrscheinlich.
John: Was soll das heißen, haben Sie sie etwa
nicht vorgeladen?
Carson: Nein, hab ich nicht.
John: Herrgott, warum denn nicht?
Carson: Weil Mrs. Arnold bereits eine Vorladung
hatte, von Staatsanwalt Kruger, sie ist Zeugin der
Anklage.

Kruger: Sie sind Lana Arnold, geb. Turner, die
Witwe von Edward Arnold.
Lana: Ja.
Kruger: Schwören Sie die Wahrheit zu sagen, die
ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
Lana: Ich schwöre.
Kruger: Mrs. Arnold, Sie kennen den Angeklagten,
John Garfield.
Lana: Ja, ich kenne ihn.

John: Lana war die letzte im Zeugensstand, alle
anderen hatten vor ihr ausgesagt. George Raft kühl
und unbeteiligt, Leutnant Taylor knapp und
sachlich, Sergeant McLane feindselig und gehässig,
der Ballistiker, der Schreibmaschinenexperte,
meine Pistole wurde vorgelegt, der anonyme Brief,
die Belastungsmomente gegen mich türmten sich auf
zu einer dunklen Halde, die mich zu begraben
drohte, unter den vielen Neugierigen im Saal saß
Ella Rains, sie lächelte mir zu, gab mir Hoffnung,
und die brauchte ich dringend.

Kruger: Welcher Art war Ihre Bekanntschaft mit dem
Angeklagten, Mrs. Arnold?
Lana: Wir sind, wir waren gute Freunde.
Kruger: Nur gute Freunde, Mrs. Arnold, nicht mehr?
Lana: Nicht auf meiner Seite, aber John, der
Angeklagte.
Kruger: Ja, Mrs. Arnold.
Lana: Er war in mich verliebt, und er bildete sich
ein, daß ich ihn ebenfalls liebte.
Kruger: Haben Sie ihn geliebt, Mrs. Arnold?
Lana: Nein!
John: Lana!
Richter: Ruhe im Saal! Fahren Sie fort, Mr.
Kruger.
Kruger: Danke euer Ehren, Mrs. Arnold, haben Sie
dem Angeklagten jemals Hoffnungen gemacht?
Lana: Nein, niemals, ich war verheiratet.

John: Lana war eine wunderschöne Witwe, ihr
kleiner Schleierhut betonte ihr blondes Haar, sie
war blaß und trug schwarz, was ihr ausgezeichnet
stand, und sie log meisterhaft und mit Hingabe.

Kruger: Kommen wir zur Nacht vom 9. zum 10.
November 1945, berichten Sie uns, was in dieser
Nacht zwischen Ihnen und dem Angeklagten geschah,
Mrs. Arnold.
Lana: Ja, ich war zu Hause. John rief mich an.
Kruger: Wann war das.
Lana: Etwa 10 Minuten nach 11.
Kruger: Was sagte der Angeklagte.
Lana: Er müsse mich sehen, sofort, es sei etwas
passiert.
Kruger: Was war passiert, Mrs. Arnold.
Lana: Das hat er nicht gesagt, nicht am Telefon,
erst später, aber ich war beunruhigt, ich wußte,
daß John eine Verabredung mit meinem Mann hatte im
Strandhaus, Edward hatte von mir erfahren, daß
John, daß er mich bedrängte, mir zu nahe kam, er
wollte mich zur Rede stellen.
Kruger. Und in Ihrer Sorge haben Sie sich
bereiterklärt, den Angeklagten trotz der späten
Stunde zu empfangen.
Lana: Ja.
Kruger: Er kam in Ihr Haus, Mrs. Arnold.
Lana: Ja kurz nach Mitternacht, er war sehr
aufgeregt und dann hat er es mir gesagt.
Kruger: Was hat der Angeklagte gesagt, Mrs.
Arnold.
Lana: Daß er Edward erschossen hat.
John: Nein. Das ist nicht wahr!
Richter: Ruhe, Angeklagter, Sie haben nicht das
Wort, bitte Mr. Kruger.
Kruger: Danke euer Ehren, bitte fahren Sie fort,
Mrs. Arnold, der Angeklagte gestand Ihnen, er habe
Ihren Mann erschossen.
Lana: Ja, weil Edward mich nicht freigeben wollte,
das habe er nicht anders erwartet, sagte John, und
darum hat er seine Pistole eingesteckt, bevor er
zum Strandhaus aufbrach.
Kruger: Vorsatz, eine schwere Anschuldigung, Mrs.
Arnold.
Lana: Das ist mir bewußt, aber ich habe
geschworen, die Wahrheit zu sagen.
Kruger: Sehr lobenswert, Mrs. Arnold, wie haben
Sie auf das Geständnis des Angeklagten reagiert?
Lana: Ich war erschüttert, entsetzt, fassungslos.
Kruger: Nur zu verständlich, Mrs. Arnold.
Lana: Und ich hatte Angst, John fuchtelte mit
seiner Pistole herum, ich redete ihm zu, sich zu
stellen, aber er wollte nichts davon wissen, jetzt
steht unserer Liebe nichts mehr im Weg, hat er
gesagt, Edward ist tot, du bist frei, schließlich
ist es mir gelungen, ihn ein wenig zu beruhigen
und zum Gehen zu bewegen.
Kruger: Sie haben nicht die Polizei verständigt,
Mrs. Arnold, warum nicht?
Lana: Ich wußte nicht, was ich tun sollte,
schluchz, ich war so verwirrt, ich habe eine
Schlaftablette genommen und als ich aufwachte.
Kruger: War der Mord bereits entdeckt, danke Mrs.
Arnold.
Ella: Sie lügt, sie hat ihren Mann auf dem
Gewissen, John Garfield ist unschuldig!
Richter: Ruhe. Ruuhe! Entfernen sie die Störerin.

John: Am nächsten Tag folgen die Plädoyers von
Staatsanwalt und Verteidiger, Kruger forderte mich
des vorsätzlichen Mordes schuldig zu sprechen, das
hatte ich erwartet, Carson hätte sich seine Rede
sparen können, er nannte mich einen tapferen
Kriegshelden, einen Invaliden, der sein Bein der
Nation geopfert hatte, einen hoffnungslosen
Romantiker, dem seine Gefühle über den Kopf
gewachsen waren, er appellierte an die
Gutherzigkeit der Juroren.

Richter: Obmann der Jury, sind Sie zu einer
Entscheidung gekommen.
Obmann der Geschworenen: Jawohl euer Ehren!
Richter: Wie lautet sie?
Obmann: Der Angeklagte ist des vorsätzlichen
Mordes schuldig.
Richter: Ich verkünde das Urteil, der Angeklagte
John Garfield wird zum Tode verurteilt, er wird
ins Zuchthaus Sankt Quentin überstellt, wo er
gemäß den Gesetzen des Staates Kalifornien vom
Leben zum Tode befördert wird die Verhandlung ist
beendet.

John: Die Hinrichtung in der Gaskammer von Sankt
Quentin sollte schon am 11. Dezember stattfinden,
am Nachmittag um vier Uhr, man hatte es eilig. Am
7. Dezember bekam ich Besuch in der Todeszelle,
Ella und Taylor.

John: Sind Sie weitergekommen?
Taylor: Oh ja doch, ein wenig, Ella hat einen
konkreten Verdacht, was den Komplizen, den
möglichen Komplizen von Mrs. Arnold betrifft.
John: Ja? Wer ist es, Ella.
Ella: Mister Raft.
John: George Raft, der Schauspieler?
Ella: In letzter Zeit habe ich ihn oft in den
Pandorastudios mit Mrs. Arnold zusammen gesehen,
und er könnte auch der Mann neulich nacht vor der
Villa gewesen sein.
Taylor: Raft hat Arnold gefunden, am Morgen des
10. November.
John: Natürlich, das heißt, er hatte die
Möglichkeit den Tatort, wie soll ich mich
ausdrücken umzugestalten, ja, so muß es gewesen
sein, Raft hat den Colt verschwinden lassen und
einen Kampf vorgetäuscht, in dem er den Sessel
umgeworfen und das Glas zerschlagen hat.
Taylor: Möglich, aber das erklärt nicht die
übrigen Verdachtsmomente, daß die Mordwaffe Ihnen
gehört, John, und in Ihrem Apartment versteckt
war, daß der Drohbrief an Arnold auf Ihrer
Underwood geschrieben wurde.
John: Das könnte auch Raft getan haben, in meinem
Büro, abends, nach Dienstschluß, und die Pistole
aus dem Schreibtisch genommen.
Taylor: Hatte er denn einen Schlüssel zu Ihrem
Büro, John?
John: Nicht daß ich wüßte, aber Lana hat einen,
und einen Schlüssel zu meinem Apartment.
Ella: Das ist es, Bob, das ist es, der Fall ist
gelöst.
Taylor: Sie und Ihr Enthusiasmus, Ella, gar nichts
ist gelöst, was wir haben sind Spekulationen,
Hypothesen, wir brauchen Beweise.
Ella: Die werden wir beschaffen, Bob.
Taylor: Wir werden es versuchen.
John: Machen Sie schnell, es sind nur noch 4 Tage.
Taylor: Wir tun unser bestes, nicht wahr, Ella.

John: Ich war sehr nervös, aber nicht in Panik,
die Dunkelheit, die mich zwischen zeitlich fast
verschlungen hatte, wich wieder ein Stück zurück,
ich vertraute Ella und Bob, ich hoffte. Am Abend
des 10. Dezember wurde ich aus der Zelle geholt,
Ella war am Telefon.

Ella: Oh John, es ist geschafft, nur noch eine
winzige Kleinigkeit fehlt, und die klären wir
heute Nacht, Bob, morgen früh sprechen wir mit der
Staatanwaltschaft, dann sind Sie frei, oh John,
ich bin ja so glücklich.

John: Ich wartete, die Nacht verging, der 11.
Dezember brach an, der Morgen ging vorüber, der
Vormittag, die Stunden verrannen, ich wartete, vor
meiner Zelle Unruhe, Geräusche, die Gaskammer
wurde für die Hinrichtung vorbereitet. 12 Uhr. 1
Uhr. 2 Uhr, ich wartete, doch dann öffnete sich
die Tür.

John: Bob, Sie sind allein, wo ist Ella?
Taylor: Sie wurde aufgehalten, und weil die Zeit
drängt.
John: Natürlich, natürlich, wie stehen die Dinge,
Bob?
Taylor: Bestens, der Fall ist geklärt, Sie sind
unschuldig, John, den Mord an Arnold haben seine
Frau und ihr Liebhaber begangen, dabei haben sie
die Spuren so manipuliert, daß der Verdacht auf
Sie fallen mußte, wollen Sie wissen, wie die
beiden das angestellt haben, John?
John: Ja, sicher, aber die Zeit, jetzt ist es.
Taylor: 3 Uhr zwanzig.
John: Ja, und um vier.
Taylor: Keine Sorge John, alles ist geregelt,
entspannen Sie sich, hören Sie zu, geplant haben
das Unternehmen beide gemeinsam, aber bei der
Ausführung operierten sie getrennt, sie hat den
anonymen Brief an Arnold auf Ihrer Schreibmaschine
geschrieben, John und sie hat auch die japanische
Armeepistole aus Ihrem Schreibtisch genommen,
beides geschah erst am Abend des 9.November,
nachdem Sie das Büro verlassen hatten, danach
übergab sie.
John: Lana, Lana Arnold.
Taylor. Brief und Pistole ihm.
John: George Raft.
Taylor: Im Auto, irgendwo auf der Straße, sie fuhr
dann nach Hause.
John: Und rief mich an, um mich für 11 in Arnolds
Strandhaus zu bestellen.
Taylor: Wovon dieser übrigens nichts wußte.
John: Ach, das Drehbuch für den nächsten Pandora
Großfilm.
Taylor: Lüge, Phantasie, ein Köder für Sie, John,
etwa um halb 11 tauchte er am Strandhaus auf, er
parkte seinen Buick an der Küstenstraße, ging zum
Strandhaus, klopfte, Arnold ließ ihn ein, die
beiden Männer wechselten ein paar belanglose
Worte, dann zog er die mitgebrachte Nambu aus der
Tasche und erschoß Arnold, er trug natürlich
Handschuhe.
John: Natürlich, Fingerabdrücke.
Taylor: In die rechte Hand des Toten legte er
einen Revolver aus eigenen beständen.
John: Colt Banker Special Kaliber 38.
Taylor: Er ging, setzte sich in seinen Buick und
wartete, die Tür zum Strandhaus hatte er
freundlicherweise einen Spalt offen gelassen, kurz
vor 11 kamen Sie, John, und als Sie eine viertel
Stunde später wieder wegfuhren.
John: Zu Lana, so schnell ich konnte.
Taylor: Ging er zurück zum Strandhaus, er schloß
auf, den Schlüssel hatte er bei seinem ersten
Besuch eingesteckt, in aller Ruhe fabrizierte er
die falschen Kampfspuren, danach zog er das
Schubfach in Arnolds Schreibtisch auf, hier fand
er, wie sie ihm gesagt hatte, den Terminkalender
des Produzenten, zum 9. November 11 Uhr Abends
trug er in passabler Imitation von Arnolds
Handschrift ein.
John: Garfield, Ausrufungszeichen.
Taylor: Unter den Terminkalender legte er den
anonymen Brief, bevor er ging, nahm er den Banker
Special wieder an sich, er wußte, Sie, John würden
von ihr lange aufgehalten werden, er konnte also
zum Vincente Boulevard fahren und ohne Angst vor
Entdeckung Ihre Pistole in Ihrem Apartment so
verstecken, daß die Polizei sie schnell finden
würde, den Schlüssel hat er natürlich von ihr
bekommen, so ging es vor sich, John, na was sagen
Sie?
John: Wie ein Blinder bin ich in die Falle
getappt.
Taylor: Das kann man wohl sagen, John.
John: Haben Sie sie schon festgenommen, Bob.
Taylor: Festgenommen, wen?
John: Wen? Äh, die Täter. Lana und George Raft.
Taylor: Raft, wie kommen Sie auf Raft, John.
John: Aber er ist doch Lanas neuer Liebhaber, der
Mörder von Arnold, der Komplize.
Taylor: Habe ich das gesagt?
John: Nicht?
Taylor: Ich habe seinen Namen kein einziges Mal
erwähnt, warum auch, der Mörder, der Komplize, der
Liebhaber, heißt nicht George Raft.
John: Nicht Raft, ich verstehe nicht, wer ist es,
Bob, sagen Sie es mir!
Taylor: Mit Vergnügen, John, sein Name ist Taylor,
Robert Taylor, Detective Leutnant Robert Taylor
vom Los Angeles Police Department!
John: Sie!?
Taylor: Ich, machen Sie kein so verblüfftes
Gesicht, John, die Sache ist ganz einfach, Edward
Arnold ist tot, in wenigen Minuten werden Sie als
sein Mörder hingerichtet, nach Ablauf der
Trauerzeit werden Lana und ich heiraten, und die
Pandora wird mir gehören, alles klar?
John: Ella, Ella weiß Bescheid, sie, sie wird.
Taylor: Sie retten, John, das glaube ich nicht,
wissen Sie, Ella Rains ist wie sagt man in
Grabreden, sie ist Ihnen vorausgegangen.
John: Ella ist tot?
Taylor: Ein bedauerlicher Unfall, in der letzten
Nacht wurde sie von einem Auto überfahren, einem
Buick, keine Zeugen, der Fahrer ist flüchtig, so
was passiert, wenn man der Wahrheit zu nahe kommt.

Kruger: Mister Garfield, es ist soweit.

John: Ich wollte etwas sagen, aber ich konnte kein
Wort herausbringen, zwei Beamte nahmen mich in die
Mitte, mehrere schwarzgekleidete Männer folgten,
in feierlicher Prozession schritten wir den Gang
entlang, dorthin, wo die Dunkelheit für immer über
mir zusammenschlagen würde.

Film Noir von Michael Koser
John Garfield: Max Hopp
Lana Turner-Arnold: Astrid Meyerfeldt
Ella Rains: Judica Albrecht
Robert Taylor: Guntram Brattia
Barton McLane: Uwe Preuss
Jack Carson: Harald Pilar von Pilchau
Staatsanwalt Otto Kruger: Hans-Peter Hallwachs
Richter: Udo Kroschwald
Obmann der Geschworenen: Michael Klobe

Michael Koser: Die Alzheimergang (DRadio 2002)

Stefan: Ich soll die Story erzählen, das haben
Garbo und Harald und Hildchen so beschlossen, ich
weiß nicht wie ich das finde, klar ich gehör auch
zur Alzheimergang, bloß irgendwie doch nicht so
ganz richtig, weil ich bin erst 19 und Alzheimer
ist noch weit hoffe ich mal, aber wenn die anderen
unbedingt wollen, okay.

Garbo: Hören Sie sich das mal an: Gerade im
Bereich der Seniorenpolitik, sagte Dr. Waldhorn,
muß sich sehr viel ändern, unseren älteren
Mitbürgern, sagen wir es doch ganz deutlich, geht
es zu gut.
Harald: Was zu gut? Ja.
Stefan: Der spinnt, der Waldhorn.
Hildchen: Och, vielleicht hat seine Mutter ja
recht.
Harald: Der Sie immer die Karten legen, Hildchen,
ja, und was sagt die alte Isolde Waldhorn.
Hildchen: Sie sagt, ihr Sohn sei ein,
entschuldigen Sie den Ausdruck, ein Vollidiot.

Stefan: Dr. Jürgen Waldhorn, Sozialdezernent
unserer schönen Stadt Willsum, und Bürgermeister,
will er jedenfalls werden, als Wahlkampfthema hat
er die alten entdeckt, als sag ich mal, Buhmänner
und Buhfrauen, weil es gibt in Willsum viel mehr
junge und mittlere, und die sollen ihn dann
wählen.

Garbo: Aber haben sich unsere Senioren nicht einen
schönen Lebensabend verdient? Auf diese Frage
unseres Mitarbeiters sagte Dr. Waldhorn, das ist
sentimentales Gerede, Politik ist eine Sache der
Vernunft, und die Vernunft verlangt in der
Seniorenpolitik eine strikte Kehrtwendung.

Stefan: Wir sind bei Garbo in ihrer kleinen
Wohnung im Seniorenstift Abendsonne, wir sind zu
viert und lesen Zeitung, den Willsumer Courier,
kurz WC, ich bin der Stefan, zur Zeit Zivi, ich
mach meinen Dienst im Stift, meistens kümmere ich
mich um Garbo.

Garbo: Unseren älteren Mitbürgern, so fuhr Dr.
Waldhorn fort, lege ich mit allem Nachdruck
Bescheidenheit ans Herz.
Harald: Bescheidenheit, ja, natürlich.
Garbo: Statistisch betrachtet sind Rentner ab 72
nichts als Kostenfaktoren.
Hildchen: Nein.
Garbo: Ja, insofern sollten sie den Anstand
besitzen, die gebeutelten öffentlichen Kassen
nicht über Gebühr zu strapazieren.
Harald: Schweinerei.
Garbo: Es kommt noch schlimmer.

Garbo: Man nennt mich Garbo, das ist eine hohe
Ehre für eine Schauspielerin, und in aller
Bescheidenheit eine nicht gänzlich unverdiente,
ich war gut, 40 Jahre am Stadttheater Willsum, ich
habe alles gespielt vom Gretchen bis zur Irren von
Chaillot, jetzt bin ich 70 und sitze im Rollstuhl,
verheiratet? Nie, außer mit der Kunst, denn das
Naturell der Frauen ist so nah mit Kunst verwandt,
Goethe.

Garbo: Ich bestreite keinesfalls das Recht der
Alten auf eine angemessene Grundversorgung, sagte
Dr. Waldhorn.
Harald: Angemessen, Grundversorgung.
Garbo: Ein Dach über dem Kopf im Heim,
auskömmliche Ernährung, von mir aus auch ein
kleines Taschengeld, warum nicht, doch ein Leben
im Luxus, in Saus und Braus, nicht mit mir.
Hildchen: In Saus und Braus, Luxus?
Harald: Ich faß es nicht, ein unverschämter Kerl.

Harald: Harald, 66 und noch ziemlich munter, auch
wenn es hier und da mal so ein bißchen kneift, vor
allem im Kreuz, kein Wunder, ich hab mein ganzes
Leben hart gearbeitet, auf dem Bau, bei der
Küstenschiffahrt, als Staubsaugervertreter und als
Puppenspieler, eine Zeit lang auch als
Privatdetektiv, zuletzt war ich im öffentlichen
Dienst, Grünflächenbetreuer auf dem städtischen
Friedhof wegen der Rente, Witwer.

Garbo: Wenn die Willsumer mich zu ihrem
Bürgermeister wählen, dann, das verspreche ich,
kommen alle Wohltaten für unsere Senioren
unnachsichtig auf den Prüfstand.
Hildchen: Uh, was wird das werden.
Garbo: Und warum nicht auch einmal mutig neues
andenken, muß ein Greis noch Auto fahren?
Harald: Also das ist unverschämt.
Garbo: Ja. Soll eine senile 80 jährige noch wählen
dürfen?
Harald: Senil, jetzt reichts, sollen wir uns so
eine Sauerei gefallen lassen?
Stefan: Nein, also, man sollte wirklich was
unternehmen, man sollte was unternehmen.
Hildchen: Vielleicht, wenn ich einen Leserbrief an
den Courier schriebe.

Hildchen: Getauft bin ich Hildegarde, ein schöner
Name, finde ich, aber die anderen sagen immer nur
Hildchen zu mir, wie alt ich bin? Wissen sie, das
verrät eine Dame nicht, um die 75? Da will ich
nicht widersprechen, ich war Sachbearbeiterin im
Finanzamt, das hat mir viel Freude gemacht,
überhaupt war früher alles schöner, heute geht es
mir gar nicht gut, ich habe Blutdruck und
Kreislauf und Lungenpiepen und eine schwache
Blase.

Harald: Leserbrief, das bringt doch nichts.
Stefan: Drucken die gar erst nicht ab.
Garbo: Wieviele Briefe an den WC haben sie bis
jetzt geschrieben Hildchen.
Hildchen: 49.
Garbo: Sehen Sie.
Harald: In saus und braus, ha, der sollte mal am
eigenen Leib spüren in welchen Verhältnissen viele
alte leben müssen.
Stefan: Genau.
Garbo: Nicht nur reden Freunde, tuen.
Harald: Ja tun, tja, und was, was denn.
Garbo: Wir, entführen, entführen Waldhorn.
Hildchen: Oh.
Garbo: Und behandeln ihn so, wie ein
Alzheimerpatient im sog. Pflegeheim behandelt
wird.
Hildchen: Aber das ist doch kriminell.
Harald: Na und.
Garbo: Nur so können wir was erreichen, wir
gründen eine kriminelle Vereinigung, um einem
altenfeindlichen Politiker eine Lektion zu
erteilen.
Stefan: Ja, wunderbar, genial.
Garbo: Wir brauchen einen Namen, das ist äußerst
wichtig.
Stefan: Klar, wegen der Presse.
Hildchen: Vielleicht kommen wir ja sogar ins
Fernsehen.
Garbo: Ein Namen mit Schlagkraft und
Öffentlichkeitswirkung.
Harald: Mit Power.
Stefan: Und voll witzig muß er sein.
Garbo: So etwas wie Rentnergang.
Harald: Rentnergang.
Garbo: Ja.
Harald: Ne, bißchen langweilig, nicht.
Stefan: GAF.
Harald: GAF?
Stefan: Graue Armeefraktion.
Garbo: Seniorenarmeefraktion, SAF.
Harald: SAF. AK, alte Knacker, sagen sie doch auch
mal was, Hildchen.
Hildchen: Die die drei Greißlein.
Stefan: Drei, vier wenn schon, ich mach natürlich
mit.
Garbo: Vier Greißlein, nein, AG, AG kennt jeder.
Harald: Und was soll das heißen.
Stefan: Altengang.
Harald: Altengang, das ist irgendwie lahm, aktive
Greise.
Hildchen: Und Greisinnen.
Stefan: Alles grufti.
Garbo: Was halten sie von Alzheimergang.
Hildchen: Oh.
Garbo: Plakativ, ironisch.
Harald: Alzheimergang, ja, das hat was.
Stefan: Das ist Spitze, ein Knaller.
Hildchen: Ich weiß nicht, ist das nicht ein
kleines bißchen zu menschenverachend.
Harald: Ach was und wenn schon.
Garbo: Hildchen, Sie sind überstimmt, ab jetzt
sind wir die Alzheimergang.
Harald: Gut. Super.
Hildchen: Wenn sie meinen.
Garbo: Meine Dame, meine Herren, beisammen sind
wir, fanget an, Goethe.
Stefan: Ganz recht, schließlich haben wir was vor,
den großen Waldhornentführungs- und
Lektionserteilungsevent, soweit ok, Frage, wie und
wo.
Garbo: Wir holen ihn aus dem Rathaus, aus seinem
Dezernentenbüro.
Hildchen: Zimmer 14, Erdgeschoß rechts, Anmeldung
Zimmer 13, bitte anklopfen.
Stefan: Vor über 15 Jahren hat sie aufgehört im
Rathaus zu arbeiten und kennt sich immer noch
bestens aus, tja, unser Hildchen, keine Spur von
Alzheimer.
Garbo: Für die Durchführung der Aktion brauchen
wir zwei Personen und einen Rollstuhl, wann findet
die Sprechstunde für Behinderte im Rathaus statt.
Hildchen: Freitag vormittag 10 bis 11.
Garbo: Morgen also, Eile ist geboten, Hildchen,
sie werden im Rollstuhl sitzen.
Hildchen: Ich, wieso ich, wäre es nicht besser
sie, Garbo.
Garbo: Ja, leider geht das nicht, die
Rollstuhlinsassin muß laufen können.
Hildchen: Ja, und Harald?
Harald: Ich, keine Zeit, ich muß derweil meinen
Campingwagen umrüsten zur Waldhornbewahranstalt.
Garbo: Also bleibt es bei Hildchen, Stefan, sie
schieben.
Stefan: Klar mach ich doch.

Stefan: Dann geht Garbo in die Einzelheiten, ein
total cooler Plan, angesagt und abgefahren,
astrein. Nächster Tag, Freitag, ich schiebe Garbos
Reserverollstuhl durchs Rathaus mit Hildchen drin,
die ist nervös.

Hildchen: Stefan, ich bin nervös.
Stefan: Nur die Ruhe, Hildchen, so wir sind da,
Zimmer 13, sie wissen ja Bescheid.
Hildchen: Ja, ja aber ich müßte mir mal dringend
die Hände pudern, die Nase waschen.

Stefan: Hildchen und ihre Blase, aber das ist
jetzt nicht drin, erst entführen dann pinkeln, ich
seh mich um, außer uns kein Mensch auf dem Flur,
ich zieh mal meine blaue Skimütze runter und rein
ohne anklopfen, am Schreibtisch sitzt eine dünne
graue Maus im Kostüm.

Stefan: Morgen, morgen.
Sekretärin: Guten Tag, sind sie angemeldet.
Stefan: Stehen sie auf, los.
Sekretärin: Was.
Stefan: Los.
Sekretärin: Was wollen sie, was.

Stefan: Ich halte ihr die dicke Walterpistole vor
die Nase, die ist von Harald, ein Souvenir aus
seiner Zeit als Privatdetektiv, eine Nachbildung
aus Plastik, aber das weiß die graue Maus nicht,
sie tut was ich sage, ich nehm sie mit rein zu
ihrem Chef, der blickt hoch und wundert sich.

Waldhorn: Elsa, was hat das zu bedeuten?
Stefan: Ganz ruhig, machen sie ihren Gürtel auf,
lassen sie die Hosen runter und bücken sie sich,
na wirds bald.
Waldhorn: Was?

Stefan: Er will nicht, aber er muß, bis es soweit
ist, scheuch ich die graue Maus ins exklusive
Dezernentenklo.

Waldhorn: Sie sind wohl nicht bei Trost.

Stefan: Waldhorn präsentiert seinen lilienweißen
Fettarsch und macht ein Gesicht wie ein
Vegetarier, der in eine Bockwurst beißt, ich hau
ihm die Spritze rein, volle Dröhnung, dann darf er
sich wieder anziehen, das schafft er gerade noch,
bevor er sich auf den Perser legt und
wegschnarcht, soweit alles klar.

Stefan: Der Kerl ist schwer, helfen sie mir, ihn
in den Rollstuhl zu bugsieren, beide Beine, so
geschafft, und jetzt die Decke, damit mumeln wir
ihn schön ein, und den Hut nicht vergessen, sieht
er nicht klasse aus, wie Adolf der Spasti.
Hildchen: Was sie so von sich geben, oh können wir
jetzt endlich auf die Toilette.
Stefan: Moment, Moment, erst das
Bekennerschreiben, tatatata, Beethoven.

Stefan: Auf Garbos Computer geschrieben, kurz und
auf den Punkt, wir haben Dr. Waldhorn aus dem
Verkehr gezogen, wenn er gelernt hat, daß alte
auch Menschen sind kriegt Willsum ihn zurück,
gezeichnet die Alzheimergang, Rächerinnen der
Renterinnen und Heiminsassinnen, dreimal groß In,
das ist Hildchen, die jetzt endlich verschwinden
darf, auf öffentliche Rathausklo neben dem
Ausgang. Vor dem Rathaus steht die Beulenpest, das
ist der uralte Behinderten-Transporter vom
Wohlfahrtsverband, mit dem ich sonst Garbo durch
die Gegend kutschiere, Rollstuhl rein und weg vom
Rathaus, so schnell es geht, raus aus der Stadt,
Harald hat den umgebauten Campingwagen am Wald
geparkt, die andern warten schon.

Stefan: Melde gehorsamst, alles planmäßig, keine
besondere Vorkommnisse, wie seht ihr denn aus.
Garbo: Wir haben uns maskiert, ich bin die
Komödie, das ist ihre Maske, Hildchen, danke, die
Tragödie, paßt genau.
Stefan: Und Harald ist der Zirkus oder was.
Harald: Zirkus, aus meinem Fundus, Echthaar,
knallrot und dann noch die Pappnase.
Harald: Nur kein Neid, helfen sie mir, unseren
Freund in den Wagen zu schleppen.

Stefan: Eine halbe Stunde später kommt Waldhorn zu
sich, er stöhnt, er schüttelt sich ein bißchen, er
macht die Augen auf.

Waldhorn: Wo bin ich, was ist los.
Garbo: Du bist im Pflegeheim, Opa.
Waldhorn: Unsinn ich bin nicht alt, krank auch
nicht.
Harald: Total weggetreten der Opa, 80 ist er,
Alzheimer hat er.
Waldhorn: Ich kann mich nicht rühren.
Garbo: Natürlich nicht, du bist festgeschnallt.
Waldhorn: Festgeschnallt, wozu festgeschnallt.
Harald: Damit du keinen Quatsch machst, Opa.
Stefan: Zum Beispiel weglaufen oder dich
aufhängen.
Harald. Kuck mal der Fleck.
Garbo: Wir hätten ihn windeln sollen.
Harald: Wozu der Umstand, Opa kriegt einen
Katheter rein und fertig.
Waldhorn: Machen sie mich sofort los.
Garbo: Vielleicht hat er Hunger.
Stefan: Hier Opa, hau rein.
Waldhorn: Wäh, was ist denn das.
Harald: Gutes Schappi.
Waldhorn: Hundefutter, pfui teufel.
Garbo. Kaviar möchte er, Austern, filet mignon.
Harald: Unverschämt und verfressen, hör mal zu
Opa, hier wird gegessen was auf den Tisch kommt.
Stefan: Saus und Braus kannst du dir aus dem Kopf
schlagen.
Garbo: Grundversorgung, was anderes gibt’s nicht.
Harald: Und wenn dir das nicht paßt Opa, dann
kriegst du gar nichts, hast du das verstanden, ja.
Waldhorn: Also schluß mit lustig, meine
Herrschaften, lassen sie mich auf der Stelle frei,
was sie hier aufziehen, das wird sie teuer zu
stehen kommen, Entführung, Körperverletzung,
Nötigung, sie wandern alle in den Knast, auf
Jahre.
Stefan: Dieser Opa reißt immer noch das Maul auf.
Garbo: Ich fürchte da müssen wir andere Maßnahmen
ergreifen.
Harald: Brechen wir ihm ein Bein, damit er merkt,
wie es ist, behindert zu sein.
Waldhorn: Nein.
Harald: Beide Beine, am besten wir bringen ihn
gleich ganz um.
Garbo: Oh nein nicht übertreiben, Harald

Stefan: Plötzlich fängt er an zu zucken, der
Waldhorn, er gurgelt, verdreht die Augen, läuft
blau an, sein Unterkiefer fällt runter, dann ist
er still, ganz still.

Stefan: Der markiert doch, oder.
Harald: Nein, nein, er ist uns abgekratzt,
Herzanfall, so fett wie der Typ war.
Garbo: Abgekratzt, das ist menschenverachtend.
Harald: Quatsch menschenverachtend, egal,
abgekratzt, krepiert.
Garbo: Er ist entschlafen.
Stefan: Hat den Löffel abgegeben.
Garbo: Was auch immer, Waldhorn ist tot und wir
haben ihn auf den Gewissen.
Stefan: Blödsinn, auf dem Hals haben wir ihn.
Garbo: Das heißt seine Leiche.
Stefan: Die müssen wir entsorgen.
Harald: Ja das wird nicht einfach.
Garbo: Bestimmt sucht ihn schon die Polizei.
Hildchen: Und uns sucht sie auch.
Harald: Ja, also wir könnten ihn zerlegen in
handliche Stücke und die fahren wir einzeln im
Rollstuhl zu ihm.
Stefan: Oder wir verteilen sie auf die
Schließfächer im Bahnhof.
Garbo: Zu kompliziert und zu langwierig, inhuman
und ekelhaft, das viele Blut, der Geruch.
Harald: Wie dann, wir können ihn nicht einfach in
den Wald schmeißen.
Stefan: Und ihn ins Rathaus zurückbringen, das
geht schon gar nicht.
Garbo: Wir tun das, was wir auch mit dem lebenden
Waldhorn getan hätten, wir setzen ein Zeichen und
legen ihn aus, mit einem Schreiben der
Alzheimergang, etwa so, ich habe es vorgezogen
frühzeitig abzuleben, um nicht später der
Rentenkasse zur last zu fallen.
Harald: Und wo legen wir ihn aus.
Garbo: Wo nachts keiner ist und wo man ihn
tagsüber findet.
Hildchen: Am Störkebeker-Denkmal.

Stefan: Gute Idee, der berühmte Pirat steht auf
einem künstlichen Hügel, hinter dem Teich,
zwischen Büschen und Bäumen, ein echtes Kunstwerk,
100 % Bronze, vollbracht hat das gute Stück
Hinrich Müller Willsum, Kunsterzieher am
Gymnasium, gesponsert hat es der Krösus von
Willsum, Wilhelm Waldhorn selig, Jürgens Vater, da
liegt so ein Mann richtig.

Harald: Wir treffen uns am Denkmal, Stefan, um
Mitternacht.
Garbo: Nacht muß es sein, wenn Friedlands Sterne
strahlen, Schiller.
Stefan: Ok, dann werde ich sie mal nach Hause
fahren, meine Damen.

Stefan: Hildchen steigt schon vorher aus, weil sie
muß dringend auf den Friedhof und ihrer Freundin
Gerda alles ganz genau erzählen, die liegt da seit
gut zehn Jahren, nachts um 12 fahre ich bei Herrn
Störtebeker vor, mit dem Rad, die Beulenpest steht
wieder in der Garage beim Wohlfahrtsverband,
Harald wartet schon, wir holen Waldhorn aus dem
Campingwagen und legen ihn direkt vors Denkmal.

Harald: Ruhe in Frieden, bis morgen früh wenn Gott
will, ach, mein Rücken also ich muß ins Bett,
kommen sie mit, Stefan.
Stefan: Ich bleib noch ein paar Minuten sitzen,
bißchen meditieren, zu Ruhe kommen, war ein
aufregender Tag.
Harald: Weißgott, und äh unser Freund stört sie
nicht?

Stefan: Ach wo, ich hab keine Angst vor
Waldhörnern, schon gar nicht wenn sie tot sind,
ich stecke mir eine Zigarette an, Hildchen würde
sofort aufstand machen wegen Umwelt und
Gesundheit, aber Hildchen ist ja nicht da, auf
einmal sehe ich zwei Autoscheinwerfer, die kommen
genau auf mich zu, ich kriech mit dem Rad hinter
einen Busch, genau vor dem Denkmal hält das Auto,
was soll ich ihnen sagen, es ist ein Leichenwagen,
zwei schwarze Figuren steigen aus, greifen sich
unseren Waldhorn, schieben ihn ins Auto und ab
zurück Richtung Stadt, der ganze Horror dauert nur
ein paar Sekunden, ich aufs Rad und hinterher, ich
bleib dran, der Leichenwagen fährt nicht sehr
schnell, am Friedhof wird er noch langsamer und
dann hält er vor dem Bestattungsinstitut Pietät
und Takt, da tragen sie ihn rein, den Waldhorn,
die zwei Figuren, im Licht der Straßenlaterne
erkenne ich sie, Peter Todel, Inhaber von Pietät
und Takt und Marlies Waldhorn, Jürgen Waldhorns
Frau, also eigentlich eher Witwe, ich pirsch mich
näher ran, versteck mich in der dunklen
Toreinfahrt vom Krematorium, nach 5 Minuten sind
Thode und Marlies Waldhorn wieder draußen, ich
kann hören, was sie sagen, das heißt zuerst sagen
sie gar nichts, sie umarmen und küssen sich, nanu.

Peter: Marlies.
Marlies: Mein Peterchen, das ist unsere Chance,
Peterchen, der taut nicht mehr auf.
Peter: Der liegt sicher im Sarg von Steuerberater
Mienzen, montag ist die Bestattung.
Marlies: Und wir können ohne Probleme meinem alten
Drachen von Schwiegermutter 1 Million aus der Nase
ziehen.
Peter: Ohne Probleme, also ich weiß nicht.
Marlies: Das überlaß mal deiner Marlies,
Peterchen, wir machen einen Superplan morgen.
Peter: Telefonisch.
Marlies: Spinnst du.
Peter: Also wir treffen uns, wo.
Marlies: Nicht bei mir, hier am besten, in deinem
Büro, morgen früh um 9.
Peter: Morgen ist Sonnabend, da ist nichts los bei
mir, gut, Marlies, mußt du wirklich schon gehen.
Marlies: Mein Mann ist entführt worden, hast du
das vergessen, ich bin aufgelöst, außer mir, bis
morgen Peterchen.
Peter: Ich liebe dich, Marlies.
Marlies: Ich dich auch, Peterchen, setz dich
gleich ran, mach den Brief fertig.

Stefan: Ich wartete, bis beide weg sind und im
Friedhof wieder Ruhe einkehrt unter dem bleichen
Schein des Mondes, Goethe, würde Garbo sagen,
apropos Garbo, ich strample wie Jan Ullrich zum
Stift und klingele die drei anderen raus, die
Alzheimergang hält Kriegsrat, nachts um 1.

Hildchen: Also Herr Tode und Marlies Waldhorn
haben was miteinander, oh das finde ich
interessant.
Garbo: Interessanter ist doch die Frage, wieso
waren die beiden über unsere Aktivitäten
informiert.
Harald: Allerdings, das kann doch kein Zufall
sein, daß die kurz nach 12 beim Störtebekerdenkmal
aufkreuzen, um den toten Waldhorn einzusammeln.
Stefan: Die wußten genau Bescheid, wann und wo.
Harald: Wer von uns hat nicht dichtgehalten,
Stefan?
Stefan: Also ich hab keinem was gesagt.
Garbo: Ja ich auch nicht, und sie Harald.
Harald: Also ich kann mein Maul halten.
Hildchen: Warum sehen sie mich alle so an, von mir
hat niemand was erfahren, außer Gerda natürlich.

Stefan: Ihrer Freundin Gerda auf dem Friedhof sagt
Hildchen alles, das muß sein, das tut ihr gut,
sagt sie, sie hat das mal im Fernsehen gesehen in
einem alten Western, der Teufelshauptmann, da geht
John Wayne immer zum Grab seiner Frau und erzählt
ihr, na egal.

Stefan: Gerda wird wohl kaum was weitergesagt
haben.
Harald: Da bin ich nicht so sicher, was haben sie
ihr erzählt, Hildchen.
Hildchen: Na alles, daß wir Herrn Dr. Waldhorn
entführt haben, daß er uns dabei leider
weggestorben ist.
Garbo: Und daß wir ihn am Störtebekerdenkmal
ablegen wollten um Mitternacht.
Hildchen: Ja natürlich.
Harald: Ja dann ist die Sache klar, ganz nah bei
Gerdas Grab, eine Reihe weiter ist die
Familiengruft der Waldhorns, jeden Mittag ist
Marlies Waldhorn da am putzen, den Stein scheuern,
Unkraut zupfen, darauf besteht die alte Isolde
Waldhorn seit Jahren.
Garbo: Marlies hat mitgehört.
Harald: Ja, so laut wie Hildchen immer schreit.
Hildchen: Das muß ich doch, Gerda hört ja so
schwer.
Stefan: Also Marlies Waldhorn ist genau
informiert, und was macht sie, trauert sie, kein
Stück, geht sie mit ihrem Wissen zur Polizei, auch
nicht, sie geht zu ihrem Liebhaber, Peter Thode
von Pietät und Takt, zusammen entführen sie Jürgen
Waldhorn zum zweiten mal, um Isolde Waldhorn 1
Million abzutricksen.
Garbo: Eigentlich kein wunder so knapp wie die
alte Sohn und Schwiegertochter hält.
Hildchen: So was macht man nicht, frau erst recht
nicht.
Harald: Das ist unter Unternehmen, wir haben
Waldhorn entführt.
Garbo: Aus ideellen Gründen.
Stefan: Die zwei hängen sich einfach an, als
Trittbrettfahrer.
Garbo: Schnöden Mammon.
Harald: Die Suppe werden wir ihn versalzen.
Garbo: Dazu müßten wir erst in Erfahrung bringen,
was genau sie vorhaben, schwierig.
Harald: Och, das will ich nicht sagen, schließlich
war ich mal Privatdetektiv, meine Ausrüstung ist
sicher nicht mehr der letzte Schrei, inzwischen
gibts bessere Sachen aber für unsre Zwecke
reichts, schließlich haben wir es nicht mit der
Russenmafia zu tun, Stefan, für uns zwei beide ist
der Arbeitstag noch nicht vorbei, kommen sie mit.
Stefan: Wohin denn.
Harald: Erst zu mir und dann zum Institut Pietät
und Takt.
Garbo: Und was wollen sie da, Harald.
Harald: Einbrechen meine liebe.

Stefan: Und zwar durchs Fenster, geht wie
geschmiert, unter dem Schreibtisch in Thodes Büro
klebt Harald eine Wanze, ein Kästchen so groß wie
eine Zigarettenschachtel, Mikrophon und Sender,
schaltet sich morgen früh um 9 automatisch ein,
hoffentlich, ich steh solange Schmiere. Am
nächsten Morgen treffen wir uns schon um 8 bei
Garbo, total verpennt, aber sonst gut drauf,
bringt die Zeitung mit, den Curier,
Riesenschlagzeile, Politiker entführt.

Garbo: In den Vormittagstunden des gestrigen Tages
wurde Sozialdezernent Dr. Jürgen Waldhorn das
Opfer einer Entführung, wie Elsa, seine Sekretärin
berichtete etc sie hat Lärm geschlagen, gehört,
die Toilette aufgebrochen, Polizei verständigt,
die Kripodienststelle setzte eine Sonderkommission
unter Leitung von Kommissar Kleingeld ein, bis
jetzt ohne Ergebnis.
Stefan: Und unser Bekennerschreiben.
Garbo: Bekennerschreiben, Moment, das am Tatort
vorgefundene Schreiben hält die Polizei wie
verlautet für eine bewußte Irreführung, die
Entführer, so Kommissar Kleingeld versuchten den
Anschein zu erwecken, es handele sich bei ihnen um
aufgebrachte Senioren, dies sei ein plumpes
durchsichtiges Täuschungsmanöver, die Polizei gehe
von einem terroristischen Hintergrund aus.
Harald: Ach ne.

Stefan: Sonnabend, morgens um 9 auf dem Friedhof,
nicht weit von Kapelle und Krematorium, steht ein
Rollstuhl, wie es der Zufall will, direkt an der
Rückfront des Bestattungsinstituts Pietät und
Takt, im Rollstuhl sitzt natürlich Garbo, sie
trägt ein paar Kopfhörer, unter ihrem Schoß liegt
ein Walkman, unter der Decke ist Haralds Empfänger
versteckt, gerade ist die Wanze angesprungen.

Marlies: Der Brief, Peterchen, ist der Brief
fertig.
Peter: Zwei Stunden hab ich am PC rumgeschnippelt
und dann noch eine halbe Stunde geklebt.
Marlies: Hoffentlich mit Handschuhen.
Peter: Natürlich, das war gar nicht leicht,
Marlies.
Marlies: Zeig mal her. Ihr Mann ist unserer
Gewalt, sie können ihn zurückerhalten gegen 1 Mio,
keine polizei sonst kriegen sie ihn
stückchenweise, das ist unser Ernst, Muster anbei.
Peter: Hier ist das Ohr Marlies.
Marlies: Ih nimm das weg, pack das ein in
Alufolie. Weiteres später die Entführer, gut so,
damit geh ich zum alten Drachen und sag, ich hab
beides, Brief und Ohr, heute früh im Briefkasten
gefunden.
Peter: Was denkst du Marlies, wird sie dir das
Geld geben.
Marlies: Die spuckt die Million aus, da bin ich
sicher, und dann mein Peterchen sind wir reich.
Peter: Ach Marlies.
Marlies: Das Geld ist sie mir schuldig, sie hat
nie was für mich getan, und für Jürgen auch nicht
meinetwegen, nicht mal eine Lebensversicherung
konnte er sich leisten.
Peter: Wir sollten das Geld in meinen Betrieb
stecken.
Marlies: Vielleicht Peterchen.
Peter: Und wie gehts weiter.
Marlies: Das besprechen wir heut abend, wenn wir
wissen wie die alte reagiert.
Peter: Wieder hier.
Marlies: Gleiche Stelle gleiche Welle, halb acht
Peter: Marlies.
Marlies: Mein Peterchen
Peter: Die alten, diese Alzheimergang.
Marlies. Ach die haben kein Ahnung was los ist,
die zittern vor sich nicht, um die mußt dir keine
Sorgen zu machen und um die Polizei auch nicht,
komm her mein kleines großes Peterchen.
Peter: Ach Marlies.

Stefan: Drei Stunden später klingelt bei Hildchen
das Telefon, sie wird in die Villa Waldhorn
beordert, Isolde will sich die Karten legen
lassen.

Garbo: Genau wie wir uns gedacht haben, Hildchen
sie wissen was sie zu tun haben.
Hildchen: Ja, mir ist gar nicht wohl dabei, die
Zukunft aus den Karten lesen, uh, ist eine ernst
Sache, daß ich da.
Harald: Passen sie mal auf, Hildchen, sie haben
uns da reingeritten weil sie auf dem Friedhof ihr
Maul nicht halten konnten.
Hildchen: Harald bitte.
Garbo: Harald hat recht sie haben was gutzumachen
Hildchen also los und viel glück

Hildchen: Ich sehe eine große Krise, vor ihnen
liegt eine schwere Prüfung, Frau Waldhorn.
Isolde: Stimmt genau.
Hildchen: Es geht um viel sehr viel, um Leben und
Tod.
Isolde: Und um eine Menge Geld.
Hildchen: Oh ich sehe Gefahr, vertrauen sie
keinesfalls Ämtern, Behörden, von diesen geht ein
starker negativer Einfluß aus, oh, was ist das.
Isolde: Was denn, was sehen Sie.
Hildchen: Ein Mann wird in ihr Leben treten, Frau
Waldhorn.
Isolde: Was soll ich mit dem, ich brauch keinen
Mann.
Hildchen: Dieser Mann ist nicht mehr jung, Frau
Waldhorn.
Isolde: Auch das noch.
Hildchen: Doch wird er ihnen in ihrer Krise
beistehen, vertrauen sie ihm.

Stefan: Am Nachmittag taucht ein unbekannter
Besucher in der Villa Waldhorn auf, ein breiter
älterer Herr in einem Anzug, der bessere Tage
gesehen hat, wie sein Besitzer, mit einem Wort,
Harald.

Harald: Meine Karte, gnädige Frau.
Isolde: Harald Schauermann, Privatdetektiv, was
verschafft mir die Ehre.
Harald: Die Ehre ist ganz meinerseits, gnä Frau.
Isolde: Davon bin ich überzeugt, was wollen sie.
Harald: Gnädige Frau, ich bin Detektiv, in diesem
Beruf weiß man, was andere nicht wissen, man hat
sein Ohr wenn ich so sagen darf an der Polizei und
der Unterwelt.
Isolde: So.
Harald: Ja.
Isolde: An der Unterwelt von Willsum, und was hört
man da so.
Harald: Die Entführer ihres Sohnes fordern ein
Lösegeld.
Isolde: Sie sind gut informiert, Herr Schauermann.
Harald: Das bringt wie gesagt der Beruf so mit
sich.
Isolde: Eine Million wollen sie haben.
Harald: Aha, und werden sie zahlen, gnä Frau.
Isolde: Für Jürgen, diesen Vollidioten, eigentlich
hat er es nicht verdient, aber Blut ist dicker als
Wasser.
Harald: Sie sagen es gnä Frau.
Isolde: Ein Ohr haben sie ihm schon abgeschnitten.
Harald: Entsetzlich, die Polizei.
Isolde: Bleibt draußen.
Harald: Ganz ihrer Meinung doch ohne
professionellen Beistand wird es nicht gehen.

Stefan: Das sieht Isolde Waldhorn auch so. Sie
heuert Harald an, 150 Euro pro Tag und Spesen, sie
zeigt ihm das Entführerschreiben und das Ohr, wenn
die Entführer sich wieder melden will sie Harald
sofort verständigen. Abends kurz vor 8 auf der
Straße vor dem Institut Pietät und Takt, parkt
Haralds alter Toyota, Harald hat die Sitzlehne
zurückgestellt und macht ein Nickerchen so sieht
es jedenfalls aus, in Wirklichkeit hört er mit,
Marlies Waldhorn und Peter Thode arbeiten an ihrem
Plan.

Marlies: Die alte halt angebissen, Peterchen.
Peter: Toll, und was ist mit der Polizei.
Marlies: Keine Polizei aber sich hat einen
Privatdetektiv eingeschaltet.
Peter: Ach herrje, was machen wir denn da, alles
abblasen.
Marlies: Kommt gar nicht in die Tüte, wir planen
um, das ist alles, daß ich die Million in
stockfinsterer Nacht einem Typ mit Maske übergebe,
das läuft jetzt nicht mehr, etwas komplizierter
müssen wir es schon machen.
Peter: Ja aber, aber wie.
Marlies: So wirds gehen, ich bin morgen bei der
alten und sage ich hab gerade einen Anruf gekriegt
mit genauen Anweisungen für die Geldübergabe, die
soll Montag stattfinden, am hellichten Tag auf dem
Friedhof.
Peter: Und der Privatdetektiv.
Marlies: Den wird Isolde auf den Wolkenkratzer
schicken.

Stefan: Der Wolkenkratzer ist das einzige Hochhaus
in Willsum, 8 Stockwerke, gewaltig, das Ding steht
gleich am Friedhof und gehört Isolde Waldhorn.

Peter: Aber von da oben kann er den ganzen
Friedhof überblicken.
Marlies: Da soll er auch mein Peterchen.
Peter: Versteh ich nicht.
Marlies: Paß mal auf, du hast doch eine Bestattung
am Montag.
Peter: Ja, Steuerberater Mienzen, 14 Uhr.
Marlies: Richtig, wo Jürgen mit im Sarg liegt,
bestens, wann bringt ihr den Sarg in die
Friedhofskapelle.
Peter: Eine Stunde vorher.
Marlies: Um eins, gut also ich sag Isolde
folgendes, ich soll Montag vormittag um 11 am Tor
zum Friedhof sein mit der Million.
Peter: In 500er unmarkiert.
Marlies: Natürlich, in einer Alditüte.
Peter: Alditüte.
Marlies: Das ist ganz wichtig, und ein Handy soll
ich mitbringen, für weitere Anweisungen, um 11 am
Tor werd ich angerufen.
Peter: Von wem.
Marlies: Ach mein Peterchen, ich tue so also ob,
dann geh ich mit dem Geld.
Peter: In der Alditüte.
Marlies: In der Alditüte damit geh ich zur
Kapelle, ich geh rein, um die Zeit ist bestimmt
keiner drin.
Peter: Montag um 11, kein Schwanz und dann.
Marlies: Ich schließ den Schrank hinten rechts
auf.
Peter: Wo die Plastiklilien drin sind und die
schwarzen Bänder.
Marlies: Genau, den Schlüssel krieg ich von dir,
du hast doch einen zweiten.
Peter: Ja aber.
Marlies: Ich leg die Tüte in den Schrank und hol
die Alditüte raus, die du nachts reingetan hast.
Peter: Ich nachts Alditüte, was ist denn da drin.
Marlies: Papier, mein Peterchen
zurechtgeschnitten, 2000 Blatt Papier, jedes so
groß wie ein 500 Schein.
Peter: Ich versteh.

Stefan: Wird aber auch Zeit, Marlies Waldhorn
schließt den Schrank wieder zu und marschiert mit
der Tüte voller Papier weiter über den Friedhof,
unterwegs kriegt sie immer neue Anweisungen übers
handy, eine richtige Schnitzeljagd, wie beim
Kindergeburtstag, schließlich landet sie am
Mausoleum der Grafen von Willsum in der hinteren
Friedhofsecke.

Marlies: Da leg ich die Tüte hin und verschwinde
und wenn du den Sarg in die Kapelle schaffst,
Peterchen.
Peter: Hol ich die Geldtüte aus dem Schrank, tu
sie in meine große schwarze Tasche bring sie ins
Büro.
Marlies: Und da deponierst du die Million in
deinem Safe.
Peter: Marlies, du bist ein Genie.
Marlies: Da könntest du recht haben, Peterchen,
wenn sie später am Mausoleum nachsehen, finden sie
die Tüte mit dem Papier und wundern sich sehr.
Peter: Marlies, ich hab eine Idee.
Marlies: Ist es denn die Möglichkeit.
Peter: Sie würden sich noch viel mehr wundern,
wenn sie eine leere Tüte finden.
Marlies: Sicher aber was mach ich mit dem Papier.
Peter: Es ist gar kein Papier drin.
Marlies: Sondern.
Peter: Blätter, alte Blätter, wie sie jetzt
überall auf dem Friedhof herum liegen, die
schüttest du aus.
Marlies: Hinter der Hecke, da kann man mich vom
Hochhaus nicht sehen, dann liegt da nur noch eine
leere Tüte, hokuspokus, Geld hat sich in Luft
auflöst, das ist gut Peterchen und zur selben Zeit
geht der liebe Jürgen in Rauch auf, innig vereint
mit Steuerberater Mienzen.
Peter: Und wir sind Millionäre.
Harald: Das haben die sich so gedacht.
Stefan: Wir sind die Entführer.
Garbo: Diesen Opportunisten, wir werden ihnen das
Handwerk legen.
Hildchen: Also ich weiß nicht, ist es nicht
unmoralisch, sollten wir nicht lieber dafür
sorgen, daß Frau Waldhorn, ich meine Isolde
Waldhorn ihr Geld zurück bekommt.
Stefan: Die kann das verschmerzen, die hat genug.
Hildchen: Können wir es nicht wenigstens für einen
guten Zweck.
Garbo: Das tun mir doch, wir verwenden es für uns,
ein besseren zweck kann ich mir nicht vorstellen,
jeder von uns bekommt eine viertel Million,
250.000 Euro.
Harald: Da lacht die Prostata, da quietscht der
Rollstuhl.
Garbo: Langsam, meine Herrschaften, wir haben sie
noch nicht.
Harald: Das ist doch nur noch Formsache, Garbo,
wie siehts aus Stefan, haben sie heut nacht Zeit.
Stefan: Eigentlich wollte ich mit Melanie in die
Disco, aber wenn die Gang ruft, was liegt an,
Harald.
Harald: Wir brechen wieder ein.
Stefan: Institut Pietät und Takt.
Harald: Haargenau.
Stefan: Um die Wanze abzubauen.
Harald: Die kann noch bleiben, ich muß einen
Wachsabdruck nehmen den Schlüssel.
Stefan: Für den Schrank.
Hildchen: In der Kapelle.
Garbo: Eine Alditüte brauch ich auch.

Stefan: Sonntag, Ruhetag, die Ruhe vor dem Sturm,
Marlies Waldhorn erzählt ihrer Schwiegermutter das
Märchen von der komplizierten Geldübergabe, Isolde
Waldhorn ruft Privatdetektiv Harald an, der
verabredet sich mit ihr und feilt ansonsten einen
Schlüssel zu, die Sonderkommission der Kripo sucht
nach Dr. Jürgen Waldhorn oder einer heißen Spur
und findet beides nicht, ich sammel im Stadtpark
Blätter ein, abends treff ich mich mit Melanie,
wir krachen uns extrem, ich mache alles wieder
gut, nehm ich mir vor, nach dem großen Coup.
Montag, es ist soweit, die Sonne scheint, goldener
Oktober, wie es in der Fernsehwerbung heißt, um
halb elf in der Villa Waldhorn, Isolde, Harald,
Marlies und das Geld, hat es vorbeigebracht, der
Sparkassendirektor, in grauer Vorzeit Isoldes
Tanzstundenherr.

Harald: Hat er kein Fragen gestellt.
Isolde: Wäre ja noch schöner, ich bin seine beste
Kundin.
Marlies: Ich hab gedacht 1 Mio ist viel schwerer.
Harald: Na ja 2500 in 200 10erpacks, haben sie das
Handy.
Marlies: Hab ich.
Harald: Dann los, nur Mut, ich hab sie die ganze
Zeit im Auge.
Isolde: Ich auch.
Harald: Aha, sie wollen mich begleiten gnädige
Frau.
Isolde: Sie begleiten mich, Herr Schauermann, ich
will mir die Sache selbst ansehen.
Harald: Höchstpersönlich, immerhin geht’s um ihren
Sohn.
Isolde: Eine Mio, meine Million, kommen sie, wir
nehmen den Mercedes.

Stefan: 5 nach 11, vom Flachdach des
Wolkenkratzers spähen zwei Figuren runter zum
Friedhof, Harald guckt durch seinen alten
Zeissfeldstecher, Isolde durch ihr goldenes
Opernglas, das braucht sie bei Premieren im
Stadttheater, man hat ja Kultur, beide beobachten
wie Marlies das Handy wegsteckt und den Friedhof
betritt.

Harald: Sie geht nach rechts zur Kapelle, sie
macht die Tür auf, geht rein.
Isolde: Glauben sie die Übergabe soll in der
Kapelle.
Harald: Nein, nein, sie kommt schon wieder raus,
immer noch mit der Tüte.
Isolde: Sie hat das Handy am Ohr.
Harald: Vermutlich schickt man sie weiter.

Stefan: So ist es oder so siehts aus, Marlies geht
weiter zum Ententeich, zum Komposthaufen, zur
waldhornschen Familiengruft, dann ist sie am
Mausoleum der Grafen von Willsum, sie verschwindet
hinter der Hecke, ganz kurz, nur 2,3 Sekunden sie
taucht wieder auf und schreitet zügig zum Ausgang.

Isolde: Die Tüte, wo ist die Tüte, sie hat die
Tüte mit dem Geld nicht mehr.
Harald: Die Tüte, sie muß sie am Mausoleum
liegengelassen haben, das da ist sie.
Isolde: Wo.
Harald: Na direkt an der Hintertür, der braune
Fleck zwischen den brauen Blättern.
Isolde: Ja, und was machen wir jetzt.
Harald: Wir warten, bis jemand kommt und das Geld
holt.

Stefan: Sie warten, Tüte und Mausoleum immer vor
der Linse, darum kriegen sie auch nicht mit, was
weiter vorn an der Kapelle abläuft, ein
gutaussehender junger Mann mit Kinnbart, Stefan
ist sein werter Name, schiebt einen Rollstuhl mit
einer alten Dame genannt Garbo nicht hektisch in
die Kapelle, ich stelle fest, kein Mensch drin,
Haralds Nachschlüssel zum Schrank klemmt ein
bißchen, aber dann dreht er sich doch, ich nehme
die Alditüte mit den vielen schönen 500er raus,
Garbo holt die Alditüte mit den vielen schönen
Blättern unter ihrer Decke vor, wir tauschen,
Schrank wieder zu und tschüß, am Friedhofstor
steht eine Bank, da lassen wir uns nieder, Garbo
macht ein Nickerchen, keine Nerven die Frau, es
schlägt 12 vom Rathausturm, es schlägt viertel, es
schlägt halb eins, Harald und Isolde sind immer
noch auf dem Dach, aber nicht mehr lange.

Isolde: Die Tüte liegt noch da.
Harald: So ist es gnä Frau
Isolde: Und kein Mensch ist auch nur in die Nähe
des Mausoleum gekommen, da stimmt was nicht, gehen
sie mal runter, gucken sie nach, ich halt solange
Wache.
Harald: Bin schon unterwegs gnä Frau.

Stefan: Harald geht zum Mausoleum, er bückt sich
mühsam, kommt wieder hoch mit ach und krach, und
mit der Aldi-Tüte, er hält sie hoch, dreht sie um,
offensichtlich ist nichts drin, zurück zu Isolde.

Harald: Das Geld ist verschwunden, sehen sie
selbst, die Tüte ist leer.
Isolde: Das gibt’s doch nicht.
Harald: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.
Isolde: Ich dachte sie sind Experte.
Harald: Ich kann mir das einfach nicht erklären,
seit ihre Schwiegertochter das Geld vor einer
guten Stunde am Mausoleum abgelegt hat, haben wir
es beobachtet, es hat die ganze Zeit da gelegen,
niemand war in der Nähe.
Isolde: Es ist weg, mein Geld, meine Mio.
Harald: Mysteriös, fast übernatürlich, ihr Sohn
ist übrigens nicht auftaucht.
Isolde: Es ist alles ihre Schuld, Herr
Schauermann, sie haben versagt, auf der ganzen
Linie.
Harald: Aber gnädige Frau, ich werde
Nachforschungen anstellen.
Isolde: Gar nichts werden sie, sie sind entlassen,
gehen sie mir aus den Augen.
Harald: Wie sie wünschen, ich werde mir erlauben,
meine Rechnung zu schicken.
Isolde: Keinen Pfennig kriegen sie von mir, hauen
sie ab.

Stefan: Der Toyota steht auf dem Parkplatz vor dem
Friedhof, Harald setzt sich rein und wartet,
Isolde Waldhorn wartet nicht, sie brettert nach
Hause wie die Feuerwehr, und ruft Hildchen an, muß
die Karten gelegt bekommen sofort, Hildchen hat
den Anruf erwartet und macht sich gleich auf die
Socken.

Hildchen: Oh weh noch mehr schwarze Schatten über
ihnen, ich sehe Probleme, Krisen.
Isolde: Das können sie laut sagen.
Hildchen: Doch nicht verzagen, die Karten
verheißen ein baldiges Ende der Unglücksträhne,
freuen sie sich Frau Waldhorn, alles wird gut.
Isolde: Wirklich.
Hildchen: Sie werden zurückerhalten, was sie
verloren haben.
Isolde: Mein Geld.
Hildchen: Und eine ihnen nahestehende Person.
Isolde: Wann krieg ich alles wieder, heute noch,
morgen.
Hildchen: Geduld Frau Waldhorn, was sind einige
Wochen unter dem Aspekt der Ewigkeit, und denken
sie daran, lassen sie Behörden jeder Art aus dem
Spiel, das könnte alles verderben.
Isolde: Wenn sie das sagen, schon oh 10 vor 2 ich
muß los, zu einer Trauerfeier, mein Steuerberater.
Hildchen: Herr Mienzen, da wollte ich auch hin.
Isolde: Ich nehm sie mit.

Stefan: 2 Uhr mittags, die Friedhofskapelle läuft
über, Steuerberater Mienzen war ein angesehener
Mitbürger, halb Willsum ist da, auch die komplette
Alzheimergang, Garbo im Rollstuhl an der Tür,
beide Hände fest über der Wölbung der Decke auf
ihren Knien gefaltet, ich steh neben ihr, in der
hintersten Bank rutscht Hildchen hin und her die
Blase nehm ich an, Harald hat ein Knopf im Ohr und
auf dem Gesicht ein ausgesprochen unpassendes
grinsen er hört nämlich gerade etwas sehr
komisches.

Peter: Wo ist das Geld, ich frage dich wo ist das
Geld ich frage dich.
Marlies: Das frag ich dich, ich hab die Tüte mit
der Million in den Schrank geschlossen, wie wir es
vereinbart haben.
Peter: Ach und wieso hab ich dann die Tüte mit den
Blättern gefunden.
Marlies: Das behauptest du, weißt du, was ich
denke mein liebes Peterchen, du hast das Geld und
lügst mir was vor.
Peter: Ach, ich lüge.
Marlies: Du willst die ganze Million für dich.
Peter: Es ist genau andersrum, du willst mir
nichts abgeben.
Marlies: Du hast das Geld aus dem Schrank
genommen, gibs doch zu.
Peter: Du hast es nicht reingetan.
Marlies: Das ist nicht wahr, du hast die Mio.
Peter: Nein du.

Stefan: Harald nimmt den Knopf raus und hört auf
zu grinsen weil die Trauerfeier fängt an, mit
Musik, ave maria, uncool aber immernoch die Nr 1
in den friedhofcharts. Was ich mit meiner
viertelmio mache, Melanie kriegt ein Armband,
Echtgold und für mich kauf ich ein Motorrad, eine
Wahnsinnsmaschine, für den Rest kaufe ich Aktien,
hab mir vorgenommen mit 30 in Rente zu gehen, in
dem Alter hat der Mensch noch was davon.

Harald: Also ich mach eine Weltreise, Amerika,
Afrika, die Südsee, ich fahr mit dem Schiff in
aller Ruhe und wenn’s mir wo gefällt, bleibe ich
da bis ich sterbe, aber das hat noch Zeit.

Hildchen: Jetzt kann ich mir endlich das leisten,
was ich mir seit Jahren so sehr wünsche, die
Grabstelle direkt neben Gerda, und da laß ich
einen großen Stein draufstellen, Marmor und Gold,
gediegen und niveauvoll, die Inschrift wird
lauten, hier wohnen zwei Freundinnen, im Tode
vereint wie im Leben.

Garbo: Ein Elektrorollstuhl wär nicht schlecht und
ein neuer superschneller Computer, und was
übrigbleibt, das lege ich zurück und gut an, es
gibt noch viel zu tun für die Alzheimergang, tu
Geld in deinen Beutel, sagt Shakespeare, denn
bereit sein ist alles.

Stefan: Der Sarg rollt feierlich nach hinten durch
den Vorhang ins Krematorium, mit Steuerberater
Mienzen, und mit Dr. Jürgen Waldhorn,
Sozialdezernent von Willsum, hasta la vista Baby,
viva die Alzheimergang.

Stefan: Matthias Walter
Garbo: Lieselotte Rau
Hildchen: Ingeborg Medschinski
Harald: Werner Rehm
Isolde Waldhorn: Elfriede Irrall
Jürgen Waldhorn: Hans Walter Klein
Marlies Waldhorn: Astrid Meyerfeldt
Peter Thode: Uwe Müller
Sekretärin: Shelly Kupferberg

Michael Koser: Die Schule der Glücksritter (DRadio
2004)

Schaffner: Pittsburgh, hier Pittsburgh.

Elaine: Der Pennsylvania Special rollte gerade ein
als ich den Bahnsteig betrat, ich fror ohne Hut
und Mantel, der Schneeregen der Dezembernacht
hatte mich durchnässt, die Tasche war so schwer
und ich wurde verfolgt, während ich am Zug entlang
hastete, sah ich mich um, da kamen sie, zwei große
Männer in dunklen Mänteln und klobigen Schuhen, in
Panik stieg ich in den nächsten Wagen, ein
Pullmansalon mit Privatabteilen und lief den Gang
entlang, fängt ja gut an das neue Leben, dachte
ich, plötzlich öffnete sich die Tür neben mir,
eine Hand packte mich, zog mich ins Abteil.

Arsene: Legen Sie sich ins Bett, schnell.
Elaine: Meine Tasche!
Arsene: Die verstecken wir unterm Bett, ca va,
unter die Decke, Mademoiselle, wickeln Sie sich
bis zur Nasenspitze ein.

Elaine: Er war ein gutaussehender mittelgroßer
Mann, nicht mehr jung, in einem eleganten blauen
Anzug, ich gehorchte ihm ohne Angst, obwohl er die
Tür verriegelte, sein Blick, seine Stimme, seine
bestimmte Art, alles wirkte vertrauenerweckend.

Arsene: Drehen Sie sich zur Wand, schlafen Sie,
tief und fest.
Polizei: Machen Sie auf, Polizei.
Arsene: Wenn Sie darauf bestehen, seien Sie bitte
leise, meine Frau schläft bereits, was wollen Sie?
Polizei: Wir suchen eine Diebin, eine junge Frau
ohne Hut, mit einer großen Reisetasche.
Arsene: Bei mir?
Polizei: Sie ist in diesen Wagen gestiegen, haben
Sie sie gesehen?
Arsene: Nein.
Polizei: Was dagegen, wenn ich in den Waschraum
schaue.
Arsene: Tun sie sich keinen Zwang an.
Polizei: Ach, Fehlanzeige, entschuldigen Sie die
Störung.
Arsene: Bitte.
Elaine: Ist er weg?
Arsene: Es scheint so, aber bleiben Sie noch im
Bett vorsichtshalber, Sie sind also eine Diebin,
Mademoiselle.
Elaine: Warum haben Sie mir geholfen?
Arsene: Ein Impuls, Mademoiselle, ich sah Sie aus
dem Fenster des Abteils, Sie waren in Not,
verfolgt von den Flics und sie haben grüne Augen,
gestatten Sie, daß ich mich vorstelle, Raoul
d’Andrésy, aus Paris, in Frankreich.
Elaine: Was? Au.
Arsene: Haben Sie sich wehgetan, Mademoiselle.
Elaine: Ja nein, ich glaubs nicht, Raoul
d’Andresy, ja ich hab gehört, daß Sie in den
Staaten sind, aber daß ich Sie treffe, auf diese
Weise, daß Sie mich vor der Polizei, ausgerechnet
Sie.
Arsene: Beruhigen Sie sich, Mademoiselle.
Elaine: Erst wenn Sie es mir gesagt haben.
Arsene: Was soll ich Ihnen sagen.
Elaine: Wie Sie wirklich heißen.
Arsene: Für wen halten Sie mich, Mademoiselle.
Elaine: Sie sind Arsene Lupin.

Elaine: Ich wußte es, ich kannte ihn, alle seine
unglaublichen Abenteuer und seine Pseudonyme,
Arsene Lupin, der Gentlemaneinbrecher, der
Abenteurer, der berühmteste Glücksritter der Welt,
seit ich als Kind die Berichte seines Biografen
Leblanc gelesen habe, war ich ihm verfallen, ich
schwärmte für ihn, folgte seinen Spuren in meinen
Träumen.

Arsene: Übertreiben Sie nicht ein wenig,
Mademoiselle, Sie haben mir Ihren Namen noch nicht
genannt.
Elaine: Ich heiße Mary Kowalski, nein, ich heiße
nicht mehr Mary Kowalski, ich bin nämlich dabei
ein neues Leben anzufangen und dazu brauche ich
einen neuen Namen.
Arsene: Versteht sich.
Elaine: Leider bin ich noch nicht dazu gekommen,
mir einen zu suchen.
Arsene: Lassen Sie sehen eine hübsche Frau mit
grünen Augen sollte Elaine heißen.
Elaine: Elaine, ein schöner Name.
Arsene: Sie dürfen ihn behalten, Mademoiselle, und
nun erzählen Sie, was ist geschehen, wer sind sie.

Elaine: Ich sagte ihm alles, daß ich in Pittsburgh
geboren und aufgewachsen bin, daß meine Eltern
früh starben, daß ich in einer Bank arbeitete wo
ich es bis zur Kassiererin brachte, daß mich in
diesem Jahr des Herrn 1926 drei schwere
Schicksalschläge trafen, im August starb er, der
große wunderbare Rudolf Valentino, seine Filme und
Ihre Abenteuer Monsieur Lupin waren die
Lichtstrahlen in einem eintönigen Dasein, die
Verheißung eines wirklichen Lebens jenseits von
Pittsburgh und dem Schalter der Bank, weil
Valentinos Tod mich so sehr erschütterte, fühlte
mein Verlobter sich vernachlässigt und gab mir den
Ring zurück, Weihnachten wollten wir heiraten, und
vor ein paar Tagen hat die Bank sich entschlossen
im nächsten Jahr auf meine Dienste zu verzichten,
ja da Monsieur Lupin, da faßte auch ich einen
Entschluß.
Arsene: Ein neues Leben zu beginnen.
Elaine: Meinen Traum zu verwirklichen den Traum
von einem Leben ala Arsen Lupin.
Arsene: Sie haben ihre Bank bestohlen.
Elaine: Heute abend habe ich den Inhalt der Kasse
nicht wie sonst in den Tresor getan, sondern in
meine Reisetasche, ein Kollege muß mich dabei
beobachtet und die Polizei verständigt haben, war
noch nicht lange zu hause, da kamen sie, mit
Blaulicht und Sirene, ich hatte keine Zeit mehr
den Koffer zu packen oder auch nur den Mantel
anzuziehen, ich verschwand durch die Hintertür,
fuhr mit einem Taxi zum Bahnhof.
Arsene: Den Rest kenne ich, Mademoiselle, was
haben sie nun vor.
Elaine: Ich will nach Chicago, Monsieur Lupin, das
ist die Hauptstadt der...
Arsene: Glücksritter, der Abenteurer, derer die
sich nicht sklavisch den Gesetzen unterwerfen, der
sog. Verbrecher.
Elaine: Alkoholschmuggler, Monsieur Lupin,
Gangster, Al Capone.
Arsene: Und Millionäre mit mehr Geld als ihnen gut
tut, darum Mademoiselle ist Chicago auch mein
Ziel.
Elaine: Oh Monsieur Lupin, ich wage nicht, sie zu
bitten, sie haben mir schon einmal so sehr
geholfen.
Arsene: Und dabei ein klein wenig Verantwortung
übernommen, sprechen sie nur Mademoiselle, was
kann ich für sie tun.

Elaine: Ich hatte einen Wunsch, ein großen, einen
dringenden, einen einzigen Wunsch, ich wollte mich
ihm anschließen, an Arsene Lupins Seite, ein Leben
jenseits der Normen und Gesetze zu beginnen, von
ihm zu lernen, ihn bei seinen kühnen Feldzügen
wider die Reichen und Mächtigen dieser Welt zu
begleiten, als seine Schülerin, könnte es etwas
schöneres geben.

Arsene: Ich beneide sie um ihren jugendlichen
Enthusiasmus, Mademoiselle, zu meinem Bedauern
sehe ich mich gezwungen, ihn ein wenig zu dämpfen,
sie treffen sie mich um die Wahrheit zu sagen in
einem nicht eben glücklichen Moment, sehen sie
auch in mir einen Flüchtling, der New York auf
schnellsten Weg verlassen muß, verfolgt von
Inspektor Ganimard.
Elaine: Ganimard.
Arsene: Sie kennen ihn natürlich Mademoiselle, er
ist stupide aber hartnäckig, und so fahre denn ich
nach Chicago, ohne präzises Vorhaben, ohne Plan,
ohne Geld.
Elaine: Ich habe Geld Monsieur Lupin, in meiner
Tasche und wenn ich bei ihnen bleiben darf.
Arsene: Wieviel Mademoiselle.
Elaine: Mehr als 9000 Dollar.
Arsene: Für ein paar Tage dürfte es reichen.
Elaine: Ein paar Tage.
Arsene: Merken sie sich den ersten Grund- und
Kernsatz der Glücksritterei, niemals knausern, wer
das Geld anderer will, muß den Anschein erwecken
er habe selbst genug, der wahre Abenteurer lebt
stets auf großem Fuße, wenn wir morgen früh in
Chicago aussteigen, werden wir das erste Hotel am
Platz nehmen.
Elaine: Sie nehmen mich also mit, Monsieur Lupin,
wie kann ich ihnen danken?

Elaine: Pünktlich um 9 Uhr 10 erreichte der
Pennsylvania Special Chicago Station, ruhigen
Schrittes gingen wir durch die Sperre, Lupin und
an seinem Arm ich, vorbei an den Kriminalbeamten,
die alle Ausgestiegenen argwöhnisch musterten, ich
trug einen kleinen Schleier am Hut und über einem
eleganten, wenn auch konservativem Kostüm einen
ebensolchen Mantel, die Reisetasche trug ich
nicht, die karrte ein Dienstmann mit anderen
Gepäckstücken, zu einem Taxi, unbeeindruckt von
dem Schauspiel, das sich hinter uns entfaltete,
eine ältere Dame in einem fliederfarbenen Neglige
beugte sich weit aus einem Abteilfenster und.

Dame: Mein Hut, da Schaffner, Polizei.
Arsene: Zum Hotel Palmerhaus Chauffeur. Im Hotel
werden sie wie ich eine Suite beziehen, Elaine,
Sie sind Mrs Joan Belmont, ein in der New Yorker
Gesellschaft nicht unbekannter Name, apropos, auch
in Chicago dürfte es etwas geben, was man mit
einigem Wohlwollen als Gesellschaft bezeichnen
kann, man wird entzückt sein, Mrs Belmont und den
Marquis zu empfangen.
Elaine: Sie sind Marquis, Arsene, das ist neu.
Arsene: Was wollen sie, meine übrigen
Künstlernamen sind hierzulande alle bekannt und
die Amerikaner lieben europäische Adelstitel, wir
werden untadelige Empfehlungsschreiben vorzuweisen
haben, aus New York, Paris, und wenn wir erst im
Kreise der Nabobs von Chicago schwimmen wie die
Hechte im Karpfenteich dann, Elaine.
Elaine: Ja Arsene.
Arsene: Dann werden wir dessen bin ich sicher in
kürzester Zeit den Schlüssel finden der uns den
Weg zu den Reichtümern dieser betriebsamen
Metropole eröffnet.

Elaine: Er war sehr kalt und stürmisch in jenem
Dezember 1926 in Chicago, aber das spürte ich
kaum, wir flatterten von Soiree zu Empfang, von
Ball zu Bankett, ich trug die herrlichsten
Abendroben, nippte an illegalen Cocktails als sei
ich mit ihnen aufgezogen worden, und genoß das
schöne Leben in vollen Zügen, bis unsere 9000
Dollar rapide zur Neige gingen und ich begann mir
Sorgen zu machen, doch mein Begleiter blieb
gelassen, zu recht, denn nach etwa einer Woche bot
sich uns besagter Schlüssel bei einer exklusiven
Cocktailparty in einem exklusiven Palast am
exklusiven Lake Shore Drive, der sogenannten Gold
Coast von Chicago, Gastgeber war der
Multimillionär Osgood P Quackenbush, der dritte.

Quackenbush: Hat mir mein alter Herr hinterlassen,
Osgood P Quackenbush der zweite, den
Schlachthauskönig hat man ihn genannt, ich bin
umgestiegen, auf Finanzen, das ist zweifellos
sauberer und lukrativer.
Arsene: Respekt, sagen sie Quackenbush war ihr
Vater nicht auch als Kunstsammler bekannt.
Quackenbush: Oh ja, der alte hat gesammelt, alles
mögliche, Bilder, Juwelen, oh, oh ich liebe
Strauß, ja ich hab das ganze Zeug verkauft,
interessiert mich nicht, ich sammle auch, aber was
ganz anderes.
Elaine: Und was, Mr Quackenbush.
Quackenbush: Mordwerkzeuge, Mrs Belmont, Waffen
berühmter Verbrecher, ein interessantes, wenn auch
ausgefallenes Gebiet, im Lauf der Jahre hab ich
mir ganz ordentlich was zusammengekauft, ich will
mich nicht loben, aber besser als die schwarzen
Museen in New York, London oder Paris ist meine
Sammlung allemal, wollen sie mal sehen, Marquis?
Arsene: Mit Vergnügen.
Quackenbush: Na dann kommen sie, sie bleiben
besser hier, das ist nichts für eine Dame.
Elaine: Mr Quackenbush, sie sind ganz und gar
nicht uptodate, die moderne Frau kennt nichts
Exquisiteres als das Grauen, die Gänsehaut, das
sublime Gruseln, das den Körper vom Scheitel bis
zur Sohle zum kribbeln bringt.
Quackenbush: Sie sind mir eine, ok kommen sie mit.

Elaine: Seine Schätze bewahrte Quackenbush in
einer Stahlkammer auf, als er das
Sicherheitsschloß öffnete, schaute Lupin ihm zu,
scheinbar desinteressiert, wir traten ein, um uns
beleuchtete Glasvitrinen mit Objekten
verschiedenster Art gefüllt, dazwischen ein
massiger, allerdings wie mir schien nicht eben
hochmoderner Tresor.

Quackenbush: Mit Bargeld, Aktien,
Geschäftspapiere, was der Mensch so braucht,
uninteressant, sehen sie sich um, Marquis, Mrs
Belmont, im Schrank rechts.
Elaine: Pistolen. Das ist doch nichts besonders,
Pistolen habe ich schon viele gesehen, in der
Waffenkammer meines Mannes auf Long Island.
Quackenbush: Nicht diese, Mrs Belmont, da können
sie Gift draufnehmen, sehen sie hier, die beiden
Waffen mit denen der berüchtigte Rasputin
erschossen wurde, die Browning des Fürsten Jasupow
und die Savage von Pu pu...
Arsene: Puejkewitsch.
Quackenbush: Genau, und mit dieser Feile hat der
Anarchist Lucheni Kaiserin Elisabeth von
Österreich erstochen.
Elaine: Sissi, ist noch Blut dran.
Quackenbush: Und hier zwei ganz besondere Stücke
aus ihrer Heimat, Marquis, der Ofen, in dem der
Massenmörder Laudru seine Opfer beseitigte, ich
verdanke ihm übrigens einem hohen Beamten der
Pariser Kriminalpolizei, den Schrankkoffer daneben
auch, er enthielt die Leiche des Filmproduzenten
Lumies, seinerzeit ein aufsehenerregender Fall,
aufgeklärt durch Prof. van Dusen, mein alter Herr
hat ihn gut gekannt, den berühmten
Amateurkriminologen und diese kleine Pistole ist
eine Neuerwerbung, auf die ich ganz besonders
stolz bin.
Elaine: Sieht aus wie ein Spielzeug.
Quackenbush: Das ist sie, Deringer mit der
Präsident Lincoln erschoß, ich hab sie meinem
schärfsten Konkurrenten vor der Nase
weggeschnappt, für 25000 Dollar.
Elaine: Soviel.
Arsene: Ihr schärfster Konkurrenz Quackenbush, wer
ist das.
Quackenbush: George Stenson, praktisch mein
Nachbar, drei Häuser weiter.
Arsene: Und dieser Stenson sammelt ebenfalls
historische Mordinstrumente, ist er heute abend
anwesend.
Quackenbush: Oh nein, der gute ist nicht coninform
wie das bei ihnen heißt Marquis, wissen sie, er
ist Bierbrauer.
Arsene: Ein ehrenwertes Gewerbe.
Quackenbush: Nicht bei uns, Marquis wir haben
Prohibition, totales Alkoholverbot.
Arsene: Was sie nicht sagen Quackenbush, dieser
Champagnercocktail in meinem Glas.
Quackenbush: Sie dürfen das nicht so eng sehen,
Stanson produziert nicht nur Bier in 7 Brauereien,
er läßt es auch von Gangstern vertrieben, Al
Capone persönlich ist sein Partner.
Arsene: Tatsächlich.
Elaine: Und von wem beziehen Sie Champagner und
Whisky, Mr Quackenbush.
Quackenbush: Nicht von diesen Italienern, Mrs
Belmont, wer in Chicago auf sich hält, kauft bei
irischen Lieferanten, bei Max Moren und seinen
Leuten.
Elaine: Sind das nicht auch Gangster?
Quackenbush: Ganz ohne geht es nun mal nicht, Mrs
Belmont, in New York ist das sicher nicht anders
oder.

Elaine: Beim Abschied gab Quackenbush uns das
Geleit bis ans Tor seines großen Anwesens, wo der
Chauffeur im gemieteten Packard auf uns wartete.

Quackenbush: Freut mich, wenns ihnen bei mir
gefallen hat, war recht nett.
Arsene: Was ich übrigens noch sagen wollte,
Quackenbush, mir ist eingefallen, daß auch ich,
obschon kein Sammler, eine kriminologische
Reliquie mein eigen nenne.
Quackenbush: Ja, was ist es denn.
Arsene: Ein Messer, das Messer, mit dem Jean Paul
Marat ins jenseits befördert wurde.
Quackenbush: Ist das wahr, das gehört ihnen?
Arsene: Dahinter steckt eine interessante
Geschichte, vermutlich wissen sie, daß der
Henkersknecht Leco den abgeschlagenen Kopf Corday,
der Mörderin Maras auf dem Schafott hochhielt und
ohrfeigte, er kam dafür ins Gefängnis, ja und
dieser Henker besaß die Tatwaffe, in der Familie
bis mein Vater, ein Bewunderer der Condesi sie
erwarb von einem Nachfahren Leco, der als
Stallbursche bei ihm arbeitete.
Quackenbush: Sagen sie Marquis, wären sie unter
Umständen bereit, mir das Messer zu verkaufen.
Arsene: Ich weiß nicht, gewiß es bedeutet mir
nicht allzuviel.
Quackenbush: Sie würden mir eine riesige Freude
machen.
Arsene: Lassen sie uns ein andresmal
darüberweiterreden Quackenbush, es ist spät.
Quackenbush: Ja.

Elaine: Am nächsten Morgen beim Frühstück machten
wir einen Schlachtplan, das heißt natürlich Lupin
plante und ich assistierte, so gut ich konnte.

Arsene: Sie stellen ihr Licht unter den Scheffel,
sie assistieren nicht nur, sie inspirieren mich
und im nächsten Akt des von mir konzipierten
kleinen Dramas werden sie die Hauptrolle
übernehmen.
Elaine: Wenn sie mir das zutrauen, Arsene.
Arsene: Doch bevor es soweit ist, liegt noch ein
gerüttelt Maß Arbeit vor uns, in den nächsten
Tagen wird es für sie und für mich keine
Gesellschaft geben, in der öffentlichen Bibliothek
von Chicago, ein wohlbestücktes Haus wie ich höre,
werden wir historische Forschungen anstellen und
dann mon cheri, dann werden wir basteln.
Elaine: Basteln.
Arsene: Mit diesen unseren Händen, die für
besseres geschaffen sind.
Elaine: Monsieur de Marquis.

Elaine: Zwei Wochen später, Weihnachten war
vorüber, das neues Jahr hatte begonnen, ich war im
Palmerhaus ausgezogen und hatte mich in einem
bescheidenen, aber anständigen Hotel dem Great
Moter in der Street eingemietet auf den Namen
Lier, Elenor Lier, und dort hatte ich einen Brief,
dem Fotografien und Kopien von Dokumenten
beigelegt waren, abgeschickt an Mr Josef Stenson,
Lake Shore Drive.

Elaine: Arsene, er hat angebissen.
Arsene: Kein Wunder, bei diesem Köder, was
schreibt er.
Elaine: Liebe Mrs Lier, an Ihrem Angebot bin ich
interessiert, ich schlage vor, daß wir uns
treffen, damit ich das Objekt in Augenschein
nehmen kann, seien sie am Sonnabend, dem 8. Januar
1927.
Arsene: Übermorgen.
Elaine: Um 10 Uhr abends im Dreamland Cafe an der
35. Straße.
Arsene: Er lädt sie nicht in sein Haus ein,
schade.
Elaine: Fragen sie nach mir, ich bin dort bekannt,
freundliche Grüße.

Elaine: Das Dreamland war ein Nachtclub von der
nicht allzu vornehmen Sorte, es roch nach Schweiß,
Tabak, geschmuggeltem Whisky, eine schwarze
Kapelle spielte Ragtime, Blackbottom und den
Modetanz der Saison, Charleston, dazu vergnügten
sich untersetzte ältere Männer in zu engen
Abendanzügen, der einen oder andere mit einer
verdächtigen Beule unter dem linken Arm mit sehr
jungen, sehr schlanken, sehr geschminkten Frauen
in sehr kurzen Franzenröcken.

Elaine: Shocking.
Stetson: Mrs Lier, das ist noch gar nichts, da
hätten sie Lauraine sehen sollen, als sie noch bei
Minsky in New York getanzt hat, eine
Straußenfeder, mehr nicht.
Mrs Stenson: Dann traf ich meinen Sugardaddy,
verliebte mich unsterblich und seit unserer
Hochzeit tanze ich natürlich nicht mehr, gefällt
ihnen die Musik, Mrs Lear.
Elaine: Wie mans nimmt, Mrs Stenson.
Mrs Stetson: King Oliver mit seiner Jazz Band,
bläst ein scharfes Horn, der Junge.
Stenson: Baby, ich hab mit Mrs Leal was
geschäftliches zu besprechen, du tanzt.
Mrs Stenson: Sugardaddy, du weißt doch, ich mache
mir nichts aus andern Männern.
Stenson: Geh schon Baby, aber nicht so eng.
Mrs Stenson: Wenn mein Sugardaddy unbedingt will.
Stenson: Loraine amüsiert sich so gerne, Mrs.
Leale, Musik, Menschen, Trubel, soll sie, sie ist
etwas jünger als ich, vielleicht haben sie es
bemerkt.
Elaine: Ach wirklich, Mr. Stenson.
Stetson: Wie finden sie das Dreamland, Mrs. Leale.
Elaine: Nun ja, bei uns in Piddletown haben wir so
was nicht.
Stetson: Ja das will ich meinen.
Elaine: Da kam Miss Leale her, Piddletown,
Vermont, und das sah man ihr an, auf das wilde
Treiben ringsum reagierte sie mit einem Ausdruck,
der teils mißbilligend war, teils ängstlich, die
Ängstlichkeit war übrigens nicht nur gespielt, ich
muß gestehen, ich atmete innerlich auf, wenn mein
Blick auf den Herrn im untadeligen Frack fiel, der
dem Marquis de Bri so erstaunlich ähnlich sah und
der mich im Auge behielt, allerdings so diskret,
daß es niemandem auffiel, am wenigsten Mr. Josef
Stenson, der hatte nur Augen für die antiquierte
Abendtasche, in der Mrs. Leale, wie er wußte, ein
höchst interessantes Objekt aufbewahrte.
Stetson: Die Lincolnkugel.
Elaine: Ganz recht, Mr. Stenson, das Geschoß, das
Präsident Lincoln tötete.
Stetson: Zeigen sie mal her, aha, tja.
Elaine: Natürlich unter Glas.
Stetson: Natürlich, und in ihren Besitz gekommen
ist sie durch ihren Großvater.
Elaine: Wie ich ihnen schrieb, mein Großvater war
Dr. Charles Leale, der junge Arzt, der zufällig im
Theater war als Booth auf Lincoln schoß und der
dem Opfer erste Hilfe leistete, dafür durfte er
später nach der Obduktion die Todeskugel an sich
nehmen.
Stetson: Die Kugel, die in Lincolns Hirn eintrat.
Elaine: Wir haben sie in der Familie immer sehr in
Ehren gehalten.
Stetson: Und warum wollen sie die jetzt verkaufen,
Mrs Leale.
Elaine: Die Zeiten sind schlecht, Mr Stenson und
ich würde gern Mr. Petersens Drugstore übernehmen.
Stetson: 2000 Dollar Mrs. Leale, sind sie damit
einverstanden.
Elaine: Nein Mr. Stenson, das ist nicht genug.
Stetson: Also gut 3000.
Elaine: Wissen sie, Mr. Stenson, Mr. Quackenbush
hat mir 10000 Dollar geboten.
Stetson: Was Quackenbush, das könnte dem so
passen, erst die Pistole und dann auch noch die
Kugel, wieviel hat er ihnen geboten 10000, ich
lege noch 1000 drauf.
Elaine: 11000 Dollar.
Stetson: Dafür kriegen sie einen erstklassigen
Drugstore.

Elaine: Da hatte er recht, wir tauschten, Kugel
nebst glänzend gefälschten Dokumenten gegen
Barscheck, noch in dieser Nacht feierte Miss
Leale, nun wieder Mr Sperment mit Marquis in
dessen prunkvoller Suite im Palmerhaus.

Arsene: Auf sie, Elaine.
Elaine: Sie waren also mit mir zufrieden, Arsene.
Arsene: Begeistert, sie waren wunderbar, meine
Gratulation brava bravissima.
Elaine: Sie machen mich verlegen.
Arsene: Und nun jetzt werden wir Mr. Quackenbush
reaktivieren, das ist meine Sache, will sagen, die
des edlen Marquis.
Elaine: Auf sein Wohl.

Elaine: Am nächsten Abend geschah es, daß Mr.
Quackenbush, als er seine gewohnte Flüsterkneipe
in der Madison Street aufsuchte, dort ganz
zufällig auf den Marquis de Bri stieß.

Quackenbush: Gut daß ich sie treffe, Marquis, was
tun sie.
Arsene: Ich trinke Tee, wie sie sehen, aus einer
geschmackvollen chinesischen Tasse, Tee in
Schottland gebrannt und die USA geschmuggelt, mir
auch eine Tasse.
Quackenbush: Ich hab ein paar mal im Palmerhaus
angerufen aber sie waren nie da.
Arsene: Ich bin unterwegs, mal hier mal da, was
kann ich für sie tun, mein lieber.
Quackenbush: Das Messer, sie erinnern sich doch,
das Messer, der Charlotte.
Arsene: Wir sprachen darüber.
Quackenbush: Und wollen sie verkaufen.
Arsene: Ich will sie nicht auf die Folter spannen,
erst neulich hab ich meine verwandte telegrafisch
angewiesen, das gute Stück nach Chicago zu
schicken, morgen oder übermorgen dürfte das
Päckchen eintreffen, Quackenbush, eigentlich hätte
ich ihnen das Ding gern zum Geschenk gemacht.
Quackenbush: Kommt nicht in Frage, Marquis.
Arsene: Angesichts der jetzigen
Währungsschwankungen muß ihn leider zustimmen,
wenn der Dollar 40 Franc kostet, werden selbst
Aristokraten zu Krämern.
Quackenbush: Würden sie 20000 Dollar akzeptieren.
Arsene: Lassen sie uns nicht feilschen
Quackenbush, 30000 Dollar und das Messer gehört
ihnen.
Quackenbush: 30000.
Arsene: Ich rufe sie an, au revoir.

Elaine: Zwei Tage später teilte der Marquis Mr
Quackenbush telefonisch mit, die erwartete Sendung
aus der Normandie sei eingetroffen.

Quackenbush: Mit dem Preis ich bin einverstanden,
notgedrungen, wenn er mir auch etwas hoch
vorkommt.
Arsene: Quackenbush, was sind ein paar Dollar
unter Freunden, Gentlemen reden nicht über Geld,
wann und wo wollen wir uns treffen.
Quackenbush: Bei mir morgen nachmittag.
Arene: Evian, ich lade sie in meine Suite, zum Tee
um 4 Uhr daccord.

Elaine: Um so aufgeregter wurde ich, Arsene blieb
wie immer kaltblütig, sein rastloses Hirn hatte
die bevorstehende Transaktion mit Quackenbush
bereits abgehakt und arbeitete an neuen großen
Taten.

Arsene: Kugel, Messer, 11000, 30000 das sind doch
nur wie sagen sie kleines Vieh.
Elaine: Peanuts, Erdnüsse.
Arsene: Cherie, wir werden uns Zugang zu den
Tresoren der ehrenwerten Herren Quackenbush und
Stenson verschaffen und dann Elaine, doch davon
später, unser Gast wird gleich eintreffen, ich
halte es für besser, daß sie gehen, wir sollten
nicht mehr gemeinsam auftreten.
Elaine: Warum nicht, erwarten sie Probleme.
Arsene: Nein aber sie wissen der kluge Mann baut
vor, die kluge Frau natürlich auch.
Elaine: Ich möchte aber dabei sein, ich will
lernen.
Arsene: Machen sie es wie der Liebhaber in der
Komödie, verstecken sie sich im Schrank und lassen
sie die Tür ein wenig offen stehen.

Elaine: Ich war kaum in meinem Versteck
verschwunden, als die Tür zur Suite aufgerissen
wurde, Quackenbush trat ein und mit ihm zwei
kräftige Männer in schlecht sitzenden gestreiften
Anzügen, die Hände in der Jackentasche.

Quackenbush: Die Männer hab ich mir ausgeliehen
von meinem Whiskylieferanten Mr. Bucks More.
Arsene: Lieber Quackenbush, sie setzen mich in
Erstaunen, sie betreten meine Räume ohne
anzuklopfen, sie bringen zwei Gangster mit.
Quackenbush: Leibwächter, Marquis oder Torpedos
wie man in der Alkoholbranche sagt, wissen sie ich
hatte das Gefühl, einem weltbekannten Verbrecher
sollte ich nicht allein und ohne Schutz
entgegentreten.
Arsene: Verbrecher, was soll das bedeuten.
Quackenbush: Kommen sie rein, Monsieur Ganimard.
Ganimard: Bonjour Lupin.
Arsene: Ah Ganimard, Freund meiner Jugend, Leuchte
und Zierde der Surete, nehmen sie doch Platz,
machen sie es sich bequem, darf ich ihnen eine
Erfrischung bringen lassen.

Elaine: Ein unauffälliger Mann mit Glatze und
Walroßschnauzbart, das war also Ganimard,
Inspector Ganimard, Lupins unerbittlicher Feind,
mir stockte der Atem, bis nach New York hatte er
den großen Abenteurer verfolgt und jetzt tauchte
er auch noch in Chicago auf.

Arsene: Welcher glückhafter Fügung verdank ich die
unerwartete Freude ihrer Anwesenheit, verraten sie
mir, ich verließ sie in New York.
Ganimard: Und dann fiel mir vor wenigen Tagen eine
alte Ausgabe der Chicago Tribune in die Hand und
einen großen Bericht über eine Soiree im Hause
Quackenbush, auf einer Fotografie waren einige
illustre Gäste abgebildet, darunter der Marquis de
Bri.
Arsene: In dem sie mit den geschärften Augen ihren
teuren alten Freund Lupin erkannten.
Ganimard: Mr Quackenbush ist mir nicht unbekannt,
war ich doch des öfteren in der glücklich Lage,
ihm das eine oder andere begehrte Objekt zukommen
zu lassen, ich nahm mit ihm Verbindung auf und
voila hier bin ich.
Arsene: In voller Schönheit.
Ganimard: Von nun an bleiben wir zusammen, ich
nehme sie mit, erst zu Polizei in Chicago und dann
nach Paris, komm her mein Junge.
Arsene: Pfui Ganimard.
Ganimard: Ich laß dich nicht mehr aus den Augen,
bis du in einem französischen Zuchthaus sitzt.
Quackenbush: Augenblick Ganimard, sie haben mir
die Augen über den angeblichen Marquis geöffnet,
gut und schön, aber mitnehmen können sie ihn
nicht, das ist nicht drin, ich brauch ihn noch.
Ganimard: Mr. Quackenbush, Lupin gehört der
Justiz, das Recht, die Gesetze.
Quackenbush: Recht, Gesetz, wir sind in Chicago.
Ganimard: Ich, ich protestiere im Namen der
französischen Republik.
Quackenbush: Von mir aus Ganimard, protestieren
sie, aber leise.
Ganimard: Ich ah.
Quackenbush: Halten sie doch die Klappe.

Elaine: Das tat der Inspektor mit allen Anzeichen
des Unwillens, doch gegen zwei schlagkräftige
Argumente in Nadelstreifen konnte er fern der
Heimat nix ausrichten.

Arsene: Sie brauchen mich, sie brauchen Arsene
Lupin den Abenteurer.
Quackenbush: Ich brauch den Dieb.
Arsene: Interessant, sprechen sie sich aus mein
lieber.
Quackenbush: Joe Stenson, der Kerl hat mal wieder
unverschämtes Glück gehabt und mir ein ganz
seltenes Stück weggeschnappt, die Kugel die
Lincoln umgebracht hat.
Arsene: Ist es die Möglichkeit.
Quackenbush: Und diesmal laß ichs ihm nicht
durchgehen, die Kugel gehört mir, schließlich hab
ich schon die Pistole.
Arsene: Warum trösten sie sich nicht mit dem
Messer der Corday, da liegt es auf dem Tisch, ich
hab mir solche Mühe damit geben.
Quackenbush: Ich will die Kugel, Lupin, und sie
werden sie mir verschaffen.
Arsene: Ich soll stehlen, also wissen sie
Quackenbush, warum schicken sie nicht ihre Herren
Torpedos.
Qusckenbush: Weil das eine Aufgabe für einen
Spezialisten ist, Stensons Haus ist eine Festung,
da kommt so leicht keiner rein oder raus.
Arsene: Schwierig, schwierig.
Ganimard: Mr. Quackenbush, das dürfen sie nicht,
ich werde.
Quackenbush: Das reicht, schmeiß ihn raus.
Ganimard: Wagen sie es nicht, Hand am mich zu
legen, ich bin Inspektor der Surete, ich werde
mich an meinem Konsuln wenden, au.
Arsene: Der gute Ganimar, er hat noch nie gespürt,
wenn er überflüssig war, gut ich werde für sie
tätig, Quackenbush.
Quackenbush: Na also, da wäre da nur ein kleines
Problem, wie kann ich sicher sein daß sie es auch
wirklich tun und nicht einfach verschwinden,
vielleicht sollten Morens Männer sie nicht aus den
Augen lassen.
Arsene: Quackenbush, sie sind mißtrauisch wie eine
alte Jungfer, unter Beobachtung kann ich nicht
arbeiten, das würde meinen Stil ramponieren,
Arsene Lupin ist ein Ehrenmann, alle Welt weiß
das, sogar Ganimard, ich geb ihnen mein Wort, ich
werde die Lincolnkugel, die zur Zeit in Stensons
Besitz ist, an mich nehmen und an sie
weiterreichen.
Quackenbush: Heute ist der 12. Januar, binnen
einer Woche.
Arsene: Versprochen.

Elaine: Sie gingen und ich konnte endlich den
Schrank verlassen, krumm im Rücken und trüb im
Gemüt, die Sache war gründlich schief gegangen.

Arsene: Abwarten, Elaine, kein Grund zu Trübsal,
Flexibilität eine der wichtigsten Eigenschaften
des Glücksritters, als erstes werden wir Namen und
Domizil wechseln, ein unscheinbares Haus in einem
uninteressanten Stadtteil, zwei unauffällige
Personen mit Allerweltsnamen.
Elaine: Und dann Arsene.
Arsene: Dann werden wir Stetsons Festung stürmen.
Elaine: Stürmen, das sagen sie so leicht.
Arsene: Was mich betrifft, ich werde einen
todsicheren Trick einsetzen, den ich in Frankreich
schon einige Male mit Erfolg angewendet habe.
Elaine: Und ich.
Arsene: Ich habe den Eindruck, Mrs Loren Stenson
gehört zu den schwierigen Hausherrinen, deren
Personal häufig wechselt, wenn sie bei ihr
vorstellig würden, Elaine mit allerbesten
Referenzen, sie wären anwesend und könnten
eingreifen, wenn es notwendig wird.

Elaine: Lorain nahm mich sofort, das lag
zweifellos daran daß ich zuvor in Hollywood tätig
war, bei so bekannten Filmstars wie Mary Pickford,
Gloria Swanson, und ihr Papagei mochte mich und so
begab es sich, daß am abend des 15. Januar das
neue Hausmädchen Helen einem Besucher die Tür
öffnete, der ihr nicht unbekannt war.

Elaine: Inspektor Ganimard.
Stenson: Treten sie näher, Inspektor, nehmen sie
Platz, Zigarette, ob ich ihnen auch einen Whisky
anbieten darf, weiß ich nicht so recht, immerhin
sind sie Polizist.
Arsene: In Frankreich, Monsieur nicht hier tun sie
ihrer Gastfreundschaft kein Zwang.
Mrs Stenson: Schenken sie dem Herrn ein, Helen.
Elaine: Sehr wohl, Madame.
Stenson: Sie haben mir geschrieben, Inspektor, sie
hätten eine Information für mich von äußerster
Wichtigkeit in bezug auf meine Sammlung
kriminalistischer Raritäten, sind meine Schätze in
Gefahr.
Arsene: Ein Schatz, die Pistolenkugel aus dem Kopf
ihres großen Präsidenten Abraham Lincoln.
Stenson: Ach was ich wette, dahinter steckt
Quackenbush.
Arsene: So ist es, Mr Quackenbush hat einen
Experten beauftragt, die Kugel für ihn zu
entwenden.
Stenson: Das sieht ihm ähnlich, na soll er, an
meiner Alarmanlage wird sich sein Experte die
Zähne ausbeißen.
Arsene: Gestatten sie mir, das zu bezweifeln, bei
besagtem Experten handelt es sich nämlich um
keinen geringeren als Arsene Lupin.
Mrs Stenson: Lupin, über den hab ich gerade was
gelesen, Sugardaddy, in Life, das ist ein ganz
gerissener Kerl, den kann nichts aufhalten, keine
Stahltür, kein Alarmsystem, überall kommt er rein
und im verkleiden und maskieren ist er einsame
spitze.
Arsene: Madame hat völlig recht, dieser dreiste
Verbrecher hat es sogar gewagt, als hoher Beamter
der Pariser Kriminalpolizei aufzutreten.
Mrs Stenson: Und charmant ist er, ein richtiger
Frauenheld, stehen sie nicht herum, Helen,
schenken sie ein.
Elaine: Sehr wohl, Madame.
Arsene: Wenn ich ihre Sicherheitsvorkehrungen
inspizieren dürfte Monsieur Stenson.
Stenson: Ich bitte darum, sie sind der Fachmann,
sehen sie sich alles in Ruhe an.
Arsene: Merci Monsieur.
Stenson: Aber nicht mehr heute abend, bleiben sie
über Nacht in einem unserer Gästezimmer, wissen
sie was, würden sie uns die Freude machen bei uns
zu wohnen, bis die Gefahr vorüber ist.
Arsene: Das heißt, bis wir den Burschen erwischt
haben, mit Vergnügen Monsieur.
Mrs Stenson: Helen, richten sie das blaue Zimmer
für den Herrn her.
Elaine: Sehr wohl, Madame.

Elaine: Am nächsten Abend wartete ich in meinem
kleinen Dienstbotenzimmer unter dem Dach auf das
verabredete Zeichen, ein dreimaliges Klopfen an
der Tür, dem die gemeinsame Flucht aus dem Hause
Stetson folgen sollte, leider schlief ich darüber
ein, vielleicht lag es an der Nervenanspannung,
vielleicht an Lorain Stenson, die sich nur zu gern
damit beschäftigte, ihr Hausmädchen zu
beschäftigen, eine schrille Glocke riß mich aus
rosaroten Träumen von mir und Arsene und den
Niagarafällen, Madame befahl mich in ihr Boudoir,
ein Blick auf die Uhr, es war zehn Minuten vor 3,
mitten in der Nacht.

Mrs Stenson: Helen, da sind sie endlich, wenn man
sie mal braucht, dieser Verbrecher war hier,
dieser.
Elaine: Lupin, Madame.
Mrs Stenson: Genau der, hier in unseren Haus, sei
doch mal ruhig Cleopatra, ein Wunder, daß wir
nicht alle in unseren Betten ermordet wurden, oh
meine Nerven, bringen sie mir eine Flasche
Bourbon.

Elaine: Gegen zwei Uhr, so erfuhr ich von Lorean
und später von Lupin selbst, war der Hausgast, der
sich Ganimar nannte, aufgestanden, vorsichtig
schlich er zu Stetsons Schatzkammer, er betrat
sie, nachdem er die Alarmanlage abgeschaltet hatte
und wollte gerade den Schrank öffnen der die
ominöse Lincolnkugel enthielt als zwei Männer mit
schußbereiten Revolvern durch die Tür kamen, der
Hausherr und.

Arsene: Ganimar, schon wieder, also allmählich
wirds langweilig, Sie sind ja wie das berühmte
falsche fünf Franc Stück, übrigens, sind sie
sicher, daß sie wirklich Ganimard sind, nicht
Lupin.
Ganimard: Mein Schnurrbart ist echt, und ihrer.
Arsene: Auh.
Ganimard: War nur angeklebt.
Arsene: Was für ein Glück, stellen sie sich vor,
ich müßte ständig mit so einem Handfeger unter der
Nase herumlaufen, Ganimard, Ganimard, sie haben
gelauscht neulich im Palmerhaus, und dann sind sie
zu Stetson petzen gegangen.
Stenson: Er hat mich angerufen, um mich zu warnen.
Arsene: Weil er mich doch noch in die Finger
kriegen wollte, ist es nicht so, Freund meiner
Jugend.
Ganimard: Als ich von Monsieur Stenson erfuhr, in
seinem Haus gäbe es bereits einen Inspektor
Ganimard, war mir alles klar, mit ihrer Maske
haben sie sich aber keine große Mühe gegeben,
Lupin, das soll ich sein.
Arsene: Was wollen sie, sie sind nun mal ein
häßlicher Vogel.
Stenson: Was mache ich jetzt mit ihm, Lupin.
Ganimard: Sie machen gar nichts, Monsieur Stenson,
das ist Sache der Polizei.
Stenson: In Paris mag das so sein, Inspektor aber
nicht bei uns in Chicago, nicht nur weil unsere
Polizei unfähig und korrupt ist, wer kann nimmt
das Gesetz in die eigene Hand, das ist gute
amerikanische Tradition, ich werd ihnen sagen, was
ich mache Inspektor, ich rufe meinen Freund und
Partner Alfons Capone an, der schickt ein paar
Leute vorbei, die nehmen Lupin mit und, goodby
Arsene Lupin bzw. adieu.
Ganimard: Ich glaube nicht daß das.
Stenson: Könnten sie sich mit dieser Lösung
anfreunden Inspektor.
Ganimard: Ich glaube nicht, daß das eine gute
Lösung ist, nein ich glaub das nicht, ich
protestiere.

Elaine: Das konnte Ganimard nicht, er protestierte
wieder einmal und ereiferte sich so sehr daß
Stenson ihn schließlich aus dem Haus werfen ließ,
armer Ganimard, aber vor allem armer Arsene, ich
tat Lorain ein Schlafmittel in den Whisky, dann
ging ich ans Werk, ich sollte eingreifen, falls es
nötig wurde, hatte mein Partner gesagt, jetzt war
es nötig, sehr sogar, um drei Uhr fuhr eine
schwarze Limousine durch die South Michigan
Avenue, vor der Hausnummer 2300 hielt sie, Hotel
Metropole stand an der Front des klotzigen
siebenstöckigen Gebäudes, trotz der späten Stunde
schlief hier anscheinend niemand, aus den
hellerleuchteten Fenstern drang Musik und lautes
Stimmengewirr.

Franky: Da sind wir.
Arsene: Was du nichts sagst, Genosse und wo sind
wir.
Franky: Mr. Capones Hauptquartier, steig aus.

Elaine: Der Lift brachte sie in den 4. Stock,
Lupin und seine beiden Wächter, sie gingen durch
einen Gang der festlich geschmückt war, Blumen,
bunte Papiergirlanden, amerikanische und
italiensche Fahnen und ein mindestens 10 Meter
langes Spruchband, das in roten Lettern
verkündete, 7 Jahre Prohibition, 7 Jahre
Wohlstand.

Arsene: Die 7 fetten Jahre, was Genosse, und dann
wirds mager, wie es schon in der Bibel steht.
Franky: Wieso Bibel, heute ist der 17. Januar, da
feiern wir jedes Jahr seit sie 1920 den Alkohol
verboten haben und außerdem hat der Boss heute
Geburtstag, rechts geht’s rein.

Elaine: Hinter der Tür, die von zwei bulligen
Torpedos mit Maschinenpistolen bewacht wurde, lag
ein Saal voller Menschen, Männer mit geölten
Haaren in dunklen Anzügen und Gamschen,
platinblonde Frauen in freizügiger Aufmachung
drängten sich um einen feisten Typ im erzgrünen
Dinnerjacket, er kaute grimmig auf einer riesigen
Havanna herum, und gestikulierte so heftig, daß
der kollosale Diamant an seiner linken Hand
blitzte und funkelte wie ein drohendes
Wetterleuchten.

Capone: Porca madonna, diese stinkenden irischen
Schweine, ich reiche ihnen die Hand des Friedens
und was tun sie, sie murksen mein guten Freund ab,
Griechentheo, und das an meinen 28. Geburtstag,
bene, dann eben wieder Krieg, Bierkrieg, diese
verfluchten Nicks brauchen eine Lektion und die
sollen sie kriegen, von mir, wer ist dieser Kerl,
Franky.
Franky: Den schickt ihnen Mister Stenson, Mr.
Capone.
Capone: Richtig, so sehen also berühmte Verbrecher
in Frankreich aus, klein, dünn nicht gerade
imposant, hahaha.
Arsene: Es kann nicht jeder so fett und
vollgefressen sein wie du, mein Dickerchen.
Franky: Soll ich ihm die Fresse polieren, Mr
Capone.
Capone: Laß ihn reden, Franky, Tote können mich
nicht beleidigen, und du bist tot, Franzose, ja,
du wolltest meinen Freund bestehlen, das darf man
nicht.
Arsene: Seit wann hast du was gegen stehlen,
Dickerchen, du bist doch selber der größte Dieb in
Chicago.
Capone: Du irrst dich, Franzose, Capone ist kein
Dieb, Capone nimmt keinem was weg, im Gegenteil,
Capone gibt, er gibt den Menschen, was sie haben
wollen, Schnaps, Bier.
Arsene: Manchmal eine Kugel oder den
Baseballschläger.
Capone: Du hast Mut, Froschfresser, du verdienst
einen anständigen Abgang, setz dich, iss pasta,
trink vino, Franky und Jonny, ihr paßt auf ihn auf
und wenn ich das Zeichen gebe, bringt ihr ihn raus
und fahrt ihn ein bißchen durch die Gegend, ihr
wißt ja bescheid.
Franky: Ok, Mr Capone.
Elaine: Jetzt erschien ich auf der Bildfläche,
nicht Helen, nicht Elaine und schon gar nicht Mary
Kowalski oder Mrs Leale, ich war Loren Stetson,
während die wahre Eigentümerin des Namens im
Tiefschlaf vor sich hin schnarchte, hatte ich mich
an ihrem Schminktisch und in ihrem Kleiderschrank
bedient, das Resultat war durchaus überzeugend,
das fand nicht nur ich, das fand auch Mr Capone.
Capone: Mrs. Stenson, bei mir, um diese Zeit.
Elaine: Oh Mr. Capone, tun sie ihm nichts, sie
dürfen ihn nicht umbringen.
Arsene: Loraine, cheri, nein.
Elaine: Doch, Mr Capone, dieser Mann ist kein
Dieb.
Capone: Aber ihr Mann hat doch.
Elaine: Mein Mann weiß nicht, was wirklich
geschehen ist, heute nacht, Mr Capone, dieser Mann
ist mein Geliebter, er hat sich bei uns
eingeschlichen, um mich zu besuchen, und als mein
Mann ihn erwischte, hat er sich als Einbrecher
ausgegeben, um meine Ehre zu schützen, er ist ein
Held, Mr Capone, er wollte sich opfern.
Arsene: Geliebte, wie gern wäre ich für dich in
den Tod gegangen.
Capone: O bella storia, bella romanza, wie in der
Oper, wie von Maestro Verdi, ich beglückwünsche
sie, Signora, zu ihrem amante, und sie mein
Freund, sie sind ein Kavaliere, ein wahrer
Gentleman, da habt ihr zwei also dem guten Joe
Stenson die Hörner aufgesetzt, haha, bella
comedia.
Elaine: Sie sind auch ein Gentleman, Mr. Capone,
sie werden ihn nicht töten.
Capone: Nehmen Sie ihn mit, Signora oder noch
besser, Franky und Jonny bringt die beiden zurück.
Franky: Kleine Spazierfahrt, Mr. Capone.
Capone: No Idiota, ihr setzt sie am Lakeshore
Drive ab und zwar lebend, nehmt meinen großen
Cadillac.
Franky: Die Prunkkarosse, den Panzerwagen.
Capone: Si, si.
Elaine: Danke, Mr. Capone, sie sind ein Schatz,
ich, ich muß sie umarmen.
Capone: Schon gut, schon gut, Mrs. Stenson,
arrivederci.
Arsene: Adieu mein Dickerchen, bleib sauber.

Elaine: Wir hätten das freundliche Angebot gern
abgelehnt, aber das ging natürlich nicht, so
fuhren wir mit Capones berühmten schwarzen
Panzercadillac Richtung Norden, Arsene und ich
saßen im Fond, Jonny steuerte, Franky hielt als
Beifahrer die Augen offen.

Franky: Hey Jonny, wir werden verfolgt, der rote
Lincoln hinter uns, fahr schneller, der Lincoln
beschleunigt auch, ganz klar das sind Morris
Leute, die haben es auf Mr. Capone abgesehen, wird
euch schlecht bekommen, Freunde.

Elaine: Franky war ein guter Schütze, der Lincoln
wurde in einem der Vorreifen getroffen,
schleuderte, rammte eine Straßenlaterne, blieb
stehen.

Franky: Halt an Jonny, wollen doch mal sehen, wer
da drin sitzt, komm mit.
Arsene: Es ist Ganimard, er war schon hinter uns,
als Franky und Johny mich zu Capone brachten, er
will sich vergewissern, daß er auch wirklich um
die Ecke gebracht wird, ob er wohl unsere beiden
Freunde davon überzeugen kann, daß er nicht zu
Morris Gangstern gehört, festhalten Elaine.
Franky: Halt, ah.
Arsene: Sie haben doch die Lincolnkugel Elaine.
Elaine: Oh ja ich habs mir geholt als bei Stenson
alles ruhig war.
Arsene: Gut gemacht, ich hab Quackenbush mein Wort
gegeben, daß ich ihm die Kugel bringe und Arsene
Lupin pflegt sein Wort zu halten, Elaine, ich
bewundere sie wie sie um mich zu retten Capone den
berüchtigten Al Capone zum Narren gehalten haben,
das war ganz außerordentlich, was kann ich ihnen
noch beibringen, sie sind keine Schülerin mehr,
sie sind Meisterin, eine examinierte, diplomierte
und summa cum laude promovierte Glücksritterin.
Elaine: Ein solches Lob aus ihrem Munde, Arsene,
merci.

Elaine: Ich wartete im Wagen vor Quackenbush Haus,
Lupin knackte das Türschloß, ging leise zur
Schatzkammer und deponierte die angebliche
Lincolnkugel in einer Vitrine, dabei ließ er sich
Zeit, es dauerte ein gute halbe Stunde, bis er
wieder vor dem Haus erschien, ich startete den
Wagen, die Türen hatte ich verriegelt, als Arsene
den Türgriff faßte, drehte ich mein Fenster um
einige Millimeter nach unten.

Arsene: Öffnen sie, Elaine.
Elaine: Ach wissen Sie, Arsene, ich glaube, wir
sind quitt, sie haben mich unter ihre Fittiche
genommen, ich hab ihnen das Leben gerettet, vorhin
habe ich Capone, ohne daß er es merkte, den
Diamantring vom Finger gezogen, 50000 Dollar ist
der wert, sagt man und die will ich eigentlich
nicht mit ihnen teilen.
Arsene: Sie enttäuschen mich zutiefst,
Mademoiselle.
Elaine: Nicht doch Arsene, ich bin bei ihnen in
die Schule gegangen, in die Schule der
Glücksritter und ich hab so gut gelernt, daß ich
sogar sie, meinen Lehrer, aufs Kreuz legen kann,
sie sollten stolz auf mich sein, adieu.
Arsene: Aurevoir Elaine, hahaha.

Elaine: Warum Lupin lachte, wurde mir erst am
nächsten Abend klar, in St. Louis, als ich die
Zeitung las, ein Einbrecher hatte Quackenbush
Tresor geöffnet und rund 300000 Dollar erbeutet in
Banknoten und Wertpapieren, und meine Beute, der
Capone-Diamant, war eine Imitation und ganze drei
Dollar wert, vielleicht hätte ich doch noch etwas
länger in die Schule gehen sollen.

Arsene Lupin: Manfred Zapatka
Elaine: Katharina Zapatka
Osgood P. Quackenbush: Michael Hanemann
Joseph Stanson: Gerd Grasse
Lauraine Stanson: Katharina Burowa
Inspektor Ganimard: Wolfgang Condrus
Al Capone: Martin Engler
Frankie / Papagei: Götz Schulte
Polizist: Christian Gaul
Ältere Dame: Ingrid Tribowski
Redaktion: Torsten Enders

Der Fall van Dusen: Eine O-Ton-Collage
(Deutschlandradio Berlin 1999)

Die einleitenden Worte des Regisseurs Rainer Clute
zum Radio-Feature Der Fall van Dusen
(deutschlandfunk.de/van-dusens-groesster-fall-
100.html):

Seit dem Start der heiteren historischen
Krimireihe 1978 hat Michael Kosers Prof. Dr. Dr.
Dr. Augustus van Dusen, genialer Wissenschaftler
und leidenschaftlicher Amateur-Kriminologe, mit
seinem treuen Begleiter und Chronisten Hutchinson
Hatch rund um die Welt für die Lösung unlösbarer
Fälle gesorgt und dabei Jahr für Jahr eine ständig
wachsende Hörergemeinde in Atem gehalten.

Bevor Professor van Dusen in der zweiten Stunde
der Langen Nacht mit seinem letzten und größten
Fall endgültig in den verdienten radio-
kriminologischen Ruhestand entlassen wird, hat
Sylvia Rauer, die an der Seite von Regisseur
Rainer Clute mehr als die Hälfte aller Fälle der
„Denkmaschine“ als Regieassistentin betreute, noch
einmal in offiziellen Archiven und privaten
Erinnerungen gestöbert. In der Langen Nacht auf
der Spur der Radiolegende August van Dusen sprach
sie mit dem Autor und dem Regisseur, besuchte die
Hauptdarsteller Friedrich W. Bauschulte und Klaus
Herm, befragte die Taufpatin der Reihe, Ursula
Drews, bemühte die Stimmen der Kritik und traf
sich mit Fans der ersten Stunde.

Samstag, 24. Juni 1978: der erste Hörspiel-
Produktionstag des ersten van Dusen-Krimis! Ein
Tag, auf den sich die ganze Energie der
Beteiligten konzentrierte, denn bis die Produktion
beginnen konnte, galt es viel zu regeln. Das
Vorspiel der geplanten Reihe verlief eher
schleppend. Michael Koser, Autor dieser
Hörspielreihe, fand keinen großen Anklang in der
Hörspiel-Dramaturgie von RIAS Berlin. Sehr viel
positiver reagierte dafür der damalige
Abteilungsleiter des Unterhaltungs-Programm, Hans
Rosenthal, dessen serienerprobte Redaktion sich
dieses neuen Vorhabens sehr gerne annahm. Nun
fehlte noch der geeignete und interessierte
Regisseur. Michael Koser trat an mich heran und
überzeugte mich sehr schnell von seiner Idee. Wir
beide kannten uns als Autor/Regisseur-Gespann à la
Holmes/Watson, Miss Marple/Mr. Stringer oder
ähnliches.

Die Wahl fiel nach einiger Überlegung auf
Friedrich W. Bauschulte, damals Ensemble-Mitglied
des inzwischen geschlossenen Schiller-Theaters und
außerdem „die Stimme“ einiger prominenter
Schauspieler in der Synchronisations-Arbeit. Er
wurde Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen, genannt die
„Denkmaschine“, Klaus Herm, zunächst tätig beim
Schiller-Theater, dann als freier Schauspieler,
wurde Hutchinson Hatch, der rasende Reporter des
„Daily New Yorker“, van Dusens ständiger Begleiter
und Assistent sowie – last but not least –
akribischer Chronist der Abenteuer seines
berühmten Professors.

Unser Produktions-Team wuchs nach relativ kurzer
Zeit zu einem sehr gut eingespielten Ensemble
zusammen, zu dem von Anfang an ein festes
technisches Team gehörte, das im Laufe der Jahre
nur wenig verändert wurde. Kurz nach Start der
Serie stieß Silvia Rauer zu uns, zuerst als Regie-
Assistentin und inzwischen als unentbehrliche Co-
Regisseurin.

Einige der damals in der allerersten Zeit unter
großem zeitlichen Streß und in Improvisationslaune
produzierten Hörspiele gehören auch heute noch zu
meinem Lieblingskrimis, so zum Beispiel „Whisky in
den Wolken“ oder „Rotes Blut und weißer Käse“.
Dieses Hörstück war auch der Beginn eines immer
wichtiger werdenden Musikanteils. Der in den
Schweizer Alpen spielende Krimi war ausschließlich
mit Madrigal-Musik angereichert, für die damalige
Zeit eine sehr ungewöhnliche Wahl, da die
durchschnittliche Krimi-Musik sich eher im
„Tatort“-Genre bediente.

Die van Dusen-Musik hat inzwischen eine eigene
Fan-Gemeinde gefunden, die ihre Interessen Hand in
Hand mit dem seit Jahren in Berlin bestehenden van
Dusen-Fan-Club vertritt. Immer wieder wurde ich
gebeten, für eingefleischte Fans die Quellen der
„Soundtrack“-Musiken anzugeben oder Soundtracks
zusammenzustellen. Leider: es gibt keine
Soundtracks von van Dusen-Krimis. Die Quellen sind
hingegen jedermann zugänglich: es ist das, was wir
ganz allgemein mit „Klassischer Musik“ bezeichnen.
Wir benutzen also keine eigens komponierte Musik,
aber die ist immer, zumeist aufwendig, bearbeitet.
Und sie gehört zum Text, der sie inspiriert hat.
Ohne den Text verliert sie wahrscheinlich
entscheidend an Wirkung.

Die Lange Nacht einer Radiolegende. Auf vielfachen
Hörerwunsch wiederholen wir heute diese Sendung
aus dem Jahre 1999.

Fan: Könnte man nicht mal ne ganze lange Nacht mit
dem Prof. van Dusen machen.
Bauschulte: Prof Dr Dr Dr Augustus van Dusen ist
ein großes, ein gewaltiges Thema.

Der Fall van Dusen: Eine O-Ton-Collage von Sylvia
Rauer und Clarisse Cossais
Koser: Ich weiß gar nicht, wie ich drauf gekommen
war, ich sammle ja selber Krimis, auch alte
Krimis.
Sprecher: Michael Koser.
Koser: Und ich hatte die Idee, ob man nicht aus,
aus alten Krimigeschichten, so aus der Sherlock
Holmes Zeit, Hörspiele machen könnte.
Drews: Dann kam Koser mit seinem Krimi und die
Hörspielabteilung wollte den Krimi nicht.
Sprecher: Ursula Drews, damals zuständige
Redakteurin der Unterhaltungsabteilung
Drews: Und das hat denn Herr Rosenthal sofort
zugegriffen und hat gesagt nun kann ich dir ne
Planstelle bei mir besorgen und dann machste
gleich den Krimi.
Clute: Obwohl ich schon 9 Jahre beim RIAS
gearbeitet hab, war ich aber erst relativ kurze
Zeit als Regisseur tätig, ungefähr 4 Jahre.
Sprecher: Rainer Clute
Clute: Und ich wurde angesprochen, von Robert
Matejka und Michael Koser, die beide auf mich
zukamen und fragen, ob denn möglich wäre diese
neue Reihe, die Michael Koser plante, Professor
van Dusen, zu produzieren.
Bauschulte: Ich glaube mich zu erinnern, daß die
erste vom Auerbach gemacht worden ist, und dann in
der nächsten Woche gleich drauf die vom Rainer
Clute, in ganz kurzen Abständen.
Sprecher: Friedrich W Bauschulte (1923-2003)
Bauschulte: Und dann war ich also eigentlich sehr
verwundert was das nun sollte, ob das ein
Probelauf war für die beiden oder was, ich weiß es
nicht, es waren beide, nein, Auerbach war länger
beim Sender als Rainer Clute.
Koser: Und beide, beides waren sehr gute und sehr
schöne Produktionen, aber Rosenthal entschied sich
dann für Clute als ständigen Regisseur, Rainer
sagte damals ja.
Clute: Es war dann die interessante Frage zu
entscheiden der Besetzung, und jeder kam mit zwei
unterschiedlichen Besetzungsvorstellungen, die am
Anfang ganz unvereinbar schienen, die aber immer
näher rückten und schließlich haben wir auch da
einen Kompromiss gefunden und am Ende der Reihe
kann man es ja so sagen, auch ganz neidlos, der
Professor van Dusen, Friedrich W. Bauschulte ist
Dietrichs Auerbachs Eingabe in diese Serie und
Klaus Herm, der Hutchinson Hatch ist mein Teil,
was ich besetzungsmäßig dazugegeben habe.
Herm: Na für mich hat es wie immer angefangen.
Sprecher: Klaus Herm (1925-2014)
Herm: Daß sie mich angerufen haben, wir haben ein
Hörspiel, ob ich Zeit hätte, und haben mir das
Manuskript geschickt und ich fand es von
vornherein also sehr witzig, muß ich sagen, also
gleich von anfang an, dachte, das ist prima.
Koser: Ja, das wissen ja alle, das ist eine Figur
von Futrelle, von Jacques Futrelle und der
Professor van Dusen ist so was wie ein ganz
kleiner Klassiker in der Krimigeschichte, in allen
umfangreicheren Enzyklopädien und Geschichten
steht er drin, also Futrelle mit seinem Professor
van Dusen.
Clute: Michael Kosers Hintergrund als Autor, als
Schriftsteller, ist die Geschichte, er ist
studierter Historiker, und es ist sicherlich sein
Anliegen gewesen und sein Spaß gewesen beim
Schreiben auch historische Gegebenheiten zu
verquicken, das heißt etwas, was in der Geschichte
stattgefunden hat, ganz realistisch stattgefunden
hat zu benutzen, um drumherum einen Krimifall zu
stricken.
Koser: Und dann hab ich weitergemacht, noch 3
Geschichten, schöne Geschichten von Futrelle
rausgesucht und geschrieben, und dann, Futrelle
hat zwar eine ganze Menge Geschichten geschrieben,
so etwa 50 oder 60 über Prof. van Dusen, aber die
anderen kamen mir alle so als nicht geeignet zur
Rundfunkbearbeitung vor, und wahrscheinlich hätte
die ganze Geschichte dann aufgehört, wenn ich
nicht bei irgend einem Ferienaufenthalt in
Frankreich an der Atlantikküste plötzlich die Idee
gehabt hätte, warum ich dann diesen Professor
nicht nehmen sollte und ihm eigene Geschichten
erfinden.
Clute: Ich glaube daß Michael Koser einfach
saugute Manuskripte schreibt, daß er wirklich sehr
gute Dialoge schreibt, das ist eine Kunst, die
durchaus nicht jeder beherrscht und das ist ein
Verdienst, das er ganz unbestritten hat, daß er
Dialoge schreibt, die wirklich überhaupt nicht
papieren klingen, nie, die sich einfach sehr gut
spielen lassen im besten Sinne.
Koser: Da mußte erstmal die Rechtslage geklärt
werden, das darf man ja nicht so ohne weiteres,
die Figur eines anderen nehmen, aber da Futrelle
mit der Titanic 1912 untergegangen war, war seine
Figur rechtsfrei, als ich dann plötzlich merkte,
Mensch ich kann das ja selbst machen, da hatte ich
wieder richtig Spaß dran und in diesen Ferien in
Frankreich am Atlantik in der Nähe von Bordeaux
hatte ich schon so die Stationen der Weltreise im
großen und ganzen schon alles aufgeschrieben.
Clute: Van Dusen war in Amerika, in New York tätig
die ersten Folgen, hatte sich dann auf eine
Weltreise begeben und diese Fälle, die Michael
Koser geschrieben hat bewegten sich wirklich an
einer Kette, die zwangsläufig entstand, er fuhr
mit dem Schiff nach England, dort hat er einige
Fälle erlebt, ist dann über Frankreich, über
Westeuropa, war auch in Deutschland, hat auch
Berlin kurz tangiert, bis nach Rußland, ist dann
über Südeuropa, die Türkei, ganz kurz in Ägypten
gewesen, ist über Fernost, Singapur wieder zum
Pazifik gekommen, ist dann bei der Überfahrt über
den Pazifik nach Amerika gestrandet, das Schiff
ist untergegangen, man hat sich auf eine Insel
gerettet, das war der vorletzte Krimi, Robinsons
Insel, ist dann von dort natürlich auch irgendwann
wieder gerettet worden, ist zurück gekommen in die
Vereinigten Staaten nach San Francisco, und das
war dann eben die Nr. 24, die Erde hat ihn wieder.
Koser: Bis zum Tod, den hatte ich mir damals auch
schon ausgedacht, als eine Möglichkeit das zu
beenden und daß es 1906 sein sollte mit dem
Erdbeben von San Francisco, das stand also von
Anfang an fest, weil ich immer gedacht habe, Gott,
wie lange macht man so eine Reihe, und äh das
wurde dann insgesamt auf 24 Folgen erst mal
angepeilt, und ich dachte das wird wahrscheinlich
reichen und wenn wir soweit kommen, dann lass ich
ihn sterben und nicht nur um einen schönen
Abschluß für die Reihe zu haben, sondern auch als
Test, denn Rosenthal sagte mir, aber ja da kommen
Anrufe, und den Leuten gefällt das soweit ich das
feststellen kann und mir gefällt das auch, und,
aber irgendwann reichte mir das auch nicht mehr,
ich wollte gern mal wissen für wen man das
eigentlich macht, und ich dachte wenn ich ihn
jetzt sterben lasse und wenn tatsächlich Leute so
was hören, vielleicht melden sie sich darauf hin,
wenn sie so ein bißchen geschüttelt werden.
Krause: Gut erinnern kann ich mich noch an den Tod
des Professors, als er im Januar 1982 für mich so
überraschend starb.
Sprecher: Andreas Krause vom Prof Dr. van Dusen
Fanclub
Krause: Ich hörte das Hörspiel und für mich war
eigentlich klar, er wird nicht sterben, es wird
ihm nichts passieren, aber dann passiere dann das
für mich so unfaßbare, und ich kann mich noch gut
erinnern, auch an die Gefühle, als ich in die
Wohnstube ging, meine Mutter schaute fernsehen,
und ich sagte zu ihr, Mutti, Professor van Dusen
ist tot. Für mich war das unfaßbar.
Drews: Was glauben Sie, wie viele Hörer mir dann
geschrieben haben, wie man das ändern könnte, wie
man ihn wieder aufleben lassen könnte, da hatten
die unheimlich viel Vorschläge wie man das machen
kann.
Krause: Ich habe meinen ersten van Dusen mit 15
gehört und ich muß sagen daß mich nichts so lange
in meinem Leben begleitet hat wie die Prof van
Dusen Serie, ich habe keinen verpaßt, ich habe
immer den Urlaub entsprechend gelegt, was nicht so
schwer war, weil wir ein 6 Wochen Intervall damals
hatten, da konnte man planen, aber über die Zeit
jetzt, ich bin 32 Jahre, hat mich nichts so lange
begleitet.
Drews: Wir hätten doch nie geglaubt, als er den
hat sterben lassen, daß da Leute, sicher 1 2 3
vielleicht aber daß da über 300 Zuschriften
kommen, also das hätte ich nie erwartet und auch
so bösartig, also wirklich sehr böse, als sei ich
schuld an dem ganzen, ja, ja ich wäre eine
Mörderin, hat der eine geschrieben.
Koser: Ja, Tränen am Telefon, gab es wirklich,
Beileidskarten in schwarz kamen an, Mütter riefen
zornig an, ihre Kinder heulten und wollten nicht
mehr schlafen gehen, weil Prof. van Dusen tot sei,
also die wildesten Reaktionen, weit über alles
hinaus, was wir uns vorgestellt oder erhofft
haben, ich hab natürlich gehofft daß was kommt,
nicht, aber nicht so viel und so individuell und
so spezifisch, nicht nur daß Leute schrieben,
schade, daß es nicht mehr weitergeht, sondern
Briefe, seitenlange Briefe, die beschrieben, wie
ganze Familie, immer, ich weiß gar nicht wann der
damals lief, also zu der bestimmten festen
Sendezeit immer am Radio saßen und sich das
anhörten und sich schon dann freuten auf die
nächste Folge.
Clute: Und das war eigentlich der Zeitpunkt, wo
uns klar war, wir haben da eine Legende
geschaffen.
Drews: Da haben wir dann überlegt, wie wir das
machen und da fiel eben Koser ein, wir können ja
eine Rückblende machen von dem Hatch.
Clute: Wir hatten schon den 25. Krimi produziert,
genauso wie Hatch es als Erzähler vorbereitet
hatte, wir gingen natürlich über diese Zeit 1906
nicht hinaus, van Dusen war auch tatsächlich
gestorben, er wurde auch in der Weise nicht
wiederbelebt daß man da einen Trick fand wie er
dieses Erdbeben doch überlebt hatte, sondern Hatch
erfüllte seine Ankündigung, daß er eben in der
Zeit, in der Spanne, die die beiden gemeinsam
erlebt hatten, 1899 bis 1906, immer wieder
einzelne Fälle hervorholte und sie dann erzählte.
Koser: Und jetzt und das war mir sogar eigentlich
noch lieber als vorher, jetzt war ich also
tatsächlich frei, ich hatte also 8 Jahre in denen
ich also herumirren konnte und den Professor auch
platzieren konnte, wann und wo ich wollte.

14. November 1902, Freitag, ein Tag wie jeder
andere. Am frühen Nachmittag verläßt Prof. van
Dusen sein Haus in der 35. Straße West, Manhattan,
New York City, wie an jedem anderen Tag, er sieht
nicht nach rechts, er sieht nicht nach links, er
sieht in das offene Buch vor seiner Nase, wie
jeden Tag... (Es tickt bei Prof.v.D.)
London 16. November 1903, am frühen Abend,
typisches englisches Herbstwetter. Regen, Kälte,
Nebel. Während Big Ben die 6. Stunde schlägt,
geschieht im vornehmen Hotel Savoy am
Victoriaembankment folgendes: Ein Kellner, in der
Hand ein Tablett mit einem Sektkühler, einer
Flasche und einem Glas, stürzt in das Büro des
Hoteldirektors, bleich wie der Tod... (Prof. v.D.
Ein Mörder bei Madame Tussaud)
Mitten in Europa liegt das deutsche Kaiserreich,
mitten in Deutschland liegt Berlin, mitten in
Berlin liegt die Straße unter den Linden und
mitten auf dieser Straße befanden sich am 24. Juni
1904 unter hunderten von Menschen zwei
amerikanische Weltreisende, Prof Dr Dr Dr Augustus
van Dusen die Denkmaschine zubenannt und meine
Wenigkeit, Hutchinson Hatch, es war ein herrlicher
Tag... (Prof. v.D. Zocker...)
Es war in Sofia im Herbst des Jahres 1904. Der
Prof. hatte einen ungeheuerlichen Fall aufgeklärt,
in den Kronprinz Boris verwickelt gewesen war und
deshalb lebten wir als Ehrengäste des fürstlichen
Hofes wie die Maden im Speck... (P.v.D...
G.Dracula)
In der zweiten Januarhälfte des Jahres 1906 hatten
wir, der Professor und ich, unsere Weltreise
beendet und waren in San Francisco gelandet, van
Dusen hatte sich gleich in seine
wissenschaftlichen Forschungen verkrochen, nur
zweimal war er daraus aufgetaucht, Mitte Februar,
um mich vor dem Irrenhaus zu retten, siehe Fall
Hatch und etwa 10 Tage später um Dampf
abzulassen... (Prof.v.D. u.d. 7 Detektive)

Koser: Und dieses Echo auf den Tod von van Dusen
führte dann auch dazu, daß wir eine öffentliche
Veranstaltung machten wollten und zwar sollte die
Reihe dann fortgesetzt werden, das heißt der
nächste Fall sollte nicht zuerst im Radio laufen,
sondern er sollte zuerst auf dieser öffentlichen
Veranstaltung vorgeführt werden und wir haben das
bekannt geben und haben dann mal gewartet, wer da
kommt, der Sendesaal im RIAS war voll, das ging
quer durch von Kindern bis Omas und Opas, und,
aber jüngere Leute vorherrschend.
Herm: Ja das habe ich gar nicht für möglich
gehalten, durch diese öffentliche Veranstaltung
wurde mir das überhaupt erst bewußt, und natürlich
freut einen das, das ist klar, dann war es, wie
der Berliner sagt, nicht unbedingt in den Sand
gepupt.
Hörer: Ich hätt gern gewußt, warum Sie den
Professor so abrupt und plötzlich haben sterben
lassen? Wie lange brauchen Sie ungefähr für so ein
Drehbuch? Wo werden denn die Geräuschaufnahmen
hergenommen, kommen die hier aus dem RIAS Archiv?
Wie lange brauchen Sie, bis eine solche Sendung
aufgenommen ist? Wer ist verantwortlich und werden
diese Musikaufnahmen für die einzelnen
Kriminalhörspiele extra produziert? Wie suchen Sie
die Sprecher aus, sagen Sie einfach, der kann gut,
so stell ich mir irgendwie die Sprecherrolle vor
oder? Was mögen Sie so sehr an Prof van Dusen und
seinen Fällen?
Brüning: Es ist eigentlich das beste daran, daß
man ne ganze Menge aus der Zeit erfährt, in denen
diese Geschichten spielen.
Sprecher: Jens Brüning, Autor und
Hörspielkritiker.
Brüning: Es tauchen immer irgendwelche Figuren
auf, die zu ihrer Zeit, so um die Jahrhundertwende
19 auf das 20. Jh. eine Rolle gespielt haben und
berühmt waren oder berüchtigt, und da wird sehr
viel Unterfutter gegeben, das finde ich immer sehr
schön, das hat mir da am meisten Spaß gemacht
dabei.
Hickethier: Es ist eine andere Form der Spannung.
Sprecher: Knut Hickethier, Medienwissenschaftler
und Hörspielkritiker
Hickethier: Es ist nicht, daß man in irgendeine
Erregung gerät, daß man also nicht mehr weiß was
macht man denn jetzt sondern es ist eigentlich
mehr dieses na wie kommt er denn da wieder aus und
was passiert denn jetzt und wie kriegen sie denn
nun den Bogen wieder, und die Spannung an dem wie
der Erzählfaden geflochten wird, wie die Figuren
sozusagen sich bewegen, wie das zwischen den
Figuren abläuft, das ist dann viel interessanter
und es ist nicht die normale Thriller Spannung,
die man sich denken könnte.
Bauschulte. Na ja, das war ja das schöne an van
Dusen, daß es eine so gewaltlose, was die
Aktivitäten angeht, Serie war.
Sprecher: Friedrich W. Bauschulte, van Dusen
Darsteller
Bauschulte: Es wurde immer nur davon geredet, daß
da irgend jemand umgebracht worden ist oder daß
das passiert ist oder daß das passieren könnte,
nicht.
Drews: Es ist ja auch umgebracht worden schon.
Sprecher: Ursula Drews
Drews: Aber nicht so brutal und nicht so, aber
umgebracht wurde da auch, das kann man nicht
sagen, aber es war immer so, so appetitlich
umgebracht, es war nie so sensationell umgebracht,
es wurde nicht gesagt jetzt haben wir dem die
Kehle durchgeschnitten oder so sondern es war
immer...
Gemütliches Morden.
Drews: Die besondere Qualität war, daß es nicht
ein üblicher Krimi war, sondern daß es ein Krimi
war mit einer ganz besonderen Sprache, das hat
mich so fasziniert.
Bauschulte: Da waren vielleicht ein paar Sätze
dabei, mit denen ich, weil er nun auch eine
besondere Diktion hatte, ja und das hat der Koser
ja phänomenal durchgehalten über die ganzen Folgen
ja, daß er so fast in gedrechselter Art sprach um
auch die Zeit mitspielen zu lassen, in der das
ganze spielte, das war ja sehr gut und dadurch
entstanden natürlich einige Bandwurmsätze, die so
einfach nicht aus dem Gehege meiner Zähne wollten
und da habe ich schon zuhause gesessen und habe
geübt hier, laut vor mich hin und hab geflucht und
gesagt, muß er das denn so kompliziert schreiben,
soll er es doch einfacher sagen, aber das sind
äußerlichkeiten.
Bauschulte: Mein lieber Hatch, lassen Sie uns eine
Pfingstexkursion nach... Gebiß im Gehege meiner
Zähne sitzen geblieben. Exkursion. Wir müssen das
leider noch mal machen. Mein lieber Hatch, lassen
Sie uns eine Pfingstexkursion nach Greenwich
Village unternehmen.
Herm: Das kann er aber nicht schneiden. Hoppla.
Bauschulte: Wieso kann er das nicht schneiden, das
ist doch seine Sache. Trotzdem möchte ich die
ganze Szene noch mal machen.
Herm: Nein, nein.
Leitner: Es ist einfach so die Mischung eigentlich
aus Krimi also Spannung und Geschichte.
Sprecher: Gabriela Leitner, ein Fan.
Leitner: Und Humor, na und dieses Zweiergespann
ist einfach göttlich.
Koser: Man hätte auch zum Beispiel die Geschichten
so schreiben können, einen neutralen Erzähler für
die Zwischentexte und, aber ich denke es war ein
sehr guter Griff, den, den Hatch zu nehmen gerade
so als, als Gegensatz, nicht, es ist ja so ein
bißchen wie Don Quichotte und Sancho Panza, die
beiden.
Leitner: Hatch ist einfach der, auf den man
wahrscheinlich am ehesten steht, weil man sich mit
dem auch am ehesten mit dem identifiziert mit dem
kleinen Doofen, der eben nicht Prof Dr Dr sowas
ist.
Koser: Der Hatch ist eigentlich ja nur reingeholt
worden, weil ich dringend jemand brauchte, der die
Sachen erzählt, nicht, das hatte rein praktische
Gründe, van Dusen selbst konnte das nicht,
natürlich, er mußte beleuchtet werden, er kann
sich zwar ab und zu mal selbst beleuchten, aber
nicht im Laufe einer Erzählung und dann hat
einfach so der technische Fortgang erfordert, daß
irgendjemand die Sachen erzählt, man kann nicht
alles in Szenen bringen, das ist völlig unmöglich,
das wird dann auch krampfhaft, gerade solche
Geschichten wie die van Dusen Geschichten, wo sehr
viel passiert, und auch manchmal Ort- und
Zeitsprünge sind.

Sie sind doch Prof van Dusen dieser
Superschnüffler aus Amerika. Sir. Stehen Sie auf
Fremder, gehen Sie in sich und ziehen sie am
besten auch gleich die Schuhe aus, sie befinden
sich in Gegenwart von Prof Dr Dr Dr Augustus van
Dusen, dem berühmten Wissenschaftler und großen
Amateurkriminologen, der da genannt wird die
Denkmaschine und ich bin sein Prophet, wollte
sagen sein Assistent und Chronist, Hatch,
Hutchinson Hatch... (Prof. v.D. läßt die Sau raus)

Herm: Diese etwas Begriffsstutzigkeit die er ja
auch manchmal hat, och wo man sagt, naja, er ist
ein bißchen bedeppert kann er sein, dann aber auch
die Art von Pfiffigkeit, nicht, er hat ja dann
eine ganz andere Art von Realität, na, und er ist,
muß man sagen auch der Praktiker und das hat mich
also gereizt, aber auch so daß man denkt och, das
ist ein kleiner doofer, und das ist er gar nicht
so sehr. Ich mag überhaupt Rollen, die der Hörer,
der Zuschauer erstmal unterschätzt, sagt, das ist
ein lieber oder der hat eine kleine Meise, das ist
ja soweit ist es nicht mit seiner Intelligenz und
plötzlich durch irgendne Situation ach mensch da
ist ja doch was dran, also das sind sowieso immer
die interessantesten Rollen.
Leitner: Ich denke wir sind eben auch keine
Wissenschaftler und insofern identifizieren wir
uns eher mit dem kleinen Trottel, der da immer
gucken muß, zuerst wo er was zu essen her kriegt
und wo er seinen Whiskey organisiert kriegt oder
der sich eine dicke fette Havanna wünscht, also
mehr so auf diese leiblichen Sachen abfährt.

In Paris hatte Prof. van Dusen sich was angewöhnt,
jeden Morgen machte er einen kurzen Spaziergang im
Bois de Boulogne, in aller Herrgottsfrühe, auf
nüchternen Magen, und ich mußte natürlich mit,
auch an diesem 8. März 1904, einem Dienstag, es
war kühl, noch nicht richtig hell und mir knurrte
der Magen. Ihre Gesichtszüge mein lieber Hatch
weisen einen gewissen vergeistigten Ausdruck auf,
ein höchst ungewöhnliches Phänomen, woran denken
sie. Ich, an nichts, Prof, an gar nichts. Das
glaube ich ihnen aufs Wort, mein lieber Hatch. Ich
hatte doch an was gedacht, an Kaffee, heiß und
duftend, an knusprigen Toast, an ein
weichgekochtes Ei, frische Butter, goldgelben
Honig, an normannischen Käse und Schinken aus
Bayonne, kurz an ein ordentliches Frühstück und an
die gute Havanna danach, aber das ging den Prof.
nichts an, er macht sich bekanntlich nicht viel
aus Frühstück, und aus Mittagbrot und Abendessen
auch nichts, von Zigarren ganz zu schweigen, was
er braucht sind Luft, Logik, Wissenschaft und ab
und zu ein bißchen Kriminologie. Amateur-
kriminologie, mein lieber Hatch. Ist recht
Professor... (Prof. v. D. u. d. Fall Zola)

Koser: Der klassische Detektiv muß immer so einen
leicht trotteligen Menschen neben sich haben, dem
er sagen kann, mein lieber Hatch, oder mein lieber
Watson, Sie kennen meine Methoden, zählen sie 2
und 2 zusammen, alle wichtigen Fakten sind in
Ihrem Besitz, Sie müßten jetzt eigentlich wissen,
wie es abgelaufen ist und wer es war, und das tun
die großen Detektive ja so rasend gern, so was zu
sagen und deswegen brauchen sie jemand, zu dem sie
das sagen können.
Herm: Seine Arroganz ist ja auch so schön
künstlich, nicht, das ist ja auch wunderbar von
Koser geschrieben, nicht, in dem Sinne nimmt man
ihn finde ich auch gar nicht so ernst, nicht, das
ist ja auch der Reiz der Figur, wie das der
Bauschulte macht.
Bauschulte: Kläuschen war ja überhaupt im Grunde
die wichtigere Person für das Hörspiel, für die
Geschichte, er hat ja den roten Faden gesprochen
und dargestellt, van Dusen stand ja fest.

Herrliches Wetter, Professor. Mein lieber Hatch,
obzwar sie sich seit nunmehr gut 5 Jahren der Ehre
und des Vorzugs erfreuen dürfen, Umgang mit meiner
Person zu pflegen, befleißigen sie sich, wie ich
zu meinem Bedauern immer wieder konstatieren muß,
weiterhin hartnäckig einer vagen durch und durch
impräzisen und platterdings unwissenschaftlichen
Ausdrucksweise. Aber Prof. ich habe doch bloß
gesagt herrliches Wetter. Ganz recht, mein lieber
Hatch und was hätten sie sagen sollen. Weiß ich
doch nicht Prof., ich bin schließlich kein
Meteorologe, na ja so einer der das Wetter
vorhersagt und dann wird es doch ganz anders.
Nicht nur ein Meteorologe, mein lieber Hatch, auch
ein in wissenschaftlichen Belangen nicht gänzlich
unaufgeschlossener Laie würde sich folgendermaßen
ausdrücken: wir befinden uns im Wirkungsbereich
eines sog. dynamischen oder auch warmen
Hochdruckgebietes, durch welches aus subtropischen
Breiten Warmluft in diese gewöhnlich vom Klima
weniger begünstigten... (Prof. v. D. läßt die Sau
raus)

Möller: Im Grunde genommen ist es eine Figur, in
die man selber auch mal hinein schlüpfen möchte
und vielleicht auch mal selber den Kotzbrocken
raushängen lassen möchte.
Sprecher: Wolfgang Möller vom Prof. Dr. van Dusen
Fanclub.
Möller: Aber man traut sich das nicht, oder man
ist einfach nicht der Typ dafür, aber man kann das
nachvollziehen.
Bauschulte: VanDusen war ein Kotzbrocken in meinen
Augen ein richtiger Kotzbrocken.
Krause: Ja das ist es ja gerade, das konträre,
nicht, der Professor weiß nun mal einfach mehr,
und da kann man nun mal nicht standhalten, das
wäre anmaßend, er ist nunmal Prof van Dusen, und
Hatchinson Hatch, das haben wir alle so ein
bißchen in uns, deshalb schlägt mein Herz mehr für
den Professor.
Clute: Das wird daran liegen, daß er eigentlich
ein richtiger gentleman ist, obwohl er aus den USA
zu stammen scheint, da soll es aber auch solche
geben, er hat Lebensformen, die, ja der kann mit
Messer und Gabel essen, der hat wahrscheinlich
immer einen Bowlerhat auf oder etwas
vergleichbares, also auf keinen Fall eine
Baseballcap und blickt durch, und das ist
natürlich auch eine Identifikations-möglichkeit,
so einen richtigen Durchblick hat, der für alles
eigentlich einen Ausweg weiß, ist auch nicht
schlecht zum identifizieren oder zum liebhaben.
Herm: Ist doch wunderbar, daß es so einen
perfekten Menschen gibt, ist doch herrlich und
deswegen lieben auch ihn die Hörer glaube ich, man
sehnt sich doch nach Perfektheit, man sehnt sich
doch danach, daß man so intelligent ist, daß man
alles erforscht und erfaßt, und immer sich richtig
benimmt, danach sehnt man sich doch, daß eine
Figur entsteht, gott behüte im Hören, der das
alles kann und das ist doch wunderbar.
Leitner: Vielleicht ist man auch ein bißchen
neidisch, weil eben der Professor, im Prinzip weiß
er ja alles.
Sprecher: Thomas Leitner, ein Fan
Leitner: Wenn er von dem Sachgebiet nicht so viel
Ahnung hat, dann kann er sich das doch wieder
zusammenreimen, und er hat ja so eine große
Allgemeinbildung, daß da kaum Lücken entstehen, so
daß er da, er hat im Prinzip auf alles eine
Antwort zumindest solange es logisch und
wissenschaftlich zu erklären ist.
Clute: Also ich glaube, ich würde mit dem nicht
durch Berlin laufen, das wäre mir zu anstrengend,
ich find ihn besser im Radio.
Koser: Wenn ich von Anfang an gewußt hätte, daß es
77 Folgen werden, frage ich mich manchmal ob ihm
ich da nicht die Möglichkeit einer Entwicklung
gegeben hätte, aber eigentlich denke ich darf das
nicht passieren, daß so bestimmte mythische
Figuren und das sind ja die großen Detektive, auch
Sherlock Holmes oder Hercule Poirot oder so, die
verändern sich ja auch so gut wie gar nicht, sie
bleiben auf dem gleichen Level stehen, auf dem sie
angetreten sind.

Koser: Das ist eigentlich das gute mit meiner
Zusammenarbeit mit Rainer und mit euch, das ich
immer das Vertrauen hatte, von Anfang an, und mir
nie Sorgen gemacht habe, daß da was gutes bei
rauskommt, ich hab das einfach losgeschickt und
hab dann auf die Kassette gewartet.
Clute: Es hat sehr wenige technische Kollegen
gegeben die sich in diesen 20 Jahren diese van
Dusen Reihe geteilt haben, das war am Anfang Gerd
Poolman und Sören Pehrs und ich hatte die Bitte
geäußert, mit sanftem Druck, daß ich bereit bin,
bei den Toningenieuren eine alternative zu haben,
aber was den Techniker anging, da möchte ich daß
wirklich durchgehend ein Techniker zur Verfügung
steht und das war in dem Fall Manfred Rabbel, der
ein unglaublicher Gewinn auch gewesen ist für
diese Serie, er hat wirklich auch immer wieder
eine sehr spezielle Form von Humor bewiesen, der
immer wieder, was auch bei den besten freunden im
Team oder auch entstehen kann, irgendwo ist immer
mal Streß und irgendwann liegen Nerven blank und
irgendwann hat man alle faxen dicke und möchte
eigentlich nur einen Koller kriegen und das waren
immer genau die Punkte wo Manfred Rabbel zur
rechten Zeit am rechten Ort war und die Stimmung
wieder aufs Normalmaß brachte, wo sie auch
hingehörte, er ist vor einigen Jahren leider sehr,
sehr jung und sehr plötzlich und unfaßbar für alle
die ihn kannten, gestorben und auch das ist ein
Grund vielleicht an dieser Stelle in Dankbarkeit
an ihn einen ganz kleinen Augenblick zu denken.
Nach Manfred Rabbel kam dann Inge Görgner als
Technikerin, Inge Görgner ist ausschließlich dann
auch die Technikerin gewesen die vanDusen betreut
hat über viele Jahre.
Görgner: Ja das besondere war einfach so, ich
betrachte das von meiner Arbeitsweise her, daß es
einfach, so diese Arbeit in dem Team, das ich fest
kannte, die einfach gut zusammengearbeitet haben,
wo man gemerkt hat, jeder weiß genau was er machen
soll, aber jeder kann auch übergreifend arbeiten.
Clute: Als Toningenieur kam Georg Fett neu ins
Team.
Fett: Ich bin der Toningenieur von 47 Folgen, das
ist bei einer Gesamtzahl von 77 Folgen also fast
zwei drittel aller Folgen.
Clute: Georg Fett ist aus dem Team vor wenigen
Jahren ausgeschieden, für ihn ist Thomas
Monnerjahn nachgerückt und als jüngste Technikerin
im Team kam dann Sabine Winkler dazu. Bei den
Regieassistenten gabs am Anfang einen bunten
Wechsel, das war eigentlich so ein momentanes
Geschäft bis zum Eintritt von Sylvia Rauer in
diese Serie.
Rauer: Ich hab 1983 zum ersten Mal als
Regieassistentin einen van Dusen betreut.
Clute: Und Sylvia kam, sah und siegte, und blieb,
sie kam und blieb.
Koser: Ja, es entsteht natürlich im Lauf der Jahre
bei einer solchen Reihe so ein Zuhausegefühl, ist
ein Gefühl der absoluten Vertrautheit, das bezieht
sich nicht nur auf die Sprecher, sondern natürlich
auch auf das Team und für mich ist das zumindest
eine Zeit lang eine sehr angenehme Art zu
arbeiten.
Clute: Was dann als erstes von meiner Seite aus
sukzessive dazu kam und an Wichtigkeit gewann, das
war Musik, das ist nun meine Möglichkeit mit Musik
umzugehen, Musik dramaturgisch einzubringen, mit
Musik Geschichten im Subtext zu erzählen, wenn man
bei Musik von subtext sprechen kann. Dann erinnere
ich mich an einen Krimi, das war rotes Blut und
weißer Käse, das war so ein bißchen der Durchbruch
einer eigenständigen Musik. Eine van Dusen Musik
als solche gibt es nicht, es haben oft Leute
gefragt, die fest davon ausgingen, daß die Musik
zu den van Dusen Hörspielen natürlich komponiert
wird und speziell hergestellt, das war für mich
immer relativ ehrenvoll, weil dann ist das genau
aufgegangen, was ich mir überlegt habe, mit den
Musiken, daß sie natürlich, obwohl keine einzige
Musik für van Dusen jemals komponiert worden ist,
es so klingen soll und sich anhören soll, als sei
es genau auf den Punkt abgestimmt, was es ja auch
ist, und es sollte eben die Musik auch eine
perfekte Ergänzung zum Wort sein.
Leitner: Was ich eigentlich auch wirklich ganz,
ganz toll finde und das hat eher was mit denen im
Studio zu tun, nicht mit dem Manuskript, ist die
Auswahl der Musik, also die finde ich immer ganz
toll, also da ist auch, wie heißt das mit dem
weißen Käse, rotes Blut und weißer Käse, also die
Musik ist, die find ich auch so passend, man kann
sich wirklich vorstellen, wie die da auf den ich
glaub in der Schweiz spielt das, auf irgendwelchen
schweizer Wiesen elfengleich sich bewegen, das
finde ich auch ein ganz besonderes Merkmal dieser
Reihe.

Ah, das ist eine Luft, was meine Herren, weich wie
Samt, klar wie ein Bergquell, rein wie ein
frischgebadetes Baby. Kaum Kohlenmonoxid, keine
Schwefelverbindungen. Die schiere Gesundheit,
meine Herren, Natur... (Prof.v.D. rotes Blut u.
weißer Käse)

Clute: Der Krimi spielte in der Schweiz auf
irgendner Alm, mit skurrilen Typen und als Musik
fiel mir dazu, was erstmal damit überhaupt nichts
zu tun hat, Madrigale. Madrigale aus der
Vorbarockzeit, teilweise, in einer etwas modern
aufgepeppten Fassung durch die zweite Formation
der swingels singers, das war irgendwie auch ein
gewisses Wagnis, wo ich ziemlich sicher bin, ist,
daß im klassischen im klischee sinne klassische
Musik mit Krimi traditionell bis dahin nichts zu
tun hatte, und das änderte sich ab diesem Moment,
daß wirklich klassische Musik, ganz echt
klassische Musik oder zumindest klassische Musik
mit einem bißchen einem verschrägenen Arrangement
oder wie mans nennen will, zum Markenzeichen wurde
für die Untermalungen der van Dusen Krimis.
Brüning: Das war eigentlich dasjenige, was mich
dafür sehr eingenommen hat, daß es nicht so eine
0815 Produktion ist, daß da nicht Papier in Ton
umgesetzt wird, sondern da sehr viele
unterschiedliche Ebenen noch mit dazukommen, die
zwar auch schon auf dem Papier stehen, aber die
dann teilweise auch noch durch die Regie ergänzt
werden, die Musik zum Beispiel, die steht ja
meistens überhaupt nicht auf dem Papier, wie ich
gelernt habe, sondern die entsteht dann irgendwie
im Verlauf der Produktion.
Hickethier: Mir hat die Art sehr gut gefallen, ich
muß sagen, ich liebe vielleicht sogar mein
Lieblingsgenre, ich liebe die konkreten Hörspiele
am meisten, also Hörspiele, in denen einfach ganz
realistische Szenen vorkommen, ich sage manchmal,
der Laie könnte sich denken die haben einfach ein
Mikrophon hingestellt und dann wurde das
aufgenommen, und das wars dann, daß es so nicht
ist in Wirklichkeit ist ja klar aber es soll
hinterher so klingen, als wäre es einfach nur eine
Beobachtung mit dem Mikrophon und alles ist so
passiert wie mans hört.
Clute: Das war von Anfang natürlich an eine
Schwierigkeit oder ein spezieller Anreiz auch für
die Produktion, die Krimis um Prof. van Dusen sind
alle historisch, das heißt die Produktion ist
natürlich gehalten, sich was das drumherum angeht
auch an diese Zeit zu halten, es geht natürlich
nicht, daß wir jetzt irgendwelche Straßengeräusche
haben, wo also beispielsweise ein Flugzeug über
die Straße hinwegfliegt, das wäre anachronistisch,
und da sind wir natürlich gehalten, genau zu sein,
bei Eisenbahnfahrten wird natürlich Prof. van
Dusen nicht im TEE durch die Lande donnern,
sondern eben in der guten alten Dampflok
allenfalls, und das war nun immer ein großer
Anspruch.
Krause: Das ist eben der Vorteil bei den
Hörspielen um diese Serie, daß ich die Augen
schließen kann und ich bin dabei, ich bin mit
Professor van Dusen auf Reisen.

1001 Nacht, das war das Stichwort, das Abenteuer,
das vor uns lag, glitzerte tatsächlich wie ein
buntes orientalisches Märchen und es war so
fantastisch, daß ich es nicht glauben würde, wenn
ich es nicht selber erlebt und mit eigenen Augen
gesehen hätte. Wir stiegen das Fallreep herunter
oder wie die Treppe am Schiff heißt und als wir
die Füße auf festen Boden setzten, legte die Musik
noch einen Zahn zu, jetzt fühlten wir uns doch ein
bißchen genervt, und wollten gerade das weite
suchen, bzw ein Rischka, als ein umfangreicher
vollbärtiger Inder in Turban und rotem
Seidengewand die Hand hob, die Musik brach ab...
(Prof. v.D. u.d. Schatz des M.)

Clute: Bis zum vorletzten Krimi sind alle Krimis
an einem einzigen Tag aufgenommen worden, alle
Szenen zumindest, in seltenen Fällen ist Klaus
Herm an einem anderen Tag noch mal gekommen, um
den Erzähler aufzunehmen, was sich sehr
ausgeweitet hat im Laufe der Geschichte dieser
Krimireihe sind die Mischungen, die sehr viel
komplizierter geworden.
Rauer: Wir sind eigentlich der Akribie des Autors
im realistischen, manchmal sogar naturalistischen
erzählen gefolgt, sowohl bei der Besetzung als
auch bei der Musik als auch eben im Geräusch, so
daß das Geräusch und die Atmosphären im Grunde
sogar eine eigene Rolle gekriegt haben im Laufe
der Zeit, und das war auch mal so ein Fall, bei
dem spielte eine wichtige Rolle der Transport von
kravonischen Hirschkäfern in einer
Botanisiertrommel und in einer Szene oder bei
einem Verschwinden mußten diese Hirschkäfer
davonfliegen, und wie um Gottes Willen soll ich
nun an das Geräusch von einem Flügelschlag von
Hirschkäfern rankommen, das war ganz klar, daß es
im Archiv nicht irgendwie unter 532 im Regal
stehen würde, und eins wo ich mir am meisten
vorstellen konnte, das habe ich dann auch mit ins
Studio gebracht und das haben wir dann auch
tatsächlich für diese Käfer verwendet, das war das
Schnabelklappern eines Klapperstorches, der hat
dann unsere Hirschkäferflügel abgegeben und es hat
auch kein Mensch nachher gemerkt, daß das ein
klappernder Klapperstorch war, sondern das klang
in dem Moment, weil es szenisch so angedeutet
angesprochen war, klang es so wie wegfliegende
Hirschkäfer.
Clute: Und das war dann auch ein Verdienst von
Silvia Rauer, daß sie zum Beispiel immer wieder
Gelegenheit genommen hat, solche Geräusche zu
archivieren in ihr sog. van Dusen Privatarchiv,
und aus ihrem unendlich großen Karton immer wieder
zur rechten Zeit die richtigen Geräusche
herausgeholt, die wir sonst mühsam hätten
herstellen müßten, auch das war sicherlich sehr
hilfreich für die Produktion.

Clute: Van Dusen ist eine Legende geworden,
innerhalb der Zeit, die er im Medium Rundfunk
verbracht hat, in den 20 Jahren, und es schmeckt
mir natürlich sehr und ich fühle mich geehrt auch,
daß ich an dieser Legende einen vielleicht nicht
unwesentlichen Anteil habe, aber eine Legende ist
ja nicht etwas, was man herstellt, auch nicht
etwas was man selbst definiert, ich denke eine
Legende definiert sich durch die Rezipienten, und
uns ist in der jetzt schon mehrfach erwähnten 24er
Staffel, das heißt den ersten 24 Folgen bis zum
Tod van Dusens beim Erdbeben in San Francisco
1906, nicht bewußt gewesen, daß wir eine Legende
produzieren, wir haben auch nicht das Gefühl
gehabt.
Hickethier: Und daß sich dann herausstellte, es
gibt sogar einen Fanclub, daß da also
Eigeninitiativen, nicht eben von unserem Funkhaus,
damals noch RIAS, heute Deutschlandradio Berlin,
initiiert wird, sondern daß die Hörer einen dazu
zwingen das fortzusetzen, das war natürlich eine
ganz besondere Freude, weiterhin solche Aufnahmen
machen zu können, wenn man weiß, da gibt es
welche, die warten schon auf die nächste Folge,
dann macht es noch mehr Spaß.
Krause: Man war natürlich neugierig, gibt es auch
andere, man selber war ja van Dusen Hörer, aber
gibt es andere Hörer, mit denen man sich
austauschen kann, die auch so akribisch sammeln,
und Bescheid wissen, und dann gab es die 2.
öffentliche Veranstaltung, damals noch vom RIAS
Berlin, dort haben sich einige van Dusen Hörer
abgestimmt, sich zu einer späteren Zeitpunkt noch
einmal zu treffen und dieses Treffen hat dann auch
stattgefunden und der erste van Dusen Fanclub
wurde gegründet.
Görgner: Freut mich auch, daß es so eine riesen
Fangemeinde hat und daß es halt so einfach 20
Jahre, das ist schon für die Rundfunkgeschichte
eine ziemlich lange Zeit, aber ich glaube das
liegt auch an der Kontinuität einfach, weil der
Michael Koser da immer ganz genauso weiter
geschrieben hat und weil die Machtart dann doch
immer irgendwo immer ein bißchen gleich geblieben
ist.
Koser: Ein paar Fehler sind auch drin, muß ich ja
zugeben, wenn auch nicht alles, was die Fans da
moniert haben, tatsächlich Fehler sind, da haben
sie sich auch mal geirrt, die Fans haben sich ja
überhaupt zum Teil eine furchtbare Arbeit gemacht,
es gibt mehrere van Dusen Kompendien, die die Fans
zusammengestellt haben, wo sie zu jedem Fall ganz
haarklein und akribisch alle historischen,
geografischen Fakten, die darin vorkommen,
aufgelistet haben, Längen- und Breitengrade, wo
die Geschichte spielt, die historischen Figuren,
die drin vorkommen erläutert haben, mit
lexikalischer Hilfe. Das find ich schon toll.
Krause: Wir haben uns da eine ganze Menge Mühe
gegeben um diese Serie von Michael Koser.
Möller: Wir wollen ja eigentlich jetzt den van
Dusen Fanclub in einen sog. Koser Fanclub
umdirigieren, weil wir denken wir möchten
eigentlich alle Aktivitäten, die Herr Koser so in
seiner Vergangenheit und in seiner Zukunft
beschreitet, möchten wir eigentlich begleiten, er
hat sich also uns gegenüber immer als ein sehr
fairer und vor allem williger Partner gezeigt und
ich denk auch welcher Autor hat so einen Fanclub.
Krause: Ich denke, er weiß auch, was er an uns
hat.

Hickethier: Ich glaube so eine Reihe muß
irgendwann mal aufhören und wenn man sagt man hört
am besten dann auf wenn es am schönsten ist, ist
es sozusagen richtig aufzuhören, daß die Einfälle
wirklich zuende sind, oder daß die Lust wirklich
zu Ende ist, das glaube ich nicht.
Möller: Unser Ziel haben wir nicht erreicht, das
Ziel war eigentlich 80 Folgen in 20 Jahre, denn
damit wären wir einem Eintrag ins Guinness Buch
der Rekorde nicht vorbeigekommen, der wäre uns
dann sicher gewesen, nun müssen wir mal schauen,
was noch wird.
Koser: Ja das ist ein ganzer Sack voller Gefühle,
voller gemischter Gefühle, eine gewisse
Erleichterung gehört dazu, daß ich die beiden, und
speziell natürlich den Professor tatsächlich los
bin, auch bedauern natürlich, vorallendingen wenn
ich jetzt eine schöne Idee habe für einen Fall und
die kommen auch jetzt noch, die nur van Dusen
lösen kann und sonst niemand auf der ganzen Welt
und ich hab ihn nicht mehr und tatsächlich ja
tatsächlich fehlt er mir doch, fehlen sie mir
beide ein bißchen.
Herm: Ja wohlwissend daß alles irgendwann ein Ende
hat, ne, ist es ja traurig, ist übertrieben, es
ist schon ein kleiner Verlust ist es, würde ich
sagen, es war diese ganzen Jahre durch irgendwo
eine feste Größe, aber alles geht zu ende, nicht,
das ist klar, ich bin froh und ich bin auch
letztenendes dankbar, daß man sowas langes wieder
durchziehen konnte.
Leitner: Also ich denk, die Spannung hat schon
nachgelassen, es ist nicht mehr so, daß ich jetzt
nun 5,6,7,8 neue Folgen im Jahr brauch.
Möller: Ich hätte es gut gefunden, wenn es noch
mehr gegeben hätte.
Hickethier: Eigentlich könnte man sich nur
wünschen, daß wenn nun wirklich die aller letzte
van Dusen Sendung kommt, daß es vielleicht eine
neue gibt, mit einer anderen Figur, die ähnlich
erfolgreich und ähnlich langlebig ist, die sich
wieder neu etabliert.
Clute: Autoren können ja sowieso nicht aufhören zu
schreiben, das ist ja ein großes Problem für
Autoren und wenn sie dann immer noch auf der Höhe
ihrer Kunst bleiben, dann ist es ja um so besser
und ich glaub der Michael Koser ist einer, da muß
man den Bleistift extra noch totschlagen, wenn der
mal gestorben sein sollte, was wahrscheinlich in
den nächsten 50 Jahren nicht passiert, hoffe ich
jedenfalls, und dann erst hört das auf, was da aus
dem Mann rauskommt, also es wird schwierig sein,
den abzuhalten, irgendwelche Dinge zu verfassen,
die interessant und gut sind.
Drews: Das hat der Koser sich ja immer sehr hübsch
ausgedacht, das muß ich sagen, es ist eigentlich
schade, daß er nun aufhört.
Herm: Das ist besonders, über 20 Jahre, glaube
ich, ist es noch nie gewesen, also gibt es auch
nicht, ich will es nicht beschwören oder so, aber
ich glaube das ist einmalig, das glaub ich schon.
Bauschulte: Ja van Dusen, das wars.
Herm: Und damit wollen wir schließen oder wie.
Bauschulte: Ein Leben für den Rundfunk oder ein
stück vom Leben für den Rundfunk
Hatch: Prost Professor.
Prof. van Dusen: Prosit, mein lieber Hatch.

Interview mit Michael Koser, Deutschlandfunk,
28.01.2006 (Lange Nacht über die Geschichte des
RIAS):
Horst Wendt: Hörspielproduktionen spielen seit
Jahrzehnten eine große Rolle, der RIAS hatte sehr
viele Preise dafür erhalten. Und eines der
berühmtesten Hörspiele hat den etwas barocken
Titel „Prof. Dr. Dr. van Dusen“, genannt die
Denkmaschine. Autor: Michael Koser. Wir haben ihn
am Telefon. Guten Abend, Herr Koser.
Michael Koser: Guten Abend.
Horst Wendt: Ich grüße Sie. Hatte diese
Sendereihe, also "Dr. Dr. van Dusen", ein
literarisches Vorbild?
Michael Koser: Sie hatte tatsächlich ein
literarisches Vorbild, nämlich eine Figur, die von
einem amerikanischen Autor um die Wende vom 19.
zum 20. Jahrhundert erfunden wurde. Die ganze
Geschichte fing damit an, daß ich ein paar
Geschichten von diesem Jacques Futrelle, so hieß
er, bearbeitet habe, für den RIAS, und sollte
eigentlich gar keine Erweiterung haben, aber die
hatte es denn, weil die Hörer sich an dieser Figur
sehr interessiert zeigten. Es gab keine
Geschichten mehr von Futrelle die für die
Funkbearbeitung geeignet waren und so hab ich mich
also hingesetzt und eigene Geschichten geschrieben
und insgesamt wurden es dann glaub ich, 77 Stück.
Horst Wendt: Was ist nun eigentlich der Anlaß und
der Inhalt dieser Sendereihe, ist das mehr eine
Persiflage auf historische Detektivberühmtheiten,
auf Geschichten, der Titel läßt das ja fast
vermuten.
Michael Koser: Es balanciert so ein bißchen
zwischen der Persiflage oder der Parodie auf den
klassischen Detektiv, der alles kann und alles
weiß, und echten Krimigeschichten, damit die
Spannung nicht verloren geht.
Horst Wendt: Und wie ist der Erfolg zu erklären,
was denken Sie?
Michael Koser: Das… das erste ist mit Sicherheit
so diese Seriengeschichte. Da ist eine Figur, zwei
Figuren, denn der große Detektiv hat seinen
Schlappenschamis immer bei sich, den Reporter
Hatch, der von nichts ne Ahnung hat, und diese
Figuren werden den Hörern dann nach einiger Zeit
sehr vertraut. Außerdem muß, denke ich, die
Machart auch den Leuten gefallen haben.
Horst Wendt: Wie würden Sie die charakterisieren?
Michael Koser: Ja, nicht so ganz ernst, immer mit
etwas Ironie, und manchmal auch mit doppeltem
Boden.
Horst Wendt: Schreiben Sie noch?
Michael Koser: Ja.
Horst Wendt: Weiter an dieser Reihe?
Michael Koser: Äh, indirekt ja, denn, äh, aus
Prof. van Dusen ist inzwischen eine Comicreihe
geworden, und da habe ich dann einiges zu tun,
denn man kann natürlich Hörspiele nicht 1:1 in ein
ganz neues Medium übersetzen, das heißt also, ich
muß die Texte neu durchgehen, mit dem Zeichner
besprechen, und das ist einiges Interessante.
Horst Wendt: Nun sind Sie ja seit Jahrzehnten ein
sehr renommierter Hörspielautor, haben Sie den
Eindruck, daß für das Hörspiel nach wie vor sehr
großes Interesse besteht, und vielleicht auch gar
wächst?
Michael Koser: Hörspiel ist so eine Art Kult,
denke ich, und insofern kann es sich auch gut
behaupten.

Radiobericht über Michael Koser, Deutschlandradio
Kultur, 21.10.2010 (youtube.com/watch?
v=ojvAdewmItk):
Sprecher: So, wir kommen zu den Hörspielmachern
und unter diesen ist der Bremer Autor Michael
Koser einer der Altstars. 150 Hörspiele hat er für
verschiedene öffentlich-rechtliche Hörfunksender
geschrieben, Jonas der letzte Detektiv, Cocktail
für Zwei, und die sog. Generation der
Kassettenkinder, die ist mit seinen unterhaltsamen
Krimis abends eingeschlafen und hat dabei auch
noch viel gelernt über Geschichte, Geografie,
Physik und Chemie, und jetzt wird seine
erfolgreichste und längste Radiokrimireihe Prof.
Dr Dr Dr Augustus van Dusen neu aufgelegt, und
Lars Rosentreter bringt uns nun diese Serie nahe,
eine historische Hörspielgröße.
Van Dusen: Um mich her sehe ich nur
verständnislose Gesichter, mit einer Ausnahme, der
Mörder versteht mich aufs Wort.
Sprecher: Der Mörder ist Michael Koser, Jahrgang
1938, er lebt in Bremen, die Tatwaffe:
Kugelschreiber, Papier und Schreibmaschine, das
Opfer ist Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen,
Kosers Lebenswerk.
Koser: Der hat schon einen großen und erheblichen
Teil meines Lebens bestimmt und er hat auch in
dieser Zeit und auch jetzt noch dafür gesorgt, daß
auf den Brötchen immer Butter ist.
Sprecher: Zu Kosers Profil läßt sich so viel
sagen: Er hat nie in seinen Hörspielen gesprochen,
anders als Hitchcock in seinen Filmen, er schreibt
heute Kinderbücher und textet für Comics, er
trinkt Wasser zum Interview, sammelt Hüte und hat
ein Haus voller Bücher. Das sollte reichen.
Koser: Ich bin eher zurückhaltend und ich habe
auch nie viel Wind um mich gemacht.
Sprecher: Ganz anders als seine selbstgefällige
Figur van Dusen, seit 1978 spielt er bei Koser die
Hauptrolle. Die Denkmaschine, für die nichts
unmöglich ist.
Van Dusen: Sie meinen, ob ich mich allein durch
die Kraft meines Geistes aus einem Gefängnis
befreien kann, selbstverständlich mein Guter.
Sprecher: Der amerikanische Schriftsteller Jacques
Futrelle, der 1912 beim Untergang der Titanic
starb, hat sich den Professor ausgedacht.
Rücksprung.
Van Dusen: Einige dunkle Punkte, die ihnen
eigentlich ins Auge springen sollten, harren
nämlich noch der Aufklärung.
Sprecher: 1961 wohnt Michael Koser am Prenzlauer
Berg in Berlin, er studiert Geschichte und erlebt
sie plötzlich selber mit.
Koser: Ich saß also im Osten und meine Uni war im
Westen, das war kein guter Zustand und deswegen
bin ich mit Hilfe von Freunden über die Mauer und
nach West-berlin gegangen, weil mir klar war, das
wird eine Geschichte, die lange dauern wird.
Sprecher: Schon während des Studiums arbeitet
Koser als Radioautor, erst für den Schulfunk, dann
Feature. 1973 erhält er den renommierten Kurt
Magnus Preis.
Meine Damen, meine Herren, hochverehrtes Publikum.
Vor ihrem Ohr und ihrem Geiste wird sich nunmehr
entrollen: Ein weltgeschichtliches Spektakel.
Koser: Es hieß das neue Hörspiel, und war sehr
beliebt, nicht bei den Hörern aber bei den Machern
und dann war mir das doch ein bißchen zu windig.
Sprecher: Michael Koser sammelt alte Krimis, auf
Entdeckungstour durch Berliner Trödelläden findet
er die van Dusen Geschichte von Jacques Futrelle,
er schreibt sie als Hörspiel um.
Crippen: Ja wer ist denn nun der Gaslichtmörder.
Van Dusen: Da sie es nicht sind, Mr. Crippen,
bleibt nur noch einer übrig. Achtung Caruso, er
will zur Tür.
Caruso: Keine Sorge, Prof. an mir kommt er nicht
vorbei.
Sprecher: 77 Folgen sind es geworden, alle spielen
um 1900, historisch korrekt recherchiert bis ins
kleinste Detail.
Hatch: Ja moment ich muß erst den Satz zuende
schreiben.
Sprecher: Vor 10 Jahren, mit 62, macht Koser dann
Schluß mit van Dusen.
Van Dusen: Er hat mich unterschätzt, und das,
meine Herren, brach ihm buchstäblich das Genick.
Sprecher: Im Internet leben Kosers Figuren weiter,
die Fans schreiben Kompendien über Plots,
Sprecher, Musik. Prof. van Dusen ist ein
Widergänger, was zum anfangs erwähnten Mord
zurückführt. Ja die Denkmaschine starb, durch die
Hand von Koser, nicht in der letzten Folge, sehr
viel früher.
Koser: Wir wußten überhaupt nicht genau, wie kommt
die ganze Geschichte an, und daraufhin habe ich,
auch damit ich das nun endlich mal weiß hab ich
ihn umgebracht.
Sprecher: Es hagelte Protest, also mußte Koser
weitere Fälle aus dem Hut zaubern. Jetzt da die
Serie wieder aufgelegt wurde, können neue Hörer in
den Van Dusen Kosmos vordringen.
Sprecher: Und wenn sie Lust haben mit vorzudringen
in diesen Kosmos von Prof Dr. Dr. Dr. Augustus van
Dusen, morgen den 22. Oktober erscheinen die
ersten 4 Fälle bei Folgenreich Highscore Music,
also zugreifen.

Gespräch mit Michael Koser anläßlich seines 65.
Geburtstags (24.04.2003):
Held einer vergangenen Welt
... oder warum Augustus van Dusen Kult ist
von Ulrich Griebel (MDR-Kultur - Triangel 4/2003,
das Kulturmagazin von MDR FIGARO)
Professor Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen ist ein
Universalgenie. Nicht nur, daß er einer der
größten Wissenschaftler seiner Zeit ist - seine
Zeit, das ist die um 1900 - er ist auch ein
berühmter Detektiv und gehört in eine Reihe mit
Sherlock Holmes, Hercule Poirot oder Lord Peter
Wimsey. Seine universellen Kenntnisse in den
Naturwissenschaften - außer Physik, Biologie,
Chemie hat er auch sämtliche Bereiche der
Humanmedizin studiert, kennt sich in Geologie,
Archäologie, Ägyptologie sehr gut aus - wendet er
gezielt zur Klärung der unterschiedlichsten
Kriminalfälle an. Wobei der die Bezeichnung
„Detektiv“ als zu profan ablehnt und sich lieber
“Kriminologe, Amateurkriminologe“ nennt. Er ist
die Titelfigur in der Kriminalhörspiel-Reihe von
Michael Koser, die im „Krimi zur guten Nacht“ bei
MDR KULTUR einmal im Monat, meist am letzten
Sonntag, zu hören ist. Am 24. April feiert Michael
Koser seinen 65. Geburtstag. Bis zu seinem 23.
Lebensjahr war er DDR-Bürger, lebte ab 1961 in
Westberlin, nun seit vielen Jahren in
Wilhelmshaven. Studiert hat Koser Geschichte,
Germanistik und Politische Wissenschaften, danach
begann er zu schreiben. Neben der van-Dusen-Reihe
haben ihn vor allem die Hörspielserien „Der letzte
Detektiv“ und „Cocktail für Zwei“ bekannt gemacht.
Aus Anlass seines Geburtstages führte Ulrich
Griebel das folgende Gespräch mit ihm.
Griebel: Herr Koser, die van-Dusen-Hörspiele
spielen um 1900. Historische Krimis sind ja
relativ selten, wie sind Sie darauf gekommen,
gerade solche Krimis zu schreiben? Und war die
Idee für die Serie gleich da?
Koser: Ich muss ein bisschen ausholen. Ich habe
mich immer für Krimis interessiert, habe alte
Krimis gesammelt, nicht nur Conan Doyle, sondern
auch unbekanntere Autoren, und hatte auf einmal in
den siebziger Jahren die Idee, aus dieser Sammlung
irgendetwas Radiomäßiges zu machen, weil ich ja
beim Radio gearbeitet habe. Ich suchte ein paar
alte Krimigeschichten aus, die mir gut gefielen,
und habe dann dem RIAS Berlin angeboten, aus
diesen Geschichten Krimi-Hörspiele zu machen. Eine
dieser Geschichten ging um Professor van Dusen.
Professor van Dusen ist ja nicht auf meinem
eigenen Mist gewachsen, sondern der ist Produkt
des amerikanischen Autors Jacques Futrelle. Und
ich habe eine van-Dusen-Geschichte zu einem Krimi-
Hörspiel verarbeitet, ziemlich frei. Ich war nie
ein guter Bearbeiter. Und ich habe nie die Sachen
genau übernommen, sondern habe das dann so
gemacht, wie ich das für gut und für richtig
hielt. Und diese eine Geschichte kam sehr gut an.
Und daraufhin habe ich dann weitere van-Dusen-
Geschichten bearbeitet, insgesamt fünf, die von
Futrelle geschrieben wurden. Dann gingen die
Geschichten aus. Futrelle hat zwar eine ganze
Menge Geschichten geschrieben, aber die
allermeisten sind entweder generell nicht gut oder
nicht gut audiomäßig umzusetzen. Und dann habe ich
angefangen, mit der Figur, die ja nun schon mal da
war, zu spielen und ihr eigene Geschichten zu
schreiben. Und auf einmal hatten wir eine
Hörspiel-Reihe, ohne daß das irgendwie von Anfang
an jemand wollte oder geplant hatte.
Griebel: Aber es fällt ja auf, daß jede einzelne
Folge sich ganz konkret an einem ganz gestimmten
Handlungstag oder an zwei Tagen abspielt und das
Bezug genommen wird auf frühere Folgen. Das heißt,
man hat den Eindruck, sie sind in chronologischer
Reihenfolge geschrieben worden. Das ist offenbar
aber nicht der Fall.
Koser: Es war so: Die ersten 24 Folgen sind
chronologisch geschrieben und hintereinander
produziert und gesendet worden. Mit der 24. Folge
starb Prof. van Dusen in San Francisco 1906 beim
Erdbeben. Er versank in die Erde, und seine
letzten Worte waren: „2 + 2 ist 4“. Und das war
ein so schöner Tod, daß ich den nicht wieder
rückgängig machen wollte. Diese 24. Folge war
überhaupt als Testfolge gedacht. Nicht nur ich,
auch der Sender, die Redakteurin, der Regisseur,
wir wussten nicht so gut, wie die ganze Geschichte
überhaupt ankommt. Sie war damals ungefähr drei
Jahre gelaufen. Und daraufhin hatte ich die Idee,
die mein großer Kollege Conan Doyle ja auch schon
mal hatte, den Helden einfach umzubringen. Und ich
wollte sehen und hören, ob es darauf irgendwelche
Reaktionen bei den Hörern gibt. Ich dachte, wenn
die Serie bisher gut angekommen ist, dann müssen
sie sich melden und müssen sich irgendwie dazu
äußern. Das taten sie dann wie wir es nie geglaubt
und für möglich gehalten hatten. Und der
Haupttenor war: „So geht das nicht! Die Serie darf
nicht aufhören, sie muss weiter laufen. Und da nun
aber van Dusen tot war, blieb mir nichts anderes
übrig, als ihm neue Geschichten zu schreiben, die
zeitlich vorher passiert sind. Das war ziemlich
eng, denn der erste Fall, der auch so betitelt
ist, „Professor van Dusens erster Fall“, spielte
1898, und der letzte Fall, der Tod von Dusens, wie
gesagt 1906. Es waren also acht Jahre. Und da
dacht ich, gut, dann machen wir noch ein paar
Folgen, die kriegen wir noch irgendwo
reingequetscht in diese Zeitspanne. Ja, und dann
wurden es noch 53 Folgen, die alle in dieser eng
umgrenzten Zeit spielen. Deswegen - nicht nur,
weil der Professor so ein kluger Mensch ist,
sondern auch, weil ich zeitlich etwas unter Druck
war - muss er seine Fälle immer ganz furchtbar
schnell lösen. Meist schafft er es ja in ein bis
zwei Tagen, dann ist die Sache ausgestanden, und
er kann sich wieder anderen Dingen widmen, vor
allen Dingen seiner atomarem Strukturtheorie, an
der er immerzu herumknabbelt. Ich weiß übrigens
selbst nicht, was das ist. Ich bin schon von den
Hörern gefragt worden, worum es da geht. Ich kann
immer nur auf den Professor selber verweisen.
Griebel: Eine immer wieder interessierende und
irritierende Frage: Was ist nun eigentlich an den
wissenschaftlichen, kriminologischen,
kriminaltechnischen und naturwissenschaftlichen
Problemen und Lösungswegen, die er da benutzt,
fiktiv, und was ist real?
Koser: Also normalerweise sind die
wissenschaftlichen und vor allem die
kriminologischen Dinge, die vorkommen, real, Das
heißt, sie beziehen sich auf tatsächlich
wissenschaftliche Dinge, die zu dieser Zeit gerade
im Schwange waren bzw. erfunden wurden. Manchmal
eilt der Professor ein bisschen voraus, so daß er
schon den Computer erfindet, allerdings ohne es
praktisch zu demonstrieren. Das ist ein Gag. Aber
gerade die Kriminaltechnik, die darin vorkommt,
beruht auf Tatsachen. Da habe ich also dann
wirklich dicke Bücher gewälzt, damit das alles
stimmt. Ein paar Fehler sind mir auch unterlaufen,
naturwissenschaftliche Fehler. Ich bin selbst kein
Naturwissenschaftler und schwimme eigentlich immer
doch ziemlich herum und muss dann Fachleute fragen
oder Bücher konsultieren. Und da kann es natürlich
schon einmal passieren, daß die eine oder andere
Sache daneben geht. Darauf haben mich die Hörer
aber dann immer sofort aufmerksam gemacht.
Griebel: Die Sprache in der Van-Dusen-Serie ist
anders als in anderen Krimis. Nun gut, die
Handlung spielt nun fast schon eine oder zwei
Generationen vor uns. Es ist der Versuch, die
Sprache der damaligen Zeit einzufangen. Aber wo
kriegt man die Sprache der Zeit her? Selbst wenn
sie denn so gewesen wäre, was ich gar nicht
glaube, sondern ich glaube, daß das auch eine
Kunstebene ist.
Koser: Ganz sicher.
Griebel: Aber woher haben Sie den Grundtenor, den
Grundton für die Sprache in den van-Dusen-Krimis?
Koser: Nun, ein bisschen aus alten Krimis, Krimis
die so am Ende des 19., Anfang des 20.
Jahrhunderts geschrieben wurden, wo die Detektive
so etwas waren wie Supermänner und immer vom hohen
Thron herab ihre Erkenntnis preisgaben. Da kommt
das ein bisschen her, am Anfang jedenfalls. Auch
der Prof. van Dusen bei Futrelle drückt sich etwas
gestelzt aus. Aber das hat sich nachher
selbständig gemacht. Und das liegt auch an
Friedrich W. Bauschulte, der ihn spielt, ich habe
mir immer ihn vorgestellt und habe ihm dann diese
Sachen in den Mund geschrieben. Es ist dann
einfach auch für mich ein Spaß geworden. Und die
Sprache ist ja im Lauf der Folgen, glaube ich,
immer elaborierter und gestelzter und künstlicher
geworden. Ich hätte von Anfang an gedacht, daß die
Hörer das gar nicht so gerne haben, aber gerade
diese Sprache - das habe ich gemerkt - kommt gut
an. Im Gegensatz dazu habe ich natürlich den
Hutchinson Hatch gesetzt, der ja ein wenig
anachronistisch ist. Also der spricht nun gar
nicht die Sprache des beginnenden 20.
Jahrhunderts, der Belle Époque, sondern er spricht
eigentlich die Sprache von heute. Das sollte er
auch ganz bewusst, damit der Professor so ein
Gegengewicht bekommt, damit das nicht nur alles
mit Fremdworten und furchtbar langen und
komplizierten Sätzen gespickt ist - absolut
rundfunkungeeignet, hätte man früher
wahrscheinlich gesagt. Hatch ist an sich meine
Lieblingsfigur. Prof. van Dusen habe ich nie
leiden können. Und auch im Lauf der Jahre habe ich
mich eigentlich nie richtig führ ihn erwärmen
könne. Er ist so künstlich, und er ist so kalt und
so weit weg und so distanziert. Also ich habe
einfach keine Begeisterung für ihn entwickeln
können. Dagegen Hatch ist ein Mensch wie du und
ich. Er darf auch Angst haben. Er darf Hunger
haben. Er darf sich beschweren. Er darf eigentlich
ganz normal reagieren. Aber wenn Hatch alleine da
wäre, wäre es natürlich keine Geschichte.
Griebel: Wie sehen Sie die Umsetzung Ihrer
Manuskripte durch die Regie, die Schauspieler, den
Einsatz von Musik und Geräuschen?
Koser: Was die Regie angeht, Rainer Clute war ja
von Anfang an dabei - mit einer Ausnahme: Der
erste van Dusen, der überhaupt produziert wurde,
wurde von einem anderen Regisseur gemacht. Dann
hat Rainer Clute übernommen und ist die ganze Zeit
dabei geblieben. Und ich war eigentlich immer seht
angetan von seiner Umsetzung. Daß er die ja auch
etwas altmodischen Geschichten auch in einer
altmodischen - im positiven Sinne - Verpackung
serviert hat, daß er sich Zeit gelassen hat, den
Schauspielern Zeit gelassen hat, daß er sehr viel
Musik verwendet hat, sehr besondere Musik, was ja
so eine Art Markenzeichen für ihn war. Also es
gibt wenig Dinge, die ich auszusetzen habe. Wir
haben uns, glaube ich, nie gestritten in dieser
ganzen Zeit der Zusammenarbeit, hatten manchmal
natürlich Meinungsverschiedenheiten. Wir haben
alle Manuskripte besprochen, vor der Produktion
gemeinsam besprochen, und auch die Besetzung. Ich
habe mitgeredet, auch wenn das natürlich in erster
Linie seine Sache war. Und ich fand, daß Rainer
Clute ein Glücksfall für die ganze Reihe ist. Und
van Dusen wäre nicht das, was er ist, wenn es
diesen Regisseur nicht gegeben hätte.
Griebel: Die vielen Fälle, die Prof. Van Dusen zu
lösen hat, sind von ganz unterschiedlicher
Machart. Die sind mal logisch-kriminalistisch
aufgebaut, mal sind sie mehr abenteuerlich
angelegt. Aber was die Kreuzworträtselfälle
betrifft, die also dem Hörer die Möglichkeit des
Mitdenkens und des Mitkombinierens geben - Sie
sind so aufgebaut, daß man auch wirklich drauf
kommen könnte. Wollten Sie, daß der Hörer mitgehen
kann, bestimmte Schritte mitvollziehen kann und
vielleicht auch dem Professor schon mal - obwohl
er ja der berühmteste Amateurkriminologe der Welt
ist - ein bisschen vorauseilen kann?
Koser: Es gehört eigentlich zu den Spielregeln des
klassischen Krimis, daß man dem Leser/Hörer nichts
verschweigen darf. Also man darf, man kann ihn
zwar auf eine falsche Fährte locken. Aber man muss
ihm alle Fakten liefern, die auch der Detektiv
hat. Und ich habe mich bemüht, das auch zu tun.
Ich glaube, nicht in allen Fällen, manchmal habe
ich ein wenig unterdrückt oder verheimlicht. Ich
hoffe allerdings, daß niemand dem Professor so auf
die Schliche gekommen ist, daß er vor ihm die
Sache herausgekriegt hat. Im Grunde soll der Hörer
sich zwischen dem Professor und Hatch befinden.
Hatch ist ja ein netter Dussel. Also er kriegt so
gut wie nie was raus und steht immer hilflos da,
wenn der Professor irgendwo kryptisch irgendwas
äußert. Und ich habe immer gehofft, daß der Hörer
zwar dann besser ist als Hatch und schon so ein
bisschen sieht, wo der Hase hinläuft, aber die
genauen Dinge, die Einzelheiten, die Details, die
Spuren und wie sie von wem gelegt wurden, dann
doch als Überraschung erfährt. Mitarbeiten gerne,
aber bitte nicht rauskriegen.
Griebel: Mich interessiert die Rolle von Satire
und Ironie in den Stücken. Ist das von vornherein
der Blickwinkel gewesen, unter dem Sie die Figuren
gesehen haben, unter dem Sie die Geschichten
gesehen haben? Oder ist das sukzessive im Laufe
der Folgen hinzugekommen?
Koser: Das war von Anfang an da, auch beim
Professor. Van Dusen bei Futrelle ist eine Figur,
die der Autor tatsächlich ernst genommen hat. Er
ist tatsächlich ein großer Wissenschaftler. Und
ich habe ihn von Anfang an ein bisschen überzogen.
Also es kommen parodistische Züge hinein.
Allerdings habe ich mich bemüht, zu balancieren -
das ist ganz schwer - einerseits zwischen dem
Parodistischen und andererseits zwischen dem
wirklichen Krimi. Also eine Parodie alleine ist
nicht spannend, kann gar nicht spannend sein. Ein
Krimi muss es sein. Aber die Umstände, die Figuren
sind überzogen. Satire kommt auch hinein, „Dr.
Tschu Man Fu“ ist eine antikolonialistische
Satire. Das kommt immer wieder, habe ich jetzt
gemerkt beim Weiterlesen, hatte ich gar nicht so
beabsichtigt, war aber tatsächlich so. Also es
kommen halt auch mal gesellschaftskritische Dinge
rein. Im Grunde sollten die Geschichten für alles
offen sein. Ich habe mich bemüht, sehr viele
Mythen der Trivialliteratur - und ich habe mich
damit immer beschäftigt, auch wissenschaftlich -
in die van-Dusen-Reihe einzubauen, aber nicht
ernst und gewichtig daherschreitend, sonder eben
locker, ironisch, satirisch, parodistisch, ohne
daß die Geschichte, der Krimi, der Plot darunter
leidet.
Griebel: Häufig ist es ja so, daß Hörspielleute,
Radioleute insgesamt, wenig über die Wirkung ihrer
Arbeit erfahren. Das wird über den Sender
ausgestrahlt und ist weg. Mal gibt es Umfragen,
aber relativ selten. Was wissen Sie über die
Wirkung der van-Dusen-Serie? Wenn man heutzutage,
da die Serie eigentlich abgeschlossen ist und nur
noch in einigen Sendern wie bei uns in der
Wiederholung läuft, ins Internet guckt, findet man
eine Menge. Auf das Stichwort van Dusen wirft die
Suchmaschine sehr viele Seiten aus. Das bedeutet,
irgendwie lebt die Serie noch. Und es muss Fans
geben, die sich weiter damit beschäftigen und
sogar Arbeit in solche Internet-Auftritte stecken.
Allgemein gefragt, was wissen Sie über die Wirkung
zu den Zeiten, als die Serie noch in Arbeit war,
und über die Wirkung heute?
Koser: Es gab damals öffentliche Veranstaltungen,
im großen Sendestudio des RIAS, das immer
knüppeldicke voll war. Vorher hatte das auch
keiner so richtig erwartet. Was kommt beim
Hörspiel denn schon groß zusammen, aber es kamen
Hunderte von Leuten. Dann wurde tatsächlich - und
das hat es, glaube ich, beim Rundfunk, beim
Hörspiel noch nie gegeben - ein Fan-Club
gegründet, den es immer noch gibt, der im Internet
sehr aktiv ist. Es gab Telefonate, es gab Post.
Jetzt gibt es hauptsächlich E-Mails. Es gibt eine
eigene van-Dusen-Website. Dann haben Fans, ohne
mich vorher zu fragen, auch unter meinem Namen
eine Website eingerichtet. Auch habe das dann
hinterher sanktioniert. Das war schon in Ordnung.
Es gab und gibt also erstaunlich viele Reaktionen.
Der Seriencharakter hängt sicher damit zusammen.
Auf ein einzelnes Hörspiel würde man so einen
Response nicht kriegen, auch nicht erwarten
können. Viele Fans haben mir gesagt, geschrieben,
daß sie van Dusen als Lebenshilfe sehen, daß, wenn
van Dusen sagt „Nichts ist unmöglich“, daß das für
sie dann auch die Maxime ihres Handelns wurde. So
habe ich das nie gedacht, an sich ist dieser
Spruch natürlich rein überzogen. Oder sie sagen,
sie hätten unglaublich viel gelernt über
Geschichte und Geographie, weil ja diese Dinge
immerzu eine Rolle spielen. Sie hätten dann
nachgeschlagen. In van-Dusen-Kompendien, die man
im Internet nachlesen und sich runterladen kann,
ist dann jede einzelne Geschichte genau darauf
untersucht worden, wo sie spielt, wann sie spielt,
welche historischen Figuren darin vorkommen usw.
usf. - eine Arbeit, die ich ganz erstaunlich
finde, die das weit überschreitet, was ich vor
diesen Sendungen gemacht habe, obwohl ich nun auch
als Historiker anständig recherchiert habe, bevor
ich irgendwas geschrieben habe.
Griebel: Würden Sie sagen, van Dusen ist unter den
Krimis noch mal eine besondere Kategorie, was die
Wirkung betrifft?
Koser: Ich glaube, daß es im modernen Rundfunk,
also im Rundfunk noch dem 2. Weltkrieg, keine
Reihe von 77 Folgen gegeben hat von jeweils einer
Stunde oder einer knappen Stunde, die sich über
einen so langen Zeitraum halten konnten. Das wäre
nicht möglich gewesen, wenn es eben nicht diese
Hörerbegeisterung gegeben hätte und immer noch
gäbe. Ich weiß, daß Deutschland-Radio immer noch
von den Fans betrommelt wird, van Dusen
fortzusetzen oder doch wenigstens zu wiederholen.
Griebel: Und daß es ein großes Bedürfnis gibt,
Folgen, die die Fans nicht mitschneiden konnten,
als sie gesendet wurden, nun irgendwie
veröffentlicht zu sehen auf käuflichen Tonträgern.
Aber das hängt ja wohl immer noch an irgendwelchen
rechtlichen Fragen?
Koser: Ja, das wird mir dann gesagt vom
Deutschland Radio, die ja verantwortlich sind für
Professor van Dusen als Nachfolgesender von RIAS
Berlin. Ich habe natürlich darauf gedrückt, und
die Fans verlangen das ja auch immer wieder, daß
es van Dusen in einer Höredition gibt als CD-
Sammlung zum Beispiel. Der Sender erklärt, daß es
zu schwierig sei und zu teuer. Es gäbe zu viel
recht abzulösen, speziell Musikrechte. Das sei
nicht praktikabel. Und deswegen könne er leider
keine CDs veröffentlichen, entweder allein oder
zusammen mit einem Hörverlag. Ja, ich kann leider
als Autor nichts dagegen machen. Ich würde mich
freuen, wenn es nun endlich mal klappen würde.
Griebel: Ich würde gerne noch etwas zu Ihrer
Biographie als Autor erfahren. Ich weiß, daß Sie
hauptsächlich fürs Radio gearbeitet haben und nur
ganz selten ausgebüxt sind in andere Bereiche.
Koser: Also ich bin zum Radio gekommen, ohne daß
ich es selber unbedingt wollte. Das war eine
Zufallsgeschichte. Ich hatte studiert, schrieb an
meiner Doktorarbeit, und mein Doktorvater wurde
angesprochen von einem Sender, dem Süddeutschen
Rundfunk, ob er nicht über sein Fachgebiet
Schulfunksendungen machen wolle. Und das wollte er
nicht, aber er hat dann seine Doktoranden damit
beauftragt. Und dann schrieb ich zwei Sendungen,
und auch andere schrieben welche. Und die
Redakteurin beim Süddeutschen Rundfunk sagte mir
dann: „Was Sie geschrieben haben, war das weitaus
Beste. Hätten Sie nicht Lust, noch mehr für uns zu
machen?“ Ja, ich hatte schon Lust. Das war schönes
Geld damals für einen Studenten, der vom
Stipendium lebte und von Arbeiten in den Ferien.
Und dann schrieb ich also Schulfunk, das machte
mir Spaß, dann kam ich zu anderen Sendern, schrieb
weiterhin Schulfunk, krempelte mit ein paar
Autoren den Schulfunk beim RIAS total um. Wir
haben da die alten Zöpfe abgeschnitten,
rausgeschmissen und neue Sachen gemacht, neue
Hörspielformen, Featureformen eingebracht. An
Hörspiel dachte ich relativ spät. Das kam erst in
den siebziger Jahren. Auf Aufforderung eigentlich
von Redakteuren und Regisseuren schrieb ich dann
mal ein Hörspiel, das war so ein Kunsthörspiel,
wie es damals üblich war, mit Musik, eine Art
Rock-Oper, die großen Erfolg hatte, bei fast allen
Sendern lief. Und dann schrieb ich noch sowas. Und
dann hatte ich keine Lust mehr. Das waren so
Geschichten ohne richtigen Anfang, ohne richtiges
Ende. Ich verstand sie selber nicht und die Hörer
wahrscheinlich auch nicht. Aber das war damals
das, was en vogue war im Hörspiel. Und dann
schrieb ich eine Zeit lang überhaupt keine
Hörspiele, nur Features, bis ich auf die Idee kam,
Krimis zu schreiben. Das war Ende der Siebziger,
da wurde van Dusen geboren. Dann habe ich in den
achtziger Jahren den „Letzten Detektiv“
erschaffen, der seitdem im Bayerischen Rundfunk
läuft und es auch schon auf 40 Folgen gebracht
hat. Ich habe festgestellt, daß mir die
Serienproduktion liegt. Das heißt, wenn ich mir
Figuren ausdenke und Handlungsräume und Zeiten,
daß ich es schade finde, mit einer Geschichte das
ganze Pulver zu verschießen, und dann bemühe ich
mich Dinge so zu entwickeln, daß sich mehrer
Folgen tragen. Daß es allerdings 77 Folgen werden
wie bei van Dusen, das war nie vorhersehbar.
Griebel: Sind Sie mit dem Medium Radio als
Arbeitsfeld ausgelastet, ausgefüllt, zufrieden?
Sie haben nicht die Absicht, irgendwann aufzuhören
damit?
Koser: Nein, obwohl ich mich auch in anderen
Medien ein bisschen umgesehen habe, z. B. beim
Fernsehen. Ich habe eine Buchserie herausgegeben.
Und gerade in diesem Jahr habe ich ein Buch zu
Ende geschrieben, was ich gerade bei einem Verlag
unterzubringen suchen, ein Jugendbuch übrigens.
Aber ich war immer beim Radio. Ich war sehr gern
beim Radio. Ich habe - das zeigen ja auch die van-
Dusen-Geschichten -, ich habe so etwas wie eine
Cinemascope-Phantasie. Das heißt, ich denke mir
sehr komplizierte, sehr aufwändige Geschichten mit
vielen Personen aus, die man im Film zum Beispiel
nur mit großer Mühe vielleicht in Hollywood mit
Computertricks umsetzen könnte. Und beim Rundfunk
geht das alles ganz einfach. Mit ein paar
Geräuschen im Hintergrund und ein paar Stimmen und
ein bisschen Musik kann man die tollsten Dinge
machen. Und die Hörer können sich das dann richtig
vorstellen. Deswegen bin ich dabei geblieben, bis
heute. Und ich will auch dabei bleiben, so lange
der Rundfunk sich nicht so ändert, daß meine
Geschichten nicht mehr gewollt werden.

Ich war nicht böse, daß die Reihe eingestellt wird
(Hörwelt 9/98) (auf vandusen.de):
Michael Koser, Jahrgang 38, ist seit 20 Jahren
Autor der van Dusen-Krimireihe. Im HÖRWELT-
Gespräch äußert er sich über seine Zeit mit dem
Superhirn – und seine neue Serie Cocktail für
zwei.
Herr Koser, Sie sind derjenige, der es wissen muß:
Was hält das Schicksal im 77. Fall für Prof. van
Dusen bereit?
Koser: Ein großer Teil wird in Wilhelmshaven
spielen, das habe ich mir schon lange vorgenommen.
Seit 15 Jahren wohnte ich jetzt hier, und die
Freude wollte ich mir einfach machen. Viel mehr
möchte ich über die Handlung nicht sagen. Es sind
einige Überraschungen drin, und die sollen auch
Überraschungen bleiben. Den meisten Spaß werden
sicher die haben, die die ganze Saga kennen.
Einige alte Bekannte tauchen auf, und überhaupt
zitiere ich mich fleißig selbst. Ich hatte ein
bißchen Endzeitstimmung beim Schreiben, aber eine
fröhliche.
Hat van Dusens letztes Stündlein nun
unwiderruflich geschlagen?
Koser: Ja und nein, ich kann das schwer sagen. Ich
bin nicht der Sender, und der bestimmt das im
Endeffekt. Aber vermutlich ist Schluß – obwohl ich
mich dieses Mal gehütet habe, ihn endgültig von
der Szene zu nehmen. Wenn aus irgendwelchen
unerfindlichen Gründen van Dusen doch
wiederauferstehen sollte, dann könnte er das tun.
Er fällt also nicht in die Schlucht?
Koser: Nein, dieses Mal geht er mit der Titanic
unter.
Werden Sie ihn als regelmäßigen Begleiter nicht
vermissen?
Koser: Das tue ich jetzt schon manchmal. Manchmal
habe ich Ideen, die nur zu van Dusen passen, nicht
zu Der letzte Detektiv und nicht zu Cocktail für
Zwei. Aber mehr Folgen müssen es auch nicht
unbedingt sein. Ich war nicht furchtbar böse, daß
die Reihe eingestellt wird...
Sprechen wir also ein wenig über ihre neue Serie,
die im September anlaufen wird, Cocktail für Zwei.
Ihr Heldenduo ist dieses Mal ein Pärchen, und es
erlebt seine Abenteuer in den zwanziger Jahren.
Koser. Ich hatte die Idee schon länger im Kopf,
und die zwanziger Jahre schienen mir zu passen. Es
sollte anders werden als die van Dusen-Reihe und
Der letzte Detektiv, leichter und eleganter. Und
ich bin dieses Mal auf die andere Seite
gewechselt, auf die Täterseite. Die Helden sind
Hochstapler, Ganoven, Glücksritter. Sie heißen
Felix und Cora. So kann ihre Firma als Felix & Co
auftreten.
Was mag das für eine Firma sein?
Koser: Sie sind Expropriateure en gros und en
detail. Sie nehmen Menschen und Institutionen aus,
die viel Geld haben, ein bißchen wie Robin Hood.
Nur daß sie nicht daran denken, das Geld jemand
anderem zu geben als sich selbst.
Gibt es typische Merkmale ihrer Gaunereien?
Koser: Die beiden spielen Rollenspiele, sie denken
sich komplizierte Geschichten aus und übernehmen
diverse Figuren, um ihre Opfer dazu zu bringen,
ihr Geld herzugeben. In einer Folge der zweiten
Staffel geben sie sich zum Beispiel als Coco
Chanel und der Präsident der Französischen
Republik aus. Und verkaufen einem amerikanischen
Schrottkönig den Eifelturm.
Felix und Cora werden von Maren Kroymann und
Cornelius Obonya gesprochen. Haben sie als Autor
auch einen Einfluß auf die Auswahl der Sprecher?
Koser: Ja, ich habe schon mitgeredet, und es war
auch nicht ganz leicht, die Richtigen zu finden.
Das müssen ja Leute sein, die das Komödiantische
allein mit der Stimme transportieren können, ohne
Mimik, ohne Gestik, ohne Maske und Kostüme. Beiden
macht es viel Spaß, in die jeweiligen Rollen zu
schlüpfen. Und das merkt man.

Der letzte Detektiv (br-online.de/kultur-
szene/thema/jonas/index.xml) (ca. 2003):
Er heißt Jonas. Nur Jonas. Er lebt im frühen 21.
Jahrhundert in
Babylon, der Supermetropole der Vereinigten
Staaten von Europa. Er
hat einen Beruf, den es eigentlich nicht mehr
gibt. Er ist Privatdetektiv.
Er pflegt die Eigenschaften seiner klassischen
Vorbilder:
Ehrenhaftigkeit. Sturheit. Unverschämtheit. Witz.
Ein bißchen
Sentimentalität. Seine Fälle sind hart. Und
wirklich. Es geht um kleine
Leute und große Interessen.

Dann ist da noch Sam. Jonas' Taschencomputer.
Unentbehrliche Hilfe
und unausstehliche Plage. Sam spricht. Er redet
und labert und
schnattert und bewegt sich quer durch alle
Sprachprogramme.
Außerdem ist er ein Chaos-Pilot im Datennetz. Ein
Geisterfahrer auf
der digitalen Autobahn.

Das ist "Der letzte Detektiv" - Michael Kosers
SciFi-Krimiserie. Die
erfolgreichste Hörspielserie der
Unterhaltungsabteilung nach der
"Dickie Dick Dickens" - Serie der 50er-Jahre. Seit
1984 im Krimi-
Programm in Bayern2Radio.

Der geistige Vater: Michael Koser
Der Autor und seine Ideen

Ich bin oft gefragt worden, welche Grundidee
hinter
meiner Reihe "Der letzte Detektiv" steckt. Das ist
sehr schwer zu beantworten (und deshalb tue ich's
auch nicht). Aber es gibt für mich so eine Art
Motto,
das über der ganzen Reihe steht. Korrektur: zwei
Mottos (oder heißt es Motti?).

1. "I've seen the future, brother - it is murder!"
sang
Leonard Cohen 1992.

2. Sagte Bob Dylan 2001 in einem "Spiegel"-
Interview: "Wir leben in
einer Welt, in der Science Fiction längst Realität
geworden ist. Sie
wird beherrscht von Disney. Überall künstliche
Shopping-Paradiese
und Themenparks."

Wer ist besser geeignet etwas zu Michael Koser zu
sagen, als seine
"Kinder". Wir haben ein Gespräch zwischen Jonas
und Sam
mitverfolgt, in dem sich die beiden zu ihrem
geistigen Vater äußern.

Jonas: Ein Auftrag, Sammy. "Michael Koser". Sagt
uns das was?
Sam, ich warte!
Sam: Moment, Chef. Alter Computer ist doch kein D-
Zug, - PIEP
"Koser, Michael. Autor." PIEP
Jonas: Ein Schreiberling?
Sam: PIEP "Für das Radio. Spezialist für Krimi-
Reihen. Professor van
Dusen', 1978 bis 1999,77 Folgen, Ab 1984 Der
letzte Detektiv" PI...
Jonas: Stopp, Sammy! Der letzte Detektiv bin ich!
Jonas. Nur Jonas.
Sam: Woraus folgt, messerscharf und aschklar, daß
es sich bei
besagtem Koser um den Papa meines innigst
geliebten Jonas
handelt, n'est-ce pas?
Jonas: Mein Vater?
Sam: Strikt im geistigen Sinne. PIEP "Nachdem sein
erstes
Reihenkind, Professor van Dusen mit Namen, sich
als Erfolg erwiesen
hatte, entschloß sich sein Schöpfer, mit der
Gegenwart auf Kriegsfuß
stehend, dem Amateur-Kriminologen aus der
Vergangenheit den
letzten Detektiv der Zukunft zuzugesellen. Und so
kam zur Welt
Jonas..." PIEP
Jonas: ...und Sam. Redender Computer. Assistent
und Nervensäge.
Sam: O0000h! Das tut weh!
Jonas: Mein Vater! Ich kann's nicht fassen! Ist er
mir ähnlich, dieser
Koser? Ruhig? Ein bißchen melancholisch? Ironisch?
Sam: Könnte man sagen.
Jonas: Sportlich? Ein Mann der Tat?
Sam: Eher weniger. Ein Bücherwurm. Ein
Stubenhocker. Er wohnt
nicht in Babylon, sondern in Babels-.., PIEP
"Verzeihung" PIEP ...in
Wilhelmshaven, wo wenig passiert. Er erlebt nicht
selbst, er läßt
erleben. Jonas und Sam zum Beispiel. Durch 40
bunte Abenteuer hat
er uns bisher gescheucht. Und damit ist es
beileibe noch nicht
abgemacht.
Jonas: Von mir aus. Jonas ist bereit.
Sam: Sammy dito. - PIEP "Anmerkung: Michael Koser
ist auch ein
Prophet! Hat er doch schon 1984 den EURO als
europäisches
Zahlungsmittel ersonnen!" PIEP. Das war zu einer
Zeit, als noch kein
Schwein und kein Finanzminister auch nur im Traum
an so was
dachte! Ob er auch mit seinen anderen, manchmal
recht düsteren
Zukunftsvorstellungen richtig liegt, wird sich
zeigen.
Jonas: Bald.
Sam: Kann sich nur noch um ein paar Jahre
handeln...

Die Sprecher der beiden Hauptfiguren
Wer leiht Sam und Jonas seine Stimme?

Jonas: Bodo Primus spielt die Rolle des
Detektivs seit der ersten Folge weg.

Sam: Seit der 5. Folge ist Peer Augustinski
für die Stimme des Computers Sam
verantwortlich. Zuvor wurde Sam von
Joachim Wiechmann gesprochen.

Wir haben die Figuren Jonas und Sam mit der
Tatsache konfrontiert,
daß sie erst durch die Sprecher zum Leben erweckt
werden. Aber
lesen Sie selbst, wie die beiden darüber denken,
und was Sam und
Jonas über ihre Lebensspender wissen.

Sam: "Sozusagen: Der letzte Detektiv auf der Suche
nach der
Sprachkultur im Kontinuum der Automedien, zur Zeit
hart den
kriminellen Erstsilbenbetonern auf den Fersen. Den
Konsens- und
Radikal- und ldealsprachbetonern und Banausen. Und
all denen, die
die Schwingungen ihrer Stimmbänder für Sprechen
halten."
Jonas: Versteh ich nicht. Jonas ist kein
Intellektueller. Klingt aber
irgendwie bedeutsam. Wer hat das gesagt, Sammy?
Sam: Primus. Bodo Primus.
Jonas: Aha. Und wer ist Bodo Primus?
Sam: Ach, du mein armer, lieber Jonas. Null Ahnung
von nix, wie
immer. So kenn ich ihn, so hab ich ihn gern. Bodo
Primus - der bist
du!
Jonas: Waas?
Sam: Präziser: Derjenige, welcher meinem Herrn und
Meister, der da
genannt wird "Der letzte Detektiv", durch seine
stimmlichen und
schauspielerischen Talente Leben verleiht. Denn
zunächst einmal,
nicht wahr, ist Jonas eine Figur auf dem Papier,
ein Papier-Jonas
sozusagen. Dafür, daß Jonas lebt, spricht, sich
bewegt, agiert - dafür
sorgt in erster Linie Bodo Primus. Und das macht
er wunderbar.
Jonas: Glaub ich dir aufs Wort, Sammy. - Ich frag
noch mal: Wer ist
Bodo Primus? Wenn er nicht Jonas ist, mein ich.
Fakten, Sammy.
Daten. Kurzer Lebenslauf.
Sam: Bitte sehr, bitte gleich. Geboren 1938. In
den 60er-Jahren vor
allem am Theater. Köln, Düsseldorf, anderswo. Seit
1962 auch im
Radio. Seit 1970 frei bei verschiedenen Hörfunk-
und TV-Sendern im
deutschsprachigen Raum. So. Und jetzt - einen
Tusch, Herr
Kapellmeister. Peer Augustinski. Ja, willst du
denn nicht fragen, wer
das ist?
Jonas: Nicht nötig, Sammy. Peer Augustinski ist
dein Bodo Primus.
Wie Bodo Primus mein Peer Augustinski ist. Sams
Sprecher. Spieler.
Lebensspender. Verkörperer.
Sam: Zweites Ich.
Jonas: Hast du überhaupt ein erstes, Sammy? Du
bist schließlich ein
Computer.
Sam: Na und? Ich hab vielleicht mehr Ich als du!
Jonas: Glaubst du? - Peer Augustinski , Sammy.
Daten. Fakten.
Sam: Kurzer Lebenslauf. Okay, okay. Geboren 1940.
Musikstudium.
Schauspielschule. Seit 1964 am Theater. Seit 1975
im Fernsehen.
Stichwort "Klimbim" - eins von vielen. Außerdem
Synchronsprecher.
Und - last, but ganz und gar nicht im mindesten
least - Sam. Sam der
Große. Der Einmalige.
Jonas: Weißt du was Sammy? Die Sprecher, die Jonas
und Sam
verkörpern, müssen was ganz Besonderes sein. Große
Könner. Tolle
Typen.
Sam: Da sprichst du ein wahres Wort gelassen aus,
mein Alter.

Die Figur Jonas
Er lebt im 21. Jahrhundert. In einer Zeit der
vorgegebenen Systeme
und festen Rahmen. Aber er paßt in kein System. Er
fällt aus dem
Rahmen.

Er ist Nostalgiker. Er blickt zurück. Ins 20.
Jahrhundert. Er hat einen
Beruf den es eigentlich nicht mehr gibt. Er ist
Privatdetektiv. Er pflegt
die Eigenschaften seiner klassischen Vorbilder.
Ehrenhaftigkeit.
Sturheit. Unverschämtheit. Witz. Ein bißchen
Sentimentalität.

"Ich bin Jonas, nur Jonas"
Jonas über sich, seine Vorbilder, seine
Aufträge.

Aber er ist mehr als ein Anachronismus. Seine
Fälle sind Fälle des 21.
Jahrhunderts. Zwischen kleinen Leuten und großen
Interessen.
Zwischen Illusion und Realität. Und auch die
Realität ist oft genug
falsch - Simulation, Manipulation. Jonas schlägt
sich durch. Nicht
bravourös, selten erfolgreich. Aber so anständig
wie möglich.

Steckbrief: Jonas, der letzte Detektiv
Nicht mehr jung. Um die 40. Groß, aber kein Riese.
Gutaussehend, aber kein Schönling.
Durchtrainiert, aber kein Bodybuilder.
Ansonsten eher unauffällig.
Oft melancholisch.
Lacht selten.
Kleidung: Trenchcoat
Waffen: Smith & Wesson. Laserstrahler.
Neurofreezer.

Seine Beziehungen
Viele - am Anfang gab es eine Dauerbeziehung:
Judith Delgado.
Schön. Dunkel. Etwas jünger als Jonas. Hohes Tier
bei der
Sicherheitsverwaltung. Er benutzt sie als
Informationsquelle. Sie
benutzt ihn zur Förderung ihrer Karriere. Dennoch
große Liebe. Als
Judith umgebracht wird nimmt Jonas Rache! Dann
gabs da noch
Neon. Afroamerikanerin. Journalistin. Begleitet
Jonas in Afrika. Und
Nofretete. Ägyptische Agentin. Mysteriös.

"Valerie, kurz Val"
Und dann gab es noch Valerie. Jonas bezieht
Stellung zu
seiner Beziehung zu ihr.

Seine Gegner
Immer wieder neu. Großer Verschleiß ...
Frau Professor Caligari: Leiterin von ZIP.
Zentral-Institut für
Populationsforschung. Tritt in mehreren Fällen
auf. Alt. Kalt.
Professionell. Hat die Aufgabe, die
Überbevölkerung zu reduzieren.
Mit allen Mitteln.
Generalissimus Stalin: Der Nomaden-Häuptling
residiert in einem
alten T-54, den sein Stamm durchs Niemandsland
schleppt.
Ines Lamour: Die schöne und gefährliche
Nervenärztin und Memory-
Klauerin.
Artur Artus: Chef von Camelot Fashions und
Mittelalter-Freak. Zieht
sich so an, hat sich so eingerichtet.

Der Computer des letzten Detektivs
Er ist zweiteilig: Ein fester Speicher im Büro und
als ständiger
Begleiter ein Taschengerät. Und er fällt, wie sein
Herr, aus dem
Rahmen.

Steckbrief: Der Computer Sam
Der Computer des letzten Detektivs. Ein
Taschengerät, etwa so groß wie ein Handy. Sieht
auch so aus. Jedenfalls wenn er abgeschaltet ist.

Angeschaltet fährt Sam aus, was so gebraucht
wird: Augen, Mund, Ohren, Arme, Hände, Beine,
Rollen, Kompaß, Teleskop, Sirene, Kneifzange
und vieles mehr.

In voller Aktion sieht Sam aus wie eine Hightec-
Puppe.

Sam kann mehr als reden. Vor allem kann er denken.
Vor, zurück und
um die Ecke. Und Ratschläge geben. Ein
unentbehrlicher Helfer in
kniffligen Situationen.

"Sam ist mehr als ein Witzbold"
Jonas beschreibt Sam, seinen Computer und
unschätzbare
Hilfe in allen Situationen.

Meist ist Sam eher enervierend. Arrogant.
Streitsüchtig.
Rechthaberisch. Von seiner geistigen Überlegenheit
fest überzeugt
und abfällig, was menschliche Intelligenz
betrifft. Ungeduldig. Nur zu
gern bereit, seinem Herrn über den Mund zu fahren.
Still wird er nur,
wenn er sich tödlich beleidigt fühlt. Oder wenn
Jonas droht, ihn
verschrotten zu lassen. Was er nie tun würde.
Jonas und Sam, Akteur
und Denkmaschine, haben dafür ein zu enges, ein
fast symbiotisches
Verhältnis.

"Besser klaren Kopf bewahren"
Ein Dialog zwischen Jonas und Sam gibt Aufschluß
über
deren inniges Verhältnis.

Die Welt des letzten Detektivs

Jonas lebt irgendwann im 21.
Jahrhundert. Sein Büro-Apartment
(22 qm) liegt mitten in Babylon.
Babylon liegt mitten in Europa.
Babylon ist mehr als eine Stadt,
mehr als eine Metropole. Babylon
ist eine urbane Ballung. Ein
unübersehbares Konglomerat.
Eine fast apokalyptische
Wucherung.

Über endlosen Vorstädten, mehr oder weniger
heruntergekommenen
Wohnvierteln, über Slums, Trümmerlandschaften und
den
abgeschotteten Siedlungen der Reichen und
Mächtigen, über
Geschäftsstraßen, Verwaltungszentren und den
Wolkenkratzern der
Wirtschaft, über Illusions-Parks, über Lokalen wie
dem "Armen
Schlucker" und dem "Casablanca" - Jonas
Stammkneipe - wölbt sich
ein Klima-Dom, und der ist fast immer kaputt.

"Um uns, unter uns - Babylon"
Der Erzähler beschreibt die düstere Atmosphäre
Europas
im 21. Jahrhundert.

"Die ehemaligen Servicesysteme unter dem Reservat"
Der Erzähler beschreibt die Entstehung der
Unterwelt und
geht auf deren Bewohner ein.

Unter Babylon liegen industrielle
Produktionsstätten, ausgedehnte
Schutzbunker-Systeme aus dem vorigen Jahrhundert
und, noch tiefer,
gigantische Kloaken mit Recycling-Anlagen und
Biogas-Generatoren.

Babylons Regierungsform
In Babylon leben viele Millionen
Menschen - zu viele Menschen,
für die es zu wenig Arbeit gibt.
Jeder kriegt die Volksrente, keiner
muß hungern. Aber der soziale
Nutzenstatus, der unter anderem
die Größe des Wohnraums
festlegt, bemißt sich nach Art und
Entlohnung der geleisteten
Tätigkeit. Ein Privatdetektiv hat
nur einen geringen Nutzenstatus.

Babylon wird regiert und reguliert von einer
großen, aber nicht allzu
effizienten Bürokratie. Ihre Organe, in erster
Linie die zahlreichen
Gliederungen der Polizei, konkurrieren mit den
privaten Truppen von
Industrie und Wirtschaft - und mit der
"Korporation", dem organisierten
Verbrechen.

"Die Korporation, früher mal Mafia"
Der Erzähler beschreibt die Entstehung der
Nachfolgeorganisation der Mafia: "Die
Korporation".

Die Landschaft rund um Babylon
Außerhalb von Babylon liegt die Wildnis -
ausgelaugt, unregierbar,
unreguliert, ohne Gesetz. Jenseits der Wildnis
existieren kleinere
Städte, babylonische Ableger wie Babelshaven am
völlig verseuchten
Nordmeer.

Die Mehrzahl seiner Fälle löst Jonas in und um
Babylon. Ab und zu
muß er reisen: nach Afrika - ins Niemandsland an
der Grenze zur
dritten Welt - nach Costuguana in Lateinamerika,
Nachschub-Basis für
Kokain und Ersatzorganen - in die chaotischen
Nahoststaaten
Merdistan und Kusbekistan.

Die Welt des letzten Detektivs ist unserer Welt in
vielem ähnlich - und
in vielem anders als sie. Größer. Technischer.
Elektronischer.
Komplizierter. Atmosphärisch grauer.
Heruntergekommener. Vielleicht
ist die Welt des letzten Detektivs die letzte
Welt.

Neue Fälle für Jonas und Sam:
Donaukurier 19.08.2008
(donaukurier.de/nachrichten/kultur/Neue-Faelle-
fuer-Jonas-und-Sam-art598-1926865)
Bremen (DK) "Machen wir ein Ende." So klingt das
Finale des "Letzten Detektivs". "Das sagt aber
nicht Jonas, sondern ein Mitglied der Anti-Jonas-
Koalition, die die ganze Zeit versucht hat, sich
dieses lästigen Detektivs zu entledigen", erklärt
Michael Koser (70), Autor von mehr als 150
Hörspielen und Schöpfer dieser Figur, die sich mit
"Jonas. Nur Jonas. Besser einen guten Namen als
drei miese" vorzustellen pflegt. Mitte der 80er
Jahre hat Michael Koser seinen furchtlosen,
melancholischen Privatermittler vom Schlage eines
Philip Marlowe oder Sam Spade auf die Verbrecher
Babylons losgelassen. Einer düsteren, seelenlosen
Hightech-Metropole.
Geschwätziger Computer
Jonas lebt in der Zukunft. In einer Zukunft, in
der das Ökosystem längst kollabiert ist, in der
Bürgernummern die Namen abgelöst haben, der
Sozialstatus (der Nutzen für den Staat) die
Wohnklasse regelt, Großkonzerne regieren und man
sich hauptsächlich von synthetischen
Nahrungsmitteln ernährt. Im Jahr 2009 tritt Jonas
erstmals in Erscheinung. Nur 25 Jahre lag diese
Zukunft von der Gegenwart entfernt, als Michael
Koser im Orwell-Jahr 1984 seinen Detektiv über
dessen ersten Fall brüten ließ. Dabei lernte Jonas
Judith kennen, die bald seine ZB ("zeitweilige
Beziehung") werden sollte und bei Sam regelmäßig
Eifersuchtsanfälle auslöste. Sam ist ein Computer.
Ein Supercomputer. Leider wurde er mit zu vielen
Sprachprogrammen gefüttert, was zu einer
Überkonfiguration führte, sodass seine Genialität
in Sachen Datenbank-Informationsbeschaffung
bisweilen mit einer gewissen Schwatzhaftigkeit
einhergeht.
40 Folgen lang klärte "der letzte Detektiv" von
Babylon im Bayerischen Rundfunk kniffelige Fälle,
recherchierte, deckte auf, überschritt gesetzliche
und bisweilen moralische Grenzen – bis die Serie
2001 ein abruptes Ende fand. Und Autor Michael
Koser die Entwürfe für vier Fortsetzungen plus
Abschlussfolge verärgert in die Schublage legte.
Kurzzeitig spielte er mit dem Gedanken, diese
Notizen ins Internet zu stellen, "damit die Fans
sehen, wie es hätte weitergehen können", erzählt
er. Er hat es nicht gemacht. Und hatte deshalb
noch Material für neue Geschichten zur Verfügung.
Denn: Es gibt zwei nigelnagelneue Folgen von
Jonas. Auftraggeber ist diesmal allerdings nicht
eine Rundfunkanstalt, sondern eine Privatperson.
Martin Bahr ist ein großer Jonas-Fan, und seine
Anwaltskanzlei hat bereits zwei Hörspiele ("Das
Canossa Virus" und "Ixplorer 5003") produziert.
Ihm gelang es, die Originalsprecher von Jonas, Sam
und Judith, nämlich Bodo Primus, Peer Augustinski
und Karin Anselm wie auch Regisseur Werner Klein,
der die Serie ab Folge 17 begleitet hatte, für
sein Herzens-Projekt zu gewinnen. "Das war schon
wichtig", sagt Michael Koser. "Ein Hörspiel mit
anderen Stimmen – das hätte ich mir nicht
vorstellen können."
Er sagte zu – und holte seine Mappe mit den alten
Aufzeichnungen hervor. "Comeback" und "Abgesang"
heißen die beiden neuen Folgen, die Ende des
Monats in Hamburg aufgenommen werden – und ab
Mitte Oktober im Internet kostenlos downloadbar
sind.
Wovon die Fälle handeln, will Michael Koser nicht
verraten. Nur so viel: "Die Jonas-Saga wird
tatsächlich weitergeschrieben." Beide Folgen
finden nach den zuletzt im Bayerischen Rundfunk
gesendeten statt – und werden auch mit früheren
Krimis verknüpft. Mittlerweile schreibt man das
Jahr 2016 und Jonas ist mit zunehmendem Alter auch
resignierter geworden. Michael Koser: "Es stürzt
furchtbar viel auf ihn ein. Negatives, mit dem er
kaum fertig wird."
Ein eigenes Universum
War es schwer, nach einer Pause von acht Jahren
das Duo wieder auf Fährtensuche zu schicken? "Ich
hatte tatsächlich nach der Zusage ein bisschen
Sorge, ob es überhaupt gehen würde nach dieser
doch verhältnismäßig langen Zeit", gesteht der
Autor. "Aber es klappte erstaunlich gut und
schnell. Ich hatte ein eigenes Universum gebaut
für meine Helden. Dort war noch Platz. Und ich
fand die Tür, durch die ich gehen musste, um
diesen Platz zu besetzen."
Er freut sich, dass er nun die Möglichkeit erhält,
doch noch den Schlusspunkt zu setzen, den er sich
vor einem knappen Jahrzehnt für seinen "letzten
Detektiv" ausgedacht hat. "Die abschließende Folge
hat sich fast von selbst geschrieben."
Und es sind definitiv die letzten Jonas-Fälle?
Michael Koser lacht. "Mit solchen Aussagen bin ich
inzwischen vorsichtig geworden. Es ist natürlich
immer noch möglich, Zwischenräume auszufüllen in
der Jonas-Saga." Bei einer anderen Hörspiel-Figur,
Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen,
"Wissenschaftler von Weltruf und nicht minder
renommierter Amateur-Kriminologe", der von 1978
bis 1999 Rätsel der Vergangenheit löste, hatte
Michael Koser listenreich einen Weg für weitere
Geschichten auch nach dessen Tod gefunden.
"Außerdem ist nicht so ganz klar, was aus Jonas
nun wird." Dann unterbricht er sich: "Ich glaube,
ich verrate zu viel."
Ein bisschen Spannung muss schließlich sein. Mitte
Oktober geht Jonas wieder auf Ganovenjagd: Unter
jonas-nur-jonas-und-sam.de findet man Näheres über
den nostalgischen Detektiv und seinen redseligen
Computer Sam. Außerdem Bilder, Musik und ein
Making-of-Video der Produktion.
Von Anja Witzke

ZDF heute Nachrichten: Hörspieldetektiv Jonas
kehrt zurück - ins Internet. Private Produktionen
online zu stellen, liegt im Trend. Von Stefan Gnad
(2008):
In den 80er und 90er Jahren war Der letzte
Detektiv eine Hörspielserie im Radio. Nun kehren
Privatschnüffler Jonas und sein Computer Sam
zurück- möglich macht dies ein Privatmann, der die
Folgen kostenlos ins Netz stellt.

Martin Bahr ist langjähriger Fan der Serie, die
sich bis heute anhaltender Beliebtheit erfreut.
Die letzten beiden Teile zu produzieren und die
düstere Science-Fiction-Reihe, die ihn und
Tausende andere Hörspielfans vor den Radiogeräten
fesselte, endlich abzuschließen, ist dem 36-
Jährigen eine hohe Summe wert, die er aus eigener
Tasche für die Produktion hinblättert.

Damit geht nun eine Radio-Legende zu Ende. Als
akustischer Film Noir war die Hörspielreihe von
Autor Michael Koser bewußt als Hommage an den
Kinoklassiker „Casablanca“ und die großen hard
boiled Krimiautoren Raymond Chandler und Dashiell
Hammett („Der Malteser Falke“) angelegt.

Wie seine Vorbilder Sam Spade und Philip Marlowe
arbeitet Joans als Privatdetektiv. In der fiktiven
Großstadt Babylon des Jahres 2016 löst er als
letzter seiner Zunft Kriminalfälle. Als Endzeit-
Szenario war „Jonas“ nicht unblutig und schon beim
Start im Orwell-Jahr 1984 visionär, nicht nur was
die künftige Währung in den „Vereinigten Staaten
von Europa“ anging: Euros. Nun folgt mit
Verspätung die Fortsetzung, die zugleich das
Finale ist.

Die Szenerie in den Hamburger Fährhaus-Tonstudios
hat etwas von einem Familientreffen. Alle sind sie
gekommen, um die Kult-Serie feierlich
abzuschließen. Bodo Primus in der Rolle von Jonas
und Peer Augustinski als Stimme seines so genialen
wie schwatzhaften Taschencomputers Sam, Karin
Anselm, („Tatort“) aber auch Größen der deutschen
Sprecher und Synchronisationsszene... versprechen
ein bis in die Nebenrollen hochkarätig besetztes
Endspiel.

Sogar Michael Koser, Autor von „Jonas“ und der
nicht minder erfolgreichen Hörspielreihe „Prof van
Dusen, die Denkmaschine“ ist nach Hamburg gereist.
Der 70-Jährige hat das Finale seit Jahren fertig
in der Schublade liegen, jedoch selbst nicht mehr
an ein Ende seiner Serie geglaubt. 2001 war er
nach 40 Jonas Folgen im Streit vom Bayerischen
Rundfunk geschieden.

„Plötzlich war da eine neue Leitung und hat als
erstes den Jonas abgeschafft“, erzählt Koser. „Der
ist uns zu teuer, hieß es, wir brauchen das Geld
für unser Musil-Projekt, so etwas können wir uns
leider nicht mehr leisten. Man hat mir zwar
angeboten, den letzten Jonas noch zu produzieren,
aber ich war so verärgert, daß ich das dann auch
nicht mehr wollte.“

Entsprechend skeptisch war der Bremer, als letztes
Jahr das Telefon klingelte und am anderen Ende der
Anwalt aus Hamburg war, mit dem Vorschlag, die
letzten Folgen aus eigener Tasche zu finanzieren.
Den Autor zu überzeugen, war nur ein Problem,
weitaus komplizierter war es, die Rechte vom
Bayerischen Rundfunk zu bekommen.

Doch auch diese Hürde wurde genommen. Nun bringt
das alte Team unter der bewährten Regie von
Regisseur Werner Klein (Hessischer Rundfunk,
Regisseur seit Folge 17) das zu Ende, was einst
Aufgabe und Renommierprojekt des öffentlich
rechtlichen Rundfunks war. Die Folge Comeback
steht schon im Netz - am 1. November kann man sich
die nächste Folge Abgesang der Kult-Saga samt
„Making of“ kostenlos von der Seite...
herunterladen.

Eine Nachricht von Michael Koser
(pirg.bplaced.net/pvd/news.htm)
Jonas. Nur Jonas. Und Sam.
Zwei neue Hörspiele!
Diese frohe Botschaft verkünde ich fast
gleichzeitig mit der offiziellen Presseinformation
des Produzenten auf hoerspiele.de.

Produzent ist nicht der Bayerische Rundfunk,
sondern ein privater Fan, Rechtsanwalt Dr. Bahr in
Hamburg. Der BR war eingeladen, sich kostenfrei zu
beteiligten, hat aber nach sehr, sehr langem
Zögern beschlossen, dies nicht zu tun. Die beiden
neuen Jonas-Hörspiele (COMEBACK und ABGESANG)
laufen deshalb nicht unter dem bekannten Ober- und
Reihentitel „Der letzte Detektiv“, den der BR für
sich beansprucht, und werden auch nicht im BR
gesendet.

Genauer und ausführlicher werde ich mich zu dem
ganzen Komplex später äußern. Und ich werde
natürlich auch von den Aufnahmen berichten, bei
denen ich (was mich ganz besonders freut) nach
langer Zeit Bodo Primus, Peer Augustinski und
Werner Klein wiedersehen werde. Heute nur soviel:
Jonas und Sam sind wieder da!
Bis bald!
Ihr/Euer Michael Koser


Jack Ritchie: Der Mitternachtswürger (BR 1992)
Kriminalhörspiel von Marina Dietz (nach 3
Kurzgeschichten)

Brannigan: Ich frage sie, was hatten sie in der
Tiefgarage zu suchen Mr.

Turnbuckle: Turnbuckle, Henry Turnbuckle,
Privatdetektiv und nicht schwerhörig, Mrs Homa
Schleidel hatte Grund zur Annahme, daß ihr Gatte
nicht wie er behauptete, jeden Donnerstag abend im
Kegelclub verbringt, er suchte in der Tat heute
nicht diesen Ort auf, sondern das Hinterzimmer des
Buchhandels nur für Erwachsene, wo er 1 Stunde und
23 Minuten bei einer Filmvorführung verweilte,
gegen 21 Uhr 45 befand er sich dann auf dem Weg
zurück zu seinem Wagen wo ich ihm meinem Auftrag
gemäß unauffällig folgte, in der Tiefgarage
richteten sich plötzlich ein halbes dutzend
Taschenlampen auf meine Person, und mir wurde
dringend geraten, keinen Mucks zu tun sonst würde
man mir den Kopf wegpusten, gleich darauf war ich
von mindestens 20 Mann in Polizeiuniform umringt,
auf meine höfliche Frage was das zu bedeuten habe,
erhielt ich keine Antwort sondern wurde unter
erneuter Androhung von Gewalt hierher ins
Polizeipräsidium verbracht.

Brannigan: Er will witzig sein, merken sies
Wiggins, und er redet ganz schön viel.

Wiggins: Hat jemand schon Mr Turnbuckle über seine
Rechte belehrt.

Brannigan: Eigentlich nicht in dem ganzen Trubel,
also Sie haben das Recht zu schweigen, sie haben
das recht, verdammt, wo ist denn diese Karte wo
alles draufsteht, Wiggings, nun machen sie schon.

Wiggins: Sie haben das Recht.

Turnbuckle: Danke ich kenne meine Rechte.

Brannigan: Schau an, schau an.

Wiggins: Dann wollen sie sicher einen Anwalt Sir.

Turnbuckle: Ich bin sicher das wird nicht nötig
sein.

Brannigan: Ein Spaßvogel.

Wiggins: Ich fürchte sie verkennen den Ernst der
Lage.

Turnbuckle: Moment, lassen sie mich raten, sie
meinen doch nicht etwa, ich sei der
Mitternachtswürger.

Brannigan: Sie haben von ihm gehört.

Wiggins: Die Zeitungen waren ja voll davon.

Turnbuckle: Es gab bisher 6 Opfer, alles Männer
zwischen 46 und 57 Jahre alt, sie wurden in der
nähe ihrer geparkten Autos überfallen, in der
Regel zwischen 20 und 22 Uhr, eigentlich wäre die
Bezeichnung 21Uhr-Würger zutreffender, aber für
die Presse nicht reißerisch genug.

Brannigan: Wiggins, die Reporter, gehen sie und
halten sie uns die vom Leib, vorläufig noch.

Wiggins: Ich werde mich darum kümmern.

Brannigan: Ich versteh nicht, woher die so
plötzlich Wind bekommen haben, ja was ist denn
Wiggins, sind sie noch nicht weg, raus mit ihnen,
sie Trauerweide.

Turnbuckle: Sünder müssen büßen, das find ich das
faszinierendste, jeder Tote wurde mit diesen
Worten auf der Stirn markiert, mit einem
Gummistempel vermutlich.

Brannigan: Sie scheinen sich ja sehr für den Fall
zu interessieren.

Turnbuckle: Es geht nichts über eine feine
Mordserie.

Brannigan: Ja klar.

Turnbuckle: Ich meine natürlich das Rätsel, die
Herausforderung, aber ich glaube ich rede zu viel.

Brannigan: Nein nein nein nein nein machen sie
ruhig weiter.

Turnbuckle: Vor dem Mitternachtswürger hat die
örtliche Polizei erstmal völligversagt.

Brannigan: He reiß dich zusammen Freundchen.

Turnbuckle: Verständlicherweise weil außer
Geschlecht und ungefährem Alter kein Zusammenhang
zwischen den Opfern sichtbar war, die
verschiedensten Berufe, meistens verheiratet,
respektable Bürger.

Brannigan: Sagen sie mal, sie sagen das so, als
hätten sie was dagegen.

Turnbuckle: Aber nein, auch der Hersteller
pornografischer Aufnahmen von kleinen Mädchen kann
ein sehr respektabler Bürger sein, ebenso der
Vertreiber dieser Literatur nur für Erwachsene,
von so einem Geschäftsmann kam doch der Hinweis,
er habe unter den ermordeten Männern 3 seiner
Stammkunden wiedererkannt, wenn das mein Fall
wäre, nur mal angenommen, würde ich in dieser
Richtung weitere Nachforschungen anstellen, die
vielleicht ergeben können, daß unter den Opfern 2
weitere Kunden.

Brannigan: Es waren drei.

Turnbuckle: Na sehen sie, ehrbare Bürger mit einer
Neigung zu schmutzigen kleinen und in der Regel
ungefährlichen Lastern, wenn sich nun aber der
Mitternachtswürger, wenn er sich also berechtigt,
möglicherweise sogar ausersehen fühlt, diese
spezielle Sünde zu rächen.

Brannigan: Dann hält er jedenfalls die Polizei für
verdammt dämlich, die einschlägigen Örtlichkeiten
haben wir schon seit 2 Tagen unter Beobachtung und
wir haben sie geschnappt.

Turnbuckle: Ja Sir, bitte wäre es vielleicht
möglich das Fenster zu öffnen, also die Luft hier.

Brannigan: Ist ihnen doch nicht etwa zu heiß
geworden.

Turnbuckle: Dürfte ich wenigstens mein
Taschentuch, es steckt in meinem Mantel, der
dahinten hängt, meine Rechte als Verhafteter.

Brannigan: Jajaja machen sie, machen sie, aber
keine dummen Tricks.

Turnbuckle: Ich bitte sie Sir.

Brannigan: Was ist das, was haben sie denn da
gerade so schnell wieder weggesteckt, holen sies
wieder raus, raus raus raus und keine falsche
Bewegung so und jetzt her zu mir.

Turnbuckle: Ja ich weiß wirklich nicht, ich bin
sprachlos.

Brannigan: Das wäre aber glatt ein Wunder, geben
sie mal her, ach schau an, schau an, ein Stempel,
gehört das auch zur Ausrüstung eines
Privatdetektivs, ach lesen sie doch das mal vor.

Turnbuckle: Sünder müssen büßen, darf ich mich
setzen Sir.

Brannigan: Ja gute Idee setzen wir uns.

Turnbuckle: Ich muß ihnen wohl ein Geständnis
machen, mein Name ist in der Tat Henry Turnbuckle,
aber ich bin kein Privatdetektiv.

Brannigan: Das war mir klar.

Turnbuckle: In wirklichkeit gehöre ich der Polizei
von Milwaukee an, wenn auch im Augenblick auf
Fortbildungsurlaub und bevor sie mich wieder
anbrüllen rufen sie bitte Captain Johnson an, das
ist mein Vorgesetzter.

Turnbuckle: Natürlich wird jetzt Captain Brennigan
mit dem reizbaren Temperament erst mal gehen und
meine Angaben überprüfen, aber mein Problem ist
damit nicht gelöst, mein Problem, vielleicht war
es einfach das, Polizist sein und das in
Milwaukee.

Ralph: Ist der Bericht da, ja und, ah Herzschlag
ganz eindeutig, dann können wir Henrys raffinierte
Giftmordtheorie vergessen, ist auch nicht der Stil
der Leute hier, ok bis später, und was willst du
mit diesen Zeitungsausschnitten, neue Kochrezepte.

Turnbuckle: Ralph, in den letzten 5 Monaten sind
hier 4 Frauen eines gewaltsamen Todes gestorben,
ich bin überzeugt, daß sie von ein und demselben
Mann ermordet worden sind.

Ralph: Aber Henry, jedesmal wenn uns ein
Serienmörder unterkam, dann ist er noch immer so
aufmerksam gewesen, uns entweder vor oder nach dem
Mord Briefe zu schicken.

Turnbuckle: Paß auf, jedes der Opfer war reich,
nicht mehr ganz jung, verheiratet, und jedes mal
hatte der Ehemann ein perfekte Alibi für die
Tatzeit, Thompson ein Festessen, Whitecliff eine
Bridgepartie, Kerny eine Vorstandssitzung und
Tressel eine Partie Golf, diese Umstände werden in
den Zeitungsberichten erwähnt, weil vermutlich im
Fall von Gattenmord jeder automatisch den Ehemann
verdächtigt und der Verdacht sollte wohl erst gar
nicht aufkommen.

Ralph: Meine Frau ist beim Aquarellkurs und Henry
hat mich zum Abendessen eingeladen ja machs gut.

Turnbuckle: Ralph, vier Morde an vier reichen
Ehefrauen und vier Ehemänner mit perfekten Alibi
das ist doch einfach vielzuviel zufall, um wahr zu
sein.

Ralph: Und meinst du die sind alle von einem
Verrückten umgebracht worden, der was gegen reiche
Hausfrauen hat.

Turnbuckle: Aber nein Ralph, auch nicht von
überraschten Einbrechern wie die Kollegen meinen,
ich bin sicher dahinter steckt ein gekaufter, ein
professioneller Mörder.

Ralph: Henry, mir ist auch etwas aufgefallen,
jedes der Opfer wurde in einem Vorort ermordet,
mit anderen Worten, das ist nicht unser Revier.

Turnbuckle: Ich rede mit Captain Johnson und zwar
sofort.

Ralph: Gut, dann kannst mir heute abend erzählen
was er gesagt hat.

Turnbuckle: Wir wollen doch den Kollegen auch noch
ein bißchen Arbeit übriglassen, Henry hat er
gesagt, haben wir vielleicht etwas gegen reiche
Villenbesitzer, Eigentum ist Diebstahl, meint
Marx, meint Turnbuckle das auch, hat er gesagt.

Ralph: Dein Gulasch schmeckt ausgezeichnet Henry.

Turnbuckle: Das hier ist kein Gulasch sondern ein
Boeuf Stroganoff, und das Zitat ist nicht von Marx
sondern von Trudeau, irgendwie tut er mir leid.

Ralph: Was wer.

Turnbuckle: Johnson ein Gefangener seiner Rolle
als Vorgesetzter, vielleicht sogar heimlich
hoffend, ein Mann wie ich bereit ganz allein.

Ralph: Was immer du vorhast Henry, erwarte nicht
daß ich dir.

Turnbuckle: Ich sagte alleine Ralph, und morgen
ist mein freier Tag.

Turnbuckle: Tja wie würde Henry Turnbuckel von
Beruf Killer auf Mordkundenfang gehen, man platzt
ja wohl nicht einfach in Büros oder Sitzungszimmer
und erkundigt sich ob jemand seine Gattin aus dem
weg geräumt haben möchte, zwangloser, privater muß
das gehen, bei einem drink vielleicht, Männer
unter sich, tja, hier Tresel hat sich zum
Zeitpunkt als seine Frau ermordet wurde, auf dem
Golfplatz des Radisoncountryclubs befunden, gibt
es einen besseren ort fragt sich Henry der Killer,
um sich bei den Reichen anzubiedern, ob so ganz
zufällig alle betroffenen Gatten in dem selben
Club, ach jetzt ist diese verflixte Pfeife schon
wieder ausgegangen, 210.

Angestellter: Radison Country Club.

Turnbuckle: Ja guten abend, ich bin von außerhalb,
ich sollte James Whiteclif in seinem Country Club
treffen, nur hat Jimmy leider vergessen mir zu
sagen welchem Club er angehört, ist denn bei ihnen
ein James Whitecliff Mitglied.

Angestellter: Ja, soll ich ihn ausrufen lassen.

Turnbuckle: Nein danke, ich bin ja gleich da, ach
übrigens ich glaube da ist noch einer meiner
Freunde in ihrem Club, Franklin Coruny.

Angestellter: Ja den hab ich gerade an die Bar
gehen sehen.

Turnbuckle: Ah vielen Dank, so jetzt haben wir
schon drei, und morgen wird Henry der Polizist
Henry den Detektiv direkt in die Höhle des Löwen
schicken.

Barkeeper: Tut mir leid daß sie so lange warten
müssen Mr.

Turnbuckle: Carsten, Edward Carsten.

Barkeeper: Carsten, unser Geschäftsführer müßte
jeden Augenblick zurückkommen, möchten sie
vielleicht was trinken in der Zwischenzeit.

Turnbuckle: Ja gern einen kleinen Sherry dry fino
bitte.

Barkeeper: Oh da muß ich nachsehen, so was ist
hier leider nicht sehr gefragt, nicht einmal mehr
bei den Damen.

Turnbuckle: Ich glaube mich zu erinnern daß Mr
Thompson gern einen Sherry nimmt.

Barkeeper: Matthew Thompson, nein der trinkt nur
den feinsten Maltwhisky.

Turnbuckle: Aha Nr. vier.

Barkeeper: Was sagte sie.

Turnbuckle: Ach vielleicht können sie mir auch
weiterhelfen, ich bin kein Mitglied, noch nicht
aber es doch da bestimmt rigide
Aufnahmebestimmungen.

Barkeeper: Oh nein keineswegs.

Turnbuckle: Nene, ich dachte eher, ich bin doch
neu in der Gegend.

Barkeeper: Im Prinzip kommen nur alteingesessene
Bewerber zum zug, aber ein bißchen müssen wir wohl
auch mit der Zeit gehen, dieser Mr Netterly der
letztes Jahr neu aufgenommen wurde, scheint schwer
reich zu sein, war aber gerade erst von St Louis
zugezogen, ist aber mittlerweile ein beliebter
Gesellschafter und hält sich viel im Klub auf.

Turnbuckle: Im moment auch.

Barkeeper: Ja ich glaub er ist da drüben auf der
Veranda, da haben wir sie ja unsere letzte
Flasche, Cream Sherry.

Turnbuckle: Ach wenn sie doch lieber einen Malt
Whisky.

Netterly: Ihnen liegt doch irgendwas auf der Seele
alter Junge.

Turnbuckle: Wie kommen sie denn drauf.

Netterly: Sie starren zwischendurch ins leere,
seufzen zum steinerweichen, und nicht mal ihr
Drink scheint ihnen zu schmecken, immer noch der
gleiche seit einer Stunde, also was ist los.

Turnbuckle: Wenn sie mich so direkt fragen, es ist
wegen meiner Frau.

Netterly: Aja.

Turnbuckle: Sie treibt sich mit einem andern rum,
ich weiß nicht wer er ist, ich weiß nur daß es ihn
gibt, und es gibt wohl mehr als nur den einen.

Netterly: Haben sie schon mal an Scheidung
gedacht.

Turnbuckle: Scheidung, sie kennen doch unsere
Gesetze, das Aas würde mich ausnehmen wie eine
Weihnachtsgans, als ich sie kennenlerne, habe ich
sie praktisch in der Gosse aufgelesen, meine
Familie mochte sie nicht, niemand mochte sie, ich
wollte ja nicht hören, jetzt isses zu spät.

Netterly: Nanana.

Turnbuckle: Was würde ich nicht tun um sie wieder
loszuwerden, manchmal kommen mir so wahnsinnige
Ideen wie ein Gewehr zu nehmen und ihr eine Kugel
durch den Kopf zu jagen.

Netterly: Das halte ich für keine gute Lösung
ihres Problems, es sei denn sie sitzen gerne
hinter Gitter.

Turnbuckle: Sie kennen nicht ganz zufällig so
jemand den man anheuern könnte, daß er meine Frau
umbringt.

Netterly: Das ist doch wohl nicht ihr ernst.

Turnbuckle: Und ob ich würde jedem glatt 50000
Dollar bezahlen, der das endlich besorgt, es muß
doch irgendwo irgendsojemand geben und den werde
ich weißgott ausfindig machen, schönen Tag noch.

Netterly: Moment, bleiben sie sitzen, sie sollten
mit sowas kein scherz treiben.

Turnbuckle: Das tu ich auch nicht, weiß gott
nicht.

Netterly: Der Alkohol kanns ja wohl nicht sein.

Turnbuckle: Nein, 50000 in bar.

Netterly: Tja vielleicht wüßte ich wirklich
jemand.

Turnbuckle: Ausgezeichnet und wer.

Netterly: Ich.

Turnbuckle: Ich hab natürlich im moment leider
nicht so viel Geld bei mir.

Netterly: Das hab ich auch nicht erwartet.

Aber ich kann es besorgen, wir treffen uns dann
heute nachmittag um 2 wieder hier.

Netterly: Ich werde sie erwarten.

Ralph: Henry, ich sollte dir nicht helfen und
eigentlich tu ich es ja auch nicht, aber ist das
was du wolltest.

Turnbuckle: Genau ein Tonbandgerät das haarscharf
und auffällig in die Brusttasche meiner Jacke
paßt.

Ralph: Das Mikrophon steckt hier im Botton des
internationalen Rotarylubs, gott schütze dich mein
Sohn.

Turnbuckle: Ach Mr Netterly haben sie vielleicht
die genaue Uhrzeit.

Netterly: Genau 2 Uhr und eine halbe Minute.

Turnbuckle: Danke, ach jetzt hab ich die
Datumsanzeige erwischt, diese modernen Apparate
aber auch, heute ist doch der 15. September.

Netterly: Der 15. September 1979.

Turnbuckle: Also dann zum geschäftlichen, sie
haben es sich doch nicht etwa anders überlegt.

Netterly: Neinnein.

Turnbuckle: Sie haben immer noch vor, Mrs Edwarda
Carston, meine Ehefrau für mich umbringen.

Netterly: Ja.

Turnbuckle: Und sie wollen dafür 50000 Dollar
haben.

Netterly: 50000 sie sagen es.

Turnbuckle: Gut, Mr Netterly ich verhafte sie.

Mr Carston, ich verhafte sie wegen Anstiftung zum
Mord an ihrer Ehefrau, widerstand ist zwecklos,
hinter ihnen stehen noch zwei Kollegen in zivil,
Mr Netterly hat mit einem versteckten Tonbandgerät
die gesamte Unterhaltung aufgezeichnet, noch mal
vielen dank für ihre Wachsamkeit und ihre mutige
Mithilfe, Mr Netterly.

Netterly: War mir ein vergnügen, sowas darf doch
nicht frei herumlaufen.

Turnbuckle: Meine Herren ich glaube wir sind alle
Opfer eines Mißverständnisses, ich habe keine Frau
und heiße auch nicht Carson, in wirklichkeit bin
ich zufällig Sergeant bei der Kriminalpolizei von
Milwaukee, ein Kollege also, hier meine
Dienstmarke.

Interessant und wer sagt mir daß diese Brieftasche
mit der Marke nicht gestohlen ist und selbst wenn
sie wirklich dieser Turnbuckle sind, wieso treiben
sie sich dann in unserem Revier herum, sind sie
der Meinung daß wir mit unserer Arbeit allein
nicht fertig werden.

Turnbuckle: Im moment sind ungefähr 3 dutzend
neugierige Augen auf uns gerichtet, können wir das
nicht an ein ruhigeren Plätzchen besprechen.

Turnbuckle: Ehrlich gesagt ich hatte von den
Kollegen etwas mehr Selbstbewußtsein erwartet,
aber anstatt mit mir zu verhandeln haben sie
Captain Johnsen hergeholt.

Ralph: Henry mach bitte die Musik etwas leiser.

Turnbuckle: Und morgen melden sie sich zur
Entgegennahme einer angemessenen Disziplinarstrafe
in meinem Büro, Turnbuckel.

Ralph: Ach was Johnson wird dir schon nicht den
Kopf abreißen, du hast schließlich auch gute
Arbeit geleistet in der Vergangenheit, der Fall
Derows, der Pizzamörder, die Carrtrid Juwelen.

Turnbuckle: Freut mich daß du das auch so siehst.

Ralph: Und du hast uns mit deiner art zu denken
schon oft auf eine Spur gebracht, die haarscharf
neben der richtigen lag, gibt Henry ein paar
Fakten und etwas Zeit und er wird einen Sturm
entfesseln, sag ich immer.

Turnbuckle: Du sagst auch immer, als Henry noch zu
Schule ging hat er aus einem einzigen Knochen ein
Dinosaurier rekonstruiert.

Ralph: Genau, nur daß das eigentlich ein
Pterodactylus war.

Turnbuckle: Das mußtest du natürlich auch Vivian
Derows erzählen.

Ralph: Bei der warst du doch sowieso untendurch
nachdem du ihren Lieblingsonkel als Erpresser
entlarvt hast oder beinahe hättest, er deduziert
und deduziert 98% eines Sachverhalts und dann
stolpert er immer über die restlichen 2 %.

Turnbuckle: Mein lieber Ralph, ein übersensibler
Freund könnte jetzt glauben eine feine Ironie zu
spüren.

Ralph: Ja Henry Turnbuckel Holmes und die
restlichen 2 %

Turnbuckle: Ralph es wird kommen der Tag des
Gerichts.

Ralph: Du erinnerst mich an etwas, meine Frau
wartet mit dem abendessen.

Turnbuckle: Henry der killer.

Ralph: Was.

Turnbuckle: Turnbuckle.

Ralph: Henry du hast es wieder mal geschafft.

Turnbuckle: Nicht so laut, weißt du eigentlich wie
spät es ist.

Ralph: Henry, der Ehefrauenmörder du hast ihn uns
ans Messer geliefert.

Turnbuckle: Also doch dieser widerliche Natterly.

Ralph: Nein, Ben Casterbridge.

Turnbuckle: Ben Casterbringe.

Ralph: Also paß auf, also du im country club
abgezogen warst, ging Captain Johnson noch mal
schnell an die Bar, er erkannte den Barkeeper, und
es fiel ihm ein, daß er immer noch auf Bewährung
draußen war, und wenn du unter bewährung stehst
gibt es einen job den du nicht annehmen darfst.

Turnbuckle: Nämlich Barkeeper.

Ralph: Johnson gab sich also zu erkennen, der
Barkeeper wurde weiß wie die Wand, fing an zu
zittern, ne richtige überreaktion, also dachte
johnson, da könnte noch mehr dahinter stecken und
knöpfte ihn sich vor, der Mann verhaspelte sich
von hinten bis vorne, rutsche ihm sein paar sachen
raus und zum guten schluß plauderte er.

Turnbuckle: Alles klar und der Barkeeper heißt Ben
Casterbridge.

Ralph: Nein Charly Stevens.

Turnbuckle: Und wer bitte ist Ben Casterbridge.

Ralph: Er und Steven waren Zellenachbarn in Wooto
und kamen ungefähr zur gleichen Zeit raus, sieht
so aus als erzählten die Leute gewöhnlich ihrem
Barkeeper mehr als ihrem Psychiater, also Steven
sammelte die Informationen und gab sie an
Casterbridge weiter, der erledigte den Rest, genau
wie du es vermutet hast, ach übrigens der Captain
sagt, du kannst die Meldung morgen früh in seinem
Büro vergessen, es ist alles vergeben, Henry, hey
freust du dich gar nicht, Henry, Henry antworte
wenn ich mit die rede, ich habe sie etwas gefragt,
Mr Turnbuckle.

Wiggins: Mr Turnbuckle, Mr Turnbuckel ich frage
sie ob sie etwas möchten, Kaffee, Zigaretten.

Turnbuckle: Nein nein nein danke.

Wiggins: Wie haben sie das eigentlich mit dem Tag
des Gerichts gemeint.

Turnbuckle: Wie bitte.

Wiggins: Sie sagten doch oder sollte ich mich
verhört haben.

Turnbuckle: Ausgezeichnet Henry jetzt sitzt du
also auf dem Kommissariat unter dem dringenden
Verdacht 6 Liebhaber von pornografischer Literatur
liquidiert zu haben und redest auch noch mit dir
selbst.

Wiggins: Ich glaube ich öffne mal das Fenster, die
Luft hier.

Turnbuckle: Vielen dank Sergeant Wiggins.

Turnbuckle: Armer Kerl, sein Blick läßt auf
Neigung zu nervösen Kopfschmerzen schließen,
irgendwie erinnert er mich, auch einer von den
getretenen und beleidigten, die irgendwann wenn
das maß voll ist.

Wiggins: Ja wenn das maß voll ist.

Turnbuckle: Ach nichts, könnten sie vielleicht das
Radio einschalten.

Wiggins: Gern bis Captain Brannigan zurück ist.

Turnbuckle: Simon und Garfunkel hört man heute
nicht mehr oft.

Wiggins: Musik für Tunten und Haschbrüder.

Turnbuckle: Bitte.

Wiggins: Sagt Captain Brannigan, er hält nicht
viel von Poesie.

Turnbuckle: Finden sie nicht auch daß das Leben
oft eine ganz schön krumme Sache ist und es in
Versuchung bringt es gerade zu biegen.

Wiggins: Ein gefährlicher Gedanke finden sie nicht
auch.

Turnbuckle: Jetzt reiß dich bloß zusammen, Henry
sonst erzählst du ihm noch alles, aber angefangen
hat das wirklich ganz harmlos, damals vor einem
viertel Jahr, Ralph und ich im Frühdienst dann der
Anruf.

Ralph: Danke Doc nur ein einziger Messerstich hat
den sofortigen Tot herbeigeführt.

Turnbuckle: Fingerabdrücke auf der Mordwaffe.

Ralph: Keine.

Turnbuckle: Wiliam, Morison, sie können ihn dann
wegtragen.

Ralph: Ums Geld scheint es nicht gegangen zu sein,
Ringe, Uhr, volle Brieftasche, alles da.

Turnbuckle: Jetzt war ein Kaffee recht 6 Uhr 30,
da schau her was da unter der Leiche gelegen hat.

Ralph: Ein Zahnstocher, na ausgezeichnet, es hat
schon Fälle gegeben, wo Einbrecher überführt
werden konnten weil sie in Äpfel Gebißabdrücke
hinterlassen.

Turnbuckle: Hier sind keine solchen Abdrücke
drauf, Ralph dieser Zahnstocher wird uns zu
unserem Mörder führen.

Ralph: Warum nimmst du an daß er dem Mörder
gehört.

Turnbuckle: Ralf das ist alles ein Sache von
Beobachtung und Schlußfolgerung, hast du dir die
Leiche gut ansehen.

Ralph: Also bitte komm.

Turnbuckle: Ist dir da nicht aufgefallen, daß das
Opfer entweder makellose Zähne hatte oder.

Ralph: Bei seinem Alter von 57 wird wohl ein
künstliches Gebiß gewesen sein.

Turnbuckle: Und verhält es sich nicht so daß
Menschen die künstliches Gebiß tragen auf die
Hilfe von Zahnstochern verzichten können.

Ralph: Henry du erschließt mir das völlig neue
Welten.

Turnbuckle: Ralf, dein Witz hat was verzweifeltes.

Ralph: Wir müssen jetzt die Küchenchefin des
Hotels vernehmen eine Mrs.

Henderson: Henderson, Maggie Henderson, stört es
sie wenn ich schon mit dem Kuchenbacken anfange.

Turnbuckle: Nein nein das leben geht weiter.

Henderson: Unsere Gäste stehen früh auf.

Ralph: Wieviele Gäste haben sie hier im Hotel.

Henderson: 28, im moment alles Stammgäste.

Ralph: Sie fanden den Toten als sie heute morgen
in die Küche kamen.

Henderson: Ja.

Ralph: Bis wann haben sie gestern abend
gearbeitet.

Henderson: Bis um 8 bis alles wieder sauber ist
wird es so spät.

Turnbuckle: Moment ihr arbeitstag hat 15 stunden.

Henderson: Nein, nach dem frühstück und
mittagessen hab ich ein paar stunden frei.

Turnbuckle: Ich darf wohl annehmen daß gestern als
sie nach hause gingen noch keine leiche auf dem
boden lag.

Henderson: Ich hab im vierten Stock ein Zimmer ich
kam um halb 6 uhr und da hab ich es gesehen.

Ralph: Haben sie was angefaßt.

Henderson: Nein nein ich hab gleich die polizei
gerufen.

Ralph: Wie lange arbeiten sie schon für Mr Latimer
und sein Hotel.

Henderson: 22 Jahre.

Turnbuckle: Und was wird das wenn fertig ist.

Henderson: Rosinenkuchen mit Zimt.

Ralph: Wer bekommt eigentlich das Hotel nachdem
der Besitzer tot ist.

Henderson: Mein Bruder denke ich, er hatte sonst
keine Verwandten.

Ralph: Und wo ist dieser Bruder.

Henderson: In der Pension nebenan.

Turnbuckle: Warum wohnt er nicht hier.

Henderson: Wir sind belegt.

Turnbuckle: Nur deshalb.

Henderson: Mr Latimer und sein Bruder kamen nicht
besonders gut miteinander aus.

Turnbuckle: Wenn sie sich nicht vertrugen, warum
hat sich der Bruder dann ausgerechnet im Nebenhaus
eingemietet.

Henderson: Das weiß ich nicht.

Ralph: Hatte Mr Latimer auch seine Wohnung hier im
Haus.

Henderson: Ja er bewohnt eine Suite im 3 Stock.

Ralph: Aus welchem Grund könnte er nach 8 uhr
abend noch mal in die Küche gegangen sein.

Henderson: Das hat er oft gemacht, er sieht gern
nach dem rechten.

Turnbuckle: Latimer kam also nach 8 herunter, wir
haben weder Einbruchspuren noch die Spuren eines
Kampfes gefunden, Latimer muß den Besucher gekannt
haben, und es spricht einiges dafür, daß unser
Mörder jemand aus diesem Hotel ist.

Henderson: Haben sie noch Fragen an mich, das
Frühstück, die Gäste warten.

Ralph: Frühstück und wer serviert uns Rührei mit
Schinken.

Turnbuckle: Du hättest Maggie Henderson nicht so
anzustarren brauchen, sie trägt auch eine
Zahnprothese, also muß es einer der Gäste sein.

Ralph: Ich seh aber keinen mit nem Zahnstocher im
Mund.

Turnbuckle: Ralph.

Ralph: Toast mit Butter wäre auch was.

Turnbuckle: Ralf was geht mit einem Zahnstock
einher.

Ralph: Kleines Steak, echte Zähne.

Turnbuckle: Davon abgesehen.

Ralph: Ich gebs auf.

Turnbuckle: Weitere Zahnstocher, ein regelmäßiger
Benutzer von hölzernen Zahnstochern muß ständig
einen Vorrat bei sich haben.

Ralph: Du meist also wir sollen alle durchsuchen
und wer Zahnstocher hat ist unser Kandidat.

Turnbuckle: Nein Ralph, das wäre ziemlich
mühselig, wir könnten rein logisch die Anzahl der
Verdächtigen weiter verringern, im Zeitalter der
Gleichberechtigung sieht man auch Damen bei dieser
unästhetischen Beschäftigung, aber kannst du dir
eine Frau vorstellen die ein Bündel Zahnstocher
bei sich trägt.

Ralph: Na gut, dann scheiden Frauen und Männer mit
Zahnprothesen aus, was machen wir jetzt, allen
Männern in den mund schauen.

Turnbuckle: Das wird nicht nötig sein, tatsächlich
kann ich in diesem moment schon unseren Mörder
bestimmen, Ralph beiß jetzt bitte nicht in das
Tischtuch, sondern hör mir zu wenn du einzelne
Zahnstocher mit dir führest wo würdest du sie
aufbewahren.

Ralph: Also wenn ich mirs gründlich überlegen in
der Tasche.

Turnbuckle: Richtig aber nicht in der Gesäßtasche,
denn das würde das hinsetzen zu einem gefährlichen
Abenteuer machen, bei den vorderen Hosentaschen
würde man noch traumatischere Verletzungen
riskieren, bei den Jackettaschen zerstochene
Fingerkuppen, also was ist der ideale
Aufbewahrungsort für eine chaotische Horde
Zahnstocher.

Ralph: Ich hab Hunger.

Turnbuckle: Die Weste, Ralph, ihre Taschen sind
ausreichend eng, so daß diese kleinen Schlingel
weder durcheinandergeraten noch herausfallen
können, außer vielleicht bei einer ungewöhnlichen
heftigen Bewegung.

Ralph: Ich verstehe und da nur einer von den
Gästen eine Weste trägt, nämlich dieser große Kerl
mit den gelben Zähnen und dem ausgesprochen
unangenehmen Grinsen, nehme ich an, daß wir ihm
jetzt ein paar Fragen stellen müssen ok.

Latimer: Horace Latimer, ich bin sein Bruder, als
ich die Polizeiautos hier reinkurven sah, kam ich
natürlich rüber um zu sehen was los ist.

Turnbuckle: Wie kamen sie und ihr Bruder
miteinander aus.

Latimer: Gar nicht.

Turnbuckle: Sie sind recht offen.

Latimer: Sie hätten ja doch gemerkt, tatsächlich
haben wir vergangene Woche das erste mal seit 20
Jahren wieder miteinander geredet.

Turnbuckle: Wieso gerade letzte Woche.

Latimer: Ich war pleite ich hab meine Anstellung
verloren und hätte ein kleines Darlehen gebraucht.

Turnbuckle: Und.

Latimer: Er gab mir 50 Dollar und den Rat auf
weitere 20 Jahre verschütt zu gehen.

Ralph: Sie verloren ihre Stelle, sagten sie, was
war das für eine Tätigkeit.

Latimer: Ich hab bei einer Bootslinie auf dem See
gearbeitet, hatte da ne kleine Auseinandersetzung
mit einem 3.Offizier und hab ihn versehentlich
bißchen angeritzt

Ralph: Sie haben ihren Bruder 20 Jahre lang nicht
gesehen, und wurden von ihm nicht mit offenen
Armen empfangen, warum haben sie dann sich
ausgerechnet in der Pension gegenüber eingemietet.

Latimer: Als ich von Vik wegging, wollte ich noch
einen trinken in einer Bar hier in der Nähe, da
hab ich gehört daß die einen Barkeeper zur
Aushilfe suchen und nahm den Job, und die Pension
dadrüben ist die billigste weit und breit.

Turnbuckle: Hatten sie schon mal Probleme mit der
Polizei.

Latimer: Ein oder zweimal.

Turnbuckle: Irgendwas schwerwiegendes als
angeritzte dritte Offiziere.

Latimer: Vor ein paar Jahren wurde ein Freund von
mir erstochen, sie wollten es mir anhängen, aber
mein Alibi war bombensicher, ich war bei meiner
Freundin Elsie als Jack getötet wurde, sie war
bereit das vor Gericht zu beschwören.

Ralph: Und wo waren sie gestern abend, Bier
zapfen.

Latimer: Ich hatte Tagschicht, ich war im Bett.

Ralph: Allein.

Latimer: Nein mit Elsie.

Turnbuckle: Oh mir steckt ein Sesamkorn zwischen
den Zähnen, sie haben nicht zufällig einen
Zahnstocher bei sich.

Latimer: Doch hab ich, geht aufs Haus.

Turnbuckle: Danke Mr Latimer.

Ralph: Verdammt, ich glaub auch daß er es war,
wahrscheinlich um das Hotel zu kriegen, aber wenn
wir gegen einen Verdächtigen nichts anders in der
Hand haben als deine Zahnstocher, schauen wir
ziemlich alt aus.

Turnbuckle: Warte, ich gehe noch mal in die Küche,
ich hab das Gefühl da finde ich was.

Ralph: Kombination.

Turnbuckle: Intuition.

Ralph: Na prima.

Turnbuckle: O Mrs Henderson, ihr Kuchen duftet ja
köstlich, ist er schon fertig.

Henderson: Sie können gerne nachschauen, aber wenn
sies genau wissen wollen, müssen sie ihn anpieken.

Turnbuckle: Stimmt, mit einer Stricknadel, haben
sie eine.

Henderson: Hygienischer ist es mit einem
Zahnstocher, nehmen sie den.

Turnbuckle: Mrs Henderson.

Henderson: Ich hab deswegen immer ein paar in der
Schürzentasche.

Turnbuckle: Au verdammt, jetzt hab ich mir die
Finger verbrannt.

Henderson: Geben sie her, geben sie her, ja ich
hab gesehen, wie sie vorhin den Zahnstocher
untersuchen, ihr polizisten und wissenschaftler
findet doch sowieso alles raus, also kann ichs
gleich hinter mich bringen.

Turnbuckle: Aber warum, warum haben sie ihn
umgebracht.

Henderson: Viktor wollte ein Mädchen heiraten, daß
er bei der Hoteliertagung in Shyboygan
kennengelernt hat, sie ist Kellnerin in einer oben
ohne Bar, ich bin seit 22 Jahren hier Köchin und
seit 21 Jahren mit Viktor verlobt, gestern abend
spülte ich noch ein paar Sachen, als er in die
Küche kam, er hatte was getrunken, wie immer wenn
er sich Mut machen will, und kam sofort zur Sache,
und sagte er wird sie heiraten, weil er verrückt
nach ihr ist.

Turnbuckle: Und da griffen sie in einem Anfall
wahnsinniger Eifersucht nach dem Brotmesser.

Henderson: Oh entschuldigung, nein nein ich glaub
ich hab ihn umgebracht weil er wollte daß ich das
Hotel verlasse, er wollte mich nicht mehr in
seiner nähe haben, nicht mal als Köchin, er hatte
Angst sie könnte das mit uns erfahren und böse
werden.

Turnbuckle: 22 Jahre, hat er ihnen nie einen
Heiratsantrag gemacht.

Henderson: Nein, er sagte immer er wird mich
heiraten wenn ich schwanger bin, an mein 40 Geb
als er wieder mal ein bißchen zu viel getrunken
hatte da verplapperte er sich und es kam heraus
daß er sich vor Jahren sterilisieren hatte.

Turnbuckle: Sie hätten auf der stelle gehen
sollen.

Henderson: Ich weiß o der Kaffee ist fertig, es
ist mir wirklich zimlich egal was mit mir wird,
schlimm ist nur daß ich gegenüber Mandy versagt
habe.

Turnbuckle: Wendy.

Henderson: Meine Nichte, die Tochter meiner
Schwester, ich hab ihr seit ihr Mann gestorben war
die ganze zeit mit geld ausgeholfen damit sie ein
bißchen besser leben kann, Mandy war wirklich gut
in der Schule, sie hat jetzt angefangen
Sexualmedizin zu studieren, Andrologie, nein
Männerleiden, ach das Kind, jetzt wird sie nie
Ärztin werden, weil ich nichts mehr für sie tun
kann, Kaffee, darf ich ihnen einschenken.

Turnbuckle: Sehr gern vielen dank, tja wirklich
schade, ich denke aufgrund ihres langjährigen
eheähnlichen Verhältnisses mit Viktor sind sie
nach unserem Gewohnheitsrecht seine Frau mit allen
Konsequenzen gewesen, und hätten demnach gute
Chancen das Hotel zu erben auch gegen die
Ansprüche eines entfremdeten Bruders.

Henderson: Ach so, ja was solls, ich habe Viktor
getötet und ich glaube nicht daß ein Mörder von
seiner Tat auch noch profitieren darf.

Turnbuckle: Wie schrecklich wahr, und so wird
Viktors Bruder das Hotel bekommen, Mandy wird sich
am besten gleich auf eine Ausbildung als
Krankenschwester vorbereiten, und während sie in
Taschita hinter Gitter sitzen wird Viktors Bruder
5 Dollar Zigaretten rauchen und sich an die neue
Köchin ranmachen.

Henderson: Ja das Leben ist manchmal eine zimlich
krumme Sache.

Turnbuckle: Dann muß ich sie jetzt aufs
Polizeipräsidium mitnehmen, ein Glück für uns daß
sie geständig sind, wir haben nämlich keine
brauchbaren Beweise gegen sie.

Henderson: Keine Sorge ich werde behilflich sein.

Turnbuckle: Das sagen sie jetzt, aber ich frage
mich, was passieren wird wenn wir erst im
Präsidium sind, dort widerrufen sie möglich ihr
Geständnis, sie könnten behaupten, durch
Einschüchterung dazu gezwungen worden zu sein,
oder noch schlimmer, sie hätten überhaupt nie
jemanden gegenüber irgendwas gestanden, sie
könnten auf den Gedanken verfallen angesichts der
Beweislage einfach abzuwarten und ihre Zahnstocher
loszuwerden, also dann machen wir uns auf den Weg
und nehmen ihr Geständnis auf.

Henderson: Was für ein Geständnis.

Turnbuckle: Sehen sie, ich wußte doch daß es so
kommen würde.

Henderson: Möchten sie ein Stückchen Kuchen.

Turnbuckle: Drei wenn sich das machen läßt, eins
für mich.

Henderson: Und zwei für ihren hungrigen Freund da
draußen.

Turnbuckle: Unlösbare Fälle machen ihn besonders
hungrig.

Wiggins: Hungrig, sagten sie hungrig Mr
Turnbuckle, ich kann ihnen selbstverständlich
belegte Brote holen lassen.

Turnbuckle: Was, nein danke Sergeant Wiggins.

Wiggins: Und sie wollen immer noch keinen Anwalt.

Brannigan: So Wiggums, ich brauch sie jetzt nicht
mehr, und nun zu ihnen, ja nun gehen sie schon
Wiggums, machen sie sich woanders nützlich, tja
ihr Captain Johnson nimmts wohl eher von der
humorigen Seite, zur rechten zeit am unrechten Ort
und immer in Schlamassel, das ist typisch Henry,
und er hat bestätigt, daß sie sich vor einem
viertel Jahr auf eigenen Wunsch vom Dienst
beurlauben ließen um wieder Student zu spielen.

Turnbuckle: Ich beabsichtige eine Arbeit über
polizeiähnliche Organisationen zu schreiben, die
Tätigkeit als Privatdetektiv war so eine Art
Praktikum.

Brannigan: Ja sehr erfolgreich wie man sieht,
gehört das auch zum Praktikum einen Stempel wo
draufsteht Sünder müssen büßen in der Tasche
rumzutragen.

Turnbuckle: Weiß hier noch jemand außer ihnen daß
sie vorhin das ding bei mir gefunden haben.

Brannigan: Nein.

Turnbuckle: Sehr gut, vielleicht glauben sie jetzt
einem ehemaligen Kollegen, dieser Stempel war
nicht in meiner Manteltasche, bevor ihre Leute
mich in der Garage abgefangen haben, danach wurde
ich von ihnen allerdings dauernd rumgeschubst und
befingert.

Brannigan: Wollen sie sich beschweren.

Turnbuckle: Gott behüte nein, ich ziehe daraus
lediglich die Schlußfolgerung, daß nur ein
Angehöriger dieser Personengruppe mir den Stempel
in die Tasche praktiziert haben kann.

Brannigan: Aber warum sollte jemand auf so eine
Schnappsidee kommen.

Turnbuckle: Der Mitternachtswürger hat bemerkt daß
sie ihm auf den Fersen sind, und er nutzte die
durch meine Verhaftung gebotene Gelegenheit einen
anderen zu belasten.

Brannigan: Wollen sie etwa damit sagen daß einer
meiner Leute.

Turnbuckle: Die Logik erlaubt leider nur diesen
einen Schluß Captain Brennigan.

Brannigan: Wie wärs denn dann mit mir.

Turnbuckle: Nein sie muß ich ausschließen, sie
hatten keinerlei Gelegenheit.

Brennigan: Wegen ihrer Logik soll ich also jetzt
ein dutzend diensttuender polizisten überprüfen.

Turnbuckle: Das wird nicht nötig sein, ich habe
einen anderen Vorschlag, machen sie jetzt so
schnell und so gründlich wie möglich im ganzen
Haus bekannt, daß man statt des Würgers
versehentlich einen Kollegen geschnappt hat, dann
laden sie mich als Entschädigung in die Kantine
ein, nur zum schein, ich zahle mein Sherry
natürlich selbst, meinen Mantel lassen wir hier
hängen, und ich stecke den Stempel jetzt wieder in
die Tasche, einen kleinen Privatdetektiv zum
Sündenbock zu machen ist eine sache, einen
polizisten eine andere, ich bin sicher während
unserer abwesenheit wird derjenige der mir den
Stempel in die Tasche getan hat, versuchen ihn
unbemerkt wieder herauszuholen.

Brannigan: Ok aber nur weil Captain Johnson gesagt
hat trotz allem hätten sie manchmal so einen
Riecher, Higgings, Mccarseon, Endemy, wißt ihr wen
ihr mir da eingefangen habt, der Kerl ist
polizist, ja polizist, sagt es ihn nur weiter den
anderen Kollegen, diesen Pfeifen die an diesem
Einsatz beteiligt waren, ein Kollege.

Turnbuckle: Mein Kopf.

Wiggins: Mr Turnbuckle.

Turnbuckle: O Sergeant Wiggums.

Wiggins: Ich wollte ihnen nur gratulieren, sie
sind ja jetzt ein freier Mann, hier ihr Mantel,
ich darf ihnen hineinhelfen.

Turnbuckle: O danke nein, ich wollte ja eigentlich
nur.

Wiggins: Bittesehr, moment ihr Gürtel, er hat sich
verdreht.

Turnbuckle: Sergeant Wiggums, oh nein.

Wiggins: Was bitte sir.

Turnbuckle: Ich gestehe daß ich eine Sekunde lang
noch glauben wollte, es bereite ihnen vielleicht
ein kleines Vergnügen unter dem vorwand, seinen
Mantel zurechtzurücken, einen andern Mann heimlich
zu befingern.

Wiggins: Was erlauben sie sich.

Brannigan: Keine falsche Bewegung Wiggums und den
Stempel da auf den Tisch schau an, Wiggins die
alte Trauerweide, manchmal hab auch ich so einen
Riecher.

Wiggins: Sünder müssen büßen, oja es wird kommen
der Tag des Gerichts, der Herr ließ Pech und
Schwefel regnen über Sodom und Gomorra.

Eben und diese Drecksarbeit sollte man ihm besser
selbst überlassen.

Brannigan: Sonst noch was Wiggums.

Wiggins: Ja einen Anwalt.

Ralph: Und Henry, Captain Johnson ist völlig aus
dem Häuschen, wegen deinem Erfolg mit dem
Mitternachtswürger, er hat gemeint, nachdem dein
incognito als Privatdetektiv sowieso geplatzt ist,
ob du dir das noch mal überlegen willst mit dem
studieren.

Turnbuckle: Es gibt Zeiten da denke ich das ganze
Universum ist eine Illusion, und ich bin der
einzige dem man nichts davon gesagt hat.

Ralph: Weißt du was, meine Frau ist dieses
Wochenende auf einem Yogakurs, ich bin in einer
halben Stunde bei dir, dann erklärst du mir das
noch mal in aller Ruhe.

Henry Turnbuckle: Jochen Busse
Ralph: Michael Hinz
Captain Brannigan: Michael Mendl
Sergeant Wiggins: Herbert Weicker
Barkeeper: Michael Schwarzmeier
Netterly: Jochen Striebeck
Maggie Henderson: Ilse Neubauer
Horace Latimer: Hartmut Becker
Kriminalpolizist und Angestellter: Hubert Mulzer
An- und Absage: Beate Himmelstoß

Henry Slesar: Genau die richtige Art von Haus (WDR
1965)

Sally: Dadadabadada, hu-la…

Hacker: Sally.

Sally: Hu-la, lalala...

Hacker: Sally, bitte hören Sie gefälligst mit dem
Geplärre auf, das macht einen ganz krank.

Sally: Ja, Mr. Hacker.

Hacker: Machen Sie mal ein Fenster auf, die Luft
ist ja zum schneiden.

Sally: Das kommt von Ihrer Zigarre, Mr. Hacker.

Hacker: Reden Sie nicht, reden Sie nicht, bedienen
Sie lieber das Telefon.

Sally: Ja, Mr. Hacker, hier Maklerbüro Hacker…ja…
ja…bei 30 Grad im Schatten, nein, nein, Idiot.

Hacker: Sind Sie immer so höflich zu meinen
Kunden?

Sally: War kein Kunde.

Hacker: Wer war’s denn?

Sally: Heizölfirma.

Hacker: Was wollte die denn?

Sally: Öl verkaufen.

Hacker: Was, Heizöl bei der Hitze, Idiot.

Sally: Hab ich doch gesagt, hida...badadada...

Hacker: Ein fremder Wagen.

Sally: Häh?

Hacker: Fährt ganz langsam, sehen Sie mal, New
Yorker Nummer dem gelben Rechteck nach zu
urteilen.

Sally: Sagen Sie bloß, wir kriegen Kundschaft.

Hacker: Sieht fast so aus, der, der scheint jemand
zu suchen, tatsächlich, der hält vor unserm Haus.

Sally: Auch das noch.

Hacker: Na los, Sally, tun Sie so, als hätten Sie
was zu tun.

Sally: Was denn Mr. Hacker, Whisky holen oder.

Hacker: Nein, was geschäftliches natürlich,
spannen Sie einen Bogen in die Maschine und tippen
Sie.

Sally: Was denn, richtig arbeiten.

Hacker: Und machen Sie das Radio aus, los, los.

Sally: Jajajajaja...

Hacker: Bewegen Sie sich ein bißchen.

Sally: Schön, schön spielen gut gehendes Geschäft.

Hacker: Ja, na, etwas schneller.

Sally: Was soll ich denn nur tippen, Mr. Hacker?

Hacker: Von mir aus das Alphabet vorwärts und
rückwärts, Hauptsache, es hört sich nach Arbeit
an.

Sally: OK.

Hacker: Na schneller, können Sie nicht ein bißchen
schneller.

Sally: Ja.

Hacker: Ja.

Waterbury: Mr. Hacker?

Hacker: Ja, Sir. Hacker, Haus- und
Grundstücksmakler, was kann ich für Sie tun?

Waterbury: Ich hab hier in dieser Zeitung Ihre
Anzeige gefunden.

Hacker: Ja, ich setze jede Woche ein Inserat ein,
hin und wieder inseriere ich sogar in der Times.

Waterbury: Soso.

Hacker: Ja, die, eine Menge Leute aus der
Großstadt interessieren sich nämlich für Städte
wie, wie unser kleines Ivy Corners, Mr.

Waterbury: Waterbury, darf ich mich setzen.

Hacker: Bitteschön.

Waterbury: Danke.

Hacker: Nehmen Sie Platz, Mr. Waterbury, ja,
gerade diese kleinen idyllischen Städte sind jetzt
sehr beliebt, hehehe, nicht wahr, stimmt’s Sally.

Sally: Sagten Sie was, Mr. Hacker?

Hacker: Ja, ich sagte was, ich sagte, daß grade
Leute aus der Großstadt solche kleinen idyllischen
Städtchen wie unseres sehr lieben.

Sally: O ja, Mr. Hacker, die Leute sind ganz
versessen drauf.

Hacker: Ja, schon gut, Sally, schreiben Sie
weiter.

Waterbury: Ich hab nicht viel Zeit, kommen wir
gleich zum Geschäftlichen.

Hacker: Ist mir recht, Sir, ähm, Sally, Sally?

Sally: Ja, Mr. Hacker?

Hacker: Hören Sie endlich mit dem verdammten
Geklapper auf.

Sally: Ja, Mr. Hacker.

Hacker: Also, ist es irgend ein spezielles
Grundstück, für das Sie sich interessieren, Mr.
W...

Waterbury: Waterbury, ja, es handelt sich um ein
Haus, das am südlichen Stadtrand liegt, ganz genau
gegenüber einem alten Bau.

Sally: Ach, das Kühlhaus.

Waterbury: Ja, was dieser Bau darstellt, weiß ich
nicht, es steht leer.

Hacker: Südlicher Stadt, Sie meinen sicher das
Kühlhaus, ja dieses, äh dieser leerstehend,
leerstehende Bau ist das Kühlhaus, nicht wahr,
Sally.

Sally: Ja, richtig.

Hacker: Und das andere, sagen Sie, war das ein
Haus, etwa so ein altes Haus mit Säulen und.

Waterbury: Ja, es hatte Säulen.

Hacker: Und eine Veranda davor, so eine alte
hölzerne Veranda und rund herum so ein
verwilderten Garten, meinen Sie das Haus.

Waterbury: Die Beschreibung paßt genau, das ist
das Haus, das ich meine, also, wie steht es damit,
soweit ich mich erinnere, habe ich irgendwo eine
Tafel „Zu verkaufen“ gesehen, aber 100prozentig
weiß ich es nicht.

Hacker: Doch doch, da können Sie schon recht
haben, also so ein Haus möchten Sie haben.

Sally: Wie wär’s denn mit dem Bungalow, Chef?

Hacker: Moment, gut, da könnte, da könnte ich
Ihnen schon was anbieten, beispielsweise 6 Zimmer,
2 Bäder, Swimmingpool und einen sehr gepflegten
Park.

Waterbury: Was faseln Sie da von Swimmingpool?

Hacker: Also kein Swimmingpool, bitte sehr, bitte,
dann vielleicht äh ein Waldgrundstück, Blockhaus,
5 Zimmer, eigenes Jagd.

Waterbury: Mr. Hacker, hören Sie zu, ich habe Sie
nicht nach irgendeinem Haus gefragt, sondern nach
dem Haus mit den Säulen und der Veranda davor.

Hacker: Aber lieber Mr. Waterbury, das ist doch
kein Haus für Sie.

Waterbury: Überlassen Sie das gefälligst mir.

Hacker: Bitte, bitte, schön, Sally, bitte die Akte
Grimes, bitte bißchen schneller, ja, ich werde es
Ihnen zeigen, Mr. Waterbury, aber ich garantiere
Ihnen, daß Sie das Haus nicht kaufen werden.

Sally: Bitte sehr, Mr. Hacker, Grimes, hier ist
die Akte.

Hacker: Na, dann wollen wir mal sehen. Aber
vielleicht ist es am besten, Sie lesen es selber,
Mr.

Waterbury: Ja gut, geben Sie her, aha, echter
Kolonialstil, 8 Zimmer, 2 Bäder, automatische
Ölheizung, geräumige Veranden, Bäume und
Sträucher, Geschäfte und Schulen in der Nähe, aber
was wollen Sie eigentlich, Mr. Hacker, hört sich
doch alles wunderbar an.

Hacker: Ja, lesen Sie nur weiter.

Waterbury: Gepflegtes ruhiges Wohnviertel ohne
Industrie, kein Gegenüber, Preis 75...75.000
Dollar, das, das, Sie sind wohl nicht recht bei
Trost.

Hacker: Na, was habe ich gesagt, immer noch
interessiert?

Waterbury: Steht das Haus auf einer Ölquelle oder
was ist los damit.

Hacker: Ohoho, Sie meinen, weil es so teuer ist.

Waterbury: Na was wohl sonst, ja.

Hacker: Das ist es doch gerade, seit 5 Jahren habe
ich das Haus an der Hand, nicht wahr, Sally.

Sally: Jaja.

Hacker: Seit 5 Jahren, ich will gern verkaufen,
das ist doch mein Beruf, nur zu gern, davon leb
ich doch, aber bisher hat sich noch kein Käufer
gefunden, der bereit ist, ganze 75.000 Dollar für
das Haus zu bieten.

Sally: Nicht einer.

Hacker: Keiner, mit einem Wort, aber Mrs. Grimes
läßt einfach nicht mit sich reden.

Waterbury: So, sie läßt nicht mit sich reden, hat
sie vielleicht einen besonderen Grund, wer ist
diese Mrs. Grimes eigentlich.

Sally: Die Hausbesitzerin.

Hacker: Die Hausbesitzerin, ich glaube, ich
glaube, es ist am besten, ich erzähle Ihnen mal
alles von Anfang an.

Waterbury: Tun Sie das, Mister, wenn ich kaufen
soll, muß ich alles genau wissen, ganz genau
sogar.

Hacker: Mrs. Grimes, die Hausbesitzerin also, ist
eine sehr nette alte Dame, vor 5 Jahren, als ihr
Sohn starb, entschloß sie sich, das Haus zu
verkaufen, nicht wahr, Sally, den Auftrag dazu gab
sie mir, ich wollte gar nicht, wirklich nicht.

Sally: Das stimmt, das stimmt.

Hacker: Ich wollte gar nicht, nicht wahr, Sally,
Mr. Waterbury, das hab ich ihr auch mitten ins
Gesicht gesagt, der alte Kasten ist doch niemals
75.000 Dollar wert, Sie können es mir glauben, ich
verstehe was von Häusern.

Sally: Also da können Sie ganz sicher sein, der
Chef, der versteht was von Häusern.

Hacker: Ganz ganz sicher sein, keine 10.000 ist es
wert.

Waterbury: So, keine 10, und sie will 75. haben.

Hacker: Ja, fragen Sie mich nicht, warum, das Haus
ist nämlich wirklich alt.

Sally: Ein ziemlich alter Kasten, unter uns
gesagt.

Hacker: Ja aber nicht so wie die anderen, die
solide wie auf Fels gebaut sind, einfach alt ist
es, nichts weiter, außerdem ist nie etwas gegen
Termiten getan worden, in den nächsten paar Jahren
kommt bestimmt ein Balken und dann klappt der
nächste runter, zudem stehen die Kellerräume die
halbe Zeit unter Wasser.

Sally: Na, da brauchen Sie keinen Swimmingpool,
ne?

Hacker: Die erste Etage ist auf der einen Seite
gut 20 cm abgesackt, und das Grundstück ist der
reinste Urwald.

Waterbury: Ja, weshalb verlangt sie dann so viel
dafür.

Hacker: Fragen Sie mich nicht, vielleicht Gefühl,
für Tradition, seit dem großen Krieg ist das Haus
im Besitz der Familie, kann sein, daß das der
Grund ist.

Waterbury: Ja, das kann natürlich sein, ach, und
dabei gefällt es mir so gut, es ist, ich weiß
nicht, wie ich es erklären soll, es ist genau die
richtige Art von Haus für mich.

Hacker. Ich weiß, was Sie meinen, ein freundliches
altes Haus, und für 10.000 Dollar wäre es auch ein
guter Kauf, aber 75, hahaha.

Waterbury: Ich fahr mal hin zu der alten, werd mal
mit ihr reden.

Hacker: Ich werde bei Mrs. Grimes anrufen und sie
auf Ihren Besuch vielleicht vorbereiten.

Waterbury: Meinetwegen, also bis später.

Waterbury: Genau die richtige Art von Haus ist
das.

Grimes: Ah, Sie sind sicher Mr. Waterbury, Mr.
Hacker hat Sie schon angekündigt.

Waterbury: Ja, der bin ich, guten Tag, Mrs.
Grimes, wie geht es Ihnen?

Grimes: Ich bin zufrieden, wahrscheinlich möchten
Sie hereinkommen.

Waterbury: Wenn ich darf, es ist nämlich
schrecklich heiß hier draußen.

Grimes: Oh, aber bitte, mein lieber, bitte, kommen
Sie, so, ich habe schon Limonade in den
Kühlschrank gestellt, aber eins muß ich Ihnen
gleich sagen, Mr. Waterbury, ich lasse mich auf
keinen Handel ein, nein, zu diesen Leuten gehöre
ich nicht.

Waterbury: Aber ich will doch gar nicht mit Ihnen
handeln, Mrs. Grimes.

Grimes: So, bitte hier herein.

Waterbury: Danke.

Grimes: Bitte, Mr. Waterbury, nehmen Sie Platz,
ich setze mich gleich wieder in meinen
Schaukelstuhl, da sitze ich nämlich am bequemsten.

Waterbury: Darf ich Ihnen behilflich sein.

Grimes: Nein danke, das kann ich recht gut
alleine, sonst ist ja auch niemand hier, der mit
hilft.

Waterbury: Schön dunkel und kühl ist es hier, eine
richtige Wohltat.

Grimes: Also, was führt Sie her, Mr. Waterbury.

Waterbury: Tja, ja da dann will ich es mal
folgendermaßen ausdrücken, Mrs. Grimes, ich bin
Geschäftsmann, Junggeselle dazu.

Grimes: O wie schön.

Waterbury: Ja, ich habe schwer gearbeitet und
dabei ein hübsches kleines Vermögen gemacht, und
jetzt möchte ich mich zur Ruhe setzen, am liebsten
an einem Ort, wo es ganz ruhig ist, Ivy Corners
gefällt mir, ja, vor einigen Jahren bin ich einmal
hier durchgekommen, und zwar auf dem Wege nach,
nach Albany, und damals habe ich mir gesagt, hier
möchte ich leben, einmal so richtig ausspannen.

Grimes: Und.

Waterbury: Ja, und als ich heute durch diese Stadt
fuhr und dieses Haus hier sah, da, da war ich
begeistert, es scheint für mich genau richtig zu
sein.

Grimes: Mir gefällt das Haus auch, Mr. Waterbury,
und deshalb verlange ich auch einen angemessenen
Preis dafür.

Waterbury: Einen angemessenen Preis, Sie müssen
doch zugeben, Mrs. Grimes, daß ein Haus dieser Art
heutzutage nicht mehr als.

Grimes: Mr. Waterbury, Sie schlimmer Sie, Sie
sollen doch nicht mit mir streiten.

Waterbury: Aber liebe Mrs. Grimes.

Grimes: Jaja, Sie streiten mit mir, und in diesem
Punkt, da bin ich nun etwas eigensinnig, ich habe
einen Preis für das Haus festgesetzt, und wenn Sie
den nicht bezahlen wollen, brauchen wir uns gar
nicht mehr darüber zu unterhalten, dann sprechen
wir vom Wetter.

Waterbury: Aber Mrs. Grimes, ich meinte doch nur,
es wäre vielleicht.

Grimes: Kein Wort mehr von dem dummen Haus, mein
Lieber, wollen wir ein bißchen in den Garten
gehen?

Waterbury: Noch einen Moment, Mrs. Grimes, bitte,
noch einen kleinen Moment, ich weiß, daß es
verrückt ist, aber, also gut, Mrs. Grimes, ich bin
einverstanden, ich zahle den Preis, ich zahle, was
Sie verlangen.

Grimes: So, haben Sie sich das auch genau
überlegt, Mr. Waterbury?

Waterbury: Ja, das habe ich, Geld habe ich genug,
wenn Sie unbedingt Ihren Willen haben wollen,
bitte, ich bin einverstanden.

Grimes: Sie wollen mir wirklich 75.000 Dollar
bezahlen.

Waterbury: Da Sie darauf bestehen, nun gut, ich,
das Haus gefällt mir nun mal, ja, es gefällt mir
wirklich.

Grimes: Das freut mich, nun, die Limonade ist
jetzt bestimmt kalt genug, ich hole Ihnen ein
Glas.

Waterbury: Sehr freundlich.

Grimes: Und dann möchte ich Ihnen einiges über
dieses Haus erzählen.

Waterbury: Puh, diese Affenhitze, auf die Dauer
hält das kein Mensch aus.

Grimes: So, Mr. Waterbury, hier ist Ihre Limonade.

Waterbury: Vielen Dank.

Grimes: Ich habe noch Eiswürfel hinein getan.

Waterbury: Oh, danke, Mrs. Grimes, danke, sehr
liebenswürdig, oh, das tat gut.

Grimes: Dieses Haus befindet sich seit 1802 im
Besitz meiner Familie, rund 15 Jahre vorher war es
gebaut worden, mit Ausnahme meines Sohnes Michel
wurde jedes Mitglied meiner Familie in dem oben
liegenden Schlafzimmer geboren.

Waterbury: Na ja, da hängt man natürlich an so
einem Haus.

Grimes: Und außerdem liebe ich dieses Haus,
verstehen Sie mich.

Waterbury: Natürlich, Mrs. Grimes, ich verstehe
Sie ja so gut.

Grimes: Michels Vater starb, als Michel 9 war,
damals hatten wir es sehr schwer, ich übernahm
Näharbeiten, dann starb mein Vater, er hinterließ
mir eine kleine Jahresrente, von der ich heute
lebe, nicht gerade großartig, aber ich komme
zurecht, Michel vermißte seinen Vater sehr,
vielleicht sogar mehr als ich es tat, und im Laufe
der Zeit wurde er, Gott ja, wild ist das einzige
Wort, das einem dabei einfällt, verstehen Sie.

Waterbury: Die Jugend.

Grimes: Ja, als er das Examen an der Highschool
gemacht hatte, verließ er Ivy Corners und ging in
die Stadt, gegen meinen Willen, Mr. Waterbury,
gegen meinen Willen, damit kein Irrtum entsteht.

Waterbury: In dem Alter weiß man das Gute meistens
noch nicht zu schätzen.

Grimes: Er war wohl so, wie viele junge Leute in
dem Alter sind, voller Ehrgeiz, aber noch ohne
jedes Ziel, was er in der Stadt anfing, weiß ich
nicht.

Waterbury: Ja hat er Sie denn nie besucht.

Grimes: Er schickte mir regelmäßig Geld, Erfolg
muß er also gehabt haben, 9 Jahre lang sah ich ihn
nicht.

Waterbury: Jajaja, 9 Jahre, das ist wirklich eine
recht lange Zeit.

Grimes: Ja, es war für mich nicht leicht, aber
noch viel schlimmer war es, als er wieder nach
Hause kam, und zwar wegen irgendwelcher
Schwierigkeiten.

Waterbury: Oh, er hatte Schwierigkeiten.

Grimes: Ich hatte keine Ahnung, wie groß diese
Schwierigkeiten waren, mitten in der Nacht tauchte
er plötzlich auf, er sah viel dünner und älter aus
als ich es jemals für möglich gehalten hätte,
Gepäck hatte er keines bei sich, bis auf einen
kleinen schwarzen Koffer.

Waterbury: Ja, ja und.

Grimes: Als ich versuchte, ihm diesen kleinen
Koffer aus der Hand zu nehmen, hat er mich fast
geschlagen, mich, seine eigene Mutter.

Waterbury: Na, das war aber wirklich sehr unrecht
von Ihnen.

Grimes: Ja, Sie haben recht, es war nicht richtig,
aber der Junge war wohl sehr verwirrt, ich habe
ihn nachher zu Bett gebracht, als wäre er wieder
ein ganz kleiner Junge, und dann hat er geweint,
die ganze Nacht habe ich ihn weinen gehört.

Waterbury: Ach, der arme arme Junge.

Grimes: Aber er ließ mich nicht zu sich herein, er
hatte seine Tür verriegelt, am nächsten Tag
schickte er mich aus dem Haus, nur für ein paar
Stunden, er hätte irgend etwas vor, sagte er, was
es war, verriet er nicht, als ich dann aber gegen
Abend heim kam, merkte ich, daß der kleine
schwarze Koffer verschwunden war.

Waterbury: Was soll das heißen.

Grimes: Damals wußte ich es noch nicht, aber gar
nicht viel später bekam ich es heraus, schrecklich
schnell, in der folgenden Nacht kam ein Mann in
unser Haus, ich weiß heute noch nicht, wie er
überhaupt herein kommen konnte, merken tat ich es
erst, als ich in Michels Zimmer Stimmen hörte, ich
schlich an die Tür und versuchte zu lauschen.

Waterbury: Was, Sie haben gelauscht, ja und?

Grimes: Ich wollte doch herausfinden, in welchen
Schwierigkeiten mein Junge steckte, aber ich hörte
nur Stimmen, laute und drohende Stimmen, und dann.

Waterbury: Und dann.

Grimes: Und dann ein Schuß, als ich ins Zimmer
kam, stand das Fenster weit offen, der Fremde war
verschwunden, und Michel, Michel lag auf dem
Boden, er war tot, erschossen, das alles geschah
vor 5 Jahren, vor 5 langen Jahren, es dauerte eine
ganze Weile, bis ich erfuhr, was passiert war.

Waterbury: Was haben Sie denn herausgekriegt.

Grimes: Die Polizei hat mir die ganze Geschichte
erzählt, Michel und der andere Mann hatten ein
Verbrechen begangen, ein schweres Verbrechen,
viele viele tausend Dollars hatten sie gestohlen,
fast eine halbe Million, eine halbe Million,
Michel hatte das Geld genommen und war damit
weggelaufen, weil er es für sich behalten wollte,
er versteckte es irgendwo in diesem Haus, wo, das
weiß ich bis heute nicht, dann kam der andere Mann
zu meinem Sohn, um seinen Anteil zu fordern, als
er feststellte, daß das ganze Geld verschwunden
war, brachte er meinen Jungen um, aus Rache.

Waterbury: Und, und Sie haben das Geld nicht
gefunden.

Grimes: Nein, Mr. Waterbury, nein, sehen Sie, Mr.
Waterbury, deshalb habe ich das Haus zum Verkauf
ausgeschrieben und viel zu viel Geld dafür
verlangt.

Waterbury: Ja, viel zu viel, wieso, das verstehe
ich nicht.

Grimes: Nein, Mr. Waterbury, verstehen Sie
wirklich nicht, ich wußte, daß der Mörder meines
Sohnes zurückkommen wurde, irgendwann einmal,
irgendwann würde er kommen, um sich das Geld zu
holen, das viele Geld, das noch immer hier in
diesem Haus versteckt sein muß, ich wußte, eines
Tages würde ein Mann kommen, um dieses Haus zu
kaufen, er würde sich nicht abweisen lassen, auch
ein hoher Preis, ein viel zu hoher Preis würde ihn
nicht abschrecken, und ich habe recht gehabt,
nicht wahr, Mr. Waterbury, 75.000 Dollar sind
Ihnen nicht zu viel?

Waterbury: Die Limonade...die...die Limo...

Mr. Waterbury: Günther Ungeheuer
Mrs. Grimes: Annemarie Rocke-Marks
Mr. Hacker: Alfred Balthoff
Sally: Ursula Langrock

Ray Bradbury: Ein langer Weg nach Hause (NDR/SDR
1989)

Charles: Es war ein langer heißer Tag gewesen, die
Rechenmaschinen im Büro hatten gesungen wie
Millionen metallischer Grillen, ein schrecklicher
Tag, Mr Sternwall hatte mich angebrüllt, ich hätte
Sternwall am liebsten umgebracht, eines Tages
dachte ich auf dem Nachhauseweg, eines Tages wirst
du diesen Mr Sternwall vom 10. Stock aus dem
Fenster werfen, mein Herz ratterte wie eine aus
dem Tritt geratene kaputte Rechenmaschine als ich
endlich vor der Wohnungstür stand, was hatte doch
der Doktor gesagt, ihr Herz hat ein bißchen Ruhe
nötig, gönnen sie sich einen Urlaub, Urlaub, es
war völlig unmöglich mit Lydia über Urlaub zu
reden, jedes Mal wenn ich auf mein Herz zu
sprechen kam, klappte ihr Mund zu wie eine Falle,
nein, hinter der Wohnungstür hörte ich das Radio
plärren wie immer und ich wußte, drinnen wartet
sie, die Frau die ich einmal geliebt hatte, o mein
gott, dieses ewige einerlei, rein in die
Straßenbahn, raus aus der Straßenbahn, das Büro,
die Arbeit, diese unendlich langweiligen Gespräche
mit Lydia über halbgarem Essen, es war zum
verrückt werden, manchmal dachte ich sogar daran
Lydia umzubringen, die art und weise wie sie allen
jüngeren Männern im Haus nachsah mit starren
fibrigen Blick als ob sie Spielzeug wären das nur
darauf wartete benutzt zu werden.

Travis: Oh hi Mr Guidney, hab gerade ihr Radio in
Ordnung gebracht.

Charles: Radio, ich wußte gar nicht daß.

Travis: Ist wieder alles ok, auf wiedersehen, Mr
Guidney.

Charles: Ich sah Travis nach, wie er den Flur
hinunterging, dann trat ich in die Wohnung, Lydia
saß breit hingefläzt auf dem Sofa geschmückt mit
ihrer schreienden Rothaarperücke.

Lydia: Du bist aber spät dran.

Charles: Es ist doch erst fünf nach 6.

Lydia: Und morgen ist es 10 nach 6, und am abend
drauf zwanzig nach, und es wird später und später
und später.

Charles: Mein Herz Lydia.

Lydia: Dein Herz wieder mal dein verdammtes Herz,
du bist kerngesund, Charly, das einzige was dir
fehlt ist ein bißchen mehr Nachtschlaf.

Charles: Der Doktor sagt aber.

Lydia: Also ich kann zu meinen großen leidwesen
nicht erkennen daß du nah daran bist tot
umzufallen gott hab mich selig.

Charles: Ach du du willst doch nur ablenken, mich
an der Nase rumführen, der junge Radiobursche
dieser Travis ist wieder mal zu besuch da gewesen.

Lydia: Mach dich nicht lächerlich, Charli.

Charles: Das war zu viel, ihre Kälte brachte mich
auf.

Charles: Kuck mal da eine Maus.

Lydia: Hi, wo.

Charles: Guck doch mal hin.

Lydia: Wo Charli.

Charles: Ihre schreckgeweiteten Augen irrten
suchend umher, ich hatte wieder zum alten Trick
gegriffen.

Lydia: Dafür zieh ich dir diese Woche 10 Dollar
mehr von deinem Gehaltsscheck ab 10 Dollar oder du
kochst du dir eine Woche lang dein Abendessen
selbst wie letzten Monat.

Charles: Was sollte ich darauf antworten, die Ehe
hat uns gemein und kleinlich werden lassen, das
hätte ich vielleicht sagen können und komm Lydia
wir verschwinden aus Los Angeles laß uns ein neues
Leben beginnen, aber ich wußte ja es hatte kein
Sinn, Lydia gehörte zu jener Sorte Frauen die
einem aus purer Bosheit Sahne in den Kaffee
schütten wenn man ihn am liebsten schwarz mag, und
das Radio auf Orkanstärke stellen, wenn einem der
Schädel brummt, wie hätte ich ihr meine Sehnsucht
nach Ruhe, nach Urlaub, eingestehen können, sie
hätte gesagt daß wir uns eine Reise um meiner
Gesundheit willen gar nicht leisten können, da saß
ich schon lieber da und sah mir beim sterben zu.

Lydia: Mach schon die Tür zu und häng deinen
speckigen Hut auf.

Charles: Wozu, das nutzt jetzt auch nichts mehr,
ich hab nämlich gerade jemand umgebracht.

Lydia: So wie heißt er denn.

Charles: Du scheint mich nicht zu verstehen, ich
sagte ich hab gerade jemand umgebracht,
umgebracht, abgemurkst, gekillt.

Lydia: Gekillt, wirklich.

Charles: Nun hatte ich die Sache angefangen, jetzt
mußte ich sie auch zuende bringen, ein Rückzieher
war nicht mehr drin, machs gut, redete ich mir zu,
machts gut, gibs ihr, mach weiter.

Charles: Ich hab ihn direkt ins Herz getroffen,
ganze Arbeit, ich konnte nicht anders, ich mochte
seine Visage nicht, es war einer von diesen Leuten
ohne Kinn, ich hab ihm das Herz durchs Rückgrat
gepustet, er hat ganz verwundert geguckt.

Lydia: Ach nein.

Charles: Es war beinahe so, als hätte ich wirklich
jemand umgebracht, ich stellte mir den Knall vor,
das Blut, die Erregung, mein Herz pochte, und
Lydia, ihren Mr Trevis und ihr Radio und ihre
niederträchtige Grausamkeit hatte sie total
vergessen, sie sah mir zu wie einem Roboter dessen
Schlüssel sie verloren hatte, eins war mir klar,
wenn ich mich jetzt verplapperte, konnte ich
himmlischen Beistand brauchen.

Charles: Peng und ab in die Hölle, das hättest du
sehen sollen, er knickte über meiner Knarre ein,
wie eine Marionette, gott war das aufregend.

Lydia: Charlie.

Charles: Der Einfall kam mir heute morgen im Büro,
Mr Sternwall brüllte mich an, und da hab ich mir
gedacht, er sollte nicht so laut brüllen, ich kann
das nämlich gar nicht leiden, und dann hab ich mir
gedacht wozu ist er eigentlich noch auf der Welt,
der wird allmählich alt und irgendjemand muß doch
mal dafür sorgen daß er aufhört so herumzubrüllen
irgendjemand aber wer, auf einmal ist mir dann die
Idee gekommen.

Lydia: Du.

Charles: Ja ich, Mr Charles Guidney, der kleine
ordentliche feige und blaße Angestellte Charles C.
Guidney, Blut überall Blut.

Charles: Lydias Gesicht war wie es in 10 Jahren
nicht mehr gewesen war, alle Gemeinheit war in
diesem Augenblick aus ihm gewichen, sie war
erschüttert, plötzlich war Lügen die schönste
Sache der Welt.

Lydia: Aber die Waffe Charly, die Pistole du hast
doch gar keine.

Charles: Och nichts einfacher als das, ich hab
heute früher feierabend gemacht, auf der Main
street kann man sich keine Waffe kaufen ohne
Waffenschein, also hab ich mir eine geklaut, ne
22er, als der Händler einen Augenblick nach hinten
ging hab sie mir geschnappt, dann ging ich zurück
ins Büro und folgte Mr Sternwell die Treppe
runter, in einer Seitenstraße hab ich ihn dann
kaltgemacht, ja und nun bin ich auf der Flucht,
wir müssen aus der Stadt verschwinden, Lydia
verreisen.

Lydia: Wir.

Charles: Ja wir beide, natürlich oder.

Charles: Sie gab keine Antwort, wenn sie mich
wirklich haßte, würde sie mich jetzt der Polizei
übergeben, auf der Stelle, mein gott die
Peinlichkeit wenn sie wirklich die Polizei riefe,
ich würde in ihrer Gegenwart mit der Wahrheit
herausrücken müssen und sie würde keifen und
kochen und mich noch mehr hassen.

Lydia: Und was soll ich deiner Meinung nach tun.

Charles: Du meinst du willst mir helfen, du liebst
mich noch so sehr daß du mit mir gehst.

Lydia: Was soll ich deiner Meinung nach tun.

Charles: Vielleicht durchschaute sie mich,
vielleicht sah sie ganz neue Seiten an mir weil
ich genug Fantasie bewiesen hatte mir eine
derartige Geschichte auszudenken, vielleicht
spielte sie dieses Spiel selbst gerne mit, ich
mußte fast lachen.

Lydia: Also Charli, was soll ich deiner Meinung
nach tun.

Charles: Ich packe die Koffer, du reservierst
Plätze im Nachtbus nach San Diego, wir vergessen
die ganze Geschichte in Mexiko 6 Monate lang, das
wird toll Lydia.

Lydia: Wie du meinst Charly.

Charles: Und spute dich, viel Zeit haben wir nicht
zu verlieren.

Lydia: Natürlich Charlie ich geh ja schon.

Charles: Etwas verblüfft war ich doch, sie liebt
mich, sie hilft mir tatsächlich, sie geht mit mir,
singend und lachend suchte ich Kleider zusammen
und stopfte sie in die Koffer, dann rasierte ich
mich, in aller Ruhe, die Rasiercremetube ließ ich
absichtlich offen und gab mir auch gar nicht erst
Mühe das Waschbecken zu säubern oder das Handtuch
gerade aufzuhängen.

Lydia: Hier sind die Fahrkarten.

Charles: Du hast aber lange gebraucht.

Lydia: Tut mir leid.

Charles: Mach das nicht noch mal.

Lydia: Es waren zu viel Leute da.

Charles: Und bloß keine Ausreden.

Lydia: Wirklich ich kann von Glück sagen daß ich
überhaupt Karten gekriegt habe.

Charles: Lydia.

Lydia: Der Bus fährt punkt 9.

Charles: Lydia du weißt nicht was das für mich
bedeutet, daß du zu mir stehst.

Lydia: Ja Charly, ja.

Charles: Hörst du mein gott sie umstellen das
Haus, wo ist mein Mantel, die Koffer, schnell die
Hintertreppe runter, und ab durch die
Seitenstraße.

Lydia: Der Streifenwagen ist vorbeigefahren
Charly.

Charles: Ah so ja dann gehen wir wohl doch besser
vorne raus, was ich nehme an es sieht ziemlich
eigenartig aus wenn wir durch die Seitenstraße
türmen.

Charles: Es ging schneller als ich gedacht hatte,
123 und wir waren unten trotz der schweren Koffer.

Lydia: Mr Kelly.

Kelly: Ah sieh an Mr und Mrs Guidney, schönen Tag
auch.

Charles: Tag Officier.

Lydia: Oh bitte, bitte Mr Kelly, Charley wollte
den Mann doch gar nicht umbringen.

Charles: Was soll das, nimm dich gefälligst
zusammen.

Lydia: Er wußte nicht was er tat, bitte, bitte
erschießen sie ihn nicht.

Kelly: Er wußte nicht was er tat, was denn.

Charles: Nichts Kelly nichts, das verstehen sie
nicht.

Lydia: Charly er wird uns erschießen.

Kelly: Jetzt aber mal langsam.

Charles: Geh rein Lydia, geh rein, ist schon gut
Lydia, o gott.

Kelly: Wovon reden sie eigentlich.

Lydia: Es ist Mr Sternwall, er war alt und gemein,
und jemand mußte ihn mal erschießen und Charly hat
es getan.

Charles: Jetzt ist es aber genug, Lydia du gehst
rein und wartest bis ich komme.

Kelly: Also Mr Guidney.

Charles: Meine Frau hat es mit den Nerven,
verstehen sie, sie sie sie glaubt ich hätte einen
Mann erschossen, hab ich aber nicht.

Kelly: So.

Charles: Nein Sir hab ich nicht, war alles nur ein
Witz.

Kelly: Nur ein Witz, aha und das hier, natürlich
schaffen sie die Klamotten gerade zum trocknen in
die Wäscherei rüber.

Charles: Klamotten.

Kelly: In ihren Koffern natürlich und dieses
kleine grüne Papier das aus ihrer Tasche guckt, da
wär also keine Busfahrkarte nach San Diego.

Charles: Officer ich sag ihnen doch meine Frau
bringt alles komplett durcheinander.

Kelly: Darf ich dann vorschlagen, daß sie mich
aufklären.

Charles: Rufen sie doch auf dem Revier an, fragen
sie doch mal nach, ob in den letzten 3 Stunden
irgendwelchen alten Männer getötet wurden.

Kelly: Also so beknackt bin ich nun auch wieder
nicht Mr Guidney, vielleicht haben sie die
sterblichen Überreste versteckt.

Charles: Also bitte Kelly sehe ich denn wie ein
Verbrecher aus, kommen sie mal her.

Kelly: Aha.

Charles: Verstehen sie jetzt, wenn sie
herauskriegt, daß alles ein ausgemachter Schwindel
ist, trag ich den Kopf nie wieder oben, die zieht
mir bei lebendigem Leib die Haut ab.

Kelly: Das ist natürlich eine andere Sache, aber
keine Angst, ich werde ich Katze schon nicht aus
dem Sack lassen.

Charles: Danke Kelly.

Kelly: Ich weiß genau wie ihnen zu mute ist, also
meine Frau manchmal, naja, ich hoffe es macht
ihnen nichts aus Mr Guidney, wenn ich trotzdem mal
anrufe.

Charles: Na klar doch klar.

Kelly: Nur ne Frage, liegt was besonderes vor.

Charles: Was ist.

Kelly: Was, ein Mord natürlich, ja, was, wirklich,
tatsächlich.

Charles: Na was ist denn nun Kelly.

Kelly: Ach hat er.

Charles: Es ist doch nichts oder.

Kelly: Ja wenn das so ist, mach ich.

Charles: Was denn Kelly.

Kelly: Er steht direkt neben mir, ok.

Charles: Nein Kelly nein, sehen sie mich nicht so
an.

Kelly: Oh doch Mr Guidney, ich verhafte sie
hiermit wegen Mordes an einem gewissen John
Pastor, der vor einer halben Stunde an einer
Schußwunde verblutend aufgefunden worden ist,
erschossen mit einer 22 Pistole in einer
Toreinfahrt, hinter ein paar Kehrrichtkübeln
drüben in der Tempelstreet, das ist gerade mal 8
Ecken von hier, nah genug also um mich an,
verdammt.

Charles: Was blieb mir anderes übrig, ich trat Mr
Kelly genau in dem moment vors Schienbein als er
die Handschellen hervorholte, dann gab ich ihm
noch eins mit der Faust, Kelly blieb regungslos
liegen, dann rannte ich zurück über die straße ins
haus.

Lydia: Charly, wir können nicht entkommen, wir
schaffen es nie.

Charles: Glaubst du.

Lydia: Wir waren verrückt es zu versuchen.

Charles: Jetzt ist alles ganz anders, warte auch
mich Lydia, ich bin gleich zurück.

Lydia: Und die Busfahrkarten.

Charles: Die brauchen wir jetzt nicht mehr, bis
nachher Lydia.

Lydia: Wo gehst du hin.

Charles: Ich weiß es nicht.

Lydia: Charly komm zurück, Charly.

Charles: Ein leben lang sture Mittelmäßigkeit, und
nun auf einmal bum krach peng Jack the Ripper, die
kalte Hand des Schicksals, ich blickte mich um,
hier war es also passiert, vor einer halben
Stunde, in diesem schäbigen Einkaufsviertel, in
dem Lydia und ich oft einen Bummel gemacht hatten,
Schnapsläden, Waffenläden, kleine Cafes, leere
Parkplätze und dunkle Seitenstraßen, betrunkene
Männer die ziellos umher torkelten du Narr sagte
ich mir, die Bullen werden dir deine Geschichte
jetzt auf keinen Fall mehr abkaufen, wie willst du
die Busfahrkarten erklären, die gepackten Koffer,
deine Flucht, die meisten Läden hatten ihre
Schutzgitter schon geschlossen, nur ein paar
Geschäfte hatten noch Licht.

Charles: Ich hörte hier solls ein bißchen Ärger
gegeben haben.

Mann: Ja da drüben in der Seitenstraße.

Charles: Ein alter Mann, was, wer war er, wer hat
ihn denn umgebracht.

Mann: Ich weiß nicht, ein oller Penner, was geht
mich das an.

Charles: Haben sie irgendwas gesehen.

Mann: Ne, nichts hab bloß blaue Hemden und
Sheriffsterne gesehen und Sirenen gehört.

Charles: Ich ging weiter und dachte angestrengt
nach, du suchst einen alten Mann den du nie zuvor
gesehen hast und den der ihn umgebracht hat, du
mußt den wahren Mörder finden, bei einer
Bevölkerung von anderthalb Millionen kann das doch
kein Kunststück sein, mir war danach die Leute die
mir entgegen kamen anzuhalten ihnen ins Gesicht zu
sehen und sie zu fragen, haben sie etwa zufällig
vor einer Stunde jemand umgebracht, nein na dann
besten dank auch und den nächsten, Mister sind sie
ein Mörder, ich ging in jeden Laden der noch offen
war, aber niemand hatte was gesehen.

Verkäufer: Der tote, Jonny, nein, hat ne menge
gesoffen, hat die ganze Zeit hier in den
Einfahrten rumgelungert, hat da nachts auch
geschlafen aber Grund den kalt zu machen hatte
keiner hatte doch kein bißchen Geld, sagen sie
haben sie ihn gekannt.

Charles: Ich, ich bin sehr nah mit ihm verwandt.

Verkäufer: Achso.

Charles: Da hatte ich mir ja was schönes
eingebrockt, während ich nur so auf dem
Nachhauseweg mit dem Gedanken gespielt hatte, Mr
Sternwill, meinen Boß umzubringen, hatte ich
meinem eigenen geregelten arbeitsamen Leben eine
unvorhersehbare Wendung ins Chaos gegeben, dabei
hatte ich doch niemand umgebracht, ich ärgerte
mich über meine Schnappsidee, ja nun du
Schlauberger, sagte ich mir, wenn du nicht der
Mörder bist, wer ist es dann.

Charles: Mr hat ihnen jemand heute ne Waffe
abgekauft, ne 22.

Händler: Sie machen wohl nen Witz.

Charles: Ich meine es ernst.

Händler: Gehen sie mir doch nicht mit sowas auf
den Geist, die Leute kaufen sich doch nicht jeden
Tag eine Waffe, außerdem man braucht einen
Waffenschein.

Charles: Vielleicht hat jemand darum gebeten, ihre
Waffen ansehen zu dürfen, und wenns nur einer ist.

Händler: Ein Kunde oder zwei, ich weiß nicht mehr
so genau.

Charles: Vermissen sie vielleicht eine Waffe.

Händler: Nein wieso denn, überhaupt nicht.

Charles: Allmählich wurde ich müde, immer die
gleiche Antwort.

Charles: Vermissen sie vielleicht eine Waffe Mr.

Händler: Warten sie mal einen Moment, glaube
nicht, aber 123456, nur 8, es müssen doch 9 sein,
1234 verdammt eine fehlt, eine 22er.

Charles: Erinnern sie sich noch, wer sie sich
heute angesehen hat.

Händler: Klar doch sicher, nur eine Person, konnte
die Waffe nicht kaufen, hatte keine Erlaubnis, ich
bin dort hinten in den kleinen Raum gegangen und
als ich wieder rauskam war niemand mehr da, muß
die Waffe gebraucht haben, hat sie einfach
geklaut.

Charles: Können sie die Person beschreiben.

Händler: Natürlich, natürlich kann ich das.

Charles: Und der Ladenbesitzer verbreitete sich in
größter Ausführlichkeit über die Besonderheiten
jener Person, die für das Verschwinden der Pistole
verantwortlich war, ich weiß nicht, was plötzlich
mit mir loswar, die Knie gaben unter mir nach, der
Laden um mich herum löste sich auf, erst nach
einiger Zeit gelang es mir, den Händler wieder
klar ins Auge zu fassen.

Charles: Ein Mörder könnte also ihre Waffe
stehlen, jemanden ein paar Ecken weiter erschießen
und die Waffe zurückbringen, bevor sie merken, daß
sie fehlt oder.

Händler: Sicher sicher ich nehm sie fast an, aber
sie ist ja nicht zurück gebracht worden, ist immer
noch weg.

Charles: Auf diese Weise könnte also jemand an
eine Waffe kommen und sie benutzen, die Polizei
würde sie nie und nimmer aufspüren, und der
Waffenhändler würde ebenfalls nie und nimmer
Verdacht schöpfen, die Polizei würde nicht auf den
Gedanken kommen, Waffen zu überprüfen, die sie
schon jahrelang hier haben, sie würde
wahrscheinlich fragen, ob eine fehlt, oder ob sie
irgendeine 22er verkauft haben, aber das wäre auch
alles nicht wahr.

Händler: Ja ja vielleicht möglich wäre es ja fast.

Charles: Völlig erledigt machte ich mich auf den
Heimweg, unterwegs fiel mir ein kleiner Laden auf,
dessen Lichter noch an waren und in seinem
Schaufenster befand sie etwas bestimmtes, Waffen
für die man keine Lizenz benötigte, ich ging
hinein, legte etwa Geld auf den Kassentisch und
als ich wieder herauskam liebkoste meine Hand in
der rechten Manteltasche eine Pistole.

Kelly: Ah das sind sie ja wieder.

Charles: Ich nehme an, sie kriegen ihren Mörder
noch heute abend Kelly.

Kelly: Ein Glück für sie Freundchen daß sie aus
eigenem Entschluß zurückgekommen sind, noch einmal
entkommen sie mir nicht.

Charles: Darf ich mich zuerst noch von meiner Frau
verabschieden.

Kelly: Naja meinetwegen, ich denke ich kann sie
adieu sagen lassen.

Charles: Könnten sie draußen warten Kelly.

Kelly: Gut, Mr Guidney.

Lydia: Ach Charly, gut daß dir nichts passiert
ist, ich hatte schon Angst, sie hätten dich
erschossen.

Charles: Beinahe hätten sies und sie tuns
vielleicht auch noch.

Lydia: Wir kommen bestimmt nicht davon, oh Charly
warum hast du es nur getan.

Charles: Ich habs gar nicht getan.

Lydia: Was.

Charles: Ich habe gelogen, hast du denn nicht
gemerkt daß ich von anfang an gelogen habe.

Lydia: Ich wieso nein nein hab ich nicht.

Charles: Und ist dir da nicht ein toller Einfall
gekommen, meine teure Gattin.

Lydia: Ich verstehe nicht Charly.

Charles: Ich hab dich losgeschickt, Fahrkarten
besorgen, du mußtest nur in diesem Laden
vorbeischauen, der auch Waffen führt, nach einem
bestimmten Artikel fragen, so daß der Besitzer für
einen Augenblick den Raum verlassen mußte, die
Waffe stehlen, die Tempelstreet entlanglaufen,
einen von den dutzenden Säufern und Pennern
aussuchen die dort in den Eingängen schlafen, den
Mann erschießen, zum Busbahnhof weitergehen, die
Fahrkarten kaufen und wieder heimkommen.

Lydia: Was redest du da.

Charles: Als du dann den Polizisten gesehen hast,
hast du einen hysterischen Anfall vorgetäuscht, um
mich ans Messer zu liefern, ein guter Plan, du
hattest nur nicht bedacht, daß ich entkommen und
mich bei den Waffenhändlern umtuen könnte, du
hattest wahrscheinlich die Absicht, die Waffe
morgen zurückzubringen, deine Aussage gegen mich
wäre vernichtend gewesen, ich sei heimgekommen,
hättest du gesagt und hätte dir erzählt, ich hätte
jemanden umgebracht, du hast gehofft daß mich die
Polizei bei der Festnahme vielleicht sogar
erschießt, die Busfahrkarten, unsere gepackten
Koffer, meine Vorgesetzten, die von nichts wußten,
unsere Freunde, denen unsere Reisepläne nicht
bekannt waren, all das wären verdammt gute Beweise
gegen mich gewesen.

Lydia: Du fantasierst.

Charles: Ich auf Jahre im Gefängnis, womöglich
sogar hingerichtet und du frei, frei mit deinen
Busfahrkarten hinzufahren wo immer du willst,
natürlich in Begleitung deines Freundes Travis,
keine Langeweile mehr, was Lydia.

Lydia: Du bist verrückt, verrückt, total
übergeschnappt.

Charles: Tut mir leid daß es so ausgegangen ist,
wir hätten glücklich sein können, hätten noch mal
von vorne anfangen können, selbst wenn dir klar
war, daß ich dir das mit dem Mord nur vorgelogen
hatte, du hättest mitspielen sollen, es wäre schön
gewesen, aufregend, hast du mich all die Jahre so
sehr gehaßt.

Lydia: Du bist ja wahnsinnig.

Charles: Dann Lydia komm her, dann sieh dir doch
erstmal das hier an.

Lydia: Nein Charly.

Charles: Scharf geladen, so scharf wie deine 22er.

Lydia: Du willst.

Charles: Es ist aus Lydia.

Lydia: Charlie.

Charles: Aus, endgültig aus.

Lydia: Ja Charly, ja ich habs getan, ich habs
getan, ich hab ihn umgebracht, aber nimm das Ding
weg, nimm es weg bitte, bitte.

Kelly: Ok Mr Guidney, lassen sie ihre Frau in
ruhe, ab jetzt kümmere ich mich um sie, geben sie
ihre Waffe her.

Charles: Ist nichts wert Kelly, nur eine
Spielzeugpistole.

Lydia: Du Schwein, du Miststück.

Kelly: Ruhig Mrs. Guidney, ganz ruhig.

Charles: Balduin Baas
Travis: Adolphos Sowah
Lydia: Evelyn Hamann
Kelly: Franz-Josef Steffens
Mann: Douglas Welbat
Verkäufer: Hans Irle
1. Händler: Gerd Samariter
2. Händler: Gerlach Fiedler

Roter Stern (BR/SFB 1992)
Hörspiel von Simone Schneider

Liebste Lilina, 50.000 Tonnen schwer und höher als
das Warenhaus Die Welt des Kindes in den Himmel
über Moskau ragt, Lilina, mein erster
Wolkenkratzer naht. Vor den Ufern Sewastopols
schwimmt New World New York, zwei Klassen und zwei
Schornsteine, bunt geflaggt zu Blasmusik auf
schwarzem Meer tanzt Roter Stern. Pack deine
Tränen in einen Sack und schick Sie mir nach
Amerika. Ozean der Fanatiker, reißt sich die blaue
Bluse auf, um mich in eine andere Welt zu
schaukeln, Lilina, adieu, dein Hündchen.

Wladimir auf dem Weg in seine Bordkabine.

Tief ist der Ozean. Der Ozean ist eine Sache der
Vorstellung. Was unterscheidet ein Ufo von einer
schwebenden Ikone? In Moskau setzt man ganze
Häuserblöcke auf Räder. Auch das ist eine Sache
der Stadtplanung. Im 30. Jahrhundert sind wir die
Metropole im Kosmos. Bis dahin wird gearbeitet.
Haben Sie Metropolis gesehen? Ich träume oft von
Grenzüberschreitung. Zur linken der Nordpol, zur
rechten der Südpol, vor uns eine neue Welt und
unter uns das versunkene Atlantis. Diese
Vorstellung heißt Ozean. Gibt es hier Ungeziefer?
Ohne das Wasser wäre es fad. Ich sehe lange
Wellen, kurze Wellen, lange Wellen. Wanzen sind
wasserscheu. Man wird sich die Zeit vertreiben
müssen. Kotzen zum Beispiel. Die erste Klasse
kotzt wohin sie will, das ist ja klar. Die zweite
kotzt auf die dritte und die dritte bekotzt sich
selbst. Seit wann gibt’s hier Klassen?

Ja bitte?

Ein Brief für Wladimir Bombrowitsch.

Vielen Dank.

Liebster Freund, durch dieses Loch betrachtet
sieht unser Rußland so klein aus. Wer schwimmt
hier eigentlich? Ich oder der Kontinent? Ja, ich
bin ein Schwärmer, wenn’s ums Reisen geht. Mit
einer Schiffsreise ist selbst die Reise durch den
Tod bei weitem nicht zu vergleichen. Wie
unbeschreiblich schön muß erst die Reise zu den
Sternen sein, dorthin, wo der neue Mensch die
Fesseln der Schwerkraft auch noch abschütteln
kann.

Können Sie mir den Weg ins Bordkasino erklären?

Man sagt, die Kosmofuturologie sei realistische
Phantastik. Die Tür zum All sei längst schon
aufgestoßen, doch ist der Durchgang noch nicht
öffentlich.

Nein.

Wieviel grenzenloser darf sich da bereits die
Tierwelt fühlen? Affen, Katzen, Hunden,
Meerschweinchen, ist der Weg zu den Sternen von
Geburt an frei.

Vielen Dank.

Während die Maschinen arbeiten, fliegen die Tiere
durchs All. Fast alle Hunde kommen in den Himmel
und wollen aus diesem auch nicht mehr zurück.

Wladimir auf dem Weg ins Bordkasino.

Bei den Aristokraten verhält es sich nicht anders.
Auch sie bleiben lieber an der Riviera. Sogar aus
Sibirien kommen nicht alle wieder. Die übrigen
stehen vorerst über den Wodka in den Tourismus
ein. Festlich und glücklich die sorglose Existenz
des Menschen im 30. Jahrhundert. Bis dahin werden
wir uns die Zeit vertreiben müssen. Ich warte im
Bordkasino auf Sie. Ihr Michael Svoboda.

Bitte einen Wodka.

Wir schließen.

Aber all die Leute.

Personal.

Haben Sie sonst noch etwas anzubieten?

Einmal muß der Erlöser kommen. Sein Bild hängt
lang genug schon neben der Ikone. Wie so oft bei
ähnlichen Anlässen bleibt da die Ernüchterung
nicht aus.

Vielen Dank.

Wladimir auf dem Weg in seine Bordkabine.

Davos sucht eine Persönlichkeit. Was ist das? Mit
Führungsqualitäten und guten Verbindungen. Lenin
kam auch aus Zürich damals. Kein Regentröpfchen
weit und breit. Voraussetzungen sind
Durchsetzungsvermögen, Verhandlungsgewandtheit und
Kreativität. Der Forschungsbereich Schnee und
Lawinen umfaßt die Sektionen Wetter, Lawinen und
Schnee. Ein Fluß fließt in die Richtung des
geringsten Widerstandes, spült weg, was er
wegspülen kann, umgeht, was er umgehen kann,
selbst wenn es nur ein Misthaufen ist.

Liebste Lilina, sei nicht traurig, ich nehme an.

Was verstehen die unter Persönlichkeit.

Man hat mir vertraglich zugesichert, daß ich nicht
zu sterben brauche. Die erste Allunionsversammlung
wird in einem schwimmenden Palast vor den Kulissen
des Uralsees stattfinden.

Schneedecken, Wetter und Lawinenwarnung sowie
Kenntnis in der Physik von Schnee und Eis sind
erwünscht.

Wladimir nennt sich erster Präsident des Erdballs.
Als Rangabzeichen mag man ihm ein kleines Flugzeug
auf die Stirn. Ich, ich werde den Vize machen und
male mir ein Hündchen auf die Wange.

Die einzig unverpfuschte Revolution war die
Sintflut.

In meinem Antrittsreferat behandle ich zentrale
Themen unserer neuen Politik. Punkt eins: Man muß
den Hunger in der Welt abschaffen.

Ausgeschrieben von der eidgenössischen Anstalt für
Wetter, Schnee und Lawinenforschung.

Dazu sind alle fischreichen Seen zum Kochen zu
bringen und die Suppe wird im eingefrorenen
Zustand in die ganze Welt verschickt. Punkt zwei:
Die Affen müssen in die Menschenfamilie
eingegliedert werden mit vollem Bürgerrecht. Ja
bitte?

Ein Brief für Wladimir Bombrowitsch.

Vielen Dank.

Liebster Freund, ich ließ Sie warten, das tut mir
leid. Auf dem Weg zu Ihnen traf ich Anne
Kellermann und ihre Nixen, doch die Begegnung war
im speziellen Fall auch eine bittere Enttäuschung.
Diese Amerikanerinnen. Aber die Freiheitsstatue
ist ja auch keine Frau. Aus ihren Augen kann man
sich bestenfalls hinunterstürzen.

Möchten Sie einen Wodka?

Ich hörte allerdings, daß den wirklich mutigen
Sekunden vor dem Aufprall aus Dollarscheinen
Flügel wachsen. Mit jeder Leiche steigt der Kurs.

O ja bitte.

Man sollte auf Liberta setzen.

Ohne Wodka wäre Rußland ein Land ohne Lächeln.

Ich für meinen Teil halte mich vorerst an das
Duplikat, ein reizendes Geschöpf, mit einem
Variete reist sie als Statue of Liberty durch die
Allillusionsländer, so nennt sie unseren neuen
Staat.

Ja. Können Sie mir sagen, wie ich zur Kabine von
Dr. Svoboda komme?

Sie redet wie eine Maschine und ist dabei
anhänglich wie der Lieblingshund von Dr. Pavlo,
das verrückte Tier.

Nein.

Kommen Sie mich besuchen. Ich warte in meiner
Bordkabine auf sie.

Vielen Dank.

Ihr Michael Svoboda.

Wladimir auf dem Weg in die Bordkabine von Dr.
Svoboda.

Gehen Sie ins Hypodrom. Eine Million Dollar im
Jahr. Chaplin verdient mehr. Sucht man dort
Persönlichkeiten. Ein Riesensaal, 5000 Menschen,
die Bühne ist breiter als die Rampe im Theater der
Nationalen Volksarmee. Wie viele 100.000 Dollar
kostet so eine Show? Für Provinzler ist es
billiger. Die berühmte Schwimmerin Anne Kellermann
zeigt mit ihrer Truppe das Unterseereich. Die
Bühne wird in ein riesiges Aquarium verwandelt und
in grünes Trikot gekleidete Frauen stellen
spielende Nixen dar. Danach kommt die Nummer mit
den gelehrten Hunden. Die hat Sladilaswki
einstudiert.

Entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe mich
verirrt.

Na so was.

Von außen sieht es aus wie ein Zementwerk. Aber
drinnen, da tobt das pralle Leben. Mit unserem
Sowjetclub ist das gar nicht zu vergleichen.

Ich suche die Bordkabine von Dr. Svoboda.

Realistisch betrachtet habe ich den Anschluß da
schon verpaßt. So richtig ungezwungen kann ich
mich eigentlich nicht mehr freuen.

Wer sind Sie denn?

Wladimir Bombrowitsch.

Horrende Eintrittspreise, denk ich mal.

Ich bin der Heizer.

Sind Sie nicht der Kellner?

Manchmal wird die Bühne auch in eine alpine
Eisbahn verwandelt. 4 bis 5000 Arbeiter zeigen
ihre Meisterschaft im Schlittschuhlaufen, Rodeln
oder Skifahren.

Sie sind hier in der Bodenversenkung Nummero 15,
stellen Sie also keine Fragen.

Wie bitte?

Vor der Wirklichkeit gibt es die Symbole. Sie
verstehen schon? Alles falscher Zauber.

Ach so.

Kennen Sie die berühmte Melodie der amerikanischen
Soldaten: Its a long way to Tipperary?

Alles läuft nach Plan. Wenn Ilan Illnitsch die
letzten Takte seiner Heimatschnulze abgepfiffen
hat, ertönt das Nebelhorn und der Inspizient gibt
den Jungs auf der Seitenbühne das rote Zeichen,
die stürmen von links und besetzen die Rampe,
währenddessen fährt mein Podest hoch und von der
Brücke fällt ein roter Lichtkegel auf mich,
Wladimir wirft mir vom rechten Portal aus eine
Schaufel zu, sie fliegt im hohen Bogen durch die
Luft, im Orchestergraben ertönt ein Trommelwirbel,
ich fange die Schaufel auf und eine Sekunde lang
herrscht Totenstille, dann gebe ich den Auftakt
zur 38. Heizerinternationale.

Hello, bourgeois, nice to see you, you
volkstümlicher Spießer.

Träum ich? Wer bist du denn?

Wladimir folgt der Amerikanerin. Ihm folgt der
Kellner.

Zwischen Erlöserturm und Kathedrale kriecht eine
Schlange über den roten Platz. Hipp Hipp
Bolschewik. I’m a Bolschewik. Hipp Hipp. Alle
Macht den Sowjets. Ein gewürfeltes Wort des Herrn
unter der Tribüne wie König Mauselos von
Halikanas, die Zukunft im Reich der roten
Sternchen, kein Mensch zahlt hier Wegzoll, die
Welt ist groß genug für alle Lebenden,
einschließlich der Toten. Die Moskauer Metro saust
um die Erdball, sieben Quader ineinander gesteckt
um daraus den babylonischen Turm zu bauen, 400
Meter plus 70 Meter, Lenin hieß es später dann,
der Anfang war fast ebenerdig, roter Granit, rosa
Marmor, schwarzer Labrador, aus Armenien
Karfunkelstein, davon steht Wache Nummer Eins.
Adamsäpfel hüpfen zwei Treppen in die Tiefe
hinunter ins Grab. Hipp Hipp Bolschewik, I’m a
Bolschewik. Hipp Hipp. Woher kommt das Licht? Aus
Wachsen Pergament ein Kopf, Triumph der Technik an
dem die Schlange vorbeikriecht.

Darf ich Sie ein Stück begleiten?

Woher nur dieses Leuchten? Ha, die Kleine war.

Haben Sie einen Brief für mich?

Ein Kopf und zwei Hände über einer dunklen Decke,
fordern die strikte Einhaltung aller Temperatur
und Feuchtigkeitsfaktoren.

Nein, ich folge Ihnen ganz privat.

Die Schlange kriecht durch das Gewebe, irgendwas
zwischen gelb und grau.

Warum?

Die Mumifizierung des Mussek. Die Methode der
Konservierung ist Staatsgeheimnis. Kein über das
Gesicht gelegtes Brustbild, ganz ohne Eingeweide
wird er täglich zur Ikone gespritzt. Wo also ist
dein Herz, Genosse Parteiführer? Hipp Hipp
Bolschewik, I’m a Bolschewik. Hipp Hipp. Im roten
Trauerzug marschieren schon Hammer und Meisel, der
Steinhauer schnauft, da freut sich der Steinmetz,
Bulgarien, Kuba, Smolensk, Boltera, Kimeroko,
Berbia und in der Ukraine, 9 Meter hoch, 12 Meter
breit, und 6 Meter tief, aus weisem Granit,
dassehrseht.

Irgendwann muß der Erlöser kommen.

Über die kleinen redet er erst gar nicht.

Das sagten Sie bereits.

Alle aus weißem Marmor und ähneln einer Sphinx mit
ausgebreiteten Flügeln, das Bilestal aus Bronze,
blicklose Augen und schattenhaftes Lächeln, das
Lächeln verwittert.

Sind Sie sicher, daß Dr. Svoboda Sie heute noch
treffen?

Rotarmist vor Sonnenaufgang. An einer Brust
klingeln die Orden, auf dem Schreibtisch zwei
Telefone. 8 Meter hoch, 8 Meter breit, und 9 Meter
tief.

Ich betrachte die jetzige Lösung nicht als
endgültig.

Ich fürchte, mein Marx wird das nicht überleben.

Bald stirbt der Apparat. Was wird nach ihm kommen?

Im Kirchenschiff aus weißem Marmor riecht es nach
Weihrauch und Knoblauchzehen, nach gerechtem und
nach Ungerechtem Gewinn, am Kiosk verkauft der
Pope Weihwasser, wir haben schwer gesündigt.

Trägheit, Schlendrian und Sabotage vielleicht.

Am Horizont die Wohnmaschinen der Vorstädte.

Denken Sie, ich bekämpfe das Kapital.

Vor ihnen blüht der Stammbaum der Romanows.

Das ist falsch.

Die Schlange windet sich wund um diese grauen
Äste.

Ich begreife es nicht.

Da knallt der eiserne Rollvorhang im Kongreßpalast
runter, Parteiführer und Goldgrund blicken in die
Zukunft, ohne Gnade, wir leben nicht im Paradies,
nur im Wunschland gibt es Ordnung, Reichtum,
Zivilisation.

Dem Christus Dostojewskis gehört das nächste
Jahrtausend.

Ihre Sorgen möchte ich haben. Auf den roten
Läufern herrscht Geschäftigkeit, wie eh und je.
Etwas kann ganz plötzlich verschwinden.

Auch ich nehme kein Trinkgeld.

Daraus schlagen die Devotionalienhändler Gewinn.
Die Schlange kriecht so lange zu Boden.

Gibt es hier einen Postkasten?

Seit Rosengedenken haben wir noch nie einen
Gärtner sterben gesehen, rufen die Rosen.

Meine Seele wurzelt in jener Tiefe, die nicht
rechnet.

Und wer schnitt sich die Adern auf, um mit seinem
Blut das Beet zu tränken? Ich bin ich, weil mein
Hund mich kennt, sagt da die Dame aus Amerika und
gleichzeitig stellt sich die Frage: Hat irgendein
Franklin Roosevelt irgendeine Identität?

Und was machen Sie hauptberuflich?

Nebenan wird gehämmert, ein arbeitendes Parlament,
kein Dokument belegt den Wunsch nach Einäscherung,
wir enthüllen täglich Fälschungen.

Revolutionär. Kellner mach ich nur als Aushilfe.

Zwölf Bände in roten Leder gleich neben der großen
Allillusionsausstellung, in der der Mensch das Maß
aller Dinge ist.

Was unterscheidet ein Ufo von einer schwebenden
Ikone?

Lenin hat es am Anfang auch nicht abgelehnt.

Der Treibstoff, nehm ich an.

Damals tagte hier die Kommintern. Zwei
Molotowcocktails für eine Leiche, der Mann war
nicht geistesgestört, sagt Prawda. Arme aller
Länder, vereinigt euch. Hipp Hipp Bolschewik, I’m
a Bolschewik, Hipp Hipp. Exuntropia liegt in einem
gläsernen Sarg an der Kremlmauer, über die Bühne
des Mausoleums jagt die Führung fluchtartig, wer
spielt schon gern auf einem Totenschrein Theater.
Wachablösung auf dem roten Platz, Blondinen mit
knatternden Fahnen.

Sie wirken schlecht ernährt und unterbezahlt.

Hinter ihnen torkelt die Maiparade. An goldenen
Schnüren hängen die flaschengrünen Uniformen.

So als hätten Sie schon lange keinen guten Film
mehr gesehen.

Schwankend tanzen sie den Trauermarsch. Einmal zu
jeder vollen Stunde, seit 1924 bis die Glocke vom
Erlöserturm endlich die letzte Stunde schlägt,
seit 37 Jahren 24 mal täglich bleibt die Leiche
eine halbe Sekunde unbewacht, 112 Tage im freien
Totenbett nach neuer Zeit, och was sollen mir die
roten Sterne auch.

Auch der Sputnik hat der seelischen Perspektive
der allgemeinen Weltsicht nichts geändert.

Auf einer gerippten Säule steht in 46 Meter Höhe
der erste Mensch im Kosmos, ganz Titan, zu seinen
Füßen der Müllcontainer.

Ganz im Gegenteil.

Stehen die Denkmäler vergangener Epochen.

Sie verstehen mich.

Bald reiten Blauhelme den Labrador, das ist das
30. Jahrhundert.

Ich suche einen Postkasten.

Die Gottesdienstzeiten sind an der Tür
angeschlagen, soweit die Kirchen arbeiten,
dahinter fliegende Ikone auf mehreren Etagen der
Erde, Rolltreppen in Überschallgeschwindigkeit,
aber auch wunderbar erhaltene Bären und Mammuts
aus der Eiszone werden gezeigt.

Wladimir schließt sich dem roten Trauerzug an. Es
endet in einer Katastrophe.

Die Schlange steht vor dem Lebensmittelmagazin.
Hier herrscht der wahre Kommunismus. Die Straßen
werden von 20 auf 60 Meter verbreitert, und auf
dem Marx-Prospekt endete der Trauerzug in einer
Katastrophe, mit Tausenden von Toten und
Verletzen, und die Schlange frißt sich durch den
göttlichen Supermarkt. Hipp Hipp Bolschewik, I’m a
Bolschewik, Hipp Hipp.

Liebste Lilina, die Dreharbeiten richten hier
größeren Schaden an als die Revolution selber. Es
gibt Tote und Verletzte, die umliegenden
Hospitäler sind überfüllt. Heute fing die Arbeit
mit einem Radrennen über die Dächer Moskaus an,
danach brachte ich eine Zarenstatue mit Stricken
und Seilen zum Umstürz, die sich aber wenig später
von selber wieder in ihrer ursprünglichen Gestalt
aufrichtete, der Gulag schnarcht auf seinem Lager,
währenddessen verhungert die Kuh, und ich spanne
mich selber vor den Pflug. Später schlendern
Wladimir und ich durch die Zurareskaja, der
Zauberverkäufer begegnet uns wieder und stellt
erneut eine Denkaufgabe.

Haben Sie den letzten Film mit Selinski gesehen?

In seiner kleinen Flasche sitzt jetzt ein großer
Affe.

Das Leben eines Hundes.

Wie ist er wohl hineingekommen?

Die Szene mit den Würstchen rührte mich zutiefst.

Endlich muß ich sagen: Dieses Rätsel wird
Geschichte machen. Da werden wir auf dem Weg zum
Kreml von einem roten Leichenzug überfallen.

Der echte Chaplin ist um Klassen besser.

Gefesselt wachen wir im Lesesaal der Rotarmisten
wieder auf.

Aber zu teuer.

An der Wand hängt als hölzernes Relief die Karte
Europas. Dreht man an einer Kurbel, so leuchten in
chronologischer Reihenfolge rot die Punkte auf, an
denen Lenin gelebt hat.

Danach grub er die von den Räubern vergrabene
Brieftasche aus. Zum Glück.

Doch der Apparat funktioniert nicht, alle Punkte
leuchten gleichzeitig.

Die Regierung kauft nur Ramsch ein. Alles
Verschnitt.

Das ist der Geist der Revolution. Sagt der
Kellner. Ja bitte.

Ein Brief, für Wladimir Bombrowitsch.

Aber zum Beispiel dieser Film über die
Torfgewinnung als Sieg über den Brennstoffhunger.

Vielen Dank.

Sieh da, wie der Zug mit den rebellierenden
Gefangenen nach Überschreiten der sowjetischen
Grenze senkrecht nach oben durch das Bild fährt,
direkt in die Sonne? Das ist aus Die Schöne und
der Bolschewik. Ach ja, als der dekadente Graf
seiner Geliebten nachts die Zähne in die
Halsschlagader haut, zünden die Bauern sein Gut
an. Moskau steht in Flammen.

Liebster Freund, sahen Sie den Walfisch an uns
vorbeiziehen?

Ja, der kleine Hund verteidigt seine Knochen also
mutig kläffend gegen die anderen Arbeitslosen.

Auf seiner Atemfontäne tanzte eine Funkelfee. Ihr
weises Haar legte sich wie ein Schleier vor meine
Perspektive, der Horizont verlor seine Umrisse und
ich steckte im dicksten Nebel.

Es endet jedenfalls damit, daß drei sowjetische
Bürger zum Mars fliegen und dort eine Revolution
auslösen. Dort fand ich ein altägyptisches
Rezeptbuch, es enthält eine Anleitung zur
Mumifizierung der Pharaonen.

Billigste Exportartikel.

Drei blies das Horn und über den roten Stern zog
ein Sternenbanner, ich sah die Sinfonie der
Welten.

Aber danach fällt der kleine Hund dann leider
selber in die Wurstmaschine.

Als der Himmel wieder klar war, erreichte mich ein
Funkspruch aus Moskau, der Erdball ist rund,
willkommen in der Steinzeit, lautete die
verschlüsselte Botschaft. Vergessen Sie Hollywood,
kommen Sie in den Funkelraum, unser Sternenreich
ist doch die schönste reinste Illusion, beeilen
Sie sich, ihr Michael Svoboda.

Wladimir auf dem Weg in den Funkelraum.

Halt, keinen Schritt. Hier sind Sie im
Maschinenraum.

Ach ja, Sie sind der Heizer.

Ich bin Schauspieler.

In welchem Stück?

Ich bin ein Diener des Proletkults, unser Stück
heißt Geschichte, ich spiele die Rolle der Zeit.

Kommt in ihrem Stück ein Postkasten vor?

Wenn Moskau in Flammen steht, brennen auch die
Briefe.

Moskau in Flammen?

So heißt unser Stück.

Fackeln Sie die Bühne ab?

Wir spielen auf einem gläsernem Sarg, vier
Personen treten auf, auf ihren Gewändern liest man
die Leuchtziffern 1 9 0 und 5.

Hipp Hipp Bolschewik.

Sie nehmen nebeneinander Aufstellung und bilden so
das Jahr 1905.

Sie ruft mich. Liberta, Süße.

Über die Längsseite des Sarkophags marschieren
Soldaten auf und tragen eine der Länge nach
gestreckte Rose, das Band ohne Ende verschwindet
im Schloßportal. Darüber die Aufschrift: Waschfrau
seiner Majestät. Auf der Szene erscheint ein
überaus musikalischer Clown mit einer
großangelegten, schief aufgesetzten Krone.

Hipp Hipp, Bolschewik.

Er singt, auf einer leeren Wodkaflasche klimpern.
Den Clown verdeckend erscheint ein Manifest, von
Gottes Gnaden, Wir Nikolaus der zweite usw.
Polizeigeneral.

Sie folgt mir, will sich mit mir verabreden.

Der Justizminister schwingt seine riesenhafte
Tatze und stempelt mit allen fünf Fingern übers
Manifest. Auf dem Sarg spielt sich ein Tanzfest
ab. Die Militärkappelle schmettern, Studenten,
Fräuleins, Frauen, Weiber, Krankenschwestern,
Serviererinnen, Amerikanerinnen, haben Sie nicht
einen Termin bei Dr. Svoboda?

Dr. Svoboda kennt meine Prioritäten.

Wie Sie meinen. Zwei Tische voller Weinflaschen
sind so aufgestellt, daß zwischen ihnen ein Zug
von Häftlingen samt Eskorte hindurchmarschieren
kann. Die Gesichter der Begleitsoldaten sind
Hundeschnauzen. Die Häftlinge ziehen vorbei,
wieder spielt die Musik, dann stellen sie die
Gläser ab und bauen aus Kartonmanifesten ein
riesiges Kartenhaus.

Was sagt sie nur?

Auf der ganzen Sargeslänge erscheinen Polizisten.
Es zeigen sich der zwergenhafte Zar, die Zarin,
und etliche Minister. Alle blasen die Backen auf
und beginnen aus Leibeskräften zu pusten. In
diesem Moment fliegt eine Bombe auf die Szene. Die
Bombe explodiert und streut Flugblätter mit einer
Proklamation, von verschiedenen Ecken und Enden
laufen verschiedene Leute auf verschiedene Art
durcheinander.

Ich bin ich, weil mein Hund mich kennt?

Ein Arbeiter klebt dem Schutzmann ein Flugblatt
auf den Rücken. Gelächter. Die Polizisten klettern
plump mit Säbeln und Revolvertaschen. Auf langen
mageren stelzenhaften Beinen kommt riesenhaft ein
Arbeiter heran. Flügelartig sind an seinen Ärmeln
breite Bänder befestigt, mit der Aufschrift
Streik. Die Maschinen stehen still.

Wau? Wau? Wau? Wau Wau Wau Wau Wau. Wau Wau Wau
Wau Wau Wau Wau...

Streik. Die Maschinen stehen still. Nur die
Amerikanerin spricht. Moskau in Flammen. Ganz
Rußland spielt Theater. Von links nach rechts
bewegen sich alle zwischen den stelzenhaften
Beinen des Arbeiters hindurch. In der Mitte die
Büste Napoleons, das Bett der Zarin ist überfüllt
von bewaffneten Rotgardisten: unterste Lage der in
Ketten gelegte Arbeiter, zweite Lage, das
habgierige Beamtentum, dritte Lage die Popen,
Mullas, Rabbiner, vierte Lage die Regierung,
fünfte Lage Bourgeoisie und Grundbesitzer, an der
Spitze der zwergenhafte Zar und einer riesenhaften
Krone, darauf tanzt die Gestalt des
Intelligenzlers, das Pferd galoppiert neben einem
fahrenden Eisenbahnzug, dahinter raucht eine
Fabrik, der Arbeiter hebt die Hand, völlige
Finsternis. Und noch eine Salve. Über dem Sarg
erschient nur die Karte des Fünfjahreplans,
darüber das Bild von Waldimir Illisch Juloanow,
später genannt Lenins Gestalt mit wegweisend
ausgestreckter Hand. Auf den Ausrufern blühen
jetzt die Leuchtziffern 1917. Riesenhafte Schatten
eines Händepaars, das seine Fesseln zerbricht. Wir
haben nichts zu verlieren. Auf dem Diwan räkeln
sich Liberale mit ihren Teetassen, sie halten
Resolutionen bereit, der Pope segnet Gummiknüppel,
Holzknüppel, Schlagringe, Maschinenpistolen der
Schwarzhundertschaften. Rings um seine Werkbank
Patronen und Waffen, der Passionsplatz in Moskau,
hinter dem kümmerlichen Kirchlein kauern die
Schauspieler, mit vergoldeten Zwiebeltürmen statt
Köpfen, rundherum Betrunkene in Form von
schwankenden Flaschen. Von beiden Seiten nähern
sich Bergleute mit Lämpchen, Grubenhacke,
Hammerschmiede und dem Vorschlaghammer, 2000
Schneidereiarbeiter tragen 1 Nähnadel, 5000
Holzfäller 1 Axt, unter ihren Schritten flüchten
die Kirchlein und die Flaschen nach allen Seiten
auseinander. Auf dem Sarg erscheint der
Sowjetclown, hinter ihm zieht ein Arbeiter mit
Radau und Geklapper die Denkmäler Rußlands an
einem Halfterband, in der Mitte das
Puschkindenkmal, die Volksmenge überflutet den
Platz, ein Arbeiter mit einem Knaben bahnt sich
einen Weg zum Monument und erklimmt es, berittene
Kossacken springen auf den Sarg, die letzte Kugel
trifft den Knaben, ein Gulack mit dem Tragbrett
kommt herein, sein Bauchladen klappt auf und
klafft blutig, die Arbeiter schließen sich in
Reihen zusammen, die Werkzeuge ebenfalls, in einer
Lücke zwängt sich Traktor, allen voran das
Reiterbild Peter des Großen mit einem
großangelegten Siegeskranz, er gleitet vom Kopf,
hinter ihm die steinerne Katarina, Zar Paul der
Erste springt vom Postament herunter und sichert
sich einen großen Abgang, aus den Häusern fliegen
Matratzen, Stühle, Tische, Passanten auf die
Straße, sie reißen die Geschäftsschilder herunter,
sie sägen die Leitungsmasten ab, die Gegenstände
häufen sich zur Barrikade, auf der Barrikade wird
eine rote Fahne gehißt, von Ferne härt man die
Marseilles. Dem in Bedrängnis geratenen Gulacken
kommen vier Mann zur Hilfe: der römische Papst,
McDonald, Peter Stewesant, Jicky der Platase und
Beate Use bilden einen Kreis, die Männer des
Enteuzirkels entblößen ihre Schwänze und zeichnen
mit Säbeln und Revolver Hakenkreuze in die Luft,
ihnen folgt Alexander der zweite, statt des
Reichsapfels trägt er seinen Kopf auf dem Zepter.
Der winzige Nikolaus sitzt auf einem störrischen
Gaul. Senkt das Tier den Kopf, so erfolgt eine
Detonation von hinten, Gaswolken und Schlammfluten
überziehen das Reich, schließlich und endlich an
den Schwanz des letzten zaristischen Hengstes
geklammert, die Zarin, angeführt von
schnurbärtigen Generalen, strömen marschierend
paradestrammgedrillte Oberbefehlshaber auf den
Sarg, zu beiden Seiten der militärischen Formation
Marketender und Schnapsflasche, die Dornenkrone
aus Würsten gebunden windet sich singend um den
Hauptmann voll Blut und Wunden. In den Kreis fällt
eine Bombe, der Kreis bricht auseinander, die
Bombe verstreut bunte Flugzettel mit
Proklamationen, der ganze Zug setzt sich in
Bewegung, die Fabrik brennt, die Kinder zählen die
Kanonen, getroffene Arbeiter fallen, die ganze
Rossaherde ab, voran der Führer mit dem
Sprachrohr, ein Arbeiter schwing an einem Stab ein
weißes...

Wladimir endlich im Funkelraum.

Hipp Hipp Bolschewik, I’m a Bolschewik, Hipp Hipp.
Hello. Nice to see you.

Sind Sie der Sohn Schliemanns, auf den wir warten?

Wer sind Sie?

Die Admiralin.

Ich sehe vier.

Wir sind eins.

Ich suche einen Postkasten.

Schliemann hinterließ in Rußland einen Sohn, dem
war es verboten, über den Atlantik zu reisen.

Warum?

Im Besitz des Knaben fand man eine Ikone, darauf
war der Tempel Poseidons abgebildet. Sie trug die
Inschrift: Die Ruinen von Atlantis sehen aus wie
das Stadtzentrum von Nowosibirsk.

Ein Brief für Wladimir Bombrowitsch.

Jetzt nicht. Was machte der Arme in Punkto
Atlantiküberquerung dann?

Er schwamm.

Verstehe.

Vier herrliche Wochen. So viele glückliche
Stunden, und wir haben noch so viele vor uns. Wir
dürfen und nicht verlieren.

Schon gut.

Ein Stern erlosch und zog das Sterben nach sich,
der Mittelpunkt unserer Erde wurde von einem
riesigen Planetoiden versenkt, hinter ihm die
Reißnaht in der Atmosphäre, 4000km lang, 3000m
breit und über 1000m tief trennt sie die alte und
die neue Welt, der Himmel verfinsterte sich,
jahrelanger Regen mit Schlamm vermischt, die Erde
torkelte und jedermann lachte. Die Verhältnisse
waren schon von der Sintflut bekannt. Und dennoch,
der Planet hat ein Loch in die Erinnerung der
Menschen geschlagen.

Das tut mir leid.

Bald bildete sich eine neue Sozietät.
Ausgangspunkt des neuen Reiches ist eine
großartige Metropole, von außen fast
unüberwindlich, konzentriert sich alle Macht in
ihrem innersten Kern, im Sitz des obersten Sowjet.
Dort gibt es neben dem religiösen Zentrum auch
eines der astronomischen und nautischen
Wissenschaft. Das Reich war schon im Ursprung
vielgestaltig. Man kolonisierte die Anrainer und
errichtete so das erste Gebilde menschlicher
Weltallmacht, in dem die Sonne nicht mehr
untergehen kann.

Was bleibt dann noch zu wünschen übrig?

Ja. Doch bewegen sich die Aale bei ihren
Leichzügen im Saragossameer so, als sei Atlantis
nicht versunken, und auch die Vögel kennen kein
Vergessen. Auf ihren Luftwanderungen umgehen sie
unsichtbare Berge.

Der Brief.

Still.

Flugzeuge schützen die Fundstelle vor Neugierigen.
Die UNO-Sondersitzung verlangt den freien Zugang
für die Blockfreien. Doch haben moslimische
Fundamentalisten bereits das Untersuchungszentrum
in die Luft gejagt, und drohen mit einem Anschlag
auf die Radiostation. Eine europäische
Trophäenkommission versucht, die Fundstücke vor
dem Paul-Ghetty-Museum zu retten. Die Satelliten
übertragungsrechte hat ein Berliner Sender vor
Jahren zu einem symbolischen Preis erworben. Sie
hörten die letzte Meldung des enzyklopädistischen
Weltfunks. Vergeßt die Apokalypse, beginnen wir
mit der Genesis.

Liebster Freund, der Funkelraum ist besetzt, von
Meeresjungfrauen. Da erreichte mich ein Telegramm.
Der Parteiführer ist tot. Was passiert mit seiner
Leiche? Die Witwe besteht auf Beisetzung, doch
unser neuer Staat braucht Zeit.

Ich muß zurück nach Moskau.

Tief bewegt schaue ich auf die Gipfel des
versunkenen Atlantis. Auch ist das Liebesspiel der
Seepferdchen mit keinem menschlichen Akt an Poesie
vergleichbar. Wie sie sich an den Schwänzen
haltend, taumelnd auf den Meeresgrund sinken
lassen. Ich warte auf dem Sonnendeck auf Sie. Ihr
Michael Svoboda.

Jetzt können Sie funken.

Liebste Lilina, hört du die Wellen an den Seiten
zupfen, die wie ein Netz gespannt sind, zwischen
Europa und Amerika. Der Ozean sinkt, wir sinken,
Trennung ist Dehnung. Und ehe das Band zwischen
uns zerreißt, verschwinden Kontinente.

Back in the USSA.

Wladimir, die Amerikanerin, der Kellner und die
Revolutionäre in der Menschenschlange.

Moskau-news. Science oder Fiction. Die Schlange
kriecht über die Mitte des roten Platzes, wie
immer pünktlich, Herr Gorbatschow schaut auf die
Uhr, aus seinem Mantelfutter strickt Nikita
Chrutschow das Haupt voll Blut und Wunden, und in
einem Dorf im Gebiet Welograd umarmt Genosse Lenin
ein rotbäckiges Mädchenkind. Unter ihm zwei Uhren
und ein kleiner Enkel, die Ikone am Herzen. In
Sarago bei Moskau stehen bärtige Orthodoxe zur
Tausendjahrsfeier der Taufe Rußlands an einer
langen Tafel. Die Schlange kriecht über das
Abendmahl, während ein junges Paar aus Leningrad
sich zärtlich in die Arme fällt, und das
Arbeiterwohnheim für Zwangserholung in Gorki das
Testbild auf Farbe schaltet. Auf dem Rücken des
Mannes eine bunte Tätowierung. Christus am Kreuze,
links die Engel, besonders rechts, auf kleine
Wölkchen, darüber kyrillisch das Banner des Herrn.

Ich habe eine Botschaft.

Dank der Heimat für die glückliche Jugend. In
Jerewan trägt der Milizionär den Schutzhelm über
seiner Pelzmütze.

Ja, es ist wahr.

Seinen dicken Mantel schützt die kugelsichere
Bleiweste. Und das Plexiglasschild widerspiegelt
einen Stahlpfosten. Die Demonstranten sperren vor
der russischen Stadt die Mäuler auf wie hungrige
Jungvögel, und der offizielle Kandidat für den
Posten des Generaldirektors blinzelt über die
Ränder seiner Brille in zwei Mikrophone.

Mir ist der Heilige Rochus erschienen.

Die Mode von Tschernobyl.

Ich sah ein wundersam erleuchtetes Amphitheater.

In langer Gummikutte streckt ein Schwarzbebrillter
das rote Lotsenfähnchen in den strahlenden Himmel.
Die Räder des Lastkraftwagens sind mannshoch.

Auf einem Holzbrett stand er in seinem roten
Pilgerkleid.

In Block vier stützt sich Mütterchen Rußland schon
vor der Revolution auf einen Stock und Hauptplatz
der Stadt Pripjad ist heute bereits ein Denkmal.

Darüber trug er einen goldenen Königsmantel.

Neun Meter hoch, zwölf Meter breit und sechs Meter
tief.

Schaute ein kleines Hündchen hervor.

Das Aussichtsfernrohr blickt zurück auf
Tschernobyl.

Auf der Kommandobrücke wütete der Ozean gegen eine
Wasserwand mit Luftlöchern. So stark war der
Regen.

Weiterhin optimistisch streckt der Kran den Arm in
den Fünfjahresplan. Pelzbemützte Bauern beugen
sich über einen Suppentopf. Auch Traktor steht an
mit rauchendem Schornstein. Im Hintergrund
versinkt vom Strommast kaum gehalten das
Elektrizitätswerk im Schlamm. Im 30. Jahrhundert
50 Millionen Glühbirnen.

Der heilige Rochus wurde mit dem roten Kreuz auf
der Brust geboren. In Rom heilt er Pestkranke.

Ein weißer Wolga besetzt mit 5 Personen
transportiert zwei schwarze Särge auf seinem Dach,
vor ihm die Kurve. Dezember.

Und ich sah lange Wellen.

Tage später ist es umgekehrt.

Kurze Wellen.

Särge im Überfluß.

Lange Wellen.

Nicht alle Opfer kann man bergen. Eine Frau
schiebt einen Kinderwagen mit gebündeltem Inhalt
über eine aufgeweichte Straße und der Säugling
schwenkt seinen Blechnapf aus dem geschlossenen
Sarg. Auf dem Fußballfeld des Stadions von Spitasx
suchen die Menschen nach Angehörigen. Über den
Rasen gebeugt hält sich ein Lebendiger das Haupt
voll Blut und Wunden.

Als er selber von der Krankheit befallen war,
flüchtete er in den Wald.

Die Kinderkadaver sind weiß, in einem bunten
Kopftuch hält die zahnlose Frau in ihren Händen
die zehn Brote, hinter ihr geht die Treppe bergab
und mehrere Stockwerke sind ineinander gestürzt.
Die Schlange kriecht durch die Trümmer.

Plötzlich dieses Wellental. Eine seltsame
Vertiefung.

Der Militärhubschrauber in warmen Kinderkleidern
streift die Hochspannungsleitung.

Wie die Aushöhlung eines Steinbruchs.

70 Millionen Glühbirnen bereits heute in Amerika.
Gebrochen steht der Propeller in der verschneiten
Landschaft, aus schlohweißen Engelshaarnestern
blicken Altgläubige vorsichtig hervor, wir
bestenfalls Geduldeten. Jelena streichelt über den
kahlen Kopf des toten Sacharows.

Bald war er dem Hungertod nahe.

Alle Hunde kommen in den Himmel. Eine schwarze
Schlange mit Pelz oder Strickmütze folgt einer
rollenden Blechdose. Links außen der Mann mit dem
Funkgerät, während zwei Träger den Verstorbenen im
Rahmen halten, hält ein unbemützter Mensch einen
Regenschirm über den offenen Sarg.

Aber dieses Licht.

Nagorni Karabach in folkloristischen Bleischürzen.

Stufen blinken unzählige Lichtchen übereinander,
leuchteten lebhaft, sie blendeten mich.

Über ihre Pelzmützen trägt die Miliz Helme und
ihre Salutschüsse treffen den Bärtigen direkt ins
Gesicht. Ach, wie er so da liegt im Schnee, unter
den Kettenrädern der Panzer.

Da schnappte ein sonst wohlerzogener Hund ein Brot
vom Tisch des Herrn und lief davon.

Eskortiert von der Armee gelingt dem armenischen
Dorfwang der Transit der Schafböcke, dem Soldaten
wachsen stählerne Hörner und durch rote
Sehschlitze blickt er auf das Ende seines Geweihs.
Hinter dem Strommast detoniert die Blockade aus
Glühbirnen.

Das wundersam erleuchtete Amphitheater schaukelte
wie ein Luftschiff durch die Wogen.

In Kusbas streiken die Bergarbeiter. Schlafend
träumen sie vom verschollenen Genossen. Über die
Toten streckt Lenin den Arm vom Sockel. 14 Meter
hoch, 12 Meter breit, 10 Meter tief. Rettet den
Stalinismus.

Und am nächsten Tag wiederholte der Hund seinen
Diebstahl. Machte sich glücklich mit der Beute auf
den Weg.

Ein Mann in einer Pelzmütze hält rechts das Kreuz
und links die Ikone.

Am dritten Tag schließlich folgte der Herr seinem
Hund heimlich.

In Estland eine Kundgebung.

So entdeckte er den sterbenden Rochus unter einem
Ahornbaum.

Ein junger Mann hält links das Hakenkreuz und
rechts die Faust, ein altes Gemälde, die
Kunstschätze Europas sichert die
Trophäenkommission. Plakate brennen auf dem
Scheiterhaufen.

Und was mich noch mehr verwunderte, war, daß die
Lichter nicht etwa stillsaßen, sondern hin und
wieder hüpften.

Zwei Kinder drehen sich um. Die halten runde Augen
und lange Rüssel gegen den Ruß, aus dem Orenburger
Kombinat tritt Gas aus, und Bagger walzen
Ziegelhäuser nieder. Im Schattenriß galoppiert ein
Pferd neben einer Lokomotive. Wer ist der schwarze
Reiter, auf dem Fluß läßt sich die Schwerindustrie
treiben. Bergarbeiter tragen den auf der Bahre
gefesselten Barfüßler durch das Donezbecken.

Bunt bemalt wurde Rochus zum Heiligen der
Pestkranken ernannt.

Auf einer Demonstration auf dem Puskinplatz
berieten die Bürger mit der Miliz ihre
Standpunkte, während am Kursker Bahnhof die
Schlange durch Moskau kriecht für die Wurst.

Es blinkte wie aus einem Raumschiff. Mit einer
Besatzung aus lauter leuchtenden Gestalten.

Das ist kein Straflager, nur die Kantine von
Kolchos. Is the tragedy of reality.

Und er sagte: Heller als der rote Stern scheint
mir der Sichelmond wahrhaftig.

Unter ihm sah ich Wladimir leibhaftig. Mit
wegweisend ausgestreckter Hand zeigte er wie
Pitomkin auf seine blühenden Dörfer, ganz Herr im
Feldzug der fantastischen Täuschung. Der Liebhaber
der Luftspiegelung gab so seine eigene
Vorstellung. Noch bevor der rote Stern glühen
konnte, war schon das rote Kreuz in die Erde
gebrannt, und nach dem Engel Sibiriens zogen bald
die internationalen Hilfsorganisationen durch das
Land. Ich blicke auf die Ruinen von Atlantis. Sie
sehen aus wie das Stadt-zentrum von Novosibirsk.
Utopia ist fest in den Händen der
Katastrophendienste. Das wundersam erleuchtete
Amphitheater verschwand und mit ihm Wladimir,
danach war mir, als würde ich im Stehen schlafen.
Lilina, wo bist du, wo ist unser Sternen-
städtchen?

Aus blauen Freizeitkleidern tritt Mütterchen
Rußland mit einem Huhn unter dem Arm hervor.

Das Kino entführt uns nach anderswo.

Hoch lebe Wladimir Majakowski.

Tief darin wurzelt das Wesen ritueller Wiederkehr.

Unter ihr die Stiefel der Soldaten. Am Baikalsee
liegt eine alte Frau im Tuch auf einem staatlichen
Kopfkissen.

Wo bin ich?

Die weise Greise rollte Strümpfe über ihre
Strümpfe. Unter ihr der numerierte Nachttopf.

Im Inneren der Kathedrale mit den 46 Sarkophagen.
Darin haben 54 Zaren, Großfürsten und Fürsten ihre
letzte Ruhestätte gefunden, wie die bunten
diamantbesetzten Eier, die den Zarenkindern in die
Osternester gelegt wurden. Auch in die Mütze des
Monarchen.
Zwei Milizen führen in Milisee eine Frau unterm
Arm ab, barfuß am Morgen nach den Ausschreitungen
kommt sie den Stiefelschritten gar nicht nach. Die
Verletzten reißen sich den Verband vom Kopf, damit
die Wahrheit ans Tageslicht kommt.

Ein sozialistisches Wunder. Man filmt die Filme
mehrmals von der Leinwand ab, und stellt in den
entsprechenden Szenen neue Gesichter vor die alten
Köpfe. Die Massenszenen kann man meist behalten.

Kreuzförmig schwebt über der Menschenschlange ein
weißer Sarg. Der Leichnam wechselt im Verlauf von
drei Tagen mehrmals die Farbe. Ein Katholikus hält
die Totenmesse für eine Heilige, und der
Milizionär streckt die Hände schuldlos in den
Himmel, der Platz in Baku wurde aus hygienischen
Gründen um 4 Uhr morgens geräumt. Tote gibt es
keine. In schwarzen Stein gehauen streckt Lenin
wegweisend die Hand von seinem Sockel, über die
städtische Reinigungsequick. 19 Meter hoch, 14
Meter breit, 12 Meter tief.

In Amerika gibt es ein Kino für Automobile. Im
Kreml gibt es weiße Wölfe.

In kugelsicheren Westen erfolgt die Wachablösung
der Milizen vor dem Müllcontainer.

Der erste Panrussische Kongreß der
Zukunftsrapsoden. Die Brüste der Frauen werden von
Luftballons gehalten. Die Männer tragen
Sprungfedern unter ihren Schuhen.

Hach, was sollen mir Sichermond und rote Sterne
auch. Hungerstreikende zelten unter einem
Puschkinzitat.

Aber was passiert mit den Analphabeten?

Laßet uns beten.

Eine weiße Schwester schüttelt fassungslos den
Kopf und ein anderer Mann kann gar nicht hinsehen.
Der abgeschlagene Arm steckt noch im Mantel. Das
Innenfutter ist aus reiner Schafwolle gegen die
Kälte, zwischen Marx, Engels und Lenin nimmt die
Haarpracht zunehmend ab, und ein Junge mit einem
Fahrrad hütet die Gänse unter der strengen
Aufsicht der Zentralregierung.

Schließlich hat Kino etwas mit Reisen zu tun. Nur
gehen nicht wir auf Reisen, sondern über die
Leinwand kommt die Reise zu uns. Immenser
Materialbedarf denk ich mal. Gibt es da keinen
Rohfilmzufuhrmangel?

Die Arme des beinamputierten Vaters stützen sich
auf zwei Krücken. In seiner Hand trägt er das
Einkaufsnetz. Der Sohn trägt die Kalaschnikow über
die Schulter. Der große vaterländische Krieg war
das Erlebnis seines Lebens.

Landschaft ist ein Strahlenbündel, das Universum
eine Bühne der Planeten, und der Staub der Stadt
verwandelt sich in einen hundertfarbigen
Regenbogen.

An der Brust des Alten haften circa 30 Orden. Die
Schlange kriecht zur 1000Jahrfeier der Taufe
Rußlands in ein Kloster.

Och, der Radiotrust strahlt bis exantrope.
Silberstaub.

Auf der Lacktasche der pilgernden Genossin tanzt
ein Husar.

Neuerdings haben Kurzfilme Konjunktur. Der
kürzeste war: Proletarier aller Länder, vereinigt
euch.

Gottes Narren haben unter jedem Regime ein hohes
Ansehen. Vitorta Landsbergis hält an jedes Ohr
einen Telefonhörer und marschiert über die erste
Strophe der Nationalhymne nach Hause. Er hat die
Melodie im Kopf. Räumung des Leninplatzes.

Wo ist Dr. Svoboda?

Seit 1925 bleibt das Kloster am Baikalsee den
Kühen überlassen, sich selbst die Jugend in
Leningrad, Hände umklammern den Rand eines Gullys.

Marx in einem gotischen Lehnstuhl vor einer
Europakarte sitzend. Bei uns gibt es die
breitesten Leinwände der Welt. Die in Amerika sind
breiter.

Im Stollen der Fernheizung wärmen sich die Kinder
in der Tripperbar. Die neueingelieferten Säuglinge
erstarren hinter den Gittern vor dem numerierten
Nachttopf.

An den Küsten leben die Futuristen. Wie sie sich
in die Brandung stürzen.

Jetzt darf der Stacheldraht allerdings nicht mehr
fotografiert werden.

Hoch hebe Wladimir Majakowski.

Reißt ihm nicht die Gasmaske vom Gesicht. Mit
runden Augen und langen Rüssel hebt der Mensch auf
der städtischen Müllhalde Schneehöhlen aus, als
Heizung dient ihm die Wärme des sich zersetzenden
Abfalls.

Filme über die Geschichte der Sowjetunion sind
dafür um so länger. Der Trauerzug der Bevölkerung
vor dem toten Lenin endete mit einem Kilometer
langen schwarzen Klebestreifen.

Auf dem Aralsee sitzen die Karakalpaken-Kinder im
Trockenen.

Im Sternenstädten der Revolution ist sogar die
Zeit rückläufig.

An der afghanischen Grenze sitzt ein Vater, vor
ihm auf einem Pappschild die Zahl 51 8 63. Die
letzten Einheiten ziehen vorüber, sein Sohn ist
nicht dabei.

Und weil das Kino eine Reise ist, halten die Paare
auch in den Sesseln Händchen. Was sie im Theater
beispielsweise nicht tun.

Aus dem Hals des Mannes kriecht eine Schlange,
ohne Gehirn hielt er 6 Tage durch.

Sie halten Hündchen?

In seinen Taschen steckte tonnenweise Kriegsgerät.
Darunter auch ein Bündel Briefe. Hipp Hipp
Bolschewik, I’m am Bolschewik. Hipp Hipp.

Ich suche einen Postkasten.

Wir spannen ein Segel vor das Planetensystem
mitsamt Zentralgestirn und werden unser Erde wie
ein Schiff im Sonnenwind durch das Universum
schaukeln. Eine jahrmillionenlange Reise dorthin,
wo ein neuer Stern Licht und Wärme für das
Weiterleben spendet.

Wieviel Tonnen Tuch, wieviel Meter Nähmaterial?

Still.

Und hier eine Meldung des enzyklopädistischen
Weltfunks. Das Erbe des sozialistischen Trojas ist
gefunden.

Eine Explosion.

Augenzeugen berichten von der Landung einer
prähistorischen Flugmaschine auf dem roten Platz.
Die Trophäenkommission hat unter der Oberaufsicht
der roten Armee den Schatz des Priamos
sichergestellt. Das Gold Schliemanns befindet sich
jetzt im staatlichen Museum der schönen Künste.
Auf einer Bergwiese im Zweistromland wurde der
Flügel einer sowjetischen Fliegerbombe entdeckt.
Heller als der rote Stern scheint hier der
Sichelmond wahrhaftig. Vier herrliche Wochen und
so viele glückliche Stunden und wir haben noch so
viel vor uns.

Roter Stern. Hörspiel von Simone Schneider. Regie:
Ulrich Gerhardt. Eine Produktion des Bayerischen
Rundfunks mit dem Sender Freies Berlin aus dem
Jahre 1992. Redaktion: Herbert Kapfer.

Ulrich Matthes Wladimir Bombrowitsch
Michael König Doktor Michael Svoboda
Krista Posch Die Amerikanerin
Gustl Halenke Die Admiralin
Traudl Haas Nixen
Gunter Berger Der Kellner
Joachim Höppner Der Lautsprecher
Detlef Kügow 1. Berufsrevolutionär
Hans Wyprächtiger 2. Berufsrevolutionär
Lorenz Meyboden 3. Berufsrevolutionär
Jan Eberwein 4. Berufsrevolutionär

Shirley Jackson: Das Haus (BR 1994)

Montague: Institut für Parapsychologie Dr. John
Montague, sehr geehrte Mrs Vance, sie kennen
meinen Namen wahrscheinlich nicht, ich bin
Wissenschaftler und dennoch oder gerade deshalb
hat mich die Erforschung sog. übersinnlicher
Phänomene immer beschäftigt, im Augenblick habe
ich die Möglichkeit im Rahmen eines
Forschungsprojekts einem immer noch skeptischen
und überheblichen Kollegenkreis einen konkreten
Zusammenhang zwischen Psychologie und
Parapsychologie experimentell zu demonstrieren.

Schwester: Dr Montague, ist das überhaupt sein
richtiger Name.

Elinor: Es gibt einen Dr John Montague, Dr der
Philosophie und Anthropologie, Promotion in Oxford
1950.

Schwester: Das klingt doch alles ziemlich
unseriös. Ein Forschungsprojekt und experimentell.
Was für Experimente will er denn da machen und
ausgerechnet mit jemand wie dir.

Montague: Für die Durchführung des Projekts
brauche ich noch einige Assistenten, welche
Intelligenz und Sensibilität mitbringen sowie
genaue Beobachtungsgabe und die Fähigkeit das
Wahrgenommene schriftlich zu fixieren.

Schwester: Elinor, ich bin verheiratet, ich kenne
die Männer, als deine ältere Schwester habe ich
eine gewisse Verantwortung für dich nachdem Mutter
tot ist.

Elinor: Carrie, ich bin 31.

Schwester: Du bist eigentlich zu alt um noch so
naiv zu sein, aber wohl immer noch jung genug für
Dummheiten.

Montague: Sie, Miss Vance erschienen mir für die
Mitarbeit geeignet, ich bin auf ihren Namen in den
Akten des parapsychologischen Institutes gestoßen
im Zusammenhang mit Zeitungsberichten über ein
unaufgeklärtes Poltergeistphänomen.

Schwester: Poltergeist was ist denn das für ein
Unsinn.

Elinor: Das muß die Sache mit den Steinen sein,
erinnerst du dich.

Elinor: Vater war gerade 1 Monat tot.

Schwester: Das ist 20 Jahre her.

Elinor: Ja ich war gerade 12.

Schwester: Ah Steine die plötzlich auf unser
Hausdach regneten, ins Fenster flogen von irgendwo
her, das warst natürlich du um dich wichtig zu
machen.

Elinor: Es waren die Nachbarn um uns zu ärgern,
das hat Mutter damals den Reportern auch gesagt.

Montague: Mein Angebot für ihre Mitarbeit wäre
Experiment und Urlaub in einem, vier Wochen in
einem schönen alten Landhaus in ruhiger Lage das
allerdings nur mit dem Auto erreichbar ist.

Schwester: Das Auto niemals.

Elinor: Es ist zur Hälfte auch mein Auto, wir
haben es gemeinsam gekauft als ich noch.

Schwester: Aber ganze vier Wochen lang.

Elinor: Ich habs im letzten Jahr nicht einmal
benutzt.

Schwester: Elenor, wenn du unbedingt Hals über
Kopf einem wildfremden Mann nachrennen willst, ist
das schlimm genug, aber nicht mit meinem Auto.

Elinor: Das kannst du ihm ruhig schreiben deinem
Dr Montague.

Montague: Liebe Mr Vance, ich freue mich zu hören
daß sie meiner Einladung folge leisten möchten,
beigefügt finden sie eine genaue Wegbeschreibung
die sie sicher zu Crains Hall unserem Hause führen
wird.

Elinor: Zu Crains Hall unserem Haus, klopf klopf
klopf.

Mrs Dudly: Was wollen sie?

Elinor: Ich entschuldigen Sie bitte mein Name ist
Elinor Vance, ich werde hier erwartet.

Mrs Dudly: Von wem.

Elinor: Von Dr, ist denn Dr. Montague nicht da, wo
sind denn die anderen Gäste.

Mrs Dudly: Hier sind keine Gäste.

Elinor: Aber sie sind doch Mrs Dudly die
Haushälterin, ich meine das ist doch Crains Hall.

Mrs Dudly: Was sonst.

Elinor: Sehen sie, ich habe eine schriftliche
Einladung von Dr. Montague oder hab ich mich im
Datum geirrt, wo ist denn der Brief, ach wie dumm,
ich hab den Brief im Auto liegen lassen ich kann
ihn aber holen.

Mrs Dudly: Hier lang, ihren Koffer müssen sie
selber tragen.

Elinor: Oh schwarze Holztäfelung bis zur Decke
findet man selten.

Mrs Dudly: Das grüne Zimmer.

Elinor: Danke. Ein bißchen dunkel aber ja könnte
man vielleicht das Fenster auf.

Mrs Dudly: Die Zimmer gehen mich nichts an, ich
richte das Abendessen im Speisesaal her, Punkt 6,
sie müssen sich selbst bedienen, ich räume am
anderen morgen ab, Frühstück mach ich um 9, ich
bleib hier nicht übernacht, ich gehe bevor es
dunkel wird.

Elinor: Ich verstehe.

Mrs Dudly: Ich wohne im Ort, kein Angestellter
würde hier im Haus übernachten.

Elinor: Ich verstehe.

Mrs Dudly: Es wird also niemand im Haus sein,
falls sie Hilfe brauchen.

Elinor: Ich verstehe.

Mrs Dudly: Niemand, nachts wenn es dunkel ist.

Elinor: Mrs Dudly, Mrs Dudly, wo ist denn der
Schlüssel hat das Zimmer keinen Schlüssel oh nein,
nein nein.

Theodora: Das darf doch einfach nicht wahr sein
nein, ha.

Elinor: Mein Gott bin ich froh daß sie da sind,
geben sie mir doch die Tasche da.

Theo: Danke.

Elinor: Ich bin Elinor Vance.

Theo: Theodora, einfach Teo.

Elinor: Theo.

Theo: Puh dieses Monstrum von einem Haus, dieser
häßliche.

Elinor: Sind sie auch so erschrocken als sie es
das erste mal gesehen haben.

Theo: Hrm.

Elinor: Oh Mrs Dudly, geben sie ihr doch bitte das
Zimmer neben meinem.

Mrs Dudly: Das blaue Zimmer.

Theo: Wunderbar, bestens geeignet als kleine
private Aussegnungshalle.

Elinor: Mein Zimmer ist genau das gleiche in grün,
ja wirklich dunkelgrün wie kalter Spinat.

Theo: Oh wie lecker.

Elinor: Und wir haben ein gemeinsames Badezimmer
mit Durchgangstür.

Mrs Dudly: Ich richte das Abendessen im Speisesaal
her, punkt sechs, sie müssen sich selbst bedienen,
ich räum am andern Morgen ab, Frühstück mach ich
um 9, ich bleibe hier nicht übernacht.

Elinor: Kein Angestellter würde hier im Haus
übernachten.

Mrs Dudly: Es wird also niemand da sein falls sie
Hilfe brauchen.

Elinor: Nachts wenn es dunkel ist.

Theo: Hab ich das richtig verstanden, diese
reizende Dame wollte uns soeben klarmachen daß es
völlig zwecklos ist nachts nach ihr zu rufen.

Elinor: So ist es.

Theo: Ehrlich gesagt ich kann mir im Moment keine
noch so schlimme Situation vorstellen in der ich
ausgerechnet Mrs Dudly zu hilfe rufen würde.

Elinor: Ich würde eher nach Graf Dracula klingeln,
haha, was ist, wollen wir gemeinsam diesen Ort des
Schreckens erkunden.

Theo: Ja aber nur wenn mich die große Schwester an
die Hand nimmt. Oh eiskalt, sie hatten ja wirklich
Angst, ganz ruhig, jetzt ist ja Theo da. Lehrerin,
ich finde Kinder ja wunderbar, sie sind noch so
spontan neugierig vital.

Elinor: Und eine Pest wenn man ihnen beibringen
muß still zusitzen.

Theo: Du haßt deine Arbeit.

Elinor: Kann man denn leben von sowas wie Malerei.

Theo: Wir haben noch ein kleines
Antiquitätengeschäft mein Freund und ich.

Elinor: Hättest du gedacht daß es nur ein paar
hundert meter vom Haus entfernt ein so schönes
Plätzchen gibt.

Theo: Wir haben uns gestritten, ich glaube sonst
wäre ich gar nicht hergekommen, macht der mir
einen Heiratsantrag.

Elinor: Und du haßt es geheiratet zu werden.

Theo: Ja aber jetzt gefällt es mir hier, in der
Sonne, außer Sichtweite dieses häßlichen Hauses
und mit dir an meiner Seite.

Elinor: Wenn ich mir die Wiese so anschaue.

Theo: Picknick ein Platz für ein Picknick.

Elinor: Genau das wollte ich sagen, kaltes Huhn
und Schinkenbrote.

Theo: Schokoladenkuchen, Ameisen, Wespen.

Elinor: Harte Eier und das Salz vergessen,
himmelblaue Plastikbecher.

Theo: Oh nein Horn und Silber meine liebe und im
Weidenkörbchen wir werden.

Elinor: Was ist das da drüben zwischen den Bäumen.

Theo: Ein Werwolf was sonst.

Elinor: Wir sollten gehen, vielleicht sind die
anderen schon da und warten auf uns.

Theo: Du hast immer noch Angst, das ist gefährlich
mein Schatz.

Elinor: Aus welchem Grund bist du eingeladen
worden.

Theo: Ich hab mal aus puren Spaß an einem
Experiment teilgenommen, versteckte Karten
erraten, ich hatte eine Trefferquote von 80 %.

Elinor: Und.

Theo: Purer Zufall was sonst, du hast immer noch
kalte Hände.

Elinor: Ja, ist die Reise zu Ende reichen wir uns
die Hände wenn der abend kommt.

Theo: Hübsch.

Elinor: An der nächsten Biegung sieht man es
wieder.

Theo: Das gräßliche Haus, es hat ein Gesicht, es
sieht dich an.

Elinor: Dieser große Turm, hab ich Sehstörung
oder.

Theo: Er ist schief.

Elinor: Er ist schief nicht.

Theo: Und ich denke mit voller Absicht des
Erbauers, hallo was ist denn da vorgefahren.

Elinor: Wo.

Theo: Nicht daß ich mich mit teuren Autos auskenne
aber das ist bestimmt ein sehr teures.

Elinor: Jede Wette.

Theo: Entweder ist der Besitzer um die 50
glatzköpfig häßlich oder oder wenn er jung und
attraktiv ist dann er hat das hier nicht mit
seiner Hände Arbeit erworben, hab ich zu meiner
Freundin gesagt.

Elinor: Theo.

Luke: Ja sie hat völlig recht ihre Freundin, das
ist nur ein kleiner Vorschuß auf ein größeres
Erbe.

Theo: Wie faszinierend.

Elinor: Und was werden sie erben Mr Sanderson.

Luke: Luc, bitte wie Theo und Elinor, nunja dies
und das, diese exklusive Sommer-residenz zum
Beispiel.

Theo: Ein guter Witz.

Luke: Leider nein, das Haus gehört meiner Tante
Mord in London, genannt Erbtante und ihre
Bedingung dafür es Dr Montague zu vermieten für
sein Projekt war daß ich daran teilnehme,
vielleicht hatte sie Angst die anderen könnten
sich am Familiensilber vergreifen.

Theo: Und welche Farbe hat ihr Zimmer.

Luke: Sie werden es nicht glauben.

Theo: Nun.

Luke: Rosa.

Theo: Hahah.

Luke: Ja zugewiesen wurde es mir von einer Dame
mit einem Gesicht, das ihr eine tragende Rolle in
dem Film die Nacht der lebenden Toten garantieren
würde.

Theo: Ja unsere gute Mrs Dudly.

Elinor: Und Dr Montague, wie ist der, kennen sie
ihn.

Luke: Ehrlich gesagt, ich bin froh daß ich hier
bin, ihrer Sicherheit wegen, er hat ja das muß man
zugeben eine gewisse dämonische Faszination, etwas
mephistofiles.

Montague: Hallo, schön daß sie schon alle da sind,
das Abendessen wartet, kommen sie, ich bin Dr.
Montague.

Theo: Mit blondem Bart.

Elinor: Und Goldrandbrille.

Montague: Es freut mich, wenn mein Erscheinen sie
so fröhlich stimmt meine Damen auch wenn ich nicht
ganz verstehe warum.

Luke: Jugendliche Gemüter Dr, die für ihre
Heiterkeitsausbrüche keinen besonderen Anlaß
brauchen.

Theo: Luke der Lügner, es wird spannend.

Montague: Der erste Abend. Mrs Elinor Vance, Mrs
Theodora, Mr Luke Sanderson und ich, die beiden
Frauen hoffentlich mit medialer Veranlagung, die
Teilnehmer erhalten von mir die nötigen
Informationen und lernen sich kennen.

Theo: Dr. erzählen sie weiter.

Montague: Wo war ich stehen geblieben.

Luke: Wir waren bei meinem legendären Urgroßonkel
Henry Craine, dem Erbauer des Hauses und seinem
naja sagen wir mal etwas seltsamen Charakter.

Montague: Ja, der arme Henry Craine, als seine
Frau nach der Geburt des zweiten Kindes starb,
verfiel er ganz der Melancholie.

Theo: Kinder, in dieser Plüschgruft sind Kinder
aufgewachsen.

Montague: Zwei Mädchen, aber sie sind wohl auch
nicht besonders glücklich geworden.

Luke: Das wundert mich nicht.

Montague: Die ältere Schwester blieb unverheiratet
und wohnte im Haus und als sie krank und alt war
nahm sie eine junge Frau aus dem Dorf als
Pflegerin und Hausmädchen zu sich.

Theo: Grauenhafte Vorstellung so eine Arbeit
machen zu müssen.

Montague: Nun ja die Leute hier waren sehr arm und
es sah zunächst so aus, als bekäme dieses
Hausmädchen für die verlorenen Jugendjahre
wenigstens eine materielle Entschädigung, als die
alte Dame starb vermachte sie ihr das Haus.

Theo: Wenn ich so was erben würde ich würd es
sofort in die Luft jagen oh pardon Mr Sanderson.

Luke: Luke.

Theo: Luke.

Luke: Glauben Sie etwa ich habe die Absicht jemals
hier zu wohnen, ich werde das Ding natürlich
sofort verkaufen.

Theo: Falls sie einen Käufer dafür finden.

Elinor: Was wurde aus dem Hausmädchen, hat sie
hier gelebt.

Montague: Ja aber nicht lange, die andere
Schwester focht das Testament an und gewann, an
dem Tag als sie den Brief mit dem Bescheid bekam
erhängte sich die junge Frau.

Elinor: In dem Schiefen Turm.

Montague: Woher wissen sie das.

Elinor: Was, ich ich dachte es mir nur so, wenn
wenn ich mich hier erhängen wollte, würde ich Gott
entschuldigung ich rede dummes Zeug.

Luke: Nein nein sie hat völlig recht, der beste
Ort hier für einen stilvollen Freitod ist der
Turm, noch einen Martini für Elinor.

Elinor: Ja bitte danke.

Theo: Und, weiter.

Montague: Was bitte weiter.

Theo: Die Pointe ihrer Geschichte, die Leiche im
Keller, der Mörder mit dem Beil.

Luke: Das Monster mit den spitzen Zähnen, naja was
man so erwartet in einem Bauwerk wie diesem.

Montague: Sie spüren also auch die besondere
Atmosphäre des Hauses.

Theo: Es ist besonders häßlich.

Luke: Naja, es ist nicht gerade ein
architektonisches Glanzstück aber.

Elinor: Mir macht es Angst.

Montague: Angst wovor denn.

Elinor: Ich weiß nicht.

Theo: Gibt es noch einen Martini für Theo.

Luke: Aber gerne, oh nein, die Flasche ist leer.

Montague: Auf der Anrichte im Speisesaal steht
noch eine.

Theo: Ich hole sie.

Montague: Nein.

Luke: Ich brauche noch ein bißchen Bewegung.

Montague: Nein Theodora, lassen sie mich lieber.

Theo: Ich habe keine Angst Dr.

Luke: Oder wir gehen zusammen.

Theo: Haha.

Elinor: Dr Montague, was sollen wir in diesem
Haus, was erwarten sie von uns.

Luke: Tja Dr Schönheit und praktische Vernunft ein
gefährliches Paar unsere Damen.

Montague: Glauben sie an Gespenster.

Elinor: Natürlich nicht.

Montague: Gut, das würde ich auch sagen wenn man
mich so fragt, woran ich allerdings glaube ist daß
bestimmte Kräfte die Psyche derart beeinflußen
können, daß eine Art Rückwirkung auf deren
Umgebung entsteht, können sie mir folgen.

Theo: Nein.

Montague: Tatsache ist, dieses Haus ist in all den
Jahren seit dem Tod des Hausmädchens dutzende Male
vermietet worden aber kein Mieter hat es hier
lange ausgehalten und immer wieder mit den
abenteuerlichsten Begründungen die Flucht
ergriffen, zu trocken, zu feucht, zu stickig, zu
zugig, magnetische Ströme, unterirdische
Wasseradern usw ja und seit 10 Jahren steht das
Haus leer.

Luke: Was ist denn jetzt. Also.

Theo: Elinor. Elinor.

Luke: Merkwürdige Hörspiele bringen die manchmal.

Elinor: Das ist kein Hörspiel.

Theo: Elinor, Luke.

Elinor: Theo.

Montague: Wir hätten sie nicht allein gehen lassen
sollen. Wo sind sie.

Theo: Hier.

Montague: Wo denn.

Theo: Mach die Tür auf.

Luke: Da. Da da kommt die Stimme her. Hinter der
Wand.

Elinor: Aber da führt kein Weg in den Nebenraum.

Theo: Kommt denn niemand.

Elinor: Theo. Theo.

Montague: Nein nein das ist der richtige Weg,
hierhier, hierher.

Au.

Theo: Na endlich.

Luke: Alles in Ordnung.

Theo: Na klar mir gehts blendend.

Luke: Gut.

Theo: So gut wie es einem gehen kann wenn man
gerade kopfüber in ein dunkles Zimmer gestürzt
ist.

Luke: Also sowas, da sind ja Stufen zwischen den
Zimmern, das ist aberwitzig.

Theo: Dann fällt diese verdammte Tür hinter mir zu
und als ich sie endlich finde im Dunkeln ist sie
abgeschlossen.

Montague: Das war sie nicht, sehen sie, dieses
Zimmer hat 3 Türen mit Stufen, sie haben an der
falschen gerüttelt, der Weg zum Speisesaal war das
übrigens auch nicht.

Theo: Aber ich hätte schwören können, mein
Ortssinn ist untrüglich.

Montague: Nein, sie haben schon im ersten Raum die
falsche Tür erwischt.

Theo: Diese verdammte Haus, ich hasse es.

Montague: Ich habe den Weg erst mit dem
Grundrißplan suchen müssen, tja liebe Freunde wir
sollten eines daraus lernen, niemals alleine hier
herumzustöbern.

Elinor: Vor allem Nachts, nachts wenn es dunkel
ist.

Montague: Nach einigen weiteren Drinks haben sich
alle zurückgezogen, erstaunlich wie still es hier
draußen ist, auch bei offenem Fenster kaum ein
Laut aus dem Park, es regnet wieder, auch fast
lautlos, ich bin sicher, diese erste Nacht wird
erwartungsgemäß verlaufen.

Elinor: Ist noch ein Schluck Kaffee da.

Luke: Ja gerne.

Montague: Nachdem wir alle ausgezeichnet
geschlafen und nichts ungewöhnliches erlebt haben.

Luke: Nein halt ich protestiere, ich habe von Mrs
Dudly geträumt, ja sie schwebte in einer
grünlichen Aura auf mich herab und.

Mrs Dudly: Ich räume um 10 Uhr ab, es ist fünf
nach 10.

Montague: Selbstverständlich Mrs Dudly, es war ein
ausgezeichnetes Frühstück.

Luke: Und auch das Abendessen wirklich, war
ausgezeichnet.

Theo: Ja wirklich wunderbar.

Elinor: Wir können heute abend das Geschirr auch
selbst in die Küche zurücktragen.

Mrs Dudly: Ich räume am anderen Morgen ab, ich
kenne den richtigen Platz für alles.

Montague: Also dann, auf zur Hausbesichtigung.

Theo: Unglaublich, Räume ganz ohne Fenster.

Montague: Davon gibt es noch vier, nein hier
entlang, das ist eine Sackgasse. Luke wo sind sie.

Luke: Hier komme.

Elinor: Warum so viele verwinkelte und verdunkelte
Räume.

Theo: Viktorianisch, damit man sich besser
verstecken kann.

Luke: Verstecken und erschrecken.

Montague: Bitte kommen sie.

Elinor: Was war das.

Montague: Merkwürdig, ich hab alle Türen hinter
uns offen gelassen.

Theo: Da schon wieder, ganz von selbst.

Luke: Ich werd jetzt überall Stühle in die Türen
stellen.

Montague: Ich habe den Verdacht, daß die Türstöcke
von anfang an etwas schief konstruiert sind, ja
damit genau dieser Effekt eintritt.

Luke: Mit einer Wasserwaage könnte man das
nachprüfen.

Theo: Elinor.

Montague: Alles in Ordnung mit ihnen.

Elinor: Ja, ich bin über den Schemel gestolpert,
brauner Teppich, brauner Samt, ich hab ihn einfach
nicht gesehen.

Theo: Ein tückisches Miststück von einem Haus.

Elinor: Ich will hier raus.

Luke: Als hätte ich Gleichgewichtsstörungen.

Theo: Meine Eltern haben mich mal auf dem
Rummelplatz in so eine verrückte Hütte
mitgenommen, da waren alle Wände ein bißchen
schief und die Fußböden auch.

Luke: Gibt es da nicht eine Stelle wo ein Luftzug
den Damen unter die Röcke weht.

Theo: Mr Sanderson, mir war jedenfalls
sterbenselend als ich wieder herauskam.

Montague: Wenn unsere Erwartungshaltung an
Architektur, klare Linien, rechte Winkel,
Aufteilung nach den Gesetzen von Symmetrie und
Proportionen ständig enttäuscht wird, das erzeugt
auch so etwas wie ein Schwindelgefühl.

Theo: Da haben wir es doch, dieses ganze Haus ist
ein einziger Jahrmarktscherz.

Luke: Still hab ich Halluzinationen oder.

Theo: Nein, ich hörs auch.

Luke: Wo kommt denn das her.

Theo: Dr Montague was ist das.

Luke: Warten Sie, machen sie mal diese Türe auf
und zu, auf und zu.

Theo: Luke bleiben sie hier.

Montague: Ich glaube ich weiß was er tun wird er
nimmt die Stühle in den Türen weg.

Luke: Türen zu, kein Zugluft mehr, kein Geheul,
Henry Craine der Irre hat sein Horrorkabinett mit
allen Tricks ausgestattet.

Montague: Es könnte von den geschnitzten
Gesichtern über den Türen herkommen, die
Mundöffnungen als Schalltrichter.

Luke: Möglich, Metallzungen vielleicht.

Theo: Elenor, Elenor, wo ist Elenor.

Elinor: Mein Gott, haben sie mich erschreckt.

Luke: Also wer hier wen erschreckt hat darüber
sollten wir jetzt lieber nicht streiten ja.

Elinor: Ich hab nur den Turm angeschaut, hier vom
Balkon aus, er ist schief, ganz schief.

Luke: Sie hingen auch schon halb über der
Brüstung.

Elinor: Mir ist ein bißchen schwindlig, sie müssen
mich nicht festhalten, sie müssen nicht den edlen
Lebensretter spielen.

Theo: Elinor, was war denn plötzlich.

Montague: Warum befolgen sie nicht meinen Rat und
bleiben beisammen.

Theo: Ich werde dich heute nicht mehr aus den
Augen lassen, das versprech ich dir mein Schatz.

Theo: Elinor bist du noch da.

Elinor: Natürlich.

Theo: Was machst du.

Elinor: Ich denke nach.

Theo: Über etwas erfreuliches hoffe ich.

Elinor: Ja über dich.

Theo: Sehr gut.

Elinor: Du bist hinreißend, zart und wunderschön,
ich hasse dich.

Theo: Was hast du gesagt.

Elinor: Nichts.

Theo: Verdammt ich hab meinen Nagellack vergessen,
hast du vielleicht welchen dabei, Burgunderrot.

Elinor: Nein.

Theo: Du benutzt auch kein Maskcara, Makeup,
Lippenstift.

Elinor: Nein.

Theo: Das solltest du aber, du würdest gleich viel
hübscher aussehen.

Elinor: Hübscher.

Theo: Nicht für einen Mann für dich selbst es ist
ein gutes Gefühl sich zu schmücken, naja ich gebs
ja zu ich übertreibs manchmal ein bißchen, schau
nur an was ich alles mitgeschleppt habe, eine
handbemalte Seidenbluse und das hier
maßgeschneidert, meine schönsten Sachen
zusammengerafft nur für diese blöde Haus, du warst
viel vernünftiger, hast nur was schlichtes und
praktisches mitgenommen.

Elinor: Du wirst es nicht glauben, ich hab auch
meine schönsten Sachen zusammen.

Theo: Was sagst du. So und jetzt werde ich mir als
erstes den Grundriß von Crains Hall abzeichnen,
ich werde überhaupt so viel wie möglich zeichnen
von den Abartigkeiten dieses Hauses und dich auch.

Elinor: Elinor zwischen Drachen, Furien, Chimären.

Theo: Nymphen, Putten, Grazien, bleib also stehen.

Elinor: Nein Theo.

Theo: Halt mal still. Du magst dich selbst nicht,
warum.

Elinor: Bitte hör auf.

Theo: Ich hab das Gefühl, du solltest abreisen, so
schnell wie möglich.

Elinor: Warum, mir gefällt es hier.

Theo: Eben, deshalb.

Montague: Der zweite Abend, die Teilnehmer
beginnen sich an das Haus zu gewöhnen, auch Mrs
Vance, die zu Beginn hochgradig verspannt und
nervös war, wenn die mir bekannten Berichte über
Crains Halls der Wahrheit entsprechen, müßte die
zweite Nacht.

Elinor: Na Mutter ich hör dich, ja, ja, ich hör
dich ja.

Theo: Elinor, Elinor, hast du es auch gehört, komm
rüber zu mir.

Elinor: Was ist.

Theo: Pst. Da da ist es wieder, ich dachte ich
hätte es nur geträumt, es ist kalt hier, es ist
eiskalt, vielleicht der Dr oder Luke, gib mir noch
ne Decke. Es kommt näher. Ist die Tür
abgeschlossen. Ja. Es ist nur ein Geräusch. Geh
weg. Ist mir kalt.

Elinor: Mir auch.

Theo: Wo ist Luke, wo ist der Doktor.

Elinor: Ich glaube. O Gott es weiß jetzt, daß wir
hier sind. Du kommst hier nicht rein.

Montague: Da war doch Elenors Stimme.

Luke: Ja aber aus Teos Zimmer.

Montague: Hallo wir sinds.

Theo: Doctor, Luke, gott sei dank.

Luke: Ist alles in Ordnung.

Montague: Ist irgendwas passiert während wir weg
waren.

Theo: Ja eigentlich nichts besonders, es hat nur
irgendwas mit einem Brecheisen an unsere Tür
geklopft weil es uns gern fressen wollte, und wo
wart ihr, ihr furchtlosen Beschützer.

Montague: Wir haben einen Hund gejagt.

Theo: Einen Hund hier im Haus.

Luke. Ja einen Hund oder so was ähnliches, es war
ein großes schwarzes Tier, ich habs nicht genau
gesehen unten in der Halle, dann war es plötzlich
weg.

Theo: Haben Sie denn das Klopfen nicht gehört.

Montague: Keinen Laut.

Luke: Wir dachten sie schlafen friedlich da oben
bis wir sie schreien hörten.

Montague: Moment, Moment, sieht das nicht so aus,
als wären ob Luke und ich mit Absicht weggelockt
worden weg von ihnen, Freunde wir müssen auf der
Hut sein.

Montague: Irgendetwas kommt in Bewegung, prompt
oder fast ein wenig zu prompt, aber wichtig ist
nur den Überblick zu behalten. Der dritte Tag.

Luke: Fällt ihnen nichts auf an unseren beiden
Damen, Doktor.

Montague: Nein.

Luke: Sehen sie doch mal, unsere schöne Theo
gleicht heute einer müden Rosenblüte, guten Morgen
Theo, Eleinor dagegen sieht sie nicht
ausgesprochen frisch ja geradezu stahlend aus, gar
nicht wie jemand der so eine aufregende Nacht
hinter sich hat.

Theo: Tu mir jetzt bloß nicht den Gefallen rot zu
werden.

Luke: Doch, doch aufregende Nächte scheinen ihnen
zu bekommen, Mrs Vance, ich finde sie sollten sich
mehr davon gönnen.

Montague: Na ich hoffe wir haben einen ruhigen
Tag. Ich will ihnen noch eine kleine Spezialität
des Hauses zeigen, etwas das es in alten Gemäuern
öfter gibt.

Theo: Die Falltür zur geheimen Folterkammer hoffe
ich.

Montague: Lassen sie sich überraschen.

Elinor: Huch, kalt wie in einer Gruft.

Montague: Jetzt treten sie wieder einen Schritt
zurück.

Elinor: Es ist weg, tatsächlich, kalt warm.

Montague: Für diese kalten Stellen in
geschlossenen Räumen gibt es keine
naturwissenschaftliche Erklärung.

Luke: Also wenn ich das Thermometer hinhalte zeigt
es keine Veränderung.

Montague: Ja das sagte ich ja.

Luke: Dann ist diese Kälte hier ein ganz
subjektives Empfinden.

Theo: Seien Sie mir nicht böse, aber ihre kalten
Stellen lassen mich ziemlich kalt, ich möchte
lieber eine Skizze von Haus machen.

Montague: Aber sie dürfen nicht allein gehen.

Luke: Ich würde sie gern begleiten aber Dr
Montague braucht mich als Helfer.

Elinor: Das kann ich auch tun falls sie mir das
zutrauen.

Montague: Selbstverständlich.

Elinor: Praktische Vernunft.

Theo: Ich habe nichts gegen Begleitung, ich
brauche in den Räumen extra Licht.

Luke: Ich werde mein bestes tun.

Theo: Sie brauchen nur ihr Taschenlampe gerade zu
halten.

Elinor: Es ist nicht einfach kalt, es ist, ich
habe das Gefühl jemand will mir was antun.

Montague: Gehen sie raus aus der Kälte.

Elinor: Es ist ein ganz ähnliche Kälte wie gestern
nacht als es an der Tür geklopft hat.

Montague: Haben sie das alles aufgeschrieben,
nicht nur die Vorgänge auch ihre Empfindungen
dabei und evt. Veränderungen die sie an sich
selbst spüren, wissen sie, die Einfallpforte für
Geister ist unsere eigene Psyche und wenn es da
Schwachstellen gibt.

Luke: Doktor Montague, da ist etwas, das sie sich
ansehen sollten.

Montague: Luke alleine, wo ist Theorora.

Luke: Sie ist auf ihrem Zimmer, kommen Sie.

Theo: Da, sehen sie sich das an, alles beschmiert,
da, es ist eine Schweinerei.

Luke: Was ist das Dr, Blut.

Montague: Das glaube ich nicht.

Theo: Was soll ich denn jetzt anziehen.

Elinor: Das ist Farbe, rote Farbe aus deinem
Malkasten.

Theo: Was, glaubst du etwa, ich verdrecke mir
meine eigenen Sachen, da ist kein einziges Stück
mehr heil. Du warst es, ja genau du warst es.

Elinor: Du bist ja verrückt.

Montague: Unsinn, Elinor war doch den ganzen
Morgen mit uns zusammen oder.

Luke: Ich glaube schon.

Theo: Die Bluse kann ich wegwerfen, das krieg ich
nie wieder raus.

Luke: Ich könnte mein Kashmirpulover anbieten oder
den Seidenpyjama.

Elinor: Ich kann ihr auch was geben, allerdings
nur was schlichtes und praktisches.

Montague: Schade, in der Stadt könnte ich diese
rote Substanz chemisch analysieren lassen aber
hier.

Elinor: Da an der Wand seht doch, das ist ein E.

Luke: Die ist ja auch beschmiert bis zu Decke.

Elinor: Der Buchstabe E, E wie Elenor.

Montague: Es könnte ein E sein, ja, sehr schief
zwar.

Elinor: Wissen Sie, was das bedeutet, es kennt
meinen Namen.

Montague: Es kennt die Namen von uns allen.

Elinor: Aber es meint mich, es steht da nicht T
wie Theo oder L wie Luke sondern E wie Elinor.

Luke: Sie könnten sich ja gerade geschmeichelt
fühlen von der Aufmerksamkeit dieses Haus.

Elinor: Ihr billiger Zynismus ist widerwärtig, ich
würde ihnen zutrauen, daß sie das getan haben.

Luke: Was denn E wie Elenor an die Wand pinseln,
ist das vielleicht eine geheime Wunschvorstellung
von ihnen, soll ich E wie Elinor an alle Wände
pinseln.

Montague: Ruhe Freunde, beruhigen Sie sich, merken
sie nicht, Theo gegen Elinor, Elinor gegen Luke,
wohin soll das führen.

Luke: Alle gegen Dr Montague, wohin denn sonst.

Elinor: Das ist ja ekelhaft, richtig widerwärtig,
warum zeigen sie mir das.

Luke: Ich mußte es einfach jemandem zeigen, ich
habs hier im Regal gefunden, die sieben Todsünden
und ihre Bestrafung.

Elinor: Für meine beiden Töchter zu Belehrung und
Abschreckung, eigenhändig illustriert von Henry
Craine.

Luke: Diese Bilder, ein kranker.

Elinor: Glaubt mir, das alles tu ich nur zu eurem
besten und aus tief empfundener Liebe für euch
meine Kinder, ein Alptraum von einem Vater.

Luke: Tja besser so aufzuwachsen wie ich von einem
Internat ins andere.

Elinor: Ich war zuhause bei meiner Mutter.

Luke: Sie glückliche, hab mir immer gewünscht.

Elinor: Ich brauche Luft.

Luke: Halt warten sie doch.

Elinor: Hat der arme kleine Junge etwa Angst
allein mit Urgroßonkel Henry.

Luke: Immer schön zusammenbleiben, Befehl von
Onkel Doktor, jetzt machen wir gemeinsam einen
Spaziergang.

Montague: Der dritte Abend, Spannungen in der
Gruppe, nur Mrs Vance wirkt erstaunlich
ausgeglichen.

Elinor: Für mich war das Alptraum, dies Klopfen an
der Tür.

Montague: Aber ein Alptraum, den sie mit Theo
geteilt haben.

Theo: Allerdings.

Luke: Und das mit Theos Kleidern, ein Alptraum von
uns allen.

Elinor: Die Flasche ist leer, ich hol uns eine
neue.

Luke: Ach Elinor soll nicht ich.

Theo: Sie haben sich ganz schön Zeit gelassen Mr
Sanderson, sie fürchten sich doch nicht etwa vor
ihrem eigenen Haus.

Luke: Erwarten sie immer Heldentaten von Männern.

Theo: Nicht von jedem.

Luke: Wissen Sie, ich hatte ein paar Freunde,
tollkühne Jungs, Teufelskerle, na ja, ich bin noch
am leben.

Montague: Aha, heute haben wir Theo gegen Luke.

Mrs Dudly: Suchen Sie eine neue Flasche.

Elinor: Oh Mrs Dudley, sie sind noch da.

Mrs Dudly: Da steht sie.

Elinor: Ich werd die Auflaufform heute abend
gleich saubermachen.

Mrs Dudly: Sie sind Drecksarbeit gewohnt, man
sieht es an ihren Händen.

Elinor: Ich.

Mrs Dudly: Sie haben nie dumme Witze über das Haus
gemacht.

Elinor: Nein.

Mrs Dudly: Aber sie fürchten es auch nicht mehr.

Elinor: Nein, ich fühle mich hier wie.

Mrs Dudly: Sie sollten gehen.

Elinor: Warum.

Mrs Dudly: Bevor es zu spät ist, gute Nacht.

Luke: Ich möchte jetzt einen Mozart zu Mrs Dudlys
exzellenten Souffle naja oder.

Radio: Über die Rolle der Ilusion in unserem
Leben.

Montague: Halt warten Sie Luke.

Radio: Daß sich kein Mensch längere Zeit dem
Bewußtsein seiner reinen Realität aussetzen kann
ohne Schaden zu nehmen. Träume, Tagträume,
Illusionen sind unentbehrliche Schutzmechanismen
der Psyche, schon bei höherentwickelten.

Luke: Scheiß Kasten.

Theo: Aber Mr Sanderson, wo bleiben denn ihre
Manieren, die teure Erziehung.

Luke: Das ist doch unglaublich, kein einziger
Sender geht mehr rein.

Montague: Eine atmosphärische Störung vielleicht.

Elinor: Nein.

Theo: Elinor, jetzt schleichst du dich schon an
wie Mrs Dudley.

Elinor: Es ist das Haus, es isoliert uns von der
Außenwelt, es will nicht daß wir etwas anderes
hören als seine eigene Stimme.

Montague: Wenn ich den Eindruck bekäme, daß das
Haus irgendeinem von ihnen gefährlich werden
könnte würde ich ihn sofort nach Hause schicken.

Radio: Elenor Rigby.

Theo: Sie sagt immer zu Elinor. Elinor.

Montague: Der vierte Tag, ja es ist etwas in
Bewegung geraten, ich spüre es, obwohl die Nacht
ruhig verlaufen ist wie erfahrungsgemäß jede
zweite Nacht in einem Haus mit übersinnlichen
Erscheinungen, es gibt hier Manifestationen, aber
anders als ich es erwartet habe, die Ahnung einer
kühnen Theorie, Elinor Vance, wirklich
bedauderlich daß ich mich ihr heute nicht
gründlicher werde widmen können.

Theo: Elinor du hast dir die letzte Tasse Kaffee
genommen.

Elinor: Ach entschuldigung, ich überlasse sie
selbstverständlich dir.

Luke: Vorsicht, Mrs Vance, ist doch mein bestes
Service.

Elinor: Ach Gott Luke plötzlich peinlich
kleinlich.

Montague: Ja Mr Dudly ist leider etwas sparsam mit
dem Kaffee.

Theo: Unerschrockener Luke könnten sie nicht in
die Küche gehen und.

Luke: Abgelehnt, als ich gestern Mrs Dudly um eine
zweite Kanne bat, da hat sie mich gemustert wie
einen Schmutzfleck auf ihrer Sonntagsbluse.

Elinor: Ein Auto ist vorgefahren.

Theo: Nur eine Sinnestäuschung im Schatten des
Hauses.

Montague: Ah das wird meine Frau sein.

Luke: Ihre Frau.

Montague: Ja, habe ich etwa vergessen ihnen zu
sagen daß sie heute kommt, sie ist Spiritistin aus
Leidenschaft, sie arbeitet mit einem Spezialgerät,
um die Stimmen der Verstorbenen aufzunehmen,
eigentlich wollte sie von Anfang an dabei sein.

Frau: John wo bist du.

Montague: Aber das konnte ich ihr ausreden. Hier
meine Liebe.

Frau: Was für ein wunderbares Haus, ideal für
übersinnliche Manifestationen.

Montague: Darf ich vorstellen, Mrs Vance, Mrs
Theoroda, Mr Sandson.

Frau: Hatten sie denn schon Erfolge, na das macht
nichts, mit meiner medialen Veranlagung werden wir
die Geister der hier verstorbenen schon zum Reden
bringen, ja das gelbe Zimmer hat diese Mrs Dudly
gesagt, aber mein Gepäck steht noch immer da.

Montague: Ich bring es gleich nach oben.

Frau: Nein John, denk an deine Bandscheiben.

Luke: Darf ich vielleicht behilflich sein.

Frau: Ja, laß den jungen Mann das machen, oh
vorsicht mit dieser Tasche, da ist mein Tonband
drin, ein ausgesprochen sensibles Gerät, sie
glauben ja gar nicht, wie es diese armen Seelen
drängt sich uns mitzuteilen, ich sage immer,
nichts ist kindischer als vor ihnen Angst zu
haben.

Montague: Ja meine Frau, Spiritismus wie gesagt
ihre Leidenschaft.

Frau: Wir könnten schon heute abend die erste
richtige Seance abhalten.

Montague: Sonst ist wirklich wunderbar, eine
wunderbare Hausfrau, Köchin, wirklich.

Elinor: Und keinen Pfennig Förderung bekommt unser
Dr Montague für das Projekt, nicht mal vom
Institut für Parapsychologie, er finanziert es
ganz aus eigener Tasche, oder mit der Erbschaft
seiner Frau, hat mir Luke erzählt.

Theo: Hat er dir auch erzählt, wie traurig es ist
ohne Mutter aufzuwachsen.

Elinor: Du bist doch nicht etwa eifersüchtig.

Theo: Ich kann es nicht mitansehen, wenn eine Frau
mit Verstand sich zum Narren macht, es tut mir
weh.

Montague: Der vierte Abend, die Entwicklung ist an
einem kritischen Punkt angelangt, zum ersten Mal
habe ich das Gefühl, es könnte scheitern.

Montague: Danke Elinor.

Theo: Luke sie machen mich nervös.

Luke: Wahrscheinlich ist der Aparat kaputt.

Frau: John hab ichs dir nicht gleich gesagt es
liegt nur an den richtigen Schwingungen, da, ich
hab mich heute nachmittag intensiv konzentriert
und ein paar Fragen an die Verstorbenen auf dieses
Band gesprochen und wie ich es mir jetzt abhöre
sind Antworten drauf, moment.

Frau: Was willst du, was willst du.

Frau: Sie antworten nicht immer gleich.

Frau: Was willst du.

Frau: Sie hat nach Hause gesagt, ganz deutlich.

Frau: Leidest du und worunter, leidest du.

Frau: Mutter, sagt sie das arme Ding.

Frau: Können wir dir helfen.

Frau: Ja das war das Ende der Aufzeichnung, John
hieß eine der hier Verstorbenen das Hausmädchen
vielleicht Helen oder Helena.

Montague: Nicht das ich wüßte.

Frau: Unsere Stimme, sie nennt sich Nelly.

Theo: Nelly ist auch eine Kurzform für Elenor, hat
dich mal jemand Nelly genannt.

Elinor: Ja Vater aber das ist schon sehr lange
her.

Frau: Haben sie denn Botschaften aus dem Jenseits
empfangen, sind sie medial.

Theo: Also unsere Nelly braucht keine Botschaften
aus dem Jenseits sondern einen Cognac und ein
warmes Bett.

Montague: Ich schlage vor, Elinor schläft
sicherheitshalber bei Theo und ich und Luke wir
campieren nebenan, ich weiß nur nicht Ann ob du.

Frau: Mach dir kein Sorgen um mich, ich bleibe in
meinem Zimmer, einem wirklich positiv denkenden
Menschen kann nichts böses von diesen armen
gequälten Seelen widerfahren.

Elinor: Wie lange geht das schon, eine viertel
Stunde, eine Stunde.

Theo: Hör auf damit, hör auf. Was war das.

Luke: Das war die Vase im Gang, Ming Dynastie.

Theo: Bald sprengt es die Tür.

Montague: Sie haben immer noch nicht verstanden,
solange wir ihm widerstehen wird auch die Tür
standhalten.

Elinor: Es will mich, es will nur mich.

Theo: Kalt, Luke, bitte noch eine Bettdecke.

Luke: Besser so.

Theo: Nein.

Montague: Ganz ruhig.

Theo: Das Haus spielt verrückt.

Luke: Das Biest, das ist bestimmt mein bestes
Service.

Elinor: Ich halts nicht mehr aus.

Montague: Nicht nachgeben, Elinor.

Montague: Ich glaube es ist vorbei, Luke ein
Cocnag für Elenor.

Luke: Zuerst ein Cocnag für Luke.

Theo: Und bitte für Theo.

Montague: Und sie schreiben das auf, was sie
erlebt haben, alle drei.

Theo: Was heute noch.

Luke: Sie haben vielleicht Nerven Doktor.

Montague: Der fünfte Tag, ich habe mich getäuscht,
erfreulicherweise, die Manifestationen gehen
weiter, also heute wieder ein Tag der Ruhe nach
dem Sturm.

Frau: Gibt es noch Kaffee.

Montague: Ja hier meine liebste.

Frau: Ziemlich dünn, das hättest du dieser Mrs
Dudly schon längst sagen sollen, aber ist das
nicht merkwürdig, dieses Haus, von dem wir uns so
viel versprochen haben, es war die ganze Nacht
totenstill.

Theo: Hahah.

Frau: Ich finde die Erheiterung deine Assistenten
ziemlich unpassend, ich fürchte du hast dir da
recht oberflächliche Charaktere ausgesucht, dabei
ist es doch deine These daß nur mit ganz
besonderen Persönlichkeiten übernatürliche
Erscheinungen.

Montague: Oh Mrs Dudley, guten Morgen.

Luke: Offensichtlich haben sie noch genügend
heiles Geschirr für uns gefunden.

Mrs Dudly: Ich weiß nicht wovon sie reden.

Frau: Da geht es ihnen wie mir, Mrs Dudly, es ist
kein Kaffee mehr da.

Luke: Mrs Dudly räumt um 10 Uhr ab, es ist fünf
nach zehn.

Mrs Dudly: Ich bringe ihnen gleich noch eine
Kanne.

Frau: Bißchen stärker bitte, wir zahlen nicht
gerade wenig für die Pension hier.

Theo: Elinor, wir sollten endlich unser Picknick
organisieren als Abschiedsessen, ich fahre morgen,
ich mag nicht mehr, ich will nach Hause.

Elinor: Theo, was hältst du davon, wenn ich
mitkomme zu dir, in deine Wohnung, ich hause in
einer Abstellkammer bei meiner Schwester mit ihrem
vulgären Mann und mit ihrem verzogenen Sohn ich
hasse sie.

Theo: Dann zieh doch aus.

Elinor: Wie denn.

Theo: Du hast doch ein Beruf.

Elinor: Ich bin schon seit Jahren arbeitslos.
Bitte nimm mich mit.

Theo: Das geht nicht.

Elinor: Ich brauch nicht viel, ein Klappbett in
deinem Laden, ich werd mich nützlich machen, ich
hab das Auto ohne Erlaubnis genommen, ich kann
nicht zurück zu meiner Schwester.

Theo: Elenor.

Luke: Eleonor ist doch ein wunderhübscher Name,
das eignet sich dazu mit Pathos ausgesprochen zu
werden, stör ich irgendein Zerwürfnis zwischen den
Schwestern.

Theo: Das kann man wohl sagen, ich frage Elinor,
ob sie mit mir Picknick unten am Bach machen
möchte, und sie sagt, sie haßt Picknick.

Luke: Picknick ich liebe Picknicks, ich weiß nicht
ob sie mich als Ersatz akzeptieren.

Theo: Ich kann es ja mal probieren. Was besorgen
wir uns denn zu essen.

Luke: Kaltes Huhn und Schinkenbrote.

Theo: Schololadenkuchen.

Luke: Ja. Harte Eier. Das Salz vergessen. Aber
keine Plastikbecher.

Elinor: Ist die Reise zu Ende reichen wir uns die
Hände, wenn der Abend kommt.

Elinor: Was ist das. Wach nur auf Theo
Tausendschön. Aus dem Bett Leo Lügner, Dr.
Montague, Poltergeist für Mrs Montague.

Theo: Eleonor ist weg.

Montague: Da da ist sie.

Luke: Im schiefen Turm natürlich.

Frau: Was in aller Welt tut diese verrückte Person
da oben.

Theo: Elinor warte, nicht weitergehen, ich komme.

Montague: Bleiben Sie hier, sie kann gar nicht
weiter nach oben klettern, die Treppe zum Turm ist
auf halber Höhe zusammengebrochen, ja, ich hab es
nur vergessen es ihnen allen zu sagen.

Luke: Der Rest der Treppe auch noch runter.

Montague: Klettern sie zurück Elenor aber
vorsichtig.

Theo: Du mußt sie holen Luke.

Montague: Ich bin dafür verantwortlich, ich hole
sie.

Theo: Luke bitte.

Luke: Ihre Frau hat recht, ich mach das.

Frau: Du hast dich ja geweigert, die
charakterliche Eignung zu prüfen.

Theo: Bleib ruhig Elenor ganz ruhig.

Luke: Elinor, Elinor, schau mich an, so jetzt gib
mir die Hand, ja.

Elinor: Ich hatte doch nur einen Alptraum, das
hätte jedem passieren können.

Luke: Der Koffer ist im Auto.

Montague: Steigen sie ein, Mrs Vance.

Elinor: Aber sie können mich doch nicht
wegschicken.

Frau: Fahren sie vorsichtig. Ich habe mit ihrer
Schwester telefoniert, sie war schon sehr in Sorge
wegen des Autos.

Elinor: Dr Montague.

Montague: Verstehen sie denn nicht, sie sind hier
in Gefahr.

Elinor: Das ist Unsinn, das wissen sie doch, ohne
mich läuft ihr Projekt nicht mehr, außerdem ist es
nicht ihr Haus, sie können mich nicht wegschicken.

Luke: Dr Montague handelt im Einvernehmen mit mir
als Hausherr.

Theo: Du brauchst Abstand.

Elinor: Nein.

Theo: Du mußt das alles erst mal vergessen, dann
können wir später irgendwann.

Elinor: Aber ich kann hier nicht weg, ich war
glücklich hier, ich bin seit 20 Jahren nicht mehr
glücklich gewesen.

Montague: Glauben Sie mir, es ist zu ihrem besten.

Elinor: Aber wohin.

Mrs Dudly: Fürchten sie sich nicht, fahren sie
nach Hause.

Elinor: Ja wohin denn sonst, danke Mrs Dudley
danke, danke.

Theo: Verdammt, ich hätte sie nicht alleine fahren
lassen sollen.

Montague: Ich hatte mir auch schon überlegt ob ich
sie nicht.

Frau: Was macht denn diese Person jetzt schon
wieder.

Luke: Sie hat gewendet, sie kommt zurück, zurück
zum Haus.

Mrs Dudly: Nach Hause.

Montague: An das Institut für Parapsychologie, das
Experiment, das so viel versprechend begann, ist
leider mit einem gewaltsamen Ende gescheitert, es
ist mir nicht gelungen, die übernatürlichen
Manifestationen auf Crains Hall wissenschaftlich
zweifelsfrei zu dokumentieren, poetisch
ausgedrückt könnte man sagen, das Haus hat sein
Geheimnis bewahrt, man kann wohl wirklich nicht
vorsichtig genug bei der Auswahl der Mitarbeiter
sein, meine Frau und ich werden das beim nächsten
Projekt noch stärker berücksichtigen, Sittley
Rectory in Suffolk, ein Pfarrhaus aus dem 18
Jahrhundert...

Elinor: Esther Hausmann
Theodora: Renan Demirkan
Dr. Montague: Rudolf Wessely
Mrs. Montague: Doris Schade
Luke: Ingo Hülsmann
Mrs. Dudley: Ruth Hausmeister
Elinors Schwester: Sibylle Nicolai

Edgar Wallace: Der Joker (SWF 1988)
(Ein Kriminalhörspiel nach Motiven von Edgar
Wallace, Manuskript: Florian Pauer)

Higgins: Guten Morgen, Ann.

Ann Pattison: Ich darf Sie darauf hinweisen, daß
es bereits viertel vor elf ist, haben Sie
verschlafen, Inspektor?

Higgins: Und wenn es so wäre, ist Sir John schon
da?

Ann Pattison: Allerdings.

Sir John: Ann Pattison, ist Higgins endlich da?

Ann Pattison: Ja, Sir John, er ist soeben
gekommen.

Sir John: Dann schicken Sie ihn sofort rein.

Ann Pattison: Ja, Sir John. Sehen Sie, er wartet
bereits seit zwei Stunden auf Sie. Und wenn ich
Ihnen einen guten Rat geben darf, dann seien Sie
heute freundlich zu ihm. Er ist nämlich gestern
zum dritten Mal bei der Fahrprüfung durchgefallen
und hat eine fürchterliche Laune.

Higgins: Ja, wie gewöhnlich. Also dann werde ich
mich mal in die Höhle des Löwen wagen. Guten
Morgen, Sir.

Sir John: Ah, da sind Sie ja endlich Higgins,
guten Morgen, ja, jetzt beantworten Sie mir einmal
eine Frage. Bin ich Verkehrspolizist oder Chef von
Scotland Yard?

Higgins: Selbstverständlich der Chef von Scotland
Yard, Sir.

Sir John: Schön, schön, dann erklären Sie mir
einmal, wieso ein einfacher Verkehrsunfall auf
meinem Schreibtisch landet.

Higgins: Ein Verkehrsunfall auf Ihrem
Schreibtisch?

Sir John: Ja, ein Verkehrsunfall, sag ich doch.
Ein Mann wurde vorgestern Nacht von einem
wahrscheinlich betrunkenen Autofahrer angefahren
und getötet, der anschließend Fahrerflucht beging,
das übliche halt. Heutzutage fährt ja alles schon
Auto, jeder Idiot bekommt ja einen Führerschein,
und wenn’s kracht, belästigt man jetzt schon mich
damit, als ob wir hier nicht genügend andere
Probleme hätten.

Higgins: Ja, sehr bedauerlich, wirklich. Übrigens,
haben Sie gestern Ihre Fahrprüfung bestanden, Sir
John, darf man gratulieren?

Sir John: Äh nein, nein, nein, es gab da ein
Mißverständnis, der Prüfer war so ein sturer Hund,
äh, Sie kennen ja diese Sorte, aber im Moment
beschäftigt mich diese andere Sache.

Higgins: Sir John, diese Angelegenheit ist keine
Lappalie. Ich habe gestern abend diesen
sogenannten Verkehrsunfall und seine
Begleitumstände etwas genauer unter die Lupe
genommen, ich habe den Eindruck, daß sich bereits
einige Reporter unsere Köpfe zerbrechen.

Sir John: Was soll das heißen?

Higgins: Haben Sie schon die heutige Ausgabe des
Daily Mirror gelesen?

Sir John: Nein, nein, nein.

Higgins: Ich darf zitieren: Wieder tödlicher
Unfall mit Fahrerflucht, Experten glauben nicht
mehr an Zufall.

Sir John: Und?

Higgins: Sir, ich habe mit den Kollegen vom
Unfallkommando gesprochen, die Sache von
vorgestern Nacht ist bereits der vierte Autounfall
mit tödlichem Ausgang und anschließender
Fahrerflucht innerhalb weniger Wochen, und das
immer in der Nacht. Von Augenzeugen, so es welche
gibt, wird zumeist eine dunkle Limousine erwähnt,
und diesmal haben wir die Aussage einer Frau, die
mir doch sehr zu denken gibt. Nach ihren Angaben
hat die dunkle Limousine in einer Seitenstraße vom
Kensington Park gewartet und war dann mit voller
Absicht auf den Mann zugerast.

Sir John: Sind Sie sicher? Das wäre ein glatter
Mordanschlag.

Higgins: Die Frau konnte nicht schlafen und stand
am Fenster, dadurch bekam sie alles genau mit, wir
haben ihre schriftliche Aussage.

Sir John: Ja, ist ja ungeheuerlich.

Higgins: Ja, es ist ungeheuerlich, aber es ist
noch nicht alles. Der Mann von vorgestern Nacht
hieß Jugent Pelford, ein alter Kunde von uns, wir
haben ihn in unserer Kartei, er hat einige Jahre
in Dartmoor abgesessen.

Sir John: Ja, ja, und?

Higgins: Das hat mich stutzig gemacht. Ich habe
mir die Dossiers der anderen ungeklärten
Autounfälle angesehen, wissen Sie, wer die Opfer
waren? Mike Brett, Piet Fletcher, Derrick Hardley,
allesamt schwere Jungs, hier ein Raubüberfall, da
ein Todschlag, und so weiter und so weiter, man
könnte meinen, hier hat jemand die halbe Londoner
Unterwelt ins Visier genommen.

Sir John: Moment, Higgins, ich gebe ja zu, daß das
alles sehr auffällig ist, aber ich würde keine
voreiligen Schlüsse ziehen. Bei den vielen hundert
Verkehrstoten, die wir Jahr aus Jahr ein haben,
kann es auch nichts weiter als ein böser Zufall
sein, vielleicht hat die Zeugin auch eine etwas
lebhafte Fantasie.

Higgins: Möglich, Sir, aber nachdem, was ich bis
jetzt in Erfahrung bringen konnte, kann ich nicht
mehr an Zufall glauben, Sir John, aber das beste
kommt noch. Bei Pelford, also dem Toten von
vorgestern Nacht, fand man das.

Sir John: Was ist das?

Higgins: Eine Spielkarte, ein Jolly Joker, mit
einem handschriftlichen Vermerk, Montag 22 Uhr,
man fand sie in Pelfords Brieftasche. Fällt Ihnen
etwas auf, Sir John?

Sir John: Sprechen Sie nicht in Rätseln, was
meinen Sie damit?

Higgins: Vorgestern war Montag, und gegen 22 Uhr
30 wurde Pelford.

Sir John: Überfahren.

Higgins: Ich würde sagen, ermordet, Sir John, und
das ist meine feste Überzeugung.

Sir John: Das ist bis jetzt nur eine Hypothese,
und zwar Ihre Hypothese, Higgins, aber gut,
bleiben Sie an dem Fall dran, Sie haben meine
volle Unterstützung. Übrigens habe ich diesmal
einen Assistenten für Sie.

Higgins: Wie bitte? Einen Assistenten für mich?

Sir John: Ja, Superintendant Lane, Sir Eric hat
ihn uns geschickt, eine Leihgabe aus Nottingham
sozusagen, gehen Sie nur ins Nebenzimmer, er
wartet schon auf Sie.

Higgins: Einen Assistenten.

Lane: Hallo.

Higgins: Hallo. Sie sind Superintendant Lane.

Lane: Für Sie Barbara. Sind Sie sehr enttäuscht,
Chiefinspektor?

Higgins: Nein, nein nein, keineswegs, so angenehme
Überraschungen sind bei uns im Haus wahrlich nicht
alltäglich, also kann ich nur sagen, willkommen in
London.

Lane: Danke.

Higgins: Sagen Sie, wieso wurden Sie uns
zugeteilt, Sir Eric konnte doch von unserem
Problem noch nichts wissen.

Lane: Nein, das konnte er auch nicht, aber ich
weiß eigentlich auch nicht, worum es geht. Nachdem
ich diesen Ken Russel hinter Schloß und Riegel
gebracht hatte, wurde es in Nottingham ein wenig
langweilig, und Sir Eric meinte, ein Klimawechsel
könnte mir sehr gut tun.

Higgins: Ken Russel, den haben Sie aus dem Verkehr
gezogen, den Mann, der mit Computermanipulationen
8 Millionen Pfund ergaunert hat?

Lane: Genau den.

Higgins: Mein Kompliment.

Sir John: Na, haben Sie sich schon angefreundet?

Higgins: Danke Sir.

Ann Pattison: Sir John.

Sir John: Ja?

Ann Pattison: Entschuldigen Sie die Störung, Sir
John, aber da draußen ist jemand, der Inspektor
Higgins sprechen möchte.

Sir John: Wer denn?

Ann Pattison: Ein gewisser Mr. Reynolds.

Higgins: Etwa Billy Reynolds?

Ann Pattison: Ja.

Higgins: Rein mit ihm.

Ann Pattison: Ja. Sie sollen reinkommen.

Reynolds: Inspektor?

Higgins: Sieh mal einer an, daß Sie mir in meinem
Leben noch einmal ohne Handschellen
gegenüberstehen würden, hätte ich auch nicht
gedacht, Reynolds.

Reynolds: Sehr witzig, Inspektor. Ich möchte das
hier abliefern.

Higgins: Interessant. Sir, sehen Sie sich das
einmal an.

Sir John: Was ist denn das, Higgins? Ist das die
Beute aus dem Serapju-Coup?

Lane: Serapju-Coup?

Higgins: Ja. Sie sollten wissen, Kollegin, vor
etwa zwei Monaten gab ein jordanischer Ölscheich
eine Galaparty auf seinem Landsitz hier in der
Nähe von London. Nachdem die Gäste gegangen waren,
war er um Juwelen im Werte von 300.000 Pfund
erleichtert. Dieser Gentleman, der jetzt so
reumütig vor uns steht, war daran offenbar nicht
ganz unbeteiligt. Saubere Arbeit, Reynolds, aber
soweit ich das auf den ersten Blick sehe, ist das
nur die Hälfte der Juwelen.

Reynolds: Mir wäre auch wohler in meiner Haut,
Inspektor, wenn ich alles zurückgeben könnte.

Higgins: Mein lieber Reynolds, Sie werden mir doch
zustimmen, wenn ich sage, daß Sie uns eine
Erklärung schuldig sind, oder?

Reynolds: Ja. Sehen Sie sich das an, Inspektor.

Higgins: Das wäre also die Nummer zwei. Glauben
Sie immer noch an Zufall, Sir John?

Lane: Ja was ist denn das? Eine Spielkarte, eine
Jolly-Joker-Karte. Was steht da? Donnerstag 18
Uhr, bleiben Sie am Telefon, J.

Sir John: Ja und was soll dieses J. bedeuten?

Higgins: Reynolds, haben Sie das Diamanten-Ding
etwa mit Pelford gedreht?

Reynolds: Ja, aber Pelford ist tot, und deshalb
bin ich hier. Sie sind verpflichtet, mich zu
schützen, Inspektor, mein Leben ist bedroht.

Ann Pattison: Sir John, es ist Zeit für Ihre
Tabletten.

Sir John: Aber jetzt doch nicht, alles der Reihe
nach.

Ann Pattison: Aber Sir John.

Sir John: Reynolds, was soll dieses J. bedeuten?

Reynolds: Das J steht für Joker. Noch nie von ihm
gehört? Er terrorisiert seit Monaten die gesamte
Londoner Unterwelt. Seine Methode ist einfach und
sicher zugleich. Wenn irgendwo ein Ding gedreht
wird, ist er der erste, der davon Wind bekommt,
und mit Morddrohungen erpreßt er die Herausgabe
von 90 Prozent der Beute. Keiner, der darauf nicht
eingegangen ist, hat überlebt.

Higgins: Gehörten Mike Brett und Piet Fletcher
auch dazu?

Reynolds: Fletcher? Hat’s den etwa auch erwischt?
Von Brett wußte ich’s, aber von Flechter...

Higgins: Fletcher wurde vor ungefähr 14 Tagen von
einem Auto angefahren und tödlich verletzt.

Reynolds: Der also auch. Pelford und ich hatten
noch vor nicht allzulanger Zeit im Montmartre mit
ihm gesprochen. Allerdings verstehe ich das nicht
ganz, Fletcher war doch bereit, auf die Forderung
des Jokers einzugehen.

Sir John: Sie sagen, der Joker ist der erste, der
von einem Coup erfährt, Mr. Reynolds, woher weiß
er es?

Reynolds: Tja, er weiß es eben.

Lane: Tja, und seit dem Serapju-Coup hat er nun
Sie im Visier.

Reynolds: Sie sagen es. Pelford war dagegen, den
Erpressungen des Jokers nachzugeben, wir teilten
die Beute und trennten uns, aber weit ist er ja
nicht gekommen, und ich bin wahrscheinlich der
nächste!

Higgins: Hören Sie zu, Reynolds, wir werden Ihnen
helfen, in Ihrem Interesse, aber bevor wir das
tun, eine Frage, da Sie ja mit der Londoner
Unterwelt so intim befreundet sind, gibt es einen
Anhaltspunkt, irgend ein Indiz, wer der Joker sein
könnte?

Reynolds: Nein, das einzige, was wir wissen ist,
daß er diese dunkle Limousine fährt, n’ schwarzen
Jaguar.

Lane: Wann will er mit Ihnen wieder Kontakt
aufnehmen?

Reynolds: Donnerstag, also morgen um 18 Uhr, steht
ja auf der Karte.

Higgins: Wo wohnen Sie?

Reynolds: Wir hatten ein Zimmer im Eastend
gemietet.

Higgins: Schön, dann fahren Sie dorthin, Sie
bekommen zwei Mann Begleitung, einen in die
Wohnung, einer bleibt unauffällig vor Ihrem Haus.
Wenn sich der Joker meldet, gehen Sie auf seine
Forderung ein, den Rest erledigen wir.

Reynolds: Was haben Sie vor?

Higgins: Wahrscheinlich sollen Sie die Juwelen
irgendwo deponieren, entweder an einem entlegenen
Ort oder mitten in der Stadt, wo der Joker im
Verkehrsgewühl rasch wieder untertauchen kann. Sie
hinterlegen jedenfalls das Zeug, wo immer er will,
und verschwinden dann so rasch wie möglich, wenn
er’s abholt, schnappen wir ihn uns.

Lane: Glauben Sie wirklich, daß er persönlich
kommen wird?

Higgins: Auch wenn er nur einen Mittelsmann
schickt, bringt uns das weiter. Nach unserer
bisherigen Kenntnis seiner Arbeitsmethode dürfte
er wohl kaum viele Mitarbeiter haben. Je weniger
seine Identität kennen, desto sicherer kann er
sich fühlen. Ihr Telefon, Reynolds, werden wir
selbstverständlich auch abhören.

Reynolds: Und Sie können meinen absoluten Schutz
garantieren?

Sir John: Ja ein bißchen was müssen Sie schon
riskieren, Reynolds, wenn Sie aus der Sache mit
einem blauen Auge rauskommen wollen. Bisher waren
Sie ja auch nicht zimperlich.

Reynolds: Nein, aber der Joker...

Higgins: Der Joker, der Joker, der Joker. Der
Joker ist auch nur ein gewöhnlicher Krimineller
und kein Phantom. Und je schneller wir diesem Spuk
ein Ende bereiten, um so besser für alle
Beteiligten, ja ja, sonst macht Sir John seinen
Führerschein nie.

Sir John: Nanananananana, untergraben Sie da nicht
meine Autorität vor diesem Gaunerpack, Higgins,
mein Führerschein geht nur mich etwas an.

Sir John: Reynolds ist tot? Higgins, wie konnte
das passieren? Es war doch alles bis ins kleinste
Detail vorbereitet!

Higgins: Richtig, Sir, Reynolds sollte die Juwelen
in der Telefonzelle am Haymarket hinterlegen und
sofort verschwinden.

Lane: Und daß dieser Reynolds 10 Meter vor der
Telefonzelle niedergeschossen wird.

Higgins: Daß hat doch niemand erwarten können,
Sir, daß der Joker die Beute sausen läßt und
Reynolds liquidiert.

Sir John: Dieser Joker… was ist?

Ann Pattison: Es ist Zeit für Ihre Tabletten.

Sir John: Dieser Joker scheint allgegenwärtig zu
sein.

Ann Pattison: Sir John.

Lane: Oder er hat einige brillant getarnte
Spitzel.

Sir John: Sie sagen es, Miss Lane. Higgins, wir
haben jetzt 5 Tote, und keinen einzigen
brauchbaren Anhaltspunkt. Ich muß dem Minister
Rede und Antwort stehen und Sie scheinen Jolly-
Joker-Karten zu sammeln.

Higgins: Wir müssen dort weiterarbeiten, wo
Reynolds aufgehört hat.

Sir John: Reynolds ist tot.

Higgins: Richtig Sir, Reynolds ist tot, auch
Pelford und Fletcher. Sir John, können Sie sich
erinnern, was Reynolds über Fletcher sagte, er und
Pelford hätten zuletzt miteinander im Montmartre
gesprochen, das scheint ein Pup zu sein oder
irgendein Restaurant.

Sir John: Jaja, das ist so ein Nobelnachtklub
irgendwo in Finsbury, wird ja nicht allzu
schwierig sein, das herauszufinden.

Higgins: Ganz recht, Sir, also kommen Sie,
Barbara, wir machen uns einen netten Abend. Sir
John.

Lane: Sir.

Kellner: Was darf’s sein?

Lane: Ein Wodka Martini mit viel Eis, bitte.

Higgins: Für mich einen doppelten Scotch.

Kellner: Jawohl Sir.

Higgins: Rauchen Sie?

Lane: Danke nein.

Higgins: Aber ich doch.

Lane: Ganz schön was los hier.

Higgins: Ja, aber lassen Sie sich von der
Schickeria nicht täuschen, soweit ich es auf den
ersten Blick gesehen habe, sitzen hier mindestens
300 Jahre Dartmoor auf einem Haufen.

Lane: Oh wie beruhigend.

Kellner: Ihre Getränke.

Higgins: Danke.

Lane: Und Sie meinen, daß hier ist die richtige
Adresse, um an den Joker heranzukommen.

Higgins: Ich hoffe es. Immerhin verkehrten hier
Reynolds, Pelford und Fletcher. Außerdem.

Lane: Ist was?

Higgins: In der rechten hinteren Ecke sitzen fünf
Männer an einem Tisch, sehen Sie hin, aber
unauffällig. Der Graumelierte mit dem
Bürstenhaarschnitt, der sein Gesicht halb
abgewandt hat, kennen Sie ihn?

Lane: Hm. Irgendwie kommt er mir bekannt vor.

Higgins: Ja, das ist Tom Silkwood. Hm, im Yard hat
er den Spitznamen der Amerikaner.

Lane: Aha, und was wissen Sie noch über ihn?

Higgins: Ja, er wurde in den 50er Jahren aus
England ausgewiesen, hat einige tolle Dinger
gedreht, nur beweisen konnte man ihm nie etwas. Er
ging dann nach Amerika, wo er mit der gleichen
Methode arbeitete, gut ein halbes Dutzend Mal
wurde Anklage gegen ihn erhoben, er wurde aber
mangels Beweisen immer wieder freigesprochen. Man
sagt ihm drüben übrigens gute Kontakte zur Mafia
nach.

Lane: Und warum gibt es uns jetzt wieder die Ehre?

Higgins: Hm, wahrscheinlich ist er mit falschem
Paß eingereist, aber wir werden das überprüfen. Wo
Silkwood auftaucht, steckt meistens mehr dahinter
als ein paar Tage Urlaub, er plant seine Coups
generalstabsmäßig.

Lane: Schade, daß man nicht hören kann, was die da
miteinander reden.

Higgins: Tja. Und wie gefällt Ihnen das Lokal
sonst?

Lane: Hm, sonst, also der Martini Wodka ist
passabel, die Einrichtung muß sündhaft teuer
gewesen sein, also, so ganz recht mit ihren 300
Jahren Dartmoor haben Sie nicht, da kommt Sir
Donald, Abgeordneter im Unterhaus.

Higgins: Bleiben wir bei der Einrichtung. Fällt
Ihnen nichts auf?

Lane: Hm, die blaue Marmorkatze da an der Wand
scheint mir ein wenig zu extravagant, die
auffälligen Blumengestecke auf jedem Tisch.

Higgins: Eben. Man kann sie offenbar nicht
verrücken.

Lane: Tatsächlich.

Higgins: Ich muß immer wieder an Reynolds denken,
er hat eine Gaunerkarriere hinter sich, die sich
wirklich sehen lassen konnte, und seine Komplizen
waren auch mit allen Wassern gewaschen, aber auf
die Frage, woher der Joker seine Informationen
beziehen könnte, sagte er bloß, ja, er weiß es
eben. Nein nein, dahinter muß ein ebenso einfacher
wie raffinierter Trick stecken.

Lane: Ich beginne zu ahnen, was Sie meinen,
Chiefinspektor.

Higgins: Tja, heute können wir hier sowieso nichts
mehr tun, die beiden Streifen müssen ohnehin bald
da sein, und Sie Barbara, sehen Sie bitte zu, daß
Sie morgen etwas über diesen Laden hier in
Erfahrung bringen können, wem er gehört, wie der
Barmixer heißt, usw. usw.

Lane: Geht in Ordnung. Danke für den Drink, Chief.

Higgins: Oh, keine Ursache.

Ann Pattison: Verzeihen Sie die Störung, Sir John,
hier ist jemand, der Chiefinspektor Higgins
sprechen möchte.

Sir John: Wer ist das denn?

Ann Pattison: Ein gewisser Mr. Harras.

Higgins: Kenn ich nicht.

Sir John: Ja, soll hereinkommen.

Ann Pattison: Ja. Bitte, Mr. Harras.

Higgins: Mein Name ist Higgins, Sie wollten mich
sprechen.

Harras: Ja, mein Name ist Harras, Josua Harras,
ich bin Portier und Sekretär im Home of Peace,
einem sehr angesehenen Pflegeheim für alte Leute
in West Kensington.

Sir John: Ja, nehmen Sie doch bitte Platz, Mr.
Harras.

Harras: Dankeschön.

Sir John: Was führt Sie zu uns?

Harras: Ja sehen Sie, in den letzten Tagen
tauchten in den Zeitungen immer wieder Meldungen
von äußerst mysteriösen Autounfällen auf, es wird
das Gerücht kolportiert, daß es sich dabei nicht
um gewöhnliche Unglücksfälle, sondern um
Mordanschläge handelte.

Higgins: Erzählen Sie weiter, Mr. Harras.

Harras: Die Fotos der Opfer wurden in den
Zeitungen abgebildet, und ich kenne zwei von
ihnen. Äh, bei dem einen war ich mir erst nicht so
sicher, sehen Sie, ich habe die betreffenden
Artikel mitgenommen, von dem einen Mr. Pelford
glaube ich, daß er einmal kurz bei uns zu Besuch
gewesen ist, vom zweiten Mr. Fletcher, weiß ich es
jedoch ganz bestimmt.

Higgins: Wann was das?

Harras: Das war vor ungefähr drei Wochen. Mr.
Fletcher kam eines Vormittags zu uns und verlangte
an der Rezeption ziemlich schroff Lady Smith zu
sprechen. Sie müssen wissen, Lady Smith ist die
Leiterin des Sanatoriums. Ich bat ihn also weiter
ins Büro, nachdem ich Lady Smith von seinem Kommen
informiert hatte, und sie ließ ihn kommentarlos
eintreten. Ich konnte dann feststellen, daß hinter
der verschlossenen Tür eine ziemlich heftige
Debatte stattfand. Nach etwa 10 Minuten verließ
Mr. Fletcher mit rotem Kopf das Büro und fuhr
grußlos in seinem Wagen fort.

Higgins: Haben Sie mitbekommen, worum sich das
Gespräch drehte?

Harras: Aber Mr. Higgins, ich pflege nicht an
Türen zu lauschen.

Higgins: Ja, ja ja, ich bin davon überzeugt, Mr.
Harras, aber da Sie selbst sagten, daß das
Gespräch ziemlich heftig verlief, könnte es doch
sein, daß Sie, ohne natürlich zu beabsichtigten,
ein paar Worte aufgeschnappt haben.

Harras: Ja, ich glaube etwas von Unterbieten
gehört zu haben und äh Schweinerei.

Sir John: Ja, das ist ja alles nicht sehr
informativ.

Higgins: Namen fielen keine?

Harras: Ich habe keinen gehört, Inspektor.

Higgins: Sehr viel ist das nicht, was Sie uns zu
berichten haben, Mr. Harras, aber wir werden der
Sache auf den Grund gehen.

Sir John: Higgins, wenn Sie in jeder Bude
nachsehen, wo die Kerle einmal vorbeigeschaut
haben, kommen Sie nie ans Ziel.

Harras: Bude? Ich bitte Sie, Sir, ich habe nur
getan, was ich für meine Pflicht hielt, nämlich
Sie davon in Kenntnis zu setzen.

Higgins: Is ja gut, ist alles gut, wir sind Ihnen
auch sehr dankbar. Guten Tag.

Sir John: Moment, Moment mal Mr. Harras, wo sagten
Sie, liegt dieses Sanatorium?

Harras: In West Kensington, nahe der North End
Road.

Sir John: Das ist eine noble Gegend.

Harras: Allerdings.

Sir John: Warum glauben Sie, kamen Pelford und
Fletcher ins Sanatorium, hatten sie Verwandte im
Heim oder wollten sie direkt zu Lady Smith?

Harras: Also, Pelford hab ich nur das eine Mal
gesehen, was Mr. Fletcher betrifft, so kann ich
das nicht beurteilen, äh, Sie müssen wissen, daß
ich erst seit 5 Monaten im Home of Peace arbeite.

Sir John: Also, Mr. Harras, es war sehr freundlich
von Ihnen, daß Sie zu uns gekommen sind, aber
genaugenommen sind Ihre Angaben zu dürftig, Sie
müßten uns schon eindeutigere Hinweise geben, daß
die Besuche von Mr. Pelford und Mr. Fletcher in
Zusammenhang mit deren ungewöhnlichem Ableben
stehen, ich schlage vor, Sie verschaffen sich
einen genaueren Einblick in die Akte, und wenn Sie
etwas finden, wovon Sie glauben, daß es von
Bedeutung ist, dann kommen Sie wieder zu uns.

Harras: Ich werde mein Bestes tun, Sir.

Sir John: Merkwürdig, das ganze, Higgins.

Higgins: Ja, wenn ich ehrlich bin, zu denken gibt
mir die Sache schon. Hm, da jagen wir diesem
verdammten Geisterwagen nach, dessen Fahrer wir
nicht kennen, wir haben ein halbes Dutzend Tote,
die wahrscheinlich alle auf sein Konto gehen, und
dann kommt so eine lächerliche Figur wie Harras
zum Yard und behauptet aus heiterem Himmel, er
kenne Pelford und Fletcher.

Sir John: Jaja, Sie machen das schon, Higgins.

Higgins: Genau Sir John und ebendarüber muß ich
mit Ihnen ein ernstes Wort reden.

Sir John: Aber Higgins, ich bin um halb sechs im
Klub verabredet.

Higgins: Ich bitte Sie um 5 Minuten, Sir. Als Sie
mir den Fall übertrugen, sagten Sie mir volle
Unterstützung zu.

Sir John: Ja die haben Sie ja. Sonst noch was?

Higgins: Wie ich Ihnen schon berichtete, Sir, war
ich gestern im Montmartre.

Sir John: Ja, und seitdem werden der Amerikaner,
dieser...

Higgins: Silkwood.

Sir John: Silkwood, ganz recht, und seine Leute
rund um die Uhr beobachtet, und das Lokal auch.

Higgins: Das genügt mir nicht, ich will einen
Durchsuchungsbefehl.

Sir John: Was denn, Sie wollen mit meinen Beamten
das Montmartre auf den Kopf stellen?

Higgins: Sir John, Pelford, Reynolds, Fletcher,
sie alle verkehrten dort, und sie alle kamen auf
die Abschußliste des Jokers.

Sir John: Jaja ich weiß, aber ihnen ist vielleicht
entgangen, daß dort auch ehrenwerte Mitglieder
unserer Londoner Gesellschaft ihre Abendstunden zu
verbringen pflegen, Politiker, Richter, Anwälte.
Mein guter Freund Sir Donald zum Beispiel.

Higgins: Ja, er war gestern abend auch dort, mir
kommen die Tränen. Wenn wir wirklich etwas gegen
den Joker unternehmen...

Sir John: Ich will kein Wort mehr hören, Higgins,
tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber ich
werde es nicht zulassen, daß Sie dort Ihre
Privatfete starten, bevor Sie mir handfeste
Beweise auf den Tisch legen. Vorher sind das alles
nur Vermutungen.

Higgins: Verstehe, Sir John, wenn ich erst mal auf
meine Weise ein paar fette Indizien beschafft
habe, dann stehen Sie ja ganz loyal zu Ihren
Chiefinspektoren.

Sir John: Wie meinen Sie?

Higgins: Nein, nichts, ich wünsche einen schönen
Abend.

Sir John: Ja wohin wollen Sie?

Higgins: Ich habe heute noch ein wichtiges
Arbeitsessen vor mir, mit Superintendant Lane, man
muß sich ja schließlich einmal kennen lernen, die
Rechnung bekommen Sie morgen.

Lane: Hm, sagen Sie, Chiefinspektor, führen Sie
Ihre Assistenten immer so vornehm aus?

Higgins: Bin ich Krösus? Hm, ich erinnere mich,
wir hatten einmal einen Sergeant, Harvy hieß er,
er bekam vom damaligen Chef Sir Artur immer die
unangenehmsten Aufgaben übertragen, manchmal
fuhren wir auch zusammen Streife, da waren
Hamburger und Cola schon das allerhöchste der
Gefühle.

Lane: Oh, das ist äußerst interessant. Heißt das,
Sie wollen mich bei diesem schwierigen Fall nur
bei Laune halten, hm mit diesem köstlichen Filet
beispielsweise, bevor wir uns ernsthaft auf die
Fährte des Jokers heften?

Higgins: Abgesehen von der Tatsache, daß ich noch
nie einen so hübschen Assistenten hatte.

Lane: Noch nie?

Higgins: Fürchte ich, daß uns in der Tat noch
schwere Tage bevorstehen, Wochen, Monate, was weiß
ich.

Lane: Chiefinspektor...

Higgins: Higgins für Sie.

Lane: Oh, einen Vornamen haben Sie wohl nicht.

Higgins: Doch doch doch, nur verschweige ich ihn
meistens. Meine Intimfeinde nennen mich
Chiefinspektor Higgi.

Lane: Und Ihre Intimfreunde?

Higgins: Higgi.

Lane: Also gut, Higgi, erzählen Sie einmal, wie
lange dauerte Ihr längster Fall, den Sie für den
Yard gelöst haben, Sie haben einen legendären Ruf
im Haus.

Higgins: Barbara, Sie wissen ja wohl selbst am
besten, wie das so ist, oft dauern die Recherchen,
die informelle Arbeit Monate, und die Aktion, wenn
man einen hochgehen läßt, wenige Minuten.

Lane: Higgi, was denken Sie wirklich über den
Joker?

Higgins: Reynolds war sein fünftes Opfer. Wie
viele bisher aber tatsächlich auf sein Konto
gehen, können wir nur schätzen. Ich könnte mir gut
vorstellen, daß noch einige andere Unfälle vom
Joker inszeniert wurden.

Lane: Von denen Sie gar nichts wissen.

Higgins: Noch nichts.

Lane: Und wie geht’s also weiter?

Higgins: Eine Hoffnung ist dieser Harras.

Lane: Der Portier aus dem Pflegeheim.

Higgins: Ja, Portier und Sekretär im Home of
Peace. Vielleicht findet er etwas heraus, womit
wir etwas anfangen können, aber ich kann mich
natürlich nicht darauf verlassen.

Lane: Bleibt also nur das Montmartre.

Higgins: Genau. Die Nase des Barkeepers gefällt
mir ganz und gar nicht. Haben Sie etwas über ihn
herausbekommen?

Lane: O ja, er heißt John Carpenter, 46 Jahre alt,
geboren in London, es steht nichts besonderes über
ihn in den Akten, keine Vorstrafen, allem Anschein
nach ein unbeschriebenes Blatt. Er ist übrigens
der Besitzer des Lokals.

Higgins: Besitzer und wäscht selbst die Gläser?
Merkwürdig.

Lane: Vielleicht will er Personal sparen.

Higgins: Mag ja sein. Barbara, der Abend mit Ihnen
war wunderschön, aber so leid es mir tut, muß ich
ihn beenden.

Lane: Haben Sie noch etwas besseres vor?

Higgins: Naja nu, ich habe für das Montmartre
keinen Durchsuchungsbefehl bekommen, also muß ich
mich dort nochmals umsehen, auf meine Art.

Lane: Schau an schau an, wenn das Sir John
erfährt.

Higgins: Darauf kann ich im Moment keine Rücksicht
nehmen, wir können dem Joker nicht länger tatenlos
zusehen. Kann ich Sie irgendwo absetzen?

Lane: Nein danke, ich geh zu Fuß, ein bißchen
frische Luft wird mir jetzt sehr gut tun.

Higgins: Schon wieder so spät, o Mann o Mann... Wo
sind denn diese Latschen wieder? – Dann wollen wir
mal... Das darf doch nicht wahr sein. Was… was zum
Teufel machen Sie denn in meinem Bett?

Lane: Sie sollten eigentlich wissen, daß ich von
Natur aus sehr neugierig bin, bis morgen hätte ich
das doch bestimmt nicht durchgehalten, die
Neuigkeiten aus dem Montmartre zu erfahren. Und
außerdem dachte ich mir, man könnte den
angebrochenen Abend ein wenig äh… verlängern.

Higgins: Aja, das dachten Sie, meine Haustür war
da überhaupt kein Hindernis.

Lane: Aber Higgi, ich bin ein Profi.

Higgins: Jaja.

Lane: Möchten Sie einen Drink?

Higgins: Ich hatte zwar schon einen, aber
bekanntlich soll man auf zwei Füßen stehen. Schön,
daß Sie sich mit meiner Hausbar so schnell
angefreundet haben.

Lane: Auf den Joker.

Higgins: Nein, nein, eher auf den Tag, an dem wir
ihn geschnappt haben werden. Cheers.

Lane: Cheers.

Higgins: Es gibt Neuigkeiten.

Lane: Hm, da bin ich aber gespannt.

Higgins: Carpenter hört die Gespräche seiner Gäste
ab.

Lane: In den Blumengestecken sind Mikrophone
eingebaut.

Higgins: Wunderbar, wie schnell Sie schalten.
Jetzt ist mir auch klar, wie so jemand über so
manches krumme Ding als erster Bescheid weiß.

Lane: Und mit diesem Jemand meinen Sie den Joker.

Higgins: Ohne jeden Zweifel. Das Montmartre ist
jetzt für uns die heißeste Adresse.

Lane: Aha, und was ist unser nächster Schritt?

Higgins: Ich muß das morgen mit Sir John
besprechen, auf keinen Fall möchte ich etwas
überstürzen, überlegen Sie mal, angenommen,
Carpenter arbeitet nur für den Joker, wenn wir da
den Klub hochgehen lassen, ist der Joker auf
Nimmerwiedersehen verschwunden.

Lane: Hm, und wenn Carpenter selbst der Joker ist?

Higgins: Ja, das wäre natürlich die einfachste
Lösung. Hm, wissen Sie, daß das gar nicht so eine
schlechte Idee war, die Sie da hatten?

Lane: Welche?

Higgins: Den Abend zu verlängern.

Lane: Hm.

Higgins: Rutschen Sie mal ein bißchen.

Lane: Möchtest du noch eine Tasse Tee, Darling?

Higgins: Nein danke. Barbara, hör zu, ich hab mir
das anders überlegt, bevor ich Sir John meinen
Besuch im Montmartre beichte, fahre ich hinaus ins
Home of Peace.

Lane: In dieses Pflegeheim. Du willst nicht
warten, bis dieser Portier, dieser Harras sich
meldet.

Higgins: Nein nein, die Zeit drängt, sei so lieb
und fahr schon voraus in den Yard und sag Sir John
Bescheid. Ich komme gegen 12 Uhr nach.

Lane: Wie Sie befehlen, Chiefinspektor. Dank dir
für die Nacht.

Higgins: Ich danke dir, Profi.

Lane: Also mach’s gut, bis später... Ah!

Higgins: Barbara, Barbara, was ist los?

Lane: Eine Jolly-Joker-Karte, sogar bis hierher
ist er also schon gekommen.

Higgins: Aufgespießt mit diesem Jagdmesser.

Lane: Steht da irgend etwas drauf?

Higgins: Nein, das ist aber auch gar nicht nötig.
Die Warnung ist eindeutig.

Lane: Ja aber wen von uns beiden hat er gemeint?

Higgins: Wahrscheinlich mich, mein Besuch im
Montmartre hat sich schneller herumgesprochen als
uns lieb ist.

Lane: Sag mal meinst du, daß Carpenter...

Higgins: Wir werden das gleich haben. Hallo
Hooper, hören Sie mich, wo sind Sie?

Hooper: Inspektor Higgins, ich bin nach wie vor
vor der Wohnung von Carpenter.

Higgins: Hat er heute Nacht das Haus noch einmal
verlassen?

Hooper: Nein, Inspektor, er war die ganze Nacht
über in seiner Wohnung. Sein Wagen steht ebenfalls
vor der Haustür.

Higgins: OK Hooper danke. Ende. Verdammt,
Carpenter kann es nicht gewesen sein.

Lane: Ja was wirst du jetzt tun?

Higgins: Wir lassen es wie besprochen, ich fahre
ins Home of Peace, und du nimmst dir ein Taxi zum
Yard, sie sollen im Labor das Messer und die Karte
auf Fingerabdrücke untersuchen, wenn ich auch
glaube, daß Sie auch kaum etwas finden werden.
Komm, wir gehen.

Lane: OK.

Lady Smith: Was kann ich für Sie tun?

Higgins: Sie sind Lady Smith, die Leiterin dieses
Sanatoriums, ist das richtig?

Lady Smith: Leiterin und Eigentümerin, ganz recht.

Higgins: Also Milady, ich bin mit der Aufklärung
eines sehr ernsten und eines sehr mysteriösen
Falles beauftragt, Scotland Yard untersucht zur
Zeit einige rätselhafte Autounfälle, die in den
letzten Wochen passiert sind. Wir sind dabei zu
der Überzeugung gelangt, daß es sich nicht um
Unglücksfälle, sondern durchweg um Mordanschläge
handelte.

Lady Smith: Ah, Sie meinen jene Fälle, von denen
auch schon die Zeitungen berichtet haben.

Higgins: So ist es.

Lady Smith: Und darf ich fragen, wieso Sie damit
zu mir kommen?

Higgins: Sie dürfen. Bitte sehen Sie sich diese
beiden Fotos einmal an.

Lady Smith: Ja.

Higgins: Sagen Ihnen diese beiden Fotos etwas,
Milady?

Lady Smith: Nein, Inspektor.

Higgins: Die Fotos zeigen zwei Unfallopfer. Beide
waren angeblich kurz bevor sie umkamen hier in
diesem Sanatorium.

Lady Smith: Hier? Das kann ich nicht glauben. Ach,
warten Sie bitte, dürfte ich die Fotos noch einmal
sehen?

Higgins: Natürlich.

Lady Smith: Doch, den einen kenn ich, den mit der
Narbe, das ist Mr. Fletcher. Wissen Sie, die
Aufnahme ist nicht besondern gut.

Higgins: Bedauerlicherweise, Milady, entschuldigen
Sie.

Lady Smith: Bitte?

Higgins: Ja.

Lady Smith: Ah ja. Sein Vater war bei uns bis zu
seinem Tod in Pflege gewesen, und Mr. Fletcher ist
so großzügig, uns von Zeit zu Zeit eine
finanzielle Zuwendung zu machen, Sie müssen
nämlich wissen, daß wir hier auf private Spenden
sehr angewiesen sind.

Higgins: Ich verstehe.

Lady Smith: Ja, möglicherweise hat er uns wieder
einmal einen Besuch abgestattet, aber da müßte er
bei Mr. Harras vorgesprochen haben, hm, nein, den
zweiten Mann kenn ich aber mit Sicherheit nicht.

Higgins: Ja. Ja, dann würde ich gerne einmal mit
Mr. Harras sprechen.

Lady Smith: Das geht leider nicht. Harras hat
heute seinen freien Tag.

Higgins: Achso.

Lady Smith: Aber ich kann Ihnen ja seine
Privatnummer geben.

Higgins: Bitte, Milady, halten Sie es für denkbar,
daß Mr. Fletcher, oder vielleicht auch Mr.
Pelford, das ist der Mann hier auf dem anderen
Foto, gar nicht zu Ihnen, sondern vielleicht zu
einem der Heiminsassen wollte?

Lady Smith: Ja, das kann ich nicht beurteilen,
Inspektor, ich glaube aber nicht, aber Sie können
ja einmal meine Schützlinge fragen.

Higgins: Ich würde das sehr gerne tun. Fangen wir
doch gleich mit dem älteren Herrn dahinten an, im
Rollstuhl, wer ist das?

Lady Smith: Ja, ja, äh Miller?

Miller: Ja?

Lady Smith: Miller, könnten Sie mit Mr. Goldmann
einen Augenblick herkommen.

Miller: Ja.

Lady Smith: Das ist Mr. Goldmann, Theodor
Goldmann. Er ist erst seit wenigen Wochen bei uns.

Higgins: Mr. Goldmann, entschuldigen Sie, mein
Name ist Higgins, Chiefinspektor Higgins.

Goldmann: Goldmann, Theodor Goldmann.

Lady Smith: Verzeihen Sie Mr. Goldmann, der
Inspektor hier hätte eine Frage an Sie.

Goldmann: Ja, was kann ich für Sie tun?

Higgins: Sir, sehen Sie sich doch bitte diese
beiden Fotos an. Kennen Sie einen der beiden?

Goldmann: Ja, den einen kenn ich.

Higgins: Den mit der Narbe?

Goldmann: Nein, den anderen, den mit der Brille.

Higgins: Pelford also, Mr. Goldmann, woher kennen
Sie Pelford?

Goldmann: Er war einmal hier, vor ein paar Woche
glaub ich, ich hab ihn nur kurz gesehen, was oder
zu wem er wollte kann ich Ihnen auch nicht sagen,
und jetzt entschuldigen Sie mich, Inspektor,
Miller, fahren Sie mich ins Haus.

Higgins: Danke, Mr. Goldmann. Wie erklären Sie
sich das, Milady?

Lady Smith: Ja, ich weiß auch nicht, ich kann
meine Augen ja nicht überall haben.

Higgins: Natürlich nicht, Pelford muß also zu
einem Ihrer Patienten gewollt haben.

Lady Smith: Ja vielleicht, was weiß ich.

Higgins: Na gut, Milady, das wär’s fürs erste.
Falls ich noch Fragen haben sollte, werde ich mir
erlauben, nochmals bei Ihnen vorbeizusehen.

Lady Smith: Ja, tun Sie das, Inspektor. Inspektor?

Higgins: Milady?

Lady Smith: Ja, übrigens, wer sagte Ihnen
eigentlich, daß diese beiden Herren bei mir
gewesen sein sollen?

Higgins: Mr. Harras, er besuchte uns im Yard. Auf
Wiedersehen, Milady.

Lady Smith: Auf Wiedersehen.

Sir John: Ja.

Higgins: Hallo, Sir John?

Sir John: Na endlich, Higgins, wo stecken Sie
denn?

Higgins: In einer Telefonzelle in der Shaftsbury
Avenue. Ich habe mich im Sanatorium umgesehen,
Sir, und mit Lady Smith gesprochen.

Sir John: Ja, ja, was haben Sie für einen
Eindruck?

Higgins: Einen sehr zwiespältigen. Sie kennt
Fletcher, aber das gab sie nicht gleich zu,
behauptet, er sei ein Förderer des Sanatoriums.
Ein älterer Heiminsasse, ein gewisser Goldmann,
bestätigte jedoch, daß auch Pelford dort einmal
aufgetaucht ist. Im Moment kann ich mir aber noch
keinen rechten Reim darauf machen. Übrigens, ist
Superintendant Lane schon bei Ihnen, kann ich sie
mal sprechen?

Sir John: Das können Sie nicht, sie ist nicht da,
aber sie hat angerufen, sie wird sich etwas
verspäten. Hören Sie mal, Miss Lane hat mir schon
von Ihrem nächtlichen Ausflug ins Montmartre
berichtet, also Higgins, Sie wissen, daß ich diese
Eigenmächtigkeiten von Ihnen gar nicht schätze,
ich repräsentiere als Chef den Yard auch nach
außen, und wenn jeder meiner Inspektoren...

Higgins: Weg! Gehen Sie in Deckung!

Hooper: Hände hoch, keine Bewegung!

Higgins: Nur keine Panik, Jungs, Jungs.

Hooper: Tschuldigen Sie vielmals, Chiefinspektor.

Higgins: Ja ist ja schon gut. Geben Sie sofort
eine Fahndung nach dem schwarzen Jaguar XJ 12
raus.

Hooper: Achtung, an alle Streifenwagen, gesucht
wird ein schwarzer Jaguar XJ 12.

Higgins: Entfernt sich von der Shaftsbury Avenue
nach Norden, wahrscheinlich Richtung Regents Park.

Higgins: Besondere Kennzeichen: Verdunkelte
Scheiben. Bei Sichtkontakt anhalten und den Fahrer
unverzüglich festnehmen.

Higgins: Vorsicht, der Mann ist bewaffnet und
macht ohne Bedenken von der Schußwaffe Gebrauch.
Ende. Hallo, Sir John, Sir John bitte kommen.

Sir John: Higgins, was war denn los?

Higgins: Sitzen Sie?

Sir John: Ja.

Higgins: Sie haben sich soeben die Begräbniskosten
für einen Ihrer Chiefinspektoren erspart.

Sir John: Der Joker?

Higgins: Genau. Um ein Haar hätte er mich
erwischt. Ich habe die Fahndung schon ausgegeben.

Sir John: Ja was sind denn das für Sachen,
Higgins. Ich hab auch schlechte Nachrichten, der
Amerikaner, wie hieß der noch?

Higgins: Silkwood, Sir.

Sir John: Ach ja, dieser Silkwood und seine
Kumpanen haben unsere Leute abgehängt.

Higgins: Verdammt, heute geht aber auch alles
schief. Ich komm in den Yard.

Sir John: Nein, nein, warten Sie, Mr. Harras hat
heute früh noch mal angerufen, Sie sollen zu ihm
in die Privatwohnung kommen, er wohnt in der
Kingsroad Nummer 4.

Higgins: Ich bin schon unterwegs, Sir. - Mr.
Harras, sind Sie zuhause? – Hallo, Mr. Harras? –
Mr. Harras? – Mein Gott!

Lady Smith: Meine Herren, darf ich erfahren,
welchem Umstand ich diese rüde Vorladung zu
verdanken habe?

Higgins: Kam sie wirklich so unerwartet, Milady?

Sir John: Higgins, kommen Sie zur Sache.

Higgins: Sie verdanken die Vorladung dem Umstand,
Milady, daß Ihr Portier seit gestern auf Eis
liegt, im Leichenschauhaus.

Lady Smith: Harras? Wie ist das möglich?

Higgins: Man hat ihn in seinem Badezimmer solange
unter Wasser getaucht, bis der Tod eintrat, seinen
freien Tag hat er sich wahrscheinlich anders
vorgestellt.

Lady Smith: Ja aber das ist ja entsetzlich.

Higgins: Da sind wir zufällig einer Meinung
Milady, ich finde es aber auch entsetzlich, daß
dieser scheußliche Mord keine zwei Stunden nach
meinem Besuch in Ihrem Sanatorium von mir entdeckt
wurde, nachdem ich Ihnen mitteilte, daß Harras uns
wegen der Besuche von Pelford und Fletcher im Home
of Peace aufgesucht hat. Sie werden sicherlich
verstehen, welche Rückschlüsse für mich da
naheliegend sind.

Lady Smith: Inspektor, soll das heißen, Sie
unterstellen mir irgendeine Verbindung zu diesem
Mord? Zwei Stunden dürften wohl ein wenig knapp
bemessen sein, um einen Mordplan zu fassen und
auszuführen.

Higgins: Das Argument klingt plausibel, haben Sie
vielleicht schon Ihren Rechtsbeistand konsultiert?

Lady Smith: Ich verbitte mir diesen Ton.

Sir John: Higgins! Behalten Sie bitte Platz, Lady
Smith.

Higgins: Sie haben mich nicht ausreden lassen. Ich
sagte vorhin, daß zwischen meinem Besuch bei Ihnen
und dem Entdecken der Leiche etwa zwei Stunden
lagen, die Obduktion hat allerdings ergeben, daß
der Mord in der Nacht passierte, so zwischen 1 und
2 Uhr morgens.

Lady Smith: Na also, sehen Sie.

Higgins: Ja, nur beweist das nichts. Harras hatte
vorgestern gegen 15 Uhr Dienstschluß und war um
ca. 16 Uhr bei uns. Einer ihrer Heiminsassen hat
uns gegenüber bestätigt, daß kurz nach Harras auch
Ihr Pfleger Mr. Miller das Heim verlassen hat.

Lady Smith: Wer hat das denn behauptet?

Higgins: Ich werde mich hüten, Ihnen das zu sagen,
der Mord an Harras, der reicht mir fürs erste.

Lady Smith: Inspektor, ich werde mich an höchster
Stelle über Sie beschweren, wenn Sie mir weiterhin
in diesem Ton die Ermordung von Mr. Harras
anlasten.

Higgins: Tun Sie das, Milady, und Sie können
gleich damit anfangen. Ich hoffe, daß Ihr Pfleger
ein stichfestes Alibi hat, denn wenn nicht, und
wenn ich dahinterkommen sollte, daß er Harras zum
Yard gefolgt ist, nehme ich ihn eigenhändig
auseinander, das versichere ich Ihnen.

Lady Smith: Sie haben doch nicht den geringsten
Beweis in der Hand, Inspektor, Sie tappen im
Dunkeln und wollen mich belasten, weil das für Sie
der einfachste Weg ist.

Higgins: Milady, wir haben eine ganze Reihe
ungelöster Todesfälle, und wenn ich auf der Stelle
trete, so verdirbt mir das die Laune.

Sir John: Higgins.

Higgins: Ich versichere Ihnen eines: Sollte ich
nur ein einziges Indiz finden, das Sie und Ihr
Sanatorium in Zusammenhang mit dieser Mordserie
bringt, dann gnade Ihnen Gott.

Lady Smith: Ich sehe schon, ich werde das Gespräch
über meinen Anwalt fortsetzen. Kann ich jetzt
gehen?

Higgins: Sie können gehen, Lady Smith. Ich frage
mich nur, ob der Joker auch so großzügig ist.

Lady Smith: Sir John, auf Ihren Inspektor, diesen
Proleten, dürfen Sie sich wirklich etwas
einbilden.

Lane: Eine temperamentvolle Lady.

Higgins: Blöde Kuh.

Sir John: Higgins, Sie sind wohl nicht ganz bei
Trost, hier so eine Show abzuziehen. Auf die
Interventionen von oben kann ich mich jetzt schon
freuen.

Higgins: Ach, darauf kann ich keine Rücksicht
nehmen. Überlegen Sie doch, Sir John, wir tappen
im Dunkeln wegen dieser Mordserie, und da kommt
dieser Portier daher, und identifiziert zwei der
Opfer einwandfrei, und neun Stunden später ist er
tot. Wollen Sie mir vielleicht weis machen, das
sei Zufall?

Sir John: Nein, aber... Ja, Hallo? Ja, für Sie,
Higgins.

Higgins: Danke. Ja. Ja, Higgins?

Stimme: Sie sind gestern noch einmal
davongekommen, Chiefinspektor, das sollte Ihnen
eine Warnung sein, ich gebe Ihnen einen guten Rat,
lassen Sie mich in Ruhe arbeiten, sonst könnte es
sein, daß Sie Ihre hübsche Freundin eines Tages
nur noch anhand ihrer Ausweispapiere
identifizieren können.

Higgins: Hallo? Hallo? Verdammt. Mist, verdammter.

Sir John: Wer war das?

Higgins: Na dreimal dürfen Sie raten.

Sir John: Bin ich allwissend?

Higgins: Unser Freund.

Sir John: Doch nicht etwa der Joker?

Higgins: Doch.

Sir John: Und was wollte er?

Higgins: Mir sicherlich kein langes Leben
wünschen. Superintendant Lane hat er auch bedroht.

Sir John: Da haben Sie’s. Und Sie nehmen hier Lady
Smith auseinander.

Higgins: Ja finden Sie das nicht merkwürdig?

Sir John: Was soll ich merkwürdig finden?

Higgins: Wir laden Lady Smith vor, und fast zur
selben Zeit meldet sich der Joker telefonisch.

Lane: Du meinst, es war vielleicht nur ein
Strohmann?

Higgins: Sicherlich natürlich, um uns zu
verwirren.

Sir John: Sie duzen sich bereits. Das ist ja alles
sehr hilfreich. Hören Sie zu, Higgins, hören Sie
ein einziges Mal auf mich.

Higgins: Ich höre doch.

Sir John: Sie halten doch nicht etwa Lady Smith
für den Joker? Das können Sie mir doch nicht
antun, ein Jahr vor meiner Pensionierung.

Higgins: Sir John, ich versichere Ihnen, Ihre
Pension ist in keinster Weise gefährdet.

Ann Pattison: Sir John, es ist Zeit für Ihre
Tabletten.

Sir John: Aber jetzt nicht.

Ann Pattison: Sir John.

Higgins: Hören Sie, ich muß mir Klarheit
verschaffen über die Vorgänge im Sanatorium, und
das wäre ein Job für dich, Barbara, aber
keineswegs ungefährlich.

Lane: Hm, könntest du dich etwas klarer
ausdrücken?

Higgins: Hör zu, Lady Smith hat dich noch nicht
von Angesicht zu Angesicht gesehen, das war auch
der Grund, warum du nebenan warten solltest,
nehmen wir jetzt einmal an, du bist Journalistin
und schreibst einen Report über die
Lebensverhältnisse unserer älteren Mitbürger,
damit hättest du einen plausiblen Grund,
ausführlich mit den Leuten im Home of Peace zu
reden.

Lane: Und an welche Zeitung hast du gedacht?

Higgins: Ja nu mein Gott, den Daily Telegraf, ich
kenne den Chefredakteur, der soll da selbst
anrufen und deinen Besuch ankündigen, so halten
wir das Risiko gering, sollte Lady Smith auf die
Idee kommen, zurückzurufen. Wären Sie damit
einverstanden, Sir John?

Sir John: Naja, wenn sich Miss Lane dazu
bereiterklärt.

Higgins: Barbara.

Sir John: Ich werde dich nicht enttäuschen.

Higgins: Danke, Profi.

Higgins: Häh, 5 Uhr, wer zum Teufel, wem fällt...
ja hier Higgins, was gibt’s?

Hooper: Mr. Higgins, hier Seargent Hooper.

Higgins: Ja?

Hooper: Tut mir leid, Sie so früh wecken zu
müssen, aber Carpenter verläßt soeben seine
Wohnung, und das ist reichlich ungewöhnlich, er
nimmt den Range Rover.

Higgins: Was, so früh? Also gut, Hooper, hängen
Sie sich dran, und melden Sie sich wieder, Ende.

Higgins: Ja, Higgins hier.

Hooper: Hier Seargent Hooper.

Higgins: Was gibt’s neues?

Hooper: Carpenter hat auf offener Landstraße
gehalten und steht schon ne halbe Stunde da.

Higgins: Merkwürdig. Entweder wartet er auf
jemand, oder er hat Sie entdeckt und will Sie nur
in die Irre führen.

Hooper: Warten Sie, Inspektor, jetzt nähert sich
dem Rover ein Wagen, ich glaube, ja, er
verlangsamt sein Tempo. Tatsächlich, er bleibt
neben dem Rover stehen.

Higgins: Können Sie die Marke erkennen?

Hooper: Das ist ne schwarze Limousine, ein Jaguar.
Carpenter reicht ihm etwas durchs Fenster.

Higgins: Hören Sie zu Hooper, das ist unser Mann,
vergessen Sie Carpenter und folgen Sie dem Jaguar.
Verlieren Sie ihn nicht aus den Augen, ich komme
sofort. Ende.

Hooper: Er war plötzlich wie von Erdboden
verschluckt, ich hab so was noch nie erlebt,
Chiefinspektor.

Higgins: Hier in diesem Planquadrat haben Sie ihn
verloren.

Hooper: Ja, ich hatte noch die Kollegen
verständigt, ein paar Augenblicke später hätten
wir ihn einkreisen können, aber der fuhr plötzlich
in eine Hauseinfahrt und auf der Hinterseite
wieder raus, es war mir völlig unmöglich, ihm so
rasch zu folgen.

Higgins: Hooper, nun beruhigen Sie sich doch, ich
mache Ihnen ja keinen Vorwurf. Nur wäre es zu
schön gewesen. Passen Sie auf, Sie legen sich aufs
Ohr, Sie haben die letzten 48 Stunden nicht viel
geschlafen.

Hooper: Vielen Dank, Chiefinspektor.

Higgins: Schon gut, ich werde mir diese Gegend mal
ein wenig genauer ansehen.

Tankwirtin: Guten Morgen Sir.

Higgins: Guten Morgen.

Tankwirtin: Was soll’s sein?

Higgins: Sind Sie so nett und tanken Sie voll.

Tankwirtin: Ja.

Higgins: Nicht viel Betrieb hier heute, nicht.

Tankwirtin: Nein, ein Wunder, daß in dieser
gottverlassenen Gegend überhaupt mal jemand stehen
bleibt.

Higgins: In der alten Hochgarage dahinten, sind da
noch viele Wagen abgestellt?

Tankwirtin: In dem alten Ding? Ja, zwei Dutzend
vielleicht. Das ganze Gebäude sollte schon vor
Jahren abgerissen werden. Ja, ich geh ja sowieso
bald in Rente, dann sollen die doch sehen, wie sie
zurechtkommen. Warum fragen Sie eigentlich.

Higgins: Ach ja, nur so. Wem gehört die Garage
überhaupt?

Tankwirtin: Wem sie gehört, weiß ich gar nicht.
Mr. Tanner macht hier das Geschäftliche. Den
können Sie fragen.

Higgins: Mr. Tanner? Wissen Sie, ob er jetzt da
ist?

Tankwirtin: Ja, er kommt meistens schon vor 7,
bleibt bis in die Nacht. Auch so ein alter
Spinner. Sein Büro ist in der 4. Etage.

Higgins: Hm, ich sag ihm mal guten Tag. Ach,
kontrollieren Sie inzwischen bitte das Öl und die
Reifen.

Tankwirtin: Ja, ja, Sie können den Aufzug hinten
links benutzen, wenn’s das alte Ding überhaupt
noch tut.

Higgins: Hoffen wir’s.

Tanner: Ja.

Higgins: Mr. Tanner?

Tanner: Sie wünschen?

Higgins: Ich bin Inspektor Higgins von Scotland
Yard.

Tanner: Was wollen Sie?

Higgins: Ich hätte gerne einige Auskünfte.

Tanner: Worüber?

Higgins: Ich suche ein Auto.

Tanner: Soso.

Higgins: Ja, eine Limousine Marke Jaguar, schwarz
lackiert.

Tanner: Ja und warum kommen Sie da zu mir? Ich bin
kein Gebrauchtwagenhändler.

Higgins: Mr. Tanner, ich wäre Ihnen wirklich sehr
dankbar, wenn Sie sich ein paar Minuten von Ihrer
Arbeit trennen und mir zuhören würden. Eine Frage,
Mr. Tanner, lesen Sie Zeitung?

Tanner: Eigentlich nicht, viel Arbeit hier.

Higgins: Ja, dann haben Sie auch noch nie etwas
vom Joker gehört.

Tanner: Nein, wer soll das sein?

Higgins: Mr. Tanner, um es kurz zu machen,
Scotland Yard, und das bin in diesem Falle ich,
wir versuchen einem der gefährlichsten Verbrecher
auf die Spur zu kommen, aber wir haben nicht den
geringsten Hinweis auf seine Identität. Wir wissen
nur eines: Er fährt einen dunklen Jaguar aus der
XJ 6er oder 12er Serie, deshalb meine Frage: Ist
ein Fahrzeug dieses Typs in Ihrer Garage
untergestellt?

Tanner: Jaguar? Warten Sie, natürlich, drei sogar,
ein alter Sportwagen der Type E, ein weißer
Vierzylinder, und dann natürlich Mr. Goldmanns
Privatwagen.

Higgins: Privatwagen. Und wer bitte ist Mr.
Goldmann?

Tanner: Ja der Eigentümer dieser Garage.

Higgins: Ich dachte, die Garage gehört Ihnen.

Tanner: Mir? Ich bin ein alter Mann, Inspektor,
ich verdien mir hier ein paar Kröten zu meiner
miesen Rente.

Higgins: Und Sie sagen, Mr. Goldmanns Wagen ist
ein Jaguar.

Tanner: Ja, er wurde aber seit mehr als 2 Jahren
nicht mehr gefahren. Seit Mr. Goldmann eben das
letzte Mal in London war.

Higgins: Er lebt im Ausland?

Tanner: Ja, die Goldmann Industries haben ihren
Sitz in Hongkong, und Mr. Goldmann...

Higgins: Wie heißt er mit Vornamen?

Tanner: Soviel ich weiß, Anton, also Mr. Goldmann
kümmert sich wohl um alles, außer um diese alte
Hochgarage und die Tankstelle. Hier bin ich
Mädchen für alles.

Higgins: Ja, ja, ich verstehe. Auf diesem Bild
hier, ist das Mr. Goldmann, Mr. Anton Goldmann?

Tanner: Ja, das ist Mr. Anton Goldmann.

Higgins: Mr. Tanner, ich danke Ihnen fürs erste
und ich habe auch im Moment keine Fragen mehr.
Aber ich würde mir gerne einmal diesen Jaguar von
Mr. Goldmann ansehen.

Tanner: Tun Sie, was Sie nicht lassen können, er
steht in der 3. Etage, ich nehme an, Sie finden
den Weg alleine.

Higgins: Durchaus. Haben Sie nochmals vielen Dank,
Mr. Tanner. – Verdammt.

Tanner: Was machen Sie da? Das ist eine
Alarmanlage gegen Diebe. Darf ich wissen, was Sie
da gemacht haben? Ich sagte, Sie können sich den
Wagen einmal ansehen, von einer Spazierfahrt war
nicht die Rede...

Higgins: Ich...Mister...

Tanner: Oder haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?

Higgins: Noch nicht.

Tanner: Darf ich wissen, wer Ihr Vorgesetzter ist,
Chiefinspektor?

Higgins: Wenn Sie Beschwerden haben, Mr. Tanner,
und die haben Sie ja wohl, wenden Sie sich an Sir
John.

Sir John: Und Sie halten diese Garage wirklich für
einen Schlupfwinkel des Jokers?

Higgins: Hm, es sieht fast so aus. Überlegen Sie
einmal, Sir John, Hooper hat den Wagen in der Nähe
der Demmem-Road aus den Augen verloren. Weit und
breit gibt es nichts als Abbruchhäuser, desolate
Gebäude und geschlossene Geschäfte.

Sir John: Trotzdem. Trotzdem. Es ist ebenso gut
denkbar, daß der Joker unseren guten Hooper
genarrt hat und in eine völlig andere Richtung
weitergefahren ist.

Higgins: Auf jeden Fall laß ich diese Hochgarage
Tag und Nacht beobachten. Unsere Leute sollen vor
allem darauf achten, ob ein schwarzer Jaguar die
Garage verläßt.

Sir John: Ja was wollen Sie denn mit den beiden
alten Herrschaften in der Garage anfangen, glauben
Sie etwa, daß einer von den beiden der Joker ist?

Higgins: Nein, das nicht gerade, aber sie könnten
mit ihm unter einer Decke stecken. Tanner war
nicht gerade begeistert, als ich den Jaguar
untersuchte.

Sir John: Wozu Sie im übrigen auch kein Recht
hatten. Also ich finde, Sie sind im Moment nicht
gerade sehr erfolgreich, Higgins.

Higgins: Danke, Sir.

Sir John: Ich habe mir zudem einige Zahlen geben
lassen, die Sie nicht gerade begeistern werden.
Da, in London sind derzeit rund 19.000 Leiland-
Fahrzeuge der Marke Jaguar gemeldet, davon fast
6000 aus der XJ-Serie. Eine fast hoffnungslose
Aufgabe, aufgrund des Fahrzeugtyps den Joker
ausfindig zu machen.

Higgins: Eben, und deshalb meine ich, wir sollten
uns lieber an die Fakten halten. Rekapitulieren
wir einmal.

Sir John: Aber Higgings, wenn Sie mich fragen, Sie
haben überhaupt nichts konkretes in der Hand.

Higgins: Sir John, bitte, jetzt hören Sie mir
einmal zu. Wir haben zunächst einmal Lady Smith,
von der erwiesen ist, daß sie von zwei späteren
Opfern des Jokers besucht wurde, das ist immerhin
ein Anhaltspunkt. Ich hoffe, daß uns Miss Lane
weiterbringt. Und dann haben wir seit heute diesen
merkwürdigen Tanner. Ich möchte nicht
ausschließen, daß in seiner Garage der Wagen des
Jokers steht.

Sir John: Naja. Wie alt, sagten Sie, ist Tanner?

Higgins: Einiges über 70, Sir.

Sir John: Naja, das spricht ja wohl für sich.

Ann Pattison: Sir John, es ist Zeit für Ihre
Tabletten.

Sir John: Ja, aber nicht jetzt.

Ann Pattison: Sir John, bitte.

Higgins: Der nächste ist Carpenter. Ich bin
überzeugt, daß er sich heute in den frühen
Morgenstunden mit dem Joker getroffen hat. Ich
habe schon einmal betont, daß ich Carpenter unter
keinen Umständen zu früh festnehmen will, je
weniger er sich beobachtet fühlt, um so besser für
uns.

Sir John: Ja und dann wäre da noch der Amerikaner,
dieser...

Higgins: Silkwood.

Sir John: Ja.

Higgins: Er scheint wie vom Erdboden verschluckt
zu sein. Und jetzt frage ich mich, was hat er vor.
Ich glaube, wir können davon ausgehen, daß
Silkwood und der Joker nicht identisch sind.

Sir John: Bleibt auch noch die Frage, warum Harras
ermordet wurde.

Higgins: Richtig, Sir. Darf ich mir einen Whisky
nehmen?

Sir John: Ja, ich bitte darum.

Higgins: Sie auch?

Sir John: Ja, aber ohne Eis.

Higgins: Seit heute Vormittag hat sich noch ein
völlig neuer Aspekt ergeben, dem wir nachgehen
sollten. Wissen Sie, wer der Eigentümer der Garage
ist?

Sir John: Nein.

Higgins: Ein gewisser Anton Goldmann.

Sir John: Ja und? Was ist daran so ungewöhnlich?

Higgins: Goldmann hieß auch der alte Mann im
Rollstuhl in Lady Smith Sanatorium, Theodor
Goldmann.

Sir John: A Goldmann, an dem Namen ist doch nichts
ungewöhnliches. Ich kenne viele mit dem Namen
Goldmann.

Higgins: Ja, aber die beiden haben deutsche
Vornamen Sir, Anton und Theodor.

Sir John: Danke. Haben Sie mit diesem Anton
Goldmann gesprochen?

Higgins: Nein, der sitzt angeblich in Hongkong,
ist Inhaber der Goldmann Industries, offenbar ein
größerer Konzern, in Tanners Büro hängt ein Bild
von ihm.

Sir John: Ja und? Irgendwelche Ähnlichkeiten mit
dem Mann im Sanatorium?

Higgins: Nein, leider nicht, nicht die geringste.

Sir John: Na sehen Sie, an Ihrer Stelle würde ich
zusehen, den Amerikaner wiederzufinden, anstatt in
dieser Garage irgendwelchen Hirngespinsten
nachzulaufen.

Higgins: Cheers.

Sir John: Ja, zum Wohl.

Higgins: Aber irgend etwas macht mich stutzig. Ich
stellte mich Tanner als Inspektor Higgins vor,
irgendwann während des Gesprächs sagte Tanner
Chiefinspektor zu mir, finden Sie das nicht etwas
seltsam, Sir John?

Sir John: Kann doch Zufall sein.

Higgins: Aber trotzdem, der Sache mit den
Goldmanns werd ich auf den Grund gehen, Miss Lane
muß mir hier helfen, sie soll den Theodor
Goldmann, den Mann im Rollstuhl, etwas genauer
unter die Lupe nehmen.

Lane: Hallo Darling.

Higgins: Hallo. Na, wie war’s, hast du was
rausgekriegt in deinem Home of Peace?

Lane: Hm, du hattest recht mit deiner Vermutung,
Goldmann hatte einen Bruder, er hatte. Maximilian
starb vor Jahren an Krebs.

Higgins: Schon wieder so ein deutscher Name.

Lane: Ich habe mir hier ein Foto ausgeborgt, du,
sieh dir das mal an, die beiden sind sich wie aus
dem Gesicht geschnitten, findest du nicht?

Higgins: Die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend.
Die beiden müssen Zwillingsbrüder gewesen sein.
Eine Gewißheit haben wir jetzt, Goldmanns Bruder
ist nicht der Mann in Tanners Büro. Ich fürchte,
ich habe mich diesmal geirrt.

Lane: Mr. Goldmann ist viel in der Welt
herumgekommen und will bei Lady Smith seinen
Lebensabend verbringen, manchmal wirkt er ruhig
und gemütlich, dann wieder höchst wachsam und
mißtrauisch, schwer zu durchschauen. Ich habe mit
ihm eine Partie Schach gespielt.

Higgins: A ja, wer hat gewonnen?

Lane: Remi.

Higgins: Aha. Hat Lady Smith Verdacht geschöpft?

Lane: Bestimmt nicht, sie war sehr zuvorkommend,
ich habe mit nahezu allen Einsassen sprechen
können, man hat den Eindruck, sie fühlen sich alle
recht wohl dort.

Higgins: Hast du noch etwas über Pelford und
Fletcher herausbekommen?

Lane: Nein, leider nein. Über interne Vorgänge im
Sanatorium sind die Leute offenbar völlig
ahnungslos, und an Lady Smiths Privatunterlagen,
da kam ich noch nicht ran, sie bewahrt alles in
einem Safe auf.

Higgins: Hm, ich geb was drum, wenn ich da mal
reinkucken könnte.

Lane: Hm, ich werd’s für dich versuchen.

Higgins: Aber Darling, ich bitte dich.

Lane: Ich weiß, ich weiß, ich bin vorsichtig.

Higgins: Ein Durchsuchungsbefehl ist bei Lady
Smith nicht drin, da spielt Sir John nicht mit,
ich selbst muß mich noch um Tanner kümmern.

Lane: Tu das, Higgi.

Higgins: Der Mann geht mir einfach nicht aus dem
Kopf.

Lane: Also, ich muß zurück in mein Altersheim.
Machs gut.

Higgins: Sei vorsichtig, Profi.

Lane: Du auch, Profi.

Stimme: Achtung, Achtung, bewaffneter Überfall auf
Juweliergeschäft am Eaton-Square, es gab ein
Todesopfer, alle verfügbaren Einsatzkräfte bitte
sofort an den Tatort.

Higgins: Das darf doch nicht wahr sein.

Sir John: Ah, Tag Higgins.

Higgins: Sir John.

Sir John: Nun sehen Sie sich das einmal an, das
ist übrigens Mr. Short, der Besitzer.

Short: Guten Tag.

Higgins: Mr. Short, dann erzählen Sie mal.

Short: Ja, es ging alles furchtbar schnell, mein
Angestellter und ich waren gerade hier im Laden,
und berieten einige Kunden, als an der Hintertür
eine Explosion erfolgte. Ich sah noch, wie der
Wächter niedergeschlagen wurde, und dann stürmten
sie auch schon herein, schwer bewaffnet, wir
mußten alle die Hände in die Höhe nehmen.

Higgins: Wie sahen die Kerle aus?

Short: Ja, sie hatten dunkle Mäntel an und so
weiße Gesichtsmasken aufgesetzt, als ich den Safe
nicht sofort öffnen wollte, haben sie meinen
Angestellten einfach über den Haufen geschossen.

Sir John: Ja hätte sich das nicht vermeiden
lassen, Mr. Short, Sie sind doch versichert.

Short: Ich war im ersten Moment so überrascht, und
ich wußte auch nicht, ob sie wirklich schießen
würden, im Safe waren immerhin Rohdiamanten im
Wert von einer halben Million Pfund.

Higgins: Konnten Sie erkennen, mit welchem Auto
sie geflüchtet sind?

Short: Ja, den Fluchtwagen konnte ich sehr genau
erkennen, es war ein brauner Chevrolet Kombi,
Baujahr so 77/78, er fuhr vielleicht 2 Minuten,
nachdem die Kerle das Lokal gestürmt hatten, vor.

Sir John: Die Fahndung ist bereits draußen.

Higgins: Gut. Sir John, ich muß Sie unter 4 Augen
sprechen. Entschuldigen Sie uns, Mr. Short.

Short: Aber bitte schön.

Sir John: Nun?

Higgins: Ich gehe jede Wette ein, daß der
Amerikaner hinter dem Überfall steckt. Das ist
haargenau seine Arbeitsweise.

Sir John: Und was wollen Sie unternehmen?

Higgins: Der Amerikaner hat eine Beute von 500.000
Pfund gemacht, ab dieser Stunde, da gehe ich jede
Wette ein, befindet er sich im Fadenkreuz des
Jokers.

Sir John: Sie meinen, es kommt zur großen
Konfrontation.

Higgins: Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der
Joker erledigt Silkwood und seine Leute, dann
haben wir ein Problem weniger, oder der Amerikaner
ist schlauer und trickst den Joker aus, dann hätte
er geschafft, was uns bisher nicht gelungen ist.
Ich glaube aber eher, daß Tom Silkwood und seine
Leute noch ihr blaues Wunder erleben werden.

Sir John: Nun malen Sie mal nicht den Teufel an
die Wand, Higgins.

Ann Pattison: Sie sollten sich nicht so viele
Sorgen machen, Sir John.

Sir John: Sie haben leicht reden, Kindchen. Die
Morde des Jokers, der Überfall auf Shorts
Juweliergeschäft, und nicht zu vergessen der
Anschlag auf Higgins, wissen Sie, Higgins hat
bisher noch jeden seiner Fälle gelöst, und Miss
Lane ist eine sehr tüchtige Mitarbeiterin.

Ann Pattison: Ja, sehr tüchtig.

Sir John: Aber ich fürchte, daß Higgins im Joker
seinen Meister gefunden hat. Und wissen Sie, Ann,
ein Gedanke beunruhigt mich zu tief.

Ann Pattison: Welcher, Sir John?

Sir John: Daß er sich diesmal irrt, daß keine der
Personen, die er verdächtigt, der Joker ist, daß
es jemand völlig unbekanntes ist, oder, was noch
schlimmer wäre, daß es jemand ist, der unter uns
weilt, jemand, den wir alle kennen.

Higgins: Guten Abend, Sir John.

Sir John: Ah, guten Abend, Higgins, daß Sie sich
auch mal wieder blicken lassen, ja, gibt’s was
Neues?

Higgins: Ja, das Telex aus Hongkong.

Sir John: Telex? Hongkong?

Higgins: Ich hatte in Hongkong Auskünfte über
Goldmann eingeholt, hier ist die Antwort und ein
Bild von ihm.

Sir John: Na, Ann, dann machen Sie uns bitte mal
zwei Whisky, oder sagen wir besser drei, ich
spendiere ihnen auch einen.

Ann Pattison: Vielen Dank, Sir John.

Sir John: Na, nun zeigen Sie schon her, Higgins,
machen Sie es doch nicht immer so spannend. Anton
Goldmann, geb. am 4. März 1921 in London, Goldmann
liquidierte Industries Hongkong im Januar 1982,
Verkaufserlös wahrscheinlich nach Europa
transferiert, genauer Aufenthaltsort von Anton
Goldmann unbekannt, vermutlich noch Hongkong.
Weitere Daten nicht verfügbar.

Higgins: Ja, und das ist sein Foto.

Sir John: Ja und? Ist das identisch mit dem in
Tanners Büro?

Higgins: Zweifellos, das ist er.

Sir John: Na sehen Sie.

Ann Pattison: Ihr Whisky, Sir.

Sir John: Danke.

Ann Pattison: Ohne Eis. Bitte Higgins.

Higgins: Danke.

Sir John: Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, daß
das nichts bringt, Ihre Wahnideen mit dem alten
Tanner können Sie ein für alle mal begraben.

Higgins: Trotzdem hatte ich das Gefühl, daß an der
Sache etwas faul ist, die Informationen aus
Hongkong waren nicht gerade sehr ergiebig, und
deshalb habe ich das Foto vorhin durch unseren
Computer laufen lassen, zur Identifikation.

Sir John: Ja und?

Higgins: Das Foto zeigt nicht Anton Goldmann,
sondern Guliano Montaldo.

Sir John: Guliano Montaldo?

Higgins: Geboren 1931 in Neapel.

Sir John: Ja was soll das heißen, Higgins?

Higgins: Das heißt, daß der Mann, dessen Bild in
Tanners Büro hängt, nicht Anton Goldmann ist, und
das heißt weiter, der Mann im Rollstuhl ist
möglicherweise doch der Bruder des Eigentümers der
Garage. Cheers.

Rogers: Sir John, Inspektor, würden Sie bitte mit
mir kommen.

Higgins: Schießen Sie los, Rogers.

Rogers: Wir haben insgesamt 5 Tote. Einer von
ihnen ist zweifelsfrei Tom Silkwood, den hat’s
hier vorne erwischt.

Sir John: Ist ja grauenhaft.

Rogers: Die anderen vier dahinten, das waren
höchstwahrscheinlich seine Komplizen. Wir konnten
Sie aber noch nicht identifizieren, zwei von ihnen
sind bis zur Unkenntlichkeit verkohlt.

Higgins: Sagen Sie, Rogers, weiß man schon, welche
Waffe verwendet wurde?

Rogers: Alles deutet auf ein Maschinengewehr der
Marke Remington hin, ein älteres Modell, wie es
auch von den Amerikanern im Vietnam verwendet
wurde, Kaliber 7,9 mm, Reichweite 4000 Meter bei
1000 Schuß pro Minute. Und so was eingesetzt aus
einer Entfernung von nicht einmal 150 Metern. Die
Leute wurden regelrecht abgeschlachtet. Der Wagen
ist auch dementsprechend zugerichtet.

Higgins: Ich war Tom Silkwood zwar auf den Fersen,
aber ein so grauenvolles Ende hätte ich ihm trotz
allem lieber erspart.

Rogers: Ganz recht, Inspektor. Ich kann mich nicht
erinnern, daß in England eine Waffe dieser
Größenordnung bei einer Gangsterfehde je zum
Einsatz kam.

Higgins: Wie hat dich das ganze Ihrer Meinung nach
abgespielt im Detail?

Rogers: Also, Silkwood und seine Leute hatten
hier, auf dieser Waldlichtung offenbar mit einer
uns unbekannten Person ein Treffen vereinbart,
eine Geldübergabe oder etwas ähnliches, wir haben
neben Silkwoods Leiche einen leeren Koffer
gefunden. Sie gerieten dann alle in den Kugelhagel
einer Person, die mit einem Wagen, offenbar schon
früher, da vorn hinter dem Gebüsch postiert war,
in diesem Wagen muß sich auch das MG befunden
haben. Ein weiterer Wagen muß aber vorne am
Waldweg gestanden haben, sonst wäre nicht
erklärbar, wieso Silkwood ausgerechnet an dieser
Stelle erschossen wurde.

Higgins: Sonst irgendwelche Anhaltspunkte?

Rogers: Ja, also zunächst etwas sehr merkwürdiges.
Bei dem Koffer neben Silkwood fanden wir diese
Spielkarte.

Sir John: Aha, ein Jolly Joker, also doch, hätte
mich ja gewundert, und sonst noch was?

Rogers: Ja, die Reifenspuren natürlich.

Higgins: Gibt es schon Hinweise auf die
Fahrzeugtypen?

Rogers: Der hinterm Gebüsch war wahrscheinlich ein
Jeep.

Higgins: Vielleicht ein Range Rover?

Rogers: Durchaus möglich.

Higgins: Und der andere?

Rogers: Ist im Moment schwer zu sagen.

Higgins: Könnte es ein Jaguar gewesen sein?

Rogers: Ich möchte es nicht ausschließen.
Genaueres werden wir aber erst später wissen.

Higgins: Gut, Rogers, vielen Dank fürs erste,
machen Sie hier weiter mit der Spurensicherung,
und wenn’s die ganze Nacht dauert, informieren Sie
mich umgehend, wenn Sie etwas neues haben.

Rogers: OK, Sir.

Sir John: Na, Higgins, was halten Sie davon?

Higgins: Meine These hat sich offenbar bestätigt.
Es ist so gut wie sicher, daß Silkwood und seine
Leute sich hier mit dem Joker ein Feuergefecht
geliefert haben.

Sir John: Das ist ja unglaublich.

Higgins: Meine Geduld ist am Ende. Ich möchte noch
heute Nacht das Montmartre hochgehen lassen. Die
lange Leine hat nichts gebracht.

Sir John: Wie meinen Sie das?

Higgins: Der Wagen, von dem aus geschossen wurde,
war möglicherweise ein Range Rover, und da ist die
Verbindung zu Carpenter nicht mehr weit.

Sir John: Carpenter wird doch überwacht.

Higgins: Ja, wie er das gemacht hat, da bin ich im
Moment auch überfragt, jedenfalls müssen wir ihn
unschädlich machen, bevor noch mehr passiert.

Sir John: Ja jetzt, vor diesem Schlamassel wir
hier haben, werden Sie plötzlich aktiv, etwas
spät, finden Sie nicht, Higgins?

Higgins: Sir John, wenn Sie es für angebracht
halten, können Sie ja einen anderen Chiefinspektor
mit dem Fall betreuen.

Sir John: Das könnte Ihnen so passen. Ich sage
Ihnen eines: Sie machen mir diesen verdammten
Joker unschädlich, und zwar bald, sonst ist es mit
meiner Gemütlichkeit aus.

Rogers: Inspektor Higgins.

Higgins: Rogers?

Rogers: Ich hab da einen Funkspruch von
Superintendant Lane.

Higgins: Danke, geben Sie her. Hallo? Barbara?

Lane: Higi? Ich hatte bisher keine Möglichkeit,
dich zu erreichen, ich kann auch nicht lange
sprechen, Tom Silkwood war gestern Nacht hier im
Sanatorium, das Home of Peace ist offenbar eine
Anlaufstelle für irgendwelche ganz dunklen
Geschäfte, außerdem wurden Patienten mit
Barbituraten betäubt, irgend etwas ist da im
Gange, hör zu, ich werde jetzt...

Higgins: Hallo? Barbara? Barbara? Sir John, wir
müssen sofort ins Sanatorium, Barbara Lane hat
Schwierigkeiten, Leutnant Rogers.

Rogers: Ja, Sir?

Higgins: Sie nehmen sich drei Mann und kommen mit.
Beeilung.

Sir John: Ah, das ist aber auch stockdunkel hier.

Higgins: Leise.

Sir John: Man sieht die Hand vor Augen nicht.

Higgins: Sir John.

Lady Smith: Na los.

Higgins: Barbara?

Lady Smith: Sagen Sie Ihren Beamten, sie sollen
die Waffen fallen lassen, sonst hat Miss Lane ein
Loch in ihrem hübschen Köpfchen. Das gilt auch für
Sie, Inspektor. Los, weg mit der Waffe.

Higgins: Ich warne, wenn Sie ihr auch nur ein Haar
krümmen.

Lady Smith: Gehen Sie fünf Schritte zurück,
Inspektor. – Miller, bringen Sie die Koffer zum
Auto.

Miller: Is gut.

Higgins: Sie wollen verreisen, Lady Smith, was
werden Ihre Schützlinge dazu sagen?

Lady Smith: Aber machen Sie sich doch um meine
Schützlinge keine Sorgen, Inspektor.

Higgins: Sie haben nicht die geringste Chance, zu
entkommen, Lady Smith. Oder sollte ich besser
sagen: Joker?

Lady Smith: Sie halten mich für den Joker? Wie Sie
sehen, fahre ich einen Rolls Royce und keinen
Jaguar. Ihr Idioten, ich hatte die größte
Hehlerorganisation Londons aufgebaut, ohne daß
Scotland Yard auch nur den Schimmer einer Ahnung
hatte, erst der Joker begann mich systematisch in
meinen Geschäften zu behindern, er hat mir diesen
Harras auf den Hals gehetzt, aber er hat dafür
Gebühren bezahlt.

Higgins: Daß Harras auf Ihr Konto geht, war mir
von Anfang an klar, von einem anderen aber glaube
ich Ihnen kein Wort.

Lady Smith: Das ist ohne jeden Belang, was Sie
glauben oder nicht, Inspektor, und Sie erfahren
das alles auch nur, weil Sie mit diesem Wissen
nichts mehr anfangen können. Der Joker verdankt
mir einige der lukrativsten Geschäfte... Ah!

Lane: Mein Gott, Lady Smith!

Sir John: Wer hat denn da geschossen?

Rogers: Der Schuß kam da hinten vom Waldweg aus
dem Auto.

Higgins: Rogers, kommen Sie zurück, den Wagen
erreichen Sie nicht mehr.

Rogers: Wie geht’s jetzt weiter?

Sir John: Sie und Miss Lane bleiben hier. Geben
Sie mir das Funkgerät. Achtung, an Spezialeinheit
5, Razzia im Klub Montmartre.

Nick: Polizei. Polizei.

Higgins: Behalten Sie ruhig Ihre Plätze,
Herrschaften, es handelt sich lediglich um eine
kleine Razzia. Sie brauchen mich gar nicht so groß
ansehen, Nick, hier der Durchsuchungsbefehl. Wo
ist Carpenter?

Nick: Ich weiß nicht, Chiefinspektor, er rief mich
an, daß ich ihn heute vertreten soll.

Higgins: Na schön, dann kommen Sie mit. Das Büro.

Nick: Ja und?

Higgins: Aufsperren.

Nick: Ja bitte sehr.

Sir John: Aha, das ist also Carpenters Büro.
Suchen Sie hier des Rätsels Lösung, Higgins?

Higgins: Richtig, Sir, warten Sie’s ab.

Nick: Mr. Carpenter hält sich selten hier auf,
höchstens wenn er mal ungestört telefonieren will.
Die Abrechnung macht er meist drüben im Lokal.

Higgins: Wußten Sie, daß in den Tischen Mikrophone
versteckt sind, die es einem erlauben, die
Gespräche der Gäste mitzuhören bzw. aufzunehmen?

Nick: Nein, davon hör ich zum ersten Mal.

Sir John: Natürlich. Das ist ja unglaublich. Was
suchen Sie denn da, Higgins?

Higgins: Nur Geduld, Sir, nur Geduld. Dacht ich’s
mir doch.

Sir John: Das ist ja interessant.

Higgins: Davon hatten Sie natürlich auch keine
Ahnung.

Nick: Nein, nein, ich schwöre, Inspektor.

Higgins: Hier also ist es.

Sir John: Aber das ist ja...

Higgins: Sehen Sie, Sir John, wie ich vermutet
habe, mit Hilfe dieser Geräte konnte jedes
einzelne Gespräch an den Tischen mühelos
aufgezeichnet werden, sogar ein eigenes Funkgerät
ist dabei, und da der Bildschirm, ich wette, daß
der nicht zur Unterhaltung dasteht. Über diesen
Bildschirm konnte er in aller Ruhe die Vorgänge im
Lokal beobachten. Das hier, Sir John, was
zumindest ein Schlupfwinkel des Jokers. War er
selbst mal nicht da, hat ihm wohl Carpenter die
Bänder überbracht.

Sir John: Das ist ja allerhand.

Higgins: Carpenter dürfte die rechte Hand des
Jokers sein. Allein den Bluff, Silkwood und seine
Leute in die Falle zu locken, mußten mindestens
zwei Personen inszeniert haben.

Sir John: Ja aber wer ist denn nun dieser ominöse
Joker wirklich, Higgins, dieser Amerikaner,
dieser...

Higgins: Silkwood, Sir.

Sir John: Ja, Silkwood, der ist tot, Lady Smith
ist tot, Harras ist tot, Miller haben wir
verhaftet.

Hooper: Chiefinspektor?

Higgins: Ja, aber war zum Teufel macht ihr denn
hier?

Hooper: Nachdem Sie uns von der Garage
abkommandiert und wir keine weitere Order hatten,
erhielten wir die Nachricht, daß Sie hier zu
finden seien.

Higgins: Ich habe was?

Hooper: Wir fanden es ja auch etwas merkwürdig.

Sir John: Was ist merkwürdig?

Higgins: Das ist doch nicht zu fassen, die beiden
wurden mit einem fingierten Funkspruch
herbeordert, diesem Trick wird wahrscheinlich auch
Hooper auf den Leim gegangen sein.

Sir John: Die bringen ja unser gesamtes
Observierungssystem durcheinander. Was werden Sie
jetzt unternehmen, Higgins?

Higgins: Sir John, Sie haben mit Ihrer Aufzählung
vorhin demonstriert, daß nicht mehr als zu viele
Personen als Täter in Frage kommen.

Sir John: Jajaja. Und?

Higgins: Ich habe das dumpfe Gefühl, die Stunden
des Jokers sind gezählt. Guten Abend, Sir.

Sir John: Ja wohin wollen Sie denn jetzt, mitten
in der Nacht.

Higgins: Einen Ölwechsel machen lassen.

Higgins: Guten Abend, Mr. Tanner.

Tanner: Sie könnten wenigstens anklopfen,
Inspektor.

Higgins: Kommen Sie oder gehen Sie, Mr. Tanner?

Tanner: Ich wollte gerade weggehen, es ist heute
wieder sehr spät geworden.

Higgins: Jaja, ich glaube, heute ist es für uns
alle sehr spät geworden, Mr. Tanner.

Tanner: Können Sie mir verraten, was Sie um diese
Zeit überhaupt hier noch wollen?

Higgins: Ich bin gekommen, um Ihnen etwas
zurückzugeben, das Ihnen gehört, Mr. Tanner.

Tanner: Was ist das?

Higgins: Ihre Visitenkarte. Eine Jolly-Joker-
Karte.

Tanner: Was soll das?

Higgins: Hm, eigentlich hätte ich es früher wissen
müssen. 6000 Wagen der XJ-Serie, die allein in
London zugelassen sind, aber nur in einem sitzt
der Joker, der seinen Opfern wahrlich keine Rosen
ins Grab streut, sondern Jolly-Joker-Karten. Tja,
und als Sergeant Hooper ausgerechnet in dieser
Gegend den Wagen aus den Augen verlor, war ich
schon nahe dran zu glauben, den Täter zu kennen,
aber dann, nein, nein, ein alter gebrechlicher
Mann, es mußte ein Zufall sein.

Tanner: Bald fertig, Inspektor?

Higgins: Die Ereignisse, Mr. Tanner, auf die ich
im einzelnen noch zu sprechen kommen werde,
beginnen sich dann plötzlich zu überstürzen, und
die Observierungs-streife, die ich hierher
beordert habe, wird mit einem fingierten
Funkspruch weggelockt, und dann komme ich hierher,
und siehe da, der Jaguar, der angeblich schon seit
2 Jahren nicht mehr benutzt wurde, hat einen
warmen Motor, und an den Reifen finde ich Spuren
von Erdreich. Ja nun, vielleicht wieder ein
Zufall, daß ausgerechnet heute der Joker in der
freien Natur seinem blutigen Handwerk nachging.

Tanner: Sie meinen, jemand hat den Wagen benutzt?

Higgins: Aber Mr. Tanner, lieber Mr. Tanner, das
wissen Sie doch?

Tanner: Was wollen Sie eigentlich?

Higgins: Hören Sie zu, Tanner. Als ich Sie das
letzte Mal aufsuchte, sagte ich Ihnen, daß ich
einen ganz bestimmten Wagen suche, heute bin ich
wieder hier und ich suche nicht mehr den Wagen,
sondern nur noch den Fahrer. Sehen Sie, es wäre ja
durchaus möglich, daß Sie wie John Carpenter...

Tanner: Wer ist das?

Higgins: Daß Sie wie John Carpenter den Handlanger
für irgend jemand gespielt haben, mittlerweile bin
ich aber zu der Erkenntnis gekommen, daß Sie für
eine derartige Statistenrolle zu clever sind, Mr.
Tanner, ich möchte sogar sagen, zu ambitioniert,
und das bedeutet, daß ich am Ende meiner Suche
angelangt bin.

Tanner: Sie fantasieren.

Higgins: Es ging gar nicht primär um Tom
Silkwood...

Tanner: Kenn ich nicht.

Higgins: Den Amerikaner, der sich ein wenig
überschätzt hat, auch nicht um Lady Smith, die
lange Zeit sehr geschickt aus dem Hintergrund
agiert hat, es ging nicht einmal so sehr um das
Montmartre, obwohl es doch der Quell Ihres
ergaunerten Reichtums ist. Die Lösung des Falles
hing mit einem einzigen Namen zusammen: Mr.
Goldmann.

Tanner: Was hat denn Mr. Goldmann damit zu tun?

Higgins: Eigentlich nichts. Jedenfalls nicht der
Mann auf dem Foto hier an der Wand.

Tanner: Was meinen Sie?

Higgins: Ich meine, daß der Mann auf diesem Foto
hier an der Wand gar nicht Mr. Goldman ist, der
Mann auf diesem Foto heißt Julano Montaldo und
stammt aus Neapel.

Tanner: Sie sind ja verrückt!

Higgins: Nun ja, das werden die Gerichtspsychiater
sehr rasch herausgefunden haben, wer von uns
beiden verrückt ist. Anton Goldmann verkaufte
seine Firma in Hongkong, und dann verliert sich
seine Spur, und an seine Stelle trat Guliano
Montaldo, und mich würde brennend der Verbleib des
echten Anton Goldmann interessieren. Packen Sie
aus, Tanner, oder Sie sollen mich kennenlernen.

Tanner: Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.

Higgins: Na gut, dann muß ich eben offenbar noch
deutlicher werden... – Sie also, Sie sind der
Joker...

Goldmann: Nein, er. Ohne mich wären Sie jetzt ein
toter Mann, Chiefinspektor. Sehen Sie selbst: Er
hatte unter dem Schreibtisch eine Pistole
bereitliegen. Wird man beim Yard nicht auf so was
vorbereitet?

Higgins: Ich bin tief in Ihrer Schuld, Mr.
Goldmann.

Sir John: Na, Higgins?

Higgins: Sir?

Sir John: Ohne Mr. Goldmanns Hilfe säßen Sie jetzt
nicht hier.

Goldmann: Es war mir ein ausgesprochenes
Vergnügen, Chiefinspektor.

Higgins: Vielen Dank, Mr. Goldmann. Bei Ihnen war
ich auf dem richtigen Weg, Ihr Bruder hieß Anton
und nicht Maximilian, und er ist auch nicht an
Krebs gestorben.

Goldmann: Ganz recht.

Sir John: Ich habe übrigens vor zwei Stunden die
Meldung durchbekommen, daß auch Carpenter an einer
Straßensperre gefaßt werden konnte. Wir können den
Fall also abschließen. Mich würde nur eines
interessieren, Mr. Goldmann, wann sind Sie
eigentlich Tanner auf die Schliche gekommen?

Goldmann: Später, Sir John, beinahe zu spät. Sehen
Sie, mein Bruder Anton, wir hatten uns ziemlich
aus den Augen verloren, Anton hatte sich
entschlossen, seine Firma in Hongkong, die
Goldmann Industries aufzulösen und nach London
zurückzukehren. Er schrieb mir diesbezüglich
Briefe, doch dann riß der Kontakt ab, und obwohl
er schon in London gewesen sein mußte, verlor ich
seine Spur. Tanner hatte ihn beseitigt oder ihn
beseitigen lassen und sich dann das Geld aus dem
Verkaufserlös der Firma angeeignet, Hauptakteur
bei diesem Coup war wohl dieser Guliano Montaldo,
der als Double meines Bruders in Aktion trat. Ich
hoffe, Interpol wird das erledigen.

Higgins: Das wird sie ganz bestimmt, Mr. Goldmann,
nur mit einem komm ich nicht klar, warum und wieso
quartierten Sie sich dann bei Lady Smith ein?

Goldmann: Ich hatte einen Tip aus der Unterwelt
erhalten, und beschloß, mich für einige Zeit für
einige Zeit im Home of Peace niederzulassen. Ich
konnte natürlich nicht wissen, daß Lady Smith und
Tanner Todfeinde waren. Ursprünglich habe ich ja
sie für den Joker gehalten.

Higgins: Jaja, das war auch der Fehler, der uns
unterlaufen ist.

Goldmann: Tanner wußte ja nichts von mir, sonst
hätte er sicher versucht, auch mich zu beseitigen.
Ich wiederum hatte keine Ahnung, daß mein Bruder
Anton Eigentümer dieser Garage war, erst Miss Lane
machte ganz nebenbei eine Bemerkung über Ihren
Verdacht, Chiefinspektor, ich sah mich dann eines
Nachts in Tanners Büro um, und als ich die
Geschäftspapiere durchgesehen hatte und das Bild
an der Wand entdeckte, wußte ich, daß Tanner unser
Mann ist.

Higgins: Ja, Sir John, wir fanden bei Tanner den
Schlüssel zu einem Banksafe, als wir ihn öffneten,
glaubten wir vor einem Pharaonengrab zu stehen,
der Kerl hatte ein Millionenvermögen angehäuft,
vorwiegend in Schmuck. Wie lange seine Aktivitäten
zurückreichen, werden wir wahrscheinlich nie genau
rekonstruieren können.

Sir John: Ja und warum mußte Harras sterben?

Higgins: Harras war ein Spitzel des Jokers. Aber
wahrscheinlich wußte er selbst nicht um die
Identität seines Auftraggebers. Ich könnte mir
vorstellen, daß Carpenter ihn angeheuert hat,
Tanner wollte Lady Smith wohl auf subtile Weise
loswerden, und beauftragte Harras, uns auf ihre
Spur zu bringen. Lady Smith, na ja, sie war ja
auch mit allen Wassern gewaschen.

Sir John: Ja, wie dieser Tanner seine wahre
Identität verborgen hielt, das war ja richtig
genial.

Higgins: Richtig, Sir, und was uns alle täuschte,
war sein Alter. Der Joker, ein mehr als 70jähriger
Mann.

Goldmann: Es waren in der Tat mehrere Personen als
mögliche Täter in Betracht zu ziehen. Nur Miss
Lane habe ich gleich durchschaut. Sie hat sich so
rührend um mich bemüht, wir haben sogar Schach
miteinander gespielt, und da wußte ich gleich, das
ist ein Heinzelmännchen...pardon...frauchen von
Scotland Yard.

Sir John: Apropos Miss Lane, ich habe sie nach
Harvard geschickt.

Higgins: Nach Harvard?

Sir John: Ja, ich kenne da eine entzückende
Pension.

Higgins: Entzückend.

Sir John: Ja, ich bat Miss Lane, sich persönlich
dort zu erkundigen, ob noch Zimmer frei sind, und
wenn ja, gleich welche zu reservieren. Ich denke,
Sie haben sich einen Urlaub verdient, Higgins,
irgendwelche Einwände?

Higgins: Wie? Was? Nein, nein, Sir John.

Sir John: Na, dann viel Glück, Higgins.

Goldmann: Ja, viel Glück.

Sir John: Miss Pattison, meine Tabletten.

Ann Pattison: Aber Sir John, jetzt?

Chefinspektor Higgins: Horst Frank
Superintendant Barbara Lane: Brigitte Frank
Sir John (Chef von Scotland Yard): Wolfgang
Reinsch
Ann Pattison (seine Sekretärin): Angela Stark
Billy Reynolds: Frank Scholze
Josua Harras: Willi Schneider
Sergeant Hooper: Berth Wesselmann
Lady Smith: Ingeborg Steiert
Theodor Goldmann: Walter Laugwitz
Tankwirtin: Helene Elcka
Mr. Tanner: Josef Meinertzhagen
Mr. Short: Klaus Spürkel
Lieutenant Rogers: Gerd Andresen
Nick: Andreas Szerda

Raymond Chandler: Heißer Wind (BR 1966)

Dalmas: Es war ein unerquicklicher Abend, der
Wüstenwind fegte durch Los Angeles, einer jener
heißen trockenen Santa Anas, die durch die
Gebirgspässe der Sierra Nevada herunterstürmen,
einem das Haar kräuseln, an den Nerven zerren, und
auf der Haut jucken, an Abenden wie diesem artet
die friedlichste Bierrunde gern in eine wilde
Schlägerei aus, ich saß in der Kneipe im Haus
gegenüber, der junge Mann hinter der Theke sah aus
als ob er noch nie in seinem Leben einen Schluck
zuviel getrunken habe.

Dexter: Ihr Bier bitte.

Dalmas: Danke.

Dexter: Hoffentlich ist es zu ihrer Zufriedenheit
eingeschenkt.

Dalmas: Ganz famos sogar, sie haben das Lokal erst
vor kurzem eröffnet, nicht wahr.

Dexter: Vor knapp zwei Wochen, sie waren doch
schon einmal hier, nicht.

Dalmas: Ja stimmt.

Dexter: Wohnen sie etwa in der Gegend.

Dalmas: Gleich gegenüber.

Dexter: Im Berglundhaus.

Dalmas: Ja, mein Name ist John Dalmas.

Dexter: Freut mich, Mr Dalmas, ich heiße Lew
Dexter.

Dalmas: Freut mich.

Dalmas: Außer mir war nur noch ein Gast da, ein
Trunkenbold, der mit dem Rücken zur Tür auf einem
Barstuhl an der Theke hockte und aus kleinen
Gläsern reinen Bourbon trank.

Dexter: Kennen sie den.

Dalmas: Nein.

Dexter: Er sollte nach hause gehen, er trinkt
schon seine Ration für die nächste Woche.

Dalmas: An einem Abend wie heute, lassen sie ihn
doch.

Dexter: Es wird ihm aber nicht gut tun.

Al: Whisky, hey, noch ein Whisky.

Dexter: Soll ich.

Dalmas: Was gehts mich an, mein Magen ist es
nicht.

Dalmas: Der junge Mann im weißen Kittel goß ihm
einen weiteren Whisky ein, ich vermute, daß er den
Whisky hinter der Bar ein bißchen mit Wasser
behandelte, denn als er sich aufrichtete, sah er
so schuldbewußt aus, als habe er seine Großmutter
geschlagen, der Betrunkene merkte es nicht.

Dexter: Ich kann Betrunkene nicht ausstehen, wenn
sie sich hier bei mir betrinken schon gar nicht.

Dalmas: Wissen sie was, schreiben sie das groß und
deutlich auf ein Plakat und hängen sie es in ihre
Auslage, was glauben sie, wie das ihren Umsatz
steigert.

Al: Wo bleibt denn der Whisky.

Dalmas: In diesem Augenblick kam der dritte Gast
zur Tür herein, ein großer dunkler Bursche, der
aussah, als habe er es ziemlich eilig, er ließ
seine leuchtenden dunklen Augen schnell durch das
Lokal wandern, sah gehetzt aus und irgendwie
gespannt, wahrscheinlich machte auch ihm der heiße
Wind zu schaffen, er blickte auf den Rücken des
Betrunkenen, sah dann mich an, musterte die
Halbnischen auf der anderen Seite des Raumes, die
alle leer waren und wandte sich schließlich an den
jungen Mann hinter der Theke.

Waldo: Hey, haben sie hier eine Dame gesehen.

Dexter: Eine Dame.

Waldo: Ja, groß, hübsch, braunes Haar, in einer
buntbedruckten Bolerojacke über einem Kleid aus
blauem Seidenkrepp, sie trug so einen
breitrandigen Strohhut mit dunklem Samtband.

Dexter: Nein, die Dame war nicht hier.

Waldo: Ach, geben sie mir einen Scotch, aber
schnell bitte.

Dalmas: Der junge Mann gab ihm den Scotch, der
Gast bezahlte, stürzte den Whisky auf einen Zug
hinunter, und wollte wieder gehen, machte 3 oder 4
Schritte, und erstarrte vor dem Betrunkenen, der
Betrunkene grinste, zog von irgendwo her so
schnell daß man nur einen Wischer wahrnahm, eine
Pistole, und richtete die Waffe auf den großen
dunklen, der regungslos dastand, dann den Kopf
etwas zurücknahm und wieder verharrte, die Augen
weit aufgerissen, es war eine Pistole mit einem
großen Visier.

Waldo: Ah.

Al: Machs gut, Waldo, haha, und ihr beiden, haltet
gefälligst die Pfoten hoch, bis ich draußen bin,
der arme Waldo, ich fürchte er hat sich die Nase
blutig geschlagen.

Dalmas: Während der Betrunkene seitwärts zur Tür
ging, hielt er seine Waffe immerzu auf uns
gerichtet, so daß ich nichts unternehmen konnte,
auch der junge Mann hinter der Theke bewegte sich
nicht, und gab auch nicht den geringsten Laut von
sich, erst als die Pendeltür ausgeschwungen hatte,
hastete ich hinterher.

Dalmas: Verdammt.

Dalmas: Zu spät, ich sah nur noch die roten
Rücklichter um die nächste Ecke verschwinden, die
Nummer des Wagens bekam ich genauso mühelos wie
meine erste Million, auf die ich immer noch warte,
als ich wieder ins Lokal zurückkam, legte der
junge Mann gerade den Telefonhörer auf, ich ging
zu Waldo, wie ihn der Killer nannte, und drehte
ihn um.

Dexter: Vielleicht ist er noch gar nicht tot.

Dalmas: Wenn einer mit einer 22er schießt, heißt
das, daß er keine Fehler macht, da sehen sie die
zwei kleinen Löcher in seiner Jacke genau über dem
Herzen.

Dexter: Ja ganz deutlich und nur ein paar Tropfen
Blut, der Betrunkene verstand sein Handwerk, als
Killer mein ich, ah da kommen sie schon.

Dalmas: Ich zündete mir eine Zigarette an und
beobachtete wie...

...

Dalmas: ...vielleicht auch nicht jedenfalls viel
Glück Lola. Danke. Ich verließ die Bar ohne mich
umzusehen, stieg in meinen Wagen und fuhr über den
Sunset Boulevard nach Westen, bis zur Küste
hinunter, überall in den Gärten waren die Blätter
und Blüten vom heißen Wind verfärbt, verdorrt,
verbrannt, der Ozean hatte sich wieder beruhigt,
ich parkte und ging die Küste entlang, beobachtete
eine weile die Wellen, zog die Schnur mit den
falschen Perlen aus der Tasche und warf sie
einzeln hinaus ins Meer und dachte dabei an Mr
Stan Philips, den Flieger, der auch nur ein
Schwindler war.

John Dalmas, Privatdetektiv: Rene Deltgen
Sam O'Ryan: Karl Renar
Jerry Miller: Georg Kostya
Frank Barsaly: Dietrich Thoms
Lola, dessen Gattin: Elfie Petramer
Anja: Anja Buczkowski
Lew Dexter: Edwin Baumeister-Noel
Waldo Rattigan: Manfred Spieß
Al Tessilore: Werner Lieven
Juwelier: Alexander Malachovsky

Dashiell Hammett: Das Haus in der Turk Street (WDR
1974)

Tracy: Mein Name ist Tracy, dh es ist einer von
vielen Namen die ich mir zugelegt habe im Lauf der
Jahre, ich gehöre zu den Leuten, die am liebsten
incognito reisen der not gehorchend, wenn sie
wissen was ich meine, ich könnte auch sagen es
gehört ganz einfach zu meinem Beruf unter falscher
Flagge zu segeln, also ich nannte mich Tracy an
dem Tag, von dem hier die rede ist und ich war
hinter einem jungen Mann her in San Francisco, er
war seinen Eltern davongelaufen, sein Vater war
Bürgermeister in Tacoma, einem kleinen Nest in
Colorado, ich sollte den verlorenen Sohn
aufstöbern und zur heimkehr bewegen, möglichst
diskret, keine sehr dankbare Aufgabe für einen
Detektiv, aber es lag gerade nichts anders vor,
der junge Mann sollte in der Turk Street wohnen in
einem ganz bestimmten Abschnitt, das hatte ich
inzwischen herausbekommen, aber niemand war in der
Lage, mir seine Hausnummer anzugeben, und so
klapperte ich denn diesen Teil der Straße ab,
klingelte an jeder Tür und sagte immer den selben
Spruch auf.

Tracy: Entschuldigen sie Madame ich komme von
Rechtsanwaltsbüro Wellington und Berkly, mein Name
ist Tracy.

Frau: Und sie wünschen.

Tracy: Ach eine Klientin von uns eine ältere Dame
ist vorige Woche von der hinteren Plattform einer
Straßenbahn geschleudert worden und hat schwere
Verletzungen davongetragen, wir suchen einen
jungen Mann, der den Unfall mitangesehen hat,
seinen Namen wissen wir nicht, aber man hat uns
gesagt, daß er hier in der Gegend wohnt.

Frau: Tja hier gibts viele junge Leute, wie sieht
er denn aus.

Tracy: Mittelgroß, ungefähr 18 jahre, hellblond,
blaue augen, eine narbe auf der stirn.

Frau: Narbe auf der Stirn, hellblond, nein das
sagt mir nichts, tut mir leid Sir, ich glaube
nicht, daß ich den jungen Mann kenne, den sie
suchen.

Tracy: Nachdem ich auf der einen Seite der
Straßenabschnitts kein Glück gehabt hatte, ging
ich auf die andere Seite hinüber, es wurde schon
dunkel, kein Vergnügen unter diesen Umständen,
diese blöde Sucherei, und wieder alles umsonst, im
1. Haus, im 2, im 3, im 4, niemand kannte den
jungen Mann, den ich beschrieb, an der 5. Tür
klingelte ich zweimal vergeblich, nichts rührte
sich, niemand zu hause, dachte ich und wollte
schon weitergehen, da hörte ich Schritte, eine
kleine alte Dame öffnete die Tür, ein Strickzeug
in der Hand, sie trug eine steifgestärkte weiße
Schürze über einem schwarzen Kleid, ihre schon
etwas verblichenen blauen Augen zwinkerten
vergnügt hinter goldgefaßten Brillengläsern.

Mrs Quarre: Guten abend, ich hoffe sie sind mir
nicht böse, daß ich sie so lange habe warten
lassen, wissen sie, ich muß immer erst rausgucken
und sehen, wer es ist, ehe ich die Tür aufmache,
alte Frauen sind ängstlich.

Tracy: Tut mir leid, daß ich sie störe madame,
aber.

Mrs Quarre: Macht nichts, kommen sie herein.

Tracy: Nein nein ich wollte nur um eine kleine
Auskunft bitten, es dauert nicht lange.

Mrs Quarre: Aber doch nicht hier draußen im Regen,
ich möchte, daß sie rein kommen, wenn sie eine
Auskunft von mir wollen, mein Tee wird sonst kalt,
das können sie nicht verantworten.

Tracy: Ja, das sehe ich ein.

Mrs Quarre: Also kommen sie und ziehen sie den
Mantel aus, wir trinken eine Tasse Tee zusammen,
dann können sie auch Mr. Quarre befragen, meinen
Mann, wenn ich ihnen nicht sagen kann, was sie
wissen wollen.

Tracy: Sie nahm mir meinen feuchten Hut ab, hängte
ihn an die Garderobe, und wartete bis ich meinen
Mantel ausgezogen hatte, dann führte sie mich
durch einen schmalen Korridor in ein Zimmer, das
nur spärlich beleuchtet war, es war ziemlich groß
wie mir schien, aber vollgestopft mit Möbeln und
viel Plüsch, eine altmodische Einrichtung mit
wuchtigen Polstersesseln und dicken Portieren und
in der Ofenecke eine pompöse Stehlampe, in ihrem
gelben Lichtkreis saß ein alter Mann, der eine
Zeitung las, als wir das Zimmer betraten, blickte
er auf und erhob sich aus seinem Sessel, eine sehr
würdige Erscheinung mit einem dünnen weißen Bart
der auf eine weiße Weste herabfiel, sie war
genauso steif gestärkt wie die Schürze seiner
Frau.

Mrs Quarre: Thomas, ich habe den Herrn gebeten,
eine Tasse Tee mit uns zu trinken, er möchte uns
etwas fragen, ich weiß nicht, worum es geht aber.

Mr Quarre: Bitte nehmen sie doch Platz Mr.

Tracy: Mein Name ist Tracy, ich komme vom RA Büro
Wellington und Barkly, wir suchen einen jungen
Mann, seinen Namen wissen wir nicht, aber er soll
hier in der Gegend wohnen, vielleicht können sie
mir weiterhelfen.

Mrs Quarre: Ja wenn sie uns sagen können, wie er
aussieht, Mr Tracy vielleicht kennen wir ihn, hat
er was ausgefressen.

Tracy: Nein, es handelt sich um einen
Verkehrsunfall, er war dabei, wir brauchen ihn als
Zeugen, eine alte Dame ist von der hinteren
Plattform einer Straßenbahn geschleudert worden,
sie liegt mit schweren Verletzungen im
Krankenhaus.

Mrs Quarre: Schrecklich schrecklich die arme Frau,
von der Plattform geschleudert, was sagst du dazu,
Thomas.

Mr Quarre: Das wundert mich gar nicht, diese
Straßenbahn, es ist einfach eine Schande.

Mrs Quarre: Ja immer wieder passiert sowas,
meistens in den Kurven, bitte greifen sie zu, Mr
Tracy, die kleinen Gewürzkuchen schmecken ganz gut
zum Tee.

Tracy: Oh danke, also er soll ungefähr 18 Jahre
alt sein, mittelgroß, hellblond, blaue Augen, eine
Narbe auf der Stirn.

Mrs Quarre: Sag mal Thomas, ob das nicht
vielleicht der junge Mann ist, der im Haus mit dem
Geländer wohnt, ich weiß nicht, ob er eine Narbe
hat, aber mittelgroß, 18 Jahre, das könnte
stimmen, meinst du nicht auch.

Mr Quarre: Warte mal, das Alter könnte wohl
stimmen, die Größe auch, aber hellblond, irrst du
dich da nicht meine liebe.

Mrs Quarre: Du hast recht, das hatte ich ganz
vergessen, er hat dunkles Haar, na der kann es
also nicht sein, ja mein Mann beobachtet alles
sehr genau, Mr Tracy, bei ihm sind die an der
richtigen Adresse, wenn er sagt, er ist es, dann
ist er es auch.

Mr Quarre: Keine Vorschußlorbeeren, meine liebe,
noch haben wir ihn nicht, aber wenn er hier in der
Gegend wohnt, müßte es uns eigentlich gelingen,
ihn zu identifizieren, äh wir müssen mal
überlegen, ach übrigens, wir wärs mit einer
Zigarre Mr Tracy, damit ihnen die Zeit nicht lang
wird.

Tracy: Die Zigarre war gut, ich rauchte und trank
meinen Tee, während die beiden sich über die
jungen Leute aus der Nachbarschaft unterhielten,
zwei waren hellblond, aber der eine war zu groß,
und der andere zu alt, sie überlegten weiter, die
Liste ihrer Kandidaten wollte kein Ende nehmen,
sie gaben sich alle Mühe, wirklich reizende Leute,
ich rechnete zwar nicht mehr damit, hier eine
Auskunft zu bekommen, die mir weiterhelfen konnte,
aber ich saß bequem in meinem Sessel und hatte es
nicht eilig, in den Regen hinauszugehen, ich war
müde und döste vor mich hin, bis ich plötzlich
zusammenzuckte, ich spürte etwas kaltes im Genick,
dann hörte ich hinter mir eine Stimme.

Hook: Aufstehen, aber dreh dich nicht um.

Tracy: Das kann nicht wahr sein, dachte ich, ein
böser Traum, ich war wie gelähmt, ich wollte
aufstehen, aber ich konnte nicht, und warum auch,
warum sollte ich aufstehen, wenn niemand da war,
der mich dazu aufgefordert haben konnte, nein es
war ganz unmöglich, die beiden alten Leute redeten
immer weiter, sie hatten offenbar nichts gehört
und nichts gesehen...

...

Tracy: ...weil sie ihren Trick in dieser Stadt nie
angewendet hatten, Hook und das Mädchen galten bei
den Nachbarn als Sohn und Tochter des Ehepaar
Quarre, Tai war der chin. Koch, der gute Ruf der
beiden alten und ihre würdige Erscheinung war
außerdem von großen Nutzen gewesen wenn die Bande
Wertpapiere abzusetzen hatte, Tai sah seiner
Verurteilung entgegen, aber das Mädchen Elvira
lief noch immer frei herum, wir warfen ein großes
und sehr feinmaschiges Schleppnetz nach ihr aus
doch Elvira war nicht darunter, nun du wirst sie
eines tags doch noch finden sagte ich mir, aber
ich suche sie immer noch.

Tracy: Michael Thomas
Mrs Quarre: Käthe Haack
Mr Quarre: Walter Bluhm
Hook: Horst Michael Neutze
Elvira: Eva Garg
Tai: Erik Schumann
Eine Frau: Annelie Jansen

Ed McBain: Stirb Kindchen stirb (BR/WDR 1992)
(Kriminalhörspiel aus dem 87. Polizeirevier nach
dem Roman Lullaby)

Sprecherin: Mit Detective Steve Carella, dem
Gründlichen.
Carella: Nochmal von vorne, Minute für Minute,
also du steigst die Feuerleiter runter, was siehst
du, was hörst du, ich will alles wissen.
Sprecherin: Detective Bert Kling, dem Knallharten.
Kling: Oh mann als Cop bist du hier nur das
Arschloch.
Sprecherin: Detective Meyer Meyer, dem
Gemütlichen.
Meyer: Ich hab hier ne Hundemarke, Detective Meyer
wau wau.
Sprecherin: Der aber auch anders kann.
Meyer: Hör mal zu du Kinderschänder, du
verschaffst mir den Aufenthaltsort von Martin
Proctor oder ich laß dich hochgehen ist das klar.
Sprecherin: Und Detective Ollie Weeks, dem
Witzbold.
Weeks: Und denk an die vier großen w, nach dem wo
und dem was jetzt das wer und vor allem das wie,
hehehe.
Radio: Happy New Year Leute, hebt das Glas,
amüsiert euch und tanzt, unser junges Jahr ist
genau 1 Stunde 15 Minuten alt, jawohl 1 Uhr 15 und
ihr hört die After Midnight Show in Radio BX Isola
und hier baby, hier ist eine ganz heiße Nachricht
von einer aufregenden Frau, und sie geht an dich
Detective Steve Carella.
Carella: Seid doch mal still.
Radio: Ja wo immer du bist, was immer du tust,
denk daran, deine Frau die dich liebt und ihr Name
ist, du weißt es, denn es kann nur eine sein,
deine Frau Teddy, prost Neujahr Steve und auch an
euch Jungs vom 87 Polizeirevier hier in Isola, an
die Detective Bert Kling, Meyer Meyer und Ollie
Weeks, die folgende Nummer ist nur für euch Jungs,
only you.
Only you...
Proctor: Fuck, ja was haben wir denn da, die
Möpse, 50, 20.
Shirley Unger: Oh, nimm die Hand da raus, du
Ferkel.
Proctor: Holy shit.
Shirley: Tony, rat mal, was ich jetzt mache.
Proctor: Pfoten hoch, und weg von der Tür.
Shirley: Ah.
Proctor: Schnauze.
Tony Unger: Um himmelswillen, Shirley was ist
denn.
Proctor: Bleib stehn, verdammt noch mal, bleib
stehn, ich leg sie um.
Frau: Halt deine gottverdammte Schnauze.
Tony: Komm laß doch, mach nicht so.
Proctor: Ab ins Bad mit euch.
Frau: Halt die Schnauze, du versoffenes Loch.
Radio: Ihr hört die After Midnight Show auf Radio
Isola.
Ah ah.
Fucking bastards.
Scott: Lorraine wo steckst du, habt ihr lorraine
gesehen, lorraine, lorraine bist du das.
Lorraine: Pst.
Scott: Ich dachte schon.
Lorraine: Ich hätte dich verlassen, bringst du
mich dann auch um, Scott.
Scott: Ich.
Allan: Mr Hodding, alles in Ordnung da oben, Mr
Hodding.
Hodding: Oh ja Allan, danke, Susan ist ok, ruhigen
dienst und prost neujahr noch, ich geh wieder
feiern.
Allan: Moment noch, Mr Hodding, ich hab noch einen
guten.
Hodding: Einen was.
Allan: Spot, vielleicht können sie ihn gebrauchen,
also sitzt einer mit ner Flasche und aufgeknüpfter
Hose im Sessel, hinter ihm aus dem Schlafzimmer
sieht man ne blaue Nonne, knöpft dir einmal die
blaue Nonne vor gut was, können sie haben
MrHodding.
Hodding: Danke, Lunar ist leider kein Kunde von
uns.
Allan: Verdammich Allan, das ist ein guter,
hahaha, du Allan, ich brauch eiscube und dann
knöpf ich mir Laura vor.
Hammond: Oh shit.
Baby: Ah.
Annie: Peter, bist du das, Peter, wer sind sie,
was wollen sie, ah ah ah.
Radio: 8 Uhr midnight, ich bin immer noch da, ihr
seid auch noch da, hervorragend, Radio PX Isola.
Mann: Du alte Schlampe, mach diese gottverdammte
Tür auf oder ich trete sie ein.
Gayle Hodding: Wird das heute noch was mit der
Tür.
Peter Hodding: Moment Gayle, einen kleinen moment
noch, ja, ich hab einen sitzen, aber schließlich
ist das ja eine ganz besondere Nacht, nicht wahr,
Annie, wir sinds, Annie wir sind zurück, Annie.
Gayle: Polizei, polizei, polizei.
Carella: Ich bin Det. Steve Carella, erzählen sie
ihre Geschichte nochmal Mr Hodding
Meyer: Ok hast du sie, dann schreib, Annie Flinn,
Babysitterin, 16 Jahre alt, aufgefunden in der
Mitte des Korridors, Bluse zerfetzt, Rock bis zum
Arsch hoch gestreift, Messer in der Brust.
Sie ist tot.
Meyer: Erschossen ja.
Arschloch.
Carella: Mr Hodding.
Hodding: Ja moment, kann mich noch nicht
konzentrieren.
Meyer: Messer in der Brust, Tod amtlich
festgestellt vom Gerichtsarzt Dr Turner.
Hodding: Darf ich mir eine anzünden.
Meyer: Jetzt das Baby, hast du es.
Carella: Ja bitte Mr Hodding.
Meyer: Name Susan Hodding, Alter 6 Monate, Gesicht
blau, wahrscheinlich erstickt, Tot amtlich
festgestellt von Gerichtsarzt Dr Turner, neben dem
Bett wahrscheinlich von der Decke ein Mobile aus
Metallstäben, äh Steve.
Carella: Moment ja, also Mr Hodding.
Hodding: Wir kamen.
Carella: Ja.
Hodding: Wie schon gesagt vor einer guten Stunde,
halb drei Uhr etwa von der Party zurück.
Carella: Wo.
Hodding: Ein paar Blocks weiter, Ecke 12. und
Grover.
Carella: Und die Wohnungstür.
Hodding: Abgeschlossen, ich brauchte ne Zeit
reinzukommen, weil ich ziemlich blau war, nicht
wahr Gayle.
Carella: Und dann.
Hodding: Hab ich Annie auf dem Korridor liegen
sehen mit dem Messer in der Brust.
Meyer: Steve.
Hodding: Und dann.
Carella: Ja.
Hodding: Susan, das Kissen lag auf ihrem Gesicht,
ich habs weggenommen, das Gesicht war ganz blau.
Carella: Können sie bestätigen, was ihr Mann
ausgesagt hat, Mrs Hodding, Mrs Hodding.
Meyer: Hey Steve was ist jetzt, lassen wir das
Messer drin oder wie.
Ah ah.
Radio: Good morning Isola, guten Morgen im neuen
Jahr, 5 Uhr und 12 Minuten.
Mann: Detective Kling, Detective Kling, bitte
kommen auf 3 bitte kommen.
Kling: Ich kündige.
Radio: Und er wünscht sich, was wir alle uns
wünschen, a wonderful world.
Mann: Was ist los verdammt, Bert was ist
eigentlich los gib doch mal ein Lebenzeichen.
Kling: Äh ja hier Detective Kling, ich höre.
Mann: Hast du den Arsch endlich hochgekriegt du
Penner schalt auf 3 da gehts weiter.
Kling: Ok Detective Kling auf 3.
Mann: Also an der Kreuzung Concorde und Dow
street, muß direkt vor deiner Nase sein, sollen
drei schwarze einen puertorico mit
baseballschläger prügeln.
Kling: Na wer sagts denn.
Ah.
Kling: Polizei aufhören auseinander, schmeiß das
ding weg.
Oh.
Kling: Hank schmeiß das ding weg.
Mann: Hey laß los, laß das.
Kling: Schmeiß weg sag ich und jetzt schön die
Pfoten auf den Kopf, hol nen Krankenwagen.
Herrera: Gracias pornada.
Carella: Polizei aufmachen, Polizei.
Shirley: Jaja Mann was ist denn schon wieder los,
das hatten wir doch schonmal, ihr nervt.
Carella: Detective Carella von 87 Revier, Mrs
Unger, ich hab ne scheiß Nacht hinter mir, könnte
gut sein, daß mir bei so einem Ton der Geduldfaden
reißt.
Shirley: Hör mal zu Schätzchen, wir sind heute
nacht ausgenommen worden und ihr wißt alles von
uns um eure gottverdammte Pflicht zu tun, unsere
geklauten Sachen wieder beizuschaffen klar.
Carella: Ein Einbruch hier im 6. Stock, wer hat
ihn aufgenommen.
Shirley: So ein Lockenköpfen, Willis oder so.
Carella: Willis, aha ok Mrs Unger, jetzt versteh
wir uns, ich bin wegen des Doppelmordes bei
Hoddings im vierten hier.
Shirley: Was.
Carella: Vielleicht besteht ein Zusammenhang, kann
ich jetzt reinkommen.
Radio: Bleibt sauber.
Carella: Nein.
Meyer: Hier, Liebesgrüße vom Labor, Steve.
Carella: Und erzähl schon.
Meyer: Moment
Mann: Was hast du denn da für ne Puppe Ollie.
Weeks: Ne gelbe, ne gelbe Nutte ohne bockschein.
Mann: Und wer sagt, daß sie eine ist.
Weeks: Ich sage das.
Meyer: Die Werkzeugspuren am Fenster im 4 und 6
Stock sind nicht identisch.
Carella: Was sagt uns das.
Meyer: Nichts, kann aber trotzdem dieselbe Person
gewesen sein.
Carella: Jaja.
Weeks: Also unterstellen wir mal Mädchen, du
möchtest weiterhin diese Bar in unserem Revier
frequentieren, ja dann solltest du den Detektiven
dieser schönen Stadt gegenüber ein gewisses
Entgegenkommen zeigen, und mach ich mich
verständlich, Schätzchen.
Carella: Komm weiter.
Meyer: Sie haben Annie Flinn abgesaugt und
Schamhaare einer anderen Person gefunden.
Carella: Und Sperma.
Meyer: Auch das, warte mal.
Mann: Hey Bert, hat dich der Doc wieder auf freien
Fuß gesetzt.
Kling: Schon rasiert heute, Tag Ollie.
Weeks: Spuck doch mal durch die Zahnlücke, Bert,
Treffer.
Kling: Na Stevie, Meyer.
Meyer: Hi Bert, täusch ich mich oder ist bei dir
im Mund bißchen luftiger geworden.
Kling: Paß auf, ich könnt immer noch in deinen
feisten Arsch beißen du.
Carella: Was machst du für ne scheiße.
Kling: Was heißt hier scheiße.
Carella: Bert hör zu, hast du ne Aussage von dem
Puertoricaner.
Kling: Ja natürlich nicht, der Spiekman, liegt
doch im Krankenhaus, hängt an Schläuchen, da ist
er auch gut aufgehoben, Stevie, die Sache ist doch
klar oder.
Weeks: Vorsicht, Carella ist ein Itaker.
Carella: Bert, du hast zwei schwarze über den
haufen geschossen und ich rate dir eine Aussage
beizubringen, die deine bestätigt ok.
Kling: Ok ok ok kannst du haben, als cop ist man
hier wirklich nur das arschloch.
Carella: Also was weiter.
Meyer: Sie haben frisches Sperma in ihrer Scheide
gefunden, aber es hatte sich schon im Uterus und
Eileiter ausgebreitet.
Carella: Das heißt.
Meyer: Daß Annie einen Orgasmus hatte, sonst würde
die Ausbreitung bis zu 6 Stunden dauern.
Carella: Ja und, die Bluse war zerrissen und der
Rock hochgestreift, das paßt auf ihren Exfreund
Scott Handler.
Meyer: Das glaub ich nicht, Annie ist ich meine
war 16, Scott Handler ist 18, sie gibt ihm den
Laufpass ok aber die drohung sie umzubringen das
war doch nur heiße Luft.
Carella: Annies vater steht zu der Aussage.
Meyer: Na und, ein teenie im liebesschmerz.
Carella: Wir sollten Scott Handler trotzdem sehen
ja, und sonst irgendwelche verwertbare
Fingerabdrücke.
Mayer: Nur die von Annie auf dem Messer, das
Messer gehört zum Haushalt der Hoddings, eine
Gelegenheitswaffe.
Carella: Gut gut gut gut.
Weeks: Gottverdammtescheiße, warum sagt du nicht
gleich, daß du von Henry zu kommst, los los verpiß
dich, raus hier.
Meyer: Guck mal Treffer, zum schluß noch ein
Treffer, das Labor hat die Fingerabdrücke auf dem
Fensterbrett der Ungers im 6. Stock identifiziert.
Carella: Und wer ist es.
Meyer: Martin Proctor alias Snake alias Mr Smith,
ein Junkie und Dopedealer.
Carella: Oh je kann es denn nicht mal ein
einbeiniger Albino mit Versetzstimme oder sowas
sein.
Meyer: Laß mal Steve, ich hab da ne Idee, Fats
Donner ist uns noch was schuldig.
Donner: Snake, Mr Sniff, Dr Proctor, logo kenn
ich, werf mir mal das Handtuch für meine Füße
rüber, Meyer.
Meyer: Hier.
Donner: Danke.
Meyer: Und wo find ich ihn.
Donner: Du mußt mir nur sagen, welchen der 800
snakes du meinst, da fällt mir ein, im moment
nennen ihn sie seine Freunde Rambo und er lebt
unter dem Namen Smith in irgendeinem Hotel.
Meyer: Hör mal zu, du kinderschänder, du
verschaffst mir den Aufenthaltsort von Martin
Proctor oder ich laß dich hochgehen, klar.
Frau: Hi, ich bin Brenda, was kann ich dir
bringen.
Kling: Nett, nett, Brenda, also ich brauche eine
große Diätcola mit Eis, ein Thunfisch-sandwich mit
Majo, Gurke und Tomate ja und 2 Jellydonuts.
Herrera: Buenas noches, sie gestatten Senior
Kling.
Kling: Ja du sitzt ja schon.
Herrera: Eh Kaffee.
Frau: Ok.
Kling: Sagt mal was soll eigentlich dieses
Versteckspiel hier, Herrera, warum kommst du nicht
zu mir aufs Revier.
Herrera: Hör zu Kling, ich hab beschlossen, ich
helf dir.
Meyer: Komm stecks dir in den Arsch, vor 2 Tagen
hätt ichs gebraucht, jetzt ist die Sache gelaufen.
Frau: So, laß es dir schmecken, ich hab dir 3
Donuts mitgebracht, wir haben gerade die Aktion 3
für 2 laufen.
Kling: Super super.
Herrera: Hey die Sache fängt es an, ich kann dir
ein dickes Ding zuschieben.
Kling: Also mir genügt das dicke Ding hier
zwischen den Zähnen.
Herrera: Paß auf, die Nigger, die mich plattmachen
wollten, das waren Jakies, eine jamaikanische
gang, die größte mann, Drogen Mädchen Waffen,
kennst du Spengler.
Kling: Na klar.
Herrera: Größer, kennst du Schauer.
Kling: Hm.
Herrera: Noch größer.
Kling: O und wie nennen sich deine schwarzen
Wunderboys.
Herrera: Hey langsam.
Kling: Hör zu, Herrera, ich stopf jetzt noch diese
Donuts rein und dann bin ich weg, ist das klar.
Herrera: Langsam mann langsam, paß auf, am 23
Januar kommt hier ein Schiff an unter irgendeiner
Flagge von Skandinavien mit 100 Kilo Koks an Bord,
paar Kilo von dem Dope das tun die weg für Test
von Qualität und wenn das gut geht, ja die Jakies
geben 1 Mio Dollar.
Kling: So und kannst du jetzt deine ganze Story
vielleicht noch als Reaggie singen, das kommt
irgendwie besser, sag mal Herrera, was wilst du
eigentlich vor mir.
Herrera: o gott, sag mal begreifst du das nicht,
Kling, die jackis wollten mich umlegen weil ich
von der Sache weiß, paß auf, ich geb dir ne
chance, ja, ich biet dir die riesen sache, 100
kilo dafür krieg ich Personenschutz.
Kling: Ok kriegst du, bis nächste Woche teilst du
mir mit, wo und wie die Sache über die Bühne geht,
ja und dann verhandeln wir vielleicht neu über
deinen Beschützer, bis dahin Hals- und Beinbruch
Herrera, sie waren absolute Superklasse, Baby.
Herrera: Scheiß bulle.
Carella: Ja bitte, ich brauch noch nen Kaffee,
also drei Schienen, verstehen sie, die erste,
Einbruch Vergewaltigung oder beides, die Morde
sind da nur der Nebeneffekt, die zweite, jemand
wollte Annie aus dem weg haben, dann ist der Mord
an Susan nur eine folge davon, der Einbruch läuft
separat, jetzt die dritte schiene, der Mörder
wollte das Baby töten.
Hodding: Ein 6 Monate altes Kind, warum denn.
Carella: Will ich ja von ihnen wissen, war mit
Susan irgendwas Besonderes.
Hodding: Nein, das, ach was, Unsinn.
Carella: Was.
Hodding: Wir haben Susan adoptiert.
Carella: Und das sagen sie mir erst jetzt, wer
sind die leiblichen Eltern.
Hodding: Weiß ich nicht, darf ich gar nicht
wissen, ist Bedingung bei cooper andersen, der
Agentur mit der wir das abgeschlossen haben.
Meyer: Ahoi Schwester, arbeitet Lorraine Greer
hier an bord.
Lorraine: Sieht nicht so aus, als wären sie mit
ihr verabredet.
Meyer: Ich hab hier ne Hundemarke, Detective Meyer
wau wau.
Lorraine: Und wen wollen sie anpinkeln.
Meyer: Lorraine, ich suche Scott Handler.
Lorraine: Kenn ich nicht.
Meyer: Mach keine Dummheiten, Lorraine,
Falschaussagen kommen teuer, er ist 10 Jahre
jünger als du, ok wen kümmerts, aber die Morde.
Lorraine: Annie und das Baby, Scott hat damit
nichts zu tun.
Meyer: Wenn er ein Alibi hätte.
Lorraine: Für wann.
Meyer: Anders rum, wo war er in der
Silvesternacht.
Lorraine: Ok raus damit, was er vor Mitternacht
gemacht hat, weiß ich nicht, und dann waren wir
zusammen, von halb eins bis mindestens 4 Uhr.
Meyer: In Ordnung das genügt, sag Scott, er ist
aus dem Schneider.
Nellie: Steve, ah da bist du ja, ok Steve wir sind
hier komplett, Bezirksstaatsanwalt Bobby Mcananam,
sein Assistent Ralph Riegelburger und ich, ich
stell dich auf Konferrenz, schieß los Steve.
Carella: Danke Nelly, hi Bobby hi Ralph.
Ralph: Hi Steve, denk an die Baseballkarten.
Bobby: Hi.
Carella: Das mit den Karten geht klar Ralph, ok es
geht um den Fall Susan Hodding und Annie Flinn.
Bobby: Irgendwelche Fortschritte.
Carella: Wir reißen uns den Arsch auf Bobby, mehr
ist im moment nicht drin ok.
Bobby: Bullshit.
Carella: Ich versteh Bobby so schlecht.
Nellie: Bobby will daß du uns sagst worum es geht,
Steve.
Carella: Also, Susan Hodding ist adoptiert worden
über die cooper anderson agentur, wenn Susan
vorsätzlich ermordet worden ist, dann hat das
vielleicht was mit ihren leiblichen Eltern zu tun,
ich brauche eine gerichtliche Verfügung um an die
Namen zu kommen.
Bobby: Er soll sich verpissen.
Carella: Noch mal Bobby.
Nellie: Bobby meint daß eine solche Verfügung nur
ausgeprochen werden kann, wenn Gefahr im Verzug
ist.
Carella: Das ist es doch was ich meine, daß für
die leiblichen Eltern gefahr an Leib und Leben
bestehen könnte.
Mann: Ich hab FatsDonner am telefon mit ner heißen
Information sagt er nur an dich.
Carella: um das rauszukriegen brauch ich die namen
klar momentmal hauab mit dem scheiß, ich hab die
ganze staatsanwaltschaft am anderen ende, ich bin
wieder da.
Nellie: Reg dich ab, Steve, Bobby sagt, er hat es
nicht so gemeint, du bekommst deine Verfügung,
nächste Woche.
Carella: Ich brauch sie jetzt.
Nellie: Bobby sagt es ist ok du bekommst sie
nächste Woche, machs gut Steve.
Carella: Fickt euch ins Knie.
Mann: Ich stell Fats Donner durch.
Carella: Wichser.
Donner: Bist du noch dicht, Carella oder was ist
los, wenn du was von mir wissen willst andern Ton
ja.
Carella: Du bist in der falschen Vorstellung,
tschuldige, was gibts.
Donner: 1146 Parkstreet, Apartment 34, alles klar.
Meyer: Aufmachen Proctor, polizei.
Proctor: Oh scheiße.
Meyer: Polizei.
Proctor: Die gottverdammten Bullen, wo ist mein
Wumme.
Meyer: Tritt sie ein Bert.
Proctor: Ich komm sofort, ich noch unter der
Dusche, ich bin nackt.
Kling: Das halten wir schon aus, wir haben nämlich
starke Nerven, wir haben bloß keine Geduld, ist
das klar Mann.
Proctor: Ich komm doch gleich, sofort Jungs.
Carella: Hey wohin Snake, Handtuch vergessen,
runter von der leiter und rein mit dir.
Kling: Hände hinter den Kopf, und da rüber an die
Wand.
Proctor: Ihr meint es ernst was.
Carella: Bitterernst, Snake.
Proctor: Nen Mord laß ich mir nicht anhängen von
euch.
Kling: Steve gib mir ne viertel Stunde du und er
wird singen wie ein Chorknabe.
Proctor: Ich hab doch alles gesagt, ich hab doch
alles gesagt.
Carella: Noch mal von vorn.
Proctor: Oh mann.
Carella: Minute für Minute, also du steigst aus
dem Fenster, die Feuerleiter runter.
Proctor: Ja die Feuerleiter runter.
Carella: Was siehst du, was hörst du.
Proctor: Ich steig runter, überall wird gefeiert,
ich hör Musik, ach ja im vierten wird gerammelt.
Weeks: Nur zu, nur zu, und denk an die großen 4 w,
nach dem wo und dem was jetzt das wer und vor
allem das wie.
Carella: Hirnschiß oder was Ollie, hau ab wir sind
mitten drin.
Weeks: Der Stik wärs nur gewesen, am Telefon für
Bert, aber bitte.
Kling: Herrera, das ist mein Mann, den nehm ich
mir selbst, wo ist er.
Weeks: Kanal 5.
Carella: Schau mich an Snake.
Proctor: Bitte tun sie mir nichts Chef bitte.
Carella: Ach was, wer wir denn, bist ein guter
Junge wenn deine Geschichte stimmt, und das
kriegen wir raus, verlaß dich drauf.
Proctor: Ich hab ein Alibi, Chef, fragen sie
Games, er hat mir hinterher im Eagel noch ein
Röhrchen Crack verkauft, fragen sie ihn.
Herrera: Ja hallo Kling, hören sie, Küßchen von
Consuelo, meinen Freund Kling, geht uns
hervorragend, dank ihrem Gorilla, also zur Sache
Kling, ich hab da noch zu tun, ok sie kennen die
leere Baracke bei El camino real, dort wird der
deal über die Bühne gehen, freitag abend 8 Uhr,
laß doch mal komm, der Stoff kommt aus Kolumbien
und wird in Florida auf ein Schnellboot umgeladen,
die Jackies und die Columbianer haben vereinbart,
daß zwei von jeder Seite die Sache durchziehen.
Mit den müssen sie doch klarkommen, Mensch Kling.
Kling: Oh da freu ich mich aber schon drauf, hast
du alles mitgekriegt Ollie.
Weeks: Bin ich taub.
Mann: Hat jemand Steve gesehen, Post von Bobby.
Kling: Bei der Vernehmungszelle, also wie ist denn
deine geschätzte Meinung Ollie.
Weeks: Der Hurenbock lügt, kein Wort wahr, wenn
überhaupt, dann machen so einen großen Deal keine
Jackies, 100 kg, Bert 100 Kilo, Jackies handeln
mit nem Pfund, so nen Deal macht hier nur einer,
und das ist Henry zu.
Bidubidu.
Weeks: Ach halt die Schnauze hinten, ich sag dir
nur eins, der spick ja, der will selber so ein
Ding drehen oder er versucht irgendwo
aufzuspringen oder arbeitet für ne ganz andere
Gang oder.
Kling: Quack quack quack, du bist vielleicht ein
Klugscheißer Ollie mit Maul so groß wie ein
Ochsenfrosch.
Carella: Ärger oder was, egal prügeln könnt ihr
euch hinterher, ich brauch dich Bert, du fährst zu
cooper anderson und besorgst mir den Namen von
Susans leiblichen Eltern, hier ein sesam öffne
dich.
Meyer: Unangenehm für sie, Hodding, ich habe mich
eingehend mit Al, dem Portier unterhalten, sie
waren in der Wohnung.
Hodding: Ich, ja.
Meyer: Soll ich raten, was sie da getrieben haben,
es war nicht zu überhören, der Laborbefund sagt,
daß in Annies Scheide Sperma war, ihr Sperma
Hodding.
Hodding: Detective Mayer, sie müssen verstehen.
Meyer: Ich versteh nur Verführung Minderjähiger,
das Mädchen war gerade mal 16 Jahre alt.
Hodding: Sie wollte es genauso wie ich, es war
nicht das erstemal.
Meyer: Du gottverdammter Drecksack du.
Hodding: Ich hab Annie geliebt, ich hab sie
wirklich geliebt.
Meyer: Ich nehm dich mit aufs Revier und dreh
durch die Mangel.
Hodding: Warum sollte ich denn meine Tochter
umbringen, sie Idiot, warum denn, warum sollte ich
Annie umbringen, nennen sie mir einen, nur einen
einzigen Grund.
Frau: Eins zwei drei vier, jawohl weiter, mehr
Schwung, wunderbar, nein Schluß Schluß aus Pause,
so geht das doch nicht, Herzchen du bist einfach
zu pummelig, Luisa soll dir ein neues Kleid
verschaffen.
Carella: Detective Carella, guten Tag Mam, oh, äh
hallo ich äh Mrs Monroe ich äh.
Frau: Brauchen sie einen souffleur oder was ist.
Carella: Wo finde ich Joyce Chapman.
Frau: Nicht da, junger Mann, verreist, ja, fragen
sie doch Angela Quist dahinten, ist ne Freundin
von ihr, Angela komm doch mal her, jemand von der
polizei möchte dich sprechen, tschuldigen sie
mich, ja komm schon Herzchen.
Quist: Ich bin Angela Quist, worum geht es.
Carella: Um das Baby, das Joyce Chapman zur
Adoption freigegeben hat, können wir uns irgendwo
in Ruhe unterhalten.
Carella: Warum.
Quist: Sie wollte nie ein Baby, sie ist begabt,
hat ne Karriere vor sich, Abtreibung kam für sie
nicht in frage, darum.
Carella: Und der Vater.
Quist: Weiß nicht, daß er es ist, sie hat ihn
unten in Langs Disko kennengelernt, ein Seemann,
Joyce war besoffen, hat ihn mit nach Hause
geschleppt, das war auch schon, am nächsten Tag
war er weg, auf See, hat ein Kind aber kein
Nachnamen hinterlassen.
Carella: Ist das in Schauspielerkreisen so üblich.
Quist: Was geht denn sie das an, sie war blau,
punkt.
Carella: Wer wußte von dem Kind.
Quist: Wußte.
Carella: Tja sie ist tot, ermordet, der Baby Susan
Fall, wie die Zeitungen sagen also.
Quist: Ja wer noch, Melissa, Joyce Schwester und
ihr Mann Dick, sie haben sich rührend um Joyce
gekümmert, als sie schwanger war und haben ihr die
Agentur verschafft.
Carella: Und wer sonst.
Quist: Ich glaub, sie wollte niemand einweihen,
nicht mal ihren vater.
Carella: Gut, und wo ist Joyce.
Quist: In Seattle, ihr vater liegt im sterben,
leberkrebs.
Carella: Telefon.
Quist: Weiß ich nicht, aber die Nummer müßte
leicht rauszukriegen sein, die Chapmans haben dort
ein großes Sägewerk.
Richard Hammond: Joyce, joyce.
Joyce: Ah.
Hammond: Pst ganz ruhig, Joyce, ganz ruhig, jetzt
tut es dir leid, daß du dein Baby weggegeben hast,
nicht wahr Joyce, sieh mal an, 1 mio dollar hätte
Susan geerbt, aber Susan ist tot, Joyce, ich habe
sie umgebracht und jetzt werde ich dich umbringen
Joyce.
Ah ah.
Mann: Hey Bert.
Carella: Ja Vermittlung, Seattle, ja Joyce
Chapman, nein nicht wie Charlie, sondern wie
Jonny, Chapman, ja ich warte.
Weeks: Herrera ist weg.
Kling: Was sagst du.
Weeks: Sammy hats gerade durchgegeben.
Kling: Du ich hau dir die Fresse blau wenn du
scheiße erzählst.
Weeks: Hör zu Bert, wenn so ein erfahrener cop.
Kling: Ach du Arschgeige du, den kauf ich mir.
Carella: Endlich, ja genau, Detective Carella, Mrs
Chapman bitte, wie, was sagen sie, Augenblick mal,
Meyer schnell.
Meyer: Ja ich komme.
Carella: Einen moment Mr Hammond, ich stell um,
noch mal bitte.
Hammond: Meine Schwägerin Joyce Chapman wurde
heute ermordet aufgefunden.
Meyer: Hier spricht Detective Meyer, Mr.
Hammond: Hammond, ich bin mit Joyce Schwester
Melissa verheiratet.
Meyer: Ok danke, Mr Hammond, wir sind die
zuständigen Beamten, die im Baby Susan Fall, dem
ermordeten Kind von Mrs Chapman, ermitteln.
Hammond: Was sagen sie da, Kind von Joyce, sie
irren sich, Joyce hatte kein Kind.
Herrera: 5 kg.
50000, ok.
Herrera: Bueno.
Carella: Schaff ihn raus Meyer, ich will mit ihr
allein sprechen.
Meyer, komm.
Hammond: Melissa, du verweigerst die Aussage.
Carella: Ach Mr Hammond, das fbi bestätigt, daß
die fingerabdrücke auf dem messer identisch sind
mit den von Richard Hammond in den Unterlagen der
army, danke das wars Meyer.
Hammond: Melissa, Melissa, das ist ein schmutziger
Trick, melissa.
Carella: Ihr Mann lügt Melissa, sie wußten von dem
Baby und wir haben seine Fingerabdrücke, Melissa,
wissen sie, was das bedeutet, warum hat er, Annie,
warum Melissa.
Melissa Hammond: Das Mobile, er ist gegen das
mobile gestoßen, sie hat es gehört und kam ins
Zimmer, sonst würde sie noch leben, es ging ja um
das Baby.
Carella: Warum.
Melissa: Vaters testament wir wußten daß
erstgeborene kind sollte 1mio dollar erben.
Carella: Ahja.
Melissa: Und als Joyce davon erfahren hat.
Carella: Dachten sie, sie würde ihrem Vater
endlich doch von Susan erzählen und deshalb mußte
sie sterben.
Melissa: Sie hätte Dick hingehängt.
Carella: Jetzt tun wirs.
Chinese: Alles glatt gegangen.
Hä.
Chinese: Soll sagen, viele Glüße von Henry Schuh.
Ah.
Kling: Halt stehenbleiben polizei, ah ich krieg
euch noch ihr gottverdammten Chanes auch dich
Harry zu, Harrera, hey Joe.
Herrera: Sie geben dir keine reele Chance in
diesem verfluchten Land Kling, auch dir nicht, du
kriegst sie nie, du Würstchen.
Oh.
And when I got to America, I say it blew my
mind...

Steve Carella: Peter Voss
Meyer Meyer: Jochen Striebeck
Bert Kling: Michael Mendl
Ollie Weeks: Ralf Wolter
Discjockey: Jim Sampson
Shirley Unger: Saskia Vester
Tony Unger: Robert Flörke
Martin Proctor: Rufus Beck
Peter Hodding: Hubert Mulzer
Gayle Hodding: Barbara Zahn
Lorraine Greer: Katharina Müller-Elmau
Scott Handler: Marc Schulze
José Herrera: Jockel Tschiersch
Fats Donner: Mogens von Gadow
Nellie: Ilse Neubauer
Angela Quist: Esther Hausmann
Richard Allen Hammond: Peter Kremer
Melissa Hammond: Bettina von Websky
Joyce Chapman: Martina Boette-Sonner
Al / Bobby: Bruno W. Pantel
Annie: Julika Blum
Arzt: Detlef Kügow
Jamaikaner/Komparse: Matthias Klaussner
Ralph: Fred Maire
Chinesin: Marina Dietz
Chinese: Hubert Mulzer
1. u. 3. Frauenstimme: Martina Boette-Sonner
2. Frauenstimme: Ursula van der Wielen
4. Frauenstimme: Veronika von Quast
1. Männerstimme: Christoph Lindert
2. Männerstimme: Detlef Kügow
3. Männerstimme/Komparse: Julian Richter
1. Polizist: Bernd Dechamps
Sprecherin der An- und Absage: Ilse Neubauer
Komparse: Olaf Danner
Komparse: Stefan Wilkening

Mickey Spillane: Ich, der Richter (WDR 1999)
(Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman)

Velda: New York im Jahre 1950, schöne Frauen,
harte Kerle und große Kaliber, das ist die Welt
des berühmt-berüchtigten Privatdetektivs Mike
Hammer, der gnadenlos wie ein schwarzer Ritter
durch den Dschungel der Großstadt streift.

Mike: Niemand sagte etwas, als ich das Zimmer
betrat, sie wichen beiseite und ich spürte, wie
ihre Blicke auf mir lagen, Chief Detective Pat
Chambers deutete auf die Schlafzimmertür.

Pat: Dort drin, Mike.

Mike: Dort drin, dort drin lag mein bester Freund
tot auf dem Boden, der beste Freund, den ich
jemals hatte.

Mike: Hast du den Stuhl verschoben, Pat.

Pat: Nein warum.

Mike: Normalerweise steht der Stuhl neben dem
Bett.

Mike: Auf dem Stuhl lag seine 38er Pistole, es war
klar, wie es sich abgespielt haben mußte.

Mike: Der Mörder hat den Stuhl mit der Pistole
drauf immer ein Stück weitergezogen und dabei
zugesehen wie Jack in Todesqualen hinterher
gekrochen ist, bis er schließlich zusammenbrach.

Mike: Gestern war er noch Jack Williams gewesen,
der Mann der im Krieg seinen Arm für mich geopfert
hatte und heute klaffte ein faustgroßes Loch in
seinem Bauch.

Mike: Er hat sein Opfer beobachtet er hat
vielleicht sogar gelacht dabei, das war kein
gewöhnlicher Mord, Pat, das war absolut kaltblütig
und vorsätzlich, den Kerl krieg ich.

Pat: Du bist mit von der Partie.

Mike: Darauf kannst du Gift nehmen.

Mike: An Pats Gesichtsausdruck konnte ich ablesen,
daß er nicht versuchen würde, mich von meinem
Vorhaben abzubringen, er würde lediglich
versuchen, mir zuvor zukommen.

Mike: Ich werde das Schwein kriegen, das Jack
umgebracht hat, aber es wird nicht auf den elektr.
Stuhl kommen, und es wird auch nicht hängen, es
wird auch nicht in einem langwierigen
Gerichtsverfahren wegen mangelnder Beweise
freigesprochen werden, das Schwein wird genauso
sterben wie Jack mit einer 45er Kugel im Gedärm,
der Einschuß ein paar cm unter dem Bauchnabel, das
ist mein Wort, und mein Wort gilt solange ich
lebe.

Pat: Jack hat gestern eine Party gegeben, war aber
nichts größeres.

Mike: Ich weiß, er hatte angerufen, aber ich war
zu geschafft.

Pat: Mirna hat uns die Namen der Partygäste
gegeben, hier ist die Aufstellung, sie haben ein
paar Gläser getrunken, und ein wenig getanzt und
sind dann gegen 1 gemeinsam gegangen.

Mike: Und Mirna hat ihn heute morgen gefunden.

Pat: Ja sie waren verabredet weil sie sich
zusammen eine Wohnung anschauen wollten.

Mike: Hat jemand einen Schuß gehört.

Pat: Nein, der Mörder benutzte wahrscheinlich
einen Schalldämpfer, aber der Gerichtsmediziner
sagte es muß so gegen 3 Uhr passiert sein, siehst
du ein Motiv.

Mike: Noch nicht, aber ich werde es finden, es muß
etwas Großes dahinterstecken, darauf möchte ich
wetten.

Pat: Ok Mike, ich will dich bei den Ermittlungen
dabeihaben, du kannst mir von nutzen sein und ich
dir, aber im entscheidenden Moment werde ich dir
einen Schritt voraussein, die polizei ist nicht so
dumm wie du denkst.

Mike: Keine Sorge ich unterschätze euch nicht,
aber die Bullen können einem Typen nicht den Arm
brechen damit er was ausspuckt, also versuch es
Pat.

Velda: Ach du bist es.

Mike: Was heißt hier ach du bist es, du wirst dich
doch wohl noch an mich erinnern, ich bin Mike
Hammer, dein Chef.

Velda: Tss, du bist so lang nicht mehr hiergewesen
daß ich dich kaum noch von irgendwelchen
Schuldeneintreibern unterscheiden kann.

Mike: Ich folgte ihr in mein allerheiligstes,
bildschöne Beine hatte sie, und trug ihr Kleid so
eng, daß ich dabei an die Kurven des Pennsylvania
Highway denken mußte.

Velda: Hier sind alle Infos, die ich über die
Partygäste von gestern abend bekommen konnte.

Mike: Häh, wie bitte.

Mike: Als Sekretärin war sie eigentlich eine viel
zu große Ablenkung.

Mike: Kannst du jetzt hellsehen, wie hast du von
Jacks Tod erfahren.

Velda: Du vergißt, daß ich einen ganz guten Draht
zu einigen Reportern vom Chronikel habe, John
Dugan zB.

Mike: In den 3 Jahren, die sie für mich arbeitete,
habe ich nie versucht, mich an sie ranzumachen.

Velda: Er wußte daß Jack ein enger Freund von dir
war und ist eigentlich hier vorbei gekommen um von
mir etwas zu erfahren aber zum Schluß war er es,
der die ganzen Informationen ausgepackt hat.

Mike: Nicht daß ich kein Interesse an ihr gehabt
hätte, aber es war mir einfach zu riskant, sie
drückte mir ein paar Papiere in die Hand.

Velda: Hier haben wir zunächst George Kalecki.

Mike: Ich kannte ihn, er betrieb eine gutgehende
Restaurantkette, war ein Mann der Gesellschaft,
spendete für wohltätige Zwecke usw, aber George
Kalecki war nicht der noble gentleman, für den ihn
alle hielten, er hatte seine Finger in allen
möglichen dunklen Geschäften drin, nur konnte ihm
niemand etwas nachweisen.

Velda: Die Nr 2, Mirna.

Mike: Jacks Freundin, sie war süchtig gewesen, und
Jack hatte sie buchstäblich im letzten Augenblick
von der Brüstung der Brooklynbrücke gezogen gerade
als sie sich in die Tiefe stürzen wollte, so
hatten sich die beiden damals kennengelernt,
danach hatte Jack dafür gesorgt daß Mirna in
Behandlung kam, ein halbes Jahr später wurde sie
als geheilt entlassen.

Velda: Dann haben wir hier noch die
Bellemyzwillinge, 29 auf der Suche nach
Ehemännern.

Mike: Natürlich, die Bellemyzwillinge, ich hatte
sie mal bei Jack getroffen, sehen ganz passabel
aus und verprassen ansonsten das Vermögen das
ihnen ihr Vater hinterlassen hat.

Velda: Ach und hier ist noch jemand, der dir
gefallen wird, mein lieber.

Mike: Sie legte mir das Foto von einer tollen
Blondine im Badeanzug vor, mir blieb fast die
Spucke weg, als ich es sah, lange feste Beine,
breite Schultern und dazwischen zwei Brüste, die
sich gegen jede Beengung durch ein Kleidungsstück
zu wehren schienen, mir fielen fast die Augen
raus.

Mike: Wer, ist, das.

Velda: Hm, vielleicht sollte ich es dir lieber
nicht sagen, dein lüsterner Blick könnte dich da
noch in echte Schwierigkeiten bringen, ihr Name
ist Charlotte Manning, sie ist Psychiaterin und
hat an der Parkavenue eine gutgehende Praxis, hier
ist die Adresse

Mike: Offenbar lag hier der angenehme Teil des
Geschäfts vor mir, Velda band ich das nicht auf
die Nase, vielleicht bin ich ja nur eingebildet,
aber ich hatte eigentlich immer den Eindruck daß
sie ein Auge auf mich geworfen hat.

Velda: Wolltest du noch was ergänzen, Mike.

Mike: Charlotte Manning erhob sich von ihrem Stuhl
hinter dem Schreibtisch.

Manning: Hallo Mr Hammer.

Mike: Sie sah in Natur noch schöner aus.

Mike: Hallo Mrs Manning.

Mike: Sie war einfach Spitzenklasse, langes
blondes Haar, wunderschöne haselnussbraune Augen,
von dem was sich unter ihrem dunklen
enganliegenden Kleid verbarg, gar nicht zu reden.

Manning: Ich nehm an, es geht um den Tod von Mr.
Williams.

Mike: Ja, wir waren enge Freunde, ich bin
Privatdetektiv und würde ihnen gern einige Fragen
stellen.

Manning: Nur zu.

Mike: Wann haben sie an dem abend die Party
verlassen.

Manning: So gegen 1 Uhr, wir sind alle zusammen
aufgebrochen.

Mike: Wo sind sie von dortaus hingegangen.

Manning: Ich bin mit Ester und Marry Bellemy noch
in die Chickenbar, wo wir ein Sandwich gegessen
haben, dann hab ich die beiden an ihrem Hotel
abgesetzt und bin schnurstracks nach Hause
gefahren, es muß so kurz nach 2 gewesen sein, als
ich zuhause ankam.

Mike: Kann das jemand bezeugen.

Manning: Jawohl, mein Dienstmädchen, sie hat mich
sogar zugedeckt, sonst noch was.

Mike: Ja, äh, wie haben sie Jack Williams
eigentlich kennengelernt.

Manning: Über Mirna, sie wissen das Mirna
drogenabhängig war, Jack hatte mich seinerzeit als
Mirna zur Behandlung in der Klinik war, zu rate
gezogen, nachdem sie entlassen wurde, hab ich sie
noch eine zeit lang nachbetreut, daraus ist dann
ein persönlicher Kontakt geworden.

Mike: Ja, das wars dann wohl für erste.

Manning: Einem Mann bedeutet ein Freund viel mehr
als einer Frau.

Mike: Charlotte stand auf, und kam auf mich zu,
der Anblick ihrer Beine nahm mir fast den Atem.

Mike: Dieser Freund hat im Krieg seinen Arm
geopfert, um mir das Leben zu retten.

Manning: Ich hoffe, sie erwischen den Mörder, das
hoffe ich aufrichtig.

Mike: Ja das werde ich.

Mike: Wir standen uns gegenüber und sahen uns an,
ich wünschte, daß das leuchten in ihren Augen
wirklich so verheißungsvoll war, wie ich mir
einbildete.

Mike: Ich muß jetzt gehen, bis bald.

Manning: Sehr bald, hoffe ich.

Hubabuba.

Mike: Zwanzig Minuten später drückte ich die
Klingel an einem Haus, das bestimmt so seine
viertel Million Dollar gekostet hatte, ein korrekt
gekleideter Butler öffnete die Tür, und führte
mich in eine riesige Bibliothek, ich ließ mich in
einen Armsessel fallen und wartete auf George
Kalecki, es dauerte nicht lange bis er auftauchte.

Kalecki: Was wollen sie hier, ich habe der Polizei
gegenüber alle meine Aussagen gemacht.

Mike: Die Platte brauchst du für mich nicht
abzuspielen, Freundchen.

Kalecki: Wie reden sie mit mir, verlassen sie
sofort mein Haus.

Mike: Ich sprang aus dem Sessel und packte ihn am
Kragen.

Mike: Jetzt hör mal zu, du Drecksack, ich schere
mich nicht um die Bullen, daß das klar ist ich
suche denjenigen der Jack Williams umgebracht hat
und wenn dabei noch ein paar miese Gesellen wie du
mit hopps gehen soll mir das nur recht sein, hörst
du.

Mike: In diesem Moment sah ich im Spiegel, wie mir
gerade jemand von hinten mit einer Keramikvase den
Schädel einschlagen wollte, ich duckte mich weg,
dann schnellte ich herum und verpaßte dem
Angreifer einen gezielten Schlag unter die
Kinnspitze, der Mann ging zu Boden und blieb dort
reglos liegen.

Mike: Sieh an, dein Gorilla vermute ich, ist ja
ein ganz schlauer, will mir von hinten eins
überziehen, wo ich gerade vor einem Spiegel stehe,
irgendwie hast du den nicht richtig im Training,
George.

Kalecki: Einen Moment mal, Mr Hammer, jetzt langt
es, ich habe einflußreiche Freunde bei der
Stadtverwaltung.

Mike: Das mag ja sein, du solltest dir nur vorher
überlegen, wie dein Gesicht nachher aussieht.

Mike: Zur Bekräftigung rammte ich ihm eine Faust
in die Magengegend, er rang nach Luft und fiel
nach hinten in einen Sessel.

Mike: Ich denke, dann könnten wir mit der
Befragung beginnen, also wann hast du die Party
verlassen.

Kalecki: So gegen ein Uhr, ich hab Mirna noch nach
hause gebracht und bin dann auf direktem weg nach
hause gefahren.

Mike: Hast du ein Alibi.

Kalecki: Das Alibi liegt bewußtlos neben ihnen auf
dem Boden.

Mike: Er hat dich sogar zugedeckt, ich weiß, wenn
du glaubst, du bist damit aus dem Schneider, hast
du dich ganz schön geschnitten, du hättest immer
noch genügend Zeit gehabt nochmal in die Stadt
zurückzufahren um Jack umzulegen, woher kanntest
du Jack eigentlich.

Kalecki: Mrs Manning hat ihn mir empfohlen, hat
für mich einige ermittlungen erledigt.

Mike: Der Gedanke, daß Charlotte und Kalecki etwas
miteinander hatten, machte mich wahnsinnig.

Mike: Mrs Manning, die dürfte ja wohl eine Nummer
zu groß für dich sein.

Kalecki: Ich hatte Mrs Manning wegen meiner
Schlafstörungen in ihrer Praxis aufgesucht.

Mike: Wegen Schlafstörungen soso und hat sie dir
helfen können.

Kalecki: Das kann man sagen, ich fühle mich wie
ein neuer Mensch.

Mike: Ich hatte große Lust ihm noch eine zu
verpassen, ließ es aber.

Bellemy: Kommen sie doch herein, Mr Hammer.

Mike: Sie sah gut aus, braungebrannt, sportlich.

Mike: Sie kennen mich.

Bellemy: Ich habe sie erwartet, ihr Kollege von
der Polizei wie heißt er doch, Pat Chambers, er
hat mich auf ihren Besuch vorbereitet.

Mike: Ich habe nur ein paar Fragen, aber
vielleicht können sie mir erstmal verraten, mit
wem von ihnen beiden ich das Vergnügen habe.

Bellemy: Ich bin Marry Bellemy.

Mike: Ist ihnen am abend der Party irgendwas
Besonderes aufgefallen.

Bellemy: Eigentlich nicht, wir haben ein paar
Gläser getrunken und ein bißchen getanzt, Jack und
George Kalecki waren eine weile in der Küche und
als sie herauskamen, schien George ziemlich
bedrückt zu sein.

Mike: Ich weiß daß sie anschließend noch mit
Charlotte Manning etwas essen waren, was passierte
dann.

Bellemy: Sie setzte uns hier ab und wir sind
gleich ins Bett gegangen, übrigens das mit der
Uhrzeit, das kann der Hausmeister bestätigen, er
hat uns nämlich die Tür aufmachen müssen weil wir
unseren Schlüssel vergessen hatten, ach sie müssen
mich einen Augenblick entschuldigen, ich fürchte,
ich habe das Badewasser angelassen.

Mike: Sie lief hinaus auf den schmalen Korridor
und verschwand im Badezimmer, vielleicht wurde ich
langsam alt, aber ich hörte kein Wasser laufen,
nach einer weile kam sie zurück, ihr Anblick
verschlug mir fast den Atem, statt des grauen
Kostüms von vorher trug sie jetzt ein hauchdünnes
rosa Neglige, das nur das nötige verhüllte.

Bellemy: Tut mir leid, daß ich sie warten lassen
mußte, aber das Wasser wäre sonst kalt geworden.

Mike: Sie lächelte und setzte sich mir direkt
gegenüber.

Mike: Geht schon in Ordnung, die meisten Frauen
hätten dafür Stunden gebraucht.

Mike: Dabei öffnete sich ihr neglige und sie ließ
sich zeit damit es wieder zuzuziehen.

Bellemy: Ich nicht, ich bin viel zu begierig
darauf, mehr über ihren Fall zu erfahren.

Mike: Ihr Dekollete war trotzdem so weit geöffnet,
daß ich ihr fast bis zum Bauchnabel schauen
konnte.

Mike: Haben sie nicht außer dieser Stadtwohnung
auch noch Landbesitz.

Bellemy: Ja natürlich in New Jersey, eine Villa
mit 22 Zimmern, einem Swimming- pool und etlichen
Tennisplätzen, wenn sies genau wissen wollen,
würden sie mich gern einmal besuchen.

Mike: Klar, jederzeit.

Bellemy: Gut, diesen Samstag geben wir draußen
eine große Party, Mirna und Charlotte Manning
kommen auch, sie dürften sie beiden kennen.

Mike: Olala, das würde ein interessanter Abend
werden.

Mike: Sagen sie, kann man sie beide eigentlich
voneinander unterscheiden.

Bellemy: Tja, eine von uns hat ein kleines
erdbeerfarbenes Muttermal auf der rechten Hüfte.

Mike: Ah, und wer von beiden.

Bellemy: Warum sehen sie nicht selbst nach.

Mike: Mann o mann.

Mike: Heute nicht, ich habe noch ein Haufen Arbeit
vor mir.

Mike: Ich stand auf und streckte meine Glieder.

Bellemy: Oh, sei nicht feige.

Mike: Sie stand ebenfalls auf und trat auf mich
zu, dabei machte sie keinerlei versuch mehr ihr
Neglige festzuhalten, ich presste sie an mich und
küsste sie, dann ergriff ich den Saum des Negliges
und mit einer Handbewegung zog ich es weg, so daß
sie nackt vor mir stand, ich trat zurück und sie
ließ mich jeden cm ihres sonnen-gebräunten Körpers
absuchen, dann nahm ich meinen Hut und ging zur
Tür.

Mike: Es muß wohl doch deine Schwester sein, die
das Muttermal hat, bis Samstag.

Mike: Als ich sah daß im Büro noch Licht brannte,
blieb ich vor einem Spiegel stehen und untersuchte
mich gründlich nach Lippenstiftspuren, ich habe
nie begreifen können, warum Lippenstift von Frauen
so leicht abgeht, aber von Männern kaum zu
entfernen ist.

Mike: Ist was.

Velda: Du hast noch was am Ohr.

Mike: Sie konnte wirklich tödlich sein diese Frau.

Velda: Übrigens, in deinem Zimmer wartet Besuch
auf dich.

Mike: Pat saß hinter meinem Schreibtisch und
schwenke mir zur Begrüßung eine Flasche Bourbon
entgegen.

Pat: Willst du einen.

Mike: Ich kanns gebrauchen, was hast du auf dem
Herzen, los raus mit der Sprache.

Mike: Als Antwort warf er mir eine Akte auf den
Schreibtisch, ich konnte die Aufschrift lesen,
Mirna Devlin.

Mike: Was soll das, Pat, willst du etwa Mirna mit
der Sache in verbindung bringen.

Pat: Du weißt, daß Mirna Jack damals das
Versprechen abgenommen hat, sie nie danach
zufragen, wo sie den Stoff herhatte.

Mike: Stimmt, so wie er in Mirna verschossen war,
hätte er alles für sie getan.

Pat: Ist dir eigentlich nie der Gedanke gekommen,
daß Jack, der ja immerhin Privatdetektiv war, sein
Versprechen gegenüber Mirna gebrochen haben
könnte.

Mike: Möglich ist es schon, er haßte Gauner und
Betrüger, aber noch verhasster waren ihm diese
dreckigen Ratten, die sich an Leuten wie Mirna
bereicherten.

Pat: Nur so viel, aus den Akten geht hervor, daß
Jack doch in dem Fall ermittelte, allerdings
bislang unergiebig, vielleicht hat er uns etwas
verschwiegen, etwas das ihn schließlich das leben
gekostet.

Mike: Was sagt Mirna.

Pat: Aus ihr ist nichts rauszukriegen.

Mike: Dann muß sie einen grund dafür haben.

Pat: Ach das hätt ich beinah vergessen, gestern
nacht hat jemand versucht Kalecki durch die
Scheibe seines Wohnzimmerfensters abzuknallen, hat
ihn um haaresbreite verfehlt.

Mike: Das hättest du also beinahe vergessen.

Pat: Oh, da wäre noch etwas, er glaubt, du warst
es.

Mike: Du glaubst es nicht.

Pat: Nein, erstens hat der Täter daneben
geschossen, das wäre dir nicht passiert und
zweitens haben wir die Kugel untersucht, auch eine
45er, wir haben sie mit der verglichen, die Jack
getötet hat, die Kugeln stammen aus der derselben
Waffe.

Mike: Ich mußte noch einmal in Jacks Wohnung, Jack
hatte immer ein Notizbuch gehabt, mit Adressen und
kurzen Eintragungen und die polizei hatte nichts
dergleichen gefunden, vielleicht hatte es der
Mörder an sich genommen, vielleicht aber lag es
noch immer unentdeckt in Jacks Wohnung, es war
jedenfalls einen Besuch wert, die Tür zu dem
Apartment war noch immer versiegelt und da ich
mich nicht mit der staatsanwaltschaft anlegen
wollte, probierte ich es über die Feuerleiter, das
Badezimmerfenster ließ sich ohne Probleme öffnen,
die Wohnung war in einem guten zustand, man konnte
sich kaum vorstellen, daß hier jedes Teil
wahrscheinlich fünfmal hin und her gewendet worden
war, es hatte also kein Sinn, die ganze Arbeit
noch mal zu machen, was mich interessierte war die
Kommode, ich tastete alles ab, auch unter der
untersten Schublade auf dem Holzboden und
tatsächlich da hielt ich es in Händen, Jacks
kleines blaues Notizbuch.

Mike: Hallo Velda.

Velda: Hallo Mike.

Mike: Also der Lippenstift gestern, das war
gewissermaßen wie soll ich sagen ein
Arbeitsunfall.

Velda: Hast du schon deine Versicherung
benachrichtigt.

Mike: Komm sieh dir lieber an was ich hier habe.

Velda: Was ist das.

Mike: Jacks Notizbuch.

Velda: Und, ist was drin.

Mike: Die älteste Eintragung reichte 3 Jahre
zurück, Namen, Telefonnummern, Notizen, die alle
schwarz durchgestrichen waren, das hieß, die Fälle
waren aufgeklärt, interessant waren die letzten
Seiten.

Mike: Am 20 Eilin Vickers gesehen, das war 2
Wochen vor seinem Tod.

Velda: Hier wieder, Eilin Vickers ist Pseudonym
von fragezeichen fragezeichen fragezeichen.

Mike: Der letzte Eintrag einen Tag vor seinem Tod
lautet schließlich.

Mike: Morgen Eilin anrufen LO 3605.

Velda: LO 3605 das kommt mir irgendwie bekannt
vor, warte mal.

Mike: Sie ging zu ihrer Kartei und fischte eine
Visitenkarte raus.

Velda: Ah, 20 schöne Mädchen laden sie zum
verweilen ein, für jeden Geschmack die richtige,
Anruf unter LO 3605.

Mike: Hey, the red baron, stadtbekannter Puff.

Velda: Na, du mußt es ja wissen.

Mike: Sie hatte sich schon das Telefon geangelt
und die Nummer gewählt, dann reichte sie an mich
weiter, am anderen ende meldete sich eine Stimme,
der man die Zigarette im Mundwinkel schon durchs
Telefon anhörte.

Frau: The red baron, hallo.

Mike: Ich würde gern Eilin Vickers sprechen.

Frau: Ist erst ab 22 uhr im hause.

Mike: Ah, na ich hoffe ich kann mich dann von
zuhause loseisen.

Mike: Kann ich.

Velda: Klar Mike, du gehst heißen Kurven nach und
ich heißen Spuren.

Mike: Zuhause nahm ich eine Wechseldusche, schabte
mir den Bart ab, und putzte meine Zähne, einen
Augenblick überlegte ich, ob es sich schickte eine
Waffe zu tragen wenn man eine Dame besuchte.

Manning: Hallo Mr Hammer.

Mike: Ihr Anblick überstieg meine kühnsten
Erwartungen, sie hatte jetzt nichts mehr von einer
Psychaterin an sich, sondern war nur noch Frau,
bildschön und verführerisch, sie trug ein Kleid
aus enganliegendem blauem Stoff, der sich an sie
schmiegte, als sei ihre Haut naß, der alles
verdeckte und gleichzeitig doch alles enthüllte,
gerade und feste Brüste ragten daraus hervor, und
ihre Beine stecken in Seidenstrümpfen und
hochhakigen Schuhen, wunderbare Beine kräftig,
wohlgeformt.

Manning: Was ist.

Mike: Sie warf ihre blonden Locken in den Nacken
und sah mich aufreizend an.

Manning: Gefällt ihnen das Kleid.

Mike: Es ist bildschön und das wissen sie auch.

Manning: Ich hab es extra für sie angezogen.

Mike: Wie darf ich das verstehen.

Manning: Ich habe sie erwartet, das heißt ich hab
es mir gewünscht und es hat auch geklappt.

Mike: Mit diesen Worten öffnete sie die Tür zur
Küche, wo ein Tisch für zwei Personen gedeckt war,
gebratenes Huhn und Pommes frites, mein
Lieblingsessen.

Mike: Charlotte.

Manning: Sagen sie nichts, essen sie erstmal, ich
habe ihnen ihr Abendessen schon eine Stunde
warmgehalten.

Mike: Wie hab ich das verdient.

Manning: Wie, in meiner Praxis lern ich so viele
Männer kennen, aber die meisten sind Schwächlinge,
sie haben Komplexe oder Zwänge oder fixe Ideen,
wenn man ständig nur Männern begegnet, die so gar
nichts männliches mehr an sich haben, ist man
froh, wenn einem mal wieder ein richtiger Mann
begegnet.

Mike: Danke für die blumen.

Manning: Ich meine es ernst, sie sind ein Mann der
an das leben gewöhnt ist und auch daran ihm seinen
regeln aufzuzwingen, sie sind stark, ihr körper
und ihr verstand.

Mike: Eine fixe Idee habe ich allerdings schon,
ich muß diesen Mörder erwischen, ich muß ihn
umlegen.

Mike: Charlotte stand von ihrem Platz auf und
setzte sich neben mich, sie legte ihre Hand in
meine und unsere Blicke trafen sich.

Manning: Mike, tun sie mir einen gefallen, passen
sie auf sich auf, passen sie auf, daß ihnen nichts
passiert.

Mike: Das werde ich, ich verspreche ich, aber
warum machen sie sich Sorgen.

Manning: Darum.

Mike: Sie beugte sich vor und ihre Lippen öffneten
sich zu einem Kuß, ich zog sie an mich und drückte
so fest daß sie das Feuer spüren konnte das in mir
brannte, als sie sich von mir löste, leuchtete
alles an ihr.

Manning: Du kennst auch in der liebe kein Pardon,
was Mike.

Mike: Es grenzte an ein Wunder, daß ich überhaupt
heil aus der Tür und die Treppe herunter kam.

Mike: Als ich gegen mitternacht beim red baron
auftauchte und das blaulicht vor dem Haus sah,
wußte ich daß ich zuspät gekommen war, es war kein
schöner anblick, das Mädchen lag nackt auf ihrem
Bett, direkt über ihrem Herzen klaffte das
Einschußloch, es stammte von einer Pistole Kaliber
45.

Mike: Eillin Vieckerts, ich habe ihren Namen in
Jacks Notizbuch gefunden.

Pat: Der Mörder hat also wieder zugeschlagen.

Mike: Sieht ganz danach aus, hast du rausgekriegt,
wie das ganze hier funktioniert.

Pat: Die Bordellwirtin sagt, die Mädchen arbeiten
auf eigene Rechnung, sie müssen lediglich die
Zimmer zahlen.

Mike: Sie hat natürlich keinen Schimmer wer bei
Eilin Vickerts abkassiert hat.

Pat: Sie sagt nein.

Mike: Und sie hat natürlich auch niemand kommen
und gehen sehen.

Pat: Erraten.

Mike: Soll ich sie mir vornehmen.

Pat: Im Moment nicht, ich will erst Mirna sehen,
sie muß mehr wissen als sie sagt, diesmal muß sie
reden.

Mike: Sie brachten Mirna aufs Präsidium, als Pat
ihr erzählte, daß man eine gewisse Eilin Vickers
tot aufgefunden hätte, brach sie zusammen, es
dauerte lange bis sie wieder sprechen konnte,
starr mit tränenlosem blick erzähle sie dann ihre
geschichte, es war die Geschichte zweier
Schwestern aus der Provinz, die nach New York
gekommen waren auf der Suche nach Abenteuer und
etwas Liebe, sie waren an Leute geraten, die ihre
Unerfahrenheit ausnutzten und ihnen Rauschgift
gaben, Eilin die ältere von beiden, war es dann
die immer für Nachschub sorgte und dafür ihren
Körper verkaufte, Mirna hatte Glück gehabt, sie
hatte Jack kennengelernt, der ihr geholfen hatte
von dem Zeug loszukommen, Eilin aber schaffte den
Absprung nicht und verkaufte weiter ihren Körper.
Am nächsten Morgen war ich mit Charlotte zu einem
Spaziergang im centralpark verabredet, es war ein
schöner tag und die kindermädchen warfen mir
blicke zu, auch Charlotte schob einen Kinderwagen
auf mich zu.

Mike: Hallo, kleines.

Manning: Eine Freundin hat mich gefragt, ob ich
auf ihr Kind aufpassen könnte.

Mike: Magst du kinder.

Manning: Schrecklich gern, irgendwann werde ich 6
eigene haben.

Mike: 6 gleich, vielleicht kann ich ja gar nicht
so viel Geld verdienen um 6 Mäuler auf einmal zu
stopfen.

Manning: Ah, soll das etwa ein Heiratsantrag sein,
Mr Hammer.

Mike: Es war keine zeit zum nachdenken, ich sah
nur den häßlichen Lauf einer Pistole, die aus dem
Seitenfenster eines dunkelblauen Cadillacs auf uns
gerichtet war und warf mich auf Charlotte, im
nächsten Moment schlug die Kugel hinter uns in
einer Wand ein, daß das Mauerwerk auf uns
herunterbröselte, für einen zweiten Schuß blieb
dem Schützen keine zeit mehr, er warf den ersten
Gang ein und schoß die fifth avenue hinunter, aus
dem Sand vor der Mauer fischte ich die Kugel, es
war eine 45er, Pat wartete im Schießkeller auf
mich.

Pat: Jemand will dich offensichtlich aus dem Weg
räumen.

Mike: Der Mörder scheint ein schießwütiges Monster
zu sein.

Pat: Vielleicht, aber es ist schon merkwürdig, die
Kugel mit der auf dich geschossen wurde, stammt
nicht aus der Waffe, aus der auf Jack, Kalecki und
Eilin geschossen wurde.

Mike: Bist du ganz sicher.

Pat: Vollkommen.

Mike: Apropos Kalecki, sollte man sich ihn nicht
noch mal vornehmen.

Pat: Hab ich auch schon dran gedacht, aber er ist
ausgeflogen der Vogel, wie vom Erdboden
verschluckt.

Mike: Verdammt.

Mike: Mirna hatte der Polizei Eilins Adresse
gegeben, sie hatten sich dort schon umgesehen aber
irgendein komisches Gefühl sagte mir, daß das
bißchen Heroin, das sie bei ihr gefunden hatten,
nicht alles sein konnte, Eilins Wohnung lag im
Erdgeschoß eines kleines Reihenhauses in Brooklyn,
an der Tür prangte das Polizeisiegel, also
probierte ich es auf meine bewährte Methode, eines
der Fenster ging auf den Hof, ich schob meine
Finger unter den Rahmen und es glitt geräuschlos
wie von selbst nach oben, war schon vor mir jemand
hier gewesen, ich hoffte im stillen daß ich nicht
zu spät gekommen war, wir schossen fast
gleichzeitig, dann war es still, nach einer langen
weile schaltete ich das Licht an, George Kalecki
war tot, meine drei Schüsse hatten ihn alle an der
selben Stelle erwischt, direkt in der Herzgegend,
in seiner Hand hielt er das, was er in Eilins
Wohnung gesucht hatte, einen silbernen
Schließfachschlüssel. Es kostete Pat 3 Telefonate,
dann hatte er das zu dem Schlüssel passende
Schließfach ausfindig gemacht, den Inhalt ließ er
sich aufs Präsidium bringen.

Pat: Jede Menge Material, das beweist, in was
George Kalecki alles verwickelt war.

Mike: Rauschgifthandel, Zuhälterei und in einem
Fall nachweislich auch Mord, das hätte genügt, ihn
für die nächsten 100 Jahre hinter Gitter zu
bringen.

Pat: Und Eilin war eins seiner Mädchen, er
versorgte sie mit Stoff und kassierte sie dafür
ab.

Mike: Ach, ich wußte immer, daß er ein Schwein
war, und ich bin froh, daß ich ihn erledigt habe.

Pat: Mirna hat erzählt, daß sie ihrer Schwester
sogar ein paar Putzjobs vermittelt hat, weil Eilin
es mit ehrlicher Arbeit versuchen wollte, es sieht
so aus, als ob Eilin aussteigen wollte.

Mike: Ja, deshalb hat sie auch Kontakt mit Jack
aufgenommen.

Pat: Ja, sie wollte ihm die Informationen über
Kaletzki zukommen lassen, um ihn endlich
dranzukriegen.

Mike: Und um das zu verhindern, hat Kalecki die
beiden umgebracht.

Pat: Eine großartige Theorie, du vergißt nur, daß
auf Kalecki selbst geschossen worden ist, und zwar
mit der gleichen Waffe wie auf Jack und Eilin, aus
der Waffe, die wir bei Kaletzki gefunden haben,
wurde nur eine einzige Kugel abgefeuert, die
Kugel, die dich im Park erwischen sollte.

Mike: Bis dahin hatte ich immer geglaubt, Kalecki
wäre der große Boss, aber jetzt wurde mir klar,
daß jemand anderer hinter ihm stand, jemand der
größer war als er, und dieser jemand hatte das
Beweismaterial besessen, das in dem Schließfach
war, dieser jemand war der Killer, wie war Eilin
an den Schlüssel gekommen, mir schwirrte der Kopf,
ich versuchte es mit ein paar Whiskys in der Bar
an der Ecke, dann fuhr ich zu Charlotte, sie war
gerade dabei sich umzuziehen.

Manning: Komm rein Schatz du mußt die Unordnung
entschuldigen ich habe meinem Mädchen freigegeben,
damit sie sich um seine kranke Mutter kümmern
kann.

Mike: Mach dir keine Gedanken.

Manning: Weißt du was, du mixt uns zwei highballs,
und ich zieh mich inzwischen fertig um.

Mike: Gute Idee.

Mike: Während ich die drinks mixte, sah ich mir
die Bücher an, die bei ihr rumlagen, Heilung durch
Hypnose hieß eines und ein anderes, Psychologie
der Ehe, sieh an, sie bereitete sich also
offensichtlich schon vor.

Manning: Dein drink ist fertig Liebling.

Mike: Bring ihn mir.

Mike: Vielleicht hätte ich einen Moment warten
oder vorher anklopfen sollen, als ich ins Zimmer
trat, stand Charlotte völlig nackt vor mir, sie
war noch schöner als ich es mir vorgestellt hatte,
Charlotte war fast noch perplexer als ich, sie
errötete, und warf sich rasch einen Bademantel
über, wortlos stürzten wir beide unser drinks in
einem Zug herunter aber selbst der Alkohol konnte
mich kaum besänftigen.

Manning: Mike, ich will dich.

Mike: Nein, nein.

Manning: Aber warum nicht.

Mike: Unsere Zeit ist noch nicht gekommen.

Manning: Sag es mir Mike.

Mike: Ich liebe dich.

Manning: Laß uns heiraten, gleich morgen.

Mike: Morgen nicht, aber sehr bald, ich kann nicht
mehr lange warten.

Mike: Im nächsten Augenblick lag sie in meinen
Armen und küsste mich, ich presste sie so fest an
mich, wie ich konnte, dann schob ich sie weg und
ging zur Tür.

Mike: Bis morgen, Liebling, ich werde rechtzeitig
da sein.

Mike: Noch einen Moment länger, und ich hätte den
Verstand verloren, sie war eine wunderbare Frau
und die ganze Herrlichkeit gehörte mir. Der Wecker
rasselte um 6, ich drosch auf ihn ein, um den Lärm
abzustellen, auf meinem Nachttisch stand eine
halbvolle Flasche Bier und ich nahm einen Schluck
daraus, es war abgestanden wie eine Litfaßsäule,
als ich es bis zum Fenster geschafft hatte, sah
ich, daß die Sonne schien, es war ein strahlend
schöner Tag, genau der richtige Tag um aufs Land
zu fahren und eine hinreißende Blondine zu
treffen, zuerst aber mußte ich mich unbedingt bei
Velda melden.

Velda: So früh schon auf.

Mike: Ich habe heute eine wichtige Ermittlung.

Velda: Du solltest deine Sportklamotten mitnehmen.

Mike: Wiebitte.

Mike: Wahrscheinlich konnte sie wirklich
hellsehen.

Velda: Marry Bellemy hat angerufen, als besondere
Attraktion ist ein Tennismatch vorgesehen, zu
diesem zweck haben die Zwillinge extra
irgendwelche Tennisgrößen eingeflogen.

Mike: Ach ja.

Velda: Ach ja.

Mike: Sonst noch was.

Mike: Vielleicht wußte sie über die Sache zwischen
mir und Charlotte ja auch schon bescheid, sie
würde mir ordentlich die Hölle heiß machen.

Velda: Viel spaß, baby.

Mike: Ich war irgendwie erleichtert, als sie
auflegte. Das Haus lag inmitten eines riesigen
Grundstücks und machte einen prächtigen Eindruck,
ich war kaum aus meinem Auto gestiegen, als ich
eine wohlbekannte Stimme hinter mir hörte.

Bellemy: Hallo Feigling.

Mike: Hallo Marry.

Mike: Sie führte mich zu den Tennisplätzen, ich
war froh unter den Zuschauern Charlotte zu
entdecken, sie saß neben Mirna in der ersten
Reihe, die beiden waren offensichtlich in ein
ernstes Gespräch vertieft, als ich kam, presste
Mirna ihre Hand an die Schläfen und sagte, sie
müßte kurz ins Haus gehen und sich ein Aspirin
holen, in dem Moment kam Ester Bellemy auf uns zu,
äußerlich konnte ich kaum einen Unterschied
erkennen, und doch war sie ganz anders als ihre
Schwester, sie benahm sich höflich und reserviert.

Bellemy: Darf ich ihnen kurz Mr Hammer entführen,
ich würde ihn gern einigen leuten vorstellen.

Manning: Aber natürlich.

Mike: Es wäre schön gewesen, einfach so neben
Charlotte zu sitzen, ich wäre Ester am liebsten an
die Gurgel gesprungen, aber da war etwas, das mich
brennend interessierte, ich mußte unbedingt mehr
über dieses rote Muttermal wissen.

Bellemy: Sie haben in dem Fall Jack Williams
ermittelt, Mr Hammer.

Mike: Nennen sie mich Mike, ich bin nicht an
Förmlichkeit gewöhnt.

Mike: Ester hatte ihr Haar zu einer Nackenrolle
eingeschlagen, für mich sehen Mädchen mit
eingerolltem Haar immer so aus, als bräuchten sie
nur noch Eimer und Schrubber, um die Küche
aufzuwischen.

Bellemy: Also gut Mike, ich habe mich schon
gewundert, daß sie mich nie zu dem Fall befragt
haben.

Mike: Das läßt sich ja nachholen.

Mike: Sie führte mich an den Tennisplätzen vorbei,
in Richtung eines kleinen Wäldchens, ich fragte
mich, wo die Leute waren, die mir vorstellen
wollte.

Bellemy: Nun, beginnen sie mit der Befragung.

Mike: Der Wald wurde dichter, sie mußte ein Stück
vorausgehen, als ich ihre Rückseite sah, fielen
mir keine Fragen mehr ein, warum können Frauen
einfach nicht aufhören, sich so zu bewegen, daß
Männer auf abwegige Gedanken kommen.

Mike: Ähm, wovon leben sie eigentlich wenn ich mir
die frage erlauben darf.

Bellemy: Unser Vater hat uns seine Anteile an ein
paar Betrieben im Süden hinterlassen, wir kommen
ganz gut zurecht.

Mike: Das sieht man.

Bellemy: Dafür ist man aber auch ständig von einem
halben dutzend Verehrer umgeben, die einem
erzählen, wie hübsch man ist, nur weil sie sich
das alles hier unter den Nagel reißen wollen.

Mike: Dabei müssen ihre Verehrer nicht einmal
lügen.

Bellemy: Sind sie etwa auch auf der Suche nach
einer reichen Frau.

Mike: Man könnte glatt auf den Geschmack kommen.

Mike: Wir waren inzwischen auf einer lauschigen
kleinen Lichtung angekommen.

Bellemy: Seien sie vorsichtig mit dem was sie
sagen.

Mike: Warum.

Mike: Als Antwort hörte ich, wie die
Druckverschlüsse an ihrem Kleid auseinander
klickten, ich zog sie zu mir herüber und küsste
sie, dieser Kuß war wie geschmolzene Lava, ich
konnte sie nicht von mir stoßen und ich wollte es
auch nicht mehr, wir waren allein, nur noch das
Geräusch unseres heißen Atems, irgendwann öffnete
ich wieder die Augen.

Mike: Schwindlerin, du bist nicht Ester, du bist
Marry.

Bellemy: Wie hast du das bloß rausgekriegt.

Mike: Soviel ich sehe, ist da weit und breit kein
erdbeerfarbenes Muttermal.

Bellemy: Oh baby, ich wußte es doch, du würdest es
dir nicht nehmen lassen, selbst nachzuschauen.

Mike: Das Match war fast vorbei als wir
zurückkamen, Charlotte saß immer noch auf ihrem
Platz, nur war jetzt ein smarter Jüngling neben
ihr, mit dem sie offensichtlich in ein intensives
Gespräch verstrickt war, ich wollte gerade meinen
Gefühlen freien lauf lassen, als aus dem Haus ein
Schreien erklang, daß so schrecklich und mark
erschütternd war, daß alle anwesenden erstarrten,
ich rannte sofort zum Haus und fand das
Hausmädchen am oberen Treppenabsatz, ihre
schreckensgeweiteten Augen wiesen auf eines der
Zimmer, es war die Garderobe, ich wußte, was mich
erwartete, als ich den Raum betrat, auf dem Boden
lag Mirna, und in ihrer Brust klaffte das Loch
einer 45er.

Manning: Sie wollte sich doch nur kurz ein Aspirin
holen.

Mike: Jetzt ist sie tot, und ich hab mit den
Killer hier irgendwo direkt vor meiner Nase.

Mike: Es war passiert, während ich mit Marry im
Wald gelegen hatte, der Mörder hatte wieder seinen
Schalldämpfer benutzt.

Mike: Schaumal Charlotte was ich bei Mirnas Leiche
auf dem teppich gefunden habe.

Mike: Ich gab ihr den Umschlag, in dem ich das
Pulver mit den Händen hineingekehrt hatte.

Manning: Es ist Heroin.

Mike: Es ist das gleiche Zeug das die polizei auch
bei Eilin gefunden hat.

Manning: Vielleicht hat Mirna wieder damit
angefangen.

Mike: Das glaub ich nicht, sie hat es gefunden,
wahrscheinlich in der Gardarobe, und der Killer
hat sie dabei überrascht.

Manning: Ist dir sonst noch etwas aufgefallen.

Mike: Nein, oder doch, unter Mirnas Fingernägeln
hatte ich rote Wollfasern entdeckt, aber
irgendetwas hielt mich davon ab, es Charlotte zu
sagen. Es war weit nach Mitternacht, als ich
Charlotte vor ihrem Haus absetzte, sie hatte immer
noch Tränen in den Augen, verständlich, sie hatte
Mirna gemocht, ich war den Tod gewöhnt, aber ihr
mußte das ganze wie ein Alptraum vorkommen, wir
küssten uns zum Abschied, dann sah ich ihr nach,
wie sie zu ihrer Tür ging, ihr roter Mantel
leuchtete in der Dunkelheit, sie drehte sich zu
mir um.

Manning: Möchtest du nicht doch noch mit
hinaufkommen.

Mike: Hatte ich Pat zuletzt doch geschlagen und
ich war glücklich darüber, glücklich, wie könnte
ich nur so glücklich sein, zu viele Menschen waren
gestorben, ich mußte der Sache ein ende bereiten,
jetzt oder nie.

Mike: Ja, Charlotte, warum nicht.

Mike: Ich setzte mich in den Sessel am Fenster und
wartete, bis sie mit dem Eis aus der Küche
zurückkam, dann sah sie die Magnum in meiner Hand,
sie zielte genau auf ihren Bauch, selbst unter dem
Makeup konnte ich sehen, wie ihr die Farbe aus dem
Gesicht wich.

Mike: Es hat kein Zweck mehr Charlotte, ich weiß
alles.

Mike: In ihren Augen spiegelte sich Verwirrung,
niemand außer mir hätte bemerkt, daß sie
schauspielerte.

Mike: Angefangen hat alles mit deinem Job, die
Leute sind zu dir gekommen, weil sie deine Hilfe
brauchten, und du hast ihnen geholfen, in dem du
ihnen Drogen gegeben hast, sie wurden von dir
abhängig und du hast mächtig abkassiert, über
deine Praxis bist du zunächst problemlos an das
Zeug rangekommen, aber allmählich gabs Probleme
mit dem Nachschub, da lerntest du George Kalecki
kennen, gerade zum richtigen Zeitpunkt, während
deiner Hypnosebehandlung, vermutlich bist du eine
Meisterin darin, hast du jedes schmutzige Detail
seines Lebens ans Licht gebracht, damit hattest du
ihn in der Hand, und von nun an sorgte er für den
nötigen Nachschub an Drogen.

Mike: Ihre Augen waren angstvoll geweitet ich
konnte förmlich sehen wie ihr verstand auf
Hochtouren lief, sie suchte nach einem Ausweg und
schließlich hatte sie ihn.

Mike: Die Informationen, die du über Kalecki
hattest hast du alle in einem Schließfach
gesammelt und der Schlüssel war zuhause bei dir
versteckt, wie ist Eilin nur in den Besitz dieses
Schlüssels gekommen, ich habe lange drüber
nachgedacht und es eigentlich erst heute kapiert,
mußtest du in letzter zeit deinem Mädchen nicht
dauernd frei geben, weil seine Mutter krank ist,
da warst du froh, als dir von Mirna Eilin als
Putzfrau empfohlen wurde und Eilin die von Kalecki
vielleicht sogar dafür angeheuert war, entwendete
den Schlüssel.

Mike: Der Schrecken war aus ihr gewichen und an
seine Stelle trat etwas anders, jetzt kam es, der
Ausweg.

Mike: Eilin wollte aussteigen und Kalecki
drankriegen, deshalb hat sie Jack kontaktiert,
wenn Kalecki auffliegen würde, würdest du auch
auffliegen, also mußtest du handeln, nachdem dich
dein Hausmädchen ins Bett gebracht hatte, bist du
wieder aufgestanden und zu Jack zurück, dann hat
du ihn im Schlafzimmer erwischt.

Mike: Ihre Hände glitten langsam an ihrem Körper
entlang und umfaßten ihre Brüste, dann tasteten
sie nach den Knöpfen ihrer Bluse, sie sprangen
auf, einer nach dem anderen.

Mike: Damit hatte das Morden noch lange kein ende,
denn George Kalecki blieb ein Unsicherheitsfaktor,
also war er der nächste, aber du hast ihn
verfehlt, er konnte der Polizei natürlich nicht
sagen, daß du auf ihn geschossen hast, sonst wäre
er ja mit aufgeflogen, aber an dem Morgen im Park,
als ich dachte Kalecki, hätte es auf mich
abgesehen, da hat er in Wirklichkeit auf dich
gezielt, um sein Problem auf diese weise zu lösen.

Mike: Die Bluse rutschte über ihre Schultern zu
Boden, sie trug keinen Büstenhalter, ihre Brüste,
ihre festen, einladenden Brüste, reckten sich mir
entgegen.

Mike: Dann kam Eilin an die Reihe, das war an dem
Abend nach unserem ersten Kuß, erinnerst du dich
noch.

Mike: Sie öffnete den Reißverschluß ihres Rocks,
ganz langsam, um dabei die maximale erotische
Wirkung zu entfalten, schälte sie sich aus dem
Rock, jetzt blieb nur ein winziger Slip.

Mike: Du hast Glück gehabt, immer Glück, auch bei
dem Mord an Mirna, ihr wart vor dem Tennisspiel in
ein ernstes Gespräch verwickelt, dabei muß dir
klar geworden sein, daß Myrna Verdacht geschöpft
hat, sie ging dann hinauf ins Haus, aber nicht um
sich ein Aspirin zu holen, sondern um einen Beweis
zu finden, und den hat sie in der Tasche deines
Mantels gefunden, ja.

Mike: Ihre Daumen schoben sich unter den Bund
ihres Slips.

Mike: Dabei hast du sie überrascht, du hast sie
erschossen, und versucht, so gut es ging das
verstreute Heroin zu beseitigen, dann hast du ihr
deinen Mantel aus den toten starren Händen
gerissen und dabei sind die roten Wollfäden unter
ihren Fingernägeln hängengeblieben.

Mike: Dann stieg sie so graziös aus dem Höschen,
wie Venus aus dem Bade, sie war eine echte
Blondine.

Mike: Nein Charlotte, kein Gericht würde dich je
so verurteilen können, viel zu viel
Indizienbeweise, deine Alibis waren zu perfekt.

Mike: Langsam, ganz langsam, kam sie auf mich zu.

Mike: Jetzt bin ich der Richter, und ich muß ein
Versprechen einlösen, so schön du bist, und so
sehr ich dich fast geliebt hätte, ich verurteile
dich zum tode.

Mike: Der Duft, den sie verströmte, war
atemberaubender als jedes Parfüm, sie war perfekt,
sie streckte ihre Arme nach mir aus und wollte
mich umarmen, das donnern meiner Magnum
erschütterte den Raum, Charlotte taumelte zurück,
einen moment später und sie hätte mich mit ihrer
45er die hinter mir auf der Fensterbank in
Griffnähe lag getötet, aber ich war ihr
zuvorgekommen, fassungslos starrte sie mich an.

Manning: Wie konntest du nur.

Mike: Mir blieb nur noch ein Augenblick, aber ich
schaffte die Antwort gerade noch.

Mike: Es war leicht.

Mike Hammer (Privatdetektiv): Jürg Löw
Velda (seine Sekretärin): Lisa Adler
Charlotte Manning: Caroline Schreiber
Marry Bellemy: Myriam Gurland
Pat Chambers: Justus Fritzsche
George Kalecki: Horst Mendroch
Bobo Hopper: Steffen Schult

Weitere Informationen gibt es in der
Hörspieldatenbank im Internet unter:
https://hoerspiele.dra.de/

 Senf Nr. 4010 von Der letzte Detektiv vom 18.02.2026 um 14.34Uhr
Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Testmarkt

Jonas: Sie war ein paar Jahre jünger als ich. Um
die 35. Dunkles Haar, dunkle Augen, eine
wohlgefällige Figur. In einem von diesen weißen
Overalls, die nach gar nichts aussehen, und mehr
kosten, als ein Detektiv im Monat verdient. In der
40-Quadratmeterklasse, schätzte ich. Auf dem
Klientenstuhl in meinem Büro plus Apartment, 22
Quadratmeter und ein paar Zerquetschte, wirkte sie
wie ein aufgeblühter Kirschzweig in einer alten
Bierflasche. Ich bin sentimental. Ich mag
Kirschblüten.

Judith: Mein Name ist Delgado. Judith Delgado.

Jonas: Judith. Das gefällt mir. Ein Mensch, dessen
Name mit J anfängt, kann nicht ganz schlecht sein.

Jonas: Ich heiße Jonas. Nur Jonas. Wie der Typ mit
dem Walfisch in der Bibel. Viele Leute wundern
sich darüber, daß ich nur einen Namen habe. Ich
weiß nicht, warum. Ich meine, besser ein guter
Name als drei miese.

Judith: Ich kann es nicht glauben. Onkel Adrian
hätte so was nie gemacht.

Jonas: Was?

Judith: Selbstmord. Ich versteh das nicht.

Jonas: Sagen sie alle.

Judith: Bitte?

Jonas: Sagen sie alle, wenn der liebwerte
Anverwandte endlich freiwillig die Kurve kratzt,
weil sich kein Aas um ihn gekümmert hat.

Judith: Ihr Ton gefällt mir nicht.

Jonas: Sam?

Sam: 243, o Herr und Meister.

Judith: 243?

Jonas: Sam führt `ne Liste. Von Leuten, die mir
sagen, ihr Ton gefällt mir nicht. Sie sind Nummer
243.

Judith: Ich habe mich um Onkel Adrian gekümmert.
Und ich bin ganz sicher, er hat sich nicht
umgebracht.

Jonas: Das sagen Sie. Und was steht auf dem
Totenschein? Name?

Judith: Judith Delgado.

Jonas: Nicht Ihrer. Onkel Adrian. Name, Nummer,
Adresse und so weiter.

Judith: Adrian Delgado. Südstadt, 33. Straße,
Nummer 170, Aufgang G, Apartment 93. Bürgernummer
15 B 27 09 1939. Aber das ist unnötig. Ich habe
schon...

Jonas: Lassen Sie das mich auf meine Weise machen.
Sam?

Sam: Magnifizenz?

Jonas: Todesdatum. Todesursache.

Sam: Hören ist gehorchen, euer Lordschaft. Piep.
Herr Adrian Delgado verließ dieses unser irdisches
Tal der Tränen aus freien Stücken am 13. März im
Jahre des Herrn 2009.

Jonas: Also gestern.

Sam: Indem er das Fenster seines im 9. Stockwerk
gelegenen Apartments öffnete und sich, den Kopf
voran, durch dasselbe in die Tiefe stürzte. Beim
Aufschlag erlitt er folgende, in ihrer Gesamtheit
tödliche Verletzungen.

Jonas: Brauchen wir nicht. Ist gut, Sammy.

Sam: Wie Durchlaucht befehlen.

Jonas: Sie haben’s gehört, Judith. Selbstmord.
Ganz offiziell. Kein Fall für Jonas.

Judith: Ich kenne den Totenschein. Er lügt.

Jonas: Lassen Sie mich raten. Lebensversicherung?

Judith: Ja, das auch, aber.

Jonas: Zu Ihren Gunsten abgeschlossen. Und bei
Selbstmord zahlt die Versicherung nicht. Wie hoch?

Judith: 100.000 Euros. Aber das ist es nicht. Ich
hatte Onkel Adrian gern.

Jonas: Rührend. Und was soll ich jetzt tun?

Judith: Nachforschen natürlich. Rauskriegen was
wirklich passiert ist.

Jonas: Ich bin der letzte. Der letzte
Privatdetektiv. Der letzte freie Beruf. Seit Ärzte
und Anwälte Staatsdiener sind. Und Künstler
Medienbeamte mit Pensionsberechtigung.
Wahrscheinlich bin ich auch der einzige
Privatdetektiv. Wenigstens in unserer unschönen,
aber großen Stadt Babylon. Ohne Konkurrenz. Nicht,
daß es mir viel nützt, aber wer braucht heutzutage
schon einen Detektiv? Menschen, die nen Knacks
haben oder eine fixe Idee. Wie Judith.

Jonas: Ich kriege 80 Euros pro Tag und Spesen.
Aber ich sag Ihnen gleich: Sie werfen ihr Geld zum
Fenster raus.

Judith: Das lassen Sie meine Sorge sein. Ich habe
gute Gründe.

Jonas: Klar. Warum sollte sich Onkel Adrian schon
umgebracht haben? Warum bringen sich Jahr für Jahr
Millionen Menschen um? Sam, die letzten
Selbstmordzahlen für Europa.

Sam: Bitte sehr, bitte gleich, o Sahib. Piep.
Januar bis Dezember 2008: 4 532 728 Suizide,
gleich 0, 37258 % der Bevölkerung. Im Vergleich
zum Vorjahr eine Steigerung um 3, 6661 %. Januar
bis Februar 2009...

Jonas: Das reicht, Sam. Sehen Sie, Judith, jeder
kann sich umbringen, Sie. Ich.

Judith: Ein außergewöhnlicher Computer, den Sie da
haben.

Jonas: Sam. Der ist nicht außergewöhnlich. Der ist
verrückt. Was, Sammy?

Sam: Wenn du meinst, Mac, du bist der Chef.

Jonas: Außer Walzertanzen und Kinderkriegen kann
Sam praktisch alles. Hören, Sehen, sich in
zugängliche und auch ein paar unzugängliche
Datenbänke einschalten, deduzieren, und reden, vor
allem reden. Die Hersteller haben ihn
versuchsweise mit allen möglichen ausgefallenen
Sprachprogrammen vollgestopft. Und jetzt redet der
gute Sam nicht nur wie ein Buch, er tönt wie eine
ganze Bibliothek. Deswegen habe ich ihn auch
verhältnismäßig billig gekriegt, als ich mit
meiner Abfindung aus dem Antarktischen Krieg
zurückkam und beschloß, Detektiv zu werden. Wer
will sich schon ständig mit einem elektronischen
Oberlehrer unterhalten. Ich habe ihm dann noch ein
paar neue Sprachprogramme eingegeben, als
Gegengewicht sozusagen, und das alles ist ihm ein
bißchen durcheinander geraten. Nicht zu
reparieren. Man muß sich dran gewöhnen.

Jonas: Darf ich vorstellen: McCoy Incorporated,
Typreihe Doktor, Versuchsmodell Chrysostomus,
Baujahr 2005. Ich nenne ihn kurz Sam. Sie werden
kaum wissen, warum.

Judith: Hallo, Sam.

Sam: Küß die Hand, gnädige Frau.

Judith: Play it again, Sam. Spiel As Time goes by.

Sam: Klaro, Schwester. Auf geht's.

Jonas: Sie kennen Casablanca?

Judith: Aber ja, und ich mag Bogie und Phil
Marlowe und Sam Spade und Lew Archer und Albert
Samson und...

Jonas: Und ich dachte, ich bin der einzige in ganz
Babylon. Das muß gefeiert werden. Ein Drink,
Bürowhiskey. Original Old Forester. Die letzte
Flasche für den letzten Detektiv. Ich darf leider
nicht. Mein Magen.

Judith: Cheers, Jonas. Sie spielen Ihre Rolle gut.
Aber jetzt könnten Sie eigentlich einen Gang
zurückschalten. Ich glaube Ihnen ja, daß Sie genau
so ausgekocht sind wie ihre Vorbilder.

Sam: Groß, schnell, hart und voller Stacheln.
Raymond Chandler.

Judith: Und deshalb werden Sie auch feststellen,
was mit Onkel Adrian passiert ist.

Jonas: Warum lassen Sie den armen Onkel nicht in
Frieden ruhen, in seiner Urne oder wo er immer
steckt. Ich habe Ihnen doch gesagt.

Judith: Ich habe Ihnen gesagt, Jonas, daß ich gute
Gründe habe für meinen Verdacht. Zwei gute Gründe,
um genau zu sein.

Jonas: OK, ich höre. Erstens.

Judith: Onkel Adrian war einigermaßen gesund,
vergnügt, lebenslustig, überhaupt kein
Selbstmordtyp.

Jonas: Und zweitens.

Judith: Lassen Sie Ihren verdrehten Computer
feststellen, wie viel Menschen gestern in der
Südstadt Selbstmord begangen haben.

Jonas: Von mir aus. Na, was ist denn, Sammy?

Sam: Sie hat mir gar keine Befehle zu geben. Und
Sie hat verdrehter Computer zu mir gesagt.

Jonas: Ach was, zier dich nicht. Komm rüber mit
den Zahlen.

Sam: Aye Aye, Sir. Piep. Piep. Ich bedaure
unendlich. Aber die gewünschte Information ist mir
nicht zugänglich. Sie ist klassifiziert und
codiert. Dritte Geheimstufe.

Jonas: Nanu. Seit wann?

Sam: Seit dem 12. März 2009, großer Meister.

Jonas: Moment. Die Selbstmordzahlen der Südstadt
für gestern sind seit vorgestern klassifiziert?

Sam: Soll ich es dir auch noch buchstabieren,
Kumpel?

Jonas: Merkwürdig. Und Sie wußten das, Judith?

Judith: Ich arbeite im Ministerium für Statistik
und Soziographie.

Jonas: Aha. Können Sie den Code beschaffen?

Judith: Ich will’s versuchen. Ich ruf Sie an. Das
heißt, wenn Sie den Fall übernehmen und für mich
arbeiten wollen.

Jonas: Weil Sie Bogie und Konsorten kennen,
Judith. Weil an der Sache was faul ist. Weil ich
momentan nichts Besseres vorhabe. Abgemacht.

Judith: Auf Ihren neuen Fall, Jonas.

Jonas: Und weil ich Kirschblüten mag.

Jonas: Die Südstadt, vor einem knappen halben
Jahrhundert gebaut, ist schon vier-mal saniert
worden. Diverse Wohnungsgesellschaften haben sich
gesundgestoßen, aber sonst hat sich nicht viel
geändert. Immer noch dieselben Hochhäuser, die
aussehen wie riesige angegraute Käsestücke. Voller
Löcher und Schimmel. Und Maden, dicht an dicht.
Irgendwo müssen sie ja wohnen. Aber die Südstadt
ist kein Slum, Gott bewahre, sie ist ein
Wohngebiet mit spezifischen strukturellen
Problemen. Das sagt die Bürgermeisterin jede Woche
in ihrer Fernsehshow. Und die muß es wissen. In
Onkel Adrians Haus war der Fahrstuhl kaputt. Die
Fahrstühle in der Südstadt sind immer kaputt. Um
wieder zu Atem zu kommen, studierte ich im 9.
Stock die Graffiti. Das übliche. Die Tür zu
Apartment 93 war versiegelt. Ich klopfte. Im Spion
der Tür von Apartment 95 hatte ich was gesehen.
Ein blutunterlaufenes Falkenauge. Das Übliche.

Nachbarin: Keiner da, junger Mann. Was wollen Sie
denn?

Jonas: Telegramm für Herrn Delgado.

Nachbarin: Delgado. Der wohnt nicht mehr hier.

Jonas: Ausgezogen?

Nachbarin: Nicht direkt.

Jonas: Wissen Sie, wo ich ihn erreichen kann?

Nachbarin: Da müssen Sie sich schon Flügel
anschaffen, junger Mann.

Jonas: Eine Kipperin. Das übliche. Die Südstadt
ist voll von Kippern. Und nicht nur die Südstadt.
Die Dame war in Alkohol eingelegt worden und seit
Jahren gut durchgezogen. Nicht mehr weit zum
Delirium. Ich frage mich, was sie heute sehen,
wo’s keine Elefanten mehr gibt, und keine weißen
Mäuse. Vielleicht karierte Computer.

Nachbarin: Wo haben Sie denn das Telegramm?

Jonas: In der Tasche.

Nachbarin: Und Ihre Uniform?

Jonas: In der Reinigung. Delgado ist tot?

Nachbarin: Toter geht’s gar nicht. Gestern Abend
haben sie ihn im Lichthof abgekratzt. Aus dem
Fenster gesprungen. Was man hier so Fenster nennt.

Jonas: Selbstmord?

Nachbarin: Muß wohl.

Jonas: Probleme?

Nachbarin: Haben Sie keine, junger Mann? Aber wo
Sie so fragen. Delgado ist der letzte, der so was
macht, hab ich immer gedacht. Kam ab und zu rüber
und trank einen Schluck mit. Wollen Sie auch
einen?

Jonas: Danke, mein Magen. Aber lassen Sie sich
nicht stören.

Jonas: Sie war eine reinliche Person und trank
gleich aus der Flasche. Ein Glas weniger zum
Abwaschen.

Nachbarin: Vorgestern war er noch hier. Ganz
munter. Am Wochenende wollte er eine Tour machen,
zu einem von diesen Vergnügungssatelliten. Er hat
mir die Prospekte gezeigt. Und dann springt er
vorher in den Lichthof. Ist schon komisch.

Jonas: Vielleicht war’s ein Unfall.

Nachbarin: Klar, junger Mann. Delgado ist auf
einen Stuhl gestiegen und hat sich dann
durchgezwängt. Das müssen Sie nämlich tun, wenn
Sie hier aus Versehen aus dem Fenster fallen
wollen.

Jonas: Es könnte ihn ja auch jemand gestoßen
haben.

Nachbarin: Wer denn, junger Mann? War ja keiner
bei ihm, als es passiert ist. Ich seh alles. Ich
weiß Bescheid. Er war ganz allein. Ganz allein mit
sich selbst. Wollen Sie nicht doch was trinken?

Jonas: Immer noch nicht. Hat er im Lauf des Tages
Besuch gehabt?

Nachbarin: Besuch? Wer?

Jonas: Der Staatspräsident, wer denn sonst?

Nachbarin: Sie nehmen mich hoch, junger Mann.
Manchmal kam seine Nichte. Nette Person. War aber
schon `ne Woche nicht mehr hier.

Jonas: Und gestern?

Nachbarin: Kein Mensch. Bloß irgend so ein Mädchen
mit 'ner Warenprobe.

Jonas: Warenprobe? Was für eine Warenprobe?

Nachbarin: Keine Ahnung. Bei mir hat sie nicht
geklingelt. Kosmetik oder so was. Weißen Kittel
hatte sie an. Tja, und der Postroboter natürlich.
Mit der Reklame.

Jonas: Fünf Häuser weiter war ein Laden. Im
Schaufenster künstliches Immergrün und auf einem
lila Podest eine angestaubte Designer-Urne,
daneben ein Schild: Für die letzte Wohnung ihrer
Lieben ist das Beste gerade gut genug. Das gab mir
zu denken.

Bestattungsunternehmer: Sie haben einen
schmerzlichen Verlust erlitten, mein Herr.

Jonas: Eine Tante.

Bestattungsunternehmer: Oh. Mein tief empfundenes
Beileid. Mitten im Leben...

Jonas: Heute rot, morgen tot.

Bestattungsunternehmer: Wie wahr, wie wahr, mein
Herr. Rasch tritt der Tod den Menschen an.

Jonas: Rasch ist das treffende Wort. Sie ist aus
dem Fenster gesprungen.

Bestattungsunternehmer: Ist ja nicht zu glauben.

Jonas: Wieso? Das kommt vor.

Bestattungsunternehmer: Und wie das vorkommt.
Hinten hab ich 11 Fensterstürze liegen, 11, mein
Herr, alle von gestern, alle aus dieser Straße.

Jonas: Wie das Leben so spielt.

Bestattungsunternehmer: Sie meinen, der Tod. Tja.
Scherz beiseite. Woran dachten Sie? Super Luxus,
1a deluxe?

Jonas: Wissen Sie, ich habe sie ja kaum gekannt,
wie das so ist.

Bestattungsunternehmer: Ich verstehe, mein Herr,
schlicht und gediegen. Raum ist in der kleinsten
Hütte, nicht wahr? Wenn ich Ihnen unsere beliebte
Grundausstattung zeigen darf.

Jonas: Ein ander Mal. Geben Sie mir Ihre
Preisliste. Ich melde mich.

Jonas: Die Telefonzelle an der Ecke war kaputt.
Die Telefonzellen in der Südstadt sind immer
kaputt. Schließlich fand ich eine, die
funktionierte. Die Kaputtmacher mußten sie
vergessen haben. Ich rief die Polizeidirektion
Südstadt an.

PoPo1: Ja?

Jonas: Ich brauch ne Auskunft. Über `nen
Selbstmord.

PoPo1: Was Sie nicht sagen. In der Südstadt.
Fenstersturz.

Jonas: Ja.

PoPo1: Ich geb Sie weiter.

PoPo2: PoPo. Sie wünschen.

Jonas: Wie war das?

PoPo2: Wie war was?

Jonas: Wie haben Sie sich gemeldet?

PoPo2: PoPo. Populationspolizei.

Jonas: Oh, falsch verbunden.

PoPo2: Glaub ich nicht, Freundchen. Was wollen
Sie?

Jonas: Ein angeblicher Selbstmordfall. Sind Sie
dafür zuständig?

PoPo2: Wir sind immer zuständig, Freundchen.

Jonas: Wenn Sie meinen. Also, Adrian Delgado,
Nummer 15 B 27 09 1939.

PoPo2: Ja und?

Jonas: Eindeutiger Selbstmord oder.

PoPo2: Oder was? Natürlich Selbstmord. Ganz klar.
Wer sind Sie?

Jonas: Kein Zweifel? Keine Verdachtsmomente?

PoPo2: Wer sind Sie? Von wo sprechen Sie?

Jonas: Was meinst du, Sam?

Sam: Die Affäre, der Hochwürden zur Zeit ihre
Energie widmen, gibt ein Odeur ab, welches als
wenig erfreulicher als unangenehm zu bezeichnen
ich mich nicht enthalten kann.

Jonas: Noch mal, Sam.

Sam: Genosse, die Sache stinkt zum Himmel.

Jonas: Du sagst es, Sammy.

Jonas: Sam hatte ich natürlich bei mir. Das heißt,
nicht den großen Terminal, der steht fest im Büro,
sondern Sam zwo. Sam zwo ist eine drahtlose
Extension, ein Kästchen, das bequem in jede Tasche
paßt und seine Energie aus Batterien bezieht.
Ansonsten ist der Sam zwo derselbe Sam wie die
große Nummer eins. Bißchen verrückt, eine mächtige
Klappe, und viel dahinter.

Sam: Wenn Sie mir den Vorschlag gestatten, Sir, es
wäre ratsam, diesen Ort auf schnellstem Wege zu
verlassen. Ohne Zweifel dürfte man bei der
Populationspolizei bereits fieberhaft damit
beschäftigt sein, das Telefonat zurückzuverfolgen.

Jonas: Eigentlich wollte ich noch schnell Judith
anrufen.

Sam: Kannst du zuhause machen. Hau endlich ab,
Mensch, sonst kriegen sie uns am... am... am
Kragen, o Herr, o Meister.

Jonas: Hast ja recht, Sammy. Rikscha!

Jonas: Daß ich mir `ne Rikscha leistete, brachte
nicht viel ein. Ich mußte trotzdem fast den ganzen
Weg nach Hause laufen. Ein Pechtag. Die
Kusbekische Befreiungsfront hatte in meinem
Viertel was in die Luft gesprengt, ein Konsulat
oder Kulturzentrum, und die Terrorpolizei sperrte
weiträumig ab, wie sie das nennt. Eine
interessante Technik. Bombenleger fängt man
dadurch nicht, aber das Publikum merkt wenigstens,
daß die Freunde und Helfer sich Mühe geben. Als
ich nach Hause kam, war es schon dunkel.

Judith: Ich hab den ganzen Nachmittag versucht,
Sie anzurufen, Jonas.

Jonas: Ich war unterwegs. In Ihrer Angelegenheit.

Judith: Haben Sie was erreicht?

Jonas: Ein bißchen. Besuchen Sie mich, dann
erzähle ich es Ihnen.

Judith: Später, Jonas, wenn Sie den Fall
abgeschlossen haben.

Jonas: Was ist mit dem Code?

Judith: Es war nicht ganz leicht, aber ich habe
ihn. Schreiben Sie mit.

Jonas: Mit der Codezahl kam Sam ohne Probleme in
die geheime Selbstmordstatistik der Südstadt. Und
was er da entdeckte, war schon seltsam. Wenn auch
nicht gerade eine Überraschung, nach allem, was
ich heute mitgekriegt hatte.

Sam: Die Selbstmordrate der Südstadt für den 13.
März liegt allgemein um 217 % über dem
Durchschnitt. Selbstmord durch Sturz aus dem
Fenster bzw. von einem hochgelegenen Standort: 489
% über Durchschnitt.

Jonas: Zufall?

Sam: Zufälliges Ergebnis, Wahna, seien gänzlich
undenkbar. Wahrscheinlichkeit dafür liegen bei
0,00.

Jonas: OK. Sammy, OK OK, sei mal `nen Moment
still. Ich muß nachdenken.

Sam: Zum Nachdenken dürfte bei aller
Bescheidenheit meine geringe Person weitaus
geeigneter sein als ihro Durchlaucht.

Jonas: Du sollst still sein, habe ich gesagt.

Sam: Durchlaucht schaden sich selbst, aber wie
Durchlaucht wünschen. Ein Computer gehorcht und
schweigt. Wie das Grab. Nichts sagen, nicht
fragen, und nur nicht verzagen. Reden ist Silber,
Schweigen ist Gold. Nur in der Stille reift ein
großer Geist.

Jonas: Ich hab’s.

Sam: Wird schon was rechtes sein.

Jonas: Hör auf zu Mosern, Sam, tu lieber was.

Sam: Und was befehlen Eminenz?

Jonas: Gib mir die durchschnittliche
Persönlichkeitsstruktur von allen, die gestern in
der Südstadt aus dem Fenster gesprungen sind.

Sam: Bitte sehr. Piep. Männlich und weiblich. Über
55 Jahre. Allein lebend. Keine feste Beziehung.
Keine zeitweilige Partnerschaft. Keine Gruppe.
Keine Kinder. Wohnraumklasse zwischen 15 und 25
qm.

Jonas: Eben Südstadt. Millionäre wohnen da nicht.

Sam: Wünschen Monsignore Einzelheiten? Hobbys,
bevorzugte Videos, Biorhythmen und so weiter?

Jonas: Nicht nötig, Sammy.

Sam: Wie Sie wollen. Sie sind der Boss. Sag ich
also nichts zum persönlichen Hygienefaktor.

Jonas: Hygienefaktor? Na klar! Was ist mit dem
Hygienefaktor?

Sam: Um 67, 74 % über dem Durchschnitt.
Interessant, Sahib?

Jonas: Aber ja. Und jetzt suchst du mir.

Sam: Derrick Kracau, 29. Straße, Nummer 5, Aufgang
C, Apartment 142.

Jonas: Wer ist das?

Sam: Na wer schon, Meister? Ein Mensch, welcher
sich jeglicher Merkmale vorbenannter
Persönlichkeitsstruktur erfreut, jedoch, und das
ist, wenn Sie mir den Kalauer verzeihen, der
springende Punkt, nicht durch einen Sprung aus dem
Fenster seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Das war
es ja wohl, was Eminenz wollten.

Jonas: Ja aber ich hab doch noch gar nichts
gesagt!

Sam: Sam nur armer kleiner Computer, Massa, aber
Sam denken unheimlich schnell.

Jonas: Wundere dich nicht, wenn du eines schönen
Tages in der Schrottmühle landest.

Sam: Zu Befehl. Nicht wundern. Fahren wir in die
Südstadt, Majestät?

Jonas: Morgen früh, Sam. Klapp das Bett raus.

Sam: Gesegnete Ruhe, eure Heiligkeit. Guten Abend,
gute Nacht, mit Rosen beda-hacht...

Jonas: Derrick Kracau trug einen Nostalgie-
Haarschnitt a la Punk, das neueste an Körperfarben
und ansonsten nicht viel, abgesehen von zahllosen
Kettchen an Hals, Armen, Beinen und um seine
unübersehbar 60jährige Taille. Er duftete nach
allen Estern des Orients, und verströmte soviel
Charme wie ein gesprungenes Bidet.

Kracau: O, je früher der Morgen, desto schöner die
Gäste. Sagen Sie nichts. Lassen Sie mich raten.
Sie sammeln für die St. John-Lennon-Kapelle. Nein?
Sie verkaufen illegale Holos? Auch nicht? Dann
sind Sie vielleicht ein böser böser Räuber, hmh,
und wollen mir unaussprechlich gräßliche Dinge
antun, hmh?

Jonas: Seh ich so aus?

Kracau: Nicht? Schade.

Jonas: Wenn ich richtig informiert bin, Herr
Kracau, sind Sie vorgestern von einer unserer
Vertreterinnen aufgesucht worden.

Kracau: Vorgestern? Ach Sie meinen dieses
schnippische Weibstück mit der kostenlosen
Probetube Zahncreme. Dentomed oder wie das Zeug
heißt.

Jonas: Ganz recht, Herr Kracau, haben Sie die
Zahnpasta inzwischen benutzt?

Kracau: Ich bitte Sie. Meine Beißerchen scheuere
ich mich Diospecial. Nur mit Diospecial. Seit
Jahren. Da werd ich doch nicht von heute auf
morgen mir nichts dir nichts auf irgendeine neue
vulgäre Marke umsteigen.

Jonas: Ihr Glück. Haben Sie die Probe noch?

Kracau: Moment. Muß hier irgendwo sein. Hat sich
versteckt das freche Ding. Ja, hier haben wir’s.
Hier.

Jonas: Danke. Ich muß die Tube einziehen, Herr
Kracau.

Kracau: Aber aber. Geschenkt ist geschenkt.
Wiederholen ist gestohlen.

Jonas: Unsere Marketing-Group hat einen kleinen
Fehler gemacht. Das Produkt ist noch nicht
endgültig freigegeben. Nebenwirkungen, Sie
verstehen, Kontraindikationen. Wir müssen noch
eine Testreihe durchführen.

Kracau: O Gott O Gott, da wären mir womöglich die
Beißerchen ausgefallen, wenn ich das Zeug genommen
hätte.

Jonas: Womöglich, aber es ist ja nichts passiert.
Putzen Sie sich weiter die Zähne mit Diospecial,
Herr Kracau, kaufen Sie sich ein paar neue
Kettchen, und vergessen Sie ab und zu Ihren
Geburtstag, das hält frisch.

Kracau: Oh!

Jonas: Dentomed, Sam.

Sam: Piep. Eine Firma beziehungsweise eine
Warenmarke dieses Namens ist weder im
Handelsregister noch in einer anderen in Frage
kommenden Datei eingetragen, Milord.

Jonas: Dachte ich mir.

Jonas: Jetzt brauchte ich einen Wissenschaftler.
Nebenwirkungen, Kontraindikationen, Testreihen,
das sagt sich leicht. Die praktische Anwendung war
schon schwieriger. Zu schwierig für einen
einfachen Privatdetektiv. Auch Sam war da
überfragt. Ausnahmsweise. Dr. Prosper war ein Star
an der Uni gewesen, bis sie ihn gefeuert hatten,
um den Nobelpreis zu kriegen soll er
Forschungsergebnisse gefälscht haben. Er selbst
behauptet, ein Konkurrent habe ihn reingelegt.
Früher hatte Dr. Prosper am Markgrafenboulevard
gewohnt, jetzt hauste er draußen im Osten, in
einer Gegend, die sogar die Bürgermeisterin als
Slum bezeichnen konnte, ohne rot zu werden. Er
hatte sich ein kleines Labor eingerichtet, und tat
für Geld alles. Fast alles.

Dr. Prosper: Erst... erst mal das Wichtigste. 2...
200 Euros. In bar. Und im Voraus.

Jonas: 100. 50 jetzt, 50 wenn Sie fertig sind.

Dr. Prosper: Geben... Geben Sie her. Was... was
soll ich tun?

Jonas: Sehen Sie sich das hier mal ein bißchen
näher an.

Dr. Prosper: Zahnpasta. Warum... warum gehen Sie
nicht zu Warentest oder zum... zum
Konsumentenbund?

Jonas: Wollen Sie sich 100 Euros verdienen oder
nicht?

Jonas: Er wirkte nervös. Seine wasserblauen Augen
schwammen ängstlich hinter dicken Brillengläsern.
Wie Picassofische im Aquarium. Vielleicht hatte er
eine Vorahnung. Vielleicht hatte er auch bloß
nicht ausgeschlafen. Aber Jonas ist ein harter
Bursche. Ohne mit der Wimper zu zucken, nimmt er
Babys den Schnuller weg. Einen vergammelten Doktor
bei der Stange zu halten, ist für ihn ein
Kinderspiel.

Dr. Prosper: Irgendwas... irgendwas krumm an der
Sache?

Jonas: Und noch 20 drauf, weil Sie’s sind.

Dr. Prosper: OK. Gift?

Jonas: So was ähnliches. Kennen Sie ein
Psychopharmakon, das zu Selbstmord führt?

Dr. Prosper: Eine... eine Suiziddroge?

Jonas: Eine Droge, die Menschen dazu bringt, aus
dem Fenster zu springen.

Dr. Prosper: Möglicherweise ein...ein
Salzsäurederivat. Und so was soll da drin sein?

Jonas: Würde mich nicht überraschen. Stellen Sie’s
fest. Morgen früh um 9 komm ich wieder.

Dr. Prosper: Viel zu kurz.

Jonas: 120 Euros.

Dr. Prosper: Unmöglich.

Jonas: Und seien Sie vorsichtig. Lassen Sie die
Tube nicht offen rumliegen.

Dr. Prosper: Wo versteckt der weise Mann ein
Blatt?

Jonas: Keine Ahnung. Also bis morgen, Dr. Prosper.
Es war mir ein Vergnügen.

Dr. Prosper: Sie mich auch, Jonas.

Jonas: Am nächsten Morgen pünktlich um 9 stand ich
wieder vor der Tür. Ich klingelte. Ich klopfte.
Nichts rührte sich. Ich gab der Tür einen kleinen
Tritt. Sie ging auf. Dahinter lag ein Chaos, das
gestern noch ein Labor gewesen war. Splitter,
Scherben, zerschlagene Käfige, tote Ratten. Und
ein toter Mann, der gestern noch Dr. Prosper
gewesen war.

Jonas: Erstochen. Mit seinem eigenen Skalpell. Und
dann haben die Mörder Kleinholz gemacht.

Sam: Dreimal dürfen Hoheit raten, was sie gesucht
haben. Die Frage ist: Konnte Dr. Prosper die Tube
Zahnpasta so geschickt verbergen, daß es den
Mördern nicht gelang, sie zu finden?

Jonas: Das ist die Frage, Sammy. Du sagst es. Ich
seh sie nicht.

Sam: Wo versteckt der weise Mann ein Blatt?

Jonas: Du bist auf dem falschen Dampfer, Sam. Wir
suchen kein Blatt, wir suchen Zahnpasta.

Sam: Schon des Öfteren hatte euer bescheidener
Diener Gelegenheit, festzustellen, daß die
literarische Bildung euer Durchlaucht sich als
recht lückenhaft erweist, sofern es sich nicht um
Autoren wie Hammett, Chandler, Macdonald etc.
handelt. Was ich soeben sagte, wobei ich lediglich
wiederholte, was Dr. Prosper gestern Ihnen
gegenüber äußerte, ist ein Zitat. Ein Zitat aus
einer Kurzgeschichte des antiken
Detektivschriftstellers Gilbert Keith Chesterton.

Jonas: Kenn ich nicht.

Sam: Wo versteckt der weise Mann ein Blatt, fragt
eine Figur, und die Antwort lautet: Im Walde.

Jonas: Ja und?

Sam: Wo versteckt der weise Mann eine Tube
Zahnpasta?

Jonas: In der Waschnische.

Sam: Na bitte, es geht doch, wenn euer Wohlgeboren
Ihr Hirn ein wenig strapazieren.

Jonas: Und hier, hier ist sie, die Tube. Ein
bißchen zerdrückt, in einem schmutzigen Glas,
neben einer zerfaserten Zahnbürste.

Sam: Durchlaucht werden mir darin zustimmen, daß
es Dr. Prosper vor seinem unzeitigen Tod nicht
vergönnt war, die von Durchlaucht gewünschte
Untersuchung vorzunehmen.

Jonas: Sieht nicht so aus. Und was machen wir
jetzt?

Jonas: Ich sah aus dem offenen Fenster. Es hatte
angefangen zu regnen. Ein grau-gelber Himmel hing
über der Stadt, wie das Fell einer ertrunkenen
Siamkatze. Schöner Satz, nicht? Direkt aus dem
Poesiealbum des Privatdetektivs.

Jonas: Also eins steht fest: Wir können das Zeug
nicht testen.

Sam: Einerseits sehe ich mich gezwungen, euer
Gnaden darin rechtzugeben. Andererseits jedoch...

Jonas: Sammy, du hast ne Idee?

Sam: Schallt nicht, o großer Vorsitzender, aus
jener Ecke ein gewisses Quieken an mein
elektronisch Ohr?

Jonas: Eine von Prospers Ratten. Im Käfig. Unter
dem Bett. Die Kerle haben sie übersehen.

Sam: Zweifellos, Milord. Besagtes Übersehen
eröffnet uns die Möglichkeit, wenn auch nicht zu
einem Test im streng wissenschaftlichen Sinne, so
doch zu einer gewissen informellen Überprüfung
und, wie zu vermuten, Bestätigung unseres
Verdachts.

Jonas: Moment mal, Sammy. Du meinst, ich soll der
Ratte die Zähne putzen?

Sam: In aller Bescheidenheit, Sahib, es wäre
ausreichend, dem Tier die verdächtige Zahncreme
durch Maul und Speiseröhre in den Verdauungstrakt
zu praktizieren.

Jonas: Ja Ja Ja Ja Ja Ja Ja. Ich... ich will dir
was verraten, Sammy, ich... ich ekle mich vor
Ratten.

Sam: 1984.

Jonas: 1984? Da war ich 16, und hab mich auch
schon vor Ratten geekelt.

Sam: Eine literarische Reminiszenz, o großer
Bruder.

Jonas: Denk an die Schrottmühle, Sammy.

Sam: Alles klar, Käpt'n, also los.

Jonas: Wenn es unbedingt sein muß. Na, komm,
Tierchen, komm. Komm, sieh mal, leckere Zahnpasta.

Jonas: Einer Ratte Zahnpasta eintrichtern, das
macht Jonas mit der linken Hand. Die rechte
braucht er nämlich, um dem Vieh das Maul
aufzuhalten. Wie gesagt, Jonas ist ein harter
Bursche. Wenden Sie sich vertrauensvoll an ihn,
wenn Sie ausgefallene zoologische Probleme haben.
Kamel durchs Nadelöhr? Kleinigkeit.

Jonas: Uaäh, das wär’s.

Sam: Der näheren physiologischen und, wenn man so
sagen darf, psychosomatischen Verwandtschaft mit
homo sapiens wegen, wäre ein Hausschwein ohne
Frage ein weit geeigneteres Versuchstier, o Herr
und Meister. Da uns ein solches jedoch nicht zur
Verfügung steht.

Jonas: Ein Schwein? Warum nicht? 100.000 Euros auf
dem schwarzen Markt, oder wir klauen eins aus dem
Zoo.

Sam: Das, großer Lehrmeister und Steuermann,
dürfte unnötig sein. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit
auf das Verhalten unserer Ratte richten wollten.

Jonas: Das Vieh dreht durch. Rennt hin und her wie
angestochen. Schmeißt sich gegen das Gitter.

Sam: Steh nicht rum, Mensch, stell den Käfig aufs
Fensterbrett. Mach die Schiebetür auf. Sofern
meine demütigen Anregungen euer Majestät genehm
sind.

Jonas: Sie ist aus dem Fenster gesprungen!

Sam: Quod erat demonstrandum, domine.

Jonas: Also wirklich eine Selbstmorddroge.
Verschwinden wir, Sammy.

Sam: Im Prinzip ja, Chef. Mein juristisches
Programm unter besonderer Berücksichtigung legaler
Probleme im privatdetektivischen Bereich weist
jedoch darauf hin, euer Ehren, daß am Schauplatz
eines Verbrechens, in Sonderheit eines
Kapitalverbrechens, gewisse gesetzlich
vorgeschriebene Pflichten nicht umgangen werden
sollten.

Jonas: Die Polizei? Meinst du wirklich, wir
sollten sie rufen?

PoPo2: Nicht mehr nötig, Freundchen.

PoPo1: Wir sind schon da.

PoPo 2: Sagte der Hase zum Schwinegel.

Jonas: Zwei Kleiderschränke in den geschmackvollen
schwarz-roten Uniformen der PoPo marschierten ins
Zimmer, und fingen an, Pingpong zu spielen, mit
mir als Ball. Und das meine ich nicht nur
bildlich.

PoPo1: Hände übern Kopf.

PoPo2: Sie sollten sich schämen. So eine
Unordnung. Wie sieht denn das aus?

PoPo1: Da liegt `ne Leiche, Chef.

PoPo2: Aber aber das geht nun wirklich zu weit.

Jonas: Lassen Sie mich erklären.

PoPo2: Lassen wir ihn, Bo?

PoPo1: Ich weiß nicht, warum eigentlich?

Jonas: Hören Sie.

PoPo2: Schnauze. Sieh mal nach, was er in der
Tasche hat, Bo.

PoPo1: Keine Waffe, Chef, bloß ne
Computerextension und ne Brieftasche, 180 Euros.

PoPo2: Besser als gar nichts. Her damit.

PoPo1: Rentenkarte, Ausweis.

PoPo2: Willst du den Herrn nicht vorstellen, Bo?

PoPo1: Jonas heißt er.

PoPo2: Und?

PoPo1: Nichts und. Nur Jonas.

PoPo2: Ach, schlicht und sparsam.

PoPo1: Ja, und von Beruf ist er, na so was,
Privatdetektiv.

PoPo2: Privatdetektiv. So so. Was machen Sie hier?

Jonas: Ich warte. Auf Godot.

PoPo2: Auf wen?

Jonas: Godot.

PoPo2: Nie gehört. Bo, kennst du einen Typ, der
Godot heißt?

PoPo1: Kenn ich nicht, Chef.

PoPo2: OK, stell den Fernseher an, Bo.

Sportreporter: Und jetzt, meine Damen und Herren,
geht er vorbei, der Großgewachsene...

PoPo2: Lauter Bo.

Sportreporter: ...in der roten Ecke, löst sich aus
dieser...

PoPo2: Halt ihn fest, Bo. So mein Freund, Jonas,
Privatdetektiv. Schnüffler.

Sportreporter: ...durch die Deckung hindurch...
ein ungeheurer Haken, auf die Kinnspitze, taumelt
zurück, in die blaue Ecke, ist schon fast am
Boden, da setzt er noch einmal nach, schon wieder
und noch einmal, und das ist das Ende, Pluto liegt
nur noch in den Seilen, jetzt rutscht er ab, ein
gezielter Tritt in den Unterleib, da liegt Musik
drin, liebe Sportsfreunde, und der Gong: der Kampf
ist aus.

Jonas: Ich war Tarzan, und hüpfte im Urwald von
Ast zu Ast. Ich brüllte den Kriegsschrei der
großen Menschenaffen, und zertrat alle Bullen der
Welt unter meinen Spreizfüßen. Ich war der Größte,
und Judith sah bewundernd zu mir auf. Wenn mir nur
der Kopf nicht so wehgetan hätte.

Wärter: Er kommt zu sich, Frau Professor.

Frau Prof. Caligari: Gut so. Gehen Sie vor die
Tür.

Jonas: Es ist eine dumme Frage, ich weiß. Jeder
stellt sie, wenn er was auf die Birne gekriegt
hat. Und wenn die kleinen grauen Zellen wieder
anfangen, sich zu drehen. Aber ich will’s wirklich
wissen: Wo bin ich?

Frau Prof. Caligari: Im Zentralkrankenhaus. In der
geschlossenen Abteilung.

Jonas: In der Klapsmühle.

Frau Prof. Caligari: Wenn Sie sich so ausdrücken
wollen.

Jonas: Warum bin ich ans Bett gefesselt?

Frau Prof. Caligari: Zu Ihrem eigenen Besten. Sie
sind krank. Sie könnten sich etwas antun.

Jonas: Aus dem Fenster springen, zum Beispiel.

Frau Prof. Caligari: Zum Beispiel.

Jonas: Sie trug einen weißen Kittel und die Aura
selbstverständlicher Autorität. Ihre Augen waren
klar und kalt wie zwei Eiszapfen am Nordpol. Sie
musterten mich, als ob ich eine mäßig interessante
Leiche auf dem Seziertisch sei. Und das war ich ja
wohl auch. Oder so gut wie.

Jonas: Wer sind Sie?

Frau Prof. Caligari: Professor Caligari.

Jonas: Sind Sie Chefärztin oder so was?

Frau Prof. Caligari: Man hat mich geholt. Sie sind
ein besonderer Fall, Jonas. Mein Fall. Sie leiden
unter gefährlichen Halluzinationen.

Jonas: Was Sie nicht sagen.

Frau Prof. Caligari: Sie bilden sich ein, daß vor
drei Tagen in der Südstadt einer Anzahl von
Personen ohne ihr Wissen eine Droge zugespielt
wurde, die sie gegen ihren Willen zum Selbstmord
veranlaßte.

Jonas: Verrückte Idee, nicht wahr?

Frau Prof. Caligari: Wir mußten Sie stoppen, ehe
Sie im Verlauf ihrer Nachforschungen weitere, noch
gefährlichere Wahnvorstellungen entwickelten.

Jonas: Zum Beispiel?

Frau Prof. Caligari: Daß es sich beim Geschehen in
der Südstadt um einen groß angelegten Feldversuch
gehandelt habe, geplant und durchgeführt von einer
streng geheimen Organisation, die wir ZIP nennen
könnten: Zentralinstitut für Populationsforschung.
Daß ZIP unterstützt und finanziert von der
Wirtschaft und von der hohen Politik nur zu dem
einen Zweck etabliert worden sei, das große
Problem unserer Zeit, die Überbevölkerung, in den
Griff zu bekommen. Daß ZIP als eine mögliche
Lösung des Problems eine Selbstmorddroge
entwickelt und auf einem leicht zugänglichen, nach
allen Regeln der Marketing-Analyse präparierten
Testmarkt erprobt habe. Die notwendige Vorstufe zu
einer weit umfassenderen, womöglich globalen
Anwendung des Produkts.

Jonas: Was haben Sie mit mir vor?

Frau Prof. Caligari: Allem Anschein nach ist Ihre
Krankheit unheilbar. Aber ich bin überzeugt, daß
ich eine, wie soll ich sagen, angemessene Therapie
gefunden habe. Wir müssen verhindern, daß Sie mit
Ihren fixen Ideen Unruhe in die Öffentlichkeit
tragen und die hypothetische Arbeit des
hypothetischen Instituts stören. Das werden Sie
einsehen. Leben Sie wohl, Jonas. Verzeihen Sie,
ich wollte nicht zynisch sein.

Jonas: Ich kam mir vor, als habe man mich zum
zweiten Mal zusammengeschlagen. Selbstmorddroge.
Feldversuch. Testmarkt. ZIP. Frau Professor
Caligari. Das war ein bißchen viel auf einmal. Der
Wärter kam und brachte mir ein Tablett mit Essen.
Er band mich los, vorsichtig, mit einer Hand. In
der anderen hielt er eine entsicherte Pistole.

Wärter: Keine krummen Touren. Ich steh direkt vor
der Tür. Mit meiner Kanone.

Jonas: Und das Fenster?

Wärter: Sehr komisch. Guten Appetit.

Jonas: Sam? Sammy?

Sam: Hier bin ich, o Herr und Meister.

Jonas: Wo, Sam, wo bist du?

Sam: Im Schrank, Chef. Mit ihren übrigen Sachen.
Es wäre angebracht, daß Durchlaucht Ihren Diener
baldmöglichst befreiten. Zwecks gemeinsamer
Delibration.

Jonas: Moment. Wuah. Noch 'n bißchen groggy. So.
Sammy, Sammy, wie kommen wir hier raus?

Sam: Würden Magnifizenz die Güte haben, aus dem
Fenster zu blicken?

Jonas: Wenn du meinst. Unmöglich, Sam. Wir sind im
20. Stock. Mindestens. Da kann keiner runter
klettern.

Sam: Ich dachte auch weniger an Klettern, o Sahib,
eher an Springen.

Jonas: Bist du verrückt?

Sam: Das wissen Hoheit doch. In diesem Falle
allerdings.

Jonas: Das Essen.

Sam: Ohne jeden Zweifel. Wissen wir nicht,
spätestens seit dem zugegeben kruden Test an Dr.
Prospers Ratte, daß die Selbstmorddroge oral
zugeführt wird?

Jonas: Eine angemessene Therapie, hat sie gesagt.

Sam: Exzellenz sollten die Erwartungen der Dame
nicht enttäuschen.

Jonas: Meinst du im Ernst, ich soll aus dem
Fenster springen, Sam?

Sam: Gewissermaßen indirekt, erhabener Monarch.
Wenn ich meine Vorstellungen erläutern dürfte.

Jonas: Sam sagte mir genau, was ich tun sollte,
und ich tat es. Aaaah!

Wärter: Na bitte. Oh!

Sam: Eine ausgezeichnete Performance, euer
Lordschaft.

Jonas: Natürlich war ich nicht aus dem Fenster
gesprungen. Ich stand auf dem Außensims, klammerte
mich mit den Zehen fest. Und als der Wärter seinen
häßlichen Ballon raussteckte, kriegte er was ins
Genick. Mit meinem eisenbeschlagenen Schuh. Er
schlug lang hin und blieb liegen. Für längere Zeit
außer Gefecht, vielleicht für immer. Von mir aus,
ich würde deshalb nicht schlechter schlafen. Ich
zog seine weiße Uniform an. In der Tasche fand ich
seinen Identi-Disk. Kein Problem, damit durch die
gesicherten Türen ins Freie zu kommen. Zuhause goß
ich mir als erstes einen großen Whiskey ein, Magen
hin, Magen her. Ich traf bestimmte Vorkehrungen,
zusammen mit Sam, und ich wartete. Der Anruf kam
am Abend, 5 Minuten vor 8.

Jonas: Ja?

Frau Prof. Caligari: Ich spreche Ihnen meinen
Glückwunsch aus, Jonas. Sie haben sich mit
Geschick und Entschlossenheit Ihrer Therapie
entzogen. Sie sind ein Mann von erheblichen
Fähigkeiten. Könnten Sie sich vorstellen, in einer
Organisation wie ZIP, falls es sie gäbe, einen
Posten zu übernehmen?

Jonas: Reden Sie Klartext, Frau Professor. ZIP
existiert, und ZIP arbeitet mit Methoden, die mir
nicht gefallen.

Frau Prof. Caligari: Bitte, Jonas, lassen Sie
kleinkarierte Moralbegriffe aus dem Spiel. Bleiben
Sie nüchtern. Betrachten Sie unsere Organisation
mit wissenschaftlicher Objektivität. Sie kennen
das Problem. Jeder kennt es. Spätestens seit dem
Einsetzen der permanenten Krise vor gut 30 Jahren.
Fortschritt in der Biologie führt zu mehr
Nahrungsmitteln, Fortschritt in der Medizin führt
zur Verlängerung des Lebens, Fortschritt in der
Technik führt zur Automatisierung. Die Folgen:
immer weniger Arbeit, immer mehr Menschen, immer
weniger Raum. Wie gesagt, das Problem ist seit
langem bekannt. Aber wir haben erst jetzt gewagt,
die Lösung ins Auge zu fassen. Die einzig mögliche
Lösung.

Jonas: Und die wäre?

Frau Prof. Caligari: Ganz einfach: Die
quantitative Verminderung des menschlichen
Faktors.

Jonas: Also Mord. Massenmord. Danke, nichts für
Jonas.

Frau Prof. Caligari: Schade. In diesem Fall sehen
wir uns gezwungen, Ihre Behandlung bis zum
ursprünglich vorgesehenen Ende fortzusetzen.

Jonas: Das habe ich erwartet. Ich habe
Gegenmaßnahmen eingeleitet.

Frau Prof. Caligari: Was wollen Sie denn tun? Zur
Polizei gehen, zu den Medien, zum
Staatspräsidenten? Versuchen Sie’s.

Jonas: Alle Informationen über ZIP und ihren
sogenannten Feldversuch sind gespeichert. Wenn mir
was passiert, oder wenn es eine neue
Selbstmordepidemie geben sollte, in Babylon oder
woanders, dann werden diese Informationen in
sämtliche Dateien der Erde eingegeben. In
öffentliche und in private. 90 Prozent davon
werden Sie abwürgen können, mit Ihren
Hilfsmitteln, und durch die hohen Herrschaften,
die hinter Ihnen stehen, vielleicht auch 99
Prozent, aber 1 Prozent kommt durch. Und das,
hochverehrte Frau Professor Caligari, wird Ihnen
das Genick brechen.

Frau Prof. Caligari: Erpressung, wie ich sehe.

Jonas: Lassen Sie doch kleinkarierte Moralbegriffe
aus dem Spiel.

Frau Prof. Caligari: Was verlangen Sie?

Jonas: Am liebsten würde ich sagen: lösen Sie ZIP
auf und springen Sie aus dem Fenster.

Frau Prof. Caligari: So gut ist Ihre
Verhandlungsposition nun auch wieder nicht, mein
lieber Jonas.

Jonas: Ich weiß. Bleiben wir auf dem Teppich. Sie
stellen alle Versuche mit der Selbstmorddroge ein.

Frau Prof. Caligari: Schon geschehen. Die Methode
hat sich als zu riskant und vor allem als zu
spektakulär erwiesen. Wenn uns schon ein kleiner
Privatdetektiv auf die Schliche kommt.

Jonas: Ein mieser Schnüffler, sagen Sie’s ruhig.

Frau Prof. Caligari: Ist das alles?

Jonas: Noch eine Kleinigkeit. Der Tod von Adrian
Delgado wird offiziell als Unfall deklariert. Ein
Privatdetektiv ist seinen Klienten verpflichtet.
Vor allem, wenn sie Judith heißen.

Frau Prof. Caligari: Einverstanden.

Jonas: Das wär’s. Jetzt müßten Sie sagen: Kommen
Sie uns nicht noch mal in die Quere.

Frau Prof. Caligari: Bis zum nächsten Mal, Jonas.

Jonas: Ich fühlte mich nicht besonders. Klar, die
Sache war soweit abgeschlossen, aber es fehlte was
Wichtiges: Die gerechte Strafe für die Schuldigen.
Früher soll’s anders gewesen sein. Aber was kann
man schon erwarten von unserem verrückten 21.
Jahrhundert. Ich fing an, mir leid zu tun, das
gefiel mir nicht. Ich rief Judith an.

Judith: Hallo, Jonas.

Jonas: Sie sind `ne reiche Frau, Judith. 100.000
Euros. Von Onkel Adrians Lebensversicherung.

Judith: Sie haben den Fall gelöst?

Jonas: Sieht so aus. Haben Sie was vor heute
Abend?

Judith: Nein.

Jonas: Kommen Sie zu mir. Ich erzähle Ihnen dann,
wie es abgelaufen ist.

Judith: Wir könnten uns über Marlowe unterhalten,
und über Bogie und Hammett und Casablanca.

Jonas: Und antike Videos sehen. In einer halben
Stunde?

Judith: In einer halben Stunde, Jonas.

Jonas: Judith, ich glaube, das ist der Beginn
einer wunderbaren Freundschaft.

Sam: Hrm. Wenn ich euer Herrlichkeit ein anderes
Zitat zu bedenken geben dürfte: Der Detektiv ist
ein Katalysator, kein Casanova. Raymond Chandler.

Jonas: Aber Sammy, ich glaube, du bist
eifersüchtig.

Sam: Quatsch.

Jonas: Klapp das Bett raus. Und spiel, Sam. Spiel
As Time goes by.

Jonas: Ich bin die letzte Instanz. Wenn Sie ein
Problem haben, und nicht weiterkommen, mit der
Polizei und so, dann wenden Sie sich an mich. Ich
kann Ihnen wahrscheinlich auch nicht helfen, aber
Sie haben ein besseres Gefühl. Vielleicht springen
sogar 100.000 Euros für Sie raus. Und das ist doch
was, oder?

Das war: Testmarkt. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein
Supercomputer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten
außerdem mit: Karin Anselm, Renate Grosser, Jenny
Thelen, Paul Bürks, Gernot Duda, Dieter Eppler,
Wolfried Lier und andere (Franjo Marincic, Gerd
Rubenbauer, Wolf Goldan). Ton und Technik: Günter
Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner
Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine Produktion des
Bayerischen Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter
Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Safari

Jonas: Der Löwe war kein echter Löwe. Natürlich
nicht. Seit Jahren gab es keine Löwen mehr auf der
Erde. Und in einer Raumstation schon gar nicht.
Aber echt oder nicht, der Löwe war da. Und er sah
gefährlich aus. So gefährlich, daß Jonas
vorsichtshalber erst mal rannte und sich einen
hohen Baum suchte. Kokospalme oder Bandiang, was
weiß ich. Auf Bäumen haben Löwen nichts zu suchen.
Das wußte ich. Und das wußte auch der Löwe, zu
meinem Glück. Ich wartete, bis mein Puls wieder
unter Schallgeschwindigkeit war, und dann
versuchte ich Sam über Funk zu erreichen.

Jonas: Sam! Sammy! Wo steckt der verrückte
Blechkanister? Sam!

Sam: Hat mein Herr und Meister gerufen?

Jonas: Gerufen? Gebrüllt habe ich. Hör zu, du
Spottgeburt von Chips und Eisen.

Sam: Om mani padme hum. Om mani padme hum. Om mani
padme hum.

Jonas: Was?

Sam: Om mani. O fleischgewordener Buddha. Das
heißt.

Jonas: Ist mir völlig wurscht, was das heißt. Hab
ich dir nicht gesagt, du sollst dich auf der
Notfrequenz bereithalten, rund um die Uhr.

Sam: So ist es, o Ozean aller Weisheiten. Doch hat
nicht auch ein Computer gewisse, sagen wir es frei
heraus, gewisse seelische Bedürfnisse. Ein wenig
Meditation.

Jonas: Meditation?

Sam: Yoga, o du Kleinod im Lotus. Tantra.
Fernöstliche Mystik.

Jonas: Sam, wenn du nicht auf der Erde wärst, gut
4000 km weit weg, würde ich dir einen Tritt
verpassen, daß deine Modulen jodeln.

Sam: Wie spricht Buddha? Innere Ruhe, Frieden,
Abgeklärtheit. Dies alles ist weit wertvoller denn
das kostbarste Juwel. Und ferner sagt er...

Jonas: Schluß damit, Sam. Paß mal auf: Hier sind
die Algen am kochen.

Sam: OK, Chef. Werden wir abgehört?

Jonas: Nehm ich an.

Sam: Also Frequenzwechsel. Plan 17.

Jonas: Alles klar. – Sam? Bist du noch da, Sam?

Sam: Dieses, o Freude meiner Schaltkreise, ist die
große Frage. Denn ist nicht, was hier ist, auch
da, und was da ist, hier?

Jonas: Soll sein, Sammy, aber die Riesenschlage
ist leider hier und nicht da.

Sam: Welche Riesenschlange, o Licht des Karma?

Jonas: Die hier angeringelt kommt. Python. Boa
constrictor. In dieser Preisklasse.

Sam: Es gibt keine boa constrictor mehr, o Meister
magischer Mysterien. Und auch keine Python.

Jonas: Weiß ich selber, du kannst gern raufkommen
und dir das Vieh ankucken. Ich muß los, Sam. Bleib
dran.

Sam: Alle Erscheinungen des Lebens lassen sich
vergleichen mit einem Traum, einem Gebilde der
Fantasie, einer Phase, einem Schatten...

Jonas: Amen. Schön wär’s. Aber die Löwen und
Schlangen ließen sich beim besten Willen nicht
wegmeditieren. Und alle diese interessanten
Bestien hatten nur ein Ziel: Sie wollten Jonas.
Und wenn sie ihn hatten, dann wollten sie ihn
bestimmt nicht bloß streicheln. Da hatte ich mich
wieder mal voll reingesetzt. Genauer gesagt, ich
war reingesetzt worden. Als das Telefon klingelte,
gestern, am 5. Juni 2009, kurz nach Mitternacht,
schlief ich noch sorglos den Schlaf des Gerechten.
Hätte ich geahnt, was auf mich zukam, wäre ich
unters Bett gekrochen. Oder ausgewandert.

Jonas: Huah-Ah! Crembell goodwell. Ja?

Jonas: Das Telefon klingelte. Laut und
unfreundlich. Ich griff mir den Hörer und meldete
mich. Das Telefon klingelte immer noch. Ich machte
die Augen auf. Was ich mir mit der Hand ans Ohr
hielt, war mein Wecker.

Jonas: Shit. Jonas. Was ist los?

Quartz: Jonas? Nur Jonas.

Jonas: Jonas, nur Jonas. Und Jonas, nur Jonas, hat
gerade geschlafen. Es ist jetzt, Sammy.

Sam: Mit dem letzten Ton ist es genau 0 Uhr, 13
Minuten und 5 Sekunden. Piep.

Jonas: Sie hören es. Rufen Sie am Morgen wieder
an, wer immer Sie sind.

Quartz: Ich bin Oleander Quartz.

Jonas: Morgen, Herr Quartz.

Quartz: Sie kennen mich nicht.

Jonas: Ich bin viel zu müde, um Sie zu kennen.
Morgen.

Quartz: Ich habe einen Auftrag für Sie.

Jonas: Und wenn Sie mich mit Gold überziehen und
mir den Koh-i-Noor in den Nabel setzen wollen.
Morgen.

Quartz: Die Koh-i-Noor. Das wäre ein wenig zu viel
des Guten. Aber eine nicht unerhebliche Summe
hatte ich Ihnen in der Tat zugedacht.

Jonas: Also gut, ich bin sowieso schon fast wach.
In ein paar Minuten rufe ich zurück.

Quartz: Nein, ich rufe Sie wieder an. In genau
einer viertel Stunde.

Jonas: Quartz, Sammy, Oleander Quartz.

Sam: Was ist ein Name, ehrwürdiger Guru.

Jonas: Sam ist mein Computer. Er kann viel, fast
alles. Sprechen auch, leider. Sam ist ein
Versuchsmodell. Der intellektuelle Computer für
den Intellektuellen. Ich habe ihn trotzdem
gekauft. Seinerzeit 2005. Weil er billig war.
McCoy-Computers haben ihn damals verramscht. Der
gute Sam war kein Erfolg. Er geht den Leuten auf
die Nerven, außerdem ist er nicht normal. Seine
Sprachprogramme haben sich verdreht und
durcheinander geschoben. Ich komm im Allgemeinen
klar mit ihm, aber manchmal tut’s mir doch leid,
daß ich ihn am Hals habe, bzw. in meinem Büro oder
als drahtlose Extension in der Hosentasche. Vor
allem, wenn er auf irgendeinem esoterischen Trip
ist. Wie jetzt.

Sam: O Bhagwan, was ist ein Name.

Jonas: Ich sage nur Schrottmühle, Sammy. Laß den
Quatsch und sag mir, wer Oleander Quartz ist.

Sam: Hören ist gehorchen, großmächtiger Sultan.
Piep. Oleander Quartz, geboren 24. 4. 1900.

Jonas: 109 Jahre alt, Respekt.

Sam: Oleander Quartz ist Begründer und erster
Direktor von Orbis International, Raumstationen
und Satelliten en gros.

Jonas: Der Kringelkönig. War mich doch gleich so,
als ob ich den Namen kenne.

Sam: Oleander Quartz ist mehrfacher Milliardär, er
lebt äußerst zurückgezogen an unbekanntem
Wohnsitz. Sein Vorbild ist der historische
Industrielle Howard Hughes, Mitte des vorigen
Jahrhunderts.

Jonas: Kenn ich, Sam.

Sam: Falls Exzellenz weitere Daten wünschen.
Oleander Quartz ist zumindest nominell Mitglied im
Club der Milliardäre und im interkontinentalen
Jagdclub Halali, ferner.

Jonas: Nicht nötig, Sammy. – Jonas.

Quartz: Oleander Quartz. Ich spreche ungern mit
unsichtbaren Partnern. Gehen Sie auf Bildfon.

Jonas: Ich drückte den Knopf, der den Bildfonkanal
freigibt. Was Quartz jetzt sah, wußte ich. Einen
unausgeschlafenen Mann in den 40ern. Kräftig und
altmodisch. Ich mach mir nämlich nichts aus
Körpermalerei. Um den Mann herum ein
Büroapartment, Kategorie mittel-unten, 22
Quadratmeter. Nicht aufgeräumt natürlich. Auf
meinem Bildschirm war nur ein Gesicht. Uralt,
mehrfach geliftet und trotzdem faltig, die dünnen
weißen Haare waren echt, auch wenn sie ihrem
Besitzer auf höchst merkwürdige Weise zu Berge
standen. Die grauen Augen wirkten weder echt noch
alt. Offensichtlich Neuerwerbungen, gerade erst
transplantiert.

Quartz: Sehen Sie mich?

Jonas: Ich sehe Sie, Herr Quartz, Sie sehen mich.
Was soll ich für Sie tun?

Quartz: Nicht so schnell, junger Mann. Zuerst ein
paar Fragen. Sie haben als Söldneroffizier am
antarktischen Krieg teilgenommen?

Jonas: Auf der Verliererseite.

Quartz: Das interessiert mich nicht. Sie sind also
militärisch ausgebildet?

Jonas: Ja, aber.

Quartz: Wo?

Jonas: Wollen wir nicht zur Sache kommen?

Quartz: Ich bin bei der Sache. Wo sind Sie
ausgebildet worden?

Jonas: Wenn’s denn sein muß. Grundkurs hier in
Babylon, und dann zwei Lehrgänge an der
Universität von Managua, Kommandotechnik und
Taktik der Guerilla. Sonst noch was?

Quartz: Demnach kann man Sie als Experten in allen
martialischen Künsten bezeichnen.

Jonas: Wenn Sie es so ausdrücken wollen.

Quartz: Und Sie sind Detektiv. Der letzte
Detektiv. So nennen Sie sich. Warum?

Jonas: Warum was?

Quartz: Warum der letzte?

Jonas: Weil`s stimmt. Natürlich gibt’s noch ein
paar Leute, die sich Detektiv schimpfen, aber die
sind bloß Wächter, Leibwächter, Nachtwächter,
Heinzelmännchens Wachtparade. Nichts für Jonas.
Ich bin der letzte wirkliche Detektiv. Wenigstens
in den Vereinigten Staaten von Europa. Ganz
bestimmt in Babylon.

Quartz: Was für ein Stilbruch. Jonas, vielleicht
wissen Sie es, Jonas gehört nicht nach Babylon.
Jonas gehört nach Ninive.

Jonas: Ha-ha. Hören Sie zu, Herr Quartz, nichts
gegen einen kleinen Plausch um Mitternacht, aber
vielleicht sagen Sie mir jetzt doch, was Sie von
mir wollen.

Quartz: Meine Sekretärin, meine Privatsekretärin,
Linda Lorant.

Jonas: Ich höre.

Quartz: Sie ist seit zwei Tagen verschwunden.

Jonas: Ach was.

Quartz: Sie hat sich nicht bei mir gemeldet, und
in ihrem Apartment ist sie auch nicht.

Jonas: Die klassische Frage, Herr Quartz, warum
gehen Sie nicht zur Polizei?

Quartz: Die klassische Antwort: Es handelt sich um
einen besonderen Fall.

Jonas: Was Sie nicht sagen.

Quartz: Mit Linda sind Daten verschwunden. Daten,
die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.
Vertrauliches Material für meine Memoiren.

Jonas: Erpressung?

Quartz: Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
Auf jeden Fall will ich die Daten zurück haben.
Sie, Jonas, werden sie suchen und finden,
natürlich.

Jonas: Im Prinzip ja, Herr Quartz. Aber vorläufig
sind Sie für mich nur ein Gesicht auf dem Bildfon.

Quartz: Rufen Sie Ihr Konto ab. Nummer 27 27 41 B,
Bank von Babylon.

Jonas: Sie sind gut informiert, Herr Quartz. Sam?

Sam: Der Kontostand euer Hoheit beträgt zur Zeit
genau 1240 Euros und 13 Cents.

Quartz: Vor einer halben Stunde hatten Sie nur 240
Euros, 13 Cents. Die 1000 sind von mir. Vorschuß.

Jonas: Ich kriege 80 Euros pro Tag, und Spesen.

Quartz: Ich zahle das Doppelte. Dafür erwarte ich,
daß Sie unauffällig vorgehen. Und Ihr Bestes
geben, versteht sich. Die Informationen, die sich
brauchen, Bild, Bürgernummer, Wohnung etc, lasse
ich Ihrem Computer einspielen. Ihren ersten
Bericht erstatten Sie heute Abend.

Jonas: Wie kann ich Sie erreichen?

Quartz: Ich rufe Sie an.

Jonas: 1000 Euros. Nicht schlecht. Ein warmer
Regen auf den heißen Stein. Aber wieso man zum
Sekretärinnen-Suchen martialische Künste brauchte,
war mir nicht so recht klar. Egal. Am nächsten
Morgen rief ich Judith an. Judith ist meine z.B.,
meine zeitweilige Beziehung. Vielleicht wird mal
eine D.P. daraus, eine Dauerpartnerschaft. Sie
sehen, Jonas ist zurückgeblieben. Der älteste Hut:
Eine Frau und ein Mann. Kein Dreieck, keine Gruppe
oder so was. Judith ist nicht nur meine z.B., sie
hat auch eine höhere Position im Ministerium für
Statistik und Soziographie. Insofern kann ich ganz
zwanglos das Angenehme mit dem Nützlichen
verbinden.

Jonas: Ich seh dir in die Augen, Kleines.

Judith: Diese verrückte Welt. Was wird noch alles
passieren. Sehen wir uns heute Abend?

Jonas: Ich plane nie soweit voraus.

Jonas: Wir sind beide Nostalgiker. Unsere Zeit ist
die Mitte des 20. Jahrhunderts. Eine wilde, eine
aufregende Zeit. Die Zeit von Philip Marlowe und
Humphrey Bogart, und von Ingrid Bergman, nicht zu
vergessen. Bißchen Casablanca-Turtel muß sein.
Aber dann kam ich zur Sache, und sagte Judith, was
ich von ihr wollte. Ein Persönlichkeitsprofil von
Linda Lorant.

Judith: Wer ist das?

Jonas: Ein Fall. Ich brauch die Daten für einen
Fall.

Judith: Natürlich. Nur für einen Fall?

Jonas: Ach, das, das würde ich nicht sagen.

Judith: Jonas.

Jonas: Doppeltes Honorar, 1000 Euros Vorschuß, da
freut sich auch Privatmensch Jonas. Judith, ich
glaube, du bist eifersüchtig.

Judith: Unsinn.

Sam: Eifersucht. Antiquierter Begriff für einen
antiquierten Gemütszustand. Ungebräuchlich seit
der Jahrtausendwende.

Judith: Du hältst dich raus, Sam.

Sam: Obzwar ein Computer per definitionem
lediglich gehalten und verpflichtet ist, den
Anordnungen seines rechtmäßigen Herrn und Meisters
zu folgen, siehe Gebrauchsanleitung, Seite 6
folgende, will Sam als Kavalier sich der Bitte der
hohen Frau nicht verschließen und...

Jonas: Sammy, halt die Klappe.

Sam: Befehl, Klappe halten.

Judith: Falls du jetzt ein bißchen Zeit für mich
hast, Jonas, hier sind die Daten: Linda Lorant,
Bürgernummer...

Jonas: Ist bekannt. Wohnung auch.

Judith: 40 Jahre alt, Sekretärin, völlig
alleinstehend, keine Beziehung, keine
Partnerschaft. Magister Artium
Kommunikationstechnik, ehemals europäische
Hochschulmeisterin im Siebenkampf, schwarzer
Gürtel Karate, keinerlei Interesse an Holovision
und sonstigen kulturellen Aktivitäten. Hobby:
Einzelwandern in Island, Zentralaustralien, Wüste
Gobi. Reicht das?

Jonas: Danke Judith. Sehen wir uns?

Judith: Wenn dein Fall dir Zeit läßt, und dein
geliebter Blech-Professor nichts dagegen hat. Ruf
mich an.

Sam: Wie ich anzumerken bereits Gelegenheit hatte,
ist Eifersucht.

Jonas: Eine Sache, die dich nicht das Geringste
angehrt. Kümmere dich um unseren Fall. Reden ist
Silber, denken ist Gold. Na, was ist, Sammy?

Sam: Ich denke, o unauslotbare Erhabenheit, wie es
mein Herr mir befahl.

Jonas: Sehr schön, Sam. Und was denkst du?

Sam: Ich denke, o du mein ein und alles, eine
tüchtige Person, diese Linda Lorant. Sportlich.

Jonas: Was du nicht sagst. Da wäre ich ohne dich
nie draufgekommen.

Sam: Man könnte auch sagen: martialisch.

Jonas: Aha. Und? Was schließt du daraus?

Sam: Aufgrund unzureichender Daten sieht Sam sich
zu Folgerungen vorerst nicht in der Lage.

Jonas: Also Schluß mit der Spekulation. Beinarbeit
ist angezeigt. Sehen wir uns das Apartment der
Dame mal von innen an.

Sam: Ein Vorschlag, o Retter der Witwen und
Waisen, welcher Sams volle Zustimmung findet.

Jonas: Quartz zahlte. Deshalb konnte ich es mir
leisten, fremde Beine für mich arbeiten zu lassen.
Ein Rikscha-Kuli strampelte sich ab, und nach
einer guten halben Stunde war ich da, im Westen.
Nicht weit vom Markgrafenboulevard. Hier roch es
nach Geld. Nicht nach abgegriffenen 10-
Euroscheinen, sondern nach den allerbesten Aktien.
Und nach Schecks mit vielen Nullen. Linda Lorant
wohnte im Turm zu Babel. 40 Stockwerke, 4000
Apartments. Und der Turm war gut bewacht. Ein
grimmiger Drache gleich neben der Tür in der
Eingangshalle, ein zweiter weiter hinten, vor
einer Konsole von Monitoren. Auf den ersten Blick
war da nur mit Gewalt was zu machen. An sich kein
Problem für Jonas, wenn sich Quartz nicht jedes
Aufsehen verbeten hätte. Und der Auftraggeber hat
grundsätzlich immer recht. Also erst mal in eine
nahe Bar, um mit Sam Rat zu pflegen. Mit Sam zwo
natürlich, der drahtlosen Extension in
Taschenausführung.

Automatenstimme: Ihr Synth-Brandy, mein Herr oder
meine Dame. Der Rechnungsbetrag wird von Ihrem
Konto abgebucht. Vielen Dank.

Jonas: Wuäh.

Sam: Voll im Aroma, herrlich im Geschmack, Synth-
Brandy, edler als Cognac.

Jonas: Du glaubst auch alles, Sammy, zur Sache,
wie kommen wir in Linda Lorants Apartment?

Sam: Das, hochzuverehrender älterer Bruder, ist
eine schwierige Frage.

Jonas: Denk dir was aus. Wer von uns beiden ist
denn der Computer?

Sam: Könnten Hoheit nicht eines Apartments
bedürftig sein?

Jonas: Wieso? Ach so. Gar nicht schlecht, Sammy,
gar nicht schlecht. Wem gehört der Turm zu Babel?

Sam: Der TuBa. Turmbau-zu-Babel GmbH.

Jonas: Sieh dir die Angebotstafel durch. Wir
brauchen ein leer stehendes Apartment im, äh, wo
wohnt die Dame Lorant?

Sam: Ich achten Stockwerk, o Sonne meiner Seele.
Apartment 813.

Jonas: Also möglichst im 8. Stock. Oder in der
Nähe.

Sam: 713 ist zu haben, Chef.

Jonas: Direkt darunter. Besser geht’s doch nicht.
Telefon!

Automatenstimme: Bitte sehr, mein Herr oder meine
Dame. Wünschen Sie auch Bildfon?

Jonas: Nicht nötig.

Automatenstimme: Schieben Sie die rechte Hälfte
ihrer Kontokarte in den Schlitz vorn am Gerät. Der
Betrag wird abgebucht. Danke sehr.

Jonas: Über Telefon verkündete ich dem Oberwächter
im Turm, ich sei die TuBa und würde in Kürze einen
Interessenten für Apartment 713 rüberschicken.
Einen gewissen Herrn Jonas.

Jonas: So, damit sind wir erst mal drin.

Sam: Und dann, wenn Hoheit die Frage gestatten?

Jonas: Wird sich ergeben, Sammy. Ein schlauer
Mensch hat mal gesagt, man soll den zweiten
Schritt nicht vor dem ersten tun.

Sam: Es steht aber auch geschrieben, Sahib, der
kluge Mann baut vor.

Jonas: Frisch gewagt ist halb gewonnen.

Sam: Erst wägen, dann wagen.

Jonas: Er muß eben immer das letzte Wort haben,
der gute Sam. Im Turm lief alles wie am
Schnürchen. Der mietlustige Herr Jonas wurde von
einem der Drachen in den 7. Stock gefahren, und
sah sich das freie Apartment an.

Jonas: Ja, recht hübsch.

1. Wächter: 40 Quadratmeter. Berechtigungsschein
für diese Wohnraumklasse haben Sie doch, oder?

Jonas: Mein bester, was für `ne Frage.
Selbstverständlich besitze ich den
Wohnberechtigungsschein. Tja, recht hübsch, wie
gesagt. Äh, lassen Sie mich ein paar Minuten
allein, ja? Ich, ich muß die Atmosphäre auf mich
wirken lassen. Aura. Vibration. Wenn Sie
verstehen, was ich meine.

1. Wächter: Das ist eigentlich nicht gestattet.

Jonas: Und uneigentlich? 10 Euros?

1. Wächter: Alles klar. Und melden Sie sich über
Hausfon, wenn Sie fertig sind, ja?

Jonas: Ich gab ihm drei Minuten, und machte mich
dann auf in den Keller. Über die Treppe.
Todsicher. Im Turm zu Babel sind Treppen nur Kunst
am Bau. Im Keller stand, wie ich erwartet hatte,
das Herzstück der elektronischen
Überwachungsanlage. Ein massiver Steuercomputer.

Sam: Hä hä hä hä. Uraltes Modell. Mit so was
spricht unser einer überhaupt nicht.

Jonas: Wird dir gar nichts anderes übrig bleiben,
Sammy. Wie willst du den alten Kasten außer
Gefecht setzen, ohne Interface. Und außer Gefecht
setzen müssen wir ihn.

Sam: Ohne jeden Zweifel, Herr Kapellmeister. Ein
schwieriges Unterfangen. Was die Sicherung der
Fenster betrifft, muß ich mich als gänzlich
machtlos bekennen.

Jonas: Machtlos? Wie das, o du mein elektronischer
Alleskönner?

Sam: Es handelt sich, o du vor allen Computern
preiswürdiger Menschenverstand, um ein elektrisch-
mechanisches System. Eine echte Antiquität aus dem
mittleren 20. Jahrhundert.

Jonas: Und da kannst du gar nichts machen, Sam?

Sam: Kein Stück, Boss. Andererseits die TV-Kameras
an den Eingangstüren der bewohnten Apartments
ließen sich mit Leichtigkeit ausschalten.

Jonas: Ah, du willst der Kamera vor Apartment 813
ein Standbild einspielen, nehme ich an.

Sam: Ausgezeichnet, hochwertiger Chef, aber nicht
ganz korrekt. Ich beabsichtige, das nunmehr
gezeigte Bild, auf welchem die geschlossene Tür,
und nur die geschlossene Tür zu sehen ist, für
eine gewisse Zeit festzuhalten. Eine halbe Stunde.
Wäre dies dem Herrn genehm?

Jonas: Die Treppen rauf, im Geschwindschritt, ganz
schön anstrengend die Detektiverei, Türschloß
knacken, Kleinigkeit, umsehen. 813 war ein ganz
normales 40-Quadratmeter-Apartment. Ordentlich,
aufgeräumt. Ein Zimmer, Bad, Kochkonsole,
Echtholzmöbel, Servicetextgerät, Bildfon, Holoset.

Jonas: Moment mal, Holoset. Da war doch was.

Sam: Laut Persönlichkeitsprofil, beigesteuert von
meines großen Meisters menschlicher Gefährtin,
pflegt die Bewohnerin dieses Apartments sich den
Wonnen der Holovision nicht hinzugeben.

Jonas: Wenn ich den Set anstelle, passiert gar
nichts. Und das heißt.

Sam: Der Apparat ist eine Attrappe, o
scharfsinnigster aller Detektive.

Jonas: Du merkst auch alles, Sam. Machen wir das
Ding mal auf. Was hat ein kluger Detektiv stets
bei sich? Nachschlüssel. Paßt nicht. Brecheisen.

Sam: Und seinen Computer. Dürfte dieser, eurer
illustren Durchlaucht empfehlen, auf den kleinen
roten Hebel rechts unten zu drücken. Auf diesen
da, ganz recht.

Jonas: Sieh mal an, ein Tresor. Wertpapiere.
Schmuck.

Sam: Interessant, o allerwertester, jedoch kaum
das, was wir suchen.

Jonas: Und was suchen wir, Sam?

Sam: Eminenz belieben zu scherzen. Das Herrn
Quartz entwendete Material natürlich. Das heißt
konkret: Disketten. Kassetten.

Jonas: Sam, hier ist `ne Kassette. Kommando
zurück, ist ne leere Hülle.

Sam: Welche aller Wahrscheinlichkeit nach das
fragliche Datenmaterial enthalten hat. Linda
Lorant hat es mitgenommen, als sie das Apartment
verließ.

Jonas: Letzteres offenbar freiwillig. Kein
Anzeichen von Gewaltanwendung. Frage: Wohin ist
Linda Lorant gegangen?

Sam: Wie ihr Persönlichkeitsprofil zeigt, besitzt
sie kein Fahrzeug.

Jonas: Natürlich nicht. Sie ist zwar in der 40-
Quadratmeterklasse, aber keine Millionärin.

Sam: Sofern sie nicht zu Fuß ging, muß sie also
ein Transportmittel benutzt haben.

Jonas: Eine Rikscha, nehm ich an. Und wie bestellt
man eine Rikscha?

Sam: Über Servicetext, o Beherrscher der
Gläubigen.

Jonas: Worauf wartest du, Sammy?

Sam: Einschaltung in Speicher von hier
befindlichem Servicetextgerät ergibt: Besitzerin
hat 3. Juni 2009.

Jonas: Vor zwei Tagen.

Sam: 7 Uhr 30 Rikscha bestellt, Fahrziel:
Orbidrom. Abbuchung 11 Euros.

Jonas: Aha. Weißt du, was wir jetzt machen, Sammy?

Sam: Klar, Boß.

Jonas: Was ist das?

Sam: Es klingelt an der Tür, o Gesetzgeber des
Weltalls.

Jonas: Weiß ich selbst, ich meine, wer?

Sam: Ein guter Rat, Meister, zur Tür schleichen,
horchen.

1. Wächter: Niemand da, gnädige Frau.

Nachbarin: Reden Sie keinen Blech. Ich hab
deutlich Geräusche gehört. Und Schritte.

1. Wächter: Wenn Sie das sagen, gnädige Frau.
Aufmachen!

Jonas: Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ein
Wächter, und eine hellhörige Nachbarin.
Andererseits, unter höheren, dramaturgischen
Gesichtspunkten, war es ja auch mal wieder Zeit
für ein bißchen Aktion.

Jonas: Sammy, wir müssen was tun.

Sam: Meine Rede, Chef.

Jonas: Die holen hier nicht die Polizei, Sammy,
die nicht. Die nehmen mich selber in die Mangel.
Und bei so was kann der Mensch leicht aus dem
Fenster fallen, und das im 8. Stock.

Nachbarin: Schließen Sie auf, Mann, Sie haben doch
einen Hauptschlüssel.

1. Wächter: Ja schon, aber ich weiß nicht.

Sam: Wo befinden wir uns, o Leuchter der
Wissenschaft?

Jonas: Du stellst Fragen, Turm zu Babel, Apartment
813 natürlich.

Sam: Falsch. Wir befinden uns im Apartment 713.
Offiziell. Ein kurzer Rutsch.

Jonas: Rutsch?

Sam: Durch den Müllschlucker. Und Hochwürden
halten sich dort auf, wo sie sich befinden. Gebe
allerdings untertänigst zu bedenken, daß eine
gewisse Beschleunigung, mach hin, Mensch, da,
neben der Kochkonsole, Klappe auf.

Jonas: Ein Glück, daß ich nicht Derowolt bin.

Sam: Schi heil.

Jonas: Leicht verschmutzt und ungewöhnlich duftend
krabbelte ich ein Stock tiefer aus der Röhre.
Keine Sekunde zu früh. Der Drache, der das
Apartment oben leer vorgefunden hatte, tauchte
plötzlich in 713 auf, und wich mir bis ins Foyer
nicht mehr von der Seite. O Mißtrauen, wie sehr
vergiftest du Frohsinn und Geselligkeit. Goethe.
Oder vielleicht doch nur der Parkwächter unter der
Hauptwache?

Jonas: Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich mich
entschieden habe.

1. Wächter: Tun Sie das.

2. Wächter: Was war denn los in 813?

1. Wächter: Ach nix. Die Alte spinnt.

2. Wächter: So was kommt vor. Sag mal, du warst
doch drin?

1. Wächter: In 813? Klar.

2. Wächter: Wirklich?

1. Wächter: Ja doch.

2. Wächter: Komisch. Du warst nicht auf dem
Monitor.

1. Wächter: Ich war nicht auf dem Monitor? Was war
denn auf dem Monitor?

2. Wächter: Nichts. Die Tür zu 813, und die Tür
war zu die ganze Zeit.

1. Wächter: Da muß einer an der Elektronik
rumgefummelt haben.

2. Wächter: War jemand im Haus? Sie da! Hallo!

Jonas: Jetzt wurde es ungemütlich. Ich legte einen
Zahn zu, machte einen großen Schritt durch die Tür
auf die Straße. Und da hatte ich es noch eiliger.

2. Wächter: Halt! Bleiben Sie stehen!

Jonas: In der martialischen Kunst des geordneten
taktischen Rückzugs ist Jonas kaum zu schlagen.
Ein paar geschickte Ausweichmanöver um zwei oder
drei Ecken, und ich war in Sicherheit. Nächste
Station: natürlich das Orbidrom. Der Raketenport
von Babylon. Außerhalb der Stadt. Über einen
öffentlichen Terminal ließ ich mir von Sam eins
Linda Lorants Bild überspielen. Und damit hätte
ich, nach dem kleinen Handbuch für
Privatdetektive, alle Schalter abklappern sollen.
Aber ich hatte so eine Idee, und ging gleich zur
Abfertigung von OI, von Orbis International.

Schalterbeamter: O ja, die war hier. Ich erinnere
mich.

Jonas: Gutes Gedächtnis haben Sie.

Schalterbeamter: Unmöglich angezogen die Frau.
Zugeschnürt bis zum Hals. Und alles in Magenta,
ich bitte Sie, trägt doch kein Mensch heutzutage.

Jonas: Und was trug der Mensch heutzutage? Ein
Stückchen Leoparden-Fell, Kunststoff natürlich.
Große gelbe Kreise auf allen vier Backen, und das
blaue Stirnband von Orbis. Der junge Mann am
Schalter sah aus wie ein leicht psychedelischer
Jonny Weismüller.
Jonas: Wann war das?

Schalterbeamter: Vorgestern. Kurz vor 9. Ich war
gerade zum Dienst gekommen.

Jonas: Was hat sie gebucht?

Schalterbeamter: Sie hat überhaupt nicht gebucht.
Sie ist gleich durchgegangen zum privaten Sektor.
Die Tür hier. Moment. Haben Sie einen Paß?

Jonas: Den könnte ich jederzeit kriegen.

Schalterbeamter: Dann kriegen Sie ihn. Ohne Paß
kommen Sie nicht durch.

Jonas: Ich hätte mir einen Paß besorgen können,
über Quartz, aber die Sache war auch anders zu
klären. Einfacher und vor allem schneller. Wozu
hatte ich Sam? Der schaltete sich kurz in die
Flugpläne ein, und was dabei rauskam, war dies: In
der fraglichen Zeit war nur eine einzige Rakete
vom Privatsektor gestartet. 9 Uhr 18. Flugziel:
Torus OI 96. Das war’s. Mehr konnte ich vorläufig
nicht tun. Ich fuhr zurück nach Hause. Wenn man
ein mickriges Büroapartment von 22 Quadratmeter
zuhause nennen kann. Am Abend, wie versprochen,
meldete sich Quartz über Bildfon.

Quartz: Torus OI 96. So. Eine von meinen
Raumstationen. Ich meine, eine Station von Orbis
International. Früher Vergnügungsbetrieb. Zoo.
Rummel.

Jonas: Und heute?

Quartz: Stillgelegt. Für die Öffentlichkeit
gesperrt. Technisch überholt. Wir benutzen den
Torus als Speicher und für ein paar unwichtige
Büros.

Jonas: Was hat Linda Lorant auf ihrer abgelegten
Raumstation zu suchen?

Quartz: Das werden Sie feststellen. Offensichtlich
eine Intrige innerhalb der Firma. Jemand will mich
ausschalten. Das hat man schon oft versucht, aber
nie erreicht. Sie, Jonas, fahren nach oben und
sehen für mich nach dem rechten.

Jonas: Warum nicht. Wenn Sie den gesetzlichen
Exterra-Zuschlag drauflegen. 50 %.

Quartz: Ich sorge dafür, daß man Sie im Orbidrom
passieren läßt, und daß eine Kurzstreckenrakete
für Sie bereitgehalten wird. Viel Erfolg und
Waidmanns Heil.

Jonas: Waidmanns Dank. Bevor ich wieder zum
Orbidrom rausfuhr, tauschte ich Sam zwo noch fix
ein gegen ein spezial Exterra-Funkgerät im
Kleinformat. Was wäre Jonas auch im Weltraum ohne
seinen Freund und Helfer. Wie üblich verabredete
ich mit Sam Notsignale und Random-Frequenzwechsel.
Merksatz Nummer 1 für Detektive und solche, die es
werden wollen: Man kann nie wissen.

Pilotin: 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1, zero.

Jonas: Eine Spritztour. Torus OI 96 war nur rund
4000 km hoch. Erst zu viel Schwerkraft, dann zu
wenig. Kenn ich. War oft genug draußen. Keine
schlechte Pilotin, die Quartz bzw. Orbis mir
zugeteilt hatte. Unser Landekontakt war so sanft
wie Judiths Lächeln. Dann die übliche Warterei.
Bis das Vakuum in der Landezone durch Atmosphäre
ersetzt war.

Jonas: Haben Sie vorgestern eine Frau hier her
geflogen. 40. Nicht gerade modisch angezogen?

Pilotin: Ja.

Jonas: Haben Sie sie auch wieder abgeholt?

Pilotin: Nein, keine Anweisung.

Jonas: Anweisung? Von wem?

Pilotin: Tragen Sie eine Feuerwaffe?
Laserstrahler? Ballistische Pistole?

Jonas: Letzteres. Eine Smith & Wesson Detective
Special.

Pilotin: Abliefern.

Jonas: Mein Gott, ist doch keine Waffe, eher eine
Antiquität. Ein Maskottchen.

Pilotin: Eiserne Regel. Die Toruswände könnten
beschädigt werden. Sie wollen sich doch wohl nicht
selbst vakuumisieren. Abliefern. Danke. Sie können
aussteigen.

Jonas: Durch die Landeklappe stieg ich in die
Luftschleuse des Torus. Da fühle ich mich, ehrlich
gesagt, immer ein bißchen unsicher. Das unendliche
Vakuum des Weltalls ist ungeheuer nah, und wer
weiß schon, wie gut die Ventile schließen. Deshalb
beeilte ich mich, durch die zweite Klappe zu
kommen. Ich war in einem großen runden Raum.
Unten, in der Nabe des Torus. Sie wissen doch, wie
eine Raumstation in Torusform aussieht. Richtig.
Wie ein Rad. An einer Rikscha zum Beispiel. Ein
Rad mit einem Schlauch außen rundherum. Mit einer
Nabe in der Mitte und mit vier Speichen zwischen
Nabe und Schlauch. Die ganze Geschichte hatte
einen Durchmesser von gut 3 km, und drehte sich
zweimal pro Minute um sich selbst. Dadurch
herrschte im Schlauch fast die gleiche Schwerkraft
wie auf der Erde, und in der Nabe, na? Natürlich
Schwerelosigkeit. Soviel zur Verdeutlichung.
Zurück zu Jonas. Unten in der Nabe von Torus OI
96. Frisch gelandet und begierig, Sam zu
kontakten.

Sam: Haben eure Großmächtigkeit eine angenehme
Reise gehabt? Unbehelligt von der bösen
Raumkrankheit? Und wie kommen Ehrwürden mit der
Schwerelosigkeit zurecht?

Jonas: Danke der Nachfrage, Sammy, ganz
ausgezeichnet. Hoppla. Himmel All und saurer
Regen. Das verflixte Funkgerät hat sich
selbständig gemacht. So. Also, Sam, ich such mir
jetzt ne Speiche, und geh vor zum Schlauch. Da
wird sie stecken, diese Linda Lorant.

Sam: Wo sonst, o leuchtendes Muster an Tiefsinn.

Jonas: Du gehst jetzt über auf 1. Notfrequenz,
Sam.

Sam: Mein Meister befürchtet Gefahren?

Jonas: Durchaus möglich, aber ich werde schon
durchkommen. Mit meinen martialischen Künsten.

Sam: Martialische Künste. Wenn Sam doch nur
aufgehen würde, welch geheimnisvolle Rolle sie in
vorliegendem Fall spielen.

Jonas: Wird sich zeigen, Sammy, wird sich zeigen.
Auf geht’s.

Sam: Over and out.

Jonas: Ich schwebte durch die Torusnabe, nach oben
oder unten, ganz wie Sie wollen, bis zur Mitte,
und da gingen die vier Speichen ab. Frage: Welche
war die richtige. Antwort: Die mit dem Schild zu
den Büros. Da schwebte ich rein. Von jetzt an
ging’s vertikal weiter. Allmählich nahm die
Schwerkraft zu. Ich ließ das Schweben sein,
verlegte mich aufs Springen, dann aufs Laufen, kam
ans Ende zu einer Tür, machte sie auf, trat durch,
machte sie hinter mir zu. Und stand da wie
angewurzelt. Klimperte mit den Augen und kniff
mich in den Arm. Das waren doch keine Büros.

Jonas: Ich glaub, ich steh im Wald.

Jonas: Erster Reflex, zurück zur Tür, aber die war
zu, und ging nicht mehr auf. Ob ich wollte oder
nicht, ich war und blieb im Wald. Was heißt Wald.
Ich stand im Dschungel. Wenigstens mit einem Bein,
dem rechten. Links war Steppe. Rechts wucherte ein
tropischer Regenwald. Lianen, Palmen und was sonst
noch dazu gehört. Erstaunlich, was man in einem
Schlauch von nicht mehr als 30 Meter Durchmesser
so hinkriegen kann. Durch große Fenster und
Sonnenreflektoren. Ein Treibhaus, ein
Tropenparadies, mit Jonas als Adam. Von Eva war
leider nichts zu sehen, und von der Schlange auch
nicht. Noch nicht. Statt dessen meldete sich eine
andere wichtige Persönlichkeit.

Quartz: Willkommen auf Safari, Jonas.

Jonas: Wer ist das?

Quartz: Hier spricht Gott.

Jonas: Kann ich mir nicht vorstellen.

Quartz: Erkennen Sie meine Stimme?

Jonas: Ich glaub, mein Computer piept. Quartz.

Quartz: Gutes Ohr, Jonas. Wenn der Rest auch so
präzis funktioniert. Ich bin übrigens tatsächlich
Gott. Der Gott dieses Torus, dieser meiner Welt.
Ich habe ihr den Namen gegeben, Safari. Schon
früher, als sie noch exterristiale
Belustigungsstation war. Eine glorifizierte
Schießbude für brave Bürger, die Nimrods spielen
und wilde Tiere schießen wollten. Ohne Risiko. Sie
wußten, die Bestien waren nur Robots. Täuschend
ähnliche Repliken, aber ganz und gar ungefährlich.
Das ist jetzt anders. Ich habe gewisse
Umprogrammierungen vornehmen lassen. Diese Wesen,
mein lieber Jonas, sind nun mindestens so
gefährlich wie ihre ausgestorbenen Vorbilder. Ich
bin gespannt, wie Sie sich gegen sie halten
werden.

Jonas: Ich? Danke bestens, kein Interesse. Deshalb
bin ich nicht hier. Haben Sie’s vergessen? Ihre
Sekretärin?

Quartz: Hahahahaha.

Jonas: Und da, bißchen spät, muß ich zugeben, ging
mir ein Licht auf. Ein ganzer Kronleuchter. Und
die Schuppen fielen mir wie ein Wasserfall von den
Augen.

Quartz: Ach, Sie sind endlich dahinter gekommen.
Der Auftrag war eine Finte. Ich habe Spuren
ausgelegt, um Sie, Jonas, nach Safari zu bringen.
Und da sind Sie nun.

Jonas: Nicht zu bestreiten. Linda Lorant gibt es
also nicht.

Quartz: O doch. Nur die Geheimdaten sind nicht
existent. Die Lorant habe ich hierher gelockt, wie
Sie. Sie hat mir ein paar Stunden guten Sport
verschafft. Tüchtige Frau. Sie, Jonas, werden es
hoffentlich noch besser machen.

Jonas: Was haben Sie mit mir vor?

Quartz: Ich jage, Jonas. Ich habe auf der Erde
gejagt, solange es dort noch jagdbares Wild gab.
Dann hier, die Robots. Aber das geht nicht mehr.
Ich bin immobil. Eine Sammlung von Transplanten.
Die Medizin hat Grenzen, selbst für Milliardäre.
Heute jage ich indirekt. Ich habe Safari überholt
und ausgebaut. Überall Mikrophon, Lautsprecher,
Kameras. An meiner Konsole, vor meinen Monitoren,
bin ich dabei. Jede Sekunde auf jedem Meter. Wenn
meine Robokiller ihre Opfer durch den Dschungel
hetzen.

Jonas: Menschenjagd?

Quartz: Der Mensch ist das edelste Wild. Das
gefährlichste. Beiläufig auch das einzig noch
existierende Wild.

Jonas: Ich mißgönne ja keinem sei Hobby. Aber
warum wollen Sie ausgerechnet mich jagen: Haben
Sie was gegen mich?

Quartz: Ja, das auch. Ich hege Groll gegen Sie.

Jonas: Wie haben noch nie was miteinander zu tun
gehabt.

Quartz: Sagen Sie das nicht. Ich bin Sponsor,
bedeutender Sponsor von ZIP, dem Zentralinstitut
für Populationsforschung.

Jonas: Der Testmarktfall vor 3 Monaten.

Quartz: Ganz recht. Aus überholten moralischen
Motiven haben Sie, Jonas, ein hochinteressantes
Programm gestoppt. Ein Programm, das gewisse
Aussichten hatte, der Überbevölkerung Einhalt zu
gebieten. Mein eigentlicher Grund ist jedoch ein
anderer. Sie sind ein würdiges Jagdwild, Jonas.

Jonas: Ich verstehe. Die martialischen Künste.

Quartz: In der Tat. Sie zu jagen, wird es, da bin
ich sicher, ein sportlicher Hoch-Genuß sein. Und
eine Ehre. Für mich und für Sie.

Jonas: Danke. Auf die Ehre würde ich gerne
verzichten. Wie soll ich mich gegen ihre Killer
wehren? Mit bloßen Händen?

Quartz: Ich bitte Sie, das wäre nicht
waidmännisch. Ihre Ausrüstung finden Sie hinter
der Palme rechts von Ihnen. Da, dort.

Jonas: Pfeile und Bogen, Speere. Ein Messer. Das
ist alles?

Quartz: Reicht es Ihnen nicht?

Jonas: Nehmen wir einmal an, ich werde mit ihren
Robokillern fertig. Was passiert dann?

Quartz: Dann werde ich höher programmierte Jäger
auf Sie ansetzen.

Jonas: Ich habe also keine Chance.

Quartz: Genug geredet. Jetzt werde ich sehen, wie
sich Jonas, der Detektiv, Jonas, der Jäger, als
Gejagter hält. Halali, die Jagd beginnt.

Jonas: Ein Löwe kam näher. Ich versteckte mich,
und rief Sam über Funk. Aber das habe ich ja schon
erzählt. Die Riesenschlange, die sich dann
unangenehm bemerkbar machte, wollte ich
kunstgerecht tranchieren, aber das Messer ging
glatt durch. Das Vieh war überhaupt nicht
vorhanden.

Quartz: Ein Hologramm, Jonas. Ein Hologramm, wie
auch andere meiner Tiere. Aber nicht alle. Einige
sind höchst real. Sie werden es feststellen.
Sofern Sie noch dazu kommen, wenn ein Robokiller
Sie in den Klauen hat.

Jonas: Also nahm ich jedes einzelne Biest ernst.
Notgedrungen. Es war ein richtiges Gedrängel.
Löwen, Tiger, Leoparden, Schlagen, Skorpione, was
weiß ich noch alles. Zwischendurch informierte ich
Sam über die Lage, so gut es ging. Und der
zerbrach sich für mich den Kopf, den er nicht
hatte. Zwei Stunden später war ich müde. Die
Pfeile gingen zur Neige, die Speere desgleichen.
Aber Jonas lebte noch, und die Robokiller waren
funktionsunfähig. Das alles stimmte Herrn Quartz
nicht eben froh.

Quartz: Gratuliere. Sie haben sich gut gehalten.
Besser als erwartet. Vermutlich lassen Sie sich
über Funk von Ihrem Computer beraten.
Interessanter Random-Frequenzwechsel. Leider habe
ich nicht die Zeit, ihn aufzuschlüsseln.

Jonas: Sie sind eben zu sehr mit Ihren Spielzeugen
beschäftigt.

Quartz: Beschleunigen wir die Sache. Es ist Zeit,
die Wilden zu aktivieren. So nenne ich meine
Robokiller in menschlicher Gestalt. Mit einem
wesentlich höher programmierten Reflex und
Aggressionsverhalten. Dagegen wird auch ihr
Computer machtlos sein. Sie waren gut, Jonas, aber
einmal muß ein Ende gemacht werden. Vorher gebe
ich Ihnen eine Pause von, sagen wir, einer halben
Stunde. Ich bin kein Unmensch.

Jonas: Das sah ich anders. Aber danach fragte er
mich nicht. Pause also. Ich ließ mich fallen, wo
ich gerade stand. In der Steppe. Am Fuß eines
Kilimandscharo im Miniformat. Das war eine
Anhäufung von Erde am Rand des Schlauchs. Weiter
geführt durch einen gemalten Schneegipfel. Ganz
hübsch. Allerdings hatte ich kaum Augen dafür. Ich
fühlte mich so einsam wie Jonas im Walfischbauch.
Nur daß ich das Gefressenwerden noch vor mir
hatte. Wie sollte ich hier rauskommen? Vielleicht
hatte Sam eine Idee.

Sam: Es gibt nur eine einzige Möglichkeit. Mein
Herr und Meister muß versuchen, an Quartz selbst
heranzukommen und ihn auszuschalten.

Jonas: Dazu müßte ich erst mal wissen, wo er
steckt.

Sam: Natürlich im Torus, o Rächer der Enterbten.

Jonas: Klar, aber wo im Torus?

Sam: Nicht im Schlauch.

Jonas: Da hätte ich ihn schon gefunden. Moment mal
Sammy. Quartzens Kopf im Bildfon. Diese komisch
gesträubten Haare. Schwerelosigkeit.

Sam: Herr Quartz befindet sich in der Nabe des
Torus.

Jonas: Und zwar oben. Unten ist die Landezone.

Sam: Ein vielfältig erneuerter Mensch wie Herr
Quartz fühlt sich zweifellos wohl im schwerelosen
Zustand. Herz und Kreislauf werden weniger
belastet...

Jonas: Hör mal, für medizinische Vorlesungen haben
wir jetzt keine Zeit. Sag mir lieber, wie ich den
Kerl zu fassen kriege. Durch die Speichen?

Sam: Vorsicht, Volksgenosse, Feind hört mit.

Jonas: Keine Angst, Sam, ich sitz auf dem Mikro.
Also, Speichen gehen nicht, die Türen sind fest zu
und werden bestimmt elektronisch überwacht.

Sam: Die Erfahrung lehrt uns, o überirdischer
Bodhisattva, es gibt immer und überall eine
Hintertür. Bei Dysfunktion des Schaltzentrums, um
notwendige Außenreparatu-ren durchzuführen muß es
möglich sein, den Schlauch des Torus auf direktem
Wege zu verlassen. An irgendeiner Stelle der
Außenwand befindet sich ein Notausgang.

Jonas: Wo, Sam, wo?

Sam: Ohne Frage ist er versteckt. Vermutlich in
einer Erdaufschüttung.

Jonas: An der Außenwand gibt’s nur eine
Erdaufschüttung. Hier, wo ich sitze. Den
Kilimandscharo.

Jonas: Und am Kilimandscharo sollte sie sein, die
Hintertür. Sam rechnete sie aus. Über Größe,
Drehmoment, dieses und jenes. Und Sam hat sich
noch nie verrechnet. Ich wollte gleich los, aber.

Sam: Stop. Möge der hochwürdige Vater Abt
bedenken, daß Quartz die Möglichkeit hat, ihn zu
beobachten. Wieviel Kameras sind in Sichtweite?

Jonas: Da, und da, und da ist auch noch eine.
Drei.

Sam: Drei. Und über wie viele Pfeile verfügt mein
Meister?

Jonas: Ein, zwei, leider nur drei, Sammy.

Sam: Drei Pfeile, drei Kameras, ausgezeichnet.

Jonas: Das sagst du so leicht dahin. Was ist, wenn
ich daneben schieße?

Sam: Dann, alter Freund, bist du eine Leiche.

Jonas: Naja. Von der Seite her gesehen.

Jonas: Ich zielte wie ein Weltmeister, und setzte
die drei Kameras, die meine Sektion überwachten,
mit drei Schüssen außer Gefecht. Auch diesmal
hatte Sam sich nicht verrechnet. Ich fand den
Notausgang genau da, wo er sein sollte. An der
Bergwand, unter einem Busch. Innen ging links eine
zweite Tür ab, zur Luftschleuse. Rechts hingen
Raumanzüge und diverses Werkzeug. Ich lieh mir
einen Lasercutter und eine Rückstoßpistole aus,
stieg schneller als je zuvor in einen Raumanzug,
machte das Funkgerät im Helm fest, dann 5 Minuten
Luftschleuse, und ich war draußen. Erste
Weltraumaktivität von Jonas: Ich befestigte die
riesenlange Nylonleine des Anzugs an einem
Außenhaken. Schließlich wollte ich nicht von nun
an bis in Ewigkeit als neue Raumstation die Erde
umkreisen. So. Was nun?

Sam: Gestatten Majestät einen guten Rat.

Jonas: Wozu hab ich dich denn, Sammy. Schieß los.

Sam: Zuförderst sollten dero Großmächtigkeit
darauf achten, stets außer Sicht des Herrn Quartz
zu bleiben, welcher sich wie bekannt im oberen
Teil der Torusnabe befindet.

Jonas: Und so langsam mißtrauisch werden dürfte.

Sam: Hoheit täten gut daran, sich von der Nabe her
betrachtet, hinter der Schlauchwand zu halten,
sich mittels der Rückstoßpistole zur
nächstgelegenen Speiche vorzuarbeiten, und dann
über der Speiche bis in die Mitte zur Nabe.

Jonas: OK, Sammy, es geht los. Heil, Safari.

Sam: Oder auch Waidmanns Heil.

Jonas: An der Nabe pirschte ich mich mit Halali
nach oben. Selber jagen macht viel mehr Spaß als
gejagt werden. Die Nabe war oben abgeschlossen
durch eine Halbkugel mit umlaufendem Fenster. Ich
zog mich hoch, vorsichtig, ganz vorsichtig, und
linste nach innen. Ja, das war der Kontrollraum.
Und da.

Jonas: Da ist Quartz.

Sam: Wo hätte er sich wohl auch sonst befinden
sollen, o größter Schnüffler aller Zeiten?

Jonas: Da hockt er, wie, wie...

Sam: Wie die Spinne im Netz.

Jonas: Eher wie ein Ochsenfrosch im Teich. Um ihn
herum seine Jagdausrüstung. Monitore. Hebel.
Schalter. Schläuche. Drähte.

Sam: Was tut er?

Jonas: Er ist nervös. Er drückt auf irgendwelche
Knöpfe.

Sam: Er ahnt, was ihm bevorsteht, euer Lordschaft.

Jonas: Und gleich wird er es ganz genau wissen.
Operation Safari letzter Teil. Aktion.

Sam: Es geht ein rechter Lasercutter durch Metall
als wie durch Batter. Butter.

Jonas: O Sam.

Jonas: Als er das Zischen an der Wand hörte, da
war Quartz klar, was sich abspielte. Aber jetzt
war es zu spät. Mit weit aufgerissenen Augen
starrte er auf den Laserstrahl und auf das immer
größer werdende Loch in der Wand. Die Atmosphäre
verschwand zischend in den Raum, Vakuum breitete
sich aus, Quartz schwoll an, wurde immer
unförmiger, Blut spritze aus seinen Poren, sein
Kopf war ein gigantischer roter Luftballon, und
dann, dann platzte er, und was an ihm Blut, Fett,
Muskelfleisch war, explodierte in den Kontrollraum
und an mir vorbei in den kalten Kosmos. Ein
Stahlgerüst, diverse Einbauteile, und ein paar
Knochen, das war alles, was übrig blieb vom großen
Gott der Safaristation.

Jonas: Wie sagt man am Ende der Jagd, Sam?

Sam: Jagd vorbei, Halali, o Wonne des Weltalls.

Jonas: Genau. Also Jagd vorbei. Und von mir aus
auch Halali.

Sam: Was ist das Leben des Menschen?

Jonas: Berechtigte Frage, Sammy.

Sam: Nichts anderes denn ein Traum, ein Schatten,
ein Tropfen Tau, der in der Sonne vergeht.

Jonas: Die Rakete lag noch am Landeplatz. Ich ließ
mich zur Erde zurückbringen. Unten erstattete ich
gleich Anzeige, aber das hätte ich mir sparen
können. Orbis International, das zeigte sich
später, war mächtig genug, die Angelegenheit unter
den Teppich zu kehren. Vom Apartment aus rief ich
Judith an. Ich hatte so ne Idee, daß sie mir beim
Lecken meiner Wunden helfen könnte. Judith war
nicht da. Mir blieb nur Sam. Nichts gegen Sam,
aber Judith ist er nicht.

Sam: Ökonomisch betrachtet, o vielvermögender
Hauptabteilungsleiter, empfiehlt es sich für einen
Detektiv nicht, seinen Auftraggeber zu
vakuumisieren.

Jonas: Ein wahres Wort, Sam. Was habe ich von der
Sache gehabt? Ein Ausflug im Raum, ein paar
Stunden Angst und Hetze, Kratzer und Schrammen,
ein schauderhaftes Bild, das ich nicht so schnell
vergessen werde.

Sam: Und 1000 Euros.

Jonas: Was?

Sam: Der Kontostand meines Herrn beträgt zur
Stunde 1162 Euros, 9 Cents. Herr Quartz hatte
Vorschuß gezahlt.

Jonas: Richtig, hatte er. Ganz vergessen. Wie
schön. Das Leben sah gleich besser aus. Immer noch
grau, zugegeben, nicht rosig, aber doch mit einem
kleinen Goldrand am Horizont.

Jonas: Immerhin.

Sam: Halleluja, Harekrischna. Amen.

Jonas: Du sagst es, Sammy.

Das war Safari. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein
Supercomputer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten
außerdem mit: Karin Anselm, Wolfgang Büttner, und
viele andere (Christoph Lindert, Detlef Kügow,
Hans Stetter, Ute Mora, Michael Lenz, Irmhild
Wagner). Ton und Technik: Günter Heß und Christine
Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie:
Heiner Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen
Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter Hasselblatt
und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Reservat

Jonas: Es war einmal eine Zeit, da gab es
Privatdetektive. Harte Männer, gerecht, nie um
eine Antwort oder um einen Ausweg verlegen. Und
wenn es sie nicht in Wirklichkeit gab, dann doch
wenigstens in Büchern und Filmen. Heute im frühen
21. Jahrhundert gibt’s nur noch einen von der
Sorte. Mich. Ich bin Jonas. Jonas, der letzte
Detektiv. Nicht so hart, auch nicht immer gerecht,
dafür fällt mir manchmal keine Antwort ein, und
nach einem Ausweg muß ich oft lange suchen. Aber
ich tue, was möglich ist. Mehr kann man nicht
verlangen. Was Frau Marcus-Pallenberg von mir
wollte, war nicht möglich. Oder doch?

Frau Marcus-Pallenberg: Sie müssen ins Reservat.

Jonas: Ein Vorschlag, Frau Marcus-Pallenberg.
Kaufen Sie sich ein paar starke Männer, die mich
fesseln und knebeln und über die Mauer schmeißen.
Danke. Kein Interesse.

Frau Marcus-Pallenberg: Aber Cora ist doch im
Reservat.

Jonas: Pech.

Frau Marcus-Pallenberg: Bringen Sie sie zurück.
Bitte, Herr Jonas!

Jonas: Ich bin sentimental. Ab und zu gehe ich ins
Waldmuseum und seh mir die Bäume an. Die Kiefer.
Die Birke. Und die kleine Eiche, von der sie immer
noch nicht wissen, ob sie durchkommt. Ich erinnere
mich an die Zeit, als auch draußen noch Bäume
standen. Und ich habe das Gefühl, mir fehlt was.
Wie gesagt, ich bin sentimental. Aber ich bin
nicht dämlich.

Frau Marcus-Pallenberg: Jemand muß sie doch da
rausholen. Die Polizei tut nichts.

Jonas: Polizei. Schicken Sie doch gleich nen
Chimp.

Frau Marcus-Pallenberg: Ich will keinen Affen. Sie
sind mir empfohlen worden, Herr Jonas.

Jonas: Also dann, hat mich gefreut, Frau Marcus-
Pallenberg.

Frau Marcus-Pallenberg: Haben Sie etwa Angst?

Jonas: Na sicher.

Frau Marcus-Pallenberg: Sie sind doch Detektiv?

Jonas: Eben drum. Ich weiß, was alles passieren
kann.

Frau Marcus-Pallenberg: Ich habe gehört, Sie sind
der einzige, der es schaffen kann. Und Sie
brauchen Geld, habe ich gehört.

Jonas: O, welch magisch Wort dringt da an mein
empfänglich Ohr. Wieviel?

Frau Marcus-Pallenberg: 200 Euros?

Jonas: Pro Tag.

Frau Marcus-Pallenberg: Ich dachte eher pauschal.

Jonas: Und Spesen.

Frau Marcus-Pallenberg: Aber Herr Jonas.

Jonas: Dafür gehe ich ins Reservat. Und sollte
meinen Geisteszustand untersuchen lassen.

Jonas: Die Dame trug eine Aufmachung spazieren,
wie ich sie bisher nur auf dem Titel von Mode
gesehen hatte. Echtes Naturleinen, besetzt mit
fast echtem Naturpelz. Das ganze garniert mit rund
3 Kilo Platin und Brillianten. Sie sah aus wie
eine Frau, die mit Leichtigkeit ein paar Hundert
Euros locker machen konnte. Und ich hatte ein paar
Hundert Euros dringend nötig.

Jonas: Na schön. Jetzt erzählen Sie mir mal, was
passiert ist, Frau Marcus-Pallenberg.

Frau Marcus-Pallenberg: Ja. Cora, o, schluchzt,
Cora ist im Reservat.

Jonas: Das weiß ich. Wann hat sie Ihr Haus
verlassen?

Frau Marcus-Pallenberg: Gestern, am frühen Morgen.

Jonas: Wie alt ist Ihre Tochter?

Frau Marcus-Pallenberg: 15.

Jonas: Also fast volljährig.

Frau Marcus-Pallenberg: Hhm. Deshalb konnte ich ja
auch nicht viel unternehmen, als sie anfing, sich
mit diesen merkwürdigen Menschen aus dem Reservat
abzugeben. Ich habe auf sie eingeredet, ja, aber
das hat natürlich nichts genutzt.

Jonas: Natürlich nicht. Und?

Frau Marcus-Pallenberg: Und dann ist sie gegangen.
Mit ihm. Ins Reservat. In die Freiheit. Hat sie
geschrieben.

Jonas: Geschrieben?

Frau Marcus-Pallenberg: Hmh. Das habe ich gestern
Morgen auf Coras Bett gefunden.

Jonas: Zeigen Sie her. "Ich muß meinen eigenen Weg
gehen, mich selbst verwirklichen. Die Freiheit,
die ich brauche, kann ich hier nicht finden." Das
übliche. 08/15. "Ich gehe ins Reservat. Zombie hat
mir die Augen geöffnet." Zombie?

Frau Marcus-Pallenberg: Ihr Freund. Er heißt
Zombie.

Jonas: Wirklich?

Frau Marcus-Pallenberg: Natürlich ist das nur ein
Spitzname. Seinen richtigen Namen kenne ich nicht.
Vermutlich kennt er ihn selbst nicht. Er ist eben
ein Freak. Ein typischer Freak aus dem Reservat.

Jonas: Das Reservat ist ein Stadtviertel im
Südosten von Babylon. Früher hieß es mal anders.
Wie, weiß kein Mensch mehr. Heute ist es das
Reservat. Nur das Reservat. Und im Reservat hausen
Typen, die in der Welt draußen nicht zurechtkommen
können. Oder wollen. Eremiten. Einzelgänger.
Türken, die während der großen Entfremdung
untergetaucht sind. Und vor allem Freaks. Freaks
jeder Schattierung. Nicht nur aus Babylon. Sie
kommen von überall her, aus den ganzen Vereinigten
Staaten von Europa. Nach den Unruhen in den 90er
Jahren hat man um die ganze Geschichte `ne Mauer
gebaut, und `ne elektronische Schutzglocke
draufgestülpt. Seitdem ist das Reservat nicht
existent. Wenigstens offiziell. Die Bewohner
bleiben unter sich. Es ist nicht leicht, rein oder
rauszukommen, und es ist fast unmöglich, drinnen
zu überleben, wenn man nicht dazugehört.

Frau Marcus-Pallenberg: Das ist alles, was ich
Ihnen über diesen Zombie erzählen kann.

Jonas: Nicht gerade viel. Wie hat Cora ihn kennen
gelernt?

Frau Marcus-Pallenberg: Durch einen entfernten
Bekannten. Der hat ihn zu uns mitgebracht, zu
einer Party, vor vier oder fünf Wochen.

Jonas: Wie heißt der Bekannte?

Frau Marcus-Pallenberg: Maske. Theo Maske.

Jonas: Ungewöhnlicher Name.

Frau Marcus-Pallenberg: Und ein ungewöhnlicher
Mensch. Er arbeitet in der Holo-Industrie, und er
kennt ausgesprochen seltsame Leute.

Jonas: Wie zum Beispiel Zombie. Fangen wir bei
Herrn Maske an.

Frau Marcus-Pallenberg: Sie sind der Experte.
Bitte, bringen Sie mir meine Cora zurück, Herr
Jonas. Heil und gesund.

Jonas: Ich werd’s versuchen.

Frau Marcus-Pallenberg: Tun Sie’s. Für mich.

Jonas: Nein, nicht für Sie. Für Ihre 200 Euros pro
Tag. Sie hören von mir, Frau Marcus-Pallenberg.

Frau Marcus-Pallenberg: Viel Glück.

Jonas: Maske. Theo Maske. Wer ist Theo Maske?

Jonas: Natürlich. Judith würde es wissen. Judith
hat einen höheren Posten im Ministerium für
Statistik und Soziographie. Sie ist immer gut für
knifflige Daten, an die nicht jeder rankommt.
Nicht jeder, aber Jonas. Über Judith. Sie war
meine Klientin gewesen im Testmarkt-Fall. Und
jetzt war sie meine z.B. Meine zeitweilige
Beziehung. Aber für Maske brauchte ich sie nicht.
So was schafft Sam mit links.

Sam: Darauf kannst du wetten, Chef. Piep. Maske,
Theo. Bürgernummer 19 G 13 12 1972. Leitender
Direktor der Holo-Produktionsfirma Lust & Qual
GmbH. Ein Unternehmen von nicht eben makellosem
Ruf, wenn eure Lordschaft mir diese nicht streng
zur Sache gehörige Bemerkung gütigst nachsehen
wollen.

Jonas: Sam ist mein Notizbuch. Meine geistige
Krücke. Mein Retter aus der Not. Und manchmal
sogar ne Art Freund. Sam ist mein Computer. Nicht
irgendein Computer. Sam ist ein Sonder- und
Versuchsmodell. Er kann mehr als andere Computer,
und er ist ein bißchen verdreht. Der einzige
verdrehte Computer, den ich kenne. Als er auf den
Markt kam, im Jahr 2005, da haben ihn nur ein paar
Snobs gekauft. Oder Masochisten, die sich mit
Wonne von einem Computer übers Maul fahren lassen.
Und ich. Leider. Andererseits frage ich mich
manchmal, wie Sam Spade und Phil Marlowe ohne
Computer ausgekommen sind. Schon mit unseren
elektronischen Lieblingen ist das Leben
kompliziert genug.

Sam: Lust & Qual GmbH produziert, wie der
Firmenname andeutet, Holos von der Art, welche
gemeinhin als Blut und Blubber bezeichnet wird.
Mord, Folter, Sadismen. Mit einem Wort:
Unappetitlichkeiten.

Jonas: Ganz meine Meinung, Sammy, aber das
brauchen wir alles nicht.

Sam: Sagst du, Biohirn.

Jonas: Jawohl, und du sagst mir, wo Theo Maske
wohnt. Damit wir ihm auf die Bude rücken können.

Sam: Aye Aye, Sir. Wie spricht der gefügige
Orientale? Hören heißt gehorchen. Und der Dichter
dichtet: Mut zeiget auch der lahme Muck, Gehorsam
ist Computers Schmuck. Ferner steht geschrieben...

Jonas: Und so weiter. Aber schließlich erfuhr ich
doch noch, was ich wissen wollte. Theo Maske
wohnte weit draußen im Westen. In einer Villa von
mindestens 80 Quadratmeter. Ein typischer Everson-
Bau aus den späten 80ern. Rote Backsteine,
Schmuckrohre außen, überall schiefe Linien. Vor
dem Tor private Schutztruppler, hinter dem Tor ein
echter Butler, der mich in den Salon geleitete.
Und da hingen echte Bilder an der Wand, mit echtem
Öl gemalt. Ich war bei echt feinen Leuten. Deshalb
wunderte ich mich schon gar nicht mehr, als ich
auch noch einen echten Whiskey in die Hand
gedrückt kriegte. Dann erschien der Herr des
Hauses. Theo Maske war nicht nur fein, er war auch
schief. So schief wie seine Villa. Schiefer
Rücken, schiefe Nase, schiefer Mund. Und für
seinen Charakter würde ich auch nicht die Hand ins
Feuer legen.

Theo Maske: Wie mundet Ihnen mein Malt Whiskey,
Herr äh, Herr äh.

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Theo Maske: Nur Jonas. Und Privatdetektiv. Wie
überaus faszinierend. Was es nicht alles gibt. Sie
müssen ein interessantes Leben führen, Herr äh.

Jonas: Jonas.

Theo Maske: Auf der Schattenseite der Gesellschaft
sozusagen. Noch nen Whiskey? So was Gutes kriegen
Sie nicht jeden Tag, nehme ich an.

Jonas: Sie haben ja so recht, Herr äh Herr äh Herr
Maske. Außerdem haben Sie ein Butler und ein Haus.
Sie sind überhaupt ein wundervoller Mensch, auf
der Lichtseite der Gesellschaft sozusagen. So, und
jetzt können wir zur Sache kommen.

Theo Maske: Hören Sie, Ihr Ton gefällt.

Jonas: Gefällt Ihnen nicht? Machen Sie sich nichts
draus. Sie sind nicht der einzige. Sagen Sie, was
Sie über ihren Freund Zombie wissen, und Sie sind
mich los.

Theo Maske: Zombie? Ich kann mich kaum noch
erinnern. Freund ist übrigens nicht das richtige
Wort. Wir haben lediglich eine sehr vage
berufliche Beziehung.

Jonas: Zombie ist auch im Hologeschäft?

Theo Maske: Im Prinzip ja.

Jonas: Sie sind also Kollegen?

Theo Maske: Ich bitte Sie, Herr äh.

Jonas: Na na.

Theo Maske: Ich leite eine lizenzierte, staatlich
überprüfte Holo-Produktion.

Jonas: Und Zombie?

Theo Maske: Zombie ist ein Wilder. Sein Studio hat
er im Reservat.

Jonas: Sehen darf man in dieser unserer freien
Gesellschaft alles, wonach man lustig ist. Aber
man darf nicht alles produzieren. Da paßt die MePo
auf, die Medienpolizei. Nicht so scharf wie die
PoPo, aber immerhin. Wer Holos produzieren will,
die er nicht produzieren darf, der tut das da, wo
die MePo nichts zu sagen hat. Zum Beispiel im
Reservat.

Theo Maske: Deshalb hab ich mich ein bißchen mit
ihm abgegeben. Man muß doch wissen, was die
Konkurrenz tut.

Jonas: Und was tut sie?

Theo Maske: Praktisch dasselbe, was wir tun. Mit
einem wichtigen Unterschied: Wir türken. Bei
Zombie ist alles echt. Darum verkaufen sich seine
Sachen auch so gut. Was wollen Sie von ihm?

Jonas: Wie gut kennen Sie die Marcus-Pallenbergs?

Theo Maske: Ach Gott, wie man sich so kennt. Wir
haben gemeinsame Freunde. Charmante Frau.

Jonas: Und die Tochter?

Theo Maske: Cora? Was soll ich sagen, unauffällig.
Für mich zu jung, wenn Sie verstehen, was ich
meine, Herr.

Jonas: Nicht noch mal.

Theo Maske: Trinken Sie aus, Herr Jonas. Nehmen
Sie sich noch einen.

Jonas: Direkt vor Maskes Villa wartete eine freie
Rikscha. Glücklicher Zufall, dachte ich. Ich armer
Irrer. Der Kuli rannte, ich lehnte mich zurück,
und dachte ein bißchen nach. Plötzlich hatte ich
ein ausgesprochen ungutes Gefühl. Ich sah hoch:
Die Gegend stimmte nicht, die Richtung stimmte
nicht, und was noch schlimmer war, mit mir stimmte
auch was nicht. Ich konnte mich nicht mehr
bewegen. Keinen Gedanken fassen. Kaum noch reden.

Jonas: Stop. Stop. Ich will aussteigen. Malt
Whiskey. Muß was im Whiskey gewesen sein. Alles
rot. Rosenrot. Und müde. So müde. Schlafen.
Judith. Vielleicht auch träumen.

Jonas: Mein Kopf war ein Raumschiff, unterwegs zum
Mars. Die Maschinen ratterten, hämmerten, ächzten.
Plötzlich setzten sie aus. Und ich stürzte in den
unendlich weiten, unsagbar kalten Kosmos. Immer
schneller, immer tiefer. Ich schlug hart auf und
blieb regungslos liegen. Minuten, Wochen, Jahre.
Bis ich mir zutraute, Arme und Beine zu bewegen.
Anscheinend war ich noch komplett, wenn auch nicht
im Bestzustand. Ich hatte Schmerzen, vor allem im
rechten Oberschenkel. Meine Augenlider waren
schwer wie Iridium. Ich redete mir gut zu, und
schließlich stemmte ich sie hoch. Bekanntlich hat
Jonas einen eisernen Willen. Ich lag auf einem Hof
hinter einem schäbigen Gebäude, das mir irgendwie
bekannt vorkam. Ich richtete mich auf, sah nach
oben: Ich war zu Hause. Das kleine Fenster im 16.
Stock gehörte zu meinem sog. Heim: Büro plus
Apartment, 22 Quadratmeter. Ich machte Inventur.
Bürgerausweis, Lizenz, alles da. Sogar die paar
Euros in der Hosentasche. Seltsam. Warum hatte man
mich betäubt und entführt? Wer steckte dahinter?
Maske?

Sam: Der Whiskey. Die vor seinem Haus so einladend
bereit stehende Rikscha. Keine Frage, der
Übeltäter ist Herr Theo Maske.

Jonas: Wir werden ihn uns vorknöpfen, Sammy.
Demnächst. Vorher haben wir noch nen kleinen
Auftrag zu erledigen. Eine gewisse Cora Marcus-
Pallenberg muß aus dem Reservat geholt werden. Und
wenn Jonas einen Auftrag übernimmt, dann führt er
ihn auch aus. So schnell wie’s geht. Aber dann.

Sam: Aber dann ist Herr Theo Maske dran.

Jonas: Wohl gesprochen, Freund Sam.

Sam: O du warmer Regen auf meine Mikroprozessoren.
Gleich noch ein Gedicht: Maskes mörderischer
Anschlag und Marcus-Pallenbergs Auftrag, irre ich
nicht, so ist, beides der selbige Fall.

Jonas: Schlechter Vers, Sam, aber was die Sache
betrifft, hast du wahrscheinlich recht. Wir werden
es feststellen. First things first. Oder auch
alles der Reihe nach. Wenn ich bitten dürfte,
umzuschalten, neues Thema. Reservat. Au.

Sam: Was ist meinem Herrn und Gebieter?

Jonas: Deinem Herrn und Gebieter tut was weh.

Sam: Sams tief empfundenes Beileid. Wieder der
Magen?

Jonas: Im Gegenteil. Andere Seite. Und tiefer.
Irgendwas zwackt mich an der rechten Hinterbacke.
Daß du dich ja nicht unterstehst, darauf einen
Reim zu machen Sammy.

Sam: Sam wird es sich verkneifen, euer Durchlaucht
Hinterbacke zu besingen.

Jonas: Schluß mit dem Blödsinn. Reservat. Problem:
Wie komm ich rein?

Sam: Da Eminenz wohl kaum im Panzerkonvoi
einzureisen wünschen.

Jonas: Nein, Sam, ganz entschieden nein. Es fährt
auch gar kein Konvoi mehr, seit sie den letzten
durch Barrikaden blockiert haben und dann geknackt
und ausgeräumt.

Sam: Also werden Majestät sich einschleichen
müssen. Heimlich und verkleidet als Freak.

Jonas: Klar. Frage: Als was für ein Freak?

Sam: Such dir was aus, alter Knabe: Fixer,
Guerillero, Gestapo, RAF, Ledernacken, Wehrmacht.

Jonas: Das liegt mir alles nicht besonders, Sammy.

Sam: Schwarzer Punk, weißer Punk, bunter Punk,
grüner Freak.

Jonas: Öko-Fan. Müslifresser. Müslifresser, machen
wir das doch.

Sam: Gebe pflichtschuldigst zu bedenken, daß Herr
Oberst in diesem Falle keine Waffe bei sich tragen
dürften. Ausgenommen vielleicht ein Taschenmesser.
Um Nüsse zu knacken.

Jonas: Keine Sorge, Sam. Jonas wird’s auch so
schaffen. Was ich aber unbedingt brauche, das bist
du, Sam. Will sagen, eine unauffällige
Möglichkeit, Sam zwo mitzunehmen.

Jonas: Sam zwo ist Sam in Miniausführung. Eine
drahtlose Extension, durch die ich überall und
jederzeit in Verbindung stehe mit Sam eins, dem
großen Speicher und Terminal im Büro. Ich kann
zwar auch ohne Sam auskommen, in Routinefällen,
und wenn er mir mit seinem Gerede noch mehr auf
die Nerven geht, als üblich. Aber auf so
gefährlichem Pflaster wie dem Reservat wollte ich
das lieber nicht probieren.

Sam: Herr General, schlage vor, Sam zwo
aufzuteilen. Empfänger in Ohrring, Sender in
Nasenring. Derartiger Schmuck gehört zur
obligatorischen Grundausstattung jedes grü...
Scheiße... jedes grünen Freaks, der auf sich hält.

Jonas: Und wenn so ein Typ ab und zu mit sich
selber redet, fällt das im Reservat nicht weiter
auf. Sehr gut, Sam. Was brauchen wir?

Sam: Vor allen Dingen einen sanftmütigen Ausdruck
auf dem Antlitz, o Schrecken deiner Feinde.

Jonas: Da werde ich mir aber ein bißchen Mühe
geben müssen. OK, was noch?

Jonas: Die korrekte Aufmachung bestellte ich über
Service-Text bei Freak-out am Markgrafenboulevard.
Nicht gerade billig, aber das lief natürlich unter
Spesen. Dann ein paar Minuten Arbeit mir
Rasierapparat und grüner Farbe, und mein seliges
Mütterlein hätte ihren Jonas nicht wiedererkannt.
Sam konnte mir sagen, wo die elektronische
Käseglocke eine Lücke hatte, noch eine kurze
Mitteilung an Frau Marcus-Pallenberg, und fünf
Minuten vor Mitternacht, am 12. August 2009, stand
ein grüner Freak an der Reservatsmauer. "Irre sind
menschlich" hatte einer rangesprayt. Ganz meine
Meinung. "Sonne oder Regen, ich bin dagegen".
Dafür hatte ich volles Verständnis. Kilroy war
natürlich auch hier gewesen, vor langer Zeit.
Jetzt war nur Jonas hier. Und Jonas fühlte sich
unbehaglich. Und einsam. Wie einst Lilly Marlene.

Sam: Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, steht
eine Laterne, und steht sie noch davor.

Jonas: Sei still, Sam.

Sam: Lalalalala...

Jonas: Still. Gib mir lieber die Berechnung der
Erfolgschancen.

Sam: Mit Wonne, großer Vorsitzender. Die
Wahrscheinlichkeit, gegenwärtiges Unternehmen zu
einem erfolgreichen Ende zu führen, beträgt zur
Zeit genau 0, 9999.

Jonas: Also 2 zu 8.

Sam: Oder auch 1 zu 4. Nicht eben günstig, wenn
eure Lordschaft mir diese kommentierende Wertung
gestatten.

Jonas: Ach weißt du, Sammy. Wenn wir schon an
Zahlen denken, dann doch lieber an die 200 Euros
pro Tag.

Sam: Und Spesen.

Jonas: Und Spesen. Genau. Und mit diesem
tröstlichen Gedanken im Hinterkopf wollen wir mal.

Jonas: Da wo ich stand, hatte die Mauer diverse
Löcher und Vorsprünge. Ich zog mich hoch, dabei
tat mir wieder mein verlängerter Rücken weh,
setzte mich oben rittlings hin, und beschaute das
nächtliche Reservat. Der Mond schien durch die
Wolken. Jenseits der Mauer sah es kaum anders aus
als davor. Dieselbe Ruinenlandschaft. Dieselben
verwahrlosten Straßen. Dieselben Schatten.
Dieselbe Stille. Nur unterbrochen durch leises
Rascheln. Nachtmenschen schlichen durchs Geröll.
Also dann, sagte ich mir. Sprung auf, Marsch
marsch.

Sam: Alles in Ordnung, Chef?

Jonas: Alles klar, Sam. Uh!

Sam: Was ist los, Boss?

Jonas: Eine Falle, Sammy. Ich bin in was getreten,
und jetzt werde ich verschnürt wie ein Postpaket.
Eine Bio-Fessel. Mit automatischer Infrarot-
Reaktion. Daß die hier im Reservat so was Modernes
haben. Ich bin schon komplett eingepackt, Sam. Ich
kann mich nicht mehr rühren. Und da kommen auch
schon die Fallensteller. Das hat mir gerade noch
gefehlt: Zwei schwarze Punks in all ihrer
strahlenden Schönheit.

Power: Kuck mal, Push.

Push: Hähähä. Wir haben was gefangen, Power.

Jonas: Die beiden Typen sahen ein bißchen aus wie
Laurel und Hardy, falls Sie sich Laurel und Hardy
in schwarzem Leder mit Metallbeschlägen vorstellen
können. Und mit Laserstrahlern in der Hand. Sie
sahen auf mich herunter, und fingen dann ganz
gemütlich an, mich mit ihren schweren Stiefeln zu
bearbeiten. Profiklasse waren sie nicht, aber ich
bin auch schon schlechter getreten worden.

Power: Was soll denn das sein, Push?

Push: Komisches Ei, Power.

Power: Sieht fast aus wie ein Freak, Push.

Push: Viel zu alt für `nen Freak, Power.

Power: Grüner Greis, Push.

Push: Freak-Opa, Power.

Power: Ätzend.

Push: Geil.

Power: Total tierisch.

Push: Elefantengeil.

Power: Hast du schon den Witz gehört, Push?

Push: Was für `nen Witz, Power?

Power: Da sind ein paar black Punks, und die
fangen sich zwei Müslifresser. Einen haben sie
vereist, und der andere mußte ihn fressen. Und
weißt du, was der Witz ist? Der andere war
Vegetarier.

Push und Power: Hahahahahahaha...

Jonas: Ha-Ha, ich lach mich tot.

Power: Hast du gehört, Push?

Push: Tot hat er gesagt, Power.

Power: Gar nicht so dumm, der Freak-Opa.

Push: Hat echt Durchblick, der Müsli-Greis.

Power: Vereisen wir ihn gleich oder verkaufen wir
ihn lebendig an die Kannibalen?

Push: Treten wir ihn doch noch ein bißchen, Power.

Power: Ahh!

Push: Power, Power, sag doch was. Was ist, Power?

Jonas: Siehst du doch, man hat ihn gelasert, oder
vereist, wie das bei euch heißt.

Push: Ahh!

Jonas: Der nächste bitte.

Sam: Sofern Hoheit die Frage gestatten, was ist
geschehen?

Jonas: Wenn ich das wüßte, Sammy. Irgend jemand
hat die beiden Punks mit dem Laser erledigt.

Sam: Wer, o Vater des Scharfsinns?

Jonas: Jemand im Schatten. Kommando zurück, Sam.
Kein jemand. Eine Jemandin. Und was für eine.

Jonas: Es war eine junge Frau, die vor allem aus
sich selbst bestand. Dazu aus hohen Stiefeln, und
einem breiten Leder-Gürtel, dessen Schnalle das
Zeichen des F.K.K. trug, des Feministischen Kampf-
Korps, ein blutrotes Schwert über einem lila
Kreis. Nicht zu vergessen der Laserstrahler, mit
dem sie Push und Power erledigt hatte. Und der
jetzt auf mich gerichtet war. Wunderbar. Erst
Punks, dann F.K.K. Vom Regen in die Traufe. Damals
bei den Unruhen, hatten sich die F.K.K.-Mädchen
ganz besonders hervorgetan. Sie hatten auf alle
geschossen. Auf Freaks, Polizisten, Ein- Um- und
Aussteiger. Nur männlich mußten sie sein. Das
Motto des F.K.K. lautet: Kein Schwanz bleibt ganz.
Jetzt war offenbar Jonas an der Reihe.

Nada: Wie sagte frau in der bösen alten Chauvi-
Zeit: Aller guten Dinge sind drei.

Jonas: Nichts überstürzen, immer mit der Ruhe.
Cool bleiben.

Nada: Na wenn ich dich so ansehe, bist ja doch
schon ein ganz schön alter Sack. Weißt du was, ich
hab heut meinen soften Tag. Hör auf zu bibbern,
ich tu dir nichts. Bist sowieso bald dran, Alter.

Jonas: Machst du mir die Bio-Fessel ab? Vor mir
brauchst du keine Angst zu haben.

Nada: Ich Angst vor dir? Halt still.

Jonas: Sam, bist du da, Sam?

Sam: Sam ist da, Majestät, und Sam verfolgt
gebannt dero unglaubliche Abenteuer. Was
geschieht?

Jonas: Sie brennt mir die Bio-Fessel ab, mit ihrem
Laser. Sehr geschickt. Bleib weiter dran, Sammy. -
Danke.

Nada: Ich bin übrigens die Nada.

Jonas: Angenehm, dann heiß ich Nemo.

Nada: Von mir aus. Setz dich. Willst du auch nen
Joint? Na, prima Tabak. Aber als Grün-Freak
rauchst du ja nicht.

Jonas: So saßen wir denn friedlich beisammen. Im
Schatten der Mauer. Nada und ich. Meine rechte
Hinterbacke tat mir weh. Und auch mein Magen, der
sich wochenlang friedlich verhalten hatte, meldete
sich wieder. Kein Wunder bei dem Streß hier.
Trotzdem hätte ich gern einen Schluck Whiskey
gehabt. Aber als waschechter Müslimann durfte ich
das natürlich nicht kundtun. Und noch einen Wunsch
hatte ich, als ich Nada aus nächster Nähe sah,
einen richtig altmodischen Chauvi-Wunsch. Den
mußte ich auch für mich behalten. Vorsichtshalber.
Ich wußte ja, was Nada mit Männern machte, gegen
die sie was hatte.

Nada: Gammelst du nur so rum oder hast du was
Bestimmtes vor?

Jonas: Ich bin auf der Suche.

Nada: Sind wir doch alle.

Jonas: Ich suche einen Typ namens Zombie.

Nada: Zombie, Zombie...

Jonas: Produziert Holos.

Nada: Ach der Zombie. Und zu dem willst du? Ganz
schräge Idee, Alter. Wer zu dem geht, der taucht
meist nicht wieder auf. Zombie hat einen großen
Verschleiß, wenn er seine Holos macht.

Jonas: Hab ich gehört. Mord und Totschlag.

Nada: Und Massaker und Folter und Blutbäder. Und
alles echt.

Jonas: Ich muß trotzdem hin. Weißt du, wo Zombies
Studio ist?

Nada: Hier lang, immer gerade aus. Dahinter rechts
im Niemandsland. Zwischen Freakadelien und
Turkistan.

Jonas: Also dann.

Nada: Hast du keine Waffe?

Jonas: All you need is love, Schwester.

Nada: Lennonid bist du auch noch.

Jonas: Nicht direkt. Ich bin eher für Sankt Jonas.

Nada: Nie gehört.

Jonas: Schade.

Nada: Sei vorsichtig. Die Türken haben Vorposten
im Niemandsland. Wenn die einen Freak schnappen,
gehen sie recht ungut mit ihm um. Machs gut,
Alter.

Jonas: Ich schlich durchs Niemandsland und hielt
mich im Schatten von Häusern und Ruinen. Alles war
still. Nur in der Ferne die fast unhörbaren
Geräusche der Nachtmenschen. Und noch weiter weg,
ein merkwürdiges Rattern und Knattern. Es hörte
sich an wie ein Motor, ein Benzinmotor in einem
Auto. Mir wurde ungeheuer nostalgisch. Ich dachte
an schwarze Limousinen in Chicago und anderswo, an
Bogart, mit zwei Fingern am Lenkrad, an
Maschinenpistolen, die Feuer und Tod aus
Autofenstern spuckten. Ich hätte besser an
Laserstrahler denken sollen, denn was sich da
plötzlich auf meinen grünen Bauchnabel richtete,
das war ein Laserstrahler. Ein Laserstrahler in
der Hand eines dicken Kerls in Turban und
Pumphosen, und neben ihm stand noch so einer,
natürlich auch mit Strahlerchen. Ich hatte
allmählich die Nase voll von Typen, die mir Laser
unter dieselbe hielten.

Türke: Hände schön oben, Kollege. Ganz ruhig. Du
Freak, Kollege?

Jonas: Iwo. Ich bin die Bürgermeisterin von
Babylon.

Türke: Lüge! Du Freak, Kollege. Wir nicht lieben
Freaks.

Jonas: Muß ja nicht sein, Kollege, also, dann will
ich mal wieder rüber, ne, in meine Gegend.

Türke: Halt! Freaks auslöschen Türken, Türken
auslöschen Freaks. Mitkommen.

Jonas: Hör doch mal zu, ich bin ein grüner Freak,
ich tu keiner Fliege was. Und gegen Türken hab ich
schon gar nichts. Ich mag Türken. Janitschar.
Heula. Mokka mit viel Zucker...

Türke: Schnauze! Mitkommen. Oder Loch in Bauch.

Jonas: Ja, wenn ihr mich so nett darum bittet.

Türke: Los, Kollege, Bewegung. Dalli Dalli!

Jonas: Erst ging’s über einen Graben, dann durch
Ruinen im Zickzack zu einem noch ziemlich intakten
Hochhaus am Kanal, wo wir die Treppen hochstiegen
bis in den 10. Stock. Überall standen die
Pumphosen-Jungs rum. Schwer bewaffnet, grimmig
blickend. Und besonders grimmig kuckten sie auf
einen armen Freak, der gar keiner war, und in
Wirklichkeit Jonas hieß. Eine Tür wurde
aufgestoßen, ich war mitten in 1001 Nacht. In 1001
Nacht, wie sie sich der kleine Ali vorstellen
mochte, der seit Jahrzehnten im Reservat
untergetaucht war, der kein richtiger Türke mehr
war, aber auch kein Babylonier. Der eine Pidgin-
Sprache redete, und sich eine Pidgin-Kultur
erfunden hatte. An den Wänden hingen Teppiche aus
dem Kaufhaus, in einer Ecke hockten Musikanten,
die uns was pfiffen und trommelten, nicht schön,
aber laut, davor tanzte eine nicht zu übersehende
Dame heftig Bauch, ansonsten Pumphosen in Hülle
und Fülle, um einen Mann herum, der allem Anschein
nach die Ober-Pumphose darstellte. Er war nämlich
noch dicker als die übrigen. Hatte einen noch
größeren Turban. Und einen noch grimmigeren Blick.

Türke: Großmächtiger Padischa, erhabener Sultan
Suleiman, hier dieser Freak gefangen an Grenze zu
Turkistan.

Sultan Suleiman: Ah, oh, du Spion, Kollege.

Jonas: Aber nicht doch.

Sultan Suleiman: Auslöschen Freaks, auslöschen
Spione.

Jonas: Nun mal langsam, alter Freund, ja. Aua.

Türke: So nicht reden zu Großherr von Turkistan,
Kollege.

Jonas: Das Gefühl habe ich auch. Now ist the time
for all good friends, Sammy, wenn sich einer
auskennt mit Titel, Anreden und so, dann bist du
das, hilf mir gefälligst.

Sam: Bitte mir nachzusprechen, Meister.

Jonas: OK, schieß los, Sammy.

Sam/Jonas: O erhabenes Großherr.

Sam/Jonas: Machtvoller Beherrscher der Gläubigen.

Sam/Jonas: Sonne von Weltall.

Sam/Jonas: Wonne in Erdkreis.

Sam/Jonas: Großmächtiger Sultan.

Sam/Jonas: Sei gnädig und lasse Erbarmen walten.

Sultan Suleiman: Ja, so gut, Kollege, so prima.
Aber nichts bringen! Auslöschen Freak. Setzen auf
Pfahl, Stecken in Sack, Schmeißen in Kanal.

Jonas: Bis jetzt hatte ich es im Guten versucht.
Aber wenn die Herren Reservatstürken unbedingt
wollten, bitte sehr, Jonas konnte auch anders. Ein
Griff in den Stiefelschaft, ein Sprung, ich hatte
den Sultan bei der Skalplocke und drückte ihm mein
Messer an die Halsschlagader. Ob dieser
Entwicklung der Dinge geriet der gesamte Hofstaat
in begreifliche Unruhe.

Türken: Ah!

Jonas: So Majestät, jetzt gehen wir zusammen ans
offene Fenster. Ich hoffe sehr, daß Ihre Paschas
und Be sich ganz still und friedlich verhalten.
Vor allem ihretwegen. Ich müßte Sie sonst
auslöschen, und das wäre doch schade, ein so
gewichtiger Mann, und Sultan dazu. So, alle
bleiben auf ihren Plätzen, keiner kommt mir zu
nahe. Soweit, so gut, was nun, Sammy?

Sam: Was befindet sich vor dem Fenster, Exzellenz?

Jonas: Sehr viel Luft, Sam, wir sind im 10. Stock.

Sam: Zweifellos, Herr Direktor, und unten?

Jonas: Unten, der Kanal.

Sam: Aha.

Jonas: Du meinst.

Sam: Na klar, Kumpel. Springen.

Jonas: Klar, lächerliche 30 Meter.

Sam: Wüßte nicht, was Durchlaucht sonst übrig
bliebe.

Jonas: Ich leider auch nicht, Sammy. Leben Sie
wohl, erhabene Sultan. Jeronimo.

Jonas: Ein Tritt dahin, wo er am dicksten war,
beförderte Sultan Suleiman zurück in den Saal. Ein
paar Augenblicke lang standen die Höflinge da wie
erstarrt. Und als sie sich wieder rührten, war ich
schon unten angekommen, und schwamm durch eine
zähe, stinkende Brühe ans gegenüberliegende Ufer.
Ein kurzer Klimmzug, wieder Schmerzen rechts
hinten, aber ich rannte trotzdem los. Was sein
muß, muß sein. Etwa 10 Millionen Türken waren
hinter mir her, mir Gebrüll und mit Lasern. Und
weil ihnen offenbar nichts wehtat, kamen sie immer
näher. Die Situation erschien entschieden
verbesserungsbedürftig. Als die schnellsten
Verfolger nur noch wenige Meter entfernt waren,
schoß plötzlich aus einer Seitenstraße ein
Fahrzeug und blieb neben mir stehen. Mit offener
Tür.

Nada: Steig ein, Alter.

Jonas: Nada.

Nada: Wundern kannst du dich später, nun steig
schon ein, sonst haben Sie dich.

Jonas: Ein Benzinauto. Ein echtes Benzinauto. Wie
lange bin ich in so was nicht mehr gefahren? 15
Jahre? 16 Jahre?

Nada: Im Reservat gibt’s noch ein paar.

Jonas: Das sehe ich. Und woher habt ihr das
Benzin?

Nada: Manchmal finden wir ein unterirdisches
Lager. Aus der alten Zeit. Als es noch Benzin zu
kaufen gab. Und Autos noch nicht verboten waren.
Das Reservat ist groß.

Jonas: Wo fahren wir eigentlich hin?

Nada: Wolltest du nicht zu Zombies Holostudio? Wir
sind da.

Jonas: Ja, ich seh kein Studio. Nur ein
Ruinenfeld. Und `nen kleinen Holzschuppen.

Nada: Eben. Der Schuppen ist das Studio. Das
heißt, der Eingang zum Studio. Zombie arbeitet
unter der Erde. Er scheut das Tageslicht. Mit
recht.

Jonas: Ja, dann noch mal vielen Dank, Nada.

Nada: Hier, Alter. Falls du Probleme kriegst da
unten. Machs gut.

Jonas: Damit drückte sie mir ihren Laserstrahler
in die Hand. War doch mal ne nette Abwechslung,
selber so ein Ding zu haben. Nützlich war’s auch.
In der Bretterbude saß ein unfreundlicher
Kraftmensch über Loch und Leiter, die nach unten
führten. Und der war erst dann bereit, mit sich
reden zu lassen, als ich ihn in die Mündung des
Strahlers gucken ließ.

Wächter: Wie soll die heißen? Cora, Cora...

Jonas: Cora Marcus-Pallenberg.

Wächter: Nie gehört.

Jonas: Und so sieht sie aus.

Wächter: Nie gesehen. Hier. Gibt’s nicht bei uns.
Bestimmt nicht. Hat’s auch nie gegeben.

Jonas: Ach ja, dein Chef hat sie gestern
mitgebracht. Von draußen.

Wächter: Zombie? Quatsch, Zombie war schon vier
Wochen nicht draußen, mindestens.

Jonas: Ach nein.

Wächter: Ach ja.

Jonas: Mach Platz, ich will mich unten mal
umsehen.

Wächter: Nix. Niemand darf runter.

Jonas: Ach ja.

Wächter: Ah.

Jonas: Mit dem Laser legte ich ihn für ein paar
Stunden schlafen. Dann tauchte ich ab in die
Unterwelt. Und das meine ich ganz wörtlich. Was
sich in den unterirdischen Produktionsräumen tat,
war die Hölle. Es wurde gerade ein lehrreicher
historischer Streifen gedreht, Argentinien 78 oder
Schreie aus dem Keller. Sehr dokumentarisch. Sehr
realistisch. Mit großem Verschleiß, wie Nada sich
ausgedrückt hatte. Ich habe einiges schlimme
gesehen, im Antarktischen Krieg und als Detektiv.
Das hier war schlimmer. Ich fühlte mich versucht,
als edler Ritter von der Tafelrunde mit meinem
Laserschwert aufzuräumen, aber es waren zu viel
Drachen da. Einerseits. Und andererseits hatte ich
das Gefühl, daß ich ganz vordringlich ein paar
Dinge klären müßte, die mich persönlich betrafen.
Also stellte ich meine Fragen und stieg dann ganz
schnell wieder nach oben.

Jonas: Also, Sammy, die Sache sieht so aus: Alle
hier sagen dasselbe: Eine Cora Marcus-Pallenberg
kennen sie nicht. Haben sie auch nie gesehen. Und
Zombie ist seit Wochen im Reservat. Er war also
nicht draußen bei den Marcus-Pallenbergs. Er hat
Cora nicht ins Reservat mitgenommen, das steht
fest.

Sam: Daraus ergibt sich, o weiser Sherlock Holmes,
Frau Marcus-Pallenberg hat gelogen.

Jonas: Elementar, mein lieber Watson. Frage: Warum
hat Frau Marcus-Pallenberg gelogen. Au.

Sam: Wieder Schmerzen, mein Herr und Gebieter?

Jonas: Jawohl, und wieder die rechte Hinterbacke.
Möchte wissen, was ich mir da geholt habe. Hallo.

Sam: Wie belieben?

Jonas: Da ist was, Sammy. Unter der Haut. Was
Festes.

Sam: Empfehle dringend, besagtes festes Objekt zu
entfernen.

Jonas: So, und wie?

Sam: Herausschneiden, mittels dero Hoheit
Taschenmesser.

Jonas: Hat das nicht Zeit, Sam, bis wir wieder in
der Zivilisation sind, der sogenannten?

Sam: Nein, Holzkopf, rausschneiden, fix.

Jonas: Wenn’s denn sein muß.

Sam: Und vorsichtig, Boss, ganz, ganz vorsichtig.

Jonas: Auch dieses, Sammy. So. Du hast den
richtigen Riecher gehabt, Sam. Eine Bombe. Eine
implantierte Mini-Bombe aus Plastkonzentrat. So
groß wie ein Eurostück. Das reicht für ne mittlere
Kleinstadt.

Sam: Aus diesem Grunde sind Eminenz betäubt und
entführt worden.

Jonas: Genau Sam, Maske hat mir die Bombe
untergeschoben, im wahren Sinne des Wortes. Aber
warum denn bloß? Was wird hier gespielt? Kannst du
mir das sagen?

Sam: Gewiß, o Rächer der Enterbten. Herr Theo
Maske ist Direktor einer legalen Holovisions-
Produktion. Diese Produktion hat erhebliche
finanzielle Einbußen zu verzeichnen. Der Grund:
Die von Zombie hergestellten echten Mord- und
Folter-Holos sind weitaus erfolgreicher als Herrn
Maskes Produkte. Herr Maske hat also allen Anlaß,
sich der gefährlichen Konkurrenz zu entledigen. Da
Zombie seine Produktion im Reservat betreibt, ist
er für Herrn Maske direkt nicht erreichbar. Herr
Maske geht daher indirekt vor. Er schickt einen
nichts ahnenden Bombenträger ins Reservat, eine
lebende Bombe.

Jonas: Halt mal, das stimmt so nicht. Maske hat
mich nicht geschickt. Das war Frau Marcus-
Pallenberg, weil ich ihre Tochter aus dem Reservat
holen sollte.

Sam: Ein unzutreffender Vorwand, wie sich nunmehr
herausstellt, euer Denkwürden. Cora Marcus-
Pallenberg hat das Reservat überhaupt nicht
betreten.

Jonas: Moment. Moment, Sam. Ich hab ne Idee.

Sam: Ich höre und staune, Hoheit.

Jonas: Wem gehört der Laden?

Sam: Laden? O Brunnen des Tiefsinns?

Jonas: Lust & Qual, die Holofirma, wo Maske
Direktor ist.

Sam: Einen Augenblick, Chef. Piep. Besitzer der
Firma laut Handelsregister: Orsonsche Erben.

Jonas: Und wer sind die Orsonschen Erben?

Sam: Momentchen Boss. Piep. Es gibt nur einen
Orsonschen Erben. Der Name: Dahlia Marcus-
Pallenberg.

Jonas: Na bitte. Das ganze ist ne abgekartete
Sache. Alle stecken unter einer Decke. Maske, die
Marcus-Pallenberg und natürlich auch...

Sam: Bitte die Unterbrechung ihrer erhabenen
Gedankengänge zu verzeihen, großer Lehrmeister,
doch wäre es höchst ratsam, vor allen weiteren
ohne Zweifel hochinteressanten Schlußfolgerungen
die Bombe abzulegen und schleunigst von dannen zu
eilen. Jeden Augenblick kann durch elektronische
Zündung eine Explosion ausgelöst werden.

Jonas: Apropos Zündung, aus welcher Entfernung
kann die Bombe gezündet werden?

Sam: Bei einer Mini-Bombe, wie Exzellenz Sie in
sich herumtrugen, beträgt die maximale
Zündungsdistanz 500 Meter.

Jonas: Aha. Na dann weiß ich den richtigen Platz
für Maskes Liebesgabe.

Jonas: Es war kein Problem, die kaum mehr als
fingernagelgroße Bombe gut unterzubringen, und als
ich mich dann dranmachte, von dannen zu eilen, wie
Sam mir geraten hatte, wer stand vor der Tür und
wartete auf mich? Natürlich Nada. Nada, die
Unvermeidliche, die Allgegenwärtige, Nada, mein
Schutzengel, immer zur Stelle, wenn ich
Schwierigkeiten hatte und Hilfe brauchte.

Nada: Gib mir den Laser zurück, Alter. Danke. Hast
du gefunden, was du suchst?

Jonas: Mehr oder weniger.

Nada: Such’s noch mal.

Jonas: Wieso?

Nada: Du gehst wieder runter, Alter.

Jonas: Nicht nötig, ich bin hier fertig.

Nada: Im Gegenteil, Alter, dein großer Auftritt
kommt erst. Runter mir dir. Tut mir leid, Alter,
so ist das nun mal. Machs gut.

Jonas: Nada, die so selbstlos dafür gesorgt hatte,
daß ich mein Ziel erreichte, die dafür gesorgt
hatte, daß die Mini-Bombe ihr Ziel erreichte, mit
Jonas natürlich, aber Jonas war nur
Transportmittel, und würde bald entbehrlich sein.
Alles war klar, sonnenklar, laserklar, bombenklar.
Ich machte ein dummes Gesicht, fällt mir nicht
schwer, ging langsam zurück in den Schuppen, und
zog die Tür hinter mir zu. Blitzschnelles
Umschalten in den Schnellgang, ich riß das Fenster
auf der gegenüberliegenden Seite auf, sprang raus,
rannte, rannte um mein Leben. Ich wußte, was
gleich passieren würde... Nada löste die Zündung
aus, die Bombe explodierte, und nahm mit sich
hoch, Nadas Laserstrahler, daran hatte ich sie
festgemacht, Nada selbst, ein Benzinlager, auf dem
sie gestanden hatte, ohne es zu ahnen, Zombies
höllische Holo-Produktion, diverse Ruinen,
Geröllhalden, und beinahe auch Jonas, der kräftig
durchgeschüttelt wurde, sich ein paar dicke Beulen
holte, nur mit Mühe über die Mauer kam, und nach
Hause humpeln mußte. Und hier, Magen hin, Magen
her, trank ich meinen ganzen Whiskey-Vorrat aus,
verbissen und zielstrebig, und fiel dann ins Bett.
Als ich aufwachte, war es heller Tag. Ich hatte
einen miesen Geschmack im Mund, und ein mieses
Gefühl innen drin. Und mir wurde nicht besser, als
ich den News-Kanal einschaltete.

Nachrichten-Sprecherin: Aus unbekannter Ursache
kam es in den heutigen frühen Morgenstunden zu
einem Großfeuer im Bereich des sogenannten
Reservats. Über den entstandenen Schaden gibt es
noch keine genaue Übersicht. Wie verlautet, wurde
ein illegales Holovisions-Studio völlig
vernichtet, wobei erhebliche Opfer an Menschen und
Material zu beklagen sein sollen. – Ein
Terroranschlag der Kusbekischen Befreiungsfront
hat, wie der Pressesprecher der...

Jonas: Also Schwamm drüber und Strich drunter.
Oder?

Frau Marcus-Pallenberg: Hallo?

Jonas: Jonas hier.

Frau Marcus-Pallenberg: Wa... Was?

Jonas: Überrascht, Frau Marcus-Pallenberg?

Frau Marcus-Pallenberg: Ja, äh nein nein, nein,
wieso? Warum sollte ich überrascht sein?

Jonas: Weil Jonas eigentlich tot sein müßte. Im
Reservat. In Zombies Holostudio. In vielen tausend
kleinen Stücken.

Frau Marcus-Pallenberg: Was reden Sie? Haben Sie
getrunken? Übrigens, da Sie gerade anrufen, Cora
ist wieder da.

Jonas: Sie setzen mich in Erstaunen, Frau Marcus-
Pallenberg.

Frau Marcus-Pallenberg: Ja, die Sache war ein
Irrtum. Damit ist mein Auftrag gegenstandslos. Ich
brauche Sie nicht mehr.

Jonas: Legen Sie nicht auf, Frau Marcus-
Pallenberg. Ich hätte mich gerne noch mit Ihnen
unterhalten.

Frau Marcus-Pallenberg: A ja, ich verstehe,
schicken Sie Ihre Rechnung ein, ich will sehen,
was sich tun läßt.

Jonas: Nicht darüber, Frau Marcus-Pallenberg. Über
den Konkurrenzkampf in der Holo-Industrie, und
über eine gewisse Bomben-Idee. Wissen Sie, Jonas
hat es gar nicht gern, wenn man ihn a) für dumm
verkauft, und b) als lebende Bombe mißbraucht.

Frau Marcus-Pallenberg: Sie reden irre. Sehen Sie
sich vor. Wenn Sie derartiges in der
Öffentlichkeit wiederholen, werden wir Sie
belangen, Maske und ich. Sie können nichts
beweisen.

Jonas: Solche Auftraggeber loben wir uns, was
Sammy?

Sam: Pflegt es sich denn nicht stets so zu
verhalten, o großer Sekretär des Politbüros?

Jonas: Ich versteh nicht, Sam, was pflegt sich wie
zu verhalten?

Sam: Entpuppt sich nicht in der Regel der
Auftraggeber als der wahre Bösewicht, hinter den
Kulissen?

Jonas: O Sammy, ich hab dich wohl zu viel mit
Chandler gefüttert.

Sam: Durchlaucht belieben zu irren. Wie war es
denn erst kürzlich im Fall um die Raumstation
Safari?

Jonas: Safari? Kein Vergleich, Sam, gar kein
Vergleich. Diesmal war alles Schwindel. Von A bis
Z. Alle haben mich angelogen. Die Marcus-
Pallenberg. Maske. Nada. Und für Nada hatte ich
wirklich was übrig.

Sam: Kopf hoch, Kumpel, vergiß es, ein neuer Tag,
ein neues Glück, das Leben geht weiter, und wenn
die Welt voll Teufel wär.

Jonas: Nur Computer sind anständig. Computer lügen
nicht. Alle Kreter lügen immer. Jeder Mensch sagt
jederzeit die Unwahrheit. Der Computer nie. Dafür
sagt er oft Blödsinn, oder Sam?

Sam: Unzureichende Daten, o du GröJAZ.

Jonas: Wie bitte?

Sam: Größter Jonas aller Zeiten.

Jonas: Meine Rechnung hab ich später doch noch
eingereicht. Honorar für einen Arbeitstag, Spesen,
Schmerzensgeld. Nicht viel, aber besser als die
Volksrente allemal. Frau Marcus-Pallenberg hat
anstandslos gezahlt. Stolz ist was feines, aber
Stolz kann man nicht essen. Und trinken auch
nicht. Ich mußte mir doch einen neuen Whiskey-
Vorrat anlegen.

Das war Reservat. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein
Supercomputer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten
außerdem mit: Astrid Jacob, Madeleine Stolze,
Michael Gahr, Michael Habeck, Erich Hallhuber,
Joachim Höppner, Herbert Weicker, und andere
(Bernd Stephan, Ilse Neubauer). Ton und Technik:
Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung:
Reiner Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks (1984).
Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Schlachthaus

Jonas: So fangen die meisten meiner Fälle an: Ein
Typ sitzt in meinem Büro, rutscht auf dem Stuhl
rum, und weiß nicht so recht, ob er mir überhaupt
erzählen soll, weshalb er gekommen ist. Wie
gesagt, so fangen die meisten meiner Fälle an.
Dieser nicht.

Oberkellner: Darf ich Ihnen jetzt die Speisekarte
vorlegen, mein Herr?

Jonas: Ich warte noch.

Oberkellner: Gestatten Sie mir die Bemerkung, mein
Herr, Sie warten bereits eine halbe Stunde. Wenn
Sie schon nicht essen wollen, dann vielleicht
wenigstens noch einen Whiskey?

Jonas: Danke. Wissen Sie, falls meine Verabredung
nicht kommt, muß ich die Rechnung selber zahlen.
Und bei Ihren Preisen.

Oberkellner: Verstehe. In diesem Fall muß ich Sie
darauf aufmerksam machen, daß Ihr Tisch benötigt
wird.

Jonas: Ach, wann?

Oberkellner: In wenigen Minuten, mein Herr,
praktisch sofort.

Jonas: Dieser Fall fing damit an, daß ich auf dem
Stuhl rumrutschte. Und nicht bei mir im Büro. In
einem Lokal. Nicht in irgendeinem Lokal. Das
Escargot war ein feines Lokal. So fein, daß es
sich sogar einen menschlichen Oberkellner
leistete. Nicht das richtige Ambiente für Jonas.
Der ist eher an den Fressomaten um die Ecke
gewöhnt. Datum der Rutscherei, nicht daß es
irgendwie wichtig wäre, 20. September 2009.

Oberkellner: Darf ich Sie bitten, auszutrinken,
mein Herr.

Jonas: Sie schmeißen mich raus.

Oberkellner: Wenn Sie es so auszudrücken wünschen,
mein Herr.

Brendel: Jonas, nehm ich an.

Oberkellner: Sie sind mit diesem, diesem Herrn
verabredet, Herr van...

Brendel: Pst. Pst. Josef. Keine Namen. Bringen Sie
mir ein Glas Wasser. Und die Speisekarte.

Oberkellner: Glas Wasser, Speisekarte, sehr wohl,
Herr äh...

Brendel: Pst. Sie sind pünktlich, Jonas. Das freut
mich.

Jonas: Sie sind unpünktlich. Und Sie haben mir am
Fon einen falschen Namen genannt. Sie heißen nicht
Pankreas.

Brendel: O nein, zum Glück nicht.

Oberkellner: Das Glas Wasser, bitteschön, die
Speisekarte, Herr...

Brendel: Pst. Hechtklößchen. Lammrücken. Trodosie.
Alles synthetisch natürlich, aber ich versichere
ihnen, so ausgezeichnet zubereitet, daß Sie den
Unterschied kaum spüren. Walsteak a la Ninive.
Wäre das nicht was für Sie, Jonas?

Jonas: Witzig. Wünsche guten Appetit.

Brendel: Aber mein Bester, nicht gehen. Bitte. Sie
müssen mich verstehen. Ich bin ein bißchen nervös.
Und vorsichtig. Mit Menschen Ihres Schlages habe
ich mich noch nie abgeben müssen.

Jonas: Das wäre auch unwahrscheinlich gewesen. Ich
bin nämlich der letzte. Der letzte Privatdetektiv.
Und der einzige. Wenigstens in Babylon.
Konkurrenzlos. Ein aussterbender Beruf. Wer
braucht schon einen Detektiv?

Brendel: Ich. Ich brauche einen. Einen
Privatdetektiv. Tüchtig. Diskret.

Jonas: Möglichst stubenrein.

Brendel: Und nicht all zu vorlaut. Unter welchem
Sternbild sind Sie geboren, Jonas?

Jonas: Stier. Warum?

Brendel: Ich bin Krebs. Ich bin Krebs, und ich
habe Krebs. An der Bauchspeichel-drüse. Deshalb
mein Pseudonym, Pankreas. Bauchspeicheldrüse.
Verstehen Sie?

Jonas: Er war ein Witzbold. An der Oberfläche. An
der gut frisierten, mani- und pedikürten, nach
letzter Mode drapierten und bemalten Oberfläche.
Darunter hatte er scheußliche Angst.

Brendel: Ich muß eine neue haben. Eine neue
Bauchspeicheldrüse. Dringend.

Jonas: Und wo ist der Haken?

Brendel: Tja, kurz gesagt, ich habe den falschen
Beruf.

Jonas: Was machen Sie?

Brendel: Ich bin Psychagoge.

Jonas: Welche Richtung? Klassisch, anal, para,
meta, hypo?

Brendel: Para. Meine Spezialität ist der Tarot.
Aber ist stelle auch Horoskope. Eurasisch,
chinesisch, kalifornisch, wie Sie wollen.

Jonas: Parapsychagoge. Dann ist Ihr sozialer
Nützlichkeitsstatus so um die 2 oder 3.

Brendel: 2, 25. Genau.

Jonas: Nur ein Ideechen besser als ein
Privatdetektiv. Sie stehen also auf Orgalist ganz
unten.

Brendel: Und wenn ich dran bin mit der Zuteilung,
dann brauch ich keine Bauchspeicheldrüse mehr,
dann bin ich schon längst in der Vase.

Jonas: Vermutlich.

Brendel: Nun ist aber andererseits die
Parapsychagogie recht lukrativ, darum habe ich mir
überlegt, ich meine, ich dachte, da gibt es doch
so was wie, ich meine, ich weiß nicht, wie ich
mich ausdrücken soll...

Jonas: Er war so mysteriös wie ein gelöstes
Kreuzworträtsel. Sehr schön. Merken. Fürs
Poesiealbum des Detektivs.

Jonas: Sagen Sie einfach Schwarzmarkt. Schwarzer
Organmarkt.

Brendel: Genau. Das meine ich. Aber weil ich mich
in solchen Sachen überhaupt nicht auskenne...

Jonas: Soll ich Ihnen ein Organ organisieren.

Brendel: Köstlich. Sie haben den Nagel mitten ins
Gesicht getroffen. Scherz beiseite. Sie, Jonas,
besorgen mir eine Bauchspeicheldrüse. Wie immer.
Wo immer. Keine Fragen. Keine Probleme. Sie
liefern. Ich zahle. Jeden vernünftigen Preis. Und
ihr Honorar natürlich.

Jonas: 80 Euros pro Tag und Spesen.

Brendel: Nicht gerade wenig. Was tun Sie dafür?

Jonas: Nicht gerade wenig. Alles, was ich mit
meinem Gewissen vereinbaren kann.

Brendel: O, Sie haben ein Gewissen? Wie entzückend
altmodisch. Und, können Sie?

Jonas: Kann ich was?

Brendel: Meinen Auftrag mit Ihrem Gewissen
vereinbaren?

Jonas: Im Prinzip, ja. Nicht 100-prozentig, aber
90 Prozent waren ja auch nicht so schlecht. Wenn
ich auf dem Schwarzmarkt eine Bauchspeicheldrüse
auftrieb, dann schadet dies schließlich keinem,
dachte ich, im Gegenteil. Ich rettete dem
pseudonymen Herrn Pankreas das Leben. Geld
brauchte ich auch, ich brauche immer Geld. Also
ja, dachte ich. Aber ich sagte nicht ja. Noch
nicht.

Jonas: Ich werde es mir überlegen. Wissen Sie, ich
bin auch vorsichtig. Mit Leuten Ihres Schlages
halte ich mich ein bißchen zurück. Ich rufe Sie
an, heute noch.

Brendel: Sie wissen doch gar nicht, wer ich bin.

Jonas: Ich bin Detektiv.

Jonas: Das verschlug ihm den Appetit, und er ging.
Leicht verstört. Ich wartete noch einen Moment.
Ich hatte meine Gründe.

Oberkellner: Sie gestatten, daß ich abräume, mein
Herr.

Jonas: Wer war das?

Oberkellner: Der Herr, mit dem Sie verabredet
waren? Bedaure, mein Herr. – Ein ganzer Euro?
Vielen vielen Dank, mein Herr, aber ich bin nicht
bestechlich. Außerdem hat Herr... die Rechnung
bereits beglichen. In äußerst großzügiger Weise.

Jonas: Sie irren sich, alter Freund, das ist keine
Bestechung und auch kein Trinkgeld.

Oberkellner: Sondern?

Jonas: Kaufpreis. Für das hier. Mehr ist es sicher
nicht wert.

Oberkellner: Mein Herr, erlauben Sie. Sie können
doch nicht einfach ein Glas einstecken.

Jonas: Das Wasserglas, aus dem Pankreas getrunken
hatte. Voller Fingerabdrücke und Speichelspuren.
Die Visitenkarte meines Auftraggebers. Ich war ein
gebranntes Kind. Gerade in letzter Zeit hatte ich
ein paar Fälle erlebt, in denen die Auftraggeber
versucht hatten, mich reinzulegen. Aber hier war,
wie es aussah, alles OK. Vorläufig.

Sam: Hinterlasser der Fingerabdrücke bzw.
Speichelspuren heißt Julian van Brendel.
Bürgernummer 77 M 03 03 1961.

Jonas: Beruf?

Sam: Parapsychagoge.

Jonas: Status?

Sam: 2,25, o Stern von Bethlehem.

Jonas: Ich darf vorstellen. Computer, Typreihe
Doktor, Versuchsmodell Chrysostomus, McCoy
Incorporated, Baujahr 2005, Rufname Sam.
Fähigkeiten: fast unbegrenzt. Fehler: nur einer.
Sam leidet an verbaler Überfütterung. Er hat zu
viele Sprachprogramme im Speicher, und er kommt
damit nicht so richtig klar. Ansonsten ist er ein
Goldstück. Wenn man sich an seine Ausdrucksweise
gewöhnt hat. Und das ist nicht leicht.

Jonas: Jonas hier, ich übernehme den Auftrag, Herr
van Brendel, die Bedingungen kennen Sie, ich rufe
Sie wieder an. – Hoffentlich bald. Wie kriege ich
möglichst schnell einen Fuß in den schwarzen
Organmarkt, Sam?

Sam: Keinesfalls über die normalen Datenbänke,
euer Wohlerzogenheit. Da in den selben keinerlei
Informationen in Bezug auf illegale Praktiken zu
finden sein dürfte.

Jonas: Weiß ich selbst, Sam. Dazu brauche ich
keinen Computer. Also hintenrum.

Sam: Jawohl, Chef, von hinten durch die Brust ins
Auge, haha.

Jonas: Ebenfalls Haha. Frage: wie?

Sam: In der Tat, Prinz Eisenherz, dies ist die
Frage.

Jonas: Wie wäre es denn mit der HyPo?

Sam: Darf ich euer Lordschaft zu dero fast
überirdischer Auffassungsgabe beglückwünschen. Die
Sache hat nur einen ganz, ganz kleinen Haken: Den
Code für die Datenbank der Hygiene-Polizei kenne
ich zu meinem Bedauern nicht.

Jonas: Du nicht, Sammy, aber ich kenne.

Sam: Sie Meister? Kann ich es glauben?

Jonas: Laß mich doch ausreden. Ich kenne jemand,
der ihn kennt.

Sam: Diese Frau?

Jonas: Ganz recht, Sam. – Hallo, Judith.

Jonas: Judith hatte ich vor einem halben Jahr
kennen gelernt. Beim Testmarktfall. Als ich mich
zum ersten Mal mit Frau Professor Caligari
anlegte. Oder Caligari mit mir, wie man’s nimmt.
Judith war meine Klientin, und wurde meine z.B.,
meine zeitweilige Beziehung. Ob das ein Gewinn für
sie ist, weiß ich nicht. Bei der Testmarktsache
hat sie 100.000 Euros kassiert, und das war ein
Gewinn. Judith ist beim Ministerium für Statistik
und Soziographie. In höherer Position. Sie weiß
deshalb mehr als andere. Für einen Detektiv kann
das ab und zu nützlich sein.

Judith: Wir sind verabredet, Jonas. Heute Abend im
Freiluftpark.

Jonas: Ja, hör mal Judith.

Judith: Ich muß dir was erzählen. Ich soll
befördert werden.

Jonas: Schön für dich. Ich hab ein kleines
Problem.

Judith: Ich müßte mich allerdings versetzen lassen
zur Abteilung Öffentliche Sicherheit.

Jonas: Zur Polizeiverwaltung?

Judith: Ja. Ja.

Jonas: Tu das Judith.

Judith: Ich weiß nicht so recht.

Jonas: Aber sicher. Was meinst du, wo du dann erst
überall rankommst. Apropos.

Judith: Du denkst nur an dich, Jonas.

Jonas: Ich denke an meine Fälle, das ist was
anderes. Sag mal, Judith, wo würdest du hingehen,
wenn du eine neue Bauchspeicheldrüse brauchst?

Judith: Wieso?

Jonas: Illegal, meine ich.

Judith: Du brauchst keine neue Bauchspeicheldrüse,
du brauchst ein neues Herz. Und eine neue
Beziehung.

Jonas: Trotzdem hat sie mich eine Stunde später
angerufen, und mir eine Adresse gegeben.

Judith: After Eight. Das ist eine Bar am oberen
Markgrafenboulevard. Der Besitzer heißt
Guttapercha. Archimedes Guttapercha.

Jonas: Guttapercha. Weißt du, Judith, unsere
Verabredung heute Abend.

Judith: Fällt aus. Alles fällt aus. Bis auf
weiteres.

Jonas: Ich hatte das dringende Gefühl, ich sollte
über Judith und über mich, und über uns beide mal
gründlich nachdenken. Später. Julian van Brendel
wartete auf seine Bauchspeicheldrüse. Und ich
mußte zum oberen Markgrafenboulevard.

Barkeeper: Was trinken Sie?

Jonas: Whiskey.

Barkeeper: Synth oder echt?

Jonas: Sie haben echten?

Barkeeper: Was Sie wollen. Schottischen. Irischen.
Bourbon. 25 Euros.

Jonas: In letzter Zeit verkehrte Jonas vorwiegend
in besseren Kreisen. Da wo das Leben furchtbar
teuer ist, und ungeheuer exklusiv. Ich bestellte
einen doppelten Synth. Der Barkeeper goß ein und
verachtete mich. So sehr, daß er mich überhaupt
nicht mehr zur Kenntnis nahm. Ich ging auf
Wanderschaft. Durch die Hintertür, an der Privat
dranstand, über einen Flur, zu einer angelehnten
Tür, hinter der jemand am Bildfon sprach. Durch
den Türspalt hörte ich ein bißchen mit.

Guttapercha: Nur eine kurze Verzögerung, Frau
Professor. Ein, zwei Tage höchstens. Gegen Sturm
kann man nichts machen. Sturm ist höhere Gewalt.

Caligari: Das interessiert mich nicht. Wir haben
einen Vertrag.

Guttapercha: Ja selbstverständlich, Frau
Professor, aber.

Caligari: Alles ist präpariert. Ich muß die Ware
haben. Jetzt. Sobald sie in Babelshafen
ausgeschifft wird.

Guttapercha: Ja, laß ich sie auf schnellstem Wege
zu Ihnen ins Krankenhaus bringen, Frau Professor.

Jonas: Frau Professor, und diese Stimme? War das
nicht... Tatsächlich, Frau Professor Caligari. Ich
konnte sie deutlich erkennen durch den Türspalt,
auf dem Monitor des Bildfons. Was hatte die Chefin
von ZIP, vom Zentralinstitut für
Populationsforschung, in meinem neuen Fall zu
suchen? Das gefiel mir gar nicht.

Caligari: Also, Guttapercha, ich verlaß mich auf
Sie. Und wehe Ihnen, wenn ich mich irre.

Guttapercha: Jawohl, Frau Professor,
selbstverständlich, Frau Professor. Widerliches
Weib. – Ja, kommen Sie rein, die Tür ist auf. –
Was wollen Sie?

Jonas: Eine Bauchspeicheldrüse kaufen.

Guttapercha: Und wer sind Sie?

Jonas: Jemand, der `ne Bauchspeicheldrüse kaufen
will. Und bar bezahlen.

Guttapercha: Sie haben Pech.

Jonas: Wieso? Bin ich falsch bei Ihnen?

Guttapercha: Nein, bei mir kriegen Sie jedes
gewünschte Organ. In bestem Zustand. Bei mir. Nur
bei mir.

Jonas: Wo liegt das Problem?

Guttapercha: Es ist nichts da. Alles ausverkauft.
Ich warte auf neue Ware. Kann jeden Moment kommen.
Rufen Sie mich morgen an. Und jetzt raus mit
Ihnen. Falls Sie nicht lesen können, an der Tür da
vorn steht privat. Raus mit Ihnen, hab ich gesagt.

Jonas: Noch eine Frage: Mit wem haben Sie eben
foniert?

Guttpercha: Meine Assistenten, Mr. Crap und Mr.
Turt. Und der Typ hier ist ein neugieriger
Zeitgenosse, der zu viele Fragen stellt. Ihr
begleitet ihn zur Straße.

Mr. Crap: Friedlich, Chef?

Guttapercha: Wenn er friedlich ist.

Mr. Crap: Alles klar, Chef. Kommen Sie mit.

Jonas: Die beiden sogenannten Assistenten mit den
ansprechenden Namen setzten mich freundlich vor
die Tür. Und weil es spät war, und ich nichts
Besseres vorhatte, ging ich nach Hause. Apartment
plus Büro, 22 Quadratmeter. Trautes Heim. Ich
dachte nach. Welche Verbindung bestand zwischen
einer mächtigen Geheimorganisation wie ZIP und dem
schwarzen Organmarkt? ZIP wollte das
Überbevölkerungsproblem beseitigen, in dem es die
Bevölkerung beseitigte. Wenigstens teilweise. Und
der Schwarzmarkt tat genau das Gegenteil. Ich sah
nicht durch. Und Sam auch nicht. Unzureichende
Daten. Das sagt er immer, wenn er keine Ahnung
hat. Am nächsten Morgen rief ich Guttapercha an.

Guttapercha: Problem inzwischen bereinigt. Ihre
Bauchspeicheldrüse ist da.

Jonas: OK, ich komm gleich rüber.

Guttapercha: Nein, morgen Vormittag.

Jonas: Warum soll ich solange warten?

Guttapercha: Weil ich es sage.

Jonas: Merkwürdig. Aber wie auch immer.
Offensichtlich ist neue Ware eingetroffen. In
Babelshafen. Das heißt, übers Meer. Und das heißt.

Sam: Mit dem Schiff, Herr und Meister.

Jonas: Wenn ich dich nicht hätte, Sammy. Sieh doch
spaßeshalber mal nach, was für Schiffe zwischen
gestern Abend und heute früh in Babelshafen
eingelaufen sind.

Sam: Piep. Nur ein einziges, o Großadmiral der
sieben Meere. Der Superkühlfracht-segler El
Präsidente Tabasco. Aus Costaguana. Um 18 Stunden
verspätet. In aller Wahrscheinlichkeit handelt es
sich hierbei um das Transportmittel der schwarzen
Organe.

Jonas: Ich will’s genau wissen, Sam. Mach ne
Querverbindung. Landungen dieses Kühlschiffs aus
Costaguana, sagen wir, im letzten Jahr, und
Aktivität auf dem schwarzen Markt. Du hast doch
jetzt den Hypo-Code von Judith.

Sam: Aye Aye Sir.

Jonas: Ergebnis: Einen Tag nach Einlaufen der
Präsidente Tabasco brach auf dem Schwarzmarkt
munteres Treiben aus. Jedesmal. Die Sache war
klar. Aber ich wollte es noch genauer haben.

Jonas: Und jetzt noch ein kurzer Blick in die
Frachtpapiere. – Ja was ist, Sam?

Sam: Einen Augenblick Geduld, erhabener
Hafenkommandant. Piep. Piep. Information nicht
zugänglich.

Jonas: Nanu.

Sam: Höchste Geheimstufe. Unbekannter Code. Und
Aua.

Jonas: Was hast du, Sammy? Was ist passiert?

Sam: Ein elektronischer Hinterhalt. Infro-Anfrage
wurde abgefangen und zurückverfolgt.

Jonas: Sicher, Sam?

Sam: Leider ja, Wahna. Sam zerknittert, Wahna.
Erwischt auf falschem Fuß. Sam glauben nur
Routine, Wahna. Sam können nicht ahnen großes
Geheimnis im Busch.

Jonas: Krieg dich wieder ein, Sammy. Passiert ist
passiert.

Jonas: Knappe 24 Stunden später tanzte ich im
After Eight an, um dort meine Drüse abzuholen.
Ober-Organu Guttapercha steckte 3000 Euros ein,
drückte mir einen Kühlbehälter in die Hand, und
damit wollte ich gleich zu van Brendel, wie es
sich gehört für einen braven Privatdetektiv.

Guttapercha: Sie bleiben noch einen Moment hier,
Jonas.

Jonas: Danke, ich hab’s eilig. Ich möchte nichts
trinken.

Guttapercha: Zu trinken kriegen Sie auch nichts.
Sie kriegen was anderes. Nämlich das!

Jonas: Ah!

Jonas: Ehe ich was unternehmen konnte, hatten sie
mich schon fest im Griff. Die Herren Crap und
Turt.

Guttapercha: Ich habe es Ihnen schon mal gesagt,
Jonas. Sie sind zu neugierig, Sie und Ihr
gottverdammter Computer. Sie interessieren sich
für Sachen, die gefährlich sind. Sehr gefährlich.

Jonas: Das, das war wirklich reine Neugier. Nichts
Ernstes.

Guttapercha: Wissen Sie was, Jonas, das glaube ich
Ihnen sogar. Ich gebe Ihnen einen Rat. Vergessen
Sie die Präsidente Tabasco und alles was damit
zusammenhängt.

Jonas: Aber gerne, schon vergessen.

Guttapercha: Ob ich Ihnen das auch so ohne
weiteres glauben kann. Sicherheitshalber werden
wir Ihnen eine kleine Erinnerung mit auf den Weg
geben, ein Denkzettel, wie man so sagt. Wenn ich
bitten darf, Mr. Crap, Mr. Turt.

Mr. Crap: Jawohl, Chef.

Guttapercha: Langsam, haut ihn nicht gleich zum
Krüppel. Denkzettel habe ich gesagt, eine
freundschaftliche Abreibung, mehr nicht.

Mr. Crap: Schade.

Jonas: Nach der Abreibung ließen sie mich laufen.
Mit der Bauchspeicheldrüse. Laufen konnte ich
noch, und auch sonst war ich noch einigermaßen
beieinander. Kleinere Betriebsunfälle steckt Jonas
weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Nachdem ich
mich mit einem dreistöckigen Whiskey erfrischt
hatte, rief ich meinen Auftraggeber an, und
bestelle ihn zu mir.

Jonas: Bitte sehr. Einmal Pankreas on the rocks.

Brendel: Wunderbar, ganz wunderbar. Ich kann Ihnen
gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin. Hatten
Sie Schwierigkeiten?

Jonas: Ein bißchen.

Brendel: Aber das hat Sie nicht abgehalten. Sie
nicht. Sie haben die Sache großartig gemacht,
Jonas. Wie, will ich gar nicht wissen. Was kriegen
Sie?

Jonas: Insgesamt drei Tage zu je 80 Euros, das
macht, äh... äh Sam?

Sam: Äh, äh, 240 Euros, o Gaus, Euklid nebst öh,
Einstein. Plus 270 Euros Spesen, welche sich
zusammensetzen wie folgt.

Brendel: Nicht nötig, geschenkt. Mein Computer
wird Ihrem Computer den Betrag sofort
gutschreiben. Dazu einen Bonus von 300 Euros, weil
Sie so tüchtig waren, und so fix.

Jonas: Na bitte. Es gab eben noch wahre
Dankbarkeit unter den Menschen. Ich war um runde
600 Euros reicher. Und das wär’s gewesen. Aber ich
war nicht nur reicher, ich war auch stur. So stur
wie der alte Phil Marlowe. Mindestens. Für mich
war die Sache noch nicht zu Ende.

Sam: Costaguana, o starker Atlas, der du die Welt
weder auf den Schultern trägst noch im Kopfe,
Costaguana ist ein kleiner Staat in
Zentralamerika. Eine sogenannte Bananenrepublik.
Bevölkerung: ca. 23 Millionen. Export tropische
Früchte. Keine Industrie. Regierungsform:
Präsidentschaft ohne Parlament.

Jonas: Besondere Kennzeichen: keine. Und da kommen
also Organe für unseren schwarzen Markt her, in
Mengen. Interessant. Was hätte Marlowe in meinem
Fall gemacht, Sam?

Sam: Nachgehakt, Chef, nachgebohrt.

Jonas: Dann bohren wir doch mal ein bißchen.
Wieviel habe ich auf dem Konto?

Sam: 1102 Euros, o du mein Nabübchen.

Jonas: Soviel?

Sam: Die Abfindung im Reservatsfall ist noch immer
nicht zur Gänze ausgegeben, o König Midas, oder
meine ich Krösus?

Jonas: A ja. Das dürfte reichen, Sammy.

Sam: Wofür, euer Wohlhabenheit?

Jonas: Costaguana. Hin und zurück.

Sam: Nie im Leben, Kumpel. Schon der einfache Flug
mit Chemorock.

Jonas: Chemorock. Wer spricht denn von Chemorock.
Bin ich Millionär? Schiff, Sammy, Lastensegler.
Damit fahren wir rüber nach Costaguana, und sehen
uns da mal ein bißchen um. Und wenn bei der
Organgeschichte nichts rauskommt, dann machen wir
vielleicht ein paar Tage Urlaub.

Sam: Urlaub. Blauer Himmel. Weißer Sand. Grüne
Palmen.

Jonas: Meinst du, so was gibt’s noch in
Costaguana?

Sam: In der Sonne liegen. Im Meer baden.

Jonas: Baden. Im Meer. Jetzt spinnst du aber
wirklich, Sam. Wir leben doch nicht mehr im 20.
Jahrhundert. Zurück in die Gegenwart, marsch
marsch.

Sam: Jawohl, Herr General. Erlaube mir den
Hinweis, als eines von nur noch drei Ländern auf
dieser unserer Erde, huldigt Costaguana dem
atavistischen Visumzwang. Derohalb und
Dessentwegen.

Jonas: Werden wir ein Visum beantragen müssen,
Sam. Wo?

Sam: Im Costaguanesischen Generalkonsulat zu
Babelshafen, Exzellenz.

Jonas: Ich rief an, und erfuhr, ich müßte mir das
Visum persönlich abholen. Also auf nach
Babelshafen. Mit der Druckluftpost im
Metallzylinder, auch bekannt als Sardinenbüchse.
Weil jeder Passagier sich auf nur einem viertel
Quadratmeter einrichten muß. 10 Minuten zischten
wir durch die Röhre. Und ich war da. In Babylons
Tor zur Welt. Am Ufer des nordischen Meerbusens.
Die übliche Hafen-Atmosphäre. Wellen und Wind. Die
Silhouetten der riesigen computergesteuerten
Frachtsegler an den Kais. Nur die Möwen fehlten.
Die Kneipen voll von leichten Mädchen und leichten
Jungs für Seemänner und Seefrauen. Irgendwo
dazwischen lag das Generalkonsulat von Costaguana.
Und hier sah sich der Typ hinter dem Schreibtisch
meine Bürgerkarte an, als hätte ich ihm einen
abgelaufenen philippinischen Paß in die Hand
gedrückt.

Konsulatsbeamter: Jonas, hhm. Leider kann Ihnen
das Visum nicht sofort ausgestellt werden, Senior,
eine technisch bedingte Verzögerung. Sie
verstehen.

Jonas: Nein. Wann kann ich das Visum kriegen.
Maniana?

Konsulatsbeamter: Ich bitte Sie, Senior. Nur ein
paar Minuten. Wenn Sie solange im Nebenzimmer
Platz nehmen würden. Die rechte Tür.

Jonas: Ah!

Jonas: Die Sonne machte einen jähen Kopfsprung
hinter den Horizont, der Mond raste über den
Himmel, die goldenen Sternlein prangten, es wurde
plötzlich Nacht, und ich legte mich zur Ruhe.
Irgendein Zeitgenosse hatte mir ein höchst
wirksames Schlafmittel über den Schädel gezogen.
Als ich aufwachte, war es immer noch Nacht. Der
Mond schien, das Meer rauschte, und die ganze
friedliche Stimmung hatte nur einen
Schönheitsfehler. Um mich herum standen die Herren
Crap, Turt und Guttapercha. Letzterer hielt einen
Laserstrahler in der Hand, die Mündung auf meinem
Magen gerichtet. Als ich das im Schein der trüben
Hafenfunzeln sah, machte ich die Augen ganz
schnell wieder zu.

Mr. Crap: Und was nu, Chef?

Guttapercha: Was schon? Weglasern. Dann ins Wasser
mit dem Kerl. Der macht uns keine Schwierigkeiten
mehr.

Mr. Crap: OK, Chef, Sie haben den Laser.

Guttapercha: Ich? Also, vielleicht macht das doch
besser einer von euch. Crap?

Mr. Crap: Wie Sie wollen, Chef. Dann schmeißen Sie
das Ding mal rüber.

Jonas: Mein Stichwort. Ich kam hoch, und bevor die
drei was mitkriegten, hatte ich den Laser in der
Hand. Amateure. Das heißt, Crap und Turt waren
immerhin soweit Experten, daß sie sich ganz
schnell in die Büsche schlugen. Guttapercha wollte
auch, aber er war ein bißchen zu lahm. Und weil
ich gerne einen der Brüder dabehalten hätte, um
ihn auszuquetschen, schickte ich ihm einen
Laserstrahl nach. Das Knie war gemeint, aber ich
war noch nicht voll da, und traf ihn einen guten
Meter höher. Guttapercha fiel um, und als ich bei
ihm war, lebte er nicht mehr. Ich sah mich um,
keiner da, um so besser. Ich räumte ihm die
Taschen aus, und dann, was sollte ich machen,
rollte ich ihn ins Wasser.

Sam: Die Affäre, o Poposeidon, nimmt ungeahnte,
und wie zu bemerken ich mich nicht enthalten zu
können glaube, höchst gefährliche Dimensionen an.

Jonas: Sam hatte ich bei mir. Sam habe ich immer
und überall bei mir. Natürlich nicht den großen
Kasten, der im Büro steht, sondern Sam zwo oder
auch Pocket-Sam. Ein Ableger im Miniformat. Guter
Rat in jeder Lage, und Gesellschaft dazu.

Jonas: Irgendwer hat irgendwas zu verbergen.

Sam: Und scheut, wie es scheint, selbst vor Mord
nicht zurück.

Jonas: Wenn schon. Jetzt erst recht.

Sam: Leicht gesagt, wie wollen Durchlaucht nach
Costaguana kommen ohne Visum?

Jonas: Sieh mal an. Ein Dauervisum für Costaguana,
ausgestellt auf Archimedes Guttapercha. Schade,
daß ich dem Kerl gar nicht ähnlich sehe. Das
Holobild läßt sich nicht ändern, leider.

Sam: Das Holobild nicht, wohl aber dero Antlitz.

Jonas: Mein Gesicht? Plasti-Face meinst du?

Sam: Natürlich, Genosse. Andererseits aber auch
wieder nicht natürlich, da für euer Gnaden
Geldbeutel viel zu teuer.

Jonas: Tja, Sammy, du weißt eben doch nicht alles.

Sam: Wie darf ich das verstehen?

Jonas: Wir haben Bargeld, Sam. Der gute alte
Guttapercha, möge er in Frieden schwimmen, hatte
einen ganzen Tausender in der Tasche, welchen
einem guten Zweck zuzuführen ich nicht zögern
werde.

Sam: Majestät wollen sich gesichtsmäßig in
Guttapercha umwandeln?

Jonas: Wenn’s zur Wahrheitsfindung beiträgt.

Sam: Amen.

Jonas: In Babelshafen gibt es alles. Auch einen
Plasti-Face-Shop, direkt neben dem letzten, in
Ehren ergrauten Tätowierer, dem ich im Vorbeigehen
einen freundlichen Gedanken widmete. Von Kollege
zu Kollege sozusagen.

Angestellte: Ein anderes Gesicht, der Herr? Warum
nicht? Öfter mal was Neues, sagten schon unsere
Großeltern. Und wie wünschen Sie?

Jonas: So. Wie auf diesem Holo.

Angestellte: Hmh. So wollen Sie aussehen?
Wirklich? Unter uns, also ich würde an Ihrer
Stelle dann doch lieber das Gesicht behalten, das
Sie jetzt auf dem Hals tragen. Nein? Na gut, es
ist Ihr Bier und unser Geschäft. Wann paßt es
Ihnen?

Jonas: Sofort.

Angestellte: Wollen mal sehen. Ja, zufällig ist
ein Platz im Tank frei. Legen Sie ab.

Jonas: Die Prozedur war kurz, teuer und
schmerzlos. Ich stieg in den Elektro-Plastik-tank
als Jonas, und als ich rauskam war ich, vom Hals
ab aufwärts, Archimedes Guttapercha. Mir blieb
auch nichts erspart. Ich nahm mir vor, eine Zeit
lang nicht in den Spiegel zu kucken. Mit dem neuen
Gesicht und mit dem Visum kriegte ich ohne
Schwierigkeit ein Ticket nach Costaguana. Ich
mußte mich beeilen. Die Präsidente Tabasco wollte
gleich ablegen. Vorher rief ich vom Kai aus in
Babylon an.

Judith: Hier spricht die automatische
Fonbeantwortung Judith Delgado. Sie hören eine
Aufzeichnung. Durch einen beruflichen Wechsel bin
ich zur Zeit stark in Anspruch genommen und daher
vorläufig nicht zu erreichen. Hinterlassen Sie
bitte eine Nachricht. Bitte sprechen. Bitte
sprechen.

Jonas: Auch Jonas können die Worte fehlen. Meist
gerade dann, wenn er sie händeringend braucht.
Nichts zu machen. Aufbruch ohne Abschied ist
sowieso besser. El Präsidente Tabasco landete
pünktlich in El Dorado, der Haupt-, Hafen- und
überhaupt einzigen Stadt von Costaguana. Und der
Mann mit Guttaperchas Gesicht wurde empfangen wie
ein Staatsgast.

Posada: Senior Archimedes Guttapercha,
Oberstleutnant Elena Posada, Adjutantin erster
Klasse bei seiner Erhabenheit, dem Präsidenten.

Jonas: Tante Gusto Tenjente, stehen Sie bequem.

Posada: Ich habe die Ehre, Sie in Ihr Hotel zu
begleiten. Sie werden in Kürze Gele-genheit zu
einer Audienz bei seiner Erhabenheit erhalten. Ich
darf Ihnen versichern, daß seine Erhabenheit dem
Gespräch mit größtem Interesse entgegen sieht.

Jonas: Ich auch. Aber zuerst das Hotel. Eine große
Suite. 80 Quadratmeter mindestens. Essen so so,
Trinken bestens. Whiskey, echter, nicht Synth. Zur
freien Verfügung. Costaguana war ein
Schlaraffenland, wenn man Guttapercha hieß, oder
wenigstens so aussah. Ich versuchte einen Plan zu
machen, aber dazu ging alles viel zu schnell. Eine
knappe Stunde später saß ich in einem Benzinauto.
So was gab’s noch im wilden Amerika.

Posada: Um der Unterredung den passenden Rahmen zu
geben, wünscht seine Erhabenheit, Sie in La
Installation zu empfangen.

Jonas: La Installation, was ist das?

Posada: Sie scherzen, Senior Guttapercha.

Jonas: Erstaunlich viel Soldaten haben Sie
hierzulande, Oberstleutnant.

Posada: In Costaguana gibt es keine Soldaten,
Senior Guttapercha.

Jonas: Ach nein? Und die bewaffneten Uniformierten
da draußen?

Posada: Angestellte, Senior Guttapercha,
Angestellte im Ministerium für Außenhandel, aber
das wissen Sie doch. Sie sind doch nicht zum
ersten Mal bei uns.

Jonas: Von da ab hielt ich lieber den Mund. Und
sah nur noch stumm aus dem Fenster. Durch die
Bananenpflanzungen rechts und links rollten
gewaltige Agarautomaten. Die wenigen jämmerlichen
Siedlungen dazwischen waren bewacht und
eingezäunt. Und eingezäunt oder besser eingemauert
war auch unser Ziel, La Installation, was immer
das sein mochte. Wir fuhren durch ein bewachtes
Tor in der Mauer, und dann lag sie vor uns, die
Installation. Mehrere große miteinander verbundene
Gebäude, die Fassaden bemalt im schönsten
bananenrepublikanischen Barock, dahinter Rohre und
Schornsteine, die munter rauchten. Anscheinend
eine Art Fabrik. Und über dem Ganzen ein süßer
Hauch von Fäulnis.

Posada: Senior Archimedes Guttapercha aus Babylon,
Vereinigte Staaten von Europa. Seine Erhabenheit,
der Präsident General Don Alfredo Lopez Tabasco de
Maricon Ibustament.

Tabasco: Meine liebe Elena, warum so förmlich? Wir
kennen uns. Wie geht’s, mein Freund?

Jonas: Danke, Er... Erhabenheit.

Tabasco: Nennen Sie mich Fred. Sie haben
abgenommen, Guttapercha. Der Streß, nicht wahr.
Immerhin liegt unser gesamter Export in die VSE in
Ihrer Hand, in Ihrer bewährten Hand.

Posada: Nicht zu vergessen die Union der
Volksrepubliken, Erhabenheit.

Tabasco: Richtig, die UVR haben Sie ja auch.
Respekt, mein lieber Guttapercha, Sie sind
wirklich unsere Nummer eins drüben, abgesehen
natürlich von Frau Professor Caligari, aber die
ist eine Klasse für sich, nicht wahr?

Jonas: Seine Erhabenheit war noch jung, und wirkte
in seiner edelsteinbesetzten Uniform wie eine
Kreuzung aus intergalaktischem Generalissimus und
Anmacher vor einem Stimulationsschuppen. Und er
redete auch wie ein Anmacher. Ohne Punkt und
Komma.

Tabasco: Erzählen Sie, mein lieber Guttapercha,
gibt’s was Neues auf ihrem schwarzen Markt? Wie
gehen die Geschäfte? Was macht die Korporation?

Posada: Si? Momentico. Für Sie, Erhabenheit.

Tabasco: Danke, Elena. Ja, was. Ja. Nein.

Posada: Noch ein Whiskey, Senior Guttapercha?

Jonas: Warum nicht, danke.

Tabasco: Nein, das mach ich selbst. Lassen Sie Ihr
Glas stehen, mein lieber Guttapercha, Sie können
später austrinken. Wir machen eine Führung. Eine
Führung durch La Installation. Wenn ich mich nicht
irre, waren Sie noch nie hier, oder?

Jonas: Nein, Erhabenheit.

Tabasco: Fred, mein lieber Guttapercha. Fred.

Posada: Wünschen Erhabenheit, daß ich die
Leibgarde rufe?

Tabasco: Nicht doch, Elena, wir sind unter uns.
Unter Freunden. Ein zwangloser Rundgang zu dritt.
Informell. Intim. Enmarcha.

Jonas: Durch einen langen Gang kamen wir auf eine
Plattform. Nein, eine Plattform war es eigentlich
nicht. Eher eine Scheibe aus Plexiglas,
durchsichtig und ungeheuer groß. Mindestens 100
mal 100 Meter. Sie war gleichzeitig Fußboden und
Decke. Wir standen darauf, und unter unseren Füßen
sahen wir einen weiten Raum, durch Zwischenwände
unterteilt in viele viele schmale Verschläge. Wie
Waben in einem Bienenkorb. In jedem Verschlag
hockte oder lag ein Mensch, nackt, reglos, aber
atmend.

Tabasco: Betäubt, mein lieber Guttapercha.
Ruhiggestellt. Das ist praktisch, human und nicht
teuer, weil wir das Opium im Lande produzieren. In
erster Linie achten wir natürlich darauf, daß sie
tüchtig essen. Wie spät ist es, Elena?

Posada: 17 Uhr 32, Erhabenheit.

Tabasco: Schade. Die nächste Fütterung findet erst
in drei Stunden statt. Das hätte ich Ihnen gern
gezeigt, mein lieber Guttapercha. Wenn Sie... wenn
Sie an diesem Hebel ziehen, öffnet sich im
Plexiglas eine Klappe. Hier. Wie Sie bemerken,
befindet sich darunter, unter der Klappe, ein
Trog. Und in diesen Trog wird von hier oben der
Brei gegossen. Wir füttern eine äußerst gesunde
Mixtur. Proteine, Eiweiß, Vitamine etc.
Schließlich wollen wir unseren guten Kunden und
Abnehmern fehlerlose Ware liefern. Abnehmer. Da
fällt mir ein, vor wenigen Minuten habe ich übers
Telefon eine betrübliche Mitteilung erhalten. Ihre
Waffe ist schußbereit, Elena?

Posada: Jawohl, Erhabenheit.

Tabasco: Äh, ja, was wollte ich sagen.

Jonas: Eine betrübliche Mitteilung, Erhabenheit.

Tabasco: Ja.

Jonas: Äh, Fred.

Tabasco: Richtig. Stellen Sie sich vor, unser
europäischer Zwischenhändler ist tot. Man hat ihn
bei Babelshafen aus dem Wasser gefischt. Ein
gewisser Archimedes Guttapercha. Tüchtiger Mann.
Wir werden sein Andenken in Ehren halten. – Sie
sagen nichts?

Jonas: Was soll ich sagen? Ich bin sprachlos. Ganz
offensichtlich eine Falschmeldung.

Tabasco: Das glaube ich kaum. Wenn er eine
verdächtige Bewegung macht, Elena, dann schießen
Sie.

Posada: Zu Befehl, Erhabenheit.

Tabasco: Sehen Sie, mein lieber falscher
Guttapercha, gerade eben haben Sie behauptet, Sie
seien noch niemals hier gewesen. Nun hat aber der
gute echte Guttapercha La Installation schon
mehrmals besucht. Geben Sie auf? Sie müssen dieser
Mensch sein, von dem Guttapercha erst kürzlich aus
Babylon berichtete. Ein biblischer Name, äh,
Josafad, Jonathan...

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Tabasco: Jonas, ganz recht. Sie sind neugierig,
mein lieber Jonas. Sie wollen hinter die Kulissen
des schwarzen Organhandels sehen. Bitte sehr.
Sehen Sie. Das hier ist die Quadra, der Stall.
Weiter hinten die Anästhesie. Schonend und human,
das kann ich Ihnen versichern. Und das eigentliche
Schlachthaus, die Carniserisa. Eine weitgehend
automatisch arbeitende Anlage, hygienisch, sauber,
auf dem neuesten Stand der Technik. Dann gibt es
noch die Speicher und die Kühlsysteme.

Jonas: Danke, das reicht mir.

Tabasco: Aber mein lieber Jonas, seien Sie doch
nicht so emotional. Betrachten Sie die Sache
vernünftig, mit kühlem Kopf. Costaguana ist ein
armes Land. Unser einziger Rohstoff ist der Boden.
Und den haben wir schon vor Jahrzehnten verkauft
an Bananas Incorporated USA. Ansonsten haben wir
Menschen. Menschen im Überfluß. Als Arbeitskräfte
sind sie nicht gefragt. Die Bananenplantagen
werden vollautomatisch bewirtschaftet. Was tun?
Mein verehrter Herr Vorgänger und Vater hatte eine
großartige Idee. Auch der Mensch ist Rohstoff und
als solcher verwertbar. Zumindest in Teilen. Die
eigentlichen Dimensionen dieser seiner Idee sind
Papa allerdings noch nicht voll aufgegangen. Er
fing klein an, politische Gegner, Guerilleros, die
ihm Sorgen machten, wurden nicht mehr wie in alter
Zeit an die Wand gestellt und verscharrt. Das, so
Papa, sei Verschwendung. Er ließ die Leute
zerlegen und verkaufen. Aus solch bescheidenen
Anfängen ist inzwischen eine Großindustrie
geworden. Die Bevölkerung vermehrt sich fromm und
fleißig. Wir haben auf dieser Basis aufgebaut, wir
haben erweitert, wir haben investiert, dank der
finanziellen Hilfe, die wir über ZIP und Frau
Professor Caligari bekommen haben. Und so haben
wir vor noch nicht einmal einem Jahr La
Installation einweihen können. Ein Musterbetrieb,
mein lieber Jonas. In seiner Art einmalig auf der
Welt.

Jonas: Das will ich doch hoffen.

Tabasco: Unsere Ware geht in den schwarzen
Weltmarkt. Offiziell, das versteht sich, können
wir nicht bekannt geben, wie wir produzieren, aber
die Regierungen, alle Regierungen, auch ihre, mein
lieber Jonas, wissen Bescheid. Nicht nur, daß sie
nichts gegen uns unternehmen, sie greifen uns auch
hilfreich unter die Arme. Organe zum
Transplantieren sind weltweit knapp. Ohne
Schwarzmarkt geht es einfach nicht. Wenn es uns
nicht gäbe und unsere Lieferungen, dann würde der
Nachschub von ihren Kriminellen organisiert
werden, und die würden sich die Organe nachts auf
den Straßen besorgen. Bevor es dazu kommt, in den
VSE, den USA, der UVR, bevor man es soweit kommen
läßt, handelt man denn doch lieber mit uns. Ein
Marktproblem, mein lieber Jonas, Angebot und
Nachfrage. Die Welt, die reiche, die
industrialisierte Welt, braucht dringend Organe.
Wir haben, wir liefern und wir verdienen. Wir
verdienen nicht schlecht. Apropos, wie hoch
schätzen Sie sich ein, mein lieber Jonas? Ihr
Schweigen, meine ich. Es ist ja nicht unbedingt
nötig, nicht wahr, daß alle Welt informiert wird
über unsere Organindustrie. Gewisse kuriose
Menschen, wie es sie gerade bei Ihnen gibt,
könnten Geschrei erheben. Keine ernsthafte
Bedrohung, aber doch lästig. Kurz gefragt, mein
lieber Jonas, wieviel?

Jonas: Mein lieber Fred, ich bin unbezahlbar.

Tabasco: In diesem Falle, mein bester, werden wir
Sie wohl verwerten müssen, schade.

Jonas: Wir waren noch immer auf der Plattform aus
Plexiglas, hoch über den willenlosen
Organspendern, zu denen bald auch Jonas gehören
sollte. Dagegen mußte was unternommen werden. Ich
machte einen Plan. Es war vielleicht kein sehr
guter Plan, aber ein besserer fiel mir nicht ein.

Tabasco/Posada: Ah!

Jonas: Ich wartete, bis Präsident und Adjutantin
zusammen auf der Futterklappe standen, suchte
hinter dem Rücken mit der linken Hand den Hebel,
fand ihn, zog daran, die Klappe ging auf, beide
stürzten in den Futtertrog und blieben bewußtlos
liegen. Ende des ersten Akts. Zweiter Akt. Ich
kletterte vorsichtig nach unten, zog sie aus, ein
nackter Präsident unterscheidet sich nicht
erheblich von einem nackten Pion, legte sie in
zwei freie Verschläge und ließ sie an den Enden
der Gummiröhrchen lutschen, die in den Opiumtank
führten. Die Uniformen versteckte ich unter einer
Pritsche. Dritter Akt: Ich stieg wieder nach oben
und dachte laut nach, zusammen mit Sam.

Sam: Seine Erhabenheit, der Präsident, wie auch
Oberstleutnant Posada, können meinem Meister kaum
noch gefährlich werden. Aller Voraussicht nach
werden sie unerkannt zu menschlichen Ersatzteilen
verarbeitet werden.

Jonas: Sicher, Sammy, aber das ist nicht das
Problem.

Sam: Sondern?

Jonas: Wie komme ich hier raus?

Sam: Das sollte dem hochgeehrten Staatsgast
Arch... Arch... Archimedes Guttapercha keine
Schwierigkeiten machen.

Jonas: Du bist nicht auf dem Laufenden, Sam. Die
Story ist geplatzt.

Sam: Hoheit belieben sich in einem Irrtume zu
befinden. Wer weiß denn von dero wahrer Identität,
doch nur Präsident Tabasco und seine Adjutantin,
sonst niemand.

Jonas: Stimmt, Sam. OK, bluffen wir uns raus.

Jonas: Entschlossen marschierte ich durch die
Korridore der Installation, und sah keinen
Menschen. Bis ich zu dem Raum kam, wo der
Kerncomputer der Sicherungsanlage arbeitete, hier
stand ein Soldat Wache. Aber bald stand er nicht
mehr, er lag. Verschnürt mit einem kräftigen
Kabel. Und der geehrte Staatsgast studierte die
Anlage.

Jonas: Was hältst du davon, Sam?

Sam: Nun ja, der allerletzte Schrei ist es nicht,
aber immerhin der vorletzte.

Jonas: Kommst du rein, Sammy?

Sam: Das wird sich machen lassen. Was befielt mein
Herr und Meister?

Jonas: Als erstes unterbrichst du jede Verbindung
nach außen.

Sam: Wird gemacht, Chef.

Jonas: Dann müßtest du die elektronische Sicherung
auslösen, und festklemmen. Verstehst du. Das
niemand mehr raus oder reinkommt. Und daß die
Sperre von innen nicht aufzuheben ist.

Sam: Schwierig, aber nicht unmöglich. Vermutlich
wünschen Durchlaucht den Komplex vorher zu
verlassen.

Jonas: Soviel Zeit mußt du mir schon geben, Sam.
In sieben, acht Minuten sollte ich spätestens am
Tor sein. In 10 Minuten machst du den Laden dicht,
klar?

Sam: Countdown läuft.

Jonas: Bis zum Tor klappte der Zeitplan, aber dann
kam Sand ins Getriebe, der Wächter war
mißtrauisch, wie Wächter nun mal sind und
bewaffnet bis an die Zähne.

Soldat: Halto. Passaporte.

Jonas: Lobenswerte Pflichterfüllung, mein Guter,
aber in meinem Fall absolut unnötig. Ich bin Gast
seiner Erhabenheit des Präsidenten, machen Sie
keine Geschichten, lassen Sie mich durch.

Soldat: Nix. Nur durch mit Passaporte spezial. Don
del passaporte spezial.

Jonas: Ich brauch keinen Sonderausweis. Gott, ist
der Kerl stur. Wieviel Zeit haben wir noch, Sammy?

Sam: Acht Sekunden.

Jonas: Also noch mal, Amigo, ich bin Staatsgast,
Ehrengast, du mich durchlassen, sonst du
erschossen. Bum.

Soldat: No. Hamas. Ho! Alarma!

Jonas: Caramba!

Sam: Eine Sekunde.

Jonas: Ein munteres Durcheinander. Einen
Augenblick lang war der Posten verwirrt. Ich stieß
ihn zur Seite und machte einen gewaltigen Satz
vors Tor. Der Kerl riß einen Flammenwerfer hoch,
da sagte Sam zero. Und prompt ging zwischen mir
und dem Posten die unsichtbare elektronische
Schutzwand runter. Gefahr vorbei, Feuer kam nicht
durch. Ich setzte mich in das Auto, das mich
hergebracht hatte, und fuhr zurück. Nicht nach El
Dorado, sondern an der Stadt vorbei zum Flughafen.

Jonas: Wenn alles klappt, Sam, sind wir in zwei
Stunden zuhause.

Sam: Wie dieses, Sahib? Ein Lastensegler?

Jonas: Nichts Lastensegler. Chemorock, Sammy,
Chemorock.

Sam: Angesichts der finanziellen Situation euer
Majestät dürfte ein Heimflug mittels chemischer
Rakete sich als entschieden zu kostspielig
erweisen.

Jonas: Ach weißt du, Sam, ich hab schon wieder
eine hilfreiche Hosentasche gefunden. Diesmal bei
seiner Erhabenheit. Und darin steckt eine dicke
Rolle 1000-Peso-Noten. Der Präsident hat nichts
mehr davon, und ich kann’s gut gebrauchen. Für
Chemorock-Luxusklasse, und für die
Costaguanesischen Ausreisebeamten mit den offenen
Händen und den zugedrückten Augen.

Sam: Wenn der bescheidene Rechenknecht ein Fazit
ziehen darf, Hoheit sind heil in Babylon
eingetroffen, haben sich, dem Himmel sei Dank, in
Jonas zurückverwandelt, und können einen
Reingewinn von rund 7500 Pesos verbuchen. Piep.
232 Euros zum heutigen Umrechnungskurs.

Jonas: Soweit so gut, Sam. Aber der Fall ist noch
nicht abgehakt und ausgestanden. Es muß sich doch
irgendwas tun lassen gegen den Schwarzmarkt, gegen
die Organwirtschaft in Costaguana.

Sam: Und was, o Helfer der Witwen und Waisen.

Jonas: Wenn ich das wüßte, Sammy.

Jonas: Ich rief Judith an. Aber Judith war nicht
zu Hause. Ich rief Julian van Brendel an. Weil ich
eine dankbare menschliche Stimme hören wollte.
Aber der war auch nicht zu Hause.

Jonas: Wer spricht?

Computer: Hier ist der persönliche Computer des
Herrn Julian van Brendel. Herr van Brendel ist
verschieden.

Jonas: Was? Woran? Wann?

Computer: Herr van Brendel starb am 24. September
2009 während einer Transplantation. Todesursache:
Unverträglichkeitsreaktion auf die ihm übertragene
Bauchspeicheldrüse.

Jonas: Beileid.

Computer: Hier ist der persönliche Computer des
Herrn Julian van Brendel, Herr van.

Jonas: Unverträglichkeit. Und Frau Prof. Caligari.
Ich hab so ne Ahnung. Sam!

Sam: Mein Gebieter.

Jonas: Ratio der Todesfälle durch
Unverträglichkeit bei Transplantation illegal
erworbener Organe.

Sam: Zeitraum?

Jonas: Dieses Jahr. Vom 1. Januar bis heute.

Sam: Kommt sofort, Meister. Piep. Rate besagter
Todesfälle liegt um 187 % über dem Durchschnitt
des Jahres 2008.

Jonas: 187 %. Das ist es, Sammy.

Sam: Das ist was, o Inbegriff aller Intelligenz.

Jonas: Paß auf. Nach der Ausschiffung kommen die
schwarzen Organe nicht gleich auf den Markt,
sondern erst zu Frau Professor Caligari, ins
Zentralkrankenhaus. Und da werden sie verseucht,
vergiftet, unverträglich gemacht, was weiß ich. So
schlägt ZIP zwei Fliegen mit einer Klappe. In
Costaguana wird die Bevölkerung dezimiert, und bei
uns auch. Alles paßt zusammen, Sam. Und jetzt weiß
ich auch, was wir tun müssen. Wir bringen die
Geschichte unter die Leute.

Sam: Sinnlos, großer Häuptling. Was im
Schlachthaus von Costaguana passiert, interessiert
hier keinen Menschen, der eine neue Niere braucht
oder ein neues Herz.

Jonas: Stimmt schon, Sammy, aber daß er an einer
neuen Niere und einem neuen Herzen eingehen wird,
das interessiert ihn, da kannst du sicher sein.
Und das verbreiten wir. In den Dateien, den
Medien, überall.

Jonas: Vorher rief ich noch mal bei Judith an.
Aber Judith war immer noch nicht zu sprechen.
Jonas war allein. Abgesehen von Sam natürlich.

Jonas: Weißt du, Sam, wie ich mich fühle? Wie ein
Bessett, dem man auf die Ohren getreten hat.

Sam: Was, o Herr und Gebieter, ist ein Bessett?

Jonas: Berechtigte Frage, Sammy. Gehen wir an die
Arbeit.

Sam: Piep. Wau Wau.

Das war Schlachthaus. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein
Super-computer Sam war Joachim Wichmann. Es
wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Andrea Dahmen,
Peter Fricke, Alexander Malachovsky, Edwin Noel,
Günter Sauer und viele andere (Fred Klaus,
Wilfried Klaus, Andrea Rosenberg, Heiner Schmidt,
Selestino Sanchez, Renate Grosser). Ton und
Technik: Günter Heß und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Heiner
Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks
(1984). Redaktion: Dieter Hasselblatt und Erwin
Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Requiem

Sam: Alles neu macht der Mai, macht die Seele froh
und frei.

Jonas: Sam! Halt den Schnabel, Sammy.

Sam: Aber Chef, Sam hat keinen Schnabel. Sam ist
kein Vogel. Sam ist ein Computer. Laß das Haus,
kommt hinaus, bindet einen Strauß.

Jonas: Und Computer, die nicht gehorchen, kommen
auf den Schrottplatz. So, jetzt kann ich mal was
sagen. Zur Richtigstellung sozusagen.

Jonas: Es war nämlich gar nicht Mai. Nicht mal ein
bißchen. Im Gegenteil. Es war Herbst. Trüber
grauer Spätherbst. 7. November 2009. Und alles
neu, das stimmt auch nicht, jedenfalls nicht ganz.
Gut, ich hatte mir was Neues zum Anziehen
geleistet, einen antiken Trenchcoat Marke Bogie,
nicht billig, aber edel. Meinte Judith. Und für
den guten Sam war ein funkelnagelneuer Vocoder
drin gewesen. Der vorige hatte an hochgradiger
Altersschwäche gelitten. Immerhin hatte er, ja,
fast 5 Jahre auf dem Buckel. Im Jahr 2005 hatte
ich Sam gekauft. Damals hieß er noch nicht Sam,
sondern...

Sam: Doktor Chrysostomus MacCoy Incorporated.

Jonas: Sam ist mein Computer. Seine erste und
eigentliche Existenz hat er in meinem Büro, als
unbeweglicher Kasten, Terminal, Nerven- und
Schaltzentrum, Kartei, Datei et cetera. Dann gibt
es noch Sam zwo. Die Taschenausgabe mit drahtloser
Verbindung zu Sam eins. Sam zwo hab ich ständig
bei mir. Ich brauche ihn. Auch wenn er mir oft
genug auf die Nerven geht. Er ist nämlich
überzüchtet. Überhochmetzt. Programmatisch
überfüttert. Oder sagen wir einfach verrückt.

Sam: O du mein Jonas. Jonas über alles. Ich kann
dir nicht böse sein. Hast du doch tief in die
Tasche gegriffen, um mich mit einem neuen Vocoder
zu beglücken. Ist er nicht schick? Klingt er nicht
wunderbar? Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
durch des Frühlings holden belebenden Blick.

Jonas: Du bringst dich auf den Schrottplatz,
Sammy.

Jonas: Sie hören es: Sam war wieder so gut wie
neu. Und die Beziehung zwischen Judith und mir
auch. Wir wollten noch mal anfangen, nach den
Streitereien der letzten Monate.

Jonas: Also doch irgendwie Mai. Trotz November.

Sam: Sag ich doch, Alter.

Jonas: Weil wir beide, Judith und ich, Nostalgiker
sind, buchten wir Plätze im Romantic-Park. Und im
Romantic-Park ist es immer Frühling. Dank Klima-
Konverter und Holo-Projektion. Wir saßen auf
unserer Zweier-Bank. Über uns wölbte sich ein
klarer Sternenhimmel. Auf kleinen Teichen
schwammen große Schwäne, weiß, wie frisch aus der
Waschmaschine. Aus dem Gebüsch dudelten Soft-Pop
und Nachtigallen vom Band. Soweit alles Bestens.
Wenn da nicht ein altes Problem in der lauen Mai-
Nacht gestanden hätte.

Judith: Gib`s zu, Jonas, es ist nur Stolz.

Jonas: Nur?

Judith: Dummer alberner unsinniger Stolz. Du bist
zurückgeblieben, Jonas. 50 Jahre mindestens.

Jonas: Na und? Die Mitte des 20. Jahrhunderts ist
meine Zeit. Die Zeit von Phil Marlowe und
Konsorten. Als das Leben noch lebenswert war. Hart
und wild. Eine Aufgabe. Eine Bewährung. Lachen Sie
nicht. In den Büchern steht’s so.

Judith: Wo ich doch nun mal in einer höheren
Wohnraumklasse bin.

Jonas: Kann man wohl sagen, bei 40 Quadratmeter.

Judith: 48 Quadratmeter.

Jonas: 48. Wie... wieso 48?

Judith: Seit ich befördert bin. Eine
Hauptabteilungsleiterin bei der öffentlichen
Sicherheitsverwaltung hat Anspruch auf 48
Quadratmeter.

Jonas: Gratuliere.

Judith: Also?

Jonas: Also was?

Judith: Du ziehst zu mir. Platz haben wir genug.
Dein 20-Quadratmeter-Loch.

Jonas: 22.

Judith: Das kannst du ja als Büro behalten, wenn
dein Herz schon an diesem Beruf hängt, der dir
nichts einbringt, außer Schrammen und Beulen.

Jonas: Ich bin Detektiv. Privatdetektiv. Der
letzte seines Zeichens. Vielleicht auf der Welt.
Wahrscheinlich in den Vereinigten Staaten von
Europa. Mit Sicherheit in Babylon. Kein begehrter
Beruf. Judith hatte nicht so Unrecht. Das Leben
war unsicher. Gefährlich. Und reich werden konnte
man dabei auch nicht. Aber besser als eine
stumpfsinnige Volksrenten-Existenz war es allemal.

Jonas: Sammy, wie sagt Chandler?

Sam: Viel Geld ist nicht drin. Jede Menge Ärger
ist drin, aber auch `ne Menge Spaß. Und immer die
Hoffnung auf einen großen Fall.

Jonas: Hast du gemerkt, Judith? Sam hat eine neue
Stimme.

Judith: Keine Verbesserung, wenn du mich fragst.
Kannst du den Schnatterkasten nicht zu Hause
lassen, wenn wir verabredet sind?

Jonas: Das nächste Mal.

Sam: Was muß ich da hören, o Sonne meiner
Software?

Judith: Misch dich nicht ein, Sam.

Sam: Sam erhält seine Anweisungen einzig und
allein von seinem Herrn und Meister. Und sein
Meister und Herr ist...

Jonas: Ruhe.

Sam: Ruhe?

Jonas: Absolute Ruhe, Sam.

Sam: Der Großmeister trefflicher verbaler
Verknappung meint, Sam solle nichts sagen? Keinen
Satz? Kein Wort? Keinen Buchstaben? HuHuHu!
Jammer, Jammer, Weh und A...

Jonas: Sei doch jetzt endlich still, verdammt noch
mal.

Sam: Jawohl, mein Fähnleinführer. Ein Wink genügt,
und Sam ist still. Er sagt nichts mehr. Auch wenn
eine Nachricht von persönlicher
Dringlichkeitsstufe 1 anliegt. Gar nichts sagt
Sam. Er schweigt.

Jonas: Mo-ment, Sammy. Was war das mit
persönlicher Dringlichkeitsstufe 1? Hast du nicht
gehört?

Sam: Sam schweigt eisern. Wie das Gesetz es
befahl.

Jonas: OK OK OK. Hast du nun eine dringende
persönliche Nachricht für mich oder nicht?

Judith: Laß doch den dummen Computer, Jonas.

Sam: Dummer Computer hat Nachricht für
hochehrwürdigen Herrn Stabsfeldwebel.

Jonas: Raus damit.

Judith: Das hat doch Zeit.

Sam: Majestät wünschen Nachricht zu hören?

Jonas: Ja, ich wünsche. Entschuldige Judith, aber.

Sam: Randy Orgas ist tot.

Jonas: Was?

Sam: Randy Orgas ist tot. Meldung durch epa vor 5
Minuten. Bestätigung vor 1 Minute 33 Sekunden.

Judith: Orgas? Randy Orgas? Ein Rockmusiker, oder?

Jonas: Ein Rockmusiker, jawohl. Ein ziemlich
bekannter sogar. Chef und First Player der Gruppe
Fuck The Duck. Und der Freund eines ziemlich
unbekannten Privatdetektivs namens Jonas. Vor
zweieinhalb Jahren hatte ich ihn kennen gelernt.
Im Sommer 2007. Böse Menschen hatten ihm sein
goldenes Keyboard weggenommen, und wollten es nur
gegen einige Millionen zurückgeben. Ich brachte
die Sache in Ordnung. Auf meine Art. Und danach
kam Randy mich ab und zu besuchen. Wir sahen uns
ähnlich. Auch wenn er viel jünger war. Und das
faszinierte ihn. Vielleicht war ich für ihn ein
Spiegel der Zukunft. Oder er brauchte so was wie
eine Vaterfigur. Außerdem hatte ihm mein Stil
imponiert. Von seinem konnte ich das nicht sagen.
Plastik-Rock-Pop ist nicht meine Musik. Und damals
war Randy mit seinen Ducks der unbestrittene King
of PRP. Inzwischen hatte er ein bißchen abgebaut.
Er war nicht mehr jede Woche in den Charts. Aber
für den einen oder anderen Hit reichte es noch.
Manchmal. Der letzte, warten Sie, das war.

Sam: Dritte Aprilwoche 2009. Nummer 17 in Euro-
Chart, 26 in World-Chart.

Jonas: Also doch schon ein gutes halbes Jahr her.
Titel? Sammy, was ist denn? Ich will den Titel von
Randy Orgas letztem Hit.

Sam: Wenn Hoheit darauf bestehen. Der Titel
lautete, wäh, Computer-Tod. Ein höchst
ungehöriger, ja obszöner Titel, wenn es armem
kleinem Computer erlaubt ist, eine persönliche
Meinung zu äußern.

Judith: Ich bin übrigens auch noch da, wenn es mir
erlaubt ist, ganz bescheiden darauf hinzuweisen,
und darauf, daß wir im Romantic-Park sind, um
miteinander zu reden.

Jonas: Ja sicher, Judith, aber verstehst du denn
nicht, Randy Orgas ist tot.

Judith: Ja was hat das mit uns zu tun?

Jonas: Es hat was mit mir zu tun. Ich muß was
unternehmen, wenn Randy wirklich tot ist.

Sam: Klar ist er tot, Blödmann. Gestorben in
Babylon, 7. November 2009. 3 Uhr 23 nachts.

Jonas: Vor gut acht Stunden.

Sam: Todesursache: Herzversagen.

Jonas: Wer hat den Totenschein ausgestellt? Ein
Robo-Doc?

Sam: Mitnichten, Majestät. Ein menschlicher Arzt
in all seiner biologischen Unvollkommenheit.

Jonas: Name?

Sam: Dr. Waldemar Zirose.

Jonas: Zirose? Kenn ich nicht. Wo ist denn das
Büro von Randy Orgas Managerin? Wie heißt die?

Sam: Lexis Scarlet, o Spitze des Eisbergs. Und ihr
Büro befindet sich im Musik-center. 39. Stockwerk.

Jonas: Also los, Sammy.

Judith: Jonas, du gehst wirklich?! Du läßt mich
sitzen.

Jonas: Tut mir leid. Judith, aber ich muß. Ich
muß, sagen wir mich von Randy verabschieden.

Sam: Ach, ein langer Abschied, o spätgeborener
Marlowe.

Judith: Was soll das heißen?

Jonas: Ich erklär es dir später, Judith.

Judith: Wenn du dazu noch Gelegenheit hast.

Jonas: Raus aus der künstlichen Maien-Nacht in den
tristen babylonischen Novembertag. Mit der Rikscha
ins Büro. Aus dem wackligen Verschlag, den mein
hochstapelnder Vermieter Safe nennt, nahm ich den
Holo-Clip, den Randy mir nach seinem letzten
Besuch geschickt hatte. Zurück ins Zentrum. Mit
dem üblichen Aufenthalt. Auf dem Bob-Dylan-Platz
lief eine unangemeldete Massen-Selbstverbrennung
mit großem Zulauf. Und als ich im 39. Stock des
Musikcenter aus dem Quick-Lift stieg, wurde ich
gleich noch mal aufgehalten. Lexis Scarlets
Bürotür wurde bewacht. Von einem grimmigen
Vorzimmer-Robot mit elektronischer Barriere.

Vorzimmer-Robot: Halt.

Jonas: Was?

Vorzimmer-Robot: Halt. Sie wünschen, meine Dame
bzw. mein Herr?

Jonas: Was hältst du denn von dem Kollegen, Sam?

Sam: Kollege? Ich muß doch sehr bitten, Herr
Oberförster.

Vorzimmer-Robot: Sie wünschen, meine Dame bzw.
mein Herr?

Jonas: Also, taufrisch ist er nicht mehr. Daß
Lexis Scarlet ein so überholtes Modell nicht
auswechselt. Geschäft geht wohl nicht so gut, was
meinst du, Sam?

Sam: Veraltet? Hmh, besser gesagt, vergreist. Aber
stur und zuverlässig. So ohne weiteres kommen wir
hier nicht rein, Alter.

Vorzimmer-Robot: Sie wünschen, meine Dame bzw.
mein Herr?

Sam: Nun sag ihm schon, was wir wünschen.

Jonas: Lexis Scarlet. Ich will sie sprechen.

Vorzimmer-Robot: Sind Sie mit Frau Scarlet
verabredet, meine Dame bzw. mein Herr?

Jonas: Nein, aber ich muß sie trotzdem.

Vorzimmer-Robot: Bedaure, Sie dürfen nicht
passieren, meine Dame bzw. mein Herr.

Jonas: Es geht um Randy Orgas. Sag ihr das.

Vorzimmer-Robot: Bedaure, Sie dürfen nicht
passieren, meine Dame bzw. mein Herr.

Sam: Was habe ich gesagt, ehrwürdiger Onkel
mütterlicherseits? Stur.

Jonas: Stur und blöd.

Sam: Blöd. Das eröffnet gewisse Möglichkeiten. 2
plus 2 ist 3.

Vorzimmer-Robot: Hah!

Sam: 8 mal 0 ist 8. 8 hoch 2 ist 57.

Vorzimmer-Robot: Oh!

Jonas: Sammy, was ist denn los mit dir, alter
Junge? Du wirst mir doch nicht krank?

Sam: Ich nicht, geschätzter Hoch- und
Deutschmeister. Wohl aber ein gewisser sturer
Robot älterer Bauart. Die Quadratwurzel aus 9 ist
zwölfeinhalb.

Vorzimmer-Robot: Oh!

Jonas: Kluges Kind, Sammy. Bei einem
rechtwinkligen Dreieck ist die Summe der Quadrate
über den Kathetern...

Vorzimmer-Robot: Ah!

Sam: Katheten, Dummie.

Jonas: Äh Ka... Katheten, von mir aus, aber
jedenfalls ist die Summe nicht im Mindesten gleich
dem Quadrat über der Hypo... Hypodings... Hypo...
Hypotenuse.

Vorzimmer-Robot: Ah! Aufhören, bitte, aufhören,
meine Dame bzw. mein Herr!

Sam: Einmal sieben ist 6. Zweimal sieben ist 11.
Dreimal sieben ist 109.

Jonas: Zwei parallele Linien treffen sich...

Sam: An der nächsten Straßenecke.

Jonas: Sagt die eine zur andern...

Vorzimmer-Robot:...

Jonas: Oh. Voll durchgedreht, der arme Kerl.

Sam: Hihihihihihihi. Computer-Kollaps. Inkorrekte
Mathematik halten sie nicht aus, diese alten
Hündchen.

Jonas: Gute Idee, Sam.

Sam: Trick 17, Schüler Jonas. Da ich auf dero
Genialität Kooperation wert zu legen habe, durfte
ich mich leider nur auf Minimaldia-Mathematika
stützen.

Jonas: Soll heißen?

Sam: Unterste Unterstufe, o Adam Riese. Pythagoras
etc., Klippschule.

Jonas: Machen wir jetzt einen Exkurs über meine
mathematische Bildung oder was?

Sam: Was, euer Durchlaucht.

Jonas: Was was?

Sam: Wir machen jetzt das, was Sie, o genialischer
Verkürzer, so treffend als was bezeichneten. Wir
suchen Frau Scarlet auf, die Managerin des seligen
Randy Orgas, und da die elektronische Barriere,
hihihihi, nun mehr dauerhaft geknackt ist.

Fredo: Was ist denn hier los? Hey, der Robot ist
im Eimer.

Jonas: Senile Dysfunktion. Sagen Sie Frau Scarlet,
sie soll sich einen neuen kaufen.

Fredo: Ah, Sie haben ihn kaputt gemacht.

Sam: Nein, ich.

Jonas: Der Typ, der in der Tür stand, war doppelt
so breit wie ich. Und ich bin kein schmales
Handtuch. Er trug formelle Geschäftskleidung.
Grauer Blouson, schwarze Bermudas mit
Nadelstreifen. Aber wenn der Geschäftsmann war,
dann fraß ich meinen Computer. Er roch förmlich
nach Gorilla.

Fredo: Wer sind Sie?

Jonas: Jonas.

Fredo: Und?

Jonas: Nur Jonas.

Fredo: Und was wollen Sie?

Lexis Scarlet: Was gibt’s da draußen, Fredo?

Fredo: Ach hier ist einer, der heißt Jonas, und
der hat unseren Robot kaputtgemacht.

Lexis Scarlet: Schmeiß ihn raus, Fredo.

Jonas: Leichter gesagt als getan. Fredo war ein
Bulle, aber fix war er nicht. Während er
versuchte, mich vorn zu fassen zu kriegen,
spazierte ich hinten um ihn herum durch die Tür
ins Büro. An den Wänden hingen verstaubte Holo-
Disks. Reliquien goldener Hit-Zeiten. Auf dem
staubig gelben Teppichboden: ein Schreibtisch. Und
dahinter eine angestaubte Musik-Managerin. Unter
dem Make-up: goldene Schatten der Vergangenheit.
Sie musterte mich, als habe mich die Katze
reingetragen. Fredo hatte inzwischen mitgekriegt,
wo ich abgeblieben war, und trampelte mir nach.

Lexis Scarlet: Was soll das heißen?

Fredo: Ich kann nichts dafür, Lexis. Erst hat er
den Robot kaputt gemacht, und dann ist er einfach
um mich rumgelaufen.

Lexis Scarlet: Was will er?

Fredo: Hat er nicht gesagt.

Jonas: Aber jetzt sagt er’s. Ich will Lexis
Scarlet was ausrichten. Von Randy Orgas.

Lexis Scarlet: Der ist tot.

Jonas: Eben drum. Sonst wär ich nicht hier. Auf
dieser Holo-Kassette steht: Für Lexis, wenn ich
tot bin. Sie kennen die Handschrift.

Lexis Scarlet: Zeigen Sie. Ja, Randy, keine Frage.
Und?

Jonas: Legen Sie den Clip in Ihren Holo-Set ein.
Für Ihren Lakaien findet sich derweil sicher was
zu tun.

Lexis Scarlet: Fredo ist mein Sekretär, Jonas.

Jonas: Wenn Sie das sagen.

Lexis Scarlet: Warten Sie draußen, Fredo.

Fredo: Aber, Lexis.

Lexis Scarlet: Raus.

Jonas: Sie legte ein, drückte auf den Knopf, und
da stand er. Mitten im Raum. Randy Orgas. Wie ich
ihn kannte. Ohne Keyboard, ohne grüne Perücke,
ohne Kutte, ganz zivil und fast inkognito. Wenn da
nicht der berühmte rechte Mundwinkel mit seinem
ironischen Zucken gewesen wäre.

Randy Orgas: Hei, Lexi Baby, und wer sonst noch da
ist, vielleicht Tutti, oder DD, oder Scrooge von
den alten Ducks. Laß mal Moment das Geldscheffeln,
Lexi, hör mir mal zu. Ich bin also abgetreten.
Abgeschrammt. Abgefuckt. Hab mich verpißt. Löffel
abgegeben. Stiefel ausgezogen. Fini. Schluß. Aus.
Ende. Amen. Mit den Mäusen und so ist alles klar.
Testament liegt beim Notar. Das hier ist so ne Art
Zusatz, mein wirklich und wahrhaftig endgültig
allerletzter Wille.

Jonas: Ich erinnerte mich an unser letztes
Treffen. Vor vier, fünf Monaten in meinem Büro
plus Apartment, 22 Quadratmeter, bißchen eng.
Randy war da, und ich, und eine große Flasche Old
Forester, von Sammy ganz zu schweigen. Randy stand
unter Plastik-Kiff und Solipsin, dazu noch der
Whiskey, kein Wunder, daß er sich leicht
melancholisch fühlte.

Randy Orgas: Blue, Baby. Down and out. Ich merks
am Zwerchfell, Baby. Nicht mehr lange, dann kratz
ich die Kurve. Haut auch nicht mehr so richtig hin
mit der Musik und so. Solipsin?

Jonas: Nehm ich nicht. Weißt du doch.

Randy Orgas: Allright. Nur nostalgische drugs.
Whiskey. Ist auch nicht schlecht. Listen, Jonas
Baby, wenn’s mich erwischt hat, will ich auf gar
keinen Fall eingebuddelt werden. No, Sir. Ich hab
was gegen Schwermetall, und für’s Feuer bin ich
auch nicht.

Jonas: Hhm. Hhm. Das Meer? Wie wär’s damit?

Randy Orgas: In die Abwasser-Scheiße? Nie, Baby.

Jonas: Dann bleibt nur der Weltraum.

Randy Orgas: Sounds good, Baby.

Jonas: Es gibt ein paar Firmen, die schießen dich
für schweres Geld nach oben. In einem Satelliten.
Und dann kreist du um die Erde. Von nun an bis in
Ewigkeit.

Randy Orgas: Amen, Baby. 4-3-2-1-zero, wäng. I
like it, Baby. Das will ich.

Randy Orgas: Das will ich, Baby. Und weil ich das
dann selber nicht mehr kann, wird sich mein Freund
Jonas darum kümmern, daß sie mich auch wirklich
ins All knallen. Jonas ist OK, der macht das, eh,
Jonas Baby? Das war’s, Leute. Spielt mal ab und zu
was von mir. Computer-Tod oder den Seveso-Rock
oder Software in the Head. Als dann. So long.

Lexis Scarlet: Das ist alles?

Jonas: Das ist alles.

Lexis Scarlet: Deshalb dringen Sie hier ein?
Deshalb beschädigen Sie meinen Vorzimmer-Robot und
verstören den guten Fredo? Ha, da kann ich nur
sagen: Viel Lärm um Nichts.

Jonas: Um Randy.

Lexis Scarlet: Das ist dasselbe. Da ist die Tür.

Jonas: So geht’s nicht. Sie sind Randys Managerin.

Lexis Scarlet: Ich war Randys Managerin. Leichen
manage ich nicht. Was mit Randy Leiche passiert,
geht mich nichts an. Ich bin die falsche Adresse.
Stecken Sie Ihren Holo-Clip wieder ein, Jonas.
Gehen Sie ein Haus weiter.

Jonas: Zu wem?

Lexis Scarlet: Zu Tutti.

Jonas: Tutti?

Lexis Scarlet: Tutti Paletti. Der Styler der
Ducks. Berater. Beichtvater. Seelischer Mülleimer.
Ich bin bloß die Brieftasche. Gehen Sie zu Tutti.
Fredo gibt Ihnen die Adresse.

Jonas: Hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen,
Lexis. Ein so aufgeschlossenes loyales
warmherziges Wesen.

Lexis Scarlet: Geschenkt. Ach, und Jonas.

Jonas: Ja?

Lexis Scarlet: Wenn Sie an einer gut dotierten
Dauerstellung interessiert sind.

Jonas: Als Sekretär?

Lexis Scarlet: Sie haben es erfaßt. Fredo läßt
stark nach. Also?

Jonas: Hhm. Unwahrscheinlich.

Lexis Scarlet: Hab ich mir gedacht. Falls doch,
kommen Sie vorbei.

Jonas: Im schicken Südwesten von Babylon, da wo es
vor 20 Jahren noch echte Bäume gegeben hatte,
standen heute ein paar Luxus-Wohntempel herum. Mit
super postmodernem Geschnörkel. In einem dieser
Tempel wohnte Tutti Paletti. Das heißt, eigentlich
nicht in, sondern auf. Paletti hatte ein
Penthouse. An die 100 Quadratmeter. Pop-Styling
war offenbar eine einträgliche Sache. Paletti
hatte nicht nur ein Penthouse. Paletti hatte auch
Möbel aus Mailand, einen versilberten Ro-Butler,
und den letzten Schrei in Statussymbolen: Einen
echten japanischen Bonsai.

Paletti: Mein Wald, ich nenne ihn meinen Wald,
hehehe, ein Scherz.

Jonas: Finden Sie?

Paletti: Sie nicht? Also die meisten Besucher
halten das für witzig.

Jonas: Soll ich Ihnen sagen, was ich für witzig
halte?

Paletti: O, ich bitte darum.

Jonas: Einen Whiskey. Und wenn Sie ihn doppelt
machen, lach ich sogar zweimal.

Paletti: Ich verstehe. Gandalf. Gandalf! Ja was in
drei-Teufels-namen ist denn mit dem verflixten Ro-
Butler?

Ro-Butler: Gar nichts ist mit dem verflixten Ro-
Butler. Nur daß er seit Sonntag nicht mehr Gandalf
heißt. Haben Sie vergessen, Sir? Tolkiens ist out.
Muppets sind in.

Paletti: Äh, ja, richtig. Muppets, ähm, dann heißt
du.

Ro-Butler: Kermit, Sir. Applaus, Applaus.

Paletti: Äh, Kermit. Es lag mir auf der Zunge. Ja,
und was willst du, Kermit?

Ro-Butler: Sie wollen, Sir, Sie haben mich
gerufen.

Paletti: Ach, hab ich?

Jonas: Einen doppelten Whiskey, Kermit, kein
Wasser, kein Eis, kein Soda. Scotch, wenn möglich.

Ro-Butler: Bedaure, Scotch ist out. Wäre Jack
Daniels Black Label Ihnen genehm, Sir?

Jonas: Auch gut. Und Sie, Paletti?

Paletti: Ja, einen kleinen Campari, mit sehr sehr
viel Eis.

Ro-Butler: Sehr wohl, die Herren.

Jonas: Sie haben mir noch nicht geantwortet,
Paletti. Wo ist Randys Leiche? Und wer kümmert
sich um die Beisetzung?

Paletti: Ach, jetzt fangen Sie schon wieder an.
Hören Sie endlich auf mit diesem Gerede über...
über Sterben und Begraben. Das ist unappetitlich
und widerlich. Jawohl, widerlich. Ich bin Ästhet,
guter Mann. Ich habe 8 Semester kommerzielle
Ästhetik studiert. Ich style Musiker. Ich kreiere
ihr Image. Ich bin Künstler. Kreativ. Sensitiv.
Wie kommen Sie nur darauf, daß ich irgendwas mit
Randys... äh mit solchen Dingen zu tun habe.

Jonas: Sie gestatten. Prost. Zum Wohl. Hhm, ja.
Lexis Scarlet hat mich zu Ihnen geschickt.

Paletti: O, ja, das verstehe ich nicht. Wie konnte
sie das tun?

Jonas: Das frage ich mich auch. Bei wem kann ich
denn nun was erfahren?

Paletti: Tja, nicht bei Lexis Scarlet. Bei mir
schon gar nicht. Bleiben nur die Ducks. Scrooge
und DD.

Jonas: DD?

Paletti: Donald-Daisy. Der/die Androgyne vom
Dienst. Meine Idee. Ein cleverer Rückgriff auf die
frühen 80er. Boy George, Marilyn, Dead or Alive,
wenn Ihnen das was sagt.

Jonas: Wenig.

Paletti: Fragen Sie DD. Das wird das Beste sein.

Jonas: Und Scrooge?

Paletti: Oh, den können Sie vergessen. Scrooge ist
nur der Drummer. Der kann nicht mal sprechen.
Reden Sie mit DD, Jonas. Da kommen Sie weiter.

Jonas: Er gab mir eine Fon-Nummer. Ich suchte mir
erst ein rot-gelbes Häuschen, das funktionierte.
In Palettis Gegend kein Problem. Und dann suchte
ich das rätselhafte Wesen Donald-Daisy. Auch das
war kein Problem. DD war zuhause, kam ans Fon, und
war auch bereit, zu reden. Das war gut so. Mir
ging allmählich die Geduld aus. Allerdings wußte
sie/er nicht viel, sagte er/sie.

Donald-Daisy: Ah, keine Ahnung, Darling, niente.
Um so was kümmert sich Lexis.

Jonas: So? Und Lexis Scarlet hat mich zu Paletti
geschickt und Paletti ach vergiß es.

Donald-Daisy: Ja, immerhin ist es ja auch bei
Lexis passiert.

Jonas: Passiert? Was?

Donald-Daisy: Na, Randys Abtritt heute Nacht.
Kleine Party im Büro, nur der engste Kreis. Lexis,
Randy, Tutti, ich, Scrooge, Fredo, ja, und dieser
neue Freund von Lexis. Wer sind Sie überhaupt?
Medien?

Jonas: Freund von Randy. Jonas, nur Jonas.

Donald-Daisy: Ah, Sie sind der Detektiv! Ihnen
sage ich gar nichts.

Jonas: Sie haben mir schon einiges gesagt, DD.

Donald-Daisy: Nichts habe ich gesagt. Ich sage
nichts. Ich weiß nichts. Lassen Sie mich in Ruhe.

Jonas: Erster Impuls: zurück zum Musikcenter und
Lexis Scarlet auf die Bude rücken. Zweiter
Gedanke: tief durchatmen und überlegen. Natürlich
nicht in der Fon-Zelle. Dafür hat Jonas ein
heimeliges Büro, 22 Quadratmeter, und ein Loch,
nach Judiths Meinung. Judith! Die hatte ich ganz
vergessen. Bitte Judith, noch ein bißchen Geduld.
Erst muß ich die Sache mit Randy Orgas in Ordnung
bringen.

Sam: Unzureichende Daten, Herr Kapellmeister. Oder
sagen wir es so: Die Geschichte macht einen noch
recht verquasten Eindruck.

Jonas: Ein wahres Wort, Sammy. Da renne ich durch
die Gegend, lasse mich an der Nase rumführen, von
Hinz zu Kunz schicken, von Pontius zu Pilatus.

Sam: Von Scarletti zu Paletti.

Jonas: Und wozu? Ich krieg nicht mal was dafür.

Sam: Ein Fall ohne Honorar und Spesen, o
personifizierte Großzügigkeit, ist wie Casablanca
ohne Bogie.

Jonas: Oder wie Sam ohne das letzte Wort.

Sam: Jaja.

Jonas: Andererseits hat uns die Schlachthaus-Sache
neulich einiges eingebracht. Und davon müßte doch
noch was da sein, oder Sam?

Sam: Der Kontostand eurer geradezu Rothschild
´schen Superfluenz beträgt zur Zeit genau 817
Euros und 4 Cents.

Jonas: Also keine Panik. Finanziell können wir uns
eine kleine Extravaganz durchaus leisten. Frage,
Sammy: Warum mache ich das ganze, wenn nicht für
Geld, aus Loyalität?

Sam: Die Freudestreue o starke Säule im Sturm gilt
zu recht als eine der hehrsten, der erhabensten
Tugenden.

Jonas: Blabla.

Sam: Bitte?

Jonas: Blabla.

Sam: Aha. Wer da?

Jonas: Ja?

Lexis Scarlet: Lexis Scarlet.

Jonas: Sie? Sie haben mir gefehlt wie ein hohler
Zahn.

Lexis Scarlet: Charmant. Sind Sie an einem Auftrag
interessiert, Jonas?

Jonas: O, ich höre.

Lexis Scarlet: Sie sitzen in Ihrem Büro, sagen
wir, eine Woche, und tun nichts.

Jonas: Ach, und dann?

Lexis Scarlet: Nichts dann. Das ist alles. Dafür
kriegen Sie 1000 Euros. Was meinen Sie?

Jonas: Einverstanden. Sobald die Sache mit Randy
geklärt ist.

Lexis Scarlet: Ich sehe, Sie lassen nicht locker,
Jonas.

Jonas: Hhm, Berufskrankheit. Warum haben Sie mich
angelogen, Lexis?

Lexis Scarlet: Bitte. Das war nur ein Test. Ich
wollte feststellen, wie hartnäckig Sie sind. Damit
Sie sich wieder abregen können, die
Weltraumbestattung von Randy Orgas ist bereits in
die Wege geleitet. Von mir. Ich habe eine
renommierte Firma damit beauftragt.

Jonas: Name?

Lexis Scarlet: Immer und Ewig.

Jonas: Halleluja.

Lexis Scarlet: Nein, GmbH und Co KG.

Jonas: Kenne ich nicht. Warum sind Sie nicht zu
den bekannten Spezialisten gegangen? Elysium AG
oder Peace in Space?

Lexis Scarlet: Wissen Sie, was eine Raumbestattung
kostet, Jonas? Immer und Ewig hat uns das
preiswerteste Angebot gemacht. Auch so geht
praktisch der gesamte Nachlaß drauf. Zufrieden,
Jonas?

Jonas: Nein. Sie haben mir schon viel erzählt,
Lexis. Ich will selber sehen. Das bin ich Randy
schuldig.

Lexis Scarlet: Rührend. Ost-Zentral. Tigrisstraße
67. Fragen Sie nach Dr. Zirose.

Jonas: Zirose? Dr. Zirose? Ist das nicht der Arzt,
der den Totenschein für Randy ausgestellt hat?

Lexis Scarlet: Ach, das wissen Sie?

Jonas: Und der ist bei Immer und Ewig?
Merkwürdiges Zusammentreffen.

Lexis Scarlet: Gar nicht merkwürdig. Waldemar äh
Dr. Zirose war zufällig auf meiner Party. Und äh
als Randy umfiel, hat er sich um ihn gekümmert.
Weil er ausgebildeter Mediziner ist.

Jonas: Und dann schießt er ihn in den Kosmos? Ganz
zufällig? Woran ist Randy gestorben, Lexis?

Lexis Scarlet: Sie kennen doch den Totenschein:
Herzversagen.

Jonas: Und warum hat sein Herz versagt?

Lexis Scarlet: Was weiß ich? Zuviel, nehme ich an.

Jonas: Zuviel? Wovon?

Lexis Scarlet: Von allem, Jonas. Von allem.

Jonas: Die abgebrochenen Wolkenkratzer in der
Tigrisstraße sind voll von kleinen Unternehmen,
die es noch nicht geschafft haben, oder es nie
schaffen werden. Immer und Ewig war eine Tür mit
einem Schild. Das Zimmer dahinter enthielt einen
Tisch, ein paar unbequem aussehende Stühle, einen
Holo-Set, darüber das bunte Bild einer Rakete, die
zum Himmel fuhr, eine vage Aura von Weihrauch und
Karbol, und im Hintergrund, neben einer zweiten
Tür, und vor einem offenen Wandsafe, einen
ältlichen Mann mit kahlem Schädel und in dunkler
Sackleinwand von Hals bis Fuß. Ein Neo-Puritaner,
wie es aussah. Als er mich hörte, verschloß er den
Safe, drehte sich um und glitt auf mich zu. Mit
dem gedämpft mitfühlenden Lächeln des Friedhof-
Profis.

Dr. Zirose: Bitte, mein Herr, nehmen Sie doch
Platz.

Jonas: Nicht nötig, ich bin kein Kunde. Dr.
Zirose?

Dr. Zirose: Waldemar Zirose. Dr. med und rer. fun.
Zu ihren Diensten.

Jonas: Rer. fun.?

Dr. Zirose: Rerum funeralium, der
Bestattungswissenschaften. Fachuniversität Forest
Lawn, Kalifornien. Was kann ich für Sie tun?

Jonas: Nicht für mich. Für Randy Orgas. Sie
schießen ihn ins All, hab ich mir sagen lassen.

Dr. Zirose: Wir sorgen dafür, daß seine sterbliche
Hülle in die Ewigkeit des Weltenraums gelangt. So
ist es. Wer hat es Ihnen gesagt?

Jonas: Lexis Scarlet.

Dr. Zirose: Ach, dann sind Sie.

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Dr. Zirose: Jonas, ganz recht. Seien Sie
unbesorgt, Herr Jonas, alles geht seinen
geregelten Gang. Die Beisetzung, der Start,
technisch ausgedrückt, findet, wenn das Wetter es
zuläßt, bereits in drei Tagen statt.

Jonas: So schnell? Ich dachte, es dauert eine
Weile, bis Sie genug Leichen.

Dr. Zirose: Hüllen, bitte, oder auch Verblichene.

Jonas: Oder Urnen beisammenhaben, damit der Start
sich lohnt.

Dr. Zirose: Sie denken gewiß an unser
volkstümliches Angebot Preiswert zu den Sternen,
10.000 Urnen oder 2000 Särge pro Satellit.

Jonas: Ganz recht.

Dr. Zirose: Da kann es schon passieren, daß Sie
warten müssen, bis wir ausgebucht sind. Aber eine
solche Massenabfertigung ist doch nichts für Ihren
Freund, Herrn Orgas. Frau Scarlet hat
selbstverständlich unser Super-Exklusiv-
Individual-Programm gewählt. In einsamer Glorie.
Eine Rakete. Ein Satellit. Ein Start für einen
Verblichenen. Das Äußerste an funeralem Luxus,
Herr Jonas. Der Preis ist natürlich entsprechend.

Jonas: Wieviel?

Dr. Zirose: Bedaure sehr, Herr Jonas, aber das muß
zwischen dem Institut und dem leidtragenden Kunden
bleiben.

Jonas: Ach was.

Dr. Zirose: Apropos. Haben Sie schon einmal an
eine Weltraumbestattung gedacht, für Sie
persönlich, meine ich. Die großen Vorteile dieser
modernen Beisetzungsweise sind Ihnen vermutlich
gar nicht bewußt, sonst hätten Sie zweifellos
schon längst bei uns gebucht. Herr Jonas, Sie
erweisen sich als progressiver Mensch des 21.
Jahrhunderts auf der Höhe der Zeit, und abhold den
muffigen Methoden der Vergangenheit. Sie ersparen
Ihren werten Hinterbliebenen erhebliche Kosten,
die anderenfalls für die Grabpflege aufgewendet
werden müßten. Und das Wichtigste, Herr Jonas:
Solange das Universum besteht, werden Sie, Herr
Jonas, durch die unendlichen Weiten des Alls
fliegen. Sie werden sich nicht verändern, Herr
Jonas, keine Degeneration, Sie verstehen, keine
Dekomposition, denn im All, Herr Jonas, im All
gibt es weder Würmer noch Bakterien, Sie werden,
Herr Jonas, existieren jetzt und immer dar, Herr
Jonas, Sie werden unsterblich sein.

Jonas: Sehr verlockend, Dr. Zirose. Um auf Ihre
Art unsterblich zu werden, müßte ich allerdings
erst einmal sterben. Und dazu habe ich im Moment
noch nicht die mindeste Lust. Sie geben mir
Bescheid, wann und wo Sie Randy hochschießen. Ich
will dabei sein.
Dr. Zirose: Herr Jonas, ich bitte Sie. Unsere
Abschußrampe steht in Amazonien, mitten in der
Südamerikanischen Wüste. Ersparen Sie sich Mühen
und Kosten einer unerfreulichen Reise, tun Sie
das, was alle unsere Hinterbliebenen tun, bleiben
Sie zuhause, und nehmen Sie von Ihrem teuren
Verblichenen Abschied, indem Sie das würdige Holo-
Band von der Zeremonie betrachten, das wir Ihnen
überreichen werden, mit den Komplimenten unseres
Hauses.

Jonas: Randy, wo ist er jetzt?

Dr. Zirose: Falls Sie die Hülle Ihres verblichenen
Freundes meinen, Herr Jonas, so befindet sie sich
in den hinteren Räumlichkeiten.

Jonas: Ich will ihn sehen.

Dr. Zirose: Herr Jonas. Das ist völlig
ausgeschlossen. Pietät und Takt verbieten es
kategorisch. Professionelle Mysterien, wenn ich
mich so ausdrücken darf. Es müssen noch gewisse äh
Behandlungen vorgenommen werden, bevor Herr Orgas
morgen Abend bei der Gedenkfeier im Musikcenter
aufgebahrt wird. Übermorgen fliegen wir ihn dann
nach Manaus. Und nun entschuldigen Sie mich, Herr
Jonas, Ihre Fragen sind, meine ich, erschöpfend
beantwortet, Ihre Bedenken, sofern es sie gab,
ohne Zweifel ausgeräumt worden.

Jonas: Da war ich etwas anderer Ansicht. Irgendwas
roch höchst verdächtig. Ach was roch. Die Sache
stank. Und dieser wohlbekannte Gestank nach
Kromatur und vielen vielen Euros wurde immer
penetranter. Jonas mußte was tun. Durch die Gegend
rasen und Leute ausquetschen, das reichte jetzt
nicht mehr. Aktion war gefragt. Aktion von der
direkten, wenn auch nicht 100-prozentig legalen
Sorte. In der Tigrisstraße einzubrechen, ist keine
Kunst. Hier kümmert sich kein Schwanz um das, was
nebenan passiert. Die meisten Häuser stehen nachts
leer, elektronische Sicherungen sind Mangelware,
und die Tür zu Nummer 67, Immer und Ewig ohne
Halleluja, war nur zugedrückt, nicht
abgeschlossen, und sprang schon auf, wenn man sie
scharf anguckte. Innen war alles ruhig. Ich wußte,
wo was zu finden war, und wie ich rankommen
konnte. Bei meinem Besuch vor ein paar Stunden
hatte der eingeschaltete Sam in meiner Tasche sehr
genau zugehört, wie Dr. Zirose das Schloß seines
Wandsafes neu eingestellt hatte.

Sam: Sieben.

Jonas: Sieben.

Sam: An und für sich, o Nabel des Kosmos, liegt es
weit unter der Würde eines anständigen Computers,
mechanischen Schrott wie diesen Safe, auch nur zur
Kenntnis zu nehmen.

Jonas: Sicher Sam. Mach weiter.

Sam: Neun.

Jonas: Neun.

Sam: Und die Drei.

Jonas: Drei. Na bitte. Kein Geld, keine Papiere,
nur eine Holo-Kassette. Und darauf steht: Randy
Orgas. Randy Orgas?

Sam: Zwei Meter entfernt, o schnellster aller
Merker, befindet sich ein Holo-Set, in welchem
besagte Kassette einzulegen, ich euer Herrlichkeit
dringend anempfehlen möchte.

Jonas: So schlau bin ich selbst, Sam. Eine Rakete
auf der Rampe! Startbereit!

Dr. Zirose: Fünf, vier, drei, zwei, eins, null!
Nun fährt er auf gen Himmel, unser teurer
Verblichener, unser Freund, Randy Orgas, in den
strahlend blauen Tropenhimmel über Amazonien, an
diesem strahlend schönen 10. November 2009. Er
steigt auf, höher, immer höher, in die grandiose
Erhabenheit des Alls, allwo er über uns schweben
wird, werte Hinterbliebene, für immer und ewig.
Halleluja.

Sam: Eine recht anrührende Performance, euer
Gelungenheit.

Jonas: Und so prophetisch. Randys
Weltraumbeisetzung, auf Holo, drei Tage, bevor sie
über die Bühne geht. Jetzt wissen wir, was hier
los ist.

Sam: Tun wir das, o großer Denker von Rodin?

Jonas: Ganz klar. Immer und Ewig ist eine
Schwindelfirma. Zirose kassiert schweres Geld für
Bestattungen, die gar nicht stattfinden. Die
Raketenstarts in Amazonien, die Satelliten auf
ewiger Umlaufbahn, alles getürkt, alles Schwindel.

Sam: Ein Schuß, euer Gewichtigkeit möge den
Kalauer verzeihen, ein Schuß in den Ofen,
sozusagen.

Jonas: Sozusagen, Sam. Die Hinterbliebenen kriegen
ein Holo, wahrscheinlich immer dasselbe, nur mit
anderen Namen, Zirose hat praktisch keine
Unkosten, und steckt das ganze Geld als Reingewinn
ein.

Sam: Und die ihm übergebenen Toten, o großer
Kombinator?

Jonas: Och, die schafft er sich irgendwie vom
Halse. Aber nicht Randy. Jonas ist auch noch da,
und Jonas wird dafür sorgen, daß Randy in den Raum
geschossen wird, so wie er es gewollt hat. Wir
gehen nach hinten, Sammy, holen ihn raus und
bringen ihn zu einem seriösen Unternehmen. Peace
in Space oder Celestis oder Elysium.

Sam: Wenn wir ihn finden, Boss.

Jonas: Ein kahler, fensterloser, weiß gekachelter
Raum. In der Mitte ein geschlossener Sarg. Ein
Plastikkasten von der billigen Sorte.
Schummerlicht durch eine trübe Birne an der Decke.
Das war alles. Keine Spur von den professionellen
Mysterien des Dr. Zirose, oder?

Sam: Los, Alter, mach die Kiste auf.

Jonas: Langsam Sammy, erst mal orientieren.

Sam: Was gibt’s denn hier zu orientieren?
Hihihihihihihi, Alter, du hast Schiß, hä?

Jonas: Unsinn.

Sam: Vielleicht liegt in dem Sarg ein Zombie. Oder
gar Graf Dracula, der Schrecken von
Transsylvanien, wuah.

Jonas: Laß den Quatsch, Sammy. Du Sammy?

Sam: Ja.

Jonas: Gerade hat sich der Sargdeckel bewegt.

Sam: Und da fällt euer Furchtlosigkeit natürlich
das tapfere Herz in die dito Hose.

Jonas: Siehst du?

Sam: Hilfe, ein Geist!

Jonas: Ein Geist namens Fredo!

Fredo: Hände hoch und keine Bewegung! Jetzt bist
du dran, Jonas.

Jonas: Dem Sarg entstieg Fredo, Lexis Scarlets
sogenannter Sekretär. Einen Laserstrahler in der
Hand, und um die Augen die deutlich lesbare
Absicht, ihn auch zu benutzen, an Jonas. Aber weil
er wohl recht lange steif im Sarg gelegen hatte,
und auch sonst nicht von der schnellen Truppe war,
dauerte es ein bißchen, bis er in Schußposition
kam. Solange wollte ich nicht warten. Ich sprang
hoch, und schlug die Glühbirne runter. Resultat:
ägyptische Finsternis, nur unterbrochen durch die
Blitze aus Fredos Laser, mit dem er sinnlos durch
die Landschaft ballerte. Das war dumm von ihm. Ich
wußte, wo er war, und trat zu. Nicht sinnlos.
Gezielt. Und mit Erfolg.

Fredo: Ah!

Jonas: Fredo? He, Fredo? Er rührt sich nicht.
Vielleicht ein Trick?

Sam: Kein Trick, o kraftvoller Herkules. Meine
akustischen Sensoren empfangen keinerlei
Fredosches Atemgeräusch mehr. Wenn euer
Gewaltigkeit für ein wenig Helligkeit sorgen
würden. Hhm. Die Taschenlampe. Mach hin, geistiger
Zeitluperich.

Jonas: Da liegt er, der Gute. Ist über seinen Sarg
gestolpert, und hat sich den Hals gebrochen. Mal
sehen, was er außer dem Laser so bei sich hat.
Eins, zwei, drei, vierhundert Euroscheine. Was
meinst du, Sam, wer einen friedlichen Detektiv in
mörderischer Absicht überfällt, der hat doch wohl
eine Strafe verdient.

Sam: Hiermit wird der Beklagte zu einer Geldbuße
von 400 Euros verurteilt.

Jonas: Besten Dank, euer Ehren.

Sam: Bitte.

Jonas: Und was hat er hier? Eine elektronische
Paßscheibe. Musik-Center steht drauf. Haupteingang
und 39. Stock.

Sam: Unser zweiter deutlicher Hinweis, o
gewaltiger Entdecker, daß Lexis Scarlet in die
Angelegenheit verwickelt ist, und zwar in
beträchtlichem Maße.

Jonas: Zweiter Hinweis? Was ist denn der erste?

Sam: Muß ich es eurer erhabenen Begriffstutzigkeit
wirklich und wahrhaftig vorbuch-stabie-r-e-n. Der
erste Hinweis ist natürlich die Person des P.P.
Fredo, will sagen, Doppelpunkt, seine Anwesenheit
an diesem Ort, und seine Absicht, Durchlaucht
umzubringen. Zweifellos im Auftrag seiner Chefin.
Und das alles bedeutet...

Jonas: Lexis Scarlet weiß Bescheid über Immer und
Ewig.

Sam: Ja.

Jonas: Und sie ist an Ziroses Schwindel finanziell
beteiligt.

Sam: Ja.

Jonas: Weshalb hätte sie sonst ihren Fredo auf
mich gehetzt.

Sam: Euer Verbissenheit ließen sich weder ablenken
noch kaufen, blieben vielmehr als wahrer Freund
hartnäckig am Ball.

Jonas: Und darum drohte die ganze Geschichte
hochzugehen. Das ist es, Sammy.

Sam: Zweifellos, Hoheit. Doch ist es auch alles?

Jonas: Was meinst du?

Sam: Einige Fragen sind noch offen. Wo zum
Beispiel befindet sich Randy Orgas Leichnam?

Jonas: Beseitigt. Irgendwo versteckt.

Sam: Wo?

Jonas: Weiß nicht.

Sam: Sie nicht, o leuchtendes Vorbild an Ignoranz.
Wohl aber, h-hm, h-hm, na?

Jonas: Dr. Zirose.

Sam: Sehr gut. Und?

Jonas: Lexis Scarlet.

Sam: Ausgezeichnet. Worauf warten wir noch, o
Vater der schnellen Entschlüsse.

Jonas: Mit Fredos Paß-Scheibe kam ich ohne
Probleme ins Musikcenter und in Lexis Scarlets
Vorzimmer. Der Robot war noch nicht repariert. Ich
hielt mich an meinem, das heißt, an Fredos Laser
fest, schlich zur Bürotür, und machte sie
vorsichtig einen Spalt breit auf. Und wer war
drinnen? Die ganze Gang. Scarlet, Dr. Zirose,
Tutti Paletti, ein undefinierbares Geschöpf mit
Stocklocken, rosa Tatoe, und viel zu großen Füßen,
Donald Daisy, ich kannte sie/ihn aus Randys Holos,
und ich erkannte auch Scrooge, der finster im
Hintergrund hockte, und keinen Ton von sich gab.

Donald-Daisy: Hat jemand ein Kaffadon für mich?

Dr. Zirose: Programmpunkt Jonas können wir dann
wohl auch abhaken.

Lexis Scarlet: In solchen Sachen ist Fredo sehr
verläßlich. Messer. Laserstrahler.

Paletti: Nicht, Lexis, ich will das nicht hören.

Donald Daisy: Hat denn keiner ein Kaffadon?

Lexis Scarlet: Halts Maul, DD. Und du auch, Tutti.
Wir stecken alle mit drin. Jeder hat von Anfang an
gewußt, was auf dem Spiel steht.

Paletti: An sich sollte es ja nur ein PR-Gag sein.

Lexis Scarlet: Nur ist gut. Nur eine Leiche. Nur
ein Mord.

Paletti: Bitte, nicht diese Ausdrücke.

Dr. Zirose: Vielleicht wäre es ja auch ohne
gegangen.

Lexis Scarlet: Klar. Dann hätten wir uns nur die
große öffentliche Feier abschminken müssen. Nein,
nein, Leute, das Requiem für Randy, das ist das A
und O. Deshalb machen wir doch die Sache. Und ohne
Leiche im Sarg fällt das Requiem aus. Das heißt:
Es geht nicht ohne Mord. Und dafür übernehmen wir
alle die Verantwortung. Alle sieben. Keiner
schließt sich aus.

Donald-Daisy: Ein Kaffadon. Ich muß jetzt ein
Kaffadon haben.

Jonas: Sieben? Scarlet, Zirose, Paletti, DD,
Scrooge, Fredo. Ich komm nur auf 6.

Randy Orgas: Hi Baby.

Jonas: Eine plötzliche Bewegung hinter mir, ein
Luftzug, ein jäher Schmerz an der rechten Schläfe,
und Jonas startete in einer Rakete der Firma Immer
und Ewig ins All. Ich stieg, Dr. Zirose winkte von
unten, der Babylonische Staatsopernchor sang
Händels Halleluja, ich schwenkte ein in die
Umlaufbahn und kreiste und kreiste und kreiste,
für immer und ewig, Halleluja. Bis ich auf einmal
zum Stehen kam, und die Augen aufmachte. Vor mir,
das bekannte Zucken im Mundwinkel, stand Randy
Orgas. Ich dachte, jetzt bin ich da gelandet, wo
die toten Musiker hinkommen und die toten
Detektive, aber dann sah ich genauer hin. Ich war
in einer Kammer voller Gerümpel, einem
Abstellraum, und saß in einem alten Korbstuhl, die
Hände auf den Rücken gefesselt. Und Randy zielte
mit meinem Laser auf meinen Bauchnabel.

Randy Orgas: Hi, Jonas Baby. Sag jetzt bloß nicht
so was wie: Du bist also nicht tot, Randy.

Jonas: Das brauch ich nicht, Randy. Ich krieg das
auch so mit.

Randy Orgas: Clever, Baby. Ein Glück, daß ich
gerade mal draußen war, und dich gesehen habe, vor
Lexis Tür, da kommen wir beide doch dazu, ein
bißchen miteinander zu reden, bis es soweit ist.

Jonas: Bis was soweit ist?

Randy Orgas: Aber Baby, bis ich nachhole, was
Fredo offensichtlich nicht geschafft hat. Weißt
du, Baby, die ganze Sache tut mir echt leid. Aber
was soll ich machen? Business, das ging in letzter
Zeit so mies, und da hat Lexis sich ausgedacht,
daß ich nen Jimmy Hendrix mache. So was bringt
money. Besonders wenn ich nicht einfach so
abkratze, wenn das richtig super gemacht wird, big
time, Baby, weißt du, Rakete ins All und so. Und
dann der große Tränendrücker. Das Requiem. Die
Trauerfeier. Du mußt dir das vorstellen, Baby. Der
Riesensaal hier im Musikcenter, überall schwarze
Schleier, weiße Lilien, Tutti hat das first-class
gestylt, der Sarg oben auf einem hohen Podest,
mitten unter den Fans, und über allem, in
gigantischer Größe, meine Holos, und Scrooge und
DD, die spielen live dazu, ist das ne Schau, Baby,
ist das ne Schau?

Jonas: Nicht schlecht.

Randy Orgas: Nicht schlecht? Nicht schlecht? Das
ist great, Baby, das ist grand, das ist super, das
ist das größte seit John Lennon. Und meine Holos,
Baby, die werden laufen und laufen, ich sag dir,
Baby, mein neues Stück, The Long Good-Bye, das ist
übermorgen schon die Nummer 1. Hab ich dir
übrigens eins geschickt?

Jonas: Hast du, Randy.

Randy Orgas: Ist toll, nicht? Ist toll! Ja, siehst
du Baby, und deshalb brauchen wir einen echten
toten Randy Orgas. Die Fans sind ja so geil, Baby,
und erst die Medien, Maker. Irgendwer linst
bestimmt in den Sarg, und wen sieht er, Baby?
Randy. Oder einen, der so aussieht wie Randy. In
etwa.

Jonas: Also Jonas.

Randy Orgas: Du hast`s erfaßt, Baby. Wenn Zirose
dich richtig hinkriegt, dann lassen wir den Sarg
sogar offen.

Jonas: Darum wolltest du, daß ich mich um deine
Weltraumbestattung kümmere.

Randy Orgas: Klar, Baby, deine Sturheit, dein Weg
von Hü nach Hott, bis in Ziroses Hinterzimmer.
Alles vorausberechnet, alles einkalkuliert, alles
nur eine Schau, Jonas Baby. Du hast genau das
gemacht, was du machen solltest. Sieh mich nicht
so an, Jonas Baby. Das war Lexis Idee. Das ist
nicht auf meinem Mist gewachsen. Well, Baby, jetzt
weißt du Bescheid. Also please don`t be mad und
mach kein Gezeter. Es muß sein. Sorry.

Jonas: Ich dachte, wir sind Freunde, Randy.

Randy Orgas: Ja sind wir doch auch, Baby. Friends,
Bunnies. Durch dick und dünn und so weiter, aber
Freundschaft ist Freundschaft, und business ist
business. Also dann, so long, Jonas Baby.

Jonas: Sein Daumen drückte auf den Laserabzug, der
Strahl zischte und traf. Den Korbstuhl, nicht
Jonas. Während Randy sich produzierte, hatte ich
den Strick um meine Handgelenke durchgescheuert,
an einem aus der Rückenlehne ragenden scharfen
Ende Rohr, als Randy schoß, warf ich mich zur
Seite, und ehe er sich von seiner Verblüffung
erholen konnte, hatte ich ihm den Laser aus der
Hand geschlagen. Wir tauchten ihm beide nach, der
Ausgang war klar, Randy war jünger, aber ich war
härter.

Jonas: So, Randy Baby, jetzt drehen wir den Spieß
um.

Randy Orgas: Nicht schießen, Jonas. Nicht
schießen.

Jonas: Schießen? Gar nicht nötig Randy, beweg
dich, wir machen einen Spaziergang.

Randy Orgas: Ja, Jonas, alles was du sagst, Jonas.
Wo gehen wir denn hin, Jonas?

Jonas: Aus der Tür, Randy. Und durchs Vorzimmer in
Lexis Scarlets Büro. Da werde ich deinen
versammelten Freunden kurz was sagen, und weil ich
einen Laser habe, werden sie mir zuhören.

Randy Orgas: Ja, und dann, Jonas?

Jonas: Dann gehe ich nach Hause. Und weil ich
einen Laser habe, werden sie mich gehen lassen.

Randy Orgas: Und ich, Jonas?

Jonas: Du bleibst da, Randy. Bei Lexis, und den
anderen lieben Menschen.

Randy Orgas: Nein, Jonas, nein.

Jonas: Du hast es gesagt, Randy, ihr braucht einen
echten toten Randy Orgas. Und wenn Jonas nicht
mehr zur Verfügung steht, dann müßt ihr den
nehmen, der da ist. Und der offiziell sowieso
schon tot ist. Hauptsache, die Holos laufen.

Randy Orgas: Jonas, bitte.

Jonas: Los, Randy Baby. Mach die Tür auf.

Randy Orgas: Wir sind doch Freunde, Jonas.

Jonas: Ich werde dich vermissen, Randy.

Jonas: Am nächsten Abend lief auf allen Holo-
Kanälen das Requiem für Randy. Live aus dem
Musikcenter. Sehr beeindruckend. Ich sah und hörte
mir Randy große Titel an, Computer-Tod, Seveso-
Rock, Software in the Head. Als The long Good-Bye
einsetzte, schaltete ich ab. Als dann, so long.
Ich nickte. Sam nickte auch, das heißt, er hätte
genickt, wenn er einen Kopf gehabt hätte, so tat
er das nächst Beste. Und machte einen zustimmenden
Eindruck. Ich stand auf, ging zum Fon, und rief
Judith an.

Das war Requiem. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Ingrid van
Bergen, Reinhard Glemnitz, Felix von Manteuffel,
Siemen Rühaak, Wolfgang Hess und viele andere
(Isolde Thümmler, Alexander Malachovsky, Jens
Müller-Rastede). Ton und Technik: Günter Heß und
Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz.
Regie: Alexander Malachovsky. (Eine Produktion des
Bayerischen Rundfunks) (1985) (Redaktion: Dieter
Hasselblatt und Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Kidnapper

Jonas: Robodocs gehen mir auf die Nerven. Darin
bin ich altmodisch. Nicht nur darin. Mir stinkt so
einiges in dieser unserer Zeit. Aber Robodocs ganz
besonders. Darum suche ich mir einen echten
menschlichen Medizinmann, wenn die vorgeschriebene
Jahresinspektion fällig wird. Das heißt, dieses
Mal, im Mai 2010, war es eine Medizinfrau.
Vielleicht hätte ich doch lieber zum Robodoc gehen
sollen. Was Frau Dr. Simon mir sagte, gefiel mir
nämlich gar nicht.

Frau Dr. Simon: Sie gefallen mir nicht, Jonas.

Jonas: Machen Sie sich nichts draus, ich gefall
vielen nicht.

Frau Dr. Simon: Äußerlich ist ja alles in Ordnung
so weit, aber innen.

Jonas: Magen?

Frau Dr. Simon: Ganz richtig. Ihr Magen. Akute
Ulkusgefahr. Rauchen Sie? Nikotin?

Jonas: Nein.

Frau Dr. Simon: Nehmen Sie sonst irgendwelche
Drogen?

Jonas: Äh.

Frau Dr. Simon: Alkohol?

Jonas: Also, also wenn Sie mich so direkt fragen.

Frau Dr. Simon: Das hört auf. Und vor allem kein
Streß. Arbeiten Sie?

Jonas: Wie man’s nimmt. Ich bin Privatdetektiv.
Der letzte. Keine Konkurrenz. Kein Nachwuchs. Ein
aussterbender Beruf. Ein überflüssiger Beruf.
Meint Judith. Aber das stimmt nicht. Mein Büro war
zwar noch nie wegen Überfüllung geschlossen, aber
den einen oder anderen Auftrag staube ich doch ab,
im Lauf der Zeit. Mein Beruf wird gebraucht. Wenn
von keinem anderen, dann von mir selbst. Damit ich
mit gutem Gewissen in den Spiegel gucken kann.

Frau Dr. Simon: In Zukunft werden Sie noch kürzer
treten. Ausspannen, sich hinsetzen und Nichtstun.
Ja die Volksrente reicht doch zum Leben.

Jonas: Tut sie nicht. Wenn Sie sich unter Leben
noch was anderes vorstellen als Vegetieren, Essen,
Trinken, Schlafen, und...

Frau Dr. Simon: Das müssen Sie mit Ihrem
Psychotherapeuten abmachen. Ich bin praktische
Medizinerin, und ich verschreibe Ihnen eine Pause.

Jonas: Wie lange? Drei Tage, eine Woche?

Frau Dr. Simon: Sehr komisch. Heute abend, wenn
ich dienstfrei habe, werde ich drüber lachen. Ein
viertel Jahr, Jonas, mindestens.

Jonas: Darauf mußte ich was trinken. Ich wußte
auch wo. Gleich um die Ecke im Casablanca. Da gehe
ich öfter mal hin. Nicht unbedingt, weil’s mir so
gut gefällt, nein, wegen des Namens. Dabei heißt
der Schuppen gar nicht nach dem antiken Film,
sondern nach der Erbtante des Besitzers. Anyway,
ich saß also im Casablanca, hielt stumme
Zwiesprache mit meinem Magen, und versuchte ihn
dadurch freundlich zu stimmen, daß ich Ricard
trank. Mit viel Wasser. Im Casablanca servieren
sie den Ricard in Pernod-Gläsern. So eine Kneipe
ist das. Ich dachte an Bogie. Ob er wohl auch
Ricard hatte trinken müssen. Und wenn ja, ob er
ihm auch nicht geschmeckt hatte. Da laberte mich
plötzlich diese Öko an.

Demeter: Was dagegen, wenn ich mich dazu setze?

Jonas: Ja, ich hab was dagegen. Suchen Sie sich
'nen andern Tisch, sind genug frei.

Demeter: Ich würd aber gern hier sitzen.

Jonas: Alles besetzt. An diesem Tisch ist alles
besetzt.

Demeter: Ja? Ich seh niemand.

Jonas: Mister Humphrey Bogart, Mister Philip
Marlowe, Mister Samuel Spade, und ich. Schwirren
Sie ab, Sie stören.

Demeter: Heißen Sie Jonas?

Jonas: Nebukadnezar Schonat Jolanda,
Schornsteinfegermeister im Ruhestand, also lassen
Sie mich auch in Ruhe.

Demeter: Das ist nicht wahr, Sie heißen Jonas. Nur
Jonas. Und Sie sind Detektiv.

Jonas: Wer sagt das?

Demeter: Der Wirt.

Jonas: Der redet zu viel.

Demeter: Es ist nämlich so, wir brauchen einen
Detektiv.

Jonas: Unsinn. Niemand braucht nen Detektiv.
Außerdem habe ich frei, und keine Zeit, und keine
Lust.

Demeter: Ich heiße Demeter. Nur Demeter.

Jonas: Ein Punkt für sie. Das, und die Tatsache,
daß sie stur war. Fast so stur wie Jonas. Ich
wurde sie einfach nicht los. An sich mach ich mir
nicht viel aus Ökos, ihre Ideen und Ziele, OK,
aber Bewegungen und Ideologien liegen mir nicht.
Jonas ist überzeugter Einzelgänger. Und Demeter
war eine waschechte Öko. Lange Naturhaare, grüner
Kittel, Schäufelchen und Geigerzähler am
Bastgürtel. Trotzdem fing ich an, ihr zuzuhören.
Vielleicht auch deshalb, weil sie jung war und gut
aussah, trotz ihrer Ökouniform. Ich hätte sie
abwimmeln und in Ruhe weitertrinken sollen. Aber
Jonas ist kein Hellseher.

Demeter: Wir haben es ja zuerst selbst versucht,
wissen Sie, aber als Erasmus nicht zurückkam, da
wuchs uns die Geschichte über den Kopf. Jetzt muß
ein Profi ran.

Jonas: Ein Profi kostet Geld.

Demeter: Ah, wir legen zusammen. Weil die Sache so
wichtig ist. Stellen Sie sich vor, Herr Jonas.

Jonas: Jonas reicht. Nur Jonas.

Sam: Ja, Jonas reicht.

Demeter: Häh, äh, also stellen Sie sich vor,
Jonas, es geht um rissa tridactyla.

Jonas: Ist das die Möglichkeit. Ja, und wenn ich
jetzt noch wüßte, was rissa tridingsbumsla ist.

Sam: Rissa tridaytila, o großer Systematiker des
Tier- und Pflanzenreiches. Die Dreizehenmöwe. So
gut wie ausgestorben.

Demeter: Einen schlauen Computer haben Sie da,
Jonas.

Sam: Ja.

Jonas: Schlau ist gar kein Ausdruck für Sam. So
heißt er nämlich, mein Computer. Sie kennen den
Grund, wenn Sie wissen, daß meine Stammkneipe
Casablanca heißt. Sam ist überschlau. Er kann fast
alles. Seine Spezialität: Reden, wenn er nicht
gefragt ist. Überhaupt reden, ohne Rücksicht auf
Verluste. Ohne Punkt und Komma. Irgendwie haben
sich seine Sprachprogramme verheddert, und deshalb
wirkt er ein bißchen absonderlich. Verstehen Sie
mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Sam. Ich
hänge an ihm. Ich habe ihn immer bei mir. Nicht
den großen Speicher natürlich, der steht im Büro,
aber Sam zwo. Pocket Sam. Die drahtlose Extension
im Miniformat. Der letzte Detektiv und sein
verdrehter Computer. Sind wir nicht ein schönes
Paar?

Sam: Treulich geführt, ziehet dahin...

Jonas: Sei still, Sammy. Wir waren bei dieser
ausgestorbenen Möwe, Demeter.

Demeter: Nicht ausgestorben.

Sam: Noch nicht.

Demeter: Noch nicht, das hoffen wir jedenfalls.
Auf Swartcliff nisten noch ein paar. Das heißt,
sie haben da genistet, bis vor einem Monat, bis
die Bautrupps kamen, und die schwarzroten
Uniformen.

Jonas: Da wurde ich wach, und kriegte lange Ohren.
Schwarzrot trägt die Popo, die Populationspolizei,
und mit den Herrschaften hatte ich noch ein
Hühnchen zu rupfen. Vor einem Jahr, beim
Testmarktfall, hatten sie mich schwer in der
Mangel gehabt. Wenn die Popo mitspielte, konnte
die Sache interessant werden. Und gefährlich.

Jonas: OK, Schwester, wenn ich Sie richtig
mitkriege, wollen Sie mich anheuern.

Demeter: Ja, ja also nicht ich, meine Gruppe, die
Ökos von Babylon und Umgebung.

Jonas: 80 Euros pro Tag, und Spesen.

Demeter: So viel?

Jonas: Das hab ich mir gedacht. Wiedersehen,
Schwester.

Demeter: 50 könnten wir zahlen.

Jonas: Tut mir leid, Schwester, kein Rabatt, kein
Skonto.

Demeter: Na, es ist doch für einen guten Zweck.

Jonas: Ich arbeite nur für gute Zwecke. 70 Euros,
weil’s Sie sind.

Demeter: 60.

Jonas: 65. Und 100 im voraus.

Demeter: Einverstanden.

Sam: Oh, oh, was muß Sammy da hören. Kein Streß,
hat Frau Dr. Simon gesagt, ein viertel Jahr Pause
hat sie gesagt, o du mein magengeschwürlich-
gefährdeter Jonas.

Jonas: Reg dich ab, Sam, kleiner Ökofall, was soll
daran stressig sein. Unser täglich Brötchen, das
machen wir mit links.

Sam: Kleiner Ökofall, euer Verniedlichung, mit der
Popo in den Kulissen?

Jonas: Lassen wir das doch einfach an uns
rankommen, Sam. So, Schwester, Sie haben sich
einen Detektiv gekauft, jetzt müssen Sie ihm nur
noch sagen, was er für Sie tun soll.

Demeter: Kennen Sie Swartcliff, Jonas? Das ist.

Jonas: Nicht hier, Schwester, kommen Sie mit.

Demeter: Ja.

Jonas: Mein Büro plus Apartment. 22 Quadratmeter.
Lauschiges Zuhause, gemütlicher Arbeitsplatz. Eine
Tür, ein Fenster, Sam eins, ein kleiner Tisch, ein
Wandschrank, Bett zum Rausklappen, desgleichen
zwei Stühle. Auf einem saß ich, auf dem anderen
Demeter. Sie redete, ich hörte. So soll’s sein.
Detektiv und Klientin, wie sie im Buche stehen.

Demeter: Swartcliff ist eine Insel. Eine sehr
kleine Insel. Eigentlich nur eine Klippe.

Jonas: Wie der Name schon sagt, Schwester. Wo?

Demeter: Im nordischen Meerbusen. Nicht weit von
Westerport bei Babelshafen. 10 Kilometer weit
draußen.

Sam: Sechs Knoten, oder auch Seemeilen, wie wir
Nautologen uns ausdrücken. Oder heißt es Nautiker?

Jonas: Beachten Sie ihn gar nicht, Demeter. Auf
Swartcliff gibt es also diesen Vogel, der Ihnen so
wichtig ist.

Demeter: Das wissen wir eben nicht. Früher sind
wir ab und zu mal rausgefahren, mit einem Boot von
Westerport aus, wir haben die Nistplätze gecheckt,
von weitem, vorsichtig. Die letzte Kolonie von
Dreizehenmöwen, Jonas, mit Sicherheit im Nordmeer,
vielleicht in der ganzen Welt.

Jonas: Das war wieder ein Punkt für sie, für
Demeter. Und für die Möwen. Wir letzten müssen
zusammenhalten.

Demeter: Wir haben aufgepaßt, daß die Tiere nicht
gestört wurden. Auf Swartcliff selbst gibt es
keine Menschen, ich meine, es gab keine, nur Reste
einer alten Marinestellung aus dem Krieg, Bunker
und so. Aber an der Küste fahren ja viele
Touristen rum.

Jonas: Und dann erschien die Popo, vor einem
Monat. Wann genau?

Demeter: Warten Sie, am 10, ja am 10. April. Von
da ab kam niemand mehr auf die Insel, oder auch
nur in die Nähe. Das ganze Seegebiet wurde
gesperrt. Auch für die Westerporter und für die
Touristen. Für uns sowieso.

Jonas: Mit welcher Begründung?

Demeter: Verteidigungswichtige Arbeiten. Das haben
sie uns gesagt, aber es ist kein Militär zu sehen.
Auch keine Marine. Bloß die Schwarzroten. Die
bewachen die Insel. Und die fliegen auch die
Hubschrauber zwischen dem Festland und Swartcliff.
Vollbeladen mit Baumaterial hin, leer zurück.

Jonas: Auf Swartcliff wird also gebaut.

Demeter: Ja, und das macht uns Sorgen.

Jonas: Natürlich, wenn die Popo was ausbrütet.

Demeter: Ach so, nein, nein, wegen der Popo
eigentlich nicht. Mehr wegen unserer Möwen.

Jonas: Sicher, die Möwen, die böse Polizei könnte
sie womöglich verschröcken.

Demeter: Sie sind kein Tierfreund, Jonas.

Jonas: Ich weiß nicht mal, ob ich ein
Menschenfreund bin. Was soll ich für Sie tun, nach
Swartcliff fahren, und nachsehen, wie sich Ihre
gefiederten Freunde so fühlen?

Demeter: Genau das. Und feststellen, was aus
Erasmus geworden ist.

Jonas: Erasmus?

Demeter: Aus unserer Ökogruppe. Vor einer Woche
ist er rausgefahren nach Swartcliff. Ein Fischer
aus Westerport hat ihn nachts mitgenommen.

Jonas: Fischer?

Demeter: Naja, die nennen sich noch so. Auch
wenn’s keine Fische mehr gibt.

Sam: Fischers Fritz fischt frische Fische. Frische
Fische fischt Fischers Fritze...

Jonas: Das war einmal, Sammy, vor den
Verklappungen.

Demeter: Heute fahren sie Touristen.

Jonas: Und einer von denen hat Erasmus nach
Swartcliff gebracht.

Demeter. Ja, wir haben viele Freunde in
Westerport. Der Fischer hat ihn vor der Insel
abgesetzt, und dann...

Jonas: Lassen Sie mich raten. Erasmus ist seitdem
verschwunden. Sie haben nichts mehr von ihm
gehört.

Demeter: Doch, wir haben von ihm gehört. Gestern
kam dieser Brief an.

Jonas: Abgestempelt in Bordeaux, weit weg. Was
steht drin? Es gibt auf der Welt nicht nur Umwelt
und Möwen, ich steige aus, laßt mich in Frieden,
Erasmus. Ja und, wenn ihr denkt, ich hol euch den
Deserteur zurück.

Demeter: Erasmus kann den Brief nicht geschrieben
haben, Jonas. Erasmus kann nicht schreiben,
Erasmus ist Analphi.

Jonas: Wie gesagt, ich bin kein Öko. Aber ich bin
erst recht kein Macher. Ich glaube nicht, daß die
natürliche Umwelt böse ist, und eliminiert werden
muß. Und Streß hin, Magengeschwür her, ich
brauchte einen Fall, das heißt, ich brauchte
Euros. Als Demeter gegangen war, nach einer
Anzahlung, versteht sich, ging ich auch. Auf die
Jagd. Frage: Wie jagt ein Detektiv Möwen im
Nordmeer? Antwort: Er bleibt erst mal zu Hause,
und läßt seinen Computer arbeiten.

Sam: Sam hat in allen großen Dateien
nachgeforscht, o Leitstern meiner schlaflosen
Nächte. In der Staatsinfothek von Babylon, im
geographischen Institut, im Küstenmuseum. Eine
Insel namens Swartcliff gibt es nicht.

Jonas: So, na, dann wollen wir doch mal sehen. Ach
ja, hier ist er. Schau mal hier rein, Sam, mein
alter Schulatlas. Ja, da. Im nordischen Meerbusen.
Der kleine Fleck vor Westerport: Swartcliff. Steht
ganz deutlich da.

Sam: Wenn eure nostalgische Beschränktheit einem,
eh, Buch mehr Glauben schenken als der modernen
Elektronik. Merke: Was nicht datenmäßig erfaßt
ist, existiert auch nicht. Und wenn du dich auf
deinen Holzkopf stellst, du ungläubiger Jonas.

Jonas: Und wenn du dich vor Ärger in den Bauch
beißt, den du nicht hast, Sammy. Dateien kann man
frisieren.

Sam: Herr Stabstrompeter wünschen die Dame Judith
zu konsultieren?

Jonas: Ich wünsche.

Sam: O Unvollkommenheit, dein Name ist Mensch.

Judith: Hallo? Judith Delgado.

Sam: O Unzulänglichkeit, dein Name ist Hirn.

Jonas: Jetzt sei mal still, Sam. Hallo Judith,
Jonas hier.

Judith: Jonas?

Jonas: Ja.

Judith: Ein seltenes Vergnügen. Wenn es ein
Vergnügen ist.

Jonas: Judith ist mein z.B., meine zeitweilige
Beziehung. Im Moment liegt die Betonung praktisch
nur auf zeitweilig. Obwohl es ja auch eine
Beziehung ist, wenn die Partner sich streiten. Das
tun wir nämlich oft, Judith und ich. Fast immer.
In letzter Zeit rufe ich sie eigentlich nur noch
an, wenn ich was brauche, eine Information, an die
nicht jeder rankommt, zum Beispiel. Judith ist bei
der öffentlichen Sicherheitsverwaltung.
Hauptabteilungsleiterin. Viel wichtiger als ein
Privatdetektiv. Vielleicht liegt's daran.

Judith: Sehen wir uns heute abend?

Jonas: Ich plane nie soweit voraus.

Judith: Sagte Bogie zur Bergman. Was willst du?

Jonas: Im Nordmeer, Judith.

Judith: Du hast doch wohl nicht vor, Urlaub zu
machen?

Jonas: Eine Insel bei Westerport, Swartcliff heißt
sie.

Judith: Und da willst du mit mir hinfahren? Ah,
das trifft sich gut, bei uns ist zur Zeit nicht
viel los, ich kann mir ein paar freie Tage nehmen,
wir gehen spazieren, am Meer.

Jonas: Sicher, sicher, wäre schön, Judith, geht
aber nicht. Ich habe einen Fall.

Judith: Ach, du hast einen Fall?

Jonas: Ja.

Judith: Und der ist gefährlich, und darum mußt du
die Sache allein durchstehen, und kannst niemanden
mitnehmen, auch mich nicht.

Jonas: Genau so ist es.

Judith: So ist es immer. Was willst du wissen?

Jonas: Aber auch Judith konnte mir nicht mehr
sagen als Sam. Jeder Hinweis auf Swartcliff, jede
Erwähnung war gelöscht, in allen Dateien. Der
ganze Komplex stand unter einem neuen
Supergeheimcode der Populationspolizei. Off-
limits, sogar für die Sicherheitsverwaltung.

Jonas: Seit wann?

Judith: Anfang April, ungefähr.

Jonas: Das paßt. Danke, Judith.

Judith: Danke, Judith, ich ruf dich an, Judith,
sobald ich Zeit habe, Judith.

Jonas: Ja, das wollte ich sagen und äh.

Judith: Ich weiß, Jonas.

Jonas: Ich hätte ihr was sagen sollen. Was Gutes.
Was Wertvolles. Was Zärtliches. Was
Zukunftsträchtiges. Aber mir fiel beim besten
Willen nichts ein.

Jonas: Und was jetzt, Sammy?

Sam: Meint ihr die Dame Judith, Romeo? Und wie ihr
fürderhin zu ihr euch wollt verhalten?

Jonas: Das geht dich nichts an, Sam, da hältst du
dich raus. Ich meine den Fall.

Sam: Supergeheimcode der Popo, das ganze drum
herum, das ist keine kleine Ökokiste, Kumpel.

Jonas: Ganz sicher nicht, Sammy. Wie geht’s
weiter?

Sam: Wenn eure detektivische Epigonalität die
Abschweifung verzeihen: Befänden wir uns in einem
der klassischen Romane des seligen Raymond
Chandler, so käme nun ein Mann durch die Tür, eine
Pistole in der Hand.

Jonas: Und da ist er auch schon, aufs Stichwort.
Herein ohne anzuklopfen, wie’s draußen dransteht.
Was kann ich für Sie tun?

King Kong: Schnauze. Ganz ruhig. Keine Bewegung.

Jonas: Jonas ist umgänglich. Wenn einer ihm sagt:
keine Bewegung, dann bewegt er sich auch nicht.
Besonders wenn dieser eine so aussieht wie der
große Bruder von King Kong, und ihm einen
elektrischen Knockouter vor der Nase hält.

King Kong: Hände hoch!

Jonas: Auch das, wenn’s ihnen Freude macht. So,
ich halte die Hände hoch, bewege mich nicht, bin
ganz ruhig. Was passiert jetzt?

King Kong: Schnauze! Warten!

Jonas: Gern. Und worauf warten wir?

King Kong: Warten! Da! Fon!

Jonas: Sehr richtig, das Fon klingelt. Zutreffend
bemerkt.

King Kong: Rangehen!

Jonas: Ich?

King Kong: Ja, rangehen.

Jonas: Wenn man mich so nett bittet. Ja?

Caligari: Hier spricht Professor Caligari. Sie
erinnern sich an mich, Jonas?

Jonas: Und ob ich mich erinnerte. Frau Prof.
Caligari ist die Chefin einer offiziell nicht
vorhandenen Organisation, die sich Zentralinstitut
für Populationsforschung nennt, abgekürzt ZIP. ZIP
versucht, unser Problem Nummer 1, die
Überbevölkerung in den Griff zu kriegen. Eine
ehrenwerte Aufgabe. Nur hat ZIP reichlich
merkwürdige, um nicht zu sagen, kaputte Methoden.
Wir waren nicht gerade Freunde, Caligari und ich,
eher im Gegenteil. Schon zweimal waren wir
aneinander geraten. Beim Testmarktfall und in der
Schlachthaus-Affäre. Und beide Male hatte ich ihr
die Tour vermasselt.

Caligari: Ein drittes Mal kommen Sie uns nicht in
die Quere, Jonas. Mein Abgesandter befindet sich
bei Ihnen?

Jonas: Ja, falls Sie King Kong hier meinen. Wo
haben Sie ihn gefunden? Im Zoo?

Caligari: Immer noch der alte Jonas. Voller Witz,
voller Vitalität. King Kong, wie Sie ihn nennen,
habe ich Ihnen als Warnung geschickt, und auch als
kleinen Vorgeschmack dessen, was Ihnen bevorsteht,
wenn Sie nicht tun, was ich wünsche.

Jonas: Und Sie wünschen?

Caligari: Das wissen Sie, Jonas.

Jonas: Sagen Sie es mir trotzdem.

Caligari: Sie haben soeben einen Auftrag
akzeptiert. Von den sogenannten Freunden der
Ökologie.

Jonas: Ja.

Caligari: Ja. Sie geben den Auftrag zurück.

Jonas: Anderenfalls?

Caligari: Andernfalls werden Sie nicht nur Ihre
gute Laune verlieren, sondern auch den Kopf.

Jonas: Ich hätte mir denken können, daß Sie
dahinterstecken. Die aus den Dateien verschwundene
Insel, das große Aufgebot an PoPo, und die PoPo
hat ja schon früher für Sie gearbeitet. Was tun
Sie auf Swartcliff?

Caligari: Sie kennen mich, Jonas. Ich meine es
ernst.

Jonas: Küß die Hand, gnädige Frau.

King Kong: Fertig?

Jonas: Fertig.

King Kong: Du machst, was sie sagt, oder.

Jonas: Ein kaputter Stuhl, eine dito Tür. Er ist
furchtbar in seinem Zorn, unser Freund King Kong.
Ich mach mir in die Hosen vor Angst. Ich hab
wirklich Angst, Sammy. Die PoPo, ZIP, die
Caligari. Und das alles wegen, wegen irgend so
einer Möwe.

Sam: Nicht zu vergessen den verschollenen Öko
Erasmus, o Tapferster der Tapferen. Nebst der
Tatsache, daß ZIP finstere Pläne im Busen hegt,
welche zu vereiteln ein verdienstvolles Werk sein
dürfte.

Jonas: Aber riskant, Sammy, riskant.
Erfolgsaussichten?

Sam: Piep! 1 zu 11, 7, Eminenz. Bedingt durch
teilweise inkomplette Daten erfolgt diese Angabe
ohne Gewähr.

Jonas: Gut, wir machen weiter.

Sam: Bei dem Risiko? Du tickst wohl nicht richtig,
Alter.

Jonas: Und du verstehst nichts von Ehre. Ein
Detektiv gibt nicht auf. Niemals. Ganz besonders
dann nicht, wenn man ihn dazu zwingen will.

Sam: Down these mean streets a man must go.

Jonas: So ist es nun mal, Sammy.

Demeter: Freunde der Ökologie, Gruppe Babylon.

Jonas: Demeter?

Demeter: Am Apparat.

Jonas: Jonas. Von jetzt ab, kein Kontakt mehr
zwischen uns. Sie stehen unter Beobachtung. Man
hat Sie bis zu mir verfolgt.

Demeter: Verfolgt? Wer und wieso?

Jonas: Das ist jetzt nicht wichtig. Sie sagten,
Sie haben Freunde in Westerport.

Demeter: Ja, aber.

Jonas: Der Fischer, der Ihren Freund Erasmus zur
Insel gebracht hat, wie heißt der, wo finde ich
ihn?

Jonas: Der satte Sägefisch in Westerport war
sicher mal eine flotte Kneipe gewesen. Damals, als
es hier noch Fischer gab, und Touristen. Heute
hatten die Fischer nichts mehr zu fischen, und die
Touristen waren von der PoPo verscheucht worden.
Im Schankraum hockten nur ein paar Einheimische.
Leicht zu erkennen an den Warzen und Wucherungen,
wie sie Leute haben, die jahrzehntelange mit
verseuchtem Meerwasser in Berührung kommen. Keine
PoPo. Niemand, der hier nicht hergehörte.
Abgesehen von Jonas natürlich. Und ich hatte gut
aufgepaßt unterwegs. In der Druckluftbahn nach
Babelshafen, und in der Rikscha bis Westerport.
Kein Schatten. Professor Caligari war sich ihrer
Sache wohl sicher. Um so besser.

Jonas: Was trinkt man hier?

Wirt: Kommt drauf an. Wenn Sie Geld haben,
ausländisches Zeug, Whiskey und so, wenn Sie ein
arbeitsloser Volksrentner sind, wie die meisten
hier, dann Korn.

Jonas: Aus Korn.

Wirt: Ne, synthetisch. Heißt bloß noch so, aus
Tradition. Hier an der Küste sind wir sehr für
Tradition.

Jonas: Warum nicht. Sie haben ja nichts anderes.
Einen Korn, nein zwei, Sie trinken doch einen mit,
Herr Wirt.

Wirt: Hab nichts dagegen.

Jonas: Bringen Sie gleich drei. Für mich, für Sie,
und für Piet Pietersen.

Wirt: Nocktwie.

Jonas: Häh?

Wirt: Wird gemacht.

Jonas: Den dritten Korn brachte der Wirt einem
älteren Mann im gestreiften Fischerhemd, der
allein an seinem Tisch saß, in einer dunklen Ecke.
Ich wartete ein paar Sekunden, dann ging ich zu
ihm rüber.

Jonas: Der Korn, den Sie da gerade kippen.

Piet: Ja?

Jonas: Den hab ich bezahlt. Mein Name ist Jonas.
Nur Jonas.

Piet: Ja, und?

Jonas: Aus Babylon.

Piet: Das merkt man.

Jonas: Ich... ich soll Sie grüßen, von Demeter,
und ihren Ökofreunden.

Piet: Ach ja!

Jonas: Und ich soll Ihnen sagen: Dreizehenmöwe,
als Losungswort. Alles klar, Piet?

Piet: Ja, alles klar. Was`n los?

Jonas: Zwei Dinge braucht der Mann: Sie und Ihr
Boot.

Piet: Aha, wann?

Jonas: Heute Nacht.

Piet: Ja, dann will ich wohl mal klar Schiff
machen. Zahlen! Halb zwölf im Hafen. Semironis
heißt die.

Jonas: Wer?

Piet: Mein Boot. 20 Quadratmeter Jollenkreuzer.

Jonas: Um Mitternacht waren wir draußen auf dem
wilden Ozean. Piet segelte, und ich half ihm.
Nicht, daß ich viel vom Segeln verstehe, aber zum
Schiffsjungen reicht`s. Piet hatte mir Ölzeug
besorgt, am Hals hatte ich ein Infrarotnachtglas,
und am Gürtel Sam zwo, in einem wasserdichten
Beutel. Deshalb war er auch etwas gedämpft,
akustisch, meine ich.

Sam: Rolling home to dear old Hamburg, rolling
home...

Jonas: Mein Computer, Piet Pietersen, flippt ab
und zu ein bißchen aus.

Piet: Stört mich nicht.

Jonas: Aber mich. Halt die Klappe, Sam, und fang
keine Diskussion mit mir an, ob du eine Klappe
hast oder nicht. Sei still, verstanden?

Sam: Aye aye, Sir, verstanden.

Jonas: Ziemlich windig heute, nicht?

Piet: Das ist nix. Ne Damenbrise. Da, Swartcliff.

Jonas: Wo?

Piet: Backbord voraus.

Jonas: Himmel und Meer waren stumpfgrau, wie
angelaufenes Zinn. Merken, fürs Poesiealbum. Und
aus dem grauen Wasser vor dem grauen Horizont
ragte eine massive schwarze Faust auf. Die
Felseninsel Swartcliff. Ich ließ Piet einmal
drumrumsegeln, so mit Wenden, Halsen, Kreuzen, und
wie die Sachen alle heißen. Das Nachtglas war made
in Japan, 1a Qualität, und als wir den Kreis
geschlossen hatten, wußte ich ziemlich gut
Bescheid. Aus der Nähe wirkte Swartcliff nicht so
sehr wie eine Faust, eher wie ein schwarzer
Würfel. Im Süden, im Westen, im Norden stiegen
glatte Felswände senkrecht aus dem Wasser, gut 30
Meter hoch, im Osten lag eine Bucht, Sandstrand,
ein Pier, und von da führte eine in den Felsen
gehauene Treppe nach oben.

Jonas: Pier und Treppe sind gut bewacht, 10 Mann,
mindestens. Oben am Klippenrand sehe ich niemand.

Sam: Da brauchen sie keine Wächter, meinen sie,
weil doch kein Mensch die steilen Felsen
raufklettern kann.

Jonas: Ach nein? Oben ist nicht viel zu erkennen.
Hubschrauberlandeplatz, nehme ich an. Ein Kran,
eine gewaltige Radarantenne.

Sam: Radarantenne? Bist du sicher, Falkenauge?

Jonas: Ich werde doch wohl eine Radarantenne
erkennen können, Sammy.

Sam: Und warum, wenn Herr Großadmiral die Frage
gestatten, warum erkennt die Antenne uns nicht?

Jonas: Ist ja wahr, Sammy.

Sam: Aha.

Jonas: Eine gute halbe Stunde kreuzen wir vor
Swartcliff herum, in einem Boot voller
Metallteile, und niemand interessiert sich für
uns. Kein Schiff, kein Hubschrauber. Ob die ihren
Radarraum nicht besetzt haben?

Sam: Unwahrscheinlich, Herr Kaleun.

Jonas: Da stimmt was nicht. Piet, als Sie diesen
Erasmus nach Swartcliff gebracht haben, vor einer
Woche, da hatten Sie doch auch keine
Schwierigkeiten?

Piet: Ne.

Jonas: Seltsam. Vorsichtig, Piet, drehen Sie ab,
wir kommen zu nah an die Bucht.

Piet: Das ist doch der Sinn der Sache. Da warten
sie schon. Wie vor einer Woche auf Erasmus. Und da
werde ich Sie abliefern. Wie den Erasmus vor einer
Woche.

Sam: Hast du`s mitgekriegt, du Blitzmerker mit
Spätzündung? Piet Pietersen, Freund und Helfer
aller guten Ökos und Privatdetektive, arbeitet für
die andere Seite.

Jonas: Als Sie vorhin aus dem satten Sägefisch
weggingen... da haben Sie uns angekündigt.

Piet: Über Funk. Bleiben Sie am Bug stehen. Sie
haben keine Waffe, aber ich habe eine. Ne Pistole,
Walter PPK aus dem zweiten Krieg, funktioniert
aber noch bestens.

Jonas: Ich hab wirklich keine Waffe, Sam.

Sam: Hast du doch, Blindgänger. Das Nachtglas.

Jonas: Aber Sammy, das gute Stück hat 400 Euros
gekostet.

Sam: Extreme Situationen...

Jonas: Er ging in die Knie, und weil er gerade
etwas überhing, ging er über Bord, und weil er
bewußtlos war, ging er unter. Das machte mir wenig
Kummer. Daß die Semiramis es ihrem Kapitän
nachmachen wollte, störte mich da schon erheblich
mehr. Das Boot lief aus dem Ruder, auf ein Riff,
und dann voll Wasser.

Sam: Alarm! Wir sinken! Alles in die Boote!
Frauen, Kinder und Computer zuerst.

Jonas: Und wenn du jetzt noch singst... Das mit
dem Boot ist keine schlechte Idee. Gottseidank
haben wir eins, hinten angebunden.

Sam: Achtern vertäut, wie wir Seeleute sagen.
Ahoi!

Jonas: Eine Nußschale aus Plastik, zwei Ruder,
sehr stabil sieht das Ding nicht aus.

Sam: Worauf wartest du? Auf die Queen Elisabeth?
Spring endlich rein, Landratte. So, und jetzt mach
das Tau los.

Jonas: Ja, Mensch. Moment, Sammy, dieser dreimal
verdrehte Seemannsknoten, der will nicht, der, der
macht... oh, jetzt, jetzt hab ich ihn los.

Sam: So, und jetzt pull, Mann. Pull!

Jonas: Was soll ich?

Sam: Rudern, wenn du das besser verstehst. Eins,
zwei, bum.

Jonas: Wir spielten römische Galeere in Ben Hur.
Sammy bummerte den Takt, ich ruderte. Die
Semiramis ging unter, die Dämmerung kam, das
Festland kam näher, soweit alles OK, aber da kam
noch was.

Sam: Melde gehorsamst, Kapitän, ein Hubschraub-
schraub-schrauber.

Jonas: Von Swartcliff. Scheinwerfer. Die suchen
uns, Sammy, und in 5 Minuten haben sie uns, wenn
wir nichts tun. Mensch, schlag was vor.

Sam: Ein neues Spiel, ein neues Glück, Monsieur.

Jonas: Gleich sind wir im Scheinwerferstrahl, und
du redest irre.

Sam: Mitnichten, Begriffstutz, wir spielen, immer
noch altes Rom, ein militärisches Spiel, es nennt
sich Testudo.

Jonas: Testudo? Das heißt Schildkröte, glaub ich.

Sam: Ausgezeichnet, o via doctissime et
eroditissmie. Wir bringen das Boot zum Kentern,
Magnifizenz verbergen sich darunter, halten sich
an der Sitzbank fest, und führen mit dero unteren
Extremitäten vorsichtige Schwimmbewegungen aus.

Jonas: OK, gern tat ich’s nicht. Das Wasser war
verflixt kalt, aber die Alternative war, mich von
der PoPo erwischen zu lassen. Und da klapperte ich
doch lieber mit den Zähnen, bis der Hubschrauber
die Sucherei aufgab und nach Swartcliff
zurückflog. Dann wurde die Schildkröte wieder
umgedreht, und ich ruderte weiter. Es war Morgen,
als ich das Festland erreichte. Eine einsame
kleine Bucht bei Westerport. Ich zog das Boot hoch
und schob es unter einen überhängenden Felsen.
Vielleicht ahnte mein Unterbewußtsein, daß ich es
noch mal brauchen würde. Ich war todmüde, und
schaffte es gerade noch in den Sägefisch, in das
Zimmer, das ich gestern gemietet hatte, ins Bett.
Und da klingelte das Fon. Es klingelte und
klingelte, bis ich aus dem grauen Meer meiner
Erschöpfung auftauchte, und abhob.

Jonas: Was ist?

Wirt: Ein Anruf von außerhalb, Herr Jonas.

Jonas: Ich bin nicht da.

Wirt: Eine Frau Professor Caligari. Es ist
dringend, sagt sie.

Jonas: Stellen Sie durch.

Wirt: Ja.

Caligari: Caligari.

Jonas: Was wollen Sie denn schon wieder?

Caligari: Ihnen ein Geschäft vorschlagen, Jonas.

Jonas: Kein Interesse.

Caligari: Das bezweifle ich. Da Sie meine Warnung
nicht beachtet haben, und uns auch heute Nacht
entkommen sind, Sie haben doch wirklich ein
unverschämtes Glück, Jonas...

Jonas: Kommen Sie zum Punkt, ich bin müde.

Caligari: Deshalb habe ich mich schon früh zu
einem neuen Approach entschlossen.

Jonas: Oh.

Caligari: Ich habe ein... ein gewisses Objekt in
meine Gewalt gebracht, an dem ihnen viel liegt.
Sie wären sehr betroffen, wenn es beschädigt oder
gar zerstört würde. Geben Sie den Fall auf, Jonas,
lassen Sie die Finger von Swartcliff. Kehren Sie
zurück nach Babylon, dann bekommen Sie das Objekt
zurück. Wenn nicht, werden Sie einen höchst
schmerzlichen Verlust erleiden.

Jonas: Wissen Sie, wie Sie sich anhören? Wie das
Horoskop der Woche.

Caligari: Der Humor wird Ihnen vergehen, Jonas.

Jonas: Kein Humor, wehrte Frau Professor, ich habe
nur keine Lust, ihre Rätsel zu raten.

Caligari: Das brauchen Sie nicht. Fragen Sie den
Wirt, wer Sie heute früh besuchen wollte.

Jonas: Herr Wirt?

Wirt: Ja.

Jonas: Hat heute morgen jemand nach mir gefragt?

Wirt: Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen darf.

Jonas: Wer hat nach mir gefragt? Antworten Sie,
Mann!

Wirt: Die Dame hat gesagt, ich soll es Ihnen nicht
verraten. Es soll eine Überraschung sein, hat sie
gesagt.

Jonas: Dame? Was für eine Dame?

Wirt: Eine Frau Delgado.

Jonas: Judith? Wo ist sie?

Wirt: Keine Ahnung, sie ist am frühen Morgen
gekommen, als Sie noch unterwegs waren. Aus
Babylon. Sie hat nach Ihnen gefragt. Im Gastraum
hat sie auf Sie gewartet.

Jonas: Und dann? Reden Sie, Mann!

Wirt: Dann sind die vier PoPos gekommen.

Jonas: Und?

Wirt: Die Dame und die vier PoPos sind zusammen
weg.

Jonas: Die Rechnung, und eine Motorrikscha, wenn’s
hier so was gibt. Schnell.

Jonas: Alles war klar. Die andere Seite hatte
Judith gekidnappt, um mich loszuwerden. Ein
schwerer Fehler. Bisher hatte ich die Geschichte
als normalen Job gesehen, als einen Fall wie jeden
andern. Jetzt war eine persönliche Sache daraus
geworden. Es ging nicht mehr um Berufsehre, darum,
daß ein Detektiv nie aufgibt, um Ökos, Möwen und
so weiter, es ging nur noch um zwei Dinge:
erstens, ich mußte Judith rausholen. Ich konnte
mir denken, wo sie sie hingebracht hatten. Judith
war bei Caligari, und Caligari war auf Swartcliff.
Als sie mich eben anrief, hatte ich im Hintergrund
deutlich Baugeräusche gehört. Zweitens, ich mußte
mit Caligari und ihrer Bande abrechnen. Endgültig.
Ich hatte genug. In mir war eine kalte Wut, eine
Wut im Bauch und im Kopf. Ich fuhr nach Babylon.
Aus dem Wandschrank in meinem Büroapartment, da wo
ich auch meine Sammlung antiker Detektivromane
aufhebe, holte ich die Guerilla-Ausrüstung, die
ich vor 5 Jahren weggelegt hatte, als der
antarktische Krieg zu Ende war. Eine kurze
Nachricht an Demeter, und ich war wieder unterwegs
Richtung Küste. Es wurde dunkel, als ich die Bucht
erreichte, wo ich das Rettungsboot der Semiramis
versteckt hatte. Nebel kam auf, und ein Wind, der
stärker war als die Damenbrise des seligen Piet
Pietersen. Ich machte mich fertig. Ich zog den
Kampfanzug aus schwarzem Plastik an, schmierte mir
schwarze Farbe ins Gesicht, und verstaute alles,
was ich brauchte, am Gürtel und in den Taschen.

Sam: Bitte, Massa.

Jonas: Laserstrahler, Nockouter, Infrarot-
Ablenker, Nachtsichtbrille, Schockgranate,
Miniplastbombe, Vakuumklammern, sonst noch was?

Sam: Oh Massa, treuen Onkel Sam nicht vergessen.

Jonas: Natürlich kommst du auch mit, Sammy. Dann
wären wir wohl soweit.

Sam: Jawoll, Chef. Alles da, und alles aus
Plastik. Kein Metall, von wegen dem Radar.
Radadadar. Der unbezwingliche Plastikmann,
Schrecken seiner Feinde, und fetischischtischer
Wunschtraum.

Jonas: Keine dummen Witze, Sammy, die Sache ist
ernst.

Sam: Dann gestatten eure heroische Seriosität ein
leicht variiertes Zitat aus dem göttlichen Gedicht
des gleichfalls göttlichen Homer: Singe, o Muse,
den Groll des Privatdetektivs, namens Jonas, im
Zorne erschuf unendliches Leiden der PoPo, viele
tapfere Seelen der Helden zum Hades entsannt.

Jonas: Schon besser, also stechen wir in See. Fast
wie in den bösen alten Tagen beim 9. Guerilla-
Kommando im Beagle-Kanal.

Sam: England erwartet, daß jeder Mann seine
Pflicht tut. Ahoi.

Jonas: Ahoi, das hieß rudern. 10 Kilometer. Der
Nebel wurde stärker. Wind und Wellen spielten mit
dem Boot Wasserball. Aber ich kam durch. Unter der
steilen Südküste von Swartcliff machte ich das
Boot fest, an einem Felsvorsprung, und dann lief
ich die senkrechte Wand hoch. Kein Schwindel,
Damen und Herren, keine schwarze Magie, zwei
Saugklammern mit Stil und batteriebetriebener
Vakuum-pumpe, kleben eingeschaltet an jeder
Fläche, sicherer als Metallkrampen. Und viel
leiser. Oben steckte ich vorsichtig den Kopf über
den Rand. Wie ich es mir gedacht hatte: Weit und
breit nur ein einziger Wächter, und der träumte
vor sich hin. Hoffent-lich was schönes, ich ließ
ihn weiterträumen, bis in alle Ewigkeit, dann
rekognos-zieren. Durch die Nachtbrille, schwierig,
der Nebel deckte allmählich alles zu.

Jonas: Hinten rechts der Heliport. Voll mit
Maschinen.

Sam: Kein Flugwetter, eure meteorologische
Inkapazität.

Jonas: Überall Bauschutt, Betonplatten,
Baumaschinen, aber keine Baustelle.

Sam: Die ist natürlich unterirdisch, Herr
Flottillenchef, bzw. unter- oder auch innerfelsig.

Jonas: Du meinst, die bauen die alten
Marineanlagen aus?

Sam: Was denn sonst, Knallkopp.

Jonas: Vorsicht, Sam. Da muß der Eingang sein, in
der Bunkerkuppel unter der Radarantenne.

Sam: Wohin wir uns nunmehr begeben werden, Herr
Stoßtruppführer, zwecks Eindringens in die
Swartcliffsche Unterwelt.

Jonas: Das Tor in der Kuppel war doppelt bewacht.
Durch einen laserbewaffneten Typ, der gar nicht
verträumt aussah, und durch einen Scanner. Mikro,
Kamera und Lautsprecher kombiniert.

Sam: Sorry, Boss, Sam kann das Ding nicht
ausschalten, Sam kommt nicht ans Zentrale ran,
weil Sam kennt nicht den Supergeheimcode der PoPo.

Jonas: Dann machen wir’s anders.

Sam: Wie?

Wächter: Wer da? Ist da jemand? Identifizieren Sie
sich, oder ich mach von der Waffe Gebrauch. Ahh...

Jonas: So, Sammy, jetzt haben wir eine schicke
PoPo-Uniform. Wenn ich die über den Kampfanzug
ziehe, und so am Scanner vorbeimarschiere

Sam: Hehe, vergiß aber nicht, dir die schwarze
Farbe aus dem Gesicht zu wischen, großer Häuptling
der Basrai.

Jonas: Ganz so einfach, wie ich es mir vorgestellt
hatte, kam ich aber dann doch nicht in die
unterirdischen Anlagen. Ich war gerade am Scanner
vorbei, da meldete sich eine Stimme aus dem
Untergrund.

Offizier: Halt, was war da draußen los, Wanzek?

Sam: Machs Maul auf, Idiot, du bist Wanzek.

Jonas: Äh, falscher Alarm, Chef, alles in Ordnung.

Offizier: Gut, weitermachen.

Jonas: Das brauchte er mir nicht zweimal zu sagen.
Ich holte tief Luft, und verschwand in dem Gang,
der schräg nach unten führte. Immer weiter, immer
tiefer. Rechts und links Türen, alle 50 Meter eine
Kurve, und ab und zu ein Quergang. Wenig Lampen,
und zum Glück auch wenig Verkehr. Drei, vier PoPos
kamen mir entgegen, ich salutierte zackig, und
marschierte vorbei. Zielstrebig, nicht eilig.
Keine Gefahr, keine Probleme. Bis der Gang
plötzlich zu Ende war. An einer massiven Tür ohne
Schloß, Griff und Klinke. Statt dessen ein Schild.

Jonas: Sperrbezirk. Zugang für Unbefugte
strengstens untersagt. Berechtigte Personen werden
ersucht, ihren Kopf kurz in die dafür vorgesehene
Öffnung rechts, siehe Pfeil, zu halten. Na, wenn’s
weiter nichts ist.

Sam: Halt!

Jonas: Was, was ist denn, Sam?

Sam: Empfehle dringendst, der Aufforderung nicht
zu folgen.

Jonas: Und warum nicht?

Sam: Weil eure Humanität lediglich über einen
einzigen Kopf verfügt, auf welchen trotz seiner
sattsam bekannten Unzulänglichkeit Durchlaucht
auch fernerhin nicht verzichten sollten.

Jonas: Ach, du meinst, das ist eins von diesen
neumodischen Sicherungssystemen, so eins, wo die
Gehirnströme abgelesen werden.

Sam: Ja.

Jonas: Und wenn sie nicht gespeichert sind, dann

Sam: Schnipp schnapp, Rübe ab. Kein Zweifel,
hochzuverehrender Henkersknecht.

Jonas: Huh, da hätte ich ja fast eine
Riesendummheit gemacht.

Sam: Sam wagt nicht zu widersprechen, o Inbegriff
aller Weisheit.

Jonas: Weißt du, Sam, wie wir reinkommen? Ich
fange mir einen PoPo, der hier unten rumläuft, und
stecke seinen Kopf ins Loch. Wenn er berechtigt
ist, gut und schön, dann geht die Tür auf.

Sam: Und wenn nicht, o abgeklärter Kaltschnauz?

Jonas: Dann verliert er den Kopf, fürchte ich. Und
ich fange mir einen neuen, einen möglichst
hochrangigen. General oder so.

Oberst: Würde Ihnen ein Oberst reichen? Hände hoch
und langsam umdrehen.

Jonas: Er stand plötzlich hinter mir. Ich hatte
ihn nicht gehört, weil ich mich so angeregt mit
Sam unterhalten hatte, dumm von mir. Er war
tatsächlich ein Oberst der PoPo, das sah ich, als
ich mich umdrehte. Lametta an Brust und Schultern,
dazu ein Laserstrahler am Gürtel und ein
Knockouter in der Hand. Das war dumm von ihm.

Oberst: Stehenbleiben! Bleiben Sie stehen. Sie,
Sie sind isoliert.

Jonas: Du merkst auch alles, Buster.

Jonas: Haben Sie gehört? Buster. Ein echter Bogie.
Ich war richtig stolz, fletschte die Zähne, und
zupfte mich am Ohr. Übrigens war ich wirklich
isoliert. Das heißt, mein Kampfanzug, der Oberst
nicht, und deshalb fiel er um, als ich ihm einen
soliden 2-Stunden-Lähmungsschock verpaßte. Aber er
war berechtigt. Sein Kopf schloß mir das Tor auf.
Ich legte ihn hinter einem Schutthaufen ab,
weiter. Der Verkehr nahm ein bißchen zu. Kaum noch
schwarzrote Uniformen, dafür weiße Kittel, hinter
den Türen Funk- und Radarstationen, und
Laboratorien. Eine Tür stand offen. Ich riskierte
ein Auge, und obwohl ich es so eilig hatte, blieb
ich stehen.

Jonas: Puppen? Sieh dir das an, Sammy. Die Damen
und Herren Wissenschaftler von ZIP spielen mit
Puppen.

Sam: Unwahrscheinlich. Geh näher ran, alter
Türschlitzspanner. Keine Angst, das Labor ist
leer.

Jonas: Das, das sind keine Puppen.

Sam: Was du nicht sagst, Kumpel.

Jonas: Das sind Menschen, klitzekleine Menschen.

Sam: Im Durchschnitt 12 Zentimeter hoch, flüchtig
geschätzt, Minimenschen, o riesiger Gulliver zu
Liliput. Tot sind sie übrigens auch.

Jonas: Jedenfalls bewegen sie sich nicht. Wie
damals, im Schlachthaus von Costaguana, nur alles
viel kleiner, aber womöglich noch scheußlicher.
Was ist hier los, Sam?

Sam: Siehst du doch, blindes Huhn. ZIP entwickelt
ein neues Verfahren. Mikronisierung. Verkleinerung
von Menschen. Wo heute 100 leben können, sollen es
in Zukunft Millionen und Milliarden sein.

Jonas: Deshalb diese gewaltigen
Sicherheitsvorkehrungen.

Sam: Ja.

Jonas: Deshalb haben sie sich auf Swartcliff
verkrochen.

Sam: Versteht sich, großer Vordenker. Hier wird
das Verfahren getestet. Und hier soll es später im
großen Stil und Umfang angewandt werden.

Jonas: ZIP schreckt wirklich vor nichts zurück.

Sam: Vermutlich hat man auch die Dame Judith zur
Mikronisierung vorgesehen.

Jonas: Judith? Meinst du wirklich, Sam?

Sam: Ja.

Jonas: Dann los.

Jonas: Weiter, schneller, immer schneller, noch
ein paar Labortüren, dann Büros, dann das
allerheiligste. Professor Caligari. Kein Zutritt.
Für mich galt das nicht. Ich trat zu. Leise.
Niemand im Vorzimmer. Aus dem Hinterzimmer durch
die angelehnte Tür, Stimmen. Caligari und Judith.

Judith: Die Sicherheitsverwaltung wird mich suchen
lassen.

Caligari: Das werden wir zu verhindern wissen,
mein Liebe. Sie haben Ihre Situation doch selbst
verschuldet. Was geben Sie sich mit diesem
Quertreiber ab, diesem Unruhestifter, diesem
Jonas. Meine Organisation hat ein hohes Ziel, die
Reduktion der Überbevölkerung. Mittel haben wir im
Überfluß. Die Industrie unterstützt uns, die
Hochfinanz, die Politik.

Judith: Ja, ja, die Politik.

Caligari: Was wir brauchen ist Ruhe. Vor allem
jetzt, im Versuchsstadium. Das große Projekt der
Mikronisierung läuft. Aber der Durchbruch ist uns
noch nicht gelungen. Wir verzeichnen einen zu
hohen Verschleiß an Versuchspersonen. Ja, auch auf
diese Weise reduziert sich die Bevölkerung, und
das ist doch die Hauptsache, nicht wahr?

Judith: Wenn Sie meinen.

Caligari: Wenn der Ausbau unseres neuen
Hauptquartiers beendet ist, wenn wir uns hier auf
Swartcliff sicher verschanzt haben, wenn wir
ungestört arbeiten können, dann, meine Liebe,
dann...

Judith: Dann? Werden Sie mich freilassen?

Caligari: Das halte ich für unwahrscheinlich. Sie
sind zu gut über uns informiert. Und wir brauchen
laufend frische Versuchspersonen.

Jonas: Frau Professor Caligari hielt gern
Vorträge. Mir reichte es. Ich wollte nichts mehr
hören. Ich wollte Judith. Die Ein-Mann-Armee Jonas
setzte zum Sturm an. Es ging alles sehr schnell.
Eine Schockgranate durch die Tür, Caligari ging
benommen zu Boden. Aber sie war hart im Nehmen.
Sie hatte ihren Laser fast schon wieder in
Schußposition, als ich sie mit dem Knockouter
unschädlich machte. Dann zu Judith. Auch sie kam
schnell wieder zu sich.

Judith: Jonas? Was ist passiert? Ich hab dich
zuerst gar nicht erkannt. In dieser Uniform.

Jonas: Was meinst du, Judith, steht sie mir?
Judith, wie fühlst du dich denn? Kannst du laufen?

Judith: Ja.

Jonas: Na komm, ich helf dir.

Judith: Ich glaub schon.

Jonas: So, dann laß uns loslaufen.

Sam: Moment, Chef. Punkt eins: Befreiung der Dame
Delgado erfolgreich ausgeführt. Bleibt Punkt zwei.

Jonas: OK, Sammy. Wo?

Sam: Hintere Wand Mitte, allerwertester
Knallfrosch.

Jonas: Eine Miniplastbombe oder zwei?

Sam: Zwei, o Meister aller Bombardiere. Safety
first. Beeil dich, lahme Ente.

Jonas: Ich beeilte mich, und dann raus. Im
Geschwindschritt durch die Gänge. Wer sich uns in
den Weg stellte, war selber schuld. Kampfmaschine
Jonas ließ sich nicht aufhalten, bis sie von
allein stehen blieb, am Ausgang, mit Judith,
atemlos, aber glücklich. Und mit Sam natürlich.

Judith: Du hast es wirklich geschafft, Jonas.

Jonas: Kleinigkeit. Anruf genügt, komme sofort.

Judith: Caligari hat gesagt, du würdest nicht
kommen, weil du nicht gut genug bist, und weil du
mich nicht genug liebst.

Jonas: Da hat sie sich geirrt, unsere Frau
Professor. Zum allerletzten Mal.

Judith: Ist sie tot?

Jonas: Noch nicht. Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Die Fernzündung.

Sam: Fernzündung.

Jonas: Feuer.

Sam: Zu Befehl, Herr Sprengmeister.

Judith: Was ist das?

Jonas: Die große ozeanische Wasserspülung, meine
Bomben in Caligaris Zimmer, tief unter dem
Wasserspiegel, haben die Felswand aufgerissen, und
jetzt wird der ganze Dreck ins Meer gespült,
Caligari und ihre Organisation, PoPos und
Wissenschaftler, Labors und Maschinen, aus und
vorbei. Ein für alle mal.

Sam: Mögen sie in Frieden ruhen auf dem kühlen
Meeresgrund, rappeldizock...

Demeter: Da ist noch einer von den Schwarzroten!
Hände hoch!

Jonas: Demeter.

Demeter: Jonas.

Jonas: In Person.

Demeter: Ich hab Sie nicht gleich erkannt.

Jonas: In dieser Uniform. Wie kommen Sie hierher?

Demeter: Als ich Ihre Nachricht kriegte, habe ich
alle Ökos zusammengetrommelt, die Westerporter
haben ihre alten Flinten aus dem Schrank geholt,
und uns in ihren Booten rübergebracht, trotz Sturm
und Nebel. Wir wollen Ihnen helfen.

Jonas: Danke, sehr freundlich, aber nicht mehr
nötig. Der böse Feind ist geschlagen. Auftrag
ausgeführt.

Sam: Ja.

Demeter: Und die Dreizehenmöwe Rissa?

Jonas: Ach, die hab ich vergessen. Es war nämlich
einiges los, müssen Sie wissen.

Demeter: Das interessiert mich nicht. Unter diesen
Umständen wird es uns nicht möglich sein, Ihnen
Ihr restliches Honorar auszahlen. Wir hatten
vereinbart... Da, hören Sie: Rissa Tridactyla. Sie
hat es überlebt. Hurra!

Sam: Hurra!

Jonas: Zähes Tierchen, dachte ich, und freute mich
ein bißchen mit Demeter und ihren Leuten, die sich
aufmachten, die Nester ihres heißgeliebten
Federviehs zu suchen. Judith und ich blieben
allein zurück.

Judith: Ich seh dir in die Augen, Jonas.

Jonas: Ich dir auch, Judith. Sehen wir uns heute
Abend?

Judith: Wenn du willst. Sehen wir uns morgen
Abend?

Jonas: Wenn du willst.

Jonas: Und so weiter. Falls Ihre Beziehung nicht
mehr das ist, was sie war, dann rate ich Ihnen,
lassen Sie sich kurz kidnappen, und auf möglichst
spektakuläre Weise retten. Das verbindet, bis zum
nächsten Krach.

Das war Kidnapper. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Kornelia Boje,
Renate Grosser, Gernot Duda, Michael Lenz,
Wolfgang Büttner und viele andere (Joachim
Höppner, Gisela Hoeter, Reiner Kositz). Ton und
Technik: Günter Heß und Angela Bernd.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander
Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen
Rundfunks (1985). Redaktion: Dieter Hasselblatt
und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Schmiergeld

Jonas: Ich machte die Tür auf, und da saß er.
Mitten in meinem Büro. Auf meinem besten und
einzigen Klientenstuhl. Er war klein und trug
grau, das offizielle grau der Politiker und
Geschäftsleute. Eine graue Maus. Unauffällig.
Abgesehen von einer Kleinigkeit. Er war tot. Sein
Gesicht war blau angelaufen, die Zunge hing ihm
aus dem Mund, die Augen standen weit offen. Das
gefiel mir nicht. Welcher Detektiv findet schon
gern eine ermordete Leiche in seinem Büro?

Jonas: Erwürgt mit einer Drahtschlinge.
Fachmännische Arbeit. Zwei Täter. Einer hält den
Mann fest, der andere zieht zu.

Sam: Wie weiland die Thugs, eure mäßige
Belesenheit dürfte sie kaum kennen. Eine indische
Mördersekte. Welche vorzugsweise in Bengalen
florierte. Zu Ehren ihrer Göttin Kali oder auch
Bowarni erwürgten sie zahllose Menschen mit gelben
Tüchern.

Jonas: Sam. Mein Computer. Bis an die Oberkante
vollprogrammiert mit nützlichem Wissen und
unnützer Gelehrsamkeit. Unentbehrlich und
innervierend. Und ein bißchen verrückt. Vor fünf
Jahren habe ich ihn billig gekauft. Im Ramsch. Als
Einzelstück. Seitdem versuche ich mich an ihn zu
gewöhnen. Das ist nicht leicht.

Sam: Dem Treiben der Thugs machte die britische
Kolonialverwaltung in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts ein Ende.

Jonas: Wir sind in Babylon, Sam, nicht in Indien.
Und wir haben heute den 2. Juni 2010. Wer immer
unseren Besucher umgebracht hat, Thugs waren es
bestimmt nicht, blas dich nicht auf mit deiner
Bildung, mach dich nützlich.

Sam: Jawohl, großmächtiger Herr und Meister. Sam
drängt darauf, sich ganz ungeheuer nützlich zu
machen, doch wie, so fragt der Fachmann und der
Laie wundert sich, wie oder mit anderen Worten
ausgedrückt, auf welche Weise?

Jonas: Ich stell dich ab, Sam, ich werf dich aus
dem Fenster.

Sam: Ob seines Gebieters Zorn windet sich der
unglückselige Sklave im Staub.

Jonas: Ich verkauf dich als Schrott.

Sam: Bin ja schon ganz still, Chef.

Jonas: Kennst du den Mann?

Sam: Sorry, Sir. Nie gesehen.

Jonas: Ich auch nicht, aber das war kein Problem.
Unser Besucher stellte sich selbst vor. Mein altes
Diktaphon, das auf Sams Datenspeicher stand, war
verschoben, kein Staub auf den Tasten, ein
Detektiv sieht so was. Und er weiß, was das
bedeutet. Ich ließ die Kassette zurücklaufen und
der Tote sprach.

Hartog: Zunächst einmal muß ich Sie um
Entschuldigung bitten, Herr Jonas, unter normalen
Umständen hätte ich mir niemals erlaubt, Ihr
Diktiergerät zu benutzen oder in Ihrer Abwesenheit
in Ihre Räumlichkeiten einzudringen. Übrigens hat
mich Ihr Hauswart eingelassen. Wie gesagt, nicht
unter normalen Umständen. Aber die Umstände sind
nicht normal. Ich werde verfolgt, ich fühle mich
bedroht, und ich werde zu unrecht beschuldigt, Sie
sind meine letzte Hoffnung, Herr Jonas.

Jonas: Jonas, das bin ich. Nur Jonas. Ich bin der
die das letzte. Das letzte Gremium, die letzte
Instanz, der letzte Privatdetektiv. Zu mir kommt
man, wenn alle Stricke reißen. Nicht, daß ich viel
tun kann, aber ich gebe mir Mühe. Davon lebe ich.

Hartog: Ich darf mich vorstellen. Hartog ist mein
Name. Hugo Hartog. Sie werden mich nicht kennen.
Ich bin Stadtrat in der babylonischen
Finanzverwaltung, Abteilung Gewerbesteuern.
Stellvertretender Abteilungsleiter. Kein großes
Licht. Ja, ich, ich, ich sollte mich besser
beeilen. Also, ein Journalist hat mich angerufen,
ich kenne ihn flüchtig. Er heißt Sidonia, und er
ist beim Europäischen Pressebüro EPB. Er hat einen
Informanten bei Chips Inc. Und dieser Informant
hat ihm eine Liste durchgegeben. Eine Liste, auf
der alle stehen, die in diesem Jahr von Chips
bestochen worden sind. Mit den Beträgen, die sie
bekommen haben, wegen der Robotergesetze, wissen
Sie.

Jonas: Natürlich wußte ich. Jeder weiß das. Die
Robotergesetze bestimmen, daß ein Betrieb je nach
Umsatz für eine bestimmte Anzahl Roboter eine
menschliche Arbeitskraft einstellen muß. Oder eine
kräftige Ersatzgebühr zahlen. Beides wollen die
Betriebe nicht. Zu teuer. Zu umständlich. Deshalb
schmieren sie die Kontrollbehörden. Das kommt
billiger. So ist allen geholfen. Nur nicht den
menschlichen Arbeitskräften. Aber die fragt
sowieso keiner.

Hartog: Und ganz oben auf der Liste, sagt Sidonia,
stehe ich. Als erster. Mit 15 Millionen Euros. Das
stimmt nicht, Herr Jonas, das schwöre ich. Mit
Chips habe ich seit Jahren nichts mehr zu tun, und
ich habe in meinem Leben noch nie Schmiergeld
genommen. Das habe ich Sidonia gesagt, aber der
glaubt mir nicht, und wird die Liste heute noch
veröffentlichen. Helfen Sie mir, Herr Jonas.
Beweisen Sie meine Unschuld, ich bitte Sie. Da,
Schritte draußen auf dem Gang. Sie kommen nach
Hause, Herr Jonas. Der Rest mündlich.

Jonas: Ich war’s nicht, der da gekommen ist.

Sam: Keinesfalls, o Rächer der Genervten. Wie die
akustisch-subtonale Anneliese, äh Korrektur
Analyse zeigt, handelte es sich um die Schritte
zweier Menschen.

Jonas: Die Mörder mit der Drahtschlinge. Glaubst
du ihm, Sam?

Sam: Begriff unpräzise, Meister. Computer glauben
nicht, Computer wissen.

Jonas: OK, Sammy. Weißt du, ob er die Wahrheit
sagt?

Sam: Daten unzureichend, Hochwürden.

Jonas: Na, dann machen wir sie doch ein bißchen
zureichender. Wie spät ist es?

Sam: Piep. 14 Uhr 1 Minute und 12 Sekunden.

Jonas: News Time im öffentlichen Holokanal.

Nachrichtensprecherin: Liste mit angeblichen
Empfängern von Bestechungsgeldern. Chips Inc, der
bedeutendste Hardwareproducer in den Vereinigten
Staaten von Europa, hat bisher jede Stellungnahme
abgelehnt. Auch der Hauptbelastete, Stadtrat
Hartog, hat sich noch nicht geäußert. Ein Sprecher
der Finanzverwaltung teilte mit...

Jonas: Soweit stimmt die Sache also. Er steht
wirklich ganz oben auf der Schmiergeldliste von
Chips, der Herr Hartog.

Sam: Möge er ruhen in Frieden, Eminenz.

Jonas: Dafür werden wir sorgen, Sammy.

Sam: Wie ist dieses zu verstehen, Heiligkeit?

Jonas: Hartog ist zu mir gekommen, er hat mir den
Auftrag gegeben, die Angelegenheit zu klären. Wenn
er genug Geld bei sich hat.

Sam: 80 Euros pro Tag plus Spesen.

Jonas: Ich hab schon jede Menge Auftraggeber
gehabt. Dicke und dünne, verrückte und normale,
nette und widerliche, aber noch keinen Toten. Das
war was neues.

Sam: Hoffentlich bringt's auch was ein, Meister.

Jonas: Wollen mal sehen. Hier, hier ist seine
Brieftasche, 100, 200, 10, 20, 30, 40, 50, 70
Euros in Scheinen, 240 für mich als Anzahlung, 3
Tagessätze.

Sam: Und die Spesen, o leuchtendes Exempel an
Großzügigkeit?

Jonas: Wird sich finden, Sam.

Sam: Dein Wort in Gottes Ohr, Alter. Wenn Sie
gestatten, Sir, es hat gedong-dongt. Geklopfet.

Jonas: Wir sind nicht zu Hause, James. Eine Leiche
im Salon verstört auch den gutwilligsten Gast.

Brock: Machen Sie auf, Jonas, Kriminalpolizei.

Jonas: Die gute alte Kripo. Sie ist immer noch
unter uns. Unterbesetzt. Unterbezahlt.
Unterbewertet. Staatsgewalt für Minderbemittelte.
Wer was hat, leistet sich Privatbullen. Und für
die wirklich wichtigen Dinge gibt’s
Spezialtruppen. PoPo, MePo, FiPo etc. Aber wenn
die Kripo auch keine große Rolle mehr spielt,
einem einzelnen Privatdetektiv kann sie noch ganz
schön Ärger machen. Besonders wenn sie im Büro des
Detektivs einen Ermordeten findet. Und wenn die
Kripo aus Inspektor Brock nebst Gefolge besteht.
Brock: Ich hab's ja immer gesagt, Jonas, mit Ihnen
ist was faul. Privatdetektiv. Das ist doch kein
Beruf für einen anständigen Menschen.

Jonas: Wir können nicht alle bei der Kripo sein,
Inspektor. Was führt Sie zu mir.

Brock: Wir sind angerufen worden.

Jonas: Von wem?

Brock: Von einer Frau. Namen hat sie nicht gesagt.
Nur daß bei Ihnen einer ermordet worden ist. Kunde
von Ihnen?

Jonas: Der Tote, ja, könnte man sagen.

Brock: Haben Sie ihn umgebracht.

Jonas: Soviel Kunden hab ich nicht, daß ich s mir
leisten kann sie umzubringen.

Brock: Ich glaube Ihnen kein Wort, Jonas. Pauly.

Pauly: Inspektor?

Brock: Was sagt der Pathomat?

Pauly: Moment. Tod trat ein genau 12 Uhr 49.

Brock: Wo waren Sie 12 Uhr 49, Jonas?

Jonas: Bei Ihnen Bröckchen.

Brock: Scheißen Sie mich nicht an. Wo waren Sie?

Jonas: In der Zentrale der Sicherheitsverwaltung,
Europaplatz in der Polizeikantine beim Essen.

Brock: Echt? Kein Scheiß?

Jonas: Sojaschnitzel mit gedämpften Algen,
recycelt natürlich aber gar nicht schlecht.

Brock: Haben Sie Zeugen?

Jonas: Nur einen. Das heißt: eine: Ihre Chefin.

Brock: Sie scheißen mich ja schon wieder an.

Jonas: Kein Scheiß Inspektor. Rufen Sie Frau
Delgado an.

Jonas: Judith Delgado ist Hauptabteilungsleiterin
bei der Sicherheitsverwaltung und sie ist meine
z.B., meine zeitweilige Beziehung, wobei das
zeitweilig eigentlich nicht mehr stimmt, immerhin
kennen wir uns seit über einem Jahr, und Beziehung
stimmt auch nicht so richtig, weil wir uns meist
streiten, allerdings in letzter Zeit ist es
zwischen uns besser geworden, vielleicht weil ich
sie rausgeholt habe, als sie gekidnapped und auf
die Insel Swartcliff verschleppt worden war. Wie
auch immer, wir hatten wirklich zusammen gegessen
in der Polizeikantine. Bei so einem Alibi mußte
Inspektor Brock abschnallen und ohne Jonas von
dann ziehen. Was ihm sichtlich schwer fiel, und
ich konnte endlich anfangen an meinem neuen Fall
zu arbeiten.

Sam: Roy Sidonia, Journalist, angestellt in
europäischen Pressebüro.

Jonas: Tschuldigung, du verwirrst mich, Sam, wo
wohnt er?

Sam: Im Nordwestbezirk, Mardukstraße 20.

Jonas: Nicht gerade um die Ecke. Wie kommen wir
hin Sammy?

Sam: Am bequemsten per Rikscha, Sahib, am
billigsten zu Fuß. Am schnellsten mit der Metro.

Jonas: Also die Metro, ich hatte es eilig, und ich
konnte Judo und Karate und was ich sonst noch im
antarktischen Krieg gelernt hatte. Vor Räubern und
Funkillern brauchte ich keine Angst zu haben.
Trotzdem, richtig wohl fühlte ich mich erst
wieder, als ich an der Mardukstraße ausstieg. Ein
mittleres Viertel, nicht posch, aber auch nicht
gerade heruntergekommen, solider Durchschnitt.
Sidonia wohnte in einem Mietshaus aus dem vorigen
Jahrhundert im 4. Stock. Kein Fahrstuhl und zum
Glück auch kein Torwächter. Er war nicht da,
jedenfalls machte er nicht auf. Ich machte auf,
sein Türschloß war so alt wie das Haus.

Jonas: Mindestens 30 Quadratmeter.

Sam: Der Mitarbeiter eines kontinentalen Infobüros
in Tarifstufe 6 hat Anrecht auf 32 Quadratmeter
Wohnraum, o du mein beengter, eingezwängter und
beschränkter Freiberufler.

Jonas: Sam hatte ich dabei. Wie immer, ich meine
natürlich Sam 2, kleiner Apparat, paßt in jede
Tasche, rund um die Uhr mit dem großen Kasten im
Büro verbunden, drahtlos, guter Rat überall und
jeder Zeit und Nervensägerei als Zugabe.

Sam: Das Leben ist ungerecht, Genosse. Find dich
damit ab. Ein Journalist gilt mehr als ein
Privatdetektiv.

Jonas: Dieser Journalist hat nur leider nichts
mehr davon. Er ist nämlich tot, da liegt er, neben
dem Bett.

Sam: Aha, aus diesem Grunde hat er meinen Herrn
nicht die Türe geöffnet.

Jonas: Sehr gut mein dear Watson. Sehr
scharfsinnig. Computer sind Denkmaschinen, das
bestätigt sich immer wieder.

Sam: Daten, wenn ich bitten darf, Daten und keine
blöden Bemerkungen, o Wonne meiner Seele die ich
nicht besitze. Wie kam Sidonia zu Tode. Falls es
sich bei der Leiche tatsächlich um ihn handelt.

Jonas: Es ist Sidonia, er hat seine Bürgerkarte in
der Tasche. Er hat überhaupt noch alles in der
Tasche, Schlüssel, Geld und er ist ermordet
worden.

Sam: Erwürgt?

Jonas: Mit einer Drahtschlinge. Kommt uns bekannt
vor, was Sammy.

Sam: Ein Muster beginnt sich abzuzeichnen, großer
Kombinator. Stadtrat Hartog in dero Durchlaucht
Büro, Sidonia in seiner Wohnung, die gleiche
Methode, die gleichen Mörder, der gleiche Fall.

Jonas: Alles gleich, Sam. Bis auf eins. Sieh dir
den Computer in der rechten Ecke an.

Sam: Computer? Das Ding ist so alt, daß es nicht
mal reden kann, igitt, so was nenn ich nicht
Computer, das ist eine Rechenmaschine, wenn's
hochkommt, ein Museumstücke, zum normalen Gebrauch
nicht geeignet.

Jonas: Ist ja auch schon jahrelang nicht mehr
benutzt worden, Sam. Fingerdick Staub,
Roststellen, die Tasten verklemmt. Trotzdem haben
die Mörder den Speicher kaputt geschlagen und
ausgeräumt.

Sam: Wie euer Scharfsinn bereits erschlossen haben
dürfte, waren sie bemüht zu verhindern, daß
gewisse Informationen anderweit bekannt würden.
Informationen, welche zweifellos mit Chips Inc.
und mit der Bestechungsliste in Zusammenhang
stehen.

Jonas: Vermutlich der Name der Person, die Sidonia
die Liste gegeben hat.

Sam: Dabei ist den Tätern nicht aufgefallen, daß
die fragliche Information sich keinesfalls in
diesem diesem computerähnlichen Etwas befunden
haben kann, Hoheit.

Jonas: Das waren Killer, Sam, keine Infoexperten.

Sam: Im Gegensatz zu meinem Gebieter, welcher ohne
Frage weiß, wo die gesuchte Information zu finden
ist.

Jonas: Ach ja.

Sam: Nicht. O Sancta Inplicitas. So lasset uns
denn logisch vorgehen, geliebte Gemeinde. Erstens.
Kein Mensch kommt heutzutage ohne Computer aus.

Jonas: Richtig.

Sam: Zweitens in seiner Privatwohnung verfügte
Sidonia nicht über eine benutzbaren Computer.

Jonas: Auch richtig.

Sam: Drittens. Sidonia hat seinen Computer an
anderer Stelle.

Jonas: Das Europäische Pressebüro liegt im
Zentrum, nicht weit vom Europaplatz. Reinkommen
ist ein Kinderspiel: Man braucht nur eine
Aktentasche unterm Arm, einen wichtigen
Gesichtsausdruck und Sidonias Paß, den ich in
seiner Tasche gefunden hatte. In Tarifstufe 6 hat
man nicht nur Anspruch auf 32 Quadratmeter
Wohnfläche, sondern auch auf ein Einzelbüro.
Schreibtisch mit Textgerät, Stuhl, Schrank, und
ein Personalcomputer, klein aber effektiv. Ich
aktivierte ihn mit Sidonias Schlüssel. Keine lange
Unterhaltung, das war zu gefährlich. Ich ließ Sam
kurz interfacen und holte dann schnell aus ihm
raus was ich wissen wollte.

Sam: Aye aye Sir, kurz und bündig. Unter heutigem
Datum, 6 Uhr 30 morgens findet sich verzeichnet
die ungewöhnlich hohe Zahlung von Euros 3000 für
Information erhalten, Kennwort Liste Chips.

Jonas: Das ist es, Sammy. Zahlungsempfänger?

Sam: C. Hinkelstein. Auch in den vorangegangen
Monaten taucht dieser Name des öfteren auf, o
Schmieröl meiner Schaltungen.

Jonas: Ganz klar. Hinkelstein war Sidonias
Informant bei Chips Inc und er hat ihm heute
morgen die Liste der Schmiergeldempfänger
geliefert, die Liste, auf der unser Klient ganz
oben steht.

Sam: Vermutlich zu Unrecht.

Jonas: Hinkelstein. Ausgefallener Name. Sieh mal
das Personalverzeichnis von Chips durch, Sammy.

Sam: Schon passiert, Herr Oberbrandmeister, unter
den zahlreichen Mitarbeitern von Chips befindet
sich nur ein C. Hinkelstein. Berichtigung: nur
eine C. Hinkelstein. Carla Hinkelstein,
Sachbearbeiterin in der Abteilung Marketing und
PR.

Jonas: Fonnummer.

Sam: Wünschen Durchlaucht Dienst oder
Privatnummer.

Jonas: Wie spät?

Sam: Piep. 17 Uhr 21 Minuten und 8 Sekunden.

Jonas: Dann wird sie zu Hause sein.

Sam: 2271399625.

Hinkelstein: Ja?

Jonas: Frau Carla Hinkelstein?

Hinkelstein: Ja?

Jonas: Mein Name ist Jonas, nur Jonas. Ich möchte
mit Ihnen sprechen.

Hinkelstein: Ja worüber?

Jonas: Eine Überraschung. Sie konnte nicht nur ja,
sie konnte auch anders. Und mehr. Das machte mir
Mut.

Jonas: Über einen Bekannten von Ihnen, Roy Sidonia
und über eine gewisse Liste.

Hinkelstein: Ich weiß nicht, was Sie meinen.

Jonas: Natürlich nicht. Kann ich gleich
vorbeikommen.

Hinkelstein: Sind Sie von der Presse?

Jonas: Nein, ich bin Detektiv.

Hinkelstein: Oh, heute geht's nicht, kommen Sie
morgen.

Jonas: Zu Chips?

Hinkelstein: Nein, in meine Wohnung, Lemstraße 92.
Morgen früh um 8.

Jonas: Im Korridor vor meinem Büro war’s dunkel.
Der Hauswart hatte vergessen die kaputte Birne der
Deckenlampe auszuwechseln. Wie üblich. Das störte
mich nicht. Ich finde das Schlüsselloch auch im
Dunkeln. Was mich störte war ein Umriß neben
meiner Tür. Ein Umriß, der etwas heller war als
die Wand und der sich bewegte. Ich ließ den
Schlüssel los und griff nach meiner alten Smith
and Wesson, eher Maskottchen als Waffe aber im
Zweifelsfall besser als nichts.

Luna: Herr Jonas?

Jonas: Treten Sie drei Schritt zurück und bleiben
Sie dann ganz still stehen.

Luna: Keine Angst, Herr Jonas, Sie sind doch Herr
Jonas, ich tue Ihnen nichts, im Gegenteil. Ich
brauche einen Detektiv. Der Hauswart wollte mich
nicht in Ihr Büro lassen.

Jonas: Ich hab's ihm verboten aus gutem Grund.
Kommen Sie rein. Setzen Sie sich. Lassen Sie sich
ansehen.

Jonas: Eine Frau Mitte 30, kräftige Schultern,
große Füße in flachen Schuhen, ein Gesicht ohne
Bemalung, schmaler Mund, kleine Augen, Kleidung so
so, kein Schund aber auch nichts besonders, kein
Schmuck. Sie saß steif da, Knie zusammen, Hände im
Schoß gefaltet. Nicht gerade ein herzerwärmender
Typ, aber wer sagt, daß einem Privatdetektiv alle
seine Klienten sympathisch sein müssen.

Luna: Ich heiße Marten. Vanessa Marten.

Jonas: Und Sie brauchen einen Detektiv. Warum.

Luna: Ich hab eine Partnerin, Nora Karatschi.

Jonas: Zeitweilig oder dauerhaft?

Luna: Z.B. Wir haben einen Halbjahresvertrag
gemacht.

Jonas: Ja.

Luna: Nora geht fremd, seit ein paar Wochen, jeden
Montag abend verschwindet sie, wenn sie glaubt,
ich schlafe, ich nehme Pillen, wissen sie,
vegetative Dystomie.

Jonas: Sieht man Ihnen nicht an. Und?

Luna: Am nächsten Morgen kommt sie zurück, ganz
früh und tut, als ob nichts gewesen ist. Letzten
Montag bin ich ihr heimlich nachgegangen, wir
wohnen ganz in der Nähe, sie ist hier die Straße
langgegangen, vorbei an Ihrem Haus, um die Ecke
gebogen.

Jonas: Und dann?

Luna: War sie verschwunden. Wie vom Erdboden
verschluckt. Ich hab gesucht aber.

Jonas: Mir ist nicht ganz klar, was Sie von mir
wollen, Frau Marten.

Luna: Die Sache ist die, unser Vertrag läuft noch
gut zwei Monate, und wenn Nora ihn bricht...

Jonas: Der Vertrag enthält eine
Exklusivitätsklausel.

Luna: Ja sicher, wenn Nora den Vertrag bricht,
kann ich die Beziehung sofort beenden, ohne
Abfindung.

Jonas: In diesem Fall müssen Ihrer Partnerin den
Vertragsbruch nachweisen.

Luna: Aber deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen
Herr Jonas. Ich bauch eine Fachperson, die Nora
nicht aus den Augen verliert und die als
unabhängiger Zeuge aussagen kann. Was kosten Sie?

Jonas: 80 Euros pro Tag und Spesen.

Luna: Heute ist Montag. Wenn Sie den Fall heute
Nacht zu Ende bringen, zahle ich Ihnen 120 Euros
bar auf die Hand.

Jonas: Es war schon komisch, da hatte ich
wochenlang keinen einzigen Fall und jetzt hatte
ich zwei auf einmal, falls ich den Auftrag von
Vanessa Marten annahm. Sie war mir nicht
sympathisch, ihre Geschichte auch nicht. Aber 120
steuerfreie Euros, und Verträge müssen schließlich
eingehalten werden. Also sagte ich ja.

Luna: Wenn Nora heut nacht aus dem Haus geht.

Jonas: Rufen Sie mich an, ich warte unten vor dem
Haus auf Sie. Sie zeigen mir ihre Partnerin.

Luna: Sie gehen ihr nach und.

Jonas: Alles übrige ist meine Sache. Und vergessen
Sie das Geld nicht.

Judith: Och nein, nicht Jonas, geh nicht ans Fon.

Jonas: Hmh. Jonas?

Luna: Vanessa Marten. Eben ist Nora aus dem Haus
gegangen. Können Sie in 5 Minuten unten sein?

Jonas: Ich werd's versuchen.

Judith: Du willst weg.

Jonas: Ich muß weg.

Judith: Jetzt, kurz vor zwei.

Jonas: Ein Detektiv ist immer im Dienst.

Judith: Komm wieder ins Bett, Jonas, mir ist kalt
ohne dich.

Jonas: Judith war bei mir. Das kam nicht oft vor.
Sie hat es lieber, wenn ich zu ihr komme, das ist
für beide bequemer, meint sie, sie hat 48
Quadratmeter, und sie meint, bei mir kommt immer
was dazwischen. Da hat sie nicht unrecht.

Judith: Kannst du es nicht verschieben?

Jonas: Unmöglich. Wo zum Donner ist Sam zwo, du
hast vorhin aufgeräumt, Judith, wo hast du ihn
hingetan?

Judith: Ach, ich kann mich nicht erinnern.

Jonas: Also dann muß es ohne Computer gehen. Kein
Problem bei so einem kleinen Fall, reine Routine.
Ich muß los. Also schlaf schön weiter, Judith.

Jonas: Ich wartete unten an der Haustür im
Schatten. Ein paar Menschen kamen vorbei. Frauen,
Männer und zwei oder drei, die ich nicht einordnen
konnte. Als Vanessa Marten erschien, trat ich aus
dem Schatten.

Luna: Gut. Sie sind pünktlich, Jonas, da vorn, die
Frau im roten Cape, das ist Nora.

Jonas: Ausgesprochen hilfreich, ihre Partnerin.

Luna: Was meinen Sie?

Jonas: Weil sie so auffällig angezogen ist, leicht
im Auge zu behalten. Sie können jetzt gehen, Frau
Marten, den Rest übernehme ich.

Luna: Ich komm mit, ich will wissen, wo Nora
hingeht und was sie da tut.

Jonas: Sie kriegen morgen einen Bericht in
dreifacher Ausfertigung.

Luna: Das ist mir zu spät, ich weil es gleich
wissen. Ich geh mit.

Jonas: OK sie bezahlen, aber das Kommando habe
ich.

Luna: Jetzt ist sie um die Ecke gebogen. Da ist
sie letzten Montag verschwunden.

Jonas: Na kommen sie.

Luna: Weg ist sie, wie letzte Woche, spurlos.

Jonas: Nicht spurlos. Sehen Sie mal da.

Jonas: Gleich hinter der Ecke dicht an der Wand
stand ein Kanaldeckel einen Spalt offen. Und in
dem Spalt hatte sich ein rotes Stoffstück
verfangen. Ein glücklicher Zufall, so glücklich,
daß ich ein bißchen mißtrauisch wurde. Jonas ist
ein guter Kerl, offen, vertrauensselig, aber für
dumm läßt er sich nicht verkaufen. Ein Jammer, daß
Sam nicht bei mir war, auch die Smith and Wesson
hatte ich zuhause gelassen. Alles was ich hatte
war eine Taschenlampe. Ich hob den Deckel hoch und
leuchtete, eine Treppe, wir stiegen nach unten,
etwa 20 Stufen, dann ein Absatz und die Tür zu
einem Quicklift. Ich sah auf den Indikator, der
Lift zischte in die Tiefe und kam ganz unten zum
Stehen. Ich wartete einen Moment, holte ihn hoch,
und wir, Vanessa Marten und ich, fuhren in die
Unterwelt.

Jonas: Wissen Sie wo es hier hingeht?

Luna: Nein, Sie?

Jonas: Ich glaube schon. In die Eingeweide von
Babylon, zu den Kloaken, den Recyclinganlagen und
Biogasgeneratoren. In die Scheiße.

Luna: Ich kann mir nicht vorstellen, was Nora da
unten sucht.

Jonas: Wenn sie ein heimliches Verhältnis hat dann
höchstens mit einem Cop-Robot. Menschen gibt’s da
nicht. Endstation. Alles aussteigen. Nach ihnen,
mein Dame.

Jonas: Ich war vorsichtig und behielt meine
Begleiterin im Auge, in einem Auge, das andere
brauchte ich für meine Umgebung. Wir standen unter
einer riesigen Kuppel auf einem weiten
unterirdischen Platz, neben dem Lift eine
Schaltzentrale, Tafeln, Lichter, Computer,
Monitore, ein Fon, dann rechts und links die
Einmündungen zahl-loser Kanäle, die sich mitten
auf dem Platz trafen und einen großen Teich
bildeten. Einen Teich, der nicht stagnierte,
sondern sich dick und dunkel nach hinten wälzte,
und da teilte er sich. Auf einer Seite saugten
Pumpen das Gas ab für die Biogenera-toren, die man
irgendwo hinter den Wänden summen hörte, daneben
wurde die fest-ere Materie in Richtung
Recyclingcenter geschoben, wo man aus dem, was 25
Millio-nen Babylonier so unter sich lassen, Essen
und Trinken für eben diese 25 Millionen macht.
Über allem trübes Licht, unerträgliche Hitze. Noch
unerträglicher Gestank.

Jonas: Mir stinkt noch was. Ihre Partnerin ist
verschwunden.

Luna: Ich seh rot, da, dritte Einmündung rechts.
Auf dem seitlichen Laufsteg.

Jonas: Sie machen recht, bleiben sie vor mir.

Jonas: Wie gesagt, ich war vorsichtig, aber nicht
vorsichtig genug. Das rote in der dritten
Einmündung rechts war tatsächlich das Cap, aber
Nora Karatschi steckte nicht drin, sie hockte in
der zweiten Einmündung, im dunkeln, unsichtbar,
und als ich vorbei lief, zog sie mir die Beine
weg. Ich schlug auf, hart und trat kurz ab, nur
ein paar Sekunden, aber die reichten, als ich
wieder da war, hatten sie mich schon verschnürt.
Hände auf dem Rücken, Füße zusammen. Sie standen
vor mir. Vanessa Marten und eine Frau, die aussah
wie ihr Zwilling.

Jonas: Nora Karatschi nehme ich an.

Nike: Nora Karatschi gibt's nicht mehr.

Luna: Und Vanessa Marten auch nicht.

Nike: Wir sind Nike.

Luna: Und Luna.

Nike: Nike und Luna, das taffe tödliche Team.

Luna: Das coole Killerkommando.

Nike: Bekannt und begehrt.

Luna: Schon von uns gehört?

Nike: Haben sie ein Partner, der sie stört, einen
Erbonkel der nicht sterben will, einen Detektiv
der lästig wird, kein Problem.

Luna: Rufen sie Nike und Luna.

Nike: Wir haben Hartog erledigt.

Luna: Und Sidonia.

Nike: Und die Hinkelstein.

Luna: Und jetzt ist Jonas fällig.

Nike: Wir haben gedacht, das wird schwierig.

Luna: Jonas ist ein harter Typ haben wir gedacht.

Nike: Deshalb haben wir ihn in die Kloake gelockt.

Luna: Es war viel leichter, als wir dachten.

Nike: Was machen wir mit ihm, Luna, das übliche,
Schlinge um den Hals und...

Luna: Nicht nötig, Nike, wir schmeißen den
Scheißkerl in die Scheiße.

Nike: Gut. Da kann er sich aussuchen, ob er Bio-
Energie werden will oder Sojakäse Also dann... Ha!

Luna: Was?

Jonas: Nike und Luna, die coolen Killer fielen um
und rührten sich nicht mehr. Ich hörte Schritte
und drehte den Kopf. Ein junger Mann, den ich noch
nie gesehen hatte, Overall über formeller grauer
Bluse, Gummistiefel, elektrischer Knockouter in
der Hand, keine besonderen Kennzeichen. Er blieb
vor mir stehen und tippte mich mit der Fußspitze
an.

Joker: Tut mir leid, ich konnte nicht früher
kommen.

Jonas: Keine Sekunde zu früh, gerade wollten sie
mich in die Kloake schmeißen.

Joker: Sehr ungezogen von den beiden, das können
wir ihnen nicht durchgehen lassen. Strafe muß
sein. Wie du mir so ich dir. Auge um Auge.

Jonas: Wer sind Sie? Eine Art Kanalarbeiter?

Joker: Sagen wir eine Art Joker. Die Karte, die
den Spielverlauf plötzlich und unerwartet ändert.
Drehen Sie sich um. So, Ihre Hände sind frei.
Machen Sie's gut.

Jonas: Und die Füße?

Joker: Das werden sie doch wohl selbst können.

Jonas: Warum haben Sie mich gerettet?

Joker: Weil man's mir gesagt hat. Sie werden noch
gebraucht. Jonas. Wir sehen uns.

Jonas: Weg war er. Ich machte die Fußfesseln los
und stand auf. Von Nike und Luna war nichts mehr
zu sehen. Trotz der Hitze lief es mir kalt über
den Rücken wenn ich mir vorstellte, was sie mir
zugedacht und sich schließlich selbst eingehandelt
hatten. Ich ging zur Schaltzentrale. Das Fon war
in Ordnung. Ich rief bei mir an und hoffte, daß
Judith noch da war. Ich hatte so eine Ahnung.
Judith war da. Ich erzählte ihr kurz was passiert
war.

Judith: Wärst du lieber im Bett geblieben, Jonas.
Bei mir.

Jonas: Die Nacht ist noch jung. Ich bin gleich da,
und wir holen nach was wir versäumt haben.

Judith: Das geht nicht. Du darfst nicht nach Hause
kommen.

Jonas: Was ist?

Judith: Großfahndung nach einem gewissen Jonas.
Inspektor Brock muß jeden Moment hier sein.

Jonas: Was will er denn, ich hab doch ein Alibi.

Judith: Für Hartog ja, aber nicht für Sidonia.

Jonas: Sidonia? Sie wollen mir den Mord an Sidonia
anhängen?

Judith: Es sieht so aus.

Jonas: Hör zu, Judith, hast du Sam zwo gefunden?

Judith: Ja, er war

Jonas: Ist nicht wichtig. Steck ihn ein, bring ihn
mir.

Judith: Wo treffen wir uns.

Jonas: Kennst du den Armen Schlucker.

Judith: Ich weiß nicht.

Jonas: Der Dipsomat Lem-/Ecke Strugatzkistraße. In
20 Minuten.

Jonas: Auf Judith kann ich mich verlasen. Sie war
schon da, als ich in den Dipsomaten kam, in einer
dunklen Ecke hinter einem Campari Synth. Ich zog
mir, nein, keinen Whisky, ein Mineralwasser,
meinem Magen war der Ausflug in den babylonischen
Mastdarm nicht bekommen. Außerdem brauchte ich ein
klaren Kopf.

Judith: Armer Jonas. Gleich zwei Parteien sind
hinter dir her, die Kripo und

Jonas: Nike und Luna. Aber die sind tot.

Judith: Nike und Luna waren professionelle Killer,
die arbeiten nicht auf eigene Rechung. Jemand hat
sie bezahlt, und für diesen jemand haben sie
Hartog und Sidonia umgebracht.

Jonas: Und Carla Hinkelstein, Sidonias
Informantin, das haben sie jedenfalls behauptet.

Judith: Und fast auch dich. Jonas wer ist diese
Jemand?

Jonas: Keine Ahnung, ich weiß bloß, der Schlüssel
der ganzen Sache liegt bei Chips Inc. und
deshalb...

Sam: Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem
Bunde der dritte.

Jonas: Wenn du was wichtiges beizutragen hast,
Sammy.

Sam: Sam hat, sowohl eure großfürstliche Gnaden
als auch die Dame Judith geruhen einen
entscheidenden Faktor zu übersehen. Die dritte
Partei.

Judith: Ich nehme an du meinst...

Sam: Den oder die Auftraggeber hinter jenem
mysteriösen Joker, welcher meinen über allen
geliebten Jonas vor einem unaussprechlich
schauderbaren Tode errettete.

Jonas: Was ich ausgesprochen nett von ihm finde.
Chips, da muß ich ansetzen.

Sam: Wie denn und wo genau du aus dem Hades
heimgekehrter Odysseus.

Jonas: In der Wohnung von Carla Hinkelstein.
Vielleicht kann ich die Spur von da
weiterverfolgen.

Judith: Kann ich nicht mitkommen, Jonas.

Jonas: Besser nicht, Judith, wenn die Kripo uns
zusammen erwischt, verlierst du deinen Job. Ich
werds schon schaffen.

Sam: Treuen Sam nicht vergessen, Wahna.

Jonas: Danke Sam, Ich hab ja gesehen was passiert
wenn du nicht dabei bist.

Sam: Hmh, Hoheit geraten voll in die Exkremente.

Jonas: Du sagst es, Sammy. Drück mir die Daumen
Judith.

Judith: Machs gut Jonas und komm wieder.

Jonas: Carla Hinkelsteins Wohnung lag gleich
nebenan. Das war mit ein Grund, wa-rum ich mich
mit Judith im armen Schlucker getroffen hatte. Ich
kam genau so leicht rein wie am Vortag bei
Sidonia, die Wohnung war genauso groß, genauso
geschnit-ten und wie bei Sidonia lag auf dem Boden
eine Leiche mit einer Drahtschlinge um den Hals.
Nike und Luna hatten die Wahrheit gesagt. Der
Computer war kaputt, keine Spur, kein Hinweis.
Hier kommst du nicht weiter, Jonas, dachte ich,
das war ein Irrtum. Ich kam weiter, wenn auch
anders als ich mir das vorgestellt hatte.

Brock: Aufmachen. Kriminalpolizei.

Jonas: Schon wieder.

Brock: Pauly?

Pauly: Inspektor?

Brock: Brechen Sie die Tür auf.

Pauly: Zu Befehl Inspektor.

Brock: Hände hoch, Gesicht zur Wand, Beine
auseinander. Pauly, durchsuchen.

Pauly: Zu Befehl, Inspektor.

Jonas: Kommen Sie mal wieder runter Bröckchen, ich
bin nicht Jack the Ripper, ich bin nur Jonas.

Brock: Haben Sie das gehört, Pauly, bloß Jonas,
der Privatdetektiv, der Störenfried, der
Massenmörder.

Pauly: Er ist sauber, Inspektor, keine Waffe, nur
ein Taschencomputer.

Jonas: Das ist kein Computer, das ist eine geheime
Superminibombe, damit will ich das Kripocenter in
die Luft sprengen.

Brock: Wird Ihnen schon noch vergehen Ihre große
Schnauze. Pauly Handschellen.

Pauly: Zu Befehl, Inspektor.

Jonas: Wieder ein anonymer Tip, Inspektor?

Brock: Wie bei Hartog und wie bei Sidonia und
diesmal wird auch Hauptabteilungsleiterin Delgado
Sie nicht rausreißen können. Vorwärts marsch.

Jonas: Die grüne Minna war blau, ein Elektromobil,
die Polizei kann sich das leisten. Unterwegs
guckte ich aus dem Hinterfenster, eine
Motorrikscha war hinter uns, 20, 25 Meter
entfernt, und sie blieb uns ständig auf den
Fersen, in der Rikscha saß ein grauer Typ, der
mich stark an den Joker aus den Kloaken erinnerte.
Vielleicht hätte ich besser nach vorn sehen
sollen, da stand nämlich ein großes Elektromobil
quer über der Straße.

Leutnant: Alle bleibt ganz, ganz ruhig, dann
passiert nichts. Nehmen sie dem Mann die
Handschellen ab.

Brock: Sie wissen wohl nicht wen sie vor sich
haben. Kriminalpolizei Inspektor Brock.

Leutnant: Ich mach mir vor Angst in die Hosen.
Wird's bald.

Brock: Pauly?

Pauly: Inspektor?

Brock: Die Handschellen. Schließen Sie auf.

Pauly: Zu Befehl, Inspektor.

Leutnant: Na bitte. Raus mit Ihnen, Jonas oder wie
sie heißen.

Jonas: Wir müssen uns trennen, Inspektor, höhere
Gewalt, die sind mehr und haben Laserstrahler.

Jonas: Die Herrschaften, die mich mitten auf der
Straße der Kripo geklaut hatten, trugen schwarze
Uniformen mit einem großen gelben C auf der Brust.
Sie sahen ein bißchen aus wie weiland Superman,
waren aber nur Sicherheitskräfte von Chips Inc.
Das paßte. Und es paßte auch, daß sie mich in den
Innenhof der Chipszentrale am Hendrick-August-
Platz fuhren und dann mit dem Lift in den 30.
Stock, dem obersten und letzten, wo die ganz
großen Tiere von Chips sitzen, und hier schoben
sie mich in einen kleinen kahlen Raum ohne
Fenster.

Leutnant: Warten Sie hier.

Jonas: Was sagst du dazu, Sam?

Sam: Der Nebel flieht, das Licht dringt durch, es
klären sich die Fronten, o vielbegehrter Jonas.

Joker: Jonas!

Jonas: Die kleine Klappe in der Tür war
aufgegangen und dahinter erschien ein Gesicht, ein
vertrautes Gesicht, ein willkommenes Gesicht, ein
Gesicht, das mir inzwischen richtig ans Herz
gewachsen war.

Jonas: Sieh mal an der Joker.

Joker: Kommen Sie her, Jonas, machen Sie schon,
wir haben nicht viel Zeit. Hier, nehmen Sie das,
schlucken Sie's runter.

Jonas: Ein Minisender. Wozu?

Joker: Man wird gleich ein Gespräch mit Ihnen
führen. Ein geheimes und sehr wichtiges Gespräch.
Dieses Gespräch muß abgehört und aufgenommen
werden.

Jonas: Dafür hab ich meinen Computer.

Sam: Den wird man Ihnen wegnehmen.

Sam: Nein.

Joker: Man wird Sie überhaupt sehr gründlich
durchsuchen. Aber den Sender in Ihrem Magen wird
man nicht entdecken, weil er ganz aus Plastik ist.

Jonas: Aber vielleicht erklären Sie mir mal...

Joker: Kein Zeit, sie kommen zurück, ich muß weg.

Jonas: Klappe zu. Ich sah mir den Sender an und
schluckte ihn runter. Aber vorher stellte ich die
Frequenz um auf Sam. Ich weiß wie man das macht,
ich kenn mich aus mit den Dingern. Dann waren sie
auch schon da die Freunde von vorhin, und es kam
alles so, wie es der Joker vorausgesagt hatte. Sie
durchsuchten mich, nahmen mir Sammy weg, zogen
mich aus, gingen mit einer Sonde über jeden
Quadratzentimeter Jonas. Negativ. Ich durfte mich
wieder anziehen und mußte mit. Über den Korridor
durch ein paar Büroräume in ein großes Zimmer,
nein Zimmer stimmt nicht, es war ein Saal,
Holztäfelung, Kronleuchter, Ölbilder, Teppichboden
und ein riesiges Panoramafenster mit Aussicht über
Babylon, nicht daß viel zu sehen war, der Smog,
aber darauf kam es nicht an, das Prinzip war
wichtig, und das Prinzip hieß unerhörter Luxus,
übermenschliche Macht.

Leutnant: Machen Sie Ihren Diener, Jonas, Sie
stehen vor Herrn Vizepräsident Dr. Cordes.

Cordes: Marketing und PR, und Sie sind Jonas, der
letzte Detektiv. So sehen sie also aus.

Jonas: Er war groß und dick und roch nach allem,
was gut und teuer war, sein Schreibtisch war kaum
größer als das Fürstentum Liechtenstein, sein
Lächeln war so offen und sympathisch wie eine
falsche 100-Euronote.

Cordes: Ein Whisky Jonas?

Jonas: Danke.

Cordes: Warum nicht. Ich weiß Sie trinken.

Jonas: Aber nicht mit jedem.

Leutnant: Wie reden Sie denn.

Cordes. Kusch, warten Sie draußen, Leutnant.

Leutnant: Jawohl Herr Vizepräsident.

Cordes: So, Sie wissen jawohl weshalb Sie hier
sind, Jonas.

Jonas: Natürlich wegen der Schmiergeldliste.

Cordes: Die Liste, alle Welt kennt die Liste.

Jonas: Aber alle Welt weiß nicht, daß die Liste
falsch ist, wenigstens was Stadtrat Hartog
betrifft. Hartog ist unschuldig.

Cordes: Glauben Sie Jonas. Sie sind naiv.

Jonas: Ja, das glaube ich, nicht weil ich naiv
bin, sondern weil die Sache zum Himmel stinkt.
Klar, Chips schmiert Politiker, wie jeder Konzern,
aber doch nicht so, 15 Millionen Euros für einen
kleinen Fisch in der lokalen Finanzverwaltung, das
ist lächerlich.

Cordes: Nicht wahr. Und äh, was, was schließen Sie
daraus, Jonas?

Jonas: Jemand bei Chips hat sich die 15 Millionen
in die eigene Tasche gesteckt.

Cordes: Ausgezeichnet. Wer, Jonas?

Jonas: Ein hohes Tier. Jemand, der für
Bestechungen zuständig ist, das heißt für PR und
Marketing. Sie, Vizepräsident Cordes.

Cordes: Bravo Jonas, bravo. Faszinierend. Erzählen
Sie weiter.

Jonas: Sie gestatten doch, daß ich mich setze.

Cordes: Aber bitte.

Jonas: Vor ein paar Tagen muß die Geschichte
plötzlich brenzlig für Sie geworden sein, eine
interne Buchprüfung oder so was ähnliches, nehm
ich an.

Cordes: Ganz genau. Eine außerplanmäßige
unerwartet angesetzte Durchsicht aller
inoffiziellen Fonds, angeordnet von Big Boss
persönlich.

Jonas: Und da kamen Sie auf die Idee mit der
Liste. Die 15 Millionen, die Sie Chips gestohlen
hatten, hängten Sie dem armen Hartog an. Warum
gerade dem?

Cordes: Gott warum, warum, ich hatte früher ab und
zu mit ihm zu tun, als ich noch die
Steuerabteilung leitete, ein pingeliger Bürokrat,
kleinkariert und entbehrlich.

Jonas: Sie bereiteten die Liste vor, setzten auch
ein paar echte Bestechungsempfänger drauf, mit
kleinen Beträgen, damit die Sache Hand und Fuß
kriegte, und dann ging irgend eine Kleinigkeit
schief.

Cordes: Kleinigkeit, die Hinkelstein, diese dumme
Kuh, sieht die Liste auf meinem Schreibtisch,
macht eine Kopie und gibt sie weiter an Sidonia.

Jonas: Versteh ich nicht, Sie mußten die Liste
doch sowieso veröffentlichen.

Cordes: Sicher, aber später, einen Tag später,
erst sollte Hartog aus dem Weg geräumt werden, von
einem Spezialistenteam, das ich dafür angeheuert
hatte, damit er nicht protestieren und mir Ärger
machen konnte, aber weil die Hinkelstein so
geldgierig war, kam der Zeitplan durcheinander,
Hartog erfuhr von der Liste, ging zu Ihnen Jonas.

Jonas: Und da haben ihn Ihre Spezialisten
erwischt. Sie sind in Panik geraten, Cordes, Sie
wußten nicht, was Hartog mir oder anderen gesagt
hat, deshalb haben Sie Ihre Spezialisten
weiterarbeiten lassen.

Cordes: Seien Sie fair, Jonas, was sollte ich tun,
über Sidonia und die Hinkelstein hätten Sie die
Spur bis zu mir zurückverfolgen können, die
Mitwisser mußten verschwinden, bedauerlich aber
nicht zu ändern.

Jonas: Hartog, Sidonia, Hinkelstein.

Cordes: Und Jonas. Aber der lebt noch.

Jonas: An Ihnen liegt das nicht, Cordes, die
Spezialisten haben versagt.

Cordes: Offensichtlich, aber das läßt sich ja
schnell in Ordnung bringen. Leutnant.

Leutnant: Herr Vizepräsident.

Cordes: Nehmen Sie sich zwei Leute, bringen Sie
den Mann hier in den Keller, Sie wissen Bescheid.

Leutnant: Jawohl, Herr Vizepräsident. Kommen Sie,
Jonas.

Jonas: Wieder über den Korridor zum Lift, der
Leutnant drückte auf den Knopf, die Tür ging auf,
und drinnen stand der Joker mit einem
Laserstrahler. Es zischte dreimal kurz
hintereinander, um meine Bewacher brauchte ich mir
keine Sorgen mehr zu machen. Der Joker zog mich in
die Kabine und schob ein Stück Plastik in einen
Schlitz über der Knopfleiste, der Lift setzte sich
in Bewegung, nach oben.

Joker: Zum 31. Stock.

Jonas: Den gibt’s doch gar nicht.

Joker: O doch, das Penthouse. Wir haben nichts
empfangen, Sie haben die Frequenz verändert.

Jonas: Wenn nicht, dann wüßte Ihr Auftraggeber
jetzt alles, was er wissen wollte, und Jonas wär
im Keller oder schon tot.

Joker: Steigen Sie aus. Sie werden Bigboss
persönlich Bericht erstatten.

Jonas: Bigboss war der Präsident von Chips Inc.,
der alleroberste Chef, und Bigboss war
genaugenommen kein Bigboss, sondern eine
Bigbossin, eine kleine dürre alte Frau, schäbig
angezogen, mit einer billigen schwarzen Perücke,
die schief über ihren grauen Runzeln hing. Bigboss
residierte nicht in einem Saal, sondern in einem
schäbigen kleinen Büro, nicht viel größer als
meins, Bigboss hatte keinen Schreibtisch und
Bigboss lächelte nicht. Bigboss war sauer, als ich
ihr erzählte, was Vizepräsident Cordes auf dem
Kerbholz hatte.

Bigboss: So etwa haben wir es uns gedacht, was
Tolliver? Tolliver, mein persönlicher Referent,
tüchtiger Mann. Sie kennen ihn ja schon, Jonas.

Jonas: O ja. Ich nenne ihn den Joker.

Bigboss: Joker? Wieso Joker? Egal. Cordes, diesmal
hat er sich übernommen.

Jonas: Übernommen ist gut. Unterschlagung,
mehrfacher Mord.

Bigboss: Sie kapieren aber auch gar nichts, Jonas,
Sie sind zu klein. Ist er nicht zu klein,
Tolliver?

Joker: Viel zu klein, Bigboss.

Bigboss: Sicher, Cordes hat sich jammervolle 15
Millionen eingesteckt, er hat ein paar unwichtige
Leute Beiseite geschafft, was ist das schon,
wissen Sie, Jonas, was an der Sache wirklich
schlimm und unverzeihlich ist, wollen wir es ihm
sagen Tolliver.

Joker: Das müssen Sie wissen, Bigboss.

Bigboss: Cordes hat sich dumm angestellt, er hat
zugelassen, daß ein Außenseiter, Sie Jonas, ihm
auf die Schliche gekommen ist, und er hat Chips
Inc. ins öffentliche Gerede gebracht, das muß
bestraft werden, nicht wahr Tolliver.

Joker: Höchststrafe, Bigboss?

Bigboss: Natürlich Höchststrafe.

Joker: Schon notiert, Bigboss. Und was geschieht
mit Jonas?

Jonas: Bevor Sie sich dumm anstellen, hören Sie
mir mal einen Moment gut zu. Ich hab einen Sender
im Bauch, und der sendet, meine Unterhaltung mit
Cordes ist an einem mir bekannten Ort
aufgezeichnet und gespeichert worden, und
gespeichert wird auch das, was wir jetzt
verhandeln, Wort für Wort, wenn mir was passiert,
wird alles veröffentlicht, nicht gerade eine
Werbung für Chips Inc.

Bigboss: Wenn das so ist.

Joker: Es ist so, Bigboss.

Bigboss: Dann müssen wir ihn wohl laufen lassen,
bringen Sie ihn runter, Tolliver.

Jonas: Einen Augenblick noch. Laufenlassen OK,
aber das ist noch nicht alles, Sie werden mir die
Kripo vom Hals schaffen, und Sie werden Hugo
Hartog rehabilitieren, das bin ich meinem
Mandanten schuldig, auch wenn er tot ist oder
gerade weil.

Bigboss: Bitte, wie Sie wollen. Aber das sag ich
ihnen gleich, Jonas, wenn Chips erklärt, daß
Hartog irrtümlich auf die Liste geraten ist, dann
wird das kein Mensch glauben. War das jetzt alles,
nicht noch ein kleines Schweigegeld, paar Tausend
Euros oder so.

Jonas: Danke, ich nehme nicht von jedem.

Bigboss: Hab ich's nicht gesagt, Tolliver, er ist
zu klein.

Nachrichtensprecherin: ...Meldungen bestätigt,
wonach Dr. h. c. Cord Cordes, Vizepräsident von
Chips Inc. durch einen Sprung vom Dach der
Chipszentrale Selbstmord verübt hat.

Jonas: Na also.

Nachrichtensprecherin: Während Chips private
Motive angibt, vermuten unterrichtete Kreise einen
Zusammenhang mit der gestern bekanntgewordenen
Bestechungsaffäre.

Jonas: Wie wahr.

Nachrichtensprecherin: Wie ein Firmensprecher dazu
ausführte, gehört der ebenfalls gestern tot
aufgefundene Stadtrat Hugo Hartog trotz
gegenteiliger Behauptungen in der Presse nicht zu
den Empfängern von Bestechungsgeldern. Durch einen
Fehler untergeordneter...

Jonas: Neun Tote, und das ist nun das ganze
Ergebnis. Hab ich mich richtig verhalten, Sam?

Sam: Ein Mann muß tun, was ein Mann tun muß,
Partner.

Jonas: Ein Mann, ein Pferd und ein weites wildes
Land. Wenn's nur immer so einfach wäre. Judith?
Jonas. Ja, ich lebe noch, und wie, wir haben was
nachzuholen, das hast du doch nicht vergessen,
eine halbe Nacht, mindestens, ich freu mich
Judith, bis gleich.

Sam: Und so ritten sie denn alle zusammen in den
Sonnenauf- bzw. Untergang.

Das war Schmiergeld. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Super-computer Sam Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Christine
Wodetzky, Käthe Jaenicke, Irmhild Wagner,
Christoph Lindert, Oswald Döpke, Rüdiger Bahr,
Helmut Stange und viele andere (Inge Schulz, Hans
P. Hermansen, Jürgen Rehmann, Karin Frey). Ton und
Technik: Günter Heß und Angela Bernd.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander
Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen
Rundfunks (1985). Redaktion: Dieter Hasselblatt
und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Niemandsland

Jonas: Ich konnte mich nicht rühren. Ich war
gefesselt und geknebelt. Ich hatte Angst. Ich
wartete. Die Tür ging auf, und herein kam, nein,
kein Mann mit Pistole, eine Frau mit
Laserstrahler. Frau Professor Caligari. Sie zielte
auf meine Stirn. Ich starrte in ihre Augen und in
die Mündung. Drei Löcher, schwarz wie der Tod. Ihr
Finger am Abzug bewegte sich, wurde weiß, aber es
zischte nicht. Es klingelte. Wieder und wieder.
Und da wachte ich endlich auf. Ich schüttelte den
schweren Kopf, um den schweren Traum zu
verscheuchen und griff zum Fon.

Jonas: Ja?

Sesam: Jonas?

Jonas: Jonas. Jonas, nur Jonas.

Sesam: Privatdetektiv?

Jonas: Ja. Der letzte. Ein Fossil. Ein
Dinosaurier. Nur nicht so groß und so schrecklich.
Dafür bin ich zu müde. Und wer sind Sie?

Sesam: Mein Name ist Sesam. Martin Sesam.

Jonas: Ja?

Sesam: Der Name sagt Ihnen nichts? Sesams
Zierzwerge?

Jonas: Nie gehört. War das alles, was sie wollten?

Sesam: Bitte?

Jonas: Mich fragen, ob ich Sie kenne?

Sesam: O nein, ich hätte einen Auftrag für Sie.
Aber ich sage Ihnen gleich, es ist ein schwieriger
Auftrag. Sie müßten in eine sehr gefährliche
Gegend.

Jonas: Das Reservat?

Sesam: Sie waren schon im Reservat, habe ich
gehört, und Sie sind lebend wieder rausgekommen.
Deshalb habe ich ja auch an Sie gedacht. Aber ich
meine nicht das Reservat. Da, wo ich Sie
hinschicken will, ist es womöglich noch schlimmer.

Jonas: Etwa die Grauzone?

Sesam: Na, so schlimm nun auch wieder nicht.

Jonas: Hören Sie, Herr Sesam, dreimal darfst du
raten können Sie mit anderen spielen. Ich hab
keine Lust. Wiederhören.

Sesam: Nein, legen Sie nicht auf. Ich meine das
Niemandsland. Würden Sie ins Niemandsland gehen?

Jonas: Sicher. Warum nicht?

Jonas: Sicher. Das sagte ich so einfach, als ob er
mir nur einen Whisky angeboten hätte. Ich war
nicht voll da. Am Vorabend war ich mit Judith
zusammen gewesen. Wir hatten uns gestritten. Nicht
der erste Streit, bei weitem nicht, aber
vielleicht der letzte. Mir ging alles auf die
Nerven. Judith. Babylon. Mein Job. Ich ging mir
selber auf die Nerven. Darum sagte ich einfach:
Ins Niemandsland? Warum nicht? Aber ganz
weggetreten war ich doch nicht.

Jonas: Kommt natürlich darauf an, was Sie locker
machen. Goldbarren, Uran, Diamanten.

Sesam: Ich dachte eher an Euros, gute, normale,
solide Euros.

Jonas: Wieviel?

Sesam: Das besprechen wir besser direkt. In Ruhe.
Bei mir. Am Schwanensee 14. Wann können Sie hier
sein?

Jonas: Wie spät ist es?

Sesam: Halb elf.

Jonas: Schon?

Jonas: Nach dem Krach mit Judith war in ins
Casablanca gegangen, zur alkoholischen Therapie
und Auferbauung. Es muß ziemlich lange gedauert
haben. Mein Kopf tat weh. Mein Magen auch. Und zu
allem Überfluß wollte ich auch noch ins
Niemandsland. Wahnsinn.

Jonas: In anderthalb Stunden, Herr Sesam.

Sesam: Gut, ich erwarte Sie also um 12.

Jonas: 12 Uhr Mittags.

Sam: High Noon. Do not forsake me o my darling.

Jonas: Das war natürlich Sam. Unentbehrliche Hilfe
des Detektivs und unausstehliche Plage. Mein
Computer. Überprogrammiert und unterbelichtet. Nie
um ein Wort verlegen, auch wenn's nicht das
richtige ist. Was hatte ich Gerry Cooper am Hut.
Mein Held ist Humphrey Bogart.

Sam: Ich habe den Verdacht, daß unter der
zynischen Schale ein reichlich sentimentales Herz
schlägt.

Jonas: Schon besser, Sammy. Klapp das Bett rein.
Wir haben viel vor.

Sam: Der bescheidene Knecht eurer detektivischen
Waghalsigkeit hat sich erfrecht, zuzuhören. Sag
mal Kumpel, willst du wirklich ins Niemandsland?

Jonas: Vielleicht, Sam, aber jetzt fahren wir
erstmal ins Westend, an den schönen blauen
Schwanensee. Da wohnt dieser Sesam, und wenn er da
wohnt, dann hat er.

Sam: Hat er was, o Leuchtturm in stockdunkler
Nacht.

Jonas: Kies, Sammy, Moos, Mäuse, Pinke, Money,
Euros, und ein bißchen davon will er abgeben an
einen bedürftigen Privatdetektiv.

Jonas: Er hatte wirklich, der Herr Sesam. Eine
richtige Villa, viel Platz, eine Einrichtung
direkt aus Teurer Wohnen, Musik aus unsichtbaren
Lautsprechern, irgendwas klassisches, Georg
Sebastian Beethoven, eine gut bestückte Hausbar
eben 0815 Millionärsstil. Nur eine Sache fiel aus
dem Rahmen. Überall an den Wänden, auf dem
Fußboden standen, lagen, hingen sie rum: kleine
Kerle aus Plastik, bunt angemalt mit langen Bärten
und langen Zipfelmützen. Ich sah sie mir an,
während ich meinen Whisky schluckte, echt,
natürlich, nicht Synth. Sie erinnerten mich an
was.

Jonas: Ach ja Gartenzwerge.

Sesam: Bitte, Herr Jonas, nicht dieses Wort, ein
absoluter Fauxpas in unserer Branche. Es ist
abgewertet und unzutreffend ist es obendrein, seit
es keine Gärten mehr gibt. Es sind Zierzwerge,
Herr Jonas, Sesams Zierzwerge, putzige Gesellen,
eine wahre Freude fürs Auge und fürs Herz, der
geschmackvolle Schmuck fürs geschmackvolle Heim.

Jonas: So was kaufen die Leute?

Sesam: Sie werden sich wundern, Herr Jonas, wenn
Sie wüßten, wer alles meine Zwerge kauft,
gebildete Menschen, Menschen mit hohem sozialem
Nutzenstatus.

Jonas: Ah deshalb.

Sesam: Wie meinen?

Jonas: Deshalb hab ich kein Organ dafür. Ich bin
nur ein armer Privatdetektiv. Apropos. Kommen wir
zu Ihrem Fall, Herr Sesam.

Sesam: Wir sind schon mitten drin.

Jonas: Sie meinen, ich soll ins Niemandsland wegen
Ihrer Garten- pardon Ihrer Zierzwerge.

Sesam: So ist es, Herr Jonas.

Jonas: Das müssen Sie mir erklären.

Sesam: Aus diesem Grunde hab ich Sie ja hergeben.
Hören Sie zu.

Jonas: Herr Sesam produzierte also Zierzwerge, das
war an sich nichts besonderes, viele Leute in
Babylon produzieren alles mögliche, mit
Robotmaschinen natürlich, aber eben das tat Herr
Sesam nicht. Seine Zwerge waren Handarbeit,
100prozentig echte menschliche Handarbeit, damit
warb Herr Sesam, und das war der Grund, sagte Herr
Sesam, daß seine Zierzwerge weggingen wie die
bekannten warmen Semmeln. Im Gegensatz zu den
Zwergen der Konkurrenz, die von Robots gemacht
wurden.

Sesam: Die liebenswerten kleinen
Unzulänglichkeiten, Herr Jonas, die spezifisch
menschliche Nichtganzperfektion, das ist das
besondere, das einmalige an meinen Produkten und
dafür zahlen meine Kunden gern mehr als anderswo.

Jonas: Schön für Sie, Herr Sesam, wo liegt das
Problem?

Jonas: Das Problem, sagte Herr Sesam lag bei der
WePo, der Werbepolizei. Die kontrolliert, ob
Werbesprüche wie „echte menschliche Handarbeit“
tatsächlich stimmen, und zwar scharf, andere
Polizeieinheiten lassen sich schmieren, die WePo
nicht, und deshalb mußte Herr Sesam seine
Zierzwerge auch wirklich von menschlichen
Arbeitern herstellen lassen.

Sesam: Natürlich nicht von Einheimischen, bei den
Tarifen und Nebenkosten würden meine Zwerge
unerschwinglich. Nein, Herr Jonas, bei mir
arbeiten Drittweltler.

Jonas: Illegale Einwanderer, meinen Sie, ohne
Arbeitserlaubnis.

Sesam: Gott, Herr Jonas, natürlich ist es im
Prinzip verboten die Leute zu beschäftigen, Aber
die WePo interessiert sich nur dafür, ob meine
Zwerge wirklich von Menschen gemacht werden, von
was für Menschen, das will sie gar nicht wissen,
und die ImPo, die Immigrationspolizei, hat in
Babylon nichts zu sagen, nur im Grenzgebiet.
Außerdem, die Drittweltler, die es über die Grenze
schaffen, sind froh, wenn sie einen Job kriegen.
Immerhin verdienen sie bei mir das mehrfache vom
dem, was sie bei sich zuhaus kriegen würden, falls
sie da überhaupt arbeiten dürfen.

Jonas: Nicht zu bestreiten. Im KDW, dem
Konglomerat Dritte Welt, sieht's traurig aus, so
traurig, daß immer wieder Drittweltler versuchen,
über die Grenze zu uns zu kommen, in die
Vereinigten Staaten von Europa, wo Milch und Honig
fließen, das meinen jedenfalls die von drüben. Wir
hier sehen das ein bißchen anders. Und wenn dann
auch den Drittweltlern klar wird, daß die VSE
nicht das sind, was sie sich vorgestellt haben,
ziehen sie weiter, ins wahre Paradies, nach
Amerika.

Sesam: Und ich besorge mir neue Arbeitskräfte aus
dem Grenzgebiet. Die paar Handgriffe, die sie
brauche, bringen wir ihn schnell bei. Wir gießen
unsere Zwerge, Herr Jonas, in alten Formen aus dem
20. Jahrhundert.

Jonas: Bestens, ich versteh bloß immer noch nicht,
wo Ihr Problem liegt, Herr Sesam, über die
faszinierenden Einzelheiten der Zwergenproduktion
können wir uns vielleicht ein ander Mal
unterhalten. Wo drückt der Schuh?

Sesam: Das hab ich bereits erwähnt, Herr Jonas, im
Niemandsland.

Jonas: Das Niemandsland ist eine Art
Dreiländereck, da wo das KDW, die VSE und die UVR,
die Union der Volksrepubliken, zusammenstoßen,
irgendwo auf dem Balkan. In den späten 90er
Jahren, nach den großen Hungermärschen aus dem
Süden und den langen Abwehrschlachten, hat man
hier die Grenze neu festgelegt, in großen Zügen,
über den genauen Verlauf konnte man sich nicht
einigen, und so entstand das Niemandsland, ein
etwa 20 km breiter Streifen, den alle drei
Anlieger beanspruchen und der keinem gehört. Zur
Dritten Welt hin ist das Gebiet praktisch offen,
wir haben gegen die illegalen Einwanderer einen
Zaun gebaut, der nicht viel nützt, und die UVR hat
ihre Ecke durch eine massive Mauer abgeschottet,
mit so was haben sie schon im vorigen Jahrhundert
gute Erfahrungen gemacht, dazwischen liegt das
Niemandsland, ein wilder Landstrich, ohne Gesetze,
voller Gefahren wie seinerzeit der amerikanische
Westen, trotzdem schlagen sich immer wieder
Drittweltler zu uns durch.

Sesam: Und auf einmal klappt das nicht mehr, Herr
Jonas, seit 4 Wochen hab ich keine neuen Arbeiter
von drüben bekommen, keinen einzigen, Herr Jonas,
der Nachschub ist plötzlich abgerissen, und
niemand weiß warum.

Jonas: Was sagt denn ihr Schleuser? Sie haben doch
einen.

Sesam: Selbstverständlich habe ich einen
Schleuser. Baklava in Karakul, tüchtiger Mann, wir
arbeiten seit Jahren zusammen, als die Leute
ausblieben, hab ich gleich drüben angerufen.

Jonas: Und was sagt Baklava.

Sesam: Er kann sich die Sache nicht erklären. Die
Trupps werden zusammengestellt wie immer, und
gehen wie immer mit ihren Führern ins
Niemandsland, und da verschwinden sie, jedenfalls
kommen sie nicht auf unserer Seite an. Seit 4
Wochen. Ich habe kaum noch Arbeiter, Herr Jonas,
die Bestellbücher sind voll, die Lager sind leer.
Ich weiß nicht, was ich tun soll.

Jonas: Aber sicher wissen Sie das, Herr Sesam, da
Sie sich nicht an die ImPo werden können.

Sesam: Natürlich nicht.

Jonas: Beauftragen Sie einen Detektiv. Der soll
sich im Niemandsland mal umsehen. Für 200 Euros
pro Tag und Spesen.

Sesam: 200? Ihr Tarif sagt 80.

Jonas: Normalerweise, Herr Sesam, normalerweise.
Aber für 80 Euros gehe ich nicht ins Niemandsland.
Und wenn ich vernünftig wäre, auch nicht für 200.

Jonas: Das war wieder so ein Fall. Nicht ganz
astrein, nicht 100prozentig, nichts für fahrende
Ritter, die erschlagen Drachen, retten Jungfrauen,
schützen Witwen und Waisen, Herr Sesam war keine
Waise auch keine Witwer und erst recht keine
Jungfrau. Was er mit den Drittweltlern machte,
roch ein bißchen nach Ausbeutung. Anderseits die
Leute kamen freiwillig und wollten bei ihm
arbeiten. Und ich verpflichtete mich nur mal nach
dem rechten zu sehen, nicht etwa Sesams Nachschub
an Arbeitskräften zu sichern.

Sesam: Einverstanden. 200 Euros pro Tag.

Jonas: Und Spesen und 400 Euros im Voraus.

Sesam: Jaja, wenn Sie nur was ausrichten, Herr
Jonas. Wie wollen Sie vorgehen?

Jonas: Professionell, Herr Sesam.

Sesam: Ja natürlich. Sie haben schon einen Plan.

Jonas: Ich hatte einen Plan, aber den behielt ich
lieber für mich. Der Plan war riskant, das
Niemandsland war riskant, das ganze Unternehmen
war riskant. Und je weniger davon wußten, um so
besser. Jonas ist Solist, aus Prinzip, die
Einsamkeit des Privatdetektivs.

Jonas: Sie kriegen einen Bericht, Herr Sesam, wenn
alles vorbei ist. Vorher sagt er nichts. Und Sie
sagen auch nichts. Sie sagen keinem Menschen, daß
ich für Sie ins Niemandsland gehe.

Sesam: Und Baklava, sollte der nicht Bescheid
wissen, schon in Ihrem Interesse, Herr Jonas, Sie
könnten Hilfe brauchen.

Jonas: Sie sagen es keinem Menschen, Herr Sesam,
auch nicht Baklava.

Sesam: In Ordnung, wenn Sie so großen Wert darauf
legen.

Jonas: Er wirkte verlegen, das fiel mir auf, aber
ich hakte nicht nach. An diesem Tag, dem 13.
August 2010 war ich wirklich nicht ganz da. Durch
Nachhaken hätte ich mir einiges ersparen können.
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Sesam: Ich werde Ihnen eine Rikscha rufen, Herr
Jonas.

Jonas: Nicht nötig. Ich nehm die Metro.

Sesam: Das ist nicht Ihr Ernst, ich zahle, setzen
Sie die Rikscha auf die Spesenrechnung.

Jonas: Ich hab’s eilig, Herr Sesam. Ich fahr mit
der Metro.

Jonas: Ich weiß nicht, warum ich darauf bestand,
vielleicht weil ich Sesam zeigen wollte, wie hart
ich war, so hart, daß man mit mir Nägel in die
Wand schlagen konnte, oder weil mir alles so
ungeheuer egal war. Kamikaze Jonas. Der hat keine
Angst in der Metro, auch dann nicht, als drei
Typen in den Wagen stiegen, in dem ich ganz allein
saß, zwei davon hatten die irren Augen der
typischen Metro-Killer, sie setzten sich rechts
und links neben mich und rutschten immer näher.
Wenn sie den Mund aufmachten, roch es wir freitag
abend im Lokus vom armen Schlucker. Sie sahen das
anders.

1. Metro-Killer: Stinkt hier.

2. Metro-Killer: Na das ist der da, der alte
Pater, der alte Sack.

1. Metro-Killer: Der ist schon verfault, darum
stinkt er so. Hey Alter du stinkst.

2. Metro-Killer: Machs Maul auf, Alter.

1. Metro-Killer: Der sagt nichts, der hat Schiß.

2. Metro-Killer: Vielleicht sagt er was, wenn wir
bißchen an ihm rumspielen.

1. Metro-Killer: Wir können ihn ja mal ankokeln
oder ihm was abschneiden.

2. Metro-Killer: Hey Alter sollen wir dich mal ein
bißchen ankokeln? Oder dir was abschneiden.

1. Metro-Killer: Guck mal, Alter, Rasiermesser
ganz scharf.

2. Metro-Killer: Hey kuck mal, Spirituskanister
und Feuerzeug. Hähä.

Jonas: Beide waren jetzt ganz nah, ganz dicht
neben mir, ich mußte was tun. Karategrundkurs,
plötzlich ohne Ansatz beide Ellbogen rechts und
links raus, je in einen Solarplexus.

Metro-Killer: Ah!

Jonas: Beide klappten nach vorn und kriegten meine
Handkante ins Genick, damit waren sie erst mal
bedient, aber da war ja noch der dritte Typ, ich
hatte ihn im Augenwinkel und das war gut so, er
stand etwas abseits und machte eigentlich einen
ganz normalen Eindruck, kein crazy look um die
Augen, kein Spiritus, kein Rasiermesser, aber ein
Laserstrahler. Während ich die zwei Stinker fertig
machte, holte er ihn raus, ganz ruhig, er ging in
die Grätsche und hielt die Waffe Richtung Jonas in
beiden Händen, ein Profi. Mit Karate war hier
nichts zu machen. Meine gute alte Smith & Wesson.
Ich kann ziemlich schnell zielen, auch wenn Gary
Cooper nicht mein Held ist.

Mann: Strugazkiplatz.

Jonas: Ein Bahnhof. Still und leise schlichen die
beiden Stinker von dannen, der mit dem Laser
schlich nicht. Er konnte nicht mehr schleichen,
nicht mal mehr kriechen. Er konnte überhaupt
nichts mehr. Er lag da mit einem Loch im Kopf. Als
die Metro weiterfuhr, war ich allein im Wagen, mit
einem toten Mann. Und natürlich mit Computer Sam.

Sam: Ist es gestattet, eurer fernöstlichen
Kampfestechnik nebst Pistoleroeffizienz zum
glorreichen Sieg über die bösen Metrokiller
ergebenste Glückwünsche auszusprechen.

Jonas: Danke, Sam, danke. Ich wär mir da nicht so
sicher.

Sam: Wie das, mein Herr. Es war ein Sieg. Ein
großer Sieg. Wir werden nimmer seines Gleichen
sehen.

Jonas: Soll sein, Sam, soll sein. Metrokiller, die
zwei die sich zu mir gesetzt haben, das waren
welche, angeheuert für einen Schuß oder Kapsel
Solipsin.

Sam: Dreigroschenknaben, wie man diesen Typus in
den guten alten Zeit zu benamsen pflegte, o 80
Euro Mann.

Jonas: Sam besteht aus zwei Elementen, aus dem
Hirn und aus den Sinnen, wie ein Mensch, aber
anders als beim Menschen ist das Hirn der bei
weitem größte Teil, die Speicherbox, die fest in
meinem Büro steht, Sam 1. Sam zwo ist ein Kästchen
im Taschenformat, mit Sam 1 drahtlos verbunden.
Sam 2 sieht, hört und redet, er redet immer zu und
überall, weil ich ihn überall hin mitnehmen, damit
er mir bei der Arbeit hilft. Das tut er auch, auf
seine Weise.

Sam: Kein typischer Metro-Killer hingegen ist
jener dritte Aggressor, welches dies irdische
Jammertal so früh und frühzeitig verlassen mußte.

Jonas: Dazu sieht er viel zu ordentlich aus.

Sam: Offiziell könnte man sagen.

Jonas: Fast wie ein Polizist.

Sam: Ob er wohl einen Dienstausweis hat. Nun greif
ihm doch schon in die Tasche, alter Zausel, du
bist doch sonst nicht so zimperlich.

Jonas: Gemach, gemach. Kein Dienstausweis. Sam.

Sam: Bürgerkarte. Geld?

Jonas: Nichts, Sammy. Gar nichts, Moment, hier ist
doch was, ein Holobild, und da drauf, das bin ich.

Sam: Hehe, sprechende Ähnlichkeit, Meister, bei
der vorangegangenen Szene handelte es sich als
keinesfalls um einen beliebigen Metroüberfall,
vielmehr...

Jonas: Die Kerle waren auf Jonas angesetzt. Warum?

Sam: Möglicherweise eine Verbindung mit dem soeben
von eurer Meisterdetektivität übernommenen Fall.

Jonas: Sehr unwahrscheinlich Sammy. Holo
anschaffen, Killer anheuern, mich verfolgen, das
dauert seine Zeit. Und Sesam hat mich erst vor
knapp 3 Stunden angerufen. Vielleicht steckt
jemand dahinter, der noch eine alte Rechnung mit
mir zu begleichen hat.

Sam: Oh, die Auswahl ist groß, o vielfach
verfeindeter Ehrenmann, ein Freund und Rächer der
seligen Frau Prof. Caligari, des seligen Herrn
Quarz, des seligen Herr Guttapercha, des seligen
Randy Orgas, des seligen Vizepräsidenten Cordes...

Jonas: Und so weiter und so weiter.

Jonas: Als ich ausstieg, war ich immer noch allein
im Wagen, der Tote fuhr weiter bis zur Endstation,
da sind sie an so was gewöhnt und räumen weg was
anfällt. Ich wanderte Richtung Heimat. Unterwegs
blieb ich stehen, vor einem Art-Shop, der war neu
in der Nachbarschaft und hatte eine hübsche
Verkäuferin. Aber das war nicht der Grund, weshalb
ich reinging.

Verkäuferin: Kann ich Ihnen helfen?

Jonas: Ich suche Zwerge, Gartenzwerge, Pardon,
Zierzwerge, meine ich, haben Sie so was?

Verkäuferin: Selbstverständlich führen wir
Zierzwerge. Wenn Sie sich hier hinten umsehen
wollen, in diesem Regal.

Jonas: Hmh. Ja, ja wirklich nett. Handarbeit?

Verkäuferin: Leider nein, alles Robotware.

Jonas: Haben Sie denn gar keine handgemachten
Zwerge, Sesams Zierzwerge zum Beispiel.

Verkäuferin: Völlig ausverkauft, tut mir leid.

Jonas: Oder von irgendeiner anderen Firma, bloß
Handarbeit müssen sie sein.

Verkäuferin: Da kämen nur noch Zierzwerge von
Adamson & Co in Frage, aber die sind leider auch
ausgegangen.

Jonas: Hmh. Und wie sieht's aus mit andern
Artikeln?

Verkäuferin: Handarbeit.

Jonas: Ja Handarbeit.

Verkäuferin: An handgearbeiteten Waren haben wir
zur Zeit leider gar nichts da, offenbar ein
momentaner Engpaß. Kommen sie doch nächste Woche
wieder vorbei.

Jonas: Jetzt aber nach Hause, ins gemütliche 22
Quadratmeterloch, das mir Wohnung ist und Büro
dazu, packen und überlegen, letzteres laut, wozu
hatte ich Sam.

Jonas: Die Konkurrenz ist es also nicht. Diese
Firma, wie heißt sie.

Sam: Adamson und Co. euer Liebden. Ganz gewiß
nicht, ist sie doch gleich fall betroffen. Wie
verhält es sich jedoch mit jener weiten Konkurrenz
des Herrn Sesam, welche Zierzwerge nicht mittels
Menschenhand herstellen läßt, sondern wie Vernunft
und Fortschritt es gebieten, elektronisch
automatisch.

Jonas: Könnte sein, Sammy, glaub ich aber nicht.
Diesen Engpaß an menschlichen Arbeitskräften
gibt’s ja nicht nur in der Zwergenbranche. Hinter
der Sache steckt was anderes als Konkurrenzkampf,
was größeres.

Sam: Was?

Jonas: Das können wir nur an Ort und Stelle
rauskriegen Auf, Sammy, auf ins Niemandsland.

Sam: Wenn's denn sein muß, o tapferster der
tapfersten.

Jonas: Ich will dir was sagen: Ich bin furchtbar
müde.

Sam: Sam auch.

Jonas: Und ich hab zu gar nichts Lust.

Sam: Aber ich.

Jonas: Trotzdem ich fahr gern ins Niemandsland.
Ich bin froh, daß ich wegkomme, weg von diesem
Büro, weg von Babylon, weg von den Straßen, den
Menschen.

Sam: Weg von der Dame Judith.

Jonas: Da hast du dich nicht einzumischen, Sam,
das hab ich dir schon oft gesagt.

Sam: Oh, Sam bereut. Sam ringt die Hände, Sam
streut Asche auf sein Haupt. Verzeih gestrenger
Herr, verzeih.

Jonas: Schon gut, Sammy, Buch mir ein Platz in der
nächsten Chemorocket nach Karakul.

Jonas: Wie gesagt ich hatte einen Plan. Ich wollte
nicht direkt ins Niemandsland, nicht von den
Vereinigten Staaten von Europa aus, ich machte ein
Umweg und steuerte mein Ziel sozusagen von hinten
an, über die Dritte Welt. Karakul liegt im KDW,
nicht weit von der Grenze, nicht weit vom
Niemandsland, eine interessante Stadt mit Moschen
und Museen, Basaren, krummen Gassen, fotogenen
Eingeborenen, ein paar großen internationalen
Hotels für die vielen Touristen aus Amerika, Japan
und Europa und mit einem Flugplatz.

Zollbeamtin: Jonas.

Jonas: Nur Jonas.

Zollbeamtin: Aus Babylon VSE.

Jonas: Steht doch alles da, Schwester. Geboren 1.
Mai 1967, Größe 1, 83, besondere Kennzeichen:
keine.

Zollbeamtin: Zweck ihrer Reise?

Jonas: Tourist.

Zollbeamtin: Bleiben Sie länger?

Jonas: Vielleicht.

Zollbeamtin: Zertifikat Ihrer letzten
Gesundheitsinspektion.

Jonas: Auch das. Bitte sehr.

Zollbeamtin: Magengeschwür. Hinter den Vorhang,
Herr Jonas.

Jonas: Warum denn das?

Zollbeamtin: Schutzimpfung gegen Malaria.
Vorschrift.

Jonas: Seit wann.

Zollbeamtin: Vorschrift. Gehen Sie hinter den
Vorhang, halten Sie den Betrieb nicht auf.

Jonas: Von mir aus, wenn mir nichts schlimmeres
passiere als eine Impfung gegen Malaria. Und es
ging nicht nur mir so. Alle Touristen wurden
geimpft. Ungewöhnlich. Aber ich dachte nicht
weiter darüber nach. Ich hatte wichtiges zu tun.
Ich suchte mir eine Unterkunft, nicht eins von den
großen Touristenhotels, einen billigen Schuppen im
Basarviertel, und da verwandelte sich Jonas, der
europäische Tourist, in den Drittweltler Mustafa.

Jonas: Preisfrage Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Wie erfährt man am besten, was mit
Grenzgänger aus der dritten Welt im Niemandland
passiert. In dem man selbst als illegale
Drittweltler ins Niemandsland geht, richtig.

Sam: Ohne jeden Zweifel, Herr Rundfunkrat.

Jonas: Wie seh ich aus?

Sam: Wie Jonas nur mit etwas dunklerem Teint und
anders gekleidet als üblich.

Jonas: Das muß reichen.

Sam: Ja.

Jonas: Plastifacetanks gibt es hier nicht und mit
einem völlig falschen Gesicht rumzulaufen ist auch
nicht das wahre. Weißt du noch, damals im
Schlachthausfall.

Sam: Welche Frage Sir, hab ich doch all eure
Herrlichkeit Abenteuer sorgsam gespeichert und für
alle Zeit bewacht. Ein Denkmal dauerhafter denn
Erz. Horaz.

Jonas: Wer immer das sein mag.

Sam: Ho.

Jonas: Mit Waffen sieht's ziemlich dünn auf. Das
landesübliche Messer, mehr ist nicht drin. Ein
armer Drittweltler hat kein Laserstrahler. Nicht
mal eine Smith & Wesson. Auch wenn ich sie durch
die Flughafenkontrollen gekriegt hätte. Geld, 1000
Piaster, das sind etwa 200 Euros. Tja, und dann
hab ich bloß noch mein Kopf.

Sam: Sowie den allzeit getreuen Sam, sofern ein
armer Drittweltler ein Computer sein Eigen nennen
darf, ohne Verdacht zu erregen.

Jonas: Weiß du was, Sammy.

Sam: Ja?

Jonas: Ich sag einfach, du bist ein altmodisches
Transistorradio.

Sam: Pfui. Pfui.

Jonas: Nicht für mich, und daß Computer so was wie
Würde haben kann ich mir nicht denken.

Sam: Das denken sollten eure verquälte
Scherzhaftigkeit den Computern überlassen, die
haben kleinere Chips und größere Speicher.

Jonas: Der Rest war einfach. Ein paar Tassen Tee,
synthetisch natürlich, ein paar Fragen, ein paar
Piaster, und Jonas Mustafa stand in einem
schäbigen kleinen Laden, wo es Mützen aus
synthetischem Lammfell zu kaufen gab, hier
residierte Dschamil Baklava, der Schleuser, der
Mann, der armen Drittweltlern das Tor zu den
Fleischtöpfen Europas öffnete, aus reiner
Menschenliebe und gegen ein kleine Gebühr.

Baklava: Hast du Geld?

Jonas: Ja, Effendi, wenig.

Baklava: Wieviel?

Jonas: Ein paar Piaster, Effendi.

Baklava: Wieviel?

Jonas: 5. äh 500 Piaster.

Baklava: Gib sie mir.

Jonas: Alle 500, Effendi?

Baklava: Gib her. Alles was du hast. In ein paar
Stunden bist du drüben, in Europa, da brauchst du
keine Piaster. Oder willst du gar nichts nach
Europa. Willst du lieber zurück in dein Dorf?

Jonas: O nein, Effendi.

Baklava: Na also. Gib. 500. Gut so. Geh hinten
durch die Tür, auf dem Hof steht ein Lastwagen.

Jonas: Ein Benzinauto.

Baklava: Natürlich ein Benzinauto, was denkst du
denn, du steigst auf die Ladefläche unter die
Plane, und da wartest du.

Jonas: Worauf, Effendi?

Baklava: Das wirst du schon merken.

Jonas: 12 Leutchen hockten schon auf der
Ladefläche, als ich dazustieg, und nach mir kamen
noch welche. Keiner sagte ein Wort. Alle warteten.
Ab und zu steckte Baklava seinen unschönen Kopf
durch die Plane und sah jedem von uns aufmerksam
ins Gesicht. Es wurde dunkel, die Fahrertür
klappte, der Motor wurde gestartet, unser Wagen
setzte sich in Bewegung, wir fuhren durch die
Straßen von Karakul und dann über Land auf
schlimmen Straßen. Neben mir saß ein alter Mann
mit seiner Tochter oder Enkelin, einer richtigen
orientalischen Schönheit, schwarzes Haar,
Mandelaugen usw. Nach zwei Stunden Rütteln und
Schütteln fühlte der Alte sich soweit gelockert,
daß er ein Gespräch mit mir anfing, er hieß Hüsük,
sagte er, und er war halbblind, aber er war nicht
dumm:

Hüsük: Du bist anders, Mustafa, du bist keiner von
uns.

Jonas: Ich komme von weit her. Vom Rand der Wüste.
Sag mir Großvater Hüsük, warum willst du nach
Europa.

Hüsük: Ich gehe mit meiner Enkelin, meine Enkelin
Safiye, sie wird drüben Arbeit finden und sie wird
es gut haben.

Jonas: Und du, Großvater, bist du nicht schon zu
alt zum arbeiten.

Hüsük: Ich gehe um zu sterben, Mustafa, dann zu
sterben, wenn meine Zeit gekommen ist, nicht zu
früh, nicht an der Krankheit. Gibt es sie auch bei
euch, am Rand der Wüste diese schreckliche
Krankheit?

Jonas: Nein.

Safiye: Bei uns im Dorf sind schon viele an ihr
gestorben, auch in den Nachbardörfern.

Hüsük: Sogar in Karakul soll sie schon sein die
Krankheit.

Jonas: Was ist das für eine Krankheit, Großvater.

Hüsük: Man nennt sie den schwarzen Tod, wer von
ihr befallen wird, bekommt zuerst heftiges Fieber,
dann wachsen ihm Beulen und Leisten unter den
Narben am Hals, schwarze Geschwüre so groß wie
Hühnereier, sie breiten sich über den ganzen
Körper aus, und nach wenigen Tagen stirbt der
Kranke, unter großen Schmerzen.

Safiye: Die Regierung hat versprochen, uns Medizin
zu schicken, aber sie hat es nicht getan.

Hüsük: Man sagt, die Regierung hat nicht genug
Medizin, alles was sie hat, gibt sie den Fremden,
die unser Land besuchen, sagt man, damit sie nicht
krank werden und man draußen nicht schlecht über
unser Land redet. Schau durch das Loch in der
Plane, Safiye, sag mir, was du siehst.

Safiye: Nichts, Großvater, alles ist dunkel.

Hüsük: Kein Licht?

Safiye: Nein, Großvater.

Hüsük: Dann sind wir schon im Niemandsland.

Jonas: Seit einer Minute piepte Sam wie wild in
meiner Brusttasche. Notsignale, ich rücke etwas ab
von Hüsük, holte meinen Freund und Helfer raus und
hielt ihn ans Ohr. Zum Glück war es so dunkel, daß
keiner der anderen was mitkriegte.

Sam: Na endlich. Habe mir erlaubt, mitzuhören,
Herr Sanitätsrat. Klar Fall. Diagnose eindeutig.

Jonas: In der Dritten Welt ist eine Epidemie
ausgebrochen. Irgendeine Seuche.

Sam: Nicht irgendeine, Herr Medizinalrat, eine
ganz bestimmte, die Beulenpest.

Jonas: Unsinn Sam, die Pest ist längst
ausgerottet, zuletzt ist sie aufgetreten, warte
mal, das war.

Sam: Vor genau 90 Jahren, Herr Oberarzt, in der
Mandschurei, seitdem muß sich in einem
gottverlassenen Winkel der Dritten Welt eine
Kolonie vom Pasteur Relabestis bis heute gehalten
haben.

Jonas: Und das wäre?

Sam: Der Pestbazillus, geschätzter Lateingehilfe.
Die Beschreibung des Krankheitsablaufs ist
unmißverständlich. In der Dritten Welt grassiert
die Pest.

Jonas: Was?

Sam: Ja, ein Tatbestand, den die Regierung
offensichtlich geheimzuhalten wünscht.

Jonas: Natürlich, wegen der Touristen, damit sie
nicht abgeschreckt werden.

Sam: Jeder Tourist wird noch auf dem Flughafen
geimpft. Pieks.

Jonas: Ja, gegen Malaria.

Sam: Glaubst du das wirklich, du geistiger
Hilfspfleger. Frage, was geschieht mit den
Grenzgängern, mit den Drittweltlern, die durch das
Niemandland nach Europa gelangen wollen. Einige
von ihnen müssen infiziert sein.

Jonas: Und wenn sie in Europa sind und da auch die
Pest ausbricht.

Sam: Dann weiß alle Welt bescheid. Das ganze KDW
wird unter Quarantäne gestellt. Es gibt keine
Touristen mehr.

Jonas: Ja, aber es kommen ja keine Grenzgänger
mehr nach Europa.

Sam: Dreimal dürfen Herr Chefarzt raten, warum.
So, spring ab.

Jonas: Soll ich nicht die andern hier.

Sam: Die würden dir sowieso nicht glauben, spring
ab, Jeronimo.

Jonas: Also sprang ich ab und duckte mich hinter
einen Grabenrand. Keinen Augenblick zu früh. Ein
paar Meter weiter blieb der Wagen stehen,
plötzlich blendeten Scheinwerfer auf, es wurde
taghell, ich mußte ein paar Sekunden lang die
Augen zukneifen. Als ich sie wieder aufmachte, sah
ich Soldaten in den Uniformen der KDW-Grenztruppe,
sie zerrten Hüsük, Safiye und die andern von der
Ladefläche und trieben sie in einen niedrigen
Schuppen ohne Fenster.

Jonas: Sie bringen sie um, Sam, sie bringen alle
um, den alten Hüsük, die schöne Safiye, alle.

Sam: Seit 4 Wochen, geehrter Trauergast, bringen
die KDW-Truppen alle illegalen Grenzgänger um,
damit die Außenwelt nichts von der Pest erfährt.

Jonas: Jetzt wissen wir, warum Herr Sesam keine
Arbeiter mehr kriegt.

Sam: Ganz recht, großer Durchblicker, Auftrag
ausgeführt. Mission beendet.

Jonas: Bleibt nur ein kleines Problem, Sam.

Sam: Ja?

Jonas: Wie komme ich zurück nach Babylon. Oder
wenigsten raus aus dem Niemandland.

Grenzsoldat mit Megafon: Hier spricht das
Sanitätskommando der Grenztruppe, Konglomerat
Dritte Welt, wir rufen Jonas, alias Mustafa, Jonas
alias Mustafa.

Jonas: Woher wissen die?

Grenzsoldat mit Megafon: Verlassen Sie Ihr
Versteck, Flucht ist zwecklos, kommen Sie zu uns,
ergeben Sie sich, es wird Ihnen nichts geschehen.

Jonas: Glaubst du ihm, Sammy?

Sam: Glaubst du ihm?

Jonas: Bin ich blöd? Taktischen Rückzug nennt man
so was.

Sam: Bitte gelegentlich einen Blick auf den treuen
Sammy werfen zu wollen, o flotter Normeh. Der
erleuchtete rote Pfeil auf dem Bildschirm weist
den Weg nach Europa.

Jonas: Der Weg führte quer durchs Niemandsland,
vorbei an Ruinen, an gesprengten Bunkern, an
verrosteten Panzerwracks, alles war still,
unheimlich still. Und auch ich war leise, um nicht
mögliche Verfolger aufmerksam zu machen. Aber es
gab keine Verfolger. Im ganzen großen Niemandsland
schien nichts zu leben, kein Strauch, kein Tier,
kein Mensch, doch, da war was: vor mir ein Licht,
ein Flackern, ein Lagerfeuer, ich schlich näher,
vorsichtig, und sah 3 Männer, 3 wildaussehende
struppige Kerle mit Hackmessern am Gürtel und eine
Frau, der die drei gerade die Taschen ausräumten.

Bandit: 20 Piaster, eine silberne Kette, ein Ring,
Messing.

Bandit: Die guten Sachen hat sie in der Wäsche.

Bandit: Glaub ich auch. Zieh dich aus.

Safiye: Nein.

Bandit: Ja zieh dich aus.

Safiye: Nein. Las mich los. Hilfe.

Jonas: Das ist Safiye, sie ist auch geflohen.

Safiye: Man will mich... Zu Hilfe! Hilfe! Hilfe!
zu Hilfe!

Bandit: Schrei nur, keiner hört, keiner hört dich,
und wenn du schreist, machst du uns erst richtig
scharf. Maul halten.

Sam: Sehr gut Leutnant, lassen Sie ausschwärmen.
Zu Befehl, Herr Hauptmann. Ausschwärmen, keiner
darf entkommen! Na bitte, hat gewirkt.

Jonas: Nicht ganz, Sam.

Jonas: Nur zwei Banditen waren ins Dunkel getürmt,
der dritte hielt Safiye am Arm fest und wußte
offenbar nicht recht, was er tun sollte. Ich half
ihm, ich warf ihm ein Messer in den Hals, er fiel
um und alle Unklarheit war vorüber. Für immer. Ich
trat in den Feuerschein, um mir das Messer
zurückzuholen.

Safiye: Mustafa.

Jonas: Hallo Safiye.

Safiye: Sie haben sie erschossen, Mustafa,
Großvater auch. Alle sind tot, nur wird nicht,
Mustafa.

Jonas: Ja, Safiye. Wie bist du aus dem Schuppen
gekommen?

Safiye: Ein Brett war lose, ich bin
durchgekrochen.

Jonas: Und sie haben dich nicht gesehen.

Safiye: Nein, ich bin gelaufen, ich hatte Angst,
auf einmal waren die Banditen da.

Jonas: Jetzt ist ja alles gut, ist ja gut.
Vorläufig jedenfalls. Du gehst am besten mit mir,
Safiye.

Safiye: Ja Mustafa. Ich hab ja sonst niemand mehr.

Jonas: Und wieder ein Marsch durchs nächtliche
Niemandsland. Diesmal aber nur ein kurzer. Safiye
war erschöpft und ich brauchte auch ein bißchen
Ruhe. Wir suchten uns eine Ruine, die noch ein
paar intakte Wände hatte, es war kühl. Wir waren
beide müde, Safiye und ich, aber was wir noch
nötiger hatten als Schlaf, das waren Wärme und
Trost. Ich schaltete Sam ab. Wir wärmten und wir
trösteten uns. Dann schliefen wir ein. Schritte
und Stimmen schreckten uns aus dem Schlaf, es
wurde schon hell, ich riskierte einen vorsichtigen
Blick über die Mauer und schaltete Sam wieder ein.
Drei Köpfe sind besser als zwei, auch wenn Sam
keinen hat.

Jonas: Das sind unsere Söldner, eine Streife der
ImPo. Keine Gefahr, oder? Was denkst du?

Sam: Was kann Hoheit schon an der Meinung eines
armseligen Computers liegen, eines Objekts,
welches menschliche Willkür an und abschalten
kann, ganz nach Belieben.

Jonas: Hör auf zu muffeln, Sam. Was meinst du?

Sam: Erlaube mir ergebenst, vorerst verhaltene
Vorsicht anzuempfehlen.

Safiye: Guten Morgen, Jonas.

Jonas: Guten Morgen Safiye. Jonas? Wieso Jonas?
Mustafa.

Safiye: Jetzt brauchst du nicht mehr zu lügen du
heißt Jonas und du bist aus Europa.

Jonas: Wer sagt das.

Safiye: Die Grenzer. Unsere Grenzer. Sie waren
sehr böse, als sie merkten, daß du nicht mehr bei
uns warst. Sie haben nach dir gefragt, und dann
haben sie mich aussortiert, bevor sie die anderen
erschossen haben, sie haben gesagt, du bist ein
Spion, sie haben gesagt, ich soll im Niemandsland
nach dir suchen, und wenn ich dich gefunden habe,
und wenn Grenztruppen in der Nähe sind, ganz
gleich ob unsere oder Europäer, dann, dann soll
ich...

Jonas: Ja?

Safiye: Hier, hier ist er, hier ist Jonas! Wenn
ich dich verrate, lassen sie mich nach Europa, das
haben sie versprochen. Hier.

ImPo-Beamter: Waffen in Anschlag. Kommen Sie raus,
Hände über den Kopf, los los. Sie sind also Jonas.
Super, das gibt Sonderurlaub, vielleicht sogar
einen Orden. Danke Täubchen gut gemacht, jetzt
brauchen wir dich nicht mehr.

Safiye: Ah!

ImPo-Beamter: Hast du dir gedacht, Täubchen, nach
Europa, uns die Pest einschleppen. Kommen Sie,
Jonas.

Jonas: Eine knappe Stunde zu Fuß zum ImPo-
Stützpunkt, Fahnenstange, Landeplatz mit einem
Hubschrauber, Baracke. Meine Wächter schoben mich
durch eine Tür mit der Aufschrift Kommandantur.

Shuk: Majorin Shuk, Immigrationspolizei der VSE.
Willkommen. Der vielbegehrte Jonas in meinem
Stützpunkt. Ich bin hoch erfreut.

Jonas: Und ich erst.

Shuk: Lassen Sie sich anschauen. Sie sind wirklich
kein Mensch, keine Katze, wieviel Leben haben Sie
eigentlich. Gestern, in Babylon, sind Sie einem
unserer besten Spezialisten entkommen, den wir auf
Sie angesetzt hatten. Was sage ich entkommen, Sie
haben ihn umgebracht, nicht er Sie wie es
vorgesehen war.

Jonas: Der Überfall in der Metro, das waren Sie,
die ImPo?

Shuk: Ja sicher, Weil Sie planten, das
Niemandsland aufzusuchen, und das konnten wir
nicht zulassen.

Jonas: Woher wußten Sie denn daß ich ins
Niemandland wollte? Ich hatte doch gerade erst mit
meinem Auftraggeber.

Shuk: Dafür hat Herr Sesam gesorgt, noch bevor er
Ihnen den Auftrag gab, hat er diese seine Absicht
kundgetan.

Jonas: Wem?

Shuk: Seinem Schleuser, Baklava, um ihn, wie er
meinte, zu beruhigen, nun ist aber Baklava ein
Patriot, und in der jetzigen problematischen
Situation. Sie wissen ja Bescheid, Jonas,
Beulenpest im KDW etc. In dieser Situation also
arbeitet Baklava mit den Grenzorganen seines
Staates zusammen.

Jonas: Soll heißen er führt den Mördern die Opfer
zu, nachdem er sie ausgeplündert hat.

Shuk: Aber Jonas machen sie eine so simple
Geschichte nicht zu Melodram. Baklava hat die KDW-
Grenzwächter über Sie informiert und die Kameraden
von drüben haben die Information sofort an uns
weitergegeben. Wir ziehen alle an einem Strang.

Jonas: Hoffentlich hängen Sie bald dran.

Shuk: Was wollen Sie. Auch wir können nicht daran
interessiert sein, daß pestkranke Drittweltler
Europa heimsuchen.

Jonas: Warum sperren Sie nicht einfach die Grenze?

Shuk: Mein bester Jonas dann würde allgemein
bekannt werden was die Kameraden von drüben mit so
großem Eifer und aus so guten Gründen
geheimzuhalten suchen, und ihren dringenden
Wunsch, daß auch weiterhin niemand von der
grassierenden Beulenpest erfährt, läßt die Dritte
Welt sich gern etwas kosten.

Jonas: Die ImPo wird also bestochen.

Shuk: Die Welt, mein lieber Jonas, ist kein
Nonnenkloster, Alle bestechen oder werden
bestochen. Zurück zu Ihnen. Nach dem
fehlgeschlagenen Attentat unseres Spezialisten
taten Sie etwas, womit niemand rechnen konnte. Sie
gingen nicht auf direktem Weg ins Niemandland, Sie
flogen als Tourist nach Karakul, und wir hier an
der Grenze haben vergeblich auf Sie gewartet. Zum
Glück hatten wir dafür gesorgt, daß Baklava ein
Holobild von Ihnen bekam, für alle Fälle. Er
erkannte Sie trotz ihrer Mustafamaskerade und
verständigte seine Kontaktleute an der Grenze.
Besondere Vorkehrungen wurden nicht getroffen, man
nahm an, Sie würden mit samt der übrigen LKW-
Ladung routinemäßig erledigt werden.

Jonas: Ein Irrtum.

Shuk: Gewiß, aber ohne schwerwiegende Folgen. Wir
sind ja auch noch da. Wir sind gewissermaßen die
Lumpensammler.

Jonas: Wie sinnig.

Shuk: Wenn den Kameraden drüben einer durch die
Lappen geht, rufen sie uns an und wir fangen ihn
ab. Und dann erschießen wir ihn natürlich.

Jonas: Natürlich. Mich auch?

Shuk: Aber ja. Sie vor allem.

Jonas: Aber ich hab nicht die Pest. Ich bin
geimpft.

Shuk: Sie sind viel gefährlicher als so ein armer
verpester Drittweltler. Sie wissen, was hier
gespielt wird. Und Sie sind im Stande es weiter zu
erzählen. Sie hatten Glück, Jonas, großes Glück,
aber jetzt ist Ihr Glück zu Ende und Ihr Leben
auch. Schade. Apropos: haben sie einen letzten
Wunsch. Wenn es sich irgendmachen laßt.

Jonas: In dem Schrank da seh ich eine Flasche.

Shuk: Schottischer Whisky, echter, uns geht es
gut, wir können uns was leisten. Wie hätten Sie
ihn gern, mit Eis, mit Soda, mit Wasser?

Jonas: In einem Glas.

Shuk: Aber gewiß doch. Ah!

Jonas: Das ist ein Messer, Majorin, die Spitze
direkt an Ihrer Halsschlagader.

Sam: Wie vor einem Jahr im Reservat, Sultan
Suleiman, mein Meister geruht sich zu erinnern.

Jonas: Klar. Was jetzt, wir sind nicht im 10.
Stock und einen Kanal gibt es hier nicht.

Sam: Wohl aber, hehehe, muß eure innere
Schwerbegrifflichkeit tatsächlich darauf
hingewiesen werden, wohl aber einen Hubschrauber.

Jonas: Gute Idee, Sam.

Sam: Gute Idee, Sam. Ausgezeichnete Idee,
wunderbare Idee, exorbitante Idee, superpyramidale
Idee.

Jonas: Auf jeden Fall eine Idee, die
funktionierte. Ich nahm mir den Laserstrahler der
Majorin und ging mit ihr zum Hubschrauber,
langsam, die ImPos trauten sich nicht
einzugreifen, ich band die Majorin auf dem
Nebensitz fest und flog los. Zum Glück wußte ich,
wie man mit so einem Ding umgeht. Ich überlegte,
ob ich die Majorin unterwegs rauswerfen sollte,
ich tat's nicht, es hatte schon so viele Tote
gegeben. Statt dessen ließ ich sie an einem Seil
auf einen Alpengletscher runter. Auch eine Strafe.
Den Hubschrauber landete ich auf freiem Feld vor
Babylon. Drei Stunden später war ich bei Martin
Sesam, gewaschen und umgezogen. Und Sesam war über
meinen Bericht gar nicht glücklich.

Sesam: Beulenpest, Todesschwadron, Baklava ein
falscher Fuffziger, was soll ich mit so einer
Räuberpistole, mich interessiert nur eins, Herr
Jonas, haben Sie mir von drüben neue Arbeitskräfte
mitgebracht?

Jonas: Das war nicht mein Auftrag, Herr Sesam.

Sesam: Ach. Wissen Sie wenigstens, wann ich mit
neuen Arbeitern rechnen kann?

Jonas: Überhaupt nicht.

Sesam: Ist das wahr? Dann muß ich Konkurs
anmelden.

Jonas: Ihre Sache, Herr Sesam.

Sesam: Meinen Sie, Jonas? Wenn ich pleite gehe,
können Sie sich ihre Rechnung an die Backe kleben.
Von mir kriegen Sie kein Geld, 400 Euros Vorschuß
haben Sie schon, mehr gibt's nicht.

Sam: Besagten 400 Euros Vorschuß auf der
Einnahmenseite steht auf der Ausgabenseite
gegenüber die Summe von 387 Euros 0 Cents. Welche
sich zusammensetzt wie folgt: Flug Babylon-Karakul
mittels Chemorocket 352 Euros. Diverse gebrauchte
Kleidungsstücke 78 Euros.

Jonas: Sei mal still: 400 weniger 387.

Sam: 13 Euros.

Sesam: Na bitte 13 Euros Reingewinn, ist doch was.
Sie finden wohl selbst raus.

Jonas: Auf dem Weg nach Hause kam ich wieder am
Art-Shop vorbei, die hübsche Verkäuferin stand in
der Tür und lächelte mich an.

Verkäuferin: Hatten Sie nicht gestern nach
handgearbeiteten Zierzwergen gefragt?

Jonas: Ja.

Verkäuferin: Einen hab ich noch gefunden beim
Grossisten. Das ist der allerletzte hat er gesagt,
weil keine mehr nachkommen. Wollen Sie ihn
mitnehmen?

Jonas: Soll ich Ihnen was verraten: Ich hasse
Zierzwerge.

Jonas: Ich hätte sie fragen können, ob sie abends
schon was vorhatte. Ich hätte sie zu mir einladen
können. Das echte Büro eines echten Detektivs. Das
zieht immer. Aber ich war zu müde. Ich ging nach
Hause, legte mich ins Bett und ließ mich von Sam
in den Schlaf singen.

Sam: You must remember this, a kiss is just a
kiss.

Jonas: Ich dachte an die Verkäuferin, an Judith,
an Safiye und daran, daß ich was unternehmen
sollte, wegen der Pest in der Dritten Welt.
Morgen.

Das war Niemandsland. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Elisabeth Endriss, Sabine
von Maydell, Karin Kernke, Harald Leipnitz,
Michael Habeck, Michael Hoffmann, Peter Capell und
viele andere (Michael Gahr, Julia Fischer, Norbert
Goth, Erik P. Caspar, Joachim Schmahl, Marold
Langer-Philippsen). Ton und Technik: Günter Heß
und Angela Bernd. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz.
Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des
Bayerischen Rundfunks (1985). Redaktion: Dieter
Hasselblatt und Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction Krimiserie von Michael Koser.
Heute: Sündenbock

(Im Büro-Appartement von Jonas, dem letzten
Detektiv. Morgens, 8 Uhr früh)

Sam: Uhuhuhuh, uhuhuhuh!

Jonas: Acht Uhr früh, und es krähte der Hahn.

Sam: Uhuhuhuh, uhuhuhuh!

Jonas: Ein Hahn war es natürlich nicht. Wo gibt's
denn heutzutage noch Hähne?

Sam: Im zoologischen Garten, Herr
Oberstabsveterinär, hinten rechts, neben den
Schweinen. Oink.

Jonas: Weiß ich doch, Sammy. Ein armer alter Hahn
ohne Schwanz. Wenn der überhaupt noch kräht, dann
bestimmt nicht am Morgen, sondern nachts, da
träumt er vielleicht von Würmern und von seinen
Hennen. Mein Kräher war Sam.

Sam: Uhuhuhuh, uhuhuhuh! Wachet auf, wachet auf!
Es krähte der Hahn. Morgenstund hat Gold im Mund.
Erhebe dich du schwacher Geist, der du noch in die
Kissen beißt. (singend) Early to bed and early to
rise is healthy, wealthy and wise. Uhuhuhuh!

Jonas: Das reicht, Sam.

Sam: Uhuhuhuh!

Jonas: Ruhe!

Jonas: Sam ist mein Computer. Er kann nicht nur
krähen, er kann auch reden. Und wie. Ohne Pause.
Ohne Punkt und Komma. Ohne Luft zu holen. Sam ist
ein ausgelaufenes Versuchsmodell. Die Firma McCoy
wollte seinerzeit die Marktchancen für einen
ungeheuer gebildeten Computer testen. Ergebnis:
der Typ kam nicht an. McCoy mußte ihn verschrotten
oder verramschen. Und so habe ich Sammy erstanden,
billig, vor fünf oder sechs Jahren. Und jetzt habe
ich ihn immer noch. Obwohl er an meinen Nerven
sägt, obwohl seine hochgelehrten Textprogramme
inzwischen ein bißchen durcheinandergeraten sind.
Einen neuen Computer kann ich mir nicht leisten.
Und ich habe mich an Sam gewöhnt. Möglicherweise.

Sam: Oh Dank, Meister. Ergebensten Dank. Von
Herzen kommend, zu Herzen gehend.

Jonas: Als ob du ein Herz hättest, Sammy.

Sam: Hä?

Jonas: Und jetzt bist du still und läßt mich
weiterschlafen.

Sam: Oh nein, nicht die Bohne, oh Fixstern meines
Verlangens. Sam hat Befehl zu wecken, Sam weckt,
beflissen, standhaft, ohne Unterlaß. Munter,
munter aus dem Bette gehüpft, in die Naßzelle
geschlüpft, zwecks matutiner Absolutionen.

Jonas: Wenn ich nicht so müde wäre, Sam, dann
würde ich aufstehen...

Sam: Bravo Meistro.

Jonas: Einen Hammer nehmen und dich zu Schrott
schlagen.

Sam: Pfui, Pfui, Missiö de Marquis. Warum so
unwirsch?

Jonas: Warum? Weil ich mir ganz umsonst die halbe
Nacht um die Ohren geschlagen hatte. Auf dem
Zentralfriedhof von Babylon, ausgerechnet. Ein
Auftraggeber hatte mich per Fon hinbestellt, um
Mitternacht. Mir war’s egal. Ich habe keine Angst
vor Gespenstern. Aber er hatte wohl Angst.
Jedenfalls tauchte er nicht auf. Zwei Stunden
stand ich mir die Beine in den Bauch, dann zog ich
ab. So was kommt manchmal vor. (Jonas jetzt in der
Dusche. Wasser plätschert)

Sam: Ärgerlich, hoher Herr, höchst ärgerlich, doch
leider, leider nicht zu ändern.

Jonas: Wenn ich dich nicht hätte, oh du mein
Ausburt elektronischer Binsenweisheit. Wie wär’s
denn zur Abwechslung mal mit Hausarbeit?

Sam: Hausarbeit? Ein intellektuell
hochspezialisierter, verbal hochqualifizierter
Computer und Hausarbeit? Nachbarin, euer
Fläschchen.

Jonas: Keine Diskussion, Sam. Dein Herr und
Meister will Frühstück.

Sam: Sam hört und gehorcht. Was wünschen
Durchlaucht zu sich zu nehmen?

Jonas: Na was schon. Brötchen aus echtem Mehl,
Butter, Eier mit Schinken, echten Bohnenkaffee.

Sam: Herr Graf scherzen im liegen, oh Korrektur,
Herr Graf belieben zu scherzen.

Jonas: Du merkst auch alles, Sammy. Also Sojakaff
und Plastiktoast wie jeden Morgen, und stell Holo-
News an.

Sam: Sehr wohl Sir.

Holo-Sprecher: ...in der Nacht ermordet
aufgefunden. Frau Dr. h.c. Ella Boss, genannt
Bigboss, war Präsidentin von Chips Inc., dem
bedeutenden Hardwareproduzenten. Chefinspektor
Brock von der städtischen Kriminalpolizei hat die
Ermittlungen aufgenommen. Nikosia: auf dem 33.
Treffen der 11. Sitzungsperiode der Konferenz für
Sicherheit und Zusammenarbeit in der Welt, KF...
(Jonas schaltet wieder ab)

Jonas: Hast du das gehört, Sammy? Sie haben
Bigboss von Chips umgebracht. Weißt Du noch?

Sam: Dämliche Frage, du Brathahn. Sam weiß alles,
oder naja, doch so gut wie.

Jonas: Ich hatte Bigboss vor einem viertel Jahr
kennengelernt. Im Juni 2010. Eine merkwürdige
Frau, und ein merkwürdiges Zusammentreffen, in
ihrem Penthouse hoch über Babylon. Überhaupt ein
merkwürdiger Fall, die ganze Schmiergeldaffäre.
Ein toter Auftraggeber. Nike und Luna, die coolen
Killerinnen mit der Drahtschlinge, Bigboss, und
ihr persönlicher Referent, wie hieß er noch?

Sam (singend): To-To-To-To-Tolliver.

Jonas: Richtig, Tolliver. Ich habe ihn Joker
genannt, weil er die Angewohnheit hatte, in
aussichtslosen Situationen aufzutauchen, und dem
Spiel eine Wendung zu geben. (Das Fon klingelt)

Sam: Dat Fon gibt Ton, oh Menschensohn.

Jonas: Hier Jonas. Nur Jonas. Der letzte Detektiv.
Spezialist für hoffnungslose Fälle.

Tolliver: Tolliver.

Jonas: Wer?

Tolliver: Tolliver. Sie wissen wer ich bin.

Jonas: Aber ja, so ein Zufall!

Sam: Lupus in fabula, wie wir Lateiner sagen.

Tolliver: Bigboss, haben Sie gehört?

Jonas: Ja, eben.

Tolliver: In einer halben Stunde bin ich bei
Ihnen.

Jonas: Das ist Tolliver. Mann der knappen Worte
und schnellen Entschlüsse. Zweimal hat er mir das
Leben gerettet, und dabei ganz lässig fünf
Menschen umgebracht. Ein Mann, der zu seinem Wort
steht. Genau 30 Minuten später saß er in meinem
Büroapartment. Kühl und Konzentriert.

Tolliver: Interessiert an einem Auftrag, Jonas?

Jonas: Bigboss?

Tolliver: Ja. Sie sollen feststellen, wer sie
umgebracht hat. Und warum.

Jonas: Hm, da sitzt doch schon die Kripo dran.

Tolliver: Sehr komisch. Chips ist der größte
Hardwareproduzent in Europa. Wenn die Präsidentin
von Chips ermordet wird, verläßt Chips sich nicht
auf die Kripo.

Jonas: Und Ihre eigenen Sicherheitstypen?

Tolliver: Aber die kennen Sie doch, Jonas.
Brauchbare Nachtwächter, ganz passable Gorillas,
aber keine Detektive. Für Fall Bigboss nicht gut
genug. Dafür brauchen wir Sie, Jonas. Sie sind
Experte. Und Sie haben auf Bigboss Eindruck
gemacht damals.

Jonas: Ach ja? Hat sie nicht gesagt, ich bin zu
klein?

Tolliver: Klein, aber anständig.

Sam: Pieeep. Dies sind die Eigenschaften eines
erstklassigen Detektivs: Anständigkeit,
Vorstellungsvermögen, Wißbegierde und
Menschenliebe. All’ so spricht Lew Archer. Gott
hab’ ihn selig.

Tolliver: Vorlaut, ihr Computer.

Jonas: Vorlaut und verrückt.

Tolliver: Wirklich? Ja, also wie gesagt, Bigboss
war beeindruckt von Ihnen. Es wäre durchaus in
ihrem Sinne, daß Sie den Mord untersuchen. Für
wieviel war’s? 80 Euros pro Tag?

Jonas: 90. Seit dem 1. September. Und Spesen.
Alles wird teurer, auch der letzte Detektiv.

Tolliver: In Ordnung. Und eine Prämie, wenn Sie
den Fall schnell abschließen.

Jonas: Hm, großzügig.

Tolliver: Chips-Geld, nicht meins. Also was ist?
Übernehmen Sie den Fall?

Jonas: Das war die Frage. Irgendwas an der Sache
war mir nicht geheuer. Ich hatte ein dummes
Gefühl. Wie so oft. Andererseits lag mein letzter
Auftrag drei Wochen zurück, und weil der mir außer
Beulen nur ganze 13 Euros eingebracht hatte,
konnte ich’s mir nicht leisten, Tollivers Angebot
auszuschlagen. Ich nahm an. Ein Fehler. Aber das
merkte ich erst, als es zu spät war, wie so oft.

Tolliver: Sehr schön. Seien Sie Punkt 11 bei mir.
Sie wissen wo: Chips-Zentrale am Henrick- August-
Platz, 31. Stock, Bigboss’s Büro. Viel Erfolg!

Jonas: Moment, Tolliver, ich habe ja noch keine
Ahnung. Kommen Sie mal rüber mit ‘n paar
Einzelheiten, wann, wo, wie und so weiter.

Tolliver: Tja, Jonas, weiß ich alles selbst nicht
genau. Daten, die Sie brauchen, müssen Sie sich
schon woanders besorgen, hahaha, Sie sind doch
Detektiv! (geht)

Jonas: Dann wollen wir mal was tun, Sammy. Das
heißt...

Sam: Sam soll was tun, ja, ja, das alte Lied.
Computers to the front. Sei’s drum. Was steht zu
Diensten, Ritter Kunibert?

Jonas: Mordfall Dr. Boss, Knappe Sam.
Polizeibericht mit allem Pipapo. Kripo-Code hast
du ja.

Sam: Auf geht’s, pieeep, ähhhhh ah ah ah.

Jonas: Ja was ist?

Sam: Zu seinem größten Bedauern ist Sam nicht in
der Lage, obschon durchaus willens, die gewünschte
Information zu liefern.

Jonas: Unsinn Sammy, die Daten müssen in der
Kripo-Bank sein.

Sam: Müssen, großer Meister, sind aber nicht.
Sonderspeicherung, neuer Super-Geheimcode,
Stichwort Belzebub.

Jonas: Belzebub, Belzebub, was soll das heißen?

Sam: Sam weiß zwar viel, doch dies kann Sam nicht
wissen.

Jonas: Und den Super-Geheimcode weißt du natürlich
auch nicht.

Sam: Woher denn? Oh du mein Jonas Superstar.

Jonas: Datenbank der Kripo ist also out. Na gut.
Dann eben anders.

Sam: Natürlich, das mußte ja kommen. Unser Mann in
Havanna.

Jonas: Bitte wer?

Sam: Sam wollte sagen, unsere Frau bei der
Polizei.

Jonas: Die Rede war von Judith. Judith Delgado.
Hauptabteilungsleiterin in der
Sicherheitsverwaltung. Privat ist sie mit einem
gewissen Jonas liiert. Z.B., zeitweilige
Beziehung, seit anderthalb Jahren. In dieser Zeit
hat sie mir ab und zu geholfen. Nicht gerade mit
Begeisterung, muß auch nicht sein, wenn sie nur
dafür sorgt, daß ich Daten kriege, an die ich
normalerweise nicht rankomme. Aber diesmal konnte
Judith mir nicht helfen, vor einer Woche hatte
ihre Behörde sie nach Japan geschickt.
Dienstreise. Plötzlich. Ohne Vorankündigung. Um
die speziellen Probleme der Sicherheitsverwaltung
in Tokio zu studieren. Jonas war allein in
Babylon, abgesehen von Sam natürlich. Und Sam war
über Judiths Abwesenheit gar nicht böse.

Sam (wie ein Pfarrer sprechend): Möge es ihr wohl
ergehen im fernen La-ha-nde. Der Dame Ju-dith.

Jonas: Sam!

Sam: Auf daß sie lange Zeit dorten verweile und so
es denn überhaupt sein muß, (priesterlich) erst
recht, recht spät wiederkehre. Amen.

Jonas: Denk an den Schrottplatz, Sam.

Sam: Äh äh, lieber nicht, Kumpel. Dame Judith ist
out. What now?

Jonas: Die Kripo direkt, Sammy, und das heißt,
fürchte ich, Inspektor Brock.

Sam: Chefinspektor, Sir, seit 1. Juli 2010.

Jonas: Inspektor oder Chefinspektor, eins stand
auf alle Fälle fest: Brock hatte was gegen Jonas.
Aber Jonas hatte keine Wahl und fuhr rüber zur
Sicherheitsverwaltung am Europaplatz, in Person.
Jonas am Fon kann man abhängen, wenn er
unversehens in Brock’s Büro auftaucht, muß man ihn
schon rausschmeißen, und das ist schwieriger. (In
Brock’s Büro: Brock stürzt herein)

Brock: Verrammeln Sie die Tür, Pauly, das
Arschloch Jonas ist im Haus gesichtet worden.

Pauly: Äh, zu spät, Chef.

Jonas: Ich bin schon da, sagte der Swinigel zum
Hasen.

Brock: Swinigel Jonas, auch nicht schlecht.

Jonas: Jedenfalls besser als Arschloch.

Brock: Wenn Sie meinen Jonas.

Brock: Was wollen Sie?

Jonas: Informationen.

Brock: Worüber?

Jonas: Mordfall Dr. Boss.

Brock: Was haben Sie damit zu tun?

Jonas: Ein Auftrag.

Brock: So? Was wollen Sie wissen?

Jonas: Sagen Sie mal, Bröckchen, haben Sie Kreide
gefressen? So kenn’ ich Sie ja gar nicht. Sie
müssen doch jetzt brüllen (mit verstellter Stimme,
laut) das ist mein Fall! Halten Sie sich raus!
Kommen Sie mir nicht in die Quere! (wieder normal)
Sie sind mir doch nicht krank?

Brock: Quatschen Sie nicht ‘rum Jonas, sagen Sie
mir, was Sie wissen wollen.

Jonas: Alles, was Sie wissen, Brock.

Brock: OK, passen Sie gut auf, Jonas, ich sag’s
Ihnen nur einmal.

Jonas: Ich glaub’s immer noch nicht. Sie geben mir
Informationen, freiwillig?

Brock: Heute Nacht 0 Uhr 19, anonymer Anruf in
Kripo-Bereitschaft: Leiche am Tigrisplatz, unten
in der Passage. 0 Uhr 34 Streife vor Ort
bestätigt. Alte Frau, Loch von Laserstrahler über
linkem Auge.

Jonas: Was sagt der Pathomat? Todeszeit?

Brock: Präzise 0 Uhr 12. Fundort der Leiche
identisch mit Tatort.

Jonas: Wäre möglich. Nachts ist kein Mensch am
Tigrisplatz. Nur Läden und Büros. Einsam wie die
Amazonas-Wüste oder der Zentralfriedhof.

Brock: Sie halten hier keine Vorträge, Jonas, Sie
hören nur zu.

Jonas: Hmm.

Brock: Identifizierung der Leiche durch Ausweis.
Dr. Ella Boss, Präsidentin von Chips,
kriminalpolizeiliche Ermittlungen aufgenommen: 2
Uhr 06. Keine Verwandten. Persönlicher Referent
benachrichtigt. Wohn- und Arbeitsstätte
durchsucht.

Jonas: Resultat?

Brock: Null. Und das war’s, Jonas, Ende der
Durchsage, hauen Sie ab! (Jonas ab)

Jonas: Ich kam nicht drüber weg. Brock von der
Kripo, Superwiderling und Jonas-Fresser, griff mir
mit Daten unter die Arme. Äußerst merkwürdig. Ich
nahm mir vor, bei Gelegenheit darüber
nachzudenken. Jetzt hatte ich was anderes vor:
Verabredung mit Tolliver. 11 Uhr. Chips-Zentrale.
(In der Chips-Zentrale)

Jonas: Der schäbige kleine Raum, in dem die
Präsidentin von Chips gehaust und regiert hatte,
wirkte jetzt noch schäbiger als vor einem viertel
Jahr. Der Raum war tot. So tot wie Bigboss. Brock
hatte gesucht und nicht gefunden. Viel Arbeit
hatte er nicht gehabt. Ein Klappbett, zwei Stühle,
ein kleiner Schrank, ein Flickenteppich. Kein
Computer.

Tolliver: Bigboss war altmodisch.

Jonas: Bin ich auch.

Tolliver: Aber Sie haben doch wenigstens einen
Computer.

Jonas: Manchmal sieht’s eher so aus, als ob er
mich hat.

Sam: Wir sind eins, geliebete Seele. (singend)
Ohne Sammy macht der Jonas keinen Schritt, keinen
Schritt...

Jonas: Ruhe in der Manteltasche!

Sam: Psst! Ruhe bitte. Absolute Ruhe. Äußerste
Ruhe. Verstummet ihr Pauken. Schweiget stille
Drometen.

Jonas: Sam Zwo ist der mobile Teil von Sam. Ein
handliches Kästchen, paßt in jede Tasche. Ich
nehme ihn mit, wenn ich beruflich unterwegs bin.
Guten Rat braucht der Detektiv immer und überall.
Muntere Sprüche, die er weniger braucht, muß er
ertragen. Was das Reden betrifft, ist Sam Zwo der
ganze Sam. Sprachrohr und drahtlose Extension von
Sam Eins, dem großen Datenspeicher in meinem Büro.

Tolliver: Stehen Sie nicht in der Gegend rum,
Jonas. Tun Sie was!

Jonas: Nichts dagegen. Schlagen Sie was vor!

Tolliver: Oh mein Gott, woher soll ich das wissen?
Ermitteln Sie, forschen Sie, untersuchen Sie! Sie
sind der Detektiv!

Jonas: Das haben Sie mir heute schon mal gesagt,
Tolliver, allmählich fange ich an, Ihnen zu
glauben. Was ist in dem Schrank?

Tolliver: Ein paar Kleidungsstücke, und Bücher.

Jonas: Bücher? (öffnet den Schrank) Tatsächlich.
Bücher. Aus dem vorigen Jahrhundert.

Tolliver: Interessieren Sie sich für Bücher?

Jonas: Besonders für alte Kriminalromane: Hammett,
Chandler, Ross Macdonald, Leo Malet (Riomarle).

Tolliver: Sie haben Recht, Jonas, Sie sind
altmodisch. Wie Bigboss.

Jonas: Wann haben Sie Bigboss zuletzt gesehen,
Tolliver?

Tolliver: Gestern nachmittag bei Dienstschluß
gegen fünf.

Jonas: Wissen Sie, was sie um Mitternacht am
Tigrisplatz wollte?

Tolliver: Nicht die mindeste Ahnung.

Jonas: Ach, Sie waren doch ihr persönlicher
Referent. Sie haben ihre Termine gemacht.

Tolliver: Na sicher. Aber das heißt nicht, daß ich
über jede Aktivität von Bigboss informiert war.
Die ganz wichtigen Sachen, also hohe Firmenpolitik
usw., die hat sie grundsätzlich allein erledigt.

Jonas: Ach ja. Und wie merken sich altmodische
Einzelgänger ihre wichtigen Termine? Indem sie sie
aufschreiben. Ist das Bigboss Handschrift?

Tolliver: Ein Stück Papier. Wo haben Sie das her?

Jonas: Aus einem Buch. Ist das ihre Handschrift?

Tolliver: Ja, keine Frage: 6.9.10, 0 Uhr,
Tigrisplatz, Passage, Mann von McCoy, Angebot:
Übernahme. Ah, das ist ja interessant. McCoy, das
wissen Sie vielleicht, Jonas, McCoy ist unser
schärfster Konkurrent, der zweitgrößte
Hardwareproduzent in Europa. Um McCoy zu
schlucken, hätte Bigboss alles getan.

Jonas: Hätte sie sich auch heimlich, um
Mitternacht, mit einem Abgesandten der Konkurrenz
zu Verhandlungen getroffen?

Tolliver: Sicher! Das ist es, Jonas, McCoy steckt
hinter dem Mord. Und Sie haben es herausbekommen.
Der Zettel muß gleich zur Kripo.

Jonas: Apropos Kripo. Belzebub, sagt Ihnen das
was?

Tolliver: Belzebub? Ja, irgendwas religiöses
glaub’ ich. Also wissen Sie, Jonas, triviale
Quizfragen sollten Sie besser ihrem Computer
stellen.

Sam: Oh ja, großer Moderator, (singend) frag mich,
bitte, bitte frag mich, doing doing. Oh, Kommando
zurück, frag mich bitte nicht, keine Zeit. Alarm!

Jonas: Sammy? Was ist los?

Sam: Da versucht jemand, Sam eins zu knacken, in
dero Durchlaucht Büro, uh ha, das kitzelt.

Jonas: Einbrecher, Sammy?

Sam: Nein, die Heilsarmee, du Dämlack.

Jonas: Bis später, Tolliver, ich melde mich.
(Jonas verläßt das Büro)

Jonas: Als ich 20 Minuten später die Tür aufriß,
war das Büro leer. Aber es war jemand da gewesen.
Sam Eins hatte frische Kratzer an Schloß und
Schnittstelle, reine Blechschäden, innen war ihm
nichts passiert. Sam Eins ist so stark gesichert,
daß ihn nur ein Erdbeben knacken kann, oder der
Weltuntergang. Und die Papiere auf dem Tisch lagen
anders da als heute morgen. Was hatten die
Einbrecher bei mir gesucht?

Jonas: Gar nichts. Sie haben was mitgebracht. Sieh
dir das an, Sam.

Sam: Ein Zettel. Wie eben bei Bigboss.

Jonas: Und es steht auch fast dasselbe drauf:
6.9.2010, Mitternacht, Tigrisplatz, Passage,
Bigboss abhaken für McCoy. Und die Handschrift...

Sam: Ist unverkennbar die genial schlampige Klaue
meines Herrn. Wäh.

Jonas: Sammy, ich habe das Ding nicht geschrieben,
ich sehe es jetzt zum ersten mal. Verdammt, was
ist hier los? (Die Tür wird aufgerissen. Alca
Selzer und ihr Kameramann Alex stürzen herein)

Alca: Hallöchen und einen ganz, ganz lieben Tag
alle miteinander. Keine Umstände. Bleiben Sie
sitzen, Herzchen, fühlen Sie sich wie zu Hause.

Jonas: Ich bin hier Zuhause!

Alca: Klaro. Neben der Tür ist ‘ne Schnittstelle,
Alex, da kannst du rangehen mit deinem Kasten.
Bißchen eng, was? Na wird schon. Und wir bleiben
jetzt total ruhig Herzchen. Absolut entspannt.
Irre locker.

Jonas: Was wollen Sie? Wer sind Sie?

Alca: Aber, aber, Herzchen, Sie kennen mich doch,
haben mich doch schon x-mal auf dem Schirm
gesehen: Alca Selzer, die berühmte Alca Selzer,
rasende Reporterin von HoloNews Babylon. Wir
senden schon heute, was Morgen passiert. (Jonas
räuspert sich)

Alca: Seh’n Sie, wußt’ ich doch, Herzchen.

Alex: Wir können, Alca!

Alca: Moment, Alex! Alex, mein Bilderknecht. Also
Herzchen, nicht aufregen, gar kein Grund
vorhanden, Tante Alca macht das schon. Erstmal
kurz neueste Entwicklung im Mordfall Bigboss, dann
Frage nach Background, bißchen Spekulation: Wird
kalter Firmenkrieg heiß, schlägt Chips zurück etc.
das übliche. (Alka räuspert sich) Los, Alex.

Alex: OK. Bild, Ton läuft! Fall Bigboss, Interview
mit Privatdetektiv Jonas,
6. 9., 11 Uhr 55.

Alca: Guten Tag meine Damen, guten Tag meine
Herrn. Wir sind zu Gast bei Jonas, dem letzten
Detektiv, wie er sich nennt, dem Mann, dem wir die
sensationelle neue Wendung im Fall Dr. Boss
verdanken. Herr Jonas. In die Kamera, Herzchen,
sehen Sie in die Kamera. Herr Jonas, bitte sagen
Sie uns, wie ist es Ihnen gelungen, das
entscheidende Beweisstück aufzuspüren, durch das,
wie man hört, die Firma McCoy in erheblichem Maße
belastet wird?

Jonas: McCoy? Woher wissen Sie das?

Alca: Aus, aus, Alex! Also so nicht, Herzchen, so
machen wir das nicht. Wir antworten schön auf das,
was Tante Alca fragt. Wir reden nicht einfach
dazwischen.

Jonas: Woher wissen Sie das mit McCoy, und daß ich
was gefunden habe?

Alca: Wenn’s Sie’s unbedingt wissen wollen,
Herzchen, von der Kripo.

Jonas: Wann haben Sie es erfahren?

Alca: Wann war das? Gegen neun würde ich sagen, da
haben sie mich angerufen. Dann waren wir beim
Stehfrühstück von Senator Tinnef, dann die Bombe
in der Südstadt, und jetzt sind wir hier, Herzchen
und machen brav unser Interview.

Jonas: Nix! Wir gehen jetzt. Und wenn wir ganz
artig sind, dürfen wir vielleicht später
wiederkommen und dann unser Interview machen.
Raus! (Jonas wirft Alca und Alex hinaus)

Jonas: Als sie endlich draußen waren, wollte ich
mich zurücklehnen und bei einem Bürowhisky die
seltsamen Dinge verarbeiten, die in den letzten
Stunden passiert waren, in Ruhe und Frieden. Aber
das sollte nicht sein. Sam fing an zu zetern. Und
wenn Sammy selbst auch weder Hand noch Fuß hat,
das was er zeterte hatte, ganz entschieden.

Sam: Tatütata! Tatütata! Alarm, Alarm, steh’ auf
mein Volk. Die Flammenzeichen rauchen. Hinfort!
Hinfort! Geschieden muß nun sein!

Jonas: Du meinst, ich soll von hier verschwinden?

Sam: Ja was denn sonst, du dreimal verdrehter
Begriffstutz. Kratz’ die Kurve, mach’ ‘ne Fliege,
verfatz dich, Mann hau ab, sonst haben sie dich!

Jonas: Wer, Sammy?

Sam: Na, tatütata, (im Hintergrund Sirenengeheul),
da die, die da! Brock und sein Plattfußballett.
Unterwegs zu meinem Sahib, um das diesem
untergeschobene Beweisstück zu finden und
mitzunehmen, nebst meinem Sahib. Rückzug ist
angesagt!

Jonas: Wohin, Sam?

Sam: Zu einer Stätte der Ruhe und der Besinnung,
oh rosa mia mystica, zwecks Meditation und
deliberation der Situation mein Sohn. (Im ”Armen
Schlucker“)

Jonas: (in Gedanken) Ich wollte ins Casablanca,
aber das fiel aus. Brock wußte, daß ich da gerne
hingehe, also landeten wir im armen Schlucker. Ein
Dipsomat, eine Stätte des Alkoholismus und der
Anonymität. Wie geschaffen für eine ungestörte
Beratung zwischen Mensch und Computer. Ich zog mir
einen kleinen Rum mit Wasser. Der Magen, das
übliche, und auch sonst fühlte ich mich nicht
gerade großartig. Nicht weil Brock hinter mir her
war, daran bin ich gewöhnt. Weil ich die Regeln
nicht kannte, obwohl ich die Hauptfigur im Spiel
war.

Jonas: Heute früh um neun hat die Kripo schon
gewußt, daß ich bei Bigboss den Notizzettel finden
würde, gut zwei Stunden später! Kannst du mir das
erklären, Sam?

Sam: Ein complo, Herr Chefagent. Kompott, äh
Korrektur, Komplott wollte Sam sagen. Ohne jeden
Zweifel ein Komplott.

Jonas: Dann legt mir jemand auch noch so einen
Zettel auf den Tisch.

Sam: Nachdem besagter Jemand sich erfolglos um
Sam’s Datenspeicher bemühte, o großer Grübler,
vermutlich in der Absicht, Sam’s Memory für letzte
Nacht zu fälschen.

Jonas: Und warum das alles, Sammy?

Sam: Diesem Problem, hohes Gericht, werden wir
gemeinsam auf den Grund zu kommen suchen. (2x
Geräusch eines Hammers wie im Gericht) Ruhe, oder
ich lasse den Saal räumen!

Jonas: (beschwichtigend) Schrei doch nicht so,
Mensch.

Sam: (wie bei einem Verhör sprechend) (leise) Nach
Aussage der Kriminalpolizei wurde Frau Dr. Boss um
Null Uhr Zwölf getötet. Wo hielten Sie sich um
diese Zeit auf, Angeklagter?

Jonas: Weißt du doch, Sam, auf dem
Zentralfriedhof.

Sam: Nicht am unweit vom Friedhof gelegenen
Tigrisplatz?

Jonas: Natürlich nicht.

Sam (immer lauter werdend): Aber eine von ihrer
Hand, Angeklagter, herrührende Notiz, welche die
Kriminalpolizei unter der umsichtigen Leitung von
Chefinspektor Brock bei ihnen sicherstellen
konnte, beweist, daß Sie die Absicht hatten, sich
um Mitternacht am Tigrisplatz einzustellen, um,
ich zitiere wörtlich, Bigboss abzuhaken.

Jonas (flehend): Ich habe das nicht geschrieben!

Sam: Das behaupten Sie, Angeklagter. Ich behaupte
dagegen, Sie haben sich mit dem Opfer, Frau Dr.
Boss, am Tigrisplatz verabredet, angeblich, um
über eine Übernahme der Firma McCoy durch die
Firma Chips Inc. zu verhandeln. In Wahrheit
jedoch, um im Auftrag besagter Firma McCoy,
besagte Frau Dr. Boss zu töten. Was sagen Sie
dazu, Angeklagter?

Jonas: Unsinn. Was habe ich mit einem Firmenkrieg
in der Hardwarebranche zu tun?

Sam: Sie, Angeklagter, sind Privatdetektiv, der
letzte seines Zeichens in Babylon, insofern ein
zwielichtiger Charakter.

Jonas: Besten Dank.

Sam: Sie sind käuflich, Angeklagter, Sie wurden
für den Mord bezahlt.

Jonas: Ach wirklich? Bei einem Kontostand von
knapp 200 Euros?

Sam: (Piepen, dann Sam mit Computerstimme) Das
Konto meines sich im Golde wälzenden Dagobert Duck
enthält genau 4189 Euros 12 Cent. Piep.

Jonas: Was?

Sam: Die letzten Einzahlungen wurden getätigt
gestern abend und heute morgen. Jeweils 2000
Euros. Angegebener Einzahler: McCoy. Der Sünde
Lohn. Er hat an alles gedacht, jener mysteriöse
Jemand. Oh Oh!

Jonas: Oh! Nochmals Oh! Ist das wirklich wahr,
Sam?

Sam: Es ist wahr, oh mein Opferlamm, mein
Sündenbock, mein schuldlos gebeutelter Jonas. (mit
Richterstimme) Sie sind der Mörder von Dr. Boss,
Angeklagter, Sie haben kein Alibi!

Jonas: Weil man mich auf den einsamen
Zentralfriedhof gelockt hat. Zwischen Mitternacht
und Zwei. Moment Sammy, ich habe ein Alibi!

Sam: Häh?

Jonas: Die Friedhofsratte.

Sam: Igitt.

Jonas: Sie haben viele Namen: Penner, Streicher,
Treber, Plastiktüter, Obdachlose, Unbehauste, aber
meist nennt man sie Ratten, weil sie grau sind und
schmutzig, und weil man sie überall findet, sogar
auf dem Zentralfriedhof. Da hauste die
Friedhofsratte, in einem verkommenen Familiengrab.
Ein Mann von unbestimmtem Alter. Beim Warten hatte
ich mich mit ihm unterhalten. Die meisten Menschen
nehmen Ratten gar nicht zur Kenntnis. Jonas ist
anderes, der spricht sogar mit ihnen. Nicht nur
aus Menschenliebe. Für einen Detektiv kann es
nützlich sein, wenn Ratten ihm was pfeifen. (Auf
dem Zentralfriedhof) Das zerbröckelte Mausoleum
war leer. Dunkelrote Flecken, noch ziemlich frisch
auf den alten Zeitungen, unter denen mein Freund
nachts schlief. Das mißfiel mir. Ich verschwand
und tauchte in der Passage am Tigrisplatz unter.
Da ist es nur nachts still. Tagsüber wimmelte es
von Menschen. Ich hatte eine Idee: auch unter dem
Tigrisplatz hauste eine Ratte.

Stadtstreicherin: Hast du ‘nen Schluck für mich,
Sohnematz?

Jonas: Schluck nicht. Wie wär’s mit 5 Euros?

Stadtstreicherin: Noch besser. Du willst doch was,
Sohnematz.

Jonas: Ich war eben drüben im Zentral. Was ist mit
der Friedhofsratte? (Ich wollte ihn besuchen.)

Stadtstreicherin: Die Bullen. Heut’ Morgen. Na’
dann mach’s mal gut, Sohnematz.

Jonas: Moment!

Stadtstreicherin: Hä?

Jonas: Hast du heut nacht hier unten was
mitgekriegt? 12 oder ‘n bißchen später.

Stadtstreicherin: Kann schon sein. Das kostet aber
noch ‘nen Fünfer.

Jonas: OK. Pfeif mir was vor.

Stadtstreicherin: Hm. Ein Typ und ‘ne alte Frau,
sind die große Treppe runtergekommen und da drüben
stehengeblieben, vor dem Schaufenster vom äh
Uhrenladen. 10 nach 12

Jonas: Haben sie dich gesehen?

Stadtstreicherin: Glaube ich nicht, Sohnematz. Ich
war in meiner Ecke und so was wie mich sehen die
gar nicht. Die haben geredet, und plötzlich holt
der Typ ‘nen Laser raus und strahlt die Alte ab.
Und dann ‘is er weg. Ich bin auch weg. Ich will
keinen Ärger...

Jonas: Bigboss und ihr Mörder. Wie sah der Mann
aus?

Stadtstreicherin: Normal. Nichts besonderes

Jonas: Ähnlichkeit mit mir?

Stadtstreicherin: Och, kein Stück. Er war kleiner
und dünner und besser angezogen.
Hey, hey, hey. Finger weg.

Jonas: Wir beide suchen uns jetzt einen
Notaromaten, und da erzählst du die Geschichte
noch mal.

Stadtstreicherin: Mensch, laß mich los! Ich bin
doch nicht blöd, Sohnematz. Bei so was hält’ man
die Schnauze.

Jonas: Außer man kriegt was dafür. 20 Euros?

Stadtstreicherin: Ne, ne, ne, ich hab erst mal
genug für Sprit. Zisch ab! Zisch ab, Sohnematz!

Jonas: Wie wär’s denn damit: erst gehen wir
zusammen zum Notaromaten, und dann in den armen
Schlucker, und da kannst du dir ziehen, soviel du
willst. Ich zahle.

Stadtstreicherin: Auch die teuren Sachen?

Jonas: Auch die teuren Sachen.

Stadtstreicherin: Auch zum mitnehmen?

Jonas: Auch das.

Stadtstreicherin: Nanana, schlag keine Wurzeln,
Sohnematz. Wir haben was vor.
(Im Notaromaten)

Jonas: In der Passage unter dem Tigrisplatz gibt’s
alles, auch einen öffentlichen Notaromaten, in
einer Nische hinter der Treppe, gleich neben dem
Klo. Eine alte Anlage, enge Kabinen, miese
Belüftung, und meine Begleiterin duftete nicht
gerade nach Zimt und Nelken. Aber was tut man
nicht alles für die Wahrheitsfindung, vor allem,
wenn es um den eigenen Kopf geht.

Robot-Stimme: Verehrte Bürgerinnen und Bürger,
seien Sie willkommen im öffentlichen Notaromaten
der Stadt Babylon. Was Sie hier urkunden, wird in
der Datenbank des notariellen Hauptamtes
gespeichert, wo Sie es jederzeit abrufen können.
(Für eine ordnungsgemäße Beurkundung bitten wir
Sie darum) Bitte beachten Sie die vorgeschriebene
Prozedur: Urkundende Personen sowie Zeugen haben
sich zunächst zu identifizieren. Dieses geschieht
auf folgende Weise: Sie nennen laut und deutlich
Ihren Namen sowie Ihre Bürgernummer, Sie halten
Ihren Ausweis vor den entsprechend markierten
Sensorschirm, Sie plazieren Daumen und Zeigefinger
der rechten Hand auf die entsprechend markierten
Sensorfelder, sodann entrichten Sie die im Monitor
angezeigte Gebühr. Nun können Sie urkunden,
verehrte Bürgerinnen und Bürger. Fassen Sie sich
kurz. Auf Ihre Kabine warten schon andere. (Es
klopft)

Jonas: Besetzt. Suchen Sie sich eine anderen
Kabine, oder warten Sie ein paar Minuten.

Tolliver: Warten liegt mir nicht, mein lieber
Jonas.

Jonas: Tolliver!

Tolliver: Na, Sie wissen doch, Jonas, der Joker
taucht immer dann auf, wenn man es nicht vermutet.

Stadtstreicherin: Das isser, das isser, Sohnematz,
der von ‘heut Nacht! Der mit dem Laser!

Tolliver: Und den hat er auch jetzt bei sich.

Jonas: Was soll das? Stecken Sie den Laser weg,
die Frau ist eine wichtige Zeugin, sie hat den
Mord an Bigboss beobachtet. Oh.

Tolliver: Ha, ha, sieh mal an, gut, daß wir Sie
nicht aus den Augen gelassen haben, Jonas. Und was
Sie betrifft, meine Dame, Sie wissen zuviel, wie
es in der einschlägigen Literatur heißt. Ich lese
nämlich auch alte Kriminalromane.
(Zischen eines Lasers, die Ratte stöhnt auf)

Stadtstreicherin (sterbend): Ich hätt’ die
Schnauze halten sollen, Sohnematz.

Tolliver: Lobenswerter Vorsatz, meine Dame, leider
zu spät. So, dieses war der erste Streich, und der
zweite folgt sogleich.

Jonas: Sie haben Bigboss umgebracht, Tolliver.

Tolliver: Na bis Sie mal was merken, mein lieber.
Haben Sie die letzten Nachrichten gehört? Nein?
Zwei hochinteressante Meldungen. Die
Fertigungsanlage von McCoy in der östlichen
Vorstadt ist in die Luft geflogen. Ein
Vergeltungsschlag von Chips, wie man vermutet. Für
den Mord an Dr. Boss. Jetzt hat er angefangen, der
heiße Krieg zwischen den Hardwaregiganten. Und die
Kurse von Chips und McCoy sind in den Keller
gefallen. Sie sehen Jonas, Unternehmen Belzebub
läuft wie geplant.

Jonas: Das müssen Sie mir schon ein bißchen
genauer erklären, Tolliver.

Tolliver: Kommissar Tolliver bitte! Kommissar
Tolliver von der Kartellpolizei. Seit einem halben
Jahr in geheimer Mission bei Chips, um Belzebub
vorzubereiten.

Jonas: Der Mord an Bigboss ist eine Aktion der
KaPo?

Tolliver: Aber ja doch. Um den heißen Firmenkrieg
auszulösen. Chips und McCoy sind zu groß geworden.
Marktbeherrschung. Preisdiktat usw. Jetzt kriegen
sie sich gegenseitig klein. Wir haben nur für den
Anstoß gesorgt.

Jonas: Deshalb der Name.

Tolliver: Ja natürlich. Wir treiben den Teufel mit
Belzebub aus. Und wo wir schon dabei sind gleich
noch ein Spruch: Wo gehobelt wird, fallen Späne.

Jonas: Ich verstehe. Bigboss, die arme Ratte...

Tolliver: Und Sie, Jonas. Mein Laser wird Ihnen
ein kleines Loch in die Stirn brennen. Das dritte
Auge der tibetanischen Lamas. (Kommissar Brock
taucht auf)

Brock: Nicht so schnell, Kommissar, runter mit dem
Laser. Davon war nie die Rede.

Jonas: Brock! Hätte nie gedacht, daß ich mich mal
freuen würde, Sie zu sehen.

Brock: Sie heuern Jonas an, Tolliver, er findet
den Hinweis auf McCoy und gibt die Sache bekannt,
weil man ihm eher glaubt als uns. Dann legen wir
ihn ein paar Tage auf Eis, bis Belzebub richtig
läuft. So war es verabredet zwischen Kripo und
KaPo. Keine Rede davon, daß ihm der Mord angehängt
wird, oder daß er umgelegt werden soll.

Tolliver: Auf der Flucht erschossen,
Chefinspektor, die sauberste Lösung.

Brock: Kommt nicht in Frage. Ich seh nicht mit an,
wie Sie ihn cool ablasern.

Jonas: Danke Bröckchen, danke, Sie sind ein Engel!

Brock: Bilden Sie sich bloß nichts ein, Jonas.

Tolliver: Wenn Sie sich auf diesen Standpunkt
stellen, muß ich Sie daran erinnern, daß ein
Kommissar höher steht als ein Chefinspektor, und
daß Sie Anweisung haben loyal mit der KaPo
zusammenzuarbeiten. Halten Sie sich raus,
überlassen Sie Jonas mir! Sie haben schon genug
Mist gebaut. Wer hat den HoloNews viel zu früh
benachrichtigt?

Brock: Spielt doch keine Rolle. Und Ihren Rang
können Sie sich in die Haare schmieren, Herr
Kommissar. Jonas kommt mit zur
Sicherheitsverwaltung. Pauly!

Pauly: Chef?

Brock: Nehmen Sie dem Herrn Kollegen den Laser ab.

Pauly: Jawoll, Chef.

Tolliver: Das wird Konsequenzen haben,
Chefinspektor. In einer halben Stunde bin ich
Ihrem Büro, das verspreche ich Ihnen, mit einer
Sondervollmacht. Und dann nehme ich Jonas mit, und
meinen Laserstrahler auch. Aufgeschoben, Jonas,
nicht aufgehoben.

Jonas: Au, ohha, ahhh. Mir wird schlecht.

Brock: Tun Sie sich keinen Zwang an.

Jonas: Nein, ahh, lassen Sie mich ins Klo.
Nebenan.

Brock: OK. Sie gehen mit, Pauly!

Jonas: Für einen Bullen war Pauly ein
zurückhaltender Mensch. Er blieb im Vorraum, wusch
sich die Hände und bewunderte im Spiegel seine
Schönheit. Alle Kabinen waren leer. Wurde ja auch
Zeit, daß ich mal Glück hatte. Ich suchte mir die
aus, die am weitesten vom Vorraum entfernt lag,
wankte rein, schob den Riegel vor. Und dann war
ich plötzlich wieder kerngesund. Ich zog die
Schuhe aus und stellte sie so vor den Sitz, daß
man sie von draußen sehen konnte. Die Türen waren
einen halben Meter über dem Boden zuende, die
Trennwände auch. Ich kroch leise unter allen
Kabinen durch, bis zur letzten, der Kabine, die
direkt neben der Tür zum Vorraum lag. Da klemmte
ich mich zwischen die Wände wie ein Bergsteiger im
Kamin und wartete, bis der zurückhaltende Pauly
die Geduld verlor.

Pauly: Was machen Sie denn da so lange, Jonas?
(klopft an die Tür) Kommen Sie raus! Kommen Sie
raus!

Jonas: Pauly sah, was er sehen sollte: die
verriegelte Kabine und meine Schuhe. Er merkte
nicht, daß Jonas die Tür einer ganz anderen Kabine
öffnete und sich hinter ihn schlich. Dann ein
Standardgriff aus der Guerillaschule, Pauly verlor
die Luft, die Besinnung, und vermutlich auch das
Vertrauen in die Menschheit.

Sam (singend): Der arme alte Plattfuß ist müde vom
Marschieren, Marschieren, ist müde vom
Marschieren.

Jonas: Na so was. Sammy ist wieder da. In letzter
Zeit hast du dich ja sehr zurückgehalten, mein
Guter.

Sam: Na und? Kriechen, schleichen, Luft abdrehen,
das macht mein Meister alleine aus dem Bauch.
Elektronischen Rats vermag er dabei zu entbehren.
Und ohne Zweifel wird eure Findigkeit sich auch
weiterhin zu helfen wissen.

Jonas: Du meinst, wie wir hier herauskommen, bevor
Brock ungeduldig wird?

Sam: Ja.

Jonas: Ich denke durch den Luftschacht im Vorraum.

Sam: Ja.

Jonas: Du rufst inzwischen die Baupläne der Häuser
um den Tigrisplatz ab, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Damit wir wissen wo wir landen.

Sam: Ja.

Jonas: Und wie’s dann weitergeht.

Sam: Glück auf, Herr Obersteiger!

Jonas: Der Schacht führte nach oben, in einen
Lichthof, so groß wie ein Badelaken. Rings herum
kahle Mauern bis in den Himmel, und eine Tür. Ich
machte sie auf.

Sam: BING! Erdgeschoß. Damenbekleidung.
Herrenartikel. Sonderangebote. Wünscht jemand
auszusteigen?

Jonas: Das Wunderland, Sam!

Sam: So ist es, kleine Alice, Babylons neuestes
und schönstes Kaufhaus.

Jonas: Dann wollen wir mal im Gewühl untertauchen,
Sammy.

Sam: Aber ein bißchen plötzlich, wenn ich bitten
darf, eure Behäbigkeit, wie es scheint, ist
Chefinspektor Brock uns bereits auf der Spur, will
sagen: im Lichthof.

Brock: Halt, bleiben Sie stehen Jonas!

Jonas: Lieber nicht. (Jonas geht los) So, vom
Regen in die Traufe sagt man dazu. Hinter uns
Brock und vorn Richtung Ausgang mein spezieller
Freund Tolliver, mit ein paar unfreundlichen Typen
in schwarzen Overalls mit gelben C auf der Brust.

Sam: Sicherheitsorgane von Chips Inc.

Jonas: Du sagst es, Sammy. Wir sitzen in der
Falle. Wenn nicht was unerwartetes passiert, so
was wie ein Ablenkungsmanöver im großen Stil. Du
hast die Pläne fürs Wunderland Sam?

Sam: Klar Chef.

Jonas: Wo ist der nächste Hitzesensor?

Sam: Einen Augenblick, eure Dringlichkeit, piep.
Herrenartikel, 2. Umkleidekabine von rechts.

Jonas: Bring mich hin!

Sam: Bitte mir zu folgen, Sir. Geradeaus...
links... wieder links... ganz rechts.

Jonas: Heute war ein Tag der Kabinen: erst der
Notaromat, dann das Klo und jetzt das Wunderland.
Hier war allerdings jemand drin. Ein fetter Greis,
der sich abmühte, einen gelb-grün geringelten
Synthiwollpullover über seinen Wanst zu ziehen.

Kunde: Entschuldigen Sie, das ist meine Kabine.

Jonas: Zu klein, Sie brauchen mindestens 56.
Außerdem, gelb-grün steht Ihnen nicht, macht Sie
alt, und zu dick.

Kunde: Also erlauben Sie mal, verlassen Sie meine
Kabine!

Jonas: Nach Ihnen. Wo ist der Sensor, Sammy?

Sam: Rückwand rechts unten. Hinter der Bespannung.

Jonas: Aha. Haben Sie Feuer?

Kunde: Ja, ein Feuerzeug. Wieso?

Jonas: Geben Sie her! Na wird’s bald?

Kunde: Bitte.

Jonas: Besten Dank.

Kunde: Was äh, was machen Sie da?

Jonas: Feuer! Sehen Sie doch. Direkt an diesem
hochmodernen und hoffentlich auch
hochempfindlichen Hitzesensor.

Kunde: Ja warum denn?

Jonas: Darum!

Kunde: Mein Gott, mein Gott! Feueralarm! Feuer!
Hilfe! Feuer! Hilfe! (läuft davon)

Sam: Jetzt rennt er, hähähä.

Jonas: Es war ein Höllenspektakel. Die Sirenen
heulten. Menschen schrien und drängten sich durch
die Ausgänge. Brock, Tolliver und Konsorten wurden
mitgeschwemmt, ob sie wollten oder nicht. Die
Panik dauerte Minuten. Allmählich wurde es
ruhiger. Schließlich Stille. Nur die Sprinkler
liefen noch und rauschten wie ein ferner Regen.

Sam: Hähä. Hähähä. Darf ich Herrn
Oberbranddirektor beglückwünschen? Eine geradezu
geniale Idee. (wienerisch) Ja, a bisserl laud
vielleicht.

Jonas: Du kannst dir gern was leiseres ausdenken,
Sam. z.B. wo wir uns verstecken können. Die
Feuerwehr ist im anrollen und wie ich Tolliver und
Brock kenne, werden sie nach dem ersten Schreck
sehr bald zurück kommen. Wohin Sammy? Nach Hause
können wir nicht. Zu gefährlich. Casablanca? Dito.
Nochmal der arme Schlucker?

Sam: Sam erlaubt sich abzuraten. Denn siehe, es
will Abend werden und der Tag hat sich geneiget.
Majestät benötigen eine Schlafgelegenheit.

Jonas: Judiths Wohnung? Nein geht auch nicht.

Sam: In Anbetracht der weithin bekannten
spezifischen Beziehungen, welche zwischen meinem
Herrn und jener Dame obweilt...

Jonas: Sam!

Sam: Ja. Dürfte ihr Domizil bewacht sein. Ihre
Arbeitsstätte jedoch...

Jonas: Judith Büro in der Sicherheitsverwaltung!

Sam: Die Höhle des Löwen, Wahna. Dort mutmaßt ihn
niemand, den großen weißen Jäger.

Jonas: Gut gedacht, Sammy, aber in Judiths Büro
kommt man nur mit Judiths Paßscheibe und Judiths
Paßscheibe, Moment mal, Sam, die habe ich! Hier in
der Tasche klar. Judith wollte sie eigentlich
mitnehmen hat es sich dann aber auf dem Flughafen
anders überlegt und sie mir geben. Hab ich fast
vergessen.

Sam: Wenn es eurer zerebralen Zähflüssigkeit nur
jetzt wieder eingefallen ist. Rate rapiden Rückzug
rüstiger Recke! Na, nicht zur Türe. Willst du den
Bullen in die Hörner laufen, trüber Torero?

Jonas: Muß wirklich nicht sein Sam, aber wo soll
ich hin?

Sam: Nach oben, bis es nicht weitergeht, und dann,
horizontal. Ja, über die Dächer von Babylon.

Jonas: Ein sicherer Weg, wenn auch mühsam, vor
allem im Dunkeln. Keine Zwischenfälle. Auch nicht
in der Zentrale der Sicherheitsverwaltung. Ich
benutzte Seitentür und Treppe, nicht Haupteingang
und Fahrstuhl, und unterwegs war ich vorsichtig.
Nicht zu sehr, Brock und Tolliver waren sicher
noch im Wunderland und suchten nach Jonas. (In
Judith’s Büro) In das Büro einer
Hauptabteilungsleiterin bei der
Sicherheitsverwaltung paßt mein’s mehrmals rein.
Ganz abgesehen von der Luxusausstattung:
Teppichboden, schallisolierte Wände, Badezimmer,
Kühlschrank, Hausbar. Hier konnte es ein gejagter
Privatdetektiv schon eine Zeitlang aushalten. Ich
machte es mir bequem und beschäftigte mich mit der
Senkung von Judiths Whiskypegel. (Am nächsten Tag)
Am frühen Morgen wachte ich auf, mit den üblichen
Magenschmerzen, aber der Kopf war klar, und das
war gut so, denn jetzt mußte ich das tun, wozu ich
am letzten Abend zu müde gewesen war: nachdenken.
Mit Sam natürlich.

Sam: Wenn’s recht ist, wird Sam kurz
rekapitulieren.

Jonas: Schieß los, Sammy!

Sam: Also, Unternehmen Belzebub ist eine
offizielle Aktion der Kartellpolizei in
Zusammenarbeit mit der Kripo. Ziel: mit allen
Mitteln, auch illegalen, eine überhandnehmende
Konzentration auf dem Hardwaresektor zu beseitigen
und die zwei marktbeherrschenden Produzenten durch
einen zwischen ihnen ausgelösten Firmenkrieg
entscheidend zu schwächen.

Jonas: Hhm, präzise formuliert, Sam.

Sam: Erster Schritt: Kommissar Tolliver von der
KaPo wird bei Chips Inc. eingeschleust.

Jonas: Hhm.

Sam: Zweiter Schritt: Tolliver tötet Bigboss von
Chips. Dritter Schritt: Mein Meister, von Tolliver
beauftragt, den Mord aufzuklären, entdeckt, was er
entdecken soll: einen fabrizierten Hinweis, der
das Konkurrenzunternehmen McCoy belastet, oh
Schmach, oh Schande, oh grauslige Tat.

Jonas: Jetzt übertreibst du aber Sam, bloß weil du
ein McCoy-Produkt bist.

Sam: Es steht geschrieben: (priesterlich) Du
sollst Vater und Mutter ehren.

Jonas: Vergiß nicht, McCoy hat dich verstoßen und
verramscht. Weiter im Text: wenn die Polizei was
verlautbart, glaubt ihr kein Mensch, deshalb haben
sie mich in die Sache reingezogen, als nützlichen
Idioten.

Sam: Sam kann leider nicht widersprechen.

Jonas: Und darum mußten sie vorher Judith auf
Dienstreise schicken, damit sie mich nicht warnen
konnte. Hhm. Soweit ist der Fall klar, Sammy.
Jetzt kommt der unklare Teil: warum hat Tolliver
versucht, mir den Mord an Bigboss anzuhängen? Und
warum wollte er mich umbringen?

Sam: Es handelt sich hier auf gar keinen Fall um
eingeplante Bestandteile der offiziellen Aktion
Beelzebub. Ansonsten wäre Chefinspektor Brock
informiert gewesen.

Jonas: Der gute Brock. Seit heute Nachmittag habe
ich ihn richtig gern.

Sam: Jetzt übertreibst du, Kumpel.

Jonas: Soll sein, Sammy. Also, ein Alleingang von
Freund Tolliver. Warum?

Sam: Euer Treuherzigkeit gelten als anständig und
sauber und hartnäckig. Über all diese
Eigenschaften war Tolliver bestens informiert,
durch den Schmiergeld-Fall.

Jonas: Du meinst, er hat Angst, ich krieg was raus
über ihn?

Sam: Die einzig mögliche Erklärung seines
Verhaltens, oh Leuchte aller Detektive. Tolliver
hatte etwas zu verbergen.

Jonas: Was Sammy? Was?

Sam (im Tonfall eines preußischen Generals):
Vorschlag zur Jüte, Herr Kamerad: Schlagen wir
Haken. Pirschen wir uns von hinten an feindliche
Stellung.

Jonas: Das mach mir mal vor, Sammy.

Sam: Mit Vergnügen, Herr Kamerad. Frage: Wenn
Kurse von Chips und McCoy fallen, wer profitiert?

Jonas: Vermutlich andere Firmen, kleinere. Sieh
doch mal in die Börsenaufstellung von heute,
spaßeshalber.

Sam: Schon passiert. Der bisher drittgrößte
Hardwareproduzent, HardCore mit Namen, hat einen
gewaltigen Kurssprung gemacht, nach oben, um gut
17 Punkte.

Jonas: Sammy, ich hab’ einen Geistesblitz!

Sam: Ist es denn die Möglichkeit, oh du mein
spirituelles Donnerwetter?

Jonas: Wir sitzen hier wie die Maden im Speck.
Überall kommen wir ran. An all die Bänke, Speicher
und Datotheken, auch wenn sie geheim sind und
nicht für jeden zugänglich. Wenn wir feststellen
könnten, daß jemand vor nicht allzulanger Zeit
eine größere Menge Aktien der Firma Hardcore
gekauft hat, vielleicht sogar die Majorität.

Sam: Ein Jemand mit dem Namen Tolliver.

Jonas: Und genau das stellten wir fest. Es war
nicht leicht und es dauerte seine Zeit. Tolliver
hatte seine Spuren gut verwischt. Hätten wir nicht
gewußt, was wir suchten, wären wir ihm wohl kaum
auf die Schliche gekommen. Jetzt war alles klar.

Sam: Das also war des Hasen Kern.

Jonas: Ja, Sammy. Da liegt der Pudel im Pfeffer.
Tolliver hat sein Wissen über Aktion Belzebub
ausgenutzt, um sich finanziell Gesund zu stoßen.
Hm, wenn das Chefinspektor Brock wüßte.

Sam: Hehe, wollen wir’s ihm sagen, Genosse? Hä?

Jonas: Eine Stunde später rief Chefinspektor Brock
bei der Kartellpolizei an.

Brock: Tolliver? Brock hier. Wir haben Jonas
geschnappt. Hier. Ja Sie können ihn haben. Gut,
alles klar. - Es klappt. Er kommt rüber!

Jonas: Und noch eine Stunde später erschien
Kommissar Tolliver von der KaPo bei Chefinspektor
Brock von der Kripo. (Tolliver kommt herein)

Tolliver: Wo ist er?

Brock: Jonas? Im Nebenzimmer.

Tolliver: Mein Laser! Sie haben noch meinen Laser!

Brock: Pauly!

Pauly: Chef?

Brock: Geben Sie ihm seinen Laserstrahler!

Pauly: OK, Chef! Hier, Ihr Laser.

Tolliver: Danke. (Tolliver geht ins Nebenzimmer)

Jonas: Tolliver!

Tolliver: Na, wissen Sie noch, Jonas,
aufgeschoben, nicht aufgehoben.

Jonas: Ich weiß noch was, Tolliver. Ich weiß von
dem dicken Paket Hardcore-Aktien, das Sie vor drei
Tagen gekauft haben, als der Kurs noch ganz
niedrig war.

Tolliver: Ach, wirklich? Schade, daß Sie nicht
eher drauf gekommen sind, Jonas. Jetzt nutzt es
Ihnen gar nichts mehr. Nur Sie und ich wissen von
dem Aktienkauf, und Sie, mein Lieber, werden
gleich nichts mehr davon wissen, Sie werden
überhaupt nichts mehr wissen. (Tolliver versucht
Jonas zu erschießen, aber der Laserstrahler
funktioniert nicht) Ach was ist denn? Warum geht
denn das nicht?

Jonas: Lassen Sie Ihren Laserabzug ruhig wieder
los, Tolliver. Brock hat das Ding entladen.

Tolliver: Entladen? Warum? (Brock kommt herein)

Brock: Weil Brock über Sie Bescheid weiß,
Tolliver.

Jonas: Und Brock ist nicht der einzige.

Brock: Pauly ist auch informiert, und die
Sicherheitsleitung.

Jonas: Und Alca Selzer von Holonews.

Tolliver: Nein! (Tolliver rennt zum Fenster)

Brock: Weg vom Fenster Tolliver! Aus dem Weg
Jonas! Weg vom Fenster, oder ich schieße! (Brock
erschießt Tolliver) Auf der Flucht erschossen. Die
sauberste Lösung. Lassen Sie ihn wegschaffen
Pauly!

Pauly: Jawoll, Chef!

Brock: Und Sie verschwinden auch, Jonas. Diesmal
haben Sie Glück gehabt. Beim nächsten mal halten
Sie sich ganz von Anfang an raus!

Sam: Wieder ganz der Alte, unser Brrock.

Jonas: Ich ging nach Hause. Mein dummes Gefühl war
immer noch da. Merkwürdig. Der Fall war doch zu
Ende. Ein böses Ende, für einen bösen Fall.
Tolliver war tot. Wie Bigboss und wie die Ratte
vom Tigrisplatz. Chips und McCoy bekriegten sich.
Und Brock war sauer, wie immer. Niemand hatte was
von der Sache gehabt.

Sam: Mit Ausnahme meines Herrn und Meisters.

Jonas: Sicher, Sammy, eine verkorkste Nacht und
einen dito Tag.

Sam: Und 4000 Euros, welche der selige Tolliver
auf dero Wohlhabenheit Konto überwies, zwecks
Untermauerung der Sündenbock-Rolle.

Jonas: Freu dich nicht zu früh, Sam. Wenn die
Polizei den Fall genauer untersucht, werden wir
das Geld ganz schnell wieder los.

Sam: Sofern es noch vorhanden ist, oh geruhsamster
aller Durchblicker.

Jonas: Was heißt das?

Sam: Na was schon? Wir setzen es um, in Sachwerte!
Speis und Trank, Malt Whiskey, Kaviar.

Jonas: Eier und Schinken! Bohnenkaffee! Brötchen
und Butter. Ein Bogie-Hut. Schuhe aus echtem
Leder. Und vielleicht sogar eine Chandler
Erstausgabe.

Sam: Sam könnte übrigens ein paar neue Mikrochips
brauchen.

Jonas: Aber nicht von Hardcore.

Sam: Also dann, junger Mann. Geh'n’ wir Shopping!

Das war Sündenbock. Eine Folge aus der Science-
fiction-Krimiserie DER LETZTE DETEKTIV von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Hans Korte, Claudius
Zimmermann, Andrea Lukas, Rita Russek, Nino Korda,
Frank Petzelt und viele andere (Matthias
Gollowsky, Karin Frei). Ton und Technik: Günter
Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner
Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks (1986).
Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Todestour

Judith: Jonas?

Jonas: Was ist? Zeit zum Aufstehen?

Mann: Ruhe. Kein Wort, keine Bewegung. Sie
befinden sich im Bereich akuter polizeilicher
Notstandsmaßnahmen.

Mann: Verhalten Sie sich ruhig, dann passiert
Ihnen nichts.

Jonas: Ich verhielt mich ruhig. Das fällt mir
nicht schwer, wenn sechs Typen mit Laserstrahlern
auf mich zielen. Sechs Typen in schwarzen
Kampfanzügen und schwarzen Schutzhelmen. Bei
solchen Weckern kann ein sensibler Mensch schon
das Flattern kriegen. Zum Glück bin ich nicht
sensibel. Und außerdem Kummer gewohnt.
Normalerweise weckt mich Sam. Aber ich war sauer.
Judith war bei mir. Ausnahmsweise. Und Judith war
von meinem Weckdienst gar nicht begeistert. Das
sah ich ihr an. Und ich sah noch was. Durch meinen
leeren Türrahmen spazierte eine prachtvolle
Uniform. Rot und Gold. Lametta und Sterne, wo es
sich nur machen ließ. Bei Jonas war heute Tag der
offenen Tür.

Mann: Melde gehorsamt, Herr Oberst, Befehl
ausgeführt. Objekt Jonas wach und gesprächsbereit.
Nebst einer weiteren noch nicht identifizierten
Person.

Judith: Oberst Frank?

Frank: Frau Delgado? Sehe ich recht? Welch
angenehme Überraschung, werte Kollegin.

Judith: Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich ganz
meinerseits sage, werter Kollege.

Frank: Aber wie hätte ich denn ahnen können, werte
Kollegin. Hauptabteilungsleiterin Judith Delgado
von der zentralen Sicherheitsverwaltung und
dieser... dieser Jonas. Pikant.

Judith: Sie werden unverschämt, werter Kollege.

Frank: Werte Kollegin, ich bitte Sie. Glauben Sie
mir, hätte ich von dieser Ihrer Be-ziehung gewußt,
wäre mein entree anders ausgefallen, leiser und
nicht so so abrupt.

Jonas: Rührend. Wer ist dieser aufgedonnerte
Weihnachtsbaum, Judith?

Frank: Gestatten Sie, Oberst Frank von der
Terrorpolizei. Ich möchte mich mit Ihnen
unterhalten. Jonas.

Jonas: Ach ja? Und deshalb schicken Sie mir sechs
Radaubrüder in voller Kriegsbemalung auf den Hals?

Frank: Unsere Sondereinheit SSA 9. Direkt.
Druckvoll. Durchschlagend. Drahtig.

Jonas: Rauh, aber herzlich. Also vergessen.

Frank: Eventuell ein ganz klein wenig übereifrig
die Jungs. Na ja, besser als zu lahm. Zugführer?

Mann: Herr Oberst befehlen?

Frank: Aktion beendet. Abrücken.

Mann: Befehl, Herr Oberst, zum Abmarsch
angetreten. Marsch marsch.

Jonas: Die drahtigen Jungs von SSA 9 rückten ab,
so geräuschvoll, wie sie aufgetaucht waren. Wir,
Judith und ich, zogen uns was an, Oberst Frank
guckte aus dem Fenster und pfiff sich eins, ich
war immer noch sauer, und neugierig. Was wollte
die Terrorpolizei von Jonas?

Frank: Hab ich doch gesagt, Jonas, mit Ihnen
reden.

Jonas: Machen sie's kurz, es zieht, ein paar
dämliche Bullen haben mir Tür und Fenster
eingeschlagen.

Frank: Ach mein Gott, den kleinen Schaden werden
wir Ihnen selbstverständlich ersetzen.

Jonas: Worüber?

Frank: Bitte?

Jonas: Worüber reden wir?

Frank: O ja natürlich, Über die KBF, die
sogenannte Kusbekische Befreiungsfront.

Jonas: Nur zu, wenn ich auch nicht wußte, was ich
mit diesen Leutchen zutun haben sollte.
Terroristen, Bombenleger, kein Umgang für Jonas.
Erst vor ein paar Tagen hatten sie in Babylon
zugeschlagen im Museum für internationale
Kulturgeschichte, der Verwaltungstrakt war in die
Luft geflogen. Zwölf Tote, mehrere Verletzte, der
übliche Sachschaden, und auch sonst das übliche,
keine Spur, keine Festnahme. Die Terrorpolizei
hatte offenbar anderes zu tun, zum Beispiel Jonas
aus dem Bett zu holen.

Frank: Nach meinen Informationen werden Sie
inkürze Kusbekistan besuchen Jonas.

Judith: Kusbekistan? Jonas warum weiß ich nichts
davon?

Jonas: Weil ich auch nichts weiß, Judith, was soll
ich in Kusbekistan.

Frank: Glauben sie mir Jonas, sie werden nach
Kusbekistan fahren, und dabei, das ist unser
Anliegen, dabei sollen Sie für uns die Augen
aufhalten, wir interessieren uns für alles, was
die KBF betrifft. Aktivitäten, Hintergrund,
Verbindungen mit Europa, Namen, Adresse.

Jonas: Apropos Adresse, Oberst Frank, Sie sind an
der falschen. Ich bin kein Polizist, erst recht
kein Spion.

Jonas: Ich bin Jonas, nur Jonas, Privatdetektiv,
der letzte vom Stamm der Sam Spade und Phil
Marlowe, nicht ganz so gut und nur mäßig
erfolgreich, die Zeiten haben sich geändert, die
Detektive auch. Aber ich gebe mir Mühe. Ich halte
die Stange hoch, auch wenn keine Fahne mehr dran
ist, vielleicht war nie eine dran. Vielleicht bin
ich bloß eine komische Figur. Das macht nichts.
Jonas der letzte Detektiv hat seinen Stolz.

Frank: Aber das ist es doch gerade, Jonas, Sie
werden von anderer Seite einen Auftrag bekommen,
völlig offen, ganz korrekt, Sie werden als
Privatdetektiv nach Kusbekistan fahren, dort ihre
Arbeit tun und für uns nur nebenbei tätig sein, in
ihrer Freizeit sozusagen. Absolut ungefährlich,
das versichere ich ihnen, geheimdienstmäßig sind
Sie unbekannt, ein Amateur, ein Außenseiter, eine
graue Maus, wie wir Fachleute sagen, und Sie
werden gut bezahlt, Jonas. Für freie Mitarbeiter
ihres Kalliebers haben wir einen Sonderfond aus
Spenden der privaten Wirtschaft, aber das muß
unter uns bleiben. Also Jonas, was halten sie
davon?

Jonas: Gar nichts.

Frank: Sehr richtig, Jonas, sagen Sie jetzt noch
nichts, lassen Sie sich mein Angebot durch den
Kopf gehen. Sie hören von mir. Werte Kollegin.

Judith: Oberst Frank.

Frank: Hat mich gefreut. Bis bald, Jonas.

Jonas: Kusbekistan eine Reise in den sonnigen
Süden so verkehrt wär das gar nicht.

Jonas: Wir hatten November, den 20. November 2010.
Das Wetter in Babylon war entsprechend: naß, kalt,
windig. In einem Wort mies. Die Klimaregulatoren
waren wieder mal ausgefallen wie üblich, und
Kusbekistan lag im Orient, da wo die Sonne
scheint, wo es Palmen gibt und blaue Lagunen.

Judith: Und giftige Schlangen und Sandstürme,
nicht zu vergessen Guerillas, Terror und
Bürgerkrieg. Du hast mir was versprochen Jonas.

Jonas: Ja schon.

Judith: Wir hatten vereinbart, daß wir zusammen
ans Nordmeer fahren, nach Babelshafen.

Jonas: Da ist es ja noch kälter. Wollen wir nicht
lieber nach Kusbekistan?

Judith: Danke. Kusbekistan ist mir zu heiß, in
jeder Beziehung.

Jonas: So schlimm wird schon nicht sein. Sam?

Sam: Sie haben geläutet, Sir?

Jonas: Sam ist mein Computer. Er besteht aus zwei
Einheiten, aus dem großen Speicher in meinem Büro
und aus Sam zwo, dem guten Rat im Miniformat für
die Hosentasche. Sam weiß, was ich nicht weiß, das
ist seine Aufgabe, seine existentielle Motivation,
würde er sagen, so spricht er, so und noch
schöner, gelehrt und geläufig, stark
überprogrammiert und leicht unterbelichtet, und
voll von Informationen, z.B. über Kusbekistan.

Sam: Wisse o Beherrscher der Gläubigen, daß
Kusbekistan ein Land ist, welches im Orient
gelegen ist und sich zwischen dem Mittelländischen
Meere, den Wüsten Arabiens und dem persischen
Hoch... Hoch... Hochgebirge erstreckt, ins Licht
der Historie trat Kusbekistan...

Jonas: Geschichte und Geographie brauchen wir
nicht, nur die aktuelle Situation. Kurz und Knapp.

Sam: Jawoll Chef ist geritzt: souveräner Staat
erst seit einem Jahr, vorher Bestandteil der
Vereinigten Großislamischen Republik, Lage derzeit
unübersichtlich, da Bürgerkrieg mit mind. 9 sich
bekämpfenden Parteien.

Judith: Da hörst du's.

Sam: Regierung unterstützt von Europa und Amerika,
sodann Christen, Sunniten, Schiiten, Ismaeliten,
nationale Marxisten, internationale Marxisten,
provisorisch republikanische Mudschaheddin, und
Kusbekische Befreiungsfront, letztere religiös wie
politisch unabhängig, bildet größte und
geschlossenste Gruppierung. Desweiteren...

Judith: Das reicht Sam.

Sam. Ja.

Judith: Und in so einen Hexenkessel willst du
deine Nase stecken?

Jonas: Für Oberst Frank und die Terrorpolizei ganz
bestimmt nicht, aber wenn ein interessanter
Auftrag kommt.

Sam: Es tönt das Fon, da ist er schon, der Auftrag
mein ich.

Jonas: Schön wär's. Ja?

Mann: Hier spricht das Ministerium für Kultur und
Bildungspolitik, Sie werden verbunden mit dem
Dezernenten für Museen und kulturellen Austausch,
Herrn Staatssekretär Dr. Gödel Escherbach. Bitte
sehr.

Jonas: Ja?

Escherbach: Escherbach. Herr Jonas?

Jonas: Höchstpersönlich.

Escherbach: Sie sind Privatdetektiv.

Jonas: Der letzte.

Escherbach: Ach wirklich. Sind Sie zur Zeit frei,
Herr Jonas?

Jonas: Ich will's mal so sagen: Ich könnte noch
einen Auftrag übernehmen.

Escherbach: Auch wenn Sie dazu verreisen müßten?
Ins Ausland.

Jonas: Sagen Sie bloß nach Kusbekistan.

Escherbach: Ja, woher wissen Sie?

Jonas: Mein lieber Watson, ich habe meine
Methoden. Worum geht es?

Escherbach: Am Fon möchte ich nicht darüber
sprechen. Können Sie zu mir kommen ins
Ministerium?

Jonas: Wann?

Escherbach: Jetzt gleich. Wenn es möglich ist.

Jonas: Es war möglich. Auch wenn Judith sich alle
Mühe gab, mir die Sache auszureden. Das
Ministerium für Kultur und Bildungspolitik war ein
schäbiges Gebäude aus der bösen alten
Stahlbetonzeit in einer schäbigen kleinen Straße
hinter dem van-Dusen-Platz, und innen ging es so
weiter, ein schäbiger Pförtner in einem schäbigen
Foyer, schäbige Flure und Vorzimmer, und ein
schäbiger Raum, in dem Herr Staatssekretär Dr.
Gödel Escherbach aus dem Rahmen fiel. Er war
nämlich kein bißchen schäbig, im Gegenteil, er war
das titelblattreife Produkt internationaler
Zusammenarbeit: Anzug aus London, römische Schuhe,
After Shave aus Paris, Zähne aus Hongkong,
hausgemachte Glatze. Alles in allem teuer und
gediegen. Dafür hatte er an der Ausstattung seines
Arbeitszimmers gespart, ein Uralt-Computer noch
ohne Vokoder und ein noch älterer Diaprojektor,
zweidimensional, eine echte Antiquität.

Escherbach: Was meinen Sie, Herr Jonas, wie oft
ich schon einen modernen Holoset beantragt habe,
aber die Etatsituation auf dem Kultursektor. Sie
wissen ja wie das ist.

Jonas: Keine Ahnung. Hausbar haben Sie wohl auch
nicht.

Escherbach: Hausbar?

Jonas: Was zu trinken für Ihre Gäste. Whisky zum
Beispiel.

Escherbach: Ich verstehe, bedaure sehr, Herr
Jonas, ich könnte Ihnen vielleicht ein Täßchen
Soja...

Jonas: Vergessen Sie's. 90 Euros pro Tag und
Spesen.

Escherbach: Ihr Tarif, Herr Jonas, nicht eben
wenig, aber ich denke wir werden es erschwingen
können. Immerhin geht es ja um erhebliche Werte.

Jonas: Wenn Sie das sagen, Dr. Escherbach. Und 20
% Auslandszuschlag, falls ich tatsächlich nach
Kusbekistan muß.

Escherbach: Ja das wird sich nicht vermeiden
lassen, Herr Jonas.

Jonas: Also Whisky gibts nicht, Geld ist klar, was
kann ich für sie tun Dr. Escherbach.

Escherbach: Ja eine komplexe Materie, Herr Jonas,
wie soll ich anfangen.

Jonas: Mit dem Anfang, Dr. Escherbach, alte
Bauerregel.

Escherbach: Ja gewiß. Also vor einem Jahr, am 11.
Dezember 2009, das war der Tag, an dem der Staat
Kusbekistan gegründet wurde, mit den üblichen
Formalitäten, Staatsakt in der Hauptstadt Chamra,
große Militärparade, Fahnenweihe, eine
Festausstellung im Nationalmuseum, äh können Sie
mir folgen Herr Jonas.

Jonas: Es geht grad noch.

Escherbach: Äh ja, Kern und Prunkstück dieser
Ausstellung war der sog. Schatz des Königs Dagon,
um 1600 v.Ch, unser großer Archäologe Huhmann hat
ihn seinerzeit ausgegraben in der Kusbekischen
Wüste, ein Ensemble von unschätzbarem Wert, Herr
Jonas, historisch, künstlerisch und auch
materiell. Statuetten, Waffen, Schmuckstücke, ein
weltberühmtes Spektorale in meisterhafter
Goldschmiedarbeit.

Jonas: Was immer das sein mag. Ich bin
Privatdetektiv, Dr. Escherbach, kein Archäologe,
kommen Sie zur Sache.

Escherbach: Der Schatz des Königs Dagon gehört
uns, Herr Jonas, Huhmann hat ihn damals nach
Babylon gebracht, und seitdem befindet er sich in
unserem Museum für internationale
Kulturgeschichte.

Jonas: Wo neulich die Bombe hochgegangen ist, von
der Kusbekischen Befreiungsfront.

Escherbach: Ja richtig, ich hätte sagen sollen, er
befand sich im Museum, jetzt ist er nämlich in
Kusbekistan, der Schatz des Königs Dagon, wir
haben ihn den Kusbeken geliehen zur Feier der
Staatsgründung, schweren Herzens, das kann ich
Ihnen versichern, Herr Jonas, aber weil
Kusbekistan doch mit uns verbündet war.

Jonas: Und jetzt ist ihr Schatz weg nehme ich an.

Escherbach: Ja so ist es, Herr Jonas, leider.
Gleich nach der Staatsgründung brach in
Kusbekistan Bürgerkrieg aus, alles ging und geht
drunter und drüber, jeder schießt auf jeden,
Terror, Chaos, na Sie wissen Bescheid wenn Sie
sich für Politik interessieren.

Jonas: In Maßen, Dr. Escherbach.

Escherbach: Der Schatz wurde ausgelagert, mehr
wissen wir nicht, seitdem ist er verschollen, und
der Minister macht mir das Leben schwer, weil ich
damals die Entscheidung getroffen habe, die Stücke
auszuleihen.

Jonas: Und Sie geben die heiße Kartoffel weiter.

Escherbach: Ich delegiere, Herr Jonas, an den
Fachmann. Auftrag an Sie, kurz und bündig: Finden
Sie den Schatz des Königs Dagon und bringen Sie
ihn zurück nach Babylon. Wie Sie das machen, das
ist Ihre Sache.

Jonas: Wann soll ich fahren?

Escherbach: Sobald wie möglich. Heute noch.

Jonas: Wenn ich einen Platz in der Rakete kriege.

Escherbach: Den kriegen sie, Herr Jonas, machen
Sie sich keine Sorgen. Wer fliegt heutzutage schon
nach Kusbekistan.

Jonas: Masochisten und Detektive. Warum kommen Sie
erst jetzt zu mir, Dr. Escher-bach, Ihr Schatz ist
doch schon ein Jahr verschwunden und warum so hopp
hopp?

Escherbach: Weil sich die Situation in den letzten
Tagen zugespitzt hat, wir haben eine Information
bekommen, aus bester Quelle, ein Stück aus unserem
Schatz ist auf dem schwarzen Kunstmarkt
aufgetaucht und von einem amerikanischen Sammler
erworben worden. Es handelt sich um... diese
Statuette des Königs Dagon aus Elektron, einer
Mischung aus Silber und Gold.

Jonas: Sieht aus wie ein antiker Gartenzwerg.

Escherbach: Jonas, bitte, die Sache ist ernst.

Jonas: Aber nicht hoffnungslos.

Escherbach: Ja, am besten zeige ich Ihnen gleich
auch die Dia der Stücke, die sich noch in
Kusbekistan befinden, das hoffen wir jedenfalls.

Jonas: Ich fiebere vor Spannung, Dr. Escherbach.

Escherbach: Hier sehen Sie das Spektorale des
Ichtapriesters Schumschu Ada. Silber mit gefaßten
Smaragden. Der goldene Nasenring einer namentlich
nicht bekannten Fürstin...

Jonas: Und so weiter. Rund drei Dutzend Klunker,
Gold, Silber, Edelsteine. Ich versuchte mir
Einzelheiten zu merken, das war schwierig, ein
Schmuckstück sah aus wie das andere. Und alle
zusammen drehten sich vor meinem Auge im Kreise.

Jonas: Machen wir es doch so, Dr. Escherbach, Sie
geben mir Holographien mit oder wenn Sie keine
haben, Fotos und ein Verzeichnis.

Escherbach: Ich weiß was besseres. Kusbekisch
sprechen Sie wohl nicht.

Jonas: Nein.

Eschebach: Und daß Sie von Archäologie nicht
verstehen, das haben Sie mir schon gesagt. Sie
brauchen fachkundige Unterstützung. Dr. Khamal
wird Sie begleiten.

Jonas: Khamal. Kusbeke?

Escherbach: In Kusbekistan geboren und
aufgewachsen, Dr. der Kunstgeschichte und
Archäologie, seit knapp zwei Jahren im Stab des
Museums für Internationale Kulturgeschichte.

Jonas: Hm, im allgemeinen arbeitet Jonas solo,
aber im diesem Fall.

Escherbach: Sie werden die Hände frei haben, Herr
Jonas für Ihre Detektivarbeit, alles übrige
erledigt Dr. Khamal.

Jonas: Nicht zu vergessen Sam mein Computer. Der
versteht sogar was von orientalischer Archäologie,
Kusbekisch kann er auch, nicht gerade fließend,
aber ausreichend. Und Sam kam natürlich mit nach
Kusbekistan, aber das sagte ich Dr. Escherbach
nicht. Jonas behält gern eine Karte im Ärmel, für
den Notfall. Wenn der Mitspieler plötzlich ein
Full House auf den Tisch legt, muß man ihn
abfangen, mit 4 Assen, mindestens. Die nächste
Rakete nach Chamra ging am Abend, Dr. Khamal
sollte mich vor der Eincheckschleuse treffen, war
aber noch nicht da. Um so besser. Judith war zum
Aerodrom mitgekommen, und Judith hatte mir beim
Abschied was zu sagen.

Judith: Fürs kommende Wochenende hab ich uns ein
Zimmer in Babelshafen gebucht, Jonas.

Jonas: Bißchen voreilig vielleicht so.

Judith: Meinst du? Dann hör mir mal zu, wenn du
nicht mitkommt, weil du einen Fall hast, weil du
nicht da bist oder was weiß ich, dann fahr ich
allein.

Jonas: Ich werd's schon irgendwie schaffen,
Judith. Hoffentlich.

Judith: In Zukunft fahr ich dann immer allein,
jedenfalls nicht mir dir.

Jonas: Warum kommst du denn nicht mit nach
Kusbekistan.

Judith: Das weißt du doch, weil ich nicht so ohne
weiteres von meinem Schreibtisch wegkann.

Jonas: Nimm dir Kurzurlaub, und komm nach, morgen
oder.

Mann: Herr Jonas, Herr Jonas wird gebeten, sich
zum Fon am nächsten Infoschalter zu bemühen. Herr
Jonas bitte.

Jonas: Ein alter Bekannter wollte mich sprechen.
Oberst Frank von der Terrorpolizei, Schrecken der
Kusbeken, Wecker und Prophet dazu.

Frank: Ich habe es ja vorausgesagt, Jonas, Sie
fahren nach Kusbekistan. Und?

Jonas: Und was?

Frank: Mein Angebot, was halten Sie jetzt davon?

Jonas: Das selbe wie heute früh. Gar nichts.

Frank: Das ist nicht Ihr Ernst, Jonas, denken Sie
an den Sonderfond.

Jonas: Ich hab da unten was anders zu tun, und ich
bin froh, wenn ich dabei mit der Kusbekischen
Befreiungsfront überhaupt nicht in Kontakt komme.

Frank: Kontakt mit der KBF? Aber Mann Gottes, den
haben Sie doch schon.

Jonas: Mysteriös. Vielleicht wußte Judith, was ihr
werter Kollege meinte. Aber Judith war nicht mehr
da, als ich zur Schleuse zurück kam, auf ihrem
Platz saß eine Frau, die ich nicht kannte, leider,
Ingrid Bergman in Casablanca, nur dunkel, und
dieses umwerfende Wesen wartete auf Jonas.

Khamal: Sie sind doch Jonas?

Jonas: Ja. Jonas. Nur Jonas.

Khamal: Warum starren Sie mich so an?

Jonas: Ich seh dir in die Augen, Kleines. Sie
heißen Ilse. Sagen Sie, daß Sie Ilse heißen.

Khamal: Nein. Ich bin Dr. Khamal. Duna Khamal.

Jonas: Sie sind Dr. Khamal. Eine Frau?

Khamal: Haben Sie etwas gegen Frauen, Jonas?

Jonas: Aber nein, meine beste Freundin ist eine.
Apropos wo steckt sie, eben war sie noch hier.

Khamal: Die attraktive Dame, die hier gesessen und
auf Sie gewartet hat?

Jonas: Ja.

Khamal: Ich habe mich ihr vorgestellt, da ist sie
gegangen. Ich weiß nicht warum.

Jonas: Aber ich.

Sam: Häh, wie allgemein bekannt, zeigt die Dame
Judith einen fatalen Hang zu jeder veralteten
Passion welche man Eieieiefersucht zu nennen
pflegt.

Jonas: Mein Computer, ein komplesiver Quatschkopf.
Sam?

Sam: Meister?

Jonas: Wie oft hab ich dir schon gesagt, Judith
geht dich nichts an, halt dich zurück.

Sam: Genau 417 mal, o grantig grollender
Grimmbart.

Jonas: Dann paß mal auf, Sam, wenn du nur einmal,
nur noch einmal.

Mann: Wir bitten alle Passagiere des Fluges QA 842
nach Sydney über Chamra und Singapur, sich zur
Abfertigung zu bemühen. Ihr Zubringer ist
startbereit.

Jonas: Nur 3 Figuren stiegen ins Chamra aus. Dr.
Khamal, ich, und ein bulliger Schnauzbart, der
zwei Reihen hinter uns gesessen hatte. Bei einem
so mickrigen Besuch hatten sie sich keine Mühe
gegeben, ihr Aerodrom herzurichten. Überall auf
dem Feld Bombentrichter, in denen sich Abfall
ansammelte. Und drinnen an den Wänden makabere
Muster aus Einschüssen und rostroten Flecken.

Zollbeamtin: Passport. Grund Ihres Aufenthalts in
Kusbekistan?

Jonas: Bildung. Kultur. Ich bin auf der Suche. Auf
der Suche nach ihren weltbekannten Altertümern,
und das ist nicht gelogen, Schwester.

Zollbeamtin: Aha. Tourist. Ihre politische
Überzeugung?

Jonas: Keine zur Zeit. Sie stellen ja merkwürdige
Fragen.

Zollbeamtin: Sind Sie für unsere rechtmäßige
kusbekische Regierung oder sympathi-sieren Sie mit
Rebellen, Banditen und Aufrührern? Auf welcher
Seite stehen Sie?

Jonas: Auf der richtigen. Immer auf der richtigen.

Zollbeamtin: So. Ein Rat, Herr Jonas, bleiben Sie
in Chamra, außerhalb unserer Hauptstadt können wir
für Ihre Sicherheit nicht garantieren.

Jonas: Und warum? Weil da die Rebellen und
Banditen das Sagen hatten bzw. die
Freiheitskämpfer, wie Duna Khamal sie nannte. Die
Regierung beherrschte nur Chamra und die nähere
Umgebung. Und Chamra, das war eine chaotische
Ansammlung brüchiger Wolkenkratzer aus der
verflossenen Erdölzeit, ein Gebirge abgewrackter
Automobile und Kühlschränke, ein allgegenwärtiger
heißer Wind, der gelbe Staubwolken und uralte
Computerprintouts vor sich her trieb, ein endloser
Slum aus Lehmruinen und verrosteten Ölfässern, und
ein Hotel, das bessere Tage gesehen hatte. Wir
nahmen uns ein Zimmer, Korrektur zwei Zimmer. Duna
legte wert darauf, allein einzuschlafen, ihr gutes
Recht und mein Schaden. Am nächsten Morgen
besuchten wir Professor Malek. Das hatte mir
Escherbach geraten. Malek war der Leiter des
Kusbekischen Nationalmuseums, offiziell, in
Wahrheit hatte er nichts mehr zu leiten, das
Museum war dicht, das schien Malek allerdings
wenig zu stören, er hatte so vieles andere, ein
wunderschönes großes Haus im Prominentenghetto,
einen Swimmingpool, einen Leibwächter, der
unauffällig im Hintergrund aufging, außerdem hatte
er einen guten Whisky und keine Ahnung.

Malek: So gern ich Ihnen gefällig wäre, Dr.
Khamal, Herr Jonas, und natürlich vor allem mein
guten Freund Dr. Escherbach, ich kann Ihnen nicht
weiterhelfen, Anfang des Jahres mußte mein Museum
schließen, die wertvolleren Ausstellungsstücke
wurden aus der Stadt gebracht, ausgelagert, auch
der Schatz des Dagon.

Jonas: Wohin Professor?

Malek: Wenn ich das wüßte, meine Liebe.

Jonas: Haben Sie denn keine Unterlagen.
Verwaltungsnotizen, Frachtbriefe?

Malek: Wir sind keine Wilden, Herr Jonas,
zweifellos hat es derartige Dokumente gegeben,
doch wo sie sich zur Zeit befinden, falls sie
überhaupt noch existieren.

Jonas: Also verschwunden.

Malek: So ist es, Herr Jonas.

Jonas: Die Dokument und der Schatz des Königs
Dagon.

Malek: Ich bitte Sie Herr Jonas. Versuchen Sie
sich die Situation vorzustellen: Straßenkämpfe,
Panzer und Geschütze, Raketen, Laserstrahler,
Maschinengewehre, unbeschreiblicher Lärm, Qualm,
Rauch, Feuer, wer denkt dabei an Formalitäten. Ich
war froh, daß die Kunstwerke, daß die Kunstwerke,
für die ich Verantwortung trug, aus der Kampfzone
geschafft werden konnten, aus der Stadt hinaus
aufs Land. Wohin genau, das war nicht wichtig. Und
unter uns, Herr Jonas, das spielt auch heute keine
Rolle. Denn gesetzt, Sie wüßten den Ort, Herr
Jonas, so könnten Sie ihn doch nicht aufsuchen,
falls Sie nicht der Befreiungsfront oder ähnlichen
Mörderbanden in die Hände fallen wollen.

Jonas: Oh, das bleibt abzuwarten, Professor.
Vielleicht sollte ich mich mal im Museum nach
Hinweisen umsehen.

Malek: Sinnlos, Herr Jonas, völlig sinnlos, ein
leeres Gebäude, weiter nichts. Ich gebe Ihren
einen guten Rat: Gehen Sie zurück in Ihr Hotel,
Herr Jonas, machen Sie sich ein paar schöne Tage.
Dr. Khamal wird Ihnen gern die Sehenswürdigkeiten
unserer interessanten Stadt zeigen, und wenn ich
etwas für Sie tun kann, finanziell oder auf andere
Weise, zögern Sie nicht, sich an mich zu wenden.
Ich habe gewisse Verbindungen, ich werde mich
umhören, und sobald ich über den Schatz des Dagon
etwas erfahre, werde ich es Sie wissen lassen.

Jonas: Und wenn nicht, Professor.

Malek: Dann kehren Sie zurück nach Babylon, Herr
Jonas, mit gutem Gewissen. Sie haben das
menschenmögliche getan. Inschala, wie wir hier
sagen.

Jonas: Jonas sagt nicht Inschala, Jonas gibt nicht
so leicht auf, und Jonas denkt sich seinen Teil.
Am Nachmittag ließ ich mich von Duna durch Chamra
führen, ein gemischtes Vergnügen, Chamra war
häßlich, Duna war schön, wie immer, aber nicht
ganz bei der Sache.

Khamal: Und dies ist der Platz des glorreichen 11.
Dezember, sogenannt nach dem Datum der feierlichen
Gründung unseres großen Staates, die rechte
Seite...

Jonas: Ist genauso langweilig wie die linke.
Bringen Sie mich zum Nationalmuseum, Duna.

Khamal: Obwohl Professor Malek Ihnen abgeraten
hat.

Jonas: Das ist nun mal mein innervierende Art.

Khamal: Wie Sie meinen, Jonas.

Jonas: Sehr begeistert scheinen Sie nicht zu sein
und auch nicht gerade hilfreich. Weder Sie noch
Professor Malek.

Khamal: Wollen Sie den Grund wissen, Jonas.

Jonas: Ich bitte darum.

Khamal: Wir sind Kusbeken, der Schatz des Dagon
gehört uns, vor mehr als einem Jahrhundert hat man
ihn uns gestohlen, und jetzt sind Sie gekommen, um
ihn uns zum zweiten Mal wegzunehmen.

Jonas: Ganz unrecht haben Sie nicht, Duna. Drehen
sie nicht um.

Khamal: Was ist.

Jonas: Wir werden verfolgt, Maleks Leibwächter und
hinter ihm.

Khamal: Der Schnauzbart aus unserer Rakete. Ich
habe ihn vorhin schon gesehen. Kommen Sie, Jonas,
wir wollen versuchen, beide abzuhängen, Hier,
rechts in die Passage. Und dann durch den Sug.

Jonas: Wir rannten, wir schlugen Haken, wir liefen
Treppen rauf und runter, wir schoben uns durch
enge Basargassen, eine halbe Stunde lang, dann
standen wir vor der gewaltigen Ruine, die das
Kusbekische Nationalmuseum gewesen war, sie sah
aus wie das Aerodrom, nur schlimmer, die Fenster
waren mit Brettern vernagelt, die Türen auch, bis
auf eine, eine kleine an der Seite unter einer
Freitreppe, vermutlich der alte
Lieferanteneingang.

Khamal: Nicht abgeschlossen.

Jonas: Dann treten wir doch näher. Vorsicht,
Schutt.

Mann: Museum geschlossen.

Jonas: Das Phantom des Museums. Hallo?

Mann: Hallo, Aschmad mechduklek.

Khamal: Er fragt, was wir wollen.

Mann: Museum geschlossen. Morgen offen.

Jonas: Glaub ich kaum, alter Freund.

Mann: Museum geschlossen, morgen offen. Hanschi
ödilek, Kaputt.

Khamal: Er versteht Sie nicht, Jonas, er spricht
nur ein paar Worte in Ihre Sprache.

Jonas: Museum geschlossen.

Mann: Ek ek morgen offen.

Jonas: Das Phantom war ein kleiner krummer Mann in
grüner Uniform, offensichtlich ein Museumswärter,
der hier die Stellung gehalten hatte, als alles in
Scherben fiel. Wenn einer wußte, wo der Schatz des
Dagon abgeblieben war, dann er. Und er wußte wohl
wirklich was. Jedenfalls antwortete er begeistert
und ausführlich, als Duna ihn fragte.

Mann: Ek esienah...

Khamal: Da ist er an der Tür, Maleks Leibwächter.

Jonas: In Deckung Duna. Noch einer, hier muß ein
Nest sein.

Khamal: Der Schnauzbart aus der Rakete. Gehen Sie
aus dem Weg Jonas.

Jonas: Wie die 10 kleinen Negerlein. Maleks
Gorilla laserte den Museumswärter, der Schnauzbart
laserte den Gorilla, Duna Khamal laserte den
Schnauzbart. Ergebnis der Blitzaktion: drei Tote,
Brandgeruch in der Luft und ein völlig verwirrter
Jonas.

Jonas: Duna was machen Sie denn, der Schnauzbart
hat uns doch nichts getan.

Khamal: Ein Agent Ihrer Terrorpolizei, er war
schon in Babylon hinter mir her.

Jonas: Und deshalb bringen Sie ihn um. Woher haben
Sie überhaupt den Laser. Und Maleks Leibwächter,
was hat der mit der Sache zu tun.

Khamal: Nichts was Sie anginge, Jonas. Das ist
Politik, kusbekische Politik. Halten Sie sich
raus, kümmern Sie sich nur um Ihren Auftrag.

Jonas: Was hat er gesagt?

Khamal: Der Wärter? Genug, wir wissen jetzt, wo
der Schatz des Königs Dagon ist, im Südwesten, am
Rande der Wüste, in Taltapik, das ist eine
aufgegebene Grabung des europäisch-orientalischen
Instituts, vor zwei Jahren hab ich selbst da
gearbeitet.

Jonas: Dann kennen Sie sich also aus. OK, fahren
wir gleich los.

Khamal: Morgen, Jonas, es sind gut 5 Autostunden
bis Delkabit, heute schaffen wir das nicht mehr,
es wird bald dunkel.

Jonas: Die Kusbeken wringen immer noch ein paar
Tropfen Erdöl aus dem Sand, und die behalten sie
für sich, deshalb fahren in Kusbekistan noch
Benzinautos wie im 20. Jahrhundert. Duna zog
abends los, um eins zu mieten. Für unseren Ausflug
nach Telkarbit am nächsten Morgen. Ich hatte Zeit,
mir dies und das durch den Kopf gehen zu lassen,
zusammen mit Sam, den hatte ich im Lauf der Tages
bei mir gehabt, eingeschaltet, und Sam brachte ein
neues undurchsichtiges Element in die Debatte. Als
ob der Fall nicht schon undurchsichtig genug war.

Sam: Belogen hat sie meinen Herrn, die liebliche
Lady mit dem lockeren Laser. Beschwindelt.
Getäuscht, hinters Licht geführt, verarscht,
ausgetrickst, verladen, angeschmiert mit
Löschpapier, und er, er sah ihr ins Auge und
glaubete ihr, der dumme Tor, die trübe Tasse.

Jonas: Lenk nicht ab Sam. Was hat er denn nun
wirklich gesagt der Museumswärter.

Sam: Sam übersetzt wortgetreu: „Ja, gnädige Frau,
ja doch, ich weiß, wo er ist, der Schatz des
Königs Dagon. In Ischtara ist er, unter dem großen
Tempel, an der rechten Wand der unterirdischen
Kammer, in einer eisenbeschlagenen Kiste ahh!“

Jonas: Ahh?

Sam: Unübersetzbar, euer Durchleucht, die Reaktion
unseres Gewährsmann auf den ihn treffenden
Laserstrahl, und beiläufig erwähnt, seine letzte
Lebensäußerung.

Jonas: Ischtara, wo liegt das?

Sam: Im Nordwesten von Chamra, Herr
Chefkartograph, mit dem Automobil in etwa 3
Stunden zu erreichen, es handelt sich, auch wenn
mein Meister das nicht zu wissen scheint, um eine
weithin berühmte Ruinenstätte, eine in den Felsen
gehauene Tempelanlage der alten Napatäer im
Talkessel des Wadi Achmok, 8. Jahrhundert v. Ch.

Jonas: Die Volkshochschule kannst du dir sparen.
Warum hat Duna falsch übersetzt.

Sam: Vorschlag zur Güte, Herr Kamerad, Frage
vertagen, first things first, wie ein anonymer
Denker so richtig gesagt hat.

Jonas: Wenn man Bescheid weiß, kriegt man in
Charma alles. Sam wußte Bescheid. Ich besorgte
einen Laserstrahler und ein Auto. Am frühen Morgen
fuhr ich los, noch vor Sonnenaufgang, vorher hatte
ich in Dunas Zimmer nachgesehen, sie war nicht da,
das hatte ich auch nicht erwartet. Unterwegs
begegnete mir eine Beduinenkarawane, erst eine
Staubwolke am Horizont, und dann zogen sie an
meinem alten Citroen vorbei, Cadillacs,
Chevrolets, Landrovers, sogar ein Mercedes, ein
romantisches Bild, Kusbekistan war Jahrzehnte
zurück. Eine nostalgische Enklave, insofern hatte
ich gar nichts gegen meine Tour, schließlich bin
ich Nostalgiker. Aber ich war gewarnt. Ich hatte
meine Erfahrungen. Costaguana, das Niemandsland,
zuviel Nostalgie ist ungesund. Manchmal sogar
tödlich.

Sam: Achtung, Wadi Ahmack direkt voraus.

Jonas: Und wo ist nun dieses Ischtara.

Sam: Na wo schon, unten im Wadi. Laß die Karre
stehen, steig aus.

Jonas: Muß ich klettern.

Sam: Wirst nicht drumrumkommen, o du Ass alle
Alpinisten. Und vorher wird marschiert. Per peses
apostolorum. Ein Lied zwo drei vier. Mein Vater
war ein Wandersmann...

Jonas: Erst ein paar hundert Meter horizontal,
dann eine kürzere Strecke vertikal, nach unten
über eine Art Ziegenpfad, falls es hier noch
Ziegen gab gesehen hatte ich keine, ich hangelte
mich um eine Felsenecke, und war da, auf der
Talsohle. Drüben an der Felswand: Trümmer und
Säulen.

Sam: Ischtara.

Jonas: Ganz schön kaputt. Sam, da steht ein Auto,
links neben dem Säulenkomplex.

Sam: Der große Tempel, von welchem der Wärter uns
kündete.

Jonas: Duna, und vermutlich nicht allein. Ob sie
wohl einen Wächter aufgestellt haben? Ah!

Jonas: Sie hatten, aber das merkte ich erst, als
es zu spät war. Als ich von hinten was über den
Schädel kriegte und mich ins Geröll legte um ein
bißchen zu träumen. Von Helden Lobbebären, von
großer Arbeit, von König Dagon und seinem Schatz,
von Dr. Escherbach, von Oberst Frank und seiner
SSA 9, von Professor Malek nebst Leibwächter, von
Judith und Duna Khamal, vor allem Duna Khamal, Ich
sah sie ganz deutlich. Sie hockte am Boden, in der
linken Hand hatte sie ihren Laserstrahler, mit der
rechten wühlte sie in einer Kiste mit
Eisenbeschlägen. Ich lag in einer Felsenkammer, an
den Wänden Malereien in verblaßten Farben. Löwen
mit Flügeln, Stiere, seltsam angezogene Menschen,
dazwischen Krakelein, Keilschrift oder
Hieroglyphen, vor den Wänden drei unfreundlich
wirkende Gestalten mit alten Maschinenpistolen und
Taschenlampen, und Duna, und die Kiste, und in der
Kiste der Schatz des Königs Dagon.

Khamal: Sie irren sich, Jonas, das ist nicht der
Schatz.

Jonas: Erzählen Sie mir keine Märchen Duna, ich
kenne die Stücke, Dr. Escherbach hat sie mir im
Dia gezeigt, den Nasenring, die Jadekette, das
Spektoral oder wie das heißt.

Khamal: Kopien, Jonas, Fälschungen.

Jonas: Sie machen mir doch schon wieder was vor,
Duna. Damit Sie sich die Klunker ungestört unter
den Nagel reißen können.

Khamal: Sie überschätzen sich Jonas, wenn ich mir
den Schatz wie Sie sagen unter den Nagel reißen
wollte, könnten Sie mich nicht daran hindern, ein
kurzer Druck auf den Abzug, oder ein Wort zu Amir,
zu Resa, oder Muratschi und sie wären tot, Jonas.

Jonas: Da ist was dran. Moment mal, der
Gartenzwerg hier.

Khamal: Porträtstatuette des Dagon.

Jonas: Der dürfte gar nicht hier sein, nach Dr.
Escherbach ist er bei einem Sammler in Amerika.

Khamal: Passen Sie auf, Jonas.

Jonas: Vorsicht, das war knapp!

Khamal: Keine Angst, ich kann mit einem Laser
umgehen.

Jonas: Hab ich gemerkt.

Khamal: Heben Sie die Figur auf, Jonas. Sehen Sie
sich den Einschnitt des Laserstrahls an, außen ein
dünner Überzug vom Gold und Silber, und innen...

Jonas: Blei oder so was ähnliches.

Khamal: Bitte. Eine Fälschung, geschickt gemacht,
für Laien kaum zu erkennen, aber doch eine
Fälschung, und die anderen Stücke in der Kiste
auch. Alles Fälschungen.

Jonas: Wer steckt dahinter. Malek?

Khamal: Unwahrscheinlich. Die Fälschungen können
nicht aus Kusbekistan stammen, sie sind so, so
gut, zu penibel. Für solche Arbeiten haben wir
keine ausgebildeten Handwerker und auch keine
technischen Einrichtungen.

Jonas: Wie z.B. die Werkstätten im babylonischen
Museum für internationale Kulturgeschichte. Die
sie neulich in die Luft gesprengt haben, Duna.

Khamal: Ich?

Jonas: Geben Sie es doch zu. Sie gehören zur
Kusbekischen Befreiungsfront.

Khamal: Ja, ich bin ein Mitglied der KBF und ich
bin stolz darauf. Wir kämpfen für die Freiheit des
kusbekischen Volkes und für die Unabhängigkeit
unseres Staates von den Großmächten in Ost und
West.

Jonas: Hört sich gut an was Sie sagen, viel besser
als das was sie tun. Wenn Sie für Freiheit in
Kusbekistan sind, warum legen Sie dann Bomben im
Babylon, noch dazu im Museum.

Khamal: Da war nicht die KBF.

Jonas: Sie lügen ja schon wieder.

Khamal: Jonas, ich schwör, die Bombe im Museum
geht nicht auf unsere Rechnung.

Jonas: Aber man hat doch einen Bekennerbrief
gefunden, das hab ich in den Nachrichten gehört.

Khamal: Eine Fälschung wie dieser Schatz des
Königs Dagon.

Jonas: Aber ja doch. Duna ich habe eine Idee. Wenn
Professor Malek mit dem falschen Schatz nichts zu
tun hat.

Khamal: Das habe ich nicht gesagt. Malek muß die
Stücke hier als Fälschungen erkannt haben, ein
Experte sieht das auf den ersten Blick, und Malek
ist Experte, wie ich oder wie Dr. Escherbach.

Jonas: Trotzdem hat er den falschen Schatz in
seinem Museum ausgestellt. Warum? Warum ist er
nicht aufgestanden und hat gesagt: Man hat uns
Blüten angedreht.

Khamal: Wir werden ihn fragen. Armin.

Mann: Erdinea.

Khamal: Hamadin echdak. Wir fahren zurück nach
Chamra. Sie kommen mit Jonas.

Jonas: Was Duna und ihre Freunde mit Malek in
seinem schönen Haus machten, würde ich unbedingt
als fragen bezeichnen, aber ich hatte ja nichts zu
sagen, ich war nur geduldet, ein Außenseiter, und
das muß ich zugeben, Dunas Methode war wirksam.
Nach kurzer Zeit erzählte uns Malek alles, was wir
wissen wollten.

Malek: Es war Escherbach, Dr. Gödel Escherbach in
Babylon, er hat sich Sorgen ge-macht um seinen
Schatz des Dagon, daß er ihn nicht mehr
zurückkriegt, daß wir ihn in Kusbekistan behalten
als unser nationales Erbe, darum hat er Kopien
herstellen lassen, in seinem Museum, und die hat
er nach Kusbekistan geschickt, den echten Schatz
hat er behalten, niemand weiß das, nur er und die
Handwerker im Museum und ich, natürlich, ich bin
Fachmann, praktisch der einzige Fachmann in
Kusbekistan, ich hätte den Austausch sofort
bemerkt, deshalb hat Escherbach mich informiert,
von Museumsleiter zu Museumsleiter, ich hatte
Verständnis für seine Lage und blieb still.

Khamal: Verräter. Weiter.

Malek: Dann kam der Bürgerkrieg. Der falsche
Schatz wurde ausgelagert, und da hatte Escherbach
einen Einfall, er lebt sehr aufwendig, braucht
immer Geld, wer nicht, ich auch, der Schatz des
Dagon war offiziell verschollen. Escherbach wollte
abwarten, ein halbes Jahr, ein Jahr, bis der Staub
sich gelegt hatte, und dann wollte er anfangen,
die echten Stücke zu verkaufen, in Amerika, auf
dem schwarzen Kunstmarkt, eins nach dem andern,
vorher mußte er natürlich die Mitwisser
ausschalten.

Jonas: Die Bombe im Museum.

Malek: Nein, davon weiß ich nichts.

Khamal: Aber wir wissen, wir wissen, wer dahinter
steckt, und wer versucht hat, die Sache uns in die
Schuhe zu schieben. Weiter Malek, was geschah mit
Ihnen, sie waren doch auch Mitwisser.

Malek: Wir haben uns geeinigt, Escherbach und ich,
ich habe mitgemacht, bei Gelegenheit sollte ich
die Kopien endgültig verschwinden lassen und alle
Nachforschungen blockieren.

Jonas: Das heißt Jonas abwimmeln oder umbringen
lassen, wenn's nichts anders ging.

Malek: Escherbach mußte was unternehmen, der
Minister hat darauf bestanden, deshalb hat er sie
angeheuert, Jonas, und mich angerufen, für alle
Fälle, daß sie den Schatz finden, ich meine die
Kopien, damit hat Escherbach ohnehin nicht
gerechnet.

Jonas: Wie sich der Mensch doch irren kann.

Khamal: Was hat Escherbach Ihnen versprochen,
Malek?

Malek: Och, 30 Prozent, ich wollte eigentlich die
Hälfte, aber und bekommen hab ich noch gar nichts,
nicht einen Dinar.

Khamal: Wir sind großzügiger, Malek, wir geben
Ihnen gern, was Ihnen zusteht. Amin. Mado li
tapok.

Jonas: Kurz darauf schwamm Professor Malek in
seinem Swimmingpool, den Kopf nach unten und tot.
Damit war der Fall allerdings noch nicht zu Ende.
OK, zum größten Teil war er gelöst und
abgeschlossen, aber es blieb doch noch die eine
oder andere Unklarheit.

Khamal: Zum Beispiel?

Jonas: Zum Beispiel Ihre Rolle Duna. Escherbach
hat darauf bestanden, daß Sie mich begleiten,
warum, das war doch widersinnig. Sie sind
Archäologin. Sie hätten die Fälschungen sofort als
Fälschungen erkannt, das mußte ihm klar sein.

Khamal: Und noch was, die Terrorpolizei war mir
schon in Babylon auf der Spur, sie wußte, daß ich
zur KBF gehöre, trotzdem hat sie mich nach
Kusbekistan ausreisen lassen, warum?

Jonas: Und was wollte Oberst Frank?

Sam: Gestatten die erhabenem menschlichen
Herrschaften, daß ein armseliger kleiner Computer
sich in die Diskussion hineinmenge.

Jonas: Seit wann fragst du Sammy.

Sam: Aber Sir, man hat doch Kinderstube.

Jonas: Ganz was neues. OK Sammy, menge dich
hinein.

Sam: Ergebensten Dank. Ich menge mich Herr
Vorsitzender. Sam hat sich erlaubt, nach einer
Verbindung zwischen Herr Staatsekretär Dr. Gödel
Escherbach und Herrn Oberst Frank von der
Terrorpolizei zu forschen, und siehe da, wie
schnell wart er doch fündig.

Jonas: Was hast du entdeckt, Sam, und wo?

Sam: Im Katasteramt von Babylon, Herr
Liegenschaftsinspizient. Beide Herren sind
Nachbarn, sie bewohnen zwei nebeneinanderliegende
Reihenhäuslein, ergehen sich im gemeinsamen
Gärtlein, 30 Quadratmeter englischer Rasen aus
wetterbeständigem Plastik und wie aus zahlreichen
Hinweisen hervorgeht, sind sie überhaupt recht
gute Freunde.

Jonas: Bitte, das ist die Erklärung. Von Frank hat
Escherbach erfahren, daß seine Mitarbeiterin Dr.
Khamal zur KBF gehört, und deshalb hat er sie mir
mitgegeben, natürlich nicht, damit wir zusammen
den Schatz finden, im Gegenteil, er wußte, falls
Gefahr bestand, daß ich dem Schatz, dem falschen
Schatz zu nahe kam, würde Duna mich umbringen,
weil ich in ihren patriotischen Augen ein Räuber
war, ein Feind des kusbekischen Volkes, der
nationale Kunstschätze nach Babylon verschleppen
wollte. Das haben Sie doch gedacht, Duna oder?

Khamal: Selbstverständlich. Bis heute nachmittag.

Jonas: Da sah auf einmal alles anders aus, und Sie
brauchten Jonas nicht mehr umzubringen.

Khamal: Gern hätte ich es nicht es nicht getan.
Jonas. Glauben sie mir.

Jonas: Ich bin gerührt. Sie waren ja sowieso nur
die Rückversicherung, die Notbremse. Falls Malek
nicht spurte.

Sam: Sagen wir es doch anders, charmant, reizvoll,
mythologisch verspielt. Frau Dr. Khamal erfüllte
die hochinteressante Funktion einer trojanischen
Stute.

Khamal: Äußerst charmant.

Sam: Sam meinte doch bloß...

Jonas: Hör auf zu meinen, Sam, sei still.

Sam: Typisch, kein Dank, keine Anerkennung, nicht
einmal ein freundliches Wort. Wofür schindet man
sich ab bis aufs Blut, woher kriecht man in die
schmutzigsten Datenbänke, wofür kratzt man die
abseitigsten Informationen zusammen, wofür wofür o
Mensch wofür.

Jonas: Ruhe.

Sam: Ja.

Jonas: Nächste Frage.

Khamal: Oberst Frank und die Terrorpolizei, warum
haben sie das Spiel des Dr. Escherbach unterstützt
und mich aus dem Land gelassen?

Jonas: Ganz einfach: Durch Sie wollte Frank an die
KBF rankommen, an ihre interne Organisation, ihre
Basis in Kusbekistan, Frank hatte Sie an der
langen Leine, Duna, zuerst war Jonas als Ihr
Aufpasser vorgesehen.

Khamal: Ach ja.

Jonas: Aber Jonas hat sich geweigert.

Khamal: Gut für Jonas.

Jonas: Und schlecht für den Schnauzbart, der für
Jonas nachgerückt ist. Das war's Duna, alles klar?

Khamal: Bis auf eins. Malek hat seinen Anteil, 30
Prozent. 70 Prozent sind noch offen.

Jonas: Dr. Escherbach, was geschieht mit ihm?

Khamal: Überlassen Sie das uns, Jonas. Wir werden
ihn auszahlen. Wenn Sie wieder in Babylon sind.

Jonas: Sie lassen mich zurück?

Khamal: Warum denn nicht. Es sei denn, Sie wollen
bei uns bleiben und uns helfen in unserem
gerechten Kampf für das kusbekische Volk.

Jonas: Wissen Sie, Duna, gegen Sie hab ich nichts
und auch nichts gegen das kusbekische Volk, für
Freiheit und Unabhängigkeit bin ich auch,
Unabhängigkeit für Jonas, darum hält Jonas sich
raus und fliegt zurück nach Babylon.

Khamal: Wenn Sie also zurück sind, Jonas, rufen
Sie Dr. Escherbach an, sagen wir morgen nachmittag
5 Minuten vor 4.

Jonas: Warum?

Khamal: Das werden Sie merken. Wann fliegen Sie?

Jonas: Ich dachte heute abend.

Khamal: Warum nicht morgen früh? Wir beide haben
uns ja noch gar nicht richtig kennengelernt.

Jonas: Das Wetter in Babylon war immer noch mies,
ich schlief ein paar Stunden, und dann rief ich
Dr. Escherbach an, 5 vor 4. Wie mit Duna
verabredet. Jonas ist wieder da, sagte ich ihm.

Escherbach: So. Wie war’s in Kusbekistan? Warm und
sonnig?

Jonas: Eher trocken und heiß. Und tödlich.

Escherbach: Ach. Für Sie doch wohl nicht, Jonas.

Jonas: Aber für Ihren Freund Prof. Malek. Unter
anderem.

Escherbach: Und der Schatz des Königs Dagon?

Jonas: Das wissen Sie doch.

Escherbach: Was soll das heißen.

Jonas: Der Schatz ist hier, der echte Schatz in
Babylon, bei Ihnen, Dr. Escherbach, soweit Sie ihn
nicht schon verhökert haben. Hallo? Dr.
Escherbach? Ruhe in Frieden.

Sam: Exit Dr. Escherbach, oder auch: Abtritt.

Jonas: Das treffende Wort.

Sam: Sam kennt noch eins, Erhabenheit. Den
Wahlspruch des großen Schugun und Einiger Japan,
Iljasu Tokugawa.

Jonas: Und was sagt dieser Dingsbums.

Sam: Er sagt: Alle Menschen sind Gaunel und molgen
wild es legnen. Korrektur. Alle Menschen sind
Gauner, und morgen wird es regnen.

Jonas: Heute regnet's auch, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Die Klimaregulatoren sind immer noch
kaputt.

Judith: Hier spricht die automatische
Fonbeantwortung Judith Delgado. Sie hören eine
Aufzeichnung. Ich befinde mich seit dem 21.
November auf Urlaub in Babelshafen. Am 3. Oktober
werde ich wieder in Babylon sein. In dringenden
Fällen wenden sie sich an mein Büro in der
zentralen Sicherheitsverwaltung. Danke für Ihren
Anruf. Hier spricht...

Jonas: Hätte ich doch besser in Kusbekistan
bleiben sollen, bei Duna.

Sam: Inschalla. Gesundheit.

Das war Todestour. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Evelyn Opela,
Alexander Kerst, Peter Lühr, Bernd Stephan, Charly
Huber, Jürgen Rehmann und viele andere (Julia
Fischer). Ton und Technik: Günter Heß und
Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz.
Regie: Alexander Malachovsky. Eine Produktion des
Bayerischen Rundfunks (1986). Redaktion: Erwin
Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Spielwiese

Jonas: Hallo ... Ja, am Apparat ... Tot? ja...
Viertelstunde. Danke. Miles Archer, mein Partner.
Ermordet. Wenn der Partner eines Mannes umgebracht
wird, erwartet man, daß er was unternimmt. Aber
das war schwierig. Ich hatte so viel zu tun. So
viele Leute wollten was von mir. Mister Joel
Cairo, zum Beispiel.

Mann: Ich versuche, ein Schmuckstück
wiederzubeschaffen, das - sagen wir - verlegt
wurde. Ich dachte und hoffte, Sie könnten mir
helfen. Es ist eine Statuette, eine schwarze Figur
eines Vogels, Mister Spade.

Jonas: Mister Spade war ich. Samuel Spade. Ein
blonder v-förmiger Satan oder so ähnlich, auf der
Suche nach dem Malteser Falken. Birgit war
übrigens auch da.

Frau: Kann ich dich mit meinem Körper kaufen, Sam?

Jonas: Ich denk darüber nach.

Frau: Oh, ich bin so müde. Ich wünschte, ich...

Jonas: Sie küßte mich. Sehr schön soweit. Und
trotzdem, irgendwas stimmte nicht, ich kannte die
Geschichte, es war eine gute Geschichte, aber es
war nicht meine. Ich wollte raus. Ich wollte nicht
mehr Sam Spade sein. Ich wollte zurück zu mir
selbst, aber der fette Mann hatte andere Pläne.

Tinnef: Whisky Soda, Mister Spade. Trinken wir.
Trinken wir auf einen fairen Handel und auf
Gewinne, die groß genug sind für uns beide. Kommen
Sie, Mister Spade, trinken Sie. Nun trinken Sie
schon.

Sam: Trink nicht, o Herr und laß vorübergehen den
Kelch, nicht Whisky enthält er, nein, es ist Gift,
das schnöde Bosheit dir bereitet, trink nicht und
abermals trink nicht.

Jonas: Jetzt hatte auch der Malteser Falke was zu
melden, sogar in Versen, und während er mich
bekniete, den Whisky nicht zu trinken, wußte ich
plötzlich, daß der Falke kein Falke war, er war
Sam, mein Computer, und ich war auch nicht Samuel
Spade, aber wer war ich dann, und wo war ich? Der
Salon von 1930 löste sich auf, verschwand,
verwandelte sich in ein schäbiges Hinterzimmer
anno 2011. Nur der fette Mann wollte nicht
verschwinden. Ich trat ihm in den Bauch. Er
klappte zusammen. Ich schob ihn zur Seite und riß
die Tür auf. Ich mußte hier raus. Ich lief durch
Gestrüpp, über Geröll, durch grauen Schnee, immer
weiter, immer tiefer in die Wildnis. Ich lief
lange, bis ich zusammenbrach und bis alles
verschwand um mich und in mir. Die Wildnis. Die
Wirklichkeit. Und der Traum. Wenn es ein Traum
war.

Obadja: Was ist mit ihm?

Debora: Ist er tot, Bruder Amos?

Amos: Ich glaube nicht, Schwester Debora.

Debora: Er bewegt sich. Er lebt. Halleluja.

Obadja: Lobe den Herrn.

Alle: Lobe den Herrn.

Obadja: Sieht aus, als ob er schlimmer
durchgemacht hat.

Amos: Komm zu dir, Bruder, wer bist du?

Jonas: Ich, ich weiß nicht. Samuel Spade?

Debora: Samuel Spade sagt er.

Obadja: Samuel, ein gottesfürchtiger Name.
Halleluja, vielleicht gehört er zu uns?

Amos: So wie er gekleidet ist? Nein, Bruder
Obadja, er ist ein Kind Babylons, der Mutter der
Hurerei und aller Greuel Behältnis, Amen, Bruder
Amos.

Jonas: Drei Figuren beugten sich über mich, zwei
bärtige Männer und eine Frau mit langem Haar, sie
trugen braune Kutten und sahen ein bißchen aus wie
Ökos, handgestrickt, naturbelassen, aber nicht
friedlich. Alle drei trugen Waffen, breite
Buschmesser im Gürtel und auf dem Rücken
Maschinenpistolen.

Obadja: Lassen wir ihn liegen, Bruder Amos.

Debora: Aber wo er doch Samuel heißt.

Jonas: Nein, nicht Samuel.

Amos: Wenn er aus Babylon kommt, muß er eine
Bürgerkarte bei sich tragen. Greif ihm in die
Tasche, Bruder Obadja.

Obadja: Hier ist sie, Bruder. Jonas heißt der
Mann, nur Jonas, und er ist...

Jonas: Privatdetektiv. Der letzte. Ich war wieder
ich. Halleluja, Brüder und Schwestern, das
wichtigste war geschafft. Aber es blieb noch genug
übrig. Ich mußte rauskriegen, wie ich in die
Wildnis geraten war, und was es mit diesem
merkwürdigen Traum auf sich hatte. Wenn mir nur
der Kopf nicht so weh getan hätte.

Jonas: Das war kein Traum. Ich, ich war wirklich
Sam Spade, im Malteser Falken. Eine Halluzination.

Debora: Du bist krank, Bruder Jonas, wir werden
dich mit uns nehmen nach Eden. Kannst du
aufstehen?

Jonas: Mal sehen.

Amos: Wir helfen dir, Bruder, stütz dich auf mich
und auf Schwester Debora.

Jonas: Danke. Ah, ihr, ihr seid Übrigbleiber?

Debora: So nennen uns die Ungläubigen.

Amos: Wir sind die Zeugen des 7. Siegels.

Obadja: Gottes Engel der Endzeit.

Amos: Wir harren des Herrn, welcher da kommen wird
im großen weißen Blitz und im Rauchpilz zu strafen
die Sünder und Läster, die Ungläubigen und
Unvorbereiteten.

Debora: Amen. Immer schön einen Fuß vor den
anderen, Bruder Jonas.

Jonas: Übrigbleiber, Survivalists, vor mehr als 20
Jahren waren sie aus Babylon und anderen Städten
in die Wildnis gezogen, wo die Behörden nichts zu
sagen hatten, da lebten sie nach ihrer Fasson und
warteten, auf das Gericht, auf den großen Knall,
auf die Bombe, sie würden als einzige
übrigbleiben, davon waren sie überzeugt, weil sie
gottesfürchtig waren und allzeit bereit.

Obadja: Siehe, die Stunde ist nahe, da ausgegossen
werden die Schalen des Zorns auf die Erde.

Amos: Halleluja, lobe den Herrn. Was suchst du in
der Wildnis, Bruder Jonas?

Jonas: Ja was suche ich. Nirwana, jetzt fällts mir
wieder ein, ich wollte nach Nirwana.

Amos: Nach Nirwana?

Debora: Geh nicht dorthin, Bruder Jonas, denn
wahrlich, ich sage dir, an diesem Orte haust der
Antichrist.

Obadja: Der da ist der Widersacher und sich setzt
in den Tempel Gottes als wie Gott und gibt sich
aus er sei Gott.

Sam: Amen. Halleluja. Lobet den Herrn.

Amos: Was ist das? Satanswerk?

Jonas: Mitnichten, teuerste Brüder, nur mein
Taschencomputer. Ist ein bißchen verrückt, aber
harmlos. Er redet nur manchmal zu viel. Sam heißt
er.

Sam: Kurz für Samuel. Ein gottesfürchterlicher
Name, geliebte Gemeinde. Na, Kumpel, wie siehst
aus, alles OK, Kopf wieder klar?

Jonas: Danke der Nachfrage. Jonas war wieder der
alte, nur die Beine waren noch ein bißchen
wacklig. Aber ich hatte ja Hilfe. Und während
Amos, Debora und Obadja mir unter die Arme
griffen, ließ ich meinen Kopf arbeiten. Ich
erinnerte mich. Die Sache hatte gestern
angefangen, am 15. Februar 2011, nachmittags. Ich
saß in meinem Büro plus Apartment und drehte
Däumchen, darin hab ich Übung, und wie ich gerade
überlegte, ob ich meinen Aktionsbereich nicht
verlegen sollte, ins Casablanca, da tauchte doch
tatsächlich ein Mensch auf, der einen Detektiv
brauchte. Eine Frau, Paula Janssen, an die 60, Typ
arm aber ehrlich, Kleidung sauber, verschossen,
rührend unmodern, Gesicht sympathisch und leicht
verhärmt, das hatte seinen Grund.

Janssen: Meine Beziehung, Bezugsperson, wie immer
Sie das nennen wollen, mein Freund.

Jonas: Ich höre, Frau Janssen. Was ist mit Ihrem
Freund?

Janssen: Er ist verschwunden, Herr Jonas, vermißt.

Jonas: Waren Sie bei der Polizei?

Janssen: Ja, aber die haben nur gelacht, weil
Jaromir viel jünger ist als ich.

Jonas: Jaromir heißt ihr Freund.

Janssen: Ja. Ein schöner Name.

Jonas: Jeder Name ist schön, der mit J anfängt.
Nur Jaromir?

Janssen: Nein. Dort. Jaromir Dort.

Jonas: Schade. Aber wo kämen wir hin, wenn wir
alle nur einen Namen hätten. Wie alt ist er?

Janssen: Jaromir? 27.

Jonas: Die Polizei denkt, er ist Ihnen
weggelaufen. Und was denken Sie, Frau Janssen? Ist
er weggelaufen?

Janssen: Aber nein, Herr Jonas, bestimmt nicht, er
hing, er hängt sehr an mir. Wir hängen sehr
aneinander.

Jonas: Trotzdem ist er weg. Wann?

Janssen: Vor genau einer Woche, am 8. hat er sich
von mir verabschiedet, gleich nach dem Frühstück.

Jonas: Er hat sich verabschiedet?

Janssen: Ja, nach 2 Tagen spätestens kommt er
zurück, hat er gesagt, zurück zu mir, er wollte
nur mal kurz nach Nirwana fahren, weil er sich so
für den großen Guru Ganesh und seine Lehre
interessiert hat, und dann ist er nicht
zurückgekommen, und er hat sich auch nicht
gemeldet, und da fing ich an mir Sorgen zu machen,
ich bin zur Polizei gegangen, aber die wollten
nichts tun, und darum bin ich jetzt hier, bei
Ihnen, Herr Jonas.

Jonas: Jonas. Letzter Detektiv und letzte Instanz.
Wie so oft. Aber hier konnte ich kaum helfen.
Gurus und Sekten liegen mir nicht, ein Detektiv
soll wissen, nicht glauben. Was wußte ich über
Ganesh: Vor gut einem halben Jahr war er in
Babylon zum ersten Mal aufgetreten, vorher soll er
Werbemann gewesen sein bei einer großen Firma, und
plötzlich sah er Licht, aus dem Orient, das Licht
kommt immer aus dem Orient, er stieg aus, nannte
sich großer Guru Ganesh und fing an zu predigen,
und als er einige hundert Jünger gesammelt hatte,
ihr Geld vermutlich auch, tat er das, was vor ihm
schon viele Sektierer getan hatten, er verließ
Babylon und ging in die Wildnis, mit seinen
Ganeshis, und da übernahmen sie ein verlassenes
Kloster und gaben ihm den schönen Namen Nirwana.

Janssen: Bitte, Herr Jonas, gehen Sie nach
Nirwana, finden Sie Jaromir, bringen Sie ihm mir
wieder.

Jonas: Falls er in Nirwana ist, Frau Janssen.

Janssen: Das hat er doch gesagt.

Jonas: Und falls er zu Ihnen zurückkommen will.
Falls nicht, bleibt er da. Mit Gewalt bring ich
Ihren Freund nicht nach Babylon. Jonas ist kein
Deprogrammierer.

Janssen: Bitte, Herr Jonas, Jaromir will zurück zu
mir, das weiß ich. Helfen Sie ihm, er wird in
Nirwana festgehalten.

Jonas: Möglich. Da ist noch ein kleines Problem,
Frau Janssen.

Janssen: Ja, Herr Jonas?

Jonas: Mein Honorar.

Janssen: Oh ja, natürlich, ich habe nicht viel,
Herr Jonas, aber, aber für Jaromir, bitte, 50
Euros, das wird doch reichen?

Jonas: 90 Euros pro Tag und Spesen, das ist mein
Satz, aber ich hatte heute meinen karitativen Tag.
Weil Paula Janssen mir leid tat, weil ihre Chancen
schlecht standen, und weil alles andere besser ist
als Däumchen drehen. Ich nahm die 50 Euros, ließ
mir den entschwundenen Jaromir Dort beschreiben
und versprach, gleich am nächsten Morgen nach
Nirwana zu fahren und mich umzusehen. Worauf meine
Klientin getröstet abzog, nachdem sie mir Adresse
und Fonnummer gegeben hatte. Und ich setzte meinen
Computer auf den neuen Fall an.

Sam: Nirwana, o du mein Kleinod in der Lotosblüte,
das Nichts.

Jonas: Ach ja?

Sam: Das Ende jedweden Verlangens.

Jonas: Von mir aus, Sammy.

Sam: Die Erfüllung des Seins im Nichtsein.

Jonas: Sehr tiefsinnig, Sam, aber...

Sam: Sam kennt noch viel tiefsinnigere Sprüche, o
Nabel des Weltalls. Wie weit schießt ein Bogen
ohne Sehne? Wie klingt eine Hand die klatscht.
Oder die Story von Achill und der Schildkröte.

Jonas: Will ich alles gar nicht wissen, Sam.
Nirwana.

Sam: Om manipadmeum. Om om om.

Jonas: Om. Schluß jetzt. Was weißt du über das
Exkloster Nirwana?

Sam: Wenig, euer Gestrengen.

Jonas: Also manchmal frag ich mich wirklich, wozu
ich einen Computer habe.

Sam: Von nichts kommt nichts, wie der weise
Bosequo zu Bemerken pflegte. Keine Informationen
über Nirwana in den allgemein zugänglichen
Dateien.

Jonas: Auch nicht in den Medien?

Sam: Auch nicht in den Medien, Herr
Großinquisitor.

Jonas: Merkwürdig, wo die so gern was über Sekten
bringen.

Sam: Sieht fast nach Maulkorb aus, was Bonzo. Und
auch dies ist merkwürdig: In Nirwana befindet sich
ein Kollege.

Jonas: Ein Detektiv?

Sam: Nicht doch, euer Egozentrik. Eine höchst
effiziente Computergroßanlage, abgeschirmt und
codiert. Weshalb Sam über Aktivität und Funktion
bedauerlicherweise nichts mitzuteilen weiß.

Jonas: Nirwana. Das Nichts. Weißt du wenigstens,
wie ich hinkomme, Sam?

Sam: Zu dienen, der Herr: Mit der Druckluftbahn
vulgo Sardinenbüchse von Babylon nach Eden.

Jonas: Eden, das kenn ich, dieses miese kleine
Nest am Rand der Wildnis.

Sam: Von Eden bis Nirwana sind es noch genau 19,
374 km, welche Strecke eure Durchtrainierte auf
zweierlei Weise hinter sich bringen kann: zu Fuß.

Jonas: Vielen Dank, Sammy, muß nicht sein.

Sam: Oder im geliehenen Elektromobil.

Jonas: In Eden gibt’s an die 1000 Einwohner, meist
Übrigbleiber, an die hundert Häuser, alle häßlich,
an die 10 Läden und 1 Mobilverleih am Stadtrand,
an der Straße nach Nirwana, aber im Verleih gab’s
kein Elektromobil, sagte mir jedenfalls der fette
Besitzer, als ich am nächsten Vormittag
aufkreuzte.

Tinnef: Alle unterwegs, tut mir ausgesprochen
leid, mein Herr, aber es ist jetzt äh, 5 nach 11,
jede Sekunde müßte eins zurückkommen, wenn sie
solange warten wollen.

Jonas: Wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben.

Tinnef: Darf ich Ihnen während Sie warten, etwas
zu trinken anbieten, mein Herr.

Jonas: Hhm, das hört man gern. Was gibt's denn so
bei Ihnen?

Tinnef: Whisky.

Jonas: Oh, Sie sprechen ein großes Wort gelassen
aus. Synthetisch nehm ich an.

Tinnef: Aber wo denken Sie hin, mein Herr. Echt.

Jonas: Gut.

Tinnef: Aus Schottland.

Jonas: Sehr gut.

Tinnef: Old Forester.

Jonas: Meine Marke. Immer besser.

Tinnef: Auf Kosten des Hauses, versteht sich.

Jonas: Das ist das beste.

Tinnef: Die Hausbar befindet sich in den hinteren
Räumlichkeiten. Wenn ich Sie bitten dürfte, mir zu
folgen, mein Herr.

Jonas: So viel Großzügigkeit hätte mich
mißtrauisch machen müssen. Und ich wurde auch
mißtrauisch. Leider erst, als es zu spät war. Als
ich den ersten Whisky intus hatte und mein
Gastgeber mir den zweiten anbot. Aber da ging es
schon los. Die Wände des Zimmers fingen an zu
verschwimmen, es wurde dunkel und ich war
plötzlich Sam Spade im Malteser Falke, bis ich
wieder zu mir kam, teilweise wenigstens, und mich
benommen in die Wildnis rettete und bis die drei
Übrigbleiber mich auflasen, sie brachten mich
zurück nach Eden. Sie wollten mich bei sich
behalten, damit ich mich ausruhen konnte, ich
lehnte dankend ab, ich war wieder in Ordnung,
einigermaßen, ich wollte zurück nach Babylon. Aber
vorher hatte ich noch eine Kleinigkeit in Eden zu
erledigen.

Jonas: Sieh an, verkrümelt hat er sich, der fette
Mobilverleiher.

Sam: Ja was hast du denn gedacht, du Torfkopp? Daß
er wartet, bis wir aufkreuzen und ihn nach seinem
ulkigen Whisky fragen.

Jonas: Was war da drin, Sammy?

Sam: Im Whisky, euer Hochprozentigkeit? Sam
vermutet ein starkes Halluzinogen von bisher
unbekannter Zusammensetzung.

Jonas: So, uns weshalb meinst du, hat man das
ausgerechnet mir eingetrichtert?

Sam: Unzureichende Daten, o ungeduldiger Jonas.

Jonas: Ob das was mit dem Fall Jaromir Dort zu tun
hat?

Sam: Und abermals unzureichende Daten. Oder auch:
Ein Narr fragt mehr als ein Computer beantworten
kann, Mann.

Jonas: Wie auch immer, ich hatte das Gefühl, ich
sollte Paula Janssen kontakten, und das tat ich
auch, sobald ich wieder zu Hause war. Das heißt,
ich versuchte es, aber als ich ihre Fonnummer
anrief, erlebte ich eine Überraschung.

Fonrobot: Hier ist die zentrale Leichenhalle,
angeschlossen sind das pathologische Institut
sowie das städtische Leichenschauhaus.

Jonas: Was?

Fonrobot: Wir sind immer für Sie da. Was können
wir für Sie tun? Bitte sprechen Sie. Piep. Hier
ist die zentrale...

Jonas: Falsche Fonnummer, und die Adresse.

Sam: Auch falsch, euer Ehren, der Fall nimmt
ungeahnte Dimensionen an, um nicht zu sagen,
Komplikationen.

Jonas: Die Geschichte, die sie mir erzählt hat,
ist sicher auch falsch.

Sam: Ein Rührstück hat sie eurer großzügigen
Naivität vorgespielt, einen Tränendrücker, wie man
sich in theatralischen Kreisen auszudrücken
pflegt.

Jonas: Vorgespielt. Theater. Ich weiß was, Sammy.

Sam: Lino Madras.

Jonas: Lino Madras. Wozu sind die Nachbarn da.

Sam: Wozu sind die Nachbarn da. Zum Fragen.

Jonas: Lino Madras haust zwei Stockwerke unter
mir, und Lino Madras gehört die größte Agentur für
Kleindarsteller in ganz Babylon. Er machte gerade
Teepause und war gern bereit, mir im Holobild
vorzuführen, was er einschlägig anzubieten hatte,
weiblich, um die 60, geeignet für Sprechrolle,
Spezialität Rührstück.

Lino Madras: Die?

Jonas: Nein.

Lino Madras: Und äh die?

Jonas: Lassen Sie mal das Bild stehen, Lino, hmh,
doch könnte sein.

Lino Madras: Paula Johanson.

Jonas: Das ist sie. Haben Sie ihr in den letzten
Tagen was vermittelt, Lino?

Lino Madras: Moment, äh, nein, hier steht nichts,
vielleicht eine andere Agentur.

Jonas: Wo wohnt sie?

Lino Madras: Tulpenstraße 90, das ist draußen in
Blumenthal.

Jonas: Danke Lino, bis bald mal.

Jonas: Blumenthal ist eine grundsolide Vorstadt,
Apartment-Units, 20 bis 30 Quadratmeter, sauber
nebeneinander gestapelt, so weit das Auge reicht,
eine Gegend, wo die Leute sofort Holonews anrufen,
wenn der Hund des Nachbarn auf die Straße pinkelt,
das heißt sie würden, wenn es noch Hunde gäbe.
Paula Johanson alias Janssen war zu Hause, hinter
ihrer Haustür, und die machte sie nicht auf.

Janssen: Was wollen Sie? Wer sind Sie?

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Janssen: Oh. Gehen Sie weg.

Jonas: Gerne, wenn Sie mir eine Frage beantworten.

Janssen: Nein, gehen Sie weg.

Jonas: Wer hat Sie zu mir geschickt? Wenn Sie
wollen, daß Ihre Nachbarn mithören, dann lassen
Sie die Tür nur zu. Wer hat Sie engagiert, wer
bezahlt Sie dafür, daß Sie Lügengeschichten
erzählen?

Janssen: Nicht so laut, bitte.

Jonas: Sie sind eine Schwindlerin, Paula Johanson.
Ein paar Gardinen bewegen sich schon.

Janssen: In Gottes Namen. Kommen Sie rein.

Jonas: Wie die Wohnung einer Schauspielerin
aussehen sollte, weiß ich nicht, so hatte ich sie
mir jedenfalls nicht vorgestellt, sauber,
pingelig, langweilig, alles auf Kante und von der
Stange. Mit einer Ausnahme. Paula Johanson hatte
Bücher, echte alte Bücher mit gedrucktem Text, ein
ganzes Regal voll.

Jonas: Eine richtige Sammlung.

Janssen: Meine einzige Leidenschaft, jedes Buch
habe ich mir vom Munde abgespart.

Jonas: Alte Bücher sind teuer, ich weiß. Wer hat
Sie engagiert?

Janssen: Das äh, das darf ich nicht sagen.

Jonas: So.

Janssen: Was tun Sie da?

Jonas: Sehen Sie doch, ich zerreiße Ihr Buch.

Janssen: Oh.

Jonas: Wer hat Sie engagiert.

Janssen: Hören Sie auf, hören Sie sofort auf.

Jonas: Wenn Sie mir sagen, was ich wissen will.

Janssen: Bitte, bitte. Ich sage es Ihnen. Es war
Frau Direktor Astoria Waaldorf von Multipharm.

Jonas: Frau Direktor Astoria Waldorf von
Multipharm. Aus welchem Grund?

Janssen: Das weiß ich nicht. Nein, ich weiß es
wirklich nicht, Herr Jonas. Sie hat mich
angerufen, hat mich in ihr Büro bestellt, hat mir
die Rolle erklärt, mir gesagt, was ich Ihnen
erzählen soll, das ist alles, und jetzt gehen Sie,
bitte gehen Sie.

Jonas: Ich war nicht stolz auf mich, aber was
hätte ich tun sollen. Meine einzige Alternative
war, Paula Johanson zu beschädigen, und da sei der
Ehrenkodex des Detektivs vor. Dann schon lieber
ein Buch. Allerdings, wenn es ein Krimi gewesen
wäre, womöglich noch von Chandler oder Hammett,
hätte ich mir wohl was anderes einfallen lassen.
Multipharm ist der größte Arzneimittelhersteller
in Babylon, darum ist die Multipharm-Zentrale rund
wie eine Pillenschachtel und hoch wie die
Gewinnspanne der Aktionäre, sie liegt am Hendrick-
August-Platz, gegenüber dem Chips-Gebäude
unseligen Angedenkens, keine gute Gegend für
Jonas.

Portier: Halt, wohin wollen Sie?

Jonas: Zum Lift und dann ins oberste Stockwerk.

Portier: So, ins oberste Stockwerk. Zu wem?

Jonas: Waldorf, Direktorin in Ihrem Verein.

Portier: Sie brauchen mir nicht zu erklären, wer
Frau Direktor Waldorf ist, ich weiß, wer Frau
Direktor Waldorf ist, ich weiß aber nicht, wer Sie
sind, hauen Sie ab.

Jonas: Das hatte mir gefehlt. Ein mysteriöser
Auftrag, Gurus, Halluzinationen, sowas fällt aus
dem Rahmen, und was aus dem Rahmen fällt, macht
mich nervös, aber ein sturer Portier ist normal,
stinknormal, das tägliche Brot des Detektivs, ein
Routineproblem. Der Experte macht das mit links.

Portier: Haben Sie nicht gehört? Hauen Sie ab.

Jonas: Sie hauen ab, Freundchen zum nächsten Fon,
Sie rufen Frau Waldorf an, Sie sagen hier, Jonas
ist hier, nur Jonas, und dann machen Sie mir einen
tiefen Diener und bitten mich in den Lift.

Portier: Ehrlich, also das ist nicht fair. Sie
halten sich nicht an die Spielregeln.

Jonas: Was für Spielregeln?

Portier: Wissen Sie doch. Ich sage, hauen Sie ab,
und Sie geben mir 20 Euros.

Jonas: Haha, 20 halte ich für übertrieben.

Portier: Na, 10 und ich gucke weg.

Jonas: Da ist das Fon.

Portier: 5 Euros.

Jonas: Nicht einen einzigen.

Jonas: Das Vorzimmer von Frau Direktor Waldorf war
ausladend wie ein Ballsaal und protzig wie Ali
Babas Schatzhöhle: alte Teppiche, Gobelins, echte
Bilder, Möbel aus Holz, und ein 1a Superdelux-
Privatsekretär, ein richtiger Mann, Macker, so was
wie Tarzan, Leopardenfall um den Bauch und mit
Gebrüll durch den Urwald, nur daß er kein Fell
trug, sondern einen konservativen grauen
Bürooverall und er brüllte auch nicht, er gab
Jonas in elegant modulierter Diktion zu verstehen,
was er von ihm hielt.

Humbert: Wie sagten Sie doch gleich, sei Ihr Name?

Jonas: Ich habe gar nichts gesagt, aber wenn es
Sie so brennend interessiert. Jonas.

Humbert: Aha. Und weiter?

Jonas: Nichts weiter. Nur Jonas.

Humbert: Nur Jonas. Auf was für Ideen die Leute
manchmal kommen. Sie haben keinen äh Termin bei
Frau Direktor?

Jonas: Doch.

Humbert: Nein, Sie stehen nicht auf der Liste.

Jonas: Das macht nichts, Sie gestatten.

Humbert: Nicht doch, das ist die höchstpersönliche
Leitung von Frau Direktor.

Waldorf: Ja, Humbert?

Jonas: O Humbert heißen Sie, auf was für Ideen die
Leute manchmal kommen. Frau Waldorf, Jonas hier,
der Privatdetektiv, Sie wissen schon, Sie wollen
mit mir reden.

Waldorf: Will ich das? Humbert?

Humbert: Frau Direktor?

Waldorf: Bringen Sie Herrn Jonas zu mir.

Jonas: Na endlich. Frau Direktor Waldorf war
bereit, die Strahlen ihrer höchst-persönlichen
Gegenwart über Jonas leuchten zu lassen, in ihrem
höchstpersönlichen Chefzimmer, wo sie mir
höchstpersönlich zunickte und auf einen Sessel
zeigte.

Waldorf: Nehmen Sie Platz, Herr Jonas, und Sie
Humbert, Sie können jetzt gehen. Schlafen Sie sich
mal richtig aus, damit Sie morgen früh nett und
adrett aussehen.

Humbert: Jawohl Frau Direktor.

Waldorf: Ach und Humbert, diese graue Kluft lassen
Sie in Zukunft zuhause, grau steht Ihnen nicht.
Sie sollten nur heitere Farben tragen, rose, pink,
so möchte ich Sie sehen.

Humbert: Jawohl, Frau Direktor, auf Wiedersehen
Frau Direktor und noch einen schönen Abend, Frau
Direktor.

Waldorf: Jaja, wiedersehen Humbert. Johansen hat
mich angerufen, die Schauspielerin, Sie waren ja
recht rüde zu ihr und zu meinem guten Humbert
auch.

Jonas: Finden Sie. Sie sollten mich mal erleben,
wenn ich wirklich rüde bin.

Waldorf: Ja, das ließe sich bei Gelegenheit
arrangieren. Da haben Sie also tatsächlich zu mir
gefunden, Jonas. Sie haben Zeit aufgewendet und
Mühe.

Jonas: Ein bißchen.

Waldorf: Das wäre doch gar nicht nötig gewesen.
Ich hätte mich ohnehin mit Ihnen in Verbindung
gesetzt. Immerhin bin ich um drei Ecken Ihre
Auftraggeberin. Aber Sie konnten es nicht
abwarten. Wollen Sie was trinken?

Jonas: Danke.

Waldorf: Nicht? O, das überrascht mich.

Jonas: Mich auch, aber ich habe in letzter Zeit
schlechte Erfahrungen gemacht.

Waldorf: Hmh ja, wie Sie wollen, Jonas. Dann
kommen wir also trocken zur Sache, das heißt zu
Luzinon kurz für Halluzinogen das ist ein neues
Produkt von Multipharm, eine Wunderdroge, sagt
unser zahmer Professor, das größte seit Valium.

Jonas: Nie was von gehört.

Waldorf: Das können Sie auch nicht, Jonas. Luzinon
wird erst später auf den Markt kommen, zur Zeit
ist es noch im Versuchsstadium und darum geht es.

Jonas: Was?

Waldorf: Ja alles. Nirwana, der große Guru Ganesh,
Paula Johnson, der fiktive Herr Dort, ihr ganzer
Fall Jonas.

Jonas: Ich habe einen Fall.

Waldorf: Ja, das hoffe ich doch sehr. Wir würden
uns freuen, wenn Sie auch in Zukunft für uns
arbeiten, für Multipharm und für mich. Wollen Sie,
Jonas?

Jonas: Ich denk darüber nach.

Waldorf: Gut. Luzinon, die endgültige
Bewußtseinsdroge, die induzierte und kontrollierte
Halluzination. Wirklicher als die Wirklichkeit,
und besser. Sie sind unzufrieden mit sich selbst
und dem grauen Alltag, nehmen Sie Luzinon, Luzinon
öffnet Ihnen die 1001 bunte Welt der Fantasie, Sie
haben die freie Wahl, seien Sie, wie Sie sein
wollen und wer Sie sein wollen, Kaiserin oder
König, Musketier oder Amazone, Messalina, Don
Juan, der Held oder die Heldin ihrer
Lieblingsholoserie.

Jonas: Sam Spade im Malteserfalken.

Waldorf: Kenn ich nicht. Neu?

Jonas: Nicht so wichtig. Erzählen sie weiter.

Waldorf: Also, bei Luzinon gibt es keine bösen
Überraschungen, keine Unschärfen, keine
Nachwirkungen wie bei LSD und ähnlichen Drogen,
was Sie erleben ist logisch real dreidimensional,
wie Holo, aber mit einem ganz entscheidenden
Unterschied: Sie sind mitten in der Story, Sie
spielen mit, Sie spielen die Hauptrolle, Sie sind
die Hauptrolle, das ist Luzinon, ihr ganz
persönliches Glück, das Sie kaufen können.

Jonas: Klingt fantastisch.

Waldorf: Die reine Wahrheit.

Jonas: Fantastisch. Und problematisch. Sehr
problematisch sogar.

Waldorf: Ein wahres Wort, Jonas, wir haben in der
Tat noch einige Probleme mit Luzinon, allgemein
pharmakochemische Probleme, toxikologische,
technische, ökonomische.

Jonas: Und moralische.

Waldorf: Sie meinen juristische, also darum
kümmert sich die Rechtsabteilung. Also wie gesagt
noch ein paar Ecken und Kanten, und bevor wir
Luzinon auf den Markt bringen, müssen die
natürlich abgeschliffen werden. Frage wie.

Jonas: Ich bin sicher, Sie wissen die Antwort.

Waldorf: Durch einen Versuch selbstverständlich,
durch einen langfristigen umfassenden Großversuch,
ein so neuartiges und ungewöhnliches Produkt wie
Luzinon muß gründlich getestet werden, auf Herz
und Nieren geprüft, auf alle seine Möglichkeiten
durchgecheckt.

Jonas: Interessant.

Waldorf: Und dazu braucht man eine größere Anzahl
von Versuchspersonen, einen ganz spezifischen
Querschnitt durch die Gesamtbevölkerung, Menschen
mit psychischen Eigenschaften, die sie besonders
empfänglich für Luzinon machen, Menschen die
leicht und gerne glauben, die selbstgewählten
Autoritäten blind vertrauen und Außenlenkung
problemlos akzeptieren.

Jonas: Verstehe ich.

Waldorf: Neue Frage: Wie kommt man an solche
Versuchspersonen. Die üblichen Mittel,
Computernetzumfragen usw. erschienen uns wenig
zweckmäßig, zu langwierig, zu umständlich.

Jonas: Zu teuer.

Waldorf: Auch das. Und da, vor sieben, acht
Monaten kam Tommy Tinnef auf eine grandiose Idee.
Tommy Tinnef junior, Sohn von Senator Tinnef,
stellvertretender Leiter unserer Werbeabteilung.

Jonas: Sehr erfreut.

Waldorf: Das ideale Versuchskaninchen sagte sich
Tommy Tinnef, ist der gläubige Mensch, der
Saniassi, der Muni, der Sektenmensch, und Tommy
entwickelte einen Plan, einen ungewöhnlichen Plan,
und er setzte ihn durch, gegen den Widerstand
unserer etwas altmodischen Herrschaften im
Aufsichtsrat. Multipharm gab schließlich das OK.
Tommy Tinnef verwandelte sich in den großen Guru
Ganesh.

Jonas: Ach.

Waldorf: Ein guter Werbemann ist auch ein guter
Sektenchef, Tommy hatte Zulauf, er ließ seine
Jünger durch unsere Computer laufen, suchte sich
die aus, die für den Test in Frage kamen, in der
benötigten Zahl, zog in die Wildnis und gründete
Nirwana.

Jonas: Mit dem Geld von Multipharm.

Waldorf: Natürlich.

Jonas: Als Versuchslabor, als Spielwiese.

Waldorf: Sagen wir doch lieber als Testmarkt, als
Möglichkeit, Luzinon unter realen Bedingungen
durchzutesten. Die Sache kam gut ins Rollen, Tommy
überwachte die Versuchsreihen und gab uns laufend
die Ergebnisse durch, alles bestens, aber dann.

Jonas: War plötzlich der Wurm drin.

Waldorf: Wenn Sie es so ausdrücken wollen ja.

Jonas: Was war los?

Waldorf: Ja das wissen wir nicht. Die Verbindung
ist unterbrochen, seit einer Woche meldet sich
Nirwana nicht mehr, wir haben zwei Tage gewartet
und dann ein paar Leute vom Werkschutz
hingeschickt, aber die sind nicht zurückgekommen.
Und wir haben uns an einen Experten gewandt.

Jonas: An Jonas.

Waldorf: An Jonas. Es war gar nicht so einfach.
Bekanntlich arbeitet Jonas ja nicht gern für
Großfirmen.

Jonas: Aus gutem Grund, seit der Sache mit Chips
Inc, als man mir den Mord an Big Boss anhängen
wollte. Deshalb haben Sie's hintenrum versucht mit
einer Schauspielerin und einer rührseligen
Geschichte.

Waldorf: Weil Jonas bekanntlich eine sentimentale
Ader hat.

Jonas: Und Jonas ist voll auf Ihren Tränendrücker
abgefahren.

Waldorf: Dann waren Sie also schon in Nirwana.

Jonas: Nein, sagte ich. Und ich erzähle ihr kurz,
was mir passiert war. Der Mobilverleih in Eden,
der Whisky, die Halluzinationen. Jonas als Sam
Spade im Malteser Falken und die Folgen.

Waldorf: Luzinon, gar keine Frage, Jonas, in ihrem
Whisky.

Jonas: Old Forrester, schade um den guten Stoff.

Waldorf: Sie sollten sich freuen. In Nirwana geben
wir Luzinon ins Trinkwasser.

Jonas: Keine Nachwirkungen, haben Sie gesagt. Da
muß ich ihnen als unfreiwilliges Versuchskaninchen
entschieden widersprechen. Das Zeug hat
Nachwirkungen und was für welche.

Waldorf: Ja, wenn Sie auch eine Überdosis
schlucken. Man hat Sie also abgefangen.

Jonas: Man? Wer?

Waldorf: Woher soll ich das wissen.

Jonas: Man hat mich abgefangen, das heißt, man hat
mich erwartet, und man wußte, wer ich bin, weshalb
sonst die alte Hammett-Geschichte, die kaum ein
Mensch mehr kennt. Man wollte mich ausschalten.
Das ist nicht gelungen. Man hat mich nur
kurzfristig lahmgelegt.

Waldorf: Sie wollen es also noch einmal versuchen.

Jonas: Ich wollte. Ein Schuß aus dem Bauch, nicht
mit dem Kopf. Was Multipharm da in Nirwana
durchzog, gefiel mir ganz und gar nicht. Aber
Jonas legt Wert darauf, eine angefangene Sache
zuende zu bringen. Außerdem war ich sauer, ich
wollte wissen, wer mich unter Luzinon gesetzt
hatte und warum, und dabei wollte ich Multipharms
Großversuch ein bißchen lahmlegen, wenn es sich
irgend machen ließ. Aber das sagte ich natürlich
nicht. Ich sagte nur ja.

Waldorf: Ich hatte es gehofft Jonas. Nur deshalb
hab ich Sie ja so ausführlich über die
Hintergründe informiert. Damit sie diesmal eine
bessere Ausgangsposition haben. Sie werden also
nach Nirwana gehen und feststellen, was da los
ist, warum die Kommunikation unterbrochen wurde.
Das ist unser Auftrag an Sie. Und Sie werden
selbstverständlich stillschweigen bewahren über
das, was ich Ihnen gesagt habe und was Sie in
Nirwana sehen werden. Unser Luzinontest ist
möglicherweise ein ganz klein wenig außerhalb der
strikten Legalität. Und auch wenn wir bei
Multipharm uns keine großen Sorgen wegen der
Behörden machen, legen wir doch Wert darauf, daß
Firmeninterna nicht an die große Glocke gehängt
werden. Wir verstehen uns.

Jonas: Vollkommen.

Waldorf: Sehr schön. Geld spielt keine Rolle. 200
pro Tag und ein unlimitiertes Spesenkonto.

Jonas: Klingt gut. Äh kann ich mir einen
Hubschrauber mieten?

Waldorf: Ja wenn sie ihn brauchen, Jonas. Ich
lasse Humbert morgen früh den Vertrag ausfertigen
und ihrem Computer durchgeben.

Jonas: Vergessen Sie den Hubschrauber nicht.

Waldorf: Ist das nötig? Sie haben doch meine
Zusage.

Jonas: Der Hubschrauber muß in den Vertrag. Darauf
bestehe ich.

Waldorf: Trauen Sie uns nicht, Jonas?

Jonas: Natürlich traute ich Multipharm nicht, aber
das war nicht der Grund für meine Sturheit. Der
Hubschrauber kam in den Vertrag, davon konnte ich
mich am nächsten Morgen überzeugen. Erst danach
holte ich meinen alten Kampfanzug aus dem Schrank,
2005 hatte ich ihn weggehängt, nach dem
antarktischen Krieg, und seitdem nur einmal
benutzt, im letzten Jahr, als Judith entführt
worden war. Ich hatte so ein Gefühl, daß ich ihn
in Nirwana brauchen könnte. Am späten Nachmittag
flog ich den Hubschrauber in niedriger Höhe über
Eden und weiter über die Wildnis, bis ich eine
geeignete Stelle unter mir sah, eben und
abgeschirmt durch Hügel und Geröllhaufen, etwa 5
km vor Nirwana, außer Sichtweite, da setzte ich
auf. Ich zog den schwarzen Guerillaanzug an und
wartete. Ich wartete bis es dunkel wurde, dann
stieg ich aufs mitgebrachte Fahrrad, eine halbe
Stunde strampeln und ich war da. Nirwana, ein
großes Rechteck, 100 mal 200 Meter, drumrum eine
hohe Mauer, keine Fenster, ein verrammeltes Tor,
auf der Mauer ein paar Lampen, Stimmen, Bewegung.
Ich überlegte. Computer Sam, immer und überall
dabei, half mir auf seine Weise.

Sam: Na, was ist, großer Zampano, steh nicht rum
wie ein Loch in der Landschaft. Geh endlich die
Wand hoch.

Jonas: Mit dem Vakuumsauer meinst du.

Sam: Ja.

Jonas: Wie damals auf Swartcliff?

Sam: Ja.

Jonas: Diesmal nicht, Sammy, zu riskant. Auf der
Mauer sind lauter Wachen und die warten alle auf
Jonas, wenn ich auch annehme, daß sie eher nach
oben sehen.

Sam: Von wegen Hubschrauber. Trebien. Da der Weg
oben drüber nicht praktikabel erscheint, versuchen
es Monsieur vielleicht unten durch. Wie spricht
der Weise: Jede Mauer hat ein Loch.

Jonas: Auch ein Guru geht irgendwann auf den
Lokus.

Sam: Und irgendwo ist immer ein Abwasserkanal.
Durch Nacht zum Licht.

Jonas: Ich schlich und suchte, und schließlich
fand ich, mit meinem Infrarotglas und vor allem
mit meiner Nase. Nicht lange nachdenken, Luft
anhalten und durch. Und wo kam ich raus, natürlich
in der Latrine, zum Glück war keiner drin.

Sam: Das Ziel heiligt die Wege. Mein Meister
befindet sich nunmehr in Nirwana, das ist die
Hauptsache. Wie er dorthin gelangt, spielt keine
Rolle.

Jonas: Für dich nicht, Sammy. So, jetzt kann ich
mich wieder riechen.

Sam: Hat es nicht fast den Anschein als zeige euer
spelunkologische Exzellent einen unbewußten Hang
zu unterirdischen Gegebenheiten, zum penetrieren
enger dunkler Gänge oder zum ausgiebigen
Aufenthalt im Ausgeschiedenen. Wie war es denn in
Kusbekistan, im Reservat, auf Swartcliff, im
Mastdarm von Babylon etc. etc.. Wenn sich ein
Psychoanalytiker das mal vornimmt. Hahaha,
Analfixation ist das mindeste.

Jonas: Deine Sorgen möchte ich haben, Sam.

Sam: Hat Sam dies als Befehl zu verstehen, o
Meister der unpräzisen Formulierung?

Jonas: Laß den Blödsinn. Sag mir lieber, wie's
weitergeht.

Sam: Der heimliche und wie zu vermuten steht
unwillkommene Besucher wird stets gut daran tun,
sich einen möglichst umfassenden Überblick zu
verschaffen. Kleiner Fernkurs für Detektive, erste
Lektion.

Jonas: Steht da auch drin, wie man das macht.

Sam: Durchs Fenster, eure mangelhafte
Orientiertheit, hahaha, und wie's der Zufall will,
da ist eins, Innenwand rechts, bitte nur
näherzutreten, Sir.

Jonas: Eine große Voliere voller Kanarienvögel,
das war mein erster Eindruck. Im weiten Innenhof
wimmelte es von Menschen in leuchtend gelben
Umhängen, sie lagen, sie saßen, sie knieten, die
meisten liefen herum, den Kopf im Nacken und
starrten zum Himmel, sie hatten viel Platz, alle
Gebäude lagen am Rand, im Schatten der Mauer, der
Innenhof war unbebaut, mit einer Ausnahme, genau
in der Mitte stand ein massiver grauer Kasten,
offensichtlich ein Neubau, und in den Kasten
liefen von allen Seiten Kabel, von den
Holokameras, Mikrophonen und Sensoren rund um den
Hof, sie waren überall.

Jonas: Nur nicht in der Latrine.

Sam: Lobe den Herrn.

Jonas: Das Ding in der Mitte dürfte das
Hauptquartier sein.

Sam: Präziser die zentrale Testüberwachungs- und
Leitungsstelle, allwo er sitzet wie die Spinne im
Netz, der große Guru Ganesh.

Jonas: Alias Tommy Tinnef. Gehen wir ihn besuchen,
Sammy.

Sam: Doch nicht in dieser Aufmachung, o
schreckliche schwarze Plastikgestalt.

Jonas: Besser nicht, der Anzug ist zwar
lichtabweisend und viel Beleuchtung haben sie da
draußen auch nicht, aber.

Sam: Merke: Bei seiner Arbeit sollte der Detektiv
in erster Linie danach trachten, unauffällig zu
bleiben, sich seiner Umgebung anzupassen, in ihr
aufzugehen.

Jonas: Kleiner Fernkurs, ich weiß. Ich weiß aber
auch, was ich jetzt tue.

Sam: Erzählt es mir, Graf Crux, ich bitte euch.

Jonas: Ich warte, bis es einen der Kanarienvögel
in die Latrine treibt und...

Sam: Und wie es der Zufall will, hier kommt einer,
bitte Herr Kapellmeister, waltet eures Amtes.

Jonas: Es ging schnell und problemlos, der gelbe
Vogel war kam drin, da hatte ich ihn auch schon
überredet, sich für ein Stündchen schlafen zu
legen, ein Knockouter ist ein sehr wirksames
Argument, und 5 Minuten später mischte sich Jonas
unters Volk, gelb von Kapuze bis zum Mantelsaum,
unauffällig wie ein Fisch im Wasser.

Sam: Wie eine Pizza im italienischen Restaurant,
Maestro.

Tinnef: Omanipadmehum, höret ihr Gläubigen, es
spricht Gott, euer Herr, noch ist er nicht da, der
euch verkündete Bote des Bösen, doch er wird
kommen, kommen von der Höhe, angetan mit den
Flügeln der Bosheit, umgeben vom Lärm der Sünde,
seid wachsam, haltet weiter Ausschau, und verzagt
nicht, wenn er kommt, wird Gott euch vor ihm
retten, Gott wird euch erlösen von diesem Übel und
von allen andern Übeln. Amen. Gott hat gesprochen.
Omanipadmehum.

Jonas: Hast du das gehört, Sammy?

Sam: Da Sam weder taub ist noch schwachsinnig,
vermag er die Frage seines Herrn ohne
Einschränkung zu bejahen. Sam hat gehört und
verstanden. Er weiß, wer mit dem Boten des Bösen
gemeint ist.

Jonas: Ja das ist kein Kunststück, Jonas im
Hubschrauber. Wie es ausseiht, hat Tommy Tinnef...
vom Guru zum Gott befördert.

Sam: Der große Gott Tinnef im Zentrum der Dinge,
Herr Oberkirchenrat.

Jonas: Da werden wir ihn möglichst schnell
rausholen, Sam. In dem Kasten ist eine Tür, die
ist vermutlich abgeschlossen.

Sam: Höchst unwahrscheinlich Monsignore, die
Gläubigen werden es nicht wagen, ungebeten ihrem
Gott ins Haus zu fallen. Und was meinen Herrn und
Meister betrifft, den erwartet man bekanntlich vom
Himmel hoch.

Tinnef: Aom. Aom. Omanipadmehum, höret ihr
Gläubigen, es spricht Gott, euer Herr, noch ist er
nicht da, der euch verkündete Bote des Bösen, doch
er wird kommen, kommen von der Höhe...

Sam: Sprung auf, Marsch Marsch, da eure
Göttlichkeit gerade so schön beschäftig und
abgelenkt ist.

Jonas: Die Tür war offen, dann ein Korridor, eine
zweite Tür, und dahinter das Herzstück von
Nirwana, der Kontrollraum, Röhren, Hebel,
Schalter, Datenspeicher, Tastaturen, Monitore und
ein Mikrophon, davor ein fetter blasser Mann, noch
nicht alt, im konventionellem grau: Der
Elektromobilverleiher in Eden alias Tommy Tinnef,
der Gott.

Tinnef: Amen. ...Und von allen anderen Übeln.
Amen. Gott hat gesprochen.

Jonas: Grüß Gott.

Tinnef: Was? Wie kannst du es wagen, Gottes Tempel
zu betreten, auf die Knie, hier ist heiliger
Boden.

Jonas: Regen Sie sich ab, Tommy, und lassen Sie
sich nicht irreführen durch mein gelben Aufzug,
den hab ich mir nur geborgt, Ich bin Jonas, nur
Jonas, Multipharm schickt mich.

Tinnef: Ich weiß, Gott weiß alles.

Jonas: Weil er aus Babylon informiert worden ist,
von wem, Tommy? Frau Direktor Waldorf, kann ich
mir nicht vorstellen, warum sollte sie, aber wenn
ich an Humbert denke, den gebeutelten
Privatsekretär.

Tinnef: Einer der Mühseligen und Beladenen, ich
hab ihm verheißen, daß er später nach Nirwana
kommen darf, als Vizegott.

Jonas: Eine rasante Karriere. Es war also Humbert,
der mich gleich zweimal bei Ihnen angekündigt hat,
gestern in Eden konnten Sie mich abfangen, Tommy,
weil ich keine Ahnung hatte, was gespielt wurde,
aber jetzt bin ich hier und ich nehme Sie mit,
Tommy.

Tinnef: Ha.

Jonas: Zurück nach Babylon, da können Sie Frau
Waldorf erklären, was Sie hier angestellt haben,
warum Sie sich nicht mehr bei ihr melden.

Tinnef: Gott meldet sich nicht, Gott empfängt
keine Befehle, Gott ist sich selbst genug.

Jonas: Sicher Tommy, packen Sie ihre Sachen.

Tinnef: Nennen Sie mich nicht Tommy, ich bin nicht
mehr Tommy Tinnef. Ich bin Gott. Gott.

Jonas: Wenn Sie unbedingt wollen, mitkommen müssen
sie trotzdem.

Tinnef: Ich habe ihn abgelegt den alten Adam, der
da Thomas Tinnef hieß oder großer Guru Ganesh, wie
der Schmetterling die Larvenhülle abwirft, wenn er
seine wahre Identität kennt. Hier in Nirwana, in
diesem Raum, fiel es mir vor einer Woche wie
Schuppen von den Augen, und ich erkannte, daß ich
Gott bin, denn bin ich nicht allmächtig, sie tun
nicht nur, was ich will, meine Gläubigen, sie
denken, was ich will, sie empfinden, was ich will,
sie sind glücklich oder unglücklich, ganz wie ich
es will, ich brauche nur auf diesen Knopf zu
drücken, an diesem Hebel zu ziehen, und sie sind
mir ausgeliefert. Was ist mir Multipharm, mein
Wille geschieht.

Jonas: Aber nicht mit Jonas, ich werde mich hüten,
noch mal von ihrem Whisky zu trinken. Sehen sie
her, Tommy, was ich in der Hand halte ist ein
Laserstrahler. Mein Wille geschieht.

Tinnef: Das glauben sie, soll ich Ihnen was
verraten, Luzinon wirkt auch im gasförmigen
Zustand über die Luft, ich war auf Sie
vorbereitet, Jonas, als Sie bei mir eindrangen,
hab ich eine speziell für Sie zusammengestellte
Halluzination freigesetzt. Spüren Sie es schon,
spüren Sie es, Mr. Blaine?

Jonas: Ich wollte den Laserstrahler abdrücken,
aber ich fand ihn nicht mehr, grauer Nebel zog
auf, Tommy Tinnef lachte, er war jetzt groß und
schlank, trug eine Schirmmütze, eine schwarze
Uniform, Sam war auch schwarz, er saß am Klavier
und spielte As time goes by.

Sam: You must remember this, a kiss is just a
kiss.

Jonas: Ilsa, warum war sie nicht bei mir, dann
erinnerte ich mich, sie saß schon im Flugzeug nach
Lissabon mit Victor Laszlo, Major Strasser war
empört.

Tinnef: Das Flugzeug muß aufgehalten werden, wo
ist das Telefon, aus dem Weg, Blaine, ich werde
dafür sorgen, daß sie in ein Konzentrationslager
kommen, aah!

Sam: Major Strasser ist erschossen worden,
verhaften sie die üblichen Verdächtigen.

Jonas: Sam, ich glaube, das ist der Beginn einer
wunderbaren Freundschaft.

Jonas: Immer noch dichter grauer Nebel, plötzlich
löste er sich auf, ganz schnell, und ich war nicht
mehr Rick Blaine in Casablanca, ich stand im
Kontrollraum, den Laserstrahler in der Hand, vor
mir lag Tommy Tinnef, tot. Ein Laserloch über dem
Herzen.

Jonas: Was ist passiert?

Sam: Gott Tinnef ist erschossen worden.

Jonas: Von mir.

Sam: Bzw. von Rick Blaine, dies eine hat der Ex-
Gott nämlich nicht bedacht, daß als er die euer
nostalgischen Begeisterung zugedachte
Luzinonvariante in diesen Raum strömen ließ, er
selbst sich ihr aussetzen, daß er allein durch
sein Atmen Teil der Casablanca-Halluzination
werden würde, er spielte mit als Gestapomajor
Strasser.

Jonas: Tommy Tinnefs letzte Rolle.

Sam: Und als Major Strasser wurde er erschossen,
von Rick Blaine mit dem Laserstrahler, von Jonas
mit dem Revolver.

Jonas: Etwas verwirrend, Sammy.

Sam: Doch das Resultat ist klar, o heiliger
Konfuzius: Gott ist tot, und Jonas hat eine Menge
zu tun.

Jonas: Da hatte Sam recht, und ich fing auch
gleich an. Zuerst stellte ich die Luzinonzufuhr
für Nirwana ab, keine Drogen mehr in Luft oder
Wasser, Schluß mit den Halluzinationen, Schluß mit
dem Test, dann rief ich Frau Direktor Waldorf in
Babylon an und erstattete Bericht.

Waldorf: Sie, Sie haben den Test unterbrochen, was
fällt Ihnen ein, dazu hatten Sie kein Recht,
Jonas, das wird ein Nachspiel haben.

Jonas: Ihren Luzinontest habe ich nicht
unterbrochen, Frau Waldorf, ich hab ihn
abgebrochen, für immer. Sie werden ihn nicht
wieder aufnehmen.

Waldorf: Sind Sie verrückt Jonas, wo wir schon so
viel in die Sache investiert haben. Multipharm
wird sich doch von einem, von einem Nobody nichts
vorschrieben lassen.

Jonas: Bitte, dann werde ich das tun, wovor Sie so
große Angst hatten, Frau Waldorf, Ich werde
Firmeninterna an die große Glocke hängen.

Waldorf: Nein.

Jonas: Sie wollten doch wissen, wie rüde ich sein
kann, jetzt haben sie Gelegenheit, das
festzustellen.

Waldorf: Was verlangen Sie, Jonas?

Jonas: Der Test bleibt gestoppt, Ihre Spielwiese
wird aufgelöst, die Versuchspersonen werden von
Multipharm entschädigt, großzügig, und noch was:
Sie entlassen Ihren Sekretär.

Waldorf: Humbert. Warum das? Haben Sie Ambitionen,
Jonas?

Jonas: Ich denke nicht daran. Für mich will ich
nur das vereinbarte Honorar plus Spesen.

Waldorf: Einverstanden, wir kommen nach Nirwana,
warten Sie auf uns.

Jonas: Lieber nicht. Ich traute Multipharm jetzt
noch weniger. Was ich im Kopf und im Computer
hatte, war mein einziges Druckmittel, und das
brachte ich besser aus der Reichweite von Frau
Direktor Waldorf, bis sie ihre Zusagen erfüllt
hatte. Eine Stunde später flog ich den
Hubschrauber zurück, am Horizont tauchte Eden auf.

Sam: Eden? Was wollen wir denn schon wieder in
diesem Kaff, o Herr der Lüfte?

Jonas: Landen, Sammy, und dann ein paar Tage
untertauchen, bei unseren Freunden, den
Übrigbleibern, bei Amos, Debora und Obadja, da
findet mich keiner.

Sam: Igitt. Weiß eure gastronomische Insuffizienz,
was Übrigbleiber zu speisen pflegen: Regenwürmer,
Frösche, geschmolzenen Schnee.

Jonas: Immer noch besser als Luzinon.

Sam: Apropos. Wäre es nicht erwägenswert gewesen
in Nirwana zu bleiben, Tinnefs Stelle einzunehmen
und den theokratischen Betrieb weiterzuführen, o
großer Gott Jonas, klingt doch auch nicht schlecht
ha?

Jonas: Nichts für mich. Ich bin dein Gott, Sammy,
das ist genug. Mehr als genug.

Sam: Om.

Das war Spielwiese. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Bruni Löbel, Paul Esser,
Edda Seippel, Klaus Abramowsky, Barbara Rath, Hans
Wengefeld und viele andere (Rolf Schmeske, Nino
Korda, Alexander Malachovski, Reiner Kositz). Ton
und Technik: Günter Heß und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander
Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen
Rundfunks (1986). Redaktion: Erwin Weigel.

Sie hören heute den Krimi Inselklau von Michael
Koser

Jonas: Was haben Sie verloren?

Nix: Eine Insel. Nein, Moment, das stimmt nicht.

Jonas: Hab ich mir doch gleich gedacht.

Nix: Zwei Inseln. Nein, also eigentlich drei.

Jonas: Sind Sie sicher nicht vielleicht vier?

Nix: Drei Inseln verloren. Weg. Verschwunden. Wie
finden Sie das?

Jonas: Also ich.

Judith: Laß doch, Jonas. Der Mann ist betrunken.

Jonas: Nicht doch. Betrunken ist man im
Dipsomaten. Oder im Casablanca. Aber nicht hier.
Das maritim ist ein hochfeudales Hotel. In
Westerport bei Babelshaven. Wer in der Bar vom
Maritim trinkt, ist bestenfalls angeheitert. Der
Mensch neben uns war angeheitert. Ziemlich
angeheitert. Kein Wunder, wo er doch drei Inseln
verloren hatte.

Nix: Jawohl. Drei Inseln. Weg. Und ich steh da.

Jonas: Sie sitzen, um genau zu sein. Sind Sie
fromm?

Nix: Was? Nein, nicht besonders. Warum?

Jonas: Dann könnten Sie sich an den heiligen
Antonius wenden.

Nix: Wer ist denn das? Sie da, Barmixer, Wocester
oder wie Sie heißen.

Lester. Mein Name ist Lester. Noch mal dasselbe,
der Herr?

Nix: Dumme Frage.

Lester: Sie auch, mein Herr?

Jonas: Später. Ich hab noch was drin.

Nix: Ach was. Gerade noch der Boden ist bedeckt.

Jonas: Bei den Preisen hier ist das Whisky im Wert
von 10 Euros. Mindestens.

Nix: Trinken Sie aus. Lester, bringen Sie uns drei
Doppelte. Für mich, und für den Herrn und für die
Dame.

Judith: Danke, die Dame will bald gehen. Der Herr
auch.

Jonas: Das war mir neu. Schließlich war es Judith
gewesen, die unbedingt ins Maritim wollte. Weil
sie ein stilvolles Ambiente brauchte. Zum Feiern.
Vor genau einem Jahr, im Mai 2010, hatte ich sie
aus den Fängen von Frau Professor Caligari
befreit. Auf der Insel Swartcliff, nur ein paar
Kilometer von Westerport entfernt. Ich wäre ja
lieber in den satten Sägefisch gegangen, wo die
Einheimischen ihren Korn trinken, aber da hätte
ich den Mann mit den verlorenen Inseln nicht
getroffen.

Nix: Gestatten Sie, meine Karte. Damit Sie wissen,
mit wem Sie trinken.

Judith: Jesper Nix, Assistent der Bezirksleitung
Nordmeer Mockson. Judith Delgado. Bist du soweit,
Jonas?

Nix: Freut mich sehr, und was tun Sie Frau
Delgado?

Delgado: Ich bin bei der Sicherheitsverwaltung.

Nix: Ah, Polizistin sind Sie, sieht man Ihnen gar
nicht an.

Jonas: Judith ist nicht irgendeine Polizistin. Sie
ist Hauptabteilungsleiterin in der
Sicherheitszentrale von Babylon. Ein hohes Tier.
Judith ist es gewohnt, daß andere sich nach ihr
richten, auch im Privatleben. Das weiß keiner
besser als ich, wir sind nämlich seit 2 Jahren auf
einander bezogen, miteinander befreundet, manchmal
jedenfalls, wenn wir uns nicht gerade streiten.

Judith: Kommst du Jonas?

Jonas: Es fängt gerade an mir hier zu gefallen.

Lester: Drei doppelte Glenn Limit, bitte sehr.

Nix: Ja, stellen Sie es her.

Jonas: Sie arbeiten für Moxon, Herr Nix.

Nix: Ja, größte und reichste Ölgesellschaft auf
der ganzen Welt, auf Moxon.

Jonas: Sie sind im Ölgeschäft.

Nix: Jawohl, aufs Nordmeeröl.

Jonas: Die drei Inseln, die Sie vermissen, sind
also Bohrinseln.

Nix: Ja. Ja, kluges Kind wie. Sie haben ja noch
gar nicht gesagt, wer Sie sind.

Jonas: Jonas.

Nix: Ja und?

Judith: Nur Jonas. Eine Marotte von ihm, eine von
vielen.

Jonas: Jonas. Nur Jonas, 44 Jahre alt. Groß und
kräftig von Statur, von Gemüt nostalgisch, voller
Sehnsucht nach einer guten alten Zeit, die es nie
gegeben hat. Nach der Zeit von Sam Spade, Phil
Marlowe, Lew Archer und den anderen großen
Detektiven, die es auch nie gegeben hat. Von Beruf
Detektiv. Privatdetektiv. Der letzte seines
Zeichens.

Nix: Detektiv? So was wie Sherlock Holmes?

Jonas: In etwa, nur anders.

Judith: Und vielleicht nicht ganz so gut.

Jonas: Für den Hausgebrauch reicht's.

Nix: Und wie sieht das aus, Herr Jonas, was machen
Sie so?

Jonas: Alles was meine Auftraggeber nicht selber
tun können oder tun wollen, Probleme lösen, in
Gegenden fahren, um die jeder andere einen großen
Bogen macht. Das Niemandsland, Kusbekistan, auf
mich schießen lassen, am Ball bleiben, nicht
aufgeben, suchen und finden.

Judith: Jungfrauen finden, Waisen schützen, Witwen
trösten. Ist er nicht ein richtiger kleiner Held,
unser Jonas.

Nix: Suchen und finden.

Jonas: Hm.

Nix: Auch Bohrinseln?

Jonas: Kommt darauf an.

Nix: Na ja, also.

Jonas: Waren Sie schon bei der Polizei?

Nix: Nein, lieber Gott, die Polizei, entschuldigen
Sie, Frau Delgado, war nicht persönlich gemeint.
Also wie wär's Herr Jonas, wollen Sie's versuchen?

Jonas: Wenn Sie zahlen bzw. Moxon. 90 Euros pro
Tag und Spesen.

Nix: Da muß ich erst mit der Leitung sprechen, ich
bin ja bloß Assistent und die Leit-ung ist nicht
da, keiner ist da, sind alle nach Calais gefahren,
sie wissen ja der Kanal.

Judith: Wird übermorgen feierlich eröffnet.

Jonas: Nachdem sie 25 Jahre gebuddelt haben.
Stolze Leistung.

Nix: Mich haben sie nicht eingeladen, ich muß hier
bleiben, die Stellung halten, ich hab nicht mal
Prokura.

Jonas: Och, das könnte sich sehr bald ändern, Herr
Nix. Stellen Sie sich vor, Ihr Chef kommt in drei,
vier Tagen zurück und Sie sagen ihm ganz
beiläufig, die Sache mit den verschwundenen
Bohrinseln ist geklärt, von mir, in
Eigeninitiative, und Ihr Chef sagt: Bravo, Herr
Nix.

Judith: Bravo, Jonas. Ein Jammer, daß du Urlaub
hast und keinen Auftrag annehmen kannst. Du kommst
doch bald nach? Ja?

Jonas: Judith ging, leicht angesäuert. Sie hatte
ja Recht, Jonas fischte wirklich ganz massiv nach
einem Auftrag. Warum weiß ich selbst nicht genau,
vielleicht weil ich schon seit Monaten keinen Euro
verdient hatte. Weil es mir im Maritim nicht
gefiel, weil ich mich langweilte. Weil ich noch
nie verlorene Inseln gesucht hatte. Weil Judith
was dagegen hatte und weil Herr Nix mit Vornamen
Jesper hieß. J wie Jonas.

Nix: Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Herr Jonas,
lassen wir mal die ganze Bürokratie beiseite,
Tagessätze, Tarife, Spesen usw. einigen wir uns
auf ein pauschales Erfolgshonorar.

Jonas: Wieviel?

Nix: Lösen Sie den Fall, Herr Jonas und Sie
kriegen 250 Euros bar auf den Tisch des Hauses.

Jonas: 250, nicht grade viel.

Nix: Lieber Freund, ich zahle das aus eigener
Tasche, mehr ist nicht drin.

Jonas: Einverstanden. Dann schießen Sie mal los,
Herr Nix.

Nix: Aber nicht mit trockenem Glas und trockener
Kehle, Lester, komm, 2 doppelte Glenn Limits.

Lester: Sofort mein Herr.

Jonas: Warten Sie Lester, Kommando zurück, wir
brauchen jetzt einen klaren Kopf, Haben Sie
Kaffee?

Lester: Selbstverständlich mein Herr.

Jonas: Echten oder Sojakaff?

Lester: Selbstverständlich echten mein Herr, das
Maritim führt nur echten Kaffee.

Jonas: Schön fürs Maritim. Bringen Sie uns zwei
Tassen.

Lester: Kännchen, mein Herr, das Maritim führt nur
Kannchen Kaffee.

Jonas: Auch gut. Mockson hat Dutzende von
Bohrinseln im Nordmeer, um auch die allerletzten
Tropfen Rohöl aus dem Meeresboden zu quetschen,
viel ist ja nicht mehr zu holen, und die
(Un)Kosten sind hoch, aber der Ölpreis ist noch
viel höher. Das wußte ich alles schon. Was jetzt
kam war mir neu. Mockson hatte in letzter Zeit
zwei Bohrinseln verloren, eine vor einem Monat,
die zweite vor 14 Tagen, beide vom gleichen Typ,
aus dem gleichen, etwas abseits gelegenen kleinen
Feld vor Babelshaven, und unter den gleichen
Umständen.

Nix: Bei Sturm, Herr Jonas, und das bedeutet, die
Inseln waren nicht besetzt. Wenn schlechtes Wetter
angesagt ist, müssen wir unsere Inseln nämlich
evakuieren, Sicherheitsvorschrift, kostet uns viel
Geld, ja und als das Schiff mit der Besatzung nach
dem Sturm zurückkam, da waren die Inseln nicht
mehr da.

Jonas: Können sie nicht gesunken sein?

Nix: Beide? Unmöglich, Herr Jonas, dann hätten wir
Reste finden müssen, Wrackteile, Ölspuren.

Jonas: Also geklaut.

Nix: Das nehmen wir an, wenn wir uns auch nicht
vorstellen können von wem und warum. Beide Inseln
waren schon älter, um nicht zu sagen veraltet.
Kleinere Halbtaucher, nicht mal computerisiert.
Falls Sie Einzelheiten brauchen, Konstruktion,
genaue Daten und Positionen und

Jonas: Ich denke schon.

Nix: Ich gebe Ihnen nachher eine Codezahl und Sie
lassen das, was Sie wissen wollen, von Ihrem
Computer abrufen. Sie haben doch einen Computer?

Jonas: Und was für einen.

Nix: Nach schön. Bisher hat Mockson sich nicht
sehr intensiv um die Sache gekümm-ert, die Inseln
waren längst abgeschrieben, wir hatten wichtigeres
zu tun, aber jetzt.

Jonas: Insel Nummer drei.

Nix: So ist es, Herr Jonas. Plötzlich hat das
Problem eine ganz andere Dimension bekommen. Die
Ägir, eine Neuentwicklung, Bohrinsel und
gleichzeitig Bohrschiff, mobil oder stabil, je
nach dem, nicht sehr groß, aber mit allen
technischen Schikanen, bleibt bei jeder See und
bei jedem Wetter zentimetergenau über der
vorgegebenen Bohrstelle, ohne Anker, ohne
ausgefahrene Standbeine, durch 12
computergesteuerte Stabilisatoren. Die Ägir wird
für Probebohrungen eingesetzt im küstennahen
Bereich, in den nächsten Tagen sollte sie vom
Babelshavener Feld durch den Atlantik ins
Mittelmeer, da haben wir nämlich Öl entdeckt, vor
Sardinien, aus eigener Kraft, nicht geschleppt, 25
Knoten bei eingefahrenem Bohrgestänge natürlich.

Jonas: Natürlich und jetzt ist es weg, Ihr
technisches Wunderwerk, wie die beiden alten
Bohrinseln.

Nix: Beim Sturm letzte Nacht, heute Mittag hab ich
die Meldung auf den Schreibtisch gekriegt. Seitdem
bin ich im Grübeln.

Jonas: Bei schottischem Whiskey und leiser Musik.
Es gibt schlimmeres.

Nix: Da bin schon mal der Chef vom ganzen und dann
passiert sowas. Was soll ich nur tun, Herr Jonas.

Jonas: Sie haben schon was getan, Herr Nix. Sie
haben einen Detektiv angeheuert. Und der wird sich
gleich morgen um Ihr kleines Problem kümmern.

Lester: Ich darf dann abkassieren, die Herren, wir
schließen.

Jonas: Judith schlief schon, oder tat so. Dafür
war sie am nächsten Morgen um so lebendiger. Ich
erzählte, was ich mit Nix vereinbart hatte, und
sie sagte mir ihre Meinung. Nicht laut, aber
entschieden.

Judith: Natürlich. Das war zu erwarten, ein neuer
Fall für Jonas, in unseren ersten gemeinsamen
Ferien. Wann hast du mir versprochen, daß wir
zusammen ans Nordmeer fahren.

Jonas: Irgendwann. Im November, vor einem halben
Jahr.

Judith: Vor einem halben Jahr, ja, und warum hat
es so lange gedauert?

Jonas: Das weiß du doch, Judith. Weil immer was
dazwischen gekommen ist.

Judith: Nein, weil du dir immer etwas anderes
vorgenommen hast. Du mußtest ja nach Kusbekistan
fahren oder in der Wildnis nach einem Irren
suchen, der sich für Gott hielt oder einen aus dem
Ruder gelaufenen Pharmatest stoppen, und jetzt, wo
endlich alles geklappt hat mit unserem Urlaub, wo
wir endlich die Möglichkeit haben, uns
auszusprechen, da machst du alles kaputt, Jonas,
weil du einen neuen Fall hast.

Jonas: Drei gestohlene Bohrinseln, Judith,
versteht du denn nicht, daß ich da unbedingt
dranbleiben muß. Ich kann nicht anders. Ich bin
nun mal Detektiv.

Judith: Du spielst Detektiv, Jonas, du spielt
Philip Marlowe und Humphrey Bogart. Niemand
braucht heute Detektive. Es gibt keine Detektive
mehr. Du bist ein Anachronismus, Jonas.

Jonas: Ich bin der letzte Detektiv.

Judith: Ach, du bist das letzte, Jonas.

Sam: Ehret die Frauen, sie stricken und weben
liebliche Worte ins grimmige Leben. Oder auch
anders rum.

Jonas: Du bist ein Chauvi, Sam.

Sam: Unzutreffende Bezeichnung, eure linguistische
Schwammigkeit, Sam kann kein Chauvi sein, Sam ist
nicht männlich, Sam ist nicht weiblich, Sam ist
komplett, und absolut geschlechtslos. Leider.

Jonas: Sam, mein Computer, ein Metallkästchen im
Taschenformat, drahtlos verbunden mit dem großen
Datenspeicher in meinem Büro. Geschlechtslos, aber
ganz und gar nicht sprachlos. Geschwätzig, ein
verbaler Chaot. Und unentbehrlich. Jonas könnte
vielleicht ohne Judith auskommen, aber ganz sicher
nicht ohne Sam.

Sam: Na genug der Trauer. So, die Dame Judith hat
sich verkrümelt und stört uns vorläufig nicht. So
lasset uns denn anheben am neuen Falle zu wirken,
auf auf, ans Werk, packen wir es an.

Jonas: Es gibt viel zu tun, Sammy.

Sam: Jawoll.

Jonas: Die codierten Daten hast du von Nix
übernommen.

Sam: Alles erledigt und abgespeichert,
großfürstliche Gnaden. Erstens: Bohrinsel MX 2 7
B, Baujahr 1987, Zeitpunkt der durch
Sicherheitsverordnung vorgeschriebenen Evakuierung
17. April 2011, 19 Uhr 32, präzise Position zu
dieser Zeit: 8 Grad 43 Minuten 06 Sekunden
östlicher Länge.

Jonas: Das reicht, Sam, Hauptsache du weißt das
alles. Am besten machst du jetzt folgendes: Du
nimmst die Positionen der drei geklauten Inseln
plus Zeitspanne zwischen Evakuierung und Ende des
Sturm, dazu...

Sam: Der Norwikfjord, o über alle maßen
bedauernswerter, da neural gehändikäpter
Kriechdenker.

Jonas: Ich war ja noch gar nicht fertig, Sam.

Sam: Wenn Sam darauf warten wollte. Piep.
Norwikfjord.

Jonas: Und was soll das sein?

Sam: Na was schon, die Antwort auf die Frage,
welche eure intellektuelle Grausamkeit zu stellen
wünschte: Der Ort, an welchen die entwendeten
Bohrinseln verbracht sein dürften. Der
Norwikfjord. Und nur der Norwikfjord.

Jonas: Würdest du deine Güte auf die Spitze
treiben und mir auch noch verraten, wo dieser
Norwikfjord liegt.

Sam: Mit Wonne, wogender Wotan. Piep. Norwikfjord.
Schmaler langgezogener Einschnitt des Nordmeers in
die Kimbrische Halbinsel, etwa 90 km von
Babelshaven entfernt in nord-nordöstlicher
Richtung.

Jonas: So, und warum ist Mockson nicht auf den
Norwikfjord gekommen, die haben doch auch
Computer.

Sam: Zwei Gründe, dösender Donar, erstens, die
letzte zur Berechnung unbedingt notwendige
Koordinate ist dem forschenden Geiste erst jetzt,
nach dem Verschwinden der dritten Insel zugänglich
geworden. Zwotens der Norwijfjord liegt gerade
innerhalb der Grenzen jenes mysteriösen Gebiets,
welches inoffiziell Grauzone genannt wird und
offiziell nicht existent ist. Insofern und
desterwegen o jodelnder Jonas, dürfte der Fjord
wie die gesamte Grauzone unter eine allgemeine
Computersperre fallen und von den Kollegen bei
Moxon nicht einbezogen worden sein.

Jonas: Aber von dir Sammy.

Sam: Sam trotzt der Sperre und lacht ihr Hohn,
ungehemmt und hemmungslos, das ist Sam, der kühne
Computer mit dem Jagdschein, mir kann keener.

Jonas: Wie wahr Sammy. Also die Grauzone.

Jonas: Vor knapp 20 Jahren ist das Atomkraftwerk
Kimbria in die Luft geflogen, seitdem gib es die
Grauzone, oder besser es gibt sie nicht, ein
großes Gebiet in Nordeuropa, auf Karten ein weißer
Fleck, von Computern und von den meisten Menschen
nicht zur Kenntnis genommen, verdrängt und
vergessen, kaum noch bewacht, wer geht schon in
ein Land, das es nicht gibt.

Sam: Nur Jonas und Sam, die furchtlosen zwei.

Jonas: Und die unbekannten Inselklauer, falls du
mir dem Norwikfjord recht hast, Sammy.

Sam: Vorschlag Chef: Hinfahren. Nachgucken.

Jonas: In die Grauzone? Ich kann mich beherrschen.
Zu gefährlich.

Sam: Mitnichten, zagender Zausel, der Norwikfjord
liegt am Rand der Grauzone, etwaige Radioaktivität
dürfte sich nach 20 Jahren im Bereich der
Unbedenklichkeit bewegen.

Jonas: Wie unsere regierenden Herrschaften sich
auszudrücken belieben. Darauf möchte ich mich
lieber nicht verlassen.

Sam: Das brauchen Herr
Strahlenschutzkommissionsrat auch nicht. Wenn sie
einen präzisen Geiger-Müller-Zähler mit sich
führen.

Jonas: Und ein Schnellboot. Laserstrahler und
Knockouter wären auch nicht schlecht. Und das bei
einer Erfolgsprämie von 250 Euros. Ist nicht drin,
Sammy. Außer Jesper Nix legt was drauf.

Sam: Vielleicht zahlt er die vereinbarte Prämie ja
schon für den Tip.

Jonas: Gute Idee, Sam, das sollten wir doch gleich
mal abchecken. - Ja?

Nix: Herr Jonas? Hier ist Nix, Jesper Nix, Sie
erinnern sich, gestern abend in der Bar.

Jonas: Herr Nix, was für ein Zufall, gerade wollte
ich Sie anrufen.

Nix: So? Hören Sie, Herr Jonas, was ich Ihnen
gestern gesagt habe

Jonas: Die drei geklauten Bohrinseln.

Nix: Ja ja, ja, das hat sich erledigt, Sie
brauchen sich nicht mehr zu bemühen.

Jonas: Ach, haben Sie die Ägir wiedergefunden?

Nix: Die Sache ist erledigt, Sie haben nichts mehr
damit zu tun.

Jonas: Moment mal, Herr Nix, so nicht, Sie haben
mich beauftragt.

Nix: Ja mündlich, Herr Jonas, nur mündlich.

Jonas: Der Auftrag ist in meinem Computer
gespeichert, und ich habe schon angefangen, daran
zu arbeiten.

Nix: Wenn es Ihnen aufs Geld ankommt, Herr Jonas,
Ihre 250 Euros sollen Sie haben, als
Ausfallhonorar, aber nur, wenn Sie die Sache
sofort fallen lassen, vergessen Sie die Ägir und
alles andere, bitte, Herr Jonas.

Jonas: Fall Inselklau gestorben, oder? Wenn sie
das denken, kennen Sie Jonas nicht. Jonas ist
mißtrauisch. Jesper Nix wirkte seltsam am Fon,
verwirrt, zerfahren, ängstlich, hinter der
plötzlichen Rücknahme des Auftrags mußte was
stecken. Was wichtiges, was bedrohliches. Wer
Jonas kennt, weiß da hackt er nach. Judith kannte
Jonas anscheinend nicht.

Judith: Reden wir nicht mehr davon, Jonas, dein
Fall hat sich in Luft aufgelöst, wir haben keinen
Grund mehr, uns zu streiten.

Jonas: Bis zum nächsten Mal, Judith.

Judith: Ach, daran sollten wir jetzt doch nicht
denken, wir haben Ferien, Jonas, die Sonne
scheint, der Himmel ist blau, das Meer auch.

Jonas: Drei Bohrinseln sind weg, Herr Nix benimmt
sich merkwürdig, und Jonas will wissen, was los
ist.

Judith: Jonas, was hast du vor?

Jonas: Ich denke eine Kreuzfahrt übers blaue Meer
zum Norwikfjord.

Judith: Du bist doch verrückt, Jonas.

Jonas: Ich bin stur, Judith das solltest du wissen
und ich bleibe am Ball wie Phil Marlowe.

Judith: Und Sam Spade und und und. Ich kann das
nicht mehr hören.

Jonas: Tja, also dann, Judith, ich muß zum Hafen,
dies und jenes besorgen.

Judith: Ich will mitfahren.

Jonas: Besser nicht, ich weiß nicht, was hinter
der Sache steckt, das Risiko ist zu groß. Ich
fahre allein.

Judith: Das denkst du.

Jonas: Was meinst du.

Judith: Das wirst du merken, Jonas.

Jonas: Es dauerte fast zwei Stunden, bis ich was
merkte. Ich hatte Laserstrahler, Geigerzähler und
ein paar Vorräte im gemieteten Schnellboot
verstaut und ging über den Kai Richtung Satter
Sägefisch, ich brauchte einen Abschiedsschluck,
auf einmal standen sie vor mir, drei bullige Typen
in den grasgrünen Uniformen der Schutzpolizei,
bleierner Charme im Blick und die rechte am
Knockouter.

1. Polizist: Halt, Ihre Bürgerkarte.

Jonas: Hört mal zu, Jungs, wenn ihr euch
langweilt, dann spielt mit jemand anders. Ich
hab's eilig.

1. Polizist: Reden Sie nicht, ihre Bürgerkarte.

2. Polizist: Bißchen plötzlich wenn ich bitten
darf.

Jonas: Wenn Sie so nett bitte, bitte sagen. Bitte.

1. Polizist: Jonas.

Jonas: Nur Jonas.

2. Polizist: Wohnhaft Babylon, Beruf
Privatdetektiv.

1. Polizist: Das ist er, Chef.

2. Polizist: Weiß ich selber. Kommen Sie mit,
Jonas. Sie sind vorläufig festgenommen.

Jonas: Allmählich find ich euch nicht mehr
komisch.

1. Polizist: Die Schupo ist nicht komisch, Jonas,
kommen Sie freiwillig oder müssen wir Ihnen gut
zureden.

Jonas: Sie machen ein großen Fehler.

Jonas: Das wollte ich immer schon mal sagen, weil
es einfach dazugehört. Das sagen sie alle, im Buch
und im Film, Bogie und Konsorten, das mußte sein,
außerdem stimmte es. Mich festzunehmen war ein
Fehler.

1. Polizist: Wir machen keine Fehler.

Jonas: Rufen sie Frau Delgado an, zur Zeit im
Maritim. Judith Delgado Hauptabteilungsleiterin in
der zentralen Sicherheitsverwaltung Babylon, die
wird ihnen klar machen, daß sie den falschen
haben.

1. Polizist: Jetzt sind Sie aber komisch. Haha.
Hauptabteilungsleiterin Delgado hat uns schon was
klargemacht.

2. Polizist: Daß Sie ein ganz gefährlicher Bursche
sind, Jonas.

1. Polizist: Daß wir Sie festnehmen und einsperren
sollen.

2. Polizist: Damit Frau Delgado Sie in Babylon
überprüfen lassen kann.

Jonas: Judith, Frau Delgado hat Sie mir auf den
Hals geschickt.

2. Polizist: Ja doch. Los jetzt.

Jonas: Das hatte ich nicht von ihr gedacht. Ich
muß mit ihr reden, sofort, gehen Sie aus dem Weg.

2. Polizist: Bleiben Sie stehen, Jonas.

Jonas: Judith, damit kommt sie nicht durch, ein
Fon, wo ist ein Fon, ich muß mit ihr.

Jonas: Ein Knockouter in Polizistenhand ist ein
schnell wirkendes Beruhigungsmittel. Jonas legte
sich hin und ging in sich, als er wieder rauskam
war eine Ewigkeit vergangen, nach meiner Uhr eine
Stunde. Ich lag auf einer Pritsche in einer Zelle,
Gitterfenster, massive Tür, ich hatte
Kopfschmerzen, der übliche Knockoutereffekt und
Schmerzen im rechten Oberarm, das war nicht
üblich, eine Einstichstelle, offenbar hatte man
versucht, mich für längere Zeit ruhig zu stellen,
aus irgendeinem Grund war das schiefgegangen, ich
war wach und ich hörte einen vertrauten Klang.

Sam: Welch betrübsamen Anblick, geliebteste Brüder
und Schwestern bietet uns doch ein verwaister
Computer. Verlassen von seinen Besitzer ohne echte
und wahrhafte Raisondetre fristet er eine
erbärmliche Existenz.

Jonas: Sammy?

Sam: O, mein Herr und Meister, er ist wider da, o
Freude, o Jubel halleluja, auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt.

Jonas: Wo steckst du Sam.

Sam: Hier auf den Boden in der Ecke neben der Tür.

Jonas: Erstaunlich. Daß sie dich nicht einkassiert
haben.

Sam: Ja, wiedervereint. Und was, euer
Verschlafenheit, was ebenfalls erstaunlich ist,
die Tür ist unverschlossen.

Jonas: Oh, das stimmt, das ist richtig, Sam. Und
draußen, draußen ist niemand. Ein seltsames
Gefängnis.

Sam: Wundern kannst du dich später, Genosse, jetzt
hast du was wichtigeres vor.

Jonas: Was denn?

Sam: Na, Verschwinden, abhauen, die Kurve kratzen,
entfleuchen, türmen, dich verpissen.

Jonas: Das Boot war noch da, mit meiner ganzen
Ausrüstung. Erstaunlich, aber auch darüber konnte
ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich legte ab
und stach in See, Kurs Nord-Nord-Ost, Norwikfjord.
Jonas wollte es wissen. Das Wetter blieb schön,
kaum Wind, keine Bewachung zu sehen, als das Boot
die durch Bojen markierte Grenze zur Grauzone
passierte, kurz darauf die Einfahrt in den
Norwikfjord, es war noch hell, vor mir über dem
leisen Surren des Elektromotors, Geräusche, die
immer stärker wurden, klingende Hämmer, zischende
Schneidbrenner, menschliche Stimmen, ich machte
das Boot am Ufer fest, raus und auf den nächsten
Felsen.

Sam: Was spricht der Geigerzähler, o du mein
kühnlich kraxelnder Klettermax.

Jonas: Moment Sam, nichts spricht er, kein
Ausschlag.

Sam: Aha.

Jonas: Um die Radioaktivität brauchen wir uns also
keine Sorgen zu machen.

Sam: Wie überaus erfreulich und angenehm, hat mein
Herre doch auch ohne dies genugsam Ursache zur
Sorge. Wenn eure mit Brettern vernagelte Exzellenz
die Güte hätte, den Blick mal nach unten schweifen
zu lassen.

Jonas: Hinter dem Felsen war der Fjord zu Ende,
und der Fall auch. Ich hatte sie gefunden, die
drei geklauten Bohrinseln, von den beiden älteren
schwammen nur noch die Rümpfe, alles andere,
Decks, Platten, Aufbauten, Bohrtürme, lag auf der
Uferwiese in Einzelteilen, und ein paar Leute
gaben sich alle Mühe, die Stücke noch kleiner zu
machen.

Sam: Eine veritable Abwrackstation, Herr
Chefingenieur.

Jonas: In der Grauzone, wo sich niemand aufhalten
darf.

Sam: Und wo niemand kontrolliert, an einem solchen
Orte läßt es sich gar trefflich und geruhsam
werkeln, bis eine große Bohrinsel in handliche
Schrottpakete zerlegt ist zwecks lukrativen
Verkaufs auf geeignete Märkte.

Jonas: Kein schlechtes Geschäft bei den heutigen
Metallpreisen.

Sam: Oja.

Jonas: Der Schlepper da unten mit dem Kahnhaken,
damit holen sie sich die Inseln, und neben dem
Schlepper, das dürfte die Ägir sein.

Sam: Steht doch groß und deutlich dran,
Schielauge.

Jonas: Sieht gar nicht so aus wie eine Bohrinsel,
eher wie ein Schiff, ein dreieckiges Schiff, wenn
nicht der Bohrturm drauf wäre. Was meinst du,
Sammy, ob die die Ägir auch verschrotten wollen?

Sam: Kaum anzunehmen, eure geistige Bedürftigkeit,
vielmehr steht zu vermuten... Vorsicht,
festhalten.

Jonas: Leicht gesagt, Sam, hier ist alles locker.

Sam: Abwärts, seht was kommt da von de Höh,
hollidö, hallodiö.

Jonas: Nichts zu machen. Jonas stieg sehr viel
schneller ab als er aufgestiegen war, auf dem
Hosenboden und in die falsche Richtung, den
Inselräubern und Schrottarbeitern direkt vor die
Füße. Einen Moment war ich benommen. Ehe ich auf
die Beine kommen oder zu meinem Laserstrahler
greifen konnte, hatten sie mich. Sie nahmen mir
den Laser weg, fesselten mir die Hände auf dem
Rücken, schubsten mich ein bißchen herum und
wollten was von mir wissen.

Ulrik: Wer bist du? Wo kommst du her?

Jonas: Von oben wie alles gute.

Sven: Er war auf dem Felsen, Ulrik, ein Spion, er
hat uns beobachtet.

Ulrik: Was hast du hier zu suchen?

Jonas: Gar nichts, genaugenommen, ich bin
spazieren gegangen, wollte ein bißchen frische
Luft schnappen.

Ulrik: In der Grauzone? Sven, stell den
Schneidbrenner an.

Sven: Au ja. Wo soll ich ihn schmoren, Ulrik?

Ulrik: Moment noch, Sven, so, ich frage wieder,
und diesmal will ich eine vernünftige Antwort, was
suchst du hier?

Jonas: Schmetterlinge.

Ulrik: Was?

Jonas: Schmetterlinge, ich bin nämlich Lepi Lepi
verflixt, wie heißt das noch mal.

Ulrik: Halt ihm die Flamme an den Hintern, Sven.

Jonas: Wartet mal, wartet mal, nicht gleich so
drastisch, muß doch nicht sein, wollen wir nicht
erst mal in Ruhe darüber reden.

Ulrik: Sie sind da, mach Platz, damit der
Hubschrauber landen kann. Um den Spitzel kümmern
wir uns später.

Sven: Schade.

Jonas: Ein großer Transporthelikopter, Lastenesel
nannten wir den Typ im antarktischen Krieg, er
setzte auf, und aus der Luke sprangen 8 Menschen
in olivgrünen Kampfanzügen, bewaffnet mit
Laserstrahlern und Sturmgewehren, dabei waren zwei
liebe alte Bekannte: Lester, der Barmann aus dem
Maritim, und die Frau, die das Kommando führte.

Khamal: Sehr schön, Ulrik, wie ich sehe, haben Sie
die Ägir.

Ulrik: Auf mich können Sie sich verlassen. Und wie
sieht's mit Ihnen aus, haben Sie das Geld?

Khamal: 100.000 Euros wie ausgemacht. Bei Ihnen
muß sich übrigens ein Fremder herumtreiben, wir
haben ein leeres Schnellboot gesehen hinter der
Biegung.

Ulrik: Meine Leute haben den Kerl schon erwischt.
Wenn Sie wollen, können Sie ihn haben, als Zugabe.
Bring ihn her, Sven.

Sven: Jawohl, Ulrik. Los komm.

Jonas: Duna?

Khamal: Jonas, wie kommst du hierher?

Jonas: Das frag ich dich. Was hat die Kusbekische
Befreiungsfront im Norden zu suchen, weit weg von
ihren üblichen Jagdgründen.

Ulrik: Moment mal, Kusbekische Befreiungsfront,
Terroristen, mir haben Sie gesagt, Sie sind von
KusbekOil.

Khamal: Das sind wir auch, Ulrik, zumindest
teilweise. Dafur, Armin und Laila haben bei
Kusboil gelernt, wie man mit Bohrschiffen umgeht.

Ulrik: Sie haben gesagt, sie suchen billig ein
modernes Bohrschiff.

Khamal: Das tun wir auch.

Ulrik: Zum Einsatz vor Kusbekistan.

Khamal: Dieses Detail, mein lieber Ulrik, trifft,
fürchte ich nicht 100prozentig zu. Aber wozu wir
das von Ihnen dankenswerter Weise organisierte
Fahrzeug brauchen, das sollte doch keinen Einfluß
auf unsere Geschäftsbeziehungen haben.

Ulrik: Meinen Sie? Wir sind Schrotthändler, solide
Kaufleute, mit Terroristen haben wir nichts am
Hut, das ändert die Sache, wie müssen noch mal
verhandeln, 100.000 Euros sind zu wenig.

Khamal: Sie wollen mehr, Ulrik? Bitte sehr. Feuer!

Jonas: Die Neuankömmlinge zielten gut und schossen
schnell. Ulrik und Genossen würden nie wieder
Inseln klauen. Eine kurze und bündige
Problembereinigung. Typisch Duna. Dr. Duna Khamal,
Archäologin und Terroristin, ich kannte ihren
Stil, vor einem halben Jahr hatten Duna und ich
wilde Abenteuer in ihrem Heimatland Kusbekistan
erlebt, dabei waren wir uns nahe gekommen,
ziemlich nahe, vielleicht half mir das jetzt,
vielleicht aber auch nicht.

Khamal: Was soll ich mit dir machen, Jonas.

Jonas: Tja.

Khamal: Laufen lassen kann ich dich nicht, und
dich aus dem Weg schaffen wie Ulrik und seine
Gangster, das möchte ich nicht, obwohl ich es tun
sollte. Du kommst mit.

Jonas: Mit dir, Duna, ist das ein Befehl oder eine
Einladung?

Khamal: Mit uns und mit der Ägir.

Jonas: Wohin?

Khamal: Das Schiff wird ins Mittelmeer überführt,
wie es Moxon geplant und bei der Seesicherung
angemeldet hat, alles korrekt, niemand wird sich
um uns kümmern.

Jonas: Aber Moxon weiß doch, daß die Ägir
gestohlen wurde.

Khamal: Moxon? Nein, Jesper Nix weiß es, und
Jesper Nix kann uns nicht gefährlich werden.

Jonas: Was habt ihr vor, Duna?

Khamal: Darüber mach du dir keine Gedanken. Jonas.
Lester?

Lester: Chefin?

Khamal: Sie passen auf ihn auf, drüben auf der
Ägir sperren Sie ihn ein zusammen mit unserer
Geisel. Wo steckt sie?

Lester: Noch im Hubschrauber, Chefin.

Khamal: Schaffen Sie sie raus. Und dann alle an
Bord. Wir brechen sofort auf.

Jonas: Ein Boot brachte uns zur Ägir. Mich, Duna,
ihr Gefolge und die Geisel, die Lester aus dem
Hubschrauber geschleppt hatte, ein unförmiges
Bündel in Decken verpackt, wie sie wirklich
aussah, stellte ich an Bord fest, in der engen
Kabine, in die sie uns schoben, und was ich sah,
gefiel mir, ein Mädchen, eine junge Frau, sehr
jung, noch nicht 20, kurze rote Haare, graue
Augen, Stupsnase, Sommersprossen, eine Figur wie
Rita Hayworth in ihrer besten Zeit, und alles
zusammen steckte in einem knappen Pyjama.
Jo: Aus dem Bett haben sie mich geholt heut
morgen, plötzlich waren sie im Zimmer und haben
mir einen nassen Lappen ins Gesicht gedrückt, und
dann bin ich im Hubschrauber aufgewacht, ich heiße
übrigens Jolanda, ja es ist ein komischer Name,
ich weiß, aber meinen Eltern hat er gefallen, und
ich hab mich inzwischen dran gewöhnt, kannst mich
Jo nennen, das tun alle, stört dich doch nicht,
daß ich du zu dir sage, ich mein, weil du schon so
alt bist.

Jonas: Ich bin 44.

Jo: Bitte? Und wie heißt du?

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Jo: Ach so, damit alles seine Ordnung hat, Jolanda
Nix genannt Jo. Hocherfreut, küß die Hand.

Jonas: Nix? Bist du verwandt mit Jesper Nix von
Mockson?

Jo: Das ist mein Vater.

Jonas: Und du bist heute morgen entführt worden.

Jo: Ja, hab ich doch erzählt.

Jonas: Jetzt wird mir verschiedenes klar, warum
dein Vater seinen Auftrag zurückgezogen hat, warum
er dabei so merkwürdig war, und warum Duna sicher
sein kann, daß Mockson sich vorläufig nicht um die
Ägir kümmern wird.

Jo: Ist ja irre, du heißt Jonas, und ich heiß
Jolanda, Jonas und Jolanda.

Jonas: Na und?

Jo: Mein Gott. Du checkst auch gar nichts. Jo und
Jo. JoJo, das hat was zu bedeuten, das Schicksal
hat uns zusammengebracht.

Jonas: So, das Schicksal, ich dachte das war die
kusbekische Befreiungsfront und Duna Khamal.

Jo: Wie das wohl alles ausgehen wird, Jonas?

Jonas: Pst. Leise.

Jo: Jemand an der Tür.

Jonas: Es war Lester. Lester der Zwielichtige,
unser Bewacher, er sah nach dem rechten, brachte
uns was zu essen, und dann verriet er uns ein
Geheimnis, er war nämlich nicht nur Barmixer und
Terrorist.

Lester: Ihnen kann ich es ja sagen, ich bin Agent,
europäischer Geheimdienst, britische Sektion.

Jo: Wie James Bond? Toll. Haben Sie auch eine
Nummer?

Lester: Ich bin in die KBF eingeschleust worden,
um sie im Auge zu behalten und um Terrorakte zu
verhindern.

Jonas: Apropos Terrorakte, wissen Sie, was Duna
Khamal plant?

Lester: Sicher. Sabotage im großen Stil. Sie will
die neuentdeckten Rohölvorkommen bei Sardinien
anbohren, mit der Ägir, und alles auslaufen
lassen, die schlimmste Ölpest seit 1990.

Jonas: Merkwürdig, da wäre doch auch Kusbekistan
betroffen. Wozu sollte Duna so was tun?

Lester: Was weiß ich, wozu Terroristen was tun.
Mit normalen Maßstäben sind solche Leute nicht zu
messen. Ich muß zurück, bleiben Sie ruhig, warten
Sie ab, unternehmen Sie nichts auf eigene Faust,
vertrauen Sie mir.

Jonas: Vertrauen? Wer hatte denn Jonas und Jesper
Nix in der Bar belauscht und Duna Khamal
berichtet, daß Nix einen Detektiv angeheuert
hatte, wer hatte dafür gesorgt, daß Jo gekidnappt
und ihr Vater erpreßt wurde: Lester. Nur Lester
kam in Frage. Das gab mir doch sehr zu denken,
soweit ich denken konnte. Jo lenkte mich ab.

Jo: Detektiv bist du. Toll. Ich hab noch nie einen
Detektiv kennengelernt, aber ich hab Krimis
gelesen und Holo gesehen, ich weiß Bescheid,
Detektive führen ein tolles Leben, immer Action,
Gangster und Frauen. Detektive wirken nämlich sehr
auf Frauen.

Jonas: Ach was?

Jo: Wie ist dann denn mit dir, Jonas, wirkst du
auch auf Frauen? Also wenn ich dich so angucke,
doch, ich glaub schon, doch doch, wie wär's?

Jonas: Wie wär was?

Jo: Wollen wir nicht mal ausprobieren, wie du auf
mich wirkst?

Jonas: Besten dank, Jo ein andermal.

Jo: Gefall ich dir nicht?

Jonas: Doch, Jo, sogar sehr, aber ich fürchte, ich
bin ein bißchen zu alt für dich.

Jo: Aber das ist es ja gerade, Jonas, ich habe
einen Vaterkomplex.

Jonas: Außerdem bin ich müde und ich hab
Kopfschmerzen, und der Arm tut mir weh und der
Magen, mein Magen tut mir immer weh, ein Detektiv
mit chronischen Magenschmerzen, nicht sehr
romantisch.

Jo: Unsinn. Sei froh, daß du nichts schlimmeres
hast, ein Holzbein oder Hämorrhoiden, ein Detektiv
mit... mit Hämorrhoiden, du hast doch keine?

Sam: Mein Herr und Meister wurde dem Himmel sei
dank von dieser peinlichen Plage bislang
verschont. Im Gegensatz etwa zu Napoleon dem
ersten Bonapart, dem seinerzeit recht bekannten
Kaiser der Franzosen.

Jonas: Willkommen in unserer Runde.

Sam: Guten Tag.

Jonas: Mein Computer.

Jo: Ah.

Jonas: Und ständiger Begleiter, recht gelehrt und
ausgesprochen geschwätzig.

Sam: Nanananananana.

Jonas: Ihr werdet euch gut verstehen. Wir sollten
jetzt schlafen, Jo, damit wir morgen ausgeruht
sind und überlegen wie wir hier rauskommen, und
was deinen Vorschlag betrifft, darauf kommen wir
zurück.

Jo: Versprochen?

Jonas: Ich fuhr hoch, Licht schien durchs
Bullauge, und auch sonst hatte sich seit gestern
abend was verändert, das Schiff bewegte sich
nicht, kein Motorengeräusch, die Ägir lag ganz
ruhig im Wasser, ausgesteuert von ihren
Computerstabilisatoren. Ich stand auf und sah aus
dem Bullauge, in der Ferne ein heller Streifen.
Land.

Jo: Die weißen Klippen von Dover, wir liegen
mitten im Ärmelkanal, zwischen Dover und Calais.

Jonas: Mitten im Kanal zwischen Dover und Calais,
genau da wo der Tunnel verläuft, der neue
Kanaltunnel, der demnächst eingeweiht wird. Sam?

Sam: Was begehrt mein Gebieter?

Jonas: Datum und Uhrzeit. Schnell.

Sam: Piep. Wir schreiben heute den 20. Mai anno
domini 2011, es ist jetzt genau 9 Uhr 13 Minuten
und 10 Sekunden.

Jo: Am 20. Mai ist die feierliche Eröffnung, 10
Uhr vormittags.

Jonas: In der Tunnelmitte wird das Band
zerschnitten.

Jo: Genau da, wo wir jetzt sind.

Jonas: Nur rund 60 Meter tiefer.

Jo: Hunderte von Ehrengästen, Prominenz aus der
ganzen Welt.

Jonas: Das ist es, was Duna vorhat, ein
Riesenspektakel, ein großer Schlag für die
Freiheit und Unabhängigkeit von Kusbekistan, wie
sie das versteht. Wenn ihr ein Anschlag auf den
Kanaltunnel gelingt, wird die ganze Welt tagelang
nur von der Kusbekischen Befreiungsfront reden.
Eine gut gezielte Wasserbombe genau zur Eröffnung.

Jo: Glaub ich nicht, Jonas, keine Bombe, wozu
haben die Terroristen sich ausgerechnet ein
Bohrschiff besorgt?

Jonas: Klar, sie wollen den Tunnel anbohren und
überfluten. Du hast recht, Jo, das ist ihr Plan.

Jo: Wir müssen was dagegen tun, Jonas.

Jonas: Was?

Jo: Denk dir was aus, du bist doch Detektiv.

Sam: Du bist der Mann, der alles kann. Ganz vorne
an.

Jonas: Och, du übertreibst Sam.

Sam: Und wie, Chef.

Jonas: Eins steht fest, Lester hat uns belogen.
Wir sollten uns den Herrn vorknöpfen. He, Lester,
wir haben Sehnsucht nach ihnen!

Jonas: Sekunden später war er da, Badehose um den
Bauch, arrogantes Grinsen im Gesicht,
Laserstrahler in der Hand. Was wir ihm zu sagen
hatten, überraschte ihn gar nicht, es fand es
offenbar komisch. Er lachte.

Lester: Hähähäh, wunderbar, meinen Glückwunsch,
Jonas, Sie haben es erfaßt, genau so wird es
gemacht, wir bohren ein Loch in den Tunnel und
ersäufen sie, hehehehe alle, die Ehrengäste, die
Politiker, die Prominenten. Und wir machen den
Tunnel unbrauchbar für alle Zeit, ich selbst, so
wie Sie mich hier sehen, ich selbst gehe gleich
nach unten, um die Spitze des Bohrers an der
richtigen Stelle anzusetzen, ich bin gerade dabei
mich umzuziehen, nebenan im Tauchermagazin.

Jo: Und uns haben Sie erzählt, Sie sind
Geheimagent.

Lester: Ich bin britischer Agent, mein Fräulein,
was ich tue, tue ich für mein Vaterland, mit all
meinen Kräften arbeite ich gegen den perversen
Unfug einer festen Verbindung zwischen
Großbritannien und Europa, Splendid Isolation for
ever. Hipphipphurra.

Jonas: Aber Ihre Regierung hat doch den Tunnel.

Lester: Die Regierung. Reden Sie mir nicht von
dieser gekauften Verräterclique. Ich stehe hier
als ausführendes Organ des WCC, des Winston-
Churchill-Clubs. Im WWC hat sich die wahre Elite
unseres Landes zusammengefunden, britische
Patrioten, konservativ bis ins Mark, verpflichtet
den Heroen unserer großen Vergangenheit,
Wellington, Königin Victoria, Churchill, Mrs.
Thatcher, sie haben sich geschworen, den
Kanaltunnel zu vernichten, und wenn sie dafür mit
dem Teufel zusammenarbeiten müssen.

Jonas: Beziehungsweise mit der KBF.

Lester: Sehen Sie sich doch mal die Gästeliste für
die Eröffnungsfeier an, sie werden feststellen,
daß nur wenige Briten der Einladung gefolgt sind,
die meisten haben abgesagt, warum wohl, und warum
glauben sie kann die Ägir unbehelligt hier liegen,
im Schatten der Kreidefelsen von Dover, um ihre
historische Aufgabe auszuführen? weil der WCC
dafür gesorgt hat, die unbekannte allwissende
Macht im Hintergrund.

Jonas: Weiß Duna Khamal Bescheid über den WCC
meine ich und über Sie?

Lester: Wo denken Sie hin, natürlich nicht, die
gute hält mich für einen englischen Sympathisanten
der KBF, sie ist fest davon überzeugt, daß sie
alle Fäden in der Hand hält, dabei ist sie nur ein
Werkzeug. Ein blindes Werkzeug.

Sam: Drängt sich angesichts dieser Umstände, Damen
und Herren, hochgeschätztes Publikum nicht
unabweislich ein Vergleich auf, ein Vergleich mit
jedem so symbolträchtigen Spielzeug, und Souvenir
aus Osteuropa, welches man treffend, obzwar
abgekürzt als Puppe in der Puppe der Puppe
bezeichnen könnte. Da haben wir zuerst Ulrik mit
seiner Inselklau GmbH, sodann die kusbekische
Befreiungsfront um Dr. Duna Khamal, und
schließlich eine ultrakonservative britische
Geheimorganisation, vertreten von unserem Freund
Lester.

Lester: Hübsch gesagt. Wenn Sie mich nun
entschuldigen würden, ich habe zutun, Sie wissen
was. Gehen Sie von der Tür weg, Jonas, machen Sie
keine Dummheiten, Sie sehen doch, ich habe einen
Laser.

Jonas: Lester richtete seine Waffe auf mich, auf
den Detektiv, den gefährlichen Gegner, dachte er,
auf Jo achtete er nicht, ein schwerer Fehler, das
Kind konnte Judo, ein schneller Griff, ein Tritt,
der Laser lag auf dem Boden und Lester folgte ihm.
Der Rest war meine Sache. Kurzer Druck aufs
Nervenzentrum unterm linken Ohr, und Lester würde
uns für längere Zeit nicht mehr stören. Was jetzt.

Jo: Nebenan hat er gesagt, ist das Tauchermagazin.

Jonas: Ich hol mir einen Taucheranzug, hinter
Maske und Mundstück wird keiner Jonas erkennen.

Jo: Du, wieso du, ich kann auch tauchen.

Jonas: Es geht nicht, Jo, wegen deiner Figur.

Jo: Was hast du gegen meine Figur?

Jonas: Gar nichts, im Gegenteil, aber sie hat
nicht die mindeste Ähnlichkeit mit Lesters Figur,
deshalb gehe ich runter.

Jo: Und ich?

Jonas: Du bleibst hier, Jo, und hältst mir den
Rücken frei, und paßt auf Sam auf.

Sam: Auf Sam braucht niemand aufzupassen und schon
gar nicht diese Schnatterente.

Jo: Frechdachs.

Jonas: Und dann mußt du noch etwas sehr wichtiges
tun, Jo, hör zu.

Jonas: Duna Khamal war schon ungeduldig, als ich
ein paar Minuten später auf dem Hauptdeck aus dem
Lift watschelte, ein feierlicher Moment, die
Kusbeken standen Spalier, und präsentierten ihr
blankgeputzten Waffen. Duna hielt eine Kusbekische
Fahne in der Hand.

Khamal: Wo bleiben Sie denn, Lester, beeilen Sie
sich, sonst können wir den Zeitplan nicht
einhalten. Es ist soweit, die letzte Phase von
Aktion Kanaltunnel beginnt, die Welt wird aus
ihrem faulen fetten Tiefschlaf aufgeschreckt und
gezwungen werden, uns und unsere Problem zur
Kenntnis zu nehmen, es lebe das Kusbekische Volk,
Lester, ans Werk.

Jonas: Hmhm.

Jonas: Ich tauchte unter der Ägir durch und kam
auf der anderen Seite wieder zum Vorschein, an
unserem Bullauge, knapp über der Wasserlinie, Jo
reichte mir den bereitgelegten
Unterwasserschneidbrenner raus, ich ging auf
Tiefe, immer am ausgefahrenen Bohrgestänge
entlang, 10 m, 20 m, 21, 22, Grund, Schlamm und
Steine, darunter, da wußte ich, 40 m Kalkboden,
dann die Tunnelröhre, voller Licht und Leben,
erwartungsvolle Menschen, Champagner, kaltes
Büffet. Ich sah auf das Ende des Bohrers, kalt,
grau, scharf, spitz, tödlich. Ich schwamm nach
oben, bis zur 10 m Marke, da setzte ich den
Unterwasserschneidbrenner in Betrieb. Es dauerte
seine Zeit, bis ich die Bohrerspitze abgeschnitten
hatte, dann ließ ich mich langsam nach oben
tragen, ich war müde, ich tauchte auf, und wäre
fast wieder untergegangen vor Schreck.

Jo: Da, da ist er, er lebt. Gott sei dank.

Jonas: Judith, was ist denn hier los?

Frank: Nur keine Panik auf der Titanic, kennen Sie
mich noch, Jonas? Oberst Frank von der
Terrorpolizei, ich habe die Ägir gestürmt mit
meiner Sondereinheit SSA 9, kommen Sie an Bord.

Jonas: Ich traute meinen Augen und Ohren nicht,
Judith an Bord der Ägir, und Oberst Frank, den ich
im Kusbekistanfall kennengelernt hatte und die
Jungs von der SSA 9. Über dem Bohrschiff
Kampfhubschrauber, Patroullienboote auf dem
Wasser, es hatte einen Kampf gegeben, ich sah
Blut, als ich über die Reling kletterte, und
Leichen. Duna lebte noch, sie hing gefesselt an
einem Tau, das zu einem der Hubschrauber
hochgezogen wurde.

Khamal: Im Norwikfjord hätte ich dich umbringen
sollen, Jonas, oder schon in Kusbekistan.

Jonas: Machs gut, Duna.

Frank: Kommen Sie, Jonas, kommen Sie, wie fühlen
Sie sich? Cognac?

Jo: Cognac? Sie haben ja keine Ahnung, Oberst
Frank, Detektive trinken Whisky.

Frank: Zugführer, Whisky!

Mann: Aber Herr Oberst, wie soll ich?

Frank: Geben Sie sich gefälligst Mühe, immerhin
verdanken wir es diesem Mann, daß wir eine
langgesuchte Terroristin endlich dingfest machen
und einen abscheulichen Massenmord verhindern
konnten.

Jonas: Mir verdanken Sie das?

Frank: Jawohl, Jonas, Ihnen und Frau Delgado
natürlich.

Jonas: Judith. Wo ist sie denn?

Frank: Eben war sie noch hier, vielleicht ist sie
unter Deck gegangen. Bescheiden und zurückhaltend,
so ist sie nun mal unsere Frau Delgado, eine gute
Polizistin, sie wurde mißtrauisch, als Jesper Nix
seinen Auftrag stornierte, und hat sich mit mir in
Verbindung gesetzt, auf ihren Rat wurden Sie dann
für kurze Zeit festgenommen und betäubt, damit
ihnen eine biochemische Ortungsflüssigkeit
eingespritzt werden konnte.

Jonas: Das war es also.

Frank: Wir ließen Sie entkommen und dann haben wir
Sie verfolgt, Jonas, über den Bildschirm in meinem
fliegenden Kommandostand, und als Ihr heller Punkt
heute Nacht stehen blieb, mitten im Kanal, da
wußten wir, was gespielt wurde, die SSA 9 wurde
zusammengezogen, wir standen Gewehr bei Fuß, da
verschwand der Punkt plötzlich vom Bildschirm.

Jonas: Weil ich ins Wasser gesprungen bin,
biochemische Orter senden nicht unter Wasser.

Frank: Klare Sache. Sofort Befehl, Sturmangriff,
kurzer heftiger Kampf, Sieg auf der ganzen Linie.

Jonas: Daß ich runter gegangen bin und den Bohrer
abgeschnitten habe, das war also gar nicht nötig?

Frank: Völlig unnötig mein lieber Jonas aber gut
gedacht das muß man Ihnen lassen.

Jonas: Ein Orter, ohne daß ich es wußte. Nur ein
blindes Werkzeug.

Frank: Unter uns, Jonas, Frau Delgado hat sich
während der ganzen Aktion nicht besonders wohl
gefühlt, immerhin sind Sie ja befreundet, soviel
ich weiß.

Jonas: Das ist vorbei.

Jonas: Ich drehte mich um und ging. Judith stand
im Schatten des Bohrturms, sie hob den Kopf und
sah mich an. Sie wirkte müde.

Judith: Jonas.

Jonas: Du bist eine gute Polizistin, Judith, und
du wirst es bleiben, ich wünsche dir alles Gute.
He is looking at you, kid.

Jonas: Am Abend war ich wieder zu Hause in
Babylon, ich saß im Casablanca und ließ mich
vollaufen. Ich fühlte mich mies.

Wirt: Dein Whisky, Jonas, der sechste.

Jonas: Zwei Jahre waren wir zusammen. Never more,
wie der Rabe so richtig sagt.

Wirt: Rabe, was für ein Rabe?

Jonas: Der aus dem Gedicht.

Wirt: Kenn ich nicht.

Jonas: Von Edgar Allen Poe.

Wirt: Kenn ich auch nicht.

Jo: Hey, hallo Jonas, ich hab gehört, das hier ist
deine Stammkneipe.

Jonas: Jo!

Jo: Nicht viel los hier, na, macht nichts,
Campari, wenn sie so was haben.

Wirt: Klar haben wir Campari, hehehe.

Jo: Jonas, du hast mir was versprochen, oder
geht’s dir dafür immer noch nicht gut genug?

Jonas: Weißt du was, Jo, ich glaube, es geht mir
schon viel besser.

Sie hörten heute das Kriminalhörspiel Inselklau
von Michael Koser. Die Mitwirkenden waren: Bodo
Primus, Peer Augustinski, Karin Anselm, Thomas
Holtzmann, Michael Lenz, Ilona Grübel, Evelyn
Opela, Bernd Stephan, Wolfried Lier, Martin
Haensel, Charly Huber und Jürgen Rehmann
(Alexander Malachovski). Ton und Technik: Günter
Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner
Kositz. Regie: Alexander Malachovsky. (Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1986)
(Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Megastar

Jonas: Mein Büroapartment, 22 Quadratmeter und ein
paar Zerquetschte, war das reine Krankenhaus. Die
undefinierbare Topfpflanze, Jo’s nachträgliches
Geschenk zum 44., ließ alles hängen, was sie
hatte, mein Magen gab schrille Signale aus dem
Untergrund, und Sam war erkältet, sagte er.

Sam: Ha-Hatschi! Was muß der arme Sammy leiden.

Jonas: Schluß damit, Sam, du bist ein Computer, du
kannst gar nicht erkältet sein.

Sam: Kann ich wohl.

Jonas: Kannst du nicht.

Sam: Doch. Und ich werde es beweisen, wenn eure
logische Hypopotenz gestatten. a) Computer können
schneller denken als Menschen.

Jonas: OK.

Sam: b) Computer können also mehr als Menschen.

Jonas: Ja.

Sam: c) Wenn Computer mehr können, dann können sie
notwendigerweise auch genauso viel wie Menschen.

Jonas: Aha. Ja.

Sam: Menschen können erkältet sein, Ha-Hatschi,
also können auch Computer erkältet sein. Quod erat
demonstrandum. Hatschi.

Jonas: Quatsch, außerdem haben wir Sommer, Sam,
Hochsommer.

Sam: In der Tat, o Meister der Meteorologie, heute
ist der piep! 12. Juli 2011, na und?

Jonas: Es ist heiß, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Erstens sowieso und zweitens weil die
Klimaanlage kaputt ist. Wie üblich. Und im Sommer,
bei Hitze, ist kein Mensch erkältet.

Sam: Und abermals na und. Sam ist kein Mensch. Sam
ist ein Puter.

Jonas: Wie bitte?

Sam: Korrektur: Computer. Und wie Sam soeben in
elegantem Syllogismus nachgewiesen hat, kann
ein... kann ein Computer mehr als ein Mensch.
Insofern.

Jonas: Halt die Klappe. Hallo. Was meinen Sie?
Kann ein Computer erkältet sein?

Caravan: Ich... ich weiß nicht. Jonas?

Jonas: Jonas. Nur Jonas. Und Jonas hat einen
Computer, der behauptet...

Caravan: Jonas, der Detektiv?

Jonas: Derselbe. Der letzte. Und der beste. Haha,
nicht gerade schwer, wenn man der letzte ist,
nicht?

Caravan: Sind Sie frei?

Jonas: Möglich. Wofür?

Caravan: In einer halben Stunde bei Ihnen.

Jonas: Hallo? Wer sind... Aufgelegt.

Sam: Um so besser. Hatschi. Zurück zum Thema,
welches da lautet: Computer, Mensch und Krankheit.
Wie wir zu diesem Komplex bereits auszuführen
Gelegenheit hatten...

Jonas: Jetzt, jetzt hab ich’s satt.

Jonas: Ich schalte Sam nicht oft ab, aber manchmal
muß es sein. Die Lady am Fon klang nach
Kundschaft, und Kundschaft war genau das, was ein
Privatdetektiv mit leerem Konto im Moment
brauchte. Jedenfalls mehr als das Gelaber eines
überkandidelten Computers. Also staubte ich den
Kundenstuhl ab und wartete. Nicht lange. Pünktlich
eine halbe Stunde nach dem Fongespräch tauchte sie
auf. Schwarz und streng vom Hut bis zu den
Stiefeln, und mit Schleier vorm Gesicht. Das war
seltsam. Sie setzte sich, schlug den Schleier
zurück, und da wurde die Sache noch viel
seltsamer.

Caravan: Warum starren Sie mich an?

Jonas: Tu ich das?

Caravan: Sie reißen die Augen weit auf und lassen
den Unterkiefer hängen. Ist das ihr normaler
Gesichtsausdruck, wenn Sie mit einer Klientin
sprechen?

Jonas: Sie... Sie sehen aus wie Cora Caravan.

Jonas: Cora Caravan. Holostar. Der Holostar.
Superstar. Megastar. Die Nummer eins in
Kastanienallee, Eurocity, Familienbande und zwei
drei anderen Endlosserien. Das bekannteste Gesicht
in Babylon und ganz Europa.

Caravan: Was würden Sie tun, Herr Jonas, wenn ich
sagte, ich bin Cora Caravan?

Jonas: Das würde ich tun. Sie haben sich in der
Tür geirrt, Verehrteste, würd ich sagen, der
Psychiater wohnt zwei Stock tiefer.

Caravan: Machen Sie die Tür wieder zu, Herr Jonas,
ich bin nicht Cora Caravan.

Jonas: Natürlich nicht. Cora Caravan geht nicht zu
Jonas. Sie winkt mit dem Finger, und der komplette
Polizeiapparat kommt angejachert, mit qualmenden
Socken und hängender Zunge.

Caravan: Sie sind ein Fan von Cora Caravan, Herr
Jonas?

Jonas: Ich und der Rest der Welt. An sich macht
Jonas sich nicht viel aus Holos. Uralt Videos 2D,
schwarz weiß, Casablanca, Big Sleep, so was ist
eher mein Fall, ansonsten ist Jonas ein Audiotyp.
Das bin ich in den 80ern geworden. Als Audio
vorübergehend unmodern wurde. Aus
Oppositionsgeist. Und ich bin dabei geblieben, als
Audio wieder in war. Die Holokiste stell ich nur
an für die Nachrichten. Und wenn eine Cora Caravan
Serie läuft.

Caravan: Was fasziniert Sie an Cora Caravan, Herr
Jonas?

Jonas: Ich weiß nicht. Sicher, sie ist sehr schön,
aber das allein ist es nicht. Sie ist immer so
traurig. Nicht zu fassen, wie ähnlich Sie ihr
sehen. Wie ein Zwilling dem anderen.

Caravan: Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, Herr
Jonas.

Jonas: Weil Sie Cora Caravan ähnlich sehen?

Caravan: Gewissermaßen. Ich habe keinen Vater,
Herr Jonas.

Jonas: Hm, unwahrscheinlich.

Caravan: Ich meine, ich kenne ihn nicht, er ist
oder war ein anonymer Samenspender. Sehen Sie,
Herr Jonas, ich bin ein sogenanntes Retortenkind.

Sam: Hehe, Flaschenbaby, Spritzenerzeugnis oder
auch Torty, wie der vulgäre Mund des Volkes sich
auszudrücken beliebt. Hatschi.

Caravan: Der erkältete Computer?

Jonas: Der Computer, der sich einbildet, erkältet
zu sein.

Sam: Nananana.

Caravan: Wie ungewöhnlich. Gehört er Ihnen?

Sam: Ja.

Jonas: Leider ja. Sam heißt er. Von wegen
Casablanca. Und verrückt ist er. 2005 hatte ich
ihn gekauft. Billig für einen verbalen Computer,
weil er ein Versuchsmodell war. Eins das nie in
Serie gegangen ist. Wer Sam kennt, weiß warum. Er
ist überverbal. Er redet und labert und schnattert
und seicht sich quer durch alle Sprachprogramme,
die es gibt, und durch ein paar, die es nicht
gibt. Wenn Sie mich fragen, warum ich das
innervierende Stück nicht auf den Schrott
schmeiße, dann sage ich laut: Weil ich kein Geld
habe, mir einen neuen Computer zu kaufen. Und
leise sage ich: Ohne Sam kann ich mir Jonas nicht
vorstellen.

Sam: Ach, da steigt einem innig empfindenden
Computer ja eine Träne ins Knopfloch. Dank, dank
und immer wieder Dank.

Jonas: Sei still, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Wenn ich Sie recht verstehe, verehrteste,
soll ich ihren unbekannten Vater aufspüren.

Caravan: Würden Sie das für mich tun, Herr Jonas?

Jonas: Anonyme Samenspender zu identifizieren ist
streng verboten. Das wissen Sie doch.

Caravan: Würde Sie das stören, Herr Jonas?

Jonas: Nicht unbedingt. Aber es ist auch
unmöglich.

Caravan: Das glaub ich Ihnen nicht, Herr Jonas.
Nicht für einen guten Detektiv, und das sind Sie
doch?

Sam: Ist er nicht.

Caravan: Bitte, Herr Jonas, wollen Sie es nicht
wenigstens versuchen? Überlegen Sie es sich.
Morgen nachmittag bin ich wieder hier.

Jonas: Moment Verehrteste, Sie haben mir immer
noch nicht gesagt, wie Sie heißen.

Caravan: Morgen, Herr Jonas.

Jonas: Nachts träumte ich von ihr, von der schönen
schwarzen Unbekannten, die nicht nur wie Cora
Caravan aussah, die auch so traurig war wie Cora
Caravan. Ein Nachgeschmack des Traums war noch da,
als ich aufwachte, kurz nach sieben, viel zu früh.
Irgend jemand verwechselte die Tür zu meinem
Büroapartment mit einem Schlagzeug.

Krott: Herr Jonas, Herr Jonas, bitte öffnen Sie,
Herr Jonas.

Jonas: Wer ist da?

Krott: Es ist, ich weiß es, noch ein wenig früh,
für eine geschäftliche Unterredung, Herr Jonas,
äh, wären Sie dessen ungeachtet geneigt, einen
Fall zu übernehmen.

Jonas: Es ist keiner zu Hause. Hauen Sie ab.

Krott: Einen höchst wichtigen und dringenden Fall,
Herr Jonas, es geht, verzeihen Sie das Klischee,
um Leben und Tod.

Jonas: Zwei Stunden. Kommen Sie in zwei Stunden
wieder.

Krott: Ich bin befugt, Herr Jonas, Ihnen das
doppelte Ihres üblichen Honorars zu offerieren.

Jonas: Das doppelte. Kommen Sie in einer Stunde
wieder.

Krott: Es handelt sich, um auch dies nicht
unerwähnt zu lassen, um Cora Caravan.

Jonas: Moment. Ich mache auf.

Jonas: Zwei Typen kamen durch die Tür, ein großer
Dicker im gestreiften Jackett, den Scheitel von
einem Ohr zum anderen, und ein kleiner dünner mit
Schniefnase. Der Dicke mit der Glatze führte das
Wort.

Krott: Krott ist mein Name, Herr Jonas, Josef P.
Krott. Darf ich Ihnen meinen Partner Fred
vorstellen, sag Guten Tag zu Herrn Jonas, Fred.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Wenn Sie Freds ungehörige Aufführung
freundlichst übersehen würden, Herr Jonas, Sie
wissen ja, die Jugend von heute.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Ja, leider kann ich ohne ihn nicht
auskommen. Er hat nämlich den Laserstrahler. Hol
ihn raus, Fred, ruhig, nicht abdrücken, noch
nicht.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Heben Sie die Hände, Herr Jonas, höher.
Hahaha, so sieht also ein Privatdetektiv aus, wenn
er aus dem Bett geholt wird. Nicht eben
beeindruckend, oder was meinst du, Fred?

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Genau, Fred. Lassen Sie die Hände wieder
sinken, Herr Jonas, und folgen Sie uns.

Jonas: So wie ich bin? Das muß ja ein unglaublich
dringender Fall sein.

Krott: Sie haben recht, Herr Jonas, ein
unbekleideter Detektiv auf der Straße könnte unter
Umständen aufsehen erregen. Ziehen Sie sich was
an. Beeilen Sie sich. Fred, du paßt auf ihn auf.

Fred: Scheiß drauf.

Jonas: Fred war kein guter Aufpasser. Jedenfalls
kriegte er nicht mit, daß ich mir was in die
Tasche schob, nicht die Smith & Wesson, was
besseres, Sam zwo. Die Mini-ausführung von Sam,
drahtlos mit dem Speicher im Büro verbunden. Wo
immer die beiden Jonas hinbringen würden, er war
nicht allein. Vor dem Haus wurde ich in ein
Elektromobil geschoben, Krott fuhr, Fred drückte
mir den Laser in die Rippen und kuckte doof. Eine
kurze Fahrt. Nach 10 Minuten hielten wir vor dem
Supermedia Gebäude.

Krott: Ja, wir sind da, Herr Jonas.

Jonas: Und was will die größte Holoproduktion in
Europa ausgerechnet von Jonas?

Krott: Och, das werden Sie erfahren, Herr Jonas,
steigen Sie aus.

Jonas: Supermedia, Holo. Jetzt weiß ich, was mit
euch zwei Schießbudenfiguren los ist, ihr seid
Holopeople, Serienbackground, Statisten.

Krott: Och, ich muß doch bitten, Herr Jonas,
Kleindarsteller. Gewerkschaftlich organisiert,
tariflich abgesichert.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Und was immer wir sein mögen, Herr Jonas,
der Laser ist echt und geladen. Steigen Sie aus.

Jonas: Irgendwie hatte ich mir das
Supermediagebäude innen anders vorgestellt. Glanz,
Glitter, Glamour, große Gesten, Hektik, Action,
schöner Schein, eben Holo. Die Wirklichkeit war
ein Bürohochhaus wie jedes andere. Effizient.
Unauffällig. Bewachtes Foyer, lautloser Lift,
schnurgerade Gänge, fast unsichtbare
Pastellfarben. Im obersten Stock eine unauffällige
Tür, dahinter ein effizientes Büro, und ein Mann,
der auf Jonas gewartet hatte.

Pepper: Well, das ist also Jonas, der berühmte
Jonas, der letzte Detektiv.

Jonas: Vorsicht, kommen Sie ihm nicht zu Nahe,
Jonas beißt.

Pepper: Und sprechen kann er auch. Wonderful. Gut
gemacht, Krott und Co. Ihr Honorar wird
überwiesen. Sie halten sich weiter zur Verfügung.

Krott: Wie vereinbart, Herr Pepper. Immer gern zu
Diensten, komm, Fred, sag good bye zu Herrn
Pepper.

Fred: Scheiß drauf.

Pepper: Nehmen Sie Platz, Jonas, fühlen Sie sich
wie zuhause. Whisky, right?

Jonas: Im Prinzip ja, aber Jonas trinkt nicht mit
jedem.

Pepper: Aha, Grundsätze auch noch, great. Der
Privatdetektiv wie er im Buche steht.

Jonas: Ordentlich, sauber, rasiert und nüchtern,
sagt Chandler. Und wer oder was sind Sie?

Pepper: Pepper. Chiefproducer Petrus Emanuel
Pepper. PEP für meine Freunde. Das Problem ist,
ein Chiefproducer hat keine Freunde.

Jonas: Kein Wunder, Sie haben schlechte Manieren,
Pepper, Sie lassen Privatdetektive kidnappen.

Pepper: Mein lieber Jonas, welch harsches Wort.
Ich habe Sie zu mir gebeten, um mit Ihnen zu
reden, über eine Businessproposition. Das ist
alles.

Jonas: Sie wollen mir einen Auftrag geben?

Pepper: Das heißt nicht ich persönlich.
Supermedia. Wir brauchen einen Bodyguard.

Jonas: Leib- und Magenwächter. Nix für Jonas. Good
bye oder auch so long, jedenfalls nicht auf
wiedersehen.

Pepper: Nichts übereilen, Herr Jonas, setzen Sie
sich wieder hin. Sie wissen ja noch gar nicht,
welchen body Sie guarden sollen.

Jonas: Und wenn es der oberste Boss in Ihrem Laden
ist. Nein.

Pepper: Cora Caravan.

Jonas: Was haben Sie gesagt?

Pepper: Cora Caravan, unser Megastar.

Jonas: Ich soll Cora Caravan hüten?

Pepper: Well, ja und nein. Die Sache ist die.

Jonas: Die Holoindustrie ist ein hartes Business,
sagte Pepper. Großer Umsatz, kleine Skrupel.
Letzteres bezog sich nicht auf Supermedia,
natürlich nicht, sondern auf die Konkurrenz,
sprich Network, zweitgrößte Holoproduktion in
Europa. Die Leute von Network schreckten vor rein
gar nichts zurück, um Supermedia lahmzulegen,
sagte Pepper. Jetzt hatten sie vor, Cora Caravan
was anzutun. Ein Leibwächter mußte her. Nicht
irgendeiner, schon gar nicht ein Eigengewächs aus
Supermedia Sicherheitstruppe. Ein Spezialist.
Jonas. Soweit alles klar.

Pepper: Aber dann machte Cora trouble. Sie ist ein
Megastar, Jonas, eine Künstlerin. Sensibel. Sie
hat ihren eigenen Kopf und sie setzt ihn durch.
Sie bestand darauf, ihren künftigen Bodyguard
vorher anzusehen, um ihn zu checken.

Jonas: Dann war’s sie also doch selbst, gestern
nachmittag in meinem Büro.

Pepper: Natürlich wars sie’s, the one and only
Cora Caravan.

Jonas: Und die Geschichte vom unbekannten Vater.

Pepper: War genau das, Jonas, eine Geschichte,
fabriziert von unserer Kreativabteilung, eine
typische Holoserienstory, ein ziemlich alter Hut,
um ehrlich zu sein, aber wir waren in Eile.

Jonas: Und heute morgen hatten Sie es noch
eiliger, so eilig, daß Sie mir ihr Komikerduo mit
dem Laser auf die Bude geschickt haben. Offenbar
hat Jonas gewaltigen Eindruck auf Cora Caravan
gemacht.

Pepper: Oja, Cora war angetan von Ihnen, sehr
angetan sogar. Aber das ist nicht der Grund für
meine dringliche Einladung am frühen Morgen.

Jonas: Nicht?

Pepper: Nein, sehen Sie, Jonas, der Fall hat sich
geändert. Er hat eine neue Dimension bekommen,
eine völlig neue und leider auch unangenehme
Dimension.

Jonas: Was ist passiert?

Pepper: Vor gut zwei Stunden, 5 Uhr 25, hat Cora
mich angerufen, hier im Büro.

Jonas: Sie waren heute morgen halb 6 in ihrem
Büro?

Pepper: Aber ja, ein Chiefproducer arbeitet immer.
Der Anruf ist aufgezeichnet worden. Alle Anrufe
werden aufgezeichnet. Firmenpolitik. Leider habe
ich diesen Anruf nur auf Audiotape, Cora hat was
gegen Bildfon, anyway, hören Sie sich die Sache
mal an, Jonas.

Caravan: Pep?

Pepper: Hey, Cora Darling, wolltest du nicht
gestern abend bei mir vorbeikommen? Wo steckst du?

Caravan: In meiner Garderobe.

Pepper: Funny, du hast doch heute keinen Drehtag,
oder?

Caravan: Es hat sich was ergeben, hör zu, Pep, ich
war bei diesem Jonas, guter Mann, sympathisch, du
kannst ihn engagieren, so schnell wie möglich, er
soll gleich... Hilfe!

Pepper: Cora? Was ist los? Cora sag was! Cora!

Pepper: Das war’s Jonas, was sagen Sie dazu?

Jonas: Wo ist Coras Caravans Garderobe?

Pepper: Hier im Haus, 5. Stock, hinten raus, Blick
aufs Studiogelände. Ich hab natürlich sofort ein
paar Leute rübergeschickt, das Zimmer war leer,
keine Cora und auch sonst niemand, ein Spiegel war
kaputt, ein Stuhl umgekippt.

Jonas: Ich seh mir das selbst an, bringen Sie mich
hin.

Pepper: So soll er sein, der Privatdetektiv, kurz,
entschlossen, zielbewußt. Come on.

Jonas: Der Blick aufs Studiogelände zeigte ein
paar schäbige Hallen, diverse Ansammlungen
undefinierbarer Plastikteile, viel Staub und
keinen Menschen. Bei Supermedia arbeitete offenbar
nur der Chiefproducer. In Coras Caravans Garderobe
sah es schlimm aus, allem Anschein nach war der
Star entführt worden. Hinterlassen hatten die
Entführer wüste Unordnung und einen Schlüssel mit
ovalem Plexiglasanhänger.

Pepper: Sieht aus wie ein altmodischer
Hotelschlüssel.

Jonas: Auf dem Anhänger steht was: Zimmer 23. Und
auf der anderen Seite: Hotel Pulex, Babylon C
Turmgasse 17.

Pepper: Na bitte, da würd ich mich an Ihrer Stelle
mal umsehen, Jonas.

Jonas: Eins nach dem anderen. Erst muß ich hier
einiges abhaken.

Pepper: Ach ja, was zum Beispiel?

Jonas: Zum Beispiel die Wächter im Foyer oder

Pepper: Alles schon erledigt. Den Wachmannschaften
ist nichts besonderes aufgefallen. Und um auch das
gleich abzuhaken, wie Sie sagen, das ganze
Supermediagebäude ist gründlich durchsucht worden,
unter meiner Leitung. Keine Spur von Cora Caravan.
Well, hiermit beauftrage ich Sie in aller Form und
im Namen von Supermedia, die unter mysteriösen
Umständen verschwundene Cora Caravan zu suchen.

Jonas: Zu finden.

Pepper: Und zu finden, natürlich, und wenn Sie sie
gefunden haben, nicht von ihrer Seite zu weichen.

Jonas: Mein Honorar beträgt 90 Euros pro Tag, mal
2 ist 180. Plus Spesen.

Pepper: Die finanziellen Formalitäten kann ihr
Computer mit meinem regeln, ich muß zurück ins
Büro. Die Arbeit wartet nicht, das Leben geht
weiter, the show must go on etc. etc. Sie finden
selbst raus. Ah, by the way, wo hab ich, hier,
eine Supermedia Paßscheibe, für Sie, damit Sie
ohne Schwierigkeiten ins Haus kommen, wenn Sie mit
Ihrem Bericht aufkreuzen und mit Cora natürlich,
see you Jonas.

Jonas: Damit entschwand er, und Jonas konnte
endlich das tun, was jetzt dringend geboten war.
Nachdenken. Mit seinem Computer.

Sam: Kamerad, es stinkt.

Jonas: Zum Himmel, Sammy.

Sam: Und nicht nur das eine oder andere Detail,
großer Kombinator. Alles stinkt.

Jonas: Dieses Hotel, zum Beispiel.

Sam: Kongenitale Unzulänglichkeit des sogenannten
menschlichen Geistes. Nicht so, euer Lebten. Eins
nach dem andern. Erstens, dem bei Supermedia unter
Vertrag stehenden Holomegastar wird von Seiten der
Konkurrenz nachgestellt.

Jonas: Sagt Pepper.

Sam: Dessenungeachtet läßt Supermedia besagten
Star allein unbewacht und nicht einmal beobachtet
in der schönen aber nicht eben sicheren Stadt
Babylon herumspazieren, auf daß sie Jonas
aufsuche.

Jonas: Und Jonas wohnt bekanntlich nicht in der
allerbesten Gegend.

Sam: Zwotens. Cora Caravan verschwindet aus dem
gut gesicherten Supermediagebäude. Und keiner weiß
wie.

Jonas: Sagt Pepper.

Sam: Drittens: am Tatort findet sich ein
Schlüssel. Korrektur Schlüssel, dessen Position
mitten im Raum auf einer Spiegelscherbe zweierlei
vermuten läßt. Erstens.

Jonas: Nicht so, mein lieber, erstens hatten wir
schon. Neue Systematik. Römisch 1 oder a.

Sam: Wer kackt hier Korinthen.

Jonas: Los los, Sammy, römisch eins.

Sam: A und noch mal a). Der Schlüssel wurde erst
nach Verwüstung der Garderobe abgelegt bzw.
verloren, von den Kidnappern.

Jonas: Meint Pepper.

Sam: b) Der Schlüssel sollte keinesfalls übersehen
vielmehr beachtet und gewürdigt werden, als
deutlicher Hinweis.

Jonas: Überdeutlich.

Sam: Viertens. Das zum Schlüssel gehörige Hotel,
es nennt sich übrigens Pulex, eine lateinische
Vokabel, deren Übersetzung...

Jonas: Uns im Moment überhaupt nicht interessiert,
Sammy.

Sam: So, und was interessiert eure inhumanistische
Philistrosität?

Jonas: Daß Jonas, der in Babylon jedes Hotel
kennt.

Sam: Und jede Kneipe.

Jonas: Von diesem Hotel Pulex noch nie was gehört
hat, obwohl es im Zentrum liegt.

Sam: Auf einem Grundstück beiläufig bemerkt,
welches Supermedia gehört. Also spricht die
Katasterdatei.

Jonas: Sieh mal an, das stinkt aber gewaltig.

Sam: In der Tat, Sir, pfui Spinne und Schwefel.
Wie geht’s jetzt weiter, Genosse?

Jonas: Na wie schon, Jonas hat einen Auftrag, und
wenn Jonas einen Auftrag hat, dann zieht er ihn
durch.

Sam: Ein Detektiv muß tun, was ein Detektiv tun
muß.

Jonas: So ist es, Sammy, wir suchen Cora Caravan,
und wenn wir sie erst mal haben, werden sich alle
diese merkwürdigen Stinkereien in Luft auflösen.

Sam: Jaja, in saubere wohlriechende Luft, Wohlan,
Rittersmann oder Knapp, Hotel Pulex sei’s Panier.
Tatü tata, Sir Sam ist da.

Jonas: Turmgasse 17 war eine Lücke zwischen zwei
Wolkenkratzern, auf den ersten Blick. Auf den
zweiten war es ein heruntergekommenes Häuschen,
das sich an die Nachbarn rechts und links
anlehnte, um nicht zusammenzubrechen, ein Relikt
aus dem guten alten 20. Jahrhundert, die
Innenausstattung auch. So was hatte ich bisher nur
auf alten Videos gesehen. Ein abgelatschter
Plüschteppich, eine in Ehren ergraute Tapete,
bedruckt mit Blumen, die es nicht gab, eine
schmale Treppe aus echtem Holz, ein dito Tresen
mit einer Glocke drauf, ein Schlüsselbrett, und
daneben, kein Computer, kein Automat, ein echter
lebendiger Portier, mehr oder weniger lebendig. Er
war genauso alt und genauso verschrumpelt wie das
Haus. Außerdem schwerhörig.

Portier: Ja, komme schon.

Jonas: Zimmer 23.

Portier: Was haben Sie gesagt?

Jonas: Zimmer 23.

Portier: 23? Besetzt. Alles besetzt, kein Zimmer
frei.

Jonas: Wie schön für Sie. Wer wohnt in Zimmer 23?

Portier: Schönes Wetter heute.

Jonas: Wer wohnt in Zimmer 23.

Portier: Sie brauchen nicht zu schreien, ich bin
ja nicht schwerhörig.

Jonas: Na da verstellen Sie sich aber gut. Wer
wohnt in Zimmer 23?

Portier: Sagen Sie, geht Sie das was an?

Jonas: Das können Sie annehmen.

Portier: Warum soll ich was annehmen. Haben Sie
übrigens eine Kripomarke oder so was ähnliches?

Jonas: Jonas hatte was ähnliches. Einen 10-
Euroschein. Mehr als nur Geld. Medizin. Öffnet
Ohren und den Mund. Nicht daß der Alte umgänglich
wurde, aber er sagte mir, wer in Zimmer 23 wohnte.

Portier: A so a großer breiter, sieht a bisserl so
aus wie Sie, nur daß er rote Haare hat, knallrote
Haare.

Jonas: Und wie heißt er?

Portier: Moment, ich muß ins, ins Gästebuch
schauen, kann doch nicht alles in Kopf haben, was
die Leut alles wissen wollen von einem, da steht
er: 23. Eingezogen 20. Juni 2011, Todrovisch heißt
er, A. L. Todrowitsch.

Jonas: A. L.

Portier: Ja, so hat er sich eingetragen. Sonst
noch was?

Jonas: Ist er zuhause, der A. L. Trodrowitsch?

Portier: Nein, jetzt doch nicht, der arbeitet.

Jonas: Wo?

Portier: In einer Bar.

Jonas: In welcher?

Portier: Na was weiß ich. Doch, Moment, muß mich
bücken, hier, da, ein Streichholzbrief, hat er mir
mal gegeben, da steht’s drauf.

Jonas: Night and Day, am Graben 6a. Um die Ecke.
Tag und Nacht geöffnet. Wie der Name sagt.
Streichholzbrief. Daß es so was noch gibt, wo doch
kein Mensch mehr raucht heutzutage.

Portier: Vielleicht ist ne altmodische Bar, wie
mein Hotel, ja, für altmodische Gäste.

Jonas: Ein wahres Wort. Eine altmodische Bar. Und
so heimelig wie ein Mausoleum im Regen. Über der
Theke eine flackernde Neonröhre, eine echte
Antiquität. Ansonsten trübes Halbdunkel,
schattenhafte Gestalten vor unsichtbaren Drinks.
Niemand sprach, niemand bewegte sich. Bis auf den
Barmann, der klapperte ab und zu mit seinem
Gläsern oder flüsterte durch seine falschen Zähne,
wenn es unbedingt sein mußte, wenn ein lästiger
Gast auftauchte und die Grabenruhe störte. Ein
Gast namens Jonas.

Barmixer: Was trinken Sie?

Jonas: Whisky. Echten Scotch wenn Sie haben.

Barmixer: Wir haben, aber wir nehmen nur Bargeld,
keine Schecks, keine Computerbuchungen.

Jonas: Soll mir recht sein, Night and Day, tea for
two, I'm far away.

Sam: Ich fahr auch mit.

Barmixer: Wie bitte?

Jonas: Nichts. Todrowisch.

Barmixer: Was ist damit?

Jonas: Der arbeitet doch hier.

Barmixer: Ja. Und?

Jonas: Ist er da?

Barmixer: Noch nicht, muß aber jeden Moment
kommen.

Jonas: Bringen Sie mir den Whisky an den Tisch.
Gemütlicher Laden.

Sam: ...Der bis dato gänzlich unbekannt war.

Jonas: So ist es Sammy.

Sam: Würde es den amtierenden Herrn, hatschi!

Jonas: Gesundheit.

Sam: Danke, den Herrn Oberfeldmesser sehr
überraschen, wenn er erführe, daß auch dies
Grundstück sei im Besitz von Supermedia?

Jonas: Nicht im Geringsten, Sammy. Was sagst du
zum Streichholzbrief?

Sam: Kurioser und kuriöser, wir wandern von einem
Clou zum andern.

Jonas: Französisch.

Sam: Eine veritable Schnitzeljagd euer Denkwürden,
in welchem Zusammenhang sich die Frage erhebt, wer
ist der Jäger und wer der hatschi.

Jonas: Erinnerst du dich an den Fall Requiem,
Randy Orgas, vor anderthalb Jahren, da war’s doch
auch so, eine Anlaufstation hat uns an die nächste
weitergereicht.

Sam: Und wo, hochgeehrte Trauergemeinde, sind wir
schließlich gelandet? Beim Totengräber.

Barmixer: Ihr Whisky, 19 Euros. Ihr Name Jonas,
nur Jonas?

Jonas: Sind Sie Hellseher?

Barmixer: Anruf für Sie.

Jonas: Nanu? Bringen Sie den Apparat rüber.

Barmixer: Drahtlos Fon haben wir hier nicht.
Hinten durch.

Jonas: Das Fon stand in einem kleinen Gang,
zwischen Klo und Hintertür, an der Wand
Autogramme, von Killroy natürlich und von tausend
anderen, die sich für witzig hielten. Ein Witzbold
war auch der Typ am Fon. Er wollte mir partout
nicht verraten, wie er hieß.

Krott: Wozu, Herr Jonas, ich meine hören Sie in
mir einen Freund und Helfer in der Not.

Jonas: So, dann helfen Sie mal, Freund.

Krott: Ja, das ist der Zweck meines Anrufs, Herr
Jonas, Sie suchen einen gewissen Todrovitsch, im
engeren Sinn.

Jonas: Im engeren Sinne?

Krott: Gewiß, Herr Jonas, denn im weiteren Sinn,
nicht wahr, suchen Sie Cora Caravan.

Jonas: Reden Sie weiter, Freund.

Krott: Wenn Sie durch den Hinterausgang auf die
Straße treten, Herr Jonas, werden Sie finden, was
Sie suchen, im engeren Sinne, achten Sie, wenn ich
ihnen raten darf, besonders auf die rechte Hand
bzw. auf den Inhalt derselben.

Jonas: Die schmale Gasse hinter der Bar lag im
ewigen Schatten unendlich hoher Bürotürme. Hier
war es immer dunkel. Tag und Nacht. Night and Day.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich die Augen
darauf eingestellt hatten, das reichte um Jonas
ins Stolpern zu bringen.

Jonas: Hoppla. Hier liegt was, direkt vor der Tür.

Sam: Nicht was, ahnungsloser Asikmatiker. Wer.

Jonas: Ein Mensch. Ein Mann. Groß, breit und sehr
rothaarig. Todrovitsch.

Sam: A.L. Und A.L. Todrovitsch ist in die ewigen
Jagdgründe eingegangen. Wohin sich auch mein
saumseliger Herr und Meister in Bälde versetzt
sehen dürfte, sofern er sich nicht zu schleuniger
Flucht entschließet. Achtung, Mann mit Laser von
rechts.

Jonas: Von links kommt auch einer. Was tun.

Sam: Spricht Zeus, und Sammy weiß die Antwort. Wie
gekommen so zerronnen. Zuvor jedoch.

Jonas: Die rechte Hand, da hat er was drin.

Sam: Nimm 's ihm weg, skupuloses Sensibelchen, er
braucht’s nicht mehr. Und nun zurück marsch
marsch.

Jonas: Zwei finstere Typen hatten es auf Jonas
abgesehen, ein kleiner Dünner und ein großer
Dicker, vermummt und maskiert. Der kleine hatte
einen Laser, aber um-gehen konnte er damit nicht,
jedenfalls schoß er vorbei, zweimal, aus einer
Entfern-ung von wenigen Metern. Den dritten Schuß
wollte Jonas nicht abwarten. Ich tauchte weg,
zurück durch die Tür, über den Gang, in die Bar.
Der Mixer hob den Kopf, aber ehe er mir was
flüstern konnte, war ich schon draußen und
verschwand in der nächsten Metrostation.
Metrofahren in Babylon ist kein Vergnügen, aber
immer noch besser als sich lasern lassen. Eine
Stunde später war Jonas zu Hause. Zeit für einen
schnellen Sojaburger, mit Whisky angefeuchtet,
damit er besser rutscht, und Zeit, daß ich mir
ansah, was ich dem toten Todrovitsch aus der Hand
genommen hatte.

Jonas: Eine Plastikscheibe, etwas kleiner und
schmaler als die Supermedia-Paßscheibe, die Pepper
mir gegeben hat. Braun, auf einer Seite steht
Montecito in goldenen Buchstaben, auf der andern
auch in Gold die Zahl 100. Weißt du, was das ist
Sammy, ein Chip.

Sam: Wäh, Hatschi, nicht dieses Wort,
undifferenzierender Unhold. Ein Chip, wollen wir
uns darauf einigen, verehrte Anwesende, ist eine
jener zahnlosen Korrektur zahllosen grauen Zellen,
welchem dem braven Sam so vielerlei ermöglichen,
das Denken, das Rechnen.

Jonas: Das reden.

Sam: Das auch. Wohingegen wir das Objekt, das mein
weißer Bruder old Shatterhand in eben dieser hält,
doch bitte eine Spielmarke nennen wollen, oder in
gebildeter Ausdrucksweise einen Jeton.

Jonas: Wenn du so großen Wert darauf legst, Sammy.
Kennst du ein Spielcasino, das Montecito heißt.

Sam: In keinerlei Datei aufgeführt, Sam muß
passen.

Jonas: Jonas auch, Sammy, obwohl der Name mir
irgendwie bekannt vorkommt. Ich weiß, wer uns
weiterhilft. Die zwei maskierten Typen, das waren
Krott und Fred, unverkennbar, und Krott hat mich
angerufen als freundlicher Nothelfer.

Pepper: Supermedia, Chiefproducer Pepper, fassen
Sie sich kurz, time ist money.

Jonas: Jonas hier. Montecito, sagt Ihnen das was.

Pepper: Moment, ja, eine Spielhölle, illegal
natürlich.

Jonas: Natürlich. Glückspiel war verboten, wie
Drogen oder Prostitution oder Mord auf Bestellung,
das heißt, an jeder Ecke zu kriegen, wenn man
bezahlen konnte.

Pepper: Das Montecito gehört Rico Banana.

Jonas: Wem?

Pepper: Rico Banana.

Jonas: Wer ist denn das?

Pepper: Sie haben noch nie von Rico Banana gehört?

Jonas: Nein, nie.

Pepper: Haha, und Sie nennen sich Detektiv. Rico
Banana ist der König der babylonischen Unterwelt,
ein Supergangster.

Jonas: Wie aus einer Serie von Supermedia?

Pepper: Wollen Sie nicht wissen, wo das Montecito
liegt.

Jonas: Lassen Sie mich raten, auf einem Grundstück
von Supermedia.

Pepper: Durchaus möglich. Die Adresse ist Pohl-/
Ecke Kornbluthstraße.

Jonas: Im Wilden Südosten. Zwischen der Südstadt
und dem Reservat. Bei den Unruhen vor 15 Jahren
war das Viertel zum Teufel gegangen und nicht
wieder zurückgekommen. Schutt auf den Straßen,
schwarz verschmorte Ruinen, und mitten in den
Trümmern ein Lichtblick, auf einem neuen
Stahlschaumkasten grelle Laserlettern, Club
Montecito. Ich wanderte von der Bar zur Bühne, vom
Blackjack zum Roulette, Cora Caravan sah ich
nicht, aber eine kleine Tür am hinteren Ende des
Saals, versehen mit der Aufschrift privat,
flankiert von zwei Riesen mit ausgebeulten Jacken,
und ich sah noch was, eine vertraute Gestalt, am
Glücksrad, wo sie ab und zu einen Chip, Verzeihung
Sam, Jeton über das grüne Tuch schob.

Jonas: Hallo Fred, hoffentlich spielen Sie besser
als Sie schießen.

Fred: Scheiß drauf.

Krott: Hahaha, gerade Sie, Herr Jonas, sollten die
hohe Kunst des dicht Danebenschießens, die mein
Partner in Vollendung beherrscht, zu würdigen
wissen. Und da wir gerade davon sprechen, Sie
sollten auch ein wenig mehr Aktivität
demonstrieren, Herr Jonas, Initiative, immerhin
haben Sie ein Auftrag. Haben Sie übrigens schon
Ricos Privatgemächer besucht, Herr Jonas.

Jonas: Nein, sollte ich? Sieht schwierig aus, die
Wächter an der Tür.

Krott: Och, da gäbe es doch gewisse Möglichkeiten,
Herr Jonas.

Jonas: Ach ja?

Krott: Wenn ein Gast, mein Partner Fred zum
Beispiel, plötzlich anfängt, Stunk zu machen,
vielleicht sogar seinen Laserstrahler zieht,
meinen Sie nicht, Herr Jonas, daß die beiden
Türsteher dann ihren Posten verlassen, und
eingreifen werden. Los Fred.

Fred: Scheiß drauf. Scheiße, man hat mich
beschissen, hier bescheißt man die Gäste, ich will
mein Geld zurück!

Skip: Was ist denn los mit den beiden?

Jonas: Hinter der kleinen Tür mit der Aufschrift
Privat lag ein Korridor, 5 Türen, hinter der
ersten ein Büro, leer, hinter der zweiten ein
Schnapslager, voll, hinter der dritten.

Caravan: Guten Abend, Jonas. Ich wußte, Sie würden
kommen.

Jonas: Danke Cora, wenn Jonas was übernimmt, dann
bleibt er am Ball.

Caravan: Ach, mit Ihrem Durchsetzungsvermögen hat
das nichts zu tun, ich wußte, Sie würden kommen,
weil es so im Drehbuch steht.

Jonas: Drehbuch.

Caravan: Im Drehbuch steht, ich soll hier warten,
bis Sie kämen, und dann...

Rico Banana: Dann schalten wir uns ein. Keine
Bewegung, Jonas, ich habe Sie gewarnt, machen Sie
keinen Ärger habe ich gesagt, Schlag zu, Skip.

Jonas: Als ich aufwachte, war mir nicht gut, ich
hatte schlecht geträumt, von einem Detektiv, der
tat, was im Drehbuch stand, obwohl er das Drehbuch
nicht kannte, von einem Megastar, der immer
traurig war. Ich machte die Augen auf. Cora
Caravan saß mir gegenüber. Sie war noch immer
traurig. Trauriger als auf dem Holoschirm. So
traurig wie im meinem Büro und im Montecito. Sie
saß auf dem Boden und hielt sich fest. Wir wurden
durchgerüttelt und geschüttelt. Wo waren wir?

Caravan: Im Container eines E-Lasters.

Jonas: Und wo fahren wir hin?

Caravan: Zu Supermedia natürlich. Pepper wartet
schon.

Jonas: Auf uns.

Caravan: Auf den letzten Akt.

Jonas: Richtig, das Drehbuch. Was passiert denn
jetzt, Container eines E-Lasters, Jonas kommt zu
sich.

Caravan: Um sein Mißtrauen abzubauen, erklärt sich
Cora Caravan bereit, ihn über die Hintergründe der
Affäre aufzuklären.

Jonas: Das steht im Drehbuch?

Caravan: Ja.

Jonas: Das find ich nett. Klären Sie mich auf,
Cora.

Caravan: Ich soll Ihnen sagen, die ganze Sache sei
ein Test.

Jonas: Wer wird getestet. Jonas?

Caravan: Nein, eine Story, eine Holoserienidee.
Supermedia denkt an eine Detektivsaga im alten
Stil, und Pepper hat eine Art Probelauf
organisiert. Ein echter Detektiv in gestellten
typischen Situationen.

Jonas: Und bei der Manöverkritik werden Sie und
die anderen Mitspieler Pepper berichten, wie es
gelaufen ist.

Caravan: Das ist nicht nötig, Pepper hat Sie die
ganze Zeit im Auge und im Ohr, eine drahtlose
steuerbare Aufnahmeeinheit im Mikroformat war
immer in ihrer Nähe, gelenkt und zentriert durch
den Ortungssender in ihrer Tasche.

Jonas: Sender? Die Supermediapaßscheibe. Da habt
ihr mich seit heute morgen ständig durch Reifen
springen lassen, unter dem Mikroskop sozusagen.

Caravan: Ohne daß Sie es geahnt haben, Jonas,
oder?

Jonas: Oder was?

Caravan: Oder haben Sie es geahnt.

Jonas: Ein bißchen, vage, ich hatte so ein Gefühl,
daß an der Sache was faul ist, daß sie stinkt, wie
Sammy sagt.

Sam: Sie stinkt.

Jonas: Hallo, Sammy, wie geht’s denn so?

Sam: Wie’s einem Computer halt geht, wenn er
miterleben muß, wie sein geliebter Herr durch
Reifen hüpft und mit Lügen traktiert wird, Lügen
von vermißten Vätern, entschwundenen Stars und
inszenierten Holotests, denn auch die sog.
Aufklärung, welche Madame uns soeben auftischte,
wagt Sam zu bezweifeln. Sie stinkt.

Jonas: Das ist aber nicht höflich, Sam.

Caravan: Sam hat recht, Jonas, was ich Ihnen
erzählen sollte und erzählt habe, ist nicht wahr,
ein Livetest für eine Serie wäre ganz und gar
überflüssig, das läßt sich sehr viel besser und
billiger durch Computersimulation machen.

Sam: Wollt ich doch meinen.

Jonas: Und die Personen, die Schauspieler mein
ich.

Caravan: Schemen, Gespenster, Computersimulation,
auch der Background, die Schauplätze, alles.
Natürlich wird die Umstellung geheimgehalten, das
Publikum soll weiterhin glauben, daß es wirkliche
Menschen sieht und die wirkliche Welt, sonst würde
ja niemand mehr einschalten.

Jonas: Moment, Cora, wenn die Schauspieler in den
Serien nicht wirklich sind, was ist dann mit
Ihnen? Sie sind Cora Caravan, der große Holostar.
Der Megastar.

Caravan: Das war ich Jonas, seit 6 Jahren bin ich
Pensionärin, unter Verschluß, damit ich das große
Geheimnis nicht verrate, die Cora Caravan auf dem
Holoschirm ist ein elektronischer Abklatsch, so
gut wie das Original, aber pflegeleichter und
preiswerter. Das hier ist meine erste Rolle,
Jonas, meine erste Rolle seit 6 Jahren.

Jonas: Deshalb sind Sie immer so traurig, Cora.

Caravan: Und es wird meine letzte Rolle sein,
dafür habe ich gesorgt.

Krott: Alles aussteigen.

Pepper: Willkommen, Jonas.

Jonas: Jaja.

Pepper: Tag, Cora.

Caravan: Tag, Pepper.

Pepper: Willkommen im guten alten Studio 3, hier
sind vor Jahre Supermedias größte Erfolge gedreht
worden. Sehen Sie sich um, Jonas, Kulissen, Staub,
Nostalgie. Sie können gehen, Krott.

Krott: Es war mir eine Freude, mit Ihnen zu
arbeiten, Herr Jonas. Auf Wiedersehen Herr Pepper.
Mach’s gut, Cora.

Pepper: Und vergessen Sie ihren kleinen Scheißer
nicht.

Fred: Scheiß drauf.

Pepper: Die unteren Chargen brauchen wir nicht
mehr, jetzt spielen nur noch Sie und ich und
Superman hier.

Jonas: Superman stand neben uns, vor einem Set aus
dem vorigen Jahrhundert. Vielleicht aus der Serie
der große Krieg der weißen Männer. Sein Krieg war
allerdings von heute. Superman war ein Robokiller,
eine von diesen menschenähnlichen Mordmaschinen,
die ich auf Feuerland in Aktion gesehen hatte. Im
aktiviertem Zustand nicht zu stoppen. Superman war
nicht aktiviert.

Pepper: Noch nicht, Jonas, aber er wird bald in
unser Spiel eingreifen, das versichere ich ihnen,
und die Story zu ihrem Ende bringen. Ja, die
Story, leider ist sie nicht ganz das geworden, was
mir vorschwebte. Wäre es nach mir gegangen, hätte
ich noch zwei drei Szenen zusätzlich eingebaut,
etwa eine ausgefallene Sekte, macht sich in
Detektivstories immer gut, überhaupt mehr action,
aber der Zeitfaktor, you know, unsere Sponsoren
haben leider nur wenig Geduld.

Jonas: Sponsoren, was wir hier gespielt.

Pepper: Ein Live-Drama nur für unsere Sponsoren,
die Spitzen von Politik und Wirtschaft, die wissen
natürlich, daß seit 6 Jahren nur Computerbilder
auf dem Bildschirm agieren. Wenn sie den Holoset
anschalten, wollen sie etwas anderes sehen, und
wir bieten es ihnen einmal im Monat über ein
höchst exklusives Holopaysystem. Ein
Superlifeprogramm. Reale, wirkliche Sensationen.

Jonas: Das aufregende Leben eines Privatdetektivs
zum Beispiel.

Pepper: Der letzte Tag des letzten Detektivs, so
habe ich das heute Programm genannt. Gefällt Ihnen
der Titel?

Jonas: Teils teils. Letzter Detektiv ist OK, aber
letzter Tag.

Pepper: Das müssen Sie verstehen, Jonas, unsere
Sponsoren erwarten am Schluß des Programms etwas
ganz besonders, den Höhepunkt, und was könnte wohl
aufregender und überraschender sein als der Tod
des Helden.

Jonas: Der Robokiller soll mich umbringen, ja?

Pepper: Wenn ich diesen Knopf drücke, wird
Superman aktiviert, er wird seinen Laserstrahler
auf die Person richten, die den auf seine Frequenz
eingestellten Orter in der Tasche hat.

Jonas: Hier haben Sie das Ding zurück.

Pepper: Die Paßscheibe meine ich nicht, Jonas, die
steuert die Aufnahmeeinheit, ich meine den
speziellen Orter, nur für Superman, die
autografierte Holokarte, die Cora ihnen überreicht
hat.

Jonas: Was hat Cora mir überreicht?

Pepper: Machen wir Schluß, auf in den Kampf,
Superman. Wehren Sie sich, Jonas, auch wenn es
Ihnen nichts nützt, die Sponsoren wollen was
sehen.

Caravan: Leben Sie wohl, Jonas, und danke.

Jonas: Jonas brauchte sich nicht zu wehren,
Superman schoß nicht auf ihn, er schoß auf Cora.
Sie war sofort tot. Ich wußte, was geschehen war,
als ich mich über sie beugte. Ich sah, was sie in
der Hand hielt, eine Holokarte mit Ihrem
Autogramm, dem Autogramm von Cora Caravan,
Megastar, die tödliche Karte, die sie mir hatte
geben sollen, und die sie behalten hatte, weil sie
ihr Leben nicht mehr ertragen konnte, weil sie
immer so traurig war. Sie hatte sich töten lassen,
bewußt und freiwillig, und sie hatte Jonas
gerettet.

Pepper: Vorgedrängt hat sie sich, wer will schon
sehen, wie ein abgehalfterter Star stirbt, das ist
doch kein Schluß. Regie, was soll ich jetzt
machen, kann die Regie mir mal einen Hinweis
geben.

Regisseurin: Einen Augenblick Geduld, wir
überlegen.

Pepper: Ein Schluß, ein Königreich für einen
Schluß. Jonas, was tun Sie da?

Jonas: Ich nehme ihrem wieder deaktivierten Robo
den Laser ab, ich weiß, wie man das macht, ich war
im Antarktischen Krieg.

Pepper: Vorsicht, Sie zielen ja auf mich, Jonas!

Jonas: Ich habe eine wunderbare Idee für den
Schluß für ihre Story, Pepper, eine
Superlivesensation, ein Höhepunkt, ein echtes
Happy end, was könnte wohl aufregender und
überraschender sein als der Tod des Produzenten.

Pepper: Nein, nein!

Sam: Bravo, Meister, o capie, Korrektur da capo.

Jonas: Keiner mehr da, Sammy, komm, wir gehen nach
Hause.

Regisseurin: Warten Sie, Jonas, wir gratulieren
Ihnen, die Sponsoren sind begeistert, das Fon
steht nicht still, durch Ihre unerwartete Aktion
haben Sie das Programm gerettet.

Jonas: Ich habe ihren Chiefproducer erschossen.

Regisseurin: Der ist ersetzbar, ein Star nicht,
und Sie sind ein Star, Jonas, ein Megastar. Wollen
Sie für Supermedia arbeiten? In der
Sonderabteilung für Sponsorenprogramme.

Jonas: Nein, nie.

Regisseurin: Schade, Sie sind ja wirklich so.

Jonas: Wie bin ich?

Regisseurin: Wie Ihre Rolle, erstaunlich. Lassen
Sie sich wenigstens ein großzügiges Honorar
überweisen, das Ihrer Leistung entspricht.

Jonas: Nein.

Sam: Hatschi. Idiot, was soll die edle Geste, wer
hat was davon. Greif zu, Schrumpfkopf, mach dir
ein paar schöne Stunden, kauf Sammy ein paar neue
Chips, Korrektur Jeton.

Jonas: Also gut, ich nehme das Geld, und jetzt
lassen Sie mich in Ruhe, Jonas Megastar geht nach
Hause.

Sam: Jawoll.

Jonas: Jonas hat einen harten Tag hinter sich.

Sam: Jawoll.

Jonas: Jonas ist müde. Jonas muß schlafen.

Sam: Sammy auch.

Das war Megastar. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv spielte Bodo Primus, seinen
Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Der Holostar
war Elisabeth Volkmann, der Holo-Producer Harald
Leipnitz, außerdem wirkten mit: Wolfgang Hess,
Andreas Seyfert, Ernst Cohen, Michael Lenz,
Christoph Krix (Nikolai von Koslowski) und
Cornelia Boje. Ton und Technik: Günter Heß und
Christine Koller. Regie: Alexander Malachovsky.
Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1989).
Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Supernova

Jonas: Es war Montag, der 12. September 2011. Das
Datum habe ich mir gemerkt. Man kriegt ja nicht
jeden Tag einen Brief von einer Leiche.
Montagmorgen. Zeit, die Wochenpost aus der Box zu
holen. Den Weg hätte ich mir sparen können, dachte
ich, als ich wieder zu Hause war. Das Übliche:
Werbung, 2-D, 3-D, holographisch, eine Mahnung der
Girozentrale, endlich mein Konto aufzufüllen,
widrigenfalls und so weiter. Das übliche.

Jonas: Papierkorb.

Sam: O bitte, Exzellenz, nicht Papierkorb. Eine
veraltete Vokabel. Altmodisch, abgestanden,
altbacken, antiquiert, ach, der moderne Mensch
benutzt einen Shredder, und drückt sich
entsprechend aus.

Jonas: OK, Sammy, schmeißen wir das Zeug halt in
den Shredder.

Sam: Könnte eure drognodetische
Zurückgebliebenheit doch endlich endlich der
Tatsache Rechnung tragen, daß wir uns im 21.
Jahrhundert befinden und nicht mehr.

Jonas: Sei mal einen Moment still, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Hier ist noch was. Ein persönlicher Brief
an Jonas. Vorgestern abgestempelt in Babylon.

Sam: Von wannen wart euch diese Botschaft?

Jonas: Kein Absender drauf, nur die Adresse.
Handschriftlich.

Sam: Handschriftlich. Altmodisch, abgestanden.

Jonas: Altbacken, antiquiert, du sagst es, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Was könnte das sein?

Sam: Dies zu eruieren hat ein genialer Kopf eine
todsichere Methode erfunden. Aufmachen.

Jonas: Was würde ich ohne Sam anfangen. In einer
Flut ungeöffneter Briefe ertrinken vermutlich.
Mich weniger ärgern und ihn vermissen. Jonas
braucht einen Computer, einen schnellen, schlauen,
scharfsinnigen Computer. Sam ist schnell, schlau
und scharfsinnig, außerdem überdreht, geschwätzig
und irre, irreparabel irre. Es gibt viele
Computer, aber nur einen Sam.

Sam: Es zeugte schon immer von besonderem
Geschmack, einen besonderen Computer zu besitzen.
Ach ja. Was steht in dem Brief?

Jonas: Unsinn, Sammy. Off 20, 13. Marmota (2-11
04). Was soll das.

Sam: Eieieieieieiei, Marmota, eure linguistische
Minderbemitteltheit, ist die spanische Vokabel für
ein gewisses possierliches Pelztierlein, welches
im Gebirge haust und sich mit seinen Artgenossen
durch Pfeiftöne zu verständigen pflegt. Kurz.

Jonas: Murmeltier.

Sam: Ja.

Jonas: Ich weiß, Sammy, schließlich hab ich ihn
selbst so genannt, damals im antarktischen Krieg.

Sam: Ihn? Wen?

Jonas: Lobo. Seargent Ramon Lobo, vom neunten
Guerilla-Kommando, von der berühmten Einheit, die
kurz vor Kriegsende vernichtet wurde von
Robokillern auf Feuerland. Es gab nur zwei
Überlebende. Jonas, schwer verwundet und Lobo. Der
hatte etwas abseits unter einer Tarndecke gelegen
und den Kampf verschlafen. Sagte er später. Und
Jonas sagte, als er das hörte: Du bist kein Wolf,
Lobo, du bist ein Murmeltier, Marmota. Lobo heißt
Wolf. Nach dem Krieg ging er zur Europäischen
Raumbehörde EURAB und wurde Astronaut.

Sam: Hätten Herr Militärhistoriograph wohl die
unendlich große Güte, das präzise Datum jener
ruchlosen Robokillerattacke dem atemlos harrendem
Volke, sprich seinem getreuen Sam kundzutun.

Jonas: Sicher, Sammy. Das war im Herbst 2004,
November. 2. November 2004.

Sam: 2.11.04 oder auch 2-11-04. Na fällt der
Groschen du geistige Armenkasse?

Jonas: 2-11-04. Das steht im Brief.

Sam: In Klammern. Hinter dem Wort Marmota, welche
Tatsache, meine Damen und Herren Geschworenen nur
einen Schluß zuläßt, glasklar und messerscharf.
Besagter Brief bezieht sich auf Ramon Lobo, Ex-
Sergeant und weiland Mitstreiter meines Meisters.

Jonas: Kein Mensch kennt die alte Lobo-Marmota-
Geschichte, nur er und ich, ich habe sie nicht
weitererzählt und Lobo sicher auch nicht. Und da
ich den Brief nicht geschrieben habe

Sam: War es Lobo. Logisch.

Jonas: Aber falsch. Lobo kann den Brief nicht
geschrieben haben. Lobo ist tot.

Sam: Siehe die Offenbarung des Johannes, die da
auch genannt wird Apokalypse 20. Kapitel, Vers 13.

Jonas: Bitte was?

Sam: Kurz Off 20,13.

Jonas: Aha, und was steht da, Sammy?

Sam: Und das Meer gab die Toten, die darin waren
und der Tod und die Hölle gaben die Toten, die
darin waren und sie wurden gerichtet ein jeglicher
nach seinen Werken. Amen.

Jonas: Und das Meer gab die Toten.

Sam: Ist eure sklerotische Vergeßlichkeit denn
auch sicher, daß er tot ist, dieser Lobo Marmota,
dieser Murmelohohowolf.

Jonas: Ganz sicher. Schließlich hatte ich mit
eigenen Augen gesehen, wie er starb, vor 2 Wochen,
auf dem Holoschirm, beim Start der Europäischen
Raumfähre Supernova.

Reporter: Da steigt sie auf, auf in den tiefblauen
tropischen Himmel über Cape Crocodil, Queensland,
schlank und rank wie ein Pfeil und doch größer,
gewichtiger als die gute alte Nova, die sich ihre
Pensionierung weiß Gott redlich verdient hat, nach
22 Ausflügen ins All, und mit einer viel
wertvolleren Ladung als ihre Vorgängerin je
aufzuweisen hatte: 5 Kommunikationssatelliten,
wichtige Bauteile der neuen Orbitalstation und
last not least die Blüte europäischer Bildung und
Tatkraft in Gestalt der 4 Astronautinnen und
Astronauten, wir alle kennen ihre Namen,
angefangen mit dem Kommandanten Oberleutnant Ramon
Lobo... was war das? Da ist etwas geschehen, meine
Damen und Herren, die Trägerrakete scheint zu
schlingern, Rauch, eine Flamme am linken
Treibstofftank, immer mehr Rauch, ein Brand, mein
Gott, o mein Gott, eine eine Explosion, alles ist
explodiert, Trägerrakete, Tanks und die Supernova
mit ihrer wertvollen Ladung, mit ihren 4
Astronauten, eine eine Katastrophe, eine
entsetzliche Katastrophe, was soeben noch als
stolzes technologisches Wunderwerk in die Höhe
strebte, hat sich aufgelöst in Fragmente, winzige
Bruchstücke, die ins Korallenmeer stürzen. Wie vor
einem viertel Jahrhundert bei der
Challengerkatastrophe, vielleicht wissen Sie es,
meine Damen und Herren, wenn Sie sich für die
Geschichte der Raumfahrt interessieren, wie damals
hat auch jetzt wieder die Tücke des Objekts, der
grausame Zufall menschlichem Fortschrittsdrang ein
donnerndes unerbittliches Halt zugerufen.
Verneigen wir uns in Ehrfurcht...
Jonas: Und so weiter blabla. Jonas verneigte sich
nicht. Jonas mixte sich einen Punto Arenas, in
Erinnerung an alte Zeiten, in Erinnerung an Lobo.
Auch wenn wir nicht gerade Freunde gewesen waren.

Sam: Man nehme 1/5 argentinischen Matetee, 4/5
chemischen Brandy, dazu ein Schuß Wasser.

Lobo: Wasser? Niemals. Feuerwasser. Ein Schuß
Feuerwasser aus Feuerland, das ganze kurz
durchschütteln und dann runter, du sollest deine
Tür abschließen, Jonas alter Kriegskamerad.

Jonas: Lobo!

Lobo: Ja klar Lobo, hey Jonas, bist ja ganz käsig
um die Nase alter Kriegskamerad. Wo steht der
Whisky.

Jonas: Schreibtisch, rechte Klappe.

Lobo: Deshalb hab ich dir doch den Brief
geschickt, damit du keinen Schock kriegst, wenn du
mich siehst. Oberleutnant Ramon Lobo, Astronaut,
heroisch gefallen auf dem Felde des Fortschritts.
Na also. Einen für den toten Lobo und einen für
Jonas. Auf die gute alte Zeit. Also Jonas, alter
Kriegskamerad, das wichtigste zuerst. Ich lebe
noch.

Jonas: Offensichtlich. Und was willst du?

Lobo: Tja, was will ich. Sagen wir mal so, wir
sind Freunde, Jonas.

Jonas: Nein.

Lobo: Nicht?

Jonas: Nein. Du hast einmal in deinem Leben zu
fest geschlafen, Lobo.

Lobo: Das geschieht mir recht, was mußte ich dir
auch diesen blöden Brief schreiben und die alte
Geschichte wieder aufrühren. Also keine Freunde,
Jonas, alter Kamerad. Feinde?

Jonas: Bis jetzt nicht, Lobo, aber wenn du noch
einmal Kamerad zu mir sagst, schmeiß ich dich
raus.

Lobo: OK, Jonas, alte Kame... alter Knabe. Reg
dich ab. Kein Freund, kein Feind, Kamerad auch
nicht, aber Detektiv bist du doch, oder?

Jonas: Ich sollte mich vorstellen. Besser spät als
nie. Jonas, nur Jonas, Privatdetektiv. Der letzte.
Wenigstens in Babylon der großen Stadt. Der letzte
Detektiv und der letzte freie Mensch. Frei von
fester Anstellung, frei von regelmäßigem
Einkommen, die Volksrente nicht gerechnet, und
auch noch stolz darauf. Fragen Sie mich nicht
warum.

Lobo: Na bitte, Jonas, alter Knabe, das ist doch
was, eine gemeinsame Basis. Wir werden wunderbar
zusammenarbeiten.

Jonas: Meinst du nicht, Lobo, du solltest mir
allmählich mal verraten, was du von mir willst?

Lobo: Aber klar, Jonas, ich werd's dir sagen, ganz
genau. Zuerst bringst du mich ein paar Tage unter,
hier bei dir, ein Palast ist es zwar nicht, aber
mein Gott, ich bin nicht gerade verwöhnt. Im
Raumschiff ist es auch nicht gerade üppig. Niemand
darf wissen, wo ich bin, du sagst es keinem
Menschen, Jonas alter Knabe und du läßt auch
keinen Menschen in dein Apartment.

Jonas: Sonst noch einen Wunsch der Herr.

Lobo: Eine Kleinigkeit, alter Knabe, wir setzen
uns zusammen und überlegen, wie wir mit meiner
Story so an die Öffentlichkeit gehen, daß mir
nichts passieren kann.

Jonas: Deine Story hat was mit Supernova zu tun,
nehme ich an.

Lobo: Ja was denn sonst alter Knabe.

Jonas: Daß die Raumfähre vor zwei Wochen
explodiert ist wie na wie eine Supernova, das war
also kein Unfall.

Lobo: Kluges Kind, ein echter Schnellmerker, warst
du schon damals auf Feuerland. Natürlich war es
kein Unfall, sonst wäre ich ja wohl nicht hier,
quietschvergnügt und munter, na munter sollte ich
eigentlich nicht sagen. Immerhin sind drei
Kollegen umgekommen.

Jonas: Mord.

Lobo: Und Betrug, Jonas alter Knabe,
Megasuperriesenbetrug.

Jonas: Wer steckt dahinter? EURAB?

Lobo: Natürlich EURAB.

Jonas: Und warum?

Lobo: Warum? Na stell dich nicht so naiv. Mäuse,
Kies, Knete, Piepen, Moos, Peseten, Dollars,
Euros. Du erinnerst dich an Challenger, wann war
das, 1986. Das hat EURAB auf die Idee gebracht.
Nach dem Unfall damals hat der Staat der NASA
unheimlich was reingeschoben, so eine Art
Trotzreaktion, weißt du, jetzt erst recht. Und
EURAB geht es nicht gerade blendend, könnte eine
Finanzspritze gut gebrauchen, genauer gesagt zwei
Finanzspritzen: Erst mal zusätzliche Staatsknete
und dann

Jonas: Die Ladung.

Lobo: Du hast es erfaßt, Jonas alter Knabe.
Offiziell Satelliten und Orbitalstationen,
entsprechend hoch versichert, in Wirklichkeit bloß
Schrott. Ja so sieht's aus, Jonas alter Knabe.

Jonas: Warum gehst du nicht zur Polizei?

Lobo: Um Gotteswillen, bloß das nicht, ich weiß ja
nicht, wer noch alles drinsteckt. Bei so viel
Geld. Es geht um Milliarden, Jonas alter Knabe,
Milliarden. Und deshalb gehe ich erst mal auf
Tauchstation.

Jonas: Hört sich interessant an deine Story, hast
du auch so was wie Beweise?

Lobo: Beweise, die gibt’s, Jonas alter Knabe. Bei
EURAB. Natürlich nicht im Datenspeicher. Die
Sachen sind gar nicht durch den Computer gelaufen.
EURAB ist schlau. Top Secret Material ist nur
handschriftlich vorhanden, im Keller, in der alten
Kartei. Und du wirst sie da ausgraben, die
Beweise.

Jonas: Ach ja, und was hab ich davon?

Lobo: Du wirst die Wahrheit ans Licht bringen,
Jonas alter Knabe, der Gerechtigkeit zum Sieg
verhelfen etc. etc. Honorar ist sicher auch drin.

Jonas: Wer zahlt das. Du?

Lobo: Vielleicht, wenn ich die ganze Kiste an die
Medien verkauft habe. Oder die Versicherung. Mach
dir keine Sorgen, Jonas, du kriegst schon dein
Geld.

Jonas: Sag mal Lobo, wieso lebst du eigentlich
noch.

Lobo: Über Einzelheiten reden wir später, in Ruhe.
OK, Jonas alter Knabe? Kann ich bei dir
unterkriechen?

Jonas: Ich sagte ja. Nicht wegen der alten Zeiten.
Der Fall interessierte mich. Ein getürkter
Raumfahrtunfall mit Mord und sonstigen
Komplikationen. Dafür läßt sich ein Detektiv sogar
mit einem Widerling wie Lobo ein.

Lobo: Na wunderbar Jonas alter Knabe, am besten
gehst du gleich los und holst Proviant für ein
paar Tage. Nicht bei deiner üblichen Quelle. Nur
kein Aufsehen.

Jonas: Soll ich dir meinen Taschencomputer
hierlassen zur Gesellschaft.

Sam: O bitte nicht Hoheit, das Wesen des Gentleman
konveniert mir nicht.

Lobo: Na, nicht nötig, ich mach mir nichts aus
quakenden Blechbüchsen.

Sam: Unerhört, nehmen Sie das eventuell zurück?

Jonas: Sei still, Sam. Hier ist der Schlüssel,
Lobo, schließ hinter mir ab und mach nur auf, wenn
ich mich melde.

Lobo: Alles klar und vergiß nicht Whisky
mitzubringen.

Jonas: Die Flasche ist noch so gut wie voll.

Lobo: Aber nicht mehr lange, Jonas alter Knaben.
Prost.

Sam: Prost.

Jonas: Als ich nach einer Stunde zurückkam, war
die Tür offen. Das machte mich stutzig. Und noch
stutziger machte mich, was ich in meinem
Büroapartment vorfand. Einen kaputten Klapptisch,
Scherben, Kratzer auf dem Boden, einen dunkelroten
Fleck und keinen Lobo.

Sam: Höchst verdächtig mein lieber Watson, was
schlagen Sie vor?

Jonas: Wir bleiben dran, Sammy, wir gehen dieser
Sache nach.

Sam: Wegen dieses Lobo?

Jonas: Zum Teil, Sammy, immerhin ist Lobo zu mir
gekommen als Klient.

Sam: Daß ich nicht kichere. Nicht mal bezahlt hat
er.

Jonas: Egal, ich bin es ihm schuldig, außerdem
will ich wissen, was an seiner Geschichte dran
ist. Andererseits ein zahlender Klient zusätzlich
wäre nicht schlecht. Weißt du woran ich denke,
Sammy.

Sam: Klar Kumpel, die Versicherung.

Jonas: Richtig. Welche Gesellschaft hat Supernova
versichert?

Sam: Die Vereinigte Kosmos, die größte und beste
im Universum, behauptet sie. Firmenmotto: Sicher
ist sicher, sagte der Bauer und streute sich
Zucker auf den Sirup.

Jonas: Was?

Sam: Ein uralter Spruch, euer Denk- und
Merkwürden. Aus dem Schatzkästlein tönender
Volksweisheit, worinnen so mannigfachige

Jonas: Halt uns nicht auf, Sam, wer ist der Chef
der Vereinigten Kosmos?

Sam: Kein Chef, Chef, die Geschicke dieses
gigantischen Konzern werden gelenkt und geleitet
von einem siebenköpfigen Direktorium. In unserer
Angelegenheit wäre wohl der Direktor für
Schadensabwicklung zuständig, wenn ich mir die
Bemerkung erlauben dürfte, Sir.

Jonas: Und wer ist das?

Sam: Einen Augenblick Sir. Piep. Who is Who in
Babylon, 37. Auflage aller letzter Stand. Piep.
Vereinigte Kosmos, Direktion für
Schadensabwicklung, Frau Dr. h.c. Grenadin
Adamson, Vorstandsmitglied im Verband der
Industriekapitäninnen, Vorsitzende der Tafelrunde
für Edelfrauen Babylon e.V., Mitglied im
Löwinnenclub ferner

Jonas: Geschenkt, Sammy. Fonnummer. Fonnummer.

Sam: Fonnummer. Haben wir es heute mal wieder
eilig. Kommt sofort.

Jonas: Frau Adamson ließ sich nicht vom jedem
sprechen. Dafür hatte sie ihren Foncomputer, der
war stur und dumm, er hatte nur drei Sätze drauf,
und die wiederholte er immer und immer wieder:

Fon Stimme: Frau Direktor Adamson ist zur Zeit
unabkömmlich. Geben Sie Ihren Namen und den Zweck
Ihres Anrufs an. Frau Direktor Adamson wird sich
gegebenenfalls mit Ihnen in Verbindung setzen.
Frau Direktor Adamson ist zur Zeit unabkömmlich.
Geben Sie Ihren Namen...

Jonas: OK, OK, ich bin Jonas der letzte Detektiv,
ich muß mit Frau Adamson reden über einen großen
Schadensfall und über EURAB. Ich warte auf
Rückruf.

Sam: Kannste lange warten, Junge, hehe, wetten.

Jonas: Wetten, Sam, hehe... Jonas.

Adamson: Hier spricht Grenadin Adamson persönlich.
Bitte schalten Sie auf Bildfon. Gefällt mir, was
ich sehe.

Jonas: Sie haben mich doch nicht angerufen, um mir
Komplimente zu machen.

Adamson: Ich habe von Ihnen gehört, Jonas. Es ist
Ihnen gelungen, meine Kollegin Astoria Waldorf von
Multipharm auszutricksen. Sie müssen ein
ungewöhnlicher Mensch sein. Ich interessiere mich
für ungewöhnliche Menschen. Ich bin selbst einer.
Deshalb rufe ich an. Was wollen Sie?

Jonas: Ihnen was erzählen. Über einen gigantischen
Versicherungsbetrug.

Adamson: An meiner Firma? Durch wen?

Jonas: EURAB.

Adamson: Unsinn.

Jonas: Angenommen, die hochversicherte Ladung von
Supernova bestand nur aus wertlosem Schrott.

Adamson: Jonas, Sie reden irre, oder haben Sie
Beweise?

Jonas: Nur Hinweise. Bis jetzt. Aber es gibt
Beweise und Jonas könnte sie finden.

Adamson: Ich verstehe. Sie wollen von mir
engagiert werden. Was verdienen Sie so als
Detektiv.

Jonas: Millionen.

Adamson: Sie machen Witze.

Jonas: Ich mache Witze.

Adamson: Hören Sie, Jonas, für einen regulären
Auftrag ist mir Ihre Geschichte zu windig. Aber
wenn Sie Ihren Hinweisen nachgehen und tatsächlich
was entdecken sollten, dann verspreche ich Ihnen
ein Erfolgshonorar.

Jonas: Wieviel?

Adamson: Das Übliche. Ein Promille der
Versicherungssumme.

Jonas: Klingt ziemlich dürftig.

Adamson: Bei einer Versicherungssumme von rund 5
Milliarden Euros.

Sam: Ein Promille von 5 Milliarden ist 5
Millionen.

Adamson: Ich höre von Ihnen Jonas.

Jonas: 5 Millionen Euros.

Sam: Yes Sir.

Jo: Hi Jonas.

Jonas: Hallo Jo.

Jo: Ist was. Du hast so ein irres Glitzern in den
Augen.

Jonas: Nur ein Abglanz, Jo.

Sam: Jo. Ein Widerschein, gnädigste Kontess, der
Wiederschein goldener Berge, welche sich vor uns
erheben.

Jo: Sagt mal spinnt ihr beide?

Jonas: Ich erzählte ihr was los war. Vor Jo hat
Jonas keine Geheimnisse. Jo für Jolanda. Jolanda
Nix. Wir haben keine offizielle Beziehung, aber
wir sind befreundet. Gut befreundet. Vor zwei
Monaten hatte es angefangen, Fall Inselklau, wir
waren zusammen eingesperrt gewesen, und hatten uns
gemeinsam befreit. Das verbindet. Jo war halb so
alt wie Jonas und hatte einen Vaterkomplex.
Außerdem rote Haare und ein begeisterungsfähiges
Wesen.

Jo: Toll, Jonas, eine total tolle Story. Wie
geht's weiter?

Jonas: Ich fahr raus zu EURAB und seh mich ein
bißchen um.

Jo: Toll, ich komm mit.

Jonas: Nein, Jo, das ist kein Holoabenteuer, wo
den Helden nie was passiert. Es ist gefährlich Jo,
wirklich gefährlich, es geht um Leben und Tod.

Jo: Blablabla. Du redest wie ein weiser alter
Mäuserich mit Bart, und du hast nicht einmal
recht, es ist ein Abenteuer, das größte und
tollste, gerade weil es um Leben und Tod geht.

Jonas: Das Risiko ist zu groß, Jo.

Jo: Mein Risiko gehört mir und das geht dich
nichts an. Du bist richtig sweet, wenn du so
altmodisch kuckst, Jonas. Sei doch ehrlich, gibs
zu, für dich ist das alles doch auch das größte.
Risiko und Gefahr und so. Du mußt ja nicht
Detektiv sein, keiner zwingt dich, du könntest das
tun, was sonst alle machen: Volksrente kassieren,
rumsitzen, Holo glotzen.

Jonas: Und wenn du noch Stunden lang weiterredest
Jo, ich nehm dich nicht mit.

Jo: Du mußt, Jonas, weil du ohne mich gar nicht
reinkommst bei EURAB. Oder kannst du auf die
schnelle offizielle EURAB-Paßscheiben
organisieren?

Jonas: Weiß ich nicht, vielleicht.

Jo: Also nein. Aber ich. Über Bertie.

Jonas: Wer ist Bertie?

Jo: Bertie Kalaschnik. Ich habe ihn auf einer
Party kennengelernt vor ein paar Tagen, sein Daddy
ist ein hohes Tier bei der EURAB-Schutztruppe. Ich
kann jederzeit Paßscheiben von ihm kriegen, hat
Bertie gesagt, falls ich mich mal bei EURAB
umsehen will. Allein oder mit Freunden. Zufällig
bin ich nachher mit ihm verabredet.

Jonas: Zufällig. Und da gibt er dir zwei EURAB-
Paßscheiben. Nur so. Wegen deiner blauen Augen.

Jo: Nicht nur, ich hab schließlich noch mehr zu
bieten. Also Jonas, entweder Paßscheibe und Jo
oder gar nichts. Kannst es dir ja überlegen, um
drei Uhr bin ich wieder zurück, und dann arbeiten
wir wieder zusammen. Jo und Jonas. Jojo. Das tolle
Team.

Jonas: Ich hatte einen anderen Plan, ich wollte Jo
nicht in Gefahr bringen, und ich wollte beweisen,
daß ich sie nicht brauchte. Als Jo weg war, ging
Jonas auch, Richtung Westen, Stadtrand, wo über
verwesenden Schlafburgen aus dem 20. Jahrhundert
das EURAB-Center aufragte. Ein riesiger Pfeiler,
dessen Spitze in den Wolken verschwand. Ein
Meisterwerk der Post-Postmoderne, hatte der
Minister bei der Eröffnung gesagt, vor 20 Jahren.
Eine symbolische Rakete, das Beton gewordene Motto
von EURAB. Plus Ultra. Immer weiter. Immer höher.
Die Babylonier waren nicht so feierlich. Wenn Sie
überhaupt vom EURAB-Center sprachen, sagten sie:
Der steile Zahn. Nicht weit vom Center gab es ein
kleines Lokal. Zum Astronauten. Hier aßen die
besseren EURAB-Mitarbeiter. Ingenieure,
Abteilungsleiter. Alles, was sich nicht mit dem
Fußvolk in der EURAB-Kantine rumdrücken wollten.
Jonas rein. Kurzer Blick, ein paar Weißkittel mit
EURAB-Paßscheiben am Revers beim Mampfen. Jonas
ging weiter, nach hinten, durch die Tür mit der
Aufschrift Herren, in einen Verschlag, da ließ ich
mich nieder und wartete, zwei drei Minuten, dann
kam schon einer, mit weißem Kittel und voller
Blase.

Jonas: Verzeihung.

Ingenieur: Bitte?

Jonas: Wären Sie so freundlich, mir Ihren Kittel
zu leihen, und Ihre Paßscheibe natürlich auch.

Ingenieur: Bitte?

Jonas: Ihren Kittel und Ihre Paßscheibe.

Ingenieur: Was soll das, lassen Sie mich in Ruhe.

Jonas: Tut mir leid, ich muß darauf bestehen.

Ingenieur: Sie werden lästig, verschwinden Sie.

Jonas: Wissen Sie, so geht's mir immer, ich hab
unfeine Methoden, sagen die Leute, aber was soll
ich denn machen, jedesmal versuch ich's zuerst im
Guten, aber das klappt einfach nicht, wie jetzt
zum Beispiel und da bleibt mir gar nichts anderes
übrig als, ja, so was, das ist ein Knockouter,
kennen Sie bestimmt, ich stelle ihn auf, sagen wir
drei Stunden, das sollte reichen.

Ingenieur: Ich will raus hier, lassen Sie mich
raus, Hilfe! Hilfe!

Jonas: So, Punkt 1 abgehakt, problemlos. Keine
Probleme auch bei Punkt zwei, keine Alarmzelle gab
Laut, kein Pförtner wurde mißtrauisch, als Jonas
Eingang und Halle des Eurabcenter passierte,
bekittelt und bescheibt, schnellen Schrittes und
geschäftig, mit einem Gesicht, als ob er gerade
Umlaufbahnen berechnete. Ich verschwand in einem
Korridor, bog um die Ecke... ein Knall. Meine
Schädeldecke explodierte, mein Gehirn hob ab, und
stieg auf, höher, immer höher, und dann war es
verschwunden, und weil Jonas ohne Gehirn nicht
mehr Jonas war, verschwand er auch, die Welt löste
sich auf, nichts war mehr da. Ich war auf dem
Mond. Ganz sicher. Mondlandschaft hatte ich oft
genug im Holo gesehen. Große graue Steine,
Kraterlöcher, merkwürdig runde Berge am Horizont
und vor allem der Himmel über mir, der
unermeßliche Himmel mit Milliarden Lichtern. Mein
Gehirn war wieder da, wo es hingehörte, dafür
waren Kittel und Paßscheibe weg. Und es fehlte
noch was. Jonas lag auf Mondgestein und schnappte
nach Luft. Vergeblich. Keine Luft auf dem Mond.
Die Bronchien verknäulten sich, die Augen quollen
aus den Höhlen, Jonas war am Ersticken, und da
hatte er eine Halluzination: eine weiße Gestalt
trat aus dem Hintergrund, kam näher, ein Engel,
kein Engel, jemand im Raumanzug, nicht irgend
jemand. Lobo. Er trug einen Kanister, schob mir
was zwischen die Zähne, das Mundstück eines
Sauerstofftanks, dann verschwand er wieder, an der
selben Stelle, an der er aufgetaucht war. Seltsam.
Egal, erst mal atmen, alles andere konnte warten,
ich lutschte an meinem Mundstück wie ein Säugling
an der Sojamilchflasche.

Sam: Na, Genosse, Leben wieder frisch? Ha?

Jonas: Es geht Sam. Moment mal, wieso kann ich
dich hören, es ist doch gar nicht möglich,
Schallwellen im Vakuum.

Sam: Vakuum? Das war einmal. Spuck den Schnuller
aus, Kindchen, den brauchst du nicht mehr. Kurz
nachdem mein über alles erhabener, wenn auch
luftlos nicht existenzfähiger Herr und Meister an
die Sauerstoffbuddel gelegt wurde, ließ jemand
Luft in diesen Raum strömen.

Jonas: Jemand? Wer?

Sam: Wer? Vermutlich der, der sie vorher
abgelassen hat.

Jonas: Aber wie kann man denn auf dem Mond die
Luft einfach so an und abstellen.

Sam: Auf dem Mond, hehe, oder auch hehe wie sie
bemerken meine Damen und Herren, verehrte
Kommilitonen, kann kurzzeitiger Sauerstoffentzug
zu markanten intellektuellen Ausfallerscheinungen
führen, sogar bei Privatdetektiven.

Jonas: Wir sind nicht auf dem Mond?

Sam: Wir sind immer noch im EURAB-Center, du
Kopfprothetiker.

Jonas: Was?

Sam: Das hier ist eine Mondsimulation, ein
Trainingsraum für Astronauten, eine Illusion, ein
bißchen Geröll und Holobilder drumrum.

Jonas: Wirklich, sieht aber sehr echt aus.

Sam: Steh auf, geh ein paar Schritte und wenn du
dir an der Wand eine Beule fängst, wirst' es schon
merken.

Jonas: Was ist hier eigentlich los, Sammy, kaum
bin ich drin, wird ich auf den Kopf gehauen, dann
bringt man mich auf diesen falschen Mond, in ein
Vakuum und wie ich kurz vor dem ersticken bin
kommt mein alter Freund Ramon Lobo.

Sam: Lobo? Der Typ im Raumanzug mit Sauerstofftank
war Lobo? Lobo der Unverschämte, Lobo der
mysteriös Abhandengekommene?

Jonas: Ich hab ihn erkannt, Sammy, ganz deutlich,
und da drüben ist er zum zweiten mal abhanden
gekommen hinter dem Steinhaufen.

Sam: Na was und da stehst du immer noch hier und
redest in der Gegend rum? Der Herr warten wohl auf
eine schriftliche Einladung, wie, auf auf ihm
nach.

Jonas: Der Ton paßte mir nicht, aber in der Sache
hatte ich auch keinen besseren Vorschlag. Also
wanderte ich durch die nachgemachte Mondlandschaft
und stieß mir prompt den Kopf an der unsichtbaren
Begrenzung, wie Sam vorausgesagt hatte. Als ich
mit der Hand herumtastete, fand ich einen Griff.
Ich zog daran, eine Tür ging auf, der Eingang zu
einer im Moment funktionslosen Luftschleuse.
Gegenüber eine zweite Tür. Dahinter ein enger
Gang, dunkel, bis auf einen schmalen Lichtstreifen
weiter vorn.

Sam: Ein geheimer Gang, mein roter Bruder möge ihm
folgen.

Jonas: Du spinnst Sammy, man hat dir zu viel
Schmöker einprogrammiert.

Sam: Und es ist doch ein Geheimgang, denn wisse o
Sultan, in diesem Gebäude existiert ein zweiter,
ein geheimer Aufenthalts- und Verbindungsbereich,
welcher lediglich für die EURAB-Schutztruppe
bestimmt ist.

Jonas: Ach was.

Sam: Doch, sie verfügt somit über ihre eigenen
Räume, Gänge, Treppen, Aufzüge. Doch genug
geplaudert, machet euch auf, Kaspar, Melchior,
Balthasar, dem Sterne nach, der dorten glänzet.
Pst. Leise, Klavier äh Piano. Pianissimo.

Jonas: Jonas schlich sich an wie Old Shatterhand
in besten Jahren. Der Lichtstreifen war ein
Türspalt, breit genug zum Durchsehen. Ein Raum,
etwa so groß wie mein Büro, an allen Wänden
Monitore, vor einem Schaltpult ein bulliger Typ in
der Uniform der EURAB-Schutztruppe. Neben ihm
Lobo. Er steckte noch im Raumanzug, hatte aber den
Helm abgenommen. Hören konnte man durch den Spalt
übrigens auch ganz gut.

Lobo: Kann ich was dafür, wenn Jonas zu früh
kommt? Dein dämlicher Bertie sollte dieser wie
heißt sie, Jonas Freundin, Nix, Jo Nix.

Kalaschnik: Ja.

Lobo: Er sollte ihr die Paßscheibe erst am
Nachmittag geben.

Kalaschnik: Red dich nicht raus, Lobo, es war
deine Idee, den Detektiv einzuschalten, und wenn
das jetzt schief geht.

Lobo: Nichts geht schief. Die Mappe mit dem
Beweismaterial gegen EURAB liegt hier, wir werden
sie ihm irgendwie zustecken, wie geplant, und dann
dafür sorgen, daß er heil hier rauskommt. Ich weiß
nicht, was du willst Kalaschnik, alles ist OK.

Kalaschnik: Ich wußte ja schon immer, daß du blöd
bist, Lobo, aber so blöd, wer hat Jonas
abgefangen, EURAB, warum weiß ich als Chef der
Schutztruppe nichts davon, ist EURAB uns auf der
Spur, haben sie mitgekriegt, daß wir sie hochgehen
lassen wollen, mit ihrer hausgemachten
Katastrophe? Warum haben sie Jonas nicht gleich
verschwinden lassen, sondern in die Mondsimulation
gebracht? Sag mal, er hat dich doch nicht gesehen?

Lobo: Kein Stück. Der war weit genug weggetreten.
Du machst dir zu viel Sorgen Kalaschnik. Uns wird
schon was einfallen. Jonas hat Luft für eine
Stunde. Und so lange haben wir ihn sicher in der
Simulation. Der läuft uns nicht weg.

Kalaschnik: Ach ja? Dann kuck mal auf den Monitor.

Lobo: Weg! Jonas ist weg.

Jonas: Im Gegenteil, Jonas ist hier. Mit seinem
Knockouter.

Sam: Und seinem Computer. Einer für alle, alle für
einen. Nieder mit der Garde des Kardinals, zur
Hölle mit allen Schurken und Verrätern.

Jonas: Nehmen Sie meinen Computer nicht unbedingt
wörtlich, meine Herren, und nehmen Sie die Hände
hoch.

Jonas: Lobo erstarrte. In seinem Raumanzug sah er
aus wie das Denkmal vor dem EURAB-Center, Dr.
Werner Semmel, der erste Mensch auf dem Mars.
Kalaschnik war besser, er reagierte sofort und
langte nach seinem Laserstrahler, aber Jonas hatte
den Knockouter schon in der Hand. Jonas war
schneller.

Kalaschnik: Hu!

Jonas: Den Laser nehm ich besser an mich.

Lobo: Hör mal, Jonas, alter Knabe.

Jonas: Du bleibst so stehen, Lobo und rührst dich
nicht, und den Mund machst du nur auf, wenn ich
dich was frage.

Lobo: Aber Jonas.

Jonas: Weißt du, Lobo, ein Knockouter ist
unangenehm, aber ein Laser ist endgültig, und es
wäre doch schade um dich, das also sind die
Beweise gegen EURAB.

Sam: Handschriftliche Aufzeichnungen. Igitt.
Altmodisch. Abgestanden. Altbacken. Antiquiert.

Jonas: Aber aufschlußreich: Listen von
hochwertigem Material, Material, das angeblich mit
Supernova im Ozean versackt war, in Wirklichkeit
war es noch vorhanden, in EURAB-Geheimspeichern.
Holobilder, nicht professionell, offenbar heimlich
geschossen, aber deutlich genug. EURAB-Direktoren
beim Beladen von Supernova mit Schrott. Die
Schadensmeldung über einen defekten
Treibstofftank, datiert auf den Tag vor dem Start.
Wie gesagt, aufschlußreich und ausreichend.

Sam: In der Tat, Herr Kollegiat, der Fall ist
klar. EURAB selbst hat Supernova abstürzen lassen.

Jonas: Lobos Geschichte stimmt also.

Sam: Ja.

Jonas: Aber das ist auch ziemlich das einzige, was
hier stimmt. Pack aus, Lobo, alter Knabe, warum
lebst du noch?

Lobo: Weil ich gar nicht in Supernova war. Kurz
vor dem Start haben sie mich ausgetauscht, gegen
einen Androiden, der aussah wie ich.

Jonas: Ausgetauscht? Warum?

Sam: Ja, und vor allem wer?

Jonas: Genau, wer hat dich ausgetauscht, Lobo? Na?

Lobo: Ich sag nichts mehr.

Jonas: Er will nichts sagen, Sammy.

Sam: Er wird, Herr Großinquisitor, nämlich wenn
wir zur peinlichen Befragung übergehen.
Daumenschrauben, Streckbett, eiserne Jungfrau.

Jonas: Ein einfacher Laser tut's auch, Sammy.

Sam: Jajajaja.

Jonas: Ein Laserstrahler kann ein sehr
überzeugendes Argument sein, besonders bei einem
Feigling, ganz besonders, wenn man droht, bei den
Zehen anzufangen und sich langsam hochzuarbeiten.

Sam: Erst der kleine Zeh, tut noch nicht so weh,
nene, dann der große Zeh tut schon viel mehr weh.

Lobo: Nein, Jonas, nein, bitte, ich will ja reden.
Ich sag dir alles, Jonas.

Jonas: Dann fang mal an. Wer hat dich
ausgetauscht?

Lobo: Wir, ich meine die Gruppe: Die AA.

Jonas: AA?

Lobo: Anti-Astronauten. Wir sind gegen Raumfahrt
aus grundsätzlichen Erwägungen.

Jonas: Wer ist wir?

Lobo: Kalaschnik und die meisten EURAB-
Schutztruppler, ja und ich.

Jonas: So, ihr seid also gegen Raumfahrt, aus
grundsätzlichen Erwägungen.

Lobo: Wir meinen, es ist eine sinnlose
Geldverschwendung, solange auf der Erde noch so
viel zu tun ist.

Jonas: Hört sich ganz vernünftig an, in der
Theorie.

Lobo: Wir arbeiten innerhalb von EURAB im
Untergrund. Und da haben wir mitgekriegt, daß die
EURAB-Spitze Supernova hochgehen lassen wollte.
Wir haben uns zusammengesetzt und beschlossen, den
Plan von EURAB für unsere Ziele zu benutzen.

Jonas: Warum seid ihr nicht gleich an die
Öffentlichkeit gegangen, ich meine vor der
Katastrophe?

Lobo: Das hätte nicht so viel gebracht. Erst
Unfall, dann Enthüllung, das haut hin. Das macht
EURAB kaputt und die ganze Raumfahrt.

Jonas: Ihr habt also nichts gesagt und die Sache
laufen lassen. Du bist gegen einen Androiden
ausgetauscht worden, und die anderen 3
Astronauten?

Lobo: Tja, die hat’s erwischt. Leider. Aber wenn
Blut fließt, hat das gleich eine viel stärkere
Wirkung, sagt Kalaschnik.

Jonas: Du warst immer eine Ratte, schon damals auf
Feuerland.

Lobo: Murmeltier wenn schon.

Sam: Alles mal herhören. Zeit drängt. Situation
höchst unsicher. Gestatte mir Abkürzung. Also:
Nach planmäßiger Verunfallung von Supernova
Dilemma bei sogenannter Widerstandgruppe.
Unmöglich sich zu demaskieren und Wissen um
Hintergründe selber aufzudecken.

Jonas: Warum?

Jonas: Warum? Gruppe hätte zugeben müssen, alles
schon vorher gewußt, nichts getan, 3 Astronauten
über Klinge hopsen lassen. Also Parole: In Deckung
bleiben, Aufklärung hintenrum. Idee: Da gibt’s so
nen Typ, Jonas heißt er, Detektiv is er.

Jonas: Das stammt von dir, was Lobo?

Lobo: Naja, schließlich sind wir alte
Kriegskameraden.

Jonas: Kriegskameraden. Du bist bei mir
aufgekreuzt, auferstanden von den Toten, und dann
bis du wieder verschwunden, unter verdächtigen
Umständen. Jonas sollte ins EURAB-Center gelockt
werden, um das Beweismaterial zu finden.

Lobo: Wir hatten alles so schön vorbereitet über
Kalaschniks Bertie und deine Freundin Jo.

Jonas: Aber Jonas kam zu früh. Und die Sache ging
daneben. Wer hat mich niedergeschlagen und in die
Mondsimulation gebracht.

Lobo: Keine Ahnung, Jonas alter Knabe, wirklich
nicht.

Lautsprecher-Stimme: Achtung, Achtung, hier
spricht die Direktion. Eine Durchsage von höchster
Wichtigkeit für alle EURAB-Mitarbeiter. Verlassen
Sie auf der Stelle das EURAB-Center, ruhig,
geordnet, ohne Panik. Befolgen Sie dabei nur die
Anweisung der neuen EURAB-
Sicherheitssondereinheiten in den grünen
Uniformen. Die bisherige EURAB-Schutztruppe ist
aufgelöst. Ihre Mitglieder haben keinerlei
Weisungsbefugnis mehr. Ich wiederhole: Alle EURAB-
Mitarbeiter verlassen auf der Stelle das Gebäude.
Ende der Durchsage.

Sam: Und siehe, es wart Licht.

Jonas: Licht?

Sam: Symbolisch, du Nappsülze.

Jonas: Ach so.

Sam: Ja. Oder um es auch für geistig nicht üppig
Bemittelte verständlich auszudrücken: Alles klar.
Offenbar hegte EURAB seit einiger Zeit einen
gewissen Verdacht, oder doch eine Ahnung, von den
sie unterwandert habenden
Antiraumfahrtverschwörern. Deshalb ist Jonas in
die Mondsimulation verbracht worden, als Köder
quasi, als nichtsahnender Lockvogel. EURAB hat
alles, was weiterhin geschah elektronisch verfolgt
und dürfte nunmehr voll im Bilde sein.

Jonas: OK, Sammy, aber woher hat EURAB gewußt, daß
Jonas hier im Center auftauchen würde und wann?

Lautsprecher-Stimme: Achtung Achtung! Eine
Durchsage für alle Angehörigen der EURAB-
Sicherheitssondereinheiten: Nach der Evakuierung
des EURAB-Centers tritt Alarmplan A7 in Kraft. Das
gesamte EURAB-Center wird vom Keller bis zur
Spitze gründlich durchsucht und systematisch
gesichert. Das betrifft sowohl den normalen
Arbeits-, als auch den speziellen
Sicherheitsbereich. Alle Mitglieder der
aufgelösten EURAB-Schutztruppe sind festzunehmen,
desgleichen eine sich unrechtmäßig im Center
aufhaltende Person namens Jonas, ich wiederhole
Jonas. Ende der Durchsage.

Jonas: Die Monitore wurden dunkel, das Licht ging
aus, bis auf eine trübe Notbeleuchtung. EURAB
hatte uns den Saft abgedreht. Es wurde Zeit, für
Jonas, auch auf einen Alarmplan umzuschalten. A7
oder wie immer.

Sam: Priorität A: Mein Meister bringt die eigene
Person nebst seinem treuen Sam in Sicherheit, das
heißt aus dem EURAB-Center. Priorität B, mein
Meister rettet das Beweismaterial gegen EURAB
zwecks künftiger Verwendung.

Jonas: Ist mir recht, Sammy, und wie machen wir
das.

Sam: Wie machen wir das, der böse Feind arbeitet
sich von unten nach oben durch, wir türmen also
nach oben. In die Spitze.

Jonas: OK, kennst du den Weg?

Sam: Unzureichende Daten. Vorschlag: Lobo.

Jonas: Natürlich, Lobo, du müßtest dich im EURAB-
Center bestens auskennen. Geh voraus.

Lobo: Warum sollte ich, Jonas alter Knabe.

Jonas: Weil ich es will. Weil ich einen Laser habe
und weil du selbst das größte Interesse daran
haben mußt, denn wenn die EURAB-Leute dich
erwischen, machen sie dich zu dem, was du
offiziell schon bist: zu einer Leiche. Zieh den
Raumanzug aus und dann los.

Jonas: Es wurde ein Gewaltmarsch im Gebirge, durch
Gänge, über Treppen, alle Aufzüge standen still,
darum brauchten wir fast eine Stunde, bis wir auf
der kleinen Aussichtsplattform an der Spitze des
Centers standen, 500 Meter über der Erde. Wir
schnauften und sahen uns um, nach einem rettenden
Engel vermutlich.

Sam: Und voila, da ist er schon.

Jonas: Wer Sammy?

Sam: Der Engel, Mann, der rettende.

Jonas: Du meinst den Hubschrauber.

Sam: An und für sich meint Sam eher den in
demselben befindliche Lady.

Adamson: Hallo, Jonas.

Jonas: Frau Adamson.

Sam: Von der vereinigten Kosmos.

Adamson: Ich habe gehört, daß Sie in
Schwierigkeiten sind und Hilfe brauchen, deshalb
bin ich gekommen. Wie ist es gelaufen? Haben Sie
was erreicht?

Jonas: Kann man wohl sagen, sehen Sie die Mappe:
Beweise, stichhaltige Beweise gegen EURAB. Ich hab
Ihnen 5 Milliarden Euros erspart.

Adamson: Und 5 Millionen verdient, bravo Jonas,
passen Sie auf, ich werfe ihnen eine Strickleiter
zu, steigen Sie um.

Jonas: Der Hubschrauber stand direkt über uns, so
tief, daß man ihn fast mit Händen greifen konnte.
Nur ein paar Sprossen auf der Strickleiter.
Trotzdem war es eine mühsame Kletterei, ich hatte
nur eine Hand frei, mit der andern mußte ich die
Mappe mit den Beweisen festhalten.

Adamson: Machen Sie es sich leichter, Jonas,
reichen Sie mir die Mappe zu. Besten dank.

Jonas: Au!

Adamson: Wünsche noch einen angenehmen Aufenthalt
im EURAB-Center, Jonas, es war mir eine Freude Sie
gekannt zu haben.

Sam: Reingelegt. Angeschmiert und ausgetrickst,
beschummelt, behumpst und beschupst. Da fliegen
sie hin, die Beweise, auf Nimmerwiedersehen. Und
Jonas sitzt auf seinem allerwertesten und glotzt
blöd in die Landschaft.

Jonas: Was soll ich denn sonst machen, Sam, diese
hinterhältige Schlange hat einfach die
Strickleiter losgemacht und Jonas abgeworfen, die
steckt also auch mit drin.

Sam: Präziser: Frau Direktor Adamson ist
Mitwisserin und Komplizin von EURABs Untat. Ist
doch auch ganz logisch Mann. EURAB hat sich die
Verantwortliche für Schadensabwicklung bei Kosmos
gekauft, um eine allzu eingehende Überprüfung der
Supernovakatastrophe zu verhindern.

Jonas: Dann hat sie EURAB vor Jonas gewarnt.

Sam: Ja wer denn sonst, Mann, wie singt schon
Giuseppe Verdi: o wie so trügerisch

Jonas: Singe nicht, Sammy. Denke.

Sam: Nicht mehr nötig, verehrte Spätzünder. Alle
Probleme sind gelöscht, äh gelöst.

Jonas: Bis auf eins. Was machen wir jetzt, jeden
Moment können die EURAB Sonderbullen hier
auftauchen.

Sam: Eieiei, Alarm, da sind sie, wo hast du einen
Laser, alter Schussel?

Jonas: Durch die Tür kam eine Gestalt in grüner
Uniform, eine kleine Gestalt mit zwei Rucksacken
über der Schulter. Ich hatte den Laser in der
Hand, aber ich schoß nicht, aus gutem Grund.

Jo: Na Jonas, wie sieht's aus?

Jonas: Jo!

Jo: Ich hab mir gedacht, ich treff dich hier,
weißt du, als ich mit den Paßscheiben von Bertie
bei dir vorbei kam, und du warst nicht da, da
hatte ich gleich so ein ätzendes Feeling. Also bin
ich allein hergefahren. Unten in der Halle war ein
irrer trouble. Typ in grün wollte mich nicht
durchlassen. Ich bin mit ihm um die Ecke und hab
ihm die Uniform ausgezogen.

Jonas: Judo.

Jo: Eher Freistil. Ja und dann hab ich mich ein
bißchen umgehört und umgesehen und dann hab ich
mich abgesetzt, nach oben, und hier bin ich.

Jonas: Toll, Jo, echt toll.

Jo: Mitgebracht hab ich auch was. Hier die
Rucksäcke.

Jonas: Was ist da drin?

Jo: Fallschirme. Unterwegs bin ich an einer
Gerätekammer vorbeigekommen. Für
Astronautenlehrlinge oder so, und da hab ich
gedacht

Lobo: Fallschirme, wunderbar, genau was wir
brauchen.

Jo: Wer ist denn das?

Jonas: Lobo, das Murmeltier. Lobo die Ratte.

Jo: Tut mir leid Lobo, ich hab nur zwei
Fallschirme, für Jonas und für mich.

Jonas: Kannst du fallschirmspringen, Jo?

Jo: Ich weiß nicht, aber ich kann Drachenfliegen
und das ist doch so ähnlich oder.

Jonas: Wir stiegen in die Fallschirme, Jo war
schneller als ich, aber sie mußte ja auch nicht
einen zeternden Lobo mit dem Laser in Schach
halten.

Lobo: Du kannst mich doch nicht hier lassen, Jonas
alter Kriegsk... alter Knabe. Bitte Jonas nimm
mich mit, bitte.

Jonas: Wenn ich dich so ansehen, Lobo, tust du mir
fast leid, aber dann fallen mir die toten
Astronauten in Supernova ein, bleib schon hier und
sieh zu wie du klar kommst, vielleicht findest du
ja wieder eine Decke, die du dir über den Kopf
ziehen kannst.
Lobo: Jonas hör doch mal, du brauchst mich, jetzt
wo du die Mappe weggegeben hast, bin ich der
einzige Beweis für das, was wirklich mit Supernova
passiert ist.

Jonas: Meinst du.

Sicherheitsbeamter: Hier sind sie. Stehenbleiben.
Halt!

Jonas: Salut Lobo. Jeromino!

Lobo: Jonas, nicht, Hilfe! Oh!

Sam: Und der Tot und die Hölle gaben die Toten,
die darin waren und sie wurden gerichtet ein
jeglicher nach seinen Werken. O Sammy ist ja so
schlecht.

Jonas: Ehe die EURAB-Leute noch richtig
mitkriegten was los war, waren wir unten,
abgerollt aus den Fallschirmen und verschwunden im
Labyrinth der Straßen hinter dem EURAB-Center,
hier ist Jonas zu Hause, hier kriegt ihn keiner.
Drei Stunden später, im Casablanca. Jo und ich und
Sam natürlich. Wir saßen und tranken und redeten,
und dachten. Und dann ließ ich mir ein Fon an den
Tisch bringen.

Adamson: Jonas, Sie leben noch, wie nett.

Jonas: Finden Sie, Frau Adamson. Jonas hat eben
immer noch einen Trumpf im Ärmel. Wenn Sie die
Mappe mit den Beweismaterial durchsehen, werden
Sie feststellen, daß ein paar sehr wichtige
Dokumente fehlen, die hab ich vorher abgezweigt,
sicher ist sicher.

Adamson: Tatsächlich, ich glaube, ich werde Sie
überreden können, sich auch von diesen Dokumenten
zu trennen.

Jonas: Ich glaube das nicht, ich hab sie nämlich
nicht bei mit, sie sind sicher verwahrt. Und wenn
mir was passiert.

Adamson: Dann gehen die Dokumente an die Behörden
oder an den Aufsichtsrat der Vereinigten Kosmos,
das ist mir klar, aber auch Ihnen sollte was klar
sein, Jonas, wenn Sie ihrerseits die Dokumente an
die Öffentlichkeit bringen, dann...

Jonas: Dann wird mir was zustoßen.

Adamson: Etwas höchst unerfreuliches. So sieht es
aus, Jonas.

Jonas: So sah es aus. Unentschieden, Gleichgewicht
der Kräfte, Status quo, keiner konnte was tun.
Unschön. Unmoralisch auch. Aber nicht zu ändern.

Sam: So ist das Leben, Gevatter, jaja, such is
life, cest la vie, so oder so, schwarz oder weiß,
gut oder böse.

Jonas: Nein, Sammy, das stimmt nicht. In dieser
Geschichte gibt es keine guten, EURAB, Lobo und
seine Gruppe, die Adamson, alle mies. Das Leben
ist nicht so oder so, das Leben ist weder noch.

Sam: Beziehungsweise sowohl als auch.

Jo: Hört auf trübe zu tümpeln, ihr müden Krieger,
spielen wir lieber eine Runde Poker. Aber Sammy
darf nicht wieder schummeln.

Das war Supernova. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas spielte Bodo Primus,
sein Super-computer Sam war Peer Augustinski. Frau
Adamson: Christine Buchegger. Jo Nix: Petra Uhlig.
Ramon Lobo, Astronaut: Karl Heinz Vosgerau.
Außerdem wirkten mit: Bernd Stephan, Hans Rudolf
Stein, Achim Höppner, Claus Peter Bülz und Jürgen
Rehmann (Will Spindler). Ton und Technik: Günter
Hess und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner
Kositz: Regie: Alexander Malachovsky. Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks (1989).
Redaktion Erwin Weigel und Christoph Lindenmeyer.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Schneewittchen

Jonas: Es war ein toter Tag, ein Tag, an dem die
große Stadt Babylon so grau und so kalt wirkte wie
ein krepierter Elefant. Ein Tag, an dem nichts
passiert. Dachte ich. Das war ein Irrtum. Ich war
in den Trödelladen gegangen, weil mir die alte
Postkarte im Schaufenster aufgefallen war, eine
Fotographie, 2D, schwarz weiß, altmodisch, so
altmodisch wie Jonas. Ein kleiner Mann mit Hut,
die Oberlippe schief hochgezogen, Revolver in der
Hand, und über dem Mann, von links unten nach
rechts oben, ein schwarzer Schriftzug.

Trödler: Eine Rarität, mein Herr, das
authentische, handgeschriebene Autogramm des
Schauspielers Humphrey Bogart, Mitte des vorigen
Jahrhunderts, mehr als 60 Jahre alt.

Jonas: 65, genau, das ist ein Bild aus Big Sleep,
1946.

Trödler: Der Herr ist ein Bogie-Fan? Ich habe seit
Jahren keinen mehr getroffen.

Jonas: Vielleicht bin ich der letzte.

Jonas: Der letzte Bogie-Fan. Und der letzte
Privatdetektiv. Ein Relikt. Ein Rudiment. Ich
fühlte mich fehl am Platz und überflüssig an
diesem grauen Herbsttag des Jahres 2011. So
überflüssig wie ein Schauspieler oder wie ein
Trödler. Der Name ist übrigens Jonas. Nur Jonas.
Darauf lege ich Wert.

Trödler: Wollen Sie die Karte erwerben, mein Herr?

Jonas: Wollen wollte ich schon, bloß können konnte
ich nicht. 400 Euros sollte das gute Stück kosten.
Viel zu viel für einen Detektiv ohne Auftrag. Ich
legte die Karte zurück und ging aus dem Laden. Und
dann passierte es. Ein graues E-Mobil tauchte aus
dem Nichts auf, schob sich quer über den Gehweg
und hielt direkt neben mir. Zwei grimmige Typen
sprangen raus. Einer quetschte mich gegen die
Mauer, der andere hielt mir einen Laserstrahler
unter die Nase.

Quex: Gesicht zur Wand, Arme hoch, Beine
auseinander, kein Wort, keine Bewegung.

Brock: Easy, Quex, Diensteifer ist was schönes,
aber Sie sollten nicht übertreiben. Wir nehmen den
Mann nicht fest, wir nehmen ihn bloß mit.

Jonas: Brock, sind Sie neuerdings unter die
Straßenräuber gegangen?

Sam: Räuber? Alarm! Alarm! Tatü Tata! Tatü Tata!
Hilfe! Polizei!

Jonas: Sei still Sam, das ist die Polizei. Kennst
du denn Brock nicht mehr? Chefinspektor Brock von
der Kripo, Rächer der Enterbten mit
Pensionsberechtigung.

Jonas: Ein alter Freund, fast so alt wie Sam, der
sich die nicht vorhandene Lunge aus dem Hals
schrie, den er auch nicht hatte. Sam ist mein
Computer. Er wohnt in meinem Büro und als
drahtlose Miniextension in meiner Tasche. Wenn er
nicht gerade brüllt wie am Spieß, redet er, in
gewöhnlicher Lautstärke und manchmal ziemlich
ungewöhnlichen Worten. Sam ist verbal
überprogrammiert. Ansonsten hat er die Aufgabe,
mir mit gutem Rat zu helfen, falls ihm etwas
einfällt, falls nicht...

Sam: Unzureichende Daten, o du letzte Inkarnation
des großen Philip Marlowe.

Brock: Steigen Sie ein, Jonas.

Jonas: Warum?

Brock: Weil ich es sage.

Jonas: Ach, und wohin fahren wir?

Brock: In die Zentrale. Da warten ein paar
wichtige Leute, die mit Ihnen reden wollen.

Jonas: Ich wußte gar nicht, daß Jonas so einen Ruf
als Konversationist hat.

Sam: Sag einfach Gesprächspartner, Partner.

Jonas: Du hältst den Rand, Sammy.

Brock: Sie sind ein lahmer Witzbold, Jonas, das
ist der einzige Ruf, den Sie haben. Steigen Sie
jetzt ein. Oder soll ich Wachtmeister Quex von der
Leine lassen?

Quex: Ja, Chef?

Jonas: Zwei wichtige Leute warteten auf Jonas, in
einem Büro im obersten Stockwerk der zentralen
Sicherheitsverwaltung. Eine schöne Frau in schwarz
und ein Mann, der nicht so schön war, auch nicht
mehr neu, aber schick, ultraschick, von der
handkolorierten Hawaikrawatte aus Naturleinen bis
zu den Plateausohlen mit Franzen. Umwerfend. Den
Mann kannte ich nicht, die Frau um so besser.

Judith: Sie bleiben, Brock.

Brock: OK, Frau Delgado.

Judith: Hallo, Jonas.

Jonas: Du siehst gut aus, Judith.

Judith: Was man von dir nicht sagen kann, deine
neue Beziehung äh, Jolanda Nix, scheint dir nicht
zu bekommen.

Jonas: Die Sicherheitsverwaltung weiß alles. Wer
ist der letzte Schrei?

Judith: Bitte wer?

Jonas: Der Dressman, wie heißt er, was will er.

Judith: Vorsicht, Jonas, der Herr neben mir ist
Sicherheitsdirektor Mustermann.

Jonas: Der Chef der DroPo? Den hab ich mir anders
vorgestellt.

Mustermann: Sie hab ich mir auch anders
vorgestellt, Herr Jonas, vor allem jünger. Sie
sind doch mindestens 40.

Judith: Er ist 44, aber gut in Schuß für sein
Alter.

Jonas: Sie mußte es wissen. Judith Delgado,
Sicherheitsrätin, Hauptabteilungsleiterin in der
zentralen Sicherheitsverwaltung und zwei Jahre
lang mit Jonas liiert. Bis sich herausstellte, daß
sie auch im Privatleben Polizistin war, Polizistin
mit Leib und Seele, ohne Rücksicht auf Verluste.
Vor einem halben Jahr hatten wir uns getrennt auf
dem Bohrschiff Ägir in der Straße von Dover, am
20. Mai 2011.

Jonas: Und jetzt hast du es nicht mehr
ausgehalten, du hast Brock losgeschickt, um mich
kidnappen zu lassen. Rührend.

Judith: Du bist doch immer noch der alte
aufgeblasene arrogante...

Mustermann: Bitte, Frau Delgado, ich übernehme das
weitere. Sie sind nicht gekidnappt worden, Herr
Jonas, und schon gar nicht aus irgendwelchen
obskuren privaten Motiven, wie Sie sie Frau
Sicherheitsrätin Delgado anscheinend unterstellen.
Wir, das heißt die zentrale Sicherheitsverwaltung
und die Drogenpolizei, ja, und die Kripo
natürlich, wir haben eine Einladung an Sie
ausgesprochen, Herr Jonas, und Sie sind dieser
unserer Einladung gefolgt, eine offizielle
Einladung zu einer umfassenden Erörterung eines
gewissen gravierenden Problems in offener
sachlicher Atmosphäre mit dem Ziel, einer für
beide Seiten nutzbringenden Kooperation, und
insofern...

Jonas: Was Sie reden, Herr Mustermann, ist fast so
schön wie das, was Sie anhaben, ich könnte Ihnen
stundenlang zuhören, abends, vorm Einschlafen,
aber jetzt hab ich keine Lust. Kommen Sie zur
Sache, Sie wollen doch was von Jonas. Worum
geht’s?

Mustermann: Kurz gesagt um Eritroxilum
Novograntense.

Jonas: Ach was. Und was ist das, wenn’s vom hohen
Stuhl runtersteigt.

Brock: Schnee, Jonas, Flakes, Stardes, Candy.

Jonas: Charlie. Coke. Koks. Kokain. Beliebt,
begehrt, verboten, und eins von vielen Problemen
der Drogenpolizei, bis es vor ein paar Monaten das
Problem wurde. Plötzlich vervielfachte sich die
Menge, die nach Europa rollte, es gab eine neue
Connection. Auf unserer Seite Babylon und
Babelshaven, am anderen Ende...

Mustermann: Costaguana. Ein lateinamerikanischer
Staat, der Ihnen, Herr Jonas, nicht gänzlich
unbekannt sein dürfte. Nach meinen Informationen
sollen Sie dort gewisse einschlägige Erfahrungen
gemacht haben.

Jonas: Einschlägig. Das treffende Wort. Sie hätten
mich fast umgebracht in Costaguana und zu
Ersatzteilen verarbeitet. Fall Schlachthaus vor 3
Jahren. Ich dachte gar nicht gern daran zurück.
Erstens weil es eine besonders schlimme Geschichte
gewesen war, und zweitens, wegen Judith.

Jonas: Damals bist du zur Sicherheitsverwaltung
gegangen, Judith.

Judith: Und wir hatten den ersten großen Krach.

Mustermann: Frau Delgado, Herr Jonas, wenn Sie
freundlicherweise ihre privaten Reminiszenzen
abschließen und mich fortfahren lassen könnten.

Judith: Bitte.

Mustermann: Ich danke ihnen. Sehen Sie, Herr
Jonas, der Dreh- und Angelpunkt unseres Problems
liegt darin, daß uns der Importeur des Kokains
durchaus bekannt ist. Es handelt sich um Senior,
wie heißt er gleich?

Judith: Hugo Moreno devereo Iparedes.

Mustermann: Ja sehr richtig. Eine interessante
Persönlichkeit, Herr Jonas, sein Vater ist der
Innenminister von Costaguana, und außerdem einer
der bedeutendsten Kokabarone der westlichen
Hemisphäre, und er selbst ist zufällig der für
Babylon zuständige Generalkonsul von Costaguana.
Das bedeutet, uns sind die Hände gebunden.

Jonas: Diplomatische Immunität, meinen Sie, aber
da läßt sich doch was machen. Sie gehen mit ihrem
Material zum Außenministerium, und das schmeißt
den Kerl raus, als unbeliebte Person oder wie das
heißt.

Mustermann: Persona non Grata. Es ist unmöglich,
Herr Jonas, es ist völlig unmöglich. Erklären Sie
es ihm, Frau Delgado.

Judith: Zwei Gründe, Jonas. a) Wir sind mit
Costaguana verbündet.

Mustermann: Eng verbündet. In der europäisch-
amerikanischen Allianz.

Judith: b) und das ist der wichtigere Grund, wir
sind auf Costaguana angewiesen. Warum, das
solltest du am besten wissen, Jonas.

Jonas: Der schwarze Organmarkt.

Judith: Natürlich.

Jonas: Die Polizei nimmt Rücksicht auf illegale
Aktivitäten.

Mustermann: Seien Sie doch nicht naiv, Herr Jonas,
Sie wissen doch selbst, ohne
Transplantationsmaterial aus weniger entwickelten
Ländern würde die medizinische Versorgung unserer
Bürger zusammenbrechen. Costaguana ist unsere
wichtigste Bezugsquelle für Organe, die
Lieferungen laufen über das hiesige
Generalkonsulat. Und deshalb, Herr Jonas...

Jonas: Müssen sie Däumchen drehen und alle Augen
zudrücken, wenn seine Exzellenz nicht nur mit
Ersatzteilen dealt, sondern auch mit Kokain.

Mustermann: Lassen Sie mich so sagen, Herr Jonas,
alle staatlichen Organe sind gehalten, keinesfalls
etwas zu unternehmen, wodurch die guten
Beziehungen Europas zu Costaguana auch nur
atmosphärisch getrübt werden könnten.

Jonas: Soweit so klar. Aber warum erzählen Sie mir
das alles?

Mustermann: Nun, Herr Jonas, unter dem Kennwort
Schneewittchen hat die Zentrale
Sicherheitsverwaltung einen Plan erstellt, einen
Plan, Herr Jonas, dem ich wegen seines
ungewöhnlichen ja unorthodoxen Ansatzpunktes wegen
mich erst nach ausgiebiger Prüfung und mit
erheblichen Bedenken zuzustimmen in der Lage sah.
Da wir den Kokainimport nicht offiziell
unterbinden können, haben wir vor, mit dieser
Aufgabe eine quasi inoffizielle Person zu
betrauen, eine Person, die nicht der Polizei
angehört, eine Person, die über einschlägige
Erfahrungen und Fähigkeiten verfügt.

Jonas: Alles klar, Herr Mustermann, den Rest ihrer
schönen Rede können Sie sich sparen. Nein. Nein.

Jonas: Und noch mal nein. Jonas hat zwar was gegen
Großdealer in Drogen, aber das heißt noch lange
nicht, daß Jonas der Polizei die Dreckarbeit
abnimmt. Jonas ist kein Killer.

Mustermann: Aber Herr Jonas, ich bitte Sie, davon
kann überhaupt nicht die Rede sein. Sie sollen den
Generalkonsul lediglich stoppen, ihn ausschalten,
ihn dazu bringen, die Connection aufzugeben und
Europa zu verlassen. Wie Sie das machen, ist Ihre
Sache, setzen Sie den Mann unter Druck, drohen Sie
ihm.

Brock: Brechen Sie ihm ein Bein.

Mustermann: Kurz, denken Sie sich was aus.

Jonas: Immer noch nein.

Mustermann: Selbstverständlich sind wir bereit,
Ihnen ein äußerst großzügiges Honorar zukommen zu
lassen.

Jonas: Nein.

Brock: Dumm von Ihnen, Jonas, wir können auch
anders. Ihnen die Lizenz abnehmen zum Beispiel,
oder wir sperren Sie ein und vergessen Sie in der
Zelle. Grund wird sich schon finden. Wir machen
Ihnen nur noch Ärger. Tag und Nacht. Darauf können
Sie sich verlassen.

Jonas: Zuckerbrot und Peitsche, die bewährte alte
Taktik. Mit mir nicht. Nein.

Judith: Geben Sie’s auf, meine Herren, Jonas ist
stur, ich kenn ihn. Sie wissen, ich hatte von
Anfang an Bedenken, ihn mit der Aufgabe zu
betrauen, Sie hatten ja Einblick in sein
Psychogramm, Herr Sicherheitsdirektor, emotional
instabil, für kompliziertere Aktionen kaum
geeignet. Ich will nicht bestreiten, daß Jonas
ganz tüchtig ist auf seine Art, aber Unternehmen
Schneewittchen dürfte für ihn doch ein paar
Nummern zu groß sein.

Jonas: Meinst du, Judith?

Judith: Ja, ich weiß, du hältst dich für einen
Supermann, für Humphrey Bogart und Philip Marlowe
in einer Person, aber wer bist du denn schon,
Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv.

Jonas: Und der beste. Ich übernehme den Auftrag,
Herr Mustermann, und wissen Sie, warum? Weil sie
was dagegen hat.

Judith: Das war’s, Herr Mustermann, wir haben ihn.
Jonas hat Ja gesagt, und wenn Jonas ja gesagt hat,
dann bleibt er dabei. Nicht wahr, Jonas?

Jonas: Du hast mich ausgetrickst, Judith. Das
Honorar, Herr Mustermann, wieviel?

Mustermann: Soweit ich informiert bin, beläuft
sich ihr üblicher Tarif auf 90 Euros pro Tag.

Jonas: 100 und Spesen, aber das können Sie gleich
vergessen, dafür nicht.

Mustermann: Versteht sich, Herr Jonas, sagen wir
pauschal 2000 Euros, aus unserem Sonderfond für
freie Mitarbeiter. Sind Sie zufrieden?

Jonas: Wenn die Sache nicht zulange dauert.

Mustermann: Das liegt bei Ihnen, Herr Jonas, wir
werden Ihnen selbstverständlich jede Hilfe
zukommen lassen, die mit ihrem inoffiziellen
Status vereinbar ist.

Jonas: Selbstverständlich, und wenn was
schiefging, würden sie mich voll auflaufen lassen,
offiziell und inoffiziell, aber für 2000 Euros
konnte man schon was riskieren, besonders an einem
toten grauen Tag, an dem sonst nichts passierte.

Mustermann: Wir werden Ihnen einen Mikromonitor
implantieren lassen, Herr Jonas, damit wir über
alle ihre Bewegungen im Bilde sind, Sie werden
sich ständig in bestmöglicher Obhut befinden, denn
ich, Herr Jonas, ich, Sicherheitsdirektor Kaspar
Mustermann, werde persönlich Leitung und
Koordination von Unternehmen Schneewittchen in die
Hand nehmen.

Jonas: Da bin ich von Glück aber ganz außer mir,
Herr Mustermann, haben Sie sich schon überlegt,
wie ich am besten an diesen Hugo Moreno rankomme?

Mustermann: Wir stellen was auf die Beine, hier in
Babylon.

Jonas: Nicht in Babelshafen?

Judith: Der Herr Generalkonsul hält sich nur
selten in seiner Dienststelle auf, er hat andere
Interessen.

Brock: Im Colloseum. Da ist er Stammgast.

Jonas: Ein Sportfan?

Judith: Ja, aber nicht im üblichen Sinn. Aus
Tracktorturnieren und Rollerball macht er sich
nichts. Er liebt es exklusiver. Rollstuhlrugby,
Zwergenwerfen.

Brock: Und MC. Vor allem MC.

Jonas: MC. Mortal Combat. Kampf bis zum Tode. Im
Colloseum von Babylon gibt’s alles. Rollerball für
die Massen im großen Stadium, und in den Separees
hochfeinen Mord und Totschlag für die Schicken und
Reichen mit dem exquisiten Geschmack.

Wie gesagt, wir sind dabei, etwas zu arrangieren,
Herr Jonas, eine Gelegenheit für Sie, mit Moreno
Bekanntschaft zu schließen. Die Details erfahren
Sie morgen.

Jonas: Wann morgen und wo?

Mustermann: Wir werden Sie zu finden wissen, Herr
Jonas.

Jonas: Es war Judith, die mich am nächsten
Vormittag fand, im Casablanca, in meiner Nische,
vor meinem Whisky, mit meinen Gedanken.

Judith: Bist du allein, Jonas?

Jonas: Kein Stück, siehst du nicht, Sam ist hier.
Sag Judith guten Tag, Sam.

Sam: Küß die Hand, schöne Frau, ihre Augen sind so
blau.

Judith: Aber Sammy, das sind ja ganz ungewöhnte
Töne, wann hast du denn deine große Liebe zu mir
entdeckt?

Sam: Seit mein Lord nicht mehr auf Milady bezogen
ist.

Judith: Brauchst du nicht mehr eifersüchtig zu
sein, Sammy, ach, ich bin gerührt.

Jonas: Du bist doch nicht hier, um mit meinem
Computer zu turteln, Judith, was ist mit
Schneewittchen, seid ihr soweit?

Judith: Alles klar, Jonas, hör zu.

Jonas: Die Sicherheitsverwaltung hatte sich Mühe
gegeben, es war kein schlechter Plan, bißchen
kompliziert vielleicht und ziemlich riskant, aber
nicht für Jonas, oder?

Judith: Laß es dir sagen, Jonas, das ganze
Unternehmen ist gefährlich, viel gefährlicher, als
du glaubst. Sei vorsichtig.

Jonas: Du machst dir Sorgen um mich?

Judith: Ich... ich könnte dir Zugang zu unserer
geheimen Kontroll- und Kommando-linie verschaffen,
über Sam.

Jonas: Jonas nimmt nichts geschenkt, Judith, von
dir schon gar nicht. Was ist mit dem Monitor?

Judith: Hier.

Jonas: Ein Ring? Ich dachte, ihr wolltet mir was
implantieren.

Judith: Nein, so ist es besser, Jonas, noch was,
seit der Schlachthausgeschichte kennt man in
Costaguana deinen Namen, du solltest ihn ändern,
und Jonas, paß auf dich auf.

Jonas: Drei Stunden später, im Colloseum,
griechisch-römische Sektion, eine kleine Arena, am
Rand ein gemütliches Ambiente, ein paar Tische,
ein paar Drinks, ein paar Sessel, ein paar Leute,
ganz vorne auf dem besten Platz Hugo Moreno etc.
etc. flankiert von einer kleinen Japanerin mit
großer Sonnenbrille und von Jonas. In der Arena
hackten zwei kurios kostümierte Kerle lustlos
aufeinander ein.

Moreno: Caramba, was für ein müder Kampf, 10
Minuten und noch kein Tropfen Blut.

Jonas: Zum Einschlafen.

Moreno: Sie sagen es, Senior, unter allem Niveau.

Jonas: Der Typ mit dem Spieß und dem Netz ist
wirklich außer Form.

Moreno: Der Retiarius? Viel zu fett. Und der
Secutor hat noch Plattfüße.

Jonas: Kein Wunder. Die beiden waren keine echten
Gladiatoren, sondern Freunde und Helfer in
geheimer Mission. Genau um 2 Uhr hatten sie einen
Sonderauftrag durchzuführen. Jetzt war es 1 Minute
vor 2.

Moreno: Ich möchte wissen, wer diese zwei miesen
Säcke eingekauft hat. Ausschuß. Für Provinz zu
schlecht. Und das in Babylon. Sagen Sie selbst,
Senior.

Jonas: Achtung! Plötzlich wurden die müden Krieger
ausgesprochen munter. Sie hörten auf, sich zu
beharken und stürmten auf meinen Nachbarn los. Es
sah mörderisch aus, und das sollte es auch. Ich
stellte mich vor Moreno. Es ging alles sehr
schnell, der erste kriegte einen Tritt in den
Bauch, einen Schlag gegen die rechte Hand, ließ
Schwert und Schild fallen und verschwand durch
eine Seitentür. Soweit alles programmgemäß. Ich
drehte mich um und wollte mich um Pseudo-
attentäter Nummer 2 kümmern, das war nicht mehr
nötig, er lag am Boden, sein Hals war ein
klaffender roter Schlitz von einem Ohr zum
anderen, über ihm stand die kleine Japanerin, sie
wischte ihre implantierten Rasiermesser ab, ehe
sie sie unter die Fingernägel zurückschnappen
ließ. Moreno hatte sich nicht vom Platz gerührt.

Moreno: Na bitte, ist ja doch noch ganz
interessant geworden. Ich habe ihnen zu danken,
Senior, obwohl ihr Eingreifen unnötig war, meine
Ninja hätte beide erledigt, mit der linken Hand.

Jonas: Ninja?

Moreno: Ja, meine kleine menschliche
Kampfmaschine, ich habe sie in Tokio gekauft, das
beste, was derzeit in Punkto Bodyguard auf dem
Markt ist. Danke, Seionara. So nenne ich sie.
Symbolisch. Sie verstehen. Setz dich.

Ninja: Hei!

Moreno: Sie sollten sie mal im Duell mit einem
Robokiller sehen, Senior, Suplik. Trinken Sie was
mit mir. Bedienung. Wie heißen Sie?

Jonas: Jo... Jogi. Jodokus Jogi.

Moreno: Angenehm. Go Moreno derivera Iparedes.

Jonas: Spanier?

Moreno: Südamerikaner. Ich bin der Generalkonsul
von Costaguana.

Jonas: Da muß ich wohl Exzellenz zu Ihnen sagen.

Die Herrschaften wünschen?

Moreno: Bitte keine Formalitäten, nennen Sie mich
schlicht Senior Moreno.

Die Herrschaften wünschen?

Moreno: Was trinken Sie, Senior Jogy?

Jonas: Whisky, Scotch, kein Wasser, kein Soda,
kein Eis.

Moreno: Cubalibre, und für sie da ein Peri.
Erzählen Sie mir etwas über sich, Senior Jogy, wer
sind Sie?

Jonas: Ich bin Exsöldner, sagte Jonas, das war
nicht gelogen. Ich mache dies und jenes, alles
mögliche, was sich bietet, und auch das stimmte
mehr oder weniger.

Moreno: Ein Glücksritter. Saluti!

Jonas: Ihr Wohl, Senior Moreno, man sieht zu, wie
man durchkommt.

Moreno: Und hält sich dabei, wie ich vermute,
nicht immer streng an die Paragraphen
kleinkarierter Gesetze, hab ich recht?

Jonas: Das kann ich mir nicht leisten, Senior
Moreno, und ehrlich gesagt, das liegt mir auch
nicht.

Moreno: Wissen Sie, Jogy, ich hätte vielleicht was
für Sie, das heißt, wenn Sie frei sind.

Jonas: Ich hab im Moment nichts besonderes vor,
Senior Moreno.

Moreno: Bueno. Trinken Sie aus und kommen Sie mit.

Jonas: Schneewittchen lief gut, besser als
erwartet, fast ein bißchen zu gut. Jonas dachte an
Judiths Warnung und nahm sich vor, ganz besonders
vorsichtig zu sein.

Jonas: Morenos Privat-Helikopter brachte uns nach
Babelshaven, zum Generalkonsulat, dachte ich, aber
da dachte ich falsch, unser Ziel war der Hafen,
genauer das Lagerhaus der Costaguana Ex- und
Import, noch genauer, ein Büro, klein, bescheiden
eingerichtet, aber elektronisch abgeschottet wie
der Goldspeicher von Fort Knox, an der Innenwand
ein Safe, eine mächtige Stahltür, ein dick
verglastes Fenster, dahinter ein Kühlraum voll mit
vereisten Containern.

Moreno: Organe, Yogi, menschliche Organe, Herzen,
Lungen, Nieren, zentnerweise, für Ihren schwarzen
Markt.

Jonas: Ich weiß, Senior Moreno.

Moreno: So, Sie wissen, ah. Aber alles wissen Sie
nicht. Unser Kühlschiff, die El Dorado, bringt
nämlich außer Ersatzteilen noch was nach
Babelshaven. Seionara, mach den Safe auf.

Ninja: Hei.

Moreno: Was ist das, Jogi? Na?

Jonas: Sieht aus wie Zucker.

Moreno: Haha. Zucker. Haha.

Jonas: Aber es ist kein Zucker.

Moreno: Sehr gut.

Jonas: Schnee.

Moreno: Kokain. Laparika, wie wir in Costaguana
sagen, Sie kennen sich aus, Yogi. Hätten Sie Lust,
in Nartotrafico zu arbeiten?

Jonas: Er war voller Vertrauen und so offen wie
das bekannte Scheunentor, aber Jonas war nicht der
dazugehörige Ochse. Ich hatte mehr und mehr das
Gefühl, hinter der Tür lauerte eine Überraschung.
Keine angenehme.

Moreno: Treten Sie näher, Jogy, wenn Sie bei uns
mitmachen wollen, müssen Sie sich überall gut
auskennen, auch im Kühlraum.

Jonas: Ein andermal, Senior Moreno, wenn ich
meinen Pelz dabei habe und eine Flasche Whisky.

Moreno: Ach zieren Sie sich nicht, mein lieber
Yogi, oder soll ich sagen, mein lieber Jonas.
Seiorana!

Ninja: Hei.

Jonas: Ich war sofort in Kampfstellung gegangen,
aber gegen Morenos japanische Mörderbiene hatte
ich keine Chance, nicht weil Sie besser war, weil
ich lahmgelegt wurde, ein unerträglicher Schmerz
explodierte plötzlich in meiner rechten Hand,
schoß durch den ganzen Körper, Jonas fiel um,
konnte kein Glied rühren, wußte ein paar Sekunden
lang nicht, wie ihm geschah. Als ich wieder in und
bei mir war, lag ich auf Eis, buchstäblich, die
Tür war zugeschlagen und verschlossen, Moreno
grinste durchs Fenster und drückte auf den Knopf
der Gegensprechanlage.

Moreno: Wie gefällt es Ihnen in Sibirien, Jonas?
Minus 30 Grad. Nicht ein bißchen zu kalt für Sie,
wo Sie doch Ihren Pelz nicht bei sich haben. Wie
lange werden Sie es wohl aushalten? Schade, daß
ich nicht bis zum bitteren Ende bei Ihnen sein
kann. Ich muß nach Babylon, die Pflicht ruft,
irgend so eine langweilige Ausstellungseröffnung
im Haus der iberoamerikanischen Kultur. Äh, Sie
entschuldigen mich. Seionara?

Ninja: Hei!

Moreno: Du wartest hier, bis er erfroren ist und
kommst dann nach, mit dem kleinen
Firmenhelikopter.

Ninja: Hei.

Jonas: Kennen Sie die Geschichte vom nackten
Eskimo, der vor seinem Iglu stand und den
Schlüssel verloren hatte? Jetzt konnte ich mir
vorstellen, wie dem armen Schwein zumute war, aber
bibbern und zähneklappernd brachte mich nicht
weiter. Nachdenken hieß die Parole. Nachdenken,
bevor die kleinen grauen Zellen ganz einfroren.
Zum Glück hatte ich einen Denkpartner in der
Tasche, einem, dem die Kälte nichts ausmachte.

Sam: Und somit, meine Damen und Herren,
hochverehrte Festversammlung, hätten wir es mal
wieder mal empirisch bestätigt gefunden, das
biologische Hirn ist dem elektronischen
hoffnungslos unterlegen. Jawoll. Aber dennoch und
nichts desto trotz, bei Mamertus, Pankratius,
Servatius und... da war doch noch was.

Jonas: Die kalte Sophie.

Sam: Die kalte Sophie. Na, von mir aus auch die.
Bei allen Eisheiligen. Sam bibbert mit. Aus
Solidarität. Jawoll. Bibber. Bibber. Bibber.

Jonas: Nett von dir, Sammy, aber tu’s, tu’s bitte
leise, am besten nur im Geiste. Ich habe dich
nicht zum bibbern angeschaltet, sondern zum
Überlegen.

Sam: Denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Woraus
Exzellenzen, Eminenzen und sonstige Honoratioren,
woraus neuerlich erhellt.

Jonas: Jajaja, wenn ich hier erfriere, und das ist
bald soweit, hast du dir schon mal überlegt, was
dann aus dir wird? Du wirst verschrottet, du
kommst auf den Müll oder noch schlimmer, du wirst
umprogrammiert zum Helfershelfer von Verbrechern,
zum Kriminellencomputer.

Sam: Igitt, Kumpel, du redest zu viel. An die
Arbeit, Besen. Problem Nr. 1:

Jonas: Wie kommen wir hier raus.

Sam: Falsch. Merke: Nur wer die Vergangenheit
bewältigt, wird die Zukunft meistern. Ein Tusch,
Herr Kapellmeister. Ergo Frage. Was ist passiert?
Mein Herr und Meister wurde außer Gefecht gesetzt,
hinterlistigerweise.

Jonas: Durch einen starken Stromschlag.

Sam: Haha bzw. oho wie und wo wurde euer
Leitfähigkeit besagter Schlag appliziert?

Jonas: Rechte Hand, Ringfinger. Ring? Der Ring,
Sammy, der Monitor von der Sicherheitsverwaltung.

Sam: Ein Stromschlag durch den Monitor genau im
passenden, will sagen unpassenden Moment. Hehe,
ist es nicht komisch.

Jonas: Sagen wir merkwürdig, Sam, und weißt du,
was ich auch merkwürdig finde, Moreno weiß, wer
ich bin, man hat ihn informiert.

Sam: Kurios und extraordinär, Herr Aktuarius, so
lasset uns grübeln, welch Schluß daraus zu
ziehen...

Jonas: Draußen, Sammy, in der Wärme, und wie wir
da hinkommen, darüber machst du dir Gedanken,
dienstlicher Befehl, aller erste Priorität.

Sam: Yes Sir. Die Tür.

Jonas: Elektronisch verriegelt.

Sam: Na und kein Problem für Sam.

Jonas: Sag bloß, du kennst den Code.

Sam: Aber immer.

Jonas: Woher?

Sam: Ja, das ist nicht leicht zu erklären, sagen
wir mal, da gibt es so einen netten kleinen
Computer bei der Hafenverwaltung, man kennt sich
flüchtig, steht auf Grüßfuß sozusagen.

Jonas: Sam, gib’s zu, du hast den Code von Judith.

Sam: Und wenn, einem geschenkten Code kuckt man
nicht in die Diode. Hehe. Oder sonst wo hin.

Jonas: Da hast du auch wieder recht, also mach
auf.

Sam: Gemach, Milord und zügelt euern Fürwitz,
erinnert euch: der Türe andere Seite wird behütet.

Jonas: Richtig, die Ninja, dann muß Jonas wohl in
die zweite Runde, ehrlicher Kampf Mann gegen Mann
äh Frau.

Sam: Mann gegen Kampfmaschine, so sieht’s aus ganz
abgesehen vom Handikap des blitzeschleudernden
Monitors.

Jonas: Gut daß du mich erinnerst, Sammy, runter
von dem Finger mit dem Ring.

Sam: Und abermals gemacht. Klar, Chef, bloß weg
mit dem Dreck, aber nicht mit Schwung und großer
Geste, nein, leise, langsam, vorsichtig, auf daß
die draußen es nicht merke.

Jonas: Verstehe Sammy, du machst die Tür auf.

Sam: Mein Meister tritt herfür.

Jonas: Die Ninja greift an.

Sam: Und Jonas, der Listenreiche tut folgendes.

Jonas: Es klappte wie am Schnürchen. Seionara ließ
ihren Laserstrahler im Gürtel stecken und fuhr die
Messerchen aus, Jonas stöhnte auf, krümmte sich,
fiel um, blieb liegen, aber als die Ninja sich
über mich beugte, um mir nach allen Regeln der
Kunst den Hals aufzuschlitzen, da war ich auf
einmal wieder voll da. Ich zog ihr die Beine weg,
noch im Stolpern fuhr sie die Fingermesser ein und
griff zum Laser, das kostete Zeit, nicht viel,
Sekundenbruchteile, aber die fehlten ihr. Ich
drückte ihr die Daumen hinters Ohr, auch Ninjas
haben Nerven, Seionara zuckte, dann war sie still.
Ich nahm ihr den Laser weg.

Sam: Ist sie tot, die mandeläugige Schöne?

Jonas: Weiß ich nicht. Ist mir auch egal. Ab in
den Kühlschrank. Sicher ist sicher. Seionara,
Seionara.

Sam: Amateurin. Hätte sie gleich den Laser
gezogen, wäre unser Trick mit dem vorgetäuschten
Stromstoß mittels des nicht mehr am Finger
befindlichen Ringes gewaltig ins Auge gegangen, na
ja, oder in die Hose.

Jonas: Und ihr Chef, hätte der mich gleich umlegen
und nicht erst in den Kühlraum sperren lassen.

Sam: Ein Amateur auch er, und mit so was müssen
wir uns abgeben, wir, Sam und Jonas, zwei echte
Profis, die direkt auf ihr Ziel losmarschieren,
eiskalt, lupenrein geradewegs und Schulter an
Schulter.

Jonas: Nicht ganz leicht, Sam, wenn du in meiner
Hosentasche steckst.

Sam: Auf nach Babylon.

Jonas: Mit dem kleinen Firmenhelikopter.

Sam: Auf den Spuren seiner Exzellenz.

Jonas: Die Ausstellung bestand aus hunderten von
kleinen runden Holzköpfen mit langen Nasen und
abstehenden Ohren, in Glaskästen an den Wänden des
Saals, in der Mitte viele Stühle und wenig Leute,
der harte Kulturkern, der überall hingeht, davor
ein Podium, darauf seine Exzellenz der Herr
Generalkonsul von Costaguana mitten in seiner
Eröffnungsrede, voll im rhetorischen Schwung, bis
er einen unerwarteten Nachzügler in der Tür
auftauchen sah.

Moreno: Was, meine Damen und Herren, sind sie denn
wirklich, diese von den Indios meiner Heimat in
mühseliger Handarbeit geschaffenen rustikalen
Holzskulpturen, die ihrem europäischen Auge auf
den ersten Blick exotisch, bizarr, ja krude
erscheinen mögen, doch nichts anderes, meine Damen
und Herren, als die künstlerisch tiefempfundene
Spiegelung der Seele des costaguanesischen Volkes.
Lassen Sie mich, bevor ich Ihnen die verborgenen
Schönheiten der Exponate im Einzelnen erläutere...

Jonas: Senior Moreno!

Moreno: Äh, erläutere, ja, wie gesagt, lassen Sie
mich meine Ausführungen beschließen, ich danke
ihnen.

Jonas: Weg war er. Durch eine Hintertür neben dem
Podium. Jonas natürlich hinterher. Ein schmales
Treppenhaus. Morenos Schritte führten nicht nach
oben zum Helikopterdeck, sie führten nach unten in
den Keller. Seltsam. Und im Keller verschwanden
sie in einem kleinen Raum, einem Raum mit kahlen
Wänden und einer massiven Tür, die zufiel, gerade
als ich auftauchte.

Sam: Wieder eine Runde für Senior Moreno. Well,
never mind. Der Vogel, der zuletzt lacht, fängt
den Wurm. Im tiefen Keller sitz ich hier...

Jonas: Ist das alles, was du beizutragen hast,
Sammy, und wenn du schon singen mußt, dann bitte
was anderes, was aus Orpheus zum Beispiel.

Sam: Befehlen Herr Generalmusikdirektor Gluck oder
Monteverdi oder gar Offenbach? Und warum gerade
Orpheus?

Jonas: Weil wir anscheinend wieder mal in der
Unterwelt gelandet sind, weißt du noch, die
Schmiergeldaffäre?

Sam: Ohohoh. Si tacuisses, setzen Schüler Jonas,
klassische Bildung mangelhaft, falscher Mythos,
nicht Orpheus in der Unterwelt, sondern, na...

Jonas: Jetzt sah ich das Zeichen über der Tür,
drei schwarze Speichen im gelben Kreis, und ich
wußte: Hier ging’s ins Labyrinth, in das
weitläufige System von Schutzbunkern unter den
besseren Vierteln von Babylon, wo Behörden und
Firmenzentralen liegen, eine Anlage aus dem späten
20. Jahrhundert, aus der Zeit des kalten Kriegs
und der Atomkraftwerke. Inzwischen war sie ein
bißchen in Vergessenheit geraten, aber sie war
noch gut in Schuß, intakt und voll funktionsfähig.
Für alle Fälle. Sie könnte ja noch gebraucht
werden, später, wenn wir mit unseren inneren
Problemen fertig geworden sind, und wieder Zeit
haben, an Krieg zu denken und wenn wir die große
Katastrophe der Grauzone endgültig verdrängt
haben. Zugänge zum Labyrinth gab es unter allen
offiziellen und wichtigen Gebäuden, aber nicht für
jeden und nicht ohne weiteres. Theseus brauchte
einen Ariadnefaden.

Sam: Und hier, o du mein Heros und Halbgott, ist
er auch schon, der Faden der Ariadne. Sein Name
lautet Samuel. Oder kurz Sam.

Jonas: Du, Sammy, haha.

Sam: Was gibt’s denn da zu lachen?

Jonas: Weißt du, ich finde, das paßt: ewig lang
und schrecklich dünn, wie der Fluß deiner Rede.
Also dann spul dich auf oder was ein Faden so
macht. Na los, Sam.

Sam: Sam ist beleidigt und gekränkt, ganz, ganz
tief. Verletzt. Verhöhnt. Verschimpft und
verunglimpft. Geschmäht und geschändet. Sir, geben
Sie Genugtuung.

Jonas: OK, Sammy, schick mir bei Gelegenheit einen
Sekundanten, lange Säbel auf kurze Distanz oder
wie auch immer, aber jetzt tust du deine Arbeit,
die Tür hat ein Audioschloß und wir brauchen das
richtige akustische Signal.

Sam: Codewort.

Jonas: Und das kennst du?

Sam: Kann sein.

Jonas: Von Judith.

Sam: Kann sein.

Jonas: Geh mir nicht auf die Nerven. Wie heißt das
Sesam öffne dich?

Sam: Supergau.

Jonas: Hinter einer Luftschleuse eine kurze
Treppe, die unten auf ein Rondell mündete,
Durchmesser etwa 10 Meter, in alle Richtungen
gingen Korridore wie Strahlen von einem Stern, sie
waren knapp 2einhalb Meter hoch, sauber, hell, die
Luft war gut, kaum abgestanden.

Sam: Zweiter Gang rechts.

Jonas: Bist du sicher, Sam, ich hör nichts.

Sam: Natürlich nicht. Erstens ist Moreno schon
weit weg, zweitens hat er einen anderen Gang
frequentiert, den vierten von rechts.

Jonas: Woher willst du das wissen?

Sam: Sensoren in den Wänden. Ihre Daten sind für
Sam zugänglich und abrufbar.

Jonas: So, und warum gehen wir dann nicht auch in
den 4. Gang rechts, direkt hinter dem Kerl her?

Sam: Weil wir erstens wissen, wohin er geht, und
ihm zweitens zuvorzukommen wünschen.

Jonas: Jetzt versteh ich gar nichts mehr.

Sam: Kein Kommentar, zweiter Gang rechts.

Jonas: Von mir aus, Sam, aber warum gerade der und
kein anderer?

Sam: Sam sagt es ganz langsam und deutlich zum
Mitschreiben. In diesem Gang nach 100 Metern
Nische in Wand, in Nische E-Velo, Jonas auf E-
Velo, Jonas fährt. Taff Taff. Sam sagt Weg.
Kapito? Moreno erreicht Ziel, aber Jonas haha...
schon da.

Jonas: Hurra, aber verstehen tu ich immer noch
nichts. Woher weißt du das alles, Sammy. Zum
Beispiel, wo Moreno hin will. Apropos wo will er
eigentlich hin?

Sam: Zum Gebäude der zentralen
Sicherheitsverwaltung, und dort, o Wonne meiner
Seele, wird sich der Knoten lösen und alles alles
wird in hellstes Licht getaucht. Amen.

Jonas: 20 Minuten später waren wir unter der
Sicherheitszentrale, sagte Sammy. Das gleiche
Rondell, die gleichen Gänge, in einem verstaute
ich das E-Velo, dann stieg ich die gleiche Treppe
hoch, die gleiche abgeschottete Tür, das gleiche
Codewort, erst auf der anderen Seite der Tür
änderte sich die Landschaft. Ein großes graues
Gewölbe, fragmentarisch erhellt durch antike
Neonröhren, überall Staub, an der Wand ein
Aktenschrank aus der guten alten Vorcomputerzeit,
dahinter ließ Jonas sich nieder und wartete, nicht
sehr lange.

Jonas: Boun Verino, Senior Moreno, oder wie der
Swinegel sagte: Ick bin oll hier.

Moreno: Jonas?

Jonas: In Lebensgröße. Und mit einem Laser. Den
hab ich übrigens ihrer Ninja abgenommen.

Moreno: Wie sind Sie aus dem Kühlraum gekommen und
was haben Sie mit Seionara gemacht?

Moreno: Das spielt doch keine Rolle, lassen Sie
die Vergangenheit ruhen, Senior Moreno,
konzentrieren Sie sich auf die Gegenwart, und auf
die Zukunft, falls Sie eine haben.

Moreno: Was wollen Sie von mir, Senior Jonas?

Jonas: Wie wär's mit einem Zweikampf, bis zum
Tode. Ehrlich. Fair. Mann gegen Mann, ohne Ninja.

Moreno: Senior Jonas, um Gotteswillen.

Jonas: Sie sind nicht einverstanden, Senior
Moreno? Das ist aber sehr unsportlich. Sie sind
doch Aficionado.

Moreno: Senior Jonas, ich weiß, Sie haben den
Auftrag mich umzubringen. Tun Sie’s nicht. Ich
bitte Sie. Ich gehe weg, zurück nach Costaguana,
ich komme nie wieder nach Europa. Das versprech
ich. Sie wissen ja gar nicht, was gespielt wird,
Senior Jonas. Ich sag es ihnen. Ich sage ihnen,
wer wirklich hinter der Kokainconnection steckt.
Nicht abdrücken, Senior Jonas, bitte.

Jonas: Moreno kroch im Staub herum und Jonas stand
über ihm, groß, überlegen, mit einem Laser und mit
der Frage, was mache ich mit dem Kerl. Die Antwort
wurde mir abgenommen durch Herrn
Sicherheitsdirektor Mustermann, der plötzlich in
der Kellertür auftauchte, auch mit einem Laser.

Mustermann: Das war, wie man so sagt, Rettung in
letzter Sekunde.

Jonas: Rettung?

Mustermann: Moreno hat Sie doch bedroht oder
nicht? Nun wie auch immer, jetzt ist er tot.

Jonas: Und kann nichts mehr sagen. Würden Sie
Ihren Laser bitte nicht gerade auf mich.

Mustermann: Entschuldigen Sie, Herr Jonas, der
Reflex eines alten Sicherheitsbeamten, und da wir
gerade von Lasern sprechen, lassen Sie Ihren
fallen. Los. Mein unverhoffter Auftritt auf der
Bildfläche mag Ihnen ein wenig melodramatisch
erscheinen, aber er war notwendig, um einen
Versager zu eliminieren, nicht, um ihn am Reden zu
hindern. Was Moreno ihn sagen wollte, ist Ihnen
vermutlich ohnehin bekannt.

Jonas: Vermutlich. Sie haben Moreno informiert,
Mustermann, über Unternehmen Schneewittchen und
über Jonas. Sie haben mich ans Messer geliefert.
Sie haben im richtigen Moment dafür gesorgt, daß
ich mich nicht wehren konnte, durch Ihren Monitor.
Sie haben die Leitung von Schneewittchen nur
übernommen, um die Aktion in den Sand zu setzen.

Mustermann: Sehr richtig, Jonas, und warum habe
ich alle dies schauderhaften Untaten begangen?

Jonas: Moreno hat Sie bezahlt, nehm ich an.

Mustermann: Oh nein, Jonas, da irren Sie sich,
Moreno war mein Partner beim großen Deal, mein
Alliierter, aber auch wenn Sie die letzten
Hintergründe nicht kennen, mein lieber Jonas, so
wissen Sie doch mehr, als für mich gut ist,
deshalb kann ich Sie, das werden Sie verstehen,
auf gar keinen Fall am Leben lassen. Man wird Ihre
Leiche neben der von Moreno... Man wird annehmen,
sie hätten sich gegenseitig getötet. Man wird mit
Respekt von ihnen sprechen. Man wird sagen, er hat
seinen Auftrag ausgeführt, und ist dabei gefallen.
Ein Opfer der Pflicht.

Jonas: Alarmstufe eins, Sam, tu was.

Sam: Verzage nicht, o Herr und Gebieter, denn
siehe, gleich sind sie da.

Jonas: Wer?

Sam: Wer? Die 7 Zwerge, du Waldschraz.

Jonas: Es waren nicht 7 Zwerge, es waren 3.
Judith, Chefinspektor Brock und Wachtmeister Quex.
Jonas atmete tief durch, und Mustermann war
verwirrt. Aber nur einen ganz kurzen Augenblick,
dann fühlte er sich wieder als Herr der Situation.

Mustermann: Was soll das heißen? Warum sind Sie
nicht auf ihrem Posten.

Judith: Wir sind auf unserem Posten.

Brock: Wir haben Sie, Mustermann, wir haben Sie
genau da, wo wir Sie haben wollten.

Judith: Wir wissen seit einiger Zeit, daß ein
höherer Sicherheitsbeamter mit Moreno unter einer
Decke stecken mußte.

Brock: Ein Maulwurf.

Judith: Und dieser Maulwurf konnten nur Sie sein,
Mustermann, das wußten wir. Aber wir hatten keine
Beweise.

Brock: Bis jetzt.

Judith: Bis wir Unternehmen Schneewittchen geplant
und gegen ihren Widerstand durchgesetzt haben.

Brock: Jonas war unser Versuchskaninchen.

Judith: Wir standen mit ihm ohne sein Wissen in
ständiger Verbindung, nicht über ihren Monitor,
Mustermann, über Jonas Computer.

Sam: Auftrag ausgeführt, Spezialagent Sam meldet
sich zurück von geheimer Mission.

Jonas: Verräter.

Sam: O, o wie das schmerzt, wo Sam doch stets
nichts anderes im Sinne hatte, als seines Jonas
Heil und Wohlergehen.

Judith: Unser Beweismaterial ist komplett, Sie
sind überführt, Mustermann.

Brock: Leisten Sie keinen Widerstand, kommen Sie
mit.

Mustermann: Ich denke nicht daran. Das ist auf
ihrem Mist gewachsen, nicht wahr, Sicherheitsrätin
Delgado, Sie wissen ja gar nicht, was Sie da
angerichtet haben, Sie dumme Kuh, Sie haben sich
in einen höchst komplexen politischen Vorgang
eingemischt, in eine Materie von übergeordneter
internationaler Bedeutung. Über Costaguana läuft
die Finanzierung der gesamten Kontergeria in
Mittel- und Südamerika. Milliarden, Frau Delgado,
und wissen Sie, wo die herkommen, auch aus dem
Organmarkt? Das würde nicht reichen, und offiziell
können die Vereinigten Staaten von Europa auch
nicht viel beisteuern, mangels Masse, obwohl wir
politisch an der Sache natürlich größtes Interesse
haben.

Judith: Also Kokain.

Mustermann: Ganz recht. Wie gesagt, eine
Angelegenheit von extremer politischer Brisanz,
und ich habe dabei die Belange unserer Regierung
zu vertreten und für eine störungsfreie
Durchführung des Kokainimportes geradezustehen.

Brock: Aber die Rauschgiftgesetze?

Judith: Und die Süchtigen? Die Kranken, die Toten?

Mustermann: Ach mein Gott, Sie wissen doch, wo
gehobelt wird, da fallen, bedauerlicherweise, ist
nicht zu ändern, die Politik hat Vorrang.

Judith: Und ihr Privatkonto in Costaguana. 20
Millionen Euros.

Mustermann: Eine Lappalie. Das fällt somit ab. Und
außerdem geht Sie das nichts an. Die ganze Sache
geht Sie nichts an.

Judith: Das sagen Sie. Sie können uns viel
erzählen.

Mustermann: Fragen Sie nach. Sie, Frau Delgado,
kommen Sie, Sie brauchen den Topsecret Code.

Jonas: Mustermann drückte Judith eine
Plastikscheibe in die Hand, damit verschwand sie,
nach 10 Minuten war sie wieder da, blaß und
offensichtlich mitgenommen.

Judith: Es stimmt, Brock, Mustermann kriegt seine
Anweisungen von ganz oben.

Brock: Sicherheitspräsident?

Judith: Viel höher.

Mustermann: Bitte. Da haben Sie’s. Fangen Sie
schon mal an, sich auf das einzustellen, was jetzt
auf Sie zukommt. Durch ihren unsinnigen
Aktionismus haben Sie irreparablem politischen
Schaden angerichtet. Sie haben mich genötigt,
eines unserer bestgehüteten Staatsgeheimnisse
preiszugeben. Für Sie, Frau Delgado, wird das
schwerwiegende personelle Konsequenzen haben, und
was die unteren Chargen betrifft, Chefinspektor
Brock, den Wachtmeister, und diesen diesen Jonas,
da gehen wir, denk ich am besten auf Nummer
sicher.

Jonas: Wir vier waren uns einig. Keiner sagte ein
Wort. Es gab nur Blickkontakte. Von Judith zu
Brock, von Brock zu mir, von mir zu Quex. Ich
stolperte plötzlich gegen Mustermann, schlug ihm
dabei den Laser aus der Hand, und im gleichen
Moment ging Quex Laser los.

Brock: Na sowas, Sie haben heute aber einen
lockeren Zeigefinger, Quex.

Quex: Ich kann mir das auch nicht erklären, Herr
Chefinspektor.

Brock: Und der arme Herr Mustermann stand direkt
in der Schußlinie. Nichts mehr zu machen. Er ruhe
in Frieden.

Judith: Bereiten Sie gleich eine Pressemitteilung
vor, Chefinspektor, Sie wissen ja, durch einen
tragischen Unglücksfall verstarb plötzlich und
unerwartet der Leiter der Drogenpolizei,
Sicherheitsdirektor Kaspar Mustermann, jäh
herausgerissen aus einem beispielhaften Leben, das
nur der Pflichterfüllung geweiht war, ein Opfer
seines Berufes usw.

Brock: Und so weiter. Wird gemacht, Frau Delgado.
Kommen Sie, Quex.

Judith: Du hast uns sehr geholfen, Jonas.

Jonas: Ich hab für euch die Kastanien aus dem
Feuer geholt. Du hast mich manipuliert, Judith,
schon wieder.

Judith: Es tut mir leid, daß du das so siehst,
Jonas, auf jeden Fall danke ich dir. Durch
Mustermanns Abtreten ist die Planstelle eines
Sicherheitsdirektors freigeworden, und ich weiß,
wer die kriegt.

Jonas: Gratuliere.

Judith: Ja dann, Jonas, mach’s gut. Ich werde
dafür sorgen, daß dir das vereinbarte Honorar
überwiesen wird.

Jonas: Ach, das nehm ich lieber gleich mit. Sicher
ist sicher.

Judith: Wie du willst, Jonas, ich laß es
durchgeben, du weißt ja, wo die Kasse ist.

Jonas: Der alte Kassencomputer im Erdgeschoß ließ
sich Zeit. Vielleicht mußte er sich erst wieder an
seine Arbeit gewöhnen. Wer läßt sich heutzutage
schon sein Geld bar auszahlen.

Kassencomputer: 2000 Euro mein Herr, brutto. Nach
Abzug von allgemeinen und speziellen Gebühren,
Steuern, Zuschüssen zu Volksrente, Kranken und
Pflege-versicherung, Abgaben und Spesen,
verbleiben netto exakt 413 Euros und 1 Cent.

Jonas: Was?

Kassencomputer: Exakt 413 Euros und 1 Cent, mein
Herr.

Jonas: Und 1 Cent. Den könnt ihr behalten. Jonas
spendet ihn für notleidende höhere
Sicherheitsbeamte.

Kassencomputer: Vielen Dank, mein Herr. Bitte mein
Herr, ihre 413 Euros.

Jonas: Ich nahm sie und machte mich auf die
Socken, erstens weil ich rauswollte aus der
Sicherheitszentrale, und zweitens, weil ich eine
Verabredung hatte. Mit Humphrey Bogart. Vielleicht
war die Postkarte noch zu haben.

Das war Schneewittchen. Eine Folge aus der
Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von
Michael Koser. Den Detektiv Jonas spielte Bodo
Primus, sein Super-computer Sam war Peer
Augustinski. Judith Delgado: Karin Anselm.
Sicherheitsdirektor Mustermann: Karl Michael
Vogler. Außerdem wirkten mit: Claudius Zimmermann,
Edwin Marian, Volker Spahr und Jürgen Rehmann
(Alexander Malachovsky, Julia Fischer). Ton und
Technik: Günter Heß und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander
Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen
Rundfunks (1989). Redaktion Erwin Weigel und
Christoph Lindenmeyer.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Störfalle

Jonas: Plötzlich war er da. Er stand mitten in
meinem Büro. Sehr jung, sehr verlegen, und starrte
mich an. Mit riesengroßen Kalbsaugen. Ich hätte
die Tür verrammeln sollen, oder noch besser
verreisen, weit, weit weg von Babylon, aber meine
Kristallkugel war außer Betrieb an diesem 10.
Januar 2012.

Justus: Herr Jonas? Sie sind doch Herr Jonas?

Jonas: Ich glaub schon. Außerdem steht’s draußen
an der Tür.

Justus: Ja, Herr Jonas, ich, äh ich finde Sie
toll. Sie sind ein Held, ja, Sie sind der größte,
echt, total der größte.

Jonas: Hör mal zu, Kleiner, Jonas ist alles
mögliche, eine 1-Mann-Show, Jongleur, Clown,
Feuerspucker, Degenschlucker, der Mann auf dem
fliegenden Trapez, der Mann, der durch den
brennenden Reifen springt, für 100 Euros pro Tag
und Spesen, aber ein Held ist Jonas nicht. Jonas
ist Detektiv. Der letzte Detektiv. Nicht mehr und
nicht weniger. Klar?

Justus: Ja. Ja, Herr Jonas.

Jonas: OK, damit hätten wir geklärt, wer ich bin.
Bleibt nur noch ein kleines Problem. Wer bist du?

Justus: Ja, ich... mein Name ist Justus.

Jonas: Und?

Justus: Nur Justus.

Jonas: Ach ja.

Justus: Ich ich will Detektiv werden, so einer wie
sie, Herr Jonas. Ich will bei Ihnen lernen. Bitte,
Herr Jonas, lassen Sie mich bei Ihnen bleiben als
ja als Volontär, es muß ja nicht lange sein, ein
paar Wochen oder vielleicht nur ein paar Tage, ich
falle Ihnen auch bestimmt nicht lästig, Herr
Jonas, bestimmt nicht, bitte Herr Jonas.

Jonas: Weißt du, Kleiner, Jonas braucht einen
Lehrling wie wie ein Beduine eine Höhensonne. Und
auch wenn ich einen brauchte, du bist mir zu klein
und zu grün.

Justus: Ich bin schon 18, Herr Jonas, und ich hab
Erfahrung, ich war 3 Jahre beim Werkschutz von
BIO.

Jonas: Was soll ich dir beibringen, Kleiner, im
Büro rumsitzen, Däumchen drehen, mehr ist nicht
drin, Jonas hat keinen Fall.

Justus: Doch Herr Jonas, Sie haben einen, das
heißt, wenn Sie wollen, Elmer Zeitgeist ist unten,
ich hab ihn hergerollt, er muß dringend mit Ihnen
reden wegen Zora. Zora ist verschwunden.

Jonas: Zora Zeitgeist, eine Nachbarin, sie hatte
ihr Büro 1 Stockwerk über meinem. Von Beruf war
sie Reporterin. Investigatorin. Eine von vielen im
zweiten Glied, kaum bekannt. Bis vor etwa 3
Wochen. Da hatte sie einen Coup gelandet. Eine
Story im Holo-Ökomagazin über einen Störfall bei
BIO. Irgendwas mit einem verbotenen Unkrautkiller,
den BIO heimlich produzierte für ein Land im
mittleren Osten. Trichlorphenol oder so ähnlich.
Und bei der Produktion war was passiert. Ein
Kessel ging hoch, Dioxin wurde frei, ein Mann kam
ins Werkskrankenhaus. BIO machte natürlich sofort
den Deckel drauf, aber Zora hatte was gehört,
bohrte nach und kam groß damit raus. Zoras Partner
Elmer mußte unten warten. Weil der Lift kaputt
war, wie meistens. Und weil er seinen Rollstuhl
nicht auf den Buckel nehmen und in den 16. Stock
schleppen konnte. Also stieg Jonas nach unten.
Elmer war halbseitig gelähmt, und Zora war eine
Nachbarin, eine Nachbarin, die verschwunden war.

Elmer: Seit 4 Tagen, Jonas, sie ist nicht nach
Hause gekommen. Sie hat nicht angerufen und im
Büro ist sie auch nicht. Justus hat sie überall
gesucht.

Jonas: Sieh mal an, du bist nicht nur ein Detektiv
in spe, Kleiner, du bist auch ein Wohltäter der
Menschheit.

Justus: Deshalb bin ich ja bei BIO rausgeflogen,
Herr Jonas, weil ich Zora die Wahrheit gesagt habe
über den Störfall und daß bei BIO Trichlorphenol
produziert wird.

Jonas: Daher kennt ihr euch.

Elmer: Ja, und jetzt machen wir uns Sorgen um
Zora. Weißt du was ich glaube, Jonas, ich glaube
BIO steckt dahinter.

Jonas: Kann ich mir nicht denken, Elmer. Was für
einen Grund hätte BIO, Zora verschwinden zu
lassen. Ja, wenn ihre Story noch nicht erschienen
wäre, aber jetzt.

Elmer: BIO will sich rächen.

Jonas: Unsinn, BIO ist ein Großkonzern.
Unmoralisch von mir aus, aber praktisch. Rache ist
kontraproduktiv, wie der Fachmann sagt. Rache
bringt nichts ein.

Justus: Das hab ich ihm auch gesagt, Herr Jonas.

Elmer: Aber Zora bleibt nicht so lange weg, ohne
sich zu melden. Irgendwas muß passiert sein.

Jonas: Soll ich mich drum kümmern?

Elmer: Darum wollte ich dich bitten, Jonas, und
was dein Honorar angeht.

Jonas: Laß mal, Elmer, das läuft unter
Nachbarschaftshilfe.

Justus: Kann ich mitmachen, Herr Jonas, jetzt
haben Sie doch einen Fall.

Jonas: OK, Kleiner, weil du ein Freund von Zora
bist. Du gibst mir den Schlüssel zu ihrem Büro und
dann fährst du Elmer nach Hause, wir treffen uns
in Zoras Büro. In 1 Stunde.

Justus: Steh ich auf der Matte, Chef, pünktlich.
Fangen Sie nicht ohne mich an.

Jonas: Keine Sorge, Kleiner. Vorher hatte ich noch
was zu erledigen. Ich jagte Sam ins
Personaldatensystem von BIO: Justus kam mir ein
bißchen zu treu und bieder vor, aber er war
astrein, seine Geschichte stimmte: Vor drei Wochen
gefeuert, wegen Illoyalität und Geheimnisverrat.
Soweit alles klar. Sam hatte trotzdem was zu
mosern.

Sam: Sagt an und sprecht o hoher Herr und
Kampfgenosse, was soll uns dieser kleine grüne
Beinsteißer, reinekühne Steinscheißer,
Schweinbeißer Schleimscheißer.

Jonas: Steinbeißer.

Sam: Sag ich doch. So was brauchen wir nicht, nun
nicht und nimmer mehr.

Jonas: Sam ist mein Computer. Tüchtig, schlau und
redegewaltig. Zu redegewaltig. Sam ist ein
verbaler Dauerchaot, außerdem eigenwillig und
eigensinnig. Ich weiß, ein Computer kann nicht
eigenwillig und eigensinnig sein, aber sagen sie
das mal Sam.

Sam: Jonas ist Jonas und Sam ist sein Computer.
Alles weitere ist von Übel, möge es nun Judith
heißen.

Jonas: Vorsicht Sam, Judith Delgado ist für uns
gestorben.

Sam: Oder Jolanda Nix, wenn es denn erlaubt ist,
diese ein wenig vorlaute junge Lady zu erwähnen.

Jonas: Mit Vergnügen Sammy.

Sam: Oder auch Justus, nur Justus, unverschämter
Plagiator.

Jonas: Reg dich ab Sammy und laß den Kleinen in
Ruhe, soll er ein bißchen mitlaufen und was
lernen.

Sam: Das wird dir noch einmal leid tun du Trottel,
wollte sagen, eure vertrauensselige Blauäugigkeit.

Jonas: Damit sollte Sam Recht behalten, aber wie
gesagt, an diesem Tag war meine Kristallkugel in
der Werkstatt. Zoras Büro war halb so groß wie
meins und doppelt so aufgeräumt. Wandschrank,
Stuhl, Tisch, Sojakaffmaschine, Computer mit
Textsystem. Keine Leiche, kein Blut, keine Spur.

Sam: Das gefällt mir nicht, das gefällt mir gar
nicht.

Jonas: Was gefällt dir nicht, Sammy.

Sam: Daß alles so klar und sauber und unauffällig
ist, o du mein mangelhafter Durchblicker. Unter
glatter Oberfläche lauert das Chaos, sagt der
weise Bosequo.

Jonas: Wer immer das ist, hör auf zu unken, Sammy,
tu was.

Sam: Befehl, Herr Rittmeister. Was tun. Was?

Jonas: Nimm dir den Computer vor, steig ein und
sieh nach, woran Zora Zeitgeist in den letzten
Tagen gearbeitet hat.

Sam: Befehl, Angriffsziel Computer. Attacke.

Jonas: Ruhe. Na was ist, Sammy.

Sam: Sorry Sir, nothing.

Jonas: Bitte?

Sam: Zero. Nada. Nihil. Null Nichts. Du verstehen,
häh?

Jonas: Zora hat sich mit nichts beschäftigt?

Sam: Genau. Mit nichts. Seit 3 Wochen. Und vorher

Jonas: Die BIO-Kiste.

Sam: Und abermals genau. Das Material dazu ist
säuberlich sortiert und abgelegt. Ergebnisse der
Nachforschungen im BIO Werkskrankenhaus,
Befragungen von Justus, Werkschutzmitglied und
Zeuge des Störfalls, Daten der Besuche von
Handelsdelegationen aus Merdistan in Babypsilon,
Korrektur Babylon.

Jonas: Merdistan?

Sam: Jener wenig sympathische Staat im Orient, für
welchen laut Zora Zeitgeists Enthüllungen BIO das
giftige und daher legal geächtete Herbizid
Trichlorphenol herzustellen pflegt. Alles dies wie
bereits vermeldet penibel, ja pedantisch geordnet
und höchst übersichtlich archiviert.

Jonas: Merkwürdig, Soweit ich Zora kenne, geht sie
mit ihren Unterlagen eher schlampig um.

Sam: Jajajajajajaja, außen hui, innen pfui.

Jonas: Sagt der weise Bosequo.

Sam: Mitnichten, ein Bonmot von Sam, dem Computer,
geschöpft aus dem reichen Schatz seiner Erfahrung.

Jonas: Ob Zora noch woanders Aufzeichnungen hat.
Sie muß sich doch mit irgendwas beschäftigt haben.

Justus: Hat sie auch, Chef, da bin ich wieder.

Jonas: Ich weiß mich vor Freude kaum zu fassen,
Kleiner.

Justus: Eine große Sache hat Zora gesagt. Größer
als der BIO-Störfall. Es hat mit Ultex zu tun.

Jonas: ULTEX: kurz für Ultimate Experience. Die
letzte Erfahrung, der letzte Trend, die letzte
craz. Bei ULTEX wurde man umgebracht, das heißt so
gut wie. Man ließ sich bis an die Schwelle des
klinischen Todes bringen und wieder zurückholen,
durch Drogen und für schweres Geld natürlich.
ULTEX hatte ein Haus im Südosten von Babylon, eine
Monstrosität genannt die Gruft, am Rand der
Trümmerwüste, die die Unruhen der 90er Jahre
hinterlassen haben. Gleich neben dem Reservat. Vor
einem halben Jahr war ich zuletzt hier gewesen,
Fall Megastar, keine gute Gegend. Ein Biotop für
Psychos und Nachtmenschen, für Straßensamurais und
Killerkids. Aber wir waren ja zu dritt, Jonas, Sam
und Justus.

Justus: Wie die drei Musketiere, Chef.

Sam: Drei Musketiere, von wegen. Zwei Herren aus
Verona und ein unqualifiziertes Anhängsel.

Jonas: Sei still, Sam. Paß auf, Kleiner, ich geh
jetzt rein.

Justus: Kann ich nicht mitkommen, Chef.

Jonas: Du bleibst hier, Kleiner, als Reserve und
Rückendeckung, behalt das Haus im Auge, wenn ich
sagen wir nach einer halben Stunde nicht wieder
draußen bin, kommst du nach und stellst fest, was
los ist, aber vorsichtig.

Justus: Sie können sich auf mich verlassen, Chef.

Jonas: Ein kadaverdürrer Grufti im kalkweißen Hemd
mit Ringen unter den Augen führte mich in einen
Warteraum. Schwarze Vorhänge vor
Spitzbogenfenstern. An den Wänden Kreuze und
Sprüche. Vivala Muerte und Wenn nicht hier, wo
sonst. Wenn nicht du, wer sonst. Berechtigte
Frage. Die elegante Frau im gotischen
Kirchengestühl mustere mich mißtrauisch. Offenbar
sah Jonas nicht aus wie jemand, der schnell mal
ein bißchen sterben wollte. Aber weil sonst keiner
da war, ließ sie sich dann doch herab, ein paar
Takte mit mir zu plaudern.

Kundin: Ein irres feeling, sagt Iris, meine
Freundin, die ist schon 7mal gestorben, stellen
Sie sich das vor.

Jonas: Ungern.

Kundin: Ganz genau wie in den Sachen von Frau Dr.
Rübler-Kotz, sagt Iris. Diese Klassiker, wissen
Sie, haben Sie sicher im Holo gesehen. Erst ein
wahnsinnig helles Licht, und dann zieht das ganze
Leben vorbei wie ein Holofilm vor dem inneren Auge
irgendwie. Ungeheuer sagt Iris, absolut
ultrasuper. Wer nicht wenigstens einmal tot war,
kann überhaupt nicht mitreden, sagt Iris.

Mors: Bitte, Herr äh...

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Mors. Ganz recht, treten Sie näher.

Kundin: Aber ich war vor dem Herrn hier.

Mors: Ein Sonderfall, gnädige Frau, bitte haben
Sie noch einen Augenblick Geduld.

Jonas: Der Typ hatte sich auf Sensenmann gestylt.
Aber sein Büro wirkte ganz normal, nichts
gruftiges, kein Sarkophag, kein Kruzifix, und der
Sessel, den er mir anbot, kam aus Helsinki, nicht
aus dem Kölner Dom.

Mors: Wir haben Sie erwartet, Herr Jonas.

Jonas: Das wundert mich. Sie sind der Chef von
ULTEX.

Mors: Ja, Herr Jonas. Ich bin der große Tod. Sie
können mich schlicht Mors nennen.

Jonas: Sie mich auch.

Mors: Bitte, Herr Jonas. Ein Mann, der kurz vor
dem Tode steht, sollte keinen schlechten Witze
machen.

Jonas: Moment mal Freund, das ist ein
Mißverständnis, ich bin nicht hier um zu sterben.

Mors: Ja, da glaub ich Ihnen, Herr Jonas, aber Sie
werden es müssen, und zwar endgültig. Dreh ihm die
Luft ab, Siebzig.

Jonas: Plötzlich legten sich die massiven Backen
eines Schraubstocks um meinen Hals, von hinten,
immer fester, immer enger. Feuerräder drehten sich
vor meinen Augen, in meinem Ohren explodierten
Raketen, rauschten alle Ozeane aller Welt,
dazwischen Stimmen, undeutlich und weit weg, wie
im Traum.

Mors: Wehren Sie sich nicht, Herr Jonas, das nützt
nichts. Wenn Siebzig mal zupackt, läßt er nicht
wieder los. Interessanter Name, Siebzig. Wollen
Sie wissen, warum er so heißt, Herr Jonas. Sag's
ihm, Siebzig.

Siebzig: Wegen mein Intellgenzquotient, Boss.

Mors: Sie werden nicht hier sterben, Herr Jonas.
Eine echte Leiche bei ULTEX wäre schlechte
Publicity. Wir reichen Sie weiter, an unsere
Mitarbeiter im Außendienst sozusagen.

Jonas: Meine Bronchien kreischten, als ob sie
tagelang nur Schwefeldampf und Höllenfeuer
eingeatmet hätten. Mein Kopf war zersprungen und
falsch zusammengeleimt worden. Irgendwas hartes
drückte Serpentinen in mein Kreuzbein, meine
Hände, ich lag auf meinen gefesselten Händen, auch
die Füße waren gefesselt, ich versuchte die
Augenlieder aufzuwuchten. Hundert Jahre später
hätte ich es geschafft. Jonas konnte sehen, und
was sah Jonas, ein Stück grauen Himmel durch ein
Loch im Dach, Trümmerwände, ein historisches
Sprechfunk anno Vietnam, und Kinder, Kinder
zwischen 6 und 14 in altmodischen Kampfanzügen,
braun und olivgrün. Buschmesser im Gürtel, antike
M16-Sturmgewehre unter dem Arm. Ein Junge mit
einer goldenen Kokarde am grünen Barett stand
neben mir und trat mich mit seinen Parastiefeln,
immer wieder immer an die selbe Stelle.

Jonas: Hör auf. Das tut weh.

Dakota: Solls auch, Alter. Weißt du, wo du bist?

Jonas: Reservat.

Dakota: Kennst dich aus, Alter, wenn du's genau
wissen willst, du bist im Kommandobunker der
Rambos, der einmaligen unbesiegbaren Rambos.
Rararambo.

Rararambo Rararambo!

Jonas: Killerkids. Ihr habt mir gerade noch
gefehlt.

Dakota: Dir wird gleich gar nichts mehr fehlen,
Alter. Weißt du wer ich bin?

Jonas: Was spielen wir hier, Quiz für die
Hausfrau?

Dakota: Werd nicht frech Alter. Ich bin der
einmalige unbesiegbare Dakota, der Chief der
einmaligen unbesiegbaren Rambos. Ra-Ra-Rambo.

Rararambo Rararambo!

Dakota: Weißt du was wir mit dir machen, Alter?

Jonas: Wie oft darf ich raten, dreimal?

Dakota: Easy Alter, wir löten dich auf ein
Eisengitter und machen dir Feuer unter dem
Hintern, und dann grillen wir dich, Alter, ganz
langsam und ganz cool. Und wenn du zu laut quakst,
gießen wir dir Benzin ins Maul, und halten ein
Streichholz dran.

Jonas: Der dritte Weltkrieg, dachte Jonas, machte
sich flach und robbte in eine Ecke, aber es waren
bloß wieder Killerkids: eine neue Gang. Bunte
Flickenkostüme und knallrote Hennahaare, und weil
die Angreifer keine alten Sturmgewehre hatten,
sondern moderne Laserstrahler, schafften sie die
Rambos, sie brachten sie um, alle, bis auf den
unbesiegbaren Dakota, den verschnürten sie zu
einem Paket und legten ihn ab, zwecks späterer
Freizeitgestaltung vermutlich, und dann entdeckten
sie Jonas und holten ihre Chefin: ein etwa 12-
jähriges Mädchen mit einem spitzen schwarzen Hut
auf den roten Locken.

Anna Conda: Hey, du bist doch kein Rambo.

Jonas: Seh ich so aus, Schwester.

Anna: Weißt du, was du bist?

Jonas: Jetzt geht das Quiz wieder los.

Anna: Du bist Kriegsbeute. Kannst du Lösegeld
zahlen?

Jonas: Wenn's sein muß, 50 Euros könnte ich
vielleicht.

Anna: 50 Euros, du tickst wohl nicht richtig.
Schafft den Kerl raus und lasert ihn ab.

Jonas: Augenblick Schwester, wollen wir nicht noch
mal in Ruhe darüber reden.

Anna: Zwecklos.

Jonas: Aber Schwester.

Anna: Ich bin keine Schwester, ich bin Anna Conda.

Jonas: Einmalig und unbesiegbar, angenehm, mehr
oder weniger, ich bin Jonas.

Anna: Anna Conda die Matriarchin der ewig
siegreichen Witches, we are the witches.

We are the Witches!

Anna: Wir haben alle geschlagen, die Paras, die
Heavy Metals, die Juppies, die Contras, die
Horrors, die Sadomasos und jetzt auch die Rambos.
Wir sind die größten, uns gehört das Reservat.

Jonas: Und morgen die ganze Welt, gratuliere.

Anna: Jonas? Hast du gesagt, du heißt Jonas?

Jonas: Stimmt.

Anna: Nur Jonas?

Jonas: Stimmt auch.

Anna: Der letzte Detektiv?

Jonas: Und wieder genau ins Schwarze, Damen und
Herren, wieder ein Volltreffer.

Anna: Red nicht so viel. Du hast also Zombie und
seinen Laden hochgehen lassen vor zwei, drei
Jahren. Dann bin ich dir was schuldig. Macht ihn
los.

Jonas: Danke Anna. Würdest du mir einen Gefallen
tun.

Anna: Vielleicht.

Jonas: Frag Dakota, wie er an Jonas gekommen ist.

Anna: OK, Jonas, kleine Fische.

Jonas: Dakota wollte nichts sagen, aber Anna Conda
hatte ein paar gute Mittel gegen verbale
Verstopfung. Ein bißchen laut, ein bißchen
unsauber, aber sehr wirkungsvoll. Dakota packte
aus: Jonas war ihm geliefert worden. Von ULTEX-
Mitarbeitern in einem E-Laster nach Voranmeldung
über das Funkgerät.

Dakota: Frankenstein, Frankenstein hat gefunkt,
daß wir wieder einen kriegen, von ULTEX, und wir
sollen ihn alle machen.

Jonas: Frankenstein, du meinst Mors von ULTEX.

Anna: Meint er nicht, Frankenstein war früher
Chief der Rambos, vor Dakota, dann ist er weg,
weil er zu alt war für ein Killerkid. Er ist raus
aus dem Reservat, rüber zu euch. Und da ist er was
geworden.

Jonas: Was?

Anna: Was wichtiges. Genauer weiß ich's nicht.

Jonas: Vielleicht Dakota.

Dakota: Nein, nein, keine Ahnung, wirklich nicht,
echt.

Anna: Frankenstein ist so eine Art Ehrenchief der
Rambos. Deshalb arbeiten sie für ihn. Und weil er
sie bezahlt.

Dakota: 1000 Euros jeden Monat.

Jonas: O nicht schlecht, und was mußt ihr dafür
tun.

Dakota: Frankenstein sagt uns bescheid, über funk,
und dann schickt er uns Typen zum killen.

Jonas: Zum Beispiel Jonas.

Dakota: Ja, oder die Tussi vor 4 Tagen, diese
Reporterin.

Jonas: Zora Zeitgeist.

Dakota: Ja, Zeitgeist. Komischer Name.

Jonas: Was habt ihr mit ihr gemacht.

Dakota: Na was.

Jonas: Sie ist tot.

Dakota: Ja. Manchmal kommen auch bloß Leichen zum
Wegschaffen, eine oder zwei, aber neulich war’s
ein Riesenhaufen, ganzer Container voll, mehr als
20, und alle tierisch zerfleddert, total kaputt.

Jonas: Neulich. Wann?

Dakota: Weiß nicht.

Anna: Denk nach, Dakota, oder...

Dakota: Nein, nein, bitte nicht. Dezember, 1.
Dezember 2011.

Jonas: Da war doch was. 1. Dezember 2011, Störfall
bei BIO, den, den Zora Zeitgeist aufgedeckt hat.
Seltsam. Was hast du mit Dakota vor, Anna?

Anna: Muß mir noch was einfallen lassen. Was ganz
besonders.

Jonas: Heb ihn erst mal auf und das Funkgerät
auch, ich hab eine Idee, wenn die Sache klappt und
wenn du mir hilfst, dann verspreche ich dir ein
gewaltiges Lösegeld, mehr als du dir vorstellen
kannst.

Anna: Ich kann mir eine Menge vorstellen, Jonas.
See you.

Jonas: Als ich die Bürotür aufmachte, fiel
Volontär Justus vor Schreck fast vom Stuhl, von
meinem Stuhl, anscheinend wollte er mal üben, wie
ein richtiger Detektiv sitzt.

Justus: Chef, da sind Sie ja endlich, ich hab mir
schon Sorgen gemacht.

Jonas: Nett von dir, Kleiner, warum bist du nicht
nachgekommen, wie wir vereinbart hatten.

Justus: Bin ich doch, Chef, nach einer halben
Stunde, ganz pünktlich, und da haben die mir
gesagt, sie sind schon weg. Durch den
Hinterausgang.

Jonas: So. Und das hast du geglaubt.

Justus: Was ist denn passiert, Chef.

Jonas: Och, nichts besonders, man hat nur versucht
mich umzubringen.

Justus: Wirklich, Chef? Wer denn?

Jonas: Herr Mors von ULTEX und eine Horde rabiater
Killerkids.

Justus: Um Gotteswillen, wie sind Sie denn da
rausgekommen, Chef.

Jonas: Och, das erzähl ich dir mal später,
Kleiner, zu deiner Belehrung und Auferbauung,
jetzt hab ich keine Zeit. Ich bin nur gekommen um
meinen Laser zu holen und Sam. Hast du ihn
irgendwo gesehen, Kleiner, die drahtlose
Taschenausgabe mein ich.

Sam: Hallo, hier bin, o Leuchte meines Daseins, im
Schreibtisch rechts, o Trost meiner schlaflosen
Nächte. Ach, neben der Whiskyflasche du Döskopp.
Grüß Gott.

Jonas: Zwei Dinge braucht der Detektiv, Whisky und
Sam. So, mach's gut, Kleiner.

Justus: Wo gehen Sie hin, Chef.

Jonas: Zu ULTEX. Ich werde mir diesen Mors mal
vorknöpfen.

Justus: Nehmen Sie mich nicht mit, Chef?

Jonas: Besser nicht, Kleiner, wenn du mir den
Rücken deckst, muß ich gleichzeitig nach vorn und
hinten kucken. Bleib schön zu Hause und halt die
Stellung.

Sam: Ja, halt die Stellung.

Jonas: Diesmal war die ULTEX-Gruft so tot wie ihr
Name. Gruftis und sterbegeile Damen waren
ausgeflogen. Mors war noch da. Er lag in seinem
Büro und sah nicht gut aus. Jemand hatte ein
Teesieb aus ihm gemacht. Mit einem Laserstrahler.
Sein Gesicht war verzerrt. Offenbar war er nicht
leicht gestorben.

Sam: Erstaunlich, Herr Konsul, wo er doch so viel
Übung im Sterben hatte. Hier liegt übrigens noch
einer.

Jonas: Ein stark behaarter Gentleman mit riesigen
Pranken. Das dürfte Siebzig sein. Siebzig, der
wilde Würger.

Sam: Auch tot.

Jonas: Noch ganz warm, sein Boss auch. Das heißt

Sam: Die Herrschaften sind erst vor sehr kurzer
Zeit ins Jenseits befördert worden. Das gibt einem
Computer zu denken.

Jonas: Einem Detektiv auch. Wem gehört ULTEX,
kannst du das feststellen.

Sam: Nichts leichter als diese euer Fragwürden.
Firma ULTEX gehört der Freund Hein AG Babylon.

Jonas: Sagt mir nichts.

Sam: Nun warts doch ab du Hektiker. Freund Hein AG
Babylon gehört der Thanatos Corp. New York, die
Thanatos Corp. New York gehört der Thanatos
Holding auf den Bahamas, eine sogenannte
Briefkastenfirma, die Thanatos...

Jonas: Stop stop stop, das dauert mir zu lange,
überspring die nächsten Stationen und sag mir
gleich die letzte, den wirklichen Besitzer.

Sam: BIO.

Jonas: Was?

Sam: BIO Babylon. Surprise. Surprise.

Jonas: Ja und Nein, irgendwie hatte BIO die
Neigung, ständig in meinem Fall aufzutauchen,
unerwartet und überraschend, so überraschend wie
die Nachricht von Zoras Ermordung. Wer immer
dahinter steckte. Möglicherweise war an dem
Störfall von damals mehr dran als Zora
rausgekriegt hatte. Aber dazu konnte ich ja jemand
ausfragen, einen Ex-Werkschützer und Augenzeugen.

Justus: Am 1. Dezember hatte ich Dienst, Chef. In
der geheimen Produktionseinheit, wo BIO dieses
Trichlorphenol für Merdistan macht. Ich war in der
Steuerzentrale. Und plötzlich merke ich, wie der
Aufseher am Pult nervös wird. Er kuckt immer
wieder auf seine Monitore und Meßgeräte, dann
springt er auf. Was ist los, sage ich, und er
sagt: Der Autoklav spielt verrückt.

Jonas: Autoklav?

Sam: Ein in der chemischen Produktion verwendetes
Großgefäß zum Erhitzen unter Druck, euer
Unbeschlagenheit, eine Art Dampfkochtopf.

Jonas: Aha, mach weiter, Kleiner.

Justus: Der Druck ist viel zu hoch, sagt Samsa.

Jonas: Samsa?

Justus: Der Aufseher. Gregor Samsa heißt er. Die
Temperatur ist auch zu hoch, sagt er. Und was das
schlimmste ist: wir haben Austritt von TCDD.

Sam: Blutigen chemischen Laien bekannter als
Sevesodioxin.

Justus: Ich muß abstellen, sagt Samsa, sonst wird
ganz Bioland verseucht, und er rennt zum Schott,
fünf Minuten später ist er wieder da, er kann
gerade noch das Schott hinter sich verriegeln,
dann bricht er zusammen. Ich hab inzwischen
internen Alarm gegeben, die Sanitäter kommen und
bringen Samsa ins Werkskrankenhaus, und soviel ich
weiß, liegt er da heute noch. Mit Dioxinvergiftung
und einer schweren Chlorakne.

Sam: Es lebe Herr Samsa, in Qualm und Brand hielt
er das Steuer fest in der Hand, er hat uns
gerettet, er trägt die Fahne, gedichtet von Sam
frei nach Fontane.

Justus: Ein Held, das hat auch Frau Zeitgeist über
Samsa geschrieben.

Jonas: Richtig, Zora. Wann war sie bei BIO?

Justus: Zwei Wochen später, Chef, um den 15.
herum.

Jonas: Hmh, vor 4 Wochen. Hoffentlich ist die Spur
noch nicht kalt, na das wird sich zeigen.

Justus: Sie wollen zu BIO, Chef.

Jonas: Du hast es erfaßt Kleiner.

Justus: Und wie wollen Sie reinkommen, heimlich in
Verkleidung.

Jonas: Aber sicher Kleiner, als Supermann in
Faschingsmaske und langen Unterhosen, du hast
zuviel Fantasie, jeder kann sich in Bioland
umkucken ganz offen für 10 Euros. Jonas wird
Tourist, falls heute noch ein Sightseeing Bus
fährt. Sam?

Sam: In genau 44 Minuten vom zentralen Busbahnhof.

Jonas: Dann müssen wir uns beeilen.

Justus: Und ich, Chef?

Jonas: Du kannst dich bei Bio nicht sehen lassen,
Kleiner, dich haben sie gefeuert, dich kennen sie,
du übst weiter Stellung halten.

Sam: Geduld, mein junger Freund, ist die
wichtigste Eigenschaft des Detektivs, vermerke dir
dies in deinem Poesiealbum zur dauernden
Beherzigung.

Jonas: BIO hieß früher Chemoplast, aber vor etwa
20 Jahren hatte der Vorstand die Zeichen der Zeit
erkannt, und den Konzern umbenannt. In BIO. Und
nicht nur der Name wurde geändert, auch das
Erscheinungsbild kriegte eine kosmetische
Operation verpaßt: BIO wollte nichts zu tun haben
mit lauten Fabrikhallen, stinkenden Schornsteinen,
häßlichen Rohrleitungen. BIO stellte Bioland in
die Gegend, auf einem Gelände im Südosten von
Babylon, nicht weit von ULTEX und vom Reservat,
aber ganz, ganz anders, Bioland ist eine Art
Supergewächshaus, ein künstliches Ökosystem
elektronisch gesteuert, obendrüber eine
gigantische Plexiglaskuppel mit Klimakonvertern
und Deflektoren, darunter eine wunderschöne
mitteleuropäische Landschaft, wie vor 100 Jahren,
mit allem was dazu gehört, Wald und Feld, Wiesen
und Gärten, ein Teich, ein Bauernhof, für die
Verwaltung von BIO, ein Heuschober usw. Einen Teil
der Produktion hat BIO ausgelagert, in die Dritte
Welt. Was noch da ist, liegt unter Bioland, wo man
es nicht sieht, nicht hört, nicht riecht, wo es
nicht stört. BIOland ist berühmt, wer nach Babylon
kommt, muß Bioland gesehen haben, BIO hat einen
Sightseeing-Service aufgezogen, mit E-Bussen, die
mehrmals am Tag fahren, unter sachkundiger
Führung, so stand's im Prospekt, den Jonas mit dem
Ticket in die Hand gedrückt kriegte.

Führerin: Beachten Sie neben den landschaftlichen
Schönheiten bitte auch die zahlreichen Vertreter
einer mannigfaltigen Tierwelt in Wald und Flur,
meine Herrschaften, das grasende Rind, das scheue
Reh, die bunte Schar sangesfreudiger Vöglein.
Simulationen, meine Herrschaften, das versteht
sich, Holoprojektionen sowie geschickt verborgene
Tonbänder, das gleiche Illusionssystem, wie im
Ihnen zweifellos bekannten Romanticpark zu
Babylon. Wir haben nunmehr die Waldlichtung
erreicht, meine Herrschaften. Sehen Sie links
zwischen den Bäumen den spitzzulaufenden Giebel
mit dem Hirschgeweih, das ist das Forsthaus: der
Sitz des Vorstandes von BIO, und rechts hinter der
Taxushecke haben wir die Tannenklinik, das BIO-
Werkskrankenhaus. An dieser Stelle legen wir einen
kurzen Aufenthalt ein, meine Herrschaften, Sie
können aussteigen und holographieren, wenn Sie
wollen, aber bleiben Sie bitte zusammen und
entfernen Sie sich nicht allzuweit von Ihrem Bus.

Jonas: Kann man sich die Häuser auch von innen
ansehen?

Führerin: Bedauere mein Herr, das ist leider nicht
möglich, haben Sie bitte Verständnis für diese
kleine Einschränkung, die Insassen der Klinik
sollen in Ruhe und Frieden Genesung finden, und
auch der Vorstand, auf dessen Schultern die
gewaltige Verantwortung für den gesamten Konzern
ruht, hat ein Recht auf ungestörte Arbeit. In 5
Minuten geht es weiter, meine Herrschaften.

Jonas: Ohne mich, dachte Jonas, ganz zufällig und
beiläufig wanderte ich immer tiefer in den Wald,
Richtung Krankenhaus, nach 100 Metern stellte ich
mich hinter einen dicken Baum und versuchte wie
die naturgetreue Holoprojektion eines scheuen Rehs
auszusehen. Offenbar war ich nicht überzeugend,
plötzlich stand ein Typ in himmelblauer Uniform
vor mir, unter seiner Jacke eine diskrete Beule,
die verdächtig an einen Knockouter erinnerte.

Wachmann: BIO Werkschutz, mein Herr, Sie haben
sich verlaufen.

Jonas: Iwo, Herr Wachtmeister, ich wollte mir nur
ein bißchen die Beine vertreten.

Wachmann: Sie haben sich verlaufen, mein Herr. Ich
bringe Sie zu ihrem Bus.

Jonas: Brauchen Sie nicht. Ich find schon allein
zurecht.

Wachmann: Ich bringe Sie zu ihrem Bus, mein Herr.
Folgen Sie mir.

Jonas: Der Ausflug nach Bioland war also eine
Pleite gewesen, einerseits. Andererseits hatte ich
viel gelernt, über Felder und Wälder, über Vögel
und Viehzeug. Und ich wußte jetzt, wo das
Biowerkskrankenhaus lag und wo der Vorstand unter
der Last der Verantwortung fast zusammenbrach.

Justus: Was wollen Sie jetzt machen, Chef.

Jonas: Jetzt, Kleiner, gar nichts, es ist spät,
Jonas geht schlafen und du gehst nach Hause.

Justus: Aber Chef, Sie wollen doch nicht aufgeben.
Sie doch nicht. Jonas hakt nach, Jonas ist
hartnäckig, Jonas ist stur.

Sam: Ja, da hat er recht, Meister, und wo er recht
hat, hat er recht. Auch wenn er bloß ein Lehrling
ist.

Justus: Volontär.

Sam: Naja, auch gut.

Jonas: Im Moment ist Jonas müde und sonst gar
nichts, aber morgen Kleiner, morgen früh bist du
wieder hier und dann machen wir ein Brainstorming,
zu dritt wird uns schon was einfallen.

Sam: Hähä, Brainstorming zu dritt, lächerlich, der
eine hat keins, beim zweiten ist nicht viel los
damit und nur der dritte hat ein vollwertiges
erstklassiges solches.

Jonas: Was meinst du Sammy.

Sam: Brain. Bregen. Hirn. Denkapparat.

Jonas: Jonas ging schlafen, aber nicht für lange,
um 12 heulte der Wecker, Mitternacht Dr.
Schweitzer, Jonas stand auf und packte zusammen,
was er so brauchte: Guerillaanzug aus dem
antarktischen Krieg, Sauerstofftank, Laser,
Knockouter und Sam natürlich. Anna Conda wartete
schon. Ich wußte, daß BIO Abfallstoffe ins
benachbarte Reservat leitete, illegal, aber ich
wußte nicht wie und wo. Das wußte Anna.

Anna: Am besten du nimmst das Rohr unter dem alten
Funkturm gleich beim Kommandobunker der Rambos,
bloß daß der jetzt den Witches gehört, weil's die
Rambos nicht mehr gibt.

Jonas: Aber das weiß draußen noch keiner. Wie
geht's meinem Freund Dakota?

Anna: Schlecht, ganz schlecht, ich hab ihm
erzählt, was wir mit ihm machen.

Jonas: Aber erst später, Anna. Du weißt, was
Dakota sagen soll, wenn er von Frankenstein
angefunkt wird.

Anna: Logo Jonas, hör auf mich zu nerven, zieh
deine Killerklamotten an und tauch ab.

Jonas: Was ist in dem Rohr?

Anna: Bißchen Wasser und irgendwelches Gift
natürlich, aber nichts schlimmes.

Jonas: Der Anzug ist säurefest und chemiestabil,
steht in der Gebrauchsanweisung, unterschreiben
vom Kriegsminister, und ein Minister lügt nicht,
oder?

Anna: Komm wieder, Jonas, du schuldest mir ein
Lösegeld.

Jonas: Im schwachen Licht aus Bioland ragte die
schiefe Spirale des Funkturms in den Nachthimmel
wie das Skelett eines Krüppels in der Anatomie.
Jonas warf einen Blick zurück, dann verschwand er
in der Unterwelt, nicht zum ersten Mal, siehe
Schmiergeld oder Spielwiese. Da mußte ich durch
ganz andere Sachen kriechen. Trotzdem schaltete
ich auch diesmal auf Eigenluft. Sicher war sicher.
Was da, wo ich auftauchte produziert wurde, weiß
ich nicht, ich blieb erst mal auf Sauerstoff und
in Deckung, zwischen mir und der Oberwelt standen
ein Aufseher und ein Werkschützer. Kein Problem.
Wozu hatte ich den Knockouter. Draußen fühlte ich
mich sicher im großen und ganzen. Der Anzug machte
mich praktisch unsichtbar, außerdem wurde Jonas
nicht erwartet. Nicht jetzt, erst morgen. Eine
halbe Stunde und zwei zur Ruhe gelegte
Werkschützer später war ich im Keller der Klinik.
Wo der Datenspeicher stand, kein ganz taufrisches
Modell.

Sam: Ein altes Hündchen ist das, euer
Untertreibung, überholt und abgeschrieben.

Jonas: Typisch, beim Krankenhaus wird gespart. Ist
das Ding gesichert?

Sam: Was soll schon heißen gesichert, klar da ist
was, eine alte rostige Kette, bildlich gesprochen,
die knackt Sammy mit links.

Jonas: OK Sammy, dann knack mal, und wenn du
fertig bist, fragst du den Kollegen

Sam: Kollege? Ich bitt euch Herr, der Scherz ist
gar zu grausam. Shakespeare.

Jonas: Halt uns nicht auf, Sam, frag ihn nach
Samsa, Gregor Samsa.

Sam: Negativ. Kein Gregor Samsa. Kein Gregor, kein
Samsa, oder auch weder Gregor noch Samsa.

Jonas: Kein Gregor Samsa am 1. Dezember 2011
eingeliefert?

Sam: Ganz und gar kein Gregor Samsa überhaupt
jemals eingeliefert, du Weichei.

Jonas: Das gibt's doch nicht, Sammy.

Sam: Gestatten euer Libden eine klitzekleine
Korrektur: Den gibt es nicht, den Gregor Samsa,
denn siehe und staune, auch im Biopersonalsystem
ist eine Person diesen Namens nicht verzeichnet.

Jonas: Eine Unperson. Die Heldenlegende, die Zora
Zeitgeist berichtet hat, stimmt also nicht,
wahrscheinlich ist der ganze Störfall Schwindel.
Aber warum hat Bio dann nicht dementiert. Was ist
hier am 1. Dezember passiert, Sammy?

Sam: Zweierlei euer gestrengen: 1. Besuch einer
Handelsdelegation aus Merdistan, welche sich, wie
die in dieser Datei gespeicherten
Verpflegungsliste ausweisen, vorzugsweise im
Werkskrankenhaus aufgehalten hat. 2. an besagtem
Tage verzeichnete besagtes Werkskrankenhaus einen
unheimlich starken Abgang.

Jonas: Was soll denn das nun heißen?

Sam: Abgang du Birnekompott? Exitus, Tot, am
1.Dezember 2011 sind in dieser Klinik ungewöhnlich
viele Menschen gestorben, präzise 22.

Jonas: Todesursache?

Sam: Nicht vermerkt. Übrigens sind die Betroffenen
nicht wie sonst üblich einem Bestattungsinstitut
überstellt, vielmehr so steht es geschrieben, zur
endgültigen Beseitigung weitergereicht worden.

Jonas: Wohin?

Sam: Nicht vermerkt.

Jonas: Ins Reservat, zu Dakota und den Rambos, am
1. Dezember haben sie ein ganzen Container voller
Leichen gekriegt, mehr als 20 hat Dakota gesagt,
kaputt und tierisch zerfledert, von Frankenstein
ihrem Ex und Ehrenchief der arbeitet als für BIO.

Sam: Hatten wir uns das nicht gleich gedacht,
Kumpel.

Jonas: Aber jetzt wissen wir, Sammy. Und hinter
der Sache steckt tatsächlich ein Störfall, ein
Superstörfall mit 22 Toten. Da muß mehr in die
Luft gegangen sein als ein ein wie heißt das Ding?
Autoklav.

Sam: Bedaure zutiefst widersprechen zu müssen,
eure Vorschnelligkeit. Alle 22 waren bereits
längere Zeit vor dem 1. Dezember Insassen dieses
Krankenhauses.

Jonas: Das heißt ein Unglück hier im Krankenhaus.
Eine Katastrophe.

Sam: Mehr als nur dies, Brüder und Schwerstern,
lasset uns noch einmal zurückkommen auf den
bereits kurz angesprochenen Besuch der
merdistanischen Delegation. Merdistan ist ein
Staat, welcher wie wir wohl wissen, seit
Jahrzehnten im Kriege liegt mit dem Nachbarland
Marik, und wie wir ebenfalls wissen, setzt
Merdistan in diesem Krieg massiv chemische
Kampfstoffe ein. Nervengifte wie Taput und Soman,
sogenannte V-Stoffe und Flurazetate, aber auch
Psychogifte, etwa Lüsert und Benzülsäurederivate.
Merdistan selbst ist nicht in der Lage, diese
Stoffe zu produzieren. Woher es sie bezieht, ist
nicht bekannt.

Jonas: Bis jetzt. Kein Störfall. Kein Unglück. Ein
Test.

Sam: Hat man das unmöglich eliminiert, mein lieber
Watson, so muß das, was übrig bleibt, und sei es
auch noch so unwahrscheinlich, die Wahrheit sein.

Jonas: Wie komm ich in den Speicher, Sam, wir
brauchen die Platten mit den relevanten
Informationen. Wir holen sie raus, nehmen sie mit.

Sam: Und deponieren sie an geeigneter Stelle.

Jonas: Das hieß bei Anna Conda im Reservat, und
als das erledigt war, legte sich Jonas für ein
paar Stunden hin, bis es hell wurde, dann ging ich
auf die Suche nach einem funktionierenden Fon. Das
dauerte seine Zeit. Ich rief den Vorstand von Bio
an, und wartete auf die große schwarze E-
Limousine, die mich einsammelte und nach Bioland
brachte, ins Forsthaus, in ein gemütliches Zimmer,
mit Gehörn an den Wänden und Bildern von röhrenden
Hirschen, mit einem Kamin und 3 Sesseln, 2 waren
besetzt.

Roth: Frau Prof. Grin.

Grin: Herr Prof. Roth.

Jonas: Jonas, nur Jonas. Sie sind der Vorstand.

Grin: Wir beide. Sie haben die Platten bei sich?

Jonas: Sehe ich aus wie ein Hirnamputierter? Die
Platten sind in Sicherheit und damit wir das
gleich abklären, wenn ich mich nach einer Stunde
nicht melde, werden die Daten vervielfältigt und
an die Medien geschickt, an die Ökopolizei
sowieso.

Roth: Sie blöffen, Herr Jonas.

Jonas: Wollen Sie's riskieren?

Grin: Sie haben uns überrascht, Herr Jonas.

Roth: Auf Ihren nächtlichen Besuch waren wir nicht
vorbereitet.

Grin: Die Dateien sollten erst heute umgestellt
werden.

Jonas: Das können Sie sich jetzt sparen. Was
schlagen Sie vor?

Roth: Das hat uns Frau Zeitgeist auch gefragt.

Grin: Vor gut 3 Wochen in diesem Raum.

Roth: Sie hatte ebenso gut recherchiert wie Sie,
Herr Jonas.

Grin: Und Daten eruiert, die nicht für die
Öffentlichkeit bestimmt waren.

Jonas: Daß Sie ein Giftgas getestet haben für ihre
Kunden in Merdistan, und daß Ihnen der Test aus
dem Ruder gelaufen ist.

Roth: Sie irren, Herr Jonas.

Grin: Der Test ist durchaus nicht wie Sie sich
ausdrücken aus dem Ruder gelaufen.

Roth: Er ist planmäßig durchgeführt worden, sein
Ergebnis war erwartet und für alle Seiten höchst
zufriedenstellend.

Grin: BIO hat nämlich ein neues Psychogift
entwickelt auf der Basis von Benzülsäure oder BZ.
Wie wir kurz sagen.

Roth: Sollten wir wirklich in die Details gehen,
Frau Kollegin.

Grin: Warum denn nicht, Herr Kollege. Es handelt
sich um eine Variation jene Ihnen bekannten
Selbstmorddroge, die von der verstorbenen
Professor Caligari vor etwa 3 Jahren durchgetestet
wurde.

Jonas: Der Testmarktfall, ich weiß.

Roth: Unser Produkt, wir haben es intern
Beserkerdroge getauft, führt bei den Betroffenen
zu schrankenlosem Aggression- und
Autoaggressionsverhalten.

Grin: Das heißt zu Mord und Selbstmord.

Jonas: 22 tierisch zerflederte Leichen.

Grin: Ein schlagender Beweis. Unsere
Geschäftsfreunde aus Merdistan waren sehr
beeindruckt.

Roth: Was übrigens Frau Zeitgeist betrifft, so
zeigte sie sich vernünftigen Argumenten durchaus
aufgeschlossen.

Grin: Wir konnten sie nicht aus dem Wege räumen,
ihre Auftraggeber wären mißtrauisch geworden und
hätten andere Investigatoren geschickt.

Roth: Also haben wir ihr die Informationen
abgekauft.

Grin: Und weil sie ja irgendein plausibles
Resultat vorweisen mußte, haben wir uns den
falschen Störfall ausgedacht.

Roth: Glaubhaft und in Maßen schwerwiegend.

Grin: Insofern eine ideale Legende. Leider wurde
Frau Zeitgeist zu gierig.

Roth: Sie konfrontierte uns mit neuen, sehr hohen
Forderungen. Unklugerweise nach der Publikation
ihrer angeblichen Untersuchungsergebnisse.

Grin: Wir hatten also freie Hand und konnten dafür
sorgen, daß sie uns nicht mehr zur Last fiel.

Roth: Damit war die Angelegenheit ausgestanden.

Grin: Dachten wir, aber dann traten Sie in
Erscheinung, Herr Jonas.

Roth: Wir könnten uns vorstellen, daß auch Sie ein
offenes Ohr für vernünftige Argumente haben.

Jonas: Vielleicht. Wieviel.

Grin: In Anbetracht der Tatsache, daß es sich bei
denen von Ihnen entwendeten Daten lediglich um
Hinweise, nicht aber um Beweise handelt. 100.000
Euros.

Jonas: Sehe ich aus wie ein Kleinviehhalter.

Roth: 200.000.

Jonas: Wir einigten uns auf 1 Million. Eine schöne
runde Summe, leicht zu merken, aber nicht so
leicht zu übernehmen. Wir mußten einen Austausch
arrangieren, nicht bei Jonas, nicht in Bioland.

Jonas: Auf neutralem Boden. An der Grenze zum
Reservat. Sie kennen den alten Funkturm.

Roth: Selbstverständlich.

Jonas: Da treffen wir uns, in drei Stunden. Wäre
Ihnen das recht.

Grin: Einverstanden.

Jonas: Sie kommen allein, das heißt zu zweit, ohne
Werkschutz.

Roth: Und Sie, Herr Jonas.

Jonas: Ich bringe jemand mit, einen Detektiv in
Spe, zwei gegen zwei, das ist nur fair.

Grin: Wir haben nichts dagegen, seien Sie
pünktlich.

Jonas: Fünf Minuten vor der Zeit waren wir da. Der
Funkturm sah immer noch aus wie ein verbogenes
Gerippe. Wir warteten direkt neben dem
Kommandobunker. Justus wirkte nervös, vielleicht
der Lerneifer, und dann kam er auch schon über die
Steine gestolpert, der doppelte Biovorstand, ohne
Begleitung, Professor Roth trug einen Aktenkoffer.

Roth: Ihr Geld, Herr Jonas.

Jonas: Die Platten sind hier in der Tasche. Geben
Sie den Koffer rüber.

Grin: Einen Augenblick, Herr Jonas, spielen Sie
Bridge?

Jonas: Poker und auch das nur manchmal. Warum?

Roth: Weil die Zeit gekommen ist, die Karten auf
den Tisch zu legen, alle Karten, auch den Trumpf,
den wir bisher im Ärmel versteckt hielten.

Grin: Der junge Mann an Ihrer Seite, den sie als
Justus kennen, gehört zu uns, zu Bio. Er ist unser
Experte für Sonderaufgaben.

Roth: Nachdem er das Problem Zora Zeitgeist gelöst
hat, blieb er noch für gewisse Zeit bei ihrem
Partner Elmer, um jede nur mögliche unerfreuliche
Erweiterung der Affäre im Keim zu ersticken.

Jonas: Und dann hat er sich an Jonas gehängt.

Justus: Jawohl Chef, ich bewundere Sie ja so Chef,
ich will von Ihnen lernen, Chef, jetzt siehst du
ganz schön alt aus, was Alter.

Jonas: Blas dich nicht auf, Kleiner, Jonas weiß
längst Bescheid, daß du in Wirklichkeit
Frankenstein heißt, daß du für Bio die
Drecksarbeit machst, du warst nicht gut, Kleiner,
du hast die naive Masche schwer übertrieben. Du
hast mich zu ULTEX geschickt, du hast Mors
umbringen lassen, damit ich ihn mir nicht
vornehmen konnte. Und jetzt hast du deine Rambos
herbestellt per Sprechfunk.

Grin: Sie sitzen in der Falle, Herr Jonas, in der
Störfalle, wenn Sie uns das Wortspiel gestatten.

Justus: Rararambo Rararambo!

Jonas: Gut gebrüllt kleiner, hat nur leider kein
Zweck, weil nämlich gar keine Rambos da sind. Alle
in die Ewigen Jagdgründe eingegangen. Deine
Funkkommandos sind an der falschen Adresse
gelandet. Und jetzt ist Jonas dran mit ausspielen.
Jonas hat auch einen Trumpf im Ärmel, aber ein
höheren als Bio. Anna! Anna Conda!

Anna: Hände hoch. Du doch nicht, Jonas.

Jonas: Anna Conda war selig. Der Aktenkoffer war
zwar leer, aber sie hatte Frankenstein, und die
Aussicht auf ein gigantisches Lösegeld für Grin
und Roth. Außerdem hatten beide etwas Bargeld in
den Taschen.

Anna: 11000 12000 und ein bißchen Kleingeld willst
du nicht auch was Jonas.

Jonas: OK, 2 Tage Arbeit, Spesen, sagen wir 300
Euros.

Sam: Oh, Sankt Jonas, der korrekte Schutzpatron
aller Korinthenkacker.

Jonas: Noch ein Wort Sammy, und ich laß dich hier.

Anna: Bleib doch noch ein bißchen, Jonas, wir
machen ein Fest, einen großen Hexensabbat mit
Dakota und Frankenstein. Soll ich dir sagen, was
wir mit ihnen machen.

Jonas: Besser nicht, Anna, ich möchte heut Nacht
ruhig schlafen.

Anna: Eigentlich bist du ein ganz brauchbarer Typ,
Jonas, aber weich, viel zu weich.

Jonas: Da mochte sie recht haben. Zuhause wartete
Elmer, unten in der Eingangshalle. Ich sagte ihm,
Zora sei tot. Ermordet von Bio.

Elmer: Ich hab's ja gewußt, meine Zora. Anders
konnten sie sie gar nicht zum schweigen bringen,
weil sie so geradlinig war und so unbestechlich.

Jonas: Gradlinig wie ein Korkenzieher.
Unbestechlich wie ein Baustadtrat. Aber das sagte
ich nicht. Ich drehte mich um und stieg die Treppe
hoch. In den 16. Stock. Der Lift war kaputt, wie
meistens.

Sam: Ach ja, der Mensch vom Weibe geboren muß sich
abfinden mit den Unzulänglichkeiten seines Dasein,
er muß sich wie man so sagt, nach der Strecke
decken, nein in die Ecke drecken, eine Zecke
hecken.

Jonas: Nach der Decke strecken, Sammy.

Sam: Sag ich doch, du Kekskopf.

Das war Störfalle. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas spielte Bodo Primus,
sein Supercomputer Sam war Peer Augustinski. Frau
Prof. Grin: Ilse Zielstorff, Herr Prof. Roth:
Helmut Stange, Justus, ein Detektivlehrling: Rene
Heinersdorff, Anna Conda: Julia Fischer, Dakota:
Ronnie Jarnoth. Außerdem wirkten mit: Ingeborg
Schöner, Michael Lenz, Otto Stern und Jürgen
Rehmann (Ursula van der Wielen, Reiner Kositz).
Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Alexander
Malachovsky. Eine Produktion des Bayerischen
Rundfunks (1989). Redaktion: Erwin Weigel und
Christoph Lindenmeyer.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Eurodschungel

Jonas: Er fing schon mies an, dieser 3. Mai 2012.
Jacob hatte vor, seinen Schuppen umzutaufen. Nicht
mehr Casablanca sollte er heißen, sondern...

Jonas: Wie soll dein Schuppen jetzt heißen?

Jacob: Babylon. Cafe Babylon.

Jonas: Cafe? Du weißt doch gar nicht, was Cafe
ist, Jacob.

Jacob: Na und? Cafe hat was. Nostalgie. Klasse.

Jonas: Es gab immer noch den alten Synth-Whisky.
Mies und teuer. Es war immer noch das alte
Casablanca. Ich fühlte mich wie zu Hause. Müde und
mies.

Jacob: Ja? Ja, Moment. Für dich Jonas.

Jonas: Sie können eine Nachricht hinterlassen.
Sprechen Sie nach dem Pfeifton. Tüt. Oder pfeifen
Sie nach dem Sprechton, wie Sie wollen.

Toivonen: Jonas?

Jonas: Von mir aus können Sie auch summen oder
singen.

Toivonen: Sind Sie Jonas? Der Detektiv?

Jonas: Ich mußte es zugeben. Jonas. Nur Jonas. Der
letzte Detektiv. Der letzte vom Stamm der Marlowe,
Spade, Burma. Und der vielen anderen, die es auch
nie gegeben hat. Einzelkämpfer. Einsam und
ungebrochen. Der Typ, der für Sie die heißen
Kastanien aus dem Feuer holt, ohne Handschuhe, für
100 Euros pro Tag und Spesen und so weiter.
Manchmal komm ich mir richtig toll vor. Aber
meistens fühle ich mich mies.

Jonas: Jetzt wissen Sie’s. Und wer oder was sind
Sie?

Toivonen: Toivonen. Martta Toivonen. Sind Sie
frei?

Jonas: Wie ein Vogel.

Toivonen: Ich meine, wären Sie bereit und in der
Lage, einen Auftrag zu übernehmen?

Jonas: Ich könnte Sie gerade noch reinquetschen,
Frau Toivonen, worum geht’s?

Toivonen: Nicht übers Fon. Kommen Sie zu mir.

Jonas: Wann?

Toivonen: Am besten gleich.

Jonas: Wohin?

Toivonen: Rubinweg 17. Apartment G.

Jonas: Rubinweg. Sie wohnen im Golden Ghetto.

Toivonen: Im High Security Compound für
Spitzenkräfte. Ganz recht.

Jonas: Zugang nur mit Spezialpaßscheibe. Lassen
Sie eine für mich am Tor hinterlegen.

Toivonen: Ich denke nicht daran. Sehen Sie zu, wie
Sie mich erreichen. Wenn Sie der richtige Mann für
den Job sind, schaffen Sie es. Viel Glück.

Jonas: Gieß mir noch einen Plastikschnaps ein,
Jacob.

Jacob: Kannst du bezahlen?

Jonas: Kommt darauf an.

Jacob: Worauf?

Jonas: Ob ich einen Fall habe.

Jacob: Und? Hast du einen?

Jonas: Kommt darauf an.

Jacob: Worauf?

Jonas: Ob ich ins Golden Ghetto komme.

Jacob: Mit oder ohne Paß?

Jonas: Ohne.

Jacob: Vergiß es. Vergiß den Fall und vergiß die
Bestellung.

Jonas: Schreib an, Jacob.

Jacob: Seit Wochen schreib ich an für dich, Jonas.
Jetzt ist Schluß.

Jonas: Aber Jonas wollte gar keinen Fall. Jonas
wollte im Casablanca sitzen, trinken und sich mies
fühlen. Man ließ ihn nicht. Jacob drehte ihm den
Hahn zu. Und dann mischte sich auch noch Sam ein.

Sam: Sprung auf, Kamerad, marsch marsch aufs
Pferd. Wieher! Die Pflicht gebeut, der leere
Beutel schreit zum Himmel.

Jonas: Komm wieder runter, Sammy.

Jonas: Sam saß heute auf dem hohen Roß. Sam ist
mein Computer. Es gibt ihn zweimal, dick und fett
im Büro, klein und handlich in der Tasche. Sam
kann viel. Vor allem reden. Wie drei Dutzend
Staubsaugerverkäufer oder wie eine große
Bibliothek nach einem Wirbelsturm.
Überprogrammiert bis zum verbalen Dauerdurchfall.
Das ist Sam.

Sam: Sammy ist groß. Sammy ist mächtig.

Jonas: Wenn er auf den Stuhl steigt, 1 Meter 60.
Schluß mit der Blödelei. Jetzt wird gearbeitet.
Kategorischer Befehl.

Sam: Was steht zu Diensten, Sir, sagt’s mir an.

Jonas: Wie kommt Jonas ohne Paß ins Golden Ghetto?
Kurz und knapp, wenn ich bitten darf.

Sam: Wer wenn nicht ihr, mein Herr und Meister.

Jonas: Warum er Sam heißt, muß ich wohl nicht
erklären. Wer sich für Jonas interessiert, kennt
auch Casablanca, den alten Film meine ich, nicht
Jacobs Kneipe.

Sam: Der High Security Compound oder Golden
Ghetto, wie des Volkes Mund ihn so treffendtümlich
zu benamsen pflegt rühmt sich eines
hochentwickelten ultramodernen superkomplexen
elektronischen Schutz- und Sicherheitssystems vom
Typ ANK 2020

Jonas: ANK?

Sam: Absolut lamente nicht knackbar, geliebtester
Analphabet.

Jonas: Nicht knackbar, wirklich, auch nicht für
dich, Sam?

Sam: Gemach, Gevatter, ein System, welches sich
von Sam nicht penetrieren ließe, müßte noch
erfunden werden.

Jonas: Du kommst also rein.

Sam: Gewiß, Genosse, im Prinzipe.

Jonas: Was heißt das?

Sam: Sammy braucht dazu nur ein ganz klein wenig
Zeit.

Jonas: Wieviel?

Sam: Ach, ein Wöchlein nur.

Jonas: Eine Woche.

Sam: Naja, vielleicht auch zwei.

Jonas: Gestorben, Sammy, ich muß heute noch bei
dieser Toivonen antanzen.

Sam: Auch in diesem Falle, eure hektische
Betriebsnudeligkeit, hat Sam etwas anzubieten,
Sam, der Kluge, Sam, der Weise, der stets Rat
Wissende, der niemals um einen Ausweg...

Jonas: Is ja gut, Sammy, was schlägst du vor?

Sam: Jonas besorgt sich eine Paßscheibe.

Jonas: Einfach so?

Sam: Einfach so. Von der Zentralen
Sicherheitsverwaltung. Allwo eine gewisse
hochgestellte Amtsperson...

Jonas: Etwa Judith?

Sam: Ja.

Jonas: Nein.

Sam: Doch.

Jonas: Kommt nicht in Frage.

Sam: Da haben wir’s wieder, Damen und Herren,
hochgeschätztes Publikum, der Stolz erhebt sein
Haupt, in unlogische irrationale unsinnige,
zutiefst menschliche Eigenschaft. Ich frage Sie:
Kann man Stolz essen, kann man sich was dafür
kaufen?

Jonas: Sammy, es geht nicht.

Sam: Es muß gehen. Hör zu, du Schnarch, dein Konto
ist total ausgefüllt, nicht mal Jacobs miesen
Whisky kannst du dir leisten. Dein letzter Fall
war vor drei Monaten die Biogeschichte, und die
hat dir nur ein paar Pipperlinge eingebracht, du
brauchst den Auftrag, Mann, ja, nimm ihn, also
reiß dich zusammen.

Jonas: Judith. Judith Delgado. Wir hatten eine
wunderschöne Beziehung gehabt, bis zum Fall
Inselklau vor einen Jahr, da hatte sie mich
kaltschnäuzig ausgenutzt, um ihre Karriere zu
fördern, nicht zum letzten Mal, daß sie im
November 2011 Sicherheitsdirektorin geworden war,
verdankte sie Jonas, der hatte ihr ahnungslos den
Weg freigeschaufelt. Siehe Fall Schneewittchen.

Judith: Das hab ich dir nicht vergessen, Jonas, du
bist im Casablanca? Ich schicke Chefinspektor
Brock vorbei, mit einem Spezialpaß fürs Golden
Ghetto, und wenn du sonst noch was brauchst...

Jonas: Danke, ich bin wunschlos glücklich, Judith.

Judith: Wirklich? Ruf mich an, wenn dir was
einfällt. Ich schulde dir was, Jonas, nicht nur
wegen Schneewittchen und Inselklau. Machs gut,
Jonas.

Jonas: Zwei Stunden später. Weit im Westen von
Babylon. Wo Permaplestmauer und Plexikuppel über
dem Golden Ghetto in den grauen Himmel ragen. Hier
hausen die auserwählten in olympischer Ruhe. Unter
sich. Unbehelligt von den widerlichen Wucherungen
des 21. Jahrhunderts und von Menschen wie Jonas.
Wer ins Schlaraffenland wollte, mußte sich durch
Reisbrei fressen. Ins Golden Ghetto zu kommen, war
schwieriger. Man mußte durch die
Sicherheitsschleuse, vorbei an Holo-Augen und
Sensor-Fallen, an scharfen Robo-Dogs und noch
schärferen Robo-Wächtern. Hier halfen weder
Argumente noch Bitten, hier half nur eine kleine
grüne Silikonkarte. Der Spezialpaß.

Robo-Wächter: Danke. Paß gültig. Bitte rechts
herantreten.

Jonas: Wozu denn das?

Robo-Wächter: Eye-Scanning. Retinacheck. Eine
zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. Soeben
installiert. Bitte rechts herantreten.

Jonas: Hast du das gewußt, Sammy, daß die hier
Eye-Scanning haben. Wenn ich rechts rantrete und
in den Scanner gucke, dann stellt der doch sofort
fest, meine Netzhaut ist nicht gespeichert, er
schlägt Alarm, die Robo-Dogs kommen und machen
Hackfleisch aus Jonas.

Robo-Wächter: Bitte rechts herantreten. Kinn fest
auf Vorsprung pressen, Augen an die
Scanneröffnungen.

Jonas: Was soll ich tun, Sammy, gib mir einen Rat,
wozu hab ich dich denn.

Sam: Nur keine Panik auf der Titanic, Herr
Kapellmeister. Wie soll ein Computer in Ruhe
überlegen, wenn sein Mensch ihm ständig
dazwischenzetert. Na, wollen mal kücken. Der
Scanner hängt an einem eigenen geschlossenen
System. Ja, nicht allzu complicated. Da läßt sich
was machen. Alles klar auf der Andrea Doria.

Robo-Wächter: Rechts herantreten. Sofort rechts
herantreten!

Sam: Tu, was er sagt, der brave Robo-Wächter. Kein
Zaudern, kein Zagen, frisch auf, wohl an, ich bin
dein Mann.

Jonas: Kein Zagen, von wegen. Als der Scanner
meine Netzhaut abtastete, wartete ich mit weichen
Knien auf den Alarm, der nicht kam, statt dessen
ging die Schranke hoch. Jonas durfte ins gelobte
Land, ohne Probleme.

Jonas: Wie hast du das gedreht, Sammy?

Sam: Och, eine ganze klitze Kleinigkeit, du mein
zelebrales Softeis, nicht der Rede wert. Wie mein
Meister durchs Loch linste, hab ich das System
kurzfristig lahmgelegt.

Jonas: Wie, Sammy?

Sam: Na wie schon? Saft abgedreht, und dann gleich
wieder angedreht, und derweil dem Kleinen fix ein
falsches Memory verpaßt, in Folge welchen Tuns der
Scanner nun mehro der festen Überzeugung huldigt,
er habe die Netzhaut meines Herrn in Augenschein
genommen, sie überprüft und ihr spezifisches
Muster in seinem Speicher vorgegeben gefunden.
Resultat: Alles in Ordnung. Jonas kann passieren.
Ach, diese Zwergsysteme sind manchmal doch zu
blöd.

Jonas: Rubinweg 17, wir sind da.

Sam: Aha.

Jonas: Apartment G.

Sam: Gut.

Toivonen: Ja?

Jonas: Sicherheitsdienst. Wir haben eine
verdächtige Person aufgegriffen, an der Mauer, sie
will zu Ihnen, Frau Toivonen, sagt sie.

Toivonen: Jonas?

Jonas: Ja, so heißt der Mann.

Toivonen: Sie sind Jonas. Ich erkenne Ihre Stimme.
Sie haben es also geschafft.

Jonas: Wie Sie hören, Frau Toivonen.

Toivonen: Guter Mann. Warten Sie einen Moment, ich
komme runter. Wir müssen zurück nach Babylon.

Jonas: Nachdem ich mir die Beine ausgerissen habe,
um zu Ihnen ins Getto zu kommen?

Toivonen: So ist das Leben, Herr Jonas. Ich bin
gleich bei Ihnen.

Jonas: Zurück ging es schneller und bequemer. In
Frau Toivonens schwarzer Luxuslimousine. Unser
Ziel war das Zentrum, der Platz der immerwährenden
Hochkonjunktur, da lag die Bank, die Frau Toivonen
gehörte. Die Europäische Depot- und Investment-
Bank. Klein aber fein. Der begehbare Safe im
Keller war offen und leer.

Toivonen: Heute nacht ausgeräumt, Herr Jonas, bis
auf den letzten Euro.

Jonas: Und das trotz Ihrer spektakulären
Hardwareparade, Frau Toivonen.

Toivonen: Ja. Wir haben alles, was sich für gutes
Geld kaufen läßt, Herr Jonas. Bioschlösser,
Holocams, variable Sensoren.

Jonas: Kein Alarm heute Nacht.

Toivonen: Nein, Herr Jonas.

Jonas: Und keine Anzeichen von Gewaltanwendung.

Toivonen: Unser Sicherheitssystem muß ausgetrickst
worden sein, umgangen, manipuliert.

Jonas: Sieht ganz so aus. Hmh. Warum ich, Frau
Toivonen?

Toivonen: Bitte?

Jonas: Warum kommen Sie mit der Sache zu mir?
Warum nicht zur Kripo?

Toivonen: Weil ich Resultate will. Sie sind mir
empfohlen worden, Herr Jonas, von meinen
Bundesschwestern, Adamson, Vereinigte Kosmos, und
Waldorf, Multipharm, als unorthodox, eigenwillig
und erfolgreich. Sie werden feststellen, wer sich
an unseren Bareinlagen vergriffen hat, und was
viel wichtiger ist, Sie werden das Geld wieder zur
Stelle schaffen. Ehrlich sollen Sie ja auch sein.

Jonas: Wie viel Geld, Frau Toivonen?

Toivonen: 2 Millionen Euros, plus minus ein paar
Tausend. Aber deshalb brauchen Sie doch nicht
gleich in die Knie zu gehen, Herr Jonas, soviel
ist das nun auch wieder nicht.

Jonas: Jonas war nicht wegen der Summe auf Grund
gegangen. Jonas hatte was erspäht. Hinten an der
Wand. Unter der offenen Safetür. Ein kleines Stück
Papier. Circa 5 mal 5 Zentimeter. Unregelmäßig.
Zackig. Abgerissen. An einem Ende ein paar
Bleistiftstriche. Am anderen aufgedruckte
Buchstaben. O R R Y, darunter A P P.

Toivonen: Eine Spur?

Jonas: Möglich. Was hältst du davon, Sam?

Sam: Ein Stück Papier.

Jonas: Was du nicht sagst, Sammy.

Sam: Versehen mit Bleistiftaufzeichnungen.

Jonas: Toll. Jetzt weiß ich, warum Computer
Denkmaschinen heißen.

Sam: Hmh. Ergänzt man die Striche, für eine
Denkmaschine eine Lappalie, so ergibt sich eine
zwar grobe, jedoch in allen wesentlichen Punkten
korrekte Skizze von Schaltkreisen und Positionen
der hierorts installierten Sicherheitsanlagen. Die
Buchstaben hin wiederum lassen sich zwanglos und
folgerichtig zu folgendem Aufdruck
vervollständigen: Dont worry, be happy.

Jonas: Das war mal ein Hit, als ich noch klein
war.

Sam: Schon lange her. Ach ja, und was du nicht
sagst, hier und heute ist Dont worry be happy der
Name eines Stimshops im Wilden Südosten von
Babypsilon. Ohne Frage hundelt es sich bei
vorgelegtem Beweisstück um den Rest eines Blattes
von einem Block, welchen besagter Stimshop zu
Werbezwecken hat herstellen lassen. Auf diesem
Blatt, und damit komme ich zur Ente meiner
Ausführungen, hat der Bankräuber sachdienliche
Hinweise zur Durchführung seines lichtscheuen Tuns
notiert. Na, was sagst du jetzt, du Schrumpfkopf.
Hmh. Nichts? Hahaha. Dann sag ich’s für dich:
Niemand, aber auch gar niemand, käme auf die Idee,
einen Plattprägen wie dich als Denkmaschine zu
bezeichnen.

Toivonen: Sie lassen sich ja einiges bieten von
Ihrem Computer, Herr Jonas, meiner dürfte das
nicht.

Jonas: Sie haben ja auch keinen Sam, Frau
Toivonen.

Toivonen: Gott sei dank nicht.

Sam: Gott sei dank nicht. Gott sei dank nicht. He,
was ist jetzt, stehen wir hier rum und plauschen
oder arbeiten wir?

Jonas: Wer kennt Ihr Sicherheitssystem, Frau
Toivonen?

Toivonen: Die installierende Firma, ich natürlich.

Jonas: Sonst niemand?

Toivonen: Unsere zwei Großkunden, denen haben wir
die Anlage erklärt und vorgeführt. Damit sie sich
um ihr Geld keine Sorgen machen.
Bankerpsychologie.

Jonas: Ihre zwei Großkunden. Namen?

Toivonen: Dirty Dancing GmbH, eine Agentur, die
ältere Künstler an Seniorenclubs vermittelt,
Künstler, die das können, was vor einem viertel
Jahrhundert in war, Hip Hop, Rap, Scratch Rock und
Dirty Dancing natürlich.

Jonas: Und?

Toivonen: Und der Stimshop Dont worry be happy.

Jonas: Ach was.

Sam: Ach ja. Oho. Sieh an. So so. Dont worry, be
happy. Mein Pappi, Jaja.

Jonas: Bei den Unruhen von 1996 war aus dem
Büroviertel zwischen Südstadt, Reservat und
Bioland der wilde Südosten geworden. Eine bizarre
Landschaft aus Plastikresten und Betonruinen, aus
lecken Rohrleitungen, die im Nichts endeten, aus
verglühtem Asphalt und schwarzen Fensterhöhlen,
aus giftgrünen Wucherungen schleimiger
Schlingpflanzen. Ein Dschungel, der größte
Straßendschungel in den Vereinigten Staaten von
Europa. Bevölkert von Street-Gangs und Killer-
Kids, von Nachtmenschen und Neo-Samurais, von
Kannibalen und Mutanten, und von ein paar cleveren
Geschäftsleuten, die im gesetzlosen Niemandland
auf ihre Kosten kommen. Zum Beispiel mit dem
Stimshop Dont worry be happy. In den wilden
Südosten von Babylon kommt man leichter als ins
Golden Ghetto. Man braucht keine Paßscheibe. Man
braucht nur etwas Mut und feste Schuhe. In den
Südosten fährt keine Metro und kein Taxi. Ich ließ
mich absetzen so nahe wie möglich und wollte zu
Fuß weiter. Aber da gab’s Probleme. Drei Probleme.
Sie stiegen aus einem roten E-Mobil und bauten
sich vor mir auf.

Groucho: Du Jonas?

Jonas: Und wenn?

Groucho: Du nicht weiter.

Jonas: Sagt wer?

Groucho: Wir sagen. Du nicht weiter. Du zurück.

Jonas: Drei Superchimps, illegale Importe aus dem
Süden. Genmanipulierte Züchtungen. Bei meinen
mußte ein nostalgischer Witzbold am Werk gewesen
sein. Nummer eins hatte einen angemalten
Schnurrbart und eine kalte Zigarre zwischen den
Zähnen. Nummer zwei trug ein italienisches
Hütchen. Nummer drei grinste geil unter einer
wüsten roten Lockenperücke. Genau. Groucho, Chico
und Harpo, die legendären Marxbrothers. Aber wenn
Groucho das Maul aufmachte, war er nicht mehr
Groucho, Groucho, das verbale Maschinengewehr,
dann war er nur ein Superchimp, ein trauriger
Wechselbalg, dem man ein paar Worte beigebracht
hatte, und der Befehle ausführte. Bedingungslos.

Groucho: Du zurück.

Jonas: Oder?

Groucho: Wir machen kaputt. Schießen mit Laser.

Jonas: Superchimps Waffen zu geben ist verboten.
Weißt du das, alter Freund? Ihr seid überhaupt
verboten, ihr dürft in Babylon gar nicht
rumlaufen.

Groucho: Schluß. Du nicht reden. Du zurück. Nach
Hause. Marsch.

Jonas: Jonas marschierte zurück. Runde 100 Meter.
Dann bog er um eine Ecke. Die Chimps natürlich
hinterher. Das störte mich nicht. Ich wußte, wie
ich sie loswerden konnte. Und wo.

Sam: Altbabypsilon, Herr Denkmalspfleger.

Jonas: Altbabylon, Sammy, wir gehen durch die
Wand.

Sam: Aha, euer Ungenauigkeit meinen die
Holoprojektion der mittelalterlichen Stadtmauer?

Jonas: Was denn sonst, Sam, du machst ne
Stippvisite im Zentralrechner und suchst uns eine
gute Stelle zum Durchrutschen.

Sam: Ist geritzt, Kumpel, will sagen, wie ihr es
wünschet, Monsignore, also gescheh's.

Jonas: Altbabylon ist nicht wirklich alt. Die
Verwaltung hat es vor ein paar Jahren hochgezogen,
für Touristen aus Großjapan und Amerika. Ein
putziges Viertelchen, Fachwerk, Giebel,
Schornsteine, krumme Gassen, Kopfsteinpflaster und
eine Stadtmauer aus Feldsteinen, Pseudo-
natürlich, Plastik und Holo, rechnergesteuert. Der
Plan klappte wunderbar. Ich kroch durch die
Holomauer. Die Chimps kamen, stutzen, kratzten
sich die runden Schädel, und so standen sie
vermutlich immer noch, als Jonas schon längst im
wilden Südosten unterwegs war, Richtung Stimshop,
und sich dabei so seine Gedanken machte.

Jonas: Jemand hat was dagegen, daß ich mir diesen
Stimshop mal ankucke, warum.

Sam: Weil zu vermuten steht, o Sonne meiner Wonne,
daß dorten sich findet, was wir suchen. Der bzw.
die Bankräuber nebst den entwendeten Finanzen. Der
bzw. die Bankräuber hat bzw. haben die Europäische
Depot- und Investment-Bank nach seiner bzw. ihrer
Tat unter Beobachtung gehalten und sobald euer
Zielstrebigkeit die Biene betruten, Korrektur die
Bühne betraten...

Jonas: Hat bzw. haben er bzw. sie verflixt
jedenfalls haben sie mich verfolgt und abgefangen.
Wer, Sammy, wer steckt dahinter?

Sam: Tja, zwei Gegenfragen, Chef. Erstens: Wer ist
ganz groß im Stimshopgeschäft und zweitens wer
beschäftigt mit Vorliebe Superchimps als Gorillas.
Gut, was? Hehe. Hast du’s mitgekriegt, Mickerhirn,
Chimps als Gorillas, paradox, witzig, geistreich.
Genauso wie ich, hähähähäh.

Jonas: Du meinst die Korporation?

Jonas: Früher hieß so was Mafia. Heute sagen wir
die Korporation, oder die Firma, oder die
Organisation. Das organisierte Verbrechen.
Verbrechen als Großunternehmen. Drogen. Hirnstim.
Medien. Sex. Überall saß sie drin, die Korporation
und scheffelte Milliarden.

Sam: Millionen. Trilliarden.

Jonas: Und darum kann ich mir nicht vorstellen,
daß die große Korporation eine kleine Bank um
jämmerliche 2 Millionen Euros beklaut, und dann
soviel Wind macht, um Jonas an der Aufklärung zu
hindern. Da muß was anderes dahinter...

Groucho: Da, Jonas.

Sam: Kaptän Hornblower, Sir, melde gehorsamst,
drei Superchimps backbord voraus.

Groucho: Halt! Du stehen. Du warten.

Sam: Du nix können sprechen, du Pfeife.

Jonas: Jonas dachte nicht daran. Jonas rannte.
Über Stock und Stein. Vor allem Stein. Bis ich
fand, was ich brauchte. Vor einer Halde aus
Schlacke und verschmorten Metallteilen hatten ein
paar Amazulu in wilder Kriegsbemalung einen
einsamen Straßensamurai gestellt. Arme Amazulu.
Die Wetten der Zuschauer standen 5 zu 1 für den
Samurai. Ich schlug einen Haken, tauchte im Gewühl
unter und hängte die Superchimps ab. Dachte ich.

Jonas: So. Zurück zum Thema. Was hat die
Europäische Depot- und Investment-Bank mit der
Korporation zu tun, Sam.

Sam: Es steht geschrieben: ein Narr fragt mehr
denn zehn Weise zu beantworten vermögen.

Jonas: Ich hab dich was gefragt.

Sam: Hach, unzureichende Daten, du Träne.

Jonas: Bitte, dann eben anders. Du kommst zurück
in die Tasche.

Sam: Nein.

Jonas: Da gehst du in dich.

Sam: Nein.

Jonas: Und wenn du was entdeckt hast.

Sam: Nein. Nicht auf mich drauf.

Jonas: Ich hatte mir nur die Vorstellung ansehen
wollen, aber sie hatten mich in die Kanone
gesteckt und abgeschossen. Ich flog hoch über dem
Zirkus, über Babylon, hoch, immer höher, dann
machte ich einen Bogen und stürzte, tiefer,
tiefer, bis ich wieder bei mir war und die Augen
aufschlug. Ich lag unter einer Straßenleuchte, die
vor langer Zeit ein Riese zu einem Korkenzieher
verdreht hatte. Der Kopf tat mir weh.

Sam: Jaja, jaja. Die übliche Nachwirkung eines
Knockouters. Drei Tage Bettruhe. Absolute
Alkoholabstinenz.

Jonas: Halt den Schnabel, Sam.

Sam: Hab keinen.

Jonas: Halt ihn trotzdem. Was ist passiert?

Sam: Sam hält den Schnabel. Wie das Gesetz es
befielt.

Jonas: Du sollst antworten.

Sam: Sammy in Tasche, Mata, Sammy nix gesehen.

Jonas: Aber gehört wirst du doch wohl was haben.
Na?

Sam: E-Mobil.

Jonas: Rot vermutlich.

Sam: Knockouter.

Jonas: Da sagst du mir nichts neues, Sammy.

Sam: Schwere Tritte, sechs Füße.

Jonas: Die Superchimps.

Sam: Hin zu Jonas, Pause, wieder weg.

Jonas: So. Dann wollen wir mal nachsehen, was die
drei Brüder Jonas abgenommen haben.

Sam: Aua.

Jonas: Nanu?

Sam: Meinem über alle Maßen bedauernswerten, da
ausgeknockten und superchimplich manipuliertem
Herrn fehlt ihm wohl etwas von Wichtigkeit?

Jonas: Im Gegenteil, Sammy, sie haben mir nichts
geklaut, sie haben mir was zugesteckt. Zehn
Hundert-Euroscheine in Banderole.

Sam: Mit Stempel.

Jonas: Mit Stempel, Sammy.

Sam: Worauf steht: Europäische Depot- und
Investment-Bank, korrekt?

Jonas: Korrekt. Seltsam.

Sam: Nein, nur Sam. Komm, wirf ihn von dir, den
schnöden Mammon.

Jonas: Tausend Euros? Das schöne Geld.

Sam: Na, schmeiß weg, Döskopp. Zu spät. Och, da
sind sie schon wieder, unsere äffischen Verfolger.

Jonas: Und nicht nur die. Im Fenster des E-Mobils
erschien ein Kopf. Ein häßlicher Kopf. Aber
unbestreitbar menschlich. Zwei Marxbrothers
hielten Jonas fest. Der dritte apportierte dem
Kopf das Bündel Euroscheine.

Medusa: Ah, unser Geld. Das Korpus delicti, wie
die kriminologisch Gebildeten sagen, und der
Delinquent gleich dabei, wie überaus zuvorkommend.
Ich freue mich, Sie zu sehen.

Jonas: Die Freude ist ganz auf Ihrer Seite.

Medusa: Jonas, nur Jonas, Privatdetektiv und
Bankräuber.

Jonas: Und der Unhold, der Schulkindern das
Pausenbrot wegißt.

Medusa: Aber Herr Jonas, wo wir Sie doch mit dem
Beweis in der Hand gestellt haben, in flagrante
delicto, wie es heißt. Sie haben die Europäische
Depot- und Investment-Bank beraubt. Sie haben
unser Geld gestohlen. Was machen wir mit Ihnen,
Herr Jonas. Nehmen wir Sie mit ins
Generaldirektorium? Ich weiß nicht. Verhöre,
Diskussionen. Umständlich, Herr Jonas, und
unnötig. Wir sollten die unangenehme Affäre gleich
hier beenden. Auf der Stelle. Meine drei
Assistenten werden das gern übernehmen. Nicht
wahr, Groucho?

Groucho: Machen Jonas kaputt? O ja Boss!

Sam: Du Flöte, freue dich und frohlocke, Chef,
denn siehe, es naht die Rettung, haha, vom Himmel
hoch da komm ich her...

Jonas: Ein Helikopter fegte heran mit dem blauem
Emblem der Sicherheitsverwaltung, und mit
sensorgesteuerten Miniraketen. Die Superchimps
waren durchlöchert, ehe sie ihre Laser hochkriegen
konnten. Ihr Boss setzte sich ab. In seinem
gepanzerten Fahrzeug. Der Helikopter blieb kurz
über Jonas stehen. In der offenen Tür winkte
einer.

Brock: Klein und häßlich sehen Sie von hier oben
aus, Jonas. Bis zum nächsten Mal.

Jonas: Genau im rechten Moment. Zufall?

Sam: Daß Sam nicht kichert. Hähähäh.

Jonas: Hast du den Typ im E-Mobil erkannt, Sammy?

Sam: Natürr, Medua.

Jonas: Max Medusa, Finanzminister der Korporation,
ihr oberster Geldwäscher.

Sam: Hmh. Und wieder findet im großen
Detektivpuzzle ein wichtiges Stück seinen Platz.
Das der Bank entwendete Geld gehört der
Korporation, sie hat es dort deponiert, um es bei
nächster Gelegenheit zu waschen.

Jonas: OK, Sammy, aber wieso hält Medusa
ausgerechnet Jonas für den Bankräuber, und
wieviel...

Sam: Alarm! Rotes E-Mobil kommt zurückeldibums!

Jonas: Laß uns verschwinden, Sam.

Toivonen: Kann ich Ihnen einen Platz in meinem
Wagen anbieten, Herr Jonas?

Jonas: Frau Toivonen!

Toivonen: Kommen Sie, steigen Sie ein, oder trauen
Sie mir nicht?

Jonas: Ehrlich gesagt, nein.

Toivonen: Wollen Sie sich lieber mit Medusa
auseinander setzen?

Jonas: Das wollte Jonas nicht. Also stieg er ein.
Eine kurze Fahrt, ein paar Minuten um ein paar
Ecken. Dann hielten wir vor der ausgebrannten und
ausgeschlachteten Hülle eines Hochhauses.

Toivonen: Steigen Sie aus Herr Jonas. Sie tauchen
am besten hier unter und warten.

Jonas: Worauf, Frau Toivonen?

Toivonen: Daß es dunkel wird, Herr Jonas, daß Sie
weitermachen können. Sie haben doch ein Ziel.

Jonas: Sie meinen den Stimshop Dont worry be
happy?

Toivonen: Genau, Herr Jonas.

Jonas: Augenblick, Frau Toivonen, ich hab ein paar
Fragen.

Toivonen: Später, Herr Jonas.

Jonas: Das war nicht mein Tag. Ich zuckte die
Achseln und tat, was Frau Toivonen mir geraten
hatte. Wenn es eine Erklärung für das gab, was
heute hier ablief, dann würde ich sie im Stimshop
finden. In der Lobby des Hochhauses räumte ich mir
eine Ecke frei, setze mich hin und wartete. Meine
alte Smith & Wesson in Griffnähe. Der Himmel in
den Fenstern wurde dunkelgrau, dann schwarz.
Plötzlich hörte ich was. Schritte. Vorsichtige
Schritte. Sie kamen näher. Wer war das? Medusa und
seine Killer? Kannibalische Nachtmenschen auf der
Suche nach dem Abendessen?

Brock: Legen Sie den Revolver weg, Jonas, und
machen Sie sich nicht in die Hosen. Ich bin zwar
kein Fan von Ihnen, aber fressen will ich Sie
nicht, schon weil Sie mir nicht bekommen würden.

Jonas: Chefinspektor Brock von der
Sicherheitsverwaltung in einer neuen Rolle. Nicht
mehr als rettender Engel von oben. Diesmal als
Weihnachtsmann mit einem Sack voller Geschenke.

Brock: Da hätten wir erst mal einen Laserstrahler.
Neuestes Modell, noch gar nicht auf dem freien
Markt. Dann eine AIR-Transfo-Einheit in
Taschenformat.

Jonas: AIR für Anti-Infrarot. Die Einheit baut um
den Träger ein Feld auf, in dem Mikrosensoren
seine Körpertemperatur in die Temperatur der
Umgebung umwandeln und ihn so für Infrarotgeräte
unsichtbar machen. Hightech, unerschwinglich für
einen Privatdetektiv, aber sehr nützlich, wenn der
Privatdetektiv nachts in geheimer Mission
unterwegs ist.

Brock: Und damit Sie nicht nur nicht geschnappt
werden, sondern auch selber was schnappen können,
ein paar Infrarotgucker, alles aus dem Arsenal der
Sicherheitsverwaltung, mit schönen Grüßen von
Sicherheitsdirektorin Delgado. Jetzt sind Sie
beide quitt, soll ich Ihnen ausrichten.

Jonas: Sagen Sie mal, Brock, wie haben Sie mich
eigentlich aufgespürt?

Brock: Ich kenne Sie gut, Jonas, Sie sind stur und
lästig, eine echte Nervensäge, aber dämlich waren
Sie bisher nicht, das ist neu. Fragen Sie doch
Ihre elektronische Quasselstrippe. Wir sehen uns.

Jonas: Fürchte ich auch.

Sam: Quasselstrippe. Eine unverloste
Bodenschämtheit, Korrektur bodenlose
Unverschämtheit.

Jonas: Findest du, Sam?

Sam: Ja, finde ich. Preisfrage für geistig nicht
eben hochbemittelte Privatdetektive. Auf welche
Weise pflegt die Sicherheitsverwaltung Kontakt zu
einem ahnungslosen Individuum zu pflegen?

Jonas: Orter.

Sam: Beziehungsweise Mikrotransmitter. Sehr gut,
Schüler Jonas. Zuatzfrage. Welchen Gegenstand hat
unser kleiner Sonnenschein von der
Sicherheitsverwaltung erhalten?

Jonas: Die Paßscheibe fürs Golden Ghetto.

Sam: Yes.

Jonas: Weg damit, und da wir gerade dabei sind,
Sammy, sehen wir uns doch auch gleich mal die
schönen Sachen an, die uns der liebe Onkel Brock
mitgebracht hat. Na bitte, hier ist einer, an der
Infrarotbrille. Ex und hopp. Hätt ich wissen
müssen, Judith und ihr miesen Tricks.

Sam: Nicht allso eure hektische Voreiligkeit.
Vielleicht brauchen wir Sie noch einmal, die
Freunde und Helfer. Bedenke doch, wer es auf dich
abgesehen hat: Die Korporation.

Jonas: Die ist mir noch immer lieber als die
Sicherheitsverwaltung.

Sam: Ach, red kein Stahl. Die Bullen stecken dich
höchstens in den Knast, die Korporation steckt
dich in Beton, und da kannst du nicht drin wohnen,
und dann kippt Sie dich ins Nordmeer.

Jonas: Ein tröstlicher Gedanke. Ich nahm ihn mit
auf den Weg zum Stimshop Dont worry be happy.
Leicht gesagt und leicht zu finden. Jonas brauchte
nur den Kabelfreaks nachzugehen, den Hyppies mit
der Steckdose im Hinterkopf. Dahin, wo über
dunklen Ruinen bunte Lasergewitter tobten. Wo
Neonlichter in blasser Glut vor sich hinfroren,
und wo der Roboanimator pausenlos seinen Spruch in
die Nacht grölte.

Robo-Animator: Dont worry be happy...

Jonas: In der großen Halle hingen hunderte von
Hyppies am Draht und ließen ihr Lustzentrum
zappeln. Die Minute 10 Euros.

Sam: Hirnwichser, Kabelfixer.

Jonas: Großes Glück aus kleiner Dose. Nichts für
Jonas.

Anmacher: Sie suchen das Besondere, mein Herr, das
sehe ich ihnen an. Von Massenabfütterung halten
Sie nichts. Sie sind wer. Sie heben sich ab. Ich
sag Ihnen was: Gehen Sie nach rechts zum
Fahrstuhl, fahren Sie ins Untergeschoß, wo die
Supermindmaschinen stehen. Da können Sie sich voll
ausleben, mein Herr. Die gewagtesten Wünsche, die
geheimsten Träume werden wahr. Genuß ohne Reue,
mein Herr. Sie haben die Wahl zwischen mehr als 40
Programmen. Von 500 Euros aufwärts, nur Bargeld,
keine Karten. Wie ich Sie so einschätze, mein
Herr, Programm Casanova oder Dschingis Khan, wär
das nichts für Sie?

Jonas: Philip Marlowe, haben Sie das?

Anmacher: Nie gehört, mein Herr, tut mir leid. Ich
merk schon, Sie sind nur mit dem echt
ausgefallenen zufrieden. Wir hätten da
Sonderprogramme anzubieten, mein Herr, keine
Dutzendware, nicht ganz billig, aber exquisit.
Vollzugsbeamter im Frauengefängnis. Na?

Jonas: Schalt dich ab. Verschwinde.

Sam: Darf man euer momentan Abgelenkten daran
erinnern, daß wir uns nicht hier befinden, um
niederer Lust zu frönen, vielmehr...

Jonas: Ich weiß, Sammy, wir suchen was.
Bankräuber. Und ne Menge Geld.

Sam: Zuvorderst doch wohl Erleuchtung.

Jonas: Sehen wir uns mal auf der Rückseite um.

Jonas: Auf der Rückseite gab es eine kleine Tür.
Nicht verschlossen. Das hätte mich stutzig machen
sollen. Ich drückte sie auf und trat ein. Und dann
blieb ich stocksteif stehen. Nicht freiwillig. Ein
Neurofreezer hatte mich erwischt. Das Licht ging
an. Vor mir standen zwei Riesen in schwarzen
Kampfanzügen. Und Max Medusa.

Medusa: So sieht man sich wieder, Herr Jonas,
jetzt muß ich Sie also doch dem Generaldirektorium
vorführen. Schade. Ich hätte es uns und Ihnen gern
erspart. Cool, Easy, bringt ihn ins Sprechzimmer.

Jonas: Die Riesen nahmen dem starren Jonas Laser
und Revolver ab und schleppten ihn durch den Gang,
eine Wendeltreppe runter in einen weißgekachelten
Raum, der ein bißchen aussah wie das altmodische
Behandlungszimmer eines altmodischen Arztes. Und
der dazugehörige Onkel Doktor war auch da. Ein
kleiner Mann im weißen Kittel, kahl, mit goldener
Brille. Außerdem zwei, die dich kannte: Simon
Krapp und Lukrezia Carnevale, zwei führende
Mitglieder der Korporation.

Medusa: Das ist er.

Carnevale: Dieser Jonas?

Medusa: Jonas, nur Jonas.

Krapp: Der Mann, der unsere Bank ausgeräumt hat?

Medusa: Zusammen mit der Kollegin Toivonen.

Carnevale: Behaupten Sie, Medusa. Warum hätte sie
das tun sollen?

Medusa: Eine klassische Intrige, verehrte
Kollegin. Wir, das Generaldirektorium der
Korporation, sollten desinformiert werden,
destabilisiert und letztendlich exterminiert.
Kollegin Toivonen ist ehrgeizig. Sie will alles.
Die ganze Macht.

Carnevale: Beweise, Medusa.

Medusa: Ich habe sie beobachten lassen und daher
weiß ich, sie hat Jonas hier her geschickt, um
Unruhe zu stiften, Zwietracht zu schüren, den
Superchimps, die ich auf ihn angesetzt hatte,
konnte er entkommen, aber nun ist er uns direkt in
die Arme gelaufen in der typischen Verblendung des
Kleinkriminellen. Das hier hab ich ihm aus der
Tasche gezogen.

Krapp: Geld? Aus unserer Bank? Alles klar.

Carnevale: Das sind doch nur 1000 Euros, wo hat er
die restlichen Millionen?

Medusa. Fragen Sie nicht mich, verehrte Kollegin,
fragen Sie ihn.

Jonas: Jonas wurde gefragt. Jonas gab keine
Antwort. Nicht weil er nicht sprechen konnte. Der
Neurofreezereffekt war abgeklungen. Aber was hätte
er sagen sollen?

Krapp: Halten wir uns nicht auf mit dem Kerl. Cool
und Easy sollen ihn durch den Wolf drehen, bis er
was sagt.

Carnevale: Ich bin mehr für die gute alte
Elektroschockmethode. Er sieht aus, als ob er
einiges aushält. Was meinen Sie, Dr. Babinski?

Babinski: Sie wissen, ich habe in Ihrem Gremium
keine Stimme, meine Herrschaften, lediglich eine
beratende Funktion als Mediziner, bei, nun ja, bei
intensiven Verhören. Gestatten Sie mir dennoch
einen Vorschlag.

Krapp: OK, Doc, aber machen Sie es kurz, ja.

Babinski: Meine Herrschaften, in diesem unseren
Stimshop können wir, wie Ihnen bekannt ist, durch
direkte Hirnstimulation mittels unserer
Supermindmaschinen pansendorische Halluzinationen
erzeugen, die von realen Sinneswahrnehmungen nicht
zu unterscheiden sind, vor allem wenn die
Stimulations- und Rezeptionsakzeptanz unserer
Kunden durch die vorherige Verabreichung
halluzinogener Drogen gefördert wird, Drogen wie
Serotonin, Ditoxipholylethylamin.

Krapp: Kommen Sie zum Punkt, Doc.

Babinski: Sogleich, Herr Krapp. Sie kennen die
neueste Entwicklung auf diesem Sektor, unserer
erfolgreichen Sadomasoprogramme für eine exklusive
Minoritätenklientel.

Carnevale: Ich verstehe. Sie wollen Jonas an so
ein Programm anschließen.

Babinski: Ganz recht, Frau Carnevale. Strikt Maso
natürlich und unlimitiert. Schmerz, subtilster
Schmerz, ohne jene Terminierung, wie sie die
kommerzielle Ratio uns auferlegt. Ein
hochinteressantes Experiment.

Krapp: Experiment? Der Kerl soll reden!

Babinski: Der wird reden, Herr Krapp, das
versichere ich Ihnen, ich denke da an ein
historisches Programm, noch im
Entwicklungsstadium, Arbeitstitel: In den
Folterkellern der Inquisition.

Jonas: Ich trug einen arme Sünderkittel aus grober
Sackleinwand und lag auf einer harten Pritsche.
Meine Füße waren gefesselt, die Hände auch, über
dem Kopf. Fackeln in eisernen Haltern warfen
flackernde Schatten auf feuchtes Gestein, auf
Brandeisen, Ketten und Peitschen, auf den
halbnackten Herkules in roter Kapuze, der neben
mir hockte, ein hölzernes Speichenrad zwischen den
Fäusten, und auf den Inquisitor, ein kleiner Mann,
kahl, in weißer Kutte. Durch seine goldene Brille
sah er mich milde an.

Babinski: Nun, mein Sohn, bist du bereit,
abzulassen von sündigem Starrsinn und frevelhafter
Verstocktheit? Erleichtere deine Seele, gestehe,
verirrtes Lamm, gestehe, wo du sie versteckt hast,
die ketzerischen Pamphlete, die Teufelssalben für
den Hexensabbat. Du weigerst dich zu sprechen? So
werden wir denn deinen armen Leib peinigen müssen,
auf daß deine unsterbliche Seele gerettet werde.
Beginne, Bruder Dominiko, drehe dein Rad. Spürst
du es, spürst du, wie deine Muskeln sich dehnen,
deine Sehnen sich strecken, deine Haut sich bis
zum Zerreißen spannt? Gestehe! Gestehe!

Jonas: Nein! Ich weiß nichts!

Babinski: Halt inne, Bruder Dominiko. Kleine
Pause, Herr Jonas, wie fühlen Sie sich?

Jonas: Ich war nicht mehr im Keller der
Inquisition. Ich war wieder im Stimshop in der
engen Kabine, fest an den Sessel geschnallt. Dr.
Babinski nahm mir den Sensorhelm ab.

Babinski: Das war natürlich nur ein Vorgeschmack,
eine kurze Einstimmung, um ihre Reaktionen zu
testen. In etwa 10 Minuten, wenn das Serotonin
seinen vollen Wirkungsgrad erreicht hat, fahren
wir fort, und dann, Herr Jonas, machen wir Ernst
mit der peinlichen Befragung. Noch einmal
Streckbett, dann Daumenschrauben, Brannteisen, und
wenn Sie weiterhin hartnäckig sind, Herr Jonas,
dann gehen wir bis zum bitteren Ende, bis zum
Scheiterhaufen auf der Plaza del Sol.

Jonas: Sam? Bist du da, Sam?

Sam: Hmh. Zur Stelle, Chef, in eurer Tasche.

Jonas: Hast du mitgekriegt, was die mit mir
machen?

Sam: O ja Herr. Mit einer Träne im Knopfloch und
mit tiefer tiefer Betroffenheit.

Jonas: Dafür kann ich mir nichts kaufen, Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Hilf mir lieber. Kannst du dich nicht in
die Supermindmaschine einschleichen und das
Folterprogramm stoppen?

Sam: No, gewiß Sir, im Prinzipe, jedoch...

Jonas: Nicht in zehn Minuten. Ich weiß.

Sam: Naja, Nobody is perfect, hmh. Pst Pst! Man
kommt.

Medusa: Kein Laut, Jonas.

Jonas: Max Medusa. Allein. Gekommen, um Jonas zu
retten, sagte er, und er tat es auch. Er schnallte
mich los. Und dann ging er voran mit einer
Taschenlampe, einen langen Korridor entlang, bis
in einen staubigen Kellerraum. Hinter einem
Pfeiler blieb er stehen, vor einer rostigen
Eisentür.

Medusa: Mein ganz privater Notausgang. Wenn wir
ihn benutzen, dann stehen wir auf den Schienen der
Metro. Sehen Sie sich nicht so ängstlich um,
Jonas, seit 16 Jahren fährt hier kein Zug mehr.
Wir gehen nach rechts. Kommen Sie.

Jonas: Fünf Minuten Fußmarsch. Dann wurde es hell.
Eine Metrostation. Malachovksy-Platz. Das
Beleuchtungssystem funktionierte noch immer. Nach
16 Jahren. Unglaublich. Wir kletterten auf den
Bahnsteig. Medusa zog seinen Laserstrahler und
richtete ihn auf mich. Dabei sah er mich an, als
ob Detektive für ihn noch unter Computerviren
stünden. Gleich würde er sagen: Sie hätten sich
nicht in Dinge einmischen sollen...

Medusa: Sie hätten sich nicht in Dinge einmischen
sollen, die Sie nichts angehen, Jonas, das hab ich
versucht, Ihnen klarzumachen, durch meine
Superchimps, heute nachmittag, als Sie sich in den
Südosten aufmachten, aber Sie wollten ja nicht
hören.

Jonas: Und da hatten Sie eine Idee. Jonas ließ
sich ganz wunderbar als Sündenbock benutzen, als
Ablenkung, als Mittel zur Desinformation. Darum
haben Sie mir die 1000 Euros aus dem Bankraub
untergejubelt, für Sie kein Problem, denn das ist
ja wohl klar, die Euros in der Europäischen Depot-
und Investment-Bank, die haben Sie sich unter den
Nagel gerissen, Medusa, um Ihrer Kollegin und
Konkurrentin Toivonen was anzuhängen nehm ich an,
vielleicht brauchten Sie auch nur ein bißchen
Bargeld.

Medusa: Wer braucht das nicht. Sie sind wirklich
gut, Jonas, Sie haben den Fall gelöst. Nur schade,
daß Sie so gar nichts davon haben werden. Denn
jetzt, wo Sie alles wissen, ist Ihnen auch
bestimmt klar, weshalb ich Sie aus dem Stimshop
geholt und hierher gebracht habe.

Jonas: Sie konnten nicht zulassen, daß Jonas
weiter gefoltert wird, dann hätte sich nämlich
rausgestellt, Jonas weiß nichts, Jonas ist
unschuldig, und Ihre Konstruktion wäre
zusammengebrochen.

Medusa: Wo ich mir solche Mühe gegeben habe. Das
geht natürlich nicht, und deshalb muß ich Sie
jetzt umbringen... Was ist das?

Jonas: Hört sich an wie ein Zug.

Medusa: Unsinn, die Linie ist stillgelegt.

Jonas: Das hatte man dem Metrozug wohl nicht
gesagt. Er donnerte aus dem Tunnel, hielt, die
Türen gingen auf, ganze Horden von
Sicherheitsmenschen stürzten auf den Bahnsteig,
und griffen sich Medusa. So viel Kavallerie für
einen einzigen Indianer. Und zwei ganze Generäle
auch noch. Chefinspektor Brock und...

Jonas: Judith!

Judith: Wie du siehst, Jonas. Willst du dich nicht
bedanken, wir haben dir mal wieder das Leben
gerettet.

Brock: Was passiert mit Medusa, Frau Delgado,
nehmen wir ihn mit?

Judith: Wenn ich das wüßte.

Toivonen: Überlassen Sie ihn uns.

Jonas: Wir hatten Zaungäste. Durch ein Loch in der
Decke sahen sie uns zu. Toivonen, Krapp, Carnevale
und Dr. Babinski unseligen Angedenkens.

Toivonen: Wir haben ein paar Fragen an Medusa. Wo
unsere Euros sind, zum Beispiel. Und er wird es
uns verraten, oder was meinen Sie, Dr. Babinski?

Babinski: Davon bin ich überzeugt, Frau Toivonen.

Jonas: Ich auch. Verraten Sie mir was, Frau
Toivonen.

Toivonen: Wenn ich kann, Herr Jonas.

Jonas: Medusa wollte mich umbringen. Hätten Sie
ihn gehindert?

Toivonen: Wissen Sie, Herr Jonas, Sie sind nur ein
kleiner Bauer in einem großen Spiel. Ein Bauer ist
entbehrlich, sobald er seine Rolle gespielt hat.
Sie haben Ihre Rolle gut gespielt. Sie sind der
von mir gelegten Spur gewissenhaft gefolgt. Sie
haben Medusa aufgescheucht und nicht locker
gelassen. Ihre paar Euros haben Sie sich redlich
verdient. Ich lasse sie Ihnen überweisen.

Jonas: Von mir aus. Sag mal Judith, wie habt ihr
mich hier gefunden? Eure Orter habe ich doch
weggeschmissen.

Judith: Sam ist dafür eingesprungen. Seit
Schneewittchen, weißt du noch, Jonas, haben wir
eine besondere Beziehung, ich und Sammy.

Sam: Rein sexuell.

Jonas: Dein Glück, daß du keine Ohren hast Sam,
ich würde sie dir ja so langziehen.

Sam: Aua!

Jonas: Und was dich betriff, Judith, wir sind
quitt, ein für alle mal.

Judith: Nein, Jonas, jetzt bist du mir was
schuldig, und ich werde es einfordern, demnächst.
Bis bald, Jonas.

Brock: Ehe ich’s vergesse, Jonas, die Sachen, die
ich Ihnen vorhin gebracht habe, die rücken Sie mal
ganz schnell wieder raus.

Jonas: Die gehören mir. Die haben Sie mir
geschenkt.

Brock: Iwo. Nur geliehen. Die
Sicherheitsverwaltung hat nichts zu verschenken.
Kommen Sie schon rüber damit.

Jonas: Später. Im Casablanca. Jonas war wieder
flüssig. Jonas saß und trank. Und fühlte sich
mies.

Jonas: Na los, Sam, spiel es, spiel As time goes
by.

Sam: Wenn’s unbedingt sein muß, aber singen tu ich
nicht.

Jacob: Weißt du, Jonas, vielleicht tauf ich’s doch
um, das Casablanca. Relax oder Mind maschine.
Zeitgeist, Jonas, das ist es, Lifestyle.

Jonas: Was hab ich gesagt. Es war nicht mein Tag.

Das war Eurodschungel. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Elisabeth
Volkmann, Rainer Basedow, Jochen Busse und viele
andere (Cornelia Boje, Claudius Zimmermann, Alvin
Joachim Mayer, Roland Astor, Hans Stetter, Detlev
Kügow). Ton und Technik: Irene Thielmann und
Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz.
Regie: Werner Klein. (Eine Produktion des
Bayerischen Rundfunks) (1990). (Redaktion: Erwin
Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michel Koser
Heute: Eurobaby

Jonas: Bamballa. Kennen Sie Bamballa? Eine
Hafenstadt in Sahel, Nordost-Afrika. Trocken,
heiß, staubig, trübselig. Und über dem Ganzen ein
durchdringender Duft nach Kamelmist und
abgelatschten Sandalen.

Sam: Äh!

Jonas: Das letzte.

Sam: Ja, Gottes linke Achselhöhle. Das Loch gleich
neben der Hölle. Des Teufels fauler Stockzahn. Der
Arsch der Welt.

Jonas: Sam. Mein Computer und ständiger Begleiter.
Redet viel. Weiß alles.

Sam: Ja.

Jonas: Nur nicht, wie man aus diesem verfluchten
Nest rauskommt. Ich saß fest. Seit einer Woche.
Ich hatte einen Job in Merdistan gehabt. Das ist
der sympathische Staat im Orient, der seine Bürger
mit öffentlichen Massenfolterungen bei Laune hält.
Ich sollte ein Kind aus Merdistan holen für seine
Mutter in Babylon. Ihr merdistanischer Ex-Partner
hatte es entführt. Jonas sollte es
zurückentführen. Das ging schief. Jonas mußte ganz
schnell türmen. Über den Golf in einem
Fischerboot. Und jetzt saß er in Bamballa. Kein
Geld, keine Möglichkeit nach Hause zu kommen. Nach
Babylon der großen Stadt mitten in den Vereinigten
Staaten von Europa. Dachte ich. Aber da tauchte
plötzlich dieser Landsmann auf.

van Meeren: Wir sind doch Landsleute oder? Ich bin
sicher Sie kommen aus Europa.

Jonas: Babylon.

van Meeren: Hab ich doch sofort gesehen. Was
trinken Sie?

Jonas: Auf der Flasche steht Bier, schmecken tut's
wie Spülwasser.

van Meeren: Stern von Sahel. Selber schuld, wenn
Sie diesen einheimischen Shit bestellen. Wozu
bringen wir denn gute europäische Biere in dieses
gottverlassene Land. Pilsen München Dortmund
Bremen, das hört sich doch gleich ganz anders an.

Jonas: Kann ich mir nicht leisten.

van Meeren: Aber ich. Boy, zwei Becks, eiskalt und
ein bißchen chopchop. So muß man mit denen hier
umgehen. Faules Volk.

Jonas: Sie kennen sich aus.

van Meeren. Ja sicher. Bin ja nicht zum ersten Mal
hier in Sahel. Ach meine Karte bitte: Cornelis van
Meeren. Nennen Sie mich Conny.

Jonas: Muß ich? Was heißt Eurimex?

van Meeren: Kennen Sie nicht. Große europäische
Firma. Import Export. Wir kaufen verkaufen
vermitteln alles.

Jonas: Bier nach Sahel zum Beispiel.

van Meeren: Und sonst noch so einiges. Alles was
gut und teuer ist. Dafür kaufen wir hier Hirse,
für Genvieh in Europa.

Jonas: Gewaltige Fleischklumpen in Plastiktrögen
ohne Glieder, ohne Kopf, automatisch gewartet und
gefüttert. Mit Hirse aus Sahel und anderswo.

van Meeren: Und Holzschnitzereien, Masken,
Figuren, echte Volkskunst. Kommt fantastisch an in
Babylon. Boutiquen Galerien reißen sich um das
Zeug. Haben Sie unser Schiff im Hafen nicht
gesehen. Die Eurimex Queen. Gestern eingelaufen.
Mit Conny van Meeren unter anderem. Und wer sind
sie?

Jonas: Jonas.

van Meeren: Und weiter.

Jonas: Nur Jonas.

van Meeren: Interessant. Und was tun Sie?

Jonas: Sehen Sie doch, ich sitze in einer Kneipe
in Bamballa. Trinke einheimisches Bier und
überlege wie ich nach Babylon komme.

Jonas: Jonas hatte sagen können, ich bin Detektiv,
der letzte Detektiv in Babylon, in Afrika
vermutlich auch. Aber das sagte ich nicht. Ich
weiß nicht warum.

van Meeren: Abgebrannt.

Jonas: Zu meinem Vergnügen bin ich jedenfalls
nicht hier.

van Meeren: Aha. Sie machen den Eindruck als
könnten Sie Bodyguarden.

Jonas: Könnte ich. Fragt sich, ob ich will.

van Meeren: Haben Sie eine Wahl?

Jonas: Warum fragen Sie?

van Meeren: Weil wir einen brauchen, einen
Bodyguard.

Jonas: Sie? So sehen Sie nicht aus.

van Meeren: Die hohe Frau meine Chefin, Dr.
Pretorius, Besitzerin und Generaldirektorin von
Eurimex. Trauen Sie sich das zu, haben Sie
Erfahrung?

Jonas: Guerillakommando auf Feuerland.

van Meeren: Immerhin. Ist zwar schon ein paar
Jährchen her der antarktische Krieg, aber was
besseres als Sie werden wir in Bamballa kaum
auftreiben.

Jonas: Warum haben Sie sich keinen Bodyguard aus
Babylon mitgebracht?

van Meeren: Haben wir ja, aber der Blödmann konnte
nicht schwimmen. Heute morgen haben wir ihn tot
aus dem Hafen gefischt.

Jonas: Über Bord gefallen.

van Meeren: Muß wohl. Also wenn Sie wollen, Jonas.

Jonas: Vielleicht erzählen Sie mir erst mal worum
es genau geht. Was, wie lange und vor allem wie
viel.

van Meeren: Nur ein Aushilfsjob, für ein paar
Tage, solange wir in Sahel sind. Wir fliegen am,
welchen haben wir heute?

Jonas: Sam?

Sam: Mit dem Glockenschlag pardon, vielen tausend
mal pardon, mit dem Glockenschlag haben wir Boing,
den 12. Juli im mehr oder weniger segensreichen
Jahre des Heils oder falls gewünscht des Herrn
2012.

van Meeren: Am 15. fliegen wir zurück nach Babylon
per Rakete ab Kundu.

Jonas: Warum fahren Sie nicht mit Ihrem Frachter,
so wie Sie hergekommen sind.

van Meeren: Weil die Eurimex Queen schon
übermorgen segelt. Das geht bei uns ruckzuck,
wissen Sie, gestern abend angekommen, heute
entladen, morgen belanden, übermorgen früh
abfahrt. Und wir, Dr. Pretorius und ich bleiben
noch ein bißchen im Lande. Dr. Pretorius ist
nämlich Ehrengast des Präsidenten beim großen
Festakt übermorgen in Kundu. Haben Sie sicher
davon gehört. 50 Jahre Unabhängigkeit. Uhuru wie
sie hier sagen.

Jonas: Uhuru. Freiheit. Freiheit zu kaufen und
sich kaufen zu lassen. Hirse, die das Land
dringend selber braucht und Vergangenheit, Kultur,
Identität, gegen Importbier für die oberen 500,
gegen Drogen, Waffen, Holocorder. Es lebe der
Fortschritt. Es lebe die Freiheit.

van Meeren: Ihr Job sieht so aus, Jonas: Sie
kommen morgen mit nach Kundu, passen 3 Tage auf
Dr. Pretorius auf, und kriegen dafür 250 Euros und
ein Raketen-Ticket Kundu-Babylon. Einverstanden?

Jonas: Warum beschützen Sie nicht ihre Chefin Herr
van Meeren. Die Statur dafür hätten sie.

van Meeren: Besten dank, ich hab was anders zu
tun.

Jonas: Verraten sie's mir.

van Meeren: Ich bin der Privatsekretär der hohen
Frau. Betonung auf privat. Also was ist Jonas, ja
oder nein?

Jonas: Zwischen Bamballa und der Hauptstadt Kundu
liegen rund 400 Kilometer Wüste. Das störte uns
wenig. Die sahelische Armee hatte dem Ehrengast
ihres Präsidenten einen Transporthelikopter samt
Pilot zur Verfügung gestellt. Einen Sikorski
Ikarus. Viel zu groß für die paar Koffer und für 6
Passagiere. Auch wenn Dr. Pretorius darunter war,
die hohe Frau von Eurimex spitz und scharf innen
wie außen.

Dr. Pretorius: Das ist der Mann, den Sie uns
besorgt haben, Conny.

van Meeren: Ja, Chefin, Jonas, nur Jonas.

Dr. Pretorius: Interessiert mich nicht, wie er
heißt. Naja. Durchschnitt.

van Meeren: Die Auswahl war nicht gerade riesig,
Chefin. Ist ja nur für 3 Tage.

Dr. Pretorius: Er weiß, was er zu tun hat.

van Meeren: Im großen und ganzen Chefin, ja, das
heißt...

Jonas: Ich bin nicht stumm, Ihr Sekretär hat mich
als Bodyguard... sehe zu daß Ihnen nichts
passiert.

Dr. Pretorius: Sicher, aber in erster Linie passen
Sie auf Baby auf.

Jonas: Baby?

Dr. Pretorius: Dieser kleine Koffer. Sie lassen
ihn nicht aus den Augen.

Jonas: Schwer. Was ist da drin?

Dr. Pretorius: Mein Schmuck. Nicht daß Sie das was
anginge.

Jonas: Sie müssen sehr an Ihren Klunkern hängen,
Dr. Pretorius, wenn Sie eigens dafür einen
Bodyguard engagieren.

Dr. Pretorius: Sparen Sie sich die Kommentare,
dafür bezahl ich Sie nicht. Und steigen Sie
endlich ein.

Jonas: Die Frau, die schon im Helikopter saß, war
das ganze Gegenteil von Dr. Pretorius. Groß, jung,
weder scharf noch spitz. Der Hautfarbe nach hätte
sie eine Einheimische sein können. Aber die
Kleidung sagte Amerika. Vielleicht Washington.

Jonas: Wo kommen Sie denn her? Aus Washington.

Neon: Nicht ganz, New York. Neon heiß ich, ganz
einfach Neon.

Jonas: Nur Neon. Sind Sie Detektivin?

Neon: Wie kommen Sie da darauf. Ich schreibe.

Jonas: Für Holo?

Neon: Nein, Bücher.

Jonas: Kriminalromane.

Neon: Ist wohl eine fixe Idee von Ihnen. Ich
schreibe Reiseberichte mit Background: Politik,
Geschichte, Wirtschaft. Ich schicke ihn gern mal
ein Buch von mir, falls Sie lesen können.

Jonas: Nur großgedrucktes. Wie kommen Sie hierher.

Neon: Ich war oben an der Grenze im Kriegsgebiet.

Jonas: Krieg? Was für Krieg.

Neon: Sahel gegen Farasan. Die Schiffahrtsrechte
auf dem Grenzfluß Tschuba. Schon seit Jahrzehnten
schlagen sie sich darum. Wissen Sie denn das
nicht.

Jonas: Warum sollte ich, ich bin nur zufällig
hier. Und ich meinte eigentlich wie kommen Sie in
diesen Helikopter. Ich dachte er ist reserviert
für ihre Majestät Dr. Pretorius nebst Hofstaat.

Neon: Ich will mir die große Uhurufete in Kundu
ansehen. Und weil ich weder Lust noch Zeit habe,
in einem uralten Bus tagelang über Wüstenpisten zu
klappern, habe ich Dr. Pretorius um einen kleinen
Platz in ihrem großen Helikopter gebeten. Sehr
begeistert war sie aber sie sehen sie nimmt mich
mit. Was führt Sie nach Kundu.

Pilot: Anschnallen, wir starten.

Dr. Pretorius: Hey Sie Bodyguard, wie geht's Baby?

Jonas: Bestens. Ich sitz drauf.

Jonas: 6 Passagiere. Dr. Pretorius, Neon,
Privatsekretär van Meeren, Jonas. Und ein
schweigsames Pärchen, das ruhig in seiner Ecke
hockte. Geschäftsfreunde aus Kundu, sagte van
Meeren. Die Frau kam mir bekannt vor, ich mußte
sie schon mal gesehen haben. Wo wann? Es fiel mir
nicht ein, egal, dachte Jonas, da dachte er
falsch. Ich warf einen Blick durchs kleine
Bullauge, braun-gelb-rote Eintönigkeit bis zum
Horizont. Ich paßte auf Baby auf. Und ich
unterhielt mich mit Neon. Von ihr abgesehen ein
langweiliger Trip, dachte Jonas. Da dachte er
wieder falsch. Nach etwa einer Stunde Flug wurde
es interessant. Interessanter als mir lieb war.
Das Pärchen wachte auf, er ging zum Cockpit, sie
drehte sich uns zu. Beide hatten Laserstrahler in
den Händen.

Laila: Kein Laut, keine Bewegung. Bleiben Sie ganz
still sitzen.

Entführer: Wir ändern den Kurs. 200 Grad Südwest.

Pilot: Wieso. Kundu liegt doch im...

Entführer: Wir fliegen nicht nach Kundu, wir
fliegen nach Sokoto in Farasan. Geben Sie den
neuen Kurs ein. Los, oder. Gut so.

Dr. Pretorius. Wenn das ein Scherz sein soll,
Verehrteste.

Laila: Kein Scherz, Dr. Pretorius. Wir meinen es
ernst, verhalten Sie sich ruhig, tun Sie was wir
Ihnen sagen. Dann bleiben Sie am Leben,
vielleicht.

Jonas: Jetzt fiel es mir ein. In Kusbekistan hatte
ich sie gesehen, vor anderthalb Jahren, November
2010. Auf meiner orientalischen Todestour. Sie
gehörte zu den Leuten von Duna Khamal. Zur KBF,
zur Kusbekischen Befreiungsfront.

Neon: Daher unser neues Reiseziel. Farasan
unterstützt die KBF. Inoffiziell natürlich. In
Sokoto können sich die Entführer sicher fühlen.
Und in aller Ruhe verhandeln.

Jonas: Verhandeln, mit wem?

Neon: Das ist doch klar. Mit den Vereinigten
Staaten von Europa. Über einen Austausch: 3
europäische Geiseln

Jonas: Und eine Amerikanerin.

Neon: Die aus Versehen in die Geschichte geraten
ist.

Sam: Na und? Mitgeflogen reingezogen. Wir sitzen
alle in einem Boot, Schwester, wollte sagen in
einem Helikopter.

Jonas: Halt den Rand Sammy.

Sam: Weshalb so unwirsch du Knurrhahn, Sam hatte
lediglich das Bedürfnis sich wieder mal in
Erinnerung zu bringen, denn lange, allzu lange
schon mußte er der süßen Rede ganz entsagen, der
guten Rats.

Jonas: Geh mir nicht auf die Nerven, deine Zeit
kommt schon. Also 4 Geiseln, Neon, gegen wen oder
was?

Neon: Im Austausch gegen die KBF-Mitglieder, die
in europäischen Gefängnissen sitzen. Sie haben
aber auch gar keine Ahnung Jonas.

Sam: Richtig.

Jonas: Irrtum. Niemand wußte darüber besser
Bescheid als ich. Schließlich hatte Jonas
mitgeholfen Duna Khamal und ihr Kommando hinter
Gitter zu bringen. Unfreiwillig aber maßgeblich,
siehe Fall Inselklau. Den beiden Entführern war
das offenbar unbekannt, ein Glück, der Mann blieb
vorn beim Piloten, die Frau behielt die Passagiere
im Auge. Ab und zu fuchtelte sie mit ihrem Laser
herum. Sonst war sie eigentlich ganz friedlich.
Wir konnten uns unterhalten. Leise natürlich.

Neon: Nehmen wir an, ich kriege einen Herzanfall.

Jonas: Sehr gut, Neon, sie wird abgelenkt. Ich
nehme ihr den Laser weg, halte den Mann damit in
Schach... Wird schon gehen. Was meinst du Sam.

Sam: Frage zu vage. Sam ist ein Computer. Computer
meinen nicht.

Jonas: Jetzt muffelt er. Weil ich ihm vorhin übers
Maul gefahren bin. So ist er. Frage ich also
anders. Du hast gehört, was Neon und ich vorhaben,
Sam. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß
unsere Aktion klappt.

Sam: Piep. 1 zu 1, 2 zu 2, 3 zu 3, 4 zu 4, fifty
fifty.

Jonas: Fifty fifty, das reicht mir. Machen Sie
sich bereit Neon.

Dr. Pretorius: Augenblick mal Jonas, wollen Sie
etwa versuchen die Entführer zu überwältigen?

Jonas: Genau das, Dr. Pretorius.

Dr. Pretorius: Sind Sie verrückt?

Jonas: Im Gegenteil, ich bin Experte.

Dr. Pretorius: Kommt nicht in Frage, Sie arbeiten
für mich, Jonas, und ich verbiete es Ihnen,
kategorisch.

Jonas: Aber ich...

Dr. Pretorius: Kein aber. Schluß der Debatte.

Jonas: Seltsam.

Neon: Sehr seltsam.

Sam: Äußerst seltsam. Extraordinär. Exorbitant.
Exaltiert. Existentialistisch. Explosiv.
Extravaganz. Exzentrisch. Extremistisch.
Exzeptionell.

Jonas: Ex und hopp, der Flug ging weiter, Richtung
Sokoto in Farasan. Dachten wir. Im Helikopter
blieb es ruhig. Draußen nicht. Wind kam auf. Wir
wurden durchgerüttelt, immer stärker. Vor dem
Bullauge wirbelnde Muster aus Sand und Staub.
Sonst war nichts zu sehen. Dafür gab's was zu
hören. Eine Unterhaltung zwischen Dr. Pretorius
und ihrem Sekretär. Gedämpft und sehr interessant.

Dr. Pretorius: Ich dachte, die beiden sind von
sahelischen Geheimdienst als zusätzliche
Absicherung.

van Meeren: Dache ich auch, Chefin, so haben sie
sich vorgestellt. Irgendwas ist schiefgelaufen.

Dr. Pretorius: Das können Sie laut sagen, Conny.

van Meeren: Laut lieber nicht, sonst hören die
andern mit.

Dr. Pretorius: Mann Gott, nehmen Sie das doch
nicht wörtlich.

van Meeren: Ja schon komischer Zufall, daß die
gerade uns entführen.

Dr. Pretorius: Zufall, wenn Sie das glauben,
Conny, dann sind Sie noch blöder als ich Sie
bisher eingeschätzt habe.

van Meeren: Wenn ich so überlege, Chefin, Bißchen
merkwürdig ist es schon.

Dr. Pretorius: Bißchen merkwürdig, Sie sind blöde,
Sie sind wirklich blöd. Dieser Helikopter wird
entführt, dieser Helikopter mit seiner ganz
besonderen Fracht, und wohin, Conny, nach Farasan,
ausgerechnet.

van Meeren: Meinen Sie, die wissen, was wir bei
uns haben, Chefin?

Dr. Pretorius: Die Entführer, glaub ich nicht, die
zeigen überhaupt kein Interesse für Baby. Aber
Ihre Hintermänner in Farasan. Die sind genau im
Bilde. Sie wollen Baby für sich. Möchte nur
wissen, wer ihnen uns kleines Geheimnis verraten
hat.

van Meeren: Mein Gott Chefin, was machen wir bloß.

Dr. Pretorius: Abwarten Conny und keine Panik. Und
halten sie diesen Idioten zurück. Eine Schießerei
an Bord ist das letzte, was wir brauchen. Dann
geht alles hoch, Baby, wir, der Helikopter und
halb Sahel.

Jonas: Der Idiot war natürlich Jonas. Der Idiot
machte sich so seine Gedanken. Über Dr. Pretorius,
über Eurimex und über Baby, ganz besonders über
Baby. Bis mir plötzlich das Nachdenken verging.
Der Helikopter ging unvermittelt in eine Art
Sturzflug über, er sackte jäh ab, kurvte scharf
nach rechts, dann setzte er hart auf. Alles flog
durch die Kabine, Passagiere, Entführer und Baby.

Dr. Pretorius: Baby, wo ist Baby.

Jonas: Hier, Dr. Pretorius, ich hab den Koffer
fest im Griff.

Dr. Pretorius: Ist ihm auch nichts passiert.

Jonas: Sieht nicht so aus. Nur ne kleine Delle.

Neon: Sehen Sie nicht zum Cockpit, Jonas, der
Pilot macht seine Türe auf, ganz vorsichtig, jetzt
jetzt ist er draußen.

Entführer: Halt, stehenbleiben, ich schieße. Laß
die Geiseln nicht aus den Augen, Laila. Halt!

Laila: Klar.

Jonas: Der Entführer stand in der offenen Tür und
schoß auf den Piloten, der verschwand im
aufgewirbelten Staub. Ob er getroffen war, weiß
ich nicht. Der Entführer wurde getroffen. Das weiß
ich. Von einem Schuß, der draußen abgefeuert
wurde. Er sackte zusammen und blieb liegen. Was
war hier los. Und vor allem, wo waren wir.

Sam: Auf festem Boden, du intellektueller
Blechschaden. Terra firma, wie wir Lateiner sagen.

Jonas: Man sei gedankt Sam, ein höchst profunder
und hilfreicher Beitrag zur Klärung der Situation.
Daß wir gelandet sind weiß ich selbst, die Frage
ist wo.

Neon: In Farasan.

Jonas: Glauben Sie, Neon?

Neon: Wenn wir nur was sehen könnten. Die
Schatten, die Umrisse da draußen, sind das Häuser?
Ich weiß nicht. Hach, dieser schreckliche
Wirbelsturm.

Sam: Präzise Sandsturm oder Kamsin, wie dies
hierorts nicht eben unhäufige Naturphänomen von
den Einheimischen zu bezeichnet zu werden pflegt,
sofern es Sam verstattet ist die Diskussion durch
eine profunde Anmerkung aus dem Bereich der
meteorologischen wie auch der linguistischen
Wissenschaften anzureichen.

Jonas: Wenn das alles ist, was du beizutragen
hast, Sam.

Sam: Mitnichten, hohes Gericht, aller guten Dinge
sind drei. Kundu.

Jonas: Kundu?

Sam: Kundu.

Jonas: Und was heißt Kundu.

Sam: Nu was wird's schon heißen. Liebe Kinder,
formulieren wir es so, daß es auch diejenigen
unter euch verstehen, die mit einem Vakuum
zwischen ihren Horchlöffeln geschlagen sind. Wir
sind in Kundu. Kapito Kapitän. Unser Helikopter
ist in Kundu gelandet. Die Straße nebst genaue
Hausnummer anzugeben sieht Sam sich
bedauerlicherweise nicht in der Lage. Doch scheint
es sicher, daß wir uns auf militärischem Gelände
befinden.

Jonas: In Kundu.

Sam: Soll ich's auch noch buchstabieren, du
Schwachwitz.

Jonas: Wo wir sowieso hinwollten.

Neon: Aber der Pilot mußte doch den Kurscomputer
umprogrammieren auf Sokoto.

Sam: Durchaus korrekt, meine Gnädigste, was sich
jedoch dero Holdseligkeit Kenntnis entzieht, wie
auch der meines wie üblich vernagelten Meister,
der uns entführt habenden Herrschaften ist die
Tatsache, daß das Flugsystem dieses unseres
Transportmittels mit einem geheimen Zusatzprogramm
ausgestattet ist, für Notfälle wie Entführungen
und dergl. äh dergleichen. Durch einen simplen
Knopfdruck läßt besagtes Programm sich unauffällig
aktivieren, wodurch a sämtliche sonstigen Eingaben
als ungültig nicht befolgt werden b der alte Kurs
beibehalten wird nach gewissen Täuschungs- und
Ablenkungsmanövern als da wären
Geschwindigkeitsvarianten und Kurvenflüge.
Kurve... Wo war Sammy.

Jonas: Drittens. Durch das Notprogramm wird
drittens.

Sam: c durch das Notprogramm wird c ein
automatisches Ortungssignal abgegeben, so war das
sahelische Hauptquartier über unsere Situation
informiert, konnte den Flug des Helikopters
verfolgen.

Neon: Bis zu unserer unsanften Landung an einer
Stelle, wo das Empfangskomitee schon gewartet hat,
sehr plausibel, und woher weißt du das alles, Sam.

Sam: Ach Gottchen Gottchen Gnädigste, ein
vergleichsweise primitives System hat keine
Geheimnisse vor Sam dem Durchdringenden, dem
Scharfsinnigen, dem Allwissenden.

Jonas: Ich werd dich umbenennen in Sam den großen.

Sam: Hoffentlich.

Offizier: Achtung, hier spricht die Armee von
Sahel. Sie sind umstellt. Leisten Sie keinen
Widerstand. Ergeben Sie sich. Sie haben keine
Chance.

Laila: Ah ja. Halten Sie Abstand, kommen Sie nicht
näher, sonst schieße ich in den Treibstofftank.
Die Folgen können Sie sich ausmalen.

Jonas. Eine riesige Stichflamme.

Neon: Ruhe sanft für alle.

Sam: Amen.

Dr. Pretorius: Baby, mein Gott, alles nur das
nicht.

Offizier: Was verlangen Sie, nennen Sie Ihre
Forderungen.

Laila: Wir brauchen einen Arzt. Dringend. Und dann
Moment kann jemand von Ihnen diesen Helikopter
fliegen.

Sam: Ja ich.

Jonas: Ja. Jonas konnte, Jonas war sogar Experte
im Helikoptern. Aber Jonas wollte nicht. Auf
festem Boden fühlte ich mich zur Zeit sehr viel
sicherer. Also sagte ich nein. Wie Neon, wie Dr.
Pretorius, wie van Meeren.

Laila: Ein Arzt und ein Helikopterpilot. Beeilen
Sie sich.

Offizier: Geben Sie uns Zeit.

Laila: Gut, eine halbe Stunde, bis 17Uhr 40, dann
geht mein Laser los, in den Tank.

Jonas: Die Entführerin wirkte ruhig, entschlossen.
Die Mündung ihres Laserstrahles berührte den
Treibstofftank. Wir in der Maschine hatten vorerst
keine Chance was zu unternehmen. Warum hatte das
Militär draußen nicht versucht, den Helikopter zu
stürmen, gleich nach der harten Landung, das wäre
der richtige Zeitpunkt gewesen. Mir fielen meine
Gedanken von vorhin wieder ein. Jetzt teilte ich
sie mit Neon und mit Sam.

Sam: Die trauen sich nicht, die Helden.

Neon: Warum?

Jonas: Aus demselben Grund, warum Dr. Pretorius
verboten hat was gegen die Entführer was zu
unternehmen.

Neon: Baby.

Jonas: Ja, Baby, Baby darf nichts passieren, Baby
darf nicht in Gefahr kommen.

Neon: Offenbar ist Baby sehr wertvoll.

Jonas: Und explosiv. Wenn Baby explodiert, fliegt
halb Sahel in die Luft, hat Dr. Pretorius gesagt.

Neon: Eine Bombe, ein sehr wertvolle Bombe.

Jonas: Eurimex kauft, verkauft, vermittelt alles.

Neon: Auch wenn's nicht ganz astrein ist. Dafür
ist Eurimex bekannt. Und Sahel führt schon lange
einen Grenzkrieg mit Farasan, einen Krieg, den
keine Seite für sich entscheiden kann, weil beide
etwa gleich stark sind. Und gleich gut bewaffnet.

Jonas: Nehmen wir an, Sahel will den Krieg
beenden, siegreich natürlich, um den 50. Jahrestag
der Unabhängigkeit so richtig schön zu feiern, und
darum bestellt die Regierung von Sahel bei einer
skrupellosen europäischen Firma eine Waffe, eine
kriegsentscheidende Waffe, eine Waffe die der
Gegner Farasan nicht hat.

Neon: Und weil nach dem Völkerrecht und nach allen
internationalen Vereinbarungen gewisse Waffen auf
gar keinen Fall gehandelt werden dürfen und weil
die UN dieses Verbot mit strengsten Kontrollen
überwacht.

Jonas: Könnte Eurimex auf die Idee gekommen sein,
die Waffe durch die Hintertür nach Sahel zu
schmuggeln, im Handgepäck eines Ehrengastes, der
mit dem Fracht ein reist, über einen kleinen
Hafen, nicht gerade der übliche Weg.

Neon: Aber sicher.

Sam: Brava, Bravo, Bravissime, recht gefällig
kombiniert, für Menschen gar nicht mal so übelst,
nichts desto trotz und dessen ungesiebt Korrektur
ungeachtet, dies dürfte der Gnädigsten eben so
klar sein wie dem mich besitzenden Schrumpfkopf,
hundelt es sich nicht um wohlfundiertes Wissen,
vielmehr um Spekulation, um konjuntivistisches
Gerätsel. Was der kühnen Konstruktion fehlt ist
ein Beweis, ein haftfester faktischer Beweis.

Jonas: Sieh mal an, ein Beweis fehlt dem Herrn,
was soll ich denn da tun, den sogenannten
Schmuckkoffer aufmachen und nachsehen, was drin
ist.

Sam: Keinesfalls Sir, eine höchstgefährliche
Prozedur. Obendrein unnötig. Der Beweis ist da.

Jonas: Was? Wo?

Sam: In aller Bescheidenheit, hier in Sam. Es
zeigt sich nun, wie recht eure vorausschauende
Umsichtigkeit hatten, als sie angeregt durch Fall
Inselklau dero demütigen Diener auf dessen
inständiges Flehen mit der Installation eines
Radioaktivitätsfrüherkennungsprogramm auf Geiger-
Müller-Basis beschenkten.

Jonas: Radioaktivität.

Sam: In minimaler Quantität. Völlig gefahrlos. Aus
dem Koffer, der bei der Landung strukturell ein
ganz klein wenig lädiert wurde.

Neon: Alles klar, Baby ist eine Atombombe.

Dr. Pretorius: Bombe, ach du lieber Gott, ein
winziges Sprengköpfchen für eine Boden-
Bodenrakete. Kaum der Rede wert. Am besten
vergessen Sie's gleich wieder. Wir haben doch
schon genug auf dem Hals, Entführer, Sandsturm,
die sahelische Armee, warum wollen Sie sich zu
allem Überfluß auch noch mit internationalen
Problemen belasten.

van Meeren: Wie sagt ein babylonisches Sprichwort:
Was ich nicht weiß, macht mich nicht radioaktiv.

Dr. Pretorius: Sie halten das Maul, Conny, ich hab
nämlich nachgedacht, und mir ist was klar
geworden, Sie haben uns in diesen Schlammassel
gebracht, Conny, Ihnen verdanken wird, daß wir
hier sitzen in akuter Lebensgefahr und nicht
wissen wie's weitergeht.
van Meeren: Wie kommen Sie darauf, Chefin?

Dr. Pretorius: Nur drei Menschen wissen, daß Baby
von Europa nach Sahel transferiert wird und auf
welchem Weg. Ich natürlich, der Präsident von
Sahel Generalissimus Simba, und Sie, Conny van
Meeren. Mein Privatsekretär, meine rechte Hand.
Sie haben uns an Farasan verraten, darauf hat
Farasan die Kusbekische Befreiungsfront
mobilisiert und uns entführen lassen. Sie haben
die Entführer an Bord gebracht als angebliche
sahelische Geheimdienstleute und vorher haben sie
meinen Bodyguard beseitigt und einen neuen
engagiert, den sie für einen harmlosen Trottel
hielten. Mich freut nur eins, Conny, daß Sie jetzt
mit uns in der Scheiße sitzen.

Offizier: Achtung, wir schicken ihnen den
erbetenen Arzt. Geben sie ihm freies Geleit.

Jonas: Zeit für eine Zwischenbilanz. Die Saheli
waren blockiert, sie wußten, was wir bei uns
hatten und wollten es unbedingt haben, einen
Sturmangriff auf den Helikopter konnten sie nicht
riskieren. Wegfliegenlassen konnten sie ihn auch
nicht, weil dann die Farasani Baby kriegen würden.
Patt. Und wir saßen auch fest, weil Laila einen
Laser hatte, aber keine Piloten für den
Helikopter. Wieder Patt. Jonas konnte nur eins
tun, abwarten bis sich die Situation sich änderte,
durch einen neuen Faktor, z.B. durch der Arzt,
falls er ein Arzt war, auf jeden Fall sah er sich
den angeschossenen Entführer kurz an, in der
letzten halben Stunde hatte der sich verdächtig
ruhig verhalten.

Arzt: Seinetwegen haben Sie mich gerufen? Der
braucht keinen Arzt mehr.

Laila: Tot.

Arzt: So tot wie’s nur geht. Dr. Pretorius?

Dr. Pretorius: Ja bitte?

Arzt: Was ihre spezielle Fracht betrifft, Sie
können sich denken, daß Generalissimus Simba sehr
daran interessiert ist. Er wünscht zu erfahren...

Laila: Schluß, keine Unterhaltung mit den Geiseln.

Arzt: Ja aber ich wollte doch bloß...

Laila: Kein Wort mehr, raus, und sagen sie
Generalissimus Simba, wenn in 5 Minuten kein
Pilot...

Jonas: Zu spät, van Meeren, Madam war einen Moment
nicht konzentriert, das reichte. Jetzt hat Jonas
den Laser und wer den Laser hat, hat das Sagen.
Stellen sie sich drüben an die Wand. Alle. Sie
nicht Neon, Sie nehmen sich den Onkel Dr. vor.
Klopfen sie mal kräftig ab. Er hat so eine
interessante Ausbuchtung unter dem Kittel.

Jonas: Darunter war ein Knockouter. Gar nicht
schlecht. Jetzt hatte auch Neon was in der Hand.
Die einzige Person, der Jonas trauen konnte.

Dr. Pretorius: Wunderbar. Entführung beendet.
Alles in Butter, Guter Mann Jonas, Sie sind ihr
Geld wert, so, dann wollen wir mal aussteigen,
wird Zeit daß wir es uns ein bißchen bequemer
machen, ein anständiges Hotel, Klimaanlage, Füße
hoch, ein kaltes Bier auf den Schreck, hört sich
doch gut an. Wenn ich um Baby bitten dürfte.
Jonas.

Sam: Du wirst doch nicht, du Puddingkopf.

Jonas: Keine Angst, Sammy, da müßte ich ja vom
wilden Sandfloh gebissen sein.

Dr. Pretorius: Na los, Jonas Geben Sie mir den
Koffer.

Jonas: Ich denke nicht daran, Dr. Pretorius. Baby
bleibt bei mir. Vorläufig. Jonas hat was gegen
wandernde Atombomben. In Afrika und sonst wo. Und
dann gibt noch ein Grund. Einen triftigen Grund.
Ich würde dieses Abenteuer gern überleben. Ich
weiß was los ist, Neon weiß es und Sie Dr.
Pretorius wissen, daß wir es wissen.

Dr. Pretorius: Ach wissen Sie, Jonas, vergeben und
vergessen, das ist mein Motto.

Jonas: Rührend. Sie kommen in Teufels Küche, Dr.
Pretorius, wenn Ihr schmutziger Deal mit Sahel
bekannt wird. Sie haben gar keine Wahl. Sobald wir
den Helikopter verlassen, Neon und ich, werden wir
liquidiert.

Dr. Pretorius: Also, also sitzen wir wieder mal
fest, irgendwie müssen wir doch zu einem Ende
kommen, Sie führen jetzt das große Wort, Jonas
schlagen Sie was vor.

Jonas: Als erstes werden wir Ballast abwerfen.
Doktor, Leila, nehmen Sie den Toten, schaffen Sie
ihn raus, und bleiben Sie draußen. Machen Sie die
Tür auf, Neon, vorsichtig. Und Doktor, richten Sie
Generalismus Simba von mir aus, für ihn hat sich
nichts geändert. Er soll seine Leute zurückhalten,
sonst geht der Helikopter hoch mitsamt der
speziellen Fracht, für die er sich so
interessiert. Mit großem Getöse und
weltpolitischen Komplikationen. Sagen Sie ihm das,
Doktor, mit freundlichen Grüßen von Jonas. Nur
Jonas.

Jonas: Allmählich reichte es mir. Jonas hatte
keine Lust noch länger festzusitzen: Außerdem
wurde es wirklich Zeit, über die Sache mal
gründlich nachzudenken. Hier ging das nicht, zu
laut, zu unruhig, zu viele Soldaten. Ein
Ortswechsel war angesagt.

Neon: Ganz meine Meinung Jonas, leider unmöglich.

Jonas: Wer sagt das, wozu haben sie ein
Helikopter.

Neon: Können Sie das Ding denn fliegen, Jonas.

Dr. Pretorius: Versuchen Sie's. Generalismus Simba
wird Sie abschießen.

van Meeren: Uns mit, Chefin, vergessen Sie das
nicht.

Dr. Pretorius: Mit Ihnen rede ich nicht mehr,
Conny.

Jonas: Abschießen glaub ich nicht, solange Baby an
Bord ist, sind wir sicher, was Sam.

Sam: Bombensicher, so sicher wie in Abrahams
Schoß, Herr Oberrabbiner. Wie in Moses
Hosentasche. In Noahs Schürzenzipfel. Man könnte
auch sagen.

Jonas: Man könnte auch still sein und was tun zur
Abwechslung.

Sam: Bitte, bitte, was befielt mein Gebieter und
Gebieter.

Jonas: Setzt die komplette Elektronik im Cockpit
außer Gefecht. Automatische Steuerung, Radar,
Kurscomputer und was sonst noch da ist.

Sam: Eure unüberbietbare Selbstüberschätzung hegen
doch nicht die Absicht, den Helikopter mit eigener
bloßer Hand splitterfasernackt zu fliegen, a
Korrektur den Helikopter mit eigener bloßer
splitterfasernackter Hand zu fliegen.

Jonas: Das ist der Plan, Sammy.

Sam: Ooo, wenn das nur gutgeht.

Jonas: Laß das meine Sorge sein, und tu was ich
dir gesagt habe. Mach die Elektronik kaputt.

Sam: So richtig mit Schmackes und Puff und Knall
und Bumms.

Jonas: Wenn's dir Spaß macht, Sammy.

Sam: Und wie Pappi. So und so. Befehl ausgeführt,
Herr Staffelkommandeur.

Jonas: Sehr gut, Gefreiter Sam.

Sam: Gefreiter? Wenn Jonas Staffelkommandeur ist,
dann ist Sam mindestens Luftmarschall oder
Generalissimus.

Jonas: Apropos. Wenn ich voll in den Sandsturm
starte, kriegen Simba und seine Krieger das erst
mit, wenn wir schon weg sind.

Sam: Dein Wort in Gottes Ohr. Na ja gut also in
Gottes Ohr. Radar?

Jonas: Die haben nicht gerade das allerneueste. In
Bamballa hab ich's mir angesehen. Kein Problem.
Den Radar tricksen wir aus, wir fliegen unten
durch, so niedrig wie’s geht.

Neon: Bei einer Sicht von maximal 10 Metern.
Riskant.

Jonas: Die Alternative wäre hier stehen zu bleiben
und zu warten bis sie uns einkassieren. Auf
geht's.

Sam: Holloridiö. Horrido. Mast und Schotbruch. Und
immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Das
heißt O2 oder auch gymnastisch Luft.

Jonas: Wie die wilde Jagd fegten wir durch die
aufgewirbelten Sandsäulen, vorbei an Giebeln,
Masten und Türmen, rechts, links, dann immer
gerade aus. Der Sturm nahm ab, ich konnte was
sehen. Wüste. Nichts als Wüste. Keine Verfolger.
Soweit so gut.

Dr. Pretorius: Gut, gar nicht gut, Jonas, was
haben Sie denn gewonnen durch Ihre unüberlegte
Flucht. Sie werden nicht weit kommen, glauben Sie
mir. Die Saheli werden Ihnen keine Ruhe lassen,
sie werden Sie jagen.

Jonas: Sam?

Sam: Dein Sklave windet sich im Staube, erhabene
Herrscher.

Jonas: Lagebericht, wie sieht's aus.

Sam: Bescheiden Meister. Generalalarm für alle
sahelischen Streitkräfte. Luftwaffe Panzer Marine
Raketentruppe... Befehl ausschwärmen, Helikopter
SHSI 19 orten.

Jonas: Und haben sie uns geortet.

Sam: Sie suchen hier, sie suchen dort, an diesem
und an jenem Ort, im Wüstensand im Himmelslicht,
gefunden hab'n sie uns noch nicht.

Dr. Pretorius: Nur eine Frage der Zeit, Jonas, ich
kenne Generalissimus Simba, der läßt nicht locker,
bis er Sie erwischt hat, und dann geht’s Ihnen
schlecht. Ich geb Ihnen einen guten Rat. Stellen
Sie sich freiwillig, überlassen Sie Baby dem
Generalissimus, dann wird Ihnen nichts geschehen.

Sam: Ganz, ganz großer Pfadfinderehrenwort.

Dr. Pretorius: Im Gegenteil, Jonas Sie werden eine
Belohnung bekommen, eine hohe Belohnung, 5000 ah
10.000 Euros, Sie werden reich, Jonas.

van Meeren: 10.000 Euros lächerlich. In Farasan
kriegen Sie mehr, Jonas, viel, viel mehr. Das
garantier ich Ihnen. Hören Sie nicht auf Dr.
Pretorius, die verspricht alles und hält nichts,
fliegen Sie über die Grenze, die Farasanie werden
sie mit offenen Armen empfangen. Was wünschen Sie
sich, eine Villa, einen Harem, eine Million auf
Schweizer Konten.

Dr. Pretorius: Warum nicht gleich eine Milliarde.
Sie lügen doch, wenn Sie das Maul aufmachen,
Conny.

van Meeren: Ich dachte, Sie reden nicht mehr mit
mir, Chefin.

Dr. Pretorius: Ich rede auch nicht mit Ihnen,
Conny, ich sag Ihnen nur was ich von Ihnen halte.
Erst haben Sie mich verkauft und jetzt wollen Sie
auch noch Jonas verkaufen. Glauben Sie ihm nicht,
Jonas, fliegen Sie nach Kundu zurück.

van Meeren: Nach Farasan, Jonas, fliegen Sie nach
rechts. Rechts.

Jonas: Und so weiter. Das Gezeter fing an mir auf
die Nerven zu gehen. Vor uns am Horizont eine
Steinwüste, kein Mensch, keine Pflanze, kein
Wasser, nur Felsen und Sand. Ich landete kurz und
schmiß die beiden raus. Vielleicht hätte ich das
schon in Kundu tun sollen. Aber hier hatten sie es
schwerer. Strafe muß sein. Als ich abhob prügelten
sie aufeinander ein. Angenehmen Aufenthalt.

Sam: Ah endlich allein.

Jonas: Allein? Neon und Jonas.

Sam: Und der liebe gute Sam. Anrührend. Eine
rechte echte Familie. Vater Mutter Kind.

Neon: Nicht zu vergessen Baby.

Sam: Und hier meine Damen und Herren Abgeordneten
steht das gewichtige Problem mitten im Raume,
erhebt die große Frage ihr brennendes Haupt, was
tun was tun mit Baby.

Jonas: Am liebsten Klappe auf und raus, wie Dr.
Pretorius und van Meeren, aber das ist nicht drin.

Neon: Im Sand eingraben oder in den Bergen
verstecken.

Jonas: Alles viel zu unsicher. Es geht ja nicht
nur darum, Baby los zuwerden, das ist nicht
schwer.

Neon: Wir müssen auch verhindern, daß die Bombe in
falsche Hände kommt.

Jonas: Und wir müssen uns absichern, zusehen daß
wir heil aus der Geschichte rauskommen, das heißt
erst mal aus Sahel.

Sam: Schwierig eure Tüdeligkeit. Wie das jetzt
aussieht sitzen wir voll in der Falle. Die Grenze
ist dicht. Der Luftraum drüber auch. Flak,
Raketen, Jägerpatrouillen. All über all auf den
Tannenspitzen. Falle zu Ratte tot.

Jonas: Soweit sind wir noch nicht, Sammy, es wird
uns schon was einfallen.

Sam: Ja, dann sollten wir uns aber beeilen, Herr
Hilfsnachtwächter. Denn siehe es will Abend werden
und der Tag hat sich geneiget.

Jonas: Jonas flog weiter und dachte nach. Neon
dachte auch nach und Sam sowieso. Mir fiel nichts
ein, dafür fiel mir was auf. Unten auf dem
Erdboden: ein unendlich langer Strich in der
Landschaft. Ich ging tiefer.

Neon: Das ist die Piste, die Straße durch die
Wüste von Kundu nach Bamballa.

Sam: Bzw. von Bamballa nach Kundu. Immer präzis
gell.

Neon: Ein Lastzug.

Jonas: Der steht.

Sam: Der auch?

Neon: Der Fahrer hat wohl gehalten, um den
Sandsturm abzuwarten.

Jonas: Jetzt schläft er im Führerhaus.

Neon: Container hat er geladen für Bamballa.

Jonas: Ich hab ne Idee.

Neon: Ich auch Jonas.

Sam: Und Sam schon lange.

Jonas: 12 Stunden später. Vormittag. In Kundu ging
es los das große Fest, 50 Jahre Uhuru 1962-2012.
Menschen über Menschen auf dem riesigen Areal vor
dem Nationalpalast. Fahnen, Spruchbänder,
pflichtschuldiger Jubel für die großen Führer des
sahelischen Volkes. Generalissimus Simba, der
winkte huldvoll vom Balkon. Ein Brummen in der
Ferne, es kam näher, wurde lauter. Ein Helikopter
SHSE19. Das stand groß und weiß auf der
Unterseite. Darüber das Emblem der sahelischen
Armee: schwarzer Elefant unter grüner Palme auf
gelbem Grund. Der Helikoper drehe eine Runde und
schwebte dann über dem Nationalpalast. Neon und
Jonas nickten sich zu. Ein bißchen nervös aber
entschlossen das Spiel zu Ende zu spielen: Sam
machte uns eine Sprechfunkverbindung mit dem
Generalismus.

Simba: Ich weiß wer Sie sind, Jonas, Sie haben
Baby, Baby gehört mir. Ich hab dafür bezahlt, viel
Geld. Kommen Sie runter, ich will mein Eigentum.

Jonas: Sichern Sie uns freien Abzug ins Ausland
zu, Generalissimus.

Simba: Was Sie wollen, auf der Stelle, kommen Sie,
kommen Sie, bringen Sie mir mein Baby.

Jonas: Nicht so schnell, wir verlangen Garantien.

Simba: Von mir aus, ich verspreche alles.

Jonas: Steigen Sie zu, Generalismus.

Simba: Was?

Jonas: Kommen Sie zu uns in den Helikopter. Wir
lassen ihnen eine Strickleiter runter. Dann können
wir reden.

Simba: Kommt nicht in Frage. Wozu? Reden können
wir auch so. Sie kommen zu mir. Landen Sie sofort,
sonst laß ich Sie abschießen.

Jonas: Das liegt bei Ihnen, Generalismus, wenn sie
Ihr großes Fest unbedingt mit einem atomaren
Feuerwerk abschließen wollen.

Simba: Also gut, schieß ich Sie nicht ab, aber in
den Helikopter komme ich nicht.

Jonas: Ich muß darauf bestehen, Generalissimus.

Simba: Sie können mich nicht zwingen.

Jonas: Wollen wir wetten. Wenn ich den Helikopter
auf Ihren Nationalpalast fallen lasse.

Simba: Dann sind Sie tot, Jonas.

Jonas: Sie aber auch, Generalissimus, und ihr
jubelndes Volk, der Palast ist kaputt, ganz Kundu
ist kaputt, von Sahel bleibt nicht viel übrig.

Simba: Lassen Sie die Leiter runter.

Jonas: Wir ließen die Strickleiter runter, und
dann hievten wir sie hoch mitsamt dem
Generalissimus. Keine leichte Arbeit. Exzellenz
hatten erhebliches Übergewicht.

Simba: Hier bin ich.

Neon: Wissen Sie, Jonas, wie die Saheli ihren
Präsidenten nennen, nicht Simba, Löwe, Combe, das
heißt Bier.

Jonas: Ich bin sicher er trink nur Import, kein
Stern von Sahel. So, Tür zu, Neon.

Neon: Wird gemacht.

Jonas: Schnallen Sie sich an, Generalissimus.

Simba: Was soll das. Halt, bleiben Sie, das ist
nicht vorgesehen.

Jonas: Von uns schon, Generalissimus.

Simba: Wo fliegen wir hin.

Neon: Zur Grenze, Generalissimus. Sie werden ihre
Truppen anweisen, den Helikopter passieren zu
lassen.

Simba: Ja das hätten Sie gern. Warum sollte ich.

Jonas: Weil Sie noch eine zeitlang Bier trinken
möchten.

Neon: Außerdem wollen Sie was von uns.

Simba: Baby, wo is baby.

Jonas: Nicht an Bord, Generalissimus.

Simba: Sie haben mich angelogen.

Jonas: Nicht doch Generalissimus.

Neon: Wir haben nicht behauptet, daß wir Baby noch
bei uns haben.

Simba: Versteckt haben Sie Baby, wo?

Jonas: In Sahel.

Simba: Natürlich in Sahel. Über die Grenze wären
Sie nicht gekommen. Wo in Sahel.

Neon: Das verraten wir Ihnen, wenn wir die Grenze
hinter uns haben.

Simba: Kann ich mich darauf verlassen.

Jonas: Sie können.

Neon: Unser Ehrenwort, Generalissimus.

Jonas: Wir kamen sicher über die Grenze. Nicht die
Grenze zu Farasan. Da wären wir vom Regen in die
Traufe geraten. Die Grenze zu Solaria, ein Staat,
der mit Sahel und Farasan wenig am Hut hat, um so
mehr mit Europa, weil von da viele Touristen nach
Solaria kommen, um sich an den berühmten weißen
Strand zu legen, unter die berühmten grünen
Palmen. Außerdem hat die
Atomwaffenkontrollkommission der UN ein Büro in
Solaria.

Simba: Ihr Ehrenwort, Sie haben mir Ihr Ehrewort
gegeben.

Neon: Und das halten wir auch.

Simba: Dann sagen Sie mir wo Baby steckt.

Jonas: Mit Vergnügen, Generalissimus, und nicht
nur Ihnen. Sam?

Sam: Kann es denn war sein, wirklich wahrhaftig
wahr, Sam wird wieder gebraucht. Hallejula.
Halleluja. Lobe den Herr.

Jonas: Dein Herrn loben kannst du später, Sam.
Jetzt mach mir eine Verbindung nach Solaria zur
UN.

Sam: Jawohl Herr Cheftelegraphist. Zack Zack.
Verbindung steht.

Jonas: Folgende Mitteilung: Achtung. Frachter
Eurimex-Queen heute morgen in Bamballa
ausgelaufen, Ziel Babelshaven, Europa, an Bord
Atomsprengkopf, der illegal in Sahel eingeführt
wurde. Sprengkopf befindet sich in Koffer, Koffer
befindet sich in Container E4, Inhalt sahelische
Holzschnitzereien, empfehle Sofortmaßnahmen,
Frachter stoppen, entern, Sprengkopf
sicherstellen. Stop.

Sam: Stop. Mitteilung unterwegs.

Simba: Sie... reingelegt haben Sie mich, ich werde
Sie...

Neon: Sie werden ganz friedlich sitzen bleiben,
sonst geht mein Knockouter los.

Simba: In Sahel haben Sie gesagt, in Sahel haben
Sie Baby versteckt.

Neon: Jawohl das haben wir. Direkt an der Piste
Kundu-Bamballa. Gestern abend in einem Lastzug,
genauer gesagt in einem Container auf dem Lastzug.

Jonas: Eurimex Queen E4 stand auf dem Container.
Und das brachte uns auf die Idee. Jonas landete
den Helikopter in einiger Entfernung, wir
schlichen uns an, Neon und ich, machten vorsichtig
den Container auf, packten Baby zwischen die
Volkskunst, machten den Container wieder zu, dann
weckten wir den Fahrer, damit er pünktlich nach
Bamballa kam, und die EURIMEX Queen am nächsten
Tag planmäßig segeln konnte. Übernachtet haben wir
übrigens in den Bergen, auf einem unzugänglichen
Hochplateau. Tja, das wär's dann wohl. Fall
abgeschlossen.

Sam: Hey Moment mal, so geht's ja nicht, da ist
noch einiges zu klären. Zum Bleistift.

Jonas: Mach du das, Sammy, Jonas hat's eilig. Eine
Verabredung mit Neon. Mit der kann man nicht nur
Pferde stehlen oder Atombomben verstecken. Wir
haben beschlossen, ein paar Tage in Solaria zu
bleiben und uns näherzukommen. Bis dann Sammy.

Sam: Ja und nu? Hä? Weg ist er. Und während der
Herr und Meister sich vergnügt muß der Knecht
schuften. So ist das. Immer so gewesen. Der Lauf
der Welt. Naja. Dann wollen wir mal die losen
Enden aufwickeln. Mit Musik. Denn damit geht
bekanntlich alles besser. Fangen wir an mit
Generalissimus Simba, der blieb auch in Solaria,
allerdings unfreiwillig. Während seiner
Abwesenheit hatten die Saheli Revolution gemacht
und ihn gestürzt. Dr. Pretorius tauchte nach einer
Woche aus der Wüste auf, gesund munter
wohlgenährt, ja und allein. Von Cornelis van
Meeren hat man nie wieder was gehört. Baby wurde
gefunden und von der UN in Gewahrsam genommen. Und
dann kehrte man die ganze Geschichte unter den
Teppich, naja weil sie sonst zu peinlich geworden
wäre für Sahel, für Farasan und für die Firma
Eurimex. Tja, und Jonas, der legte sich mit Neon
an, Korrektur der legte sich mit Neon an den
berühmten weißen Strand unter die berühmten grünen
Palmen, und wie er da lag war er schon mitten im
nächsten Fall. Und es ging wieder los. Das Rennen
und jachern und detektieren oder heißt es
detektivieren. Na igel äh egal. Nichts mit
ausruhen und sich näher kommen. Armer Jonas, ach
was heißt armer Jonas. Geschieht ihm ganz rechts,
äh links na mittendurch ah Ende.

Das war Eurobaby. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Evelyn Hamann, Jutta
Speidel, Günther Sauer, Reinhard Glemnitz und
viele andere (Sibylle Nicolai, Peter Bertram,
Michael Gahr, Hans Peder Hermansen). Ton und
Technik: Irene Thielmann und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Werner
Klein. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks)
(1990). (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Euromüll

Stimme: Jonas, hilf mir, Jonas, bitte, bitte hilf
mir! Hilf! Jonas! hilf! Jonas, bitte, bitte hilf
mir! Jonas, bitte. Jonas, bitte hilf mir, Jonas!

Jonas: Judith ruft mich. Sie ist in Gefahr. Sie
braucht Hilfe. Wo ist Sie? Wo bin ich? Ich wachte
auf. Ich war in Afrika. Ich hatte geträumt. Aber
da rief immer noch jemand.

Tou-Po 1: Jonas! Hilfe! Hilf mir Jonas. Hilfe!
Machen Sie auf, Jonas, schnell!

Jonas: Nicht Judith. Die war zu Hause in Babylon.
Ein Mann.

Neon: Jonas, laß das, Jonas jetzt steh doch auf!
Da ist einer an der Tür!

Jonas: An der Tür. Vor unserem Bungalow. In der
Hotelanlage am Meer. Unter Palmen. Mitten in der
Nacht. Ein Radaubruder. Wußte der nicht, daß Jonas
Urlaub hatte?

Tou-Po 1: Jonas! Um Gottes Willen, Hilfe! Hilfe!
Ah!

Jonas: Nein, ich will das nicht, ich hab frei.

Neon: Was ist Jonas?

Jonas: Ach, hier liegt einer, Neon, direkt vor der
Tür.

Neon: Tot?

Jonas: Total.

Neon: Die haben ihn umgebracht.

Jonas: Die waren zwei kräftige Männer, die hinten
im Schatten verschwanden. Schwarze Haut in
himmelblauen Uniformen. Sehr auffällig. Sehr
verdächtig.

Jonas: Die haben ihn nicht umgebracht, Neon,
jedenfalls nicht hier und nicht jetzt.

Neon: Wieso?

Jonas: Einschuß in der linken Brust.

Neon: Na bitte.

Jonas: Und kein Blut, kein einziger Tropfen. Im
Nacken Blutergüsse, sogenannte Leichenflecken, der
Typ liegt aber auf dem Bauch, außerdem treten
Leichenflecken erst Stunden nach dem Tod auf.

Neon: Hmh.

Jonas: Jonas ist kein Pathologe, aber ein bißchen
Bescheid mit so was muß ein Detektiv wissen, und
Jonas ist Detektiv. Der letzte Privatdetektiv.
Wohnhaft und tätig zu Babylon, Vereinigte Staaten
von Europa, zur Zeit aushäusig in Urlaub und
lustlos.

Neon: Der Mann ist also schon eine ganze Zeit lang
tot.

Jonas: Mit Sicherheit.

Neon: Dann kann er ja auch nicht gerufen haben.

Jonas: Sehr gut mein lieber Watson.

Neon: Aber das Geschrei und der Schuß.

Jonas: Theater, Neon, alles Theater. Die zwei
Himmelblauen haben uns einen toten Mann vor die
Tür gelegt, sie haben ein bißchen gebrüllt,
gebollert, in die Luft geschossen.

Neon: Und warum?

Jonas: Woher soll ich das wissen. Vielleicht hat
er die Erklärung bei sich, unser schweigsamer
Besucher.

Neon: Du meinst den Briefumschlag unter seiner
linken Hand. Oh, Für dich, Jonas.

Jonas: Tatsächlich. Da steht Jonas.

Neon: Und was ist drin?

Jonas: Nichts. Ein kleiner Schlüssel aus Blech,
auf der einen Seite ist eine Zahl eingestanzt,
227.

Neon: Hm.

Jonas: Auf der anderen Seite steht: Aerodrom
Sabac.

Neon: Ein Schließfachschlüssel. Schließfach 227 im
Flughafen von Sabac.

Jonas: Vermutlich.

Neon: Was wirst du tun, Jonas. Fährst du nach
Sabac?

Jonas: Nein. Jonas wollte nicht nach Sabac fahren.
Jonas wollte sich erholen mit Neon, der schönen
dunkelhäutigen Autorin aus den USA. Wir hatten uns
beim Fall Eurobaby kennengelernt und als der
glücklich zu Ende gebracht war, hatten wir
beschlossen, ein paar Tage Ferien zu machen, in
Solaria, dem beliebten afrikanischen Staat, in den
so viele Touristen fahren. Weißer Strand, grüne
Palmen und relativ saubere Umwelt. Wir wollten für
uns bleiben, Neon und ich.

Jonas: Und jetzt so was. Ärgerlich. Komm wieder
ins Bett Neon.

Neon: Aber wir müssen doch etwas tun, Jonas.

Jonas: Morgen, Neon, morgen denken wir in Ruhe
über alles nach.

Neon: Und jetzt willst du gar nichts unternehmen?

Jonas: Doch, den Nachtportier anrufen.

Portier: Ja bitte?

Jonas: Jonas Bungalow 12a.

Portier: Was können wir für Sie tun, Herr Jonas,
eine neue Flasche Scotch, frisches Eis?

Jonas: Keine schlechte Idee, aber deshalb ruf ich
nicht an, vor meiner Tür liegt ein Toter.

Portier: In der Tat, Herr Jonas?

Jonas: Lassen Sie ihn wegschaffen.

Portier: Wird sofort erledigt, Herr Jonas.

Jonas: Am nächsten Morgen hörten wir mehr, wir
saßen beim Frühstück, der Nachtportier erschien,
sah sich um, kam an unseren Tisch.

Portier: Die Leiche ist fort, meine Herrschaften.

Jonas: Haben wir gemerkt.

Portier: Ganz und gar fort meine ich. Nicht mehr
im Hotel. Die Tou-Po hat sie abgeholt.

Jonas: Tou-Po.

Portier: Ja, die Tourismuspolizei. Na Sie wissen
doch meine Herrschaften, wir in Solaria leben vom
Tourismus. Und deshalb gibt’s die Tou-Po, eine
Sondertruppe mit Sondervollmachten. Sie untersteht
nicht dem Innenministerium wie die normale
Polizei, sondern dem Ministerium für Tourismus und
Fremdenverkehr.

Jonas: Ach ja, sagen Sie mal, tragen die Bullen
von der Tou-Po vielleicht blaue Uniformen?

Portier: Jawohl, Herr Jonas, himmelblau. Ich darf
Ihnen das eigentlich nicht sagen, Herr Jonas aber
Sie sind ein geschätzter Gast unseres Hauses.

Neon: Soll heißen ein großzügiger
Bakschischspender.

Jonas: Jonas war wieder flüssig. Im ominösen
Eurobabyhelikopter hatte ich was gefunden, ein
Päckchen Euronoten, aus dem Besitz der Firma
Eurimex. Das hatte ich beschlagnahmt. Als Honorar
und Schmerzensgeld und als Urlaubskasse.

Portier: Die Tou-Po war schon mal hier, Herr
Jonas, gestern am frühen Morgen, hat sich nach
Ihnen erkundigt, ob Sie noch bei uns logieren, wie
lange Sie zu bleiben gedenken. Vielen Dank, Herr
Jonas. Immer gern zu Diensten.

Jonas: Das gefiel mir nicht, wie's aussah wurde
aus der Geschichte ein Fall, einer der
unangenehmen Sorte, kein Klient, kein Honorar,
dafür massenhaft Ärger, aber vielleicht kam ich
doch noch raus, mit der bewährten
Vogelstraußmethode oder mein ich die drei Affen,
nichts hören, nichts sehen, Kopf in den Sand,
letzteres wortwörtlich, nach dem Frühstück legten
wir uns an den Strand. Neon und ich, den Schlüssel
nahmen wir mit, Sam auch. Den hätten wir besser
zuhause lassen sollen.

Sam: Völker der Welt, schaut auf diesen Strand,
schaut wie ein armer kleiner unschuldiger Computer
taktiert wird, wie man ihn mißhundelt, martert,
malträtiert, schaut ihn an, brutal in glühend
heißen Sand gesteckt. Gnadenlos den brennenden
Strahlen der Tropensonne preisgegeben. Einen
Sonnenstich könnte ich kriegen.

Jonas: Den hast du schon, Sammy.

Sam: Oder einen Sonnenbrand. Oder die ekligen
Moskitos pieksen mich zu Tode.

Jonas: Darüber würde ich mir keine Sorgen machen.
Wenn ich in einer Schale aus spezial gehärtetem
Kunststoff steckte.

Sam: Ich bitte Sie Herr Nachbar, das ist
äußerlich, rein äußerlich, doch wie's dar rinnen
aussieht.

Jonas: Wollen wir gar nicht wissen, Sam, hör auf
zu quengeln.

Sam: Meine Chips fangen an zu schmoren und mein
Hals ganz trocken, ausgedörrt.

Jonas: Du hast keinen Hals, Sammy.

Sam: Sei nicht so kleinlich du kaltherziger
Korinthenkacker.

Jonas: Sam ist mein Computer, in Taschenausgabe
ständig bei mir. Von wegen Rat und Hilfe. Sam mag
keine Sonne. Jonas mag er in maßen. Was er am
liebten mag ist reden, schnattern, quasseln,
querulieren.

Jonas: Was spricht der Dichter quäle nie ein Tier
mit Schmerz.

Neon: Du spinnst, Sammy, du bist ein Computer ein
Ding aus Metall und Plastik. Schlag- und
stoßgesichert und absolut temperaturunabhängig.

Sam: Ach. Nicht einmal die Gnädigste versteht den
armen Sam, naja so muß er denn allein und
unverstanden seines Weges ziehen und leiden leiden
leiden.

Jonas: Wenn du unbedingt leiden willst, Sam, dann
tu's leise. Neon, da hinten auf der Düne das
Fahrzeug.

Neon: Ein Beachbuggy mit Spiritusantrieb. Toll.
Eine echte Antiquität. Also bei uns gibt's so was
schon lange nicht mehr.

Jonas: Bei uns auch nicht, aber ich meinte eher
die Insassen.

Neon: Blau, himmelblaue Uniformen. Tou-Pos.

Sam: Tou-Pos.

Jonas: Sie kommen hierher.

Neon: Jonas was tust du?

Jonas: Buddeln im Sand, sie dürfen den Schlüssel
nicht finden.

Neon: Sam gräbst du am besten auch gleich ein,
damit sie ihn nicht aufbrechen.

Sam: Im Namen der Menschlichkeit verwahre ich mich
auf das entschiedenste.

Tou-Po 2: Aufstehen, Hände hoch, Beine
auseinander.

Neon: Wer sind Sie?

Tou-Po 1: Toupo. Sondereinsatz. Los hoch oder wir
machen euch Beine.

Neon: Was wollen Sie von uns, wir sind Touristen,
Gäste.

Tou-Po 2: Halts Maul.

Jonas: Es folgte eine doppelte Leibesvisitation.
Gründlich und ausgesprochen grob. Dann
zertrampelten sie unseren Picknickkorb und zogen
ab. Gefunden hatten sie nichts. Das wunderte mich.
Im Beachbuggy war ein Metalldetektor. Warum hatten
sie den nicht eingesetzt. Einen Schlüssel im Sand
zu verstecken war schließlich keine so unerhörte
Idee. Merkwürdig. Noch merkwürdiger wurde uns als
wir zum Bungalow zurückkamen: Hier waren sie auch
gewesen und sie hatten alles kaputtgeschlagen was
Neon und Jonas gehörte. Ein Chaos.

Sam: Tohuwabohu. Kraut und Rüben. Grönende
Verwüstung. Die spinnen, die Tou-Pos.

Jonas: Jetzt reicht's. Jonas wird aktiv. Wir
besorgen uns einen Mietwagen und fahren nach
Sabac. Zum Aerodrom. Wir machen das Schließfach
auf und sehen nach was drin ist.

Neon: Wir, was heißt wir, Jonas?

Jonas: Willst du nicht mit, Neon?

Neon: Doch Jonas, nach Sabac fahre ich mit bis zum
Präsidentenpalast und da steige ich aus.

Jonas: Warum?

Neon: Um ein seit langem abgesprochenen Interview
zu machen. Mit Mama Macumba, der Präsidentin von
Solaria. Und danach fliege ich nach Hause. Um das
Schließfach mußt du dich jetzt schließlich alleine
kümmern Jonas. Der Umschlag war für dich, nur für
dich, mich geht die Sache nichts an.

Jonas: Und Eurobaby, Neon, hat du vergessen.

Neon: Eurobaby war anders Jonas, da steckte ich
mittendrin.

Jonas: Jetzt doch auch.

Neon: Jetzt kann ich aussteigen, und genau das hab
ich vor.

Jonas: Sabac ist die Hauptstadt von Solaria, 100
km landeinwärts über eine ordentliche Autostraße,
rechts und links Steppe, dann hohe Sichtblenden,
dahinter unendliche Elendsviertel. Hier hausen
Millionen, wie viele genau weiß keiner, keiner
kann sie zählen. Schließlich die eigentliche
Stadt. Hochhäuser. Verstopfte Straßen. Ich hielt
vor dem Präsidentenpalast. Ein ummauerter Gral mit
vielen Rundnöten. Sehr afrikanisch.

Neon: Das ist ihr Stil. Mama Macumba liebt die
Tradition.

Jonas: Einschließlich Kannibalismus.

Neon: Ach.

Jonas: Hab ich mir sagen lassen.

Neon: Das ist doch nur ein Gerücht.

Jonas: So. Und daß sie eine Medizinfrau ist, daß
sie hext und zaubert und Geister beschwört, daß
sie mehr als 100 Jahre alt ist und sich durch
Affendrüsen jung hält.

Neon: Alles Gerüchte. Sie ist uralt, das ist wahr.
Und sie ist groß, unförmig dick. Eine lebende
Legende und eine sehr interessante Frau. Ich freu
mich auf das Interview. Die Zeit mit dir war auch
sehr interessant, Jonas. Sei vorsichtig.

Jonas: Im Aerodrom von Sabac war es fast so voll
wie auf den Straßen. Bleiche Touristen nach der
Landung, braungebrannte vor dem Abflug. Im
Schließfach 227 lag nur eine schmale
Pappschachtel. Als ich sie einsteckte, spürte ich
plötzlich Augen im Nacken. Ich drehte mich um.
Mehrere himmelblaue Schlachtschiffe pflügten sich
durchs Touristenmeer. In Richtung Jonas. Was tun.
Sam wußte Rat.

Sam: Da hätten wir ja was wir brauchen, ein
herrenloser Rucksack, auf demselben Sonnenhut
nebst Sonnenbrille, in demselben, darauf verwettet
Sam seine letzten Speicherplättchen kurze Hose,
buntes Hemde.

Jonas: Und was soll ich damit?

Sam: Erbarmung, was ist er doch blöd mein Mensch,
schnapp dir das Zeug.

Jonas: Du meinst ich soll den Rucksack stehlen.

Sam: Und pingelig ist er auch noch. Was sagt
Sokrates der greise, der weise Greis: Not kennt
kein Gebot. Klau sonst gehst du tot.

Jonas: Das ist ein Argument. So, und jetzt.

Sam: Ja was jetzt, na ab ins nächste öffentliche
WC, nach Möglichkeit eins für Herren männlichen
Geschlecht, und siehe dorten wird ein gewöhnlicher
Sterblicher sich metamorphisieren zu einem
Touristen und er wird sich eingliedern in den
Strom seiner soeben eingetroffenen Brüder und
Schwestern. Und sich in so gewonnener
Unsichtbarkeit hinausschwemmen lassen aus dieser
Halle.

Jonas: Bis dahin wo der Bus ins Zentrum abfuhr.
Und im Zentrum ging ich ins nächste große Hotel.
Ich nahm mir ein Zimmer, ließ mir einen Whisky
bringen und was zu essen. Und dann machte ich die
Pappschachtel auf.

Sam: Na Chef, was ist drin. Kokain, Heroin,
Solipsin, Diamanten, Brillianten...

Jonas: Tut mir leid Sammy nichts besonders, zwei
Blatt Papier und eine Tonkassette.

Sam: Papier beschrieben?

Jonas: Ja bzw. bedruckt.

Sam: Na lies schon vor, lahmarschige Languste,
machs nicht so spannend.

Jonas: Vorsicht Sammy, sonst schalt ich dich ab
und steck dich in den Müllschlucker.

Sam: Vorlesen o du mein Herr und Gebieter. Bitte,
bitte.

Jonas: Na gut. Vertrag. Für zu leistende Dienste,
Klammer auf, Spezifizierung wie per Fon
besprochen, Klammer zu, erhält Herr Tom Oyama,
Minister für Tourismus und Fremdenverkehr der
Republik Solaria von der Firma BABtours, Babylon
Vereinigte Staaten von Europa, die vereinbarte
Summe von EUROS 300.000. Babylon/Sabac, den 13.
April 2012. gez. Tom Oyama, Minister usw. usw.
gez. Dr. Wellenlin P. Clipp, Generaldirektor
BABtours... Na Sammy, was sagt du.

Sam: Ich, naja auf einem Bein kann man nicht
stehen. Volksweisheit. Ersuche um Vorlesung Blatt
zwo.

Jonas: Da ist nichts vorzulesen, Sam. Blatt zwo
ist eine Bankquittung.

Sam: Aha.

Jonas: Die Bank für Ost- und Zentralafrika
bestätigt Einzahlung von 300.000 Euros auf
Kontonummer soundsoviel, Tom Oyama privat durch
Kontoinhaber am 13. April 2012.

Sam: Na ja, aller guten Dinge sind drei. Nun steh
nicht in der Landschaft rum wie die weithin
berühmte Salzstange von Dali.

Jonas: Die wer?

Sam: Schieb die Kassette in den hoteleigenen
Rekorder. Dalli Dalli.

Jonas: Wenn ich nicht selber so neugierig wäre,
Sammy, ach ne.

Clipp: Wir sind uns einig, Minister? Alles klar,
Dr. Clipp, ich halte in dieser Saison Ihrer Firma
die besten Hotels frei, insgesamt 18.000 Betten,
und Sie zahlen mir dafür 300.000 Euros. Nicht
gerade viel. Erlauben Sie mal, für eine Sache, die
Sie nur ein Lächeln kostet. Sie vergessen Mama
Macumba, von allen Nebeneinnahmen ihrer Minister
kriegt sie 50%. Eiserne Regel. Sie braucht ja
nichts zu erfahren von unserem Deal. Wir halten
dicht, Minister. Gut, aber ich muß Geld und
Vertrag noch heute in der Hand haben. 13. April
2012. OK, Minister, wir faxen Ihnen den Vertrag
runter, sie unterschreiben und faxen ihn zurück.
Und das Geld weisen wir Ihnen an. Nix Anweisung,
in Bar bitte. Wir schicken einen Lokalmanager von
Samacom. Mit einer dicken Aktentasche. Wie Sie
wollen, Minister Oyama. Bis dann.

Jonas: Tja, das ist es also, Herr Minister Oyama
läßt sich bestechen.

Sam: Ja, von BABtours, dem größten
Reiseunternehmen in Europa.

Jonas: Und weil er nicht will, das was rauskommt,
hat er seine Toupo drauf angesetzt. Soweit eine
ganz normale Geschichte. Nur eins ist nicht
normal, wie ist Jonas da reingeraten. Was geht es
mich an, daß irgendein Minister in irgendeiner
afrikanischen Bananenrepublik sich schmieren läßt.

Sam: Ja, berechtigte Question.

Jonas: Weißt du was Sammy, ich geh zu diesem
Oyama. Ich leg ihm das Zeug vor und trag die Sache
mit ihm aus. Er soll seine Kettenhunde
zurückpfeifen. Ich will noch was von meinem Urlaub
haben.

Sam: Daccord Maitre, doch sei's verstattet einen
ganz bescheidenen Verbesserungsvorschlag
einzubringen. Zeug vorlegen gut und schön, aber
nicht die Originale. Kopien. Und um solche
anzufertigen, bietet uns dieser mit jedem Komfort
unserer Zeit ausgestattete Hotelraum alles
notwendige dar: Papierkopierer, ein Doppel-
kassettendeck, dazu eine Fülle von Musikkassetten.
Für den erlesen Geschmack.

Jonas: Sieh mal hier, Sammy: Randy Orgas und Fuck
the Ducks ihre Größten Hits. Der gute alte Randy
Orgas selig, wann war die Requiemgeschichte, vor
zweieinhalb Jahren.

Sam: November 2009 euer Verschwommenheit. Doch
lassen wir die ollen Kamellen. Ans Werk. Kopier
das Fongespräch auf die Orgaskassette und das
Original tust du in die Orgashülle. Da findet's
kein Schwein.

Jonas: Und die Papiere.

Sam: In den hohlen Handtuchhalter im Bad, Mann.
Denn wisse o Beherrscher der Gläubigen, die alten
Tricks sind immer noch die besten.

Jonas: Es war als ob man Jonas erwartet hatte, ich
sagte dem Portier im Ministerium meinem Namen und
schon gingen alle Türen auf, auch die zum
Privatbüro von Minister Oyama: ein hoher Raum,
holzgetäfelt, leer bis auf einen Schreibtisch,
eine AV-Anlage und eine altmodische
Speicherkonsole, die mir irgendwie bekannt vorkam.
Davor der Minister. Wie sieht ein Minister aus?
Richtig. Wohlgenährt, vertrauenerweckend, durch
und durch unecht, und schwarz. Wir waren in
Afrika. Oyama war nicht allein, in einer Ecke
drückte sich ein unterwürfiges Männlein mit
Rastalocken herum.

Oyama: So, Jonas.

Jonas: Nur Jonas.

Oyama: Auch das. Was wollen Sie.

Jonas: Ein Gespräch unter 4 Augen.

Oyama: Mein Mitarbeiter Herr Mostafa Rashid, er
besitzt mein volles Vertrauen.

Jonas: Meins nicht.

Oyama: Das wird er verschmerzen, was Rashid.

Rashid: Gewiß, Herr Minister.

Oyama: Was wollen Sie Jonas.

Jonas: Ich zeigte ihm, was ich gefunden hatte. Er
besah sich die Blätter, hörte in die Kassette
rein, dann hob er mir die Sachen über die
Tischplatte zurück.

Oyama: Stecken Sie das Zeug wieder ein, Jonas. Ich
kaufe nicht.

Jonas: Moment mal, Sie irren sich.

Oyama: Glaub ich kaum. Wir wissen was wir von
Ihnen zu halten haben, was Rashid.

Rashid: Das wissen wir, Herr Minister.

Oyama: Sie sind ein Erpresser, ein mieser kleiner
europäischer Erpresser. Auf irgendeine Weise haben
Sie sich dieses Material beschafft und nun...

Jonas: Nein, die Sache läuft ganz anders...

Oyama: Sie können sich jedes weitere Wort sparen,
wir glauben Ihnen sowieso nicht, was Rashid?

Rashid: Keine Silbe, Herr Minister.

Oyama: Aber Sie, Sie sollten mir glauben, Jonas,
wenn ich Ihnen jetzt was sage, falls Sie vorhaben
sich weiter mit dieser Sache abzugeben und Ihre
käsige Nase weiter in meine Privatangelegenheiten
zu stecken, dann denken Sie darüber lieber noch
mal nach. Es könnte Ihnen passieren, daß Ihnen die
Nase dabei abhanden kommt. Und auch sonst noch
dieser oder jene andere Körperteil. Und jetzt
raus.

Jonas: Das war schief gelaufen. Warum wußte ich
nicht. An mir hatte es jedenfalls nicht gelegen,
ich war stinksauer, so geht niemand mit Jonas um,
auch kein Minister, erst recht kein Minister. Ich
hob den rechten Arm und zeigte Oyama meinen
Mittelfinger. Das verdroß ihn.

Oyama: Wenn ich mir's überlege Jonas, sollte ich
Sie nicht so ohne weiteres gehen lassen. Wir
Solarier sind gastfreundliche Menschen, was
Rashid?

Rashid: Sehr gastfreundlich, Herr Minister.

Oyama: Wie wär's mit einem Abschiedsgeschenk,
Jonas, damit Sie uns gut in Erinnerung behalten.

Tou-Po: Was liegt an Chef.

Oyama: Der Europäer hier.

Tou-Po: Macht der sich mausig, Chef.

Oyama: Könnte man sagen. Nehmt ihn mit runter in
die Wachstube und da zeigt ihr ihm mal wie tüchtig
unsere Toupo ist. Nahkampf, Verhörtechnik, ihr
wißt Bescheid.

Tou-Po: Zu Befehl, Chef.

Jonas: Sehr tüchtig waren sie weiß Gott nicht, im
Hof riß ich mich los, tauchte durch eine
offenstehende Hintertür und war auf der Straße,
ehe sie überhaupt was mitkriegten. Dann liefen sie
mir ein Stück nach, nicht gerade mit Feuereifer,
ich konnte sie leicht abschütteln und mich in
einer ruhigen Seitenstraße auf einem Mäuerchen
kurz zur Ruhe setzen.

Jonas: Wie findet du das, Sammy. Ein bestochener
Minister, der sich benimmt wie die Axt im Walde,
TOUPOs, die Jonas durch die Mangel drehen sollen
und ihn statt dessen zum Ausbüxen gerade zu
auffordern. Sammy, hab die Güte dich zu äußern.
Sam!

Sam: Siehe meine Freundin, du bist schön. Dein
Gehäuse ist als wie ein runder Becher umsteckt mit
Rosen.

Jonas: Sam?

Sam: Deine Chips sind wie Taubenaugen und
lieblicher denn Wein sind deine Schaltungen.

Jonas: Ist dir nicht gut Sam.

Sam: Deine Kabel sind wie ein Herde Ziegen, die da
gelagert sind am Berge.

Jonas: Komm zu dir, Sammy, was ist los.

Sam: Ach, hast du sie nicht gesehen, vertrauter
meines Herzens dorten in Onkel Toms Hütte.

Jonas: Im Büro von Oyama meinst du, da war keine
Frau.

Sam: Frau, wer spricht von einer Frau, Sam spricht
von ihr. Nr. AX 13/2005 McCoy Incorporated,
Versuchsmodell Inamorata. Wie ist sie doch so
wunder wunder wunderschön.

Jonas: Natürlich Oyamas Computer. Deshalb kam mir
der Speicher bekannt vor. Sieht aus wie unserer
zuhause Sam, zuhause in Babylon, gleiche Firma,
gleiches Baujahr. Ein Versuchmodel wie du, Sammy.
Im Jahr 2005 war Oyama sicher noch nicht Minister
und konnte sich nichts besseres leisten. Genau wie
ein armer Privatdetektiv, der gerade aus dem
Antarktischen Krieg gekommen war.

Sam: O laß uns gehen, uns küssen und herzen,
danach steht mein Verlangen.

Jonas: Ich hab fast den Eindruck, du bist
verliebt, Sammy.

Sam: Sam muß es eingestehen, Freund meiner Seele,
errötend und zagend.

Jonas: Aber Sam, du bist ein Computer, du kannst
dich nicht verlieben.

Sam: Hat nicht auch Sam ein Herz?

Jonas: Nein Sam hast du nicht.

Sam: Blutet er nicht wenn er getroffen wird.

Jonas: Getroffen, vom wem?

Sam: Cupidos Pfeile du Kugelhupf. Samantha heißt
sie, sie hat es mir gestanden.

Rashid: Steigen Sie ein, Jonas.

Jonas: Rashid, der unterwürfige Rastermann aus
Oyamas Büro, jetzt war er gar nicht unterwürfig.
Er saß in einer schwarzen Limousine mit
Spiegelscheiben, in der Hand hielt er einen
Laserstrahler. Seine drei Genossen auch. Keine
Toupos, Zivilisten. Jonas stieg ein. Jonas ist
kein Selbstmörder. Die Limousine fuhr an. Rashid
griff sich das Autofon.

Rashid: Rashid hier. Ja, wir haben den Mann, Herr
Baraka. Das Material auch. Warten Sie, bis Sie’s
sehen. Hochinteressant. Genau was Sie brauchen.
Der Minister ist erledigt. Vielen Dank, Herr
Baraka, wir kommen sofort.

Jonas: Wir fuhren durch eine breite Hauptstraße,
nicht schnell, das war unmöglich, zu starker
Verkehr. Wir wurden noch langsamer, schwenkten
nach rechts, auf die offene Einfahrt eines
Hochhauses zu. Über der Einfahrt eine solarische
Flagge und die großen Buchstaben FCP.
Zentimeterweise schob sich der Wagen durch die
dichten Fußgängermassen. Das war meine Chance. Tür
auf und raus. Geduckt vorbei an zahllosen
Hosenbeinen und Rocksäumen dann Kopf hoch, sie
waren etwa 20 Meter hinter mir, Rastermann und
seine munteren Zombies. Schießen konnten sie
nicht. Laufen um so besser. Schneller als Jonas.
Der sah sich um, was jetzt, wohin, die Antwort
hielt neben mir, ein Motorroller, ein echter
antiker Motorroller, unglaublich. Die Fahrerin
schlug das Visier hoch.

Neon: Auf den Sozius, Jonas, beeil dich.

Jonas: Neon, aber ich dachte du wolltest weg.

Neon: Ne, ich hab mir's anders überlegt.

Jonas: Wie kommst du zu dem Roller, Neon.

Neon: Man hat so seine Beziehungen.

Jonas: Beachbuggys, Gangsterlimousinen,
Motorroller. Dieses Solaria ist ein einziges
Museum für Opas Vehikel.

Neon: Nun steig schon auf.

Jonas: Wohin fahren wir.

Neon: Wohin willst du.

Jonas: Hotel Europa, weißt du wo.

Neon: Ich weiß. Halt dich fest.

Jonas: Im Hotelzimmer holte ich die Papiere aus
dem Handtuchhalter und die Kassette mit dem
Fongespräch aus der falschen Hülle, und dann
gingen wir alles durch. Schritt für Schritt. Es
mußte doch möglich sein, einen Sinn in die ganze
verquere Geschichte zu bringen. Oder?

Neon: Ich weiß nicht, Jonas, schon wie es
angefangen hat, mit dem Toten vor der Türe, der
nach dir gerufen hat, obwohl er schon lange nicht
mehr rufen konnte, und dann der an dich
adressierte Umschlag mit dem Schlüssel.

Jonas: Die Toupo, ruppig aber in der Sache
ineffizient. Erstaunlich ineffizient. Unglaublich
ineffizient. Unglaubwürdig. Der Minister auch.
Stößt Jonas vor den Kopf ohne jeden vernünftigen
Grund. Nichts stimmt an der Geschichte. Aber auch
gar nichts.

Neon: Irgendwie irreal wirkt das alles. Wie
inszeniert. Show, Theater, einfach nicht echt. Man
macht dir etwas vor, Jonas.

Jonas: Das Gefühl hab ich auch. Aber warum, Neon,
warum ausgerechnet Jonas. Was hab ich mit Solaria
zu tun. Und wer waren die Typen in der schwarzen
Limousine.

Neon: An dem Haus, in das sie dich bringen
wollten, stand FCP, Free Congress Partei. Das
Hauptquartier der regierenden Einheitspartei von
Solaria. Generalssekretär ist ein gewisser Baraka.

Jonas: Baraka. Den hat er aus dem Auto angerufen,
der Rastermann, und was soll das, Neon.

Neon: Politik, Jonas, solarische Innenpolitik. Hör
zu.

Jonas: Es ging um Mama Macumba, genauer um ihre
Nachfolge. Bei dem Alter der Dame konnte die jeden
Tag akut werden, trotz Magie und Affendrüsen. Die
größte Chance hatte der wichtigste Minister, unser
Freund Tom Oyama. Parteisekretär Baraka war
zweiter Kandidat, aber schon weit abgeschlagen.
Darum versuchte er seit einiger Zeit
Belastungsmaterial gegen Oyama in die Hand zu
kriegen. Und als er durch einen eingeschleusten
Mann im Ministerium von Jonas und seinen
Schmiergelddokumenten hörte, griff er natürlich
zu.

Neon: Ein Himmelsgeschenk könnte man sagen. Nicht
der Deal selbst, so was stört hierzulande
niemanden, auch nicht Mama Macumba, aber daß Oyama
sie um ihre 50 % betrügen wollte, das bricht ihm
den Hals. Und das mein ich ganz wörtlich.

Jonas: Ich werd das Gefühl nicht los, daß auch mit
dem Material was nicht stimmt. Da war was mit dem
Tonband. Wenn ich nur wüßte...

Jonas: Nein, später... Das ist es. Das
Glockenspiel.

Neon: Vom babylonischen Rathausturm, jeden Mittag
um 12 Uhr, weltbekannt. Was soll denn damit sein.

Jonas: Nicht jeden Mittag, Neon, im April ist das
Glockenspiel überholt worden, vom 1. bis 15.

Neon: Ach.

Jonas: Wenn das Band wirklich vom 13. April
stammt, kann das Glockenspiel nicht drauf sein. Es
ist aber drauf. Und das heißt.

Neon: Das Band ist eine Fälschung. Vermutlich aus
mehreren Fongesprächen zusammengeschnitten. Dafür
sprechen auch die kleinen akustischen
Unebenheiten. Die Sprünge mitten im Text. Wenn du
genau hinhörst.

Jonas: Die Papiere sind vermutlich auch gefälscht,
aber um das festzustellen, brauchen wir Sam. Sam?
Sammy? Würdest du dich freundlicherweise
herablassen.

Sam: Nicht doch. Bitte nicht stören, Sam befindet
sich in innigster Kommunikation mit seiner
angebeteten Samantha. Chip an Chip. Total mit dir
in den Himmel hinein, in den 7. Himmel der Liebe.

Jonas: Hör auf damit, komm runter von deiner rosa
Wolke, Sammy.

Sam: Allein mit dir im Kämmerlein.

Jonas: Ist ja eklig. Schluß mit dem Geturtel,
jetzt wird gearbeitet.

Sam: Pfui wie gemein, Spielverderber, gefühlloser
Pedant. Was gibt's sagt an.

Jonas: Dieser formlose Vertrag zwischen Minister
Oyama und Generaldirektor Clipp.

Sam: Schwindel. Unterschriften sind nachgezogen,
Strich für Strich. Angesetzt und wieder abgesetzt.
Eindeutig.

Jonas: Und die Bankquittung.

Sam: Echt.

Jonas: Was? Irrst du dich auch nicht, Sammy?

Sam: Nein und nimmermehr, das Privatkonto von
Minister Oyama ist dergestalt stark abgesichert,
daß lediglich er selbst und keinesfalls irgendeine
andere Person daselbst abheben oder auch einzahlen
kann.

Jonas: Oyama hat also tatsächlich selbst am 3.
April 300.000 Euros auf sein Konto gebracht.

Sam: Ja.

Jonas: Zufall?

Neon: Vielleicht.

Jonas: Trotzdem, der Schmiergelddeal ist getürkt,
mit Sicherheit, Frage: wer steckt dahinter.

Neon: An sich kommt nur einer in Frage: Baraka.

Jonas: Aber der kann's nicht gewesen sein, sonst
hätte er Jonas nicht kidnappen lassen, um das
Material zu kriegen.

Neon: Außerdem die Fälschung ist zu plump. Baraka
hätte sich intelligenter angestellt. Natürlich
wenn er die Dokumente zusammen mit dir in die Hand
gekriegt hätte, Jonas, sozusagen von Minister
Oyama beglaubigt, dann hätte er sie wohl kaum
genauer unter die Lupe genommen und wäre gleich
damit zu Mama Macumba gelaufen, die hätte sich
Oyama kommen lassen.

Jonas: Und, Neon?

Neon: Oyama hätte sich die Beweisstücke angesehen
und gesagt: Fälschungen. Baraka will mich fertig
machen und er hätte es bewiesen. Mit Leichtigkeit.

Jonas: Ich weiß, es klingt verrückt, Neon, aber
könnte der Minister nicht selber hinter der Sache
stecken? Schließlich hat er die beste Gelegenheit,
seine eigenen Fongespräche aufzunehmen und
geschickt zusammenzuschneiden mit eingebauter
Notbremse. Und die Fälschungen mit einer echten
Kontoquittung glaubhaft zu machen. Und dann durch
seine Tou-Pos dafür zu sorgen, daß das Material
unter die Leute kommt. Sprich Jonas und Baraka.
Wahrscheinlich weiß er, daß Rashid für die
Konkurrenz arbeitet.

Neon: Oyama selbst, hört sich wirklich ziemlich
unwahrscheinlich an, aber...

Sam: Hat man das Unmögliche ausgeschaltet, so muß
das, was bleibt, die Wahrheit sein, und sei es
auch noch so unwahrscheinlich. Ein Diktum des
Großmeisters aller Detektive, Tusch Herr
Kapellmeister, Mr. Sherlock Holmes.

Jonas: Schön daß du uns mal wieder die Ehre gibst
Sammy.

Sam: Gerne.

Jonas: Zwei Dinge sind mir aber immer noch nicht
klar, Neon, warum hat Oyama Jonas reingezogen und
warum hat er die ganze komplizierte Intrige
überhaupt angeleiert. Um Baraka unmöglich zu
machen.

Neon: Glaub ich nicht, Baraka hatte sowieso keine
Chance Präsident von Solaria zu werden, es muß
einen anderen Grund geben, einen Grund von dem wir
nichts wissen.

Jonas: Ein Geheimnis. Und wo versteckt man seine
Geheimnisse, Neon.

Neon: Im PC. Im Speicher.

Jonas: Genau. Hör mal, Sammy.

Sam: Ja?

Jonas: Du stehst doch so gut mit Oyamas
Computerin. Könntest du nicht mal einen Blick in
ihren Speicher werfen?

Sam: Typisch.

Jonas: Würdest du das tun, wärst du so nett.

Sam: Jaja, erst Spohn und Hott, äh Spott und Hohn
und dann wenn's ohne Sam nicht geht, Süßholz mit
Schmierseife. Doch was shalls. Gutmütigkeit, dein
Name ist Sam. Spähen wir ihr unters Mieder, der
liebsten. Auaua.

Jonas: Was war das?

Sam: Eine elektronische Maulschelle, oder Watschen
wie's halt im Alpenlandl sagen, ge. Ah, warum
weist du ab mich schnöde, o Samantha sei nicht
spröde. Geliebte komm ans Fenster, höre mein
Flehen und laß den armen Sammy nicht im
regennassen Regen stehen. Na, es ist umsonst,
Fenster dicht, alles zu, verschlossen verriegelt,
verrammelt was der Kuh am Arsche bammelt. Na ja.
Sam hat aber doch was gesehen, was er nicht sehen
sollte, hihihi.

Jonas: Was, Sammy, was hast du gesehen.

Sam: Ein Wort nur ist's. Es lautet Benadir.

Jonas: Was?

Sam: Benadir. B wie Blödmann. E wie Esel. N wie
Null.

Jonas: Und was ist das, Benadir?

Neon: Da kann ich dir sagen, Jonas. Eine Bucht an
der Nordküste von Solaria, abgelegen, felsig,
menschenleer, uninteressant.

Sam: Uninteressant. So. Und daß Benadir seit 8
Jahren als touristisches Entwicklungsgebiet
ausgewiesen ist, ohne daß da jemals was entwickelt
wurde, das ist natürlich auch uninteressant. Und
daß der gesamte Grund und Boden um Benadir
Minister Oyama gehört. Uninteressant. Und daß es
eine Verbindung gibt zwischen Benadir und
Operation Jonas.

Jonas: Jonas?

Sam: Jonas, all so lautet der im Speicher
verzeichnete Codename. Codename.

Jonas: Was für eine Verbindung.

Sam: Sammy muß passen.

Jonas: Und wenn du's noch mal bei Samantha
versuchst?

Sam: Zwieback. Zwecklos. Gefährte meiner
Leidenschaft. Es ist vorbei, als sei's nie
gewesen. Vom Winde verweht. Sammy ist wieder
Single.

Jonas: Willkommen im Club, Sammy.

Sam: Thank you.

Neon: Benadir, wir sollten uns da mal umsehen,
Jonas.

Sam: Ich komm mit.

Jonas: In einem Mietwagen verließen wir Sabac,
Neon in einheimischer Aufmachung, und Jonas in
einen Schado gepolt, Schweißtreibend aber
angezeigt. Immerhin waren zwei Gegner hinter mir
her: die Toupo und die Regierungspartei, in einem
kleinen Hotel an der Nordküste mieten wir uns ein.
Und dann versuchten wir nach Benadir
durchzukommen. Zuerst über Land mit dem Auto.

Neon: Sieh dir das an, Jonas, Sperren,
Stacheldraht, Wachtürme.

Sam: Und glaubt es mir, Genossen, überall
Elektronik vom feinsten und gemeinsten.

Tou-Po: Halt, kehren Sie um, bei Weiterfahrt wird
sofort scharf geschossen.

Jonas: 2. Versuch übers Meer in einem Kahn mit
Außenbordmotor.

Tou-Po: Zurück! Sperrgebiet! Wenn Sie
weiterfahren, werden Sie versenkt.

Jonas: Sperren und Toupo rings um Benadir. Jemand
hatte was zu verbergen. Das machte uns natürlich
erst recht neugierig.

Neon: Zu Land geht's nicht und zu Wasser geht's
nicht.

Jonas: Bleibt die Luft. Du hast doch so gute
Beziehungen, Neon, kannst du uns nicht einen
Helikopter besorgen.

Neon: Im Prinzip ja, aber in ganz Solaria gibt es
nur zwei Helikopter, einer ist kaputt.

Jonas: Und der zweite.

Neon: Gehört Minister Oyama.

Jonas: Den brauchen wir wohl gar nicht erst zu
fragen.

Neon: Ich könnte was anders besorgen, Jonas, ein
Sporttaucheroutfit. Anzug, Aqualunge, Harpune.

Jonas: Nur eins.

Neon: Unter Wasser mußt du allein versuchen,
Jonas.

Jonas: Das bin ich gewohnt. Einverstanden wenn ich
statt Harpune einen Laserstrahler kriege im
Gummibeutel, wo er sich mit Sam vertragen muß, und
eine wasserdichte Lampe.

Neon: Kriegst du Jonas, heute abend.

Sam: Oha.

Jonas: Es war Nacht, als ich ins Wasser stieg,
weit weg von Sperren und Scheinwerfern. In die
Bucht von Benadir zu kommen war leicht, zu leicht,
es war zwischen Ebbe und Flut. Das Wasser lief auf
und Jonas wurde unwiderstehlich in Richtung Land
gezogen, schräg nach unten, immer stärker, immer
schneller, bis dahin, wo sich unter der Oberfläche
im Uferfelsen ein riesiges kreisrundes Loch
auftat, Durchmesser etwa 20 Meter. Da ging's rein.
Und dann weiter, durch einen horizontalen Kanal im
Felsen. Der Sog ließ nach. Jonas machte immer
weniger Fahrt. Vor ihm ein heller Schein. Der
Kanal war zu Ende. Kein Felsen mehr über mir, nur
Wasser. Ich ließ mich nach oben treiben, bis mein
Kopf durch die Wasseroberfläche stieß, und da riß
ich die Augen auf, ganz weit. Ich war in einer
Höhle, einer hohen unendlich weit ausgedehnten
Höhle, kein verträumte Märchenhöhle für Rübezahl
und die 7 Zwerge, hier war was los. Grelle Lampen
überall. Direkt vor Jonas eine Mole, daran ein
großes U-Boot: BIO Babylon stand am Heck. Ein
Abfalltransporter des bekannten Chemiekonzerns.
Robots waren beim Löschen. Was sie rausholten,
schafften sie nach hinten, dort kippten sie es
über einen Granitwall in einen unübersehbar großen
Sumpf, einen Sumpf, der blubbernde Blasen trieb,
und der in allen Farben des Albtraums schillerte.
Blutrot, eitergelb, totenschwarz, giftgrün und der
stank wie...

Jonas: Wie die Hölle. Das ist die Hölle, Sam.

Sam: Nicht doch Großmaul. Mußt du immer
übertreiben. Die Hölle. Das ist doch bloß
Lackschlämme. Polichlorierte Büfenül, äh Büfenyle,
Cadmium, Blei, Chlor, Dioxin, mit einem Wort.

Jonas: Giftmüll aus Europa. Hier wird er
hergebracht und gelagert. Das ist das Geheimnis
von Minister Oyama. Er betreibt eine geheime
Giftmülldeponie.

Sam: In einem Staate, wo dergl. Korrektur wo
dergleichen auf das allerstrengste verboten ist,
schon wegen der Touristen.

Jonas: Wenn Mama Macumba das erfährt.

Oyama: Sie wird es nicht erfahren, Jonas, nur
Jonas. Hoch die Hände, holt ihn aus dem Wasser.

Tou-Po: Machen wir, Chef.

Jonas: Plötzlich waren sie aus dem Schatten des U-
Boots hervorgetreten. Tom Oyama und seine Toupos.
Ich ließ mich auf die Mole ziehen. Einen
Augenblick hatte ich an schnelles Abtauchen
gedacht. Sinnlos, Sturmgewehre treffen auch unter
Wasser.

Oyama: So sieht man sich wieder, Jonas, und wissen
Sie, wem wir das zu verdanken haben. Meinem
Computer Samantha. Sie hat sich ins System ihres
PC eingeschlichen und mit ihm Verbindung gehalten,
ohne daß er was merkte. Kluges Mädchen. Samantha.

Sam: Perfides Weib, Schlange, treulose Tomate.
Voll Verachtung wendet Sam sich von ihr ab.

Oyama: Damit hat sie ihren Fehler wieder
gutgemacht, ich meine, den unabsichtlichen Hinweis
auf Benadir. Tja, und jetzt wollen Sie doch
wissen, was gespielt wird, Jonas.

Jonas: Das weiß ich schon, Oyama, Sie lagern hier
Giftmüll im großen Stil. Geschäft geht gut.

Oyama: Danke, ich kann nicht klagen. 100 Euros
zahlt BIO mir für die Tonne, bei Ihnen in Europa
kostet so was das 20fache, wenn man überhaupt
einen findet, der das Zeug abnimmt.

Jonas: Und damit Ihr Konkurrent Parteisekretär
Baraka Ihnen nicht auf die illegale
Giftmüllschliche kommt, haben Sie Operation Jonas
gestartet. Baraka sollte Sie anklagen, mit
getürkten Beweisen, und dabei sollte er sich
gründlich die Finger verbrennen. Sie, Oyama
stünden dann ganz groß da, ein unschuldiges Opfer
krimineller Machenschaften, und wenn doch mal was
über Ihre Giftküche durchsickert.

Oyama: Wird Mama Macumba das niemals glauben. So
ist es, Jonas, und damit.

Jonas: Moment, Oyama, eine Erklärung schulden Sie
mir noch. Warum Jonas, ich meine warum haben Sie
gerade mich in Ihrem Stück mitspielen lassen.

Oyama: Mitspielen, nicht so bescheiden Jonas. Sie
haben die Hauptrolle gespielt, den Außenseiter,
politisch uninteressiert, aufrecht, absolut
glaubwürdig.

Jonas: Danke sehr.

Oyama: Und beschränkt natürlich, ich hab lange
nach dem richtigen Typ gesucht, dann kamen sie
nach Solaria, meine babylonische Geschäftsfreunde
waren so freundlich, mir Ihr Psychogramm zukommen
zu lassen. Ihr Persönlichkeitsprofil. Sie sind
ehrlich, stur und Sie sind ein Querkopf,
Oppositionsgeist, wer Sie dazu bringen will,
irgendwas zu tun, muß Ihnen das Gegenteil
nahelegen. Am besten mit Druck und Drohungen, und
das hab ich getan.

Jonas: Trotzdem ist Ihr Plan schiefgelaufen.

Oyama: Leider, leider, ja, Sie haben ein wenig zu
viel Eigeninitiative gezeigt, Jonas. Und deshalb
muß ich mir jetzt einen neuen Dummen suchen, weil
Sie nicht gespurt haben, Jonas, schade, Sie haben
mich sehr enttäuscht, und es wird mich fürchte ich
nur wenig trösten, daß Sie jetzt gleich auf recht
unangenehme Weise zu Tode kommen werden: ich habe
vor, Sie von der Höhlendecke in die Deponie
herunterzulassen, ganz, ganz langsam,
stückchenweise wird das Gift Sie fressen, Jonas,
die Zehen zuerst, dann die Füße, die Knöchel, die
Waden.

Tou-Po: Chef, ein U-Boot.

Oyama: Schon wieder. Ist es angemeldet?

Jonas: Es war nicht angemeldet, weil es nämlich
gar kein zweiter Giftmülltransport war, sondern
ein U-Boot der solarischen Marine. Es tauchte
schnell auf und legte an, das Bordgeschoß drohend
auf uns gerichtet. Aus der Luke im Turm stiegen
schwerbewaffnete Matrosen, gefolgt von...

Jonas: Neon.

Neon: Hallo, Jonas, alles in Ordnung?

Jonas: Ich bin gerührt, jetzt hast du für mich
sogar ein U-Boot organisiert.

Neon: Für dich? Ich bin nicht deinetwegen hier,
Jonas, jedenfalls nicht in erster Linie. Und ich
bin auch nicht deinetwegen in Solaria geblieben.

Jonas: Ach, weshalb dann?

Neon: Sie hat mich darum gebeten. Sie hatte so
eine Ahnung, daß mit Tom Oyama was nicht stimmte,
darum sollte ich für sie am Ball bleiben. Das
heißt bei dir, Jonas, als einer Art
Sonderbeauftragter.

Jonas: Sie? Wer ist sie.

Jonas: Neon zeigte auf die Luke. Da quälte sich
was durch mit großer Mühe, gehievt und geschoben,
ein grauschwarzer Fleischberg in buntgemusterter
Baumwolle, eine Frau, sehr groß, sehr dick. Ich
wußte, wer sie war.

Oyama: Mama Macumba.

Macumba: Tommy mein Sohn, wie konntest du deiner
Mama das antun. Du weißt doch, wie sie über den
Giftmüll der Weisen denkt. Du hast sie belogen und
betrogen. Deine alte Mama, die es immer so gut mit
dir gemeint hat. Schäm dich Tommy.

Oyama: Gnade Mama, ich tu’s auch nie wieder.

Macumba: Da hast du recht, Tommy, du wirst es nie
nie wieder tun, und weißt du warum, Tommy, weil
Mama dich bestrafen wird, unartige Kinder müssen
bestraft werden, und du warst sehr unartig, Tommy,
sehr sehr unartig, darum wirst du auch sehr sehr
streng bestraft.

Oyama: Mama bitte.

Jonas: Ich hab einen Vorschlag Mama, ich meine
Exzellenz. Mich wollte er an die Decke hängen und
langsam in die Brühe tunken. Es wäre doch nur
gerecht, wenn ihm jetzt dasselbe.

Macumba: Gewiß mein Sohn, doch Mama Macumba hat
andere Pläne. Mama ist alt, Mama hat nicht mehr
viel vom Leben, überlaßt ihn mir, hörst du Tommy,
Mama nimmt dich mit in ihren Gral.

Oyama: Nein.

Macumba: Eine Medizinfrau braucht viel magische
Wirkstoffe. Haare. Fingernägel. Augäpfel. Gewisse
Drüsen. Nachschub ist immer willkommen, Tommy.

Oyama: Nein Mama, bitte, lieber ins Gift.

Macumba: Nicht zu vergessen die Gastronomie. Mama
hat Lust ein paar neue Rezepte auszuprobieren.
Fesselt ihn, seine Leute auch.

Jonas: Das war's. Im großen und ganzen. Mama
Macumba ernannte keinen Nachfolger und beschloß
200 Jahre alt zu werden. Neon kriegte den großen
Palmwedel von Solaria mit Stern und Bauchbinde.
Jonas nicht, der kriegte eine ordentliche
Aufwandsentschädigung, und die war ihm auch
lieber. Oyamas Giftmülldeponie wurde geschlossen.
BIO mußte den Abfall in Zukunft woanders
loswerden. Kein Problem. Es gibt genug arme
Länder, die sich drum reißen. So ist das. Was,
Sammy?

Sam: Wie sprach der große Philosoph Michelangelo
zu Karl dem Großen.

Jonas: Na wie sprach er?

Sam: Er sprach: Nicht alles braune auf der Welt
ist Schokoladeneis. Ach Samantha.

Jonas: Ach Sammy.

Das war Euromüll. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Evelyn Hamann, Jutta
Speidel, Henning Venske und viele andere
(Christoph Lindert, Eduard Linkers, Hans Stetter,
Peter Bertram, Karl Friedrich). Ton und Technik:
Irene Thielmann und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Werner
Klein. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks)
(1990). (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Euroblues

Jonas: Judith ist tot. Damit sollte ich anfangen.
Aber das kann ich nicht. Ich fange an mit dem 20.
Juni 2012. Dem Tag, an dem ich Judith zum letzten
Mal lebend gesehen habe, bei mir, in meinem
Büroapartment.

Sam: Wir schreiben das 21. Jahrhundert. Eine Zeit
der Pläne und Grenzen, der Rahmen und Programme.
In dieser Zeit lebte ein Mann, der anders ist als
die anderen, der in keinen Rahmen paßt und in kein
Programm, der seinen Weg geht. Einsam. Integer.
Furchtlos. Es ist, Tusch, Majestro, please, Jonas.
Jonas, the last detective, hahaha.

Judith: Bravo! Du solltest dir angewöhnen, deine
Tür abzuschließen, Jonas.

Jonas: Judith! Bist du sicher, daß du zu mir
willst?

Judith: Stör ich? Ich hab das Gefühl, ich bin hier
in eine Sitzung des Vereins für gegenseitige
Beweihräucherung geraten.

Jonas: Sammy spielt nur ein bißchen Dampfradio. Er
hat neues Material gekriegt. Amerikanische
Rundfunkserien aus dem frühen 20. Jahrhundert.
Lone Ranger. The Shadow. Superman.

Sam: Da, am Himmel: Ein Vogel. Ein Flugzeug? Nein,
es ist Superman.

Jonas: Nicht, daß Sam neues Material brauchte. Er
hat schon mehr als genug. Er ist mit Worten voll
bis an die Kiemen. Nur daß er keine Kiemen hat. Er
hat Mikrochips. Und einen Vokoder. Sam ist mein
Computer. Wo Jonas hingeht, da geht er mit. In der
Tasche. Hilfreich. Geschwätzig. Innervierend.
Unentbehrlich.

Sam: Schneller als ein Geschoß. Stärker als eine
Lokomotive.

Judith: Es lebe die Nostalgie.

Jonas: Dreimal hoch. Was willst du?

Judith: Ja, ich brauch deine Hilfe, Jonas.

Jonas: Das ist nicht wahr. Du bist Judith Delgado,
Sicherheitsdirektorin. Ein ganz hohes Tier in der
Polizeiführung. Und ich bin Jonas. Nur Jonas.
Freischaffender Privatdetektiv. Ein armes Schwein.
Niemand.

Judith: Du schuldest mir etwas, Jonas.

Jonas: Wie man’s nimmt. Judith und Jonas. Das war
eine lange Geschichte. Angefangen hatte sie mit
einer sehr intensiven Beziehung, die nach
anderthalb Jahren in die Brüche ging, weil Judith
auf Jonas Knochen Karriere machte, zuletzt in der
Sache Mustermann, alias Schneewittchen. Ohne mich
wäre sie nie Sicherheitsdirektorin geworden, und
ohne sie wäre ich tot, siehe Fall Eurodschungel.

Sam: Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen
verlautet, werden Sicherheitsdirektorin Delgado
hervorragende Chancen eingeräumt, die Nachfolge
von Sicherheitspräsident Henning anzutreten, wenn
dieser am 1. Juli 2012 in den wohlverdienten
Ruhestand tritt. Wir gratulieren.

Jonas: Ist das wahr, Judith, du wirst
Polizeichefin von Babylon?

Judith: Vielleicht, Jonas, darüber wollte ich mit
dir reden.

Jonas: Mit mir? Was verstehe ich von höherer
Sicherheitspolitik?

Judith: Gerade deshalb, Jonas, du bist
Außenseiter, und ein guter Detektiv bist du auch.

Jonas: Willst du mich anheuern?

Judith: Wenn du nicht zu viel verlangst.

Jonas: 100 Euros pro Tag und Spesen.

Judith: Einverstanden. Und, was sagst du?

Jonas: Auch einverstanden. Wenn du ein paar Tage
warten kannst. Morgen fliege ich in den Orient,
nach Merdistan.

Judith: Kannst du das nicht verschieben?

Jonas: Unmöglich. Ich melde mich bei dir, sobald
ich wieder in Babylon bin. Worum geht’s?

Judith: Das erzähle ich dir, wenn du zurück bist.
Aber einen Tip geb ich dir schon jetzt, weil du
dich so für alte amerikanische Geschichten
interessierst. Es war glaub ich 1980, da wurde ein
gewisser Reagan zum Präsidenten der USA gewählt.

Sam: Richtig.

Judith: Und vor dieser Wahl liefen ein paar sehr
merkwürdige Dinge. Erinnerst du dich?

Jonas: Nein. Damals war ich 13 und hatte anderes
im Kopf. So wie jetzt. Judith ging. Und Jonas flog
nach Merdistan, wo er länger zu tun hatte als
vorgesehen war, und dann saß er in Afrika fest,
Fall Eurobaby und Fall Euromüll. Zurück kam ich
erst Ende Juli, und da war es zu spät.

Sam: Home, sweet home.

Jonas: 22 Quadratmeter, und Aussicht auf die
langweiligste Brandmauer in ganz Babylon.

Sam: Der schönste Platz, rums rums, das sag ich
dir mein Sohn, ist dein Büro im schönen Babylon.

Jonas: Also auf ins Casablanca.

Sam: Moment, euer Voreilen. Vor den Whisky haben
die Götter die Pflicht gestellt. Anrufbeantworter.

Jonas: Wenn du meinst, Sammy.

Judith: Wo steckst du Jonas? Ich warte auf deinen
Anruf. Judith. Piep!

Judith: Du müßtest doch längst wieder hier sein.
Was ist los? Warum meldest du dich nicht, du hast
es versprochen. Piep!

Judith: Bitte, Jonas, ruf an, sofort, wenn du mich
nicht erreichst, dann Chefinspektor Brock, der
weiß Bescheid. Du mußt mir helfen, Jonas, bitte.

Jonas: Judith war nicht zu Hause. Auch in ihrem
Büro ging niemand ans Fon. Also rief ich
Chefinspektor Brock an, meinen geschätzten alten
Feind.

Brock: Jonas? Was wollen Sie?

Jonas: Judith Delgado. Was ist mit ihr? Wo steckt
sie?

Brock: Auf dem Zentralfriedhof.

Jonas: Was?

Brock: Sicherheitsdirektorin Delgado ist tot,
Jonas. Räusper. Am Abend des 19. Juli fiel sie
beim Sturmangriff der babylonischen
Sicherheitskräfte auf die Bastion der
terroristischen Stadtguerilla im sogenannten
Reservat. Beim feierlichen Staatsbegräbnis betonte
Leo Costa, der neuernannte Präsident der obersten
Sicherheitsverwaltung in seiner Trauerrede, Frau
Delgado habe ihr Leben den ewigen Werten von Recht
und Ordnung geopfert, und werde daher allen
Mitgliedern der Sicherheitsbehörde stets als
Vorbild für...

Jonas: Hören Sie auf mit dem Gelaber.

Brock: Für Einsatz, Hingabe und Pflichterfüllung
dienen. Ferner betonte Sicherheitspräsident
Costa...

Jonas: Judith ist tot. Schuld ich ihr was, Sammy?

Sam: Was? Nein, nichts schuldet ihr mein Meister,
gar nichts, absolut nichts, total überhaupt
nichts, null Komma nichts, kein Fitzelchen, auch
nicht das aller aller...

Jonas: Ich stellte Sam ab, ich steckte mir einen
Laserstrahler ein und meinen alten Smith & Wesson
Revolver. Dann ging ich zur Zentralen
Sicherheitsverwaltung am Europaplatz. Ich wollte
in den 20. Stock zu Chefinspektor Brock. Aber die
Frau, die nach mir in den Lift stieg, hatte was
dagegen. Sie drückte den untersten Knopf.
Tiefkeller. Abstellräume. Notaggregate. Zugang zur
Unterwelt.

Killerin: Jonas? Nur Jonas, der letzte Detektiv?

Jonas: Und wer sind Sie?

Killerin: Spielt keine Rolle.

Jonas: Dann muß ich raten. Dünne graue Haare.
Altmodisches schwarzes Business Outfit. Klobige
schwarze Schuhe. Pensionierte
Gerichtsvollzieherin. Verkehrspolizistin?

Jonas: Nur der Aktenkoffer paßte nicht. Zu neu, zu
teuer, zu High-Tech. Weil er nämlich gar kein
Aktenkoffer war, sondern ein spezial Security
case. Um eine MP. Typ Keckler und Hoch, SW7. Die
Waffe der besseren Bodyguards und der
konservativen Profikiller.

Killerin: Ein besonders aufmerksamer Detektiv sind
Sie nicht, Jonas, Sie haben nicht gemerkt, daß ich
Sie verfolge, seit Sie Ihr Büro verlassen haben.
Machen Sie sich nichts daraus, ich hab trotzdem
einen Auftrag für Sie. Sie sollen verschwinden.

Jonas: Aus Babylon?

Killerin: Weiter. Viel weiter. Sie sollen sterben.
Und weil ich ein sehr mißtrauischer Mensch bin,
werde ich mich persönlich davon überzeugen, daß
Sie es auch wirklich tun.

Jonas: Sie sind übrigens auch nicht gerade
aufmerksam. Sie halten ihre Kofferknarre falsch
rum, und Sie wissen wohl auch nicht, daß die
Mündung verklebt ist, sieht aus wie Kaugummi.

Jonas: Das stimmte nicht, aber sie sah trotzdem
nach und war einen Augenblick nicht voll bei der
Sache. Das reichte. Ein Tritt gegen die Hand, sie
ließ den Koffer fallen. Ein harter Schlag an den
Hals, es knirschte und knackte. Sie fiel um und
blieb liegen. Wenn man ihn umbringen will, wird
Jonas eigen. Der Lift hielt, die Tür ging auf,
davor stand der männliche Zwilling meiner
Begleiterin. Ältlich, schwarz, mit Aktenkoffer.
Killer treten meist im Duo auf. Ich war
vorbereitet und schoß als erster. Dann legte ich
beide pietätvoll im Keller aus und fuhr in den 20.
Stock.

Brock: Sie?

Jonas: Man wollte mich umbringen, Brock, hier in
der Sicherheitszentrale.

Brock: Gute Idee. Wollen Sie Anzeige erstatten?

Jonas: Ich will wissen, was mit Judith passiert
ist.

Brock: Das hab ich Ihnen schon am Fon gesagt.

Jonas: Gar nichts haben Sie gesagt. Sie haben die
offizielle Verlautbarung runtergeleiert.

Brock: Na und? Was wollen Sie denn noch?

Jonas: Alles. Die ganze Geschichte. Jede
Einzelheit. Das bin ich ihr schuldig.

Brock: Gehen Sie mir nicht auf die Nerven, halten
Sie sich raus, hauen Sie ab. Wenn Sie was für Frau
Delgado tun wollen, dann gehen Sie ins Casablanca,
und halten da eine private Totenfeier, im irischen
Stil, mit viel Whisky.

Jonas: So nicht, Brock!

Brock: Doch, Jonas, genau so. Raus!

Jonas: Brock spielte mal wieder den wilden Bullen.
Aber mit dem Casablanca hatte er gar nicht so
unrecht. Jonas setzte sich in Bewegung,
aufmerksam, auf der Hut, Blick zurück in Vorsicht.
Nichts schwarzes mit Koffer. Dafür was graues mit
Plastiktüte direkt vor dem Casablanca. Ein Penner.
Ein Berber. Einer von denen, die nichts haben und
alles wissen. Eine von Jonas Ratten.

Penner: Na, Jonas, wie tickt’s denn so?

Jonas: Immer richtig.

Penner: Moment, Jonas, ich weiß was.

Jonas: So?

Penner: Falsch, das heißt nicht so, das heißt, ich
geb dir was. 10 Euros?

Jonas: Einer recht.

Penner: Fünf.

Jonas: Drei.

Penner: OK, gib her.

Jonas: So, jetzt bist du dran, pfeif mir was.

Penner: Großalarm, gesucht wird ein gewisser
Jonas.

Jonas: Tot oder lebendig?

Penner: Ne, nur tot.

Jonas: Die Bullen?

Penner: Ne, die Todesschwadron.

Jonas: Die beste und solideste Killerorganisation
in Babylon. Zuverlässig. Konservativ. Bestückt mit
ehemaligen Sicherheitsleuten, nicht mehr dabei,
weil sie zu oft die Hand aufhielten oder zu oft
auf den Abzug drückten. Jonas fühlte sich geehrt
und verunsichert, weil er nicht die geringste
Ahnung hatte, wer ihm die Todesschwadron GmbH und
Co KG auf den Hals gehetzt hatte und warum.

Jonas: Egal. Jacob, einen Whisky.

Jacob: Hier.

Jonas: Das ist kein Whisky, Jacob.

Jacob: Das ist ein Rohrpostbrief. Vor zehn Minuten
gekommen. Für dich. Hier steht. Jonas, care of
Casablanca. Dringend. Eilig.

Jonas: Wenn Sie mehr wissen wollen, die ganze
Geschichte, jede Einzelheit, Belsatzarstraße 181a,
14.30.

Jacob: Keine Unterschrift.

Jonas: Ich weiß, von wem der Brief ist. Wie spät?

Jacob: Fünf nach zwei. Hey, dein Whisky!

Jonas: Stell ihn warm.

Jacob: Weißt du was, Jonas, ich trink ihn selber.
Auf dein Wohl. Sieht so aus, als könntest du’s
gebrauchen.

Jonas: Belsatzarstraße 181a war ein Schirmerladen.
Voll mit elektronisch super abgeschirmten total
abhörsicheren Zellen. Für Leute, die sich mal in
Ruhe unterhalten wollten, und sich den Mietpreis
leisten konnten. Ich wurde gründlich durchsucht.
Sam und die Waffen kamen ins Schließfach. Brock
wartete schon in der Zelle.

Brock: Wurde auch Zeit, Jonas. Ich dachte schon,
Sie hätten meinen Brief nicht gekriegt, oder nicht
kapiert, das hätte ich Ihnen zugetraut.

Jonas: Wollen Sie sich mit mir streiten, Brock,
oder wollen Sie mir was sagen?

Brock: Nur wegen Frau Delgado. Die hat nämlich
viel von Ihnen gehalten. Weiß der Teufel warum.
Und ich hab viel von Frau Delgado gehalten. Darum
bin ich hier. Obwohl das gegen alle
Dienstvorschriften verstößt.

Jonas: Und das bringen Sie über Ihr öffentlich
bedienstetes Herz. Ich bin gerührt.

Brock: Sie haben gut reden, Jonas, Sie riskieren
nur Ihr Leben, ich riskiere meine Pension.

Jonas: Aber dann kam er doch noch zur Sache. Zur
babylonischen Stadtguerilla. Eine verquere
nostalgische Truppe, die sich die klassischen
Terroristen des 20. Jahrhunderts zum Vorbild
genommen hatte. Eine Frau führte sie an. Sie
nannte sich Karla, und sie hatte Ideen. Zum
Beispiel die, ein paar prominente Babylonier zu
kidnappen und irgendwo im Reservat festzuhalten,
in der wilden Ruinenlandschaft, ohne Recht, ohne
Gesetz und ohne Sicherheitsverwaltung. Und dann
der Verwaltung Forderungen zu stellen.

Brock: Eine halbe Milliarde Euros, regelmäßige
Sendezeiten im Holo. Die Bürgermeisterin sollte
live auftreten in Sack und Asche und alle ihre
politischen Sünden beichten.

Jonas: Alle? Das wird ne Endlosserie.

Brock: Ein Teil der Sicherheitsführung war für
Gewalt, ins Reservat einmarschieren, alles kurz
und klein schlagen, Oberst Frank von der
Terrorpolizei, ein paar andere. Aber sie kamen
nicht durch. Der Chef, Sicherheitspräsident
Henning, setzte auf Verhandlungen, schon wegen der
Geiseln. Ein Sonderstab wurde gebildet, Codename
Houdini, und da...

Jonas: Lassen Sie mich raten, Brock, Judith
Delgado.

Brock: Assistiert von Chefinspektor Brock.

Jonas: Die Schöne und das Biest.

Brock: Wollen Sie sich mit mir streiten, Jonas,
oder wollen Sie was hören?

Jonas: Judith nahm Kontakt zu Karla auf, sie traf
sich mit ihr, sie verhandelte, sie machte
Fortschritte. Das war wichtig, nicht nur für die
Geiseln, auch für Sicherheitspräsident Henning,
der wollte am 1. Juli in Glanz und Gloria
abtreten. Und für Judith. Die wollte Hennings
Nachfolgerin werden und brauchte den großen
Geiselerfolg, um sich gegen ihren Konkurrenten
durchzusetzen, Sicherheitsdirektor Leo Costa, eine
eher graue Schreibtischmaus. Leiter des
Beschaffungsamts. Zuständig für den Nachschub von
Kugelschreibern und von Laserstrahlern. Viel
Chancen hatte er nicht. Judith marschierte und
verhandelte und stand kurz vor dem erfolgreichen
Abschluß.

Brock: Das war Anfang Juni. Und auf einmal war der
Wurm drin. Karla ließ Termine platzen, es gab
immer neue Forderungen, die Sache zog sich hin,
die Geiseln kamen nicht frei, Henning ging in
Pension.

Jonas: Sein Job kriegte nicht Judith, sondern
dieser Costa.

Brock: Natürlich. Frau Delgado hatte versagt. Sie
blieb Leiterin des Sonderstabs, traf sich noch
zwei dreimal mit Karla, das letzte Mal am Abend
des 19. Juli. Und zur gleichen Zeit rollte der
Sturmangriff auf den Schlupfwinkel der
Stadtguerilla im Reservat. Kleinbeirut haben sie
ihn genannt. Wir vom Sonderstab wußten nichts
davon. Chef Costa und Oberst Frank haben die
Vorbereitungen geheimgehalten, um die Terroristen
zu überraschen. Ein Unternehmen mit allen
Schikanen. Helikopter, Tanks, Laserhaubitzen,
sogar ein paar Robokiller. Was dabei rausgekommen
ist, wissen Sie.

Jonas: Keine Ahnung, Brock, ich war in Afrika.

Brock: Alle Terroristen tot, mit einer Ausnahme,
fast alle Geisel tot, viele Unbeteiligte tot, ein
paar Sicherheitskräfte tot.

Jonas: Judith Delgado tot.

Brock: Nicht beim Sturmangriff. Sie traf sich mit
Karla. Sie war gar nicht dabei.

Jonas: Und warum die falsche Verlautbarung?

Brock: Weil es so einfacher war und
sicherheitspolitisch geschickter. Bei so vielen
toten Geiseln war es nicht verkehrt, auch in den
eigenen Reihen ein hochrangiges Opfer zu haben.

Jonas: Wie ist Judith umgekommen?

Brock: Erschossen. Mit einer Keckler und Hoch,
SW7. Am nächsten Morgen haben wir sie gefunden, im
Osten, an der Grenze zum Reservat. Unter freien
Himmel. Nicht weit vom Aquarium und vom
Giganthotel.

Jonas: Wo hat sie sich mit Karla getroffen?

Brock: Wissen wir nicht, das hat sie für sich
behalten.

Jonas: Sie war allein.

Brock: Die beiden haben sich immer allein
getroffen.

Jonas: Wer hat Judith umgebracht?

Brock: Ich weiß nicht.

Jonas: Karla?

Brock: Möglich. Sie soll noch am Leben sein, als
einziges Mitglied der Stadtguerilla.
Untergetaucht. Wo weiß ich nicht. Sonderstab
Houdini ist aufgelöst. Ich bin wieder bei der
Kripo. Datenkriminalität, Kleinkram...

Jonas: Wo könnte Karla stecken? Denken Sie nach,
Brock. Wo hat Judith Kontakt mit ihr aufgenommen?

Brock: Keine Ahnung, Jonas, wirklich nicht. Ich
hab sie mal gefragt, und da hat sie nur eine
unverständliche Bemerkung gemacht.

Jonas: Über den alten amerikanischen Präsidenten
Reagan?

Brock: Nein, wieso? Über Mao, chinesischer
Diktator im vorigen Jahrhundert, über einen Spruch
von Mao. Guerillas sind wie Fische im Wasser oder
so ähnlich, und dann hat sie gelacht und gesagt,
das ist wirklich ein Witz. Frau Delgado hat in den
letzten Wochen viel von Ihnen gesprochen, Jonas,
Sie haben ihr gefehlt, sie hatte das Gefühl, daß
an der Geschichte was nicht stimmt. Jonas würde
sich reinknien, hat sie gesagt, Jonas würde es
rauskriegen, also dann, kriegen Sie’s raus, ich
wünsch es Ihnen und mir und dem Andenken von
Judith Delgado. Noch was: Scotland Yard.

Jonas: Scotland Yard, was soll ich damit?

Brock: Geben Sie es Ihrem Computer weiter, der ist
schlauer als Sie, der kann was damit anfangen. Wir
sehen uns Jonas, bald. Bleiben Sie cool.

Jonas: Weg war er. Aber er ließ mir ein Andenken
da: Die Rechnung. 300 Euros für 1 Stunde
Schirmerzelle. Jonas zahlte, ungern und ging nach
Hause. Wo sich zeigte, daß Sammy tatsächlich was
mit Scotland Yard anfangen konnte.

Sam: Das legendäre Hauptquartier der Metropolitan
Police of London, verehrter Assistent Commisioner.

Jonas: Du wirst es nicht glauben, Sam, das wußte
ich.

Sam: In der Tat, Sir? Es dürfte sich um ein
geheimes Codewort handelt, welches mit jedem
berechtigtem Zweifel ausschließender
Wahrscheinlichkeit Zugang zum Zentralcomputer der
obersten Sicherheitsverwaltung eröffnet.

Jonas: Da könntest du recht haben, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: OK. Nimm dir das Codewort und geh ein
bißchen im Zentralcomputer spazieren. Mal sehen...

Brock: Sie brauchten sowieso eine neue Tür, Jonas,
eine die sich abschließen läßt.

Jonas: Brock?

Brock: Chefinspektor Brock, wenn ich bitten darf.
Bleiben Sie cool, Jonas.

Pauly: Aufstehen, Hände hoch, an die Wand, Beine
auseinander, bleiben Sie so.

Brock: Na, dann wollen wir mal. Jonas, nur Jonas,
Bürgernummer, geboren, Beruf, blablabla, auf
Anordnung des Herrn Präsidenten der
Sicherheitsverwaltung von Babylon, Vereinigte
Staaten von Europa, sind Sie festgenommen.

Jonas: Weshalb?

Brock: Behinderung der Arbeit der
Sicherheitskräfte, Betreiben eines nicht
entstörten Computers.

Sam: Ohohohohoh, nur Blut kann sie abwaschen,
diese unerhörte Schmach, geben Sie Satisfaction,
Pistols, Säbels.

Pauly: Mit dem Knüppel kannst du was kriegen, du
bescheuerte Blechbüchse.

Sam: Blödmann. Ha, und nochmals Ha. En garde,
Wicht.

Brock: Ruhe. Planung eines schwerwiegenden
Datenvergehens, Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Jonas: Das ist alles?

Brock: Mehr steht hier nicht. Hab ich was
vergessen?

Jonas: Kontoüberziehung im Wiederholungsfall.
Spucken auf den Bürgersteig.

Brock: Haha. Sie werden in kriminalpolizeilichen
Gewahrsam genommen und zwecks Aburteilung dem
nächstgelegenen Autojudex vorgeführt.

Jonas: Und, was werd ich kriegen?

Brock: Tja, zwei Jahre verschärfter Hausarrest mit
Elektrofessel, mindestens, Detektivlizenz weg,
Computer eingezogen.

Sam: Niemals! Keine Macht der Welt kann Sammy vom
Busen seines innig geliebten Herrn reißen.

Pauly: Das wirst du schon sehen, wie wir das
können, und dann kommst du in den
Asservatenkeller, da ist es dunkel und feucht und
eklig. Und da wirst du vergammelt und verrotten.

Sam: Und du kommst mit.

Brock: Das reicht, Pauly. Sehen Sie sich mal in
der Naßzelle um, aber gründlich.

Pauly: Wird gemacht, Chefinspektor.

Brock: Hauen Sie ab, Jonas.

Jonas: Was?

Brock: Sie sollen fliehen, Sie Idiot, nachdem Sie
mich überwältigt haben, natürlich. Los.

Jonas: Danke Brock.

Brock: Nur wegen Frau Delgado, Jonas, gehen Sie
nicht ins Casablanca, da schicken wir gleich eine
Streife hin.

Sam: Fein.

Jonas: Blieb eigentlich nur ein einziger
Zufluchtsort. Der arme Schlucker, ein Dipsomat.
Lem-/Ecke Strugazkistraße. Wenig geliebt, weithin
unbekannt. Wo man sich einen Strohrum ziehen und
mit seinem Computer zu raten gehen konnte. Zum
Glück hatte ich ein paar Euros in der Tasche.

Sam: Wieviel?

Jonas: Zehn, zwanzig, dreißig und ein paar
zerklemmte.

Sam: Naja, nicht eben stupender Reichtum, euer
Minderbemitteltheit. Hilft nix, muß erst mal
reichen.

Jonas: Muß nicht, Sammy. Ausnahmsweise hab ich was
auf dem Konto. Ich kann bargeldlos zahlen.

Sam: Hehehe, kannst du nicht, Knirschgetriebe,
weil sie dich sofort am Arsch haben, wenn du
irgendwo im elektronischen Netz auftauchst. Die
Bullen, die Todesschwadronen, alle.

Jonas: Jonas gegen den Rest der Welt, wie üblich.
Apropos Todesschwadronen, Judith ist mit einer
Keckler und Hoch erschossen worden und das
heißt...

Sam: Von der Todesschwadron, die auch Jonas auf
dem Kicker hat, will sagen, im Visier. Frage: Wer
ist der Auftraggeber?

Jonas: Die Antwort finden wir nicht, wenn wir hier
sitzen und Strohrum trinken. Scotland Yard, Sammy.

Sam: Ach, längst passiert. Während euer
Saumseligkeit über Alkohol in seiner
entsetzlichsten Gestalt frönten, unternahm Sam,
Sam, der Pflichttreue, der Gewissenhafte, der
Verantwortungsbewußte, eine Exkursion in die
geheimnisvollen Tiefen des Zentralcomputers. Wer
wagt es Knappertsmann oder Ritt zu schlauchen in
diesen Tunt. Na, wer schon. Na ich, Sam.
Unerschrocken, wendig, alle aufgestellten Fallen
geschickt umgehend, konzentriert, diszipliniert.

Jonas: Ist ja gut, Sammy, du bist der größte. Das
wissen wir doch. Was hast du entdeckt.

Sam: Zweierlei, du Nieswurz. Hatschi. Danke.
Großfahndung nach Jonas, nur Jonas alle erste
Priorität. Sicherheitsapparat auf Hochtouren.

Jonas: Meinetwegen? Bin ich Jack the Ripper?

Sam: Unzureichende Daten, mein Jonas.

Jonas: Und zweitens?

Sam: Daten über Stadtguerilla und den Tod der Dame
Judith nicht zugänglich, auch nicht mit Codewort
Scotland Yard. Zusätzlich verschlüsselt und
verrammelt und verschottet.

Jonas: Da kommen wir also nicht weiter, Sam. Neuer
Approach. Karla. Wir müssen versuchen, sie
aufzutreiben. Wo könnte sie stecken. Kombinieren
wir.

Sam: Wir, my dear Watson?

Jonas: Wie du willst, Sam, dann kombinier
gefälligst du alleine. Dafür hab ich dich. Los,
auf der Stelle.

Sam: Drei vier, Maofisch, Wasserfisch im Wasser.
Wo gibt’s so was. Na?

Jonas: Jedenfalls nicht im Meer oder im See oder
im Fluß. Schon lange nicht mehr.

Sam: Korrekt. Wo dann?

Jonas: Im Aquarium?

Sam: Exzellent, mein lieber Jonas. Wo wurde die
Dame Judith aufgefunden?

Jonas: Im Osten an der Grenze zum Reservat, nicht
weit vom Giganthotel und vom...

Sam: Aquarium, Aquarii, neutrum. Quod erat
demonstrandum.

Jonas: Du meinst, Karla ist im Aquarium?

Sam: Naja, hast du eine bessere Idee, o du mein
Wasserkopf, bluber blubber blub.

Jonas: Ich hätte mich wie Dschango fühlen sollen.
Einsamer Wolf. Einsamer Jäger. Einsamer Rächer.
Aber als ich durch die Straßen ging, kam ich mir
eher vor wie eine Zielscheibe oder wie das
Männlein im Walde. Ganz allein auf einem Bein. Und
drum herum lauter wilde Tiere, die was von mir
wollten. Da hatte ich gar nicht mal unrecht.

Sam: Achtung, Achtung, wir unterbrechen unser
Programm für eine Durchsage. In Sicht sind zwei
schwarze Aktenkoffer. Ich wiederhole Aktenkoffer.
300 Meter zurück. Abstand abnehmend.

Jonas: Da haben sie mich also wieder gefunden. Was
machen wir, Sammy, einen Zahn zulegen?

Sam: Und wenn du wetzt wie Zatopek.

Jonas: Wie wer?

Sam: Kennt er nicht. Eine Kugel ist schneller,
allemal. So steht es geschrieben.

Jonas: Ich könnte es mit den beiden ausschießen.

Sam: Ohohoh. Zwei gegen einen, naja, und gut sind
die auch.

Jonas: Also was dann, Sammy?

Sam: Was dann? Was deucht euch von der Straße,
Eminenz?

Jonas: Straße? Die hier?

Sam: Na, den Markgrafenboulevard werd ich meinen.
Natürlich die hier.

Jonas: Was soll mich deuchen. Eine schmale Straße,
einsam, tote Lagerhäuser, typisch für Ostbabylon.

Sam: Nicht eben sauber.

Jonas: Es geht. Sag mal Sammy, was soll...

Sam: Müßte mal gereinigt werden.

Jonas: Ich weiß nicht, das geht doch automatisch.
Regelmäßig, zentralgesteuert mit Vorwarnung.
Siehst du nicht die Düsen an jeder Ecke rechts und
links. Die Düsen!

Sam: Ach, hat er’s endlich geschnallt unser
mentaler Schneckerich. Die Straßenreinigung
untersteht der Sicherheitsverwaltung.

Jonas: Du mogelst dich ins System ein, sagst
Scotland Yard, setzt das Normalprogramm außer
Betrieb und sorgst dafür, daß dieses Stück Straße
mal gründlich sauber gemacht wird außer der Reihe.
Achtung, Sammy, hier sind die Düsen, sobald ich
vorbei bin.

Sam: Läuft Aktion sauberer Asphalt. Scotland Yard.
Düsen nach hinten. Wasser marsch. Gebläse. Spül
weg den Dreck. Hehe.

Jonas: Das Killerteam segelte von dannen. Sehr
schnell. Mit achterlichem Wind. Und Jonas ging
weiter. Vorwärts. Immer vorwärts. Jetzt war mir
wirklich nach Dschango. Das Aquarium war ein
flacher ausladender Bau im Schatten des berghohen
Giganthotels, nicht weit vom Reservat, der
ausgebrannten Ruinenlandschaft, in der Gesetzlose
hausten, Freaks, Terroristen, Mutanten,
kannibalische Nachtmenschen. Aber die Trümmer und
ihre Bewohner waren nicht zu sehen, weil die
gewaltigen Holoprojektoren auf dem Dach des
Giganthotels die häßliche Realität mit Illusionen
zudeckten. Bunte Parks, gelbe Felder, grüne
Wiesen, wunderschön anzusehen, und so echt wie das
Ehrenwort eines Politikers. Das Aquarium war
geschlossen. Wegen Bauarbeiten. Stand auf dem
Schild an der Tür. Kein Problem für Sam und sein
magisches Codewort. Vor Scotland Yard öffnen sich
alle Pforten.

Sam: Dank, mein lieber Brock, ich könnt dich
herzen und küssen.

Jonas: Übertreibs nicht, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Und mach dir gefälligst Gedanken, wie’s
weitergeht. Wie finden wir Karla, ist sie
überhaupt hier, wie sollen wir sie erkennen.

Sam: Questions over Questions, meine verehrten
Damen und Herren, zuhause an den Holoschirmen.

Jonas: Und keine Antwort, wie es scheint.

Sam: Stube. Korrektur. Gemach, mein ungläubiger
Jonas. Es gibt eine Antwort, und sie stammt von
keinem geringerem als dem großen amerikanischen
Philosophen Readers Digest. Wie sagt er doch, in
einem seiner erhabendsten, seiner profundesten
Aphorismen: Es wird sich alles alles finden. Warte
nur.

Jonas. Willst du mich verarschen, Sammy?

Sam: Und siehe, es hat sich gefunden, das
weiterführende Glied in der detektivischen Kette.
Ein Weg tut sich auf. Es ertönt die Posaune von
Jericho, die Trommel ruft zum Streite. Folge dem
Klang, altes Kriegsroß. Wieher!

Jonas: Jonas folgte durch eine Tür, über einen
langen Gang, um eine Ecke, und da wurde es laut.
Vor mir lag ein weiter heller Raum, in der Mitte
ein Becken voller Wasser, dahinter eine Frau in
Deckung. Eine Frau im weißen Kittel, in der Hand
einen Laserstrahler. Zwei schwarze Figuren
arbeiteten sich zu ihr vor, rechts und links am
Beckenrand. Eine der beiden feuerte aus dem
bekannten schwarzen Aktenkoffer, die andere hatte
keinen Aktenkoffer, sie hatte einen Kanister auf
dem Rücken, und in der Hand ein Rohr, aus dem ein
Feuerstrahl schlug. Ein Flammenwerfer, ein
richtiger altmodischer Flammenwerfer. Typisch
Todesschwadron. Ich mischte mich ein, mit meinem
Laser.

Karla: Danke, Fremder. Reine
Menschenfreundlichkeit, oder haben Sie einen
bestimmten Grund, mir zu helfen?

Jonas: Die Todesschwadron. Mit der hab ich ein
Hühnchen zu rupfen. Ein Riesenhuhn bessergesagt.
Und dann möchte ich, daß Sie mir ein paar Fragen
beantworten. Sie heißen doch Karla.

Karla: Sind Sie von der Terrorpolizei?

Jonas: Sie stand vor mir, wachsam, gespannt, den
Zeigerfinger am Drücker ihres Laserstrahlers.
Jonas sagte ihr, wer er war, und was er von ihr
wollte.

Karla: Gut, reden wir. Nicht hier. In der
Cafeteria. Da ist jetzt kein Mensch. Warten Sie
einen Augenblick, ich will mich nur umziehen.

Jonas: Wo?

Karla: In meinem Zimmer, ich arbeite hier, in der
ichthyologischen Abteilung. Dr. rer. nat. Karla
Adamski. Sagen Sie Karla. Moment.

Jonas: Was tun Sie?

Karla: Ich laß die Piranhas ins Becken. Damit sie
hier reinen Tisch machen. Was bei internen
Auseinandersetzungen abfällt, geht andere nichts
an. Sehen Sie nur zu, Jonas, sehr lehrreich, und
symbolisch. Die kleinen Fische fressen die Großen.
Manchmal.

Jonas: Ich ließ sie gehen. Nicht, weil sie einen
Laser hatte. Den hatte ich auch. Ich traute ihr.
Und sie kam tatsächlich zurück. In einem
unauffälligen brauen Overall. In der Cafeteria zog
ich mir einen Sojakaff und einen doppelten
Sojaburger. Das hatte ich nötig.

Karla: Was haben Sie mit Judith Delgado zu tun?
Freund. Partner. Beziehung?

Jonas: Ich bin ihr was schuldig.

Karla: Geht mich auch nichts an. Sie haben mir
geholfen, und deshalb bin ich Ihnen was schuldig.
Was wollen Sie wissen?

Jonas: Wie ist sie umgekommen?

Karla: Das kann ich Ihnen sagen, ich war dabei,
wir waren verabredet zum so und sovielten mal, in
der Nähe im Reservat, wie immer, in einem
ausgebrannten Haus. Und direkt davor wurde sie
erschossen. Vier Schwarze mit Koffern. Kreuzfeuer.
Sie war sofort tot.

Jonas: Und Sie Karla?

Karla: Ich war vorsichtig und hatte meine
kugelsichere Wäsche angezogen. Gleich nach dem
ersten Schuß bin ich abgetaucht. Im Reservat kenn
ich mich besser aus als die Killer von der
Todesschwadron. Sie haben mich verfolgt. Erwischt
haben sie mich nicht. Aber sie versuchen es immer
wieder. Wie eben.

Jonas. Warum? Wer steckt dahinter?

Karla: Ich bin der letzte Name auf der Liste. Alle
anderen sind gestrichen, abgehackt, erledigt. Die
Genossen sind beim Sturm auf Kleinbeirut gefallen.
Und zur gleichen Zeit hat die Todesschwadron auf
Delgado angesetzt. Weil ihr klar geworden war, was
gespielt wurde. Jetzt bin nur noch ich übrig. Und
Sie natürlich, Jonas.

Jonas: Ich?

Karla: Sie wühlen und bohren und kommen ihm immer
näher.

Jonas: Ihm? Wem?

Karla: Ganz nah dran sind Sie offenbar noch nicht.
Costa natürlich.

Jonas: Der Sicherheitschef?

Karla: Seine Ehren Leo Costa. Präsident der
obersten Sicherheitsverwaltung zu Babylon.

Jonas: Costa hat Judith umbringen lassen.

Karla: Ja sicher, weil sie ihm auf die Schliche
gekommen war.

Jonas: Als Leiter des Beschaffungsamts hatte Costa
die Stadtguerilla mit Waffen versorgt. Über Jahre.
Er ließ sich dafür bezahlen. Aber das war nicht
sein Hauptgrund. Er war der Meinung, die
Sicherheitsbehörde brauchte einen Gegenpart, ein
wirkungsvolles Feindbild, eine Rechtfertigung für
polizeiliches Hochrüstung und law and order
Politik. Darum lieferte er den Terroristen Waffen.
Nicht viele, nicht die neuesten, nicht die besten.
Gerade soviel, daß sie ab und zu von sich reden
machen konnten. Aber dann landete Karla ihren
großen Coup, ohne Costa zu informieren. Die
Geiselnahme. Und danach lief alles schief für
Costa.

Karla: Wegen Delgado, weil sie als erfolgreiche
Senkrechtstarterin schon als künftige Chefin der
Sicherheitsverwaltung gehandelt wurde. Den Job
hatte sich Costa selbst vorbehalten. Und als
Delgado den Auftrag kriegte, mit uns über die
Geiseln zu verhandeln, da sah er seine Chance. Er
schlug mir einen Deal vor: Ich sollte die
Verhandlungen rauszögern, schleppen lassen, bis
Henning aufs Altenteil kam, und wenn Costa
Sicherheitspräsident geworden war, wollte er uns
Waffen liefern. Mehr als bisher, und modernere.
Was ähnliches ist mal in Amerika passiert, vor gut
30 Jahren, bei der Wahl zum Präsidenten. Irgendein
Staat im Orient hatte damals amerikanische Geißeln
festgehalten, und damit der bisherige Präsident
nicht mit einem großen Erfolg im Rücken
wiedergewählt wurde, soll sein Konkurrent mit
diesem Staat vereinbart haben, daß die Geißeln
erst später, nach der Wahl losgelassen werden
sollten. Gegen Waffen und sehr viel Geld.

Jonas: Regean.

Karla. Ja, so hieß er wohl.

Jonas: Das hat sie also gemeint.

Karla: Was, wer?

Jonas: Nicht so wichtig. Erzählen Sie weiter.

Karla: Da ist nicht mehr viel zu erzählen. Delgado
hat offenbar was spitzgekriegt.

Jonas: Hat sie. Jetzt weiß ich’s.

Karla: Costa konnte nicht zulassen, daß seine
geheimen Abmachungen mit uns rauskamen. Er mußte
was unternehmen, und das tat er dann auch.
Gründlichst. Generalbereinigung. Großes
Aufwaschen.

Jonas: Sturmangriff auf Kleinbeirut.

Karla: Richtig. Danach gab’s kein Geiselproblem
mehr. Keine Stadtguerilla. Keine Zeugen, die
Auspacken konnten. Und zur gleichen Zeit sollten
Delgado und ich erledigt werden. Damit beauftragte
Costa die Todesschwadron. Gute Kumpel aus alten
Sicherheitszeiten. Das war’s Jonas, noch Fragen?

Jonas: Danke, Karla, Sie waren sehr offen.

Karla: Ihnen kann ich alles sagen, Jonas, Sie sind
nicht gefährlich, nicht mehr. Dafür wird Costa
sorgen.

Jonas: Glauben Sie, Karla?

Karla: Ich bin sicher. Weil ich ihn nämlich
angerufen habe, eben in meinem Zimmer. Ich habe
ihm einen letzten Deal angeboten. Er kriegt Sie,
Jonas, wenn er mich in Ruhe läßt und die Schwarzen
zurückpfeift.

Jonas: Und er war einverstanden.

Karla. Natürlich. Ich soll Sie umbringen, hat er
gesagt, aber das habe ich abgelehnt. Soll er seine
Drecksarbeit selber machen. Sie sind bewaffnet,
Jonas, Sie haben eine Chance, eine ganz kleine. Da
kommt er! War nett sie kennengelernt zu haben
Jonas.

Jonas: Schade, daß die Bekanntschaft nur kurz war.
Hätten wir uns nicht zusammentun können?

Karla: Daran habe ich auch schon gedacht. Aber das
ist mir zu riskant. Sie sind ein sturer Bock,
einer, der keine Kompromisse macht, der sich
lieber umbringen läßt als aufzugeben. Ein
Romantiker. Das ist nichts für mich.

Jonas: Wo gehen Sie hin, Karla?

Karla: Ins Reservat. In den Untergrund. Abwarten.
Mal sehen, was sich bietet. Ichthyologin mit
einschlägiger terroristischer Erfahrung sucht
neuen Wirkungskreis. Viel Glück, Jonas.

Jonas: Aus der untergehenden Sonne kamen zwei
Helikopter. Ein kleiner Kommandohubschrauber und
ein Transporter. Schwarz. Ohne Markierung. Costa
mit der Todesschwadron. In wenigen Sekunden würden
sie landen, auf dem großen Platz zwischen
Aquarium, Giganthotel und Reservat. Was tun? Sammy
hilf!

Sam: Jajaja, jetzt kommt er angeschissen, mein
großer Herr und Meister. Sammy, hilf mir, nachdem
ich stundenlang Luft für ihn war, weil er mit
diesem Weib herumturteln mußte, dieser Karla, und
was hat er davon gehabt, der trottelige
Triebmensch, verraten hat sie ihn, schnöde
verkauft, kaltschnäuzig verscherbelt für 30
Silberlinge.

Jonas: Genau das hat mir gefehlt, Sam, dein
Zuspruch, deine moralische Aufrüstung. Ich danke
dir. Du weißt, was ich jetzt brauche, nicht etwa
tatkräftige Unterstützung, nein, Worte Worte
Worte.

Sam: Ja. Worte. So so. Und was ist das?

Jonas: Was ist was?

Sam: Da draußen. Guck mal aus dem Fenster.

Jonas: Der Kommandohubschrauber setzte zur Landung
an. Der Transporter flog weiter. Stur gerade aus.
Über den Platz. Über das Reservat. Über die
Stadtgrenze. Immer weiter. In die Wüste.

Sam: Bis daß der Sprit alle ist.

Jonas: Und dann, Sammy?

Sam: Fällt er runter. Plumps.

Jonas: Du hast das Steuersystem blockiert.

Sam: Klar doch. Nur Worte, he? Nimmst du das
eventuell zurück?

Jonas: Später, Sammy. Falls ich noch dazu komme.

Sam: Dann ist die Sache für mich erledigt.

Jonas: Der kleine Helikopter ist gelandet.

Sam: Damit müssen wir uns abfinden, Majestät.
Speziell gesichertes System. Auf die schnelle
nicht zu knacken.

Jonas: Ein kleiner Mann in grau steigt aus.

Sam: Ja. Costa.

Jonas: Und zwei Schwarze. Mit Maschinenpistolen.
Von hier aus kann ich gar nichts machen, Sammy.
Der Laser reicht nicht so weit. Der Revolver auch
nicht. Costa hat ein Megafon.

Costa: Jonas, nur Jonas, Ihre Lage ist
hoffnungslos. Kommen Sie raus. Langsam, die Hände
über dem Kopf.

Sam: Ja, tu, was er sagt, Lahmgesäß.

Jonas: Ach ja, damit sie mich in aller Ruhe
abknallen können? So nicht, Sammy. Ich komm raus,
aber anders. Im Laufschritt, eine Waffe in jeder
Hand. Ich mach denen da draußen Feuerwerk.

Sam: Hehe, wie weiland Butch Cassidy und Sundance
Kid.

Jonas: So hab ich wenigstens eine kleine Chance.

Sam: Naja, 1 zu 3. Prädikat: Weniger
empfehlenswert.

Jonas: Weißt du was besseres?

Sam: In der Tat, o leicht getrübte Leuchte des
Weltalls. Denn merke: Die Holoprojektoren auf dem
Giganthotel werden von einem nicht eben schwierig
zu infiltrierendem System gesteuert. Es lebe die
Illusion. Vertrau auf Sam.

Jonas: Muß ich wohl.

Costa: Kommen Sie raus, Jonas.

Sam: Der ist ja immer noch da.

Jonas: Jonas kam, Hände hoch, langsam. Schritt für
Schritt. Costa wartete und sah mich an. Zufrieden.

Costa: Sehr vernünftig, Jonas, so geht es
wenigstens schnell. Sie ersparen mir Zeit und sich
selbst unnötige Quälerei. Kommen Sie näher. Noch
näher. Ich hatte Sie immer im Auge, Jonas, seit
Sie zurückgekommen sind. Ich wußte, daß Frau
Delgado Sie in Interna der Sicherheitsverwaltung
eingeweiht hatte, gegen jede Vorschrift. Darum
mußte ich auf dem laufenden sein, was Sie betraf.
Wenn irgendwo in meiner Nähe ein Haufen Scheiße
rumliegt, dann will ich wissen wo, damit ich nicht
reintrete. Kommen Sie näher.

Jonas: Sie sind schon reingetreten, Costa.

Costa: Noch näher, Jonas.

Jonas: Sie stinken zum Himmel.

Costa: Das genügt. Machen wir ein Ende.

Jonas: Sammy?

Sam: Vertrau auf Sam.

Costa: Jonas? Was ist? Wo sind Sie?

Jonas: Ich war noch da, an derselben Stelle. Aber
Costa sah mich nicht. Er sah ein wogendes Kornfeld
unter strahlend blauem Himmel. Eine Holoillusion,
die Sam zwischen uns gestellt hatte. Durchsichtig,
von meiner Seite, nicht von seiner. Er sah sich
um, verwirrt. Seine beiden Trabanten fingen an, in
die Gegend zu ballern. Das ging nicht. Zwei
Schüsse aus meinem Laserstrahler, und dann war da
nur noch Costa. Und Jonas. Und natürlich Sam, der
mit den Holoprojektoren spielte.

Sam: Urwald. Haha.

Jonas: Voller Begeisterung.

Sam: Meer. Hahahaha. Wüste. Hahaha. Eine
wunderschöne grüne Wiese.

Costa: Hören Sie auf, Jonas, zeigen Sie sich.

Sam: Knips ihn ab, Knödelfies, oder willst du ihn
laufen lassen?

Jonas: Nein. Aber erschießen wollte ich ihn auch
nicht. Das war zu wenig. Zu leicht. Es war dunkel
geworden. Sie waren nicht deutlich zu erkennen.
Schattenhafte Bewegungen. Kalkweiße Flecken unter
den Ruinen. Nachtmenschen. Der Trubel hatte sie
angelockt, die Helikopter. Die Schüsse. Die
Projektionen. Sie warteten am Rand, an der Grenze
zum Reservat. Sie warteten und lauerten. Hungrig.
Voller Gier.

Jonas: Wir sollten sie nicht enttäuschen, Sammy.
Setzen Sie sich in Bewegung, Costa. Los.

Costa: Nein, nein.

Sam: Schieß ihm in die Haken.

Costa: Au.

Jonas: Das ist die Richtung Costa. Sehr gut. Und
noch einen Schritt.

Costa: Nein.

Sam: Doch.

Jonas: Na also. Und noch einer. Für die toten
Geiseln und für die Stadtguerilla und für die
unschuldigen Opfer. Und jetzt ein großer Schritt
für Judith Delgado.

Costa: Nein, Jonas, bitte.

Jonas: Und noch ein Schritt für Judith und noch
einer und noch einer. Und jetzt der letzte
Schritte.

Costa: Nein. Nein. Au!

Jonas: Gesegnete Mahlzeit.

Sam: Mahlzeit Chef. Ob er ihnen wohl bekommen
wird?

Jonas: Nachtmenschen. Sicherheitspräsidenten.
Schwarze Killer. Terroristen. Große Fische. Kleine
Fische. Fressen und gefressen werden. Sehr
lehrreich und symbolisch. Es wurde ruhig. Um uns
lag Babylon. Babylon die große Stadt. Unermeßlich.
Unerschütterlich. Unbeeindruckt.

Sam: Durch die Straßen der Stadt dadadadadadada,
geht ein einsamer Mann, babababababa, ja das ist
der Euroblues, dudidudidudi, der zieht aus die
Schuhes, bambobambobam, die Strümpfe dazu, schlaf
Judith in ewiger Ruh, babababaa, durch die Straßen
der Stadt durch die Straßen Straßen Straßen
Straßen geht ein einsamer Mann, ja das ist der
Euroblues, badi, schlaf Judith, schlaf in ewiger
Ruh.

Jonas: Gehen wir nach Hause, Sammy.

Sam: Ok. Ok Ok Ok Ok.

Das war Euroblues. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski. Es
wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Ilse
Zielstorf, Helmut Stange und viele andere
(Claudius Zimmermann, Helga Engel, Eduard Linkers,
Hans Stetter, Werner Klein). Ton und Technik:
Irene Thielmann und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Werner
Klein. (Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks)
(1990). (Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Attentat

Jonas: August 2012. Hochsommer. Brütende Hitze.
Die Klimaregulierung war kaputt. Wie immer.
Babylon, die große Stadt, stank zum Himmel. Ein
gigantischer Misthaufen. Verrottet. Verwest.
Verfallen. Und trotzdem begehrt. Manche reißen
sich sogar darum. Alle fünf Jahre. Wenn die Wahl
zum Bürgermeister ansteht.

Wahlrobot: Harry Hauer. Nur Harry Hauer. Ihr
Kandidat. Neu. Harry Hauer. Wer hat sich
hochgearbeitet vom Volksrentner zum
Multimilliardär? Harry Hauer. Wen braucht Babylon?
Harry Hauer. Wer wird Bürgermeister? Harry Hauer.
Harry Hauer Nur Harry Hauer. Harry Hauer. Nur
Harry Hauer. Ihr Kandidat. Neu. Unverbraucht.
Harry Hauer. Wer hat sich hochgearbeitet vom
Volksrentner zum Multimilliardär? Harry Hauer. Wen
braucht Babylon? Harry Hauer. Wer wird
Bürgermeister? Harry Hauer. Wen wählen Sie? Harry
Hauer. Nur Harry Hauer. Harry Hauer. Nur Harry
Hauer. Ihr Kandidat. Neu. Unverbraucht. Harry
Hauer... Wen wählen Sie?...

Jonas: Überall Wahlrobots und Slogomaten.
Elektronische Pappköpfe mit Lautsprechern, auf
Straßen und Plätzen, in der Metro, vor Fenstern
und Türen. Keine Ruhe bei Tag und Nacht. Ich
setzte mich entnervt ab ins Casablanca. Jacob
duldet keine Wahlrobots in seiner Kneipe. Aber die
Wahl wurde ich auch hier nicht los.

Jacob: Und für wen bist du, Jonas?

Jonas: Für Jonas. Nur für Jonas. Whisky, Jacob,
oder was du so nennst.

Jacob: Weiß ich doch. Ich meine, was wählst du
Sonntag.

Jonas: Meine Ruhe.

Jacob: Aber wetten wirst du doch wohl oder?

Jonas: In Babylon wettet jeder, obwohl es verboten
ist, oder vielleicht gerade weil. Gemanaged wird
das Wettgeschäft von der Korporation, dem
organisierten Verbrechen. Und gewettet wird auf
alles und jedes, nichts ist zu mies. Nicht mal die
Bürgermeisterwahl.

Jacob: Willst du einen Tip, Jonas.

Jonas: Brauch ich nicht. 5 zu 4 für
Bürgermeisterin Paretzky.

Jacob: Denkst du, längst überholt. Letzte Woche
ist Harry Hauer an die Notschka vorbeigezogen, und
weißt du, wer auf ihn gesetzt hat.

Jonas: Klar, die eigene Partei, muß sie ja wohl.

Jacob: Aber gleich so hoch, wo alle Umfragen die
Paretzky vorne sehen. Sicher, groß ist ihr
Vorsprung nicht, aber trotzdem, komisch irgendwie.

Jonas: Deine Sorgen möcht ich haben, Jacob. Noch
einen.

Jacob: Und gestern, das bleibt aber unter uns,
gestern hat einer Millionen darauf gewettet, daß
Hauer nicht Bürgermeister wird, Millionen, Jonas.

Jonas: Wer?

Jacob: Weiß keiner. Um drei Ecken, über
Strohmänner. Also wenn du mich fragst, Jonas.

Jonas: Ich frag dich aber nicht, Jacob.

Jacob: Da wird ganz massiv geschoben.

Jonas: Ist ja nicht zu glauben. Du hast meinen
Whisky vergessen Jacob.

Sam: Typisch, der würde auch seinen Ar...
Korrektur der würde auch seinen Arm vergessen,
wenn der nicht fest angeklebt wäre. Tätätätät ich
bin die Sammy von der Post, vom Himmel hoch da
komm ich her und hab nen schön ganz dicken Sack
mit.

Jonas: Was da in meiner Tasche grölte, war
natürlich Sam, mein sogenannter Computer.
Plastikzwerg und rhetorischer Riese. Vollgestopft
mit Nanachips und mit 1001 Sprachprogramm. Schon
etwas angestaubt, aber kein bißchen leise, ein
verbales Versuchsmodell anno 2005, das keiner
haben wollte, außer Jonas, und der auch nur weil's
billig war. Man kann sich an alles gewöhnen, sogar
an Sam, wenn ich nur wüßte wie.

Jacob: Bei mir ist das so: wenn Menschen reden,
halten Computer die Schnauze.

Sam: Selber Schnauze, alter Giftmischer. Du hast
mir gar nichts zu sagen.

Jacob: Werd du frech, du elektronischer Lachsack.

Sam: Wer nichts wird, wird Wirt, so spricht das
Volk, ein wahres Wort, Damen und Herren, wie sich
soeben.

Jonas: Ruhe.

Sam: Lachsack hat er zu mir gesagt, der Gehirntyp.

Jacob: Muß ich mir das von deiner Taschenwanze
bieten lassen.

Jonas: Ruhe. Reg dich ab Jacob und gieß mir
endlich einen ein, dir auch.

Sam: Und Sammy?

Jonas: Du sagst mir was los ist. Kurz klar.

Sam: Kurz klar. Militärisch jawohl zackzack, eine
Botschaft über den heißen Draht, Persönliche
Dringlichkeitsstufe Eins A.

Jonas: Meinen Eins A Code kennen nur zwei, eine
ist tot. Hallo Darling, wo brennt's.

Belinda: Ich brauch dich Jonas.

Sam: Wer nicht.

Jonas: Juno Belina, genannt Darling. Nicht nur von
ihren Freunden. Ich war ein Freund, ein ganz alter
noch von der Guerillafachschule her und danach
waren wir in Verbindung geblieben,
freundschaftlich, aber locker.

Belinda: Hast du heute abend was vor, Jonas?

Jonas: Für dich würd ich alles absagen, Darling.

Belinda: Das ist gut. Ein Aushilfsjob nur für ein
paar Stunden.

Jonas: Ach so.

Belinda: Komm gleich rüber, du weißt ja wo.

Jonas: Darling Belinda hatte es zu was gebracht,
Besitzerin und Chefin von Safety First, ein
kleiner aber effizienter privater
Sicherheitsdienst. Einträglich auch, mit einer
Adresse am feinen Markgrafenboulevard, im obersten
Stock einer atemberaubenden Konstruktion, die
höher war als die babylonische Nettoverschuldung.

Belinda: Leben ist plötzlich ausgefallen.

Jonas: Herzinfarkt.

Belinda: Laserstrahler. Ich hab sonst keine frei.

Jonas: Du brauchst nicht Jonas, Darling, du
brauchst einen Sicherheitsexperten.

Belinda: Wenn ich mich recht erinnere ist Jonas
Sicherheitsexperte, einer der besten.

Jonas: Mag sein, aber eigentlich bin ich Detektiv.
Der letzte Detektiv. Ein Philip Marlowe Ableger im
falschen Jahrhundert, nicht daß ich nichts zu tun
hätte, manchmal mehr als mir lieb ist, ein
interessanter Beruf, ab und zu gefährlich,
ziemlich einsam, einträglich weniger. Einen echten
Holzschreibtisch kann ich mir nicht leisten.

Belinda: Nur kein Neid Jonas, Du hättest dich mit
mir zusammen tun können damals nach dem Krieg,
aber du wolltest ja unbedingt frei sein,
Einzelgänger, aufrecht, geradlinig, lakonisch,
ungebrochen und arm.

Jonas: Aber glücklich.

Belinda: Wirklich Jonas? OK. Safety First hat den
Sicherheitsdienst für die WORF übernommen, das
heißt für Harry Hauer.

Jonas: Der Teufel soll ihn holen und die
Bürgermeisterin und die ganze verdammte Wahl
gleich dazu.

Belinda: Was hast du gegen die Wahl, Jonas, mir
bringt sie was ein, und dir auch, wenn du willst.

Jonas: Bei uns gibt's Leute, die gern auf
Politiker schießen. Verrückte, Terroristen, zu
kurz gekommene, Zeichensetzer. Und darum müssen
Politiker geschützt werden. Bei den regierenden,
die’s schon geschafft haben, macht das die
Polizei. Nur bei den Regierenden. Die es erst noch
schaffen wollen, müssen ihren Schutz selbst
organisieren, und bezahlen natürlich. Harry Hauer
konnte das mit links, er war ein finanzielles
Wunderkind, eins das mit Firmen und Konten spielte
wie unsereiner mit der Holofernbedienung. Aber
dann wurde ihm das zu langweilig. Angeblich
klappte es auch nicht mehr so recht mit dem
Milliardenspiel. Jedenfalls ging er in die
Politik. Zur Opposition. Zur Partei für Wohlstand,
Ordnung, Recht und Freiheit. Kurz WORF.

Belinda: Heute abend läuft Hauers letzte
Wahlveranstaltung im zentralen Parteilokal der
WORF, das übliche, großer Auftritt, kleine Rede
ans besiegte Volk.

Jonas: Und da soll ich aufpassen.

Belinda: Ah, als verantwortlicher Sicherheitschef,
200 Euros.

Jonas: Einverstanden, aber nicht wegen der Euros,
deinetwegen Darling. Aus alter Freundschaft.

Belinda: Ich bin gerührt.

Jonas: 250 netto.

Belinda: Aus alter Freundschaft. In 2 Stunden
geht's los, am besten fährst du gleich rüber zum
Worflokal, die Technik ist schon aufgebaut.

Jonas: Sicherheitsschleuse?

Belinda: Mit Techniker, guter Mann.

Jonas: Sonst noch jemand von dir da, Darling?

Belinda: Hauers Bodyguard.

Jonas: Auch ein guter Mann.

Belinda: Weiß ich nicht, mir ist er zu grün. Den
Job hat er nur gekriegt, weil er in der richtigen
Partei ist. Ich bin froh, daß du mitmachst, Jonas,
also bis später.

Jonas: Das Parteilokal der WORF war eine
Betonwarze auf dem unendlichen Flachdach von Harry
Hauer Industries, ein niedriger grauer Kasten,
etwa 50 mal 50 Meter, vorne eine Lobby, Endstation
für den Fahrstuhl, hier war die
Sicherheitsschleuse aufgebaut, dann ein kleiner
Saal mit Podium, an den Wänden Harry Hauer in
Holo, und zwei Türen, Damen und Herren, dahinter
ein Durchgang, daran zwei Zimmer, das war's,
sicherheitstechnisch ideal, keine Fenster,
problemlose Klimaanlage. Nur ein Zugang.

Heller: Zwei, Herr Jonas.

Jonas: Zwei, wo ist der zweite?

Heller: Im rechten Hinterzimmer, ich zeig's Ihnen
gleich. Harry Hauers Privatlift. Unser Kandidat
kann doch nicht den selben Eingang benutzen wie
das normale Volk.

Jonas: Natürlich nicht, er könnte sich was holen,
die Pest, AIDS oder zumindest die Krätze. Wer hat
einen Schlüssel?

Heller: Zum Privatlift? Nur Harry Hauer.

Jonas: Eigentlich hätte sie sagen müssen: ihr Ton
gefällt mir nicht, aber das tat sie nicht, sie war
nervös, Streß, vielleicht mehr. Sie war Hauers
Wahlkampfmanagerin, Karen Heller, tüchtig, farblos
und nervös.

Heller: Wenn Sie jetzt alles gesehen haben, Herr
Jonas.

Jonas: Augenblick noch, was haben Sie geplant, wie
läuft die Geschichte ab.

Heller: Die Kundgebung, meinen Sie, Herr Jonas,
kurz und klassisch.

Jonas: Das heißt?

Heller: Tusch, Erheben von den Plätzen, Auftritt
Hauer, Beifall.

Jonas: Nicht enden wollend.

Heller: Eine Minute.

Heller: Dann Begrüßung durch den Vorstand des
Parteibezirks. Ansprache des Kandidaten, 5 Minuten
Pause.

Jonas: Pinkeln und Prominieren.

Heller: Der Kandidat will sich hinten kurz
ausruhen, bevor er Autogramme gibt und Fragen
beantwortet. Babylonische Hymne, Begeisterung,
rhythmisches Klatschen, Abgang. Ein simples
Szenario.

Jonas: Ein simples Publikum.

Heller: Mein Gott, Herr Jonas, das Publikum ist
doch nur Staffage, Liveatmosphäre für die
Holoübertragung.

Jonas: Die Staffage strömte, mindestens 50 Mann
und Frau natürlich, durch die Sicherheitsschleuse.
Alle sauber, kein Wunder, alle waren von der
Partei ausgewählt und hatten spezielle
Paßscheiben. Sie suchten sich Plätze, rutschten
hin und her, redeten leise, gingen aufs Klo, was
man so macht bevor's losgeht. Die Holomenschen
kamen mit ihren Apparaten, Harry der Große
schwebte ein und ging hinten noch mal seine Rede
durch. Karen Heller, zusehends nervöser, pendelte
zwischen Hinterzimmer und Saal. Im Flur griff ich
mir Hauers Bodyguard, der war groß und breit, und
mochte mich nicht, trotzdem verriet er mir seinen
Namen.

Moos: Moos. Benno Moos. Sie sind dieser Jonas.

Jonas: Ich bin Jonas, nur Jonas, Ihr Chef.

Moos: Aber nur heute abend, hat Frau Belinda
gesagt.

Jonas: Das reicht mir auch. Arme hoch, an die
Wand, Beine auseinander.

Moos: Was soll das?

Jonas: Sie sind mit Hauer im Privatlift gekommen,
nicht durch die Sicherheitsschleuse. Darum. In
Ordnung, stehen Sie bequem Moos, Sie haben nur
Ihren Dienstlaserstrahler, den können Sie
behalten.

Moos: Klar behalt ich meinen Laser, ich hab einen
Waffenschein, ich bin Bodyguard.

Jonas: Da kommt Ihr Body, Moos, gehen Sie guarden.

Jonas: Ganz wohl war mir nicht. Moos sah aus wie
einer, der wild herumballert, wenn was passiert.
Aber sollte passieren, alles lief nach Plan,
Applaus, Harry Hauer trat auf, winkte zu, winkte
ab, nahm auf dem Podium Platz, rechts neben ihm
Karen Heller und Jonas, links Moos und der
Bezirksbonze der WORF, ein blasses Wesen, das sich
ein paar blasse Sätze abquälte. Dann erhob sich
der Kandidat.

Hauer: Babylonierinnen, Babylonier, Zeit für einen
neuen Anfang, Zeit für Harry Hauer, nach zehn
Jahren Korruption, Filz, Schlamperei werden wir
ihn schaffen...

Heller: Erst nachher.

Jonas: Nein Moos!

Jonas: In der zweiten Reihe war eine Frau
aufgestanden, eine Frau im weißen Kleid mit
starren Augen und mit einer Waffe in der
ausgestreckten Hand, ein Knall, ich warf mich auf
Hauer, riß ihn zu Boden, ein Reflex, spektakulär
und nutzlos. Ein zweiter Knall ganz nah, Hauer
zuckte, bäumte sich auf, lag still. Ich sah hoch,
Moos hatte seinen Laser gezogen, zielte auf die
Frau in Weiß, drückte ab. Ich stand auf und schob
mich durchs geschockte Publikum.

Jonas: Die Frau ist tot. Kopfschuß.

Moos: Klar, ein guter Bodyguard ist auch ein guter
Schütze.

Jonas: Ein guter Bodyguard sollte ein bißchen
Grips in seiner Bowlingkugel haben.

Moos: Wieso?

Jonas: Weil eine tote Attentäterin uns nicht
weiter bringt, im Gegenteil.

Moos: Ist doch sowieso zu spät. Komische Waffe.

Jonas: Minirakwerfer mit optischem Zielfinder,
hier.

Moos: Kleines Holobild, Harry Hauer.

Jonas: Die Zielvorgabe. Nach Abschuß steuert die
Minirakete die abgebildete Person an und
explodiert.

Moos: In Hauer Schädel.

Heller: Harry Hauer ist tot.

Jonas: Sie merken auch alles, Frau Heller, rufen
Sie die Kripo.

Jonas: Merkwürdig, warum eine optische Minirak.
Unsicher, veraltet.

Moos: Schwer zu kriegen ist so ein Ding auch,
nicht gerade die ideale Waffe für ein Attentat.

Jonas: Sie sagen es Moos. Aber das wichtigste
haben Sie nicht gesagt.

Moos: Sagen Sie's Jonas.

Jonas: Wie ist die Waffe hier reingekommen.

Moos: Gute Frage.

Jonas: Es war Mitternacht, als die Kripo uns gehen
ließ, nach drei harten Stunden, was danach kam war
härter, antreten bei Darling Belinda.

Belinda: Sicherheitsspezialisten von Safety First
hilflose Zuschauer bei Mord an
Bürgermeisterkandidaten. Das ist genau die
Werbung, auf die ich liebend gern verzichte. Wie
konnte das passieren?

Moos: Fragen Sie doch Jonas, der war der Chef.

Jonas: Ich habe keine Erklärung, Darling, noch
nicht, vorzuwerfen hab ich mir nichts.

Belinda: Du hattest die Verantwortung.

Jonas: Und darum werd ich der Sache nachgehen.

Belinda: Von mir aus, Jonas, aber auf deine
Rechnung. Safety First wird eine eigene
Untersuchung anstellen, und dafür hab ich genau
den richtigen Mann, einen der was gutzumachen hat.
Nicht wahr, Moos?

Moos: Ich hab nächste Woche Urlaub, Chefin,
Bangkok, Flug ist schon gebucht.

Belinda: Bis dahin haben Sie den Fall abgewickelt
oder Sie lassen den Flug sausen, Sie haben die
Wahl, Moos.

Jonas: Jonas hatte keine Wahl, ich mußte am
Mordfall Hauer arbeiten, auch wenn mich keiner
dafür bezahlte. Meine Berufsehre war angeschlagen,
reparaturbedürftig. Dringend. Nicht wegen
irgendwelcher Negativwerbung, wegen meiner
Selbstachtung und weil mir eine leise innere
Stimme sagte, an der Sache sei was faul. Eine
laute äußere Stimme war der selben Meinung.

Sam: Faul, Herr Oberentsorgungsrat, oberfaul,
stinkfaul, es düftelt streng zum hohen Himmel,
welchen beiläufig sei's bemerkt von wegen Smog
kein babypsilonisches Auge je erschaut. Aber geben
soll's ihn. Fragens bitte Frau Brigitte.

Jonas: Ich denk nicht dran. Die Waffe Sammy.

Sam: Indeed Sir, eben die selbige.

Jonas: Der Minirakwerfer kann nicht im Saal
gewesen sein. Eigentlich.

Sam: War aber. Ätsch. Erkläret mir Graf Oerindur
diesen Zwiespalt der Natur.

Jonas: Wie ist das Ding reingekommen, Sammy.

Sam: Naja mehrere Möglichkeiten euer Fragwürden,
erstens Ding war schon vorher drin. Verstochen.

Jonas: Ausgeschlossen. Vor der Kundgebung hab ich
alles durchsucht, Gründlich. Mit dieser Karen
Heller.

Sam: Aha. Frage: Ist mein Jonas eine
Intelligenzbestie. Man erspare mir die Antwort.
Nächste Frage. Ist er ein brauchbarer Durchsucher,
ja ja und abermals ja. Insofern akzeptiert. Also
Möglichkeit zwei. Ein Teilnehmer hat Minirak
mitgebracht.

Jonas: Geht auch nicht, Sammy, alle mußten durch
die Sicherheitsschleuse.

Sam: Und auf die Elektronik ist Verlaß. Ohne wenn
und aber, daccord aus vollem Herzen und voller
Hose.

Jonas: Hast du beides nicht, Sammy, weiter.

Sam: Naja, gestatten Sie eine Zwischenfrage Herr
Kollege.

Sam: Nur zu.

Jonas: Wollen Sie tatsächlich allen ernstes
behaupten, sämtliche Anwesenden hätten die
Schleuse passiert.

Jonas: Moos meinst du? Den hab ich eigenhändig
abgecheckt.

Sam: Sammy meint nicht nur Moos.

Jonas: Na wen denn noch.

Sam: Na wen schon, mein geistesschwaches
Gummibärchen.

Jonas: Also

Sam: Wer hat denn außer Bodyguard Moos den Ort des
Geschehens durch die Hintertür betreten, häh?

Jonas: Du denkst doch wohl nicht an.

Sam: O doch, genau an den, Harry den Hauer.

Jonas: Du spinnst, Sam, Harry Hauer ist das Opfer.

Sam: Hat man alles unmögliche eliminiert, so muß
das was übrigbleibt, und sei es auch noch so
unwahrscheinlich.

Jonas: Die Wahrheit sein, Sherlock Holmes ich weiß
aber Jonas ist nicht Dr. Watson.

Sam: Watson.

Jonas: Jonas ist Jonas, und Jonas bestimmt wo's
langgeht. Morgen früh sind wir bei der Kripo.

Sam: Hören ist gehorchen, o Beherrscher der
Ungläubigen, doch merke, die Gedanken sind frei.

Jonas: Den Fall Hauer hatte ein alter Bekannter.
Freund konnte man ihn beim besten Willen nicht
nennen, Chefinspektor Brock. Ich erkannte ihn kaum
wieder, als ich in seinem Büro aufkreuzte. Weil er
mich nicht mit der üblichen Bullenbeißermiene
anglupschte. Er grinste, breit und unschön, von
einem Blumenkohlohr zum anderen.

Brock: Sehen Sie mal, wer uns die Ehre gibt,
Pauly, der große Sicherheitsexperte
höchstpersönlich.

Sam: Und Sammylein.

Brock: Was führt Sie in unsere bescheidenen
Niederungen, Jonas. Wollen Sie uns was beibringen,
wie man sich seinen Schützling vor der Nase
abknipsen läßt zum Beispiel?

Jonas: Ist ja gut, Bröckchen, ich weiß, auf so
eine Gelegenheit haben Sie Jahre gewartet.

Brock: Ich hab's Ihnen schon x-mal gesagt, Jonas,
ich bin nicht Ihr Bröckchen.

Sam: Wär Kotzbrock Ihnen angenehmer allerwertester
Chefinspektor?

Brock: Und Ihrer vorlauten Quackbox sollten Sie
endlich ein Anstandsprogramm verpassen oder
schmeißen Sie sie doch gleich auf den Schrott. Was
wollen Sie?

Sam: Oh Lustmörder, Tierschänder, Tierquäler,
Blaubart, Schreibtischtüte.

Jonas: Sei still, Sam. Informationen.

Brock: Über den Fall Hauer? Wozu? Die Sache ist
klar. So gut wie abgeschlossen.

Jonas: Ach wirklich.

Brock: Attentäterin Susanne Kemp, 37 Jahre, seit
2010 im Zentralkrankenhaus, Psychiatrie,
geschlossene Abteilung, paranoid schizophren, sagt
Chefarzt Dr. Quaris, hat Stimmen gehört und so.

Sam: Also bekloppt.

Brock: Eingestuft als schwierig, aber nicht
gefährlich.

Jonas: Ein Irrtum der Wissenschaft.

Brock: Soll vorkommen. Gestern früh ist sie
ausgerückt.

Jonas: Wie?

Brock: Keine Ahnung.

Jonas: Woher hatte sie die Waffe?

Brock: Was weiß ich, gefunden, gestohlen...

Jonas: Sie reißen sich nicht gerade ein Bein aus,
Brock.

Sam: Nicht mal ein kleinen Zeh.

Brock: Sagen Sie mal Jonas wo leben sie?

Sam: In Oberbayern.

Brock: Tja, wenn’s nicht der Kandidat der
Opposition wäre, sondern sagen wir Bürgermeisterin
Paretzky.

Sam: Mit Hund Radetzky.

Jonas: Die Kripo dein Freund und Helfer, ohne
Ansehen der Person. Nächste Station
Zentralkrankenhaus: Geschlossene Abteilung, ich
war schon mal dagewesen, vor dreieinhalb Jahren,
Fall Testmarkt, keine gute Erinnerung. Damals
hatte ich eine Paßscheibe abgestaubt, und die kam
mir zu paß. Chefarzt Dr. Quaris fand ich im
Innenhof, nicht weit vom großen Alzheimerkäfig, er
hatte es eilig.

Quaris: Was soll ich Ihnen über Kemp sagen, ich
kann Ihnen nicht viel sagen, und was ich sagen
kann, habe ich schon der Kripo gesagt.

Jonas: Aber Sie haben sie doch persönlich
verarztet Dr. Quaris.

Quaris: Wer sagt das.

Jonas: Der Krankenhauscomputer.

Quaris: Was heißt schon persönlich. Ich bin
Chefarzt, ich habe viele Fälle. Dutzende.

Jonas: Warum Kemp.

Quaris: Kann ich jetzt nicht mehr sagen,
eigentlich ein ganz gewöhnlicher Fall, paranoide
Schizophrenie, akustische Halluzinationen.

Jonas: Stimmen. Was haben sie gesagt.

Quaris: Darf ich nicht sagen, Schweigepflicht.
Datenschutz. Wiedersehen.

Jonas: In einem der endlosen giftgrünen Korridore
hielt mich eine Schwester an, eine kleine dicke
mit schiefer Nase. Ich hatte sie schon vorher im
Innenhof gesehen.

Schwester: Sie?

Jonas: Ja?

Schwester: Sie haben was verloren.

Jonas: Das Stück Papier. Gehört mir nicht.

Sam: Natürlich hast du's verloren, nimm schön und
sag der lieben Schwester brav Dankeschön. Und mit
solchen Amöben im Geiste muß ein gewitzter
Computer sich abgeben.

Jonas: Auf dem Zettel stand: Susanne Kemp, 50
Euros?

Sam: Der schiere Wucher. 10.

Schwester: 20. Aber deshalb tu ich’s nicht. Wegen
der Wahrheit. Weil der Allmächtige Ihnen die Hucke
vollgelogen hat.

Jonas: Dr. Quaris.

Schwester: Klar Quaris, seine Majestät, Mr.
Universum, der Größte, dauernd hackt er auf mir
rum. Letzte Woche hat er mich runtergestuft um
zwei Gehaltsgruppen.

Jonas: Eine Schande. Warum.

Schwester: Wegen gar nichts. Ich habe ein paar
alte Stänker auf meiner Station gründlich
ruhiggestellt. Valumbran Überdosis. Na und, gibt
sowieso zu viele Patienten.

Jonas: Das nennt man Radikalkur.

Sam: Susanne Kemp.

Jonas: Susanne Kemp, Sie wollten wir was erzählen.

Schwester: Ich zeig Ihnen was, kommen Sie mit.

Jonas: Eine kurze Tour durch die Eingeweide der
geschlossenen Abteilung, Gänge, Ecken, Treppen,
dann standen wir in einem kleinen Zimmer, ein
Bett, ein Schrank, Täfelung mit Platten aus besten
Holzimitat, ganz gemütlich, abgesehen von den
Gittern vor dem Fenster.

Schwester: Hier war sie untergebracht die Kemp,
seit einem Vierteljahr, verlegt aus dem großen
Saal auf Anweisung von Quaris. Als ob sie was
besonders wäre, keine scheißnormale Kassenkrücke.
Passen Sie auf, ich nehme jetzt die Wandtafel am
Kopfende weg. Na, was sehen Sie?

Jonas: Nichts.

Schwester: Ja jetzt, da war aber was, ein
ferngesteuertes Tonbandgerät mit Lautsprecher.

Jonas: Ferngesteuert.

Schwester: Quaris. Vom Chefzimmer aus. Gestern
morgen ist die Kemp weggebracht worden, große E-
Limousine mit Chauffeur, und danach hat Quaris die
Anlage abgebaut, Gottvater selbst mit seinen
eigenen manikürten Händen.

Jonas: Sagen Sie. Ich seh bloß ein Loch in der
Wand.

Schwester: Was ist das?

Jonas: Eine Kassette.

Schwester: Ein Beweis ist das. Wieviel.

Jonas: Wir einigten uns auf 100 Euros. Zu Hause in
meinem Büroapartment mußte ich mir erstmal die
Hände waschen. Durch Herzenswärme und
Selbstverleugnung wird es geprägt, unser
medizinisches Personal, sagt der Sozialstadtrat,
und der muß es wissen, die Kassette war ein Beweis
mir war allerdings noch nicht ganz klar wofür.

Quaris: Harry Hauer. Harry Hauer hat sich
angeeignet, was dir zusteht, Geld, Erfolg,
Ansehen.

Sam: Mann ist der erkältet.

Quaris: Harry Hauer ist schuld, schuld an deinem
Unglück, und an allem Unrecht, was in Babylon
geschieht. Harry Hauer muß beseitigt werden.

Jonas. Ist ja unglaublich.

Quaris: Du bist zu dieser großen Aufgabe
ausersehen, dir ist sie anvertraut.

Sam: Na denn mal los.

Quaris: Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du
diesen Ort verlassen, was du dann tun sollst,
wirst du noch erfahren. Du wirst erfahren, wo du
das Werkzeug findest, wie und wann du...

Jonas: Quaris. Die Stimmen, die Susanne Kemp
gehört hat, waren keine Halluzinationen, Chefarzt
Dr. Quaris hat eine passende Patientin ausgesucht,
er hat sie bearbeitet, auf Harry Hauer angesetzt.
Warum, warum, Sammy?

Sam: Weshalb wofür wozu und inwieferne.

Jonas: Vielleicht steckt Bürgermeister Paretzky
dahinter.

Sam: Quatsch. Quatsch mit Soße und Kartoffeln.
Paretsky liegt sowieso vorn, wieso sollte sie
ihren Gegenkandidaten umbringen lassen. Die Frau
ist doch noch blöd. Die Antwort, edler Freund,
findet sich an ganz anderem Ort, genau gegenüber,
könnte man sagen.

Jonas: Was heißt das. Hast du in den Datenbänken
was entdeckt.

Sam: Lange lange hat er suchen müssen der arme
Sam, über Stock und Stein ist er getrabt, über
Berg und Tal, durch Regen und Wind, Blasen an den
Füßen hat er bekommen, Schwielen an den Händen,
Narben im Gemüt und müde ist er geworden, so
entsetzlich müde.

Jonas: Willst du dich ausruhen, ich schalt dich
sofort ab, du brauchst es nur zu sagen. Laß den
Blödsinn, du bist eine Maschine.

Sam: Wenn man mich sticht blute ich nicht, wenn
man mich hetzt erlahme ich nicht?

Jonas: Nein.

Sam: Naja denn nicht. Auch gut. Resultat der
elektronischen Pilgerfahrt kurz und präzis
folgendes. Der verehelichte Dr. Quaris ist
eingeschriebenes Mitglied der Partei für
Wohlstand, Ordnung, Recht und Freiheit, ein
prominentes in höchsten Parteigremien
wohlangesehenes Mitglied.

Jonas: Willst du damit sagen daß die Worf ihren
eigenen Kandidaten umgebracht hat

Sam: Gemacht gemacht, immer langsam mit den jungen
Pferde, erinnert euch Hoheit, der vertraulichen
Insinuationen jenes von Berufs wegen alkoholisch
marinierten Hilfsmenschen namens Jacob, die eigene
Partei, so gab er zu verstehen, hat auf Harry
Hauer gewettet, hoch, sehr hoch, zu hoch, mein
Gott ist das hoch.

Jonas: Und deshalb läßt sie ihn abschießen, das
ist doch paradox.

Sam: Na und Sherlock Holmes?

Jonas: Du meinst daß eigentlich nur Hauer selbst
die Waffe ins Parteilokal gebracht haben kann.

Sam: Was heißt eigentlich, du Humpelhirn, es gibt
keine andere Möglichkeit, und wenn ich eure
geistigen Hartleibigkeit noch eine dritte
Reminiszenz abverlangen dürfte. Was sprach
Wahlkampfmanagerin Heller im ersten Schreck
unmittelbar nach dem Attentüt?

Jonas: Moment Sam, wie war das. Zu früh, sie
sollte erst später. Sie weiß was. Wo wohnt sie?

Sam: Eine Visite bei Madame Karen Heller zwecks
mehr oder weniger peinlicher Befragung, sehr gut,
lasset uns eulen.

Jonas: Ans Fon ging sie nicht, auch nicht zur Tür,
als ich klingelte, und als Jonas fachmännisch das
Schloß knackte, kam keine Reaktion. Messerscharfe
Folgerung, Heller war ausgeflogen. War sie aber
nicht.

Sam: Eine recht ansprechende Behausung, Sir.

Jonas: Viel Platz, mehr als bei uns zu Hause, was
Sammy.

Sam: Ja das ist ja auch kein Wunder.

Jonas: Und hier ein richtiges Badezimmer, nicht
bloß ne Naßzelle, mit ner echten großen Badewanne.
Luxus.

Sam: Superluxus, denn siehe die Wanne ist bereits
gefüllt, und in ihr Tod und Teufel.

Jonas: In der Badewanne lag Karen Heller, unter
Wasser, splitternackt und mausetot. Eine
unerwartete Komplikation. Was steckte dahinter.

Sam: Meditieren kannst du später, Lahmbeutel,
tüdelieger.

Jonas: Pfeife.

Sam: Ja selber, draußen, empfehle dringend
strategische Absetzbewegung. Hier ist es nicht
geheuer.

Kasbek: Ein wahres Wort.

Sam: Ohohoh. Zu spät, ich rette den Freund nimmer
mehr.

Jonas: Drei Männer kamen aus dem großen
Kleiderschrank, Laserstrahler in den Händen. Einen
kannte ich, zum Glück nicht persönlich, bis jetzt,
Kasbek von der Korporation, oberster Hitmann und
Vollstrecker, Spezialist für endgültige Maßnahmen.
Jonas nahm die Hände hoch, Jonas ließ sich
fesseln, was hätte Jonas sonst auch tun sollen.

Kasbek: Und nun wäre wohl eine kleine Kopfwäsche
angebracht. Als Kavalier haben Sie sicher nichts
dagegen die Wanne mit einer Dame zu teilen. Los.
So, wer sind Sie.

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Kasbek: Der letzte Detektiv? Freut mich. Weiter.
Sie sind härter im nehmen als die Lady. Wir hatten
gar nicht richtig angefangen zu fragen, da ist sie
uns schon weggeblieben. Mal sehen wie lange Sie's
aushalten. Steckt ihn wieder rein.

Jonas: Sie machen einen großen Fehler, Kasbek.

Jonas: Solche Sprüche sage ich ab und zu ganz
gern, aus Tradition, aus Spaß diesmal war's mir
ernst. Todernst.

Jonas: Sie kriegen Ärger mit Ihren Chefs, wenn Sie
mich ersäufen, mit Krapp, mit Lukrezia Carnevale
und und mit Martta Toivonen, die sind Jonas noch
was schuldig.

Sam: Ja, Fall Eurodschungel, Mai 2012.

Kasbek: Sie können mir viel erzählen, Jonas.

Jonas: Gehen Sie doch ans Fon, rufen Sie Frau
Toivonen an.

Kasbek: OK, aber wenn Sie mich anscheißen, Jonas,
dann nehmen wir uns mit Ihnen viel Zeit, dann
sterben Sie lange und sehr unangenehm.

Sam: Ach du Scheiße.

Jonas: Als Kasbek vom Fon zurückkam, war er wie
umgewandelt, fast menschlich. Jonas wurde
losgebunden, ins Zimmer gebracht, aufs Sofa
gesetzt.

Kasbek: Alles in Ordnung, Jonas.

Jonas: Sehen Sie doch mal nach, Kasbek, ob Sie
nicht irgendwo einen Tropfen Whisky für mich
auftreiben können. In letzter Zeit habe ich ein
bißchen viel Wasser schlucken müssen.

Kasbek: Übertreiben Sie nicht, Jonas, von Whisky
hat Frau Toivonen nichts gesagt, sie hat gesagt,
ich soll Sie laufen lassen, und vorher soll ich
Ihnen sagen, worum es geht.

Jonas: Das tat er denn auch. Mir wurde einiges
klar, nicht alles, noch lange nicht, aber doch
einiges. Hinter dem Attentat auf Hauer steckte die
WORF. Wirklich und wahrhaftig. Sollte natürlich
kein richtiges Attentat sein, nur ein Dreh, ein
Trick. Jemand sollte auf ihren Kandidaten
schießen, dann würden ihn mehr Leute wählen,
genug, um den knappen Vorsprung von
Bürgermeisterin Paretzky aufzuholen,
Mitleidseffekt nennt man das. Die WORF war fest
überzeugt, daß die Sache klappen würde, so fest,
daß sie sich mit der Korporation zusammentat, und
viel Geld von ihr borgte, um es auf Hauer zu
setzen.

Kasbek: Das ist jetzt weg. Weil Hauer wirklich
umgebracht wurde. Das war nicht vorgesehen. Wir
haben der Partei eine Minirak mit optischer
Zielfindung besorgt, und ein Zielholo von Hauers
Nebenmann eingegeben, ein kleiner Bonze,
Bezirkschef oder so, absolut entbehrlich hat man
uns gesagt, den sollte es treffen. Harry Hauer
sollte wie durch ein Wunder davon kommen und zum
Bürgermeister gewählt werden.

Jonas: Aber das ist schiefgegangen.

Kasbek: Und wie. Diese Irre hat zu früh
geschossen, nicht in der zweiten Hälfte, wie’s
geplant war, damit Hauer erst seine Rede ungestört
abliefern konnte, und sie hat Hauer getroffen,
nicht den anderen.

Jonas: Weil jemand die Minirak mit Hauers Holo
gefüttert hat.

Kasbek: Was das schlimmste ist: Kurz vor dem
Attentat hat jemand gewaltige Summen darauf
gesetzt, daß Hauer nicht gewählt wird, und jetzt
müssen wir zahlen.

Jonas: Derselbe jemand?

Kasbek: Kann gut sein. Wer das war, wissen wir
noch nicht. Aber wir haben einen Verdacht und da
bohren wir nach. Die Korporation hat nämlich was
gegen Verluste.

Jonas: Verständlich. Karin Heller?

Kasbek: Karin Heller. Sie war Hauers
Wahlkampfmanagerin und von Anfang an in den
Attentatsplan eingeweiht. Hauer hat die Waffe
eingeschmuggelt.

Sam: Ja bitte, three cheers for Mr. Sherlock
Holmes. Hipp Hipp

Jonas: Hurra.

Kasbek: Sherlock Holmes, wieso Sherlock Holmes.

Jonas: Verstehen Sie doch nicht, Kasbek, machen
Sie nur weiter.

Kasbek: Ich soll Sie nicht anrühren, hat Frau
Toivonen gesagt. Ihr Glück Jonas. Heller hat die
Waffe übernommen und an die Irre weitergeben.

Jonas: Wie und wo.

Kasbek: Im Klo für Damen, dabei hätte die Heller
die Minirak umprogrammieren können oder die
Attentäterin.

Jonas: Warum hätte sie das tun sollen?

Kasbek: Na, Euros, was sonst. Wenn sie hinter den
hohen Wetten auf Hauers Wahlverlust steckt, danach
wollten wir sie fragen, aber jetzt...

Jonas: Jetzt stehen Sie da und machen ein noch
blöderes Gesicht als sonst.

Kasbek: Konnt ich ahnen, daß die Dame so
empfindlich ist. Frau Toivonen hat noch was
gesagt, Jonas. Wenn Sie in der Sache was
rauskriegen, und Sie sind gut im rauskriegen, hat
Frau Toivonen gesagt, dann geben Sie uns Bescheid.

Jonas: Glauben Sie.

Kasbek: Ich bin ganz sicher. Badewannen gibt's
auch woanders. Und wenn wir durch Sie wieder zu
unserem Geld kommen, dann kriegen Sie einen
anständigen Finderlohn, hat Frau Toivonen gesagt.

Jonas: Tja, wenn das so ist, dann fangen wir doch
gleich mal an mit dem Rauskriegen. Sam.

Sam: Bei der Arbeit. Was befiehlt mein Mensch und
Meister.

Jonas: Siehst du den Kollegen auf dem
Schreibtisch, was hältst du von ihm?

Sam: Na es geht, ganz nett für einen nichtverbalen
Computer. Na komm putputput. Das ist ein anders
Stück. Sicherung ganz ordentlich.

Jonas: Kommst du rein oder nicht.

Sam: In Anbetracht aller Umstände, Weiterungen,
Ingredienzien sowie Parafernalien dürfte sich
dieses weitestgehend ohne allzu gravierende
Probleme bewerkstelligen lassen. Im großen und
Ganzen.

Jonas: Dann los, rein.

Sam: Jetzt gleich.

Jonas: Sofort.

Sam: Mein Gott sind wir mal wieder hektisch,
eiagor eiagor umgekehrt okay okay.

Jonas: Von seinem Ausflug in Karen Hellers
Computer brachte Sam drei interessante Ergebnisse
mit: Was Kasbek mir erzählt hatte, stimmte, soweit
es die WORF betraf und das falsche Attentat. Was
Karen Heller betraf, stimmte es nicht. Sie hatte
loyal für die Partei und für Hauer gearbeitet. Sie
war unschuldig. Pech, sagte Kasbek.

Kasbek: Pech für uns. Wer hat unser Geld und wie
kriegen wir es wieder.

Jonas: Sie sind ein wahrer Gemütsmensch, Kasbek.
Sonst noch was, Sammy.

Sam: Ja. Folgendes nicht gänzlich insignifikante
Detail fand sich in den Protokollen der WORF-
Präsidiumssitzungen: Die Idee durch ein
Pseudoattentat den Mitleidseffekt zu aktivieren,
stammt von Herrn Harry Hauer höchst selbst. Er hat
die Sache ausgedacht, angeregt durchgesetzt und in
allen Einzelheiten ausgearbeitet.

Jonas: Hauer selber. Aber das heißt.

Sam: Das heißt, er war zu clever, und das ist gar
nicht gut. Ein weiser Rat fürs Poesiealbum, hör
gut zu du meine mentale Mogelpackung, und
beherzige ihn wohl, sei niemals zu clever nicht,
fällt dir was ein dann halte dicht. So, ja so. And
now we go home zu Heia, mama oma, basta.

Jonas: Ein Licht war mir aufgegangen ganz
plötzlich. Jetzt wußte ich alles, dachte ich. Aber
das stimme nicht. Das wichtigste fehlte immer
noch, aber das wurde mir erst später klar. Beweise
fehlten auch, darum schickte ich Sam wieder auf
Tour, als wir zu Hause waren, durch die
elektronische Unterwelt von Babylon, da wo
gewettet wird, wo illegale Gelder verbucht und
abgehoben werden. Niemand laviert so elegant durch
diesen Dschungel wie Sam oder so erfolgreich.

Sam: Ha, endlich daheim, Home sweet home. Naja,
singe, wem Gesang gegeben, Sammy war ganz schön
daneben. Na gut. Man reiche Sam heimischen
Mutterboden auf daß er ihn küsse wie weiland
Karloja äh Pontifex zu Rom, desweiteren reiche man
ihm Cocktail, Pfeife und Pantoffeln, naja und ein
Teddybär zum knuddeln wäre auch nicht schlecht.

Jonas: Ich werd dich knuddeln daß dir hören und
sehen vergeht.

Sam: So nicht.

Jonas: Und vor allem das dämlich quatschen. Was
ist, wer hat die hohen Wetten gegen Hauer
abgeschlossen?

Sam: Er derselbige.

Jonas: Harry Hauer.

Sam: Harry Hauer. Versteckt hat er sich der
Listenreiche, hinter Zweigfirmen, Scheinfirmen,
Tarnfirmen, Tochterfirmen, Schwiegertochterfirmen,
Schwiegermutterfirmen.

Jonas: Das reicht Sammy.

Sam: Nein noch lange nicht, hinter Strohmännern,
Strohfrauen, Strohwitwen, Strohweisen,
Strohpuppen, Strohköpfen, Strohrum. Prost.

Jonas: Und so weiter. Schluß.

Sam: Zu Befehl Schlunz äh Schluß. Wünscht eure
großmächtige Jonasität eine Liste.

Jonas: Später Sammy, halt sie in Bereitschaft und
druck sie aus, wenn wir sie brauchen. Weiter. Wie
sieht’s aus mit Hauer Industries und den anderen
Hauerkonzernen?

Sam: Danke der Nachfrage, Herr Pastor. Mies.

Jonas: Dann ist also was dran an den Gerüchten?

Sam: Was heißt was dran. Noch viel, viel schlimmer
ist die Wirklichkeit als die Fama uns vermeldet,
gar greulich und grauselig. Alle Konten sind
ausgefüllt, ratzekahl leer, das ganze große
Hauerimperium wackelt wie ein Schwammerlenz,
Schlemmerwanz, Lämmerschwanz.

Jonas: Es paßt, Sammy, es paßt alles zusammen.
Hauers Finanzen sind am Zusammenbrechen, Hauer hat
Unsummen gegen den eigenen Wahlsieg gesetzt, Hauer
hat sich den Wahltrick mit dem Attentat
ausgedacht, und weil Karen Heller es nicht wahr,
kann nur Hauer die Waffe umprogrammiert haben, vom
vorgesehenen Opfer auf sich selbst.

Brock: Kripo. Chefinspektor Brock.

Jonas: Eine Frage Brock.

Brock: Glaub ich nicht, Jonas, Sie sind
Supersicherheitsspezialist Nr. 1, Sie können alles
und wissen alles, Sie haben kein Fragen.

Jonas: Machen Sie nur ihre lahmen Witzchen Brock
nichts dagegen aber bitte später. Hatte der tote
Harry Hauer ein Holobild in der Tasche, rund, ca.
3 cm Durchmesser.

Brock: Mit dem Bezirksvorsitzenden der WORF, ja,
warum wollen Sie das wissen.

Jonas: Danke Brock. Harry Hauer.

Sam: Ja, kein Zweifel, my dear Watson. Hauer hat
das Attentat umfunktioniert. Er ist Opfer und
Täter zugleich.

Jonas: Warum Sammy? Selbstmord hab ich zuerst
gedacht, auf besonders spektakuläre Weise, aber
das ist unmöglich. Ein Mensch, der alle seine
Konten plündert, der hohe Wetten abschließt mit
todsicherer Gewinnchance, der will nicht sterben,
der will leben und seinen zusammengerafften
Reichtum genießen, vielleicht nicht in Babylon, da
wo’s warm ist, wo man reichen Leuten keine Fragen
stellt, in der dritten Welt.

Sam: Hmh. In Bangkok zum Beispiel.

Jonas: Bangkok. Harry Hauer hat das Attentat
überlebt, Sam.

Sam: Und Sammy weiß auch wie.

Jonas: Jonas wußte auch. Ihm war zum zweiten Mal
ein helles Licht aufgegangen. Double hieß das
Stichwort. Kopie. Simulakrum, Replik, Klon.
Genzwilling. So einen genetischen Doppelgänger
kann man sich in Japan bauen lassen. Nur in Japan,
weil die Japaner am meisten davon verstehen, und
weil es in allen anderen Ländern strengstens
verboten ist, teuer ist es übrigens auch.

Sam: Das ist er, liebe Gemeinde, hochgeschätzte
Trauerversammlung, der casus knacksus, der
archimedische Punkt, von welchem sich der gesamte
Fall aus den Angel heben bzw. aufräufeln läßt.

Jonas: Hauer hat sich in Japan einen genetischen
Doppelgänger schneidern lassen, er hat ihn nach
Babylon geschmuggelt, er hat ihn äußerlich ein
bißchen verändert, er hat ihm einen Namen gegeben,
und eine Geschichte, und er hat ihm Arbeit
besorgt.

Sam: Eine Arbeit, wohlgemerkt, die den Zwilling in
Hauers unmittelbarer Umgebung festigt.

Jonas: Aus gutem Grund, Sammy.

Belinda: Safety First, Juno Belinda am Apparat.

Jonas: Jonas.

Belinda: Ah.

Jonas: Seit wann arbeitet Benno Moos bei dir?

Belinda: Ähm. Ein Viertel Jahr ungefähr.

Jonas: Wie hast du ihn eingestellt, Darling. Hat
er sich bei dir beworben oder.

Belinda: Hauer hat ihn empfohlen, weil er in
seiner Partei ist. Er hat ihn sich selbst als
Bodyguard ausgesucht, gegen meinen Rat.

Jonas: So hab ich's mir vorgestellt. Tu mir einen
Gefallen, Darling, nein zwei.

Belinda: Soviel du willst Jonas, du brauchst es
nur zu sagen.

Jonas: Fax mir das Bild von Moos rüber, aus seiner
Akte, und dann brauch ich seinen genetischen
Fingerabdruck, einen neuen von heute. Hat du da
was.

Belinda: Ja wart mal, ja, ja einen Filzschreiber,
den hat er benutzt, als er vorhin bei mir war.

Jonas: Gut, den schickst du ans Zentrallabor,
analysieren und mit Harry Hauers genetischem
Fingerabdruck vergleich. Ergebnis an Jonas. So
schnell wie möglich Dringlichkeitsstufe 1a.

Jonas: Ein Holoporträt von Hauer aufzutreiben war
kein Problem. Sam glich die Größen an und legte
sie auf dem Monitor übereinander. Benno Moos und
Harry Hauer.

Sam: Und siehe, sie sind völlig gleich. Identisch.

Jonas: In den Dingen, auf dies ankommt.
Gesichtsschnitt, Knochenbau, Hauttextur, der Rest

Sam: Ist Maske, Herr Spielleiter. Moos hat wenig
Haare.

Jonas: Hauer um so mehr.

Sam: Perücke.

Jonas: Hauer ist rasiert, Moos trägt Schnauzbart.

Sam: Falsch.

Jonas: Englischer Maßanzug für Hauer, Overall von
der Stange für Moos.

Sam: Verkleidung. Harry Hauer, daran dürfte
nunmehr auch nicht der klitzekleinste Zweifel
bestehen, hochehrwürdiges Kardinalskollegium,
Harry Hauer ist Benno Moos bzw. Benno Moos ist
Harry Hauer oder auch Harry Moos ist Benno Hauer
und schließlich Benno Hauer

Jonas: Ist Harry Moos, von mir aus Sammy. Einen
ganz gerissenen Coup hat er sich da ausgedacht der
Kerl. Er tauscht den Platz mit seinem Klon, der
wird als Harry Hauer umgebracht, und Harry Hauer
lebt weiter, als Benno Moos, abgetaucht in Bangkok
und anderswo, mit sehr viel Geld. Der
Zusammenbruch des Hauerimperium tangiert ihn
nicht, er ist Moos, Hauer ist tot.

Sam: Ja, eine schlüssige Rekonstruktion, Herr
Phantombaurat. So hat es Hauer geplant, so sollte
es ablaufen, aber ob es wirklich so abgelaufen
ist.

Jonas: Wieso nicht, Sam. Was stört dich.

Sam: Der prostituierte Platzhirsch, Korrektur der
postulierte Platztausch, du Spekulatius, wann
hätte er stattfinden sollen und wie.

Jonas: Ja, herein.

Moos: Eilige Sendung für Herrn Jonas vom
Zentrallabor.

Jonas: Aber die sollten das doch über Sam
schicken, Dringlichkeit 1a.

Moos: Hände hoch. Zurück, an die Wand!

Jonas: Benno Moos mit Laserstrahler, und bösen
Absichten, er hatte Belindas Fon abgehört, sagte
er, und wollte reinen Tisch machen. Jonas wußte
ihm zuviel.

Jonas: Daß sie Harry Hauer sind zum Beispiel.

Moos: Ich Harry Hauer? Sie sind auf dem falschen
Dampfer, Jonas.

Sam: Heidewitzka, Herr Kapitän, o und recht hat er
auch noch.

Jonas: Was?

Sam: Soeben erreicht uns eine Botschaft vom
Zentrallabor, Dringlichkeitsstufe 1a. Piep.
Überstellter genetischer Fingerabdruck ist
identisch mit dem von Herrn Harry Hauer, bis auf
eine Kleinigkeit, er ist markiert.

Jonas: Markiert?

Sam: Ja. Made in Japan. Wie bei allen in diesem
Lande produzierten Waren gesetzlich
vorgeschrieben. Unser Besucher ist nicht Harry
Hauer, und er ist genaugenommen auch nicht Benno
Moos, weil Benno Moos nicht existiert, er ist ein
Klon, wenn sie wissen was ich meine, euer
Tiefwürden, ein technisches Produkt.

Moos: Wie du, Bruder Computer.

Sam: Keine Vertraulichkeiten bitte.

Jonas: Jetzt versteh ich überhaupt nichts mehr.

Moos: So schwer ist das doch gar nicht, Jonas,
Hauer hat mich in Auftrag gegeben, um mich als
Opfer zu benutzen, aber dabei hat er was
übersehen, daß sein Klon auch seine Eigenschaften
hat nämlich, ich bin wie mein Original, klug,
clever, gerissen.

Sam: Hm ja und hinterfotzig und gemein.

Moos: Gott, das ist eine Frage der Perspektive,
jedenfalls hab ich ihn durchschaut, und bin hinter
seinen Plan gekommen, und ich hab ihn ein bißchen
geändert, eine Kleinigkeit, ich hab dafür gesorgt,
daß das Attentat gleich am Anfang über die Bühne
ging, nicht wie geplant in der zweiten Hälfte der
Kundgebung.

Jonas: Wie haben Sie das gemacht?

Moos: Ich hab der Kemp gesagt, daß sich was
verschiebt, als Hauer sie aus dem Krankenhaus
abholen und in seiner Firma kurz auf Eislegen ließ
mit schönen Grüßen von oben, in der Pause wollte
Hauer mit mir die Rollen wechseln, ein Rendezvous
hat er mir erzählt. Ich soll ihn im Saal
vertreten, er hat mich für blöd gehalten.

Sam: Recht hat er.

Moos: Kurz bevor die Rakete in seinem Kopf
explodierte, muß ihm klargeworden sein, wer von
uns beiden der Idiot ist, ich hab jetzt das Geld,
ich fahr morgen nach Bangkok.

Jonas: Warum nicht schon gestern.

Moos: Weil ich abwarten wollte, was sie zustande
bringen, Jonas, damit ich sie ausschalten kann,
falls es nötig wird, und jetzt ist es nötig. Sie
sind fällig Jonas, und ihr Computer auch.

Sam: Nicht doch Bruder.

Moos: Keine Vertraulichkeiten, du Blechbüchse, mit
dir fang ich an.

Kasbek: Darf man eintreten.

Sam: Nur zü, bei Jonas ist heut Tag der offenen
Tür.

Jonas: Diesmal war es Kasbek. Kasbek von der
Korporation und seine Gorillas. Moos war außer
Gefecht. Zwei Schüsse, linke Hand, rechtes Knie.

Kasbek: Gut, daß Sie uns so schnell informiert
haben, Jonas.

Jonas: Ach hab ich das.

Kasbek: Klar. Über Ihren Computer.

Sam: Siehste.

Kasbek: Ist das der Mann, ich meine der Klon, oder
sagt man das Klon.

Jonas: Sie nahmen ihn mit, und 3 Tage später fand
Jonas was vor seiner Tür, einen dicken Umschlag
mit 1000 Euros in bar und einem Zettel:
Finderlohn.

Jonas: Die Korporation hat also ihr Geld zurück.
Möchte nicht wissen wie.

Sam: Kriegen Millionen und zahlen nur tausend.
Knickrig, knausrig.

Jonas: Und was mach ich damit.

Sam: Na was, behalten du Dummskopf.

Jonas: Ich weiß nicht, Sammy, es ist so was wie
Blutgeld.

Sam: Sag mal Jonas was bist du eigentlich, ein
blutiger Idiot, ein blutiger Anfänger, oder ein
blutarmer Detektiv, na ja wohl mehr das letztere,
der ein paar Euros dringend nötig hat. Merke:
Einem geschenkten Schein schaut man nicht in Darm
hinein. So, und jetzt gehst und kaufst Sammy ein
schönes neues Programm.

Das war Attentat. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski.
Außerdem wirkten mit: Veronika Faber, Sabine von
Maydell, Rainer Basedow, Hartmut Becker und viele
andere (Claudius Zimmermann, Helmut Pick,
Christine Merthan, Hans Stetter, Julia Fischer).
Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz, Assistenz:
Wolfgang Ruhdörfer. Regie: Werner Klein. Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks (1991).
Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Westfront

Jacob: Was ist los mit dir, Jonas? Du sitzt da,
sagst nichts, machst ein Gesicht wie Chefinspektor
Brock im Spätdienst, trinken tust du auch nicht.
Was hast du?

Jonas: Ich mach mir Gedanken, Jacob.

Jacob: Ach was? Worüber?

Jonas: Über Philip Marlowe. Warum er immer im
Trenchcoat rumgelaufen ist. In Kalifornien. Wo es
nie geregnet hat. Damals. Im 20. Jahrhundert.

Jacob: Ich sag dir was, Jonas. Du bist von der
Rolle.

Jonas: Sah ganz so aus. Vielleicht lag’s daran,
daß Judith gerade ein viertel Jahr tot war. Oder
daß mein letzter Fall schon zwei Monate zurücklag.
Wie auch immer. Mit Jonas war nicht viel los. Mit
dem Casablanca auch nicht. Außer Jonas nur zwei
Gäste. Alter Mann. Junge Frau. Hinten in der
Nische.

Jacob: Weißt du, was ich glaube, Jonas? Ich
glaube, du wirst alt. Kein Schwung mehr, kein Pep,
du hast es schon hinter dir.

Jonas: So, glaubst du, Jacob, das wollen wir doch
mal sehen. Hören Sie, ja, Sie meine ich, und Sie
auch. Haben Sie Probleme? Brauchen Sie einen
Privatdetektiv? Völlig umsonst, kostet Sie keinen
Euro. Einmaliges Sonderangebot.

Baltasar: Belästigen Sie uns nicht, junger Mann.

Ophelia: Augenblick, Baltasar. Ein Privatdetektiv,
das ist doch keine schlechte Idee. Falls Sie
wirklich einer sind, Herr...

Jonas: Jonas. Nur Jonas. Und Jonas war wirklich
einer. Genauer gesagt der. Der Privatdetektiv. Der
einzige. Und der letzte. In Babylon und Umgebung.

Baltasar: Gesellen Sie sich zu uns, Herr Jonas,
nehmen Sie Platz, ich darf mich vorstellen,
Baltasar, Schauspieldirektor.

Jonas: Sie haben ein Theater.

Ophelia: Nein, nein wir sind Amateure.

Baltasar: Aber gut, Herr Jonas, ein hervorragendes
Ensemble.

Jonas: Wenn Sie das sagen. Wo kneift die Hose?

Baltasar: Bitte?

Jonas: Wo brennt's wo piekts, wo drückt der Schuh.

Baltasar: Ich verstehe. Lassen Sie mich ein wenig
ausholen, Herr Jonas, seit einigen Wochen proben
wir ein Stück: Hamlet. Prinz von Dänemark, von
William Shakespeare. Womöglich ist es Ihnen
bekannt.

Jonas: Sein oder nicht sein.

Baltasar: Das ist hier die Frage, ganz recht, Herr
Jonas.

Sam: Was ist uns Hamlet und was sind wir ihm daß
wir um ihn sollen weinen.

Ophelia: O, was ist denn das?

Jonas: Mein Taschencomputer. Sam mit Namen.
Verbal. Ungeheuer verbal und ungeheuer gebildet.
Hamlet ist für ihn ein Klacks. Ungeheuer
eingebildet ist er auch. Dazu undiszipliniert,
vorlaut und absolut unentbehrlich. Was würde ich
machen ohne Sam.

Sam: Dir zur Abwechslung mal selber was einfallen
lassen du Kleinsthirn. Das ist ein Witz. Haha.

Jonas: Und nochmal ha. Zurück zu Hamlet.

Sam: Hahahamlet. Ha-ha-kotelett. Hammelkotelett.

Jonas: Ruhe. Wo liegt Ihr Problem, Herr Baltasar.

Baltasar: Kurz gesagt, Herr Jonas, Hamlet ist uns
abhanden gekommen, unser Hauptdarsteller, seit
drei Tagen ist er nicht zu den Proben erschienen.

Ophelia: Und zu Hause ist er auch nicht.

Baltasar: Niemand weiß, wo er sich aufhält, er
ist, so hat es den Anschein, vom Erdboden
verschwunden.

Jonas: Und ich soll ihn für ihn suchen.

Ophelia: Oh ja bitte.

Baltasar: Ohne ihn sehen wir uns außerstande,
unsere künstlerische Arbeit erfolgreich
fortzuführen.

Jonas: Wie heißt er?

Domenico Dellasandro.

Jonas: Wirklich?

Baltasar: Das ist sein Künstlername, eigentlich
heißt er Dalles.

Ophelia: Dieter Dallas.

Jonas: Kein sehr schöner Name, Dieter Dallas und
der andere ist mir zu lang, ich bleibe bei Hamlet.
Haben sie ein Bild vor ihm?

Ophelia: Ja hier, ein Foto von der Probe.

Sam: Ach herrje.

Jonas: Hamlet war jung, dunkel, gutaussehend, sehr
intensiv. Er wirkte, als wolle er sich
aufschwingen, hoch über die abgelatschten Bretter
der Hinterhofbühne, hoch über Babylon. Neben ihm
das war sie, Ophelia, ihren richtigen Namen habe
ich vergessen.

Sam: Was ist ein Name. Schall und Rauch.

Jonas: Für mich sind Sie Ophelia. Weil es steht
Ihnen. Wo wohnt Ihr Hamlet.

Ophelia: Ich bring Sie hin, ich habe einen
Schlüssel, wir sind befreundet, und ich wohne im
gleichen Haus.

Sam: Haha, vielleicht auch nur im Zelt.

Jonas: Ein Quader, auf die Schmalseite gestellt,
vergraut, ausgefranst, 60 Stockwerke, in jedem
Stockwerk 100 Cubics, von Cubiculum, sagt Sam, das
ist lateinisch und heißt Zimmer, ein Cubic ist
kein Zimmer, ein Cubic ist ein Wohnloch, für
alleinstehende Volksrentner und -innen ohne
Zusatzeinkommen, 2 mal 2 mal 3 Meter, alles was
der Mensch braucht, und kein Millimeter mehr.

Ophelia: Ich warte vor der Tür.

Jonas: Das müssen Sie wohl. Liege, Waschbecken,
Holoschirm, Stauraum, leer, nein hier ist was,
Bücher, ha, drei Musketiere, König Salomos
Diamanten, durchs wilde Kurdistan.

Ophelia: Seine Bücher. Er hat sie immer wieder
gelesen und sich begeistert an Abenteuern und
Heldentaten, an Gefahr und Risiko. An allem was er
nicht hatte und wonach er sich sehnte.

Jonas: Ich verstehe, ich verstehe sehr gut.

Sam: Wie ekel schal und flach und unersprießlich
scheint ihm das ganze Treiben der Welt.

Jonas: Du sagt es, Sammy.

Sam: Nicht ich, Blödmann unliterarischer,
Shakespeare Williamsbirne.

Jonas: Auch gut. Er war also Nostalgiker, unser
Hamlet.

Ophelia: Er war unzufrieden, das Leben langweilte
ihn, deshalb ist er zu uns gekommen, zu Baltasars
Truppe, aber die Schauspielerei reichte ihm nicht.
Er wollte

Jonas: Na bitte, in Büchern findet ein Detektiv
manchmal recht interessante Dinge, nicht wahr
Sammy.

Sam: Erlaube mir ergebenst Herrn
Diplombibliotheksrat an Fall Sündenbock zu
erinnern. Zwei Jahre sind seitdem ins Land
gegangen, zwei lange Jahre oder mehr.

Jonas: Shakespeare.

Sam: Sam, Sam der Poet, Sam der Dichter, Sam der
Reimer, Sam der Rammler.

Jonas: Sam der Quatschkopf. Einen getürkten
Notizzettel haben wir damals gefunden. In einem
Krimi. Und heute

Sam: Kopie einer Holotextseite.

Ophelia: Vom 21. Oktober 2012, einen Tag, bevor er
verschwunden ist.

Jonas: Anzeigen, nur Anzeigen, eine ist
eingekringelt.

Ophelia: Enttäuscht, unzufrieden, auf der Suche,
das Leben hat mehr zu bieten als Plan und
Programm, als Volksrente und Alltagsfrust, leben
Sie riskant, leben Sie gefährlich, leben Sie
sinnvoll, machen Sie einen neuen Anfang, wir sagen
Ihnen wie, fonieren Sie...

Jonas: Ein guter Detektiv erkennt eine Spur auf
Anhieb, besonders wenn sie ihm auf dem Tablett
serviert wird. Ich fonierte und wurde für den
nächsten Morgen zu einer Adresse im Zentrum
bestellt, in eins der vielen lackierten Hochhäuser
um den Ernst-August-Platz. Die Firma A wie
Abenteuer residierte im 21. Stock, viel Platz,
viel Geld, ein großzügiger Empfangsraum,
Ledersessel, die fast echt aussahen, Tierfelle und
alte Waffen unter Glas, unbezahlbare Antiquitäten.
Hinter dem englischen Kapitänstisch eine perfekt
gestylte Abenteuerin, Sonnenbräune, Safarikostüm
aus Naturleinen, ein Lächeln so offen wie die
Prärie und so gefährlich wie der Dschungel.

Angestellte: Sie fühlen sich von unserer Anzeige
angesprochen, Herr Jonas.

Jonas: Ein Freund hat mich darauf aufmerksam
gemacht.

Angestellte: Sie sind enttäuscht, frustriert,
unzufrieden.

Jonas: Dieter Dalles. Er nennt sich auch Domenico
Dellasandro.

Angestellte: Sie sind auf der Suche.

Jonas: Vor drei Tagen war er bei Ihnen, am 22.

Angestellte: Durchaus möglich, Herr Jonas. Sie
glauben ja nicht wie viele Babylonier den Wunsch
haben, ihr Leben zu ändern, neu anzufangen und wir
sagen

Jonas: Sie sagen ihnen wie. Siehe Anzeige. Und
was?

Angestellte: Wie meinen Sie, Herr Jonas.

Jonas: Ich meine was. Was tun Sie? Was tut die
Firma A wie Abenteuer.

Angestellte: Wir helfen, Herr Jonas, wir weisen
hin, wir beraten.

Jonas: Werben Sie Söldner?

Angestellte: Nicht direkt, Herr Jonas.

Jonas: Vermitteln Sie Jobs, gefährliche Jobs?

Angestellte: Das kann man so nicht sagen. Erzählen
Sie mir etwas von sich, Herr Jonas.

Jonas: Ich sagte ihr, ich sei im Krieg gewesen, im
antarktischen Krieg, vor 7 Jahren beim 9.
Guerillakommando auf Feuerland. Mehrmals
verwundet, mehrmals dekoriert. Das hörte sie gern.

Angestellte: Auszeichnet, Herr Jonas, genau das
was wir brauchen, erstklassiges Führungsmaterial.
Wenn Sie einen Augenblick nebenan warten würden.
Ich muß kurz noch Rücksprache nehmen, bevor ich
Ihnen ein Angebot machen kann, das für Sie, dessen
bin ich sicher von erheblichem Interesse sein
wird. Die Tür rechts Herr Jonas.

Jonas: Dieter Dallas alias Dallesandro.

Angestellte: Richtig, Ihr Freund, ich werde
nachforschen lassen, ob er uns aufgesucht hat und
ob wir ihm weiterhelfen konnten. Ein paar Minuten,
Herr Jonas, die Bar im Warteraum steht
selbstverständlich zu Ihrer Verfügung.

Jonas: Danke.

Jonas: Eine großzügige Bar, jede Menge Flaschen,
Whisky natürlich, Cognac, Wodka, aber auch Grappa
und Tequila. Jonas ist altmodisch, Jonas ist
Nostalgiker, Jonas hielt sich an Whisky. Scotch.
Viel Scotch, wenig Wasser. Und beim Trinken machte
ich mir Gedanken, über Ophelia, über den
abenteuerlustigen Hamlet und über die seltsame
Firma A wie Abenteuer. Ich dachte an den Krieg.

Jonas: Krieg, wieso Krieg, der Krieg ist vorbei.

Angestellte: Noch nicht, Herr Leutnant, aber es
wird nicht mehr lange dauern. Prosit, Herr
Leutnant, auf den Sieg unserer Waffen.

Jonas: Auf den Endsieg. Leutnant. Ich bin nicht
Leutnant, ich bin Detektiv. Der letzte Detektiv.

Angestellte: Ist Ihnen nicht gut, Herr Leutnant,
trinken Sie noch einen Schnaps, Herr Leutnant, auf
unseren obersten Kriegsherrn seine Majestät Kaiser
Wilhelm den zweiten.

Jonas: Hurra Hurra Hurra. Unsinn, Unsinn, in
Babylon gibt's keinen Kaiser, in Babylon gibt's
nur eine Bürgermeisterin, und die taugt nichts.

Angestellte: Wachen Sie auf, Herr Leutnant, Ihr
Marschbefehl, Herr Leutnant, an die Westfront,
ausgestellt am 10. März 1918, Herr Leutnant.

Jonas: 1918, das ist nicht wahr. Das ist alles
nicht wahr.

Angestellte: Kommen Sie zu sich, Herr Leutnant,
die Pflicht ruft, die Front wartet.

Jonas: Jawohl.

Jonas: Ich war wieder bei mir. Ich hatte geträumt,
einen Alptraum, von der Zukunft, von einer
riesengroßen Stadt namens Babylon, und von einem
Detektiv, der so hieß wie ich. Aber jetzt war ich
wach, und alles war klar, ich wußte wieder, wer
ich war. Leutnant Jonas vom Jägersturmbataillon
großherzogliches oldenburgisches Garderegiment zu
Fuß, am 18. März 1918 unterwegs zur Westfront.

Fahrer: Wenn Herr Leutnant gestatten, Herr
Leutnant müssen aussteigen.

Jonas: Sind wir schon da?

Fahrer: So gut wie, Herr Leutnant. Ab hier müssen
Herr Leutnant marschieren.

Jonas: Welche Richtung.

Fahrer: Da ist die Front, Herr Leutnant, wo
geschossen wird, immer gerade aus durch den
Annäherungsgraben. Hals und Bauchschuß, Herr
Leutnant.

Jonas: Ich sah mich um. Das war also die
Westfront, tiefer Himmel, graue Wolken, graubraune
Bodenwellen, kahl, abgesehen von schwarzen
Baumskeletten, am Horizont Ruinen und Rauch, vor
mir im diffusen grauen Hell-Dunkel rotes Flackern.
Eine unwirkliche Szenerie. Ein Bühnenbild, eine
Theaterlandschaft, und dazu passend die dumpfe
Musik aus den Schlünden der Artillerie. Ich setzte
mich in Marsch durch den Annäherungsgraben, vorbei
an einem Flugplatz, an Wagenparks und
Munitionsdepots, an Batterien, Feldkanonen,
Haubitzen, an Marschkolonnen und
Verwundetentransporten. Der Graben wurden tiefer,
Quergräben tauchten auf, Unterstände, und dann
ging's nicht weiter. Ich war da, in vorderster
Linie.

Major: Da sind Sie ja endlich. Willkommen im
Schützengraben, Herr Kamerad. Schluck aus der
Pulle?

Jonas: Danke Herr Major. Leutnant Jonas meldet
sich zur Stelle. Mein Marschbefehl.

Major: Ja ja schon gut, die Fisimatenten können
Sie sich sparen. Sie sind an der Front Mann, hier
braucht man keine Männchen, hier kneift man den
Arsch zusammen, verstanden.

Jonas: Verstanden Herr Major.

Major: Damit Sie sich gleich richtig eingewöhnen
Herr Kamerad, Sie gehen heut nacht raus.

Jonas: Raus, Herr Major.

Major: Raus, rüber auf die andere Seite.
Stoßtruppunternehmen. Ein paar Torries einsammeln,
damit wir wissen, ob die was wissen.

Jonas: Wissen, was wissen, Herr Major.

Major: Na Sie sind gut. Letzte Nacht in der Etappe
ordentlich einen draufgemacht was? Unsere
Großoffensive Mann, Operation Michael. In den
nächsten Tagen geht's los.

Jonas: Jawohl Herr Major.

Major: Ich geb Ihnen ein paar gute Leute für Ihren
Stoßtrupp. Alte Frontschweine schon jahrelang
draußen. Noch'n Schluck.

Jonas: Danke verbindlichst, Herr Major.

Major: Schlage vor, Sie peilen gleich mal die
Lage, solange es noch hell ist.

Jonas: Befehl Herr Major.

Major: Doch nicht so, Mann, steckt der Kerl
einfach seine Birne über den Rand. Was schicken
die uns bloß für Heinis aus der Heimat. Sie sind
vom Jägersturmbataillon.

Jonas: Jawohl.

Jonas: Oder vielleicht doch nicht, plötzlich wußte
ich es nicht mehr genau. Der Major, der Graben,
die Sandsäcke, die Soldaten, der hängende Himmel,
alles wurde unscharf, fing an zu verschwimmen.

Major: Reißen Sie sich zusammen Mann, ist ja
nichts passiert. Sehen Sie durchs Scherenfernrohr.

Jonas: Befehl Herr Major.

Major: Also der Strich dort hinten etwa 50 Meter,
das ist der Feind. Die vorderste Stellung der
Tommies, und davor die Drahtverhaue, die MG-
Nester, die Erdklumpen und vollgelaufenen
Bombentrichter, die Leichen, die Ratten, der
Gestank, der Schlamm, dieses hochkünstlerische
Stilleben, ist das Niemandsland. Prägen Sie sich
alles gut ein, Mann, da müssen Sie heute nacht
durch.

Jonas: Befehl, Herr Major.

Major: Verdun liegt direkt vor uns. Der
abgebrochene Kirchturm am Horizont, rechts fließt
die Sonne da wo die verkohlten Weidestümpfe
stehen. Die Berge dahinter, Sie können sie gerade
noch sehen, das sind die Vogesen.

Jonas: Irgendwas stimmte nicht, das spürte ich.
Ganz deutlich. Irgendwas mit der Westfront, und
mit mir. War ich wirklich Leutnant Jonas, wirklich
im Jahr 1918, wirklich an der Front. Und was war
mit dem rätselhaften Kasten aus irgendeinem harten
Material in meiner Hosentasche. Behalten, sagte
mir eine innere Stimme, auf gar keinen Fall
wegschmeißen.

Major: Schweres Trommelfeuer, der Tommy kriegt
ordentlich Khartum. Wohl bekomm's. Uhrenvergleich,
es ist jetzt 22 Uhr 18.

Jonas: 22 Uhr 18 Herr Major.

Major: In zwei Minuten rollt die Feuerwalze weiter
nach vorn, dann gehen Sie rüber.

Jonas: Jawohl Herr Major.

Major: Gewehr und Bajot bleiben hier, nur
Handgranaten und Spaten und ihre P08 natürlich. Es
ist soweit, machen Sie's gut, Herr Kamerad. Los.

Jonas: Raus aus dem Graben, mit meinem Trupp,
leise und leise arbeiteten wir uns vor, durchs
Niemandsland, Richtung feindlicher Graben,
plötzlich ein Knall, ein scharfes Zischen, eine
Leuchtkugel stieg auf, noch eine, ein ganzer
Leuchtschirm, ich preßte mich in die Erde,
versuchte mich unsichtbar zu machen, zwecklos,
schweres MG-Feuer setzte ein, ich spürte einen
Schlag gegen die Stirn, dann nichts mehr, gar
nichts, jemand hatte die Welt abgestellt. Ich kam
zu mir, Stille, Dämmerung, es wurde dunkler.
Abend. Offenbar hatte ich eine ganze Nacht und
einen ganzen Tag im Niemandsland gelegen, im
Schlamm. In einem Granattrichter. In Gesellschaft
diverser Gliedmaßen, Eingeweide, Uniformenfetzen.
Jonas war noch ganz, abgesehen von der Schramme an
der Stirn, wo mich ein Splitter getroffen hatte.
Ich hatte Hunger und Durst. Feldflasche und
eiserne Ration hatte ich verloren. Außerdem hatte
ich ein Problem. Ich war Jonas. Nur Jonas. Der
letzte Detektiv. Tätig zu Babylon Vereinigte
Staaten von Europa im frühen 21. Jahrhundert, das
wußte ich, das stand fest. Warum lag Jonas dann in
feldgrau im der Westfront des 1. Weltkriegs herum,
fast ein Jahrhundert vor seiner Zeit, das war mein
Problem. In meiner Tasche war ein Ding, das
Probleme lösen konnte. Ein Kästchen namens Sam.
Ich holte es raus und drückte den
Aktivierungsknopf.

Sam: Leipzig, Rostock, Dresden, Halle Halleluja.
Sammy ist auferstanden von den Toten. Auferstanden
aus Ruinen und der Kuhzunft zugewandt. Jawohl, und
er ist wieder bei seinem Jonas mit dem ist er
wieder vereinigt. Theo gracias. In dulci jubilo.

Jonas: Jubeln kannst du später, Sammy, jetzt wird
gearbeitet. Wo sind wir.

Sam: In der Wildnis, ehrfürchtigster Großmufti,
nicht allzuweit von Babypsilon.

Jonas: Was ist passiert, ich war bei dieser Firma
A wie Abenteuer im Warteraum an der Bar. Der
Whisky.

Sam: Der Whisky, o du mein halt- und zuchtloser
Dipsomane, gepanscht, versetzt mit einer
Bewußtseinsdroge, Blow your mind.

Jonas: Und Detektiv Jonas verwandelte sich in
Leutnant Jonas, im Jahr 1918. Fall Spielwiese,
weißt du noch Sammy, da war's ganz ähnlich. Wie
hieß das Zeug Luzi.

Sam: Luzinon du Franzenhirn.

Jonas: So was muß im Whisky gewesen sein.

Sam: Nicht nur im Whisky, Speis und Trank an
dieser sogenannten Westfront.

Jonas: Aber ja, Sammy, und weil ich fast 24
Stunden nichts gegessen und getrunken habe.

Sam: Bist du wieder klar, Kumpel. Halleluja.

Jonas: Halleluja, Sammy. Also, irgend jemand hat
sich hier draußen in der Wildnis.

Sam: Wo weder Recht gilt noch Gesetz.

Jonas: Genau, da hat sich jemand ein Stück
Westfront aus dem 1. Weltkrieg nachgebaut, über
Anzeigen besorgt er sich Rekruten, ihr Bewußtsein
wird manipuliert.

Sam: Durch schnöden Trank aus mitternächtgen
Kraut, dreimal vom Fluche Hekates betaut.
Shakespeare.

Jonas: Apropos. Hamlet. Ich habe ihn nicht
gesehen. Vielleicht ist er drüben bei den Tommies
oder hier.

Sam: Dies Stücklein Arm, dies Endchen Darm.

Jonas: Hoffen wir das beste, Sammy. Weiter. Wie
bin ich von Babylon hierhergekommen.

Sam: Mittels E-Laster, euer Unbewußtheit, durch
die Wildnis, durch ein Tor.

Jonas: Ja Sammy. Und?

Sam: Ja und da verließen sie ihn, das heißt mich.
In jenem Tore nämlich, kaum vermag ich's über
meine unschuldvollen Lippen zu bringen.

Jonas: Du hast keine Lippen Sam. Was war mit dem
Tor.

Sam: Elektronische Barriere, ein gar hundwürdig
Ding, so jedweden Computer, der es passiert, zum
Absturz wohl mag bringen.

Jonas: Aber du bist doch nicht abgestürzt, Sam.

Sam: Nein und nimmer mehr, hat doch mein Herr in
seiner übervollen Güte erst unlängst seinem Sammy
was spendiert.

Jonas: Richtig, spezielle Abstürzsicherung, nicht
gerade billig.

Sam: Doch lohnend Milord Knieckebein. Sam ist
nicht abgestürzt, Sam wurde lediglich deaktiviert.
Und nun.

Jonas: Hab ich dich wieder aktiviert. OK dann sei
mal ein bißchen aktiver, was hier gespielt wird.

Sam: Klären wir später, wenn wir mehr Daten unser
eigen nennen. Jetzt heißt's Parole Heimat, ab
dafür, soweit die Füße tragen.

Jonas: Einverstanden. Leutnant Jonas desertiert.
Frage wie.

Sam: Frage wie, so schnell wie möglich, trübe
Tasse.

Jonas: Weiß ich selber, wie Sammy.

Sam: Fluchplatz. Gestern Fluchzeug.

Jonas: Der klapprige Doppeldecker. Das
Museumsstück. So was soll ich fliegen.

Sam: Missio Marquis, wer im 21. Jahrhundert
Helikopter steuert, der wird wohl doch keine Angst
haben von einer Fokker D7 anno 1918.

Jonas: Klar, alles ein Kinderspiel, sich durch die
Linien schleichen, den Flugplatz finden, die Wache
ins Bett schicken mit dem Griff meiner Luga P 08,
die Maschine starten und hochziehen, im Dunkel,
sowas macht Jonas jeden Tag, mit links. Ich war in
der Luft, hoch über der Westfont. Kein sehr großes
Gelände, drum herum eine beleuchtete Mauer, nur
unterbrochen von einem zweistöckigen Torhaus.
Seltsam, von unten wirkte der Horizont weit und
endlos.

Sam: Illusionsholos, du Blindschleierich, ringsum
an der Mauer. An der Mauer auf der Lauer liegt ne
kleine Tante.

Jonas: Nicht viel los dahinten.

Sam: Indeed Sir. All quiet an der Westfront.

Jonas: Leuchtkugeln und MGs. Die schießen auf uns.

Sam: Nur zu, da lacht er Hohn, der rote Baron.

Jonas: Jonas ist nicht der rote Baron, Sammy, und
du bist nicht Snopy.

Sam: Na ja.

Jonas: Die Maschine ist getroffen, Sam.

Sam: Jedoch sie hält sich noch. Flieg zu.

Jonas: Wohin?

Sam: Dorthin mein Freund, wo fern im Westen ein
Widerschein den Horizont erhellt.

Jonas: Babylon?

Sam: Babylon, Heimat, süße Heimat.

Jonas: Schaffen wir nicht, Sammy, der Motor setzt
aus.

Sam: Keine Panik, flieg weiter so lang die Füße
tagen.

Jonas: Und dann?

Sam: Steigst du aus.

Jonas: Einfach so.

Sam: Kannst machen wir du willst, du Knallkopf, du
kannst aber auch den Fallschirm nehmen unter dem
Sitz. Hals und Leisterbruch.

Jonas: Am nächsten Tag in Babylon, zu Hause, in
meinem Büroapartment. Heimkehrer Jonas war noch
etwas mitgenommen, aber schon weitgehend
aufgefrischt, und der Zukunft zugewandt.

Sam: Hein ist der Seemann, hein vonne See. Und der
Jäger heim aus der Berge.

Jonas: Shakespeare?

Sam: Halt, euer Unbilden, Robert Louis Stevenson.

Jonas: Wer immer das ist oder war.

Fonrobot: Hallöchen, tut uns ganz, ganz furchtbar
leid, unter der Nummer kriegst du keinen Anschluß
mehr, die lieben Menschen von A wie Abenteuer sind
nicht mehr da, die ganze Firma ist weg, tatü, A
wie aufgelöst. Hallöchen tut uns ganz ganz...

Jonas: Aufgelöst.

Sam: Aufschlußreich.

Jonas: Aber nicht hilfreich.

Sam: Mein Gott, Walter, mußt du denn in einer Tour
hetzen, jachern und wulackern. Mach mal Pause, leg
die Beine hoch, trink gemütlich eine Tasse
Sojakaff.

Jonas: Sammy, da draußen sterben Menschen. Da wird
gebombt und geschossen.

Sam: Well, life is no cherrypicking.

Jonas: Das muß aufhören, Sam. Darum muß Jonas
wissen, was da los ist, wer dahinter steckt und
die Fäden zieht.

Sam: Lobenswert euer Wohlmeinen.

Jonas: Außerdem hat Jonas einen Auftrag.

Sam: Ach Gott, Auftrag für noth für nix und wieder
nix.

Jonas: Das spielt keine Rolle, Sammy, Auftrag ist
Auftrag. Also, Machen wir einen Plan. A wie
Abenteuer ist untergetaucht. Wir müssen woanders
einhaken, zurück zum Kriegsschauplatz in die
Wildnis.

Sam: Ohne neue Daten, wohl Lebensmüde, was. Da ist
kein Plan, du Pappnase, das ist Schrott.

Jonas: So Schrott, weiß du was Schrott ist, Sammy,
ein gewisser Computer veraltet verdreht.

Sam: Verbumdielt.

Jonas: Genau. Der ist Schrott, Sam.

Sam: Als ob du dir was besseres leisten könntest,
korinthenkackende Kirchenmaus.

Jonas: Tusche. Hast du einen besseren Vorschlag.

Sam: Aber immer. Bohren du Bumsprägen, stochern.

Jonas: Das Boot zum Schaukeln bringen.

Sam: Vorausgesetzt, Oberbootsmann Smart bleiben
stets der Tatsache eingedenk, daß er selbst einen
Insassen besagten Bootes bildet.

Jonas: Schon gut, Sammy, was da draußen abläuft
ist der 1. Weltkrieg, in komprimierter Form
sozusagen, maßstäblich verkleinert. Wer ist
Experte.

Sam: Für Weltkrieg 1, mein Herr und Meister.

Sam: Nur einen einzigen gibt's in Babylon, sein
Name Professor Morell, historisches Institut,
Philosophische Fakultät, Universität von Babylon.

Jonas: Professor Morell war in seinem
Arbeitszimmer im Institut. Er war bereit Jonas zu
empfangen und sich anzuhören, was Jonas zu
erzählen hatte.

Morell: Eine fantastische Geschichte, Herr...

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Morell: Sind Sie sicher, daß es sich nicht um
einen Traum handelt oder eine Halluzination
womöglich. Pflegen Sie Solipsin zu sich zu nehmen,
Plastikiff. Kleiner Fehlgriff bei der Dosierung
und Sie erleben die unwahrscheinlichsten Dinge im
Kopf.

Jonas: Das ist nicht die Frage, Professor.

Morell: Nein? Und was ist, wenn ich fragen darf,
die Frage?

Jonas: Entspricht das was ich erlebt habe der
historischen Realität des 1. Weltkriegs.

Morell: Teils teils, Herr Jonas, Waffen,
Gerätschaften scheinen, soweit ich das nach Ihrer
Schilderung beurteilen kann, historisch zu sein,
die Chronologie des gleichen. Diskrepanzen sehe
ich vor allem in der Topographie. Zwischen der
Sonne und den Vogesen liegen gut 300 km.

Jonas: Ich bin also nicht ins Jahr 1918
zurückversetzt worden.

Morell: Sie meinen durch eine Zeitmaschine oder
dergleichen, mein lieber Herr Jonas, so was gibt
es nur in Sciencefiction-Romanen. Ich glaube sie
haben geträumt.

Jonas: Zurück ins Büro. Feierabend für heute. Es
wurde schon dunkel. Hatte mein Besuch bei Morell
das Boot zum Schaukeln gebracht. Ich war nicht
sicher, aber dann als ich meine Bürotür aufschloß
war ich sicher. Ein Schlag, ein plötzlicher
heftiger Schlag auf den Kopf, Stärke 12 auf der
nach oben offenen Richterskala. Mindestens. Ich
war Richthofen, der rote Baron, ich ritt auf
meinem Albator D 2 durch die Wolken und schoß den
Feind daher so wie es mir gefiel. Und dann wachte
ich auf, in meinem Büro, auf dem Fußboden, Hände
auf den Rücken gefesselt, Füße zusammengebunden.

Alk: Hey, Kutte, mach hin.

Kutte: Nicht nervös werden, Alk, Spaß muß sein,
wir warten, bis die dumme Sau richtig wach ist,
und dann sagen wir dem Arsch, was wir mit ihm
machen, Schnellkleber ins Maul und in den Rüssel,
und dann bescheißt er sich vor Angst.

Alk: Ey scharf, Kutte.

Kutte: Und dann hältst du ihm die Birne fest, Alk,
und ich schmier ihn zu, und dann läßt du ihn los,
und dann würgt er und hopst rum, wie angestochen.

Alk: Ey geil, Kutte.

Kutte: Und Stielaugen macht er und den Boden
kratzt er auf und das Blut zischt ihm nur so aus
den Lauschern. Und schön blau wird er.

Alk: Ey super Kutte.

Jonas: Zwei Youngster, rote Gesichter,
Stoppelhaarschnitt, Goldringe in den Ohren, Hools,
Hooligans, ein Killerkommando, ohne Laserstrahler,
ohne Revolver, mit einer Plastikflasche
Schnellkleber, billig und effizient. Ausgesprochen
lebensgefährlich, aber Jonas war auf sowas
vorbereitet. Ich stöhnte und rutschte ein bißchen
zur Seite. So, jetzt stand er richtig, der
Wortführer mit der Leimflache, an meinen Füßen
direkt vor dem Fenster.

Alk: Hey Kutte, der Arsch ist wach.

Jonas: Sam.

Sam: Monsignore wünschen.

Jonas: Notfallplan B und F.

Sam: Zu Befehl Herr Leutnant.

Kutte: Scheißeeeeeeeeeeee!

Alk: Hey Kutte, was ist Kutte.

Jonas: Was war passiert. Sammy der das Leitsystem
des Büro kennt wie seine nicht vorhanden
Westentasche, hatte das Licht aus und das Fenster
auf gemacht, und Jonas hatte die Knie angezogen
und Killer Kutte in den Bauch getreten, worauf der
rücklings aus dem Fenster flog. Nicht ganz so
elegant wie der rote Baron, vielleicht lag's
daran, daß er kein Flugzeug hatte. Kumpel Alk
tapste herum, wußte nicht, was er tun sollte. Sam
half ihm, mit seiner bekannten und beliebten
Imitation einer Polizeisirene.

Alk: Ey Scheiße, die Bullen.

Jonas: Kannst aufhören, Sammy, die Luft ist rein
und mach das Licht wieder an.

Sam: Ja.

Jonas: Die Fesseln sind wir los. Amateure.

Sam: Zur Gänze die meinige Meinung, Meister aller
Klassen, blutige Dilltunten.

Jonas: Was sich auf die schnelle so auftreiben
ließ. Ich bin mir ganz sicher, Sammy, kaum war
Jonas raus, hat Morell sich ans Fon gehängt und
den großen Hintermann angerufen.

Sam: Warum nicht Hinterfrau, alter Chauvi.

Jonas: Sagen wir Hinterperson, und die hat uns
gleich die beiden Hools auf den Hals gehetzt als
Schnellschuß. Die nächsten Killer sind bestimmt
schon unterwegs, echte Profis, da geh ich jede
Wette ein.

Sam: Nun denn und wohl, brechen wir im Zorn und
stoßen wir was.

Jonas: Was.

Sam: Korrektur stoßen wir ins Horn und brechen wir
auf.

Jonas: OK. Wohin Casablanca?

Sam: Da als Schlupfloch meines Jonas weithin
bekannt weniger empfehlenswert.

Jonas: Der arme Schlucker.

Sam: Dito Dösbackel.

Jonas: Mit fällt was ein, Sam. Hamlets Cubic ist
frei.

Sam: Hehe, und die Dame Ophelia hat den Rüssel
Korrektur Schlüssel.

Jonas: Die Dame Ophelia war gar nicht mal sehr
ungehalten, als Jonas sie zu später Stunde
herausklingelte. Vielleicht hätte sie mir gern
mehr gegeben als nur den Schlüssel zu Hamlets
Cubic. Aber dafür war keine Zeit. Das Boot
schaukelte kräftig und durfte nicht zur Ruhe
kommen.

Sam: Babylon Korrektur Babypsilon West, am
Schwanensee 1 9 sprich 19.

Jonas: Unmöglich, Sammy, viel zu feine Gegend.

Sam: Naja.

Ophelia: Am Schwanensee wohnen die Reichen und
Prominenten, Holostars, Unternehmer.

Jonas: Wie Martin Sesam, Produzent von
Zierzwergen. Weißt du noch Sammy.

Ophelia: Aber keine Professoren. Ihr Computer muß
sich irren.

Sam: Ohohohoho, Sam wiederholt: Privatadresse
Professor Morell: Babylon West Am Schwanensee 19.
Ende der Durchsage. Keine Diskussion.

Ophelia: Ah, ist er jetzt beleidigt.

Jonas: Das macht nichts, Ophelia, Sammy wird sich
schnell wieder bekrabbeln.

Sam: Wird er nicht. Das macht nichts Ophelia.
Kanaille kaltschnäuzige.

Jonas: Bis ich am Schwanssee bin kannst du in der
Tasche vor dich hinschmollen. Danke für den
Schlüssel, Ophelia, Sie hören von mir.

Ophelia: Ja, ich, ich würde sehr gerne mitkommen,
Jonas.

Sam: Nein.

Jonas: Ruhe da unten auf den billigen Plätzen,
kommen Sie, Ophelia.

Sam: Kommen Sie Ophelia. Kommen Sie. Sei still
Computer klage nicht und zeig kein lächelnde
Gesicht. Doch wies da drinnen aussieht, geht
niemand was an.

Jonas: In dem Haus hätten 20 Privatdetektive leben
können, aber hier wohnte nur ein Professor,
allein, keine Frau, kein Mann, kein Kind, keine
Beziehung. Allein in einem Luxusambiente, das 20
Detektive sich nie hätten leisten könnten.
Echtholzmöbel, Echtölbilder, Echtglasvitrinen voll
Echtporzellan. Echtwollteppiche. Echt antik.

Ophelia: Vielleicht hat er echt geerbt.

Sam: Echt hat er nicht echt echt.

Jonas: Schön daß du wieder bei uns bist, Sammy.

Sam: Bin ich schon lange du Blockkop. Ihr wärt gar
nicht ins Haus gekommen, hätte Sam euch nicht das
Sicherheitssystem aus dem Weg geräumt.

Jonas: Nett von dir.

Sam: Die Servorobots hab ich auch gleich
lahmgelegt.

Jonas: Wunderbar. Dann haben wir’s nur mit Morell
zu tun.

Sam: Hier schläft er, der Schnarchsack, hinter
dieser Tür.

Ophelia: Wecken wir ihn auf, Jonas.

Jonas: Das macht Sammy. Los Trompete von Jericho.

Sam: Äh Attacke.

Jonas: Auch Morells Nachtgewand war vermutlich
echt antik, aus dem 1. Weltkrieg, lang, weiß mit
Rüschen. Sein Träger war ernst verwirrt, dann
empört, darunter lag Angst und ein ausgesprochen
schlechtes Gewissen.

Morell: Sie Sie mit Ihren fixen Ideen, lassen Sie
mich in Frieden. Wie sind Sie überhaupt hier rein
gekommen.

Jonas: Das ist nicht die Frage, Professor Morell,
die Frage ist, was wissen Sie über die
Pseudowestfront draußen in der Wildnis?

Morell: Verlassen Sie mein Haus, Sie und dieses
Weibstück, auf der Stelle.

Jonas: Sie wollen also nicht reden, Professor.
Gut, wir steigen um, auf Boxhandschuhe und harte
Bandagen.

Morell: Sie, Sie dürfen mir nichts tun, Sie sind
nicht die Polizei. Sie sind nur Privatdetektiv.

Jonas: Ach ja, hören Sie mal zu, Morell, wenn die
Kripo Sie ins Gesicht haut, ist das legal, wenn
ich Sie ins Gesicht haue, ist das.

Morell: Illegal, absolut illegal.

Jonas: Jawohl illegal, aber es tut genauso weh,
vielleicht noch mehr, und mich stört es nicht,
Jonas ist ein ziemlich illegaler Typ.

Morell: Ich sage nichts, kein Wort und wenn Sie
mich totschlagen.

Sam: Warum nicht.

Jonas: Morell übertrieb, totschlagen wollte ich
ihn nicht, foltern auch nicht, obwohl Sammy mir
ein paar raffinierte Methoden vorschlug. Es ging
auch anders. Bringt Gewalt gegen Personen Sie
nicht zum Erfolg, so empfiehlt sich in manchen
Fällen Gewalt gegen Sachen, sagt das kleine
Handbuch für Privatdetektive und solche, die es
werden wollen. Gewalt gegen Sachen, schöne Sachen,
teure Sachen, echt antike Sachen.

Sam: Herr Brandkassenobergutachter könnten ein
Ölschinken ankokeln oder den Perser zu dero
liebwerten Füßen.

Jonas: Macht auf Sie alles keinen Eindruck,
Morell. Wenn ich mir die komischen
Porzellanmännchen vornehme, hier in der
Glasvitrine.

Morell: Um Gotteswillen.

Jonas: Na bitte, direkt ins Schwarze.

Morell: Meine Meißen Sammlung. Mein Gott, das war
ein echter Kandler.

Sam: Weiter so.

Morell: Aufhören, bitte hören Sie auf, ich sage
Ihnen, was Sie wissen wollen.

Sam: Aber ausführlich.

Jonas: Und das tat er. Ausführlich. Mit allen
Einzelheiten. Wenn er mal zu lange Pause machte,
brauchte Jonas nur nach einer Porzellanfigur zu
greifen. Dann lief's wieder. Die Westfront, sagte
Morell, war ein Spielbrett, an dem zwei Spieler
ein Kriegsspiel spielten, mit scharfen Waffen und
lebenden Soldaten. Zwei Superreiche und
Supermächtige.

Morell: Frau Astoria Waldorf.

Jonas: Chefin der Multifirma Multipharm, kennen
wir, kennen wir gut, was Sammy.

Sam: Hmh. Fall Spielwiese, o Herrscher aller
Fakten.

Morell: Und Herr Adolf Beringer.

Sam: Besitzer und Präsident von Supermedia.

Jonas: Supermedia kennen wir doch auch, wenigstens
indirekt.

Sam: Siehe Fall Megastar. Juli 2011.

Jonas: Weiter Morell, Sie sind doch wohl nicht
müde.

Morell: Nein nein, also beide haben das Gelände
erworben und ausgebaut, schon vor ein paar Jahren,
von Frau Waldorf stammt die Droge, die Droge die
das Bewußtsein der Spielfiguren beeinflußt, wenn
ich mal so sagen darf.

Jonas: Luzinon. Hab ich mir doch gleich gedacht.

Sam: Was denn du Dumpfhirn?

Morell: Beringer stellt die medientechnische
Ausstattung, die fernlenkbaren Mikrocams, die den
Krieg aufnehmen, Bild und Ton, und in den
zentralen Gefechtsstand übertragen und die Leitung
von der Zentrale zu den Kommandeuren unten.

Jonas: Da kommt also der Befehl von oben, und
unten wird angegriffen, und verteidigt,
geschossen, gesiegt und verloren. Trommelfeuer,
Grabenkampf, Tote, Verwundete. Warum gerade der 1.
Weltkrieg, Professor?

Morell: Meine Idee, Herr Jonas, der 1. Weltkrieg,
das war noch ein Krieg, Herr Jonas. Der Krieg der
Kriege. Extreme Bewährung, Mann gegen Mann. Opfer
Frontgeist.

Jonas: Dreck, Blut, Angst.

Morell: Genau Herr Jonas, wissen Sie, Waldorf und
Beringer haben beide einen gewissen Hang zum nun
ja Primitiven, Atavistischen, sie wissen, daß sie
Wirtschaft und Politik in Babylon, in ganz Europa
entscheidend mitbestimmen, aber dieses Wissen
genügt ihnen nicht, sie wollen ihre Macht spüren,
direkt, sie auskosten, physisch erleben, sehen,
schmecken, berühren.

Jonas: Und Sie Morell, was ist Ihre Rolle in
diesem Spiel.

Morell: Nein, nicht. Die Herrschaften haben mich
als historischen Berater engagiert, als Gutachter
und Schiedsrichter.

Jonas: Einträglicher Job wie man sieht. Wo ist der
zentrale Gefechtsstand. Na?

Morell: Draußen, direkt am Kriegsschauplatz im
Torhaus.

Jonas: Aha. Na dann wollen wir mal.

Ophelia: Und was machen wir mit ihm, Jonas?

Jonas: Morell nehmen wir mit. Sonst ist er gleich
am Fon und warnt seine Brötchengeber. Wie heute
nachmittag, außerdem kommen wir mit ihm sicher
leichter in die Zentrale. Als Berater haben Sie
doch wohl eine Paßscheibe, Morell.

Sam: Er hat noch was, der schäbige
Schreibtischtäter. Eine E-Limousine, in der Garage
hinterm Haus.

Jonas: Der zentrale Gefechtsstand war ein weiter
fensterloser Raum, ein Raum, der das ganze obere
Stockwerk des Torhauses ausfüllte. In der Mitte
standen zwei gewaltige Konsolen, mit Mikrophonen,
Knöpfen, Reglern, dazwischen erhob sich eine Wand,
beidseitig bestückt mit zahllosen Monitoren. An
jeder Konsole saß ein Spieler. Angespannt.
Konzentriert. Keiner der beiden sah auf, als ich
die Tür öffnete und wir leise den Raum betraten.
Auch Morell war leise, notgedrungen, er hatte die
Mündung meines Laserstrahlers im Rücken.

Waldorf: So werter Kollege nun sehen Sie mal zu,
wie Sie meinen Durchbruch stoppen und noch einen
kleinen Gasangriff obendrauf. Grünkreuz werter
Kollege.

Beringer: Um eine Frontbegradigung komme ich da
wohl kaum herum, werte Kollegin, aber triumphieren
sie nicht zu früh, meine Tanks sind in Kürze
einsatzbereit.

Jonas: Wie schön. Hals und Bauchschuß allerseits.

Waldorf: Jonas, Sie sind nicht tot?

Jonas: Wie Sie sehen, Frau Waldorf. Ich habe den
1. Weltkrieg überlebt und Ihre Hooligans auch.
Stellen Sie mir Ihren Freund vor.

Waldorf: Freund, der Herr ist das genaue
Gegenteil. Mein alter Feind Adolf Beringer.

Jonas: So habe ich mir einen obersten Kriegsherr
immer vorstellt. Alt, fett, Glatze. Wie läuft's
denn so, Herr Beringer.

Beringer: Danke, mäßig, meine Truppen haben gerade
einen kleinen Rückschlag erlitten.

Morell: Offensive Michael, Herr Beringer, 21. März
1918.

Ophelia: Dieter. Nein. O Gott. Er ist tot.

Sam: Na endlich.

Jonas: Hamlet. Gefallen. Zerrissen von einer
Handgranate, und Ophelia hatte zugesehen auf dem
Monitor. Damit war mein Auftrag erledigt. Aber
noch nicht der Fall. Jonas hatte noch was zu
erledigen.

Waldorf: Kein Grund zum Jammern, meine Liebe, Ihr
Freund hat gekriegt was er wollte, ein kurzes
intensives Leben, Gefahren, Abenteuer, Risiko.

Ophelia: Einen schrecklichen Tod.

Waldorf: Der gehört dazu, zwangsläufig, wenn Sie's
nur richtig sehen, haben wir ihm einen Gefallen
getan.

Beringer: Der Gesellschaft übrigens auch, in dem
wie sie von Menschen wie ihm befreien, von
Störenfrieden, unruhigen Elementen,
Nichtangepaßten.

Jonas: Wahre Wohltäter der Menschheit Sie beide.

Waldorf: Auf so hohes Lob erheben wir keinen
Anspruch, Jonas. Wir sind Spieler.

Beringer: Wir spielen. Wir frönen unserer
Leidenschaft.

Waldorf: Am Anfang haben wir Schach gegeneinander
gespielt, Beringer und ich.

Beringer: Dann kamen klassische Kriegsspiele im
Sandkasten, elektronische Simulationen.

Waldorf: Gladiatorenkämpfe im Colloseum haben wir
veranstaltet, Duelle gesponsert, aber das war
alles nicht das wahre.

Beringer: Es war nur Ersatz, nur als ob.

Waldorf: Bis wir auf die Idee kamen, richtig Krieg
zu spielen, in großem Stil mit ganzen Armeen
lebendiger Spielfiguren.

Beringer: Ein erhabenes, ein ungeheueres Gefühl.
Wir spielen Schicksal.

Waldorf: Wir sagen es werde und es wird.

Jonas: So ist das. Darf ich mal, das Mikro:
Friede. Es werde Friede. Waffenstillstand. Der
Krieg ist aus. Ach mach doch die passende
Begleitung Sam, du kannst das ja.

Sam: Ach, darf auch ich mal wieder, na ja dann,
mit Wonne o du mein Berthold von Suttner, Ding
Dong, Ping Pong, King Kong.

Jonas: Die Waffen nieder, jetzt spielte Jonas
Schicksal und zwar gründlich: Drei Befehle gab ich
den Soldaten auf beiden Seiten der Front. Die
Kampfhandlungen einstellen. Nichts essen und
nichts trinken. Den Kriegsschauplatz verlassen und
nach Hause gehen. Ich schaltete die Holos an der
Mauer aus und wartete mit Ophelia, mit Waldorf,
Beringer, Morell. Stundenlang. Bis sich auf den
Monitoren nichts mehr rührte.

Waldorf: Sie sind ein Spielverderber, Jonas.

Jonas: Das Spiel ist noch nicht zu Ende, meine
Herrschaften, das Spiel geht weiter.

Sam: Jawoll.

Beringer: Wie denn. Es sind doch keine Figuren
mehr auf dem Feld.

Jonas: Wir schicken neue raus. Sehen Sie, zu allen
Zeiten hatten alle Soldaten einen Traum, daß die
die den Krieg wollen und herbeiführen, ihn selbst
auszutragen haben

Sam: Ein Ziel aufs innigste zu wünschen.
Shakespeare.

Waldorf: Sie meinen doch wohl nicht.

Sam: Doch er meint.

Jonas: Ich meine. Sie gehen raus, Frau Waldorf,
Herr Beringer, und Ihren zahmen Professor nehmen
Sie mit.

Sam: Und zwar hurtig.

Jonas: Sie wollten natürlich nicht, aber sie
mußten. Wir fütterten sie mit Frontrationen aus
dem Kommissariat unten im Torhaus, und als die
Droge sie ins Jahr 1918 versetzt hatte, trieb ich
sie aufs Schlachtfeld, ich machte das Tor hinter
ihnen dicht und stellte die Holos wieder an. Viel
Vergnügen. Waffen würden sie mehr als genug
finden. Wir fuhren zurück nach Babylon. Ophelia
war stumm, und traurig. Jonas dachte nach. Ob er
sie trösten sollte. Und wie. Und Sammy, der
deklamierte.

Sam: Von Taten fleischlich blutig unnatürlich
zufälligen Gerichten blindem Mord, von Toden durch
Gewalt und List bewirkt und Plänen die verfehlt
zurückgefallen auf der Erfinder Haupt.

Jonas: Der Rest ist Schweigen.

Das war Westfront. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski.
Außerdem wirkten mit: Ute Willing, Jochen Busse,
Harald Dietl, Hans Günter Martens, Horst
Sachtleben und viele andere (Monika Woytowicz,
Inge Solbrig, Hans Stetter, Udo Wachtveitl, Detlef
Kügow, Hans Peder Hermansen, Werner Klein). Ton
und Technik: Günter Heß und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Assistenz:
Wolfgang Ruhdörfer. Regie: Werner Klein. Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks (1991).
Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Wunderland

Jonas: Ein Klient kommt ins Büro. Ein ordentlicher
Fall bei einem ordentlichen Privatdetektiv fängt
so an. So muß es sein. So steht es in den Büchern.
Nicht beim letzten Detektiv. Meine Fälle fangen
meist woanders an. Im Casablanca zum Beispiel.
Dieser Fall fing ordentlich an. In meinem Büro.
Nur eins war nicht in Ordnung. Der Klient hätte
eine Klientin sein müssen. Wunderschön.
Geheimnisvoll. Und möglichst blond.

Milius: Nett haben Sie es hier, Herr Jonas, so, so
übersichtlich.

Jonas: Schauen Sie, Damen und Herren, staunen Sie,
vor Ihnen erstreckt sich in seiner ganzen
unfaßbaren Weite von sage und schreibe 22
Quadratmeter das Büroapartment von Jonas, dem
letzten Detektiv. So lebt Jonas, Damen und Herren,
so arbeitet Jonas, sind Sie hier, um mein Büro zu
besichtigen oder haben Sie was auf dem Herzen?

Milius: Sagen wir, ich habe ein Anliegen, Herr
Jonas, oder genauer, ich habe einen Auftrag für
Sie.

Jonas: Ein ordentlicher Klient in ordentlicher
Aufmachung, die Hände ordentlich im Schoß
gefaltet, die schwarzen Stiefeletten ordentlich
nebeneinander. Jedes einzelne der fünf Resthaare
ordentlich über den Schädel gelegt. Bloß die
Krawatte fiel aus dem ordentlichen Rahmen. Ein
holographisches Design von greller Buntheit.
Chaotisch.

Sam: Wahnsinnig. Unsinnig. Tierisch. Obszön.
Häßlich. Echt geil Total toll. Jawoll.

Milius: Man gönnt sich ja sonst nichts.

Sam: Wo lassen Sie stylen, Genosse?

Milius: Ich bin nicht hier, um über Krawatten zu
diskutieren, nicht mit Ihnen, Herr Jonas, und mit
Ihrem Computer schon gar nicht.

Sam: Ahahah.

Jonas: Es gibt verschiedene Arten von Klienten:
Die einen sagen: Sie haben einen merkwürdigen
Computer. Die anderen sagen: Ihr Ton gefällt mir
nicht. Manche sagen beides. Dieser Typ sagte weder
noch. Eine Rarität. Fast so ausgefallen wie ein
überverbaler überdrehter Computer. Ein Computer
namens Sam.

Sam: Soll ich das spielen, Ricci, soll ich das
noch mal spielen?

Jonas: Untersteh dich, Sammy.

Sam: Spielverderber. Trübe Tasse.

Milius: Zur Sache, Herr Jonas, mein Name ist
Milius, Leo Milius.

Jonas: Und?

Sam: Ja und?

Milius: Ich arbeite im Wunderland.

Jonas: Gut für Sie.

Sam: Ja.

Milius: Als Sicherheitschef, und darum bin ich
hier, Herr Jonas, wir haben nämlich ein Problem,
ein Sicherheitsproblem.

Jonas: Und wie heißt ihr Problem, Herr Milius?

Milius: Sabotage, Herr Jonas, Sabotage im
Wunderland. Wissen Sie, was das bedeutet,
geschäftlich, meine ich?

Jonas: Ich konnte es mir denken. Wunderland ist
ein großer Vergnügungspark. Nicht weit von
Babylon. In der Wildnis. Berühmt für seine
elektronisch-holografischen Simulationsprogramme.
Eine Art Super-Kino zum Mitmachen. Kino gab’s, als
ich jung war. Heute ist es überholt, wie 2D-TV,
wie Bücher. Wunderland ist nicht überholt,
Wunderland ist sehr beliebt, hab ich mir sagen
lassen. Simulation ist nicht mein Bier. Sabotage
schon eher.

Milius: Bisher weiß nur die Führungsspitze im
Wunderland Bescheid, Herr Jonas, wir haben den
Deckel draufgehalten, aber lange wird das nicht
mehr möglich sein, immerhin hat der Ärger schon
vor zwei Wochen angefangen.

Jonas: Einzelheiten, Herr Milius, was, wann,
wie...

Sam: Wohin, woher, wozu, wofern, woholofern.

Jonas: Sei still, Sam. Schießen Sie los.

Milius: Also der erste Vorfall, der war am 21.
Februar.

Sam: In diesem unserem Jahr des Herrn 2013. Immer
präzise, gelle Mister.

Jonas: Was ist da passiert?

Milius: Das Wetter in SA 9.

Jonas: Moment. Wer oder was ist SA 9?

Milius: Simulationsareal 9. Exotische Abenteuer.
Es lief gerade das Programm Hurra die Legion.
Uralt, aber ständig ausgebucht, Herr Jonas. Die
Kunden marschierten durch die Sahara als
Fremdenlegionäre anno 1900. Die Sonne brannte, ihr
Ziel, Fort Zinderneuf war noch viele Meilen
entfernt. Ja wollen Sie sich denn keine Notizen
machen, Herr Jonas?

Jonas: Nicht nötig, mein Computer hört zu und
merkt sich alles. Nicht wahr, Sammy?

Sam: Schnarch...

Jonas: Sam?

Sam: Häh? Is was Chef?

Jonas: Du hast doch nicht etwa geschlafen?

Sam: Niemals! Stets auf den Pisten und den Posten,
Monsieur Capitäne.

Jonas: Das will ich hoffen. Weiter, Herr Milius,
die Leute latschten durch die Wüste.

Milius: Und da, Herr Jonas, fing es plötzlich an
zu regnen. Ein richtiger Wolkenbruch, Herr Jonas,
es regnete und regnete und hörte nicht auf.

Sam: Wenn der Regen, der Regen...

Milius: Das Wettersystem war verstellt und
blockiert. Wir mußten die Legion abblasen, die
Kunden entschädigen, und die Sahara mit einem
speziellen Fönprogramm trocknen.

Sam: Hehehe.

Milius: Ein paar Tage später Vorfall Nummer zwei.
In SA 4, die Welt, aus der wir kommen: Römer,
Ritter, Recken, Programm Kampf mit dem Drachen.
Der Robodrach, ein 10meter hohes Monstrum, fiel
schwer aus der Rolle. Statt Feuer zu speien und
markerschütternd zu brüllen, fehlte er um Gnade,
er heulte, faltete die Tatzen, sagte was von einer
todkranken Frau und 12 unmündigen Kinder. Sehr
frustrierend für die tapferen Drachentöter in den
Plastikrüstungen. Und erst gestern, Herr Jonas,
ist eine Stripperin im Kinderprogramm aufgetaucht.
Freddy Krüger, Schrecken der Elmstreet, der Renner
bei unseren kleinen Besuchern, Sie können sich
nicht vorstellen, Herr Jonas, was die Eltern
gesagt haben, vor allem die Neopuritaner.
Schmutziger Sex in einem gesunden harmlosen
Horrorprogramm.

Jonas: Empörend, Herr Milius.

Sam: Ja, ein böser Streich, ein wahres Bubenstück.

Milius: Wir tun, was wir können, Herr Jonas, aber
wir kommen nicht weiter. Er ist nicht zu fassen,
der Verbrecher, der Saboteur.

Sam: Witzbold, Scherzkeks, Schabernackedei.

Milius: Er kennt sich im Wunderland offenbar
bestens aus, weiß im voraus, was wir planen, wo
wir unsere Fahnder postieren, ja, und darum bin
ich auf die Idee gekommen, einen Außenseiter
einzusetzen, einen unorthodoxen Mann, der neue
Wege geht.

Jonas: Jonas heißt er, 120 Euros pro Tag und
Spesen.

Milius: Sie übernehmen den Auftrag?

Jonas: Sieht ganz so aus. Sabotage im Wunderland
könnte interessant sein. Wer meinen Sie, steckt
dahinter, Herr Milius, die Konkurrenz?

Milius: Nicht ausgeschlossen, Herr Jonas, sehen
Sie, das muß aber unter uns bleiben.

Sam: Natürlich.

Milius: Ein japanisches Unternehmen ist an
Wunderland interessiert und hat erst kürzlich
ernsthafte Fühler ausgestreckt.

Jonas: Und? Wollen die Denverschwerstern
verkaufen?

Milius: Teils teils, Herr Jonas. Glen Denver will.
Gwen will nicht. Unter uns, Glen wird sich
durchsetzen. Glen setzt sich immer durch.

Sam: Sammy auch.

Jonas: Und bevor sie in die Verhandlungen
einsteigen, könnten die Japaner versuchen, den
Wert von Wunderland zu drücken, aha, durchaus
möglich.

Milius: Denken Sie darüber nach, Herr Jonas, und
seien Sie morgen früh in meinem Büro.

Jonas: Wo?

Milius: Ja Wunderland natürlich. Ich gebe am
Haupteingang Bescheid. Moment mal, Sie können
natürlich nicht als Jonas der letzte Detektiv im
Wunderland auftreten, Sie sind, sagen wir...

Jonas: Researcher, für eine geplante Holosendung.

Milius: Einverstanden, und Sie heißen...

Sam: Er heißt Jon, Jan, Janik, Josua, Jason,
Jonathan, Junius, Julius, Augustus, piep letztes
bitte streichen.

Jonas: Janus, nur Janus.

Sam: Ja, der römische Gott des Eingangs und des
Ausgangs, des Anfangs und des Endes, mysteriös,
zwiegesichtig, janusköpfig.

Milius: Morgen früh um 10 bei mir, Herr Janus,
nehmen Sie den Shuttle vom Heliport.

Sam: Und Ihren Fuß von meinem Kopf.

Jonas: Mitten im Wunderland steht ein hoher
künstlicher Berg. Hier sind die Verwaltungsräume
untergebracht, die Werkstätten, die Steuerzentren.
Milius Büro lag hoch oben, nicht weit vom Büro der
Direktorin, direkt unter dem Paradies, dem
Gipfelrestaurant mit der berühmten Aussicht auf
ganz Wunderland. Und darüber lag nur noch das
Doppelpenthouse der Denverschwestern. Milius war
nicht allein, als ich in sein Büro kam, 10 nach
10. Ein Detektiv, der auf sich hält, darf nicht zu
pünktlich sein. Eine Frau stand am Fenster,
unscheinbar angezogen, mein Alter, ein Gesicht,
das Geschichten zu erzählen hatte. Sekretärin? So
sah sie nicht aus.

Milius: Da sind Sie ja endlich, Herr äh...

Jonas: Janus.

Milius: Richtig, Herr Janus. Unsere Fedora hier
wird sich um Sie kümmern. Fedora ist bei uns so
eine Art Mädchen für alles. Sie wird Sie
herumführen, Ihnen zeigen, was Sie sehen wollen,
Ihre Fragen beantworten. Mich müssen Sie
entschuldigen. Machen Sie sich am besten selbst
bekannt.

Jonas: Gute Idee. Im Paradies, bei einem Drink?

Fedora: Wie Sie wollen, Herr Janus, ich stehe zu
Ihrer Verfügung.

Jonas: Fedora war mir sympathisch. Sie hieß nur
Fedora. Das sprach für sie. Und sie hatte was:
Haltung. Stil. Intelligenz. Zu viel für ein
schlichtes Faktotum.

Fedora: Das war ich auch nicht immer, Herr Janus.

Jonas: Nur Janus, den Herrn lassen Sie weg, ich
bin keiner. Was haben Sie früher gemacht, Fedora?

Fedora: Ich war Autorin, Chefautorin im
Wunderland. Die meisten Simulationsprogramme hab
ich entworfen und ausgearbeitet, jahrelang, bis
man keine Autoren mehr brauchte, weil sie überholt
waren, weil jetzt Computer ihre Arbeit machen.
Nicht besser, aber billiger. Weil sie die alten
Programme immer wieder verwenden, meine Programme,
Janus, und nur ein paar Variationen einbauen. Mich
haben sie damals hier behalten, wegen meiner
Verdienste um Wunderland, damit ich nicht nur von
der Volkshilfe leben muß. Ich mach, was anfällt.
Was man mir sagt.

Jonas: Bärenführer für Holoresearcher, zum
Beispiel.

Fedora: Das ist nicht das Schlimmste.

Jonas: Danke. Was trinkt man hier?

Fedora: Wunderland Special natürlich. Waren Sie
denn noch nie im Paradies Janus?

Jonas: Noch nie.

Fedora: Aber doch im Wunderland.

Jonas: Auch nicht.

Fedora: Ach, kommen Sie mit, Janus.

Jonas: Wohin?

Fedora: Zum großen Panaromafenster, ich werde
Ihnen Wunderland vorstellen.

Jonas: Ein Park. Schön. Wie gemalt. Hügel, Wiesen,
Teiche, Bäume, Büsche, Blumen. Synthetisch.
Natürlich. Aber das merkte man nur an der
ordentlichen Ausrichtung, und an den zu stark
leuchtenden Farben. Dazwischen ein paar Gebäude.
Blockhäuser, Burgruinen, afrikanische Strohhütten,
ein schräger Miniwolkenkratzer, und das Colloseum,
in Kopie.

Fedora: Das ist die Arena, für Roboturniere und
Corridas, Autocorridas, sehr beliebt, fast immer
ausverkauft. Außerdem haben wir hier Stimgames,
Einarmbanditen, 4D-Roulette.

Jonas: Und die Simulationen, die berühmten
Wunderlandsimulationen, wo sind die?

Fedora: Unter dem Park, wo sonst, oben liegen nur
die Eingänge. Die Palmengruppe da drüben, da
geht’s runter in SA 9.

Jonas: Exotische Abenteuer.

Fedora: Richtig. Und ein Stück weiter rechts das
Segelschiff auf dem Teich, das ist der Zugang zu
SA 5, Blue Deep, Piraten, Taucher, Riesenkraken.

Jonas: Aha, und daneben der schiefe Turm von
Babylon.

Fedora: Das ist ein amerikanisches Hochhaus aus
dem 20. Jahrhundert, verkleinert, da kommen Sie zu
SA 7, Metropolis, unser Citykrimiareal, Gangster,
Detektive und so weiter.

Jonas: Ach, Detektive haben Sie auch?

Fedora: Ja, Sherlock Holmes, Professor van Dusen,
Kommissar Maigret, und die schwarze Serie, ein
nostalgisches Private Eye Programm, streng
stilisiert mit allen klassischen Zutaten,
vielleicht das beste Programm, das ich je
geschrieben habe, leider läuft es nur noch sehr
selten.

Jonas: Würde ich mir gern mal ansehen, dachte ich,
später vielleicht. Erst die Arbeit. Ich ließ mir
von Fedora die Simulationen erklären. Wie die
Besucher vorbereitet und ausgerüstet wurden, wie
alles in einander griff, Holoprojektionen,
elektronisch gesteuerte Modelle, Besucher im
Rollenspiel, wie die Simulationsprogramme
abschnurrten.

Fedora: Wie ein Uhrwerk. Jedenfalls soll es so
sein. Aber wenn mal was schiefgeht...

Jonas: Hier kann doch nichts schiefgehen.
Wunderland ist Super-High-Tech.

Fedora: Eben drum, Janus. Wenn Sie in einem
Programm nur eine Kleinigkeit, eine winzige
Kleinigkeit verstellen, dann ist gleich der Teufel
los, dann drehen sie durch, diese tollen Computer,
dann spielen sie verrückt, dann brechen sie
zusammen. Wissen Sie, was vor ein paar Tagen
passiert ist?

Jonas: Sie erzählte mir das, was ich von Milius
gehört hatte, die kuriosen Katastrophen in SA 9, 5
und 13, von denen angeblich nur die Führungsspitze
im Wunderland etwas wußte. Sie erzählte sehr
ausführlich und mit keineswegs klammheimlicher
Freude. Das gab mir zu denken. Ich entschuldigte
mich. Auf dem Klo holte ich Sam aus der Tasche.
Nicht, um ihn reinzuschmeißen. Es war Zeit, Zeit
für eine Konferenz unter vier Augen. Nur daß Sam
keine Augen hatte. Sehen konnte er trotzdem, und
hören und reden und kombinieren.

Sam: Ja, nicht daß ein hochgeistiger Computer in
dieser Angelegenheit viel zu kombinieren hätte,
der Fall ist klar, mein lieber Watson. Glasklar.
Kristallklar. Aschklar. Die gesuchte Saboteuse ist
die Dame Fedora.

Jonas: Da bin ich mir nicht ganz sicher, Sammy.
OK, sie kennt die Vorfälle, ganz genau sogar, und
die hat sie Jonas erzählt, obwohl der Janus ist,
Holoresearcher das heißt die Öffentlichkeit.

Sam: Gerade weil, du Flaschenkürbis.

Jonas: Du meinst, sie will die Sachen publik
machen und sie amüsiert sich darüber, kann sein.
Aber das muß noch lange nicht heißen, daß sie die
Dinger selbst gedreht hat. Gibt’s zu, Sammy, du
hast was gegen Fedora, weil sie Computer nicht
ausstehen kann.

Sam: O Vorurteil, dein Name ist Mensch. Computer
sind objektiv. Computer sind emotionslos.

Jonas: Ganz was neues, Sammy.

Sam: Daß besagte Dame unverständlicher weise
Computer nicht mag, nimmt Sam zur Kenntnis, ohne
sich davon auch nur im geringsten beeindrucken
oder gar beeinflussen zu lassen. Mit kühlem
Gleichmut, mit überlegenem Lächeln. Soll sie doch
die törichte trigepieselige Pute, schwachsinnige
Schwalbe, holzköpfiges Huhn.

Jonas: Hör schon auf, Sam. Fakten.

Sam: Fakten, der Herr, bitte sehr. Soeben von
einer elektronischen Kurzexkursion durchs
Wunderland Zentralsystem zurückgekehrt, beehren
wir uns, ihrer geschätzten Aufmerksamkeit folgende
Fakten zu unterbr... Korrektur, zu unterbreiten.
Erstens. Ach was. Die Angestellten im Wunderland
sind, ob an festen oder an variablen
Arbeitsplätzen datenmäßig stets erfaßt und
kontrolliert. Gemäß Ausweis der gespeicherten
Informationen hielt sich keiner von ihnen bei
allen drei Sabotageakten in der Nähe der
entsprechenden Steuerungsanlagen auf, kann demnach
diese auch nicht manipuliert haben. Nun muß aber
in Anbetracht der hierorts waltenden strikten
Sicherheitsvorkehrungen der Täter zum Personal
gehören.

Jonas: Moment, Sammy, das geht nicht.

Sam: Wieso denn nicht.

Jonas: Wenn alle Angestellten ständig kontrolliert
werden.

Sam: Ach, wer sagt denn alle, du Bildungslücke.
Eine im Wunderland beschäftige Person gilt als so
gering, so unbedeutend, daß sie der Pflicht des
regelmäßigen Uhrenstechens nicht unterworfen ist.
Ein Mädchen für alles, von Kollegen wie
Vorgesetzten kaum beachtet, ein Aschenbrödel, eine
Cinderella.

Jonas: Fedora.

Sam: Ja. Die Computerhasserin. Ebendiese. Faktum
Nr. 2: Die drei sabotierten Programme entsprangen
sämtlich der Feder Fedoras. Sie kannte sie also in
und auswendig, war informiert über die Codierung,
und wußte präzis wo und wie der gewünschte Effekt
am besten zu bewirken war. Langer Rede kurzer und
gewichtiger Sinn, die Täterin heißt Fedora. Quod
erat demonstrationsforum et dimonstrandum. Dixi.
How, ich habe gesprochen.

Jonas: Ich sagte es ihr auf den Kopf zu. Sie war
verblüfft, beeindruckt, und sie gab es zu. Auf der
Stelle, ohne Ausflüchte, und ganz und gar nicht
schuldbewußt.

Fedora: Stolz bin ich allerdings auch nicht
darauf, Janus, es war kindisch, ein dummer
Streich, wenn Sie wollen, aber es mußte sein, der
Frust hatte sich in mir aufgestaut über viele
Jahre. Ich mußte was tun, und unter uns, es hat
Spaß gemacht.

Jonas: Ich kann’s Ihnen nachfühlen.

Fedora: Dann behalten Sie’s für sich, Janus. Wer
das bißchen Unfug im Wunderland angestellt hat,
wird Ihre Auftraggeber ja auch kaum interessieren.

Jonas: Im Gegenteil, Fedora.

Fedora: Wieso? Was soll Holo-TV...

Jonas: Ich habe nichts zutun mit Holo-TV, Fedora.
Ich heiße Jonas, nur Jonas. Ich bin
Privatdetektiv, der letzte, und mein Auftraggeber
ist sehr an Ihnen interessiert.

Fedora: Milius?

Jonas: Milius. Kommen Sie, Fedora.

Jonas: Ganz wohl war mir nicht, aber wenn Jonas
einen Auftrag angenommen hat, dann zieht er ihn
durch, auch wenn er ihm nicht gefällt. Fall
Wunderland war kein Ruhmesblatt für Jonas. Sehr
kurz war er auch, dachte ich. Aber das war ein
Irrtum. Der Fall fing erst an. Milius war
begeistert, als ich mit Fedora bei ihm aufkreuzte.
Er präsentierte uns gleich seiner Chefin,
Direktorin Palafox. Die war offenbar nicht ganz so
begeistert.

Palafox: Einen Privatdetektiv haben Sie
eingeschaltet, Milius, dazu waren Sie nicht
autorisiert.

Milius: Ich bin Ihr Sicherheitschef, Frau Palafox,
wie ich meine Aufgaben durchführe.

Palafox: Sagt Ihnen die Direktion, das heißt ich.
Darüber unterhalten wir uns noch, Milius.

Milius: Von mir aus, das wichtigste ist doch, daß
unser Problem jetzt bereinigt ist, der Saboteur
ist gefaßt.

Palafox: Augenblick. Palafox. Ja, die ist hier.
Was? Wann? Wo? Ausschalten. Absperren. Sofort.
Nein, warten Sie auf meine Anweisungen. Glen
Denver ist tot, vermutlich ermordet.

Milius: Im Wunderland?

Palafox: SA 8.

Milius: Gaslighttheater, bei laufendem Programm?

Palafox: In der 11 Uhr Matinee.

Milius: Jack the Rippershow, ich versteh.

Palafox: Sie nehmen die Sache selbst in die Hand,
Milius, allererste Priorität.

Milius: Selbstverständlich, Frau Palafox. Und
Fedora?

Palafox: Jetzt nicht, Milius, Fedora muß warten.
Nehmen Sie sie mit, halten Sie sie fest, in der
Zelle neben Ihrem Büro. Ich werd mich später um
sie kümmern. Und Sie...

Sam: He, sie meint dich.

Palafox: Ja, Sie meine ich, den Privatdetektiv.

Jonas: Mein Name ist Jonas, nur Jonas.

Palafox: Mir völlig egal, wie Sie heißen. Sie
können gehen. Ihr Honorar kriegen Sie überwiesen.
Nehmen Sie den Personallift ganz nach unten, ein
Minimobil bringt Sie dann durch einen der
Servicetunnel zum Heliport.

Jonas: Wunderland hatte es ja mächtig eilig, Jonas
loszuwerden. Aber Jonas war noch nicht fertig mit
Wunderland. Es waren noch zu viele Fragen offen.
Was würde aus Fedora werden? Wer hatte Glen Denver
ermordet. Glen Denver, die an die Japaner
verkaufen wollte, gegen den Willen ihrer Schwester
Glen. Sollte ich mir das Simulationsprogramm
Schwarze Serie zu Gemüte führen bei nächster
Gelegenheit? Darüber dachte ich nach, als ich
Ausschau nach einem Minimobil hielt, im
Servicetunnel, tief unter Wunderland. Plötzlich
ging das Licht aus, ich blieb stehen, versuchte
mich zu orientieren. Da ging es wieder an, noch
plötzlicher, in meinem Kopf. Eine Explosion.
Feuerwerk. Sonne, Mond und Sterne. Vor allem
Sterne. Dann nichts mehr. Zuerst Schmerzen,
heftige Kopfschmerzen, dann der Geruch, vertraut,
nostalgisch, aus der Jugendzeit, Samstag abend,
Vaters Wagen, Benzin. Ich träumte von Benzinautos,
ich mußte träumen, Benzinautos gab’s in Babylon
schon lange nicht mehr. Aber ich träumte nicht.
Ich war wach. Ich saß in einem Benzinauto. Am
Fahrersitz festgeschnallt. Das Auto stand in einem
dunklen Raum, voller Schatten. Plötzlich Action.
Ein Tor klappte auf. Licht, hell, unerträglich,
das erwartungsvolle Röhren einer großen Menge.
Eine Gestalt sprang aufs Trittbrett, griff durchs
Fenster, drückte mein rechtes Knie nach unten aufs
Gaspedal, der Wagen machte einen gewaltigen Satz
durchs Tor, in das Geschrei, ins Licht.

Sam: Wach auf, Tränendrüse. Nimm das Steuer.

Jonas: Sammy, wenn alle mich verlassen.

Sam: Sam bleibt dir treu. Bis daß der Tod uns
scheidet, und das wird er sehr bald tun, du
Saftsack. Reiß dich zusammen. Kuppeln, Schalten,
Lenken.

Jonas: Wo sind wir?

Sam: Wunderland Arena.

Jonas: Autocorrida?

Sam: Drinnen Senior Torero, und siehe, dort nahen
die Toreros. Ole.

Jonas: Zwei riesige Trucks rollten ein,
Ballonreifen, Chrom und schwarzer Lack, an den
massiven Stoßstangen meterlange Hörner, auf die
wollten sie Jonas nehmen, das heißt seinen Wagen,
einen Jeep, anno Golfkrieg, klein, wendig, mit
einem Fahrer, der tat, was er konnte, und Jonas
konnte fahren. Aber das reichte nicht. Zwei Trucks
waren auf Dauer zu viel.

Sam: O O Ole. Was tut uns kund des Volkes Mund?

Jonas: Sammy, ich fahr um mein Leben, und du
kommst mir mit Sprichworten.

Sam: Eben drum, Blödmann. Steht’s schlecht im
Kriege, mach eine Fliege oder auch Fliege.

Jonas: Wie stellst du dir das vor? Soll ich
aussteigen und mich eingraben oder über die
10meter Barriere springen?

Sam: Wie gekommen, so entronnen.

Jonas: Schlechter Reim, Sammy.

Sam: Doch guter Rat.

Jonas: Du meinst, zurück durchs Tor.

Sam: Jawohl, und weiter durch den Tunnel.

Jonas: Hoffentlich gibt’s einen.

Sam: Muß. Auf welchem Wege, euer
Kurzschlüssigkeit, kämen die Fahrzeuge sonst hier
her?

Jonas: Voll überzeugt war ich nicht, aber ich
hatte keine Wahl. Ich schlug einen Haken,
ansatzlos, und war draußen. Im
Bereitstellungsraum. Scheinwerfer an. Sam hatte
recht. Sam hat meistens recht. Es gab einen
Tunnel. Hoch und dunkel und kurz. Und am Ende...

Sam: Oh, ein Tor.

Jonas: Und das ist zu. Was nun?

Sam: Auch nicht eben ein meisterhafter Reim, du
Westentaschen. Augen zu und durch.

Jonas: Bist du sicher, Sammy?

Sam: Sicher bin ich sicher, das ist nur Plastik.
Da bretterst du durch, eiskalt. Ole.

Jonas: Ole. Es krachte und knirschte, und der Jeep
war durch, unter freiem Himmel, in der Wildnis,
ich fuhr weiter, über Stock und Stein, so schnell
es ging, bloß weg von Wunderland, da hatten sie
was gegen Jonas. Aber auch hier draußen ließen sie
ihn nicht in Ruhe. Ich hörte was. Sah mich um. Die
beiden Trucks waren hinter mir her. Und sie kamen
immer näher.

Sam: Gib, gib Gas, lahme Ente.

Jonas: Tu ich ja, Sammy, mein rechter Fuß schrammt
schon fast am Boden. Die Karre ist nun mal nicht
schneller. Sie schwärmen aus, die wollen uns in
die Zange nehmen, Sammy. Von beiden Seiten und
dann...

Sam: Machen sie dich platt.

Jonas: Dich aber auch, Sam.

Sam: Frage: Wollen wir uns das bieten lassen,
Freund meiner digitalen Seele.

Jonas: Möglichst nicht, Sammy, jetzt sind sie auf
gleicher Höhe, rechts und links, die ziehen nach
innen.

Sam: Gas, oh du mein rasender Jonas.

Jonas: Im Gegenteil, Bremse.

Jonas: Die Trucks krachten seitlich aufeinander,
in voller Fahrt, direkt vor meinem Jeep, ihre
beiden Tanks explodieren in einem einzigen
gewaltigen Feuerball. Ende der Jagd. Ich holte
tief Luft, startete den Jeep, fuhr los, Richtung
Babylon. Ich ging nicht zurück ins Büro,
vielleicht warteten sie da schon auf mich.
Trucker, geheimnisvolle Unbekannte, die was von
Jonas wollten. Ich ging ins Casablanca zwecks
Energiezufuhr. Dringend nötig nach den Aufregungen
der letzten Stunden. Da saß ich also vor Jacobs
Whisky und vor seinem in ganz Babylon gefürchteten
Sojasteak, und dachte nach. Es war still. Nur der
Holoset brabbelte vor sich hin.

Holo: In der vergangenen Nacht ist es wieder einer
Gruppe von Drittweltlern gelungen, die
Sperranlagen zu durchbrechen und in den
Grenzbezirk Süd der VSE einzudringen. Dort wurden
sie von starken Schutzverbänden gestellt und
eliminiert. Babylon. Mord im Wunderland
aufgeklärt...

Jonas: Jacob, stell den Holo lauter.

Holo: Glen Denver, Besitzerin von Wunderland,
wurde heute vormittag kurz nach 11 Uhr im
Wunderland ermordet. Wie Wunderlanddirektorin
Palafox erklärte, ist die Täterin bereits gefaßt.
Es handelt sich um eine ehemalige Autorin der
Firma, die in den vergangenen Tagen bereits
mehrmals versucht hatte, Vorstellungen im
Wunderland durch Sabotageakte zu stören. Zur Zeit
befindet sie sich im Gewahrsam der Wunderland
Sicherheitskräfte. Wie Direktorin Palafox ferner
bekannt gab, ist wegen des tragischen Todesfalls
das Wunderland bis auf weiteres für das Publikum
geschlossen. Vatikan Stadt. Der greise Papst
Johannes Paul der zweite hat seine Absicht
erklärt...

Jonas: Stell das Ding ab, Jacob.

Holo: Demnächst die Marsstation der UNO zu
besuchen.

Jonas: Abstellen, Jacob.

Jacob: Weiß ich doch.

Jonas: Fedora, hast du gehört, Sammy, den Mord an
Glen Denver wollen sie Fedora anhängen.

Sam: So hat es den Anschein, Sir.

Jonas: Das stimmt nicht, das stimmt hinten und
vorne nicht. Heute vormittag um 11 war Fedora im
Restaurant Paradies, zusammen mit Jonas.

Sam: Selbigen Jonas, welchen man später aufs Haupt
geschlagen und in die lebensgefährliche
Autocorrida verbracht hat, auf daß er dort
versterbe.

Jonas: Du meinst, da besteht ein Zusammenhang?

Sam: Ja was denn sonst, du mein zum Himmel
schreiender Bildungsnotstand.

Jonas: Damit ich Fedora kein Alibi geben kann.

Sam: Ach, wie könnte Jonas das. Ist er doch in der
Wildnis verschollen, zu Tode gehetzt von tödlichen
Truckern.

Jonas: Jedenfalls denken die das, wer immer die
sind. Moment, Sammy, da gibt’s noch einen, der
weiß, wo Fedora zur Mordzeit war.

Sam: Genosse Milius. Milius, der Ordentliche.
Milius mit der umwerfenden Krawatte.

Jonas: Genau, los Sammy, zurück ins Wunderland.
Wir greifen uns Milius, wir holen Fedora raus und
wir stellen fest, was gespielt wird. Wer Glen
Denver wirklich umgebracht hat.

Sam: Horrido, Herr Forstadjunkt. Auf auf zum
fröhlichen jagen.

Jonas: Problem, Sammy, Problem, wie kommen wir
rein. Wunderland ist geschlossen.

Sam: Ja, aber nicht zu. Es gibt doch ein gewisses
defektes Plastiktor, mit Zugang zum
Servicetunnelsystem.

Jonas: Das Tor war noch nicht repariert. Sie
hatten einen Wächter davor gestellt. Einen von der
Wunderlandsicherheitstruppe in seiner
blaurotgestreiften Uniform. Er sah müde aus. Ich
schickte ihn ins Bett. Mit dem Griff meiner Smith
& Wesson, dann längerer Schleichmarsch durch den
Untergrund, keine besonderen Vorkommnisse. Milius
Büro war leer. Auf den ersten Blick. Auf den
zweiten war er da. Hinter seinem Schreibtisch auf
dem Fußboden. Seine Krawatte war nicht mehr bunt,
sie war nur noch rot.

Sam: Auauau. Rot wie Blut. Also vorhin gefiel sie
mir besser.

Jonas: Erstochen mit seinem Brieföffner.

Sam: Siehste.

Jonas: Damit ist der zweite Alibizeuge für Fedora
ausgeschaltet. Apropos Fedora, wo steckt sie?

Sam: In der Zelle neben diesem Büro. Hat
Direktorin Polarfuchs, Korrektur Palafox gesagt.
Such, Fido, such.

Jonas: Ein belüftetes Loch hinter dem Waschraum
für Randalierer, Taschendiebe, was im Wunderland
so anfiel. Diesmal saß Fedora drin. Ich machte
auf. Milius hatte die Paßscheibe in der Tasche.
Fedora wollte nicht rausgeholt werden. Schon gar
nicht von Jonas. Das änderte sich, als ich ihr
sagte, was los war.

Fedora: Ich soll Glen Denver ermordet haben?

Jonas: Behauptet Palafox.

Fedora: Die lügt. Ich kann sie gar nicht ermordet
haben. Wissen Sie, wie sie umgekommen ist, Jonas?

Jonas: Ich weiß nur wo. SA 8 Gaslightheater, Jack
the ripper show.

Fedora: Ja, da ging sie regelmäßig hin, jeden
Sonntag zur 11 Uhr Matinee, um sich ermorden zu
lassen.

Jonas: Ein ausgefallenes Sonntagsvergnügen.

Fedora: Das war ihre große Leidenschaft. Sie
spielte dann die Prostituierte. London 1888. Jack
lockt sie in einen dunkeln Hinterhof, schneidet
ihr die Kehle durch, schlitzt sie auf, mit einer
Messeratrappe.

Jonas: Jeden Sonntag.

Fedora: Nur heute nicht, da hatte Jack ein
richtiges Messer mit scharfer Klinge. Jack ist ein
Modell, lebensecht, elektronisch programmiert, er
zog sein Programm ab wie immer.

Jonas: Und Glen Denver wurde ermordet, diesmal
wirklich und endgültig.

Fedora: Ich frage mich, was sie in ihren letzten
Sekunden gedacht hat, ob sie Angst hatte, oder ob
es das war, was sie im Grunde immer gesucht hat.

Jonas: Ich frage mich, wer die Messer vertauscht
hat, und wann.

Fedora: Wann? Das kann ich Ihnen genau sagen,
Jonas, zwischen halb 11 und 11. Die Jack-the-
Ripper-Show dauert anderthalb Stunden und läuft
mehrmals am Tag. In der 9 Uhr Vorstellung, als
Glen noch nicht dabei war, war alles in Ordnung.

Jonas: Zwischen halb und 11 waren wir zusammen,
Fedora, im Paradies.

Sam: Jaja, machen wir’s kurz. Schlunz, funz, alles
klar, Fedora ist unschuldig, obwohl sie keine
Computer mag. Jetzt weg, raus hier, Wunderland ist
gefährlich, nicht geheuer, wer zu viel weiß, wird
abgemurkst, wiedersehen, alles Gute, tschüß,
servus, arrivederci. Feierabend, aus die Maus.

Jonas: Also Rückzug durch den Tunnel Richtung
Plastiktor, und dabei stellten wir fest, daß wir
wirklich viel wußten, wir wußten alles, auch wer
Glen Denver umgebracht hat.

Fedora: Palafox. Es kann nur Palafox gewesen sein.

Jonas: Wegen der Japaner.

Fedora: Natürlich, die hätten ihre eigenen
Spitzenmanager mitgebracht. Das machen die immer
so.

Jonas: Und Direktorin Palafox hätte ihren
lukrativen Job verloren.

Fedora: Deshalb hat sie auch Milius ermordet.

Jonas: Und Jonas in die Corrida eingeschmuggelt.

Fedora: Niemand sollte mir ein Alibi geben können.

Jonas: Wissen Sie, Fedora, eigentlich haben Sie
Palafox einen großen Gefallen getan mit Ihrer
Sabotageserie, damit haben Sie sie auf die Idee
gebracht, und Sie haben ihr eine maßgeschneiderte
Mörderin geliefert, frei Haus, auf dem Tablett.
Sie brauchte es nur so aussehen zu lassen, als
gehöre der Mord an Glen Denver dazu als viertes
und letztes Glied der Kette.

Fedora: Woher sollte ich denn ahnen...

Jonas: Pst! Sehen Sie, da vorne...

Fedora: Blaurote Uniformen.

Jonas: Sicherheitstypen, jede Menge und bewaffnet.
Vor dem Ausgang. Hier kamen wir nicht durch. Wir
gingen zurück und überlegten.

Fedora: Es gibt ja noch eine Denverschwester.
Gwen. Die sollten Sie kontakten.

Jonas: Wird sie uns glauben? Ist sie überhaupt zu
erreichen?

Sam: Sie ist, Magni- und Minifizenz.

Jonas: Woher willst du das wissen, Sam?

Sam: Haben wir etwa die kleinen Schweinchen
gehütet, Madam?

Jonas: Sei nicht albern, Sam, das Wunderland
Zentralsystem...

Sam: Hat keine Geheimnisse vor Sam, Sam dem
Biegsamen, dem Geschmeidigen, dem Gewieften, dem
Gewitzten und Verschmitzen, Sam Dampf in allen
Schaltkreisen.

Fedora: Respekt, Herr von und zu Samuel.

Sam: Ein Blick ins System, und Sammy weiß, daß die
Dame Glen Fiddich, Korrektur Glen Denver sich in
ihrem Penthouse aufhält, zum Bleistift, auf dem
Gipfel hoch über Wunderland, und daß ein paar
Stockwerke tiefer im Steuerzentrum Direktorin
Palafox die Fahndung leitet.

Palafox: Achtung, hier spricht Direktorin Palafox,
an alle Sicherheitskräfte im Wunderland.
Großfahndung. Unterstützt von einem auswärtigen
Kriminellen ist Fedora, die Mörderin unserer
verehrten Glen Denver aus dem Gewahrsam
ausgebrochen.

Sam: Siehste?

Palafox: Dabei hat sie euren Chef, meinen Freund,
Leo Milius ermordet. Fedora und ihr Begleiter sind
bewaffnet und äußerst gefährlich. Alle
Sicherheitskräfte werden ermächtigt, bei ihrem
Anblick sofort und ohne Warnung scharf zu
schießen.

Sam: Tschüß.

Jonas: Wir versteckten uns in einem Seitentunnel
und überlegten weiter. Es sah nicht gut aus für
uns.

Fedora: Raus kommen wir nicht, Jonas, und wenn sie
anfangen, alles durchzukämmen, können wir uns
nicht lange halten.

Sam: Agieren, nicht reagieren.

Jonas: Sagt Klausewitz. Sehr richtig, Sammy. Hör
mal zu, du kennst dich doch im Wunderland
Zentralcomputer bestens aus.

Sam: Wie ein Fisch im Wasser. Wie Jonas im
Babypsilon.

Jonas: Wenn wir da nur wären.

Fedora: Jonas, ich hab eine Idee, warum verlagern
wir die Auseinandersetzung mit Palafox und ihren
Leuten nicht auf ein für uns günstigeres Terrain.

Jonas: SA 7 Metropolis. Schwarze Serie.

Fedora: Genau. Ich hab das Programm geschrieben,
ich kenne jede Einzelheit, und Sie, Jonas.

Jonas: Jonas ist Nostalgiker, Fedora, Marlowe-Fan,
Bogie-Fan.

Sam: Sammy-Fan.

Jonas: In einer nostalgischen Detektivsimulation
werde ich mich wie zuhause fühlen. Besser. Bringen
Sie uns hin, Fedora. Sammy wird das Programm
einschalten.

Fedora: Augenblick, Jonas. Palafox ist in der
Steuerzentrale. Wenn in SA 7 ein Programm startet,
merkt sie das sofort.

Jonas: Das soll sie auch. Sammy wird ihren
Befehlstand abblocken, sie neutralisieren, dann
kann sie uns nicht abschalten und ihren Leuten
keine Anweisungen geben. Wenn sie uns fassen will,
muß sie runterkommen, ins Programm einsteigen,
mitspielen.

Fedora: Das wird sie, Palafox ist eine Spielerin.

Jonas: Bestens. Und wenn Gwen Denver auch gern mal
spielt.

Fedora: Tut sie. Wie ihre Schwester. Was haben Sie
vor, Jonas?

Sam: Das wirste schon sehen.

Jonas: Die Stadt hatte viele Namen. Metropolis,
Gotham City, Poisonville, oder einfach die Stadt.
Über der Stadt lag Nacht. Es lag immer Nacht über
der Stadt. Und es regnete. In der Stadt regnete es
immer. Nervös weißes Neonlicht spiegelte sich in
dunklen Pfützen und schwarzglänzendem Asphalt.
Irgendwo wurde geschossen. In der Stadt wurde
immer geschossen... Schritte... Leise vorsichtige
Schritte. Zwei Gestalten traten aus einem dunklen
Torweg auf die schwarz glänzende Straße. Sie
blieben stehen. Zwischen einem Hydranten und einer
verbeulten grauen Mülltonne.

Fedora: Das ist sie, Jonas, die schwarze Stadt der
schwarzen Serie.

Jonas: Gefällt mir. Dunkel. Gefährlich.

Fedora: Die Aura des Bösen.

Jonas: Sie sagen es, Fedora. Vorsicht!

Holo1: Hände hoch!

Fedora: Jonas, keine Angst, die Figur in der
Mülltonne ist nur ein Hologramm.

Jonas: Warum sagen Sie das nicht vorher?

Fedora: Das nächste Mal, versprochen.

Sam: Hoffentlich.

Jonas: Ich tauchte hinter dem Hydranten auf und
steckte die Smith & Wesson weg, dann schlug ich
den Kragen hoch, zog den Hut ins Gesicht, und
führte eine kurze Unterhaltung mit meiner
Manteltasche.

Sam: Alles geritzt, Boss.

Jonas: Palafox weiß Bescheid, Sam?

Sam: Na klar, Boss.

Jonas: Hast du ihre Befehlsleitung blockiert?

Sam: Aber immer, Boss.

Jonas: Und die Sache mit Glen Denver.

Sam: Ist angeleiert, Boss. Aktion Schwarze Serie
läuft, Boss, bestens.

Jonas: OK, Sammy, aber du bist auf dem falschen
Dampfer.

Sam: Wieso?

Jonas: Jonas ist nicht der Gangsterboß in der
schwarzen Serie.

Sam: Aha.

Jonas: Jonas ist der Detektiv, Private Eye,
lonesome Gun, pausenlos unterwegs im Dienst der
Gerechtigkeit, unermüdlich tätig, um die Stadt zu
säubern, um die Chefin der Unterwelt, die
berüchtigte Polly Fox unschädlich zu machen.

Sam: Hoch klingt das Lied vom braven Mann, hoch
auf dem gelben Wangen.

Fedora: Und ich bin die Freundin, die Frau an
seiner Seite, Veronica Lake, Lauren Bacall, ein
bißchen wild, aber loyal, durch und durch.

Sam: Na, ich weiß nicht.

Fedora: Häh?

Jonas: Wir hatten uns passend eingekleidet, in der
Garderobe von SA 7. Fedora trug ein enges
Abendkleid aus Silberlame, darunter nur schwarze
Seidenstrümpfe, darüber einen platingrauen
Chinchillamantel, erstklassiges Imitat. Jonas
hatte sich einen hellen Trenchcoat zum Smoking
gegriffen und einen Filzhut aufgesetzt, schwarz,
mit breiter Krempe.

Fedora: Hey, steht Ihnen, Jonas, steht Ihnen
ausgezeichnet.

Sam: Und auch Gnädigste sehen heute abend
hinreißend aus, charmo charmant küß die Hand.

Fedora: Danke, Herr Sam, ich mag zwar keine
Computer, aber bei Ihnen könnte ich glatt eine
Ausnahme machen.

Sam: Och, sag Sam zu mir, ja, sag du.

Jonas: Setzen Sie Sammy bloß keine Rosinen in den
Kopf, Fedora. Schwarze Limousine von links, Holo
nehm ich an.

Fedora: Nein, Jonas, das sind Sicherheits...

Jonas: Deckung, zurück in den Torweg!

Sam: Aua!

Jonas: Ein schlechter Schütze, der Beifahrer mit
der altmodischen MP. Wir standen auf, klopften uns
ab, und zuckten zusammen. Ein Streifenwagen raste
an uns vorbei, mit heulender Sirene.

Fedora: Das war nun wieder eine Holoprojektion.

Sam: Achtung, melde gehorsamst, soeben ist
Direktorin Palafox in laufendes Programm schwarze
Serie eingetreten. Sie hat Rolle von
Gangsterchefin Polyphon, Korrektur Polly Fox
übernommen.

Jonas: Wie geplant. Wunderbar. Übergang zur Phase
zwei. Sie kennen den Weg, Fedora.

Fedora: Zum Nachtklub.

Jonas: Und zur Telefonzelle.

Fedora: Richtig. Kommen Sie.

Jonas: Wir liefen durch die nassen
schwarzglänzenden Straßen, ab und zu Autos,
manchmal fiel ein Mensch vom Dach und schlug vor
uns aufs Pflaster, oder wir traten auf eine
Leiche, Eispickel im Genick, Loch in der Schläfe.
Wir bogen um eine Ecke und waren da, an der
Telefonzelle.

Holo1: Hallo?

Fedora: Hey, die zwei Figuren, die Polly sucht,
sind im Blackoutclub, sag ihr das.

Holo1: Wer spricht?

Fedora: Eine Freundin.

Jonas: Der Club lag direkt gegenüber. Zuckende
Neonröhren buchstabierten Blackout. Ein
zerschlissener Baldachin, darunter eine Tür, keine
Klinke. Dafür ein Guckloch. Wir klopften.

Holo1: Privat. Nur für Mitglieder.

Fedora: Wir sind Mitglieder, Schätzchen.

Holo1: Ach ja? Zeigen Sie mal Ihren Ausweis.

Jonas: Er nahm die 10-Dollarnote und machte uns
auf. Drinnen war es fast so dunkel wie draußen.
Ein niedriger Saal, nur wenige Gäste, halbseidene
Typen im Smoking. Nachtschwalben in
Arbeitskleidung. Kellnerinnen mit Beinen bis zum
Hals. Vorn ein kleines Podium, ein Klavierspieler
spielte Klavier, eine Sängerin sang. Wir setzten
uns, an einen Tisch, ganz hinten.

Holo2: Pink Lady für die Lady.

Fedora: Danke.

Holo2: Und für Sie, Sir, Scotch on the Rocks.
Haben Sie sonst noch Wünsche? Heroin, Kokain,
Perversionen?

Jonas: Danke. Nicht viel los bei Ihnen.

Holo2: Die Nacht ist noch jung, Sir.

Sam: Sammy auch.

Jonas: Holo?

Fedora: Alles hier drin ist Holo, Jonas, die
Bedienung, die Gäste, die Künstler, alle, mit
einer Ausnahme.

Jonas: Hoffentlich. Ich frage mich, wer von den...

Palafox: Ruhe! Alle an die Wand. Kein Laut, keine
Bewegung!

Sam: Aua!

Jonas: Direktorin Palafox alias Polly Fox. In
einem schwarzen Herrenanzug, mit Weste und
Krawatte, und MP, sehr schick, sehr verrucht. Ihre
Gangster hatte sie mitgebracht, die sahen
allerdings verdächtig nach Wunderlandsicherheit
aus, blaurote Uniformen, Laserstrahler, ein
schwerer Stilbruch. Aber das störte Palafox nicht.
Sie hatte erreicht, was sie wollte.

Palafox: Da ist sie ja, unsere liebe Fedora, mit
ihrem Kavalier, diesem Privatdetektiv.

Jonas: Jonas ist der Name, nur Jonas.

Palafox: Nur zu. Sie werden bald keinen Namen mehr
brauchen. Fesselt die beiden und dann raus mit
euch, wartet vor der Tür, ich hab noch ne
Kleinigkeit zu erledigen.

Jonas: Fünf Minuten später waren wir unter uns.
Palafox, Fedora, Jonas. Die Holofiguren an den
Wänden zählten nicht. Oder doch?

Palafox: So, jetzt müßte ich Ihnen Betonschuhe
verpassen und Sie damit auf den Grund des
Eastrivers schicken, aber ich glaube nicht, daß
wir hier irgendwo Beton haben, und den Eastriver
haben wir schon gar nicht. Wir werden uns mit
dieser Waffe begnügen müssen, keine Attrappe, kein
Hologramm, eine echte Antiquität. Thomygun sagte
man damals dazu.

Jonas: Sie wollen uns umbringen.

Palafox: Ja. Offenbar sind Sie ein ganz besonders
schlauer Privatdetektiv, ja, ich will sie
umbringen.

Fedora: Hören Sie, Frau Palafox.

Palafox: Polly bitte, Polly Fox, Sie fallen aus
der Rolle, Fedora.

Fedora: Also, Polly, warum wollen Sie uns töten,
Polly?

Palafox: Das wissen Sie doch.

Fedora: Sagen Sie es uns trotzdem, Polly, bitte.

Palafox: Na, Sie haben recht, am Schluß wird
reiner Tisch gemacht, so ist es in den alten
Büchern und in den Filmen, OK, packen wir aus. Ich
habe Glen Denver ermordet, weil sie an die Japaner
verkaufen wollte, und die hätten mich rausgesetzt.

Fedora: Das ist ein Grund.

Palafox: Nicht wahr? Es sollte so aussehen, als
gehörten Mord und Sabotage zusammen, aber dann hat
Milius sich eingemischt, und Sie, Sie
Privatdetektiv, Sie haben Fedora als Saboteurin
entlarvt und ihr gleichzeitig für den Mord ein
Alibi gegeben, zusammen mit Milius. Darum mußte
ich auch Milius umbringen. Bei Ihnen hat’s nicht
ganz geklappt, leider, aber das holen wir jetzt
nach.

Jonas: Na bitte, wir hatten Palafox dazu gebracht,
ein Geständnis abzulegen. Wie geplant. Während Sie
redete, bewegte sich was hinter ihr, eine
Holofigur löste sich von der Wand, kam näher, eine
Frau, nicht mehr jung, aufgedonnert, Schlitz im
superkurzen Kleid, Ausschnitt bis zum Bauchnabel,
hinter Palafox blieb sie stehen, holte einen
Laserstrahler aus ihrer Handtasche und bohrte ihn
Palafox in den Rücken.

Gwen Denver: Lassen Sie die Maschinenpistole
fallen, Palafox.

Palafox: Kusch, zurück an die Wand, übernimm dich
nicht, du bist nur eine Holoprojektion.

Gwen Denver: Meinen Sie, Palafox? Erkennen Sie
mich nicht? Vielleicht habe ich mir etwas zu viel
Make-up aufgekleistert, sehen Sie mich nur richtig
an.

Palafox: Mein Gott, Gwen, Gwen Denver, wie kommen
Sie hierher?

Jonas: Wir haben sie kontaket, über meinen
Computer.

Fedora: Und weil sie uns nicht ohne weiteres
glauben wollte, haben wir sie aufgefordert, sich
in die schwarze Serie einzuschleusen, als
unauffällige Holofigur.

Gwen Denver: Und das hab ich getan, mit großem
Vergnügen. Aber wenn ich an meine arme Schwester
denke, die Sie auf dem Gewissen haben, Palafox,
Waffe weg!

Palafox: Ah!

Jonas: Palafox ließ die MP fallen und hielt sich
die rechte Hand. Sie war geschlagen und sie wußte
es. Gwen Denver band uns los, dann informierte sie
die Sicherheitstypen, gab ihnen neue Befehle, ließ
sie abrücken, mit Palafox.

Gwen Denver: Alles erledigt. Wir können das
Programm beenden.

Jonas: Sammy?

Sam: Was wünscht mein Herr und Meister?

Jonas: Schalt die Schwarze Serie ab.

Sam: So sei es, Sahib.

Gwen Denver: Schicken Sie mir Ihre Rechnung, Herr
Jonas. Fedora, kommen Sie mit.

Fedora: Ja. Auf Wiedersehen, Jonas, und... Danke.

Jonas: Das ist also das Simulationsareal. Die
Wirklichkeit. Eine kahle Scheune. Rohre. Ein paar
Drähte. Traurig.

Sam: Ach, mach dir nichts draus, Kumpel, sieh mal,
Babylon ist doch auch was, ne, auch duster, auch
gefährlich, naja vielleicht nicht sehr romantisch,
aber mondieu, was willst du mit Romantik? Kannst
dir nichts dafür kaufen. Weißt du was, Alter, wenn
dir die Wirklichkeit mal zu sehr auf den Wecker
fällt, dann, ja dann gehst du ins Wunderland und
buchst einmal schwarze Serie, nicht, ja.

Das war Wunderland. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski.
Außerdem wirkten mit: Ilona Grübel, Ilse Neubauer,
Karl Heinz Vietsch und viele andere (Helga
Fellerer, Udo Wachtveitl, Julia Fischer). Ton und
Technik: Günter Heß und Christine Koller.
Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Assistenz:
Wolfgang Ruhdörfer. Regie: Werner Klein. (Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1991).
(Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Paranoia

Sam: Zwei Knaben gingen durch das Korn...

Jonas: Nicht schon wieder.

Sam: Der eine blus das Klappenhorn.

Jonas: Nein!

Sam: Doch. Er konnt's zwar nicht gut blasen, doch
blus er’s einigermaßen.

Jonas: Freut euch des Lebens.

Sam: Ja, wahrlich freuet euch und abermals freuet
euch, denn siehe, Großmutter wird mit der Sense
rasiert. Ole. Hahaha.

Jonas: Sam hatte sich einen Virus eingefangen, den
berüchtigten Klapphornvirus, weiß der Teufel, wo
er sich rumgetrieben hatte. Sam ist mein Computer.
Klein, aber laut, eine Nervensäge schon ohne
Virus, und mit Virus gar nicht mehr auszuhalten.

Sam: Und ferner steht geschrieben im Buche des
Klapphorns: Zwei Knaben suchten emsiglich am Baum
nach einem Apfel. Sie fanden keinen Apfel nicht.

Jonas: Der Baum, das war ne Pappel. Hallo.

Koslowski: Was sagten Sie?

Jonas: Ich sagte Hallo.

Koslowski: Ach. Herr Jonas?

Jonas: Nicht ausgeschlossen.

Koslowski: Der Detektiv?

Jonas: Könnte sein. Und wer oder was sind Sie?

Koslowski: Vielleicht eine Klientin. Falls Sie
mich heute noch aufsuchen. Hotel Tivoli, Babylon
Ost, Löwengrube 28, Zimmer 42.

Jonas: Heute noch. Wissen Sie, wie spät es ist?

Koslowski: Selbstverständlich weiß ich, wie spät
es ist. 22 Uhr 27. Sie sollten sich beeilen, Herr
Jonas.

Jonas: Kein Name. Hotel Tivoli, Sammy. Fonnummer.
Sam!

Sam: Bitte sehr, bitte gleich der Herr Fonnummer
Hotel Tivoli. Piep. 772. A zwei Knaben reisten an
den Nil.

Jonas: Ich schalt dich ab, Sam.

Sam: Den andern fraß ein Krokodil.

Jonas: Schluß, Sam. Ende. Punkt.

Sam: Punkt Punkt Komma Strich.

Jonas: Strich drunter. Aus. Kein Klapphorn, kein
Knabe.

Sam: Zwei Knaben, Sir. So steht's geschrieben.

Jonas: Sendeschluß, Sam. Fonnummer Tivoli. Dalli.

Sam: 772583999.

Jonas: In Zimmer 42 wohnte keine Dame. In Zimmer
42 wohnte ein einzelner Herr. Babitsch mit Namen.
Baris Babitsch. Seltsam. Verdächtig. Ganz und gar
nicht astrein. Trotzdem machte Jonas sich auf die
Socken. Alles war besser als im Büro zu hocken und
Sams Klapphornversen zu lauschen. Die Löwengrube
war eine kleine schäbige Straße in einem kleinen
schäbigen Viertel. Hotel Tivoli war nicht klein,
dafür um so schäbiger. Ich sah’s mir an, von der
gegenüberliegenden Straßenseite. Ich war allein,
dachte ich.

Mann mit Plakat: Das Ende der Welt ist nahe.

Jonas: Sie sagen mir nichts neues.

Mann mit Plakat: Bereuet und tut Buße.

Jonas: Bei Gelegenheit. Gehen Sie weiter, Freund.

Mann mit Plakat: Das Ende der Welt ist nahe.

Jonas: Haben Sie schon mal gesagt, außerdem
steht’s auf dem Plakat, das Sie um den Hals hängen
haben.

Mann mit Plakat: Dem Untergang geweiht ist unser
Raumschiff Erde.

Jonas: Kein Wunder, der Kapitän ist besoffen.

Mann mit Plakat: Schon verlassen die Ratten das
sinkende Schiff. Sehen Sie, dort drüben, das helle
Fenster im 4. Stock. Hotel Tivoli. Zimmer 42.

Jonas: Da steigt einer aufs Fensterbrett. Der will
springen. Halt! Tot. Nichts mehr zu machen. In der
Ferne heulten Sirenen. Ich sah mich um. Der
Plakatmensch war verschwunden. Gute Idee. Jonas
verschwand auch. Es war spät. Und ich hatte keine
Lust, mich stundenlang als Zeuge ausquetschen zu
lassen. Am nächsten Morgen wollte ich mir Gedanken
machen über die anonyme Anruferin, über das Ende
der Welt, und über den Selbstmörder in Zimmer 42.
Aber ich hatte keine Zeit, weil jemand zu mir kam.
Eine Frau, an die 40. Dunkel, wohlgefällig
anzuschauen. Sie hieß Lisa Koslowski, sagte sie.
Ihre Stimme kam mir bekannt vor. Hatte sie mich
gestern abend angerufen?

Koslowski: Das spielt keine Rolle, Herr Jonas.

Jonas: Ach, und was spielt eine Rolle, Frau
Koslowski?

Koslowski: Mein Onkel, Herr Jonas.

Jonas: Sieh mal an, der liebe Onkel. Und die
übrige Verwandtschaft alles wohlauf.

Koslowski: Ihr Ton...

Jonas: Gefällt Ihnen nicht, ich weiß. Nachdem wir
das geklärt haben, sollten wir zur Sache kommen.
Warum sind Sie hier, Frau Koslowski?

Koslowski: Weil ich einen Privatdetektiv brauche
natürlich. Aber inzwischen bin ich mir nicht mehr
sicher, ob ich an der richtigen Adresse bin.

Jonas: Sie war. Richtiger ging’s gar nicht. Ich
bin Privatdetektiv. Der letzte und darum auch der
einzige. In Babylon, der großen Stadt, mitten in
den Vereinigten Staaten von Europa. Jonas ist mein
Name, nur Jonas. Nicht Philip Marlowe, nicht Sam
Spade, nicht Nestor Burma. Ein großer Held bin ich
nicht. Ich bin ein Nachfolger. Nehmen Sie mich,
wie ich bin, dann tu ich für Sie, was ich kann.

Koslowski: Ich kann es nicht glauben. Onkel Baris
hätte so etwas nie gemacht.

Jonas: Was?

Koslowski: Selbstmord. Ich versteh das nicht.

Jonas: Ich verstand es auch nicht. Diese
Unterhaltung hatte ich schon mal geführt. Wort für
Wort vor 4 Jahren. Mit Judith Delgado. Aber an
Judith wollte ich jetzt nicht denken. Judith war
tot. Am 19. Juli 2012 hatte man sie erschossen.
Vor genau 9 Monaten.

Koslowski: Onkel Baris ist aus dem Fenster
gesprungen, sagt die Polizei, gestern abend.

Jonas: Kurz vor Mitternacht. Zimmer 42. Hotel
Tivoli. Löwengrube 28.

Koslowski: Korrekt, Herr Jonas.

Jonas: Sie haben mich gestern angerufen, Frau
Koslowski.

Koslowski: Das ist nicht ihr Problem, Herr Jonas,
Ihr Problem ist, was steckt hinter dem angeblichen
Selbstmord, wie ist Onkel Baris wirklich
umgekommen, das sollten Sie herausfinden, Herr
Jonas, das ist ihr Auftrag.

Jonas: 120 Euros pro Tag und Spesen.

Koslowski: Einverstanden.

Jonas: Name?

Koslowski: Babitsch. Baris Babitsch. 60 Jahre,
alleinstehend.

Jonas: Volksrentner?

Koslowski: Wo denken Sie hin, Herr Jonas, Onkel
Baris ist, war eine Persönlichkeit von Gewicht,
der Leitende Direktor von Sanssouci.

Jonas: Sanssouci. Sorgenfrei. Von wegen
Entsorgung. So heißt die Müllkippe von Babylon,
draußen vor den Toren, mehr als eine Müllkippe,
eine Mülllandschaft. Müllberge. Müllebenen.
Müllschluchten von Horizont zu Horizont, viele
Quadratkilometer, vollautomatisch gewartet von
riesigen Müllmaschinen, Schaufeln und Bagger auf
Ketten.

Koslowski: Und da hat er auch gewohnt, Onkel
Baris. In Sanssouci. Im Verwaltungstrakt. Gleich
neben seinem Büro.

Jonas: Nicht im Hotel Tivoli?

Koslowski: Im Hotel hat er sich erst gestern
eingemietet, ganz plötzlich, ohne Gepäck.

Jonas: Aus welchem Grund?

Koslowski: Das weiß ich nicht.

Jonas: Vielleicht sollte ich da ansetzen.

Koslowski: Im Tivoli können Sie sich später
umsehen, Herr Jonas, zuerst fahren Sie raus nach
Sanssouci, gleich, so schnell wie möglich. Mieten
Sie sich ein E-Mobil.

Jonas: Das kostet was, Frau Koslowski.

Koslowski: Auf Spesen natürlich. Brauchen Sie
einen Vorschuß?

Jonas: Den braucht Jonas immer. Außerdem brauchte
er Rat. Dringend. Im Fall Babitsch stimmte hinten
und vorne nichts. Gab es überhaupt einen Baris
Babitsch? Als Lisa Koslowski gegangen war, ließ
ich Sam nachsehen.

Sam: Boris Klapphorn. Piep. Geboren 13.3.1953.
Verstorben, Klammer auf, Suizid Klapphorn zu,
22.4.2013, Klapphornnummer 17357

Jonas: Falls du Bürgernummer meinst, Sammy, die
brauchen wir nicht. Funktion.

Sam: Leitender Direktor der staatlich
babylonischen Klapphorndeponie Sanssouci.

Jonas: Wenn du noch einmal Klapphorn sagst, Sam,
nur noch ein einziges Mal, dann fliegst du aus dem
Fenster.

Sam: Aus dem 16. Stock, du Sadist? Da könnte ein
Klapphorn leicht Schaden nehmen.

Jonas: Ich geb’s auf. Hat er eine Nichte namens
Koslowski?

Sam: Der Baris Klapphorn?

Jonas: Babitsch heißt er, Babitsch, hat er oder
hat er nicht?

Sam: Hat er nicht, euer Unbeherrschlichkeit, weder
Koslowski noch überhaupt eine Nichte. Zwei Nichten
gingen durch das Korn, die eine hinten die andere
vorn, ahahaha.

Jonas: Sam aus dem Fenster zu werfen, brachte ich
nicht übers Herz, ich stellte ihn ab, dann steckte
ich ihn ein und ging. Eine Stunde später saß ich
im E-Mobil unterwegs nach Sanssouci, durch die
Wildnis, immer gerade aus, auf den hohen
Verteilerturm zu, der mitten in der Deponie steht,
und auch die höchsten Müllberge weit überragt.
Kurz vor 3 war ich da, nach Dienstschluß. Das
Verwaltungsgebäude war so gut wie leer. Aber als
ich die Tür zum Büro des Direktors aufmachte...

Frank: Nur herein, Jonas, wir warten schon auf
Sie.

Jonas: Oberst Frank!

Frank: In Lebensgröße. Machen Sie den Mund zu,
Jonas, die Tür auch, und nehmen Sie bitte die
Hände hoch. Durchsuchen, Rosencrantz.

Rosencrantz: Zu Befehl, Herr Oberst.

Jonas: Oberst Frank, Chef des babylonischen
Geheimdienstes GD. Früher Terrorpolizei. Ein
unangenehmer Zeitgenosse. Zweimal hatte Jonas
bisher mit ihm zutun gehabt, Fall Todestour und
Fall Inselklau.

Frank: Auf ein neues, Jonas, in alter
Freundschaft.

Jonas: Passe. Jonas steigt aus.

Frank: Das können wir nicht zulassen, was meine
Herrn. Halten Sie ihn fest.

Rosencrantz: Zu Befehl, Herr Oberst.

Jonas: Was wollen Sie von mir?

Frank: Wir haben einen Hinweis bekommen, einen
anonymen Hinweis, daß Sie hier aufkreuzen würden.
Aber das war uns sowieso klar, immerhin stecken
Sie drin bis über die Halskrause.

Jonas: Wo stecke ich drin?

Frank: Aber Jonas, im Fall der sogenannten
Selbstmorde natürlich.

Jonas: Wieso sogenannte, und wieso Selbstmorde?
Ich kenne nur einen.

Frank: Babitsch meinen Sie? Da sollten Sie sich
wohl auskennen, Jonas, schließlich haben Sie den
Mann um die Ecke gebracht.

Jonas: Was, ich?

Frank: Sie waren da, Jonas, Hotel Tivoli, gestern
nacht.

Jonas: Sie sind gut informiert, Frank.

Frank: Das ist unser Job, Jonas. Jetzt müssen wir
nur noch feststellen, für wen Sie arbeiten, obwohl
wir das eigentlich auch schon wissen.

Jonas: Würden Sie es mir verraten?

Frank: Spielen Sie nur den Idioten, Jonas, Sie
machen das nicht schlecht.

Jonas: Naturtalent, Frank.

Frank: Aber das hilft Ihnen nicht raus. Ich weiß,
daß Sie für die Drittwelt arbeiten, für
afrikanische und asiatische Terrorgruppen. Sie
erinnern sich doch noch an die Kusbekische
Befreiungsfront. Ich weiß, daß die hinter allem
steckt, was bei uns passiert, auch hinter den
Selbstmorden, und das heißt, hinten Ihnen Jonas.

Jonas: Sie spinnen, Frank, Sie sind nicht dicht,
paranoid, Berufskrankheit nehm ich an.

Frank: Wir werden uns in Babylon weiter
unterhalten, in der Zentrale, da haben wir
Experten, die jeden zum Reden bringen, auch Sie,
Jonas. Kommen Sie. Rosencrantz, Güldenstern, Sie
behalten den Mann im Auge.

Rosencrantz: Zu Befehl, Herr Oberst.

Jonas: Jonas kam mit, ruhig, in sein Schicksal
ergeben. So sah es aus, aber vor dem Haus riß ich
mich los, rannte um die Ecke, nach hinten, wo mein
E-Mobil stand, Start, los, nicht zur Straße nach
Babylon, weil Frank das erwartete, in die andere
Richtung, zur Deponie, in den Müll, das heißt bis
zum Rand, da ließ ich den Wagen stehen, weiter
ging’s nur zu Fuß, über Müllberg und Mülltal, eine
aufreibende Kletterei, ganz abgesehen vom Geruch,
aber es gab schlimmeres, Franks Experten zum
Beispiel. Also weiter, immer tiefer in den Müll,
wo ich sicher war, dachte ich. Ich dachte falsch.
Wie so oft. Ein Geräusch hinter mir, ich drehte
mich um und fühlte mich auf einmal sehr klein.

Jonas: Eine Müllmaschine! Sie haben mir eins von
diesen Superbaggern nachgeschickt. In 5 Minuten
hat er mich, und dann macht er Matsch aus Jonas.
Sam, Sammy, ich brauch dich.

Sam: Jaja, abgestellt, angestellt, hüh und hott,
ne, erst beschimpfen und dann bitte, bitte, ja,
das kennen wir. So ist das Leben, eure
dialektische Weltweisheit, ein ewiges auf und ab.
Wie spricht das Klapphorn.

Jonas: Ich laß dich hier, Sammy, ich schmeiß dich
auf den Müll.

Sam: Nicht doch, Freund. Es spricht vergeben und
vergessen, das ist Computers Zier. Was steht zu
Diensten?

Jonas: Tu was, Sammy, steig ins Kontrollsystem der
Deponie, halt ihn an den Leviatan. Kennst du das
Codewort.

Sam: Das Sesam öffne dich des Sanssouci-Systems, o
du mein Ali Baba, aber gewiß doch, es lautet
Klapphorn.

Jonas: So, das reicht, du hast es so gewollt.

Jonas: Plötzlich sackte der Bagger weg, in ein
Loch, eine durch Müll verdeckte Fallgrube, und da
kam er nicht mehr raus, draußen im Müll Bewegung,
Menschen tauchten auf, graue Gestalten, vom Rand
der Grube hakten sie auf die gefangene Maschine
ein, mit Stangen und Steinen, wie Neandertaler auf
der Mammutjagd. Das mußten Trolle sein. Ich hatte
davon gehört. Trolle lebten mitten im Müll, von
dem was sich bot, auch von Menschen, wenn sie
welche kriegten, sagt man. Jonas blieb in Deckung,
vorsichtshalber, bis sie den Bagger kurz und klein
geschlagen hatte und mit den Stücken abgezogen
waren. Dann zog auch Jonas ab. Es wurde dunkel.

Sam: Hallo, Augenblick mal, Chef, Sie haben was
vergessen.

Jonas: Nicht das ich wüßte.

Sam: Sam heißt er. Ein Computer ist er.

Jonas: Das Klapphorn meinst du, das bleibt hier,
auf dem Müll, ich hab keine Verwendung dafür. Du
kannst mir viel erzählen. In dieser Nacht wurde
geschlichen. Erst durch den Müll, dann durch die
Wildnis. Am frühen Morgen war Jonas wieder in
Babylon, mit Sam natürlich, unbeschadet, müde,
guter Dinge, vor allem wenn ich an Oberst Frank
dachte, der stocherte sicher noch im Müll rum,
aber als ich die Tür zum Büroapartment aufstieß,
verging mir die gute Laune schlagartig. Ich hatte
Besuch gehabt.

Sam: Barbaren, Goten, Skyten, Hunnen, Vandalen.

Jonas: Alles durchgewühlt, alles auf den Kopf
gestellt, den Bürowhisky haben sie ausgetrunken,
meine letzte Flasche Old Forrester.

Sam: Sie ruhe in Frieden. Mein tief empfundnes
Beinkleid den durstgeplagten Hinterbliebenen aus
ganzem Herzen.

Jonas: Hast keines, Sammy, trotzdem danke.

Sam: Bitte.

Jonas: Deinem Speicher ist zum Glück nichts
passiert.

Sam: Was?

Jonas: Ja, sie haben’s versucht, aber sie konnten
ihn nicht knacken, Sam 1 ist eine Festung.

Sam: Nichts passiert? Und diese tiefe Wunde, du
gefühlslose Tomate?

Jonas: Ach, das ist nur ein Kratzer, Sam, da
schmieren wir bei Gelegenheit ein bißchen Lack
drauf. So, fahr mal das Bett aus, Jonas ist müde,
aufgeräumt wird später.

Sam: Geschlafen auch. Tatatata. Der Sammy stößt
ins Klappenhorn...

Jonas: Geht das schon wieder los.

Sam: Mein Jonas hat hier nicht verloren, er eile
flott von dannen, sonst schnappen ihn die Mannen,
er eile fix von innen, sonst kriegen ihn die
Finnen.

Jonas: Finnen, was für Finnen?

Sam: Naja Rinnen, Zinnen, Spinnen, nur des Reimes
wegen.

Jonas: Und wen meinst du in schlichter Prosa, Sam?

Frank: Uns meint er, Jonas. Wissen Sie, wir hatten
keine Lust, stundenlang im Müll zu buddeln, statt
dessen haben wir es uns bei ihnen bequem gemacht,
wir haben ihr Büro ein bißchen umdekoriert, und
wir haben gewartet, für alle Fälle, und Sie haben
es tatsächlich geschafft, Jonas, trotz
Müllmenschen und Müllmaschinen, Respekt Jonas,
guter Mann. Ihr Whisky ist übrigens auch nicht
schlecht. Rosencrantz?

Rosencrantz: Herr Oberst?

Frank: Verpassen Sie ihm was mit ihrem
Neurofreezer, damit er uns nicht noch mal
auskneift.

Rosencrantz: Befehl, Herr Oberst.

Jonas: Sie hatten nicht nur Neurofreezer, sie
hatten auch weiße Mäntel und eine Bahre, auf die
legten sie Jonas. Kein Problem, ich war hilflos,
steif wie ein Brett. Sie schleppten mich raus, auf
die Straße, da parkte eine Ambulanz, aber sie
kamen nicht mehr dazu, mich einzuladen, plötzlich
war eine große schwarze E-Limousine da, Aufschrift
Bestattungsinstitut Moroni, ein Leichenwagen, ein
paar Typen in schwarz sprangen raus, fingen sofort
an zu schießen, mit Laserstrahlern. Frank und Co
hatten keine Chance. Die schwarzen ließen sie
liegen. Jonas klaubten sie auf und stopften ihn in
den Leichenwagen. Während sie mich in einen Sarg
bugsierten, sah ich durch die offene Klappe einen
Mann am Straßenrand, einen Mann mit einem Plakat,
auf dem stand: Das Ende der Welt ist nahe. Ich war
ganz seiner Meinung. Der Wagen hielt, der Sarg
wurde rausgehoben, ein Stück getragen, abgesetzt,
geöffnet, und geleert, der Neurofrezereffekt ließ
allmählich nach, ich konnte den Kopf drehen. Ich
sah mich um. Ein hoher Raum. Feierlich. Schwarz
ausgeschlagen. Kirchengestühl, eine automatische
Orgel, die vor sich hindudelte, es roch irgendwie
fromm nach Weihwasser und Weihrauch. Eine Tür ging
auf. Eine Frau trat ein. Lisa Koslowski. So hatte
sie sich gestern genannt.

Koslowski: Bleiben wir dabei, Herr Jonas, das ist
einfacher. Was ist ein Name.

Jonas: Wo bin ich?

Koslowski: Die konventionelle Frage, wie nett, Sie
befinden sich im Bestattungsinstitut Moroni, in
der babylonischen Zentrale des GGD, des geheimen
Geheimdienstes.

Jonas: Was hab ich mit dem GGD zu tun.

Koslowski: Der GGD hat sich Ihrer bedient, Jonas,
Sie benutzt als Lockvogel. Gewissermaßen.

Jonas: Heißen Dank.

Koslowski: Wir haben zu danken, Jonas, durch Sie
sind wir ein ganzes Stück weitergekommen. Sehen
Sie, seit Monaten macht uns ein Problem zu
schaffen: eine Reihe hoher babylonischer
Funktionsträger begeht Selbstmord, so scheint es
jedenfalls. Zuerst Samson vom Amt für
Luftüberwachung und Luftreinhaltung, dann
Marschall Medina, der Kommandeur unserer
Grenzschutztruppe. Dr. Klaas, Direktor des
Rechnungshof, und jetzt Babitsch von der Deponie,
eine richtige Epidemie. Es ist uns natürlich klar,
daß es sich in Wirklichkeit um Morde handelt und
daß der GD dahinter steckt, Frank und seine Leute.

Jonas: Der babylonische Geheimdienst bringt
babylonische Würdenträger rum. Völlig klar wie
Kloßbrühe.

Koslowski: Der GD ist natürlich unterwandert.

Jonas: Von der Drittwelt.

Koslowski: Unsinn, vom CIA. Von den Amerikanern.

Jonas: Von unseren Verbündeten?

Koslowski: Was heißt das schon? Die USA wollen
Europa kleinhalten, verunsichern, destabilisieren.

Jonas: Und welche Rolle spielt Jonas in diesem
Szenario?

Koslowski: Wir haben alle möglichen
Selbstmordkandidaten beobachtet. Als wir den
Eindruck hatten, Babitsch sei der nächste, haben
wir Sie ins Spiel gebracht, Jonas, als unbekannte
Größe, um den GD aufzuspüren, aus dem Rhythmus
bringen, mit durchschlagendem Erfolg, das können
Sie nicht bestreiten.

Jonas: Mir schwirrte der Kopf. Das lag nicht am
Neurofreezer. Babitsch war nicht ermordet worden,
er war aus dem Fenster gesprungen, allein, aus
eigenem Antrieb, das hatte ich gesehen, und ich
kannte noch einen Selbstmörder aus der Liste. Dr.
Klaas, Stammgast im Casablanca. Ich hatte
beobachtet, wie er immer verschlossener, immer
verstörter wurde, bis er sich erschoß. Zuviel
Schlamperei und Korruption in Babylon, zu viel
Streß für den obersten Rechnungsprüfer, das stand
im Abschiedsbrief, den er dem Casablanca
hinterließ, und beim Rest war es sicher ähnlich,
alle hatten Jobs mit maximaler Verantwortung und
minimalen Erfolgserlebnissen. Die Selbstmorde
waren echt, das sagte ich Lisa Koslowski. Aber auf
dem Ohr war sie taub.

Koslowski: Sie haben keine Ahnung, Jonas, Sie sind
naiv.

Jonas: Lieber naiv als paranoid.

Koslowski: Oder Sie sind ein Provokateur. Sie
stecken mit dem GD unter einer Decke. Sie sind ein
CIA-Agent.

Jonas: Klar, deshalb hat Frank mich durch den Müll
gescheucht und mich mit dem Neurofreezer
kaltgestellt.

Koslowski: Alles Theater, Jonas,
Ablenkungsmanöver, fast wäre ich drauf
reingefallen. Sie sind durchschaut, Jonas, packen
Sie aus.

Jonas: Herzlich gerne, wenn ich nur wüßte was.

Koslowski: Auch der GGD hat Neurofreezer, Jonas.
Wenn Sie störrisch bleiben, stecken wir Sie wieder
in den Sarg, wir richten ihnen eine ergreifende
Trauerfeier aus, und dann ab ins Krematorium, das
oder Sie reden. Ich gebe Ihnen Bedenkzeit, eine
halbe Stunde. Schafft ihn nach nebenan.

Jonas: Nebenan war ein langer schmaler Raum ohne
Fenster, eine Birne baumelte von der Decke und
warf trübes Licht auf 6 Särge, alle belegt.

Sam: Ein Ambiente wie weiland im Unternehmen Immer
und Ewig, erinnert sich mein Herr und Meister.

Jonas: Fall Requiem. Ich weiß, Sammy. Wann war
das? 2009. Interessant.

Sam: Fall Requiem meinen Herr Oberarchivar?

Jonas: Ich meine nicht Requiem, ich meine den
Toten hier im Sarg, gleich neben der Tür, sieht
ein bißchen aus wie Jonas.

Sam: Laß kucken, Kumpel, hmh, männlich, groß,
kräftig, gereift, bildschön, naja von letzterem
abgesehen das präzise Ebenbild eines nicht
unbekannten babylonischen Privatdetektivs.

Jonas: Das eröffnet uns gewisse Perspektiven,
Sammy?

Sam: Rollentausch und Kleiderwechsel bzw.
Kleidertausch und Rollenwechsel?

Jonas: Genau das, Sammy. Schwerer Fall. Der
Doppelgänger.

Sam: Armer Yorrik. Und wie der Mensch angezogen
ist. Igitt, ein Frack anno 1950 oder noch früher.
Pfui Spinne und Spargel, so was willst du deinem
edlen Körper zumuten?

Jonas: Ich wollte nicht, ich mußte, das war die
einzige Möglichkeit, heil aus diesem Irrenhaus
rauszukommen. Ich zog dem Toten meine Sachen an
und setzte ihn ganz hinten in die Ecke. Jonas
stieg in den Frack und dann in den Sarg, zog den
Deckel zu bis auf einen Spalt und wartete.

Mann: Bedenkzeit ist um, raus mit ihnen, Jonas,
los doch, lassen Sie die Chefin nicht warten,
seien Sie vernünftig, machen Sie keine Zicken. OK,
dann muß ich Sie eben holen. Sturer Bock.

Jonas: Er stapfte nach hinten. Jonas machte den
Sargdeckel auf, ganz leise und stieg aus, noch
leiser, schlich zur Tür, unhörbar, machte sie von
außen zu, drehte den Schlüssel um, schlich weiter
durch einen Gang, und dann war ich draußen, so
einfach ging das. Aber es blieb nicht so einfach.
In meinem Frack war ich so unauffällig wie
Schimanski in der Damensauna. Jonas mußte in
Deckung und Jonas wußte auch wo. An der nächsten
Ecke war ein öffentliches Klo. Ich sauste die
Treppe runter, durch die Tür mit der Aufschrift
Herren, Sicherheit. Für etwa 5 Sekunden. Bis die
Tür der hintersten Zelle aufging und ein alter
Bekannter rauskam. Das Ende der Welt. Mit Plakat
und mit schußbereitem Laserstrahler.

Mann mit Plakat: Sehr aufmerksam von ihnen, Jonas,
Sie kommen freiwillig. Wir brauchen kein
Greifkommando auszuschicken. Heben Sie
freundlicherweise die Hände. Ja, so danke. Von der
Bestattung zum Bedürfnis, ein sozialer Abstieg,
könnte man meinen, in Wahrheit ist es genau das
Gegenteil. Treten Sie näher, Jonas, durch diese
Tür, wenn ich bitten darf, hinter ihr befindet
sich keine Toilettenzelle, wie Sie und die Welt
vermuten, und vermuten sollen, hinter ihr verbirgt
sich die Zentrale des GGGD, des ganz geheimen
Geheimdienstes. Kommen Sie, Jonas, nach Ihnen.

Jonas: Was es nicht alles gab in unserer großen
Stadt Babylon, untendrunter bessergesagt. Ein
weiter Saal, weißgekachelt, klinisch sauber,
desinfiziert, rechts und links Schreibtische,
darauf Konsolen, davor fleißige Amtsschimmel,
mitten im Saal stand ein Kasten aus glänzendem
Chrom, 2 Meter im Geviert. Knöpfe, Skalen, Hebel,
ein Kabel lief zu einem summenden Aggregat an der
hinteren Wand, obenauf ein Fußball ohne Luft,
kahl, schrumpelig, Brillengläser aus Panzerglas,
ein Hörrohr und ein horizontaler Schlitz, der sich
bewegte. Der Schrumpfkopf konnte sprechen.

O: Näher, noch näher. Damit ich Sie besser sehen
kann. Damit ich Sie besser hören kann.

Jonas: Damit er mich besser fressen kann.

Mann: Unser Chef, O, nur O.

Jonas: Wie Oweh?

Mann: Sehr witzig.

Jonas: Der Kasten, in dem er steckt, ist das eine
Herzlungenmaschine?

O: Ein totaler Körperfunktionsautomat, er hält
mich am Leben, er ist mein Leben, ich pflege zu
sagen, die Kabelschnur ist meine Nabelschnur.

Mann/O: Hahaha.

O: Ich muß am Leben bleiben, nicht meinetwegen,
für den Dienst, den GGGD.

Mann: Für Babylon, Chef, für Europa, für die Welt.

O: So ist es. Ich bin der einzige, der die Welt
retten kann. Die beiden anderen sogenannten
Dienste, der GD und der GGD sind durch und durch
verseucht, unterwühlt, untergraben, unterwandert.

Jonas: Aha, lassen Sie mich raten. Von der
Drittwelt. Vom CIA.

O: Ganz falsch. Wer so etwas behauptet, ist
schwachsinnig, oder böswillig. Es gibt nur einen
Feind, die Verkörperung allen Übels, die Ausgeburt
Satans.

Jonas: Und wie heißt er, ihr böser Feind?

O: Wie können Sie fragen, es ist der rote, wer
sonst.

Mann: Der Russe, der Iwan, der Bolschewik.

Jonas: Ach was, ich dachte, der kalte Krieg ist
vorbei, seit fast einem Viertel Jahrhundert.

O: Das will man uns einreden, aber es ist nicht
wahr. Das sogenannte Ende des sogenannten
Ostblocks ist ein gigantisches Täuschungsmanöver.

Mann: Ein hinterhältiger Trick, um uns ins
Sicherheit zu wiegen.

O: Sie sind zu allem fähig, diese Teufel.

Mann: Hinter den Selbstmorden stecken sie ja auch.

O: Den sogenannten Selbstmorden.

Mann: Selbstverständlich, Chef, verzeihen Sie.

Jonas: So was hab ich mir gedacht. Dann wäre ja
wohl alles geklärt.

O: Bis auf eines, wer sind Sie?

Jonas: Ich? Jonas, nur Jonas. Privatdetektiv, der
letzte.

O: Ihre Legende interessiert mich nicht. Wer sind
Sie wirklich?

Jonas: Und wenn ich Ihnen sage, daß ich wirklich
Jonas bin, nur Jonas.

O: Zwecklos, absolut zwecklos.

Mann: So dumm sind wir nicht, was Chef?

Jonas: Dann muß ich Ihnen wohl reinen Wein
einschenken. Jawohl, ich bin Russe, Jonas
Jonasowitz Jonasenko, Oberst im KGB.

Mann: Ein ganz dicker Fisch.

Jonas: Ich bin aber noch mehr. Ein Wechselbalg
gezeugt von Gorbatschow mit einer Baba Jaga, ein
schwarzer Magier, im Dienst der roten Revolution.

O: Ja, weiter!

Jonas: Es lebe die Diktatur des Proletariats, es
lebe der 1. Parteitag der KPdSU, Bolschewiki, es
lebe der 2. Parteitag, es lebe der 3., der 4., es
lebe mein Taschenmesser.

O: Ihr Taschenmesser?

Jonas: Das habe ich an Ihrer Kabelnabelschnur. Ein
kurzer Schnitt.

O: Nein, bitte nicht, ich tu alles, was Sie
wollen.

Jonas: Das hörte Jonas gern. Als erster wollte er
einen Laserstrahler, dann wollte er raus. Das war
schwierig. Vorne ging’s nicht, auf der Straße
lauerten die Leichenbitter vom GGD.

Sam: Preisfrage, was tut Meister Lampe, wenn
Meister Reinike vor seinem Bau umherstreicht.

Jonas: Weiß nicht, Sammy, Klapphornblasen?

Sam: Er geht hinten raus, Karnickel, verschwiegene
Establishments pflegen geheime Ausgänge
aufzuweisen.

Jonas: Gute Idee, Sam. Wo ist hier die Hintertür?
Na?

O: Nicht schneiden, bitte nicht! In der Rückwand
neben dem Aggregat.

Jonas: Ich seh nichts.

O: Das können Sie auch nicht. Wir haben den
Ausgang mit einer Holoprojektion der Wand
zugedeckt.

Jonas: Abschalten. Wird’s bald.

O: Schalten Sie das Holo ab, Agent 07, schnell.

Sam: Aber hurtig.

Jonas: Rechts vom Aggregat verschwand ein Stück
Kachelwand, dafür erschien eine kleine Tür. Agent
O7 alias Ende der Welt schloß sie auf. Jonas ging
rückwärts, Laserstrahler in der rechten Hand, die
linke am Kabel. Ein kurzer Blick durch die Tür.
Ein paar Stufen, unten ein breiter Abwasserkanal,
der dritte Mann ließ grüßen, vor der untersten
Stufe lag ein Schnellboot.

O: Das Boot ist aufgeladen und startbereit, falls
die Russen uns überrollen.

Jonas: Seit Jahren haben die nichts anderes im
Sinn. Die Schlüssel.

O: Geben Sie ihm die Bootsschlüssel, O7.

Jonas: Danke. Den Schlüssel zur Hintertür auch.
So, und jetzt bleiben alle ganz brav da, wo sie
sind. Keiner rührt sich, sonst stehen morgen in
Holotext zwei interessante Anzeigen: Durch
Laserstrahl beschädigter Funktionsautomat billig
abzugeben wegen Todesfall. Und

Sam: Beim ganz geheimen Geheimdienst ist die
Stelle des Chefs neu zu besetzen. Paranoia
Bedingung. Sinilität angenehm.

Jonas: Ins Schnellboot und weg, mit aufgeblendetem
Scheinwerfer und schäumender Bugwelle durch die
zähe dunkle Brühe. Sam war Navigator. Sam kannte
sich aus in der Unterwelt von Babylon. Sam kennt
sich überall aus. Kein Wunder, wenn man sich in
praktisch jedes System einklinken kann. Wir fuhren
ab von Hauptkanal durch ein Labyrinth kleiner
Seitenkanäle, einer davon weitete sich aus, zu
einem Teich, da machten wir halt. Zeit für a)
Bestandsaufnahme b) Zukunftsplanung.

Sam: Ein idyllisches Plätzchen, Herr Oberförster.

Jonas: Für einen Koprophilen Kongreß.

Sam: Haha, kuck mal, der kann Fremdwörter, der
Kakopluile.

Jonas: Nur kein Neid, Sam, du denkst wohl, du bist
der einzige, der große Töne spucken darf.

Sam: Ruhe im Saal, bitte Ruhe. Die Sitzung ist
eröffnet. Thema wie so oft. Was nun. Punkt 1 der
Tagesordnung: Wohin oder präziser, welcher
Aufenthaltsort verspricht Zuflucht und Sicherheit.

Jonas: Wenn ich das wüßte.

Sam: Siehste.

Jonas: Drei Geheimdienste sind hinter Jonas her.
Der GGGD hält mich für einen russischen Spion, der
GGD denkt, ich bin vom CIA, und der GD...

Sam: Ist erledigt, fini, Strich drunter.

Jonas: Glaub ich nicht, Sammy, sicher, Oberst
Frank ist tot.

Sam: Desgleichen Rosencrantz und Güldenstern.

Jonas: Na und? Im GD gibt’s noch viel mehr Leute,
die haben Jonas auf der Abschußliste als
Drittweltagenten.

Sam: Kurz und knapp. Bis auf weiteres können
Exzellenz sich in Babypsilon nicht sehen lassen.

Jonas: Büro ist out, Casablanca is out.

Sam: Straßen, Häuser alles out, megaout, outer
geht's nicht.

Jonas: Und hier unten können wir auch nicht ewig
bleiben.

Sam: Warum denn nicht, mein subterraner Robinson,
ist doch ganz gemütlich.

Jonas: Ach, und der Gestank.

Sam: Hach, stört Sammy überhaupt nicht.

Jonas: Weil du keine Nase hast, aber vom Duft mal
ganz abgesehen, hier unten fehlt einfach alles,
was der Mensch so braucht, kein Sauerstoff.

Sam: Ja gibt's oben auch nicht.

Jonas: Nichts zu essen, kein Whisky.

Sam: Keine Geheimdienste mit Verfolgungswahn.

Jonas: Die werden noch früh genug kommen, apropos,
die Typen vom GD, GGD, GGGD sind wirklich
paranoid.

Sam: Jaja total beknackt, absolut bescheuert, echt
bekloppt.

Jonas: Die glauben, was sie sagen, mit Vernunft
und gutem Zureden ist da nichts zu machen.

Sam: Andererseits, werter Kollege und Vorredner,
erscheint es als ebenso unmöglich, sich den
Verfolgern auf Dauer durch die Flucht zu
entziehen.

Jonas: Jonas will auch nicht mehr weglaufen, Jonas
hat die Nase voll.

Sam: Gut, Debatte beendet, wir schreiten zur
Beschlußfassung.

Jonas: Wir drehen den Spieß um, Sammy, wir
kämpfen, wir greifen an.

Sam: Attacke, jawohl, einstimmig angenommen. Es
tönt das Klapphorn laut und froh.

Jonas: Klapphorn äh Klappe zu, Sam. Fang nicht
wieder damit an.

Sam: Und wie ist es mit halili und hollido?

Jonas: Alle wollen Jonas in die Pfanne hauen, also

Sam: Hauen wir sie in die Pfanne. Alle. Ne?

Jonas: Und ich weiß auch schon, wie wir das
hinkriegen, Sammy, du wirst mächtig ackern müssen.

Sam: Ja, von der Stirn heiß rinnen muß der
Schweiß, was wünschen guter Massa, was sollen tun
Onkel Tom. Tom? Tom?

Jonas: Sam erschuf einen Jonas, einen Pseudojonas,
ein Phantom, das überall präsent war, in
Infobänken, Listen, Dateien, in allen relevanten
elektronischen Systemen, nur nicht in der
Realität. Dieser falsche Jonas entstieg der
Kanalisation, brach auf der Straße zusammen, wurde
mit akuter Cholera ins Zentralkrankenhaus
eingeliefert, in die Isolierstation, da kam keiner
an ihn ran, und er kam nicht raus. Damit waren die
Verfolger vorläufig abgelenkt, auf die falsche
Spur gesetzt, ruhig gestellt. Soweit Punkt 1. Dann
ließ ich Sammy die Zentralen der drei
Geheimdienste kontakten. Bestattungsinstitut
Moroni, Bedürfnisanstalt in der 71. Straße, und
der GD.

Sam: Steht im Fonbuch, du Tütensuppe.

Jonas: Dann mal los, Sammy, du kennst deinen Text.

Sam: Ich kennen Massa. Piep. Hallo? Geheimdienst
Europa? Gut, du zuhören, Kollege, ich dir sagen
große Geheimnis, heute zu mittag, wenn Uhr sein
Zwölf, dann sich treffen alle geheime Agenten
Dritte Welt in Babylon, alle Terroriste,
Befreiungsfront Kusbekistan. Wo treffen? No, in
Dreck Kollege, in Müll, in Deponie, was heißt
Sanssouci, du verstanden Kollege?

Jonas: Gut so Sammy, jetzt der GGD.

Sam: OK, Boss.

Sam: Hi, folks, listen, if you want erwischen all
the top agents from the CIA in Europe, the mulls,
doubleagents, tripleagents and so on, you must
come today to you know what i mean how do you call
it, Sanssouci, the groß rubbish dump, big meeting,
mitten in the müll, top secret, high noon, 12 Uhr
mittags, you know, so long folks, good hunting.

Jonas: Sehr schön, Sammy, absolut echt. Und nun
noch der GGGD.

Sam: Dara dawisch. Hallo? Kommen mit Mann und Maus
heute mittag zwölf Uhr Deponie Sanssouci. Mitten
in Müll große geheime Versammlung. KGB nebst
revolutionäre Zellen. Neue Anweisungen aus Moskau,
Kreml. Karaschnovetsnedemil.

Sam: Werden sie uns den Quatsch wirklich glauben,
du hinterfotziges Fliegenmaul?

Jonas: Sie werden, Sammy, verlaß dich drauf, das
paßt genau in ihr Weltbild. Wie spät?

Sam: Piep. 5 Uhr 39 in der Früh. Morgenstund.

Jonas: Ist ungesund. 12 Uhr mittags geht sie los,
die große Show, die wir nicht verpassen dürfen.
Wann müssen wir los?

Sam: Per Müllförderband nach Sanssouci, euer
Gemächlichkeit? Na, sagen wir um 10.

Jonas: Pause, Sammy, Jonas schläft ein paar
Stunden.

Sam: Ist gut. Von linden Lüften lau umlabert,
schlaf mein Prinzchen schlaf ein.

Jonas: Kein kurzer Weg, aber auch kein
schwieriger, unter Sam Leitung, vom Ab-
wassersystem zur zentralen Müllerfassung...
vollautomatisch natürlich. Und von der
Müllerfassung läuft ein unterirdisches Förderband
nach Sanssouci, mit allem nicht verwertbaren Müll
der großen Stadt Babylon, Jonas fuhr mit, als
blinder Passagier, oder als Abfall ehrenhalber.
Eine ereignislose Reise. Gleichmäßiges Rattern,
Dunkelheit, Gestank, und ein leicht flaues Gefühl
im Magen, nicht wegen Gestank und Müll, wegen der
Dinge, die da kommen sollten. Nach einer guten
Stunde stoppte das Band, weiter ging’s vertikal.
Im Müllpaternoster. Viele viele Meter in die Höhe.

Sam: Zwei Knaben stiegen auf den Turm.

Jonas: Das paßt, Sammy.

Sam: Der eine hat nen Band im Wurm.

Jonas: Wie die Faust aufs Auge.

Sam: Ja, und der andere frisch und munter ließ
sich dran herunter, hehe.

Jonas: Da oben wird’s hell.

Sam: Achtung, fertig machen zum Absprung.
Ansonsten würde jemand in die Verteilerdüse
eingespeist werden, wie all dieser Müll, der uns
Gesellschaft leistet, und dann wird er über die
Deponie verstreut, der Jemand, in handlichen
formschönen Teilchen.

Jonas: Muß nicht sein, Sammy.

Sam: Countdown läuft. 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1.

Jonas: Bei Null sprang Jonas ab, ein paar
Schritte, und ich stand auf der Plattform an der
Spitze des Verteilerturms, mitten in der Deponie
Sanssouci und ganz hoch drüber. Die Aussicht war
einmalig, ein bißchen monoton vielleicht. Im Osten
Müll, im Westen Müll, im Norden Müll, und im
Süden, Sie haben es erraten, Müll. Müll, soweit
das Auge reichte, und im Müll krabbelte es wie in
einem Ameisenhaufen.

Sam: Siehe, sie höreten das Wort des Herrn und sie
folgeten ihm nach.

Jonas: Sie sind da, Sammy, sie sind alle da. GD,
GGD, GGGD und der Kasten da drüben, das ist O, O
vom GGGD, seine Leute haben ihn auf Rollen
gesetzt, und ziehen ihn hinter sich her, mit samt
Aggregat.

Sam: Ach, hätten wir doch nur ein Bömbchen, Herr
Luftmarschall, oder einen Kessel voll des heißen
Öles.

Jonas: Nicht nötig, Sam, das erledigen die da
unten selber, mit ihren Laserstrahlern,
Sturmgewehren, Neurofreezern, mit ihren
Flammenwerfern und Super-MGs. Was sagt die Uhr,
Sam.

Sam: 5 Minuten vor 12, hohes Gericht, dies irae,
dies illa, solve seklum, com fanila oder so
ähnlich.

Jonas: Vielleicht eine Nummer zu groß, das dies
irae, aber irgendwie angemessen. Die versammelten
Geheimdienstler jagten ihren jeweiligen
Feindbildern nach und massakrierten sich
gegenseitig.

Sam: Armageddon, Herr Großinquisitor, Apokalypse,
Verwüstung.

Jonas: Das wird mir zu laut, Sammy. Phase 2.

Sam: Zu Befehl, Phase 2. Zack zack.

Jonas: Schalt dich ins System der Deponie ein.

Sam: Auftrag ausgeführt. Zack zack.

Jonas: Laß die Müllmaschinen los.

Sam: Müllmaschinen los, marsch. Konzentrischer
Angriff. Zack Zack.

Jonas: Riesenbagger und Superschaufeln rückten
vor, unaufhaltsam, unwiderstehlich, sie
überrollten das Schlachtfeld, deckten ab, gruben
um, planierten, schütteten das ganz Gewusel zu,
und falls sich doch einer herausarbeiten konnte,
am Rand lauerten die Trolle, mit Messer und
Kochgeschirr. Nachmittag. Jonas kam zurück ins
Büro und schmiß als erstes den Trauerfrack von
sich.

Sam: In den Müll, hoher Herr.

Jonas: In den Müll, Sammy. So, und jetzt wollen
wir uns mal ans Aufräumen machen. Nein, es ist
niemand zu Hause.

Sam: Na, geh ran, du Knallhorn.

Jonas: Warum sollte ich.

Sam: Weil es ein Kunde sein könnte, mit einem ganz
normalen Auftrag.

Jonas: Glaubst du an den Weihnachtsmann, Sammy?

Sam: Oder eine unverhoffte Erbschaft, oder der
Hauptgewinn in der babylonischen Klassenlotterie
oder.

Jonas: Damit du endlich Ruhe gibst. Hallo.

Stimme am Fon: Guten Tag. Bin ich verbunden mit
Herrn Jonas, nur Jonas, seines Zeichens
Privatdetektiv.

Jonas: Sie sind.

Stimme am Fon: Sehr gut. Gestatten Sie mir, Herr
Jonas, Ihnen im Namen meiner Organisation Dank und
Anerkennung auszusprechen. Sie, Herr Jonas, haben
sich um Babylon, um Europa verdient gemacht, in
einer brillanten Aktion haben Sie GD, GGD, und
GGGD eliminiert, gründlich und nachhaltig, es war
höchste Zeit, Herr Jonas, sonst hätten sie die
Erde unterworfen, Herr Jonas, besetzt, Herr Jonas,
kolonisiert.

Jonas: Wer? Die Geheimdienste?

Stimme am Fon: Und ihre geheimen Lenker und
Leiter, die Drahtzieher im Dunkel, Herr Jonas, die
Marsmenschen mit ihren Ufos und ihren
Todesstrahlen.

Jonas: Ach ja, und wer sind Sie?

Stimme am Fon: Hier spricht der GGGGD, Herr Jonas,
der ganz und gar geheime Geheimdienst. Leben Sie
wohl, Herr Jonas.

Jonas: Paranoia, Sammy, totale Paranoia.

Sam: Zwei Knaben schlichen durch die Nacht, der
eine still, der andre sacht. Ja, und man konnt sie
weder sehen noch hören, wenn sie’s nun gar nicht
gewesen wären.

Jonas und Sam: Freut euch des Leben, Großmutter
wird mit der Sense rasiert, alles vergebens, sie
war nicht eingeschmiert.

Sam: Ja wieso denn nicht?

Das war Paranoia. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam: Peer Augustinski.
Außerdem wirkten mit: Johanna Liebeneiner, Hans
Jürgen Silbermann, Bernd Stephan, Jochen Striebeck
und viele andere (Alois Maria Giani, Detlef
Kügow). Ton und Technik: Günter Heß und Christine
Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Assistenz:
Wolfgang Ruhdörfer. Regie: Werner Klein. (Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks) (1991).
(Redaktion: Erwin Weigel).

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Pharao

Jonas: Das Ministerium für Kultur war noch
dasselbe schäbige Gebäude. Nicht weit vom Van-
Dusen-Platz. Aber hinter dem schäbigen
Schreibtisch im schäbigen Büro saß nicht mehr Dr.
Gödel Escherbach, Gott hab ihn selig. Jetzt saß da
eine Frau wie eine Stahlfeder: grau, hart, dünn,
gespannt.

Schrödinger: Cornelia Schrödinger, M.A.,
Dezernentin für Museen und kulturellen Austausch.
Setzen Sie sich, Herr Jonas.

Jonas: MA?

Schrödinger: Magister Artium. Ein akademischer
Titel. Medienwissenschaft Universität Babylon. Und
wo haben Sie studiert, Herr Jonas?

Jonas: Uni Feuerland. Nahkampf und
Guerillatechnik.

Schrödinger: Der antarktische Krieg. Ich verstehe.
Zur Sache, Herr Jonas. Im November 2010, vor rund
zweieinhalb Jahren haben Sie für uns einen Auftrag
ausgeführt. Sie haben damals ordentliche Arbeit
geleistet, Herr Jonas, und vor allem waren Sie
recht preiswert. Die Kultur...

Jonas: Die Kultur hat nie Geld, das ist bekannt.
Wenn ich Sie wieder mal besuche, Frau Cornelia
Schrödinger MA, Dezernentin für Museen und so
weiter, dann bringe ich mein Poesiealbum mit, und
Sie können mir ihre gute Meinung schriftlich
geben. War das alles?

Schrödinger: Nehmen Sie wieder Platz, Herr Jonas,
das Dezernat hat einen neuen Auftrag für Sie.

Jonas: So? Aber das sag ich Ihnen gleich, ins
wilde Kusbekistan fahr ich nicht noch mal. Eine
Todestour ist genug für Jonas.

Schrödinger: Keine Sorge, Herr Jonas. Sie bleiben
in Babylon.

Jonas: Und?

Schrödinger: Und was?

Jonas: Ich bleibe in Babylon und tue was?

Schrödinger: Eine Kleinigkeit, Herr Jonas. Sie
bringen uns Ramses zurück.

Jonas: Ramses? Welchen Ramses?

Schrödinger: Den zweiten, Herr Jonas. Ramses den
zweiten. Sie wissen doch, wer das ist.

Sam: Häh, weiß er nicht, wetten, nie was von
gehört, keinen blassen Schimmer, hmhm, also dann,
alle mal herhören. Kurze Nachhilfe aus Mayers
Brockhaus, für historische Nieten und geistig
unterbelichtete. Jawohl, genau Sie sind gemeint,
Herr von und zu Jonas. Ramses zwo, Ägyptischer
Pharao, geb. um 1300 v.Ch. als Sohn des Pharaos
Hegit des ersten, kam an die Regierung 1279 v.Ch.,
starb 1213 v.Ch., bedeutendster Pharao der 19.
Dynastie, immense Bautätigkeit, aggressive
Außenpolitik, intensives Familienleben, 100
Frauen, weit über 200 Kinder, huiuit nicht
schlecht Herr Specht.

Schrödinger: Was ist das?

Jonas: Mein Taschencomputer, Samuel heißt er kurz
Sam oder auch kurz Sammy.

Sam: Ich bin der Geist der stets was weiß.

Jonas: Verbal, wie Sie hören, überverbal
möglicherweise, manche meinen, er leidet an
verbalem Durchfall.

Sam: Bitte, bitte, Diaröh, wenn schon, ja.

Jonas: Und diese Dame, Sammy ist Frau Schrödinger.

Sam: Ma. Alles klar. MA, MB, MC, MC Quadrat, e
gleich MC Quadrat. Quod erat demonstrandum.

Schrödinger: Nett, so klein und so laut. Kann man
es abstellen.

Sam: Wehe, wehe, sage ich euch, und abermals wehe,
so ihr euch solches unterfanget wird über euch
kommen heulen und zähneschnattern, äh äh
zähneflattern, zähneknattern, zähneplattern.

Jonas: Man kann. So. Wir waren bei Ramses. Hab ich
Sie richtig verstanden, Frau Schrödinger MA, ich
soll Ihnen einen ägyptischen Pharao zurückbringen,
der seit gut 3000 Jahren tot und begraben ist.

Schrödinger: Nicht begraben, Herr Jonas, darum
geht es ja gerade. Um die Mumie von Ramses den
zweiten.

Jonas: Ja und, sagte Jonas. Und die Dame mit dem
akademischen Titel erklärte es ihm. Kurz, in
einfachen Worten. Readers Digest für
Bildungsbanausen. Im Museum für internationale
Kulturgeschichte, gleich neben dem Ministerium,
war eine Ausstellung gelaufen. Macht und Magie des
Pharaonenreiches. Einmalige Stücke, sagte Frau
Schrödinger MA, Leihgaben aus Kairo, Glanznummer
war die Originalmumie des alten Ramses II. Des
größten aller Pharaonen. Zu 100.000en waren sie
geströmt die Babylonier, bis vorgestern.

Schrödinger: Da wurde die Ausstellung geschlossen.
Am 6. Juni 2013. Und am nächsten Morgen war die
Mumie verschwunden. Zusammen mit ein paar weniger
bedeutenden Ausstellungsstücken, Möbel, Schmuck
und dergleichen, und zusammen mit dem leitenden
Ägyptologen des Museums, Dr. Juniper.

Jonas: Na so ein Zufall. Was sagst du dazu, Sammy?

Sam: A-h-a. Aha.

Jonas: Das denk ich auch. Warum haben Sie sich
nicht an die Polizei gewand, Frau Schrödinger MA?

Schrödinger: Unmöglich Herr Jonas die Affäre darf
nicht an die Öffentlichkeit dringen, können Sie
sich vorstellen, wie die Ägypter reagieren, wenn
sie davon erfahren? Es käme zu außenpolitischen
Komplikationen, zu innerpolitischen Konsequenzen.

Jonas: Stühle wackeln, Köpfe rollen, z.B. der von
Cornelia Schrödinger MA Dezernentin.

Schrödinger: Wir müssen die Sache intern regeln.
Aber im Ministerium gibt es natürlich keinen, wie
soll ich mich ausdrücken, keinen kriminologischen
Experten. Wir brauchen Hilfe von außen. Einen
Privatdetektiv.

Sam: O Babylon, du große Stadt, wo's keine
Detektive hat, bloß einen, den meinen.

Jonas: Den einzigen, den letzten. Jonas heißt er.
Nur Jonas. Haben Sie Probleme, rufen Sie Jonas,
den letzten Detektiv. Jonas macht alles, im
Rahmen. Jonas kennt sich aus im großen Dschungel
Babylon. Jonas schlägt sich durch, Jonas gibt sich
Mühe.

Schrödinger: Wir haben uns an Sie erinnert, Herr
Jonas. Leidlich effizient, diskret, billig. 90
Euros pro Tag nicht wahr?

Jonas: 120 plus Spesen. Alles wird teurer, auch
ein Privatdetektiv.

Schrödinger: Nun, Herr Jonas, auch das wird sich
unter Umständen erschwingen lassen.

Jonas: Wie schön. Es scheint, daß ihr Ägyptologe,
dieser Dr. Dr. Dr. wie heißt er?

Sam: Juniper, Juliper, Augustper.

Jonas: Ruhe. Es scheint, daß dieser Juniper Ihren
Ramses geklaut hat. Oder wie sehen Sie das, Frau
Schrödinger MA?

Sam: Ja, wie sehen Sie das?

Schrödinger: Zwiespältig, Herr Jonas. Einerseits
bin ich gezwungen, Ihnen zuzustimmen. Die
Sicherungen wurden außer Kraft gesetzt, die
Sperren umgangen, die speziell gesicherten
Mumienboxen aus Plastiplex problemlos geöffnet,
keine Schrammen, keine Einbruchspuren, und Dr.
Juniper besaß alle Schlüssel, kannte alle
Sicherheitscodes.

Jonas: Verschwunden ist er auch. Klarer Fall
sollte man meinen. Einerseits. Und andererseits,
Frau Schrödinger MA?

Schrödinger: Andererseits, Herr Jonas, kann ich
mir beim besten Willen Dr. Juniper nicht als
Erpresser vorstellen. Er ist Ägyptologe, lebt nur
für die Wissenschaft.

Jonas: Erpresser, wer sagt was von Erpressung?

Schrödinger: Das hier, Herr Jonas.

Jonas: Ein Fax. Kein Absender.

Schrödinger: Also nicht zurückzuverfolgen. Lesen
Sie.

Jonas: Betrifft Austausch Pharao gegen 100.000
Euros in bar, wann, 8. Juni 2013, 23 Uhr. Heute
abend. Wo? Babylon Planquadrat OX 13 BQ.

Schrödinger: Das ist an der Grenze zum Reservat,
wo das Giganthotel steht. Was haben Sie, Herr
Jonas?

Jonas: Judith. Vor einem Jahr war sie umgebracht
worden, im Planquadrat OX 13 BQ, und ein paar Tage
später hatte Jonas sie gerächt, im Planquadrat OX
13 BQ. Das hatte ich, aber das sagte ich nicht.

Jonas: Entführung einer Mumie zwecks
Lösegelderpressung. Sie wollen darauf eingehen,
Frau Schrödinger MA?

Schrödinger: Ich muß wohl.

Jonas: Und ich soll den Austausch durchführen.

Schrödinger: Deshalb hab ich Sie kommen lassen,
Herr Jonas.

Jonas: Versteh ich nicht. Bei einer so einfachen
Kiste. Warum nicht einer ihrer Museumswächter,
warum ein wie war das, kriminologischer Experte.

Schrödinger: Es gibt da ein Problem, Herr Jonas,
das Geld, die Kultur hat keins, jedenfalls keine
100.000.

Jonas: Wieviel können Sie locker machen?

Schrödinger: 10.000 maximal.

Jonas: Tja, und der Rest.

Schrödinger: Ihre Sache, Herr Jonas, lassen Sie
sich was einfallen.

Sam: Papier.

Schrödinger: Papier, was heißt Papier?

Sam: Na was wohl, hochgeschätzter akademisch
titulierter Amtsschimmel, Klopapier, Löschpapier,
Briefpapier, Buntpapier, mit Nichten und Neffen.

Jonas: Sondern, Sammy?

Sam: Altpapier du Pappkopf. Das Ministerium für
Kultur ist eine altmodische Institution, das
gibt's sowas in Mengen. Nicht wahr, gnädige Frau.

Jonas: So machen wir es, Frau Schrödinger MA,
setzen Sie einen Hilfsknecht an, lassen Sie
Altpapier zuschneiden, Euroformat, dann besorgen
Sie einen Koffer. Das Papier nach unten, und oben
drauf gut sichtbar die echten 10.000.

Schrödinger: Das schöne Geld. Halten Sie das
wirklich für nötig, Herr Jonas?

Jonas: Ein bißchen müssen Sie schon opfern, Frau
Schrödinger MA, für Ihren Ramses und für Ihren
Stuhl. Ein Fahrzeug brauch ich auch.

Schrödinger: Es wird bereitstehen, mit Koffer und
Inhalt, im Hof des Ministeriums, heute abend 9 Uhr
30. Seien Sie pünktlich, Herr Jonas.

Jonas: Ich hätte es mir denken können, das
Dienstfahrzeug des Ministeriums war ein
altersschwaches E-Motorrad mit Beiwagen, der
Koffer war aus Pappe, aber die echten Euros waren
drin, und die falschen fielen nicht auf,
wenigstens etwas. Nachts, kurz vor 11, Planquadrat
OX 13 BQ. Rechts am Horizont der Gipfel des
Giganthotels im warmen Schein der
Holoprojektionen, links das Reservat, ein
unendliches schwarzes Loch, scharfkantige Ruinen,
rotierende Nebelspiralen, dunkle Geräusche in der
Ferne. Freaks, Nachtmenschen. Ich hatte den Motor
abgestellt und wartete unter einer flackernden
Straßenlaterne. Sammy sang leise Lili Marlene.
Punkt 11 kamen sie. Aus dem Reservat. In einem
Panzerwagen. Ein bleicher Riese mit Laserstrahler
und eine bucklige Frau. Der Riese sah aus wie ein
Klonkiller, er blieb neben dem Wagen stehen,
stumm, aufmerksam. Die Frau zog ein längliches
Bündel aus der Ladeklappe.

Jonas: Ramses?

Igora: Was denken Sie denn, wer da drin ist, die
Bürgermeisterin von Babylon? Typisch
Kulturministerium, einen echten Vollidioten haben
sie uns geschickt, hoffentlich haben Sie das Geld
nicht vergessen, Pinke Pinke, verstehen Sie,
Euros, 100.000 Euros.

Jonas: Hier.

Igora: Aufmachen.

Jonas: Wollen Sie nachzählen?

Igora: Wozu? Um uns reinzulegen sind Sie viel zu
dämlich. Nehmen Sie sich die Mumie, und grüßen Sie
Ihre Chefin schön von meinem Chef, Dr.
Frankenstein, und von mir, Igora heiße ich, nicht
vergessen.

Jonas: Sie fuhren, zurück ins Reservat, ich fuhr
zurück ins Ministerium, mit Ramses im Beiwagen.
Ich hatte ein ungutes Gefühl. Sicher, die Sache
war glattgegangen, zu glatt, das machte mir
Sorgen. Ich wuchtete die Mumie in Frau
Schrödingers Büro, sie war schwer, viel schwerer
als ich mir so einen vertrockneten Pharao
vorgestellt hatte. Frau Dezernentin wickelte
höchstpersönlich die Verpackung ab, und da gab es
eine Überraschung. Unter den Bandagen steckte kein
toter alter Ägypter, sondern ein toter neuer
Ägyptologe.

Schrödinger: Dr. Juniper. Das ist Dr. Juniper.

Jonas: Mit durchgeschnittenem Hals. Deshalb war
das Paket so schwer.

Schrödinger: Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen,
Herr Jonas? Sie lassen sich 10.000 Euros aus
meinem Etat abnehmen, bringen mir dafür die Leiche
von Dr. Juniper, und jetzt stehen Sie da und
zuckeln die Achseln. Haben Sie die Güte sich zu
äußern.

Jonas: Sieht so aus, als ob sie uns reingelegt
haben, Frau Schrödinger MA.

Schrödinger: Uns, Herr Jonas? Sie sind reingelegt
worden, Herr Jonas, Sie ganz allein, Herr Jonas,
Sie haben versagt, Herr Jonas.

Jonas: Immer mit der Ruhe, Frau Schrödinger MA,
das war nur die erste Runde, die nächste gewinnen
wir. Wir wissen jetzt mehr. Dr. Juniper kann nicht
der Drahtzieher gewesen sein, diese Igora mit
ihrem Klon...

Schrödinger: Interessiert mich nicht, Herr Jonas,
Sie sind gefeuert, Sie Sie Sie kriminologischer
Experte für 120 Euros plus Spesen. Wegen krasser
Unfähigkeit.

Sam: Nananana.

Jonas: Apropos 120 Euros, die hab ich noch zu
kriegen.

Schrödinger: So? Bringen Sie mir Ramses, dann
können wir darüber reden, unter Umständen. Die Tür
ist gleich hinter Ihnen, Herr Jonas.

Jonas: Na bitte. Mein ungutes Gefühl. Frau
Schrödinger MA hatte Recht, Jonas war aufs Kreuz
gelegt worden, die Gegenseite auch, aber das
tröstete mich nicht. Ich war sauer. Wenn Jonas
sauer wird, dann wird er stur. Ich würde am Ball
bleiben, das nahm ich mir fest vor, als ich über
den nächtlichen van-Dusen-Platz ging. Nicht wegen
den paar Euros, jedenfalls nicht nur. Es galt die
professionelle Ehre des Privatdetektivs
wiederherzustellen.

Sam: Wunderschön gesagt Meister aus dem Munde des
Poesiealbum. Vor dem großen Tore steht ein
Weihnachtsmann, singt von seiner Lore so schön und
laut er kann.

Jonas: Du gehst mir auf die Nerven, Sam, spiel was
anders.

Sam: The Time the goes nun by, das ist was auch
mein Ei.

Jonas: Gefällt mir auch nicht, Schluß mit dem
Gedudel, an die Arbeit, Sam, wo steigen wir ein.

Sam: Ja, a ja, Dr. Juniper, euer Fragwürden, Dr.
Juniper selig, blutige Leiche im Postpaket, oder
vom Ägyptologen zur Mumie in nur zwei Tagen,
Gebrauchsanweisung liegt bei.

Jonas: Schön wär's. Was wissen wir über Juniper.

Sam: Melde gehorsamst, wenig, Herr Stabsarzt.

Jonas: Hab ich dir nicht gesagt du sollst dich im
System des Museums mal umsehen.

Sam: No gewiß doch Sir, hat Sammy auch getan. Brav
beflissen und beharrlich.

Jonas: Und?

Sam: Besagter Juniper war ein solcher, welcher
niemals nicht auffiel und insofern sich datenmäßig
wenig niederschlug. Ein Nobody, wie wir
Fremdsprachler zu sagen pflegen.

Jonas: Ein bißchen was wirst du doch gefunden
haben.

Sam: Ein babylonisch Sprichwort kündet: Ein
kleiner Hund scheißt kleine Haufen.

Jonas: Und was das mit Dr. Juniper zu tun.

Sam: Ganz und gar nichts, Chef, nur so, fiel Sam
gerade ein.

Jonas: Dr. Juniper, Sam, schieß los.

Sam: Zu Befehl, losschießen. Juniper, Adalbert,
Dr. phil., Ägyptologe am Museum für
Internationale.

Jonas: Bekannt, Sammy, längst bekannt.

Sam: Es wird gebeten, den Fluß der Gedanken
tunlichst nicht zu unterbrechen.

Jonas: Gedanken, hab ich Gedanken gehört?

Sam: Es geht weiter, Damen und Herren, Piep, geb.
22. 2.1963, wohnhaft Museum für internationale
Kulturgeschichte.

Jonas: Irrtum, Sammy, da hat er gearbeitet.

Sam: Und gewohnt, euer Vorschnelligkeit, in einem
Verschlag neben seinem Arbeitszimmer. Ja,
Feldbett, Waschzelle, Kleiderständer. Hobbies:
keine. Freund-, Lieb- und Partnerschaften: keine.
Privatleben: keines. In Worten: keines. Ende der
Durchsaga.

Jonas: Das ist wirklich nicht viel, Sammy.

Sam: Hab ich's nicht gesagt, Monsignore. Total
tote Hose.

Jonas: Wo soll man da anfangen?

Nofretete: Zum Beispiel damit. Jeden Freitag
verließ Dr. Juniper das Museum kurz vor 10, und
kurz vor 11 kam er zurück.

Jonas: Plötzlich war sie aufgetaucht, aus dem
Schatten, geräuschlos, eine junge Frau, apart,
irgendwie exotisch, orientalisch, ägyptisch
genauer gesagt. Ich beschloß sie Nofretete zu
nennen. Irgendwo hatte ich sie schon gesehen, im
Planquadrat OX 13 BQ. Vor dem Ministerium?
Vielleicht.

Nofretete: Seit etwa einem Jahr tut er das,
Freitag vormittag, 10 bis 11.

Jonas: Jeden Freitag.

Nofretete: So gut wie.

Jonas: Woher wissen Sie das?

Nofretete: Wir wissen viel, Jonas.

Jonas: Wissen Sie auch, wohin Juniper gegangen
ist? Jeden Freitag 10-11.

Nofretete: Warum nicht hierher?

Jonas: Sie zeigte auf ein Türschild an einem der
alten Häuser, die rund um den Platz stehen, ein
Messingschild, mit altmodischen eckigen
Buchstaben: Sammy knipste seine Lampe an, und
Jonas las:

Jonas: Dr. phil. Dr. med. Gloria Zapp,
Psychotherapie, Psychologie, Psychogymnastik, alle
orthodoxen Schulen, Freud, Jung, Reich, Strunk,
bei attestierter Gemeingefährlichkeit staatliche
Kostenübernahme möglich.

Sam: Sowas, ist es nicht zu und zu komisch, Frau
Nachbarin.

Jonas: Was Sammy?

Sam: Was Sammy, daß die berühmtesten Psychologen
nur eine einzige klitzekleine Silbe ihr eigen
nennen, namensmäßig betrachtet.

Jonas: Und?

Sam: Könnte dies furiose Kaktum Korrektur könnte
dies kuriose Faktum nicht gewisse Rückschlüsse auf
die von ihnen gewählte Wissenschaft nahelegen.

Jonas: Halt uns nicht auf. Sie meinen, Juniper ist
jeden Freitag zu dieser Psycho... Nofretete? Wo
steckt sie denn?

Sam: Verschwunden. So still und klammheimlich wie
sie kam. Mysteriös.

Jonas: Du sagt es, Sammy. Glauben wir ihr.

Sam: Da eine erfolgversprechende Möglichkeit uns
vorerst mangelt, Exzellenz, folgen wir kühn dem
Winke des Schicksals. Duridu didi...

Jonas: Sammy, Wink mit dem Zaunpfahl meinst du.
Ja. Also gut, gleich morgen früh.

Jonas: Frau Dr. Dr. Zapp hatte ein handfestes
Wesen und einen kräftigen Händedruck, außerdem
hatte sie viel zu tun. Aber nicht nur deshalb
wollte sie Jonas nichts sagen.

Zapp: Professionelle Diskretion, Herr Jonas.
Ärztliche Schweigepflicht. Für Sie Fremdworte,
nehm ich an.

Jonas: Kommen Sie mal wieder runter, Frau
Doppeldoktor. Ich will ja gar nicht wissen, was
Juniper für Meisen oder Macken hatte, ob er
Zwangsneurotiker war, oder Bettnässer, ob er nicht
mehr Selbstwertgefühl hatte als äh als...

Sam: Als eine durchgesessene Klobrille.

Jonas: Dank dir, Sammy.

Sam: Bitte.

Jonas: Ich brauch nichts als einen ganz kleinen
Hinweis, damit ich den erwischen kann, der ihn
umgebracht hat.

Zapp: Umgebracht? Dr. Juniper?

Jonas: Dr. Juniper ist tot, Frau Doppeldoktor
Zapp.

Sam: Zapp Zapp.

Jonas: Ermordet.

Zapp: Einen Augenblick, Herr Jonas, ich muß meinem
Vorzimmerrobot was sagen. Achtung, Freitag 10-11,
Termin kann neu vergeben werden. Was Sie mir da
erzählen, Herr Jonas, ändert die Situation.

Jonas: Na also.

Zapp: Ein wenig. Lediglich graduell, wenn Sie
verstehen was ich meine.

Jonas: Ist Ihnen in letzter Zeit an Dr. Juniper
irgendwas aufgefallen, was besonderes.

Zapp: Auf Einzelheiten kann ich natürlich nicht
eingehen, er hat zwei, dreimal seinen Termin
abgesagt.

Jonas: Warum?

Zapp: Weil er wichtige Besprechungen hatte, mit
einer wichtigen Person, hat er behauptet.

Jonas: Sonst noch was?

Zapp: Dr. Juniper war in ausgesprochen guter
Stimmung, sehr ungewöhnlich, richtig euphorisch
war er.

Jonas: Weshalb?

Zapp: Wegen der Schlacht von Kadesh.

Jonas: Weshalb?

Sam: Schlacht von Kadesh. Ungebildeter Knochen, im
Jahre 1274 v.Ch. Ägypter unter Ramses den zwoten.

Jonas: Aha.

Sam: Wider Hetiter unter König Tsatuse, nein
falsch, Nuwatali, jawohl der war's, König
Nuwatali, mein Gott die hetetischen Namen.

Jonas: Und wer hat gewonnen? Ramses oder dieser
Nuwatali, dieser Hetiter?

Sam: Dies, o mein wißbegieriger Freund, ist bis
zum heutigen Tage unbekannt geblieben. Der genaue
Ausgang der Schlacht von Kadesh gilt als eines der
größten ungelösten Rätsel der Ägyptologie.

Zapp: Genau das hat Dr. Juniper auch gesagt. Und
dann hat er erklärt, ganz stolz, das Rätsel der
Schlacht von Kadesh und ein paar andere würden in
nächster Zeit ein für alle mal gelöst werden, und
zwar durch ihn, Juniper und seinen persönlichen
Einsatz. Der erste Patient. Ihre Zeit ist um, Herr
Jonas. Äh, letzten Freitag hat Juniper mir
übrigens eine interessante Frage gestellt. Ob zur
Förderung der Wissenschaft auch Dinge getan werden
dürfen, die ethisch und juristisch womöglich nicht
völlig einwandfrei sind.

Jonas: Und was haben Sie geantwortet, Frau
Doppeldoktor?

Zapp: Nichts, die Frage war zu allgemein, und Dr.
Juniper lehnte es ab, sie zu konkretisieren.

Jonas: Viel war das auch nicht, aber besser als
nichts. Stoff zum Nachdenken, zurück zur Basis,
sprich 1Zimmer-Büroapartment, klein aber mein. Ich
stieg aus dem Lift, ging über den Korridor, dunkel
wie immer, ein intensiver Duft nach Schimmel und
kaltem Sojakaff. Wie immer. Soweit nichts
besonders. Aber dann ging's los, kurz vor meiner
Tür, Sammy fing an durchzudrehen, plötzlich heulte
er los wie ein meschuggenes Nebelhorn.

Sam: Verzeih mir Meister, verzeih deinem armen
kleinen Sammy.

Jonas: Was ist los, Sammy?

Sam: Windet sich vor dir im Staub, o Sultan des
Weltalls, in Sackleinwand schleicht er einher,
Asche häufelt er auf sein mißratenes Haupt, o
bitte Beherrscher der Gläubigen nicht aus dem
Fenster schmeißen. Nicht in die Schrottmühle.

Jonas: Was ist denn, was hast du?

Sam: Sammy hat, kaum vermag es über die bleichen
Lippen zu bringen.

Jonas: Du hast keine Lippen, Sammy, und kein
Haupt, und erst recht kein Grund so Theater zu
machen.

Sam: Großmächtiger. Sammy was vergessen.

Jonas: Nein.

Sam: Doch, ein signifikantes Faktum im Fall
Juniper, Chef, zur Kenntnis genommen, abgelegt und
vergessen.

Jonas: Hör auf zu heulen und spuck's endlich aus
dein Faktum.

Sam: Hören ist gehorchen, allgewaltiger Schah. So
vernimm denn. Es war zu finsterer Mitternacht im
Ministerium, da geschäftige Hände jene Mumie
enthüllten, welche keine Mumie war, vielmehr die
ermordete Leiche des Dr. Juniper.

Jonas: Sam ist nicht nur eine Heulboje Sam ist
auch unter anderem ein Geigerzähler, und der hatte
beim Auswickeln was registriert, eine relativ hohe
Bequerell-Strahlung aus Bandagen und Leichen.
Radioaktivität dieser Größenordnung gibt es in und
um Babylon nur an einer Stelle: dem sogenannten
Grausektor mitten im Reservat.

Sam: Wo damals die Taschenatombombe hochging.
Bumm.

Jonas: Im Grausektor war sie die Leiche, und das
hast du mir unterschlagen, Sam. Einfach vergessen.
Was mach ich mit dir.

Sam: Wenn Lord Sammy vielleicht ein leckeres
Lecithinprogramm erstehen würde.

Jonas: Was war das?

Sam: Was war das? Ah, da fiel ein Stuhl in dero
Hoheit Residenz.

Jonas: Da ist jemand, ganz ruhig Sammy... Hände
hoch.

Nofretete: Salemaleikum, Jonas, stecken Sie Ihren
Laserstrahler weg.

Sam: Das ist meiner.

Nofretete: Ich tu ihnen nichts.

Jonas: Nofretete in meinem Sessel, entspannt, die
schönen Beine übereinanderschlagen, inmitten einer
sehr viel weniger schönen Unordnung. Alles war
geöffnet, umgestürzt, durchwühlt. Was hatte sie
gesucht?

Nofretete: Ramses den zweiten.

Jonas: Bei Jonas?

Nofretete: Warum nicht. Jonas hätte sich die Mumie
beim Austausch übergeben lassen und dann für sich
behalten können, um dann das Ministerium ein
zweites Mal zu erpressen.

Jonas: Hätte Jonas, hat er aber nicht.

Nofretete: Davon habe ich mich überzeugt, Jonas.
Sie sind sauber.

Jonas: Zu gütig.

Nofretete: Und darum habe ich mich entschlossen,
Ihnen, wie sagt man hier, sauberen Wein
einzugießen.

Jonas: Gießen Sie los.

Nofretete: Ich bin Ägypterin.

Jonas: Hab ich mir gedacht. Wissen Sie, wie ich
Sie getauft habe, vorhin auf dem van-Dusen-Platz?
Nofretete.

Nofretete: Danke. Nennen Sie mich ruhig weiter so.
Was ist schon ein Name.

Sam: Schall und Rauch. Knall und Rauch.

Jonas: Es reicht Sammy.

Sam: Nein, Schall und Rauch. Shakespeare.

Nofretete: Ich arbeite für unsere
Altertümerverwaltung im verdeckten Außendienst.

Jonas: Das heißt, Sie sind ägyptische
Geheimagentin.

Nofretete: Wenn Sie es so romantisch ausdrücken
wollen, Jonas. Man hat mich nach Babylon
geschickt, um auf die Leihgaben für Ihre
Ausstellung zu achten, vor allem natürlich auf die
Mumie unseres großen König Ramses.

Jonas: Das hat wohl nicht so recht geklappt.

Nofretete: Ich habe meinen Auftrag nicht erfüllt.
Ich habe versagt. Wie Sie, Jonas. Jetzt haben wir
beide das gleiche Ziel, Ramses den zweiten zu
finden, ich schlage vor wir tun uns zusammen, wir
teilen unsere Informationen und gehen gemeinsam
vor.

Jonas: Einverstanden, teilen wir unsere
Informationen.

Nofretete: Sie fangen an Jonas.

Jonas: Nicht doch. Jonas ist Kavalier. Nach Ihnen
Nofretete.

Nofretete: Gut. Passen Sie auf. Vor etwa einem
viertel Jahr haben Unbekannte versucht, Napoleons
Grab im Pariser Invalidendom aufzubrechen, ohne
Erfolg.

Jonas: Was hat das mit unserem Fall zu tun.

Nofretete: Warten Sie ab. Etwas später hörten wir
von mysteriösen nächtlichen Grabungen in Berlin,
auf dem Gelände der alten Reichskanzlei, wo heute
das gigantische Denkmal der Vereinigung steht.

Jonas: Sieht aus, als ob jemand tote Herrscher
sammelt. Napoleon, Hitler.

Nofretete: Und jetzt Ramses den zweiten.
Interessant nicht wahr. Sie sind dran, Jonas, was
haben Sie bei der Psychotherapeutin erfahren.

Jonas: Ich sagte es ihr, und ich sage ihr auch,
was Sammy mir gerade gebeichtet hatte.

Nofretete: Also in diesen wie hieß das, in diesen
Grausektor führt die Spur.

Sam: Im Grausektor aber ist's fürchterlich, nicht
geheuer ist es dort, Geister gibt an jenem Ort.

Jonas: Wirklich Sam.

Sam: Ja, radioaktive Geister. Und über ihnen ragt
in den verhangenen Himmel dräuend und grausend der
Schecken aller Schrecken, Frankensteins Burg.
Ua...

Jonas: Ugarte. Keine schlechte Idee.

Sam: Keine schlechte Idee. Ha. Bravo Sammy, heißt
das, gut gemacht Sammy, Danke, Sammy, was würde
ich ohne dich tun, Sammy.

Jonas: Ugarte. Dr. Victor Ugarte. Vor Jahren eine
leuchtende Hoffnung der Wissenschaft, genialer
Genetiker und Mikrobiologe, umworben, hofiert,
Lehrstuhl an der Uni Babylon mit 20, Aussicht auf
den Nobelpreis, und dann war alles vorbei, ganz
plötzlich. Ugarte hatte heimlich für die
Korporation gearbeitet, das organisierte
Verbrechen, organlose Kuriere hatte er geklont und
absolut furchtlose Wegwerfkiller. Das kam raus.
Ugarte setzte sich ab in den Grausektor, wo sich
kein Polizist hintraut, und da saß er immer noch
und forschte und klonte in seinem illegalen Labor.

Sam: Frankensteins Burg heißt sie im
Volksmäulchen.

Jonas: Igora kam aus dem Reservat, mit der Mumie
und mit einem Klonkiller, ihr Chef heißt
Frankenstein. Hat sie gesagt. Alles paßt zusammen.

Nofretete: Ugarte hat die Königsmumie gestohlen
mit Junipers Hilfe.

Jonas: Und er hat sie noch. Wozu. Warum.

Nofretete: Vielleicht ist er Sammler.

Jonas: Könnte die Sache was mit Gentechnik zutun
haben.

Nofretete: Das wird sich zeigen. Wir werden
Frankenstein besuchen, auf seiner Burg.

Jonas: Einfach so, ein gemütlicher Spaziergang in
den Grausektor durchs Reservat.

Nofretete: Sie kennen sich da doch aus, Jonas.
Oder?

Sam: Und ob er sich auskennt, mein Meister, ein
und aus, rein und raus, ja, ein Pfadfinder im
Reservat, ein Führer durch die Wildnis, siehe Fall
Reservat, siehe Fall Störfalle, siehe Fall
Eurodschungel, und so weiter und so fort etc.

Nofretete: Ja, dann ist ja alles in Ordnung.
Zeigen Sie mir den Weg auf der Karte, Jonas, wo
liegt der Grausektor.

Sam: Da drüben an der Ecke wo die Rosentulpen
stehen...

Jonas: Im Südosten von Babylon, mitten in dem
großen dunklen Fleck, vor 15 Jahren im Bürgerkrieg
ist das ganze Viertel draufgegangen, seitdem
existiert es nicht mehr. Offiziell. Inoffiziell
ist es das Reservat, eine Wüste aus Stein und
Metall, ein Dschungel mit eigenen Gesetzen, wild
und gefährlich, am wildesten und gefährlichsten im
Grausektor. Ich zeigte Nofretete den Weg durchs
Reservat zum Grausektor.

Nofretete: Wir sollten sofort aufbrechen Jonas.

Jonas: Augenblick, nicht so schnell, erst helfen
Sie mir beim Aufräumen.

Nofretete: Wenn Sie darauf bestehen, aber vorher
sollten wir anstoßen auf das Team Nofretete/Jonas.

Sam: Und Sammy.

Nofretete: Gibt's hier was zu trinken.

Jonas: Bürowhisky, wenn Sie die Flasche nicht
ausgekippt haben, o haben Sie nicht, die Gläser
sind auch noch ganz, also dann cherio. Auf gute
Zusammenarbeit, Nofretete.

Nofretete: Auf gute Zusammenarbeit, Jonas.

Jonas: Sie trinken ja gar nicht, Nofretete, warum
trinken Sie nicht?

Jonas: Ich fiel, vom Schreibtisch auf den
Fußboden, durch den Boden, tiefer, immer tiefer,
bis nichts mehr da war, kein Boden, kein Jonas. Im
meinem Kopf tobte die Schlacht von Kadesh. Mal
gewannen die Ägypter, mal die Hethiter. Jonas
verlor immer, das war nicht fair. Ich machte die
Augen auf. Ich lag auf dem Fußboden in meinem
Büroapartment. Die Schlacht tobte immer noch. Nur
daß es nicht die Schlacht war, es war Sammy.

Sam: Tatatatä. Erhebet euch ihr Gläubigen, strömet
zu Hauf, na los, komm schon endlich hoch du nasser
Sack, kikeriki, erwachet, erwachet, er krähte der
Hahn, die Sonne betritt ihre güldene Bahn.
Kikeriki.

Jonas: Der Hahn heißt Sam. Und das mit der Sonne
stimmt schon gar nicht.

Sam: Theo gratias, Halleluja. Halleluja.

Jonas: Wie spät haben wir's?

Sam: Er ist wieder da, er ist wieder bei sich, er
ist wieder bei Sammy, mein Jonasle, Jonas der
große, der einzige, der unnachahmliche.

Jonas: Jajaja wie spät.

Sam: Höre Jonas laß dir sagen, unsere Uhr hat 6
geschlagen, und äh ja und 7 Minuten und 23
Sekunden.

Jonas: Abends?

Sam: Na, Mitternachts wird's sein.

Jonas: Das heißt ich war fast 8 Stunden
abgetreten. O... O Gott. Da hat mir die liebe
Nofretete ein Teufelszeug in meinen Whisky
gekippt.

Sam: Gelinkt hat sie meinen Meister, lahmgelegt,
kaltgestellt, pfui spinne wat fies, damit sie
ihren Ramses ganz allein holen kann.

Jonas: Viel Glück, das braucht sie.

Sam: Wie dürfte ich das verstehen, Sir?

Jonas: Oh, ich hatte so ne Ahnung, und darum hab
ihr einen ganz besonders interessanten Weg durchs
Reservat gezeigt, über Turkistan, vorbei am
Hauptquartier der Straßensamurai und an den Höhlen
der Nachtmenschen.

Sam: Ja, das schafft sie nie, die linke Lola.
Clever, und da bist du ganz alleine draufgekommen,
du Dünnbrettbohrer.

Jonas: Wer sich auskennt, kommt problemlos ins
Reservat, weil er weiß, wo die Lücken im Dom sind,
und die vergessenen Unterführungen, und im
Reservat kennt er die versteckten Wege durch die
Trümmer. Und wenn er dann noch Glück hat, kommt er
durch. Gegen Mitternacht war ich im Grausektor,
Radioaktivität bedenklich, aber nicht
lebensgefährlich. Sagt Sam. Passendes Wetter,
heftiger Regen, Blitz und Donner, die
Klimaregulierung spielte verrückt, das tut sie
hier immer. Um Jonas graue Hügel, eintönig und
unheimlich, und darüber, blitzumzuckt, ein hohes
finsteres Gebäude.

Sam: Frankensteins Burg.

Jonas: Ugartes Labor, wir sind da.

Sam: Früher war das mal ein Bezirksgericht, gelle,
ja, gebaut im 19. Jahrhundert, daher das gotische
Brimborium, Zacken, Zinnen, Türmchen. Ja, so was
fanden die geil damals. Beachten Sie vor allem die
stilechten Spitzbögen Ladys und Gentlemen.

Jonas: Ich denke nicht dran.

Sam: Und woran sofern die Frage erlaubt wäre,
denken Eminenz falls überhaupt.

Jonas: Wie kommen wir rein, daran denke ich.

Sam: Ja, gute Frage, Kumpel, laß uns mal
überlegen.

Jonas: Türen und Fenster sind out, Sammy.

Sam: Ja, da scharf bewacht und streng gesichert,
daccord Monsieur.

Jonas: Übers Dach.

Sam: Hubschrauber weniger zu empfehlen.

Jonas: Also von unten, durchs Abwasser, wie
seinerzeit in Nirwana.

Sam: Fall Spielwiese. In dem daß die
Abwasserleitung hiesigenorts zu ebener Erde
verläuft und sich in einem bewachten Zustand
befindet. Jedoch.

Jonas: Sam hatte in eine Idee. Ab und an ist er
wirklich zu brauchen. In alter Zeit stand
gegenüber vom Gericht das Untersuchungsgefängnis,
und dazwischen lief ein unterirdischer Gang, damit
die Angeklagten sicher vor den Richter gebracht
werden konnten. Sam wußte das. Sam weiß viel. Er
wußte auch, welcher Trümmerhaufen das ehemalige
Gefängnis war, und wo Jonas im Schutt wühlen
mußte, um den Gang zu finden. Eine Stunde später
waren wir unter der Erde, es war eng, etwas
muffig, aber sauber und hell. Sammy ließ sein
Licht leuchten auf glatte Wände, die nur einmal
unterbrochen waren, durch eine Metalltür mit einem
wohlbekannten Zeichen:

Jonas: Drei schwarze Speichen im gelben Kreis,
hierdurch geht’s ins alte Atomschutzsystem, Sammy.
Fall Schneewittchen, weißt du noch.

Sam: Ah Herr Hofrat, ich bitt Sie, wird Sammy auch
nur einen einzigen Fall seines Jonas vergessen.

Jonas: Vorsicht, Sam, ich sag nur Lecithin.

Sam: Ja, nur zu, brutaler Folterknecht, dreh an
der Schraube, reibs ein, schmier's dem armen Sam
aufs Butterbrot, immer und immer wieder, ich werd
es ertragen sieben Jahr, ich werd es ertragen.

Jonas: Tu das Sam. Weißt du, was die Tür bedeutet.
Wir haben einen Fluchtweg, schnell und gefahrlos
unter dem Reservat direkt nach Babylon. Falls du
den Öffnungscode kennst.

Sam: Ha. Kennt Sammy sein Einmaleins, sein
Alphabet?

Jonas: OK. Merken für nachher, wir werden's dann
vermutlich eilig haben. Weiter.

Sam: Drei vier. Das Wandern ist das Jonas Lust,
das Wandern...

Jonas: Der Gang endete an einer schmalen Treppe,
30 Stufen steil nach oben, dann ein kleiner
Absatz, rechts und links Wände, darin je eine
hölzerne Schiebetür. Undeutliche Geräusche hinter
der linken Tür. Ich schob sie vorsichtig zurück,
kroch durch die Lücke und war in einer Art Kanzel,
zwei mal zwei Meter. Unter einer hohen
Gewölbedecke. Was war das?

Ugarte: Gut so. Macht sich, macht sich. Sehr
schön.

Sam: Großer Verhandlungssaal, Herr Vorsitzender.

Jonas: Und diese Kanzel.

Sam: Angeklagten.

Jonas: Ach so. Ob ich mal über den Rand kucke?

Sam: Vorsicht, euer Ehren, Klavier, piano,
pianissimo.

Jonas: Der Saal war voll. Voll mit Geräten,
Maschinen, Apparaten, Instrumenten, Konsolen,
Röhren, Gläsern. Retorten. Alles brummte und
summte, dampfte und stampfte, tickte, brodelte und
kochte, Elektroöfen zischten, bunte Lichter
zuckten. Frankensteins Labor. Wie im Kino.
Mittendrin zwei Figuren in weißen Kitteln, eine
klein und bucklig, Igora. Neben ihr ein Mann,
groß, etwas gebückt, fahrige Bewegungen, stechende
Augen hinter dicken Brillengläsern, wirre lange
Haare, die um seinen Kopf standen wie ein
pervertierter Heiligenschein. Das mußte er sein.
Frankenstein persönlich, Dr. Victor Ugarte.

Ugarte: Gut machen sie sich, unsere kleinen
Adolfs, Igora.

Igora: Wundervoll, Herr Doktor, ganz wundervoll.

Ugarte: Sie blühen, sie gedeihen. Die neuen
Nährlösung scheint ihnen besser zu bekommen.

Igora: Viel besser, Herr Doktor. Viel, viel
besser.

Ugarte: Der kleine, dicke hier, ist das nicht ein
Prachtexemplar. Kann man nicht schon fast seinen
Schnurrbart erkennen?

Igora: Vollbart, Herr Doktor, Rauschebart.

Ugarte: Red keinen Unsinn, Igora. Was macht unser
Sonderfall, unser Sorgenkind.

Igora: Herr Doktor meinen den Pharao?

Ugarte: Wen denn sonst. Ißt er?

Igora: Jawohl, Herr Doktor, aber sprechen tut er
immer noch nicht.

Ugarte: Ich seh ihn mir mal an.

Jonas: Beide gingen durch eine Tür, direkt unter
meiner Kanzel. Jonas ging auch, das heißt er
kroch, zurück durch die Schiebetür, über den
Absatz, durch die rechte Schiebetür: Und da war
ich wieder auf einer Kanzel, über einem Saal, der
kleiner war als der erste. Und in dem es ganz
anders aussah.

Sam: Ägyptisch.

Jonas: Wenn du das sagt, Sammy.

Sam: Ja, Thronsaal eines Pharao. Neues Reich, 19.
Dynastie.

Jonas: Glaub ich dir unbesehen. Hier sind sie also
gelandet die Stücke aus der Ausstellung. Aber wo
ist die Mumie?

Sam: Ja, wo ist die Mumie? Auf dem Thron.

Jonas: Nein, Sammy, das ist ein Mensch, eben hat
er den Arm bewegt.

Sam: Ja und?

Jonas: Ein Mann, groß, mager, dunkelhäutig, mit
ausgeprägter Hakennase und einem langen schmalen
Kinnbart. Er trug einen Lendeschurz und auf dem
Kopf einen hohen runden Aufbau, ein bißchen wie
eine Bischofmütze. Und nach Bischof sah auch der
kurze Krummstab aus, den er in der Hand hielt. Er
saß da, steif und fast regungslos und sah vor sich
hin. Auf Ugarte, der vor ihm herumfuchtelte,
reagierte er überhaupt nicht.

Ugarte: Sag mal, Ramses, was soll das, was denkst
du dir? Gerade mit dir habe ich mir ganz besondere
Mühe gegeben.

Igora: Und auch hohe Kosten haben Herr Doktor
nicht gescheut.

Ugarte: Sehr richtig, Igora. Kosten Mühen und
Zeit. Ich mußte diesen Idioten Juniper
kultivieren, sein Vertrauen gewinnen, ihm
anvertrauen, daß ich aus der Mumie von Ramses II.
eine genuine Kopie des alten Pharao klonen kann.

Igora: Und wie Herr Doktor das können, phänomenal.

Ugarte: Ich habe ihm erzählt, daß so eine Kopie
ihm alle Fragen über den echten Ramses beantworten
kann, wer die Schlacht von Kades gewonnen hat, und
was weiß ich noch alles.

Igora: Und das hat er Herr Doktor wirklich
geglaubt?

Ugarte: Als ob ein Klon die Erinnerungen des
Originals behält, ein Trottel, der Mann, keine
Ahnung von Genetik. Als er mir die Mumie brachte
und merkte, was ich wirklich vorhatte, da machte
er mir eine Szene.

Igora: Eine Frechheit Herr Doktor, eine bodenlose
Frechheit.

Ugarte: Dafür ist er ja auch bestraft worden,
Igora, und ich, ich habe die Mumie präpariert und
zerlegt, das Genmaterial isoliert, nach der PCR-
Methode kopiert und da mir mehr als ausreichend
DNA-Substanz zur Verfügung stand, habe ich dich
produziert, Ramses. Du bist ein Pharao, ein
Autokrat, ein Tyrann, ein blutdürstiger Krieger.
Benimm dich gefälligst auch so.

Igora: Alarm, Herr Doktor.

Ugarte: Geh ans Fon, Igora, frag die
Sicherheitszentrale was es gibt.

Igora: Ja, was ist los? Aha? Jemand hat versucht,
ins Institut einzudringen Herr Dr.

Ugarte: Wer hat es gewagt. Man bringe ihn zu mir.

Igora: Sie. Herr Doktor, es ist eine Frau.

Jonas: Auftritt zwei riesige Klonkiller mit
Lasern, zwischen ihnen, Sie haben es erraten,
Nofretete, sie hatte es tatsächlich geschafft.
Respekt trotz allem. Sie sah sich um, verwirrt
zuerst, dann immer stärker beeindruckt. Fast
verzückt, riß sich los, lief zum Thron, fiel auf
die Knie.

Nofretete: Majestät, o großer Pharao, sieh gnädig
herab auf deine Dienerin.

Ugarte: Machen Sie sich nicht lächerlich. Das ist
nur ein Klon. Ein Produkt. Vor mir sollten Sie
knien. Ich hab ihn geschaffen, einen lebendigen
Pharao aus einer toten Mumie, und das ist erst der
Anfang, wenn erst die vielen kleinen Adolfs reif
geworden sind, und bald, sehr bald werde ich in
den Osten aufbrechen, ins Eldorado der Tyrannen,
Lenin, Stalin, Iwan der Schreckliche, Dschingis
Khan. Tamalan. Durch mein Genie werdet ihr zu
neuem Leben, neuen Untaten erwachen.

Igora: Bravo, Herr Doktor, bravissimo.

Ugarte: Man hat mich verfolgt, man hat mich
gedemütigt, meine Karriere hat man vernichtet,
mein Leben zerstört, ich werde mich dafür rächen.
Babylon, Europa, die ganze Welt wird erfahren,
wozu Dr. Victor Ugarte fähig ist. Ich klone
Welteroberer, Diktatoren, Tyrannen, Massenmörder,
Blutsäufer, es werden mehr werden, immer mehr,
viele, und wenn die Zeit gekommen ist, werde ich,
Dr. Victor Ugarte, meine schwarzen Heerscharen,
meine apokalyptischen Horden auf die Menschheit
loslassen. Ein Chaos wird ausbrechen, eine globale
Katastrophe, die Greuel der Verwüstung. Heulen und
Zähneklappern, Berge von Leichen, Ströme von Blut.
Armageddon, Götterdämmerung, Weltuntergang.

Sam: Total beknackt dieser Klon...

Ramses: Amun steh mir bei, was für ein
melodramatischen Monolog, ein richtiges, verzeihen
Sie Dr. Ugarte, ein richtiges Schmierentheater.

Igora: Ramses, der kann sprechen, und wie, Herr
Doktor, wie ein Buch.

Sam: Ne, wie ein Computer.

Ugarte: Wie redest du mit mir, Ramses, du bist
mein Geschöpf, was ich befehle führst du aus.

Ramses: O nein, Dr. Ugarte, rechnen Sie bitte
nicht mit mir, ich finde ihr
Weltuntergangsszenario abgeschmackt, makaber,
richtig krank. Außerdem kann ich kein Blut sehen.

Ugarte: Wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken,
Igora. Ramses ist ein Fehlschlag. Viel zu brav,
kein Tyrann, wie wir ihn brauchen. Was über Ramses
II. in den Geschichtsbüchern steht, ist offenbar
stark übertrieben. Wir werden ohne ihn auskommen
müssen. Programm Adolf wird intensiviert. Viel zu
tun, viel zu tun.

Igora: Und die Frau, Herr Doktor, die
Einbrecherin?

Ugarte: Bringen sie um, Igora.

Igora: Mit meinem kleinen scharfen Messer, Herr
Doktor, wie Juniper.

Ugarte: Genau so, Igora, zeig diesem entarteten
Pharao wie Menschenblut aussieht.

Igora: Komm, komm mein Täubchen, komm zu Igora.
Igora wird dir deinen schönen Hals abschneiden von
einem Ohr zum andern mit ihrem kleinen scharfen
Messer.

Ramses: Zurück. Ich bin der Pharao, ich werde
nicht dulden, daß meiner Dienerin Leid geschieht.

Igora: Misch du dich nicht ein Ramses, sonst bist
du der nächste. Haltet sie fest.

Sam: Sollten wir einschreiten, mein über den
Dingen schwebender Jonas.

Jonas: Du hast Recht, Sam, es wird Zeit.
Laserstrahler. Igora und zwei Klonkiller.

Jonas: Tot. Alle drei. Meisterschütze Jonas hopste
über die Kanzel. Nofretete war keine Amateurin.
Sie lief sofort zur Tür, drehte den Schlüssel um.
Keine Sekunde zu früh.

Ugarte: Igora, was ist passiert.

Nofretete: Nun tun wie uns also doch noch
zusammen, Jonas. Teilen wir unsere Ressourcen. Was
haben Sie beizusteuern?

Jonas: Meinen Laser und einen Hinterausgang plus
Fluchtweg. Und Sie Nofretete?

Ugarte: Aufmachen.

Nofretete: Ich, das hier.

Jonas: Eine Superminibombe mit einstellbarem
Zeitzünder. Sehr gut.

Nofretete: Zum Glück haben sie mich nicht
durchsucht.

Sam: Die Zeit drängt, verehrte Anwesende. Stell
den Knaller ein, eine viertel Stunde sollte
reichen, na los versteck ihn und dann ab und durch
die Middle.

Jonas: Und Ramses, nehmen wir ihn mit.

Nofretete: Mein Pharao. Komm zurück.

Sam: Ja wo ist er denn.

Jonas: Ramses schritt zur Tür. Kopf hoch, Arme
über der Brust gekreuzt, feierlich, jeder Zoll ein
Pharao. Ugarte und seine Klonkiller hatten ein
mächtiges Loch in die Füllung geschlagen. Ramses
blieb davor stehen, majestätisch hob er den
Krummstab.

Ramses: Im Namen Amuns, in meinem eigenen Namen,
ein Gott bin wie er, im Namen aller Götter
Ägyptens, fort mit den Waffen, in den Staub, das
befiehlt euch Ramses, der Sohn des Rah, der da
geliebt wird von Amun, Ramses der große Pharao.

Jonas: Nofretete, was ist mit der Bombe.

Nofretete: Eingestellt und versteckt.

Jonas: Dann los, hier auf die Kanzel, beeilen Sie
sich. Auf die Kanzel.

Nofretete: Armer Ramses. Armer Pharao.

Jonas: Eine Viertel Stunde später, in einem Gang
des unterirdischen Atomschutzsystems Richtung
Babylon. Jonas ging voran, dahinter Nofretete,
Sammy in meiner Hand leuchtete. Wir hatten es
eilig. Aus gutem Grund.

Sam: Adio Frankensteins Burg. Adios Frankenstein.
Alias Dr. Victor Ugarte.

Jonas: Adios Ramses. Ein Jammer, daß wir ihn nicht
retten konnten, Nofretete, und seine Mumie schon
gar nicht, aber die hat Ugarte schon vor Tagen
zerschnipsle und zu Genmaterial verarbeitet.
Nofretete? Nofretete?

Sam: Nofreretetete? na, verschwunden, die
flüchtige, wieder einmal.

Jonas: Und diesmal für immer. Mir sollte es recht
sein. Als ich zuhause war, rief ich Frau
Schrödinger M.A. an, wollte ihr erzählen, wie der
Fall ausgegangen war, wer dahinter gesteckt hatte
und warum. Aber sie wollte es nicht hören.

Schrödinger: Interessiert mich nicht, Herr Jonas,
absolut nicht, das hab ich Ihnen schon mal gesagt.
Mich interessiert nur eins. Was ist mit Ramses?

Jonas: Erschossen, Frau Schrödinger, MA.

Schrödinger: Was?

Jonas: Was ist mit meinem Geld?

Schrödinger: Reichen Sie Ihre Rechnung ein.

Jonas: Was?

Schrödinger: Ich habe einen großen Papierkorb.

Jonas: Natürlich kriegte Jonas keinen Euro. Frau
Schrödinger MA kriegte was, einen neuen Posten.
Sie wurde nach Albanien versetzt zur
Regionalverwaltung historisch wertvoller
Zwergkirchen.

Sam: Und da soll sie bleiben, bis sie schwarz
wird, das walte Hugo, Amen Bmen, Batman.

Das war Pharao. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem wirkten mit: Christiane Bachschmidt,
Ulrike Kriener, Elisabeth Volkmann, Hans Stetter
und viele andere (Elisabeth Endriss, Karl
Friedrich). Ton und Technik: Günter Heß und
Christine Koller. Regieassistenz: Holger Buck.
Regie: Werner Klein. Eine Produktion des
Bayerischen Rundfunks (1994). Redaktion: Erwin
Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Nachtcafe

Jonas: Sie wimmelten um uns herum, kratzten an der
Plexikuppel, drückten sich die verschorften Nasen
platt, stierten auf unseren Tisch, unsere Teller.
Steaks. Echtes Rindfleisch. Unbezahlbar. Sie
zeigten uns ihre dürren Rippen, ihre
aufgetriebenen Bäuche, ihre offenen Wunden, ihre
Eiterbeulen. Und sie schrien. Sie schrien vor
Hunger. Sie schrien nach unseren Abfällen. Der
bullige Typ neben mir warf ihnen was zu. Einen
abgenagten Knochen. Durch die elektronisch
gesicherte Klappe. Sie stürzen sich drauf, fielen
übereinander her, schlugen sich blutig.

Lumbago: Hahahaha! Das macht Laune und Appetit.
Hunger ist der beste Koch. Sagten schon Opa und
Oma im guten alten 20. Jahrhundert. Na, ihr
Klappergestelle, noch ein Stück? Kusch, später,
vielleicht, wenn ihr uns bei Laune haltet. Na,
bietet uns mal was. Allehopp!

Jonas: Das Lokal hieß Drittwelt. Ein Schuppen für
Superreiche. Man tafelte in Plastikkuppeln.
Dahinter Horden halbverhungerter Drittweltler. Der
Besitzer ließ sie an der Grenze einsammeln. Da
gab's mehr als genug. Frischer Nachschub. Jede
Nacht.

Lumbago: Super Idee. Der letzte Schrei.
Erlebnisgastronomie mit Pfiff. Sie essen ja gar
nicht Jonas. Hauen Sie doch rein. Die Chefin
zahlt.

Jonas: Sie haben mich hierher bestellt, sagen Sie,
worum es geht. Ich höre zu. Aber vorher drücken
Sie auf den Knopf.

Lumbago: Sie meinen Ton weg, Kuppel
undurchsichtig? Aber wieso denn, die Hungerleider
sind doch gerade der Witz hier.

Krug: Tun Sie uns den Gefallen, Lumbago, stellen
Sie das da draußen ab.

Jonas: Sie war Kassandra Krug: Albin Krugs einzige
Tochter, die reichste Erbin in Babylon, vielleicht
in ganz Europa, trotzdem tat sie mir leid, sie war
so klein, einsdreißig - höchstens. Und ihre Augen
hatten den gleichen traurigen Blick wie die Augen
der armen Schweine hinter dem Plexiglas.
Ihretwegen blieb ich, der Mann bei ihr war weniger
mein Fall.

Jonas: Lumbago.

Lumbago: Ja, so heiße ich. Tayfun Lumbago, Dr.
Lumbago, Dr. der äh...

Krug: Kunstgeschichte.

Jonas: Doktor.

Lumbago: Was dagegen?

Jonas: Genau so hab ich mir einen Doktor der
Kunstgeschichte vorgestellt, zwei Meter im
Quadrat, Nasenknick, Blumenkohlohren.

Lumbago: Nur kein Neid, Freundchen.

Krug: Dr. Lumbago betreut die Kunstsammlung meines
Vaters. Deshalb ist er mitgekommen. Verstehen Sie?

Jonas: Kein Wort. Vielleicht fangen Sie mal an mir
zu erklären was Sie von mir wollen.

Lumbago: Van Gogh. Schon mal gehört den Namen?

Jonas: Maler vor 100 Jahren. Nicht ganz dicht, hat
sich was abgeschnitten, Ohr, richtig, krieg ich
jetzt den Preis.

Krug: Mehr wissen Sie nicht?

Jonas: Wozu?

Krug: Nachtcafe, Jonas, sagt Ihnen das was?

Jonas: Ist das ne Kneipe? Kenn ich nicht.

Lumbago: Na wissen Sie Freundchen, mit ihrer
Bildung sieht's eher mickrig aus.

Jonas: Im Gegenteil, Freundchen, meine Bildung ist
gewaltig, und ich habe sie immer bei mir, in der
Tasche. Bitte, mein Computer, spricht viel, weiß
alles. Hast du zugehört, Sam.

Sam: Ja natür... haben wir Chef. Doch doch doch
mit einem Öhrchen, na ja warum. Nicht gerade
anregend das Gesülze.

Jonas: Van Gogh, Sammy, Nachtcafe, leg los, mach
Eindruck, zeig den Herrschaften, was Bildung ist.

Sam: Aber immer, Meister, auf die Plätze fertig
los, Piep. Vincent van Gogh, 1853 bis 1890, zu
Lebzeiten ein bettelarmer, völlig erfolgloser,
gänzlich unbekannter Maler, wurde nach seinem
allzufrühen Tod anerkannt und gefeiert als einer
der genialsten Künstler, welche je auf Erden
wandelten. Bereits im 20. Jahrhundert erzielten
seine Gemälde Rekorderlöse –heute sind sie so gut
wie unerschwinglich.

Jonas: Das wußte sogar Jonas, und er wußte auch
warum. Weil es kaum noch echte van Goghs gab, die
meisten waren in den letzten Jahren draufgegangen,
als Holland und Belgien überflutet wurden, als
beim Erdbeben von Tokio die Großbanken mitsamt
ihren Tresoren ins Meer rutschten, als im 2.
amerikanischen Bürgerkrieg die Museen in Flammen
aufgingen.

Sam: Nachtcafe ist der Titel eines Gemäldes,
welches van Gogh im September 1888 zu Arles in
Südfrankreich schuf.

Jonas: Ach so. Ein Bild ist das.

Sam: Was denn sonst du hirnamputierte Beutelmaus.
Nachtcafe, vordem im Besitz der Yale University,
wurde im Dezember 2012 von Albin Krug, dem
bekannten babylonischen Multimillionär und
Multimilliardär für seine Sammlung erworben,
Kostenpunkt 500 Millionen Euros.

Jonas: Eine halbe Milliarde.

Sam: Ja.

Jonas: Für ein Bild.

Sam: Ja.

Krug: So ist es Jonas. Und jetzt hat mein Vater
erklärt, daß er Nachtcafe mitnehmen will.

Jonas: Mitnehmen, wohin.

Lumbago: In die Hölle vermutlich. Verzeihung,
Kassandra.

Krug: Schon gut, Lumbago. In den Sarg, ins
Krematorium. Wenn er tot ist.

Lumbago: Und das wird nicht mehr lange dauern.
Immerhin ist Albin Krug an die 120.

Krug: 121 Jahre und 4 Monate.

Jonas: Moment, ihr Vater will ein Bild für eine
halbe Milliarde verbrennen. Warum?

Krug: So ist er, Jonas, wenn es ihn nicht mehr
gibt, soll es auch Nachtcafe von van Gogh nicht
mehr geben.

Lumbago: Ja, und darum haben wir Sie kommen
lassen, Jonas.

Krug: Sie sollen verhindern, daß mein Vater seinen
Plan ausführt.

Lumbago: Sie sollen Kassandras wichtigstes und
wertvollstes Erbstück sichern und der Welt ein
einmaliges Kunstwerk erhalten.

Jonas: Ich verstehe, Sie brauchen keinen Detektiv,
Sie brauchen einen Dieb.

Lumbago: Jacke wie Hose Jonas.

Krug: Bitte, Jonas, retten Sie Nachtcafe, für
mich.

Sam: Gut wir retten Nachtcafe.

Jonas: Sie sah mich an, schräg von unten, mit
großen traurigen Augen. Deshalb blieb ich. Jonas
war nicht in Form. Jonas hatte keinen Bock. Jonas
wollte kein Detektiv mehr sein. Letzter,
vorletzter, allerletzter. Egal. Jonas wollte was
ganz anderes tun, was kreatives. Töpfern,
Klavierspielen, Midlifecrisis nennt man so was.
Und ein Bild klauen, das hat ja auch was
kreatives. Irgendwie. Was künstlerisches.

Lumbago: Auf jeden Fall ist es eine ganz einfache
Kiste Jonas. Sie gehen zu Krugs Haus, gleich
nebenan, durch den bewachten Park, 10 Minuten zu
Fuß. Sie gehen ins Haus, durchs Foyer und dann
rechts in den Bildersaal, immer gerade aus,
Nachtcafe hängt an der hinteren Wand, nicht zu
verfehlen. Sie nehmen das Bild ab, klemmen es
unter den Arm, kommen zurück.

Jonas: Nicht so schnell, Lumbago.

Lumbago: Dr. Lumbago.

Jonas: Wollen Sie mir erzählen, daß Haus und Bild
überhaupt nicht gesichert sind?

Lumbago: Natürlich sind sie gesichert, und wie,
aber das ist nicht Ihr Problem. Kassandra?

Krug: Hier, Jonas, eine
Generalsupersicherheitsscheibe.

Lumbago: Damit legen Sie das komplette
Schutzsystem im Hause Krug lahm.

Jonas: Kein Personal.

Lumbago: Die Menschen haben Ausgang, die Automaten
schaltet ihre Schreibe ab.

Jonas: Und Albin Krug selbst.

Krug: Wird Sie nicht stören, Papi hält sich in
seinem Spezialambiente auf, tief unter dem Haus.

Lumbago: Ja, Sie sehen Jonas, ein Kinderspiel. Mit
dem Bild kommen Sie hier her zurück, dafür kriegen
Sie 500 Euros.

Jonas: 500. Für ein Bild, das 1.000.000 mal soviel
wert ist.

Lumbago: Na, sagen wir 1000, aber mehr ist nicht
drin.

Krug: Pappi hält mich kurz.

Lumbago: Alles klar Jonas.

Jonas: Noch nicht ganz, wenn die Sache so leicht
ist, wozu brauchen Sie mich. Warum klauen Sie
Nachtcafe nicht einfach selbst.

Lumbago: Schwer von Begriff ist er auch noch.
Albin Krug wird natürlich Kassandra verdächtigen.

Krug: Sie auch Lumbago.

Lumbago: Und darum brauchen wir ein Alibi. Wir
sitzen hier in der Drittwelt, ganz gemütlich. Und
derweil reißt sich ein Außenstehender das Bild
unter den Nagel, einer den Krug nicht kennt. Der
mit Kunst nichts am Hut hat und der sich dabei
nicht allzu dämlich anstellt hoffentlich.
Uhrenvergleich. Es ist jetzt.

Sam: 22 Uhr 17 Minuten und 9 Sekunden. Piep.

Lumbago: Spätestens um 11 sind Sie wieder hier,
Jonas. Mit Nachtcafe, eingewickelt natürlich,
Decken und Packpapier finden Sie im Bildersaal auf
dem Tisch rechts von der Tür.

Krug: Viel Glück Jonas. Wir sehen uns.

Sam: Tschüß.

Jonas: Jonas war schon oft danebengewesen, aber
noch nie so daneben wie an diesem 2. Juli 2013.
Midlifecrisis wie gesagt und große Zwergenaugen.
Wie auch immer, Jonas ging klauen. Krugs Haus war
kein Haus, eine Residenz, eine Palast, eine
gigantische Schatzkammer, gesichert und bewacht
von allem was gut und teuer war. Schleusen und
Scanner jeder Art, Robodogs und Robokiller,
Monitore, Fallen, Alarmanlagen, aber damit hatte
Jonas keine Probleme. Jonas war unsichtbar, seine
Superscheibe bahnte ihm den Weg durch die
Dornenhecke ins Dornröschenschloß. In den
Bildersaal, was heißt Bildersaal, ins Museum.
Überall gerahmte Kunst, groß, klein, bunt,
einfarbig. Soweit so gut. Wo war Nachtcafe?

Sam: Sperr die Schweinslitzen auf Genosse, hier,
direkt vor dero hochwürdigstem Riechorgan.

Jonas: Das Bild da, das kleine Ding?

Sam: Ja, 70 mal 90 cm, klein, aber oho, wie Miss
Kassandra die Krügin.

Jonas: Na, weißt du, Sammy. Giftgrün, Blutrot,
Eitergelb, und mittendrin ein schiefer
Billardtisch. Also mir gefällt's nicht.

Sam: Och, wer fragt dich denn, du Banause, merke
500 Milliarden Euros können nicht irren.

Jonas: Bißchen Ästhetik hätte ich dir
einprogrammieren sollen.

Sam: Nachtcafe ist eines der häßlichsten Bilder,
die ich geschaffen habe, sagte Vincent van Gogh,
der Meister höchstpersönlich.

Jonas: Ja, der sollte es wissen.

Sam: Und ferner sprach er: Ich habe versucht, die
finsteren Nächte in einer gemeinen Kneipe
darzustellen, und das in einer Atmosphäre fahl und
schweflig wie ein Höllenofen.

Jonas: Interessanter Aspekt, Sammy.

Sam: Also so geht’s nicht, Chef, sind wir hier, um
das Bild zu betrachten, zu interpretieren,
kritisch zu werten? Hä? Mitnichten, geklaut soll
es werden das Bild, also dann mal los, du
Schnarchsack, bißchen plötzlich.

Jonas: 10 Minuten später war ich draußen. Auf der
Straße. Unter dem Arm ein flaches Paket,
rechteckig, 70 mal 90, in einer Decke, im Bauch
ein ungutes Gefühl. Und in der Tasche ein
Computer, dem die Geschichte auch nicht gefiel.
Und der das sagte, laut und deutlich.

Sam: Da kommt eine Zwergin mit einem merkwürdigen
Doktor der Kunstgeschichte und einer noch
merkwürdigeren Story, und was tut mein Meister, er
geht hin und klaut einen van Gogh. Wahnsinn!

Jonas: Für einen guten Zweck, Sammy.

Sam: Ach ja, also wenn du das glaubst, du
Knallfrosch, dann muß dir einer ins Hirn
genotdurftet haben. Was, genotdurftet, ach was
geschissen.

Jonas: Vorsicht Sam, du weißt, man kann dich
abschalten.

Sam: Apropos abschalten. Die Sicherheitssysteme im
Hause Krug

Jonas: Waren abgeschaltet durch meine
Superscheibe. Oder nicht.

Sam: Doch doch doch doch, irgendwie schon.
Einerseits.

Jonas: Was heißt das?

Sam: Naja, schwer zu erklären, euer
Unempfänglichkeit, da war noch mehr hinter dem
Sicherheitssystemen, verdeckt, verborgen,
Elektronik zu Hauf.

Jonas: Bist du sicher Sam.

Sam: Mein Gott Jupiter Merkur, was was ich, was
heißt sicher, ist eher eine Art schleichende
Ahnung, ungewiß oder unabweisbar, ein Gefühl.

Jonas: Du hast keine Gefühle, Sammy.

Sam: Was kein Gefühl.

Jonas: OK. Was schlägst du vor.

Sam: Folgendes Herr Kollege, Bevor uns nicht
gewisse Aufklärung über Grund, Sinn und Zweck der
Affäre Nachtcafe zu teil wird, liefern wir das
Gemälde nicht ab. Wir halten es zurück, verstecken
es, als Pfand, na ja non capito, als Sicherheit.

Jonas: Keine schlechte Idee, und Jonas wußte auch
wo er das Bild unterstellen konnte: Bei Joana,
einer alten Freundin, Besitzerin der kleinen
Kunstgalerie Picassos Pinsel in der
Palmettostraße, nicht weit, nur um die Ecke. Joana
ist eine tüchtige Geschäftsfrau, die Galerie war
noch auf. Abends kurz vor 11. Tja, wir
Freiberufler, immer im Dienst.

Joana: Sieh mal wer da kommt, Jonas, Jonas der
letzte Detektiv. Welch seltene Ehre, Tusch Herr
Kapellmeister.

Sam: Tätätätä, Jonas und Sam. Der Treueste der
Treuen, wie sprichwortet doch das Volk. Je später
der Abend.

Joana: Halt den Rand Sammy. Gerade wollt ich
abschließen und ins Bett gehen, allein, aber
jetzt.

Jonas: Laß dich nicht aufhalten Joana, ich muß
gleich weiter. Kannst du das hier für mich
aufheben.

Joana: Ein Bild? Seit wann interessierst du dich
für Kunst, Jonas?

Jonas: Laß es eingewickelt, tu es in deinen
Tresor, morgen hol ich es wieder ab.

Joana: Was ist los Jonas, worum geht's? Ein Fall.

Jonas: Keine Zeit, Joana, morgen, und was ich noch
sagen wollte, danke.

Jonas: Punkt 11 kam ich in der Drittwelt an. Wie
besprochen, aber Kassandra Krug und Lumbago waren
nicht da.

Kellner: Die Herrschaften lassen sich
entschuldigen, eine unvorhergesehene Abhaltung.
Sie werden sich in wenigen Minuten einfinden. Sie,
Herr...

Jonas: Jonas.

Kellner: Ach ja, ganz recht, Sie werden ersucht zu
warten, Herr Jonas, hier an der Bar, wenn’s
beliebt.

Jonas: Es beliebte. Auch wenn Jonas leicht
säuerlich war. Wozu hatte ich mich so beeilt.
Egal. Ich saß an der Bar, weit ab von den
heulenden Drittweltlern, trank mit Andacht einen
echten Single Malt Whisky und wartete. Ein paar
Minuten vergingen, dann machte es puff, in meiner
Jackentasche, ich faßte rein, nichts drin, auch
nicht Kassandra Krugs Superscheibe, die eben noch
dringewesen war. Anscheinend ein Autodestruktions-
und Evapourationsmechanismus, schweres Wort, hab
ich von Sam. Als ich gerade anfing, mich zu
wundern, piekte mich plötzlich ein Zeigefinger ins
Kreuz, ein amtlicher Zeigefinger. Und eine
amtliche Stimme flüstere mir was ins Ohr.

Brock: Sie sind festgenommen Jonas.

Jonas: Chefinspektor Brock, warum flüstern Sie,
haben Sie ihre Dienstmarke verschluckt?

Brock: Rücksicht ist das, weil wir in der
Drittwelt sind, und weil hier der Polizeipräsident
verkehrt, die Bürgermeisterin, Milliardäre,
Industriekapitäne und -innen, bessere Leute, die
wollen das exotische Ambiente in Ruhe genießen und
sich beim Speisen nicht durch polizeiliche
Maßnahmen stören lassen.

Jonas: Was für polizeiliche Maßnahmen, Bröckchen?

Brock: Sie sind festgenommen, Jonas.

Jonas: Ach was. Warum.

Brock: Das erfahren Sie auf dem Revier. Kommen Sie
jetzt mit.

Jonas: Ich denke nicht daran. Den Grund der
Festnahme müssen Sie mir sofort sagen und dann
müssen Sie Ihren Spruch ableiern. Alles was Sie
aussagen kann vor Gericht usw. Ist Gesetz.

Brock: Können Sie haben, Jonas, ich pfeife, meine
Leute kommen rein, wir nehmen Sie fest, mit allen
Schikanen, wie es im Gesetzbuch steht.

Jonas: Das wird dem Herrn Polizeipräsidenten gar
nicht gefallen.

Brock: Ihren aber auch nicht, Jonas. Es könne
nämlich passieren, daß Sie dabei unter Umständen
ein kleines bißchen beschädigt werden. Aber ganz
wie Sie wollen. Soll ich pfeifen?

Jonas: Säuseln Sie lieber weiter, Bröckchen, das
ist zwar auch nicht schön, aber ausgesprochen
selten.

Brock: Gut so. Stehen Sie auf, langsam,
unauffällig. Gehen Sie voraus.

Jonas: Auf dem Revier gab's keine besseren Leute,
wir waren unter uns. Unter uns normalen, sofern
man Bullen und private Schnüffler aus Normal
bezeichnen kann. Chefinspektor Brock war wieder
der alte, laut ruppig, harte Schale, und nicht
ganz so harter Kern, womöglich, jedenfalls
spendierte er mir einen Sojakaff. Und dann sagte
er mir, warum ich festgenommen war.

Brock: Diebstahl in Verbindung mit Einbruch. Sie
haben ein Gemälde aus Albin Krugs Sammlung
gestohlen, Wert eine halbe Milliarde. Die
Beweislage ist eindeutig. Beim Begehen der
Straftat wurden Sie holografisch erfaßt und
aufgenommen.

Jonas: Das also waren Sammy elektronische
Ahnungen.

Brock: Bestreiten Sie das Ihnen zur Last gelegte
Verbrechen, Jonas.

Jonas: Ja, das heißt nein, sagen wir nicht direkt.
Ich kann alles erklären, das heißt Kassandra Krug
kann, Albins Tochter, fragen Sie sie Brock.

Brock: Nicht nötig, Kassandra Krug hat Sie
angezeigt Jonas und uns das Holoband vorgelegt.

Jonas: Das ist doch nicht wahr.

Brock: Rufen Sie sie an. Sie wissen ja: einen
Anruf haben Sie. Das ist Gesetz.

Jonas: Das Bild, das ich, ich meine um das es
geht, ist das versichert.

Brock: Klar.

Jonas: Bei wem?

Brock: Moment, steht alles im Protokoll. Hier.
Vereinigte Kosmos.

Jonas: Kenn ich. Fall Supernova. OK Brock, machen
Sie mir eine Fonverbindung.

Brock: Mit Kassandra Krug?

Jonas: Nein, mit der Versicherung. Jonas war dabei
wieder Dampf aufzunehmen. Agieren, nicht reagieren
hieß die Parole. Der Vereinigten Kosmos schlug ich
ein Geschäft vor, ich bot an, Nachtcafe
zurückzugeben, morgen, wenn ich sofort aus der
Haft entlassen würde, vorläufig, gegen Kaution.
Jonas mußte raus. So schnell wie möglich, um
festzustellen, was gespielt wurde, von wem und
warum. Gegen zwei Uhr nachts war ich draußen und
machte mich sofort auf den Weg zur Palmettostraße.
Da wartete die nächste Überraschung auf Jonas,
ungewöhnliche Aktivität. Feuerwehrsirenen,
Leitern, Schläuche, rote Glut, schwarze Trümmer.
Die Galerie Picassos Pinsel war ausgebrannt, Joana
stand vor den Resten. Sie schrie nicht, sie raufte
sich nicht die Haare. Sie war sauer. Auf Jonas.

Joana: Willkommen großer Detektiv, willkommen zum
festlichen Feuerzauber. Sieh es dir an, Jonas,
siehs dir ganz genau an. Das wirst du mir alles
ersetzen. Meine Galerie, meine Wohnung, meine
Objekte, meine Bilder. Alles.

Jonas: Ich. Wieso ich.

Joana: Weil du mir vorhin dieses Bild gebracht
hast, Jonas, deshalb.

Jonas: Versteh ich nicht.

Joana: Das Bild ist explodiert mit einer
Stichflamme, die hat die Wandbehänge in Brand
gesetzt, usw. s' ging ganz schnell.

Jonas: Explodiert. Wann.

Joana: Genau um 11. Hatte es abgestellt, wollte
gerade den Tresor aufschließen.

Jonas: Punkt elf. Ein Autodistrukt mit
Zeitschaltung. Wie der bei Scheibe. Mein Gott das
Bild, Joana, was ist mit Nachtcafe.

Joana: Was soll sein. Explodiert. Verbrannt.
Hinüber.

Jonas: Verbrannt. Ein echter van Gogh. 500
Millionen Euros.

Joana: Unsinn. Eine Kopie, gutgemacht, aber doch
nur eine Kopie. Nicht mehr wert als 100 Euros.

Jonas: Bist du sicher.

Joana: Ich hab's mir angekuckt dein Bild.
Ausgewickelt und angekuckt. Wollt doch wissen, was
Jonas bei mir abstellt. Van Goghs Nachtcafe. Kopie
in Originalgröße.

Jonas: Eine billige Kopie. Ich hab ne Kopie
geklaut. Joana ich brauch dich. Komm mit.

Joana: Darauf kannst du dich verlassen Jonas, daß
ich mitkomme und dich nicht aus den Augen lasse.
Nicht weil ich dich brauche. Ich brauch ein Bett
und Schadensersatz. Rat und Hilfe sowieso.

Jonas: Auch Jonas brauchte Rat und Hilfe. Es war
höchste Zeit für eine Konferenz. Eine Stunde saßen
wir in meinem Büroapartment zusammen. Joana, Jonas
und Sam natürlich. Nur daß der nicht saß sondern
lag. Auf dem Schreibtisch, was seinen Redefluß
keineswegs einschränkte. Im Gegenteil.

Sam: Im Namen der Logik, des Intellekts und des
heiligen Geistes, lasset uns rekapitulieren
liebwerte Gemeinde.

Joana: Von mir aus.

Jonas: Nur zu, Sammy. Erstens.

Sam: Niemals. Punktum Römisch I. Fraktur.

Jonas: Ist uns auch recht, was Joana.

Sam: Römisch I. Alldieweil Sintimalen und was
maßen unserem hochwertgeschätzten Anbefohlen
namens Jonas nur Jonas zubenamset der letzte
Detektiv von Seiten einer gewissen Kassandra Krug
die Aufgabe zu teil wart, ein ölfarbbedecktes
Stück Leinewand vulgo Nachtcafe aus ihres Herrn
Vaters hochkünstlerischer Sammlung heimlichst zu
entfernen, äh entfernen, sintinmalen zu entfernen,
sinti... wo war

Jonas: Na Sammy, verhaspelt, weißt du nicht
weiter.

Sam: Piep. Zwo. Jonas klaut Bild, wird dabei ohne
sein Wissen elektronisch beobachtet, und
aufgezeichnet. Drei. Kassandra Krug zeigt Jonas
wegen Diebstahls an. Vier. Supersicherheitsscheibe
wird durch Selbstzerstörungsmechanismus
vernichtet.

Jonas: Und damit verliere ich meinen einzigen
Beweis, daß ich für Kassandra Krug gearbeitet
habe.

Sam: Bitte den Vortragenden nicht zu unterbrechen.
Fünf. Vernichtet wird gleichermaßen das gestohlene
Bild, welches sich zu allem Überfluß Punkt sechs
als Kopie erweist.

Jonas: Erwies, Sammy, erwies.

Sam: Bzw. bewies. In dem das.

Jonas: Alldieweil und sintimalen.

Sam: In dem das Alldieweil und sintimalen Punkt
sieben besagtes Bild nicht mehr existiert
ebenfalls dank eines Autodistruktmechanismus,
durch welches Faktum dem Paktum des p.p. Jonas der
Versicherungsgesellschaft zur Gänze die Basis
entzogen wurde. Fuu äh Korrektur Uff.

Jonas: Das heißt Jonas muß in den Knast. Punkt 8.

Sam: Fazit Jonas nur Jonas der letzte Detektiv
belieben sich in einer keinesfalls als
beneidenswert zu bezeichnenden Situation zu
befinden.

Jonas: Vulgo in der Scheiße. Bis zum Hals.

Joana: Und ich. Geht's mir etwa gut?

Sam: Irrelefant meine Gnädigste. Denn merke: Sam
ist ein persönlicher Computer. Sams Person ist
Jonas. Zufällig zugelaufene Wesen weiblichen
Geschlechts gehören nicht in Sams
Aufgabeparameter.

Joana: Blas dich nicht so auf du eifersüchtige
Blechbüchse.

Sam: Unsachliche Unterstellungen großmütig
ignorierend, kommen wir nunmehr zum Schluß,
liebwerte Gemeinde, wieder einmal ist Jonas, nur
Jonas der letzte Detektiv Objekt und Opfer in
einem üblen Spiels, welches mit ihm getrieben
wird.

Jonas: Scheiß Spiel.

Sam: Ja.

Jonas: Getrieben von wem. Wer steckt dahinter.

Sam: Ach armer Jonas, die alte alte Frage und ist
doch ewig neu.

Jonas: Is ja gut Sammy, und deine Antwort.

Sam: Unzureichende Daten, o Wiederstein der
Weltaltswonnen.

Jonas: Die alte alte Antwort also.

Joana: Kassandra Krug, wer denn sonst.

Jonas: Vielleicht auch dieser Dr. Lumbago, der
Leiter von Albin Krugs Sammlung.

Joana: Augenblick, Jonas, was soll dieser Dr.
Dingsbums sein.

Jonas: Lumbago, Leiter von Krugs Kunstsammlung.

Joana: Nie im Leben. Der Leiter ist Professor
Asmus, ich kenn ihn persönlich.

Jonas: Wie sieht er aus.

Joana: Ein alter Herr, klein, zierlich, trägt nur
schwarz, drückt sich sehr gewählt aus.

Sam: Hm, hört sich ganz und gar nicht an wie unser
Freund Tayfun Lumbago. Was Chef.

Joana: Ein interessanter Mann, Asmus mein ich,
früher mal vor 30, 40 Jahren recht bekannter
Maler, Pseudoexpressionist, Neoabstracter,
Fotorealist.

Jonas: Hast du seine Fonnummer, Joana.

Joana: Moment.

Joana: In meinem Computer.

Sam: Was, anderer Computer? Nein, Sammy
eifersüchtig, nicht anderer Computer.

Jonas: Prof. Asmus ging nicht ans Fon, aber Joana
hatte seine Adresse. Racivilweg, Südbabylon, das
alte Künstlerviertel, eine Dachwohnung, fast ein
Penthouse, unproblematisches Türschloß, dahinter
ein riesengroßer Raum, Schlaf- und Wohnzimmer plus
Atelier, ein überdimensionales Fenster, Nordlicht,
zwischen Bett und Staffelei ein hochkünstlerisches
Chaos. Zeichencomputer, Pinsel und Farben, auf
einem echten alten Holztisch vollgekritzelte
Blätter, über- und durcheinander.

Joana: Skizzen, Entwürfe, Studien, und alle zu
einem Thema, zu einem Bild.

Jonas: Sag's nicht, Joana, laß mich raten, blutrot
eitergelb giftgrün, Billardtisch, Nachtcafe. Van
Gogh.

Joana: Kopie von Prof. Asmus.

Jonas: Das heißt, die Kopie, die Jonas im Hause
Krug gestohlen und dann dir übergeben hat Joana.

Joana: Und die bei mir in die Luft geflogen ist,
mitsamt der ganzen Galerie.

Jonas: Diese Kopie hat Asmus produziert, Professor
Asmus, Maler und Leiter von Krugs Kunstsammlung.

Joana: Das gibt doch keinen Sinn, Jonas, außer,
Moment, außer Asmus ist der große Unbekannte, der
Drahtzieher im Hintergrund.

Jonas: Nein, Joana, das ist er nicht.

Joana: Wieso nicht?

Jonas: Asmus trägt immer schwarz, hast du gesagt.

Joana: Ja, warum?

Jonas: Darum. Unter dem Bett sah ein Fuß hervor,
in schwarzem Schuh und schwarzer Socke. Ich faßte
zu und zog. Zum Vorschein kam ein kleiner alter
Mann in schwarz. Ein toter Mann. Mit verdrehtem
Kopf und gebrochenem Genick, noch warm.

Joana: Professor Asmus, das ist er.

Jonas: Das war er. Jemand hat ihn umgebracht.

Joana: Der Unbekannte, der Drahtzieher.

Jonas: Sieht so aus.

Joana: Drahtzieherin Kassandra Krug.

Jonas: Ich weiß nicht, Joana. Irgendwie traue ich
ihr sowas nicht zu.

Sam: Jaja, strenger Vater, kleine Tochter, große
Augen. Armes Kind. Ein Sentimentalinski ist mein
Jonas. Hört das Fon ihr läuten, was hat's denn zu
bedeuten?

Jonas: Blöde Frage, Sammy, irgendwer ruft bei
Asmus an.

Joana: Wer kann das sein, Jonas?

Jonas: Werden wir gleich hören. Hallo?

Krug: Das wurde auch Zeit. Meine Tochter, schnell.

Jonas: Hier ist das Atelier von Professor Asmus.

Krug: Weiß ich. Ich bin Albin Krug. Persönlich.
Ich warte nicht gern. Geben Sie mir meine Tochter.
Wer immer Sie sind, ich weiß daß sie da ist.

Jonas: Ich zittere Herr Krug vor Angst und
Ehrerbietung, aber Kassandra ist momentan
unanwesend, leider, ich hätte sie auch gern
gesprochen.

Krug: Das können Sie haben, Jonas, hier bin ich.
Legen Sie das Fon hin, heben Sie die Arme und
drehen Sie sich zum Fenster, langsam. Ein
Laserstrahler schießt auch durch Glas, und wir
haben drei.

Jonas: Sie waren auf dem Dach hinter dem
Atelierfenster. Kassandra die bedauernswerte
Kleine, immer noch klein, aber nicht mehr
bedauernswert. Neben ihr Lumbago, und neben
Lumbago sein Ebenbild, genauso groß, genauso
breit, genauso häßlich. Der Fall wurde immer
undurchsichtiger. Eins war allerdings klar. Die
drei am Fenster hatten schußbereite Laser, und
damit hatten sie uns. Im Sack. Um ihn zuzumachen,
stiegen sie durch den offenen Flügel, das heißt
Kassandra und Lumbago stiegen, das Ebenbild
krachte voll durch die Scheibe.

Lumbago: Doch nicht so, Atlas.

Atlas: Hu, Fenster putt.

Lumbago: Da siehst du. Und deine Hand.

Atlas: Blut. Aua.

Lumbago: Lecks ab. Mein Bruder Atlas ist ein
bißchen impulsiv, Jonas.

Jonas: So ihr Bruder, Lumbago, auch Doktor? Der
Philosophie oder der Metaphysik?

Lumbago: Unter uns, Jonas, mein Bruder Atlas ist
möglicherweise nicht ganz so intelligent wie ich,
aber er hat seine Qualitäten. Was Atlas?

Atlas: Die da, totmachen?

Jonas: Tayfun und Atlas, die zwei Lumbagos, eine
echte Clownnummer, ausgefuchst, eingespielt, und
richtig komisch, schade daß Jonas so gar nicht
darüber lachen konnte, die arme Joana auch nicht.

Atlas: Totmachen, ja, bitte, bitte, totmachen.

Krug: Halten Sie ihn noch einen Augenblick an der
Leine Lumbago. Hallo Papi, Kassi hier, Asmus?
Erledigt, Papilein, abgehackt. Wie besprochen. Auf
deine Kassi kannst du doch verlassen, das weißt du
doch. Eben am Fon? Das war Jonas, der Detektiv,
genau, der Trottel, der die Kopie gestohlen hat,
Atlas wird sich gleich um ihn kümmern. Was? Aber
Papischatz wozu denn das hält doch nur auf, ja, na
gut, Papilein, ganz wie du willst, wir sind gleich
bei dir. Küßchen Papi.

Lumbago: Alles klar Kassandra.

Atlas: Jetzt totmachen ja?

Krug: Tut mir leid, Atlas.

Atlas: Nix totmachen?

Krug: Nix totmachen Atlas, Pappi will das nicht.

Lumbago: Er hat sich doch so darauf gefreut, ich
versteh das nicht, Kassandra, es war doch
abgemacht, daß Jonas über die Wupper geht.

Krug: Und dabei bleibt's auch, Lumbago, nur daß
Papi die Sache selbst in die Hand nehmen wird. Sie
kennen ihn doch, er ist Romantiker, Genußmensch.
Mit Jonas will er sich ein Fest machen. Zuhause.
In aller Ruhe.

Lumbago: Also ex und hopp auf die schnelle wär mir
lieber Kassandra.

Krug: Mir auch, Lumbago, mir auch, aber Papis
Wille geschehe. Kommen Sie Jonas, und Sie auch
Herzchen. Ich weiß nicht wer Sie sind.

Joana: Joana ist mein Name.

Krug: Ich will's auch gar nicht wissen,
mitgefangen, mitgehangen. Los.

Jonas: Auf dem Dach, hinter einem dicken
Schornstein, wartete ein Minihelikopter. Mit Platz
für zwei. Tayfun Lumbago steuerte, Atlas nahm
Kassandra auf den Schoß. Joana und Jonas banden
sie außen an. Ein dröhnender atemberaubender
Luftsprung zum Dach des Hauses Krug. Da stiegen
wir um in einen Lift, abwärts in den Keller und
weiter abwärts, noch ein gutes Stück, schließlich
Endstation. Alles aussteigen. Es war kalt. Sehr
kalt. Arktisch kalt. Und arktisch sah er auch aus,
der große Raum tief unter dem Haus. Boden und
Wände klinisch weiß gefliest und kahl, in der
Mitte ein Bett, darauf eine zerknüllte weiße
Decke, davor eine große Konsole, halbrund, voll
mit Schaltern, Tasten, Bildschirmen,
Signalleuchten. An der rechten Wand, in einem
abgedichtetem Plexikasten, ein buntes Bild.

Joana: Nachtcafe, das Original!

Krug: Selbstverständlich das Original. Ein echter
van Gogh, meine Herrschaften. 500 Millionen Euros.

Jonas: Ein Ofen wäre mir lieber, ich, ich glaube
ich habe noch nie in meinem Leben so gefroren wie
jetzt.

Sam: Irrtum, Meister, denke zurücke, November 2011
vor anderthalb Jahren, Fall Schneewittchen, der
Kühlraum im Hafenspeicher, ja, da ist's auch kalt
gwen.

Jonas: Weißt du, Sammy, der alte Philip Marlowe
hatte es besser, er mußte nie in die Kälte.

Sam: Aber ins Treibhaus, du Frostbeule.

Jonas: Kein Vergleich, Sam, kein Vergleich.

Krug: Sie frieren, Herr Jonas, das tut mir leid.
Ich bin Ihnen entgegengekommen, auf Minus 30 Grad,
die normale Temperatur hier beträgt Minus 70 Grad.

Sam: Ei höllisch.

Jonas: Was da sprach, war die Decke auf dem Bett.
Keine Decke, ein Mensch, ein Mann, klein, uralt,
faltig, verschrumpelt und schneeweiß. Haar, Bart,
Haut, Kleidung, alles weiß. Albin Krug, am Leben
gehalten durch das Wunder der Kryonik, extreme
Kälte verlangsamte und schonte die Funktionen
seines verbrauchten Körpers.

Krug: Ein guter Rat, Herr Jonas, halten Sie sich
kühl, dann werden Sie alt, 120 Jahre und älter.

Jonas: Sie erinnern mich an die gleichnamige
Champagnermarke, Herr Krug, vor Gebrauch gut
kühlen.

Krug: Witzig. Fesseln, ihn und die Frau.

Atlas: Auch knebeln, Boß?

Krug: Nicht doch, sie sollen sich ausdrücken
können. Bitten, betteln, schreien, um Hilfe, vor
Angst, vor Schmerzen. O, nur fesseln.

Jonas: Das klang nicht gut. Joana und Jonas wurden
verschnürt, mit Biofesseln, die speziell auf große
Kälte eingestellt waren. Das verriet uns Albin
Krug, und dann verriet er uns die Hintergründe im
Fall Nachtcafe.

Krug: Wissen Sie, etwas großes zu tun, reicht
nicht, man muß es auch kund tun. Sie Herr Jonas
und ihre Freundin sind ein ideales Publikum.

Jonas: Klar, wir können nicht gehen wenn es
langweilig wird.

Krug: Aus zwei Gründen. Sie haben in der Affäre
mitgewirkt, in nicht unwichtigen Funktionen, und
Sie werden das, was Sie erfahren, nicht
weitergeben können.

Krug: Papiliebling, beeil dich ein bißchen, du
weißt, die hohe Temperatur tut dir nicht gut.

Krug: Sorg um deinen Papi, wie immer Kassi mein
Herz, damit es schneller geht, du mir ab und zu
helfen.

Krug: O wie gern Papilein.

Krug: Gut. Ich beginne. Als ich vor nicht
allzulanger Zeit bekannt gab, ich wolle meinen
kostbaren van Gogh ins Grab mitnehmen, in einem
vorübergehenden Anfall von

Krug: Von Morbidität, da gab's in der sogenannten
Kulturszene ein großes Gezeter.

Krug: Da war schön, das hat Spaß gemacht.

Krug: Aber das war nicht genug. Papi Liebling fiel
was besseres ein. Nachtcafe stehlen lassen und
doch behalten, die Versicherung übers Ohr hauen.

Jonas: OK, Herr Krug, aber wozu, bei Ihrem
Vermögen kann doch eine halbe Milliarde keine
große Rolle spielen.

Krug: Das Geld interessiert mich nicht, Herr
Jonas.

Jonas: Sondern?

Krug: Noch niemals Herr Jonas hatte ich ein
Verbrechen begangen.

Jonas: Ach wirklich, Sie Albin Krug,
Multimilliardär und Wirtschaftskapitän.

Krug: Mein Gott, Wirtschaftsvergehen,
Geschäftsusancen, am Rande der Legalität, das...

Krug: Das zählt nicht. Papilein meint richtige
Verbrechen, Kapitalverbrechen.

Krug: Betrug, Diebstahl, Mord, eine neue
Herausforderung, Herr Jonas, neue Erfahrungen,
ganz neuer Spaß. Natürlich brauchte ich
Unterstützung durch Kassi, die späte Frucht meiner
Lenden und von einem gekauften Ei, nicht groß aber
effektiv.

Krug: Ich tu alles für dich Papilein.

Krug: Und die beiden Lumbagos fürs Grobe. Ich
machte einen Plan, und wir suchten einen...

Krug: Einen Dummen. Jonas, einen Dieb und
Sündenbock, einigermaßen brauchbar mußte er sein,
ehrlich, ein bißchen sentimental, nicht sehr klug,
und wir fanden...

Jonas: Jonas. Jonas, den letzten Detektiv.

Krug: Eine geradezu ideale Besetzung. Asmus wurde
beauftragt, eine Kopie von Nachtcafe anzufertigen,
und diese Kopie haben Sie brav gestohlen, Herr
Jonas.

Krug: In ihr befand sich ein Autodestrukt,
eingestellt auf 11 Uhr. Die gestohlene Kopie
verschwand für immer, der überführte Dieb wurde
verhaftet, die Versicherung muß zahlen.

Jonas: Und damit Asmus keine Schwierigkeiten
macht, hat Kassi ihn kurzerhand umgebracht.

Krug: Also genaugenommen war's Atlas.

Atlas: Totgemacht. Hals umgedreht.

Krug: Brav, Altlas, Guter Mann.

Jonas: Mord, Versicherungsbetrug in 3stelliger
Millionenhöhe, Anstiftung zu Einbruch und
Diebstahl. Eine runde Sache, Herr Krug, wie fühlt
man sich so als Schwerverbrecher? Zufrieden?

Krug: Noch nicht, Herr Jonas, noch fehlt der
Höhepunkt in Albin Krugs krimineller Karriere.
Albin Krug wird einen Mord begehen, persönlich.

Krug: Zwei Morde, Papischatz.

Krug: Einen Doppelmord. Eigenhändig. Langsam. Mit
Genuß. Mit Hingabe und Raffinesse.

Atlas: Ja, Boß, totmachen.

Krug: Kann ich solange rausgehen Papilein?

Jonas: Zart besaitet, Kassandra.

Krug: Unsinn, mir ist kalt.

Lumbago: Mir auch.

Krug: Atlas solltest du hierbehalten, Papi, als
Leibwächter und Handlanger falls du einen
brauchst.

Jonas: Kassandra und Lumbago gingen sich
aufwärmen, Atlas blieb bei Krug. Der mußte
offenbar eine kurze Pause einlegen. Jedenfalls war
es ein paar Minuten still im Raum, zu hören war
nur das leise Summen der Kühlaggregate hinter den
Wänden. Das brachte Jonas auf einen Gedanken. Sam,
in meiner Brusttasche, ich ließ den Kopf sinken
und nahm Kontakt auf. So leise wie möglich.

Sam: Alles vernommen, Meister. Leb wohl, leb wohl
auf ewig, Sammy wird um dich trauern und dir
Blumen ans Grab bringen.

Jonas: Blumen gibt's schon lange nicht mehr, Sam.

Sam: Ne?

Jonas: Und mit der Trauer wartest du besser, bis
Jonas wirklich im...

Sam: Ist gut.

Joana: Das wirst du bald Jonas und ich dazu wenn
dir nicht schnellstens was einfällt.

Jonas: Mir, ich bin nur ein kleiner
Privatdetektiv, Joana, ein nützlicher Idiot, nicht
sehr klug, hast du ja gehört, für Einfälle ist Sam
zuständig. Sam ist der Computer, der Rechner, der
Denker, na los, Sammy, denk uns hier raus.

Sam: Ist viel zu kalt, Meister, viel zu kalt. Viel
zu kalt. Ist aus Kiß me Kalt, kennst du.

Jonas: Dann muß ich dir wohl ein bißchen auf die
Sprünge helfen, Sammy, das Summen, hör doch mal.

Sam: Na und? Kälteaggregate. Um Albin Krug schön
kühl zu halten, damit er nicht verdirbt, gleich
hinter der Wand.

Jonas: Elektronisch gesteuert?

Sam: Na ja was denn sonst? Aha, Ach so. Ja so.

Jonas: Sam hatte kapiert und machte sich an die
Arbeit. Als Maulwurf im Steuersystem von Krugs
Kühlanlage. Es dauerte ein bißchen, ein paar
Sicherungen gibt es, die kann nicht mal Sam auf
die Schnelle knacken. Aber dann war er durch.
Langsam, ganz langsam stieg die Temperatur, wurden
die Aggregate lauter. Albin Krug merkte nichts. Er
suhlte sich voller Wonne in Killerphantasien.

Krug: Wie soll ich sie töten, welche Todesart
verspricht höchsten Genuß?

Jonas: Das ist die Frage, wie ein gewisser Hamlet
mal gesagt hat.

Krug: Soll ich die Raumtemperatur allmählich
zurückdrehen, und beobachten, wie sie ganz langsam
erfrieren, nein, das ist zu einfach, zu wenig
raffiniert.

Jonas: Phantasielos.

Krug: Unser guter Atlas könnte ihnen die Haut in
Streifen vom Leib schneiden.

Atlas: O ja Boss, totmachen, Haut abziehen.

Krug: Ich weiß nicht. Ach, meine lieben kleinen
Autodistruktbömbchen, immer zur Hand auf meiner
Konsole. Wie wär's denn damit. Atlas drückt ihnen
die Nase zu uns zwingt sie so einen niedlichen
Knallfrosch herunterzuschlucken. Oder wir führen
ihnen ein paar Ladungen in andere sehr viel
empfindlichere Körperöffnungen ein.

Joana: Nein.

Krug: Auf welchen Zeitpunkt ich die Bomben
eingestellt habe, das wird nicht verraten, das
bleibt mein kleines Geheimnis, schwitzen werden
sie vor Angst, sich bemachen, winseln, heulen,
zähneklappern, und plötzlich werde ich sagen, in
einer Minute explodiert ihr Magen, ihr Darm, was
immer, aber vielleicht ist es gar nicht wahr, ein
wunderbares Spiel, tausend Tode werden sie
sterben, zehntausend, hunderttausend.

Atlas: Oh, heiß Boß, Atlas muß schwitzen.

Jonas: Recht hatte er. Die Temperatur war in
tropische Höhen geklettert. Genau das richtige
Ambiente für einen Gorilla, aber nicht für einen
überalterten eiskalten Greis.

Krug: Was, was ist das? Hilfe! Ich sterbe. Ich
schmelze. Ich löse mich auf. Oh...

Atlas: Boss? Boss tot, Boß tot.

Jonas: Die Hitze schmolz unsere Biofesseln, und
auch Albin Krug war dahingeschmolzen. Vor unseren
Augen hatte er sich aufgelöst. In Zeitraffer, bei
lebendigem Leibes verwest. Jetzt war von ihm
nichts mehr übrig als eine schmutzig-graue Pfütze
auf dem Bett, eine dicke Blase stieg an die
Oberfläche und zerplatzte. Es roch nicht gut.
Atlas glotzte, er zitterte und war so verstört,
daß Jonas ihm problemlos den Laser aus der Hand
nehmen und über den Scheitel ziehen konnte.

Sam: Das wär's Leute, hochverpupptes Ehrlichkeit,
liebe Kinder, ja, ist das nicht ganz exquisit
gelaufen? Hm? O welche Wonne wie Eis an der Sonne
schmolz er dahin. Jetzt ist er ne Pfütze, zu
nichts mehr nütze, das war der Sinn.

Jonas: Der Krug geht so lange zu Wasser bis er
schmilzt.

Joana: Schrecklich. Ich will raus.

Jonas: Zu. Abgeschlossen. Von außen. Elektronisch,
Sammy?

Sam: Ach was. Mechanisch, Uraltmodisches
Türschloß. Mit sowas gibt sich unser eins gar
nicht erst ab.

Joana: Du hast doch den Laserstrahler, Jonas.

Jonas: Mit dem Laser krieg ich die Tür nicht auf.

Joana: Und mit einem Autodistrukt.

Jonas: Das ginge. Und was machen wir, wenn die Tür
auf ist.

Sam: Shot out, Partner. Raus mit dem Laser.

Jonas: Ein einzelner Jonas gegen Kassi und
Lumbago, riskant.

Joana: Vielleicht sollten wir verhandeln.

Jonas: Vielleicht. Kassandra Krug macht einen ganz
vernünftigen Eindruck. Na bitte. Hallo?

Krug: Bist du das Atlas?

Jonas: Unser gemeinsamer Freund Atlas ist leider
verhindert.

Krug: Jonas? Was ist passiert?

Jonas: Tja, wie soll ich mich ausdrücken,
vielleicht so: Seit ein paar Minuten sind Sie
Kassandra Krug, die reichste Person in Babylon.

Krug: Papilein?

Jonas: Exakt.

Jonas: Wissen Sie, es war so kalt, daher haben wir
die Temperatur erhöht, das ist Papi gar nicht gut
bekommen. So sieht's aus, Kassandra. Papi tot, wir
drinnen, Sie draußen. Patt.

Krug: Matt, Jonas, Sie, wir brauchen nur zu
warten, bis Sie anfangen sich vor Hunger
aufzufressen.

Jonas: Sie vergessen was, Kassandra. Wir haben
Nachtcafe und ein paar Autodistruktladungen, vom
Laser ganz zu schweigen. Es wäre doch schade um
ein einmaliges Kunstwerk, ihr wertvollstes
Erbstück, Kassandra.

Krug: Was verlangen Sie?

Jonas: Freien Abzug, Schmerzensgeld.

Joana: Für mich auch.

Jonas: Schadensersatz für Joana.

Joana: 100.00 Euros. Mindestens.

Jonas: Und Nachtcafe.

Krug: Was? Kommt nicht in Frage.

Jonas: Sie kriegen das gute Stück ja wieder
Kassandra von der Vereinigten Kosmos. Da muß ich
es abliefern. Damit die Anklage gegen mich
zurückgezogen wird.

Krug: Und was kriege ich?

Jonas: Einen Ärger, mit der Versicherung, mit der
Polizei wegen Asmus, und Papis Milliarden
natürlich.

Krug: Einverstanden, kommen Sie raus.

Jonas: Ich hatte es ja gesagt, Kassandra Krug war
ein kluges Kind, unser Abmarsch ging glatt,
vielleicht weil Jonas den Finger am Abzug des
Lasers hatte, und die Mündung an Nachtcafe. Sicher
ist sicher.

Sam: Happy End und Sonnenschein. Es ist so schön
so klein zu sein.

Jonas: Darauf sollten wir was trinken, Joana, im
Casablanca. Oder bei mir.

Sam: Oder bei mir.

Joana: Kein Zeit Jonas, ein andermal, ich muß mich
ums Geschäft kümmern. Wir sehen uns.

Sam: Tschüß.

Jonas: Wir sahen uns. Wochen später bei der
Eröffnung von Joanas neuer Galerie: Nicht mehr
Picassos Pinsel. Ars nova, protzig und teuer, in
bester Lage am Markgrafenboulevard. Adeba Asmus,
ein unbekannter Klassiker, so hieß die große
Verkaufsausstellung. Gleich nach unserem
Nachtcafeabenteuer hatte Joana angefangen, Bilder
von Asmus aufzukaufen, bevor sein Tod bekannt
wurde, für ein paar Euros, jetzt kosteten sie das
Vielfache. Nicht van Gogh Klasse aber immerhin. So
ist das. Ein toter Maler lebt nicht schlecht.
Vielleicht sollte ich mich umschulen lassen.

Sam: Hast wohl zu viel Nachtcafe gesoffen du
Hirnsklerotiker, merke, immer noch besser ein
lebendiger Jonas als ein toter Van Gogh gelle oder
wie oder was?

Das war Nachtcafe. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem wirkten mit: Diana Körner, Simone Rethel,
Ulrich Beiger, Dirk Galuba, Martin Semmelrogge und
viele andere (Claudius Zimmermann, Klaus Neumann,
Pascale Schulze, Marc Schulze, Urs Schaudinn,
Andreas Wohlrab, Eva Windisch). Ton und Technik:
Günter Heß und Christine Koller. Regieassistenz:
Holger Buck. Regie: Werner Klein. Eine Produktion
des Bayerischen Rundfunks (1994). Redaktion: Erwin
Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Strafkolonie

Jonas: Mir ging's gar nicht gut. Jacobs neuer
Whisky. Beste Schmuggelware aus Singapur, sagte
er. Gestern abend hatte ich das Zeug im Casablanca
getestet. Ich fühlte mich wie die uralte Mumie
eines uralten Pharao, und ich sah auch so aus.
Aber den kahlköpfigen Mann, der mir in meinem
Büroapartment gegenüber saß, störte das nicht. Im
Gegenteil.

Stammheim: Sehr schön. Zerknittert. Unrasiert.
Augen blutunterlaufen, Ringe drum herum. Bleiben
Sie so, Herr Jonas, so sind Sie genau richtig für
den Job.

Jonas: Welchen Job?

Stammheim: Den Sie für mich erledigen werden, Herr
Jonas.

Jonas: Werd ich das. Worum geht’s denn?

Stammheim: Sie werden meine Außenstände
eintreiben, so was machen Sie doch, oder?

Jonas: Klar, mach ich. Wenn sich nichts besseres
bietet. Ich bin Detektiv. Privatdetektiv. Der
letzte in Babylon, der riesengroßen Stadt, glaub
ich wenigstens. Jonas ist der Name, nur Jonas, und
wie hieß der Glatzkopf.

Stammheim: Stammheim, Alonso Stammheim.

Jonas: Macht ja nichts. Was für Außenstände, Herr
Stammheim?

Stammheim: Geld, das mir zusteht, weil ich’s beim
Pokern gewonnen habe

Jonas: Wieviel.

Stammheim: An sich kleine Fische, 400 Euros, ich
hab einen Schuldschein, alles ist in Ordnung nur

Jonas: Der Kerl zahlt nicht.

Stammheim: Ja.

Jonas: Warum geben Sie Ihren Schein nicht dem
staatlichen Exekutor, Herr Stammheim?

Stammheim: Weil ich im öffentlichen Dienst arbeite
verehrtester, im Justizministerium und weil sich
Poker und Spielschulden nicht gut in der
Personalakte macht.

Jonas: Lassen Sie es doch einfach sausen.

Stammheim: Kommt nicht in Frage. Nicht mit mir.
Sie werden mein Geld eintreiben, Herr Jonas, für
10 %.

Jonas: 25. Und nur wenn die Sache im Rahmen
bleibt.

Stammheim: Im Rahmen?

Jonas: Der Gesetze, Herr Stammheim, nichts
Illegales.

Stammheim: Natürlich nicht, Herr Jonas. Sie werden
dem Mann lediglich ein bißchen zureden, mit
gewissem Nachdruck.

Jonas: Wie heißt er, wo wohnt er.

Jonas: Die Adresse war im Nordosten, ein mittlerer
Wohnbezirk, nicht so fein wie die Gegend um den
Markgrafenboulevard, nicht so vergammelt wie die
Südstadt, relativ ungefährlich. Ein kurzer
schmerzloser Job, dachte ich, deshalb verzichtete
ich darauf, Alonso Stammheim abzuchecken, und ich
ging ausnahmsweise allein, ohne meinen Computer.
Ich fand das Haus, machte die Tür auf, betrat
einen dunklen Flur, und da schlugen sie zu, Auto-
Cops, ein Greiferkommando, sie hielten mich fest,
zogen mir einen Bodybag über, machten ihn zu,
alles ging sehr schnell.

Autocop: Jonas, nur Jonas, Sie sind festgenommen.
Sie stehen im Verdacht, schwerste Verbrechen gemäß
Corpus Juris Babylonici begangen zu haben.

Jonas: Ihr Blechbullen tickt wohl nicht richtig,
laßt mich raus, ich bin der falsche.

Autocop: Verhalten Sie sich ruhig, unterlassen Sie
jeden Widerstand, sollten Sie in Ihrer Renitenz
beharren, würden Sie sich der akuten Gefahr
polizeilicher Zwangsmaßnahmen aussetzen. Sie sind
hiermit gewarnt.

Jonas: Immer mit der Ruhe, hört doch mal zu. Ganz
langsam zum mitschreiben. Verhaftung Irrtum.
Falsches Programm. Kommando zurück. Alles klar.
Ihr sollt mich rauslassen verdammt. Ah.

Jonas: Die Zwangsmaßnahmen sahen so aus, daß einer
der Auto-Cops eine Spritze ausfuhr und mir einen
Schuß in den Hals verpaßte. Schlagartig gingen in
meinem Kopf die Lichter aus. Jonas trat ab. Als
ich wieder auftrat, steckte ich immer noch bis zum
Hals im Sack, der hing jetzt am Haken an der Wand
einer engen Zelle, eine Tür, kein Fenster, kahl
und leer, bis auf den schwarzen Plastikwürfel vor
mir ca. 1 mal 1m, unten Rollen, oben Skalen und
Knöpfe, und eine Lampe, die plötzlich
aufleuchtete, der Würfel quietschte, knarrte, kam
ins Zittern und dann fing er an zu reden:

Auto-Judex: Achtung, Achtung, Ruhe im Saal, die
Verhandlung ist eröffnet, vor dem ordentlich
bestallten, unter Nr. 202-9771-17 amtlich
zugelassenen Auto-Judex des Gerichtsbezirks 17 im
Justizministerium von Babylon erscheint heute am
29. Juli 2013 als Beklagter der babylonische
Bürger Jonas, nur Jonas, geboren am 1. Mai 1967,
der Beklagte wird beschuldigt diverser schwerer
Vergehen wider Leib, Leben und Eigentum, als da
sind Diebstahl eines Gemäldes im Wert von 500
Millionen Euros in Tateinheit mit Einbruch, Mord
am babylonischen Bürger Albin Krug, schwere
Körperverletzung sowie Beihilfe zum Mord.
Beklagter, bekennen Sie sich schuldig?

Jonas: Augenblick mal, das ist ein Mißverständnis,
offenbar geht es um den Nachtcafefall vor 3
Wochen, aber der war ganz anders, wenn ich das
mal.

Auto-Judex: Das Gericht nimmt zu Protokoll, der
Beklagte bekennt sich in allen Punkten schuldig.

Jonas: Was? Ich denke nicht daran, kein Wort davon
ist wahr.

Auto-Judex: Eine Beweisaufnahme kann somit
entfallen. Angesichts der schwere der vom
Beklagten eingestandenen Taten fordert die Anklage
die schnellstmögliche Verbringung des Beklagten in
die Strafkolonie zum dortigen Verbleib ohne
zeitliche Limitierung.

Jonas: Ich protestiere.

Auto-Judex: Da die Verteidigung auf ihr Plädoyer
verzichtet, schreiten wir nunmehr zur Verkündigung
des Urteils. Entsprechend dem Antrag der Anklage
wird Jonas, nur Jonas, verurteilt, sein weiteres
Leben in der Strafkolonie zu verbringen, der
Beklagte nimmt das Urteil an, das Urteil ist
rechtskräftig.

Jonas: Nein, nein, das könnt ihr doch nicht
machen, Zeugen, ich hab Zeugen, Chefinspektor
Brock von der Kripo.

Auto-Judex: Die Verhandlung ist geschlossen.

Jonas: Weg war er, und ich hing weiter am Haken
und wußte nicht, wie mir geschah. Auto-Cops, Auto-
Judex, eine auf Stromlinie programmierte
Verhandlung, die ein Witz war. Aber ein schlechter
auf meine Kosten. Zum Teufel mit allen
Justizautomaten, dachte ich. Jonas braucht
dringend einen Menschen. Und wie ich so dachte,
kam er auch schon durch die Tür, der Mensch, ein
nicht unbekannter solcher, namens Alonso
Stammheim.

Stammheim: So sieht man sich wieder, Herr Jonas.
Was machen Sie denn für schlimme Sachen.

Jonas: Sie arbeiten doch im Justizministerium,
Herr Stammheim, tun Sie was, ich bin unschuldig,
und ihr Auto-Judex schickt mich in die
Strafkolonie.

Stammheim: Glatter Justizmord, ganz Ihrer Meinung.

Jonas: Die Verhandlung war absolut unfair.

Stammheim: Eine Farce, Herr Jonas, eine Schande,
empörend.

Jonas: Irgendein Mäusebein in der automatischen
Justizelektronik, nehm ich an.

Stammheim: Das kann schon mal vorkommen, unsere
Automaten sind leider nicht unfehlbar. Tja, Ihr
Pech.

Jonas: So ist das also. Sie waren das, Stammheim.
Sie haben mich reingeritten. Die Auto-Cops, der
Auto-Judex.

Stammheim: Von mir programmiert. So ist es, Herr
Jonas.

Jonas: Warum Stammheim. Sie müssen doch einen
Grund haben.

Stammheim: Natürlich hab ich einen Grund, zwei
sogar. Ich wollte Sie in eine positive
aufnahmebereite Stimmung bringen für mein Anliegen
und auch gleich in die richtige Ausgangsposition.
Ich brauch Sie nämlich drinnen, Herr Jonas. In der
Strafkolonie.

Jonas: Danke, da gehe ich nicht hin.

Stammheim: Sie müssen Herr Jonas, Sie sind
rechtskräftig verurteilt, Sie haben keine Wahl:
Aber was rede ich da. Sie haben eine Wahl, Herr
Jonas, Sie bleiben in der Kolonie, bis Sie schwarz
werden, oder Sie kommen in ein paar Tagen raus,
wenn Sie getan haben, was ich von Ihnen verlange.

Jonas: Unmöglich. Aus der Strafkolonie ist noch
keiner lebend rausgekommen.

Stammheim: Bisher, Herr Jonas, bisher, Aber wenn
ich Ihnen helfe. Wissen Sie, was ich im
Justizministerium mache, Herr Jonas, ich bin
Chiefcontroller, ganz oben, direkt unter dem
Minister, verantwortlich für die
Automatenprogramme und für die Aufsicht über den
Strafvollzug. Wenn wir kooperieren, Herr Jonas,
Sie drinnen, ich draußen.

Jonas: Was soll ich tun.

Stammheim: Jemanden rausholen. Aus der
Strafkolonie.

Jonas: Eine Frau, Megan Alcatraz, 35 Jahre,
Controller Second class im Justizministerium, in
Stammheims Vorzimmer, vor zwei Monaten
festgenommen und vor den Auto-Judex gebracht, als
der gute Alonso Stammheim gerade ahnungslos im
Urlaub war. Schneebretteln in der Antarktis, und
weil ihr niemand half wurde Alcatraz zur
Strafkolonie verurteilt. Wegen schwerer Korruption
und Bestechlichkeit im Amt.

Stammheim: Eine absurde Beschuldigung, Herr Jonas.
Ich kenne Megan, wir stehen uns recht nahe, nicht
nur dienstlich, und als ich kürzlich aus dem
Urlaub kam und was geschehen war...

Jonas: Da faßte Ritter Alonso von Stammheim, den
romantischen Entschluß die Dame seines Herzens zu
retten.

Stammheim: Wenn Sie es so ausdrücken wollen, Herr
Jonas.

Jonas: Beziehungsweise retten zu lassen.

Stammheim: Ich bin Beamter, Herr Jonas, ich plane,
ich ziehe die Fäden. Sie sind ein Macher, Sie
gehen rein, Sie holen Megan raus.

Jonas: Mir bleibt wohl nichts anderes übrig. Wie
sieht Ihr Plan aus, Stammheim.

Stammheim: Was wissen Sie von der Strafkolonie,
Herr Jonas?

Jonas: Nicht sehr viel. Ein riesiges Gefängnis,
supergesichert, irgendwo in der Wildnis um
Babylon. Seit der Privatisierung des Strafvollzugs
vor 12 Jahren wird die Strafkolonie von der Firma
Privollzug AG betrieben. Für jeden Gefangenen, den
er einliefert, zahlt der Staat pauschal, alles
weitere übernimmt Privollzug: Haltung, Wartung,
Bewachung, vor allem übernimmt Privollzug die
Garantie für absolute totale Sicherheit, wenn es
auch nur einem Gefangenen gelingt, auszubrechen,
verliert die Firma sofort die Betreiberlizenz und
damit ein gutes Geschäft. Der Staat kontrolliert,
locker, von weitem, die Gefangenen sind sich
weitgehend selbst überlassen, deshalb geht’s
drinnen wild zu, sagt man. Nichts genaues weiß man
nicht. Zwischen der Strafkolonie und der Außenwelt
gibt's keine Verbindung.

Stammheim: Jedenfalls nicht direkt. Was es gibt
ist die sogenannte Schleuse. Sie müssen sich das
vorstellen, Herr Jonas, die Strafkolonie ist ein
kreisförmiges Gelände unter freiem Himmel,
Durchmesser etwa 10 Kilometer, ringsherum und
obendrüber eine undurchdringliche elektronische
Schutzhaube, eine Art Schirm oder Kuppel, und die
geht auch tief in den Boden hinein.

Jonas: Damit keiner auf die Idee kommt sich a la
Maulwurf rauszubuddeln.

Stammheim: Und direkt am Schutzschirm liegt die
Schleuse. Ein Bunker mit einem hochkomplizierten
System automatischer Türen und Sicherungen, hier
kommen die neuen Gefangenen an und die
Warenlieferungen, Lebensmittel, Drogen, was die
Kolonie so braucht.

Jonas: Wie läuft das? Helikopter, E-Mobil?

Stammheim: Kapseln, Herr Jonas, durch eine
pneumatische Untergrundröhre zwischen Strafkolonie
und Babylon. Endpunkte hier sind Justizministerium
und Privollzug. Ja, und da kann ich ein bißchen
dran drehen, Herr Jonas, an den
Sicherheitsprogrammen der Schleuse.

Jonas: Die Sie kontrollieren.

Stammheim: Das ist mein Job, Herr Jonas, und ich
werde dafür sorgen, daß sich das innere
Schleusentor zu bestimmter Zeit außerplanmäßig
kurz öffnet.

Jonas: Wann?

Stammheim: Später, Herr Jonas, später. Morgen
werden Sie mit Ihren Leidensgenossen per Pneumatik
in die Strafkolonie überstellt. Bis dahin bleibt
mir genug Zeit, Sie über alle wichtigen Details zu
informieren.

Jonas: Nicht mich, Stammheim, Sam werden Sie
informieren.

Stammheim: Sam?

Jonas: Sam ist mein Computer, überschlau,
geschwätzig, Sam denkt nicht nur, Sam redet, ohne
Punkt und Komma, ohne Unterlaß, ohne Erbarmen,
weil er mit Verbalprogrammen vollgestopft ist bis
zur nicht existenten Halskrause. Schon als ich ihn
mir vor Jahren zulegte, war er ein Sondermodel,
ein Versuchsmodell, heute ist er ein absolutes
Einzelstück. Einsame Klasse, meint er, ich seh das
anders. Trotzdem gehe ich ohne Sam nirgendwo hin,
schon gar nicht in die Strafkolonie.

Stammheim: Völlig unmöglich. Keine Computer, keine
Waffen, vor dem Transport werden Sie gründlichst
durchsucht.

Jonas: Dann sehen Sie selbst zu, wie Sie die Lady
rauskriegen, Stammheim. Sam muß mit. Irgendwie.
Sonst streikt Jonas. Mein letztes Wort.

Stammheim: Sie haben Zahnschmerzen, Herr Jonas,
wie finden Sie das?

Jonas: Großartig.

Stammheim: Sie müssen sofort zum Autodentisten.
Hier im Justizministerium. Da wird Ihnen ein Zahn
gezogen.

Jonas: Ach ja.

Stammheim: Und in die Lücke wird Ihnen ein
Mikromodul eingesetzt aus Plastik, als quasi
Außenstelle Ihres Computers, Sender und Empfänger,
auf seine Frequenz festgelegt. Ich programmiere
Ihrem Sam alles ein was Sie brauchen, Herr Jonas,
Infos über Megan Alcatraz, über die Kolonie, über
die Schleuse, Sicherheitssystem, nicht vorgesehene
Öffnungen usw. usw. Wenn Sie drinnen sind, Herr
Jonas, können sie sich mit ihm beraten, ohne
Aufmerksamkeit zu erregen, in ihrem Kopf, direkt,
über ihr Sprach und Hörzentrum: Sehr gut. Geben
Sie mir den Zugangscode, Herr Jonas.

Jonas: Ich hatte einen seltsamen Traum: Auto-Cops
nahmen mich fest, ein Auto-Judex verurteilte mich
zur Strafkolonie. Ein Autodentist zog mir einen
Backenzahn und setzte mir Mikro-Sam ein, klein,
weiß, und laut. Im meinem Mund schien er sich sehr
wohl zu fühlen.

Sam: So nah waren wir uns noch nie, Meister. Ich
bin der klitzekleine Zahn in deinem Kiefer, der
Zahn ist faul und putt und deshalb bißchen mieft
er.

Jonas: Ich war richtig froh, als man mir wieder
eine Schlafspritze verpaßte. Ich wachte auf. Ich
hatte das Gefühl, daß der Alptraum jetzt erst
richtig losgeht. Ich war in einem großen grauen
schwach beleuchteten Raum, an den Wänden
Automaten, Würger, Scanner, und ein paar die wie
Killer aussahen. Auf dem Boden Berge von Kisten
und Haufen von Menschen in grauen Kitteln, die
Haufen bewegten sich, erst schwach, dann stärker,
man kam zu sich, ich arbeitete mich raus, stand
auf, sah an mir runter, grauer Kittel, um den Hals
an einer Schnur eine Plastikscheibe mit Namen,
Vergehen, Urteil. Plötzlich ein entsetzliches
Geräusch, immer und immer wieder, Alarm, eine
Sirene. War das Sam?

Sam: Wo denken Herr Graf hin bzw. her. Niemals
würde Sam sich ein obszönes Gelärm erlauben, den
geliebten Meister zu erwecken würde Sammy zärtlich
säuseln oder melodisch singen wie folgt: Die
güldene Sonne

Jonas: Ruhe. Wo sind wir. Machs kurz.

Sam: Schleuse. Strafkolonie. Dahinten
Pneumakapsel, automatisch ausgeladen.

Jonas: Was ist das für ein Krach.

Sam: Warnsignal, die Türe dorten stehet offen, und
herein schneien diverse Strafkolonisten, um ihre
neuen Gefährten zu empfangen, wenn nun besagte Tür
sich wiederum schließt, in etwa 2 kurzen Minuten,
bringen Autokiller an den Wänden jedes Wesen so
hier noch kreucht und fleucht gnadenlos vom Leben
zum jähen Tod.

Jonas: Schluß damit, du sollst mich nicht nerven,
du sollst mich informieren.

Sam: Na los hopp, Tempo.

Jonas: Draußen vor dem Schleusenbunker im kalten
hellen Tageslicht mußten wir neuen uns in einer
langen Reihe aufstellen, um uns drängten sich
Hunderte von Strafkolonisten, Frauen und Männer,
manche im schlichten Kittel wie wir, die meisten
hatten sich fantastisch rausgeputzt, mit
Plastikhelmen und Plastikpanzer, mit bunten
Bändern in Haaren und Bärten, mit Broschen aus
Blech und Kunststoff, viele trugen Waffen,
Knüppel, Messer, eiserne Keulen und Spieße, alles
selbstgemacht, Abfallprodukte aus
Verpackungsmaterial, die wilde Horde starrte uns
an, abschätzend, gierig, hungrig, dann trat jemand
vor, eine hagere Frau mit einem gelben Halbmond im
grauen Haar: Sie hob ihre Eisenstange, wartete
einen Augenblick, wandte sich uns zu.

Alte: Ruhe. Ruhe. Hört mal her ihr neuen Säcke,
ihr seid jetzt in der Strafkolonie, was ihr
Pißnecken draußen ward, das juckt uns hier drinnen
kein Stück, ihr seid der letzte Scheiß, und je
eher ihr schnallt was bei uns läuft um so besser
für euch, also was wir jetzt mit euch machen, das
ist die Fleischbeschau, die Leute aus den Clans
kucken sich den neuen Schrott aus Babylon an und
suchen sich raus, was sie brauchen: Sklaven,
Maultiere, Eunuchen, und Sonntagsbraten für den
Clan der Kannibalen werden gleich in die
Clanhäuser gebracht. Wer Schwein hat und nen
besseren Job abkriegt, Krieger oder Hexe, der muß
sich erst bewähren, als Sandfloh, und was das ist,
das kriegt ihr noch früh genug mit, so das war's,
seht zu, wie ihr durchkommt, und merkt euch ihr
Kotzeimer, jeder für sich, hilf dir selbst, denn
sonst tut's keiner. klar?

Jonas: Sam, diese Clans, was weißt du darüber.

Sam: Sogleich euer Fraglichkeit. Flugs soll euch
Aufklärung zu teil werden. Clans nennen die
Strafkolonisten ihre primitiven
Organisationsformen, archaische stammesähnliche
Gebilde, hierarchisch gegliedert, ursprünglich 40,
ein Clan pro Megabarak, inzwischen schrumpf die
Zahl, starke Clans sind dabei, sich die
schwächeren einzuverleiben, alle Clans führen
ständig Krieg miteinander, überall in der Kolonie,
nur hier nicht, das Schleusengebiet gilt als
neutral und so es interessiert, wären an
Einzelclans zu nennen: Die Samurai, die Barbaren,
die Furien, die Arier, die Teufelsweiber, die
Eisenärsche, die Kopfjäger, die Amazonen...

Jonas: Usw. Eine merkwürdige Mischung. Antiquiert,
komisch und gefährlich. Eine muskulöse Amazone im
roten Minirock hob meinen Kittel mit ihrer
Peitsche, dann las sie, was auf meiner Scheibe
stand, und winkte ab.

Amazone: Zu alt für die Zucht, unsere Königin will
junge Männchen.

Jonas: Na ja, nicht an...

Gonzo: Platz da Platz für Megan die Magische, die
zaubermächtige Großhexe des hochedlen Clans der
Barbaren, aus dem Weg. Platz für Megan die
Magische, Weichet, widrige Wichte, weichet.

Sam: Kuck mal wie der spricht, so matiniert,
mariniert.

Jonas: Das mußt du gerade sagen Sam.

Sam: Hey Boss, da ist sie, die da.

Jonas: Wer ist was, Sam, deutlicher bitte.

Sam: Die da, die mit dem blauen Zottelpelz und dem
Lametta an den Ohren.

Jonas: Megan die magische.

Sam: Alias Megans Alcatraz. Diejenige welche.
Stammheims Begehren.

Jonas: Das war prompter Service. Kaum tauchte
Jonas in der Strafkolonie auf, da lief ihm die
gesuchte schon über den Weg, d.h. sie schritt, und
zwar gemessen, durch die Menge, die respektvoll
Distanz hielt, zu ihr und zum Knüppel ihres
Begleiters. Sie war nicht sehr groß, schlank,
gutaussehend, trotz ihrer barbarischen Aufmachung
und tüchtig, nach nur 2 Monaten in der Kolonie
hatte sie es bis zur Großhexe gebracht. Eine
Blitzkarriere.

Sam: Na los Blödmann quatsch sie an.

Jonas: Bist du verrückt, hier vor all den Leuten.

Sam: Sag ihr, sie soll dich für ihren Clan
aussuchen, und wenn sie dann näherkommt

Jonas: Megan, hierher.

Gonzo: Was erlaubst du dir, du Abschaum. Wie
spricht du zur zaubermächtigen Großhexe des
hochedlen Barbarenclans.

Jonas: Wer will denn was von dir, du Angeber. Also
wenn s denn sein muß, zaubermächtige Großhexe.
Braucht dein Clan

Sam: Hochedler Clan.

Jonas: Dein hochedler Clan nicht einen guten
Krieger, erfahren in allen martialischen Künsten.

Megan: Du bist sehr vorlaut, Neuer, wollen doch
mal sehen. So, Jonas, Privatdetektiv, daß es so
was noch gibt, vorher Söldneroffizier im
Antarktischen Krieg, Mord, Raub, Einbruch, nicht
schlecht, du bist zwar nicht mehr der Jüngste.

Jonas: Stammheim.

Megan: Augenblick. Treib das Volk zurück, Gonzo.

Gonzo: Wie du befiehlst zaubermächtige Großhexe.
Zurück, weg Gesindel, ihr seid der zaubermächtigen
Großhexe lästig.

Jonas: Alonso Stammheim schickt mich, Frau
Alcatraz, ich soll Sie rausbringen.

Megan: Aja, ich beanspruche diesen Mann für den
hochedlen Clan der Barbaren. Melde dich im
Clanhaus, so bald wie möglich.

Jonas: Leicht gesagt, erstmal wurde Jonas als
Sandfloh eingesetzt. Am Rand der Strafkolonie
erhob sich ein gewaltiger Sandhaufen, der mußte
jeden Tag rüber auf die andere Seite geschafft
werden, und tags darauf zurück, in langer Kette
mit Eimern. Das hatte sich Privollzug ausgedacht,
damit die Gefangenen zu tun hatten und nicht auf
gefährliche Gedanken kamen. Eine stupide Arbeit,
voller Eimer von links, voller Eimer nach rechts,
usw. Eine Woche lang mußte man sich als Sandfloh
abschuften. Das dauerte Jonas zu lange.

Jonas: Hau hupp. Sammy, wann gehen die
Schleusentüren für uns auf? Was hat Stammheim
gesagt. Hau ruck.

Sam: Total vergessen, siebhirniger Alzheimer. Am
1. August 2013 fünf Minuten vor der Mitternacht
für genau 20 Sekunden, und falls euer
Trottelhaftigkeit diese Chance nicht wahrzunehmen
vermag, bietet sich 24 Stunden später eine zweite
solche.

Jonas: Und wenn ich, hau Ruck, das auch nicht
schaffe.

Sam: Dann mußt du halt hierbleiben in der
wunderschönen Strafkolonie.

Jonas: Lieber nicht. Heute haben wir den

Sam: 31. Juli 2013, 15 Uhr 27. Höre mein Jonas laß
dir sagen.

Jonas: Halt die Backen. Hau Ruck, Also heute
abend, spätestens übermorgen. Nicht mehr viel
Zeit. Hau ruck. OK, Sammy, wir gehen. Macht's gut,
Genossen.

Mann: Was ist da los?

Aufseher: Hey, du da, was fällt dir ein, zurück in
die Kette, aber plötzlich. Buly zu mir.

Jonas: Unser Aufseher: ein mürrischer Eisenarsch
im rituellen Outfit seines Clans, oben schwarze
Weste aus Pseudoleder mit Nieten, unten ohne,
abgesehen von einem knappen Futteral, bisher hatte
er abseits gehockt und seine Nieten poliert, jetzt
schwang er sich auf sein Maultier, das heißt auf
einen kräftigen Sklaven, der ihm als Reittier
zustand, er ritt auf mich zu und wollte mich mit
seiner Lanze zurück in die Kette stochern. Das
mißfiel mir. Ich nahm den Eimer hoch und holte
aus. Das Muli kriegte eine volle Ladung Sand ins
Gesicht, stolperte, schlug hin, der Aufseher flog
aus dem Sattel, und krachte mit dem Nacken auf den
Eimerrand.

Sam: Ist er tot der nacktgesäßige Grobian.

Jonas: Sieht so aus, Sammy. Maustod. Hals
gebrochen.

Sam: O jemine. Weiß mein leichtsinniger
Eimerschmeißer was das bedeutet.

Jonas: Klar Sammy, wir können jetzt ungehindert
zum Clanhaus der Barbaren wandern, zu Megan
Alcatraz.

Sam: Und.

Jonas: Und was.

Sam: Es bedeutet auch und vor allem Blutrache. Der
wilde Clan der Eisenärsche wird sich an die Fersen
meines Meisters heften, seinen Kopf fordern und
was sonst noch alles. So ist's hierzulande Sitte.
Schako.

Jonas: Weißt du, Sammy, darüber mache ich mir
später Sorgen, wenn ich nichts Besseres vorhabe.
Auf geht's. Haus der Barbaren. Gibt den Kurs vor.

Sam: Aye aye. Ost Süd Ost. Mehr nach links,
backbord wollte ich sagen. Gut so, und jetzt immer
gerade aus.

Jonas: Die 40 Megabaracken der Strafkolonie stehen
an der Peripherie, rundherum wie Striche auf einem
Zifferblatt. Eine gute Stunde Fußmarsch durch die
tote Steinwüste, dann tauchte am Horizont ein
enormer grauer Quader auf, wurde größer,
deutlicher, noch eine halbe Stunde und ich konnte
vor dem Tor aufgespießte Köpfe erkennen, und nicht
mehr frische Leichen, die im Wind schaukelten. So
etwa hatte ich mir die Burg der Barbaren
vorgestellt.

Wächter: Zurück, clanloser Niemand, verschwinde
oder wir hängen dich an den Füßen auf als
Zielscheibe für unsere jungen Bogenschützen.

Jonas: Mach das Maul zu mach das Tor auf, ich in
einer von euch, ein Barbar.

Wächter: Ach ja, wo hast du denn das Totem, und
dein Rangstreifen.

Jonas: Megan die Magische hat mich herbestellt,
eure zaubermächtige Großhexe, sagt ihr Bescheid,
sag ihr Jonas ist da.

Wächter: Warte.

Jonas: Ein zotteliger Barbar führte Jonas durch
dunkle, schmutzige, stinkende Gänge, voll von
zotteligen Barbaren, dann Treppen rauf, viele
Treppen, die Oberbarbaren lebten oben, unterm
Dach. Großhexe Megan hatte einen ganzen Raum für
sich, über einer Feuerstelle hing ein Eisenkessel,
in dem eine übelriechende schwarze Brühe brodelte,
an den Wänden standen seltsam geformte Glasgefäße,
gefüllt mit gelben und grünen Elixieren,
zerstochene Wachspuppen lagen herum, Hexenbesen,
mumifizierte Finger, Ohren und andere Körperteile.
Dieser ganze magische Kram störte mich wenig. Was
mich störte war der finstere Typ mit dem Knüppel:
Mein alter Freund Gonzo, Leibwächter der Großhexe
Megan Alcatraz. So ging das nicht. Der Kerl mußte
weg.

Jonas: Gonzo alter Junge, du störst, warum geht du
nicht ein bißchen vor die Tür und kuckst wie's
Wetter wird.

Gonzo: Gonzo bleibt.

Megan: Er muß bleiben, Jonas, er ist mein
Leibwächter. Wenn er mich verläßt, verliert er
seine Ehre.

Gonzo: Gonzos Ehre heißt Treue.

Jonas: Ja was machen wir denn da.

Sam: Zum Bleistift dieses. Madam wechselt ihren
Wächter.

Jonas: Nicht schlecht, Sammy, gar nicht schlecht.

Megan: Was meinen Sie Jonas.

Jonas: O, ich habe gerade mit meiner inneren
Stimme gesprochen.

Megan: Aha, und was sagt sie.

Jonas: Daß ich von jetzt ab Ihr Leibwächter bin.
Gonzo kriegt Urlaub und kann sich anderweitig
vergnügen. Alte Frauen erschrecken, Kleinkinder
beißen, Schnuller wegnehmen, Nasebohren, na Gonzo
ist das ein Angebot.

Gonzo: Du forderst Gonzo heraus, Fremder?

Jonas: Tu ich das.

Megan: Das müssen Sie, Jonas. Wer den Rang eines
anderen will, muß ihn zum Zweikampf fordern, und
töten.

Gonzo: So will es die geheiligte Sitte der Väter.

Jonas: Na dann komm Gonzo, bringen wir's hinter
uns.

Gonzo: Nicht so Fremder, wir kämpfen wie das
Gesetz es befielt. Nach dreimaliger
Herausforderung binnen Wochenfrist in der Halle
der Zweikämpfe. Vor seiner brutalen Erhabenheit
Häuptling Conan und dem ganze Clan.

Jonas: Tja, weißt du Gonzo mein Freund, so viel
Zeit hab ich leider nicht, und darum, und jetzt
abwärts.

Jonas: Ich steckte ihm kurz den Kopf in den
Hexenkessel, das lenkte ihn ab und ich konnte ihn
aus dem Fenster schieben. Nicht gerade fair, das
gebe ich zu, aber wer oder was war in diesem Fall
schon fair zu Jonas.

Megan: Wie’s scheint, habe ich einen neuen
Leibwächter. Ich bin beeindruckt, Jonas.

Jonas: Jeder für sich, hilf dir selbst, ich hab
mich nur nach dem gerichtet, was hier üblich ist.

Megan: Gut. Stammheim, was hat er vor, erzählen
Sie.

Jonas: Als ich fertig, war, fing Megan Alcatraz an
im Zimmer herumzuwandern. Sie wirkte nachdenklich.
Irgendwie unentschlossen.

Megan: Seit gestern bin ich am Überlegen, Jonas,
seit unserer Begegnung vor der Schleuse. Ob ich
mit Ihnen die Kolonie verlassen oder bleiben soll.

Jonas: Ist das Ihr Ernst?

Megan: Sicher, es geht mir gut. Ich bin Großhexe.
Der Clan respektiert mich, Häuptling Conan tut was
ich sage. Das Leben ist primitiv, zugegeben, aber
dafür ist es aufregend, dunkler, einfach
lebendiger als in Babylon. Wissen Sie, Jonas,
schon als Kind wollte ich Hexe werden, nach der
Schule bin ich auf die Akademie für Esoterik
gegangen, ich habe einen Abschluß in
fortgeschrittener Hexerei, und in weißer und
schwarzer Magie mit Auszeichnung.

Jonas: Und warum sind Sie nicht dabei geblieben.

Megan: Die Berufsaussichten waren schlecht, viel
zu viel Hexen in meinem Lager, ich war vernünftig
und ließ mich umschulen für den höheren
Staatsdienst. Auch gut. Aber was eine
Justizangestellte kann, ist hier in der
Strafkolonie nicht gefragt. Also fing ich wieder
an zu hexen. Zora, die Zauberin war da Großhexe
bei den Barbaren, ich hab sie herausgefordert, ihr
einen Herzinfarkt angehext, ihre Stellung
übernommen. Und all das soll ich aufgeben, für
einen Schreibtisch in Babylon?

Jonas: Dann eben für Alonso Stammheim, der gibt
sich mächtig Mühe, Sie zurückzuholen, haben Sie
denn keine Sehnsucht nach ihm?

Megan: Sehnsucht nach Stammheim? Ich? Tot will ich
ihn sehen, diesen Drecksack, er hat mich aufs
Kreuz gelegt, er hat mich in die Strafkolonie
geschickt.

Jonas: Langsam, jetzt versteh ich überhaupt nichts
mehr.

Megan: Aber Sie haben ja recht, Jonas, ich komm
mit Ihnen, seinetwegen, ich will Stammheim fertig
machen. Ich will seinen Posten. Chiefcontroller
Megan Alctraz. Das hört sich noch besser an als
Großhexe.

Jonas: Megan Alcatraz war ehrgeizig. Stammheim,
ihr Chef, blockierte seit Jahren ihre Beförderung.
Sie versuchte Material gegen ihn in die Hand zu
kriegen, sie hatte Glück, sie knackte den
Geheimcode für Stammheims private Datei, sie wurde
fündig. Alonso Stammheim ließ sich bestechen in
großem Stil, von der US-Firma Highsec, die war
sehr daran interessiert, im europäischen
Strafvollzug Fuß zu fassen. Highsec machte einen
Deal mit Stammheim. Privollzug sollte die Lizenz
zum Betrieb der Strafkolonie verlieren, dafür
wollte Stammheim sorgen, und dafür, daß die Lizenz
dann an Highsec ging, für eine halbe Million
Euros. Bar unterm Tisch. Alcatraz kopierte den
Deal und versteckte die Kopie. Im Archivsystem des
Justizministeriums. Dann konfrontierte sie ihren
Chef: Beförderung sofort, oder die Sache wird
veröffentlicht.

Megan: Stammheim versprach alles, was ich wollte.
Und als ich abends nach Hause kam, wurde ich
verhaftet. Von Auto-Cops. Einen Tag später war die
Verhandlung, falls man das so kennen kann. Ich
wurde zur Strafkolonie verurteilt.

Jonas: Also eins ist mir nicht klar, Megan. Sie
sind in der Strafkolonie. Stammheim ist Sie los.
Sie können ihm nichts mehr tun, weshalb schickt er
mich, um Sie rauszuholen, das ist doch
widersinnig.

Megan: Und wie ich ihm was tun kann, das glaubt er
jedenfalls. Ich hab's ihm geschrieben.

Jonas: Geschrieben, von hier aus?

Megan: Ja.

Jonas: Das ist doch nicht drin. Es gibt keine
Verbindung zwischen der Strafkolonie und der
Außenwelt.

Megan: Sagt man. Aber mir ist was eingefallen.
Einmal die Woche fliegt ein Satellit des
Justizministeriums über die Kolonie und schießt
Holographie, zur Kontrolle, die Bilder landen auf
Stammheims Schreibtisch. Genau zum
Satellitentermin habe ich einen großen Zauber
veranstaltet, oben auf dem Dach, ein paar hundert
Barbaren mußten sich so aufstellen, daß sie
magische Zeichen und Figuren bildeten.

Jonas: Buchstaben.

Megan: Und Zahlen, deutlich von oben zu lesen.

Jonas: Gute Idee. Und was stand da?

Megan: Rausholen, sonst Deal automatisch publik
15.8. Megan. So was.

Jonas: Stimmt das?

Megan: Daß das Material am 15. automatisch
freigeben wird und an die Medien geht, nö, das war
ein Bluff. Aber Stammheim weiß das nicht, darum
hat er reagiert.

Jonas: Und Jonas geschickt.

Megan: Sie sehen Jonas, wir haben beide wenig
Grund, Stammheim zu lieben.

Jonas: Was wird er tun, wenn wir rauskommen, was
meinen Sie, Megan.

Megan: Nichts Gutes. Er wird versuchen, mir das
versteckte Material abzunehmen, mit allen Mitteln,
und Sie, Jonas, Sie wird er wohl gleich umbringen,
weil er Sie nicht mehr braucht.

Sam: Sie irrt, die barbarisch blau bezottelte
Hexe.

Jonas: Sammy, schön, daß du mal wieder was von dir
hören läßt.

Sam: Und wie Superfiesling Stammheim meinen
Meister noch braucht. Denn siehe des güldenen
Geldes die Menge ist es ihm wert.

Jonas: Moment, Sammy, wer ist wem was wert.

Sam: Hirnsklerotiker. Dem p. p. Stammheim. Eine
halbe Million Euros.

Jonas: Du redest Blech, Sam.

Sam: Jedoch nur als tote Leiche.

Megan: Haben Sie was, Jonas, ist Ihnen nicht gut?

Jonas: Seien Sie mal einen Moment still, meine
innere Stimme hat mir was zu sagen. Also Sam, was
ist los.

Sam: Schwere chronische Verstopfung, Herr
Medizinalrat, in dero Dumpfheit sogenannten
Gehirn.

Jonas: Paß auf, Sam, wenn mir erst mal draußen
sind und ich dich abschalten kann.

Sam: Und Humor hat er auch kein Stück, der
Sauerkopf. Doch was soll's. Er ist mein Jonas, ich
muß ihn nehmen wir er kommt.

Jonas: Komm du endlich und zwar zu Potte.

Sam: Subito Signore. Oder auch pronto. Piep.
Stammheim kriegt eine halbe Million Euros, wenn
Privollzug die Lizenz für die Strafkolonie
loswird. Klar? Wann verliert eine Firma die Lizenz
zum Betreiben der Strafvollzugsanstalt. Häh? Wenn
die Anstalt nicht mehr sicher ist, wenn z.B. ein
Insasse auskneift, klar, ein möglichst
gefährlicher. Klar. Ein Gewaltverbrecher, Räuber,
Mörder, ist das klar.

Jonas: Klar, Sammy, Stammheim bring Jonas um, die
Leiche wird entdeckt.

Sam: Allgemeiner Aufschrei, Verurteilter aus
Strafkolonie getürmt, Privollzug wird Lizenz
entzogen. Auf der Stelle.

Jonas: High Sec übernimmt. Stammheim wird's schon
richten.

Sam: Ja, und wenn ein toter Jonas nicht reicht,
hat der listenreiche Stammheim noch eine tote
Alcatraz anzubieten, etwas später wenn er ihr die
Würmer aus der Nase geleiert hat, das mein ich
damit, sprich das versteckte Belastungsmaterial.

Jonas: Das heißt Stammheim schlägt zwei Fliegen
mit einer Klappe. Megan Alcatraz ist er los.

Sam: Und er kriegt ne halbe Million. Friede Freude
Eierkuchen im Hause Stammheim.

Jonas: Das mußte verhindert werden. Ich
informierte Megan. Sie kannte Stammheim und sah
die Gefahr, aber bevor wir die Situation
abschätzen und einplanen konnten, wurden wir
gestört. Ein junge Lehrhexe kam ins Zimmer, mit
einem tiefen Knicks und einem Auftrag.

Botin: O zaubermächtige Großhexe Megan, die
magische, seine brutale Erhabenheit Häuptling
Conan sendet dir durch meinen Mund eine Botschaft.

Megan: Sprich Griselda.

Botin: Unsere Kundschafter melden, daß sich Arier,
Amazonen und Knochenbrecher wider den hochedlen
Clan der Barbaren verbündet haben.

Megan: Unsere Nachbarn. Weiter Griselda.

Botin: Sie haben eine große Wurfmaschine gebaut.
Damit werden sie in drei Tagen unser Haus
bestürmen.

Megan: Und ich soll was dagegen unternehmen.

Botin: So ist es, zaubermächtige Großhexe. Seine
brutale Erhabenheit läßt dieses sagen: mache einen
Zauber, einen großen Zauber, verwirre den Geister
unserer Feinde, zerstöre ihre Maschine, mache
zunichte ihren Plan.

Jonas: Na das paßt doch wie die Faust aufs Kinn,
Megan. Sie machen wieder mal einen großen Zauber.
Aber nicht auf dem Dach sondern

Megan: Draußen an der Schleuse, morgen um
Mitternacht. Ich allein, nur mein neuer
Leibwächter wird mich begleiten. Morgen mittag
brechen wir auf.

Jonas: Einen Tag später, 1. August 2013, kurz vor
Mitternacht an der Schleuse: In der Zwischenzeit
waren wir, Megan und ich uns nähergekommen: Sie
hatte mich in die vielfältigen Pflichten eines
Leibwächters eingeführt. Und ich hatte ihr mein
großes Geheimnis verraten: Sam. Sam, den
geschwätzeigen Backenzahn, zu dritt hatten wir
überlegt und geplant, bis wir zu dritt durch die
Kolonie zur Schleuse zogen. Jetzt waren wir da.
Vom grauen Klotz des Schleusenbunkers sahen wir
nur eine Hälfte, die andere lag draußen, hinter
dem Schutzschirm, unsichtbar. In wenigen Sekunden
würde sich die massive Tür in der Front zu öffnen.
Hoffentlich. Alles schien ruhig. Zu ruhig, meinte
Megan, sie war mißtrauisch. Da ein Geräusch, die
Tür, sie fing an sich zu bewegen.

Sam: Na, was ist, noch nie ne offene Tür gesehen,
steht nicht rum wie Ochs und Kuh vorm Scheunentor.
In 20 Sekunden ist das Loch wieder zu. Countdown
läuft. Piep.

Jonas: Komm Megan.

Megan: Adios Strafkolonie.

Bluträcher: Halt. Das Blut unseres Clanbruders
scheit nach Rache.

Jonas: Plötzlich waren sie da, schwarzes Leder,
Nieten, Eisenstangen, Blut in den Augen, Rache im
Herzen, Eisenärsche, an die zwanzig, zu viel für
Jonas, aber Jonas war nicht allein, Megan war bei
ihm, und Megan konnte hexen, sie fixiert die
Bluträcher, hob feierlich die Hände, rote Blitze
zuckten aus ihren Fingerspitzen.

Megan: Asrael und aller Dämonen... Steht still und
starr und stumm, laßt die Waffen fallen, rührt
euch nicht.

Jonas: Es wirkt, Megan, wie machst du das,
Hypnose.

Megan: Hahaha, Hexerei, Jonas. Komm Jonas,
schnell.

Sam: Alehopp.

Megan: Komm Jonas, schnell.

Jonas: Die Tür war zu und wir waren drinnen im
Schleusenbunker, nichts und niemand nahm uns zur
Kenntnis, die automatischen Scanner blieben
inaktiv, die Killer auch. Stammheim hatte an ihren
Programmen gefummelt, wie versprochen. An der
offenen Hintertür wartete die Pneumakapsel.

Sam: Zum pneumatischen Express nach Babylon bitte
einsteigen und die Türen schließen. Der Zug fährt
sofort ab.

Jonas: Augenblick noch, Sammy, hast du die
Programm so umgestellt wie wir es besprochen
haben.

Sam: Na klar Chef, alles im Griff.

Jonas: Was sieht Stammheim?

Sam: Nichts, Chef, null Komma nichts, total leere
Schleuse.

Jonas: Und die Kapsel.

Sam: Flutscht nicht zum Justizministerium, sondern
an der Gabelung rechts Zielbahnhof Privollzug.
Abfahrt.

Jonas: Die kleine Station unter dem
Privollzughochhaus war vollautomatisch, kein
Mensch weit und breit. Gut, einerseits, Jonas und
Megan waren praktisch nicht vorhanden, die
Sicherheitssensoren hatte Sam außer Gefecht
gesetzt. Andererseits schlecht. Wir brauchten
Menschen, zwei vorzugsweise.

Sam: Blaue Zottel, Graue Kittel, Plastik, so kommt
ihr beiden Süßen nie in die Chefetage, bestenfalls
in den Abfallcontainer.

Jonas: Wir müssen uns was zum Anziehen besorgen,
Megan, was unauffälliges. Manager-Outfit oder so
was.

Megan: Uniformen vom Privollzugwerkschutz.

Jonas: Das ist gut. Wir warten bis zum Morgen,
Sammy schlägt Alarm.

Sam: O ja, großer Meister, Alarm, und wie, das die
Wände wackeln.

Jonas: Das möchtest du wohl. Kleiner Alarm.
Wasserschaden, Ratte im Kabelschacht, diese
Preisklasse.

Sam: Oh, Spielverderber.

Jonas: Zwei Typen vom Werkschutz kommen
nachkucken, die treten immer zu zweit auf. Wir
machen kurzen Prozeß.

Megan: Und wir ziehen uns um.

Jonas: Null Problemo. Gegen halb 10 standen wir im
Chefzimmer von Vizepräsident Pierre Cayenne, den
kannte Megan aus ihrer Zeit im Justizministerium.
Jonas stellte sich an die Wand, die rechte Hand am
Neurofreezer, Sam spazierte durchs
Sicherheitssystem und blockierte ein paar
Verbindungen. Megan ging zum Schreibtisch, nahm
die Mütze ab, schüttelte ihr Haar aus. Cayenne war
irritiert.

Cayenne: Was soll das, was erlauben Sie sich.
Gehen Sie zurück auf Ihren Posten.

Megan: Erkennen Sie mich nicht, Pierre?

Cayenne: Megan, Megan Alcatraz? Aber, aber Sie
sind doch in der Strafkolonie.

Megan: Ich bin hier Pierre, in ihrem Zimmer, das
sehen Sie doch. Drücken Sie ruhig auf den
Alarmknopf, das bringt nichts. Aber kommen Sie
nicht auf die Idee aufzustehen und zur Tür zu
gehen. Mein Partner würde Sie neurofreezen.

Jonas: Würd ich. Sofort.

Cayenne: Was wollen Sie Megan?

Megan: Sie warnen, Pierre, ihren einen Tip geben,
falls Privollzug Wert darauf legt, die Lizenz für
die Strafkolonie zu behalten.

Jonas: Pierre Cayenne war ein vernünftiger Mann,
und Megan Alcatraz war eine vernünftige Frau, das
wußte er, darum glaubte er unsere Geschichte. Aber
es fiel ihm nicht leicht.

Cayenne: Beweise. Ohne Beweise kann ich nichts
gegen Stammheim unternehmen. Geben Sie mir
Beweise, Megan, rufen Sie Ihr verstecktes Material
ab.

Megan: O nein, Pierre. Das Material bleibt vorerst
da, wo es ist, ich will Sie nicht in Versuchung
führen, wenn Sie mein Material haben, können Sie
Stammheim problemlos allein erledigen. Und dann
kämen Sie womöglich auf den unschönen Einfall mich
und meinen Partner Jonas zu eliminieren. Sie
würden an das Wohl von Privollzug denken, immerhin
sind wir aus der Strafkolonie ausgebrochen, aus
Ihrer Obhut.

Cayenne: Trauen Sie mir nicht, Megan.

Megan: Ich wäre dumm, wenn ich's täte, Pierre.
Hören Sie zu. Sie kriegen ihre Beweise, aber
anders.

Jonas: Stammheim wird sich selbst überführen, er
wird sich stellen, er wird alles zugeben.

Cayenne: Ich verstehe. Soll ich Sie mit einem
versteckten Sender ausrüsten.

Jonas: Nicht nötig. Den haben wir schon. Ich geb
Ihnen die Frequenz. Sie werden mithören.

Megan: Sie und die Medien. Die Sache muß an die
Öffentlichkeit. Wir wollen voll rehabilitiert
werden. Von einem Deal unter der Hand zwischen
Stammheim und Ihnen haben wir beide gar nichts.

Cayenne: Aber sowas würde ich doch nie

Megan: Natürlich nicht, Pierre.

Jonas: Wenn's brenzlig wird, greifen Sie ein,
Cayenne.

Cayenne: In Ordnung, Werkschutz. Kripo auch wenn
Sie wollen.

Jonas: Aber keine Auto-Cops.

Jonas: Rund 14 Stunden später, 3. August 2013, 0
Uhr 20, tief unter dem Justizministerium. Eine
Pneumakapsel kam zum Stehen, die Klappe ging auf,
Megan Alcatraz und Jonas, wieder in ihrer
Koloniekluft, stiegen aus und wurden sofort in
Bodybags gestopft, von Auto-Cops. Alonso Stammheim
sah gutgelaunt zu.

Stammheim: So läßt es sich doch viel angenehmer
plaudern, nicht wahr. Sie haben es also geschafft,
Jonas, wenn auch erst im zweiten Anlauf.
Eigentlich hatte ich Sie schon gestern erwartet.
Na Ende gut alles gut. Megan, meine Teure,
glänzend sehen Sie aus. Ein wenig extravagant aber
glänzend. Verraten Sie mir, wo Sie die Daten über
meinen Deal mit Highsec haben. Und den Abrufcode
natürlich auch.

Megan: Sie glauben doch nicht ernsthaft, daß ich
Ihnen das sage, Stammheim, Sie Ratte.

Stammheim: Nun ja, vielleicht nicht sofort,
liebste Megan, aber wenn Sie erst in der
Autotortur.

Megan: Oh.

Stammheim: Damit haben Sie nicht gerechtet, was,
ha, die automatische Folterkammer ist fertig, mein
Lieblingsprojekt, Sie wissen ja, Sie geschätzte
Kollegin werden die Ehre haben als
Versuchskaninchen zu agieren. Sie sind eine starke
Frau, wie lange werden Sie wohl durchhalten, 10
Minuten, eine halbe Stunde oder gar länger. Wir
werden sehen, hören, erleben, genießen.

Jonas: Kommen Sie mal wieder runter, Stammheim.
Sie ja schon am durchdrehen bevor es losgeht.

Sam: Ejakulatio presskopf sagt der Experte.

Stammheim: Herr Jonas, entschuldigen Sie, Sie sind
ja auch noch da. Die Autotortur, wissen Sie, ein
Thema bei dem ich immer alles andere vergesse. Ja,
was mach ich mit Ihnen, es war vorgesehen, Sie
schnell zu töten, aber wenn ich es mir recht
überlege, sind zwei Kaninchen besser als eins. Wie
Ihre Leiche aussieht, ist schließlich egal,
Hauptsache man kann Sie identifizieren als
ausgebrochenen Strafkolonisten. Ha, zwei mal
Autotortur, eine halbe Million Euros. O happy day!
Schafft die beiden in die Autotortur.

Jonas: Es wurde Zeit. Zeit daß Sammy was tat. Der
hatte es sich im Autojustiz-Systems bequem
gemacht. Megan hatte ihn mit den Geheimcodes
versorgt, noch aus ihrer Zeit im
Justizministerium. Aber jetzt trat Sam in Aktion.
Zuerst knackte er die Schlösser an unseren
Bodybags. Dann gab er den Auto-Cops neue Befehle.
Priorität eins a. Sie hörten nicht mehr auf
Stammheim. Sie hören überhaupt nicht, sie zogen
ihre Knüppel und fingen an, aufeinander
einzudreschen. Mit lobenswertem Eifer.

Stammheim: Aufhören, Schluß damit. Ihr sollt
aufhören, hab ich gesagt.

Megan: Warst du das Jonas, hast du Stammheim in
Starrkrampf versetzt. Haha. Sag bloß, du kannst
auch hexen.

Jonas: Iwo, Neurofreezer, den hatte ich mir bei
Privollzug unters Hemd gesteckt. So. Die Auto-Cops
sind im Eimer. Was machen wir mit unserem Freund
Stammheim.

Megan: Autotortur schlage ich vor. Soll er sein
Lieblingsprojekt selbst testen. Bin gespannt, wie
lang er durchhält. Ah er schwitzt Jonas, sieh mal.

Jonas: Die Hosen hat er auch voll.

Cayenne: Halten Sie aus, gleich sind wir bei
Ihnen.

Jonas: Die Kavallerie. Zu spät, wie immer.

Megan: Zu früh, keine Autotortur für dich
Stammheim, schade.

Jonas: Statt dessen kam er vor den Auto-Judex.
Megan und ich sahen zu. Durch einen Einwegspiegel
in der Wand.

Auto-Judex: Stammheim Alonso, wird verurteilt,
sein weiteres Leben in der Straf-kolonie zu
verbringen, der Beklagte nimmt das Urteil an, das
Urteil ist rechtskräftig.

Stammheim: Nein, nein, nicht in die Strafkolonie,
bitte, bitte, ich tu's auch nie wieder. Gnade.

Megan: Wie's ihm da wohl gehen wird.

Jonas: Gutes Eunuchenmaterial.

Megan: Ja? Also ich hoffe, die Kannibalen kriegen
das Schwein.

Jonas: Schalt ab, Megan, er ist so laut.

Megan: Was ich dir noch sagen wollte, Jonas. Ich
hab seinen Job.

Jonas: Chiefcontroller.

Megan: Hm.

Jonas: Gratuliere Megan.

Megan: Wollen wir das nicht feiern, wir zwei,
vielleicht gleich hier im Kasino. Das Essen ist
allerdings nicht berühmt.

Jonas: Gehen wir lieber ins Casablanca. Da ist das
Essen auch mies, aber dafür der Whisky noch
mieser, und die Atmosphäre unbeschreiblich. Wüah.

Megan: Einverstanden. Wann?

Jonas: Sagen wir in zwei Stunden. Ich hab vorher
noch was zu erledigen. Beim Autodentisten.

Sam: Nein, Sammy will in seinem Meister bleiben,
ganz eng, ganz nah, ganz innig, von nun an bis in
Ewigkeit.

Jonas: Das könnte dir so passen. Du kommst raus.

Sam: Liebt mein Jonas denn seinen Sam gar nicht
mehr.

Jonas: Merk dir Sammy. Die wahre Liebe blüht in
der Distanz.

Sam: Ach? Hat das Goethe gesagt?

Jonas: Zu mir nicht.

Sam: Zu mir auch nicht.

Das war Strafkolonie. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem wirkten mit: Kerstin de Ahna, Karl
Friedrich, Achim Höppner und viele andere (Werner
Klein, Michael Schneider, Ilse Neubauer, Michael
Vogtmann, Detlef Kügow, Ernst Wilhelm Lenik,
Dorothee Hartinger, Pascale Schulze, Marc Schulze,
Urs Schaudinn, Andreas Wohlrab, Eva Windisch). Ton
und Technik: Günter Heß, Christine Koller und
Monika Graul. Regieassistenz: Holger Buck, Regie:
Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen
Rundfunks (1994). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Ufo

Sam: Er stand auf seines Daches Zinnen und schaute
mit trübem Sinnen auf Babypsilon, die große Stadt.

Jonas: Die Sicht aus meinem Fenster im 16. Stock
war gut. Ausnahmsweise. Klar und scharf lag das
nächtliche Babylon unter mir. Ein riesiger
Flickenteppich. Im Westen die Ghettos der Reichen,
in gedämpftes Goldgelb. Ruhig. Gediegen. Grell und
aufdringlich das Zentrum, das Amüsierviertel,
knallbunt flackernd. Strahlend weiß die geballten
Hochhäuser der Wirtschaft, steif und steril.
Dazwischen in unregelmäßigem Hell-dunkel die
normalen Wohnbezirke. Im Südosten ein großes
schwarzes Loch: Das Reservat. Rundum, am Horizont
die Wildnis, eine dauernde dunkle Drohung.
Darüber, als heller Kontrapunkt: ein Ufo, ein
rotierender Diskus mit zahllosen Fenstern. Langsam
zog es dahin. Unbeirrbar. Unerschütterlich.
Unergründlich.

Sam: Unerträglich.

Jonas: Das Ufo?

Sam: Ach Quatsch, deine melancholische
Fensterschau, dein poetisches Geplapperlaber, du
Hemingway für Arme.

Jonas: Wer ist Hemingway, Sammy?

Sam: Was juckt uns Hemingway, was juckt uns das
Ufo, das gondelt doch schon seit Wochen jeden
Abend über Babylon herum. Laß grübeln und glotzen,
hinweg mit dem Trübsinn, mach dir ein paar schöne
Stunden, Kumpel, geh ins Casablanca.

Jonas: OK. Aber das half auch nichts. Die Stimmung
blieb mies. Und das Ufo, die Drohung, die
Dunkelheit, alles das wartete schon auf Jonas. Im
Casablanca. Ich kriegte es nur nicht gleich mit.
Zuerst war da nur die Frau, an meinem Tisch, auf
meinem Platz.

Jacob: Sie wartet auf dich, Jonas.

Jonas: Soll sie, ich bin nicht da, ihr Pech.

Jacob: Hier ist er, Frau Delamotte.

Jonas: Halts Maul, Jacob, ich bin nicht in
Stimmung.

Delamotte: Jonas?

Jacob: Jonas, in Lebensgröße.

Jonas: Schöner Freund bist du.

Jacob: Ich bin kein Freund, ich bin Gastwirt.

Jonas: Sie war Ende vierzig. Gut angezogen, grau
und dunkelblau, höheres Management dachte ich,
oder öffentlicher Dienst. Ich ging rüber zu ihr.
Lust hatte ich nicht.

Delamotte: Setzen Sie sich. Was trinken Sie?

Jonas: Whisky, Jacob, aber nicht den aus Singapur.

Delamotte: Sie sind also der Detektiv.

Jonas: Der letzte. Der absolut total allerletzte.
Wenn Sie mir einen Auftrag geben, tun Sie's auf
eigene Gefahr.

Delamotte: Sie haben seltsame Art für sich zu
werben. Was kosten Sie?

Jonas: 120 Euros pro Tag und Spesen und eine
Zulage, wenn ich raus muß aus Babylon. Muß ich?

Delamotte: Ich glaub schon.

Jonas: Wohin?

Delamotte: In die Wildnis.

Jonas: 200 pro Tag. Sie können sich das leisten,
das sehe ich Ihnen an. Was soll ich tun?

Delamotte: Jemanden suchen und finden wenn
möglich.

Jonas: Wen?

Sam: Lalü lala. Tatü Tata. Alarm. Es brennt.
Lichterloh, feurio. Loriot. Halt stopp, denk
weiter.

Delamotte: Sam nehm ich an.

Jonas: Sie kennen Sam?

Delamotte: Wer kennt ihn nicht.

Sam: Ha. Hast du gehört, meitabbelige Gallenblase.
Mir san hin und hergerissen, gnädige Frau, charmo
charmo Küß eahna die Hand.

Jonas: Mein Computer. Klein aber laut. Gefüttert
mit sämtlichen Sprachprogrammen, die es gibt. Die
es nicht gibt, hat er sich selbst beigebracht.
Sam. Auch Sammy. Selten Samuel. Wegen Casablanca.
Den Film meine ich, nicht meine Stammkneipe. As
time goes by. Sam ist mein elektronischer
Begleiter. Mein Schlappenschamois. Meine nützliche
Nervensäge.

Sam: Teuerste sehen mal wieder ganz extraordinär
entzückend aus.

Delamotte: Danke.

Sam: Aber dennoch dessen ungeachtet und nichts
desto trotz, erstmal wird geklärt, wer Sie sind.
In dem daß wir bislang noch nicht das Vergnügen
Ihrer geschätzten Bekanntschaft genaßen. äh
genießen. Hatschi. Danke. Genossen. Feste Regel im
Hause Jonas. Also dann mal los verehrteste. Hosen
runter.

Jonas: Wer sind Sie?

Delamotte: Delamotte ist mein Name. Audrey
Delamotte, ich arbeite im Amt für Medien und
Öffentlichkeitsarbeit als Staatsrätin.

Jonas: Alles klar, also, fangen wir nochmal an,
Frau Delamotte. Wen soll ich suchen?

Delamotte: Einen Mann namens Adam Stiller.

Sam: Schiller?

Delamotte: Sagt Ihnen der Name was?

Jonas: Stiller?

Sam: Schiller?

Jonas: Stiller?

Sam: Stiller?

Jonas: Nein.

Sam: Nein.

Delamotte: Schriftsteller. Buchautor genauer
gesagt. Das hier hat er geschrieben:

Jonas: Sie kommen aus dem Kosmos – das Geheimnis
der Ufos. Kenn ich nicht.

Delamotte: Sie machen sich wohl nichts aus
Büchern, Jonas.

Sam: Ich auch nicht.

Delamotte: Wie die meisten in Babylon.

Sam: Jaja.

Jonas: Falsch. Jonas ist Nostalgiker. Jonas kauft
und liest Bücher. Krimis aus dem 20. Jahrhundert.
Science-Fiction interessiert mich nicht. Und genau
sowas hatte Adam Stiller geschrieben. SF-Romane,
Sachbücher über Ufos, fliegende Untertassen,
Raumschiffe aus fernen Welten, ein Thema, das ihn
faszinierte.

Delamotte: Das war vor etwa 20 Jahren in den
90ern, ich war damals Lektorin in einem kleinen
Buchverlag Sense of Wonder. Stiller schrieb für
uns, kompetent, fleißig, manchmal inspiriert, und
immer erfolglos. Wie der ganze Verlag. Bücher
waren schon zu dieser Zeit kein Geschäft mehr, und
darum ging der Verlag in Konkurs, 1998, vor 15
Jahren, Stiller war da 60, er konnte und wollte
nicht noch mal von vorn anfangen.

Jonas: Was hat er gemacht?

Delamotte: Er ist ausgestiegen, aus Babylon
verschwunden, untergetaucht.

Jonas: Und Sie, Frau Delamotte.

Delamotte: Ich, ich hab mir was Neues gesucht, und
bin im Amt für Medien und Öffentlichkeitsarbeit
gelandet.

Jonas: Wo Sie's zu was gebracht haben. Schön für
Sie. Was wollen Sie jetzt nach 15 Jahren von
Stiller, warum suchen Sie ihn.

Delamotte: Warum? Weil seine Zeit gekommen ist,
seine Bücher sollten neu aufgelegt werden, heute
hätten sie Erfolg.

Jonas: Vermutlich, und was hätten Sie davon.

Delamotte: Ich kenne Stiller, ich würde ihm
helfen, ihn managen.

Jonas: 20 %.

Delamotte: Eher 25. Stiller und ich, wir würden
ganz groß mitschwimmen auf der Ufowelle.

Jonas: Das klang plausibel. Vor einem Vierteljahr
hatte sie angefangen, die UFO-Welle, die UFO-
Schwemme, der UFO-Wahn. Seltsame Erscheinungen
tauchten am Himmel auf. Rätselhafte Objekte.
Mysteriöse Flugkörper. Scheibenförmig, hell und
strahlend. Immer mehr. Immer öfter. Waren es
außerirdische Raumschiffe? Bald flogen die Ufos
nicht nur, sie landeten, ab und zu, weit draußen,
unter Ausschluß der Öffentlichkeit, Menschen die
mitgenommen und dann freigelassen wurden,
erzählten Wunderdinge, und Wunderdinge verhießen
auch die Funksprüche, die vom Himmel kamen:
Hoffnung, Frieden, Lösung aller Probleme, ganz
Babylon war im UFO-Fieber, Ufokulte hatten
gewaltigen Zulauf, alles andere war uninteressant
geworden, es gab nur ein Thema: die Ufos.

Delamotte: Was halten Sie von den Ufos, Jonas.

Jonas: Ich, ich halt mich raus. Bleiben wir bei
Adam Stiller, er ist jetzt wie alt?

Sam: 75, du Schlunzpiepe.

Jonas: Falls er noch lebt.

Delamotte: Das hoffe ich. Sie werden es
feststellen, Herr Jonas, Sie werden ihn aufspüren
und zu mir bringen.

Jonas: Wenn ich ihn finde und wenn er will. Warum
nicht in der Wildnis, warum nicht sagen wir im
Reservat.

Delamotte: Fürs Reservat ist er nicht der Typ, ich
bin ganz sicher, er steckt in der Wildnis.

Jonas: Sie müssen's wissen, Frau Delamotte, es ist
ihr Geld. Apropos.

Delamotte: Sie brauchen eine Anzahlung nehm ich
an. 500 Euros in bar, ist das genug.

Sam: Es ist genug. Es ist nie genug. Es ist nie
genug.

Jonas: Mein Fon klingelte, als ich aus dem Lift
stieg, ich ging durch den Korridor, suchte den
Schlüssel, schloß auf, ich hatte es nicht eilig,
das Fon hörte auf zu klingeln: Gut so. Eine Minute
später fing es wieder an. Laut und beharrlich.
Jemand mußte große Sehnsucht nach Jonas haben.

Jonas: Jonas, nur Jonas, was ist.

Maid: Hier spricht der hohe Tempel der druidisch-
kosmologischen Kirche, seine Mysteriosität,
Erzdruide Fingal, wünscht eine Unterredung mit
Ihnen.

Jonas: So, dann soll er doch mal vorbeikommen ihr
Erzdruide, vielleicht übermorgen.

Maid: Ich bitte Sie, Herr Jonas, Sie werden kommen
zum hohen Tempel, sogleich.

Jonas: Jetzt, 5 Minuten vor Mitternacht.

Maid: Auf der Stelle, Herr Jonas, sofern Ihnen an
einem einträglichen Auftrag gelegen ist.

Jonas: Sam?

Sam: Anruf genuin, Chef.

Jonas: Tja, so ist das, wochenlang will kein
Schwein was von Jonas, und jetzt rennen sie mir
die Bude ein.

Sam: Beziehungsweise zitieren euer Willfährigkeit
ins Haus.

Jonas: In den Tempel, Sam. Adresse.

Sam: Yes.

Jonas: Die druidisch-kosmologische Kirche war
einer der neuen Ufokulte, der größte und
offensichtlich lukrativste. Der hohe Tempel erwies
sich als Prachtbau in bester Lage in einer
Nebenstraße des Markgrafenboulevard, zwei
bewaffnete Türsteher fragten nach meinem Namen,
ließen mich durch, ein kahles Foyer, eine zweite
Tür, ich stand in einem großen runden Raum unter
einer hohen Kuppel, spärliches Licht aus
unsichtbarer Quelle, aus unsichtbaren
Lautsprechern Sphärenmusik, auf dem nachtblauen
Hintergrund von Wänden und Kuppel tanzten helle
Kreise in komplizierter Choreographie, plötzlich
ein helles Rechteck, ganz hinten war eine Tür
aufgegangen, eine Gestalt in einem langen weißen
Hemd wandelte mir entgegen.

Maid: Der hohe Tempel entbietet ihnen durch mich
seinen Willkommensgruß, Herr Jonas.

Jonas: Gleichfalls. Waren Sie die Maid vorhin am
Fon. Sind Sie die Sekretärin des Erzdruiden?

Maid: Ich habe die überaus große Ehre, seiner
Mysteriosität als rituelle Opfermaid zu Diensten
zu stehen.

Jonas: Is ja drollig. Interessanter Job?

Maid: Bitte, Herr Jonas. Seine Mysteriosität
erwartet Sie.

Jonas: Hinter der hellen Tür ein freundlicher
kleiner Raum, ein Studio oder Herrenzimmer wie das
früher hieß, edel ausgestattet, echt lederne
Clubsessel, ein massiver Echtholzschrank, hinter
der Echtglastür echte Bücher, und inmitten der
teuren Pracht ein Mann, groß, gewichtig,
würdevoll, eingewickelt in ein weißes Laken, eine
goldene Sichel am Gürtel, im dünnen Haar ein
Mistelkranz, in der Hand ein Glas, und im Glas,
was roch die Nase des Experten?

Erzdruide: Ganz recht, Herr Jonas, Uskibeha, wie
die alten Kelten sagten, Wasser des Lebens, echter
schottischer Maltwhisky, wollen Sie auch einen?

Jonas: Hm, ehe ich mich schlagen lasse,
Hochwürden.

Erzdruide: Mysteriosissimus ist die mir zustehende
Anrede, Herr Jonas.

Jonas: Mysteriovissimus. Auf ihr Wohl.

Erzdruide: Mysteriosissimus.

Jonas: Oder so.

Erzdruide: Auf ihr Wohl. Auf Teutates und
Bedisama, auf die alten Götter, die da
zurückkehren aus der Tiefe des Raumes, ihre
irregegangenen Kinder zu retten, zum Wohl.

Jonas: Warum haben Sie mich kommen lassen.

Erzdruide: Sie sollen ihn ausfindig machen, Herr
Jonas, den Vorläufer, den Propheten, der da
bereits vor etlichen Jahren uns die Wiederkehr der
himmlischen Göttern weissagte, in den erleuchteten
Werken, welche Sie hier hinter Glas sehen, Herr
Jonas.

Jonas: Sie kommen aus dem Kosmos.

Erzdruide: Unter anderem, Herr Jonas.

Jonas: Adam Stiller.

Erzdruide: Eben diesen, Herr Jonas.

Jonas: Sieh mal an. Ein vielbegehrter Typ, dieser
Stiller. Jonas dachte kurz nach. Sollte er dem
Erzdruiden erzählen, daß er denselben Auftrag
schon angenommen hatte? Von Audrey Delamotte. Ich
hielt den Mund. Ein kleines bißchen unethisch,
möglicherweise, aber es wurde niemand geschädigt.
Und einer hatte den Nutzen, Jonas, der kriegte
doppeltes Honorar. Und nicht nur das.

Erzdruide: Nach unseren Erkenntnissen ist Adam
Stiller ausgestiegen, wie der volkstümliche
Ausdruck lautet, und zwar bereits vor 15 Jahren.
Sie werden ihn also womöglich in der Wildnis
suchen müssen, Herr Jonas.

Jonas: Womöglich. Macht 200 Euros pro Tag und
Spesen und eine Zulage, weil ich in die Wildnis
muß.

Erzdruide: Die druidisch-kosmologische Kirche
brennt vor Verlangen, den Propheten in ihrem
Tempel willkommen zu heißen. Sie werden Eifer
zeigen, Herr Jonas, Sie werden eilen.

Jonas: Ich tu, was ich kann, Mysteriovissimus,
gleich morgen.

Erzdruide: Heute, Herr Jonas, wir werden zahlen,
um ihr Bemühen tunlichst zu beschleunigen, stellt
die Kirche ihnen ein E-Mobil zur Verfügung, Sie
werden es vor dem Tor finden, hier ist der
Schlüssel.

Jonas: 5 Stunden später, früher Morgen, ich fuhr
durch die Südstadt, raus aus Babylon Richtung
Wildnis, es war Platz auf den Straßen, mehr als
sonst, keine Penner, keine Obdachlosen, keine
Tütenmenschen, verschwunden, wie vom Erdboden
verschluckt, und noch was fiel mir auf: die großen
Seniorenanstalten am Stadtrand standen leer, Türen
und Fenster mit Brettern vernagelt, seltsam. Aber
was ging das Jonas an. Jonas hatte einen Auftrag.
Zwei Aufträge. Eden, ein kleiner Ort in der
Wildnis, noch dasselbe traurige Nest wie vor 3
Jahren, Fall Spielwiese, egal, Jonas war nur auf
der Durchreise, zu drei alten Freunden, Debora,
Amos und Obadja. Übrigbleiber, Survivalists, weit
draußen in der Wildnis hatten sie sich eine Hütte
gebaut, da hausten sie, schlicht und
gottesfürchtig, putzten ihre Waffen und warteten
auf den großen Knall, nur daß sie jetzt nicht mehr
zu dritt waren.

Debora: Bruder Obadja hat uns verlassen, Bruder
Jonas.

Jonas: Tot, Debora?

Amos: Schlimmer, er ist zurückgekehrt nach Babylon
zu den Fleischtöpfen Ägyptens.

Sam: Volksrente, Computer, elektrisch Licht und
Schnaps aus dem Dipsomaten. Chemnitzluja.
Korrektur Halleluja.

Amos: Ah Brüderchen Samuel.

Debora: Wie geht's denn kleiner Schreihals.

Sam: Erlauben Sie Madam, nicht dieser Ton.

Debora: Och, ist er beleidigt.

Jonas: Laß ihn, Debora, er wird wieder.

Amos: Bist du gekommen, um für immer bei uns zu
bleiben, Bruder Jonas, denn siehe das Ende der
Welt steht vor der Tür.

Jonas: Schon wieder oder immer noch?

Debora: Wirklich und wahrhaftig, Bruder Jonas,
hebe deine Augen empor zum Himmel und schaue die
Vorzeichen der nahenden Schrecknisse.

Jonas: Die Ufos meinst du.

Amos: Und auch auf Erden geschieht fürchterliches.

Jonas: Wem sagst du das Amos.

Debora: 50 km von hier haben sie ein neues
Agrocenter hingestellt.

Jonas: In die kahle Wildnis.

Debora: In die Wildnis, wo nichts wächst, jeden
Tag und jede Nacht fahren riesige E-Trucks von
Babylon ins Center, vollbeladen mit Menschen, und
wenn sie zurückfahren sind sie leer.

Amos: Die große Säuberung hat begonnen, Bruder
Jonas, und der Herr gießt aus die Schalen seines
Zorns über Gerechte und Ungerechte.

Jonas: Wie dem auch sei. Wenn morgen die Welt
untergeht, wird Jonas noch heute ein Apfelbäumchen
pflanzen.

Sam: Bruder Jonas, also steht es geschrieben in
dem heiligen Werk, das da genannt wird, Büchmanns
geschniegelte Worte, was, nein, geprügelte Worte,
a Moment, ahaha, gebügelte Worte, ja gebügelte
Worte.

Jonas: Halt den Rand, Sammy, denn wahrlich ich
sage dir, so du nicht zügelst den Fluß deiner
Rede, schalt ich dich ab. Verstanden.

Sam: Amen und abermals amen.

Amos: Du hast einen Auftrag auszuführen, Bruder
Jonas.

Jonas: Ich suche einen Mann namens Adam Stiller,
Aussteiger.

Debora: Adam? Alt?

Jonas: 75. Kennst du ihn Deborah.

Debora: Es gibt hier draußen einen alten Mann, der
den Namen Adam, der Geschichtenerzähler trägt.

Amos: Manche nennen ihn auch Adam der Spinner.

Jonas: Das dürfte er sein. Wo lebt er?

Debora: Im Asyl, 20 km weiter nach Westen.

Jonas: Der Ort, der jetzt Asyl hieß, war in der
alten Zeit ein Campingplatz gewesen, an einem See,
der natürlich längst ausgetrocknet war, die
Caravans standen noch da, eine Schrottlaube neben
der anderen, fast bis zum Horizont, jeder Wagen
bewohnt, Aussteiger, Übrigbleiber,
Durchsnetzfaller, ein paar Flüchtlinge aus der
Drittwelt, die es durch den Militärkordon
geschafft hatten. Jonas fuhr durch die rostigen
Reihen, sah sich um, fragte, vorsichtig, eine Hand
am Leitsystem des E-Mobils, die andere in der
Jacke am Laserstrahler. Abends war ich am Ziel,
ein verrotteter Minibus, kein Motor, keine Räder,
das Heim von Adam dem Spinner alias Adam Stiller.
Ein Greis, verkrümmt, verknittert, verknöttert, er
ließ mich nicht rein, aber er blieb vor der Tür
und hörte sich an, was Jonas ihm mitzuteilen
hatte. Babylon ruft, sagte ich, und das gleich
zweimal.

Jonas: Babylon ruft.

Stiller: Ach was, wer denn.

Jonas: Erzdruide Fingal und Audrey Delamotte.

Stiller: Und Lisa, Lisa will nichts von mir
wissen.

Jonas: Wer?

Stiller: Lisa. Lisa Polonius.

Jonas: Wer ist das?

Stiller: Na, meine Partnerin damals, junger Mann,
meine Muße, hab ich immer gesagt, sie hat mir
geholfen beim Denken, beim Schreiben, besonders
bei meinem letzten Manuskript, ein Roman, nur ein
Gott kann uns noch retten, war der Titel, ein
Heideggerzitat, werden Sie nicht kennen, junger
Mann.

Jonas: Ein Roman über Ufos.

Stiller: Ja, aber nicht so wie Sie vielleicht
denken, junger Mann, mein Meisterwerk, schade daß
es nicht veröffentlicht wurde, kurz nachdem ich es
eingereicht hatte, ging der Verlag pleite. Hat
Audrey nichts davon gesagt, sie muß es noch haben.

Jonas: Das Manuskript? Nein nichts.

Stiller: So, was macht sie denn jetzt. Wieder bei
einem Verlag?

Jonas: Audrey Delamotte ist Staatsrätin im Amt für
Medien und Öffentlichkeitsarbeit.

Stiller: Oh. Wirklich? Also das finde ich
interessant, sehr interessant, wenn ich mir so
ansehe, was im Moment läuft, diese Ufokiste und
kein Wort von meinem Manuskript, da kommt man ins
Grübeln, junger Mann.

Jonas: Also was ist, Herr Stiller, was wollen Sie,
Verehrung als Prophet, oder viel Geld als
neuaufgelegter Autor, oder beides.

Stiller: Oder weiter meine Ruhe als Aussteiger,
nicht so flott, junger Mann, das muß ich mir
überlegen, mal drüber schlafen. Kommen Sie morgen
früh wieder.

Jonas: Wo kann ich übernachten?

Stiller: Ihre Sache, junger Mann.

Jonas: In ihrem Minibus.

Stiller: Null Chance. Schlafen Sie doch in ihrem
E-Mobil.

Jonas: Das werd ich wohl müssen.

Stiller: Ein guter Rat, junger Mann, fahren Sie
ein Stück raus, bleiben Sie nicht im Asyl, die
klauen ihnen den Sitz unterm Hintern weg.

Jonas: Das wollte ich nicht. Also fuhr ich raus,
zwei drei Kilometer bis zu einem Haufen bizarrer
Felsen, da stellte ich das E-Mobil ab, klappte die
Lehne runter, legte mich hin, halb zwölf.
Schlafenszeit. Sam schob Wache, in dieser Gegend
war es nicht geheuer, und das war noch eine
Untertreibung.

Sam: Düdüdüdüdüdüdüt, Erwache, Meister, o Meister
o werde wach, düt, nu hör schon auf zu schnofen,
du alte Schlafmütze.

Jonas: Sam, wie spät.

Sam: Piep. 2 Uhr und 22 Minuten. Die Nacht ist
noch jung.

Jonas: Warum weckst du mich? Was ist los.

Sam: Siehst du nichts, du blindes Huhn. Hörst du
nichts, du taube Nuß? Ha?

Jonas: Ich richtete mich auf. Drüben, wo das
sogenannte Asyl lag, war der Himmel rot, Feuer,
Schüsse, Krieg. Wer gegen wen? Ich startete das E-
Mobil, fuhr zurück, ohne Licht, langsam, bis ich
sie im Schein der Flammen erkennen konnte:
gepanzerte Kampfmaschinen, haushoch, schwer
bestückt, Bordkanonen, MGs, Laserwerfer, sie
hatten Asyl umstellt, walzten alles nieder,
schossen die Caravans in Brand, machten sie platt
mitsamt den Bewohnern, wer sich ins Freie retten
konnte, wurde abgeschossen. Was ging hier vor? Was
waren das für Maschinen.

Sam: Mähdrescher, Herr Agronom, Ernteautomaten,
Agrarmaschinen.

Jonas: Du spinnst Sammy.

Sam: Steht doch groß und deutlich dran.

Jonas: AgroC.

Sam: Ja.

Jonas: Dieses ominöse AgroCenter.

Sam: Welches nicht ist, was es zu sein vorgibt.

Jonas: Was hat Debora gesagt: Trucks voller
Menschen rein, leer wieder raus. Und jetzt das.
Mord, Sam.

Sam: Massenmord euer Ehren. Mit System und
Methode.

Jonas: Und mit modernsten Kampfmaschinen. Wer
steckt dahinter Sam.

Sam: Wenn eure Tiefschürfigkeit jene uralte, doch
immer wieder neu gestellte Frage für den
Augenblick zurückstellen und sich gütigst einem
akuten Problem widmen wollte. Denn siehe, wie
Debora und Amos sagen würden, eine der
mörderischen Maschinen ist ausgeschwenkt und nimmt
Kurs auf unseren Standort.

Jonas: Zufall, Sammy, die Leute oben auf der
Brücke können uns im Dunkeln nicht sehen, von uns
wollen die nichts. Oder? Das Ding kommt direkt auf
uns zu, Sammy.

Sam: Und ab durch die Mitte. Mach schon, gib Gas.

Jonas: Jonas gab Gas, änderte die Richtung, schlug
Haken, alles umsonst, die Maschine blieb dran, und
kam immer näher. Der Lichtkegel ihres
Scheinwerfers war nur noch wenige Meter vom E-
Mobil entfernt.

Sam: Die wissen genau, wo wir sind und wie weit
entfernt.

Jonas: Ein Orter, Sammy.

Sam: Transmitter, very good Sir und wo meine ich?

Jonas: Irgendwo hier im E-Mobil.

Sam: Im E-Mobil, Jonas geliehen und zur Verfügung
gestellt vom lieben Erzdruiden.

Jonas: Dieser hinterhältige Armleuchter. Aber
warum?

Sam: Achtung, Felsen direkt voruss.

Jonas: Die Rettung. Mit quietschenden Reifen bog
ich um die Felsengruppe, dahinter nahm ich sofort
Tempo weg, steig aus, bis der Wagen fast kroch,
ich stieg aus, stellte am Leitsystem
Höchstgeschwindigkeit ein und tauchte dann mit
einem Hechtsprung zwischen die Felsen, von da sah
ich, wie die Kampfmaschine hinter dem leeren E-
Mobil herratterte, bis beide Fahrzeuge in der
Dunkelheit verschwanden.

Sam: Das Wandern ist des Sammys Lust, für Jonas
singen ist ein Frust, das Wandern. Im Frühtau zu
Berge...

Jonas: Am nächsten Morgen wanderte ein
Privatdetektiv durch die Wildnis, er war allein,
aber nicht einsam, hoch über ihm zogen Ufos ihre
Bahn, und in seiner Tasche tönte es. Laut und
herzzerreißend. Sam sang zur Aufmunterung
Wanderlieder. Die blieben ihm aber im nicht
vorhandenen Halse stecken, als wir unserem Ziel
näherkamen, die Hütte meiner Übrigbleiberfreunde
war ein rauchender Trümmerhaufen, von Amos und
Debora war nichts zu sehen, vermutlich lagen sie
drunter.

Sam: Erspäht mein Bruder Shatterhand die
Raupenspuren im Wüstensand?

Jonas: Kampfmaschinen, hier waren sie also auch,
vermutlich haben sie uns ab Babylon verfolgt, weit
weg hinter dem Horizont. Ein gewaltiger Aufwand,
Sammy, warum.

Sam: Unzureichende Daten euer Fragwürden.

Jonas: Typisch, wenn man dich wirklich mal
braucht.

Sam: Auf jeden Fall hat es was mit Herrn A.
Stiller selig zu tun. Mein gröJaz.

Jonas: GröJaz?

Sam: Ja, größter Jonas aller Zeiten, sollte ihn
aufspüren, um ihn so nichtsahnend ans Messer zu
liefern. Präzislicher vor die Kampfmaschine.

Jonas: Für den Erzdruiden. Deshalb hat er mir ein
E-Mobil mit Orter gegeben. Aber viel weiter sind
wir damit nicht, Sammy. Welche Rolle spielt Audrey
Delamotte. Und vor allem warum wurde Stiller
umgebracht.

Sam: Nicht nur er, höchsteigentlich du mein
Allerwertester, vielmehr auch jeder Mann und jede
Frau, die so mit ihm Umgang pflagen. Bis hin zu
Amos und Debora. Requiencant in pace.

Jonas: Amen. Was war mit Stiller. Weshalb war er
so gefährlich? Für wen? Was passiert im
AgroCenter. Und was ist mit den Ufos.

Sam: Herr Lehrer, Herr Lehrer, darf Sam auch mal
was fragen.

Jonas: Bitte. Schieß los.

Sam: Wie kommen wir zurück nach Babylon.

Jonas: Die Frage konnte Jonas beantworten. In
einer Höhle nicht weit weg hatten die Übrigbleiber
ein altes Benzinauto versteckt, vollgetankt,
fahrbereit, für die Zeit nach dem großen Knall,
das wußte ich von meinem ersten Besuch vor drei
Jahren. Ich wartete bis zum Abend, dann fuhr ich
los Richtung Babylon. Unterwegs hielt ich Ausschau
nach Kampfmaschinen und Helikoptern, aber alles
was ich am Himmel sah, waren Ufos. Am Stadtrand
ließ ich das Auto stehen, und suchte mir eine
Kneipe, in der Jonas garantiert unbekannt war, ich
mußte was trinken. Was essen, was mit Sammy
bereden.

Sam: Nach Hause, in dero Dussligkeit
Büroapartment, dich haben sie wohl mit dem Bups
gepiekt, was Knallkopp bzw. oder auch mit
Klammerbeutel gepudert, kommt ja gar nicht in die
Tür, da ist dicke Luft Mann, da warten sie auf
dir, du Hirnsklerotiker.

Jonas: Wer immer sie sind. Also untertauchen. Wo?
Audrey Delamotte. Was hältst du davon, Sammy?

Sam: Sammy enthält sich jedweder Meinung.

Jonas: Ganz was neues. Also gut, wir können es ja
mal probieren. Es ist jetzt.

Sam: 1 Uhr 11, mitten in der dunklen Nacht.

Jonas: Um die Zeit liegt ein braves Mädchen im
Bett.

Sam: Allein zuzweit.

Jonas: Mach ne Verbindung Sam. Delamottes Wohnung.

Sam: Bitte sehr der Herr. Piep.

Jonas: Na, was ist.

Sam: Der Anschluß ist außer Betrieb, die
Teilnehmerin ist verstorben. Überraschung.

Jonas: Kann man wohl sagen, eine rundum tödliche.
Was jetzt.

Sam: Adam Stiller.

Jonas: Ist auch tot. Auch blöder Vorschlag.

Sam: Laß mich doch ausreden, du Napsülze. Adam
Stiller hat was von einer früheren Partnerin Lisa
Polonius. Da könnte man einhaken.

Jonas: Was soll dabei rauskommen, Sam.

Sam: Infos Dummie. Über Stiller, über Manuskript
Nur ein Gott kann uns noch retten.

Jonas: Ich weiß nicht, Sammy, also von mir aus,
Lisa Polonius, gibt’s die überhaupt, los Sam, an
die Arbeit Besen, du hast es so gewollt.

Sam: Schon gut. Piep. Lisa Agneta Polonius,
wohnhaft Babypsilon Südstadt, große Ausfallstraße
Nr. 2271, Apartment IX S.

Jonas: Gar nicht weit, praktisch um die Ecke, das
traf sich gut, Jonas rief an, holte Lisa Polonius
aus dem Bett, stellte sich vor, sagte was von
Stiller, das genügte. Eine halbe Stunde später saß
ich in ihrem schäbigen Zimmer, 10 Quadratmeter,
ich erzählte ihr von meinen Abenteuern in der
Wildnis und von Stillers Tod. Sie war erschüttert.
Ein bißchen. Nicht lange. Schließlich hatte sie 15
Jahre nichts von ihrem Expartner gehört. Dann war
sie dran mit Erzählen.

Lisa: Ich war es, Herr Jonas. Ich habe die Lawine
losgetreten, weil ich Audrey Delamotte angerufen
habe.

Jonas: Wann war das?

Lisa: Vor... vor 4 Tagen, am 31. Oktober 2013.

Jonas: Weshalb haben Sie angerufen?

Lisa: Wegen Adam und wegen der Ufos, weil mir was
aufgefallen war, die ganze Sache mit den Ufos und
daß erst ein paar über den Himmel fliegen und dann
immer mehr und daß sie landen, daß sie Kontakt
aufnehmen, alles das, das steht ganz genau so drin
in Adams Manuskript.

Jonas: Nur ein Gott kann uns noch retten.

Lisa: Ja. Hat Audrey ihnen davon erzählt.

Jonas: Nein, kein Wort. Das war Stiller.

Lisa: Ah. Ich hab Audrey nämlich vorgeschlagen,
das Buch jetzt rauszubringen, 15 Jahre später.

Jonas: Wie hat sie reagiert.

Lisa: Sie hat gesagt, das geht nur, wenn Adam
zustimmt, deshalb wollte sie einen Detektiv
beauftragen, Adam zu suchen.

Jonas: Und das hat sie getan, noch am gleichen
Tag, nicht nur sie übrigens, kennen Sie den
Erzdruiden Fingal, Frau Polonius.

Lisa: Sagen Sie Lisa.

Jonas: Kennen Sie ihn, Lisa? Von der druidisch-
kosmologischen Kirche.

Lisa: Nein.

Jonas: Dieses Manuskript von Stiller, wer hat das.

Lisa: Audrey, sie hat es behalten damals, der
Verlag brach zusammen, Adam war verschwunden.

Jonas: Haben Sie eine Kopie.

Lisa: Es gibt keine Kopie, aber ich weiß was drin
steht, ich habe schließlich mitgearbeitet.

Jonas: Stillers letzter Roman spielte in der nahen
Zukunft, einer düsteren Zukunft voller Probleme:
Umwelt kaputt, zuviel Menschen, zuwenig
Ressourcen, die Weltregierung wußte nicht mehr
weiter, und da kam sie auf eine clevere Idee, sie
holte die Ufos aus der Mottenkiste, nach genau
ausgearbeitetem Plan, mit allen technischen und
psychologischen Tricks, Holoprojektionen,
Halluzinationsdrogen, neue Sekten, gefälschte
Holoreportagen in dramatischer Steigerung, Ufos
flogen, Ufos landeten, Ufos enthüllten ihr
Geheimnis, Ufos kamen aus dem Weltraum, sie
verbreiteten keine Angst, sie machten Hoffnung,
ein gigantisches Manöver, eine massive Ablenkung,
die Menschen sahen nicht mehr der Regierung auf
die Finger, sie sahen zum Himmel, erwartungsvoll,
optimistisch.

Lisa: Die Idee zu dem Buch hatte Adam schon früh,
um 1990, die Regierung von Peru ließ damals an
mehreren Stellen im Land die Madonna erscheinen,
die frommen Peruaner gingen auf Wallfahrt und
vergaßen ihre Armut, ihre korrupten Minister.
Interessant, nicht wahr, Jonas.

Jonas: Interessant, das hat Stiller auch gesagt,
als er hörte, Audrey Delamotte sei jetzt beim Amt
für Medien und Öffentlichkeitsarbeit.

Lisa: Ah, ist sie das.

Jonas: Sogar als Staatsrätin.

Radio-Sprecher: Wir unterbrechen unser laufendes
Programm für eine wichtige Sondermeldung.

Jonas: Stellen Sie lauter Lisa.

Radio-Sprecher: In der Nacht vom 1. zum 2.
November 2013 hat ein unbekanntes Flugobjekt
versucht, in der Wildnis etwa 150 km südlich von
Babylon...

Jonas: Das ist da, wo ich war, in der selben
Nacht.

Radio-Sprecher: Asoziale Bewohner eines
nahegelegenen illegalen Lagers reagierten
hysterisch und aggressiv.

Jonas: Das Asyl ist gemeint.

Radio-Sprecher: Es kam zu einer Panik, die mehrere
Opfer forderte, darauf brach das Objekt den
Landeversuch vorerst ab. Soweit die Meldungen.

Jonas: Alles falsch.

Radio-Sprecher: Bleiben Sie am Apparat, meine
Damen und Herren, noch in dieser Nacht sind
weitere sensationelle Entwicklungen zu erwarten.

Jonas: An der ganzen Meldung stimmt nur eins: Es
gab Opfer. Ufos waren nicht da. Nur Maschinen,
ausgesprochen irdische Kampfmaschinen, gesteuert
von Menschen.

Lisa: Vielleicht, vielleicht gibt es überhaupt
keine Ufos. Was wir da am Himmel sehen, das sind
vielleicht auch nur Fälschungen.

Jonas: Vielleicht ist die ganze Ufowelle nicht
wahr, alles gelogen, alles falsch.

Lisa: Wie es Adam in seinem Buch vorgedacht hat,
ich glaube...

Jonas: Machen Sie das Licht aus Lisa.

Jonas: Ich ging ans Fenster, unten auf der Straße
hielt ein großer Elektrotruck, Aufschrift AgroC,
natürlich, die Truppe, ein rundes Dutzend, sprang
von der Ladefläche, alle groß, alle
breitschultrig, alle bewaffnet mit Laserstrahlern
und Sturmautomaten, wie Landwirte sahen sie nicht
aus, ehe wie Cops in Zivil, sie rannten über die
Straße in den Hauseingang. Es wurde Zeit zu
verschwinden. Wie?

Lisa: Hinten raus durchs Bad, nein, kommen Sie
Jonas, aus dem Fenster, über die Feuerleiter aufs
Dach.

Jonas: Und dann?

Lisa: Rechts um, vier Häuser weiter ist ein
Altenheim, vorn an der Ecke, das Heim steht leer,
seit 3 Tagen, seit der Umsiedlung.

Jonas: Was für eine Umsiedlung?

Lisa: Ja wissen Sie denn das nicht. Alle Bewohner
von Alten- und Pflegheimen werden umgesiedelt.

Jonas: Wohin.

Lisa: Irgendwo außerhalb, wie hieß das, in ein den
spezifischen Lebensführung der Umsiedler
angepaßtes alten- und krankengerechtes Ambiente,
so ungefähr.

Jonas: Alle Heimbewohner, und so schnell,
merkwürdig.

Lisa: Im Heim können wir uns verstecken, ich kenne
mich aus, ich war oft da, Freunde besuchen.
Achtung, Schornstein.

Jonas: Fast 70 Jahre war sie alt, aber zäh und
beweglich wie eine junge. Oder sagen wir wie ein
Detektiv in den besten Jahren. Gemeinsam turnten
wir über Leitern und Dächer. Bis wir in Sicherheit
waren, fürs erste jedenfalls. Im Gemeinschaftsraum
des leeren Altenheims. Da verpusteten wir uns und
machten weiter, wo wir in Lisas Zimmer aufgehört
hatten. Allmählich reimten wir uns die ganze wüste
Geschichte zusammen. Zu dritt. Sammy war ja auch
noch da.

Sam: Ja was soll denn das, jeder sagt, was ihm
einfällt, alle reden durcheinander, so geht das
nicht. Wird Zeit, daß ein geistig überlegenes
Digitalwesen ein bißchen Fasson in die Sache
bringt. Also dann. Die Sitzung ist eröffnet. Den
Vorsitz führt Computer Samuel. Vorsitzender
Computer Samuel erteilt das Wort an Computer
Samuel. Danke Herr Vorsitzender. Bitte, bitte.

Jonas: Blas dich nicht so auf, Sammy.

Sam: Ruhe auf den billigen Plätzen. Computer
Samuel beginnt. Danke. Erstens. Es steht dringend
zu vermuten, daß es sich bei der aktuellen
Ufowelle um eine Vortäuschung falscher Tatsachen,
um eine Ablenkung geradezu gigantischen Ausmaßes
seitens höchster babylonischer Stellen hundelt was
äh handelt.

Lisa: Ablenkung wovon.

Sam: Später gute Frau, eins nach dem andern. Alles
zu seiner Zeit.

Lisa: Sagen Sie, ist er immer so Ihr Computer,
Jonas.

Jonas: Nein, meist ist er schlimmer.

Sam: Der Vorsitzende verbittet sich energisch
jedwede beleidigende Anmerkung im Saal. Fahren Sie
fort, Computer Samuel. Danke, Herr Vorsitzender.
Zweitens. Die offensichtlich verewigte Audrey
Delamotte, Staatsrätin im Amt für Medien und
Öffentlichkeitsarbeit, hat das in ihrem Besitz
befindliche Manuskramramon Korrektur
Romanmanuskript des gleichfalls verewigten Autors
Adam Stiller mit dem Titel "Nur ein Gott kann uns
noch retten", als Grund- oder auch Vorlage für
besagte Großtäuschung benutzt, dies glaubte sie
allem Anschein nach problemlos tun zu können,
hielt sie doch Stiller für verschollen, und

Lisa: Ja, aber dann hab ich Audrey angerufen.

Sam: Dieserhalb und desterwegen.

Jonas: Jetzt ist es gut, Sam. Faß dich kürzer oder
du kriegst Ärger.

Sam: Drittens. Delamotte: Auftrag an Jonas, such
Stiller, bring zurück Babylon, Ziel Stiller
umbringen. Kurz genug, Sir.

Jonas: Kurz genug. Weiter. Weiter.

Sam: Viertens Erzdruide derselbe Auftrag, Stiller
lokalisieren, Ziel Stiller durch Kampfmaschinen
umbringen lassen. Fazit: Erzdruide auch sehr
interessiert Ufoschwindel geheim zu halten. Frage
Chef: Erzdruide in Verbindung mit Delamotte?

Jonas: Ich stell die Frage Sam. Du bist Computer
Samuel, die geistig überlegene Digitalperson. Du
antwortest.

Sam: Unzureichende Daten, euer Ungnaden.

Jonas: Hätt ich mir denken können. Bist du jetzt
fertig?

Sam: Viertens. Jonas, Lisa Polonius wissen zu
viel, darum verfolgt, gehetzt, in Lebensgefahr.

Jonas: Da wären wir ohne dich nie draufgekommen.

Sam: Siehste.

Lisa: Ich muß nochmal fragen. Weshalb das ganze
große Manöver, wovon soll abgelenkt werden.

Sam: Davon.

Jonas: Ich wußte die Antwort, aber ich wollte sie
nicht wissen, ich wollte weg aus Babylon, aus
einer Welt, in der solche Dinge geschahen, die
leeren Straßen, die leeren Heime, die sogenannten
Umsiedlungen in ein sogenannten Agrocenter,
Straßenmenschen, Obdachlose, Alte, Behinderte,
Kranke, es gab zu viel davon, zuviel für eine
Regierung, die nicht mehr wußte, wie sie die
Volksrente aufbringen sollte, die deshalb die
demografische Statistik korrigierte, und um die
Aktion eine Nebelwand legte, die Ufos. Nur so
konnte es sein. Aber ich mußte mich vergewissern.
Megan Alcatraz, Chiefcontroller im
Justizministerium, sie war mir was schuldig, Fall
Strafkolonie vor einem viertel Jahr. Das Fon im
Heim war noch in Betrieb, ich rief sie an.

Megan: Es gibt Gerüchte über eine streng geheime
Staatsaktion, Codename Lebensabend, offiziell weiß
ich nichts, unser Ministerium ist nicht beteiligt.

Jonas: Wer ist beteiligt, weißt du das, Megan.

Megan: Finanzen, Inneres, Gesundheit, Kultus, das
Amt für Medien und Öffentlichkeitsarbeit.

Jonas: Staatsrätin Delamotte.

Megan: Ja, so heißt sie glaub ich. Ja, und dann
noch das und das Agrarministerium. Seltsamerweise.

Jonas: Wenn man im Mist wühlt, stinkt es. Wer Wind
sät, wird Sturm ernten.

Megan: Hast du etwas mit Lebensabend zu tun,
Jonas.

Jonas: Andersrum, Megan, Lebensabend hat mit mir
zu tun.

Megan: Halt dich da raus, Jonas, Lebensabend ist
gefährlich.

Jonas: Lebensgefährlich. Nicht nur für Jonas.

Megan: Hast du ein Hologerät in Reichweite?

Jonas: Ja, hier steht eins, warum?

Megan: Schalt ein, und mach's gut, Jonas.

Holo-Reporter: Steht unmittelbar bevor, ein
einmaliges meine Damen und Herren, ein
historisches Ereignis, die größte Sensation seit
es Menschen gibt, die erste offizielle
angekündigte Landung eines außerirdischen
Raumschiffs auf dieser unserer Erde.

Lisa: Die Begegnung der vierten Art, wie in Adams
Buch.

Holo-Reporter: Meine Damen und Herren, diesmal
wird es keine Explosion geben, die Regierung hat
das Landegebiet räumen und absperren lassen, das
große Ufo, das seit einigen Minuten über uns
schwebt, in einer Höhe von ich würde mal schätzen,
500 Metern, äh, das beginnt jetzt zu sinken,
langsam, ganz langsam nimmt es immer mehr Fahrt
weg, es beginnt zu sinken, und jetzt ein
Lichtkegel von fast unerträglicher Helligkeit,
erfaßt die Vertreter der Medien, erfaßt die
Abordnung der Regierung, die darauf wartet unsere
außerirdischen Besucher willkommen zu heißen.

Jonas: Gut gemacht die Special effects.

Holo-Reporter: Meine Damen und Herren, warten Sie
mit uns gespannt auf die Landung, das Ufo senkt
sich weiter, tiefer, immer tiefer, gleich, meine
Damen und Herren, wird es den irdischen Boden
berühren, mein Gott, es kommt, es kommt immer
tiefer, jetzt...
Cop: Hände hoch. Hinlegen. Mach die Kiste aus.

Jonas: Die Agronomen in Zivil von vorhin, jetzt
hatten sie uns. Flucht war nicht drin, Widerstand
auch nicht. Sie nahmen mir den Laser weg. Sam
fanden sie nicht, der lag im Schatten und war ganz
still.

Cop: Jonas, nur Jonas?

Jonas: Der bin ich.

Cop: Rechts rüber, noch ein Stück, gut so.

Jonas: Lisa. Sie, Sie haben sie erschossen.
Einfach so.

Cop: Na sowas. Das ist unser Job, was regen Sie
sich auf, seien Sie froh, daß Sie nicht auch da
liegen neben dem alten Gemüse, aber wir haben
strengen Auftrag, Ihnen nicht zu tun, jemand legt
Wert darauf, daß Sie am Leben bleiben.

Jonas: Wer?

Cop: Hohes Tier im Justizministerium, Alcatraz.

Jonas: Megan hat uns verraten.

Cop: Sie hat ihren Anruf zurückverfolgt und den
großen Chef informiert, Bedingung: Sie werden
nicht getötet, war doch nett von ihr.

Jonas: Kann ich jetzt gehen?

Cop: Klar, können Sie, mit uns, zum Chef. Hopp
Hopp. Sie haben uns schon genug Zeit gekostet.

Jonas: Eine längere Fahrt von der Südstadt ins
Zentrum zum Markgrafenboulevard, zum hohen Tempel
der druidisch-kosmologischen Kirche, zum großen
Chef.

Erzdruide: Jawohl, Herr Jonas, der Chef bin ich,
Babelenus usw. Erzdruide und Vorsitzender des
Führungsgremiums der Aktion Lebensabend sowie der
Unteraktion Ufo.

Jonas: Deshalb wußten Sie Bescheid über Stiller
und sein Manuskript. Audrey Delamotte hat Sie
informiert.

Erzdruide: Das hat sie nicht, Herr Jonas. Die gute
Audrey hat uns den Plan für das Ablenkungsmanöver
Ufo als ihr eigenes Produkt verkauft, von Stillers
Manuskript haben wir erst durch den Anruf von Lisa
Polonius erfahren.

Jonas: Sie haben Delamotte überwacht.

Erzdruide: Wir überwachen alle Eingeweihten
unterhalb der Führungsebene, Fon, Computer,
Kontakte. Als wir dann hören mußten, der Autor des
Manuskripts lebe womöglich noch, da, Herr Jonas,
beschlossen wir, Frau Delamotte zuvorzukommen und
direkt einzugreifen, mit allen Mitteln, die uns
zur Verfügung stehen. Es ging um Glaubwürdigkeit
und Akzeptanz zweier hochsensibler Operationen.
Wir durften nichts riskieren. Stiller und sein
Manuskript mußten verschwinden.

Jonas: Also haben auch Sie mich beauftragt, mir
das E-Mobil mit Orter angedreht, und als ich
Stiller gefunden hatte, haben Sie die
Kampfmaschinen losgelassen, auf das Asyl mit
zigtausend Bewohnern. Finden Sie das nicht ein
bißchen übertrieben.

Erzdruide: Sicher ist sicher Herr Jonas. Außerdem,
was waren denn das für Menschen, Asoziale,
Flüchtlinge, kaputte Typen, unnütze Fresser, das
ist doch der Sinn der Aktion Lebensabend, so was
wollen wir loswerden.

Jonas: Wie Jonas.

Erzdruide: Sie werden nicht ausgeschaltet, Herr
Jonas, das habe ich Frau Alcatraz von
Justizministerium versprochen, aber einfach laufen
lassen kann ich Sie natürlich auch nicht.

Jonas: Natürlich nicht. Wo ich jetzt soviel weiß.

Erzdruide: Sie haben so viel durchgemacht, Herr
Jonas, Sie sind verwirrt, Sie sind überlastet mit
Informationen, die Sie nicht verstehen, die Sie
nicht einordnen können, die viel zu schwer für Sie
sind, ihre Sinne sind überfordert, ihr Geist ist
überanstrengt, Sie brauchen Ruhe, Entspannung,
eine Kur für Körper, Geist, Gemüt, und zum Glück
Herr Jonas, haben wir genau das richtige für Sie.
Sie werden jetzt ein Medikament einnehmen, Herr
Jonas, das Sie vollkommen ruhig stellt, und dann
das Bad des Vergessens.

Jonas: Ich war in einem Tank unter dem Tempel, ich
schwamm auf Salzwasser, ich war nackt, ich konnte
kein Glied rühren, ich sah nichts, unvorstellbar
schwarze Nacht, kein noch so schmaler Lichtstrahl
fiel in den Tank, ich hörte nichts, unvorstellbare
Leere, kein noch so leises Geräusch drang in den
Tank, ich war bei Bewußtsein. Mein Bewußtsein
wehrte sich, kämpfte, tobte, schrie, bis es müde
wurde und sich zurückzog in mich hinein. Tief in
mich hinein.

Maid: Du bist Jonas.

Erzdruide: Du hast geschlafen.

Maid: Und schlecht geträumt.

Erzdruide: Vom Ufos.

Maid: Jetzt bist du wach.

Erzdruide: Du bist ganz ruhig.

Maid: Du hast alles vergessen.

Erzdruide: Es geht dir gut.

Maid: Alles ist gut.

Erzdruide: Es gibt keine Probleme.

Jonas: Ich bin ganz ruhig. Alles ist gut. Es gibt
keine Probleme.

Jonas: Inzwischen im Gemeinschaftsraum des leeren
Altersheim klagt ein alleingelassener Computer um
seinen Herrn.

Sam: Mein Mensch, mein Meister, mein einziger
Jonas, wo ist er, was tut er, wie geht's ihm, auch
wird sein armer kleiner Sammy ihn jemals wieder
sehen. Auf Wiedersehen. Auf Wiedersehen. Bleib
nicht so lange weg, den Jonas werd ich
wiedersehen. Für ihn ist dann sein Pech.

Das war Ufo. Eine Folge aus der Science-Fiction-
Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser.
Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus, seinen
Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem
wirkten mit: Kornelia Boje, Ute Mora, Alois Maria
Giani, Horst Sachtleben und viele andere (Kerstin
de Ahna, Matthias Knappe, Rolf Aicher, Annette
Wunsch, Felix Eitner, Detlef Kügow, Sascha Icks,
Hans Stetter, Pascale Schulze, Marc Schulze, Urs
Schaudinn, Andreas Wohlrab, Eva Windisch). Ton und
Technik: Günter Hess, Christine Koller und Monika
Graul. Regieassistenz: Holger Buck. Regie: Werner
Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks
(1994). Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Weihnachtsmärchen

Coco: Sti-hille Nacht. Hei-lige Nacht. Coco hat in
die Hose gemacht.

Sam: Altes Ferkel.

Coco: Coco lacht, daß es kracht. Hahahahaha! Spaß
muß sein, Kinder. Aber jetzt sind wir mal ein
bißchen ernst ausnahmsweise.

Sam: Ich nicht.

Coco: Kinderweihnachten steht vor der Tür. Das
Fest der Liebe. Was ist Liebe? Liebe ist nicht nur
das, was die Großen nachts im Bett machen, wenn
sie glauben, ihr schlaft schon.

Sam: I pfui Teufel.

Coco: Liebe ist Fühlen. Mitfühlen. Mit den vielen
armen Kindern, die keine Geschenke kriegen, mit
den Kindern in der Drittwelt, die krank sind, die
Hunger haben. Liebe ist Geben.

Sam: Ne ne! Nehmen.

Coco: Gebt, Kinder, soviel Euros, wie ihr könnt.
Schickt sie an mich, an euren Freund Coco, den
Clown mit dem goldenen Herzen, Network Holo-TV
Babylon.

Sam: Bab-ypsilon.

Coco: Sti-hille Nacht, heilige Nacht, geben so
viel Freude macht. Gebt von eurem Taschengeld für
das Elend in der Welt.

Jonas: Zum Kotzen. Warum sehe ich mir das an,
warum schalte ich nicht gleich ab.

Sam: Unzureichende Daten, euer Fragwürden. Apropos
Weihnachten.

Jonas: Sam wollte ein Geschenk. Einen neuen Namen.
Sam gefiel ihm nicht mehr. Zu kurz. Sammy war ihm
zu albern. Und Samuel zu umständlich. Die Frage
war, wie wollte er ihn Zukunft heißen?

Sam: Behufs dieses Punktes steht eine endgültige
Entscheidung noch dahin bzw. aus. In wohlwollender
Erwägung befinden sich Prof. Einstein und
Superhirn unter anderem.

Jonas: Weltseele. Lieber Gott.

Sam: Ach, seien Sie nicht albern, junger Mann,
heiliger Geist, das hat was.

Val: Hallo, jemand zu Hause?

Jonas: Valerie!

Sam: Sieh mal einer kuck, der Wal, in voller
Lebensgröße.

Jonas: Valerie. Kurz Val, Sammy sagte: Der Wal.
Weil sie so groß und umfangreich war. Das sollte
ein Witz sein. Jonas und der Wal. Sehr komisch.
Valerie war eine Ex-Freundin, ausgesprochen ex,
wir waren nur kurz zusammen, und seit Jahren
auseinander, von mir aus hätte es so bleiben
können. Was wollte Val von Jonas?

Jonas: Was willst du Val von Jonas.

Val: Dir frohe Weihnachten wünschen, dir erzählen,
wir’s mir geht, ich hab mich selbständig gemacht,
hier, sieh mal, meine Karte.

Jonas: Valerie, nur Valerie, die letzte
Detektivin.

Val: Merkst du was, Jonas, ich hab von dir
gelernt.

Sam: hehe, das geht doch gar nicht.

Jonas: Das konnte man wohl sagen. Ich bin Jonas,
nur Jonas, der letzte Detektiv. In der großen
Stadt Babylon und drum herum. Val hatte mich
schamlos kopiert. Ich schlug ihr ne Änderung vor,
die allerletzte Detektivin.

Val: Charmant wie eh und je, Jonas, wie sieht's
bei dir aus, alles OK?

Jonas: O danke.

Val: Ich hab so was gehört. Daß es dir vor ein
paar Wochen gar nicht gut ging.

Jonas: Sie meinte den Ufofall, Anfang November
2013, damals hatte Jonas drei Dinge verloren, Sam
seinen sprechenden Computer, sein Gedächtnis und
den Glauben an die Menschheit. Computer und
Gedächtnis hatte ich wieder, den Glauben an die
Menschheit suchte ich immer noch.

Val: Armer Jonas. Da wirst du noch lange suchen
müssen.

Jonas: Du bist doch nicht gekommen, weil du dir
Sorgen um mich machst, Val. Was willst du?

Val: Ich bring dir 'nen Fall, Jonas.

Jonas: Du mir glaub ich nicht.

Val: Einen richtigen Jonasfall, schwierig aber
interessant.

Jonas: Wo ist der Haken?

Val: Naja, die Leute haben kein Geld.

Jonas: War nett dich mal wieder zu sehen, Val,
mach's gut.

Val: Ach, nun hör dir die Sache doch wenigstens
mal an.

Jonas: Von mir aus.

Val: Also, da ist ein altes Hetero-Paar, Ramona
und Kevin Klein, arm aber ehrlich, Nachbarn von
mir, sie wohnen im selben Hochhaus, Straße 130 in
der Südstadt.

Jonas: Vor gut 50 Jahren haben sie die Südstadt
hochgezogen, flott und billig, inzwischen sind die
grauen Hochhäuser kräftig am krümeln, soweit sie
überhaupt noch stehen. Aber die Südstadt ist kein
Slum, sagt die Bürgermeisterin. Die Südstadt ist
ein urbaner Sektor mit spezifischen strukturellen
Problemen. Oder so. In der Südstadt wohnt, wer
sich wo anders keine Wohnung leisten kann.

Val: Gestern ist den Kleins das Kind gestohlen
worden, das sie sich gerade erst gekauft hatten,
aus dem Bett, von Weihnachtsmännern mit
Laserstrahlern.

Jonas: Lösegeld.

Val: Ne, nichts. Keine Kontaktaufnahme. Kein Wort
von den Kidnappern. Die Kleins sind zu mir
gekommen, aber unter uns, Jonas, für mich ist der
Fall eine Nummer zu groß. Naja, ob du nicht ganz
unverbindlich aus fachlichem Interesse.

Jonas: Manchmal übernimmt Jonas einen Fall für
noth, aus Sport sozusagen, weil er ihn
interessiert, weil er sich langweilt. Außerdem
hatte ich meinen sozialen Tag. Weihnachten stand
vor der Tür, das Fest der Liebe usw. Ich fuhr mit
Val in die Südstadt, Straße 130, Haus N, 13.
Stock, Ramona und Kevin Klein, ältlich, ärmlich
und völlig aufgelöst. Es dauerte ein bißchen bis
sie sich bekrabbelt hatten und mir erzählen, was
passiert war, der Reihe nach, von Anfang an.

Ramona: Wir hatten mal einen Sohn, Herr Jonas, vor
langer Zeit als wir jung waren.

Kevin Klein: Einen selbstgemachten.

Ramona: Er ging zur UNO als Soldat, und dann ist
er gefallen, unser Kevin junior.

Kevin Klein: In Mazedonien, Sommer 1998.

Ramona: Wir haben uns so sehr einen neuen Sohn
gewünscht, Herr Jonas.

Kevin Klein: Kevin junior Nummer zwei.

Ramona: Aber ein Retortenkind oder eine Leihmutter
können wir uns nicht leisten, und für eine legale
Adoption sind wir zu alt.

Jonas: Also entschlossen sich die Kleins, ihr
Wunschkind illegal zu adoptieren, das heißt zu
kaufen, das ist offiziell nicht gestattet, wird
aber toleriert, es gibt jede Menge Kinderhändler,
sie beziehen ihre Ware aus der Drittwelt und
verkaufen sie in Babylon. Mehr oder weniger offen.

Ramona: Wir haben alles zusammengekratzt was wir
hatten.

Kevin Klein: Verschuldet haben wir uns auch.

Ramona: Mit dem Geld sind wir zu Olga Omarenko
gegangen, die ihren Laden am unteren Ende vom
Markgrafenboulevard hat, Omas Kinderstube.

Kevin Klein: Offiziell vermittelt Frau Omarenko
Kinder für Werbung und Medien, aber in erster
Linie verkauft sie Adoptivkinder.

Ramona: Wir sind also zu ihr gegangen.

Kevin Klein: Das war vor drei Wochen, Ende
November.

Ramona: Und wir haben ihr genau gesagt was wir
wollten, einen Jungen etwa zwei Jahre alt, gesund.

Omarenko: Gesund, Omas Kinder sind alle gesund,
Mütterchen, kerngesund.

Ramona: Und dunkle Haare.

Omarenko: Dunkle Haare, Karacho, keine Sorge
Mütterchen Väterchen, Oma wird besorgen.

Kevin Klein: Und äh wieviel wird es kosten.

Omarenko: Nicht teuer, Väterchen, spottbillig,
8000.

Kevin Klein: 8000 Euros?

Omarenko: 5000 jetzt sofort, bar als Anzahlung
3000 später wenn Oma liefert. Recht so, Väterchen,
Mütterchen?

Ramona: Gib mir das Geld Kevin. Und wann? Wann
Frau Omarenko kriegen wir unseren kleinen Kevin
junior?

Omarenko: Schwer zu sagen Mütterchen. Geduld, ja?

Ramona: Wir hätten ihn so gern zu Weihnachten.

Omarenko: Alle wollen Kinder zu Weihnachten
Mütterchen, nu Oma wird versuchen, Karacho?

Kevin Klein: Wir kommen vorbei und fragen nach.

Omarenko: Tut das Väterchen, tut das.

Kevin Klein: Ich weiß nicht, wie oft wir in Omas
Kinderstube waren.

Ramona: 5 Mal, Kevin. 6 mal mit gestern.

Kevin Klein: Jedes Mal wurde uns gesagt, noch
nicht da, tut uns leid, demnächst, fragen Sie
wieder nach.

Ramona: Aber gestern, da war es endlich soweit.

Angestellter: Bedaure, Frau Omarenko ist nicht im
Hause, kann ich was für Sie tun?

Kevin Klein: Mein Name ist Klein, wir hatten vor
drei Wochen

Ramona: Kevin, hier ist er. In der dritten Krippe.
Unser Kevin Junior. Genau wie wir ihn haben
wollten. Ja nicht wahr, du bist mein kleiner
Kevin, so ein süßes Kind.

Angestellter: Sie meinen das ist das Kind, das Sie
bestellt haben.

Kevin Klein: Ganz bestimmt.

Angestellter: Sehen wir mal nach. Aha. Klein,
Ramona und Kevin, Restpreis 3000 Euros.

Kevin Klein: Hier. 3000.

Angestellter: Na, dann ist ja alles in bester
Ordnung. Sollen wir das Kind schicken oder nehmen
Sie gleich mit.

Ramona: Ein netter junger Mann.

Kevin Klein: Kevin junior haben wir natürlich
mitgenommen.

Ramona: Schon seit Wochen war alles fertig.
Bettchen, Kleidung, Spielzeug, Sie sehen ja hier
in der Ecke. Gestrahlt hat er unser Kleiner.

Kevin Klein: Eine Stunde später klingelte es, ich
machte auf, es war Frau Omarenko, sie sagte kein
Wort, schob mich zur Seite, kam rein, sah sich um.

Ramona: Und wollte mir Kevin junior vom Arm
reißen.

Ramona: Was fällt ihnen ein?

Omarenko: Ruhig Blut, Mütterchen, Kind ist nicht
ihr Kind, Mein wie sagen Sie Ladenhüter hat
gemacht Irrtum, Kind ist für einen anderen Kunden,
geben Sie zurück, Mütterchen, Väterchen.

Ramona: Nein, unseren Kevin junior geben wir nicht
mehr her.

Kevin Klein: Wir haben ihn voll bezahlt, hier ist
die Quittung.

Omarenko: Hören Sie Mütterchen, Sie sind Frau, Sie
werden verstehen, leibliche Mutter in Drittwelt
ist ganz krank vor Sehnsucht, wird sterben wenn
nicht bekommt zurück ihr Kind. Seien Sie Engel
Mütterchen, geben Sie her.

Ramona Klein: Das glaub ich Ihnen nicht. Kevin
junior bleibt hier.

Omarenko: Väterchen Oma sagt Ihnen was, Oma gibt
Ihnen zurück ihr Geld, 8000 Euros und dazu 2000,
njet, 4000? 6000? Viel Geld Väterchen.

Kevin Klein: Na ich weiß nicht.

Ramona Klein: Nicht für 1 Million Euros. Gehen
Sie. Raus. Raus.

Ramona: Frau Omarenko ging. Und wir spielten mit
Kevin bis es Zeit war ihn ins Bettchen zu bringen
nach dem Abendessen. Er war gerade eingeschlafen,
da.

Kevin Klein: Da kamen die Weihnachtsmänner, ganz
normale Weihnachtsmänner mit Bärten in roten
Mänteln und roten Zipfelmützen, die haben nicht
geklingelt, die haben gleich die Tür eingetreten.

Weihnachtsmann: Fröhliche Weihachten.

Ramona Klein: Pst. Sie wecken das Kind auf.

Weihnachtsmann: Hände hoch an die Wand.

Kevin Klein: Was soll das bedeuten?

Weihnachtsmann: Kein Wort, keine Bewegung. Nimm
das Kind, Nick.

Ramona: Nein, lassen Sie ihn los, geben Sie Kevin
her.

Kevin Klein: Einer hat Ramona niedergeschlagen.
Mit dem Griff seines Laserstrahles. Zeig Herrn
Jonas die Beule, Ramona.

Ramona Klein: Hier, unter den Haaren.

Jonas: Wie viele waren es.

Kevin Klein: Drei. Zwei hielten uns mit Laser in
Schach, einer nahm Kevin junior aus dem Bett, es
dauerte nur ein paar Sekunden.

Jonas: Sind Sie den Männern nachgegangen Herr
Klein.

Kevin: Nein, sie hatten doch Laserstrahler, aber
ich hab aus dem Fenster gekuckt.

Jonas: Was haben Sie gesehen.

Kevin Klein: Ein graues E-Mobil, die drei sind
eingestiegen. Mit unsrem Kind.

Jonas: Nummer?

Kevin Klein: Konnt ich nicht erkennen, das E-Mobil
Ist losgefahren, Richtung Westen.

Val: Zum Markgrafenboulevard. Omas Kinderstube.

Jonas: Möglich. Wir werden uns da mal umsehen,
Val.

Ramona: Bringen Sie mir meinen Kevin Junior
zurück, Herr Jonas, bitte.

Jonas: Omas Kinderstube lag am ruhigen Ende des
Markgrafenboulevard, keine Hektik, wenig
Geschäfte, Büros und Wohnungen, zehnmal so teuer
wie in der Südstadt. Auf der Straße war nicht viel
los, wenig Passanten, ein einsamer Weihnachtsmann
hockte geduldig am Rinnstein, ab und zu bimmelte
er mit seiner Glocke, lustlos, pflichtbewußt. Omas
Laden war dunkel und bis auf weiteres geschlossen,
das stand auf dem Schild an der Tür.

Val: Geschlossen. Was tun wir Jonas.

Jonas: Wir glauben nichts unbesehen. Wir sind
skeptisch. Wir checken.

Sam: Jawohl, wir recken, wir drecken die dreckige
Klinke.

Val: Die Tür ist auf.

Jonas: Nach Ihnen, meine Dame.

Val: Du meinst wir gehen rein, Jonas, einfach so?

Sam: Ja.

Jonas: Einfach so. Ganz ordentlich eingerichtet
der Laden, schwarzer Tisch, schwarze Sessel, fast
Echtholz, fast Leder, fast Mailänder Design, an
der hinteren Wand ein Arbeitsplatz mit Computer, 6
leere Kinderkrippen und eine Tür.

Val: Ich hör was, Jonas.

Jonas: Hinter der Tür.

Val: Kinder. Kleine Kinder.

Sam: Hach, was haben Gnädigste denn in einem
Kinderladen erwartet? Elefantanten

Jonas: Sehen wir mal nach, Val. Und du Sammy
beschäftigst dich mit deinem Kollegen auf der
Konsole, kriech mal rein, kuck in den Speicher.
Das übliche.

Sam: Hach, wenn euer Großkotzigkeit doch nur ein
einziges Mal einen Gedanken daran verschwenden
würden, wie frustrierend, ja demütigend es für
einen Computer von Bildung und Distinktion ist,
einem minderbemittelten nicht einmal der Sprache
mächtigen Rechner ins Gedärm zu schlüpfen. Ach,
doch wenn es denn sein muß.

Jonas: Hinter der Tür ein kurzer Gang, drei Türen.
Rechts, links, voraus. Das Kindergeschrei kam von
rechts. Val machte die Tür auf. Eine Menge
Kinderbetten. Drei davon belegt. Drei Kleinkinder
im eigenen Saft und offensichtlich hungrig. Val
ging auf die Suche. Hinter der linken Tür fand sie
eine kleine Küche, Schrank, Flaschenregal, Kühlbox
voller Milchcontainer und ein Herd, davor ein
toter Mann, den Kopf in der Bratröhre, er roch
nicht gut.

Val: Ih, wer ist das?

Jonas: Omas Ladenhüter vermutlich, der nette junge
Mann, der den Kleins das Kind überlassen hat.
Jemand hat seinen Kopf in die Röhre gesteckt und
den Strom angedreht. Glitschig.

Val: Da ist einer im Laden, Jonas.

Jonas: Der Weihnachtsmann.

Val: Der mit der Bimmel, woher weißt du?

Jonas: Der Weihnachtsmann auf einsamer Straße, der
nicht schnorrt und nicht wirbt, kann nicht astrein
sein. Geh raus in den Laden, Val.

Val: Wieso ich?

Jonas: Weil Jonas was anders vorhatte. Er ging in
den Gang, stellte sich neben die Tür zum Laden,
und wartete. Nicht lange. Dann kam Val durch die
Tür, rückwärts, beide Hände oben. Gefolgt von
einer Pranke mit Laserstrahler, ein roter Ärmel.
Das reichte. Jonas holte aus und schlug zu. Mit
der schweren Eisenpfanne aus dem Küchenschrank.
Die Pranke ließ den Laser fallen, der dazugehörige
Weihnachtsmann stolperte durch die Tür, ein Profi,
er hatte noch eine zweite Hand und einen zweiten
Laserstrahler, den zog er aus dem Gürtel. Was
sollte Jonas tun. Er hatte auch einen Laser. Er
drückte auf den Abzug. Der Weihnachtsmann fiel um.

Val: Der Mann ist tot Jonas.

Jonas: Dann hat er sicher nichts dagegen, daß wir
ihn mal kurz durchsuchen, noch ein Laser,
Neurofreezer, Messer und eine Geschäftskarte, aha.

Val: Nick Bazooka, Firma Ex und Hopp.

Jonas: Tatsächlich. Ein Profi. Ex und Hopp war
bekannt als effizientes Killerunternehmen, fast so
gut wie die Todesschwadron, und in manchen Kreisen
beliebter. Die Todesschwadron ist konservativ, ein
bißchen langweilig, ihre Leute tragen nur
formelles Busineßoutfit, Ex und Hopper sind
peppiger, bunter, modischer und passen sich der
Saison an.

Val: Unser Fall ist auf dem falschen Gleis, Jonas,
wir haben zwei Leichen auf dem Hals, drei
vollgekackte halbverhungerte Babys und weiter sind
wir immer noch nicht.

Jonas: Abwarten Val. Sam?

Sam: Roter Baron Sam meldet sich zurück vom
Feindflug Herr Luftmarschall, äh
Heißluftmarschall.

Jonas: Wie sieht's aus in Omas Computer, Sammy.

Sam: Melde gehorsamst kahl.

Jonas: Unterlagen gelöscht.

Sam: Sozusagen Sahib gewissermaßen Genosse.

Jonas: Quatschkopf.

Sam: Majestät nehmen mir das Wort aus dem Munde.

Jonas: Den du nicht hast. Was heißt Quasi.

Sam: Siehe die dahingingen und löscheten waren in
großer Eile und agiereten dilettantisch, ja und da
Sammy stolzer Besitzer eines recht
leistungsfähigen Retrievalprogramms ist, wie mein
Meister nur zu gut weiß, hat er es doch seinem
geliebten Computer gespendet.

Jonas: Konntest du was retten.

Sam: Der Daten Hülle und Fülle, Herr
Programmdirektor.

Jonas: Zum Beispiel?

Sam: Zum Bleistift wo sich Stammsitz und
Nachschubdepot der Firma Omarenko, Kinder en gro
und en detail befinden: General Bastiani.

Jonas: Bastiani.

Sam: Was du mein wonniger Jonas.

Jonas: Was ist was Sam?

Sam: General Bastiani ist der Name einer Festung
unserer tapferer Grenztruppen, die bekanntlich ohn
Unterhos Korrektur ohn Unterlaß das Abendland vor
dem Untergang bewahren, sprich vor dem Ansturm
hungriger Drittweltler.

Jonas: Interessant.

Sam: Es dürfte Herrn Chefinspektor ebenfalls
interessieren, daß die Geschäfte der Firma
Omarenko weiter ausgreifen als es den Anschein
hat, vor allem im Schmuddelbereich.

Jonas: Schmuddel. Das treffende Wort. Oma Omarenko
verkaufte nicht nur Adoptivkinder, Oma belieferte
auch die Kinderpornoindustrie und den
Pädophilenfreundeskreis, mit Mengenrabatt,
Außerdem besorgte und verscherbelte sie kindliche
Organspender. Aber was hatte das alles mit unserem
Fall zu tun.

Sam: Beiläufig dieses, o Vater aller dummer
Fragen, Klein Kevin junior, Omarenko-Laufnummer
D1270-4 ist gar nicht Klein Kevin Junior, er ist
vielmehr der Knochenmarkspender, den ein
Auftraggeber für 125.000 Euros bestellt und mit
50.000 Euros angezahlt hat. Das ist Megamäuse Boß.

Jonas: Du sagt es Sammy. Wer ist der Auftraggeber?

Sam: Ein mit Chiffre C. gekennzeichnetes anonymes
Individuum mein Gutester.

Jonas: So. Wieso ist der teure Knochenmarkspender
als preiswertes Adoptivkind bei Kleins gelandet.
Ein Versehen?

Sam: Mal sehen, äh mag sein, Meister, doch könnte
nicht auch der Geist der nahen Weihnacht Omarenkos
Ladenschwengel zu einem bewußten Akt des Mitleids
veranlaßt haben, um das Kind vor einer kurzen aber
schmerzhaften Existenz als Transplantationsopfer
zu bewahren.

Jonas: Wie auch immer Sam, die Omarenko hat
versucht, den Kleins das Kind abzuschwatzen, als
das nicht klappte, hat sie sich bei Ex und Hopp
ein paar Vollstrecker gemietet, und die haben den
Kleins das Kind weggenommen.

Val: Warum Jonas? Ich meine wozu der Aufwand.
Warum hat Oma ihrem Auftraggeber nicht irgendein
anderes Kind besorgt.

Sam: Null Ahnung von Medizin, was Gnädigste.
Irgendein Kind tut es mit Nichten und Neffen. Von
wegen Histokompatibilität... Antigeneabstoßung.
Comprende.

Val: Kein Wort Sam.

Sam: Aha, qui sporidi ruski.

Val: Tanjaschnor.

Jonas: Von allen Kindern, die Oma zur Verfügung
hatte, kam als kompatibler Knochenmarkspender in
diesem Fall nur dieses eine in Frage. Richtig so.

Sam: Grünau.

Val: Und wo ist das Kind jetzt.

Jonas: Beim Auftraggeber vermutlich.

Val: OK alles klar.

Jonas: Bis auf ein paar Kleinigkeiten. Wer ist der
Auftraggeber, wer hat den Angestellten umgebracht
und warum. Weshalb ist Ex und Hopp immer noch
aktiv.

Val: Und wo steckt Oma Omarenko.

Jonas: Sie hat ihre Daten gelöscht und ist
untergetaucht und ich glaube ich weiß wo.

Val: Wollen wir ihr nach, Jonas.

Jonas: Unbedingt, weil wir nur über sie
weiterkommen, aber das macht Jonas besser allein.
Du wirst hier gebracht, Val, die kleinen Scheißer
müssen versorgt werden, bring sie zur nächsten
Sozialstation und dann gehst du zu Kleins und
wartest auf mich.

Jonas: Jonas flog von Babylon nach Murnau, nicht
weit von der Grenze. Und da mietete er ein E-
Mobil. Alles aus eigener Tasche, aus der eisernen
Reserve, so ist Jonas nun mal, was er anfängt,
zieht er durch.

Sam: Unbeirrbar, unerschütterbar unerbitterlich,
in einem Wort, in einer Silbe stur, stur wie ein
Panzer.

Jonas: Wie Sam Spade, wie Phil Marlowe.

Sam: Ein Mann geht den Weg, den ein Mann gehen
muß. Bis ans Ende. Allien äh Korrektur allein.

Jonas: Chandler.

Sam: Ne, Sam, nicht schlecht was, hätte gut von
Chandler sein können. Achtung, Fort General
Bastiani voraus.

Jonas: Kilometerweit rechteckige Klötze, Kasernen
im beliebten 08/15-Stil, daneben vorfabrizierte
Plastikschuppen, weit hinten am Horizont ein
dunkler Streifen, die Grenze. Sperranlagen,
Stacheldraht und die gewaltige Mauer. Ich fragte
mich durch zum Dienstzimmer des Medienoffiziers.
Jonas war Medienarbeiter, Researcher, für
Supermedia Holo TV. Papiere und Identscheibe hatte
Sam fabriziert, eine seiner leichteren Übungen.

Medienoffizier: In Ordnung, Herr Jonathan.

Jonas: Jonas.

Medienoffizier: Sie kommen allein klar. Leider
kann ich mich kaum um Sie kümmern, unsere große
Weihnachtsfeier, wissen Sie, alle im Fort haben
mit den Vorbereitungen zu tun, bis auf die
Grenzstreife natürlich.

Jonas: Ich werde mich schon zurechtfinden.

Medienoffizier: Bestens. Sie dürfen sich im Fort
frei bewegen, sich umsehen, ihre Recherchen
durchführen. Apropos, warum geht's da eigentlich.
Was hat Supermedia vor?

Jonas: Unter uns. Wir planen eine große Holodoku
über den verantwortungsvollen Dienst der
Grenztruppen. Europas Bollwerk auf Wacht, während
die anderen schlafen, so etwa.

Medienoffizier: Klingt gut, na dann viel Erfolg,
Herr Jonathan. Falls Sie länger bleiben wollen,
unser Gästetrakt steht zu Ihrer Verfügung.

Jonas: In den Kasernen war Platz für 30.000
Grenzer. Falls die Drittweltler wieder einen
großen Durchbruch versuchen sollten. Außerhalb der
Kasernen gab es Läden, ein Bordell und Kneipen.
Was der Mensch so braucht. Olga Omarenko fand
Jonas nicht, statt dessen fand er Schieber,
Nutten, einen geschwätzigen Wirt. Und überteuerten
Synthwhisky.

Wirt: 20 Euros.

Jonas: Die Flasche?

Wirt: Haha, das Glas.

Jonas: Fröhliche Weihnachten.

Wirt: Wie gefällt Ihnen der General Bastiani Chor?

Jonas: Umwerfend. Olga Omarenko. Kennen Sie die?

Wirt: Klar kenn ich Oma. Jeder im Fort Bastiani
kennt Oma, sehr beliebt, bringt Geld unter die
Leute, was wollen Sie von Oma?

Jonas: Ich hab was mit ihr zu besprechen,
geschäftlich.

Wirt: Ich frage nur, weil Sie nicht der erste
sind, der sich heute nach ihr erkundigt, vor ner
Stunde waren ein paar Weihnachtsmänner hier mit
nem Laster.

Jonas: Und die haben nach Oma gefragt.

Wirt: Ja. Wollten wissen, wo sie sie finden
können.

Jonas: Haben Sie's ihr gesagt.

Wirt: An der Grenze, Kontrollzone 7 mit der
Streife, Oma ist oft mit der Streife unterwegs,
damit sie die Ware gleich an der Quelle
begutachten kann.

Jonas: Was für Ware?

Wirt: Na die Kinder, die sich durchschleichen.

Jonas: Die kauft Oma, von den Grenzern.

Wirt: Fragen Sie sie selbst, ich hab zu tun und
ich weiß gar nichts.

Jonas: Ich hatte eine Karte vom Grenzbezirk. Der
Medienoffizier war so freundlich gewesen. Damit
arbeitete ich mich vor. Die Mauer am Horizont
wurde höher, immer höher, ihr gigantischer
Schatten legte sich über das Grenzgebiet, über
Babylon, über ganz Europa. Die Mauer war neu,
sonst sah die Gegend aus wie früher, als sie noch
Niemandsland hieß, wüst und leer, Stilleben mit
Ruinen. Wann war Jonas zuletzt hier gewesen.

Sam: Präzis im August 2010 euer Vergeßlichkeit.

Jonas: Vor dreieinhalb Jahren Sammy. Inzwischen
ist eine Menge passiert.

Sam: Anfall Chef und Überfall.

Jonas: Anfall Überfall, was soll das heißen Sam.

Sam: Fall an Fall, Fall über Fall, ein Witz.

Jonas: Haha, Durchfall, verbaler Durchfall, das
ist das, was du hast Sam.

Sam: Nanana. Trouble is waiting, Capitan.

Jonas: Hinter dem Hügel, direkt an der Mauer.

Sam: Vorschlag zur Güte: Anhalten, aussteigen und
ganz vorsichtig weiterkrauchen.

Jonas: Bis auf den Hügel. Ich hob den Kopf hinter
einem großen Stein, langsam, und was sah ich
unten: Eine offene Klappe in der Mauer, davor im
Halbkreis die Grenzstreife, 12 Mann, am Boden
lagen etwa 20 Drittweltler, Frauen und Männer,
tot, dazwischen ein paar Kinder, lebendig und
laut, und eine stämmige Frau in farbiger Folklore,
munter und geschäftig. Das mußte Oma Omarenko
sein.

Omarenko: 3,4,5,6. 6 Kinder, Leutnant.

Leutnant: Macht 300 Euros.

Omarenko: Moment, 250, Oma kann nicht gebrauchen
den da, zu alt, hat schiefes Bein.

Leutnant: Abschießen. So, macht das Loch in der
Mauer wieder zu, heute kommt doch keiner mehr.

Weihnachtsmann: Weihnachtlich glänzet der Wand,
freue dich...

Jonas: Ein roter E-Kleinlaster, auf der Ladefläche
6 rote Weihnachtsmänner, der Laster hält, die
Weihnachtsmänner springen ab, sie strahlen und
winken, und rufen fröhliche Weihnachten, die
Grenzer winken zurück und lassen die Hände gleich
oben, weil die Weihnachtsmänner plötzlich
Laserstrahler aus den Manteltaschen ziehen.
Profikiller von Ex und Hopp.

Leutnant: Hey, die Grenztruppen im aktiven Dienst
mit der Waffe zu bedrohen ist streng verboten.
Stecken Sie Ihre Laser weg.

Weihnachtsmann: Regen Sie sich ab, Leutnant, Ihnen
und Ihren Leuten tun wir nicht. Wir wollen bloß
Oma. Wir haben Auftrag sie ein bißchen
totzuschießen. Gehen Sie aus dem Weg, dann
passiert Ihnen nichts.

Leutnant: Sie werden hier niemanden totschießen,
schon gar nicht Frau Omarenko, sie steht unter
unsrem Schutz.

Weihnachtsmann: Wenn Sie das so sehen, Leutnant,
Feuer.

Jonas: Harte Sitten im Grenzgebiet, und lockere
Laser. Jetzt lagen auch die Grenzer auf der Erde
neben den Drittweltlern, die sie eben erst
erschossen haben. Olga Omarenko lebte noch, sie
bückte sich, versuchte eine Waffe aufzuheben, aber
der Oberweihnachtsmann hatte was dagegen.

Omarenko: Au, meine Hand tut weh.

Weihnachtsmann: Machen Sie sich nichts draus, Oma,
in ein paar Sekunden tut ihnen nichts mehr weh.
Garantiert.

Omarenko: Was Sie wollen, Oma hat Vertrag mit Ex
und Hopp wir Partner Täubchen.

Weihnachtsmann: Keine Partner, Oma. Der Vertrag
ist abgelaufen, Ihr werter Geschäftsfreund ist für
Sie eingestiegen, und der bezahlt uns eine Menge,
wenn wir Sie umlegen.

Omarenko: Väterchen Conrad Coburg, aber warum, Oma
hat ihm geliefert Kind mit Knochenmark für sein
Söhnchen, war nicht leicht, Täubchen, gar nicht
leicht.

Weihnachtsmann: Sie haben versucht, Coburg ein
bißchen zu erpressen, um den Preis hochzudrücken,
darum Oma. Coburg hat nicht gegen Sie als Mensch,
aber Sie sind im Stande, ihn bloßzustellen, das
kann er sich nicht leisten als prominente
Persönlichkeit und professioneller Kinderfreund.
Nehmen Sie's nicht tragisch, Oma, Sie können
zufrieden abtreten, ein erfülltes Leben liegt
hinter Ihnen, viele tausend tote Drittweltler,
viele tausend verhökerte Kinder, ist doch was.
Also dann.

Omarenko: Wir machen neue Vertrag, Karatscho, Oma
wird bezahlen. Ah.

Jonas: Abgang Olga Omarenko. Genannt Oma.
Kinderhändlerin, keine nette Person, die
Weihnachtsmänner schnitten ihr den Kopf ab, und
packten ihn in eine Kühlbox als Beweis für ihren
Auftraggeber, dann bestiegen sie ihren Laster und
verschwanden in einer Staubwolke mit
weihnachtlichem Gesang. Zurück blieben diverse
Leichen, 5 heulende Kinder und Jonas.

Sam: Und Sam.

Jonas: Wie konnte ich dich vergessen, geliebtester
Computer meiner Seele.

Sam: Ah von wannen diese ungewohnten Töne mein
Jonas, ist dir die Ballerei an die Nieren
gegangen, kein Wunder, laut, blutig, schlimmer als
die Karl May Festspiele.

Jonas: Sei du froh daß du keine hast.

Sam: Was.

Jonas: Keine Nieren meine ich.

Sam: Nobody ist perfekt.

Jonas: So hat die Omarenko sich also ihre Waren
besorgt, die Kinder die sie in Babylon verkauft
hat. Die Grenze machen ein Loch in der Mauer auf,
lassen eine Gruppe Drittweltler durch, bringen die
Erwachsenen um.

Sam: Und die Kinder kriegt Oma jaja zum
bescheidenen Stückpreis von 50 Euros.

Jonas: Hat sie gekriegt, Sammy, jetzt haben wir
sie, die fünf kleinen Heuler da unten. Was machen
wir damit. An der Grenze gibts keine
Sozialstation.

Sam: Hier lassen, Augen zu und weg, nein nein, ist
nicht drin, du Wohltäter der Menschheit. Wir
nehmen sie mit, jawohl, aber nur bis zum Fort,
sollen die Grenzer sich drum kümmern.

Jonas: Da seh ich schwarz, Sammy.

Sam: Wieso?

Jonas: Weißt du was, wir geben Sie im Bordell ab.

Sam: Bravo Commandore, wie alle Welt weiß haben
die dort tätigen Damen Herzen aus purem Gold, ja,
da wird's ihnen gut gehen den kleinen Scheißern.

Jonas: Amen. Von der Festung General Bastiani fuhr
Jonas schnell weiter nach Murnau und stieg in den
nächsten Flieger nach Babylon, bloß weg, bevor es
Ärger gab, und den würde es geben, sobald jemand
über die Leichen an der Mauer stolperte.

Sam: Piep. Geruhen mein Herr und Meister zu
schlafen.

Jonas: Ich denke nach Sammy.

Sam: Er denkt, o Wunder.

Jonas: Und du kannst mir dabei helfen.

Sam: Machen wir doch glatt. Ein Mensch allein, was
kann das schon sein. Chaos Herr Oberkirchenrat,
Tohu und Bohu, Kraut und Rüben, Omi und Opi.

Jonas: Conrad und Coburg. Wer ist Conrad Coburg
Sammy?

Sam: Na schauen wir mal. Erstens Geschäftsfreund
von Frau Omarenko selig.

Jonas: Ist bekannt.

Sam: Zwotens: prominente Persönlichkeit und
professioneller Kinderfreund.

Jonas: Auch bekannt, Sam, wenn du nichts neues zu
bieten hast.

Sam: Drittens: weithin geschätzter und beliebter
Holoclown.

Jonas: Aha. Conrad Coburg. Co-Co. Coco!

Sam: Mit dem goldenen Herzen.

Jonas: Der Weihnachtssülzer.

Sam: Eben dieser und kein anderer euer Ehren. In
diesem Zusammenhang dürfte wohl eine kürzliche
Meldung einschlägiger Medien von gewissem Belang
sein, daß nämlich besagter Conrad Coburg alias
Coco einen etwa 2-jährigen Sohn, Costa mit Namen
sein eigen nennt, welcher ganz plötzlich von der
bösen akuten Leukämie daniedergestreckt wurde.

Jonas: Sieh mal an. Jetzt paßte alles zusammen.
Das Puzzle war gelöst. Der Fall war klar.

Sam: Klar wie Knödelsuppe. Wie Knochenmarkslösung.

Jonas: Conrad Coburg braucht für seinen Sohn einen
histokompatiblen Knochenmarkspender, er geht zu
Oma.

Sam: Ja.

Jonas: Oma sucht.

Sam: Ja.

Jonas: Oma findet.

Sam: Und was geschieht? Aus irgendeinem Grunde
landet das für Coburg bestimmte Kindlein bei den
Kleins.

Jonas: Oma läßt es kidnappen und liefert es bei
Coburg ab.

Sam: Ja, und dabei kommt sie auf die Idee, ihren
Auftraggeber unter Druck zu setzen, um einen
höheren Preis rauszuschinden, hätte sie lieber
lassen sollen, die gierige Großmutter, denn Herr
Kollege.

Jonas: Coburg wird sauer.

Sam: Ja.

Jonas: Ihm wird klar, wie gefährlich die Sache für
ihn werden kann.

Sam: Coco mit dem goldenen Herzen,
Holopersonality, geliebt von allen Kindern in und
um Babypsilon, kauft heimlich ein Drittweltkind,
um es gnadenlos auszuschlachten. Pfui Teufel, so
geht's ja wirklich nicht, meine Damen und Herren,
liebe Kinder, hochverpupptes Ehrlikum.

Jonas: Coburg muß handeln, und was tut der Herr
Kollege?

Sam: Jaja er beauftragt Ex und Hopp, alle
Beteiligten zu beseitigen, zu liquidieren,
auszuradieren, zum Schweigen bzw. um die Ecke zu
bringen zu killen, abzumurksen.

Jonas: Oma. Ihren Angestellten.

Sam: Ja. Und was Herr Kollege ist mit Ramona und
Kevin Klein.

Jonas: Ja was war mit den Kleins. Ich machte mir
Sorgen. Zu recht. Am frühen Morgen kam Jonas nach
Hause, und da stand sie, vor der Tür des
Büroapartments und wartete, Valerie. Nur Valerie,
die letzte Detektiv. Die allerletzte.

Val: Ich brauch dringend was zu trinken, Jonas.

Jonas: Bürowhisky?

Val: Na wenn du nichts Besseres hast.

Jonas: Wollten wir uns nicht bei den Kleins
treffen.

Val: Kleins sind tot. Laserstrahler, gestern abend
hab ich sie gefunden. Was jetzt Jonas, wir haben
keine Klienten mehr. Der Fall hat sich erledigt.

Jonas: Nicht ganz, Val. Wir haben Kevin Junior
noch nicht gefunden, das müssen wir tun, das sind
wir den Kleins schuldig und uns selbst auch.

Val: Wenn du meinst. Wo willst du anfangen zu
suchen.

Jonas: Da wo er steckt Val.

Val: Und das weißt du.

Jonas: Das weiß ich. Sammy?

Sam: Gnädiger Herr wünschen.

Jonas: Coburgs Adresse.

Sam: Piep. Im allgemein zugänglichen
Bürgerverzeichnis nicht zu finden Sir.

Jonas: Na und, dann sieh in die nicht zugängliche
Liste der Geheimadressen. Oder kannst du das
nicht.

Sam: Eine derart dümmliche Unterstellung vermag
Sam nicht einmal ein müdes Lächeln zu entlocken.
Hehe. Piep. Conrad Coburg ist seß- und wohnhaft am
Schwanensee bei Tschaikowski. Wo die feinen Häuser
pinkeln, Korrektur wo die feinen Pinkel hausen,
die reichen Schweine.

Val: Wer ist Coburg, Jonas.

Jonas: Erzähl ich dir unterwegs Val.

Sam: Erlaube mir den bescheidenen Hinweis, Sir,
daß es nicht gänzlich unproblematisch sein dürfte,
Sir, zu besagtem Coburg vorzudringen, Sir.

Jonas: Da wird sich schon was finden Sammy.

Sam: Erlaube mir ferner den Hinweis, daß es nicht
geraten erscheint, Sir, dies Haus auf dem üblichen
oder auch direktem Weg zu verlassen, Sir.
Weihnachtsmänner vor dem Tor, Sir, von draußen vom
Schwanensee da kommen sie her.

Jonas: Tatsächlich. Die müssen dir gefolgt sein,
Val. Von Kleins aus.

Val: Ich hab nichts gemerkt.

Jonas: Das hätte mich auch gewundert. Also durch
den Notausgang.

Sam: Kellerzwischentür, Kellernebenhaus,
Hintertür.

Val: Und dann?

Jonas: Auf zu Coburg.

Sam: Hallali Safari. Vom Himmel hoch da komm ich
her.

Jonas: Zuerst machten wir einen kleinen Abstecher,
was besorgen, umziehen, das dauerte ein bißchen.
Drei Stunden später standen zwei Weihnachtsmänner
vor Coburgs Tür. Korrektur: ein Weihnachtsmann und
eine Weihnachtsfrau, rote Mützen ins Gesicht
gezogen. Rote Mantelkragen hochgeschlagen. Die
Frau drückte auf den Klingelknopf, der Mann hielt
eine Visitenkarte vor das Scannerauge. Nick
Bazooka stand darauf. Firma Ex und Hopp. Die Tür
ging auf. Weihnachtsmann und Weihnachtsfrau traten
ein.

Val: Schick die Hütte.

Sam: Alles sauber, Boss. Nur ein Mensch im Haus.
Keine Waffen.

Jonas: Personal?

Sam: Elektronisch. Automatisch. Nicht blöd der
Coburg. Roboservants tun was man ihnen sagt, ruhen
sich nicht aus, nehmen keinen Urlaub, werden nicht
krank so wie du Rotzlöffel.

Jonas: Und wenn sie stören, werden sie einfach
abgeschaltet, klar Sammy?

Sam: Klar Boss. Nur ein Wort und das System liegt
lahm. Kein Problem für Sam, Sam den Hacker, den
Knäcker, den Racker, den Kacker, ach ne der Kacker
bist du.

Coburg: Was soll das? Keine Hausbesuche, das habe
ich ihnen ausdrücklich gesagt. Sie kompromittieren
mich.

Jonas: Das tut uns aber schrecklich leid, Herr
Coburg.

Coburg: Was wollen Sie denn?

Jonas: Das Kind.

Coburg: Was?

Val: Den kleinen Drittweltler, den sie bei Olga
Omarenko gekauft haben.

Coburg: Sie, Sie sind nicht von Ex und Hopp.

Jonas: Sehr richtig, Herr Coburg, wir haben
gelogen, damit Sie uns reinlassen, wir sind
überhaupt zwei rücksichtslose und gefährliche
Typen. Wo ist das Kind.

Coburg: Ich weiß nicht, wovon Sie reden.

Jonas: Er wußte es dann doch. Als wir ihm zwei
entsicherte Laserstrahler unter die Nase hielten,
er fing an zu schwitzen, versuchte zu verhandeln.
Aber Jonas ließ sich auf nichts ein. Coburg gab
auf und ging voran, ins Untergeschoß, in ein
Krankenzimmer, hell, sauber, bestens ausgestattet,
Robodoc und Robonurse standen in Bereitschaft,
Maschinen summten und piepten, dazwischen zwei
kleine Betten. In einem ein etwa zweijähriges
Kind, blaß, völlig kahl, es schlief und warf sich
dabei unruhig hin und her.

Coburg: Mein Sohn, mein Sohn Costa, er hat
Leukämie, akute lymphatische Leukämie, die
Chemotherapie hat ihm nicht geholfen, nur die
Transplantation kann ihn retten, die
Knochenmarktransplantation, verstehen Sie, darum.

Jonas: Im zweiten Bett, das ist Kevin Junior, der
Junge aus der Drittwelt.

Coburg: Ja, der Knochenmarkspender. Sie haben ja
keine Ahnung, wie schwierig es ist, ein
histokompatibles Kind zu finden, damit das
transplantierte Gewebe nicht gleich wieder
abgestoßen wird, das ist sehr sehr schwierig.

Val: Was ist mit ihm los. Warum rührt er sich
nicht.

Coburg: Er ist, ich meine, wir haben ihn nun ja in
ein Koma versetzt.

Jonas: Was heißt das, ist er tot?

Coburg: Nicht direkt. Sehen Sie, er atmet.

Sam: So, aber sein Hirn arbeitet nimmer, Herr
Medizinalrat, und es wird auch nimmer arbeiten.
Kein Hirnstrom, kein Lebenszeichen.

Jonas: Der Junge ist also hirntot.

Sam: Hirntot ist tot, Herr Oberstabsarzt, tot wie
ein Sargnagel, toter geht das nicht.

Val: Sie haben das Kind umgebracht Coburg.

Coburg: Gott, was heißt umgebracht, so ist es
einfach praktischer, das Material bleibt länger
frisch, länger transplantationsfähig, und der
Spender ist ruhiggestellt. Er wäre sowieso
draufgegangen. Mein Sohn braucht sehr viel
Knochenmark in kurzer Zeit.

Jonas: Schalt ab, Sam.

Sam: Kevin Junior?

Jonas: Natürlich Kevin Junior. Stop die Maschinen,
die ihn künstlich am Leben erhalten, laß ihn
sterben.

Sam: Zu Befehl. Piep.

Coburg: Nein, mein Sohn, mein Costa. Wenn die
Transplantation nicht weiterläuft, stirbt er. Wo
soll ich so schnell einen neuen Spender
herkriegen.

Jonas: Wie wär's denn mit ihnen selbst, Coburg,
als leiblicher Vater sind Sie automatisch
histokompatibel.

Coburg: Das steh ich nicht durch, bei der Menge
Knochenmark, die Costa braucht.

Jonas: Ihre Entscheidung Coburg. Vielleicht fällt
Sie Ihnen leichter, wenn Sie sich klarmachen, daß
Sie sowieso schon tot sind, so gut wie. Sie kommen
vor Gericht, die Medien werden Sie in der Luft
zerreißen, Ihren Job werden Sie los, kein Kind
wird Sie noch sehen wollen. Dafür werden wir
sorgen.

Coburg: Das... Sie wollen mich anzeigen.

Jonas: Das ist nicht nötig Coburg. Wir stecken die
Geschichte ihrem größten Konkurrenten.

Val: Peter Pelican, Pepe mit der roten Nase,
Holoclown bei Supermedia.

Jonas: Und kommen Sie nicht auf den Gedanken, uns
Ihre Ex und Hopper auf den Hals zu hetzen.

Val: Mit denen werden wir ganz fertig. Was Jonas?

Jonas: Aber sicher Val. Wenn sie ein bißchen
Anstand und Mut haben, Coburg, dann retten Sie
ihrem Sohn das Leben, Sie selbst sind nicht mehr
zu retten. Komm Val.

Sam: Und noch recht fröhliche Weihnachten
allerseits. Es ist ein Roß entsprungen, wo will
das Pferd bloß hin...

Das war Weihnachtsmärchen. Eine Folge aus der
Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von
Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo
Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Ilse Neubauer, Ellen
Schwiers, Simone Solga, Peter Fricke, Michael Hinz
und andere (Hubert Mulzer, Werner Haindl, Timo
Dierkes, Klaus Neumann, Friedrich Schloffer). Ton
und Technik: Daniela Röder und Günter Heß.
Assistenz: Holger Buck. Regie: Werner Klein. Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr
1995. Redaktion Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Virtuella

Jonas: Sie kennen das. Aus hundert Romanen und
tausend Filmen. Der Privatdetektiv sitzt in seinem
Büro. Dreht Däumchen. Bohrt in der Nase. Plötzlich
geht die Tür auf - und wer kommt rein? Richtig!
Eine tolle Frau! Atemberaubend! Geheimnisvoll!
Blond! Angezogen wie das Titelblatt von Lifestyle.
Sie sah mich an. Herausfordernd. Abschätzend. Sie
setzte sich. Schlug die Glitzerbeine übereinander.
Vielleicht ein bißchen klein geraten, und ein
bißchen ungelenk, sie war erst dreizehn.

Mona: Dreizehn einhalb. Hallo, wie geht es Ihnen?

Jonas: Gestern ging es noch, und selbst?

Mona: Danke der Nachfrage. Sie sind der Detektiv?

Jonas: Ich bin Jonas, nur Jonas. Der letzte
Detektiv. Enkel von Sam Spade und Philip Marlowe.
Spezialist für aussichtslose Fälle. Für Fälle, die
nichts einbringen. Für Fälle mit übermächtigen
Gegnern und undurchsichtigen Klienten. Ein Kind
als Klientin, das war neu.

Mona: Langsam. Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich
Sie nehme.

Jonas: Hast du an mir was auszusetzen?

Mona: Sie sind zu alt.

Sam: Haha!

Mona: Süß!

Jonas: Ich?

Mona: Ihr Taschencomputer hier auf dem Tisch. Ein
richtiges kleines Männlein. Süß. Darf ich mit ihm
spielen?

Sam: He, Finger weg! Bin weder Männlein weder süß,
mein Fräulein ich verbiet mir dies.

Mona: Süß, er spricht!

Sam: Ach Herrje.

Jonas: Er spricht nicht nur, er quasselt und
blödelt und singt und sülzt. Ein
Spezialversuchsmodell. Seinerzeit billig zu
kriegen. Ein Glück, daß es so was wie ihn nur
einmal gibt und mein Pech, daß er mir gehört. Aber
loswerden will ich ihn auch nicht. Meistens
jedenfalls. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Mehr
oder weniger.

Sam: Ich hab mich so an dich gewöhnt hahaha.

Mona: Süß. Wie heißt er.

Jonas: Sam.

Sam: Samuel bitte. Samuel.

Jonas: Du kannst Sammy zu ihm sagen.

Sam: Kann sie nicht.

Mona: Süß. Sag was, Sammy. Sag ein Gedicht auf.

Sam: Kommt nicht in die Tüte.

Mona: Süß. Sag Mona Liebling Sammy.

Sam: Häh igitt.

Mona: Süß. Los, Sam, sag Mona Liebling.

Mandelbrot: Mona, hab ich dir nicht eingeschärft,
du sollst bei Fuß verharren und keinesfalls
vorauseilen.

Sam: Ist sie ein Hund.

Jonas: Immer herein. Sind Sie der letzte oder
kommen noch wer?

Mandelbrot: Ihr Lift ist außer Betrieb.

Jonas: Das ist er oft. Machen Sie die Tür zu, und
setzten Sie sich.

Mandelbrot: Meine Karte.

Jonas: Dr. Fraktal C. Mandelbrot, Prof. h.c.

Sam: Gesundheit.

Jonas: Leitender Direktor des Mandelbrotinstituts
für prothetische Andrologie. Schwanzklempner.
Vielen Dank. Wir brauchen nichts.

Mandelbrot: Bleiben wir doch seriös Herr Jonas.

Jonas: Aber sicher Dr. Mandelbrot so seriös wie
ein Ärztekongreß in Acapulo. Wer ist die junge
Dame.

Mandelbrot: Meine Tochter.

Mona: Stieftochter. Meine Karte Herr Jonas.

Jonas: Mona Mox.

Mandelbrot: Ein Mitbringsel meiner geschätzten
Gattin aus ihrer ersten Ehe mit Herrn Maximilian
Mox, doch mir ans Herz gewachsen als sei's mein
eigen Fleisch und Blut.

Jonas: Mox. Max Mox, der Glücksspielnapoleon.

Mandelbrot: Der Eigentümer gewisser spezifischer
Institutionen, welche einem großen interessierten
Publikum niveauvolle Unterhaltung auf der Basis
von Geschicklichkeit und Zufall offerieren
insofern.

Mona: Können Sie pokern Jonas.

Jonas: Ein bißchen.

Mona: Blackjack auch?

Mandelbrot: Mona! Wie Ihnen womöglich bekannt ist
Herr Jonas, verstarb Herr Mox am 3.3.2013, vor
einem Jahr.

Jonas: Bedauerlich, aber warum erzählen Sie mir
das.

Mandelbrot: Weil ich erwäge, Sie in Sachen Mox zu
engagieren Herr Jonas.

Sam: Ach Herrje.

Jonas: Um den toten Mox ging es nicht, es ging um
das, was er hinterlassen hatte, das Moxvermögen:
Dutzende von Spielhöllen hier in Babylon und
anderswo, Wert insgesamt 120 Millionen Euros, laut
Testament kriegte Sohn Moritz dreiviertel, das
restliche viertel war für Mona, aber sie kam nicht
ran, noch nicht.

Mona: Erst wenn ich volljährig bin.

Mandelbrot: In einem halben Jahr, am 9.8.2014.

Mona: Da werde ich 14. Vergessen Sie nicht mir zu
gratulieren Herr Jonas.

Jonas: Tag und Nacht werde ich dran denken Mona.

Mona: 9. August. Merks dir Sammy.

Sam: Speicher voll, kein Platz, schon vergessen,
merke nur ein Mensch hat Sam was zu sagen, Jonas,
mein Jonas, Jonas der einzige, der einmalige, der
größte, der vielgeliebte, der...

Jonas: Hör schon auf Sammy.

Sam: Und nicht so eine unausgegorene Göre namens
Mona.

Jonas: Ist ja gut. Mir ist noch nicht klar, was
Sie von mir wollen, Dr. Mandelbrot.

Mandelbrot: Kurz gesagt, Herr Jonas, es steht zu
befürchten, daß Monas Anteil am Moxerbe.

Sam: Dreißigmillionen Euros, muß ein alter Mann
ganz schön lange hobeln.

Mandelbrot: Daß diese 30 Millionen nicht mehr
vorhanden sind, wenn Mona volljährig wird, bis
dahin hat allein ihr Bruder, Moritz Mox, als der
geschäftsführende Direktor Verfügungsberechtigung,
er kann mit Monas Geld machen, was er will. Wissen
Sie, Herr Jonas, man hört so dieses und jenes, daß
sich die Firma Mox in finanziellen Schwierigkeiten
befindet, daß das Anlagevermögen schrumpft, daß
eine Übernahme weit unter Wert durch ein
auswärtiges Unternehmen bevorsteht.

Jonas: Und was sagt Moritz Mox dazu.

Mandelbrot: Das weiß ich nicht Herr Jonas.

Jonas: Haben Sie ihn nicht gefragt, Dr.
Mandelbrot.

Mandelbrot: Natürlich hab ich das, das heißt ich
hab's versucht, ich kann ihn nicht erreichen, man
läßt mich nicht vor, stellt mich am Fon nicht
durch mich, mich Dr. Franktal C. Mandelbrot.

Jonas: Professor h.c. eine Unverschämtheit.

Mandelbrot: Sie sagen es Herr Jonas.

Jonas: Und verdächtig.

Mandelbrot: Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde
Herr Jonas, aus diesem Grunde sah ich mich
genötigt, gewisse Schritte einzuleiten. Nicht
meinethalben, Herr Jonas, glauben Sie mir, ich
brauch die Moxmillionen nicht.

Jonas: Natürlich nicht.

Mandelbrot: Nein, ich bin eine in Babylon
hochangesehene Persönlichkeit, bei mir verkehren
Dezernenten, Manager, namhafte Kulturschaffende,
den Schwager der Bürgermeisterin kenn ich
persönlich.

Jonas: Den leibhaftigen Schwager, Dr. Mandelbrot
ich bin beeindruckt.

Mandelbrot: Ich fühle mich vielmehr moralisch
verantwortlich für das Vermögen eines mir
anvertrauten jungen Menschen.

Sam: Edel sei der Mandelbrot, hilfreich und gut.

Jonas: Machen wir's kurz Dr. Mandelbrot, 120 € pro
Tag und Spesen das koste ich.

Mandelbrot: Nicht eben wenig, Herr Jonas.

Jonas: Was soll ich dafür tun?

Mandelbrot: Sie stellen fest, wo Herr Moritz Mox
sich aufhält, Sie nehmen Kontakt zu ihm auf, Sie
eruieren, wie es um die finanzielle Situation der
Firma Mox bestellt ist.

Jonas: Nicht eben wenig, Dr. Mandelbrot.

Mandelbrot: Und Sie erstatten mir jeden Abend
Bericht, persönlich.

Jonas: Ich übernahm den Auftrag, nicht wegen Dr.
Mandelbrot, der ging mir gewaltig auf den Senkel,
Mona Mox fand ich da schon sympathischer, auch
wenn sie sich beim Abschied Sammy ausleihen
wollte.

Sam: Dank, Meister, dank, dank daß du dem schnöden
dem widerlichen Weibe.

Jonas: Ich brauch dich noch, ob ich will oder
nicht, und Mona hätte dich womöglich
kaputtgemacht.

Sam: Mit rosa Schleifchen hätte die mich
umschlungen, ja, Balladen ohne Zahl hätt ich
rezitieren müssen, grausames Schicksal, hm,
schlimmer denn der Tod.

Jonas: Übertreib nicht Sammy. An die Arbeit.

Sam: Bitte sehr bitte gleich was befielt mein Herr
und Gebieter?

Jonas: Eine Fonverbindung mit Firma Mox,
Direktion. Moritz Mox.

Sam: Aha, der große Manitu höchst selbst. Sogleich
euer Gnaden. Piep.

Jonas: Moment, Sammy du rufst an aus sagen wir
Singapur aus meinem Vorzimmer, und ich bin...

Sam: Ein stinkreicher chinesischer Finanz-Hai, der
ein paar Milliönchen anlegen will. Capito
Exzellenz, will sagen sehr wohl Sir.

Ella: Ja?

Sam: Die ehrenwerte Firma Mox Babypsilon Europa.

Ella: Ja, hier Mox.

Sam: Ah, Mr. J. O. Nas. Direktor Finanzen
Enterprise Singapur wünscht Mr. Moritz Mox zu
sprechen. Ich verbinde.

Jonas: Hallo.

Ella: Hallo.

Jonas: Sie sind doch nicht Mister Mox.

Ella: Ich bin die persönliche Chefassistentin von
Herrn Moritz Mox, Ella von Rensenbrink. Was kann
ich für Sie tun, Herr ähm...

Jonas: Nas. J.O. Nas. Geben Sie mir Mister Mox.

Ella: In welcher Angelegenheit, Herr Nas?

Jonas: Ich möchte Mister Mox ein Angebot machen
für seine Firma. Ich höre Sie wollen verkaufen.

Ella: Herr Mox ist nicht zu sprechen, Herr Nas,
und die Firma Mox steht nicht zum Verkauf. Sie
verschwenden ihre und meine Zeit.

Sam: Aha, abgewimmelt, äh abgewimmelt, kurz und
schmerzhaft wie Dr. Mandelbrot.

Jonas: Der ist zwar ein aufgeblasener
Heißluftballon, aber in einem hat er recht, es
stinkt bei Mox. Sammy ich brauch was.

Sam: Was es auch sei, Sam schafft’s herbei, ganz
auf die Schnelle es ist zur Stelle.

Jonas: Vielen Dank, Sammy. Ich brauch einen
Menschen.

Sam: Was, einen äh Menschen, einen schwabbeligen
fehlkonstruierten Durcheinanderdenker, o wo dir
Sam zur Verfügung steht, Sam die vollkommene
Denkmaschine, o bitterliche Kränkung,
unauslöschliche Schmach.

Jonas: Hast du einen Smoking Sam.

Sam: Smoking, na, eher weniger euer Merkwürden.

Jonas: Na also. Aber Zocker Willy trägt einen
Smoking, immer und überall, weil er mal
Chefcroupier bei Mox war, bis sie ihn mit einem
Magneten in der Socke erwischt und gefeuert haben,
seitdem schlägt er sich so durch, Roulette, wenn
es sein muß Mensch ärgere dich nicht, meistens
Poker, im Full House, gleich um die Ecke,
gegenüber vom Casablanca, im Hinterzimmer, wie es
sich gehört, bei spärlicher Beleuchtung, es roch
nach Synthwhisky und Männerschweiß, auf dem Tisch
Stapel zerfledderter Euroscheine, nur nicht vor
Willy, der war am verlieren.

Willy: Passe. Tür zu, kiebitzen gibt's nicht,
hinsetzen mitspielen oder raus.

Jonas: Spiel nicht, Willy, weißt du doch. Wie
findest du meine Jacke?

Willy: Komm ans Licht, naja.

Jonas: Ich brauch nen Smoking, Willy, nur für ein
paar Stunden.

Willy: Und ich soll so lang deine karierte Kutte
anziehen. Also weißt du Jonas.

Jonas: Neue Jacke, neues Glück, sagte der große
Spieler Manulesco.

Willy: Wirklich, na ja wenn's so ist.

Jonas: Vom Full House hatte ich es nicht weit, 10
Minuten zu Fuß, dann ragte es vor mir auf, das
Moxcenter, die unteren 10 Stockwerke hießen Las
Vegas, ein Paradies für Spieler, durchgehend
geöffnet, laut, schrill, üppig, Stucksäulen,
Neonlichter, Spiegel, und Gold, überall Gold,
dazwischen Tische, Automaten, Spieler, Croupiers,
und Heerscharen wunderschöner Mädchen in Bikinis
aus Goldlame. Androidinnen, eine hängte sich
gleich an Jonas.

Androidin: Herzlich willkommen, Freund, ich bin
ihre Führerin und heiße Fortuna, wo wollen Sie ihr
Glück versuchen, Freund, hier im Erdgeschoß in
unserer atemberaubenden amerikanischen
Automatenalhambra, 30.000 Glücksmaschinen, alle 3
Minuten ein Jackpot.

Jonas: Was haben Sie denn sonst noch zu bieten.

Androidin: Ah, ich verstehe, Sie sind ein Mann.
Sie wollen spielen wie ein Mann. Nicht wie ein
Kind am Gambelboy. Sie suchen die Herausforderung,
den Nervenkitzel, das Risiko. Folgen Sie mir.

Jonas: In einem der zahlreichen Aufzüge fuhren wir
nach oben, recht gemächlich. Von Stock zu Stock,
von Spiel zu Spiel.

Androidin: 1. Stock Eckhead Empore Schach und
Golf.

Jonas: Nichts für mich.

Androidin: Das hatte ich mir gedacht. Sie sind
kein Eierkopf. Aber unter uns: Wenn Sie spät
abends noch bei uns sind, sollten Sie mal in die
Schachecke reinschauen, da spielt die
Bürgermeisterin von Babylon mit ihrem Referenten.

Jonas: Und gewinnt jedesmal weil sie die Züge
vorhereingeübt haben kein Interesse.

Androidin: Pool Parcour. Wie wär's mit Kühl und
Kugel, Freund.

Jonas: Billard. Nein.

Androidin: Die wählerischen Gäste sind uns die
liebsten. Crap Corner, lassen Sie die Würfel
rollen.

Jonas: Lieber nicht.

Androidin: Also weiter. Bei uns findet jeder sein
Spiel. Orientalische Mysterien. Panafuda Majong.

Jonas: Ist mir zu exotisch.

Androidin: Dann vielleicht unser Stammtisch
Europa. Skat, Schafkopf, Jass, Tarock, Schnapsen.

Jonas: Zu Hausbacken.

Androidin: Bridgebasar.

Jonas: Was für alte Damen. Danke.

Androidin: Wie Sie wünschen, der Gast ist König.
Das ist was für Sie, Poker Parlor, das Spiel für
harte Männer.

Jonas: Ein andermal, weiter.

Androidin: Unsere Blackjackbar.

Jonas: Nein, Kopfrechnen schwach.

Androidin: Casino Montecarlo, Roulette, das
königliche Spiel.

Jonas: Na also, hier sind wir richtig.

Androidin: Ich hätte es wissen müssen, ihre
vornehme Haltung, ihr Smoking Wünschen Sie weitere
Begleitung?

Jonas: Nicht nötig. Ich finde mich schon zurecht.

Androidin: Viel Glück Toi Toi Toi Hals und
Beinbruch.

Jonas: Glück konnte ich brauchen, auch wenn ich
nicht vorhatte zu spielen. Ich wanderte durch die
Halle. Roulettetische aus Echtholz, riesige
Lüster, goldene Tapeten, weinrote Teppiche. Luxus.
Was ich suchte, fand ich ganz hinten, versteckt
hinter einer Säule, eine unscheinbare Tür, ein
unscheinbares Schild: Personal. Ein unscheinbarer
Gang, kein Gold, kein Luxus, ein paar eilige
Menschen, keiner achtete auf Jonas. Weil der einen
Smoking trug wie ein Croupier. Ein unscheinbarer
Lift, ich drückte auf den obersten Knopf,
Chefetage, vorbei an 5 Türen, für die es keine
Knöpfe gab. 5 geheimnisvolle Stockwerke ohne
Zugang, vorbei am Verwaltungstrakt der Firma Mox.
24 Etagen. Geschäftig und zugänglich. Der Lift
hielt, Jonas stieg aus direkt in ein Vorzimmer,
komplett, mit Vorzimmerdame.

Ella: Sie da, bleiben Sie stehen, was haben Sie
hier zu suchen.

Jonas: Zu Herrn Mox. Moritz Mox.

Ella: Zu Herrn Mox. Haha. Einfach so. Kommen Sie
mal her.

Jonas: Sie trug Latex, schwarz, mit Silbernieten
und taktischen Lücken, Dominalook, nicht mehr der
allerletzte Schrei, aber ihr stand es, sie war
groß, schlank, dunkel, an die 40, eine kühle
Stimme, die ich schon gehört hatte, vorhin am Fon,
Ella von Rensenbrink. Moxens persönliche
Assistentin.

Ella: Wer sind Sie? Arbeiten Sie bei uns.

Jonas: Noch nicht, ich will mich bei bewerben, ich
bin Croupier.

Ella: Croupiers brauchen wir zurzeit nicht, lassen
Sie Ihre Daten hier vielleicht später.

Jonas: Vielleicht, vielleicht sollte ich doch
besser mit dem Chef selbst sprechen, wo ich schon
mal hier bin. Den Stier bei den Hörnern packen
oder die Kuh am Schwanz wenn ihnen das lieber ist.

Ella: Jaja. Zwecklos, Herr Moritz Mox ist nicht in
Babylon.

Jonas: So, wo steckt er denn?

Ella: In Rom, falls Sie das was angeht. Geben Sie
mir ihre Daten, ich stehe in ständiger Verbindung
mit Herrn Mox.

Jonas: Jonas machte ein paar schnelle Schritte zur
hinteren Wand und riß die Echteichentür auf, das
Zimmer des Chefs, aber der war nicht drin,
offenbar war er schon lange nicht drin gewesen,
die Klimaanlage lief nicht, auf den wertvollen
Möbeln lag eine feine Staubschicht. Das sah ich
auf den ersten Blick. Zu einem zweiten kam ich
nicht, weil ich plötzlich was im Rücken spürte,
was rundes, hartes. Die Mündung eines
Laserstrahler.

Ella: Sehr richtig, und Sonja kann damit umgehen.
Der Herr will uns verlassen, Sonja, bring ihn
raus. Wenn er sich anstellt.

Sonja: Tu ich ihm weh.

Ella: Und wenn er nochmal hier oben aufkreuzt.

Sonja: Bring ich ihn um. Alles klar. Los.

Jonas: Ein muskelbepacktes Viereck, anderthalb mal
2 Meter, obendrauf eine Bowlingkugel mit roten
Borsten, die rote Sonja, ein Freak oder eine
Klonkillerin. Auf jeden Fall gefährlich. Jonas
wehrte sich nicht, ließ sich nach unten bringen
und durch die Personaltür rausschmeißen, ging
zurück zum Full House, wo Zocker Willy mit
Sehnsucht auf seinen Smoking wartete. An der Bar
erzählte ich ihm, was ich bei Mox erfahren hatte.
Willy wunderte sich.

Willy: Was hat sie gesagt, wo soll Moritz Mox
sein?

Jonas: In Rom.

Willy: Ach nie im Leben, Er ist nicht in Rom,
nicht in der Sahara, nicht in Grönland, er ist
hier, in Babylon, weil er nämlich Klaustrophobie
hat, Moment, nicht Klaustrophobie, das Gegenteil
Aga...

Sam: Angoraphobie, Angst vor weiten Räumen, vor
der Außenwelt.

Willy: Genau Sammy, Agoraphobie. Moritz Mox hat
Agoraphobie.

Sam: Angoraphobie.

Jonas: Fakt oder nur Gerede.

Willy: Na wer war denn Chefcroupier bei Mox, wer
ist denn bei Moxens ein und ausgegangen, ich weiß
Bescheid, Jonas, Moritz Mox hat nicht nur
Angoraphobie, Moritz Mox ist ein echter
Mackenheinrich, ein Schlaffi, ein Jammerlappen,
einer der am liebsten im Bett liegt und sich die
Decke über den Kopf zieht.

Jonas: Wenn das so ist, hätte Mox senior lieber
Tochter Mona zur Haupterbin einsetzen sollen.

Willy: Nicht der alte Max Mox, Jonas, der war ein
richtiger Patriarch.

Jonas: Papa Mox hatte versucht, den mißratenen
Sohn umzupolen, aufzubauen, ihm Energie und Härte
einzubimsen, auf ziemlich ungewöhnliche Weise,
durch VR, virtuelle Realität, Pseudorealität durch
Computersimulation.

Willy: Nero, Jonas, römischer Kaiser, schon mal
was von gehört.

Jonas: Der aus Quo Vadis.

Sam: Jonas, nur Jonas, so lausche denn und lasse
dich zur Gänze durchbilden, Nero mit vollem Namen
Claudius Cäsar Augustus Germanicus Nero, ward
geboren am 15. Dezember anno Domini 37, regierte
als Kaiser ab dem 13. Oktober 54, verstarb am 9.
Juni 68, entwickelte sich vom unausgegorenen
Deppenjüngling zum fetten ausgegorenen Tyrannen
und Sadisten.

Willy: Genau das wollte der alte Mox. Durch das
Rollenspiel als Nero sollte Moritz Mumm in die
Knochen kriegen, ein richtiger Wirtschaftskapitän
sollte er werden, einer der über Leichen geht, Max
Mox hat eine VR-Expertin engagiert, die was von
römischer Geschichte verstand, äh Ella von und zu
Dingsbums.

Jonas: Rensenbrink. Ella von Rensenbrink.

Willy: Ja, kann sein, wir haben sie immer nur
Virtuella genannt, sie hat das Neroprogramm
ausgearbeitet, und Moritz hat begeistert
mitgespielt, Rom verbrannt, Christen verfolgt,
Senatoren umgebracht usw.

Jonas: Nicht eben wenig.

Sam: Jedem Tierlein sein Pläsierlein. Wie der
klassische Römer spricht.

Jonas: Gut und schön, Willy aber wo steckt Moritz
Mox, da will ich wissen.

Willy: Irgendwo im Moxcenter.

Jonas: Das ist groß, Willy, wo da, bestimmt nicht
im Las Vegas.

Sam: Alldieweil Allgemein zugänglich und stark
frequentier, daccord Monsignore, gleiches gilt für
den Verwaltungstrakt, cum grano salis, Übersetzung
für Hilfsschüler Jonas und dergleichen, mit einem
Körnlein Salzes, will sagen.

Jonas: Ruhe. Im Chefzimmer ist er auch nicht. Also
wo.

Willy: Bleibt nur die illegale Zone, wetten da
steckt er.

Jonas: Moxcenter Stockwerke 11 bis 15, die
unzugänglichen, illegal deshalb, weil da verbotene
Spiele gespielt werden, sagte Willy. Spiele für
ganz besondere Spieler, für Superreiche Spiele
ohne Limit, und in denen arme Schweine das
einsetzen, was sie haben, Herz, Nieren,
Knochenmark, die eigenen Organe. Wer gewinnt,
kriegt ein kleines Vermögen, wer verliert muß
unters Messer. Die Staatsgewalt weiß, was in der
illegalen Zone bei Mox läuft, aber sie drückt
beide Augen zu, der Organmarkt braucht Nachschub.

Willy: Wo sollt er denn sonst sein der Moritz Mox,
Platz ist genug, die illegalen Spiele laufen nur
in 2 Etagen.

Jonas: Warst du mal drin, Willy?

Willy: Ja einmal, vor Jahren aus Neugier. Ich bin
kein Krösus, weißt du. Und Organspiele sind nicht
mein Ding.

Jonas: Dann weißt du wie man reinkommt.

Willy: Weiß ich.

Jonas: Kommst du mit. Heute abend 10 Uhr.

Willy: Moxcenter Nordseite.

Jonas: Wie spät haben wir jetzt.

Sam: Mit dem melodischen Ton des Zeitzeichens ist
es genau 17 Uhr 58 Minuten, ja, Zeit für den
ausbedungenen abendlichen Mandelbrotbericht euer
Samseligkeit flupp.

Jonas: Richtig, ich rief Dr. Mandelbrot an, am Fon
wollte er nicht reden, er bestellte mich zu sich,
in seine exklusive Villa im exklusiven Südwesten,
wo Dezernenten, Künstler und
Bürgermeisterinnenschwäger verkehrten, heute
nicht, heute verkehrte bloß Jonas und auch das nur
kurz, Dr. Mandelbrot hatte eine Überraschung für
mich.

Mandelbrot: Ich habe mich entschlossen, Herr
Jonas, unser vertragliches Verhältnis zu beenden,
auf weitere Bemühungen ihrerseits lege ich
keinerlei Wert.

Jonas: Das ging aber fix, Dr. Mandelbrot, was ist
los?

Mandelbrot: Lassen Sie mich offen sprechen, Herr
Jonas, zu meinem Bedauern haben Sie sich als wenig
effizient erwiesen, fast einen ganzen Tag sind Sie
bereits für mich tätig, und was haben Sie
erreicht, so gut wie nichts.

Jonas: Sie brauchen keinen Detektiv, Dr.
Mandelbrot. Sie brauchen einen Wundertäter.

Mandelbrot: Wie dem auch sei, Herr Jonas, ich
storniere den Auftrag.

Jonas: Ihr gutes Recht, Dr. Mandelbrot. Sie
schulden mir 120 € und diverse Spesen.

Mandelbrot: Darüber könnte man streiten Herr
Jonas, aber ich lege Wert darauf, mich ohne jede
Friktion von ihnen zu trennen. Bitte sehr 150
Euros, das dürfte wohl ausreichen. Ein Drink
Wodka, Whisky, Cognac, Armanjak?

Jonas: Whisky. Scots.

Mona: Ich finde das nicht gut, Stiefpapa, das ist
mein Fall, mein Erbe, mein Geld.

Mandelbrot: Mona, du hast an der Tür gelauscht.
Mona wie oft hab ich dich ermahnt.

Mona: Jonas soll weiter machen.

Mandelbrot: Du bist ein Kind Mona, du bist nicht
geschäftigfähig, du kannst mit Herrn Jonas keinen
Vertrag abschließen.

Mona: Ich brauch keinen Vertrag. Ich will, daß er
weitermacht. Für mich, ja Herr Jonas. Bitte.

Jonas: Mal sehen was sich tun läßt. Dein Wohl
Mona.

Mona: Wie geht's Sammy, haben Sie ihn mit?

Jonas: Jetzt fing der Fall an richtig interessant
zu werden. Jonas beschloß dranzubleiben. Für
Monas? Vielleicht, ganz sicher für Jonas. Er hatte
einen Ruf zu verlieren und er hatte nichts
besseres vor. 10 Uhr abends, Moxcenter Nordseite.
Vorn strömten die Massen, hier war alles still,
verschalte Häuser, Ruinen, Relikte der letzten
Unruhen, darüber die hohe kahle Moxfassade, keine
Fenster, nur eine kleine Hintertür, der Eingang
zur illegalen Zone, sagte Willy, für Spezialgäste
mit Spezialcodescheiben. Wir hatten keine, noch
nicht. Wir warteten. Eine E-Limousine in schwarz
und Gold fuhr vor, hielt, zwei Typen stiegen aus,
helle Burnusse, Kopftücher. Ölscheiche aus
Kusbekistan. Der Wagen fuhr weiter. Die Scheiche
wanderten zur Tür, aber sie kamen nicht an.

Willy: Augenblick die Herren, mein Freund will
ihnen was zeigen.

Jonas: Das ist ein Laserstrahler. Kennen Sie
vielleicht. Wenn ich den in ihre Richtung halte,
so und auf den roten Knopf drücke.

Scheich: Wir verstehen, Sie Geld wollen.

Jonas: Sie werden sich wundern. Nein. Wir wollen
bloß ihre Codescheiben, und ihre Burnusse.

Willy: Und die Kopftücher. Ausziehen.

Jonas: Mit Willy Neurofreezer legten wir die
Wüstensöhne für ein paar Stunden schlafen und
deponierten sie hinter einer zerfallenen Mauer. In
ihren Sachen waren wir nicht gerade elegant, aber
unkenntlich, dachten wir. Mit den Scheiben
öffneten wir die Tür. Dahinter ein Lift, nur zwei
Knöpfe, unten, oben. Unten waren wir, also
drückten wir oben.

Sonja: Na, da sind Sie ja, wir warten schon.
Steigen Sie aus. Nicht so lahm meine Herren.

Jonas: Ein schlichtes Foyer, hier gab's keine
wunderschönen Androidinnen. Unsere Empfangsdame
war die rote Sonja, oder ihre Zwillingsschwester,
weiter hinten standen noch ein paar von der Sorte,
unfreundliche Miene, rechte Hand am Laser, sie
stellte uns an die Wand, klopften uns ab, nahmen
uns die Waffen weg.

Sonja: Ohohohoh, so was wollen wir aber nicht. OK,
was soll's sein. Spiel ohne Limit oder Organspiel?

Willy: Ach, wir wollten uns ein bißchen umsehen,
zukucken.

Sonja: Nix, für Sie ist kiebitzen verboten.

Jonas: Wer sagt das?

Sonja: Befehl. Sie spielen. Also was. Unlimitiert.

Willy: Ja, von mir aus. Immer noch besser als um
Herz und Nieren.

Sonja: Haben Sie Geld. Bargeld. Vorzeigen los los.

Willy: Ich glaub, ich hab meine Brieftasche
vergessen.

Jonas: Ich auch. Zu dumm.

Sonja: Ja, dann eben Organspiel. Also was setzen
Sie?

Willy: Vielleicht den linken kleinen Zeh.

Sonja: Sie doch nicht. Sie riskieren was. Sie
setzen alles. Ihren ganzen Körper. Ihr Leben.

Jonas: Das heißt wenn wir verlieren.

Sonja: Verlieren Sie Ihr Leben, ist doch klar.

Willy: Was ist, wenn wir gewinnen, was kriegen
wir?

Sonja: Sie werden nicht gewinnen.

Jonas: Nu mal langsam Pussy.

Sonja: Im Gegenteil. Schnell wir haben's eilig.

Jonas: Sie scheuchten uns in einen kleinen Raum.
Kahl, bis auf einen Tisch. Darauf ein Stoß
Spielkarten, Rückseite nach oben, Sonja nahm die
Karten, mischte sie kurz durch.

Sonja: So, der Alte zuerst. Ziehen Sie eine Karte.
Schneller. Drehen Sie sie um.

Willy: Piek Dame.

Sonja: Jetzt ich. Herz König, sie haben verloren
Alter, Pech. Bring ihn raus Natascha.

Willy: Moment, ich bin 64, meine Organe sind
nichts wert, total verbraucht, ich habe eine
Säuferleber und herzkrank bin ich auch.

Sonja: Ihre Organe können Sie behalten, wir wollen
nur Ihr Leben. Sie sind dran.

Jonas: Jonas verlor auch, natürlich, bei diesem
Spiel gewinnt nur die Bank. Die Schlachtbank.
Jonas wurde in einen Lift gesteckt. Von Tatjana
oder Vera oder Maruska, wie immer sie hieß sie
ließ mich nicht aus den Augen. Aber vielleicht
hörte sie schlecht. Ich mußte es versuchen. Sam
steckte im Burnus, in der Kapuze, er war nicht
gerade mitfühlend.

Sam: Ja ja Gevatter, so pflegts zu gehen, Polter
und polter, Kick and Rush Miniüberlegung
Maxiaction, und was passiert, der große Detektiv
plumpst in den Nachttopf, jawoll, in den Harn, in
die Pisse, in die Kacke, Scheiße and so on.

Jonas: Nicht eben wenig.

Sam: Sag ich doch.

Jonas: Halt keine Vorträge, Sammy hilf mir raus,
kannst du was mit dem Lift machen.

Sam: Eine Bagatelle, Chefchen, den siehe so ist
Sammy, sieht man kurz hin, schon ist er drin, im
System, des Liftes, und da tut er was. Anhalten?

Jonas: Mit Schmackes. Plötzliche Notbremsung. Auf
Null. Ich roll mich unten zusammen, Kopf zwischen
die Knie, also 3,2,1,0.

Jonas: Was da gegen die Decke knallte, war meine
Wächterin. Bzw. ihr Kopf, ihren Laser würde sie
nie wieder brauchen. Ich nahm ihn an mich. Und
ließ Sam weiterfahren. Bis zum vorgesehenen Halt.
Die Tür ging auf.

Jonas: Keiner da. Wo sind wir Sammy?

Sam: Einerseits my dear Watson erinnert dieser
Raum in nicht unerheblichem Maße an eine
altmodische Betriebskantine anno 2000.

Jonas: Stimmt genau. Plastiktische, dito Stühle,
Wandautomaten für Sojakaff und Sojaburger,
andererseits die Spinde links.

Sam: Gemahnen an die Garderobe einer Turnhalle,
Herr Sportswart.

Jonas: Das müssen ja merkwürdige Turner sein,
Sammy, sieh mal, bunte Seidenkleider, kurze
Nachthemden, Wickellacken, wer trägt denn so was.

Sam: Alte Römer, euer Unbilden. Was dumpfe
Ignoranz als Laken und Nachthemd erscheint, nennt
der Kenner der klassischen Antike korrekt Toga und
Tunika.

Jonas: Und hier Helme, Brustpanzer, Beinschienen,
Schwerter. Was ist hier los, Sammy, alte Römer,
Klonkiller, du weißt ja, wer Klonkiller einsetzt.

Sam: Si si la corporation es importante.

Jonas: Die Korporation, früher mal Mafia, vor der
großen Umwälzung Ende des Jahrtausends, das
organisierte Verbrechen, die Klonkiller werden von
gekauften Gentechnikern produziert. Wie Dr. Ugarte
selig, siehe Fall Pharao. Aber was hatte die
Korporation bei Mox zu suchen. Der alte Mox hatte
sie sich immer weit vom Leibe gehalten. Was war
passiert?

Sam: Dem sei wie es wolle, trüber Grübulator,
lassen wir dies Problem tunlichst dahingestellt,
bis daß weitere Daten uns zu teil werden, welche
unverzüglich zu sammeln und in die geistige
Scheuer zu schaffen unser vordringlichstes
Anliegen sein möge.

Jonas: Amen Sammy. Lasset uns sammeln. Und wie und
wo.

Sam: So siehe denn dorten jene Tür, hintere Wand
Blindgänger.

Jonas: Ah.

Sam: Ja, siehe sie stehet um ein weniges offen und
aus dem Spalte dringen Geräusche herfür.

Jonas: Stimmen, leise, undeutlich. Also näher ran.
Die Stimmen wurden lauter. Ich blieb stehen,
bewegte nur den Kopf, ganz vorsichtig, bis ich
durch den Türspalt gucken konnte.

Kasbek: Was befielst du, göttlicher Kaiser, welch
Schicksal treffe den Verräter?

Moritz Mox: Na was schon, der Tod natürlich.
Tigellinus, Gefährte meiner Erhabenheit, bring ihn
um.

Kasbek: Es geschehe nach deinem göttlichen Willen
mein Kaiser. Tod dem Verräter.

Willy: Ah!

Kasbek: Heil Kaiser Nero.

Jonas: Der Verräter war tot, erstochen vom Typ im
goldenen Brustpanzer, mit seinem kurzen Schwert.
Nur daß es kein Verräter war. Es war Willy, mein
Freund Zocker Willy.

Moritz Mox: Hast du nicht von zwei Verrätern
gesprochen, Tigellinus. Wo ist der andere.

Kasbek: Ich weiß nicht, müßte eigentlich schon
hier sein.

Moritz Mox: Er ist doch wohl nicht geflohen.

Kasbek: Keine Sorge göttlicher Kaiser, er kann
nicht entkommen, bestrafen wir ihn später. So hast
du Zeit dir was besonders einfallen zu lassen.

Moritz Mox: O ja, nähen wir ihn an Fell und lassen
ihn von den Löwen fressen, ja oder bestreichen wir
ihn mit Pech und verbrennen ihn als lebendige
Fackeln, oder

Kasbek: Später, göttlicher Kaiser, der Kerl läuft
uns nicht weg.

Jonas: Durch den Spalt sah ich Rom, im
Hintergrund, weiße Häuser an Hügeln, Pinien,
Zypressen, darüber tiefblauer Himmel,
holografische Illusionen, vorn ein großer Raum,
weite offene Fenster, eine Couch, ein
Messingbecken, in dem ein Feuer brannte, an den
Wänden ein paar Soldaten in Helm und Rüstung, auf
der Couch lümmelte sich Kaiser Nero, dicklich,
etwa 30, dünner roter Backenbart, in einem lila
Seidenkleid mit Schleppe. Daneben der Typ der
Willy abgestochen hatte. Tigelinus oder wie er
hieß.

Sam: Tigelinus: Kommandeur der Prätorianer, das
heißt der kaiserlichen Garde. Engster Kumpan des
Kaisers.

Jonas: Kommt mir sehr bekannt vor dieser
Tigellinus, wo und wann hab ich ihn schon gesehen.

Sam: Schweif nicht ab, bleib bei will sagen Kaiser
Nero.

Jonas: Alias Moritz Mox. Willy hat er erzählt, daß
Moritz mit Begeisterung Nero spielt, genau Sammy
du sagst es, Moritz spielt Nero in VR. Hat Willy
gesagt. Was wir hier sehen, Rom, Neros Palast,
alte Römer, das ist nie und nimmer virtuelle
Realität. Das ist Wirklichkeit, Sammy.

Sam: Ganz real. Stinknormal. O Jonas...
Vortäuschung falscher Tatsachen durch antiquierte
Mittel. Kostüme, Gips, Kulissen.

Jonas: Was soll das Theater?

Sam: Um diese Frage zu beantworten sollten
Hochwürden ein wenig mitspielen, sich ins Gesehen
mischen, ins alte Rom eindringen.

Jonas: Jonas verwandelte sich in einen
Prätorianer, in einem praktischen Helm mit
Backennasen und Kinnschutz. Eine richtige Maske,
dann wartete ich einen günstigen Moment ab, trat
schnell durch die Tür, bezog Posten an einer
Säule. Und da stand ich nun, still und steif. Mit
offenen Augen und offenen Ohren.

Kasbek: Schon viel zu lange haben wir deine Kunst
entbehren müssen, göttlicher Nero, singe. Singe zu
den Klang der Lyra.

Moritz Mox: Ich weiß nicht, bespare meiner
Bescheidenheit den Auftritt.

Kasbek: Nun, wenn du es denn nicht willst,
erhabender Kaiser.

Moritz Mox: Doch, deine inständigen Bitten
Tigellinus.

Kasbek: Singe o Nero.

Moritz Mox: Und die meiner getreuen Prätorianer.
Meiner getreuen Prätorianer...

Prätorianer: Sing, o Nero.

Moritz Mox: Es sei. Ruhe, absolute Ruhe, auf daß
mein Genie sich entfalte. Ode an Rom. Rom, o mein
Rom, du ewige Stadt, was bist du so häßlich,
potthäßlich bist du, Solo, krumm und schief sind
deine Straßen, baufällig sind deine Häuser, und an
alle deine Ecken pinkeln die Hunde, und deine
Kloaken stinken zum Himmel.

Kasbek: Wunderbar, göttlicher Kaiser, so so tief
empfunden.

Moritz Mox: Ich bin noch nicht fertig, Tigellinus.

Kasbek: Verzeih Erhabener, es riß mich hin.

Moritz Mox: Rom, o mein Rom, du ewige Stadt,
brennen sollst du bis auf den Grund. Bald, bald
bald bald Tigellinus bald bald wird es so weit
sein, und wir werden eine neue herrliche Stadt
erbauen, und ihr Name wird sein Neropolis.

Kasbek: Heil Nero.

Prätorianer: Heil Nero.

Jonas: Ich hatte ihn erkannt. Tigellinus, es war
Kasbek. Kasbek der Vollstrecker, Kasbek von der
Korporation. Vor anderthalb Jahren war ich mit ihm
zusammengestoßen. Fall Attentat. Die Korporation
steckte mit drin im römischen Theater des Moritz
Mox. Wie ich vermutet hatte.

Moritz Mox: Schön böse ich bin gemein.

Ella: Heil Nero.

Kasbek: Es naht die Geliebte deines Herzens, Nero,
die schönte Agte.

Ella: Du hast gesungen, mein Nero, ich vernahm die
wundersamen Klänge. Ein kühles Getränk wird deiner
göttlichen Stimme wohltun. Hier, nimm und trink.

Jonas: Aus einer Seitentür war sie gekommen, mit
einem vollen Becher in der Hand, Agte, alias Ella
von Rensenbrink, im kurzen Hemdchen, niedlich.
Nero trank, dann stöhnte er ein bißchen und legte
sich lang auf die Couch, und da blieb er liegen,
still, regungslos.

Kasbek: Ist er bewußtlos?

Ella: Ja.

Kasbek: Sehr gut. Cut.

Ella: Pause. Die Kleindarsteller in den
Aufenthaltsraum. Nicht umziehen, in etwa einer
Stunde machen wir noch eine römische Szene.

Kasbek: Die letzte.

Jonas: Der Raum war leer, bis auf den bewußtlosen
Nero, Ella, Kasbek und Jonas. Der hatte sich
hinter seiner Säule versteckt, weil er unbedingt
mitkriegen wollte, wie die Sache weiterging. Ella
schob an der linken Wand ein Panel zur Seite,
dahinter Instrumente und ein
Hochleistungsprozessor für gehobene VR-Programme.
Ella drückte auf einen Knopf, das alte Rom
verschwand. Neros kaiserliches Wohnzimmer wurde
zum kahlen Innenraum. Ella setzte Nero und sich
selbst je einen VR-Helm auf, direkte
Hirnstimulation. Der letzte Schrei. Einfacher und
effektiver als die Standardkombination Brille
Anzug Handschuh. Ein Tastendruck. Das VR-Programm
lief an. Kasbek beugte sich über Nero. Eine
Spritze in der Hand.

Kasbek: Sie haben den Vertrag, Ella.

Ella: Hier ist er. Alles klar. Wecken Sie ihn auf,
Kasbek.

Moritz Mox: Au.

Jonas: Los Sammy, rein ins VR-Programm.

Sam: Ich bin oll da sagte der Swinegel.

Jonas: Gut. Wie sieht's aus in der virtuellen
Realität.

Sam: Todschick, teuerste, ein Chefzimmer der
Extraklasse, Mahagoni, Teak, echter Jumibo, ja,
viel schöner als Moritz Moxens richtiges Büro.

Jonas: Was geht vor.

Sam: Sie tritt ein, o, strenges Kostüm, Brille,
die Chefsekretärin par excellenz. Tolles Weib und
so wandlungsfähig.

Jonas: Ella.

Sam: Na wer sonst du Plattfisch, Ella Virtuella,
Virtuella aus dem Keller.

Jonas: Halt die Backen. Was ist mit Moritz Mox?

Sam: Moxens Moritz sitzt am Schreibtisch. Hat ein
bißchen gepoft der Schnarchsack, hebt den Kopf.

Moritz Mox: Was gibt's Ella. Hab gerade ein
Nickerchen gemacht.

Ella: Entschuldigen Sie die Störung, Chef, der
amerikanische Vertrag.

Moritz Mox: Aja, zeigen Sie her. Die Cosanostra
American Gambling Organisation überläßt der Firma
Mox alle ihre Kasinos, Salons etc. etc. in Las
Vegas, Reno, Atlantic City etc. etc., das ist doch
wunderbar... Wir sind doch jetzt die größten, Mox
international, imperial, global.

Ella: Sie brauchen nur noch zu unterschreiben,
Chef.

Moritz Mox: Ja, wo hab ich denn den Stift.

Jonas: Moritz Mox unterschrieb, in der virtuellen
Realität und in der realen. Ein reales
Schriftstück, das Ella ihm vorlegte, mit einem
realen Stift, den sie ihm in die Hand drückte.
Dann lag er wieder auf der Couch. Dafür hatte
Kasbek gesorgt mit einer zweiten Spritze.

Ella: Hiermit überträgt Firma Mox Babylon ihr
gesamtes Vermögen, fest und beweglich, der Lucky
Chance Inc. Nassau Bahamas.

Kasbek: Das heißt der Korporation.

Ella: Für Euros 100.000, Unterschrift Moritz Mox.

Kasbek: Wunderbar. Wir übernehmen Mox.

Ella: Sauber legal und völlig unblutig.

Kasbek: Abgesehen von Moritz Mox natürlich, der
muß weg, aber das unter uns bleiben. Ihr Honorar
haben Sie sich weiß Gott verdient, Ella. Schon für
ihre absolute Superidee, die reale und virtuelle
Realität bei Moritz Mox einfach zu vertauschen.
Und ihm so seine Unterschrift abzutricksen.
Brillant.

Sam: Na ja sagen wir ganz ordentlich für einen
Menschen.

Jonas: Moment mal Sammy, was hat Ella gemacht?
Genau mein ich.

Sam: Oje, wieder mal nix kapiert, was du
Lahmbregen. Also paß mal Obacht. Zuerst war Moritz
Mox Kaiser Nero in VR und in Wirklichkeit Moritz
Mox, Erbe und nach Papis Dahinscheiden Besitzer
der Firma Mox, alles klar.

Jonas: Sicher Sammy und dann?

Sam: Dann hat die böse Virtuella das ganze
umgedreht, jetzt ist Moritz in der wirklichen
Realität Nero und in der virtuellen Firmenchef.
Sie hat das so clever gemacht, daß der liebe
Moritz nichts mitbekommen hat, mit Drogen, ein
bißchen Illusionstheater und unter gütigen
Mithilfe der Korporation.

Jonas: Klonkiller. Statisten, Kasbek als
Tigellinus, Und während der ahnungslose Moritz den
Chef nur simuliert hat, haben Ella und ihre
Auftraggeber von der Korporation die wirkliche
Leitung der Firma übernommen.

Sam: Zunächst de facto, nunmehr auch de jure. Na
bitte, haben es doch noch geschnallt, nich Nulli.
Bravo

Kasbek: Endlich Schluß mit dieser idiotischen
Römerspielerei.

Ella: Noch eine Szene Kasbek, das haben Sie mir
versprochen. Moritz soll seinen Abgang als Nero
kriegen. Wir machen weiter, die Kleindarsteller
auf ihre Plätze.

Kasbek: Passen Sie bloß gut auf den Vertrag auf,
Ella, wenn der verloren geht, war alles umsonst.

Ella: Keine Sorge, Kasbek, Sie sehen, ich nehme
ihn mir zu Herzen, in meinem Ausschnitt ist er
sicher.

Kasbek: Da wäre übrigens noch was zu bereinigen.
Dieser lästige Typ.

Ella: Jonas, richtig, den sollten wir zusammen mit
Moritz abservieren. Bringt Jonas her.

Jonas: Überraschung. Hinter mir klapperte was, ich
drehte mich um, Sonja mit zwei Schwestern,
verkleidet als Römerinnen, mit Laserstrahlern, ein
Stilbruch.

Kasbek: So sieht man sich wieder, Jonas.

Ella: Haben Sie wirklich gedacht, wir merken
nicht, daß Sie sich hier herumdrücken?

Kasbek: Wissen Sie was das ist?

Jonas: Empfänger für einen Mikroorter.

Ella: Und wo mag er wohl stecken der kleine
Mikroorter? Na?

Kasbek: In ihrem Magen. Jonas.

Jonas: Fraktal Mandelbrot.

Kasbek: Mandelbrots Whisky, ganz recht, den Orter
hat er von uns.

Ella: Sehen Sie, Mandelbrot hat was läuten hören
von einer bevorstehenden Übernahme der Firma Mox
durch die Korporation.

Kasbek: Er hat Sie engagiert, um Druck auf uns zu
machen, Sie wurden lästig, und wir haben uns mit
Mandelbrot engagiert, er kriegt 2 Millionen.

Jonas: Nicht eben wenig.

Ella: Die arme kleine Mona wird fürchte ich, leer
ausgehen.

Kasbek: Neros Tod, Ella, bringen wir's hinter uns.

Jonas: Mit einem Knopfdruck waren wir wieder im
alten Rom, aber nicht mehr im Kaiserpalast, der
Raum war jetzt kleiner, draußen keine Häuser mehr,
nur Landschaft. Kasbek weckte Nero.

Ella: Alles ist verloren, Geliebter.

Kasbek: Die Prätorianer sind zu Galba
übergelaufen, Häscher sind dir auf den Fersen. Sie
werden dich fangen. Dann wirst du im Colloseum zu
Tode gemartert.

Moritz Mox: O ihr Götter was soll ich tun?

Ella: Sei ein Mann, Geliebter, gib dir den Tod.

Kasbek: Hier Nero, mein Schwert.

Moritz Mox: Ich kann nicht.

Kasbek: Dann werde ich es für dich tun.

Moritz Mox: Au, das tut weh.

Ella: Nur sensorische Simulation, Chef, ihre
letzten Worte.

Moritz Mox: O welch ein Künstler geht mit mir zu
Grunde.

Kasbek: Erledigt. Und jetzt Sie, Jonas, wie hätten
Sie’s denn gern, römisches Schwert oder Laser 21.
Jahrhundert.

Jonas: Wenn Sie mich schon fragen Kasbek. Weder
noch.

Ella: Was erlauben Sie sich?

Jonas: Ella war empört. Jonas hatte ihr in den
Ausschnitt gefaßt und den Vertrag rausgeholt,
jetzt hielt er ihn über die glühenden Kohlen im
Messingbecken. Kasbek und seine Killer waren
kaltgestellt, sie konnten Jona weder abstechen
noch ablasern.

Jonas: Dann fällt ihr kostbarer Vertrag ins Feuer.
Und das wär doch schade, wo Sie sich so viel Mühe
gegeben haben.

Kasbek: Wie geht's jetzt weiter, Jonas, wollen Sie
so stehenbleiben, bis Ihr rechter Arm lahm wird.

Jonas: Hab ich nicht vor, Kasbek. Einen
Laserstrahler in meine linke Hand. Na wird's bald.
Gut so, Waffen weg, alle an die Wand, auf den
Boden, Gesicht nach unten. Ganz ruhig bleiben und
immer schön dran denken, Jonas hat den Vertrag.

Jonas: Ich ging rückwärts, durch die Tür, durch
den Aufenthaltsraum, in den Lift, runter, Sammy
blockierte den oberen Zugang. Jonas hatte ein
bißchen Zeit, bis Kasbek und Konsorten einen
andern Lift fanden. Nicht daß es mir viel brachte.

Sam: Virtuella hat über Fon alle Ausgänge besetzen
lassen, o Dr. Jonas auf der Flucht.

Jonas: Sie wollen den Vertrag, ob sie mich laufen
lassen, wenn ich ihn zurückgebe.

Sam: Du glaubst wohl an das Weihnachtsmännchen, du
unschuldvoller Engel, du, ja sieh dich an.

Jonas: Was?

Sam: Sieh dich an, Witzfigur.

Jonas: Ja, ich hab noch die römische Rüstung an,
meinst du das, Sammy.

Sam: Ein interessantes Ausfit, mein Viles
Gloriosus, dürfte erhebliches Aufsehen erregen.
Vor allem an einem Orte, welcher der Stille und
der intellektuellen Muse geweiht ist und welcher
zu dieser Stunde von einer gewissen hochgestellten
Persönlichkeit frequentiert wird. Äh, wir
verstehen uns auf dieser Welle, gelle.

Jonas: Fünf Minuten später, ein römischer
Prätorianer stürmt die friedliche Schachecke im
ersten Stock des Moxcenters. Er klirrt und
klappert und brüllt laut was Sam ihm leise
souffliert.

Jonas: Hannibal ante portas. Panem et cercensis.
Per aspera ad astra.

Bürgermeisterin von Babylon: Was ist da los? Ruhe
bitte!

Jonas: Cogito ergo sum. Errare humanum est.

Bürgermeisterin von Babylon: Ich bin
Bürgermeisterin Paretzky.

Jonas: Nomina sunt udiosa. Leges inter arma.

Bürgermeisterin von Babylon: Silentium. Verdammt
noch mal.

Kasbek: Wir kümmern uns um diesen Irren, Frau
Bürgermeisterin, die internen Sicherheitskräfte
sind alarmiert, gleich sind sie hier.

Bürgermeisterin von Babylon: Lassen Sie nur, guter
Mann, das übernimmt meine Leibwache. Festnehmen
den Kerl, abführen. Wartet draußen mit ihm bis ich
komme.

Jonas: 4 Stunden später, früher Morgen, Jonas kam
nach Hause.

Sam: Jaja, drei Dinge braucht der Jonas, ein
Bildfon, den ominösen Vertrag, und ein
Streichholz.

Jonas: Alles da, Sammy, dann mach mal ein
Bildfonverbindung mit der Firma Mox, Direktion,
Ella von Rensenbrink.

Sam: Leitung steht. Hallo, Hallo Virtuella, mein
Schatz ja hier will wer was von dir.

Ella: Jonas? Sie haben Nerven.

Jonas: Schauen Sie her, Ella, das ist der Vertrag,
das ist ein Streichholz, das war der Vertrag.

Ella: Das wird die Korporation ihnen heimzahlen
Jonas.

Jonas: Glaub ich nicht, sehen Sie, ich hab die
ganze Geschichte der Bürgermeisterin erzählt. Wenn
die Korporation mir was tut, kriegt sie mehr Ärger
als ich wert bin. Schreiben Sie doch den Verlust
einfach ab. Und Kopf hoch. Neuer Tag, neues Glück.
Grüßen Sie unseren Freund Kasbek.

Sam: Ja, und Kopf hoch.

Jonas: Gegen Mittag machte ich einen Besuch in der
Villa Mandelbrot. Moritz ist tot, Mona erbt. Sagte
ich dem Hausherrn. Und der hörte interessiert zu.

Mandelbrot: Als Monas Stiefvater werde ich die
Treuhänderschaft des Moxvermögens übernehmen
müssen, eine schwere Last, Herr Jonas, eine große
Verantwortung.

Jonas: Dazu werden Sie keine Zeit haben, Dr.
Mandelbrot.

Mandelbrot: Wie meinen.

Jonas: Die Korporation ist stinksauer, auf Sie,
Dr. Mandelbrot, weil Sie Jonas ins Spiel gebracht
haben und weil die Korporation deshalb das Spiel
verloren hat. An mich kommt man nicht ran, also
wird man sich an Sie halten.

Mandelbrot: O Gott, o Gott, was soll ich tun?
Helfen Sie mir, Herr Jonas, raten Sie mir bitte.

Jonas: Packen Sie Ihre Koffer, verreisen Sie.

Mandelbrot: Ja, ja verreisen. Wohin?

Jonas: Weit weg, zum Südpol.

Mandelbrot: In Ordnung.

Jonas: Nach Bora Bora, und kommen Sie nicht
wieder.

Mona: Gute Reise Stiefpapa.

Jonas: Hallo Mona, wieder mal an der Tür
gelauscht.

Mona: Na und? Ich bin jetzt reich, eine reiche
Frau darf alles.

Jonas: Machs gut. Ich schick dir meine Rechnung.

Mona: Bezahlen kann ich aber erst in einem halben
Jahr, wenn ich volljährig bin.

Jonas: Sammy, ob sie wohl im August noch dran
denkt?

Sam: Häh die nie.

Mona: Herr Jonas, verkaufen Sie mir Sammy?

Jonas: Vielleicht, Mona, ich überlegs mir.

Das war Virtuella. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Adelheid Arndt, Nadja
Rüpprecht, Rainer Basedow, Wolf Euba, Reinhard
Glemnitz, Torsten Nindel und andere (Anne Marie
Bubke, Stefanie Burkart, Christiane Blumhoff,
Werner Klein). Ton und Technik: Daniela Röder und
Günter Heß. Assistenz: Holger Buck. Regie: Werner
Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks
aus dem Jahr 1995. Redaktion Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Kopfjäger

Jonas: Der Klimadom war kaputt. Endgültig. Die
Schleusen des Himmels hatten sich geöffnet.
Babylon soff ab. Sintflut. Weltuntergang.
Großalarm.

Sam: Tatü Tata...

Jonas: Das Wasser stieg und stieg. Als es mir in
Mund und Nase lief, wachte ich auf. Kein Wasser,
keine Sintflut. Ein Traum. Aber der Alarm war noch
da. Unüberhörbar. Innervierend. Sam, natürlich,
Sammy, wer oder was sonst.

Jonas: Halts Maul. Wie spät?

Sam: Drei Uhr 17 Minuten und 9 Sekunden, wenn’s
beliebt, Tatü Tata!

Jonas: Mitten in der Nacht. Machst du einen
widerlichen Radau. Was ist los?

Sam: Alarmstufe Rot, Genosse. Knallrot. Feuerrot.
Priorität 1a. Jetzt nimm endlich ab, das Fon. Tatü
Ta...

Jonas: Jajajajaja. Jonas. Nur Jonas, der letzte
Detektiv. Wenn Sie mich wegen irgendwelchem
Pipifax geweckt haben, wird’s Ihnen Leid tun.

Pelican: Pipifax? Ihr Leben will ich retten!

Jonas: Doch nicht so früh, aber nett von Ihnen.
Augenblick. Woher kommt der Anruf, Sam?

Sam: Piep. Supermedia Betriebskrankenhaus.

Jonas: Supermedia, einer der größten Holoanbieter,
der größte, genaugenommen. Neben Network. Der Boß
heißt Beringer, Adolf Beringer, zweimal waren wir
zusammengerasselt, und zweimal hatte Jonas knapp
nach Punkten gewonnen.

Sam: Siehe Fall Megastar. Siehe Fall Westfront.

Jonas: Olle Kamellen, Sammy, geh auf Bildfon.

Sam: Ja.

Pelican: Genau was ich Ihnen vorschlagen wollte,
Herr Jonas, damit Sie wissen daß es mir ernst ist.

Sam: Der hat was am Kopf, Chef.

Pelican: Was sehen Sie, Herr Jonas?

Jonas: Eine weiße Kugel, ihr ehrenwertes Haupt,
wie ich vermute, verbunden und umwickelt, wer sind
Sie?

Pelican: Peter Pelican, besser bekannt als Pepe
mit der roten Nase. Sagt Ihnen nichts? Supermedias
berühmter und beliebter Holoclown.

Jonas: Aus Kidishows mache ich mir nichts, Herr
Pelican, aber ich kenne Sie natürlich, das heißt
Ihren Namen.

Sam: Siehe Fall Weihnachtsmärchen.

Jonas: Weihnachten 2013, vor einem viertel Jahr.
Da hatte ich Pelican ein Fax geschickt, es ging um
seinen schärfsten Konkurrenten, um Conrad Coburg.
Coco mit dem goldenen Herzen, Networks berühmten
und beliebten Holoclown. Jonas hatte ein paar
häßliche Dinge über Coburg rausgekriegt.
Organschiebereien, Kinderhandel, gar nicht gut
fürs kinderliebe Image. Jonas hatte Pelican
informiert, und der hatte die Sache an die
Öffentlichkeit gebracht. Coburg verlor seinen Job,
seinen Ruf und jede Chance auf einen neuen Anfang.

Pelican: Deshalb ruf ich Sie an, Herr Jonas, wegen
Coburg.

Jonas: Wollen Sie sich bedanken.

Pelican: Genau das, Herr Jonas, mit Rat und Tat
gewissermaßen. Coburg ist nämlich total
ausgerastet, er ist untergetaucht und hat
gewaltige Kopfgelder ausgesetzt auf alle, die an
seinem Sturz beteiligt waren, auf mich, auf Ihre
Kollegin Valerie.

Jonas: Genannt die allerletzte Detektivin.

Sam: Oder auch Val, von wegen Jonas und der Wal,
hahaha, ja, das ist ein Witz.

Pelican: Ach so.

Sam: Ja.

Jonas: Sam ist mehr als ein Witzbold, viel viel
mehr. Es ist Rechner, Redner, Lexikon,
Sprücheklopfer, Musikmacher, Radaubruder,
Krawalltüte, Nervensäge, unschätzbare Hilfe für
seinen Herrn und Meister, wenn ihm danach ist.
Clevere Spinne im Internet, rücksichtsloser
Geisterfahrer auf der Datenautobahn, Sam ist mein
Computer, klein drahtlos, verwegen. Und laut.

Sam: Worauf Hochwürden einen lassen können.

Pelican: Ihr Kopf ist der teuerste. Herr Jonas.

Jonas: Wie teuer?

Pelican: Eine halbe Million Euros hab ich gehört.

Sam: Ist er nicht wert.

Jonas: Gehört, von wem, Herr Pelican.

Pelican: Von den beiden Schlägern, die mich
überfallen haben, gestern im Parkhaus von
Supermedia, zum Glück kam gerade der Werkschutz
vorbei, sonst wäre ich jetzt tot.

Jonas: Danke für die Warnung, Herr Pelican.

Pelican: Ich kann mehr für Sie tun als Sie warnen,
Herr Jonas. In dankbarer Anerkennung ihrer
Verdienste um Supermedia macht Ihnen die Leitung
unseres Hauses ein Angebot.

Jonas: Beringer? Kann ich mir nicht vorstellen,
der ist nicht gerade ein Freund von Jonas.

Pelican: Herr Beringer kümmert sich nicht um
Details, Herr Beringer bestimmt nur noch die
großen Linien der Programmpolitik von seiner Villa
auf Lanzarote aus, das Angebot macht ihnen unser
geschäftsführendes Direktorium.

Jonas: Und zwar?

Pelican: Wir offerieren ihnen einen erstklassigen
Bodyguard, Herr Jonas, zu ihrer freien Verfügung,
bis Coburg gefaßt ist.

Jonas: Sagen Sie Ihrem geschäftsführenden
Direktorium besten Dank.

Sam: Ding dong heißen Dampf.

Pelican: Sie nehmen an, Herr Jonas.

Jonas: Nein, Jonas kann auf sich selbst aufpassen.

Pelican: Wie Sie wollen, Herr Jonas, rufen Sie
mich an falls Sie Ihre Meinung ändern.

Jonas: Am nächsten Morgen mußte ich früh raus, aus
dem Bett, aus meinem Büroapartment, aus dem Haus.
Die Stadt Babylon wollte was von Jonas, dringend,
100 Euros jedes Viertel Jahr, dafür kriegte ich
einen Stempel in meine Lizenz vom Amt für
Freiberufler, Unterabteilung 1113 (F13),
Hostessen, Spieler, Privatdetektive, im
Bezirksrathaus, nicht weit, an der Piazza
Sewastopol. Ich ging zu Fuß, zügig aber
vorsichtig, hielt mich dicht an den Wänden, sah
mich öfter um. Nichts Verdächtiges in Sicht, kein
Coburg, kein Kopfjäger. Überhaupt wenig Passanten
um diese Zeit. Eine Frau mit Kinderwagen, oben an
der großen Freitreppe zur Piazza, als Jonas vorbei
kam, knickte plötzlich ihr linkes Bein weg, sie
griff sich an die Wade, ließ den Wagen los, der
fing an zu rollen, über die Stufen nach unten,
immer schneller.

Frau mit Kinderwagen: Baby? Hilfe, Sie, mein Herr,
bitte, laufen Sie, halten Sie den Wagen fest,
retten Sie mein Baby, ich kann nicht, ein Krampf,
bitte!

Jonas: Ritter Jonas sprintete die Stufen runter,
dem Wagen nach. Irgendwie kam mir die Situation
bekannt vor. Ein Kinderwagen, der eine Treppe
runterrollt, das hatte ich schon mal gesehen. Und
Sam wußte wo.

Sam: Auf der Leinwand, du Alzheimer, in der
Kinemathek, Panzerkreuzer Panjunki. Uraltfilm,
schwarzweiß, black and white und äh.

Jonas: Und was und?

Sam: Stumm.

Jonas: Halt die Backen, Sammy, keine Zeit für
cineastische Reminiszenzen.

Sam: O Gott o Gott, wer hat dir bloß so schwere
Wörter gelernt.

Jonas: So, gleich hab ich den Wagen.

Sam: Nein.

Jonas: Doch. Noch zwei Schritte.

Sam: Kein Baby im Wagen. Bloß Metall und Plastik.

Jonas: Ein Robot?

Sam: Mit Babyvokoder. Alarm! Alarm! Alarm! Alarm!
Alarm!

Jonas: Ich sah kurz über die Schulter, die Frau
war verschwunden, Sam in meiner Tasche brüllte mit
dem Robobaby um die Wette. Jonas machte einen
Hechtsprung zur Seite, weg vom Kinderwagen. Keine
Sekunde zu früh.

Sam: Alarm, ne Alarm vorbei, Bombe explodiert,
Kinderwagen zertrümmert. Wie sieht's aus, Chef,
Leben noch frisch?

Jonas: Im Prinzip ja, Sammy, ein paar
Abschürfungen, eine Beule am Kopf.

Sam: Naja, allwo sie keinerlei Schaden anrichten
dürfte.

Jonas: Ein Helikopter direkt über Jonas, laut und
bedrohlich, noch ein Attentat? Ich zog den
Revolver, sah nach oben.

Alouette: Wunderbar, bleib so, Jonas, so
verdattert, halt diesen dämlichen Ausdruck,
perfekt, Privatdetektiv unter Schock nach
Babyattacke, danke, rühren, jetzt noch ein paar
Meter Kinderwagentrümmer.

Jonas: Kein Attentäter. Alouette, Babylons
bekannte Heli-Reporterin, tag und nacht ist sie
unterwegs in ihrem Helikopter, über den Straßen
und Plätzen der großen Stadt, immer auf der Suche
nach einem knackigen Unfall, einem saftigen
Massaker, wenn sie was findet, geht sie runter und
schießt, mit ihrer Holokamera.

Alouette: So, das reicht für einen 10-Sekundenspot
in der Bezirkssendung auf Supermedia Lokal. Machs
gut Jonas. Man sieht sich.

Jonas: Man sieht sich, man kennt sich, man mag
sich sogar, im allgemeinen sind Heli-Reporter
unbeliebt, nicht bei Jonas. Alouette macht ihren
Job, wie ich meinen. Dieselben Typen, die Alouette
Aasgeier schimpfen, kriechen fast in den
Holokasten, wenn ihr Material läuft. Jonas holte
sich den Stempel. Keine besonderen Vorkommnisse
auf dem Nachhauseweg.

Sam: Whisky Sir.

Jonas: Besser nicht, Sammy, besser klaren Kopf
behalten. Sojakaff, so schwarz wie meine

Sam: Füße?

Jonas: Wie meine Stimmung.

Sam: Hehe.

Jonas: Das war knapp eben auf der Piazza.

Sam: Ja, ein wahrlich cleveres Szenario, oh du
Schutz der Witwen, Schirm der Waisen, Retter der
Enterbten, Verderbten, Gekerbten, Versterben.

Jonas: Genervten.

Sam: Was?

Jonas: Auch wenn sich's nicht ganz reimt.

Sam: Hilflose Frau, rollender Wagen, schreiendes
Kind, da muß mein Jonas ja seinen Verstand
ausknipsen, das bißchen Rest, was er sein Eigen
nennt.

Jonas: Das war Profiarbeit, Sam, vielleicht Ex und
Hopp, oder Freischaffende.

Sam: Tja, sollten euer Leichtfertigkeit jetzt
nicht doch lieber den Pelican fonen. Von wegen des
offerierten Bodyguards.

Jonas: Sollte ich, Sammy.

Sam: Hinweg mit dem Schwanken, dem Zaudern und
Kranken, denn siehe er ist es, welcher uns da
font, hmh, der Liebling der Kleinen, der
Großmeister der Komik.

Jonas: Ja?

Pelican: Pelican. Haben Sie’s schon gehört, Jonas?

Jonas: Daß ich fast in die Luft geflogen wäre.

Pelican: Sie, wieso Sie, nein Ihre Freundin
Valerie hat’s erwischt in ihrem Miniapartment in
der Südstadt.

Jonas: Bombe?

Pelican: Ganz altmodische Buschmesser. Ein
Blutbad. Sehen Sie sich in den Holonews an.

Jonas: Arme Valerie.

Sam: Requiescat in pace. Aus ihr wäre nie eine
gute Detektivin geworden, nein nein. Amen.

Pelican: Was halten Sie jetzt von unserem Angebot,
Herr Jonas.

Jonas: Schicken Sie ihn in Gottes Namen rum Ihren
Bodyguard.

Pelican: Gratuliere, Herr Jonas, ein äußerst
vernünftiger Entschluß.

Jonas: Wer weiß, aber das würde sich zeigen. Gut
zwei Stunden später war er da.

Wayne: Ihr Bodyguard, Herr Jonas, von Supermedia.

Jonas: Kommen Sie rein, die Tür ist nicht
abgeschlossen.

Wayne: Doch nicht so, Herr Jonas. Machen Sie bitte
die Tür weit auf und stellen Sie sich so, daß ich
Sie von außen sehen kann.

Jonas: Kein Grund zum Mißtrauen, Cowboy, ich bin
ihr Schützling. Ich tue ihnen nix.

Wayne: Professionelle Routine, Herr Jonas.

Jonas: Kommen Sie schon rein, Cowboy, weisen Sie
sich aus.

Jonas: Er war jünger als Jonas, etwas kleiner,
genauso breit. Dokumente in Ordnung, Wayne hieß
er, Jim Wayne, Ausbildung auf der Bodyguard-
Akademie Dallas, Texas, ein Gastsemester in
Grosny, Abschluß summa cum laude, diverse
Einsätze, alle erfolgreich, soweit so gut, Sammy
mochte ihn nicht, warum?

Sam: Keine Ahnung euer Ehren, aber ich komm schon
noch dahinter.

Wayne: Riegel vor. Ihre Tür sollte immer
verschlossen sein, Herr Jonas, Fenstervorhänge zu,
haben Sie keine Jalousie, Herr Jonas, kein Rollo,
bodenloser Leichtsinn, Herr Jonas, setzen Sie sich
auf den Fußboden.

Jonas: Langsam, Cowboy.

Wayne: Nennen Sie mich Jim, Jonas.

Jonas: Nennen Sie mich Herr Jonas, Cowboy, jetzt
setzen Sie sich mal hin und hören mir zu, in
meinem Büroapartment hat nur einer das sagen.

Wayne: Jawohl, Jonas, Jonas, der große, der
mächtige, der einzige und Sammy, sein Prophet,
merken Sie sich das gefälligst, gell.

Jonas: Alles klar, Cowboy.

Wayne: Aber das ist professionelle Routine, Herr
Jonas, das muß so sein.

Jonas: Das haben Sie so gelernt Cowboy, in Dallas
und in Grosny, hier ist Babylon, Cowboy, hier
bestimmt Jonas, wo’s langgeht, Sie laufen
hinterher, Cowboy, und passen schön auf. Und wenn
Ihnen das nicht paßt, dann nehmen Sie Ihr
Bodyguarddiplom und

Sam: Und schieben es sich da rein wo's weh tut,
nämlich quer.

Jonas: Und verschwinden wieder, verstanden,
Cowboy?

Wayne: Kein Problem, Herr Jonas, Sie sind der Boß.
Was haben Sie vor?

Jonas: Wir werden uns nicht im Haus verschanzen
und abwarten, Cowboy, viel zu passiv, wir werden
aktiv. Wir gehen raus.

Wayne: Wie Sie meinen, Herr Jonas. Wir gehen raus.
Wohin?

Jonas: Hinter den Anschlägen steckt Conrad Coburg,
korrekt.

Wayne: Korrekt Herr Jonas.

Jonas: Wenn wir Coburg schnappen, hören die
Anschläge auf, korrekt.

Wayne: Korrekt Herr Jonas.

Sam: Herr Lehrer, Herr Lehrer, darf Sammy was
fragen.

Jonas: Von mir aus Sam.

Sam: Wo finden wir den Coburg Genosse, na, wo
steckt der Schuft, wo hat er sich verkrochen.

Jonas: Gute Frage Sammy.

Wayne: Die ich ihrem Computer vielleicht
beantworten kann Herr Jonas. Herr Pelican hat mir
nämlich einen Tip gegeben.

Jonas: Coburg war nicht immer der berühmte
Holoclown von Network gewesen, Coburg hatte klein
angefangen, ganz klein, als Studioarbeiter bei
Supermedia vor langer, langer Zeit, als Holoserien
noch nicht digital produziert wurden, sondern
real, mit wirklichen Schauspielern, mit echten
Requisiten in richtigen Studios. Jonas kannte das
verlassene Studiogelände von Supermedia.

Sam: Siehe Fall Megastar, zweieinhalb Jährchen
sind's nun her.

Jonas: Viel wird sich da nicht verändert haben,
Sammy, ein bißchen mehr Staub, ein bißchen mehr
Müll.

Sam: Absolute dead trouser, Sir, tote Hose.

Wayne: Das perfekte Versteck für einen gesuchten
Verbrecher falls Sie mir die Bemerkung gestatten,
Herr Jonas, und falls Sie vorhaben, das
Studiogelände aufzusuchen, Supermedia stellt ihnen
eine E-Limousine zu Verfügung.

Jonas: Die stand auf der Straße vor dem Haus,
Jonas durfte nicht gleich einsteigen, erst legte
sich der Cowboy auf den Rücken und schob sich
unter den Wagen, wegen Haftladungen etc.
Professionelle Routine.

Wayne: Reifen OK, Leitungen auch, jetzt noch der
Akku.

Killer: Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv?

Jonas: Wer will das wissen?

Killer: Mein Laserstrahler. Ahh...

Jonas: Schnell war er, der Cowboy, ehe ich meinen
Revolver aus dem Halfter hatte, zog er eine
abgesägte Schrotflinte aus dem Hosenbein. Der
bedröhnte Typ kam gar nicht mehr dazu seinen Laser
abzudrücken, er fiel um, in einem Feuerwerk
blutiger Fontänen.

Wayne: Mit der Schrothflinte arbeite ich gern,
Herr Jonas, viel zuverlässiger als ein Laser.
Unter uns, Herr Jonas, sie macht so ein
befriedigendes Geräusch.

Alouette: Da ist also wirklich was dran Jonas?

Jonas: Woran Alouette?

Alouette: Daß ein hohes Kopfgeld auf dich
ausgesetzt ist. Geh mal Stück zur Seite. Total
durchsiebter Killer schwimmt im eigenen Blut, das
muß groß ins Bild. Sowas reißen sie mir aus den
Händen, mach so weiter Jonas, das ist gut fürs
Geschäft.

Jonas: Krieg ich Prozente, Alouette?

Alouette: Mal sehen. Bis bald Jonas. Ich bleib in
der Nähe.

Jonas: Das alte Studiogelände von Supermedia war
noch genauso, wie ich es in Erinnerung hatte, eine
weiträumige Geisterstadt, kein Laut, kein Mensch,
nicht mal ein Geist, große Hallen mit verrotteten
Dächern, zerfallene Schuppen, Schrotthaufen,
zerfressene Kabel und Staub, überall Staub, dick
und gleichmäßig wie ein grauer Teppich, ein
Teppich, den seit Ewigkeiten niemand betreten
hatte. Auf den ersten Blick jedenfalls. Der Cowboy
sah zweimal hin und fand was.

Wayne: Spuren, Herr Jonas, im Staub.

Jonas: Schuhe und Reifen.

Wayne: Frische Spuren, wenn Sie mich fragen Herr
Jonas.

Jonas: Wann hat’s zuletzt geregnet Sammy?

Sam: Nu warten Sie mal mein Gutester. Gestern
war's, am 11. März 2014. Das vom Turme schlug die
9. Stund.

Wayne: Was meinen Sie Jonas, Coburg?

Sam: Ne. Bamberg.

Jonas: Möglich. Die Spuren führten zu einer
abgelegenen Halle, wir folgten ihnen, vorsichtig,
mit gezogenen Waffen, professionelle Routine,
durch die offene Tür, in den leeren Innenraum,
nein, nicht leer, nicht ganz, durch ein Loch im
Dach fiel Licht auf das entgegengesetzte Ende der
Halle, da stand ein Sessel, ein altmodischer
Ohrensessel, Blümchenbezug, geschwungene Armlehen,
im Sessel saß einer, stocksteif, regungslos,
still. Wir blieben an der Tür stehen. Wie ging's
weiter.

Wayne: Wenn Sie freundlicherweise hier warten
würden, Herr Jonas, lassen Sie mich vorangehen,
und die Lage abchecken, das ist mein Job.

Jonas: OK, Cowboy, ich geb Ihnen Deckung,
professionelle Routine.

Wayne: Danke, Herr Jonas.

Sam: Halten zu Gnaden, Exzellenz, der Kerl ist mit
Nichten und Neffen astrein.

Jonas: Der im Sessel.

Sam: Der auch, aber Sammy meint den Cowboy, Jimmy
Wayne, den allseits bekannten vollakademischen
Bodyguard, summa cum laude, pingpong pipapo.

Jonas: Was stört dich an ihm?

Sam: Wie er atmet, ein und aus, präziser wie oft.

Jonas: Seine Atemfrequenz, was ist damit.

Sam: Die ist immer die gleiche, 30 Schnaufer pro
Minute, egal was er macht, ob er geht oder steht,
ob er schweigt oder redt, ob ihm warm ist oder
kalt, ob er mit der Flinte knallt, immer genau 30
Atemzüge.

Jonas: Das gibt's nicht, Sam.

Sam: Das ist so, außerdem der Kerl sendet.

Jonas: Bist du sicher?

Sam: Blöde Frage und so unnötig. Sicherheit dein
Name ist Sam.

Jonas: Was sendet er?

Sam: Weiß ich noch nicht, verschlüsselt. Gefällt
mir gar nicht.

Jonas: Meinst du mir. Kannst du die Sendung
blockieren.

Sam: Vielleicht, mal probieren?

Wayne: Der Mann auf dem Sessel ist Coburg, Herr
Jonas.

Jonas: Ich ging näher ran. Tatsächlich. Conrad
Coburg, Exholoclown, Krimineller, Kopfgeldspezie,
da saß er, verschnürt, verklebt, geknebelt, seine
Augen waren weit aufgerissen, die Augäpfel rollten
hektisch, als ob er uns dringend was mitteilen
wollte, ansonsten tickte er, unaufdringlich,
regelmäßig. Moment, Coburg tickt.

Wayne: Zurück, Herr Jonas!

Jonas: Sollte man ihm nicht den Knebel aus dem
Mund.

Sam: Klar doch, und ihm die Nase putzen und den
Hintern abwischen, ach hau ab du Volltrottel.

Jonas: Sam, sag doch was du meinst, Bombe, Sammy.

Jonas: Eine Bombe im Sessel, der hatte sich in
seine Bestandteile aufgelöst, Coburg desgleichen,
der Cowboy und Jonas rappelten sich auf, und
betrachteten die Stätte der Verwüstung, dann sahen
wir hoch, durchs Loch im Dach auf Alouette in
ihrem Helikopter.

Alouette: Hallo da unten, aller guten Dinge sind
drei, was Jonas.

Jonas: Halten Sie doch kurz mal meinen Computer,
Cowboy.

Sam: Hey, ich bin kein Lasso.

Jonas: Andererseits auf drei Beinen kann man nicht
stehen Alouette.

Alouette: Aber nur wenn man ein Esel ist,
wiedersehen Jonas.

Jonas: Jonas war ein Esel, Jonas hatte sich aufs
Glatteis locken lassen, die ganze Geschichte
stimmte hinten und vorne nicht. Coburg würde sich
doch nicht selbst in die Luft sprengen, nur um
Jonas zu erwischen, und dann dieser merkwürdige
Body-guard mit dem gleichmäßigen Atem und dem
ausgeprägten Sendungsbewußtsein.

Sam: Doch ist dies noch nicht alles, Herr und
Meister, höre und staune, unser Freund, der Cowboy
hat immer denselben Puls und denselben Blutdruck.

Wayne: Ach, deshalb haben Sie mir ihre quäkende
Blechdose in die Hand gedrückt.

Sam: Nananananana, und schwitzen tut er auch
nicht, kein einziges Tröpfelchen.

Jonas: Professionelle Routine, Cowboy.

Wayne: Könnte man sagen, Herr Jonas, stehen Sie
bitte ganz still, und nehmen Sie die Hände hoch.
Ahh!

Sam: Ja, das piept im Lockenköpfchen, gelle,
mach's Maul zu. Jonas, Jammerdam steh nicht blöd
rum, Sammy kann die Gehirnströme nur kurz
blockieren, tu was, schnapp dir ein Sesselbein und
zieh's ihm über die Rübe. Na bitte, s geht doch.

Jonas: Sammy hatte ihn durchschaut, nur eine
Maschine kann eine andere Maschine erkennen,
besonders wenn die als Mensch maskiert ist, der
Cowboy war kein Mensch, er war ein Android, ein
Replikant, ein gentechnisches Produkt, eine
illegale Konstruktion mit ein paar noch
illegaleren Extras.

Sam: Kameras hinter den Augen, Mikrophone in den
Ohren, melde gehorsamt, Herr Kommodore, der Kerl
ist ein wandelndes Holostudio.

Jonas: Das heißt alles was er sieht und hört nimmt
er auf.

Sam: Ja, und mehr noch Jonaslein, alles was er
sieht und hört sendet er auf Sonderfrequenz.

Jonas: Du hast die Verschlüsselung geknackt,
Sammy.

Sam: Ja, kein Schlüssel ist ihm zu schlitzohrig,
kein Code zu kompliziert, denn wahrlich er ist
Sam, der Sultan der Systeme, der Dandy der
Dateien, der Nabob der Netze.

Jonas: Der Houdini der Hacker.

Sam: Ja. Nicht schlecht, Kumple, könnte von mir
sein, der Cäsar der Cyperpunks.

Jonas: Das reicht Sammy, sonst noch was?

Sam: Ja, der Cowboy hat einen Hohlraum im Bauche.
Allwo Menschen und Normandroiden ihren Magen zu
hegen pflegen.

Jonas: Was drin.

Sam: May be, Sir. Perhaps. Possible.

Jonas: Was heißt das?

Sam: Weiß ich a nett. Nichts genaues weiß man
nicht. Indem das selbiger Hohlraum exorbitant
beschirmt und abgeschottet ist, doch gib Sammy ein
wenig Weile o Herr.

Jonas: Wieviel?

Sam: Sagen wir zwei Stunden ha?

Jonas: Unmöglich. So viel Zeit hatten wir nicht,
es gab wichtiges zu tun, z.B. rauskriegen, was
gespielt wurde, und Jonas war klar, wo er
einhacken mußte. Wer hatte ihm denn das faule Ei,
den Cowboy angedreht.

Sam: Na wer, Majestro Pelicano, Pelicanissimo,
regelrecht bekniet hat er meinen Jonas,
begrötscht, belatscht.

Jonas: Genau, und wo steckt Pelican.

Sam: Supermediabetriebskrankenhaus im
Supermediahochhaus.

Jonas: Wie kommen wir rein.

Sam: Wie kommen wir rein, wie kommen wir rein,
durchs Tor, mittels einer enteigneten Paßscheibe.

Jonas: Lieber nicht, Sammy.

Sam: Wieso?

Jonas: Vielleicht warten sie da schon auf Jonas,
wer immer sie sind. Besser durch die Hintertür.

Sam: Gibt's nicht, du Nappsülze.

Jonas: Selber Nappsülze.

Sam: Was?

Jonas: Ich mein das bildlich, symbolisch
sozusagen.

Sam: Ach was und wo belieben Herr Symbolist oder
auch Symboliker besagte Hintertür zu lokalisieren,
hm? Hinten?

Jonas: Oben Sammy, du hast doch die Frequenz von
Alouette.

Sam: Aber sicher dat.

Jonas: Ruf sich an, Jonas will mit ihr reden.

Sam: Hören ist gehorchen, o Herr der Himmlischen
Herscharen.

Jonas: Augenblick noch Sam. Was machen wir mit dem
Cowboy, irgendwann kommt er wieder zu sich.

Sam: Muß nicht sein, Eminenz, lasset ihn uns ganz
tot machen, auseinanderschnippeln und die
Einzelteile auf den Schrott schmeißen. Amen.

Jonas: Ich weiß nicht, Sammy.

Sam: Was?

Jonas: Wir sollten ihn erst mal aufheben, bis
genau feststeht, was los ist. Hier wird sich doch
irgendwo eine Kammer finden mit einem Schlüssel.
Sehen wir uns mal um.

Sam: Ja. Sehen wir uns mal um, apropos um, um auf
die Dame Alouette zurückzukommen, Verehrtester.

Jonas: Alouette hatte eine Dauergenehmigung, sie
durfte jederzeit auf dem Supermediahochhaus
landen. Das Sicherheitssystem ließ ihren
Helikopter durch, die Wachen kannten sie. Alouette
war gern bereit, Jonas auf dem Studiogelände
aufzulesen und mit ihm den kurzen Trip zum
Supermediahochhaus zu machen, nicht nur aus
Sympathie, sie hoffte auf neue schöne Bilder. Von
blutigen Anschlägen und explosiven Attentaten.
Eine durchaus begründete Hoffnung.

Wächter: Was haben Sie denn heute im Kasten
Alouette, ein Hackebeilmassaker, ein Massen-
Barbecue, Barbecues find ich am besten, wenn die
Leute so richtig anfangen zu brutzeln.

Alouette: Warten Sie's ab, falls ihr Newsboß sein
OK gibt, sehen Sie s heute abend im Holo. Mein
neuer Assistent Jo

Jonas: Johnson, Joseph Johnson.

Alouette: Pelican will was von uns. Wo finden wir
ihn?

Wächter: Ach, Sie haben was mit der Operation
Private Eye zu tun. Im Penthouse von Herrn
Beringer, braucht er ja nicht mehr, seit er auf
Lanzarote ist. Manche haben's gut. Da drüben. Soll
ich Sie mit dem Scooter hinbringen.

Alouette: Lassen Sie nur, wir laufen ganz gern mal
ein Stück, was Josef.

Jonas: Auf dem weiten Flachdach wirkte Beringers
Penthouse wie eine Warze oder wie ein Pickel auf
einer Glatze, um uns, unter uns Babylon, die große
Stadt, schwarze Wolken über dem Reservat, über den
Wohnvierteln grauer Smog, giftgelbe Dämpfe aus den
Heizwerken, ein paar Kilometer entfernt ragte
Atlas in die Höhe, der gigantische Kran für
Reparaturen am Klimadom, der Klimadom ist immer
kaputt, Atlas ist immer im Einsatz. Jonas nahm die
Aussicht nur nebenbei zur Kenntnis, Jonas
grübelte. Was war Operation Private Eye? Jonas
machte sich Sorgen. Wir kamen ans Penthouse, wir
gingen nicht durch Tür, wir gingen um die Ecke,
zur Rückseite, wo wir vom Heliport aus nicht
gesehen werden konnten, aber wir konnten sehen,
ins Penthouse, durchs offene Fenster, und wir
konnten hören.

Pelican: Tut mir leid, Herr Beringer, ich kann den
Androiden noch immer nicht erreichen.

Beringer: Versuchen Sie's weiter Pelican.

Pelican: Selbstverständlich Herr Beringer. Hallo,
Wayne, Pelican ruft Wayne. Bitte melden. Pelican
ruft Wayne.

Jonas: Mein dankbarer Freund Peter Pelican, ich
erkannte ihn an der Stimme, nur an der Stimme, er
sah ganz anders aus als heute nacht im Bildfon,
der Kopfverband war weg, Pelican war munter und
beweglich, offensichtlich geheilt, auf wundersame
Weise, er saß an einem hochmodernen Interkompult
vor zwei großen Monitoren, diversen Mikros,
unzähligen Tasten und Schaltern, gerade hatte er
mit Beringer gesprochen, dem großen Boss von
Supermedia, nicht direkt, über Mikro und Monitor,
hinter Beringers Schrumpfkopf leuchtete ein Himmel
von unwahrscheinlichem Blau über schwarzem Sand,
Lanzarote, der zweite Monitor blieb dunkel, der
Cowboy war wohl immer noch bewußtlos.

Pelican: Pelican ruft Wayne. Ich seh was Herr
Beringer, da ist was auf dem Monitor. Pelican ruft
Wayne. Kommen. Wayne kommen.

Wayne: Was was ist passiert Herr Pelican?

Pelican: Das will ich von Ihnen wissen, Wayne.

Jonas: Der Cowboy kam zu sich, auf dem Monitor
zeichnete sich was ab, zuerst vage, dann immer
schärfer. Die Wand der Kammer, in die Jonas ihn
gesperrt hatte. Das Auge des Androiden wurde
klarer, sein Kopf auch und seine Erinnerung.

Wayne: Ein Schmerz, ein entsetzlicher Schmerz im
Kopf, mehr weiß ich nicht.

Beringer: Was ist los Pelican?

Pelican: Wayne ist noch auf dem alten
Studiogelände, Herr Beringer.

Beringer: Was ist mit Jonas.

Pelican: Ja das weiß ich nicht, Herr Beringer, ich
meine Wayne weiß es nicht.

Beringer: Hat er ihn verloren.

Pelican: Sieht ganz so aus Herr Beringer. Jonas
ist offenbar mißtrauisch geworden. Tut mir leid.

Beringer: Es tut ihnen leid Pelican. Ich sag ihnen
was. Wenn Sie diesen dämlichen Androiden nicht
ganz schnell wieder mit Jonas zusammenbringen dann
wird's ihnen noch sehr viel mehr leidtun. Haben
Sie mich verstanden.

Pelican: Jawohl, Herr Beringer, ich...

Beringer: Ich habe Operation Private Eye
aktiviert, um diesen Superbastard Jonas ein für
alle mal zu erledigen, Sie Pelican habe ich als
Chef vor Ort eingesetzt, weil Jonas keinen Grund
hat, ihnen gegenüber mißtrauisch zu sein, und weil
ich Sie für einen fähigen Medienkoordinator
gehalten habe, das war wohl ein Irrtum.

Pelican: Aber nein Herr Beringer.

Beringer: Ihr Szenario war nicht schlecht, Coburgs
angeblicher Rachefeldzug, das Kopfgeld, der
Android, den wir bei der Korporation als
Sonderanfertigung in Auftrag gegeben haben, um ihn
Jonas als Bodyguard unterzuschieben, soweit ganz
ordentlich, und was dabei herauskam, habe ich mir
mit Vergnügen angesehen.

Pelican: Danke Herr Beringer, vielen Dank.

Beringer: Aber da Sie jetzt die Initiative
verloren haben.

Pelican: Nur momentan, Herr Beringer, das wird
sich ganz schnell wieder ändern, verlassen Sie
sich auf mich.

Beringer: Sie können mir viel erzählen, Pelican.
Fakten wenn ich bitten darf, konkrete Vorschläge.

Pelican: Jaja. Sehen Sie, Herr Beringer, wo immer
Jonas sich zur Zeit aufhält, er wird früher oder
später zur Basis zurückkehren in sein
Büroapartment, und wenn Wayne sich ein bißchen
erholt hat, wird er dort hin fahren, und warten,
bis Jonas auftaucht, und dann.

Beringer: Dann keine Spielchen mehr Pelican, keine
Kopfjäger, kein neuen Attentate.

Pelican: Ja aber wir haben doch noch einiges in
petto, Herr Beringer, auf Ihren Wunsch, Sie
wollten ein extensives dramaturgisch aufbereitetes
Medienspektakel.

Beringer: Gestrichen, bei nächster Gelegenheit
wird Operation Private Eye terminiert.

Pelican: Modus wie vorgesehen, Herr Beringer.

Beringer: Wie vorgesehen, sobald Jonas und Wayne
beieinander sind, drücken Sie auf den roten Knopf.

Pelican: Und die Sprengladung in Waynes Bauch geht
hoch.

Beringer: Das will ich hoffen Pelican.

Pelican: Seien Sie unbesorgt, Herr Beringer, es
wird keine Pannen mehr geben. Wayne, Pelican ruft
Wayne. Wie fühlen Sie sich, Wayne.

Wayne: Etwas besser, Herr Pelican.

Jonas: Jonas gab das Zeichen zum Aufbruch. Jonas
hatte genug gehört, hinter der Geschichte steckte
nicht Coburg, der war nur eine entbehrliche Figur
im Spiel, der Spieler war Beringer, und Jonas war
der Verlierer, wenn Beringer genug mit ihm
gespielt hätte, würde er ihn vom Brett nehmen
durch die Bombe im Cowboy. Der Supermediaboß hatte
es nicht verwinden können, daß Jonas ihm
seinerzeit sein großes Weltkriegspiel
kaputtgemacht hatte. Rache ist süß.

Sam: Rache ist Blutwurst. Also spricht Willy
Wutzke der Weise von Wiebelskirchen.

Jonas: Wirklich, ich bin sicher es war der
Weihnachtsmärchenfall, dadurch ist Beringer wieder
eingefallen, daß es Jonas gibt. Und er hat sich
vorgenommen, mir die alten Geschichten gründlich
heimzuzahlen.

Alouette: Vielleicht langweilt er sich auf
Lanzarote. Eigentlich schade.

Jonas: Was ist schade Alouette?

Alouette: Daß du jetzt Bescheid weißt, Jonas.

Jonas: Findest du?

Alouette: Du wist natürlich Gegenmaßnahmen
treffen, Beringers Plan durchkreuzen, den
Androiden ausschalten, und das heißt, keine Bomben
mehr, keine Kopfjäger die an den Ecken lauern,
kein Feuer, kein Blut, für mich ist in deiner
Geschichte nichts mehr drin Jonas.

Jonas: Da irrst du dich gewaltig, Alouette. Das
beste kommt noch, der große Höhepunkt. Der
absolute Knalleffekt.

Alouette: Was denn?

Jonas: Wirst du sehen und aufnehmen und gut
verkaufen. Sam? Sam?

Sam: Yes, ich meine was beliebt meinem ollen
Knochen, dem Herrscher über 100.000 Haremsweiber?

Jonas: Haha, schön wär's, das heißt bei näherer
Betrachtung doch lieber nicht.

Sam: Wünscht er den weisen Spruch, das muntre Lied
oder den klugen Rat?

Jonas: Eher die kühne Tat Sammy.

Sam: O. Aha. Hauen und Stechen.

Jonas: Hacken und Brechen, Sammy, das kannst du
besser.

Sam: Wohlan, worum geht's, sagts nur ungescheut.

Jonas: Du kennst ja die Spezialfrequenz, auf der
der Cowboy sendet.

Sam: Mach dir keine Sorgen, sie blieb mir nicht
verborgen.

Jonas: Du wirst dich da als eine Art Relaisstation
festsetzen, falls du das kannst.

Sam: Ja, das alles auf Ehr, das kann ich und noch
mehr, lalala ungefähr.

Jonas: Alles was der Cowboy an Pelican sendet,
Bild und Ton das wirst du abfangen.

Sam: Zu Befehl abfangen, zack zack die Waldfrau.

Jonas: Statt dessen wirst du Falschmaterial an
Pelican weiterleiten, imaginäre Bilder, irreale
Töne, Pelican soll glauben, der Cowboy tut, was
ihm befohlen wird, das heißt Pelican wird sehen,
wie der Cowboy zu Jonas nach Hause fährt und da
wartet.

Alouette: Aha, wohingegen

Jonas: Wohingegen der Cowboy auf eine ganz andere
Reise gehen wird, mit deiner Hilfe Alouette.

Alouette: Was soll ich tun.

Jonas: Du landest jetzt auf dem Studiogelände und
dann... Ist der Cowboy noch im Kabuff, Sammy.

Sam: Ja, ja ja, gerade eben noch gestrenger Herr,
in dem er just, oha, jetzt beginnt die Tür mit
wuchtigen Tritten aufzusplitten.

Jonas: Das soll er bleiben lassen, hau rein,
Sammy, verpaßt ihm eine zweite Dosis Kopfweh aber
vorher

Sam: Vorher setz ich mich auf des Funkes Wellen,
ich fange ab was wirklich ist und sende was nicht
stimmt.

Jonas: Genau, du sendest was Pelican sehen und
hören würde, wenn der Cowboy tatsächlich
ausbricht.

Sam: Ausbräche, bitte, Konjunktiv du verbaler
Legastheniker.

Jonas: Geschenkt, dann läßt du den Cowboy zur E-
Limousine gehen, zu mir fahren und vor der Tür
warten. OK?

Sam: O, viele viele Bilder, bewegt und
dreidimensional, viele viele Töne und das alles
genital, Korrektur digital produziert, hast du
eine Ahnung, wie viel Prozesse ablaufen.

Jonas: Nö, aber du schaffst das schon, Sammy.

Sam: Ach ja immer ich, da kommt ein kleiner
Computer ganz schön ins Schwitzen.

Jonas: Streng dich, an wenn's vorbei ist schenk
ich dir was Schönes.

Sam: Was denn?

Alouette: Wir landen, halt dich fest Jonas.

Jonas: Alles lief nach Plan, ich schloß die Kammer
auf, der Cowboy hockte stöhnend in der Ecke, ich
gab ihm eine Narkose mit dem Griff meines
Revolvers. Alouette fand ein brauchbares Seil. Wir
fesselten den Cowboy und hängten ihn unter den
Helikopter.

Alouette: Und jetzt Jonas?

Jonas: Jetzt empfehlen wir uns.

Alouete: Wohin?

Jonas: Supermediahochhaus, wir haben ein Paket
abzuliefern.

Alouette: Auf geht's.

Jonas: Inzwischen war es dunkel geworden, über dem
Hochhaus ging Alouette tiefer, so unauffällig wie
möglich Jonas beugte sich raus, mit seinem
Taschenmesser schnitt er das Seil durch, der
Cowboy rutschte von der Kufe aufs Penthousedach,
da blieb er liegen. Alouette zog den Helikopter
hoch.

Jonas: Das reicht, Alouette, halt ihn hier fest.
Holokameras bereit.

Alouette: Immer bereit.

Jonas: Mit hochempfindlichem Material für
Aufnahmen bei Dunkelheit.

Alouette: Willst du mir meinen Job beibringen
Jonas.

Jonas: Sam, was sieht Pelican auf dem Monitor.

Sam: Ja was sieht er denn, a ja, den Flur von
eurer Gnaden fürstlicher Behausung, dort, ja dort
glaub er steht der Cowboy meinen Herrn erwartend.

Jonas: Wird Zeit daß ich komme.

Sam: Treppe?

Jonas: Was denn sonst. Der Fahrstuhl ist kaputt.

Sam: Ach so.

Jonas: Dösel.

Sam: Schwere Schritte auf den Stufen, nach eines
langen Tages Last und Frust kehrt müde heim der
letzte Detektiv, häh, auja jetzt ist er im 16.
Stock.

Jonas: Er biegt um die Ecke.

Jonas: Der Cowboy erblickt ihn, und mein Jonas
erblickt den Cowboy, ist das spannend,
verständnislos glotzt er ihn an, treu doofen
Blicks. Wie Pelican es befiehlt tritt der Cowboy
an Jonas heran, nah, ganz nah... Alle neune, Hip
hip hurra.

Jonas: Pelican hatte auf den roten Knopf gedrückt,
die Sprengladung im Bauch des Cowboys ging hoch,
mitsamt dem Cowboy, dem Penthouse und natürlich
dem Pelican. Ganz zu schweigen von Riesenloch
nebst Großbrand in den oberen Etagen, ein
gewaltiges Spektakel. Operation private Eye war
erledigt. Jonas war zufrieden. Alouette auch, sie
hatte das Feuerwerk aufgenommen, mit Zoom und
Weitwinkel und Teleobjektiv.

Alouette: Mal sehen wer am meisten zahlt. Network
oder Holo oder eine von den Indiproduktionen.

Jonas: Ich würde das Band zuerst Supermedia
anbieten.

Alouette: Gute Idee Jonas.

Jonas: Ich hab noch eine, Alouette. Du hast Jonas
geholfen, danke. Und Jonas hat dir geholfen.

Alouette: Danke.

Jonas: Das sollten wir ausbauen. Vertiefen, noch
heute abend im Casablanca, was meinst du.

Alouette: Einverstanden. Ich geh gern mal ins
Casablanca, bloß schade, daß du nicht mitkommen
kannst, Jonas.

Jonas: Was? Warum nicht?

Alouette: Weil du schon eine Verabredung hast.
Eine dringendere.

Jonas: Davon weiß ich nichts.

Alouette: Aber ich. Hallo, Herr Beringer, hier
Alouette, Stichwort Jonas, ich weiß nicht, ob
Sie's schon erfahren haben, Ihre Operation Private
Eye ist ja nun leider voll in die Hose gegangen,
ja schade um Ihr Penthouse, schade um Ihren
Holoclown Pelican und schade um das viele Geld,
das Sie der Korporation für den Spezialandroiden
gezahlt haben. Jetzt sind Sie doch sicher noch
mehr an Jonas Kopf interessiert, Herr Beringer,
das dachte ich mir. Augenblick Herr Beringer, ich
muß was erledigen, eine Kleinigkeit, dauert nicht
lange.

Jonas: Der Helikopter kippte plötzlich nach links,
Jonas verlor das Gleichgewicht, ich hätte gewarnt
sein müssen, aber ich traute Alouette, treu-doof,
Sammy hatte Recht, blitzschnell zog Alouette mir
den Revolver aus dem Halfter, und bevor Jonas
reagieren konnte, drückte sie ein einen Knopf am
Armaturenbrett, mein Sitz klappte nach vorn, im
Boden tat sich eine Öffnung auf, Jonas rutschte,
fiel durch, stürzte, dann ein Ruck, Jonas hing an
einer Leine, die an seinem Gurt befestigt war,
kopfüber unter dem Helikopter, schnappte nach Luft
und versuchte sich aufzurichten, während Alouette
weiter mit Beringer sprach.

Alouette: Was wäre Jonas ihnen denn so wert, tot
oder lebendig, wie Sie wollen, Herr Beringer, tot,
wenn Ihnen das lieber ist, wieviel, 500.000 machen
Sie Witze, das sind Peanuts, lassen wir doch das
Schachern. 5 Millionen. Nein, keinen Euro weniger.

Jonas: Sam, bist du noch da, Sam.

Sam: Mehr oder weniger Chef.

Jonas: Halt dich bloß gut fest.

Sam: Man tut was man kann. Ist nicht leicht ohne
Hände. Sammy wird schlecht.

Jonas: Das glaub ich dir nicht. Du hast keinen
Magen.

Sam: Aber dafür hat Sammy einen Einfall, wie sein
heißgeliebter Jonas aus dieser höchst prekären
Situation und Todesgefahr womöglich zu retten
wäre.

Jonas: Und wie soll das gehen.

Sam: Sammy sagt nur Steuersystem des Helikopters.
Oha, kuck mal nach rechts.

Jonas: Nach rechts. Moment. Verstehe, tu dein
bestes, Sammy, ich versuch Alouette abzulenken.

Sam: Jawohl. Systeminfiltrator Sam meldet sich ab
Sir.

Jonas: Ich hab mitgehört, Alouette.

Alouette: Dann weißt du ja Bescheid.

Jonas: Erst hilfst du Jonas, dann verkaufst du ihn
an Beringer, pfui Teufel.

Alouette: Du mußt das richtig sehen, Jonas, Ich
habe dir geholfen, damit ich dich an Beringer
verkaufen kann.

Jonas: Ich dachte wir sind Freunde.

Alouette: Sind wir ja auch, es fällt mir gar nicht
leicht mich von dir zu trennen, aber Geschäft ist
Geschäft. Weißt du, eine Heli-Reporterin verdient
ja nicht schlecht, aber das richtig große Geld
mach ich nebenbei als Kopfjägerin.

Jonas: Darum die spezielle Ausrüstung deines
Helikopters, Schleudersitz, Loch im Boden.

Alouette: Und zu recht praktisch.

Sam: Agent Toilette, Korrektur Agent Null Null Sam
zurück von geheimer Mission Sir.

Alouette: Das Steuer!

Jonas: Sammy hatte den Autopiloten lahm gelegt und
ganz sachte den Kurs geändert, nach rechts, immer
weiter nach rechts, wo Atlas aufragte, der
Superkran. Als Alouette was merkte, war Atlas
direkt voraus und nur noch ein paar Meter
entfernt, sie riß verzweifelt am Steuerknüppel,
aber das brachte nichts mehr, in vollem Tempo
prallte der Helikopter auf Atlas, stürzte ab,
schlug auf. Und Jonas, der hatte fleißig gesägt an
der Leine mit seinem Taschenmesser, kurz vor der
Kollision war die Leine durch und Jonas sprang,
rüber auf Atlas, da klammerte er sich ans
Gestänge, und wartete, bis er wieder zu Atem
gekommen war.

Sam: Bravo... sehr gute Weite, aber die Haltung.

Jonas: Bin ich Schwarzenegger, Sammy.

Sam: Ne wahrlich nicht jener einst leidlich
bekannte Kraxel und Kabinettstiroler, denn siehe
es gilt zu steigen an die 500 Meter in gähnende
Tiefe auf schwankendem Pfad.

Jonas: Man tut was man kann. Unten am Fuß des
Krans rauchte ein Schrotthaufen, ein Stilleben in
Stahlgrau, rußschwarz und blutigrot, schade, daß
Alouette mit ihrer Kamera nicht da war. Drei
Stunden später, ein total erschöpfter Jonas
schleicht über den Flur zur Tür seines Apartments,
plötzlich eine Bewegung vor mir im Schatten, eine
massive Gestalt, der Cowboy? Unmöglich. Ein
Kopfjäger?

Sam: Nix Kopfjäger, ein Robex.

Robot-Exekutor: RE747B, offizieller Robotexekutor
der Stadt Babylon, ich habe einen amtlichen
Bescheid für Herrn Jonas, nur Jonas, wohnhaft
hier.

Jonas: Der bin ich.

Robot-Exekutor: Der Bescheid lautet: Durch eine
Vielzahl von Attentaten, Explosionen und Unfällen
ist im babylonischen Stadtgebiet erheblicher
Sachschaden entstanden. Da die jeweiligen
Verursacher nicht zu ermitteln sind, werden Sie,
Herr Jonas, als an sämtlichen vorerwähnten
Vorfällen Beteiligter für den Schaden haftbar
gemacht. Der berechnete Gesamtbetrag von 873.441
Euros und 7 Cents wird von Ihrem Konto abgebucht.
Widerspruch gegen diesen Bescheid ist binnen einer
Frist von 3 Tagen einzulegen. Die Stadt Babylon.
Im Auftrag Karin Kinne, Sachbearbeiterin. Soweit
der Bescheid. Guten Tag.

Sam: Ein Schlimmdödel.

Jonas: 873.441 Euros.

Sam: Und 7 Cents. Wer den Pfennig nicht ehrt.

Jonas: Was macht man denn da Sammy.

Sam: Vielleicht zahlt Herr Beringer, wenn man ihm
gut zuredet, wenn man ihm sagt, daß man
widrigenfalls Network informiert über gewisse
Vorkommnisse in Zusammenhang mit Supermedia, mit
Herrn Beringer, Herrn Pelican und einem höchst
illegalen Androiden.

Jonas: Das ist Erpressung, Sam.

Sam: Merke, hast du ein zart Gewissen, dann geht
es beschissen, sei schlau und sei gerissen, dann
wirst du Geld nie missen.

Jonas: Äh. Willy Wuzke.

Sam: Ne, Sam, Sam, der weise, der Denker, der
Philosoph, der Erfahrene, der Verständige, der
Scharfsinnige, der Intelligente, der Fuchs, das
Huhn...

Das war Kopfjäger. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Ingeborg Schöner, Alexander
Duda, Achim Höppner, Alexander Kerst und andere
(Werner Klein, Hubert Mulzer, Ursula Rehm, Holger
Buck). Ton und Technik: Daniela Röder und Günter
Heß. Assistenz: Holger Buck. Regie: Werner Klein.
Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem
Jahr 1995. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Unterwelt

Passantin: Ih, eine Ratte!

Jonas: Es war keine Ratte. Es war Sam. Samobil,
genauer gesagt. Nach dem Kopfjägerfall hatte ich
ihm gekauft, was er sich schon lange gewünscht
hatte: Ein Mobilitätssystem für Minicomputer.
Software, Räder, Getriebe, Motor, maßgeschneidert.
Sam war begeistert. Jonas weniger. Ein Computer,
der spricht, ist schlimm genug. Ein Computer, der
spricht und durch die Gegend düst, ist schlimmer.
Ein Computer, der spricht und düst und mit seinem
Herrn fangen spielt, ist das letzte.

Sam: Na los! Krieg mich doch, krieg mich doch, bin
ein bißchen flotter. Krieg mich doch, krieg mich
doch, bin ein kleiner Otter. Du Lahmgesäß.

Jonas: Sofort kommst du her, Sam, bei Fuß.

Sam: So nicht. Denn wahrlich, Sammy ist kein
Pfiffi, keine Töle, kein Hundevieh.

Jonas: Du bist eine Maschine, Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Der Mensch bestimmt, die Maschine gehorcht.
So soll es sein. In die Tasche, aber schnell. Und
wenn du noch mal wegläufst.

Sam: Wegrollst! Bleiben wir doch verbal präzise,
verehrte Gemeinde, auch wenn’s schwerfällt.

Jonas: Dann kommst du ganz präzise in den Schrott.
Oder ich schenk dich Chefinspektor Brock.

Sam: Hehe, tust du doch nicht, weil’s gar nicht
geht, weil Jonas und Sam zusammen gehören, wie
Castor und Pollux, wie Castrop und Rauxel, wie
Tristan und Isolde, wie dick und doof.

Jonas: Wie Nerven und Säge.

Sam: Wa.

Jonas: In die Tasche!

Sam: Aua.

Jonas: So.

Fahrer: Zur Neptunstraße, wie fahr ich da am
besten?

Sam: Da fahren Sie erst mal zu mir, dann kriegen
Sie ne Karte.

Jonas: Neben Jonas hielt ein E-Lieferwagen. Grau.
Keine Aufschrift. Ich steckte Sam in die Tasche,
richtete mich auf. Aber ich kam nicht mehr dazu,
dem Fahrer was zu sagen. Die Seitentür des Wagens
öffnete sich, Hände packten zu, zogen Jonas ins
Innere. Der Lieferwagen fuhr los.

Palma: Kein Grund zur Besorgnis, Herr Jonas, wir
möchten Ihnen ein interessantes Angebot
unterbreiten.

Jonas: Und dazu müssen Sie mich kidnappen.

Palma: Nicht doch, Herr Jonas, wir haben Sie nur
aufgefordert, näherzutreten, etwas abrupt, das
gebe ich zu. Nehmen Sie Platz. Soweit wir
informiert sind, bevorzugen Sie echten Scotch.
Wäre Ihnen ein Old Forrester recht? Soda? Eis?
Wasser?

Jonas: Was außen wie ein E-Lieferwagen aussah, war
innen ein Salon, Hausbar, Sofa, roter Plüsch. Arte
Bordello 1900. Oder so. Die Frau paßte ins
Ambiente wie die allseits bekannte Faust aufs
Auge. Kimono, schwarze Lackperücke,
Stöckelsandalen, keine Schlitzaugen, eine
nippophile Europäerin, die Aufmachung stand ihr.
Bis auf den Knopf im Ohr, ein Stilbruch, ein
Produkt aus der Retorte, synthetisch wie der
Whisky.

Jonas: Warum kein Sake Madame Butterfly oder
Champagner? Passend zur Möblierung.

Palma: Weil wir wissen, daß Sie beides nicht
trinken, Herr Jonas.

Jonas: Sehr aufmerksam. Sie sagten was von einem
interessanten Angebot.

Palma: Werfen Sie einen Blick auf dieses
Holoporträt, Herr Jonas.

Jonas: Grimmiger alter Knabe, kommt mir irgendwie
bekannt vor.

Palma: Mein Großvater.

Jonas: Angenehm. Hat er auch einen Namen.

Palma: Palm, ich meine Palmström, er ist entführt
worden aus dem Pflegeheim.

Sam: Piep Piep Piep!

Palma: Herr Jonas, bei Ihnen piepts!

Jonas: Sam, mein Computer piept und rollt und
redet.

Sam: Und weiß was.

Jonas: Was weißt du Sammy?

Sam: Ach Luftklavido. Was ich weiß. Trotz heftiger
Bedrängnis durch seinen unsensiblen Herrn und
Meister ist es Sam gelungen das Nummernschild
dieser rollenden Drahtstudierbüro zu erspähen. Und
was frage ich Sie, gnädig Frau, haben gezielte
Nachforschungen beim babylonischen Verkehrsamt
ergeben? Häh?

Jonas: Machs nicht so spannend Sam. Wem gehört die
Kiste?

Sam: Kurz und gut der W-O-R-F.

Jonas: Ach was. Die WORF. Die Partei für
Wohlstand, Ordnung, Recht und Freiheit, lange Zeit
in Babylon an der Regierung, jetzt in Opposition,
weil sich vier kleinere Parteien zu einer
Regierungskoalition zusammengeschlossen hatten.
Glück für alle, Weiter so, Leistung muß sich
lohnen und Vor allem Gesundheit.

Sam: Interessant gelle.

Jonas: Und aufschlußreich. Jetzt wird mir einiges
klar.

Sam: Kuck mal wer da spricht, hehe, das bin ich,
aber kuck mal wie er auf einmal hupft, mein
intellektueller Hinkefuß und Lahmbeutel, bravo.
Und was ist euer Merkwürden denn klar geworden zum
Bleistift.

Jonas: Weshalb mir der alte auf dem Bild so
bekannt vor kam, wozu Madame Butterfly einen Knopf
im Ohr trägt und warum sich dieser rote
Samtvorhang ab und zu bewegt, als ob jemand
dahintersteckt.

Sack: Sie haben unser Spiel durchschaut, Herr
Jonas, sehr schön. Sie kennen mich.

Jonas: Saladina Sack.

Sam: O Hauerauera, die große Vorsitzende der WORF.
Tatä-tätät-tätä.

Sack: Ich bin hocherfreut Sie persönlich
kennenzulernen, Herr Jonas.

Jonas: Ich eher weniger Frau Sack. Was soll das
Affentheater.

Sack: Nur ein kleiner Test Herr Jonas. Ihr Name,
ihr Ruf, ihre Qualitäten sind uns
selbstverständlich vertraut, spätestens seit der
unglückseligen Harry-Hauer-Affäre.

Sam: Fall Attentat August 2012.

Sack: Richtig. Dennoch mußten wir uns
vergewissern, ob Sie wirklich der rechte Mann sind
für die Aufgabe die wir ihn zugedacht haben.

Sam: Er ist der rechte Mann, er nimmt nämlich
Herrenkapseln.

Sack: Aha. Ja also es handelt sich um eine höchst
diffizile Angelegenheit, die äußerste Diskretion
erfordert, wir benötigen einen ausgewiesenen
Spezialisten.

Sam: Das ist er.

Jonas: Jonas ist Spezialist für rohe Eier und
heiße Kartoffel. Auf meinem Türschild steht Jonas,
nur Jonas, Privatdetektiv, der letzte seines
Zeichens. In Babylon der großen Stadt und
drumherum. Reich ist Jonas dabei nicht geworden,
dafür hat er Erfahrung. Und jede Menge Beulen.

Sack: Ich denke wir haben ihn gefunden unseren
Spezialisten, sind Sie frei, Herr Jonas, sind Sie
bereit für uns, für die WORF tätig zu werden.

Jonas: Kommt drauf an.

Sack: Worauf.

Jonas: Worum es geht und was Sie zahlen.

Sack: Was kosten Sie?

Jonas: 120 Euros wie ich hier stehe, pro Tag und
Spesen.

Sam: Und wenn er liegt das doppelte.

Sack: Das ist mir egal. Wir zahlen ihnen 10.000
pauschal, und Sie werden sich jeden einzelnen Euro
hart verdienen müssen.

Jonas: Der alte Mann auf dem Holoporträt.

Sack: Genau Herr Jonas.

Jonas: Er heißt nicht Palmström.

Sack: Natürlich nicht.

Sam: Er heißt Lars Rindström.

Jonas: Korf hieß er. Dr. Herbert Korf. Korf von
der WORF, hochberühmter Alt- und Expolitiker,
Ehrenvorsitzender der Partei, schon seit Jahren
nicht mehr aktiv, wenn er sich auch gelegentlich
zu Wort gemeldet hatte. Aber Korf konnte nicht
entführt worden sein.

Sack: Glauben Sie Herr Jonas, warum nicht.

Jonas: Weil er tot ist, gestorben vor 4 Wochen.

Sack: Am 15. April 2014, sehr richtig Herr Jonas.

Jonas: Die Partei hat ihn mit großem Trara unter
die Erde gebracht, Sie selbst Frau Sack haben die
Grabrede gehalten.

Sack: Hat sie Ihnen gefallen Herr Jonas. Was ich
Ihnen jetzt mitteilen werde, Herr Jonas, muß unter
allen Umständen unter uns bleiben. Ich erwarte von
Ihnen absolute Verschwiegenheit.

Jonas: Verständlich, denn was erzählte mir
Saladina Sack. Korf war nicht gestorben, er lebte,
gerade noch, Korf hatte Alzheimer im
fortgeschrittenen Stadium, und die Partei hatte
ein großes Problem, weil ihre politischen Gegner
keine Hemmungen hatten, sie hätten sich den Alten
gegriffen, ihn im Holo als sabbernden Trottel vor
geführt, und der Partei damit schwer geschadet.
Darum ließ die Führung der WORF ihren
Ehrenvorsitzenden dahinscheiden und begrub
feierlich einen leeren Sarg.

Sack: Korf haben wir heimlich in ein privates
Pflegeheim gebracht, unter dem Namen Palmström.

Sam: Palmström hat nicht Speck im Haus, dahingegen
eine Maus, Korf bewegt von seinem Jammer, baut ihm
eine Gitterkammer.

Sack: Morgenstern, so ist es. Ein gebildeter
Computer den Sie da haben Herr Jonas.

Sam: Siehste Jonas siehste. Ja o Dank hohe Frau.
Man tutet wie man kann und man kann vieles. Nicht
daß mein intellektueller Unterrichtung
weitestgehend ermangelnder Meister solches zu
schätzen wüßte, o goldene Worte aus dem
Schatzkästlein der Weltliteratur.

Jonas: Brauchen wir jetzt nicht. Halt die Backen
Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Wir waren bei Korf, Frau Sack, alias
Palmström, im Pflegeheim.

Sack: Nur der Heimleiter war eingeweiht, er gehört
zum Direktorium der WORF und natürlich die
handverlesenen Parteisoldaten, die das Heim rund
um die Uhr bewacht haben.

Jonas: Trotzdem ist Korf entführt worden.

Sack: In der Tat, Herr Jonas, letzte Nacht.

Jonas: Von unten waren sie gekommen, aus dem
unterirdischen Versorgungs-system, Abwasser, Kabel
etc. Von da durch den Keller, die Wachen hatten
sie umgebracht, dann waren sie verschwunden, mit
Korf, mit ein paar anderen Insassen, mit dem
Heimleiter.

Sack: Wir sind sicher, daß er mit den Entführern
unter einer Decke steckt, nur er kann ihnen den
Tip gegeben haben, wer Palmström wirklich ist.

Jonas: Anzunehmen. Sie haben die Kidnapper
verfolgt.

Sack: Selbstverständlich, ein überlebender Wächter
hat uns informiert und wir haben sofort einen
Trupp Parteisoldaten vom nächsten WORF-Stützpunkt
losgeschickt.

Jonas: Pflegeheim Keller.

Sack: Mit dem Quicklift nach unten zum
Abwasserkanal, und da lag der erste Wegweiser.

Jonas: Wegweiser?

Sack: Ja, einer der mitgeschleppten Heimbewohner,
tot, lang ausgestreckt, die rechte Hand zeigte die
Richtung an.

Jonas: Die Kidnapper wollten also verfolgt werden.

Sack: Aus gutem Grund, nach ein paar Kilometern
durchs Abwassersystem, vorbei an weiteren
ausgelegten Leichen, kamen unsere Leute an eine
Mauer, quer über den Kanal.

Jonas: Lassen Sie mich raten Frau Sack, die Grenze
zur Unterwelt.

Sack: Ganz recht, Herr Jonas, in die Mauer war ein
Loch geschlagen, und vor dem Loch lag ein Toter,
der letzte, in der Hand hatte er diese Botschaft:

Jonas: An die Führung der WORF, Sie haben die
Wahl, Sie schicken morgen 13. Mai 2014, genau 23
Uhr 55, sinnig, fünf vor zwölf, einen
Robomessenger mit 25 Millionen Euros durchs Loch,
worauf Sie ihren Mann umgehend zurückerhalten,
oder Sie tun das nicht, und wir übergeben ihn
Holonews, Ihr Schwindel fliegt auf, Ihre Partei
ist erledigt, es lebe der urbane Befreiungskampf,
die Stadtguerilla. Die Stadtguerilla.

Sack: Auferstanden aus Ruinen wie es scheint.

Jonas: Vor knapp zwei Jahren war der Terrorverein,
der sich Stadtguerilla nannte, vernichtet worden,
durch eine Großaktion der Polizei, ein
denkwürdiges Geschehen für Jonas, Judith Delgado
war dabei umgekommen, und ich hatte Karla kennen
gelernt, die Chefin der Stadtguerilla, sie war
entkommen und hatte sich ins Reservat
zurückgezogen, um eine neue Truppe aufzubauen.
Offenbar war es ihr gelungen.

Sack: Wir haben nicht vor, das Lösegeld zu
bezahlen, Herr Jonas.

Jonas: Sie können nicht.

Sack: Und wir wollen nicht.

Jonas: Aber Sie wollen auch nicht, daß ihr
angeblich toter Korf als lebender Alzheimer im
Holo präsentiert wird.

Sack: Natürlich nicht.

Jonas: Also müssen Sie runter und ihn rausholen.

Sack: Sie werden Dr. Korf befreien Herr Jonas, und
ihn uns wiederbringen.

Jonas: Warum nicht Ihre Parteisoldaten.

Sack: Weil die nicht in die Unterwelt gehen, es
sind gute Leute, brauchbar und tüchtig, aber das
kann ich von ihnen nicht verlangen.

Jonas: Die Polizei.

Sack: Untersteht der Regierungskoalition, unseren
Gegner, kommt nicht in Frage. Sie sind unser Mann,
Herr Jonas. Sie sind Spezialist für riskante
Aufgaben, erfahren und politisch unabhängig.
Nehmen Sie den Auftrag an?

Jonas: Jonas kennt die Unterwelt, die ehemaligen
Servicesysteme unter dem Reservat, der wüsten
Ruinenlandschaft im Südosten von Babylon, die bis
zu den großen Unruhen in den späten 90ern ein
intaktes Stadtviertel gewesen war. Die Unterwelt
ist ein Labyrinth von Gängen und Höhlen, von
Abwasserkanälen und Kabelschächten, von
Atomschutzbunkern und Recyclinganlagen, alle nicht
mehr in Betrieb, verfallen, aber nicht verlassen,
Lemuren hatten sich hier eingenistet, und Ratten,
Millionen von Ratten. Oben das Reservat war
schlimm, die Unterwelt war schlimmer. Viel
schlimmer. In die Unterwelt gingen nur Irre. Jonas
war irre. Und er brauchte Geld. Apropos.

Jonas: 25 Millionen Euros.

Sack: Was ist damit Herr Jonas.

Jonas: Die sparen Sie, wenn ich Korf aus der
Unterwelt hole. 1 % für Jonas.

Sack: 250.000 Euros?

Jonas: Erfolgshonorar. Dafür tu ich's. Sonst
nicht.

Sack: Einverstanden. Palma wird Sie begleiten.

Jonas: Palma?

Palma: Palma Kunkel, so heiße ich.

Jonas: Madam Butterfly, in die Unterwelt, im
Kimono, wunderbar, dann ziehe ich den Frack an,
den ich nicht habe. Und das Promenadenorchester
spielt dazu den Kirschblütenwalzer.

Palma: Täuschen Sie sich nicht, ich bin
Kampfsportlerin.

Sack: Eine sehr gute, das kann ich ihnen
versichern Herr Jonas. Palma arbeitet im
Tiefbauamt.

Jonas: Oha.

Sack: Sie hat Pläne und Karten, kennt sich aus in
der Unterwelt. Bei einem so gefährlichen
Unternehmen brauchen Sie Rückendeckung.

Sam: Backup wie der Experte sich ausdrückt. Äh,
sagen Sie mal, heißen Sie wirklich und wahrhaftig
Palma Kunkel, Palma die Kunkel die im Dunkeln
kunkelt, Palma Kun-kel ist mit Palm verwand doch
im übrigen nicht bekannt. Und sie wünscht auch
nicht.

Jonas: Morgenstern.

Sam: Morgenjonas. Morgenstern. Eben der selbige,
ist das nicht ein Zufall, hä?

Jonas: Wir trafen uns am Abend um 9 in der
Südstadt, nicht weit vom Reservat, Madam Butterfly
alias Palma Kunkel blieb bei ihrer Masche,
Synthstimme, grauer Ninjaanzug, Kamikazestirnband,
langes Samuraischwert über der Schulter, kurzes im
Gürtel, Jonas trug sein altes schwarzes
Kampfoutfit aus dem Antarktischen Krieg, und war
behängt wie wie...

Sam: Wie ein ambulanter Klempnerladen, Meister.
Helm mit Lampe und Nachtsichtbrille, Wärmflasche,
abgesägte Schrotflinte, Flammenwerfer mit
Schockgranaten, ein veritables Arsenal, Herr
Oberfeuerwerker.

Jonas: Du reist auch nicht gerade mit leichtem
Gepäck, Sammy. Mobilsystem, Kompaß, Leuchte,
Infrarotgerät, vollaufgetankter Hochleistungsakku,
fehlt nur noch die eingebaute Hausbar.

Sam: Hättest du gern was alter Saufladen. Warum
Schrotpuste und Feuerspucker, heißgeliebte
Knalltüte, warum nicht Laser, warum nicht
Neurofreezer?

Jonas: Das ist Stil, Sammy. Archaische Waffen für
ein archaisches Ambiente. Stop. So, jetzt können
Sie auch runter, Madame Butterfly.

Palma: Ich komm runter.

Sam: Na denn mal tau.

Jonas: Wir gingen nicht durch den Keller im
Pflegeheim, Jonas hatte einen Plan, Jonas kannte
eine Hintertür, in einer verlassenen Metrostation
im Reservat, ein Liftschacht, natürlich kein Lift
mehr, ein paar tapfere Parteisoldaten waren mit
gekommen, sie ließen uns an Seilen runter und
blieben oben, als Wache und Rück-versicherung,
schließlich wollten Jonas und Butterfly irgendwann
wieder raus. Und dann waren wir womöglich in Eile.
Am Ende des Schachts ein horizontaler Gang, ein
alter Abwasserkanal, seit Jahren trocken, in etwa,
dunkler Belag auf den Ziegeln, Salpeter, Schimmel
und Schlimmeres. Die Luft ließ sich atmen, riechen
weniger. Es stank, noch immer. Der Gang war
niedrig, wir mußten die Köpfe einziehen, Butterfly
gab die Richtung an, nach ihrer Karte, es war
dunkel, bis auf die Lichtkegel unserer Lampen, und
still, bis auf das leise Klappern unserer
Ausrüstung. Der Gang mündete in die Halle einer
ehemaligen Recyclingstation, wo früher Scheiße zu
Brühwürfeln veredelt wurde, wir hörten schon früh
ihren Rekorder, altmodischer Rock’n Roll, und
sahen ihre Lichter, sie warteten an der Grenzmauer
vor dem Loch, zwei Gestalten in Overalls mit
Sturmgewehren, sie fühlten sich sicher, keine
Wache, gut so. Wir machten die Lampen aus, gingen
im Dunkeln weiter, vorsichtig, bis der Gang
aufhörte und die Halle anfing, da blieben wir
stehen und warteten auch.

Palma: Wie spät?

Jonas: Sammy?

Sam: Genau 23 Uhr 54 Minuten und 40 Sekunden.

Palma: Ist gleich soweit.

Jonas: Wenn ihre Leute spuren, Butterfly.

Palma: Keine Sorge, Jonas, hören Sie, sehen Sie.

Jonas: Da kam er durchs Loch, pünktlich auf die
Sekunde, ein Robomessenger, einfachste Ausführung,
ein offener Behälter mit Beinen, im Behälter ein
Sack, ein schwerer Sack, die zwei Typen wuchteten
ihn raus und fingen an, ihn aufzuschnüren.

Sam: 5,4,3.

Jonas: Hinlegen Butterfly, Augen zu, Hände auf die
Ohren.

Sam: 1, zoro.

Jonas: Eine Schockgranate mit Zeitzünder, im Sack,
wie verabredet, ungeheuer laut, ungeheuer hell,
ungeheuer überraschend. Unsere beiden Freunde
waren einige Sekunden außer Gefecht. Blind, taub,
unter Schock. Wir kamen aus der Deckung. Schnell.
Jonas hatte die Schrotflinte im Anschlag.
Butterfly fuchtelte mit ihrem Schwert.

Palma: Hu. Hei.

Jonas: Was? Halt, stehenbleiben. Ganz wie du
willst. Siehste.

Jonas: Einer der beiden bekrabbelte sich schnell,
er sah uns kommen und rannte weg. Jonas schoß ihm
eine Ladung Schrot in den Arsch. Er hinkte weiter
und verschwand hinten in einem Gang. Butterfly
hatte sich inzwischen um den anderen gekümmert.

Palma: So, der macht uns keine Probleme mehr.

Jonas: Sie haben ihn umgebracht, Butterfly.

Palma: Ein sauberer Okesa von der linken Schulter
zur rechten Hüfte. Und dann hab ich ihm den Rest
gegeben. Kamikatiwari durch den Schädel.

Jonas: Na großartig. Wie ein gelernter Schlächter.
Hatten wir nicht vereinbart, daß wir die Typen
lebend fangen, damit sie uns verraten, wo sie Korf
versteckt haben.

Palma: Ist ja noch einer da, der den Sie
angeschossen haben. Und der kommt nicht weit. Was
war das?

Jonas: Unser Freund, da hinten im Gang, kommen Sie
Butterfly.

Jonas: Nach gut 100 Metern fanden wir ihn, das
heißt was von ihm übrig war. Seine Knochen. Sauber
abgenagt. Bis auf ein paar Fleischfetzen.

Palma: Ratten.

Jonas: So sieht's aus. Sie haben ihn
aufgeknabbert.

Palma: Und so schnell. Sie müssen noch in der Nähe
sein.

Jonas: Hinter den Wänden, nehm ich an, sehen Sie,
überall Löcher.

Palma: Ich hasse Ratten.

Jonas: Ich mag sie auch nicht besonders.

Sam: Sammy hat nichts gegen Ratten, nette kleine
Tiere und so hübsche lange Schwänz und so clever.

Jonas: Du hast gut reden, Sam, du bist aus Plastik
und Metall, an dich gehen sie nicht ran.

Palma: Unsere beiden Informanten sind tot, Jonas,
wie finden wir jetzt Korf.

Jonas: Ganz einfach. Wir gehen weiter, diesen Gang
lang.

Palma: Nur so oder haben Sie einen bestimmten
Grund.

Sam: Nu paß mal auf Tante Trude, Sammy wird dir
die ganze Sache mal verhakseln, so ganz langsam
zum Mitschreiben. Sofern Gnädigste des Schreibens
überhaupt kundig sind, so nun paß auf. Der sowohl
dahingeschiedenen als auch abgeknabberte hat sich,
obschon ihm diverse Gänge zur Verfügung standen,
in diesen nämlich hier geflüchtet, klar?

Palma: Klar Sammy.

Sam: Also führt dieser Gang dorthin, wo seine
Genossen sich aufhalten. Auch klar?

Palma: Klar.

Sam: Und wo die sich befinden dort weilet auch der
Meister Korf. Alles klar.

Jonas: Klar. Wir gingen weiter, vorsichtig,
wachsam, die Waffen in Bereitschaft. Ab und zu
hörten wir was, leises Quieken, Rascheln in den
Wänden. Und wenn wir uns umdrehten, sahen wir im
dunkeln Gang hinter uns rötlich leuchtende Punkte.
Immer zwei nebeneinander, viele, sehr sehr viele.
Jonas hatte sich schon besser gefühlt. Dann fingen
auch noch die Trommeln an, weit voraus. Signale
der Lemuren.

Sam: Was sprechen Trommeln, Wahna Tarzan.

Jonas: Woher soll ich wissen Sahib.

Sam: Trommeln sprechen Fleisch kommen, weißes
Fleisch, hmh, lecker lecker.

Jonas: Find ich nicht sehr witzig.

Sam: Na ich merk schon, kein Sinn für schwarzen
Humor du trübe Tasse, traurig traurig.

Jonas: Plötzlich teilte sich der Gang, wir blieben
stehen. Was jetzt? Wo ging's weiter. Welche
Gabelung war die Richtige.

Palma: Links.

Jonas: Links. Warum.

Palma: Weil die Typen die wir suchen linke Vögel
sind.

Jonas: Haha. Ich bin für rechts. Was meinst du
Sammy.

Sam: Sammy hält sich da raus.

Jonas: Typisch, wenn man dich mal braucht. Also
gut, Jonas ist der Kommandant der Expedition, und
Jonas sagt

Einstein: Links.

Jonas: Was?

Einstein: Rechter Weg ist links, bitteschön.

Jonas: Wer ist da?

Einstein: Einstein.

Jonas: Das glaub ich nicht.

Einstein: Einstein, mein Name, sehr erfreut
bitteschön.

Jonas: Kommen Sie raus, wer immer Sie sind.

Einstein: Einstein kommen nicht erschrecken
bitteschön, Einstein Freund gut Freund.

Palma: Ih.

Sam: Selber ih.

Jonas: Aus dem dunklen Abzweig links kam er
langsam ins Licht unserer Lampen, Einstein, eine
Ratte, eine außergewöhnliche Ratte, kalkweiß, rote
Augen, ein Albino, ein Riesen-Rattenalbino, halber
Meter mindestens, Schwanz inklusive, immerhin, und
reden konnte das Biest auch noch.

Einstein: Einstein lernen menschliche Sprache von
Dr. Matrix in Genlabor, Universität Babylon,
bitteschön, Dr. Matrix sagen immer: du beste
Ratte, klügste Ratte von allen, du heißen
Einstein.

Palma: Ein Versuchstier, genmanipuliert.

Jonas: Und total verkorkst, nicht näher, Einstein,
bleib stehen.

Einstein: Keine Angst bitteschön, Einstein lieben
Menschen.

Jonas: Kann ich mir denken, gekocht, gebraten oder
roh?

Einstein: O nein, Einstein Vegetarier, bitteschön,
Einstein Freund, Einstein wollen helfen.

Jonas: So, helfen willst du uns. Wie?

Einstein: Einstein wissen alles, bitteschön,
Einstein wissen wo böse Menschen von oben alten
Mann verstecken.

Palma: Und wo?

Jonas: Zeigs uns auf der Karte.

Einstein: Sorry, Einstein nicht können lesen,
bitteschön. Dr. Matrix wollen lernen Einstein
lesen, schreiben, rechnen, aber Einstein laufen
fort von Genlabor.

Jonas: Warum?

Einstein: Einstein haben Heimweh, haben Sehnsucht
nach Genossen Ratten, nach Gemeinschaft,
Gesellschaft, Freundschaft, bitteschön, aber
Ratten hier ganz dumm, rückständig, sie nicht
lieben Einstein, weil Einstein sein groß und weiß
und schlau, weil Einstein sein anders, sie nicht
wollen Einstein, sie jagen weg Einstein.

Jonas: Sieh an, auch die Ratten sind Rassisten.

Einstein: Einstein unglücklich, Einstein wollen
zurück zu Dr. Matrix, wenn Freunde mitnehmen
Einstein nach oben zu Genlabor, Einstein führen
Freunde zu alten Mann. Bitteschön.

Palma: Was meinen Sie Jonas, trauen wir ihm?

Jonas: Teils teils, einerseits machte Einstein
einen ganz überzeugenden Eindruck, andererseits
ist Jonas mißtrauisch aus Prinzip. Aber wir mußten
Korf finden, darum gingen wir auf Einsteins
Angebot ein und ließen uns von ihm führen. Durch
den linken Gang, dann über eine verrottete Treppe
nach unten, durch eine Tür mit dem schwarzgelben
Zeichen, Nuklearschutz, dahinter ein Korridor,
relativ neu, relativ sauber, Butterfly studierte
ihre Karte, aber die half ihr nicht weiter, Jonas
blieb wachsam und Sammy maulte.

Sam: Links, rechts, links rechts, da trotteln wir
wie die Vollidioten hinter einem häßlichen nackten
Schwanz her, und der Rest von dem Kerl ist auch
nicht schöner.

Jonas: Ich dachte du magst Ratten, Sammy. Nette
Tiere und so clever.

Sam: Ach Einstein ist doch keine richtige Ratte,
Einstein ist eine vermurkste Kreatur, ein
Wechselbalg, ein Monstrum, ein Mordstrum, ein
gentechnischer Betriebsunfall und so was spuckt
hier große Töne.

Jonas: Du bist eifersüchtig Sammy, eifersüchtig
auf Einstein, weil er dir irgendwie ähnlich ist,
intelligent, munter, verbal.

Sam: Was? Verbal nennst du das du Charakterwanze?
Sammy ist verbal, Sammy redet korrekt wie ein
Buch.

Jonas: Wie eine Bibliothek Sammy.

Sam: Einstein redet nicht, Einstein bricht rad,
Einstein stammelt und stottert und.

Jonas: Sei mal nen Moment still, Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Riechen Sie's auch Butterfly.

Palma: Braten. BBQ.

Jonas: Jede Wette, das ist Echtfleisch, kein
Sojasteak.

Einstein: Wir sind gleich da, Freunde.

Jonas: Da, wo Einstein, auf einer Grillparty?

Einstein: Hauptquartier von Lemuren, bitteschön,
böse Menschen von oben haben gemacht Vertrag mit
Lemuren, können bleiben bei Lemuren mit altem Mann
3 Tage.

Palma: Und woher weißt du das Einstein.

Einstein: Einstein sehen alles hören alles wissen
alles bitteschön.

Jonas: Wie du Sammy.

Sam: So was muß sich ein ehrbarer Computer nicht
bieten lassen.

Einstein: Ruhe bitteschön, Vorsicht bitteschön, da
vorn hinter Knick stehen Wächter von Lemuren.

Palma: Den übernehme ich mit meinem Makitaschi.

Jonas: Kein Problem für die Ninja-Androidin
Butterfly und ihr scharfes kleines Samuraischwert.
Jonas steckte den gekränkten Sam in die Tasche,
nahm Einstein auf die Schulter, stieg leise über
den toten Lemur, und folgte mit Butterfly dem
Bratenduft und dem flackernden Feuerschein, bis
der Korridor sich zu einem großen Raum erweiterte,
da blieben wir stehen, im Schatten, unsichtbar,
der Raum wimmelte von Lemuren, bleichen Gnomen mit
wäßrigen Augen. Lemuren sehen nicht gut, sie haben
sich ihrer unterirdischen Umgebung angepaßt, vor
Jahren sind sie abgetaucht aus dem Reservat in die
Unterwelt. Obdachlose, Freaks, illegale
Drittweltler, Flüchtlinge, die sich oben nicht
mehr sicher fühlten.

Palma: Mein Gott was ist das?

Jonas: Ein ehemaliger Gemeinschaftsraum im
Atombunkersystem.

Palma: Nein, ich mein, was sich da dreht, in der
Mitte, über dem großen Feuer.

Jonas: Der Spießbraten. Genau was Sie vermuten
Butterfly.

Sam: Ich rieche rieche Menschenfleisch.

Jonas: Lemuren sind Kannibalen, nachts steigen sie
aus der Unterwelt und jagen Fleisch, wenn das
Fleisch nicht zu ihnen kommt, wie die
Stadtguerilla, drei Figuren im Overall lagen auf
dem Boden, gefesselt, eine der drei kannte ich,
Karla.

Karla: Sie brechen unser Abkommen, wir haben ihnen
Fleisch gebracht, zwei Menschen wir abgemacht.

Lemur: Sehr nett von Ihnen meine Liebe, leider
nicht genug, wir sind sehr hungrig, zwei Menschen
reichen uns nicht, wir wollen mehr, wir wollen
euch alle, Fleisch!

Einstein: Böse Menschen von oben sind dumm, sie
trauen Lemuren, Lemuren sie werden braten und
essen, Lemuren nicht Vegetarier wie Einstein,
bitteschön.

Jonas: Offensichtlich.

Palma: Korf, Jonas, da ist Korf.

Jonas: Richtig, da war er, am Rand rechts, ganz
allein, wahrscheinlich war er den Lemuren zu alt
und zu zäh, er trug eine Art Nachthemd und steckte
in einem Einkaufswagen vom Supermarkt, Arme und
Beine hingen über den Rand, er bewegte sich kaum,
starrte teilnahmslos vor sich hin.

Palma: Holen wir ihn raus, Jonas.

Jonas: Deshalb sind wir ja hier. Die Frage ist
wie.

Sam: Merke. Die alten Tricks sind meist die
besten.

Jonas: Sagt wer.

Sam: Sagt Sammy du Dumpfbacke.

Jonas: Schockgranate zum zweiten.

Sam: Grünau.

Jonas: OK, Jonas wirft Granate, Butterfly rennt
los, schnappt sich den Einkaufswagen, kommt damit
zurück.

Palma: Alles klar. Sie halten mir den Rücken frei
Jonas.

Jonas: Mit der Schrotflinte. Countdown Sammy, fang
an.

Sam: Zu Befehl. Countdown. Piep.

Einstein: Was sein Schockgraten bitteschön.

Sam: Wirst du gleich hören du Spotgeburt aus Quark
und Weißkohl.

Jonas: 3,2,1, zero. Bumm. Lemuren schwer
geschockt, Butterfly flitze Richtung Korf, Jonas
flitzte auch zur Feuerstelle, wo die Gefangenen
klagen, Jonas zerschnitt Karlas Handfesseln, und
ließ das Messer neben ihr liegen, eine Hand wäscht
die andere. Vor zwei Jahren hatte Karla Jonas
geholfen, jetzt half Jonas Karla, Hilfe zur
Selbsthilfe, alles weitere war ihre Sache. Jonas
folge Butterfly in den Korridor, rückwärts, die
Schrotflinte im Arm, unnötige Vorsicht, die
Lemuren kamen uns nicht nach. Schock, oder sie
wollten sich nicht von ihrem Braten trennen.

Korf: Aua, der Verfall der... in diesem unseren
Lande. Au. Wohlstand, Ordnung, Recht und Freiheit,
au, das tut doch weh.

Palma: Erkennen Sie mich, Herr Dr. Korf, wissen
Sie nicht mehr, wer ich bin.

Korf: Mama, tut weh, meine Verdienste um die
europäische Einigung in diesem unserem Verfall,
au. Aufhören.

Jonas: Recht hat er. Lassen Sie's langsamer
angehen, Butterfly, sonst schmeißen Sie den
Kinderwagen noch um. Sie sollten Ihr altes Baby
mal windeln, Mutterfly.

Palma: Sehr komisch.

Korf: Mama. Nach Hause, Herbert will nach Hause.

Jonas: Wir tun was wir können, Dr. Korf.

Einstein: Gehen Freunde zurück nach oben
bitteschön?

Jonas: Das hoffen wir, Einstein.

Einstein: Nehmen Einstein mit, bitteschön.

Sam: Mama, Einstein will nach Genlabor.

Jonas: Ja, Einstein wir nehmen dich mit. Kennst du
den Weg zur alten Metrostation, wo wir
runtergekommen sind?

Einstein: O ja, Einstein kennen Weg, Einstein
kennen Abkürzung. Freunde folgen Einstein
bitteschön, Freunde haben Vertrauen zu Einstein.

Sam: Holdriadidö. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist
besser, sagt Shakespeare.

Jonas: Wirklich Sammy. Also los, Lauf voraus,
Einstein, ich behalt dich im Auge.

Einstein: Freunde eng zusammenbleiben, bitteschön,
Weg sehr gefährlich.

Jonas: Das glaub ich dir aufs Wort, verfressene
Lemuren, deine ebenso verfressenen Artgenossen.

Einstein: Und Grauen der Tiefe, Freunde, noch
schlimmer noch gefährlicher.

Palma: Grauen der Tiefe, was ist das?

Einstein: Plötzlich sich öffnen Loch im Boden,
ganz tief, ganz schwarz, unten Geräusch, unten
Bewegung, ganz böse, ganz schrecklich, Grauen der
Tiefe, haben nicht Namen, haben nicht Gestalt.

Korf: Mama, nach Hause.

Sam: Und Sammy macht jetzt Pause.

Jonas: Wir waren lange unterwegs, manchmal ferne
Lemurentrommeln, manchmal nahes Rattenrascheln.
Keine besonderen Vorkommnisse, vorerst. Die Gänge
wurden niedriger, wärmer, feuchter und muffiger.
Es roch nach Müll, nach Tod und Verwesung, Jonas
löste Butterfly ab, übernahm Wagen und Korf, der
hatte den Daumen im Mund und schlief. Der
Abfallgestank nahm zu. Jonas sah hoch. Einstein,
Wo war Einstein?

Palma: Ein Stück voraus hinter der Ecke, er hatte
es auf einmal sehr eilig. Einstein.

Jonas: Einstein wo steckst du.

Sam: Wer ist er, der liebe Einstein. Verschwunden,
abgehauen. Und mein Volltrottel von Jonas sitzt
mächtig in der Kacke.

Jonas: Da ist was dran, Sammy. Einstein!

Sam: Jaja, brüll du nur als wie ein Nebelhorn im
Stimmbruch. Es wird dir nimmer was nützen: Selber
schuld du Schwachkopf. Trau schau wem.

Jonas: Sagt Shakespeare, sagt Morgenstern.

Sam: Und Sammy.

Jonas: Ich sag dir was Sammy, ihr habt recht,
alles drei. Wo sind wir, Butterfly, was sagt die
Karte.

Palma: Gar nichts. Keine Ahnung, wo wir sind.

Sam: Jedenfalls nicht auf dem rechten Weg nach
Hause, soviel steht fest geschätzt-er Herr,
liebwerte Dame. Tief unter dem Reservat, tief
unter der Versorgungsebene, im Zentrum, der
Unterwelt. Nein, nicht bei Jacque Offenbach, nein
nein im Herzen der Finsternis. So sieht's aus
Leute. Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald.

Jonas: Schnauze.

Sam: Sammy hat doch nur versucht zu warnen und zu
mahnen, doch fand er Gehör, nein, mitnichten. Es
war so finster und auch so bitter kalt.

Jonas: Schluß mit dem Konzert Sam. Mach dich
nützlich.

Sam: Mach dich nützlich. Mach dich nützlich. Kann
es denn wahr sein, o ihr Völkerscharen, Sammy wird
gebraucht. Sammy wird benötigt. Halleluja und
abermals Halleluja.

Jonas: Amen. Roll vor und kuck vorsichtig um die
Ecke, und vor allem halt den Mund.

Palma: Sie sprechen mir aus der Seele, Jonas.

Sam: Halt den Mund.

Jonas: Sam rollte und linste ums Eck, nach ein
paar Sekunden fuhr er seinen Gummifinger aus und
winkte uns, heftig. Jonas und Butterfly sahen sich
an, zuckten die Achseln, folgten Sam. Wir standen
und starrten durch unsere Infrarotbrillen, vor uns
lag eine ungeheure Höhle, weiter als der
Europaplatz in Babylon, höher als der Holoturm,
aber deshalb starrten wir nicht, wir starrten,
weil sich mitten in der Höhle eine gewaltige
Kathedrale erhob, ein Riesenbau aus Müll, aus
Abfall und Lumpen, aus Draht und Blech, aus
Plastik und Knochen, und wir starrten wegen der
Ratten, es waren tausende, abertausende,
vielleicht Millionen, sie quiekten nicht, sie
raschelten nicht, sie waren ganz still, und sahen
mit leuchtenden Knopfaugen zum Eingang, wo wir
standen, ganz vorn ein heller Fleck im graubraunen
Rattenteppich, Einstein, neben ihm ein monströses
Wust, eine Ballung, eine Masse, so groß und so
rund wie das Rad eines Supertrucks. Ein Knäuel von
mehr als 100 Ratten, zusammengewachsen, ineinander
verfilzt, an den Schwänzen verknotet.

Palma: Der Rattenkönig.

Jonas: Vor seinem Palast.

Sam: In seinen Unterhosen und mit seinen
Untertaten. Die warten auf uns.

Palma: Einstein du Verräter.

Sam: Jawohl du treulose Tomate, lasche Pflaume,
falscher Funfziger.

Einstein: Einstein es sich haben überlegt,
Einstein wollen nicht in Genlabor, Einstein
bleiben hier in Unterwelt bei Genossen. Ratten
jetzt nehmen Einstein auf, Ratten lieben Einstein,
Einstein ihnen bringen drei fette Menschen.

Palma: Fett? Ich oder Korf?

Jonas: Von Jonas ganz zu schweigen.

Einstein: Einstein bringen Waffen.

Sam: Und einen Computer nicht zu vergessen.

Einstein: War Einstein Vergnügen. Bitteschön. Bye
bye Freunde.

Palma: Was tun wir?

Jonas: Zwei Optionen, wir lassen uns fressen, oder
wir laufen weg. Suchen Sie sich eine aus,
Butterfly.

Palma: Drei Optionen, wir kämpfen und gehen unter
als Helden.

Jonas: Ohne mich, lassen Sie die Schwerter
stecken, Butterfly, die bringen hier gar nichts.
Wenn ich los sage, nehmen Sie den Wagen und sehen
zu, daß Sie verschwinden, zurück durch den Gang.

Palma: So. Und Sie Jonas.

Jonas: Ich decke den Rückzug.

Palma. Womit. Schockgranaten zu Dritten.

Jonas: Äh äh. Nicht effektiv genug. Flammenwerfer.
Das beste gegen Ratten und anderes Ungeziefer.
Sammy?

Sam: Jawohl. Bei der Arbeit.

Jonas: In die Tasche.

Sam: Ach nein. Nicht schon wieder.

Jonas: Los.

Jonas: Mit dem ersten Feuerstrahl erwischte ich
Einstein, er wurde erst rot und sehr laut, dann
schwarz und still, der zweite Strahl für den
Rattenkönig, er ging in Flammen auf, quiekte wie
am Spieß, verschmorte zu einem unförmigen Klumpen,
die Ratten drehten durch, die vorderen wollten
zurück, die hinteren drängten nach vorn, sie
krabbelten und quietschten, Jonas trat zwei
Schritte zurück und schwenkte die Düse, bis der
Tank leer war. Ziel erreicht. Der Ausgang der
Höhle war dicht, verstopft durch einen Wall
verkohlter Rattenleichen, bis die Überlebenden
sich durchgebissen hatten, würde es dauernd. Wir
waren sicher, fürs erste.

Sam: Kein Grund, faul rumzulümmeln, allerwerteste
Sportskameraden, auf auf hopp hopp, hip hip hurra,
den letzten beißen die Ratten.

Korf: Mama was ist, kommen die Russen.

Jonas: Keine Angst Herbert, schlaf weiter. Wir
bringen dich nach Hause.

Korf: Ja, nach Hause.

Jonas: Du weißt wo's langgeht Sam.

Sam: Jawohl. Eisern und magnetisch. Will sagen
mittels meines vollintegrierten Kompasses
Nordnordwest. Herr
Flottenkapitänsflottillenadmiral.

Jonas: Dann übernimmst du die Führung.

Sam: Aye aye Sir, gerade aus, backbord, backbord
ihr Landratten. Links.

Jonas: Links, rechts, gerade aus, Gänge, Höhlen,
Schächte, nach 4 Stunden hatten wir es fast
geschafft, es wurde Zeit, die Lemuren fingen
wieder an zu trommeln und in der Dunkelheit hinter
uns leuchteten Rattenaugen.

Sam: Jawohl und nun wieder rechts, und nach 100 m
wieder links, ja, so ist schön, voila, da wäre er,
der Schacht zur verlassenen Metrostation, der Weg
zur Oberwelt, zum Lichte, zur Sonne, zur Freiheit.

Jonas: Wo Ihre Parteisoldaten auf uns warten,
Butterfly, hoffe ich jedenfalls.

Palma: Seien Sie unbesorgt, Jonas, die warten,
aber nicht auf uns, auf mich, nur auf mich.

Jonas: Was heißt... Au!

Jonas: Butterfly war das Schlußlicht, mit meiner
Schrotflinte, um die Ratten auf Abstand zu halten,
ein schwerer Fehler, weil sie so in aller Ruhe
Jonas den Kolben über den Schädel ziehen konnte,
ich trat kurz mal aus, nicht lange, ein paar
Sekunden, als ich zurückkam war ich gefesselt und
an Korfs Wagen gebunden.

Palma: Tut mir wirklich leid um Sie, Jonas, Sie
sind kein übler Typ, aber ich habe strikten
Parteiauftrag von allerhöchster Stelle.

Jonas: Saladina Sack.

Palma: Persönlich.

Jonas: Ihr wollt euch die viertel Million sparen.

Palma: Das ist es nicht.

Jonas: Hahaha, Jonas weiß zu viel, wie sie in den
Holokrimiserien sagen.

Palma: Das schon eher. Zurück, ihr seid noch nicht
dran.

Korf: Hilfe, die Russen kommen, die Chinesen
kommen, die Fundamentalisten kommen.

Palma: Halts Maul, Herbert, Sie sind nur Zugabe,
Jonas. Es geht um Korf, er darf die Partei nicht
noch mal in solche Schwierigkeiten bringen.

Jonas: Sie haben den Auftrag Korf umzubringen.

Palma: Natürlich. Sobald wir ihn den Entführern
abgenommen haben, wir machen reinen Tisch, kein
Ehrenvorsitzender mit Alzheimer mehr, der
gekidnappt oder im Holo vorgeführt werden kann,
hätten wir schon längst tun sollen, aber die
Parteiführung war damals zu sentimental.

Sam: Naja, Pietät ist es eine Zier doch besser
geht es ohne ihr.

Palma: So ist es. Seionara, Jonas, hat Spaß
gemacht mit ihnen durch die Unterwelt zu ziehen.

Jonas: Nehmen Sie uns nicht mit Butterfly.

Palma: Wozu, ich überlasse Sie den Ratten. Ob ich
Ihnen den Kopf abschlage oder ob die Sie fressen.

Jonas: Ratte wie Hose.

Palma: Und ich gewinne Zeit. Während sich die
Tierchen mit Ihnen und Korf beschäftigen, bringe
ich mich in Sicherheit. Zwei Fliegen mit einer
Klappe. Also dann.

Korf: Nach Hause, Herbert will nach Hause.

Jonas: Jonas auch, aber da sah ich schwarz. Für
uns beide. Sam hatte auch keine rettende Idee und
ging auf Tauchstation. Hinter uns wurde es lauter,
rascheln, knistern, quieken, sie kamen,
rachedurstig und hungrig. Plötzlich zuckte Jonas
zusammen. Eine Berührung, am Rücken. Eine Ratte,
ein Lemur?

Karla: Weder noch, Jonas. Eine alte Bekannte.

Jonas: Karla! Wie ich mich freue, Sie wieder zu
sehen.

Karla: Das glaub ich Ihnen. So, Sie sind frei,
Jonas. Eine Hand wäscht die andere.

Sam: Alter Toilettenspruch.

Karla: Bis zum nächsten Mal.

Jonas: Danke Karla.

Jonas: Weg war sie, das war ihr Stil, sie ging
ihre eigenen Wege, allein. Jonas stand auf, griff
sich den Wagen mit Korf, die Ratten waren noch ein
Stück entfernt.

Sam: Links. Links müßt ihr steuern.

Jonas: Halt ein Schrei.

Sam: Die Woge trieb das Boot zu lande und sicher
vor die...

Jonas: Schön, daß du dich mal wieder hören läßt,
Sammy, jetzt wo alles vorbei ist.

Sam: Vorbei, was heißt vorbei. Los, du Mutter
aller Tränentiere, links.

Jonas: Links, hast du nicht vorhin gesagt rechts.

Sam: Ja, vorhin, jetzt links, Abkürzung zum
Metroschacht. Gar nichts ist vorbei, du geistiger
Trockenschwimmer, wir haben noch ein gar gewaltig
Suppenhuhn zu rupfen, mit Genossin Palma Kunkel,
ihren zahlreichen Fans auch bekannt als Madam
Butterfly. So und jetzt rechts durchs Loch.
Vorsichtig, Kopf einziehen, das edle Teil in
Gefahr wäre...

Jonas: Wie Sammy es gemacht hat weiß ich nicht,
aber als Jonas um die letzte Ecke guckte, stelle
er fest, daß er Butterfly den Weg ins Freie
abgeschnitten hatte, sie be-wegte sich auf uns zu,
langsam rückwärts, meine Schrotflinte im Anschlag.
Die Rat-ten hielten sich weit zurück, gut so, ich
ließ den Wagen stehen, Korf schlief gerade mal
wieder. Auch gut. Ich nahm Sam aus der Tasche und
setzte ihn auf den Boden.

Sam: Was liegt an Chef?

Jonas: Kleines Ablenkungsmanöver, Sam. Du rollst
zurück, ganz leise, bist du Madam erreicht hast,
dann fährst du ihr über die Zehen und machst.

Sam: Piep.

Jonas: Genau so Sam, sie hält dich für eine Ratte,
kriegt einen Schreck.

Sam: Und den Rest erledigen eure Gewalttätigkeit
auf gewohnt handgreifliche Manier. Haha. Ist
recht. Verlassen Sie Ihnen voll und ganz auf mir,
wie der Professor für Sprachwissenschaft sagte.
Piep. Piep. Piep...

Palma: Ih eine Ratte.

Sam: Mit so nem langen Schwanz.

Jonas: Es klappte. Einen Moment paßte Butterfly
nicht auf, Jonas stand hinter ihr und legte ihr
die Hände um den Hals. Sie war zu überrascht um
sich zu wehren, und als sie's dann doch versuchte,
ging ihr die Luft aus, ich nahm ihr die Schwerter
weg und warf sie weit zurück in den Gang, dann
ließ ich sie fallen, ging zu Korf und wartete, mit
schußbereiter Schrotflinte, bis sie zu sich kam.

Palma: Was was ist.

Jonas: Hier bin ich Butterfly, stehen Sie auf,
schneller.

Palma: Hören Sie Jonas...

Jonas: Und jetzt laufen Sie, andere Richtung,
zurück, so ist es gut, da hinten liegen ihr
Schwerter, wenn Sie sich beeilen, sind Sie vor den
Ratten da. Sie wollten doch kämpfen und heroisch
untergehen. Schneller.

Palma: Hei.

Jonas: Viel Glück mein kleiner Samurai.

Jonas: Ich ging nicht an der Metrostation raus und
natürlich auch nicht durch den Keller im Heim,
Jonas kennt noch mehr Ausgänge aus der Unterwelt.
Es war nicht leicht, Korf nach oben zu bugsieren
und ihn durchs nächtliche Reservat ins stille
Westend zu schaffen, zu dem exklusiven Pflegeheim,
das Sammy ausgekuckt hatte, da lieferte ich ihn
ab, meinen entfernten Großonkel, falscher Name,
falsche Identität, falsche Daten in allen
relevanten Systemen, darum kümmerte sich Sam, das
kann er, das ist seine Spezialität. Das Pflegegeld
besorgte er auch.

Sam: 6000 Euros pro Monat, Herr
Oberfinanzdirektor, für 10 Jahre im Voraus.

Jonas: Moment Sammy. 6000 mal 12, das macht äh...

Sam: Schone deine kleinen grauen Zellen, Monami,
denn du hast derer nicht viele. Doppelpunkt:
720.000.

Jonas: 720.000 Euros.

Sam: Ja, überwiesen und quittiert, alles in
Butter.

Jonas: Wo hast du denn so viel Geld her.

Sam: Ja vom Konto der WORF, poetische
Gerechtigkeit nennt solches der Gebildete.

Jonas: Kennst du den Code.

Sam: Ach Gott. Sowas nimmt man mit, für alle
Fälle, wenn man beispielsweise Gelegenheit hat in
einem gewissen E-Lieferwagen das Datensystem einer
gewissen Partei gewissermaßen von hinten
aufzureufeln. Comri Missio.

Jonas: Und wenn die rauskriegen, wo ihr Geld
geblieben ist.

Sam: Nein nein, nein, keine Panik auf der Andrea
Doria. Sammy hat alle Spuren bestens verlappt, er
meint, verwischt.

Jonas: Wenn das so ist, Sammy, dann hol mir doch
auch gleich mein Honorar vom Parteikonto. Ich
glaub nicht, daß die mir das freiwillig
überweisen.

Sam: Ja das mach mer Alter, sollst auch net leben
wie ein Hund.

Jonas: Aber diesmal mußte Sammy passen,
ausnahmsweise. Was war passiert. Die Partei hatte
sehr schnell gemerkt, daß ein Unbefugter
Unbekannter einen Haufen Geld von ihrem Konto
abgezockt hatte und sofort den Code geändert. So
ging's also nicht, aber vielleicht anders. Jonas
ließ sich mit Saladina Sack verbinden und
verlangte sein Geld.

Sack: Gestatten Sie daß ich lächle, Herr Jonas. Wo
ist Korf?

Jonas: Wo Sie ihn nie finden, Frau Sack, ich hab
ihn versteckt, gut versteckt.

Sack: So. Was ist mit Palma Kunkel?

Jonas: Unten geblieben.

Sack: Ah ein Vorschlag Herr Jonas liefern Sie uns
Korf dann kriegen Sie ihr Honorar.

Jonas: Hm. Ein Gegenvorschlag, Frau Sack, wenn Sie
nicht zahlen, liefere ich Korf an die nächste
große Holostation.

Sack: Das werden Sie nicht tun.

Jonas: Wollen Sie's darauf ankommen lassen.

Sack: Sie kriegen Ihr Geld, Herr Jonas, aber keine
viertel Million, das ist nicht drin, 10.000 Euros
wie ursprünglich vereinbart. Guten Tag.

Jonas: Immerhin. Wie heißt er jetzt unser Freund
Korf?

Sam: Rabe, Ralf Rabe.

Jonas: Merkwürdiger Name. Morgenstern.

Sam: Korrekt, euer Ehren. Der Rabe Ralf ruft
schaurig rah, das End ist da, das End ist da. Und
nun kommt Sammy mit Tari tari taralalla.

Das war Unterwelt. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Kornelia Boje, Susanne
Schwalm, Hans Jürgen Silbermann, Hans Stetter und
andere (Petra Bischof, Erwin Weigel, Werner Klein,
Ursula Rehm). Ton und Technik: Daniela Röder und
Günter Heß. Assistenz: Holger Buck. Regie: Werner
Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks
aus dem Jahr 1995. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Blackout

Jonas: Ich wachte auf. Wie jeden Morgen. Soweit
nichts Besonderes. Aber wenn ich aufwache, liege
ich im Bett. Normalerweise. Diesmal nicht. Diesmal
lag ich im Eingang eines Hauses. An einer Straße.
War ich schon mal auf der Straße aufgewacht? Ich
konnte mich nicht erinnern. Ich konnte mich an
nichts erinnern. An gar nichts. Ich richtete mich
auf, kam auf die Beine, sah mich um. Viele
Fahrzeuge auf der Straße. Und Menschen. Menschen
über Menschen. Alle in Bewegung. Eifrig.
Zielstrebig. Leicht verblödet. Ich stand nur da.
Nicht eifrig. Auch nicht zielstrebig. Aber
verblödet. Nicht nur leicht. Völlig. Total. Ich
wußte nichts mehr. Ich wußte nicht, wo ich war.
Nicht, wie ich hergekommen war. Und vor allem
nicht, wer ich war. In meinen Kopf gab es nichts
als Nebel. Der Nebel fing an, sich zu lichten.
Langsam, sehr langsam. Mir fiel was ein: Ich war
Jonas. Nur Jonas. Frage: Wer war Jonas? Ich
erkannte das Haus, vor dem ich stand. Hier wohnte
Jonas. Ich ging rein. Am Lift hing ein Schild:
Vorübergehend außer Betrieb. Der Lift war kaputt.
Wie immer, fiel mir ein. Also Treppensteigen.
Viele Treppen. Bis zum 16. Stock. Dann durch einen
dunklen Gang. Zu einer Tür mit Messingschild.
Jonas, stand drauf, nur Jonas. Ich griff in die
Tasche. Ich holte ganz selbstverständlich einen
altmodischen Schlüssel raus. Und gar nicht
selbstverständlich einen Zettel. Darauf stand
geschrieben: "Sie sind Jonas. Nur Jonas. Der
letzte Detektiv. Sie sind in Lebensgefahr. Tauchen
Sie unter!" Ich schüttelte den Kopf, und steckte
den Schlüssel ins altmodische Türschloß.

Sam: Wohin bist du entschwunden? Du gingst
hinfort, und niemals kehrst du wieder. Lieb war er
mir, und wert und teuer. Auch wenn er unter uns
gesagt ein Hohlkopf war, eine mentale
Schlaftablette, ein veralteter Biobrain, kurz: nur
ein Mensch, ja sei’s drum. Er war ein Mensch,
nehmt alles nur in allem. Wann werden wir wohl
seinesgleichen sehen? O nie, o nimmer, o
nimmermehr. Schultz, äh schluchzt.

Jonas: Der Radau in meinem Büroapartment war Sam.
Das wußte ich. Aber ich wußte nicht, wer oder was
Sam war.

Sam: Na wer schon? Dein allzeit getreues
Computerlein, bis dato verwaist und verlassen,
doch nunmehr, Hosianna, Halleluja, Holldriadiö,
ist er zurück, der Jonas, der letzte Detektiv, der
meinige. Sammy ist wiederum bevatert, bemuttert,
beonkelt, betantet, beschwiegermuttert, betütelt.

Jonas: Ruhe.

Jonas: Richtig.

Sam: Ja.

Jonas: Sam war mein Computer. Ein gewaltiger
Quassler vor dem Herrn. Ein kleiner Blechkasten
auf Rädern. Unentbehrlicher Begleiter und
Ratgeber. Warum war er nicht in meiner Tasche? Und
was war überhaupt los mit Jonas? Woher der Nebel
in meinem Kopf? Die Löcher in meinem Gedächtnis?
Ich wußte es nicht. Doch wozu hat der Mensch einen
Computer?

Jonas: Was ist passiert, Sam?

Sam: Hinfort ging er, mein Jonas.

Jonas: Wann?

Sam: Am Tage vor diesem.

Jonas: Gestern?

Sam: Präzis am 4. Julei anno 2014, da die Walduhr,
Korrektur, da die alte Wanduhr schlug die 14.
Stunde, die 5. Minute, die 16. Sekunde.

Jonas: Gestern, 5 nach zwei, da habe ich das Haus
verlassen. Allein.

Sam: Zur Gänze, Maestro, will sagen, ohne Sam. Von
wegen dem vorausgegangenen Stromausfall und dem
aus dem selben resultierenden mangelhaften
Ladezustand von dero Hoheit ergebendsten Computer.
Denn merke: Kommt nicht Saft aus Dose, geht Sams
Kraft in die Hose, hahahahaha.

Jonas: Bleib bei der Sache, Sam, ich bin also
weggegangen, und dann?

Sam: Ja, dann verging die Zeit. Der elektrische
Strom kehrte wieder, doch wer nicht zurückkam, war
mein Herr und Meister. Samwat und noit, mit aller
letzter Kraft rollte er zur Steckdose und sprach:
Einmal volltanken, Chef, und wenn Sie schon dabei
sind, können Sie auch gleich die Scheiben waschen.

Jonas: Scheiben? Was für Scheiben?

Sam: Eine Assoziation, Sir. Eine Reminiszenz aus
der dunklen Ära des Verbrennungsmotors.

Jonas: Bleib in der Spur, Sammy. Weiter.

Sam: Weiber, jawoll, äh, weiter, jawohl. Es wurde
abend. Es wurde Nacht. Kein Mensch. Kein Jonas.
Sam raufte sich die Haare.

Jonas: Du hast keine Haare, Sammy.

Sam: Zu Befehl, keine Haare. Überall hat Sammy
nachgefragt. Alle relevanten Dateien hat er
durchgecheckt. Puzileistationen, Krankenhäuser,
Irrengestalt äh Anstalten, und gar, pfui Teifel,
Leichenschauhäuser.

Jonas: Sehr umsichtig, Sam.

Sam: Ja, es war alles umsunst. Denn welch Glück
erlebet er, erlebet er, erlebt net alle Tage.

Jonas: Mehr oder weniger.

Sam: Doch wie schaut er aus, mein Jonas? Bläßlich,
grünlich, gelblich, so recht käsig chinesig. Und
was hat er denn da am Kopf?

Jonas: Ja was hab ich denn da am Kopf? Au!

Sam: Druckstellen an der Denkerstirne. An den
grauen Schläfen. Am edlen Hinterkopfe desgleichen,
hmh?

Jonas: Au, ja, da auch.

Sam: Aha, am Kopf Druckstellen von angesetzten
Elektroden, ferner Lücken im Gedächtnis, Sam
schwant was, aha.

Jonas: Ach ja?

Sam: Schwanensee. Ein Wort nur: Memoryklau.

Jonas: Memoryklau? Was ist das?

Sam: Das wissen gnädiges Fräulein nicht?

Jonas: Nie gehört, Sam, oder vielleicht doch?

Sam: Es schellt das Fon, nun nimms doch schon.

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Jasmin Lamour: Sie sind zurück? Gut. Was haben Sie
erreicht?

Jonas: Auf dem kleinen Fonbildschirm erschien eine
wunderschöne Frau. Wie Venus in der Muschel. Nur
daß die Anruferin was anhatte. Sehr schick sah sie
aus, sehr sexy. Ich kannte sie nicht, aber ich
hätte sie gern gekannt. Bei ihr war’s anders. Sie
kannte mich. Und ich kannte sie, sagte sie.

Jasmin Lamour: Aber natürlich kennen Sie mich,
Herr Jonas. Jasmin Lamour. Gestern war ich bei
Ihnen.

Jonas: Wenn Sie meinen. Und worum ging’s?

Jasmin Lamour: Um meinen plötzlichen
Gedächtnisverlust. Den sollten Sie aufklären.

Jonas: Gedächtnisverlust? Wann waren Sie hier?

Jasmin Lamour: Gestern, kurz nach 12.

Sam: War sie, Kampel. Sammy ist Zeuge. Na, immer
noch Mattscheibe? Dann horch mal zu und paß schön
Obacht.

Jonas: Sie erzählten mir, was gestern mittag bei
mir abgelaufen war. Mit vereinten Kräften. Sam und
die schöne Frau im Fon. Jasmin Lamour. Ihren Namen
hatte sie noch gewußt. Und ihren Beruf.
Kriegsreporterin in der Drittwelt. Ansonsten
Fehlanzeige. Löcher im Gedächtnis. Lücken im Hirn.
Und Druckstellen am Schädel. Sieh mal an.

Sam: Alles klar, Gnädigste wurden angezapft.

Jonas: Sehr wahrscheinlich. Ihr Verband am rechten
Knie, Frau Lamour, sieht neu aus.

Sam: Unprofessionell.

Jasmin Lamour: Nur eine Hautabschürfung. Ich hatte
einen kleinen Unfall. Ich bin gestürzt. Auf der
Straße.

Jonas: Das wissen Sie also noch.

Jasmin Lamour: Ja, vorgestern, am van-Dusen-Platz,
und dann...

Jonas: Ja?

Jasmin Lamour: Nichts mehr. Mehr weiß ich nicht.

Jonas: Hat man Sie in ein Krankenhaus gebracht?

Jasmin Lamour: Ich weiß es nicht.

Jonas: Der Verband sieht ganz danach aus. Sam?

Sam: Schon da, Gevatter. Piep. Im Bereich van-
Dusen-Platz nur ein einziges Krankenhaus.
Professor-Sauerbier-Klinik. Schwerpunkt
Neurologie.

Jonas: Na so was.

Sam: In Patientendatei keine Jasmin Lamour.

Jonas: Hätte mich auch gewundert. Die hinterlassen
keine Spuren im Netz.

Jasmin Lamour: Die?

Jonas: Memoryklauer. Sagt Ihnen nichts, Frau
Lamour?

Jasmin Lamour: Nein.

Jonas: Erklär’s ihr, Sammy. Kurz und knapp, wenn
ich bitten darf.

Sam: Bitte sehr, bitte gleich, bitte kurz, bitte
knapp. Hhrmhrm, meine Daumen und Hirn, Korrektur,
meine Damen und Herren, liebe Kleinkinder,
hochgeschätzte Festversammlung, wir haben uns hier
zusammengefunden...

Jonas: Sam!

Sam: OK OK, OK OK, also, die illegale Entnahme
individueller Gedächtnissegmente zwecks
kommerzieller Verwertung, vulgo Memoryklau, stellt
eine neuartige Aktivität gewisser mit technischem
Know-how, krimineller Energie sowie ausgeprägtem
Gewinnstreben ausgestatteter Mitbürger dar. Die
Prozedur ist folgende: Das Gedächtnis von Menschen
mit ungewöhnlichen Berufen und/oder Biographien
wird gesichtet, besonders interessante Erlebnisse
werden entnommen, elektronisch aufbereitet und in
CD-Form verkauft, an Menschen, die nicht den Mut
oder die Voraussetzung aufweisen, selbst ein
außergewöhnliches Leben zu führen, und denen die
übliche Kompensation mittels virtueller Realität
zu langweilig ist. Dank Memoryklau erwerben diese
Menschen Pseudo-Erinnerungen, die ihnen jedoch
durchaus konkret real gelebt erscheinen. Die Opfer
bleiben mit entsprechenden Gedächtnislücken
zurück. Das Abzapfen von Memory ist teuer und
aufwendig, man benötigt hierzu komplizierte
neurologische Apparaturen, wie sie sich nur in
gutausgestatteten Kliniken finden.

Jasmin Lamour: Ich verstehe. Was hat ihr Computer?

Sam: Total geschafft, hab keinen Saft.

Jonas: Ich kann ihn nicht aufladen, wegen
Stromausfall. Fertig, Sam?

Sam: ...Einspielen von Memory-CDs unaufwendig,
über Spezial... modul... Ende der Durchsage.

Jonas: Danke, Sammy.

Sam: Bitte.

Jasmin Lamour: Und Sie glauben, Herr Jonas, daß
mir so etwas zugestoßen ist.

Jonas: Todsicher. Ist doch ein hochinteressanter
Beruf, Kriegsreporterin in der Drittwelt.
Massaker, Greueltaten am laufenden Band. Ich
kümmere mich um Ihren Fall, Frau Lamour, für 120
Euros pro Tag und Spesen.

Jasmin Lamour: In Ordnung. Ich rufe Sie morgen an.

Jonas: Laserstrahler nicht geladen, Neurofreezer
auch leer. Nehm ich also die gute alte Smith &
Wesson.

Sam: Was hast...

Jonas: Was ich vorhabe? Ich sehe mir dieses
Krankenhaus mal an, die Professor-Sauerbierklinik.

Sam: Nimm mich...

Jonas: In deinem Zustand? Du bleibst schön hier,
und wenn’s wieder Strom gibt, lädst du dich auf,
OK?

Sam: Oh...

Jonas: Das war gestern. Laut Sam und Jasmin
Lamour. Und heute? Heute kuckte Jonas blöd aus der
Wäsche. Und konnte sich nicht erinnern.

Jasmin Lamour: Was geschah in der Klinik, Herr
Jonas?

Jonas: Weiß ich nicht.

Sam: Euer Gnaden Smith & Wesson?

Jonas: Hab ich nicht mehr.

Sam: Warum nicht?

Jasmin Lamour: Man hat Ihnen also auch das
Gedächtnis gestohlen. Wie mir. Wissen Sie was,
Herr Jonas, wir tun uns zusammen. In einer Stunde
bin ich bei Ihnen.

Jonas: Jonas war’s recht. Sehr recht sogar. Ich
wollte mein Gedächtnis zurück. So schnell wie
möglich. Und Jasmin Lamour gefiel mir. Ihr Name
fing mit J an, ein gutes Omen. Ich wartete auf
sie. Und ließ Sam solange überprüfen, was in
meinem Gedächtnis fehlte. Das war gar nicht so
viel, meinte er.

Sam: Lediglich einige wenige ihrer verehelichen
Fälle, o Sherlock Holmes des 21. Jahrhunderts.

Jonas: Wieviel?

Sam: Naja, so rund 30 an der Zahl.

Jonas: 30? Und das nennst du wenig?

Sam: Ach wissen Sie, Boss, das Leben geht weiter.

Jonas: Ich sag dir was, Sammy. Ein Detektiv, der
sich an seine interessantesten Fälle nicht
erinnern kann, der ist keiner.

Sam: Na und? Bist du eben nicht mehr Jonas, der
letzte Detektiv. Bist du nur noch Jonas, der
letzte. Hahahahaha!

Jonas: Halt die Klappe.

Sam: Horch was kommt von draußen rein, hollabi,
hollabu.

Jonas: Frau Lamour, nehme ich an.

Sam: Ah so.

Jonas: Herein!

Sam: Was?

Jonas: Es war nicht Jasmin Lamour. Es war ein
junger Mann, in altmodischem Business Outfit.
Nadelstreifen, Krawatte, Aktenkoffer.
Versicherungsvertreter?

Killer: Keineswegs, Herr Jonas. Sie sind doch Herr
Jonas?

Jonas: Und wenn?

Killer: Dann hätt ich was für Sie. Falls Sie daran
interessiert sind, Ihr Gedächtnis
zurückzuerhalten. Sind Sie das, Herr Jonas?

Jonas: Aber sicher.

Sam: Fürsicht, Meister, denn siehe, sprach Zara
Leander.

Jonas: Sei still, Sam.

Killer: Sehen Sie, Herr Jonas, hier in meinem
Aktenkoffer, habe ich Ihre ganz spezielle
individuelle Memory-CD, Sie brauchen sie nur über
ein Modul in Ihr Hirn einzuspielen.

Sam: Achtung, er hat eine Waffe! A-ü-a-ah, a-ü-a-
ah, a-ü-a-ah, a-ü-a-ah...

Jonas: Eine Waffe, keine Memory-CD. Eine Kurz-MP
von Keckler & Hoch, Typ SW7, er zog sie aus dem
Koffer, richtete sie auf Jonas, der reagierte
nicht, zu dösig und mitgenommen. Aber da war ja
noch Sam. Sam, der Unentbehrliche. Er heulte wie
eine Sirene, rollte blitzschnell an, fuhr eine
Zange aus, und kniff den Kerl in die linke Wade,
direkt über der schwarzen Perlonsocke. Was den
erheblich irritierte. Er schoß vorbei. Und bevor
er noch mal zielen und abdrücken konnte, hatte ich
mich bekrabbelt. Ein kurzer Tritt gegen den Arm,
er ließ die MP fallen. Jonas fing sie auf, das
veranlaßte ihn, sich zu empfehlen. Schnell, über
den Gang, die Treppe runter. Ich ließ ihn laufen.

Sam: Hinterher, du Lahmgesäß. Knips ihn ab, mach
ihn tot.

Jonas: Immer mit der Ruhe, Sam. Zum Beißen hab ich
dir die Zange eigentlich nicht gekauft.

Sam: So ist’s recht. Sam rettet sein erbärmliches
Leben, und er meckert. Und der Typ hat auch noch
ganz scheußlich geschmecket. Wüah, richtig
widerloch.

Jonas: Du hast keinen Geschmacksinn, Sammy. Was
ist los, warum hat der auf mich geschossen?

Sam: Weil das sein Job ist, du Dummie. Weil er zur
Todesschwadron gehört. Siehe Outfit, siehe Waffe.

Jonas: Todesschwadron?

Sam: Ach du liebes Gottchen, nicht mal det weeß er
noch. Merke: Die Todesschwadron ist die größte und
solideste Profikillerfirma in Bab-ysilon. Fall
Euroblues. Aber an den können Hochwürden sich ja
auch nicht erinnern.

Jonas: Profikiller? Wer hat die auf mich
angesetzt, Sam, und warum? – Ja?

Ines Sikorski: Seien Sie vorsichtig. Die
Todesschwadron ist hinter Ihnen her.

Jonas: Hab ich gemerkt. Wer sind Sie?

Ines Sikorski: Sie sind Jonas, nur Jonas, der
letzte Detektiv. Sie sind in Lebensgefahr. Tauchen
Sie unter!

Jonas: Haben Sie mit den Zettel in die Tasche
gesteckt?

Ines Sikorski: Tauchen Sie unter!

Jonas: Diesmal kein Bildfon. Der Schirm blieb
dunkel. So dunkel wie die ganze Geschichte.
Memoryklauer. Profikiller. Und jetzt noch eine
geheimnisvolle Warnerin. Wer war sie? Jasmin
Lamour?

Jasmin Lamour: Nein, Herr Jonas, ich habe nicht
vor zehn Minuten bei Ihnen angerufen. Warum fragen
Sie?

Jonas: Nicht so wichtig.

Jasmin Lamour: Was tun wir, Herr Jonas, was
schlagen Sie vor?

Jonas: Vielleicht sollte ich noch mal zur
Sauerbierklinik.

Sam: Dürfte der niedriggeborene Diener sich
erfrechen, einen wohlgemeinten Ratschlag von sich
zu geben?

Jonas: Dazu hab ich dich, Sammy, schieß los.

Sam: Da mein Meister sich im Vollbesitz seiner
detektivischen und intellektuellen Fähigkeiten
befand, besuchte er besagte Klinik zum ersten
Male, und dieser Besuch endete mit einem Desaster.
Wie wird es ihm, rammdösig und hirngelöchert, wohl
bei einer zweiten Visite ergehen, ha?

Jasmin Lamour: Ihr Computer hat recht, Herr Jonas.

Sam: Hab ich immer.

Jonas: Also lassen wir die Klinik. Vorerst. Bis
ich mein Gedächtnis wiederhabe.

Jasmin Lamour: Und wo, Herr Jonas, bekommt man
Gedächtnisse jeder Art?

Sam: Im Memorycenter.

Jasmin Lamour: Genau.

Sam: Im Reservat.

Jonas: Das Reservat. Ich konnte mich vage
erinnern. Im wilden Südosten von Babylon. Seit den
Unruhen vor 15 Jahren eine Trümmerlandschaft. Und
ein exterritorialer Bezirk. Wo Polizei und
Verwaltung nichts zu sagen haben. Wo sich alle
festgesetzt hatten, die in Babylon unerwünscht
waren. Freaks, Mutanten, Illegale. Wo es
Klonfabriken gab. Stimshops. Und das Memorycenter.
Ein ehemaliger Supermarkt. Relativ leicht zu
erreichen. Gleich hinter der Grenze. Nicht weit
vom Gigant-Hotel. Jasmin kam mit. Jonas war
einverstanden. Wenn die Erinnerung löchrig wird
und die Welt unscharf, dann ist es gut, eine
schöne Frau zur Seite zu haben. Außerdem war sie
ja auch auf der Suche nach dem verlorenen
Gedächtnis.

Verkäuferin: Kriegsreporterin? Tut mir leid. Da
hab ich momentan nichts am Lager. So was kommt
selten rein und geht schnell wieder raus. Ist ja
auch interessant, nicht? Und was sucht der Herr?

Jonas: Privatdetektiv.

Verkäuferin: Detektiv? Sie meinen Kriminalpolizei?

Jonas: Ich meine Privatdetektiv. Privat.

Verkäuferin: Ist schon klar. Nein, haben wir
nicht. Seit ich hier arbeite, haben wir noch nie
ein Privatdetektiv-Memory gehabt. Noch nie. Und
wenn...

Jonas: Und wenn ich in den nächsten Tagen noch mal
vorbeikomme, vielleicht kriegen Sie ja inzwischen
was rein.

Verkäuferin: Wenn wir was kriegen, dann haben wir
schon eine Vorbestellung. Von einem Kunden, der
alles kaufen will, was irgendwie mit
Privatdetektiven zu tun hat.

Jonas: Wer ist das? Wie heißt er?

Verkäuferin: Bedaure. Keine Namen, keine
Auskünfte. Geschäftsprinzip. Tja, wäre die Dame
vielleicht interessiert an einer Wärterin im
Frauengefängnis, oder an einer mesopotamischen
Foltermagd?

Jasmin Lamour: Ganz bestimmt nicht.

Verkäuferin: Nun ja, ist ja auch nicht jederfraus
Sache. Und der Herr? Verunglückter Astronaut?
Marskolonist? Oder Haremswächter im Sonderangebot?

Jonas: Danke.

Verkäuferin: Fragen Sie ruhig mal wieder nach.

Jonas: Im Memorycenter also Fehlanzeige. Was
jetzt? Erst mal raus aus dem Reservat. So schnell
es ging. Das war nicht sehr schnell. Wegen Jasmin.
Sie hatte Probleme mit ihrem Knie. Die
Hautabschürfung. Der Unfall von neulich. Ab und zu
mußte sie Pausen einlegen.

Jonas: Soll ich Sie tragen?

Jasmin Lamour: Nicht doch, es geht schon. Ich bin
gleich soweit.

Sam: Achtung, Achtung! Auffälliger Luftverkehr.
Helikopter aus Richtung Giganthotel.

Jonas: Geht uns nichts an, Sammy.

Sam: Ja, das glaubst du, mein unschuldsvoller
Engel. Remember the Alamo. Will sagen: Fall
Eurodschungel.

Jonas: Euro... was?

Sam: Ach, vergessen natürlich. Dann spitz mal
deine Lauscher, ja? Helikopter über Reservat
bedeutet Gefahr, ganz besonders, wenn er in unsere
Richtung fliegt und seinen Suchscheinwerfer
eingeschaltet hat.

Jonas: Vielleicht hast du recht, Sam.

Sam: Hab ich immer.

Jonas: Jasmin, gehen Sie in Deckung!

Jonas: Der Scheinwerfer hatte uns erfaßt. Wer
immer im Helikopter saß, fing an zu schießen. Auf
uns. Ziegelsplitter flogen durch die Luft. Jonas
hockte hinter einem Geröllhaufen. Und schoß
zurück. Mit der Keckler & Hoch, die er sich
eingesteckt hatte. Für alle Fälle. Glas klirrte,
der Scheinwerfer ging aus. Gut so. Ich griff mir
Jasmin und zog sie ins untere Geschoß einer
Hochhausruine. Keine Sekunde zu früh. Der
Helikopter knipste einen zweiten Scheinwerfer an,
und landete. Knapp 100 Meter entfernt. Drei, vier,
fünf Figuren sprangen raus. City-Anzüge,
Aktenkoffer, MP’s. Sie wußten, wo wir steckten,
arbeiteten sich vor. Und schossen. Fünf
Todesschwadronöre gegen einen Jonas. Unfair.

Jonas: Lange kann ich sie nicht aufhalten. Laß dir
was einfallen, Sam!

Sam: Ja wie denn, wo denn, was denn? Ist Sam ein
Magier? Eine Wundertüte? Hä? Wächst ihm ein
Kornfeld auf der flachen Hand?

Jasmin Lamour: Kornfeld wäre nicht schlecht, da
könnten wir uns verstecken.

Mutant: Meine Dame, mein Herr, seien Sie gegrüßt.
Welche Freude, daß Sie meine bescheidene Behausung
mit Ihrem hohen Besuch beehren.

Jasmin Lamour: Wer was das?

Jonas: Wo war das?

Sam: Da hinten, wo`s ganz dunkel ist.

Jasmin Lamour: Da leuchtet was.

Sam: Ja ja.

Jonas: Drei rote Augen. Eins über den beiden
anderen. Ein Dreieck. Ein Warnschild. Dann trat
der Sprecher ins Helle. Die Sprecherin. Das
Sprecher. Ein nacktes Neutrum. Hellgrün, haarlos,
und dreiäugig. Ein Mutant. Kein erfreulicher
Anblick. Dennoch hochwillkommen. Wer in der
Scheiße sitzt, greift nach jedem Strohhalm. Und
nach jedem Mutanten.

Mutant: Wie es scheint, gibt es gewisse Probleme
zwischen Ihnen und den Herrschaften dort draußen.

Jonas: So kann man’s auch sagen. Die wollen uns
umbringen.

Mutant: Wie unhöflich.

Jonas: Können Sie uns helfen?

Mutant: Nun, einerseits widerstrebt es mir
zutiefst, mich in die Auseinandersetzungen mir
unbekannter einzumischen, doch kann ich es
andererseits keinesfalls zulassen, daß meine
Besucher in meinem Salon gemeuchelt werden. Haben
Sie die Güte, mir zu folgen.

Jasmin Lamour: Wohin?

Mutant: Zum Dienstboten- und Lieferanteneingang,
zur Hintertür, wenn Sie so wollen. Bitte sich ein
wenig zu sputen. Die Zeit drängt, und eine gewisse
Beschleunigung wäre durchaus nicht unangebracht.

Jasmin Lamour: Ich kann nicht laufen. Mein Bein.

Jonas: Ich nehme Sie huckepack, Jasmin, steigen
Sie auf. Halten Sie sich gut fest.

Sam: Ich steig auch auf.

Jonas: Es ging nach hinten, ins Dunkle. Was den
Mutanten nicht störte, er hatte Leuchtaugen. Durch
eine Falltür nach unten, in den Keller. Noch eine
Falltür, darunter ein tiefer Schacht, am Rand
rostige Metallklammern. Als der Schacht zu Ende
war, weiter in der Horizontalen. Ein niedriger
Gang aus roten Ziegeln. Hier roch es nicht gut.

Sam: Ein alter Abwasserkanal. Fall Unterwelt,
weißt du doch, Jonas mein.

Jonas: Weiß ich nicht, Sam, weißt du doch.

Sam: Tschuldigung. Da ist olle Sam mal wieder voll
in den Fettnapf gelatscht.

Jasmin Lamour: Werden Sie uns verfolgen?

Mutant: Die unerquicklichen Herren mit den
Maschinenpistolen? Ich wage es zu bezweifeln,
meine Dame. Dazu dürfte es ihnen denn doch an
Wagemut und Entschlossenheit mangeln. Sie fürchten
die Ratten, welche hier unten heimisch sind.

Sam: Und die Lemuren, die Kannibalen.

Mutant: Mag sein.

Jonas: Jasmin hatte sich erholt. Sie konnte wieder
laufen. Was Jonas das Leben leichter machte. Auch
wenn er sich noch immer nicht erinnern konnte.
Dafür war Sam da. Und für die zusätzliche
Beleuchtung. Im Schein seines Lichtstrahls sahen
wir, daß der Gang sich vor uns gabelte. Unser
Führer wollte nach rechts.

Mutant: Meine Dame, mein Herr, folgen Sie mir.

Sam: Laß ihn laufen, Chef, wir halten uns links.
Da geht’s raus.

Mutant: Mitnichten, verehrter Computer, Sie
unterliegen einem Irrtum. Der rechte Weg ist
rechts.

Sam: Hehe, für dich vielleicht, du nackter
Laubfrosch. Nicht für uns. Indem daß es rechts zur
Lemurenhöhle geht, direkt Mann in den
kannibalistischen Kochkessel. Ja, da sollen wir
rein. Genau das hat er vor, unser grasgrüner
Freund. Ein sehniger Privatdetektiv und eine dünne
Kriegsreporterin, nicht gerade ein üppiger
Festschmaus, aber besser als Luft und Liebe, gell,
du Kackfrosch.

Mutant: Die ungeheuerliche Unterstellung des
verehrten Computers weise ich aufs entschiedenste
zurück. Lassen Sie sich nichts einreden, meine
Dame, mein Herr, kommen Sie mit mir.

Jonas: Lieber nicht. Sam kenn ich schon lange, und
Sie erst seit ein paar Minuten. Nichts für ungut.
Vielen Dank für Rattung und Führung, aber unsere
Wege trennen sich, so long.

Jonas: Der Mutant verzog sich, muffig und
mürrisch. Wir steuerten links, das war gut. Nach
etwa 300 Metern ging's raus, durch einen Gully auf
eine dunkle Straße. Irgendwo im babylonischen
Osten. Verrammelte Häuser, finster, abweisend.
Dazwischen altmodische blaue Neonbuchstaben: Zum
Wasserloch. Eine Kneipe. Synth-Whiskey und Soja-
Kaff. Genau das, was wir brauchten.

Jasmin Lamour: Kein Soja-Kaff.

Jonas: Kein Whiskey, nur Strohrum.

Sam: Aus dem Automaten. Buwäh, pfui Spinne und
Spurgel.

Jonas: Nicht gerade üppig, aber besser als Luft
und Liebe, oder Sam?

Sam: Ah, Sam kennt nicht die Liebe, Sam trinkt nur
Maschinenöl.

Jonas: Auch nicht viel schlimmer als dieser Rum.
Ihr Wohl, Jasmin.

Jasmin Lamour: Mögen wir bald wieder in Besitz
unserer Erinnerung sein.

Holo: In der heutigen Ausgabe unserer Talkshow
Nichts geht über dich...

Jonas: Wenn wir auch noch keine Ahnung haben, wie
wir das anstellen sollen.

Holo: Besondere Menschen, besondere Schicksale,
begrüßen wir als Gast Herrn.

Janus: Janos. Nur Janos.

Holo: Herrn Janos, den letzten Detektiv.

Sam: Ruhe! Seid doch mal still, Leute.

Holo: Herr Janos wird uns von seiner Arbeit
erzählen...

Jonas: Was ist denn in dich gefahren, Sam?

Holo: Seinen Abenteuern, seinen interessantesten
Fällen.

Sam: Da, im Holo, hört doch mal, kuckt doch mal!

Holo: Die spielen nicht alle in Babylon.

Jasmin Lamour: Ach, Ihr Computer nervt, Jonas,
schalten Sie ihn ab.

Jonas: Augenblick mal.

Janos: Sehr richtig. Da war ich zum Beispiel, das
muß jetzt so ungefähr dreieinhalb Jahre her sein,
im wilden Kusbekistan, eine richtige Todestour,
das kann ich Ihnen sagen. Oder die Sache mit dem
Schlachthaus in Costaguana, Südamerika, wissen
Sie, und...
Holo: Was war denn Ihr bisher aufregendster Fall,
Herr Janos?

Janos: Ach, das ist eine schwierige Frage.
Eigentlich waren sie alle aufregend. Alle meine 32
Fälle.

Holo: Nennen Sie uns doch einfach einen oder zwei.

Janos: Megastar vielleicht, oder mein Trip in die
Strafkolonie, Inselklau, Westfront, Kopfjäger...

Holo: Gleich können Sie uns mehr erzählen, Herr
Janos.

Sam: Alles Jonas-Fälle, alles Jonas-Fälle.

Jonas: Glaub ich dir aufs Wort, Sam.

Holo: Jetzt machen wir ein bißchen Musik, mit den
swingenden Lords, und dann... bleiben Sie dran.

Sam: Der hat sie geklaut und geht damit im Holo
hausieren, dieser...

Jonas: Janos.

Sam: Nein, so heißt er nicht, ganz bestimmt nicht,
Janos, nur Janos, der letzte Detektiv. Alles
geklaut, alles Pseudo.

Jonas: Dieser sogenannte Janos hat also jetzt
meine Erinnerungen. Vermutlich ist er auch der
Kunde im Memorycenter, der sich so für
Privatdetektive interessiert. Findest du, daß er
mir ähnlich sieht, Sam?

Sam: Naja, beim genauen Hinsehen kommt er mir
irgendwie bekannt vor.

Jasmin Lamour: Überhaupt nicht. Sie sehen viel
besser aus, Jonas.

Jonas: Danke. Wir sollten uns diesen Hochstapler
vorknöpfen.

Sam: Indeed, Sir, and how? Haben Herr
Meisterdetektiv already einen Meisterplan?

Jonas: Über die Holostation. Wir gehen hin,
kriegen raus wie der Kerl wirklich heißt, wo er
wohnt.

Jasmin Lamour: Wäre es nicht besser in der
Professor-Sauerbierklinik?

Jonas: Das hat Zeit, Jasmin. Erst zu Network.

Jasmin Lamour: Aber doch nicht sofort, Jonas.

Sam: Hört, hört, wo Sie recht hat, hat sie recht.
Nichts überstürzen, sagt der weise Bosequo. Immer
mit der Ruhe, eins nach dem anderen, und eine nach
der anderen.

Jonas: Eile mit Weile, was du heute kannst
besorgen, nein, nein, das paßt nicht.

Sam: Ja, find ich auch. Vorschlag zur Güte. Suchen
wir zunächst euer Gnaden feudalen Palazzo auf,
zwecks Aufrüstung: Neurofreezer und Laserstrahler
dürften inzwischen wieder voll geladen sein. Und
dann sollen sie nur kommen, Todesschwadronen,
Memoryklauer, falsche Detektive. Wir werden ihnen
den Marsch blasen.

Jonas: Darauf einen Strohrum.

Sam: Davon wird man strohdumm.

Jonas: Vor der Tür zu meinem Büroapartment stand
eine Frau. Nicht ganz so schön wie Jasmin, nicht
ganz so schlank, nicht ganz so jung, aber doch
sehr ansehnlich. Sie wartete auf Jonas.

Ines: Ich brauche dringend einen Detektiv, weil
ich nämlich ganz plötzlich mein Gedächtnis
verloren habe.

Jonas: Sie auch, das ist ja eine richtige
Epidemie.

Ines: Darf ich eintreten?

Jonas: Wollen wir sie reinlassen, Sam?

Sam: Sie ist es, Genosse.

Jonas: Sie ist wer?

Sam: Die mysteriöse Warnerin am Fon.

Jonas: Die mit dem Zettel. Bist du sicher, Sam?

Sam: Ach, hat Sam ein voll integriertes
holografisches Vox-Ident-Programm oder hat er
nicht, oder wie oder was oder doch?

Jonas: Er hat. Das Programm. Und recht hat er
sowieso. Der Fall wurde immer undurchsichtiger.
Ich bot der Besucherin meinen Schreibtischstuhl
an, auf dem Kundensessel hatte Jasmin Platz
genommen. Die beiden Frauen musterten sich
flüchtig. Sie kannten sich. Überraschung.

Jasmin Lamour: Was fällt Ihnen ein, Ines? Hab ich
Ihnen gesagt, Sie sollen hierherkommen?

Ines: Nein, Dr. Lamour, aber.

Jasmin Lamour: Sie wollen mir nur helfen, nehme
ich an. Absolut unnötig. Mit Jonas werde ich ganz
allein fertig. Der frißt mir aus der Hand. Aber wo
Sie nun schon einmal hier sind, können Sie sich
nützlich machen. Hände hoch, Jonas!

Jonas: Jasmin hatte einen kleinen Laserstrahler
aus der Tasche gezogen. Ein Spielzeug, aber fast
so gefährlich wie die große Ausführung. Vor allem
aus nächster Nähe. Jasmin zielte auf Jonas. Der
nahm brav die Hände hoch, und wunderte sich.

Jonas: Sie sind auf dem falschen Dampfer, Jasmin.
Im Reservat hätten Sie den Laser benutzen sollen,
gegen die Todesschwadron, nicht hier, nicht gegen
Jonas. Ich bin auf ihrer Seite.

Jasmin Lamour: Wenn Sie sich da nur nicht irren.
Ines, er hat eine Waffe, eine Keckler & Hoch, in
der Jackentasche, nehmen Sie sie ihm weg. Seien
Sie vorsichtig. Eigentlich ist es mir gar nicht
recht, daß ich Jonas nun doch selbst erledigen
muß, eigenhändig, aber was bleibt mir übrig. Die
Todesschwadron hat gleich zweimal versagt, also
muß ich ran, reinen Tisch machen. Schließlich
haben wir einen eindeutigen Vertrag mit unserem
Auftraggeber. Ines, was tun Sie? Weg mit der MP,
geben Sie sie mir.

Ines: Nein, Dr. Lamour. Sie drehen Ihren Laser um,
und geben ihn Jonas in die Hand. Langsam.

Jasmin Lamour: Sind Sie verrückt geworden?

Ines: Im Gegenteil. Ich bin zu Verstand gekommen.
Memoryklau ist eine Sache, aber Mord.

Jasmin Lamour: Jetzt ist mir einiges klar. Sie
haben ihn aus der Klinik gelassen.

Ines: Habe ich. Sagen Sie mal, Jonas, gibt’s hier
so was wie einen Strick, oder Biofesseln?

Jonas: Der gute Detektiv ist auf alle
Eventualitäten vorbereitet. Mehr oder weniger.
Jasmin wurde gefesselt. Geknebelt. Auf meinem Bett
abgelegt und zugedeckt. Was mit ihr geschehen
sollte, würde sich Jonas später überlegen. Vorher
mußte er sich sein Gedächtnis zurückholen. Mit
Ines Hilfe. Sie war die weiße Dame im Spiel.
Bisher war ich blind auf dem Feld herumgeirrt.
Ines erklärte mir die Regeln. Und machte mir klar,
wer noch mitspielte. Die schwarze Dame zum
Beispiel. Alias Dr. Jasmin Lamour. Oberärztin an
der Professor-Sauerbierklinik. Neurologische
Abteilung. Wo sie sich ein einträgliches
Nebengeschäft aufgebaut hatte: Memoryklau. Alles,
was sie brauchte, war da. Die Apparate.
Interessante Patienten. Und eine tüchtige
technische Assistentin. Namens Ines. Ines
Sikorski. Das Geschäft lief gut, und reibungslos.
Bis eines Tages...

Ines: Bis eines Tages dieser Schellack auftauchte.

Sam: Was für’n Lack? Wenzel R. Schellack?

Ines: Ja, so heißt er.

Sam: Aha, Sam wußte doch, daß er den Kerl kannte.

Jonas: Welchen Kerl, Sammy?

Sam: O Mann, den im Holo, den Janos, den falschen
Jonas.

Jonas: Und woher kennst du den, Sam?

Sam: Eieieiei, ihr kennt ihn gleichfalls, Herr
Reichsbischof. Doch leider leider wißt ihrs nicht
mehr. So lasset euch denn berichten. Wenzel
Romuald Schellack ist ein Nichtsnutz, dumm,
dußlig, faul und feige. Doch reich, da er geerbt
durch seiner Väter Mühen. Indessen...

Jonas: Fasse dich kurz. Sagt der weise Bosequo.

Sam: Ach, der war das? Sam dachte, das war der
weise Bosequo?

Jonas: Sam, Schellack.

Sam: Ich heiß nicht Schellack, na ja, aber
selbiger sah vor drei Jahren Jonas im Holo. Als
unfreiwilligen Star einer großen
Privatdetektivoper, hurra, hurra, ja, Sir. Fall
Megastar. Nicht erinnerlich, ich weiß schon. So
angetan war er vom Geschauten, daß ihn der
glühende Wunsch ergriff, selbst und persönlich
privat zu detektivieren. Zu detektivfünfen. Oder
sagt man zu privatdetektivieren?

Jonas: Weder noch. Er wollte also Privatdetektiv
werden dieser Schellack. Und?

Sam: Und? Ja, und so kontaktete er denn Jonas. Nur
Jonas, den weithin, wenn nicht gar allseits
bekannten und beliebten letzten Detektiv, um
diesem, man höre und staune, eine Partnerschaft zu
offerieren.

Jonas: Ach, und was hab ich gemacht? Ihn vor die
Tür gesetzt?

Sam: Aber achtkantig, ach was, neunkantig,
zehnkantig, elfkantig, zwölfkantig,
dreizehnkantig...

Jonas: Das war also vor drei Jahren. Jetzt hatte
Schellack meine Fälle. Und trat damit im Holo auf.
Als Janos, der letzte Detektiv. Wie das, fragte
sich Jonas. Und Ines gab ihm Antwort. Schellack
hatte sich mit Dr. Lamour in Verbindung gesetzt,
der Memoryklauerin, und ihr den Auftrag gegeben,
Jonas die interessantesten Fälle aus dem Kopf zu
ziehen. Für Schellack. Lamour lockte Jonas in ihre
Klinik. Als angebliche Klientin. Betäubte ihn.
Entzog ihm seine Erinnerungen. Übertrug sie auf
eine Memory-CD. Mit welcher sie sich sogleich zu
Schellack begab. Jonas blieb in der Klinik zurück.
Gedächtnis- und bewußtlos. Nach ihrer Rückkehr
wollte Lamour ihm die Todesspritze setzen. Darauf
hatte Schellack bestanden. Er wollte nicht nur der
letzte, er wollte auch der einzige Detektiv in
Babylon sein. Aber als Lamour wieder in die Klinik
kam, war Jonas verschwunden.

Ines: Ich war das, Jonas. Ich habe Sie auf Ihrer
Bahre in eine Ambulanz gerollt, und Sie vor Ihrem
Haus abgeladen.

Jonas: Mit einem Zettel in der Tasche. Nett von
Ihnen, Ines, warum haben Sie mich gerettet?

Ines: Mein Gott, warum? Weil ich bei einem Mord
nicht mitmachen wollte, und außerdem sind Sie mir
sympathisch. Ihr Job, Ihr Leben, Ihre Art, find
ich gut.

Jonas: In Ordnung. Sie war mir auch sympathisch.
Sicher, I ist nicht J, aber dicht daneben.
Immerhin. Als Lamour zurückkam, stellte Ines sich
dumm. Nach ihrem Testanruf am Morgen wußte Lamour,
Jonas war in seinem Büroapartment. Sie war
verunsichert, und gab den Auftrag, Jonas zu töten
weiter, an die Experten von der Todesschwadron.

Jonas: Den Rest kenn ich. Ich bin Ihnen dankbar,
Ines.

Ines: Es war mir ein Vergnügen, Jonas.

Jonas: Mein Gedächtnis muß ich mir also von
Schellack holen.

Ines: Wenn Sie wollen, komm ich mit.

Sam: Von Schellack holen. Spricht sich leicht, und
tut sich schwer. So einfach kann man ihn nicht
besuchen, den Herrn Schellack.

Jonas: So? Wo wohnt er denn?

Ines: Schwanensee.

Sam: Na wo im Haus die Feinen pinkeln, na es
Korrektur, Korrektur, wo die feinen Pinkel hausen.
Zum Bleistift Herr Sesam, Fall Niemandsland.
Professor Morell, Fall Westfront. Ex-Holoclown
CoCo, Fall Weihnachtsmärchen.

Jonas: Etcetera etcetera, aber warum ist es so
schwierig, ihn am Schwanensee zu besuchen?

Sam: Wieweil derselbe nicht am Schwanensee wohnt,
wie die genannten Herrschaften, sondern im
Schwanensee.

Ines: Auf seiner Yacht. Montecito heißt die.

Sam: Nach Raymond Chandler selig, welch Sakrileg.

Ines: An Bord läßt Schellack nur, wen er sehen
will. Nach Voranmeldung.

Sam: Doch bei seinen Macken wäre er zu packen.
Schlag nach bei Chandler, bei dem steht was drin,
fidldidlbum.

Jonas: Gute Idee. Sam besorgte Schellacks
persönliche Fonnummer. Jonas instruierte Ines. Die
rief an und sagte, was sie sagen sollte.

Ines: Ihre Nummer hab ich von Network, der
Holostation. Sie sind doch der Detektiv Janos?

Janos: Janos, nur Janos, der letzte Detektiv,
jawohl, der bin ich.

Ines: Ich brauch nämlich einen. Einen Detektiv.
Ganz dringend. Wissen Sie, mein Bruder, der...

Janos: Sagen Sie mir doch erst einmal, wer Sie
sind.

Ines: Ach, natürlich. Ich heiße Quest-Wonderly.
Mit Bindestrich. Orfamay Quest-Wonderly.

Janos: Wunderbar. Chandler und Hammett. Sie wollen
mich engagieren?

Ines: Ja, vielleicht, wenn es nicht zu teuer ist.

Janos: Für Sie umsonst, meine liebe Orfamay Quest-
Wonderly. Kommen Sie in mein Büro. Am besten
gleich.

Ines: Ja? Ist es nicht zu spät?

Janos: Ein Detektiv ist immer im Dienst. Sie
wissen, wie Sie mich erreichen?

Ines: Nein.

Janos: Also, passen Sie auf.

Jonas: Drei Stunden später. Mitternacht. Hell
erleuchtete Villen spiegeln sich im dunklen
Schwanensee. Ein strahlend weißer Kranz. Genau in
der Mitte die Yacht Montecito. Die elektronischen
Sicherungen sind abgeschaltet. Eine Besucherin ist
bei Schellack. Alias Janos. In dem Büro, das er
sich auf der Yacht eingerichtet hat. Neben dem
Salon. Im Heck. Unter dem Fenster liegt das Boot,
das die Besucherin gebracht hat. Der Ruderknecht
zieht die maritime Livree aus, und enthüllt sich
als Jonas, im schwarzen Kampfanzug, aus dem
antarktischen Krieg. An sich trägt er ein ganzes
Arsenal. Laserstrahler, Neurofreezer, Kurz-MP, und
Magnetopads, an Händen und Füßen. Damit steigt er
die Außenwand der Yacht hoch. Unhörbar. Am Fenster
macht er Halt. Und späht in ein Detektivbüro wie
aus einem alten Film. Noir. Nostalgisch.

Ines: Verschwunden ist er, mein Bruder Jonas. Und
sein Gedächtnis hat er auch noch verloren.

Janos: Jonas? Merkwürdig.

Ines: Helfen Sie mir, Herr Janos. Finden Sie ihn,
bitte.

Janos: Beruhigen Sie sich, trinken Sie einen
Schluck. Was hältst du von ihr, Sal, und von ihrer
Geschichte?

Sal: Höchst unglaubwürdig, Herr, äußerst
verdächtig.

Jonas: Na, das ist ja ein Ding, sieh dir das mal
an, Sammy. Hier gibt’s nicht nur noch einen
letzten Detektiv, hier gibt’s auch noch nen Sam.

Janos: So, und jetzt sagen Sie mir die Wahrheit,
Frau Quest-Wonderly, oder wie immer Sie wirklich
heißen. Brigid O’Shaughnessy vielleicht? Was
wollen Sie von mir? Wer schickt Sie?

Ines: Ich verstehe nicht.

Janos: Reden Sie sich nicht raus. Mein Computer
hat Sie entlarvt. Nicht umsonst heißt er Salomo.
Kurz Sal.

Jonas: Bruder von dir, Sam.

Sam: Bruder? Hahaha, so was akzeptiert Sam nicht
mal als Stiefvetter vierten Grades. Salomo. Ha.
Ausschuß. Schrott.

Janos: Da, am Fenster, was war das?

Jonas: Nichts weiter. Nur Jonas. Der letzte
Detektiv. Der echte.

Sam: Und Sam, sein Supercomputer. Erzittert, ihr
Schurken.

Jonas: Bleiben Sie ganz still stehen, Schellack,
sonst muß ich Sie neurofreezen.

Janos: Sal! Tu doch was! Hilf mir!

Sal: Jawoll, Herr, mal sehen, mal überlegen.

Sam: Hahaha.

Jonas: Sal sah fast aus wie Sam. Ein kleiner
Blechkasten mit Löchern und Knubbeln. Er lag auf
dem altmodischen Holzschreibtisch und gab sich
redlich Mühe. Sam rollte um ihn herum. Sal hatte
keine Räder und mußte stillhalten. Wir anderen
sahen dem Duell der Computer zu. Schellack
notgedrungen. Ines und Jonas mit Vergnügen.

Sam: Na los, Kumpel, zeig mal was. Was kannst du
eigentlich?

Sal: Sal kann sprechen.

Sam: Sprechen nennst du das? Bei detaillierter
Begutachtung der Situation unter Einbeziehung
aller relevanter Faktoren ergibt sich unabweisbar
folgendes Resultat: In jedem rechten Winkel ist
die Summe der dreieckigen Katheter genauso groß
wie die Hypothese. Quod erat demonstrandum. Das
ist sprechen, mein lieber. Kannst du ein Gedicht
aufsagen?

Sal: Ja, Oeia, popeia, was raschelt im Stroh, das
sind...

Sam: Gefährlich ist’s, am Wein zu lecken,
verderblich ist ein hohler Zahn, jedoch der
schrecklichste der Schrecken, das ist ein Mensch,
wenn er im Tran. Das ist ein Gedicht. Naja. Kannst
du singen?

Sal: Hänschen klein, ging allein...

Sam: Frau Wirtin hat nen Detektiv, der gern in
fremden Betten schlief. Er war dort nicht
alleine...

Jonas: War ich das, Sam? Hab ich dir
Wirtinnenverse beigebracht? Den Sanitätsgefreiten
Neumann etwa auch?

Sam: Ein dreifach Hoch, ein dreifach Hoch...

Jonas: Das reicht, Sam.

Sam: He, du, Sal, schlaf nicht ein. Kannst du
hexen?

Sal: Hex Hex.

Sam: Abrakadabra, hokus pokus fidibus, Virus, fahr
ihm ins Gebein, ja, so und jetzt sag was.

Sal: Salomo der Weise spricht...

Sam: Ein Computer stottert nicht. Kannst du
ausländisch? Kannst du inline skaten? Kannst du
fiedeln, kannst du stricken, kannst du bosseln,
kannst du fidirallala? Kannst du tanzen, Joana.
Hat du Möhrchen?

Sal: Au, au, au, au...

Jonas: Durchgeknallt. Totalschaden.

Sam: Acht, neun, aus. Holldriadoö. Sieger durch
KO, Computer Samuel, genannt Champion Sam, der
Schrecken aller Übeltäter, und ihrer Computer.
Danke. Vielen Dank.

Jonas: Und jetzt zu Ihnen, Schellack. Mein
Gedächtnis. Geben Sie mir die Memory-CD.

Schellack: Ich kann nicht.

Jonas: So? Das ist ein Laserstrahler, Schellack,
der macht Löcher. Durch Ihren Bauch, durch Ihren
Kopf. Geben Sie mir die CD.

Schellack: Ich kann nicht. Wirklich nicht. Ich
habe sie nach dem Einspielen vernichtet. Damit ich
der einzige letzte Detektiv bleibe, was auch
passiert. Und das war ein Unikat. Ein absolutes
Einzelstück. Darauf hatte ich allergrößten Wert
gelegt. Machen Sie, was Sie wollen. Bringen Sie
mich um. Ihre Erinnerungen kriegen Sie nie wieder.

Ines: Eine Chance haben Sie noch, Jonas. Von
besonders interessanten Memory-CDs zieht Dr.
Lamour manchmal Kopien für ihre Privatsammlung.

Jonas: Und wo ist die?

Ines: In ihrem Schrank, in der Klinik.

Jonas: Dann sehen wir doch mal nach.

Ines: Und was machen wir mit Schellack?

Jonas: Den nehmen wir mit.

Schellack: O nein, nicht mit mir, ich bleibe hier,
was auch passiert...

Jonas: Neurofreezer. Macht steif und stumm. Für
eine gewisse Zeit. Wir brachen auf. Mit dem Boot,
ans Ufer. Und weiter in Schellacks feudalem E-
Mobil, den Schlüssel hatte er in der Tasche. Sehr
aufmerksam. In der Klinik kam Schellack allmählich
wieder zu sich. Ines paßte auf ihn auf. Während
Jonas die Diskothek der Jasmin Lamour durchsah.
Und schließlich seine Memory-CD entdeckte.
Heureka, würde Sammy sagen. Halleluja, Hurra. Ich
spielte mir die Scheibe ins Hirn. Einige Sekunden
Verwirrung, Desorientierung. Dann war Jonas wieder
Jonas. Komplett. Mit seinen Fällen. Seinen
Erfahrungen. Sogar meine Smith & Wesson fand ich
wieder. Auch im Schrank. Das war's. Fall Blackout
abgeschlossen. Augenblick. Noch nicht ganz.

Jonas: Es kann nur einen geben.

Ines: Einen letzten Detektiv.

Jonas: Natürlich. Schellack ist das Problem. Er
hat meine Fälle in seinem häßlichen Schädel. Und
hält sich für eine Art Jonas. Das geht nicht.

Ines: Man könnte ihm die gestohlenen Erinnerungen
abzapfen. Aber das dauert. Kompliziert ist es
auch.

Jonas: Und dann? Wir übergeben ihn der Polizei. Er
kauft sich los und ist gleich wieder hinter mir
her. Und meinem Gedächtnis.

Schellack: Nie wieder. Bestimmt nicht.

Jonas: Ich glaub Ihnen kein Wort, Schellack.

Ines: Und wenn Sie ihn erschießen, Jonas?

Schellack: Nicht doch!

Jonas: Würde Ihnen nur recht geschehen, aber...

Sam: Ein Vorschlag, Chef.

Jonas: Ah, Champion Sam gibt uns die Ehre. Ist dir
langweilig? Hast du deinen Triumph genug
ausgekostet?

Sam: Wahrlich, geliebte Mitchristen, ist es denn
nicht mit den Menschen als wie mit den Computern?
Siehe, hier ist ein Mensch, eccel homo, ein
Bösewicht, Mord gibt er in Auftrag, geraubte
Erinnerungen hortet er in seinem Hirn, und siehe,
hier ist ein wohlbestalltes Archiv vielfältigster
Memory-CDs. Lasset uns eine Lehre ziehen aus der
hochverdienten Abstrafung eines gewissen
Computers, Sal war sein unschöner Name, und lasset
uns an seinem Herrn des gleichen tun.

Jonas: Du meinst, wir spielen ihm eine Menge
Memory-CDs ein, eine nach der andern.

Sam: Bis daß er durchdreht. Amen.

Schellack: Nein.

Sam: Doch doch doch doch doch doch...

Jonas: Doch. Wir schnallten Schellack fest. Und
füllten sein Hirn mit Erinnerungen. Was uns gerade
in die Finger kam. Zombies. Söldner. Callgirls.
Spione. Chirurgen. Testpiloten. Kannibalen.
Transsexuelle. Henker. Und so weiter. Bis sein
Hirn überlief. Und explodierte. Totale
Memoryüberfütterung. Mentaler Kurzschluß. Er hing
im Stuhl. Lallte. Sabberte. Stierte vor sich hin.
Wie ließen ihn sitzen. – Die Tür zu meinem
Büroapartment stand offen. Kein gutes Zeichen.
Innen war alles in Ordnung. Nur daß auf meinem
Bett eine tote Jasmin Lamour lag. Erschossen.

Ines: Richtig durchsiebt. Soviel Blut.

Sam: Kleckert im Loch.

Jonas: Keckler & Hoch. Die Todesschwadron war
hier.

Ines: Und hat die Gestalt auf dem Bett für Sie
gehalten, Jonas.

Sam: Apropos Bett. Poetische Gerechtigkeit nennt
solches der Gebildete.

Brock: Kripo.

Jonas: Brock?

Brock: Chefinspektor Brock. Wer spricht?

Jonas: Ihr bester Freund und Helfer.

Brock: Jonas! Und dabei hat der Tag so gut
angefangen. Was ist?

Jonas: Auf meinem Bett liegt ne Leiche.

Brock: Wieder mal? Wie ist die da hingekommen?

Jonas: Das ist eine lange Geschichte.

Brock: Die werden Sie mir erzählen, Jonas, in
allen Einzelheiten. Gleich sind wir bei Ihnen.
Rühren Sie sich ja nicht von der Stelle.

Jonas: Lieber nicht. Jonas braucht ne Pause. Jonas
muß sich erholen.

Ines: Gehen wir zu mir.

Sam: Ich geh auch zu mir.

Das war Blackout. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv. Von
Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo
Primus, seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Diana Körner, Dirk Galuba,
Nicola Tiggeler, Jochen Striebeck, Tobias Lelle,
Michael Tregor und andere (Christian Buse, Isolde
Barth, Ursula Rehm). Ton und Technik: Günter Heß
und Christine Koller. Regieassistenz: Holger Buck
und Sieghard Fieber. Regie: Werner Klein. Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr
1998. Redaktion Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Drachentöter

Stimme: Was trägt die fashionbewußte,
zeitgeistige, up-to-date Babylonierin demnächst im
Ocean-Park? CamFash zeigt es Ihnen, meine Damen,
schauen Sie her, Sie auch, meine Herren, sind
unsere Andro-Models nicht eine wahre Augenweide?
Es geht los mit Modell Franzi, ein Superbadeanzug
im Stil der naughty nineties, provokant hohes
Bein, unauffällig eingearbeiteter Wonderbra.

Jonas: 19. Oktober 2014. Kaufhaus Wunderland,
Tigrisplatz, Babylon. Camelot Fashions, der größte
Textilkonzern in Europa, führte Bade- und
Freizeitmode vor. Natürlich Computer-Design, keine
Haute Conture, natürlich Androidinnen, keine
menschlichen Modells. Großer Andrang, sehr viele
Frauen, viele Männer, ein paar Transis, und mitten
drin Jonas. Wie das, werden Sie fragen, was sucht
der letzte Detektiv auf einer Modenschau? Das kam
so: Heute früh kriegte ich eine Air-Mail, über
Sam. Sie kennen Sam? Mein kleiner lauter Chaos-
Pilot im digitalen Verkehrs-netz. Mein Computer.
Ein ganz besonderer Computer. Nicht weil er
spricht, das tun viele Computer. Sam quatscht und
tönt und schwafelt und nervt, wenn ich ihn lasse.

Sam: Trari trara, die Post ist da. Soeben erreicht
uns folgende Air-Mail, adressiert an Jonas, nur
Jonas. Piep. 11 Uhr Modenschau, CamFash, Kaufhaus
Wunderland, wenn an Auftrag interessiert, kommen.
Piep. Ende der Durchsage.

Jonas: Absender?

Sam: Kein Absender. Anonym, Bnonym, Cnonym.

Jonas: Sind wir an einem Auftrag interessiert,
Sammy?

Sam: Jajajaja was heißt interessiert, wir brauchen
einen Auftrag, dringlichst, Sir, wenn ich Hoheit
auf dero ultratrüben Kontostand aufmerksam machen
dürfte.

Jonas: Deshalb war ich hier. Aber von einem
Auftrag war bisher nichts zu sehen. Rechts von
Jonas stand ein Greis, der weniger die Anzüge
ansah als die Zwischenräume. Links eine
Karrierefrau in Nadelstreifen, Mitte 40, die
eifrig in ihren Laptop schrieb. Journalistin?

Canape: Modepublizistin, Herr Jonas. Sie sind doch
Herr Jonas?

Jonas: Unter Umständen. Und Sie sind?

Canape: Carmela Canape.

Jonas: Ehrlich?

Canape: Mein Künstlername. Sie kennen doch Auf
Carmelas Canape, meine Kolumne in Lifestyle?

Jonas: Kenn ich nicht. Lese ich nicht. Sie wollten
mir einen Auftrag geben, Frau Canape.

Canape: Carmela. Unter Umständen.

Jonas: Worum geht’s?

Canape: Nicht hier, Jonas. Ich ziehe ein ruhigeres
Ambiente vor, ein Restaurant oder dergleichen.

Jonas: Das Casablanca ist gleich um die Ecke.

Canape: Ich bitte Sie, vulgär und gewöhnlich.
Kommen Sie mit.

Jonas: Wir landeten im Unter uns, nicht gerade
mein Ding. Ein Oxy-Bar. Nichts zu essen, nichts zu
trinken, nur Luft aus edlen Designer-Behältern, in
großer Auswahl, und menschliche Bedienung.

Kellner: Morgendämmerung in den Dolomiten, kann
ich ihnen heute ganz besonders empfehlen, oder
Erquickung am Wiesenrain.

Canape: Bringen Sie mir Sylter Sauerstoff,
Jahrgang Null Sieben. Null Sieben, keinen anderen.

Kellner: Eine ausgezeichnete Wahl, gnä’ Frau. Und
der Herr?

Jonas: Haben Sie Kehraus im Krematorium?

Kellner: Bedaure, so etwas führen wir nicht.

Canape: Der Herr nimmt auch einen Sylter.

Jonas: Das Zeug kam. Carmela nuckelte und fand es
ganz exquisit. Von mir aus. Besser als die Luft
draußen war es allemal. Aber wir wollten ja nicht
über Sauerstoff reden. Carmela brauchte einen
Detektiv. Weshalb?

Canape: Meine Mutter ist verschwunden.

Jonas: Seit wann?

Canape: Seit ungefähr drei Monaten.

Jonas: Ach was, und da machen Sie sich jetzt erst
Sorgen?

Canape: Wissen Sie, wir standen uns nicht sehr
nahe. Ab und zu haben wir uns getroffen, zum Tee,
zum Sauerstoff, zum Plaudern, aber jetzt habe ich
lange nichts von ihr gehört. Zu lange.

Jonas: Wie heißt Ihre Mutter?

Canape: Mama ist Vivien Eastwood.

Jonas: Die Modeschöpferin?

Canape: Die Modeschöpferin.

Jonas: Sie war die einzige in Babylon. Und die
letzte. Wie Jonas. Die letzte Bastion menschlicher
Kreativität in einem durchdigitalisierten
Kulturbetrieb. Movie und Theater sind
verschwunden, Holo-TV wird von Computern
geschrieben, gemacht, gespielt. Menschen gibt’s
nur noch beim Radio, und in der Oper. Reservate
für Minderheiten. Und in der Haute Couture. Der
Staat fördert Menschenwerk. Wer Opern produziert,
oder Haute Couture, braucht praktisch keine
Steuern zu zahlen. Artus Artus zum Beispiel. Der
Besitzer von CamFash. Weil er sich die Haute-
Couture-Marke Eastwood leistet.

Canape: Ich habe in Mamas Wohnung gefragt, aber
ihre zwei Aupairs haben mich abgewimmelt.

Jonas: Aupairs?

Canape: Aus Hong Kong, oder vielleicht Singapur.
Sie können auch Designerlehrlinge sagen,
Dienstboten, Bettgenossen. Mama ist über 70, aber
immer noch sehr lebenslustig.

Jonas: Ich versprach Ihr, Mama zu suchen. Für 120
Euros pro Tag und Spesen. Am Nachmittag stellte
ich mich in der Eastwood-Residenz ein. Eine große
Wohnung. 200 Quadratmeter, mindestens. In einem
alten Haus, 200 Jahre, mindestens. Von der Sorte
gab’s noch mehr in der Gegend. Südwest-Babylon,
Otmar-Alt-Allee, das Künstlerviertel. Die Tür
wurde mir von zwei niedlichen Persönchen
aufgemacht. Von asiatischem Aussehen und
unpräzisem Geschlecht. Zwillinge. Möglich. Nur das
der oder die eine ein weißes Nachthemd trug, und
die oder der andere ein schwarzes. Yin und Yang.

Yin: Velschwunden?

Yang: Vivian?

Ying: So ein Unsinn.

Yang: Vivian ist in Avalon.

Ying: Bei König Altus.

Jonas: Artur Artus, der sich gern König Artus
nennen läßt, hatte sich eine Biosphäre
eingerichtet. Draußen in der Wildnis, nach seinem
Geschmack. Und der war ganz und gar
mittelalterlich. Unter der Käseglocke gab’s eine
Burg. Und einen richtigen Wald. Sagte man. Das
ganze hieß Avalon. Merkwürdige Dinge sollten in
Avalon vorgehen. Unheimliche, gefährliche Dinge.
Menschen sollten da verschwinden.

Ying: Abel doch nicht Vivian Eastwood.

Jonas: Wann ist sie nach Avalon gegangen?

Ying: Juli.

Yang: Ende Juli.

Jonas: Also vor fast drei Monaten. Ist sie in
dieser Zeit mal nach Hause gekommen?

Ying: Nein.

Jonas: Hat sie sich mal gemeldet?

Yang: Auch nicht.

Ying: Typisch Vivian.

Yang: Sie ist Künstlerin.

Ying: Sie ist exzentlisch.

Jonas: Aber ihre Tochter.

Ying: Ach die.

Yang: Das alte Canape.

Ying: Die ist doch nur an Mamas Geld interessiert.

Yang: Die lauelt doch nul dalauf, daß Mama den
Zeichenstift für immel abgibt.

Ying: Dann erbt sie alles.

Yang: Schleckliche Person.

Jonas: Jonas rief im Camelot-Tower an, dem Sitz
von CamFash. Jonas ist zäh, nicht so leicht
abzuschütteln. Deshalb kam ich schließlich durch,
zu seiner Majestät. Artur Artus, dem Modeking
höchstpersönlich.

Artus: Sie wollen mit mir über Vivi sprechen?
Warum nicht. Kommen Sie morgen Mittag in die
Burgschänke.

Jonas: Was für eine Burgschänke?

Artus: Die Kantine im Camelot-Tower, die heißt so.

Jonas: Zu recht. Ein großer Raum, eingerichtet mit
knubbeligen Stühlen und schiefen Tischen aus Fast-
Holz, fast ganz echt mittelalterlich. An den
Wänden altmodische Ölschinken, dicke Mönche und
rüstige Ritter, bunte Glasfenster, wie in einer
Kathedrale, die Serviererinnen trugen lange Röcke
und tiefe Ausschnitte, sie schleppten gigantische
Speisekarten an, aus Fast-Pergament, die
unglaubliches versprachen.

Jonas: Ein noch gar blutig Rumpfstücklein vom
wohlgezogenen Rindvieh.

Serviererin: Soja.

Jonas: Aha. Und der Med, süß und mundig.

Serviererin: Gen-Bier.

Jonas: Der feurige Branntewein ist dann
wahrscheinlich Synth-Whisky.

Serviererin: Genau. Nun denn, Herre, was Speis und
Trank begehret ihr?

Jonas: Kleines Bier.

Sam: Gemach, o edler Ritter Jonas, ihr Schnüffler
zubenamst nicht doch all so. Flugs, flugs, schöne
Maid, wohlan, kredenzet uns des süßen Meds die
Fülle, sputet euch, denn siehe, uns verlanget gar
sehr nach solchem, indem daß wir vom bösen Durste
abscheulich gequälet werden. So macht man das.

Jonas: Halt dich zurück, Sammy.

Sam: Was, Sammy? Wir sind der edle Ritter Samuel
von Chipshausen, Herr und zu Bitburg, Edler von
Genit äh, Korrektur, Digitalien.

Jonas: Graf von der Müllhalde, Herzog von
Blechstedt und Schrotthaufen, unbeschränkter
Herrscher von und zu Schnatterburg.

Sam: Lasset ab von eurem Spotte, Herr, so nicht
werdet ihr bei meiner Seel Genugtuung geben in den
Schranken des Turnieres.

Jonas: Was ist los?

Serviererin: Pst! Der König!

Sam: Wer?

Jonas: Ein kleiner dicker Mann hatte den Raum
betreten. Alle standen auf. Der Neuankömmling war
eine Sinfonie in Rot. Rote Strumpfhosen, rotes
Wams, roter Umhang, dazu als Akzent und Kontrast,
eine goldene Krone auf seinem Kahlkopf. Er winkte
leutselig, sah sich um, schritt auf meinen Tisch
zu, und setzte sich ohne Umstände zu Jonas. Neben
ihm nahm sein Begleiter Platz. Ein großer breiter
Typ im grauen City-Anzug. Beule unter dem rechten
Arm. Unter dem rechten?

Artus: Meine linke Hand. Er ist nämlich
Linkshänder. Dr. Eckart. Mein getreuer Eckart.
Leibwächter. Pilot. Mann fürs Grobe.

Jonas: Sie sind natürlich Artus.

Artus: Artur Artus. König Artus. Monarch über
Camelot Fashions und alle dort Beschäftigten. Wenn
ich will, kann ich jeden feuern, auf der Stelle,
nicht wahr, mein Kind?

Serviererin: Wünschet ihr euer Mittagsmahl hier
einzunehmen, Majestät?

Artus: Nein, ich werd’ das Dreckzeug doch nicht
fressen. Das überlaß ich meinen teuren Untertanen.

Jonas: Sehr weise.

Artus: Ich hab mich über Sie erkundigt, Jonas. Ich
weiß alles über Sie. Sie sind der letzte Detektiv.
Ehrenhaft, loyal, ritterlich, kurz: arm und dumm,
stimmt’s?

Jonas: Sie sind reich und klug, Artus.

Artus: Na klar.

Jonas: Also nicht ehrenhaft, nicht loyal, nicht
ritterlich.

Artus: Glauben Sie? Äh, zur Sache, was wollen Sie?

Jonas: Vivian Eastwood.

Artus: Sagten Sie schon am Fon, was ist mit
Vivian.

Jonas: Sie ist verschwunden, seit einem viertel
Jahr.

Artus: Quatsch. Wer sagt das?

Jonas: Vivians Tochter.

Artus: Na die hat doch Null Ahnung. Vivi ist bei
mir in Avalon, das heißt, sie war in Avalon, um in
Ruhe an der neuen Kollektion zu arbeiten, vor
einer Woche war sie fertig, und ist gegangen.

Jonas: Wohin?

Artus: Keine Ahnung. Spielt auch keine Geige. Vivi
hat ihre Eigenheiten. Bisher hat sie noch vor
jeder Show Lampenfieber gehabt. Sie ist kurz mal
abgetaucht. Wenn’s soweit ist, taucht sie auch
wieder auf.

Jonas: Und wann ist es soweit?

Artus: Übermorgen, wenn die große Show über den
Laufsteg geht. Die Präsentation der neuen
Kollektion von Vivian Eastwood. In der Emanuel-
Wichtig-Halle. Ganz groß. Menschliche Models,
ausgesuchtes Publikum. Kommen Sie doch auch,
Jonas, Sie sind eingeladen, ich sorge dafür, daß
Sie einen Platz in der ersten Reihe kriegen.

Jonas: Die Emanuel-Wichtig-Halle ist das
bemerkenswerte Denkmal eines wenig bemerkenswerten
Bürgermeisters. Nicht schön, aber gewaltig. Wie
ein überdimensionaler Schneewittchensarg steht sie
mitten im Ausstellungsgelände von Babylon. Brutal.
Unübersehbar. Innen sah sie heute aus wie die
Burgschänke im Camelot-Tower, nur viel größer:
Überall alte Wandteppiche. Wappen und Waffen,
Schilde, Schwerter, Lanzen, Hellebarden, die
dazugehörigen Rüstungen standen dekorativ auf dem
Laufsteg herum. Menschen in seltsamer Tracht
spielten auf seltsamen Instrumenten seltsame
Musik.

Artus: Madrigale, Motetten, was weiß ich, auf
jeden Fall mittelalterlich, und daher passend zum
Thema der neuen Eastwood-Kollektion, welches da
lautet...

Jonas: Lassen Sie mich raten, Artus: Mittelalter.

Artus: Sehr gut, mein lieber Jonas.

Jonas: Ihr neuer Look ist also uralt.

Artus: Ist er doch immer. Wie finden Sie die
Ausstattung?

Jonas: Passend.

Artus: Dafür zeichnet eine fähige Mitarbeiterin
von Camelot Fashions verantwortlich. Für
Ausstattung, Choreographie, Art Direction, zum
ersten Mal, früher hat das Vivi selbst gemacht,
das Material stammt übrigens von mir.

Jonas: Ach was.

Artus: Waffen, Rüstungen, alles aus meiner großen
Sammlung in Avalon. Müssen Sie sich bei
Gelegenheit mal ansehen, Jonas.

Jonas: Sicher, bei Gelegenheit.

Jonas: Zur Feier des Tages hatte Artus sein rotes
Königsoutfit aufgemotzt durch ein Hermelin-Cape.
In diesem enterte er den Laufsteg. Beifall
brandete auf, brandete ab. Artus hob die Hand,
Fanfaren ertönten. Genau wie im alten 2D-Movie
Ivenhoe der schwarze Ritter.

Artus: Mutige Herren, schöne Damen! Da unsere
liebe Vivi sich noch nicht sehen läßt, wir kennen
das ja, obliegt es mir, ihre diesjährige Haute
Couture Vision zu präsentieren. Folgen Sie mir
also, begeben Sie sich mit mir auf eine Zeitreise
in jene farbige Epoche, da der Himmel der Erde
noch nahe war, da tapfere Ritter Drachen
erschlugen, und von minniglichen Frauen dafür
belohnt wurden. Genug der Vorrede, die Show
beginnt. Creation Eleonore von Aquitanien: Kotte
und Surkott aus einem hochaktuellen Materialmix,
burgunderfarbener Latex mit durchsichtiger
Chemiespitze, dazu eine voluminöse Schleppe und
als i-Tüpfelchen ein chapel, ein Kopfreif aus
Fast-Gold. Arbelar und Eloise: Über gestreiften
Beinlingen trägt er die knappe Brusch mit farblich
abgesetztem Hosenlatz, darüber Wams, Schecke, und
Hupelande. Sie zeigt uns, unter der Kurzjacke aus
Brokat, eine tiefdekolletierte Kotte, interessante
Accessoires sind die nachtblauen Schnabelschuhe
und der superbreite Hüftgürtel oder Dupsing, wie
wir Mediavisten sagen, gekrönt wird das Ensemble
durch eine ausladende Flügelhaube...

Jonas: Und so weiter. Sehr mittelalterlich,
stinklangweilig, trotz der lebenden Models. Da war
wenigstens meine Meinung. Aber was versteht Jonas
von Mode. Den anderen im Saal schien es zu
gefallen. Sie klatschten und pfiffen und winkten.
Die Journalisten ratterten begeistert auf ihren
Laptops, Carmela Canape war natürlich auch da. -
Plötzlich schrie eine Frau, auf dem Laufsteg,
nicht weit von mir entfernt. Ich schreckte hoch.
Eine der Ritterrüstungen bewegte sich, schwankte
hin und her, immer heftiger, bis sie umfiel, mit
großem Geschepper. Das Visier sprang auf, darunter
war ein blasses Gesicht zu erkennen. Artus kam
angetrabt, bückte sich, nahm den Helm ab, im Saal
Totenstille.

Artus: Vivi! Vivian Eastwood! In der Rüstung! Ich
glaube, sie ist, sie ist tot. Eckart, rufen Sie
die Kripo an!

Jonas: Die Show war zu Ende. Fluchtartig verließ
das ausgesuchte Publikum die Emanuel-Wichtig-
Halle. Es blieben nur die Journalisten. Artus
natürlich mit seinem Eckart. Und Jonas. Jonas, der
den Auftrag gehabt hatte, Vivian Eastwood zu
suchen. Jetzt hatte er sie gefunden,
gewissermaßen.

Canape: Mama ist tot?

Jonas: Ja.

Canape: Was glauben Sie ist passiert?

Artus: Na das ist doch egal, was Jonas glaubt oder
nicht glaubt, die Sache ist ganz klar: Vivi wollte
sich die Präsentation unbemerkt ansehen und hat
sich in der Rüstung versteckt. Am Schluß wäre sie
rausgekommen und hätte sich feiern lassen. Aber
die Aufregung war zu viel für sie. Mein Gott, sie
war fast 80. Herzschlag, schlicht und tragisch.

Jonas: Die Kripo erschien. Nicht mein alter Feind,
Chefinspektor Brock, ein leibhaftiger Kommissar
namens Prick. Dazu ein Techniker. Und natürlich
der Pathomat. Die Tote wurde aus der Rüstung
geschält und an den Pathomaten angeschlossen.
Kommissar Prick rief die Daten ab, und diktierte
sie dem Techniker. Jonas blieb in der Nähe, und
machte lange Ohren. Daten und Fakten sind
wichtiger als Geistesblitze. Das hatte ich im
Fernkurs für angehende Privatdetektive gelernt.

Prick: Todesursache: Herzstillstand.
Körpertemperatur: 15, 2 Grad. Tatsächlich, 15, 2
Grad. Besondere Merkmale: diverse Schürfwunden,
Hüfte und Schulter, keine Blutung, Leichenflecken,
Rücken, hellrot. Merkwürdig.

Jonas: Kann man wohl sagen.

Prick: Was haben Sie hier zu suchen? Wer sind Sie?

Jonas: Jonas, Privatdetektiv.

Prick: Steht der Mensch in ihren Diensten, Herr
Artus?

Artus: Keineswegs.

Prick: Dann hauen Sie ab, Mann, Sie stören die
Untersuchung.

Jonas: Ich arbeite für die Tochter der Toten.

Prick: Von mir aus für die Großmutter. Raus!

Artus: Eckart! Jonas will gehen, bringen Sie ihn
zur Tür. Ein Wort im Vertrauen, Herr Kommissar.

Jonas: Während Artus und Prick die Köpfe
zusammensteckten, schmiß Dr. Eckart Jonas aus der
Halle. Jonas ließ sich schmeißen. Eckart trug
bekanntlich eine Beule im Jacket. Draußen
überlegte ich. Sollte ich auf Tochter Carmela
warten? Aber dann ging ich doch lieber ins
Casablanca, und stärkte mich, mit dem zu recht
berüchtigten Whisky, den Jacob ausschenkte. Später
rief ich sie an, und verabredete mich mit ihr.

Canape: Wann?

Jonas: Morgen vormittag um 10. Ich hab vorher noch
einiges zu erledigen.

Canape: Gut. Unter Uns?

Jonas: Diesmal nicht. Jonas hat kein Bock auf Oxy.
Wenn Sie was von mir hören wollen, müssen Sie
schon ins Casablanca kommen.

Canape: Na, da Sie so großen Wert darauf legen,
Jonas, also, dann bis morgen.

Jonas: Die Rüstung.

Sam: Stammt fraglos aus Majestät Artussis
Beständen.

Jonas: So ist es. Frage: Wie ist Eastwood in die
Rüstung gelangt?

Sam: Weiß ich nicht.

Jonas: Wann und wo? Als Artus den Helm abnahm, hat
er blitzschnell was rausgenommen und in die Tasche
gesteckt. Was war das? Und diese merkwürdigen
Pathomat-Daten. Eine fähige Mitarbeiterin war für
die Ausstattung verantwortlich, hat Artus gesagt,
also auch für die Rüstung. Wie heißt die Dame?

Sam: Piep. Laut Programm führt sie den Namen
Miriam Kraus. Piep. Laut Piep, ne laut
Personaldatei CamFash ist Miriam Kraus als
Programmiererin beschäftigt, Hauptabteilung
Konfektion, Unterabteil, äh, Unterabteil, äh,
Unterabteilung Entwurf.

Jonas: Noch so eine Merkwürdigkeit, wieso agiert
eine simple Modeprogrammiererin als Art-Directris
einer Haute Couture Show? Wo wohnt sie? Ist sie
zuhause?

Sam: Weiß ich och nicht.

Jonas: Miriam Kraus war nicht zu Hause. Zumindest
ging sie nicht ans Fon. Also ging Jonas zu ihr. In
einen Bezirk, den man früher gutbürgerlich genannt
hätte. Zwischen den Slums der Südstadt und dem
exklusiven Künstlerviertel. In ordentlichen Reihen
Häuser, aus dem mittleren 20. Jahrhundert.
Mittelgroß, nicht mehr als 10 Stockwerke. An der
Wohnungstür ein unproblematisches Schloß.
Jedenfalls für einen einschlägig versierten
Privatdetektiv. Dahinter zwei Zimmer, Küche, Bad.
Mittelprächtig. Kein Luxus, keine Not. Keine
Miriam Kraus. Statt dessen ein mittleres Chaos.
Der PC war zertrümmert, das Diskettengestell
leergeräumt. Schränke standen offen, Matratzen
waren aufgeschlitzt, Küchenvorräte verschüttet,
etc. Jemand hatte was gesucht.

Sam: Eine Diskette.

Jonas: Denk ich auch.

Sam: Na so was, er denkt, mein Meister Schnarch,
hähä...

Jonas: Jetzt bist du dran, Sammy, mit denken.

Sam: Mit denken?

Jonas: Hat der Jemand gefunden, was er gesucht
hat?

Sam: Dann hätte er nämlich die Sucherei
aufgegeben, haha, doch tat er dies nicht. Er hat
hier alles auf den Kopf gestellt, aber auch alles.

Jonas: Denk weiter, wenn du Miriam Kraus wärst.

Sam: Ein Mensch? Ein Weib? Igitt. Wüah.

Jonas: Wo würdest du eine Diskette verstecken?

Sam: Programmiererin ist sie, Mann, jedenfalls
nicht im Bett, nicht in der Sojamehldose.

Jonas: Wissen wir.

Sam: Keinerlei Kunst an den Wänden, Bilder oder
dergleichen, hmh hmh, sehr ungewöhnlich. Entweder
hat sie keinen ästhetischen Sinn, unsere Miriam.

Jonas: Als Modeprogrammiererin, das glaub ich
nicht.

Sam: Oder sie bevorzugt Hologramme.

Jonas: Die der Sucher ausgeschaltet hat, um
festzustellen, ob was dahintersteckt. Tut es aber
nicht.

Sam: Tut es aber nicht. Hhm, tut es aber nicht.
Ne, wirklich nicht?

Jonas: Siehst du was anderes als kahle Wände, Sam?

Sam: Moment, seh ich was anderes. Ah, wo ist der
Holoschalter? Auf dem Nachttisch. Drück drauf.

Jonas: Wozu?

Sam: Jetzt quassel nicht rum, drück drauf.

Jonas: Ich drückte. Wenn ich so nett gebeten
werde. Ergebnis: In der Wohnung nur ein einziges
Holo. An der Schlafzimmerwand. Die allseits
beliebten grünen Palmen am blauen Meer.

Sam: Schön, schalt wieder aus. So und jetzt drück
zweimal auf den Schalter.

Jonas: Sieh mal an, zwei Holos übereinander.

Sam: Clever, unsere Miriam. Erst das Palmenholo,
dann das Holo der kahlen Wand.

Jonas: Und schließlich die echte Wand, mit einem
Safe.

Sam: Sir, machen wir den auf?

Jonas: Blöde Frage. Im Safe waren ein paar
Dokumente. Ein bißchen Schmuck. Und eine Diskette.
Ohne Aufschrift. Die nahm ich mit, und ließ sie
zuhause über den Bildschirm laufen.

Sam: Oho!

Jonas: Das hat er gesucht, der Sucher, der Jemand.

Sam: Alias Dr. Eckart, im Auftrag seines Herrn.

Jonas: Glaubst du, Sammy?

Sam: Ja wer denn sonst. Angesichts des Inhalts der
Diskette.

Jonas: Ein Designerprogramm. Für Mode a la
Mittelalter. Die historischen Basisdaten.
Hupelande, Bruche, Surkott, und das ganze übrige
Zeug. Umgesetzt mit modernen Materialen. Weißt du,
was das heißt, Sammy?

Sam: Ja.

Jonas: Die neue Eastwood-Kollektion ist nicht von
Vivian Eastwood entworfen worden.

Sam: Nene, vielmehr von einem genital, Korrektur
digitalen Kollegen.

Jonas: Vom Computer. Keine Haute Couture, kein
Menschenwerk.

Sam: Bestes Computerdesign.

Jonas: Poplige Kaufhausmode.

Sam: Oh, bitte keine unnötigen verbalen
Tiefschläge freundlichst, ja, ich meine, die
freundlichst zu unterlassen, euer Rüpelhaftigkeit.
Wichtig, nicht wahr, ist doch vor allem dieses,
wenn’s rauskommt, nich, muß König Artus mordsmäßig
Steuern nachzahlen.

Jonas: Mordsmäßig.

Sam: Ja.

Jonas: Die Kollektion stammt nicht von Eastwood,
das wissen wir jetzt. Und das könnte auch die
Pathomatdaten erklären.

Sam: Grünau.

Jonas: Gleich am nächsten Morgen rief ich
Chefinspektor Brock an. Er war hellbegeistert, von
Jonas zu hören. Wie immer.

Brock: Sie haben mir grade noch gefehlt. Gehen Sie
aus der Leitung.

Jonas: Wenn Sie meine Fragen beantwortet haben.

Brock: Dann leg ich eben auf.

Jonas: Und ich ruf sofort wieder an. Jonas ist
zäh, wissen Sie doch.

Brock: OK, fragen Sie, aber machen Sie’s kurz.

Jonas: Vivian Eastwood.

Brock: Geht Sie überhaupt nichts an. Außerdem ist
der Fall abgeschlossen, natürlicher Tod, keine
Probleme.

Jonas: Was? Und die Pathomatdaten?

Brock: Völlig normal. Augenblick, ich rufe ich mal
auf. Temperatur 35 Grad, Schürfverletzung
bedeutungslos, da bei Abnahme der Rüstung
entstanden.

Jonas: Stimmt nicht, ich war dabei. Und die
hellroten Leichenflecken.

Brock: Leichenflecken, was für Leichenflecken, es
gibt keine Leichenflecken.

Jonas: Ich hab sie doch gesehen.

Brock: Na und? Ihr Wort gegen das von Kommissar
Prick. Was wollen Sie denn, Jonas, so ist es doch
viel besser, klarer Fall, gelöst und abgelegt,
Pluspunkt in der Statistik.

Jonas: Aber das ist doch alles nicht wahr. Die
Daten sind geändert worden. Von Prick. Und ich
wette, daß Artus dahintersteckt.

Brock: Sagen Sie, Jonas. Wer sind Sie? Und wer ist
Prick? Wer bin ich und wer ist Prick? Machen Sie
mir keine Schwierigkeiten. Wenn Sie herumstänkern
wollen, dann tun Sie’s woanders. Und rufen Sie
nicht wieder an.

Jonas: Im Casablanca berichtete ich Carmela
Canape, was ich neues erfahren hatte. Wenn Jonas
ihre Mutter schon nicht lebendig gefunden hatte,
wollte er doch wenigstens die Umstände ihres Todes
aufklären. Carmela hörte aufmerksam zu. Und
verstand sofort.

Canape: Die Eastwood-Kollektion 2014 stammt vom
Computer, nicht von Mama.

Jonas: Vom Computer. Mit freundlicher
Unterstützung durch die Programmiererin Miriam
Kraus.

Sam: Welch selbige verschollen, verduftet,
verschüttet, verschwunden ist.

Jonas: So sieht’s aus. Und was ihre Mutter
betrifft, Carmela...

Canape: Ist sie Ihrer Ansicht nach nicht gestern
gestorben, sondern schon erheblich früher.

Jonas: Das zeigen die Originaldaten des
Pathomaten. Die extrem niedrige Körpertemperatur,
die hellroten Leichenflecken, sprechen deutlich
für eine Aufbewahrung der Leiche im Kalten. Im
Kühlfach oder Kühlhaus.

Sam: Feinfrosten tat man sie, unsere große
Modeschöpferin.

Jonas: Entschuldigen Sie meinen Computer, Carmela,
Sam ist nicht gerade pietätvoll.

Canape: Ist schon gut. Und die Schürfwunden?

Jonas: Sind entstanden, als die Leiche in die
Rüstung praktiziert wurde.

Sam: Rein gequetscht und reingestopft wie
Mastfutter in die Weihnachtsgans.

Canape: Artus. Der zieht die Fäden.

Sam: Ist er Arzt?

Jonas: Davon bin ich überzeugt. Artus hat auch
dafür gesorgt, daß die Leiche ausgerechnet während
der Präsentation auftauchte, damit niemand auf die
Idee kommt, die Kollektion könnte mit ihrer Mutter
nichts zu tun haben. Das ist wichtig für Artus,
aus steuerlichen Gründen. Und für sein Image als
Mäzen menschlicher Kreativität.

Canape: Ich glaube, er hat noch einen Grund. Wenn
eine Designerin zu Tode kommt, noch dazu bei ihrer
eigenen Haute-Couture-Show, hat das mit Sicherheit
einen großen Werbeeffekt.

Sam: Fall Versace 1-9-9-7. Ne, besser 1997.

Canape: Was ich wissen will, ist: Hat Artus Mama
umgebracht?

Jonas: Durchaus möglich. Auf jeden Fall weiß er
mehr.

Canape: Wir sollten ihn besuchen, und ihn mit den
Fakten konfrontieren.

Jonas: Artus war bereit, mit uns zu sprechen. Am
Nachmittag, drei Uhr. Im Camelot-Tower. Carmela
und Jonas trafen sich im Foyer. Und fuhren ins
oberste Stockwerk. Wo seine Majestät der Modekönig
uns empfing. In einem großen Saal. Nicht viel
kleiner als die Wichtig-Halle. Und genauso
mittelalterlich. Nur daß in der Mitte kein
Laufsteg war, sondern ein riesiger runder Tisch.

Artus: Meine Tafelrunde. Für meine tapferen
Ritter. Will sagen, für die Direktoren von
CamFash. Auf diesem Sessel saß Vivi Eastwood. Sie
ruhe in Frieden.

Jonas: Apropos, haben Sie sie getötet, Artus?

Artus: Nicht doch, ein Herzschlag. Keine
Überraschung bei einer fast 80jährigen. Wir hatten
uns gestritten, sie hatte sich aufgeregt, und...
äh voila.

Jonas: Wann war das?

Artus: Vor zehn, elf Wochen, in Avalon. Es ging um
das Thema der neuen Kollektion. Ich bestand auf
Mittelalter, und sie wollte partout nicht, ja, da
hab ich sie ein bißchen, na ja, unter Druck
gesetzt, mit Rex.

Jonas: Rex.

Artus: Ja, Rex ist mein Liebling, mein Haus- und
Schoßtier in Avalon. Sie werden ihn noch
kennenlernen, Jonas.

Jonas: Und als die Eastwood tot war.

Artus: Kam sie erst mal ins Kühlhaus. Ich habe
eins in Avalon. Für Rex. Damit er immer frisches
Futter kriegt.

Jonas: Artus gab alles zu, ohne weiteres. Die
Kollektion hatte der Computer gemacht,
programmiert von Miriam Kraus, die sich übrigens,
wie er uns verriet, in Avalon aufhielt. Bei Rex.
Vor zwei Tagen hatte man der toten Eastwood eine
Rüstung angepaßt, und die hatte man nach Babylon
geflogen, zur Emanuel-Wichtig-Halle. Mit der
übrigen Mittelalter-Dekoration. Alles lief
reibungslos, dafür sorgte Dr. Eckart. Und Miriam
Kraus, die nur aus diesem Grund mit der
Ausstattung der Show beauftragt wurde.

Artus: Falls es Sie interessiert, in der Rüstung
war außer der Leiche noch was. Ein Mini-Modul. Die
Fernsteuerung hatte ich in der Tasche. Ich drückte
drauf, ein kurzes Band lief ab, mit einem Schrei,
die Rüstung fing an zu wackeln, und fiel dann um.
Na, Sie waren ja dabei.

Jonas: Das Modul haben Sie gleich danach an sich
genommen, Artus.

Artus: Sie haben’s gesehen, Jonas? Guter Mann,
gute Augen. Hoffentlich auch ein gutes Köpfchen.
Oder wollen Sie jetzt etwa zur Polizei gehen?

Jonas: Ich denke nicht daran. Wo Sie Kommissar
Prick in der Tasche haben. Ich weiß was besseres.

Artus: Ja?

Jonas: Ich informiere die Finanzbehörde. Die läßt
sich nicht kaufen. Sie geben Computerdesign als
Produkt menschlicher Kreativität aus, das ist
Steuerbetrug. Sie werden ordentlich zahlen müssen,
Artus, und als Haute-Couture-Produzent sind Sie
erledigt.

Artus: Hmh, gar nicht dumm, Jonas, da muß ich wohl
was unternehmen. Eckart!

Jonas: Jonas zog seinen Laser. Bereit sein ist
alles. Aber ich war nicht bereit genug. Carmela
lächelte mich freundlich an. Gleichzeitig schlug
sie mir mit einer plötzlichen Bewegung die Waffe
aus der Hand. Und dann kam auch schon der getreue
Eckart durch die Tür. Mit einem Neurofreezer.

Artus: Tja, Jonas, mit der Anzeige bei der
Steuerfahndung wird es nun nichts werden, Frau
Canape sei Dank.

Jonas: Das war nicht nett von Ihnen, Carmela.
Immerhin arbeite ich für Sie.

Artus: Das ist vorbei, Jonas. Ich brauch Sie nicht
mehr. Wissen Sie, heute mittag war ich mit Herrn
Artus zum Essen verabredet, und dabei haben wir
uns ausgesprochen und uns geeinigt. Was ich von
der neuen Kollektion und von Mamas Tod weiß,
behalte ich für mich, und dafür kriege ich einen
Direktorenposten bei CamFash.

Artus: Sie sehen, Jonas, alles geregelt, alles in
Butter.

Jonas: Nur Jonas stört die schöne Eintracht.

Artus: Nicht mehr lange. Auf, meine Herrschaften,
der Helikopter wartet. Wir fliegen nach Avalon, zu
viert, ich, Sie, Jonas, Frau Canape, und natürlich
Dr. Eckart.

Jonas: Unter dem Helikopter erstreckte sich
einförmiges totes Braun-Grau, bis zum Horizont.
Die Wildnis. In der Ferne, weit voraus, ein
Glitzern. Es kam näher, noch näher. Eine
Halbkugel, die Sonnenstrahlen reflektierte.
Avalon. Die Biosphäre von König Artus. Durchmesser
etwa 500 Meter. Unter der Plexikuppel eine kleine
Burg. Mit Türmen und Zinnen. Eine hohe Mauer,
dahinter Grün. Viel Grün. Tatsächlich, ein Wald,
mit Bäumen.

Artus: Echte Bäume, Jonas, keine Plastsimulate.

Jonas: Das muß Sie ein Vermögen gekostet haben.

Artus: Mein Gott, ich kann’s mir leisten. Und das
ist der Wald von Prosiliande. Geheimnisumwittert,
und gefährlich. Na, Sie werden es erleben, Jonas.

Jonas: Aber vorher mußte Artus Carmela und mir
noch seinen größten Stolz vorführen, seine
Rüstkammer, die einen großen Teil der Burg
einnahm. Mittelalterliche Waffen und Rüstungen, in
gewaltigen Mengen, aber nicht nur, auch ein paar
seltene Stücke aus dem Altertum, zum Beispiel ein
römischer Rennwagen, Marke Ben Hur, und ein
Sammelsurium von Waffen der Neuzeit. Bis ins 20.
Jahrhundert. Gewehre, Handgranaten, sogar eine
Panzerfaust, anno 44. Und mitten im martialischen
Ambiente ein großer Bildschirm über einem
Schaltpult.

Artus: Mein Guckloch in den Wald von Prosiliande.
Wohin Sie sich jetzt begeben werden, Jonas, um
Miriam Kraus Gesellschaft zu leisten, sofern sie
noch auf Erden wandelt. Sie wollte mich erpressen,
das läßt sich König Artus nicht gefallen, darum
hab ich sie in den Wald geschickt, damit sie mit
Rex Bekanntschaft schließt, was Sie auch gleich
tun werden, Jonas. Ein recht endgültiges
Zusammentreffen. Und ein hochinteressantes
Schauspiel. Ich werde es genießen, hier, am
Monitor, mit Eckart.

Canape: Und mit mir.

Artus: Ja richtig, Sie sind ja auch noch da, meine
teure Carmela, Sie müssen noch warten, erst ist
Jonas dran. Bringen Sie ihn in den Wald, Eckart.

Jonas: Im Gänsemarsch ging’s aus der Burg zur
Mauer. Jonas vorneweg. Eckart mit dem Neurofreezer
hinterher. In der Mauer war eine Tür. Eckart
öffnete sie mit einer Paß-Scheibe, und trieb Jonas
ein paar Schritte ins Grüne. Dann trat er zurück.
Die Tür ging zu. Jonas war ganz allein im tiefen
Wald. Ganz allein?

Sam: Sammy und Jonas verliefen sich im Wald, es
war so finster und auch so bitter kalt.

Jonas: Du spinnst, Sammy, es ist warm hier,
richtig heiß, wie in Afrika, oder im Treibhaus.

Sam: Sie kamen an ein Häuschen...

Jonas: Vielleicht singst du mal ein bißchen
leiser.

Sam: Pst! Er könnte uns hören. Pst.

Jonas: Meinst du den mysteriösen Rex?

Sam: Wer oder was immer das ist.

Jonas: Hier riecht’s aber gar nicht gut.

Sam: Hose voll, Sir? Ich riech nix.

Jonas: Das kannst du auch nicht, Sam. Du hast kein
Riechorgan.

Sam: Dann nicht.

Jonas: Der Gestank wird stärker, erinnert mich ans
Raubtierhaus im Zoo. Faules Fleisch, Blut, und
Leichen.

Jonas: Ich war an einer kleinen Lichtung
angekommen. Vor mir Felsen, davor Knochen,
Fleischfetzen, getrocknetes Blut, zerrissene
Kleidungsstücke, zwischen den Felsen ein großes
schwarzes Loch.

Sam: Eine Höhle. Wetten, daß Rex da drin steckt?

Jonas: Und wetten, daß ich so langsam ne Ahnung
kriege, was für ein Haus- oder Schoßtier dieser
Rex ist?

Sam: Nur eine Ahnung, du Sülzkottlet in
Menschengestalt? Allmählich solltest du’s wissen.
Stichwort Mittelalter. Mit was für einer Art
Viehzeugs hatte es denn ein fahrender Ritter
damals zu tun, hä?

Miriam: Der Drache! Hilfe! Retten Sie mich!

Sam: Ach Gottchen.

Jonas: Eine Frau. Hoch oben auf dem Baum. Sie
klammerte sich an einen Ast. Total verstört, aber
im Moment konnte Ritter Jonas nichts für sie tun.
Weil er sich ganz dringend um was anders kümmern
mußte. Um die unheimlichen Geräusche aus der
dunklen Höhle. Erst ein scharfes Zischen, dann
dumpfe Tritte. So schwer, daß Erde und Bäume
zitterten. Sie wurden immer schwerer, immer
lauter. Dann war er draußen, der Drache. Und Jonas
war ganz schnell auf dem Baum. Neben der Frau.

Sam: Auftritt Rex.

Jonas: Vorname Tyrannosaurus, wenn ich nicht irre.

Sam: Det weß ich nicht. Ich seh keine Tyrannensau.

Jonas: Sondern?

Sam: Eine Monitoreidechse. Ein Kondomeran,
Korrektur, präziser ein Komodoveran. Beachten Sie
gütigst die für diese Spezies typische lang
gespaltene Zange, schon wieder Korrektur, Zunge.

Jonas: Ein Veran ist doch nicht 10 Meter lang.

Sam: Warum nicht? Wenn man ihn gentechnisch
vergrößert?

Jonas: Das ist verboten.

Sam: Jaja, aber möglich, und machbar, Herr
Nachbar. Erinnert euch, edler Herr, des bösen Dr.
Ugarte, Fall Pharao, der skrupellosen
Wissenschaftler gibt’s nicht wenige, und wenn ein
Mensch so stinkend reich ist, wie unser Freund und
König Aze Artus.

Jonas: Kann er sich einen schlichten Veran zum
Drachen langziehen lassen.

Sam: Ja.

Jonas: Wenn er das mag.

Sam: Ja.

Jonas: Aber warum ist das Monstrum rot?

Sam: Ja Gott.

Jonas: So viel ich weiß, sind Verane grau.

Sam: Der rote Drache von Wales, Johannes, das
Wappentier von König Artus, vom echten Artus,
nich?

Jonas: Das walisische Wappentier fixierte uns mit
seinen gierigen Schweinsaugen, strebte in seinem
wiegenden Seemannsgang unter unseren Baum, legte
sich gemütlich hin, riß das Maul auf, machte die
Augen zu, und wartete. Eine Galgenfrist, für Jonas
und seine Nachbarin auf dem Ast.

Jonas: Sie sind Miriam Kraus.

Miriam: Ja.

Jonas: Sie haben das Programm für die angebliche
Eastwood-Kollektion gemacht.

Miriam: Ja.

Jonas: Und die Ausstattung für die Show.

Miriam: Ja.

Jonas: Dann haben Sie versucht, Artus zu
erpressen.

Miriam: Ich wollte doch bloß eine Gehaltserhöhung.

Jonas: Und darum sind Sie jetzt hier, als
Drachenfutter.

Miriam: Ah, mein Bein.

Jonas: Zeigen Sie mal.

Miriam: Ah!

Jonas: Sieht nicht gut aus, tiefe Fleischwunde,
starker Blutverlust. Ein Wunder, daß sie’s damit
auf den Baum geschafft haben.

Sam: Ja ja, die Angst verleiht Flügel, spricht der
weise Bosequo.

Jonas: Eine Minicam flog Kreise um uns. Langsam.
Ich zeigte die Zähne und winkte fröhlich. Sollte
Artus am Monitor sich doch ärgern. Dabei dachte
ich heftig nach. Miriam war außer Gefecht und
würde sich nicht mehr lange halten können. Jonas
mußte was unternehmen. Bald. Sehr bald.

Sam: Sam könnte ihn ablenken, den Leviatan, den
Lindwurm, den Basilisken, in dem derselbe
denselben in den schuppigen Schwunz äh Schwanz
beißt bleistiftsweise.

Jonas: Und wie kommst du runter, Sam? Kannst du
klettern?

Sam: Naja, eher weniger, Herr Großinquisitor.

Jonas: Soll ich dich runterwerfen.

Sam: O bitte, bitte nicht.

Jonas: Siehst du. Außerdem würdest du den Drachen
wecken, und der schläft gerade so schön.

Sam: Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein.

Jonas: Als erstes müssen wir die Minicam
ausschalten, und ich weiß auch schon wie. Wenn ich
mit Ihnen flüstere, Miriam, wird sie näherkommen,
damit ihr Mikrophon auch alles mitkriegt, ich
werde noch leiser, die Minicam kommt noch näher.
So, ich hab sie.

Jonas: Ich gab sie Miriam. Sie sollte sie gut
festhalten, und aufpassen, daß das Auge immer auf
den dösenden Drachen gerichtet blieb, keinesfalls
auf Jonas. Der wurde nämlich aktiv, er rutschte
weiter auf dem Ast, und sprang in den Nachbarbaum,
wie Tarzan, nur leiser, kletterte runter, und
schlich sich von dannen, ohne daß der Drachen was
merkte. An der Tür in der Mauer machte ich Halt.

Jonas: Kannst du den Code für die Verriegelung
knacken, Sammy?

Sam: Klar, mit links, und fix. Zwei klitzekleine
Stündlein nur, bis es da heißt, Se-Sam öffne dich.

Jonas: Zwei Stunden, unmöglich, in der Zeit sind
wir alle gefressen.

Sam: Ja, was machen wir denn da?

Jonas: Das würde ich gerne von dir wissen, Sam.

Sam: Pst! Da ist einer an der Tür, nein, auf der
anderen Seite. Versteck dich, mein Dicker.

Jonas: Jonas tauchte hinter ein Gebüsch. Die Tür
ging auf. Und es erschien Carmela. Carmela Canape,
die treulose Tomate, die Jonas in den Rücken
gefallen war. Jetzt hatte sie selbst was im
Rücken. Einen Neurofreezer. Und den treuen Eckart.
Vor sich hatte sie einen Waldspaziergang. Mit
Drachen. Artus war konsequent. Er ließ sich nicht
erpressen, und sorgte dafür, daß alle
verschwanden, die zu viel wußten. Das war meine
Chance. Ich ließ die beiden vorbei, flitzte durch
die Tür, so schnell ich konnte, und knallte sie
zu.

Sam: Klappe zu, Affe tot.

Jonas: Noch nicht, aber bald. Kannst du das
Türschloß verstellen, Sammy, ich meine gleich,
nicht in zwei Stunden.

Sam: Piep. Kaum gedacht, schon gemacht.

Jonas: Wunderbar. Eckart und Carmela sind aus dem
Weg. Jetzt haben wir es nur noch mit Artus zu tun.
Und wo finden wir wohl seine Majestät?

Sam: Natürlich vor dem Monitor in der Rüstkammer.
Wohlan, denn flugs zur Burg, Ritter Johnson.

Jonas: Artus kriegte nicht mit, daß Jonas die
Rüstkammer betrat, und ihm immer näher kam. Er
starrte auf den Bildschirm. Gebannt und
fassungslos. Da gab’s auch wirklich was zu sehen.
Carmela verschwand gerade im Schlund des Drachen,
laut schreiend, um sich schlagend. Dann war Dr.
Eckart an der Reihe, er ballerte wild mit dem
Neurofreezer, auf den Drachen machte das überhaupt
keinen Eindruck, er schnappte zu, kaute,
schluckte.

Artus: Mein Gott, Eckart, wie konnte das
geschehen?

Jonas: Das kann ich ihnen erklären, Artus.

Artus: Sie, Jonas?

Jonas: Nur Jonas. Der letzte Detektiv. Nicht
totzukriegen.

Sam: Wenn du denkst, du hast’n, da hüpft er aus’m
Kasten.

Artus: Ja, und was nun?

Jonas: Wir spielen das Spiel weiter.

Artus: Welches Spiel?

Jonas: Mittelalter. König Artus. Ritter und
Drachen. Aber ab jetzt spielen wir nach meinen
Regeln.

Sam: Jawoll.

Jonas: Er versuchte gar nicht erst, sich zu
wehren, was hätte das auch gebracht, ein kleiner
dicker Konzernchef gegen einen durchtrainierten
Jonas. Artus war nicht das Problem. Das Problem
war die Zeit. Jonas hatte es eilig, wegen Miriam.
Ich sah mich um. Auf dem Schaltpult lag ein
kleiner Laserstrahler. Nicht das richtige für
einen Drachentöter. Der brauchte was anderes.

Jonas: Wir nehmen eine Lanze, die Panzerfaust,
eine Handgranate, ja und dann noch den römischen
Wagen.

Artus: Ja aber was wollen Sie denn mit dem?

Jonas: Ein Ritter kann doch nicht zu Fuß wider den
Drachen ziehen.

Artus: Ja aber was nützt ihnen der Wagen ohne
Pferd? Und ein Pferd gibt’s hier nicht.

Sam: Nehme eure drachenbezwingende Mannhaftigkeit
doch den Esel zum Ziehen.

Jonas: Sehr richtig. Ich spannte Artus vor. Der
protestierte gewaltig, aber das half ihm nichts.
Als er dann im Geschirr war, verweigerte er den
Dienst, und rührte sich nicht vom Fleck. Das trieb
ich ihm aus, mit der Lanze. Ein wohlplazierter
Stich in sein schlappes Hinterteil, und er legte
sich wacker ins Zeug. Sam öffnete die Tür in der
Mauer. Der Wagen paßte durch, gerade so. Ab durch
den Wald, über Stock und Stein, bis zur Lichtung,
und zur Höhle. Der Drache war nicht zu sehen.
Miriam Kraus klammerte sich noch immer an ihren
Ast.

Miriam: Er hat sie gefressen! Beide! Erst die
Frau, dann Eckart!

Jonas: Ich hab’s gesehen, auf Artus Monitor.

Artus: Machen Sie mich los, Jonas, ich bitte Sie,
lassen Sie mich gehen, ich zahle Ihnen, was Sie
wollen. Ah, er kommt raus, o Gott!

Jonas: Ja wenn Sie auch so einen Radau machen,
Artus, hü, noch ein Stückchen näher ran, wird’s
bald, Esel?

Artus: Nein, da ist er, Rex, der Drache, Hilfe,
Hilfe, Hilfe!

Jonas: Mein Zugtier fiel um, und blieb liegen,
aber das war jetzt egal, der Drache marschierte
über die Lichtung, Richtung Wagen, Richtung Jonas,
richtig flott, offenbar war er immer noch hungrig.
Ich nahm die Panzerfaust an die Schulter, und ließ
ihn näher kommen, noch etwas näher. Dann drückte
ich auf den Abzug.

Sam: Oh, Volltreffer.

Jonas: Und jetzt noch die Handgranate.

Miriam: Ist er tot?

Jonas: Scheint so. Mal sehen, ob er reagiert, wenn
ich ihn mit der Lanze pieke. Nein, er ist hinüber.
Artus auch, die Konfrontation mit seinem Schoßtier
hat er nicht ausgehalten. Vor Angst gestorben, wie
Vivian Eastwood.

Sam: Ein dreifach Hoch, ein vierfach Hoch, ein
fünffach Hoch dem mutigen Drachentöter Jonas.

Miriam: Bravo! Bravo, Jonas!

Jonas: Festhalten, Miriam!

Miriam: Ups!

Sam: Wohin so schnell, o schöne Frau?

Jonas: Zu spät. Sie fiel vom Baum und verlor das
Bewußtsein. Ich schleppte sie aus dem Drachenwald,
zum Helikopter, und flog mit ihr zurück nach
Babylon, wo ich sie im städtischen Krankenhaus
ablieferte. - Mitternacht. Ich war wieder zuhause.
In meinem Büroapartment. Ich fühlte mich etwas
mitgenommen. Von Mode und Mittelalter, von
Designern und Drachen, ich brauchte Ruhe. Sam war
leider anderer Ansicht.

Sam: Ruhe? Na, Lob braucht ihr und Preis, mein
tapferer Herr und Meister. Singe o Muße die Taten
des drachenerlegenden Jonas.

Jonas: Laß das, Sam.

Sam: Verzeihung, Stilbruch, klassisches Altertum,
Homer. Neuer Ansatz, Nibelungenstrophe: Ein Drache
haust im Walde, der fraß so manche Maid, doch
Jonas, der kam balde, es war die höchste Zeit, die
Panzerfaust, sie knallte...

Jonas: Halt die Klappe.

Sam: Als der Drache frechgeworden, wollte er den
Jonas morden, Ritter Jonas gar nicht faul, schießt
dem Drachen auf das Maul, daß er daran verendet.

Jonas: Schluß.

Sam: In dem finsteren Drachenwald, hu, wie pfiff
der Wind so kalt, und es saß, man glaubt es kaum,
eine Maid hoch auf dem Baum, so voller Angst und
Bangen.

Jonas: Aus.

Sam: Jonas kam auf stolzen Wagen, um den Drachen
zu erschlagen, Panzerfaust und Handgranat, ja,
Herr Jonas ist auf Trab, und so blieb er Sieger.

Jonas: Feierabend.

Sam: Fei-ei-eieieieierabend

Das war Drachentöter. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Karin Anselm, Karl Lieffen,
Irina Wanka, Jochen Striebeck, Helmut Stange und
andere (Jan Becker, Nuran Calis, Boris Nicolay,
Yvonne Brosch). Ton und Technik: Günter Heß und
Christine Koller. Regieassistenz: Holger Buck und
Sieghard Fieber. Regie: Werner Klein. Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr
1998. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Knochenarbeit

Jonas: Es war kein Treibhaus. Es war eine
Terrasse. Aber sie war heiß und hell und grün, wie
ein Treibhaus, und der Mann im Rollstuhl war wie
General Sternwood: uralt, halbtot, mit einem
Gesicht wie eine zerknitterte Maske. Er war
natürlich nicht General Sternwood. Er war Senior
Hector de la Serna. Wir waren auch nicht in Los
Angeles, sondern in der Siedlung Bon Retirdo, auf
der schönen Insel Palmera im Mittelmeer. Wo
sogenannte Senioren aus ganz Europa auf den Tod
warten, wenn sie es sich leisten können. Und ich
war nicht Philip Marlowe.

de la Serna: Sie sind Jonas, nur Jonas, der letzte
Detektiv.

Jonas: In Babylon.

Serna: Auch auf Palmera, das kann ich Ihnen
versichern. Hätte ich Sie sonst kommen lassen?

Jonas: Das hatte er. Airticket Babylon-Alicante,
Heli-Zubringer Alicante-Palmera und zurück, mit
der kurzen Aufforderung, ihn zu besuchen. Blinde
Treffen mag Jonas nicht. Trotzdem war er gekommen.
Weil er jedem Auftrag brauchte. Die letzten beiden
Fälle hatten viel gekostet und nichts eingebracht.

Serna: Rauchen Sie, Senior Jonas?

Jonas: Nein.

Serna: Negrita, die Havannas. Meine Besnieta.
Negrita de la Serna. Sie kümmert sich um ihren
Urgroßvater.

Negrita: Si, pisabello. Eine Zigarre, Senior?

Serna: Rauchen Sie, Senior Jonas, bitte, für mich.
Leider bin ich gezwungen, meinen Lastern durch
Stellvertreter zu frönen.

Jonas: Jonas hatte seinen karitativen Tag.
Außerdem war sie hinreißend. Nicht die Zigarre.
Die Urenkelin. Anfang zwanzig, schwarze Haare,
schlank, aber nicht zu sehr. Carmen. So sah sie
aus. Aber sie hieß Negrita. Auch nicht schlecht.

Serna: Danke, Senior Jonas. Sie machen einem alten
Mann eine große Freude.

Jonas: Mehr schlecht als recht. Weshalb haben Sie
mich kommen lassen, Senior de la Serna, wozu
brauchen Sie den letzten Detektiv? Nicht nur zum
Rauchen, hoffe ich.

Serna: Ich möchte, daß Sie etwas für mich stehlen,
Senior Jonas.

Jonas: Und was?

Serna: Knochen, Senior.

Jonas: Knochen?

Serna: Die Gebeine von Che Guevara.

Jonas: Ein ausgefallener Wunsch. Die Knochen von
Che Guevara. Dem weltberühmten Revolutionär aus
dem 20. Jahrhundert, der schon lange tot war, fast
50 Jahre, oder?

Sam: 47 und ein halbes, indem daß wir heutigen
Tages den 3. April 2015 schreiben.

Jonas: Ist bekannt, Sammy.

Sam: Und besagter Guevara aus dem Leben schied am
8. Oktober 1967 im Dschungel von Bolivien,
gemeuchelt von den Schergen der Konterrevolution,
will sagen der Ranger-Truppe des bolivischen
Diktators Parventos. Verwundet, gefangen,
erschossen, verscharrt. Eine Schweigesekunde
seinem Angedenken. Tick-tack, tick-tack, Piep!
Ernesto Guervara, später Che zubenamst, geboren
1928 in Rosario, Argentinien. Medizinstudium,
Arztdiplom 1953, entwickelte sich zum Revolutionär
und Guerilla-Kämpfer, führte mit und für Fidel
Castro die kubanische Revolution zum Siege
1958/59.

Jonas: Das reicht, Sam, wir brauchen keine
historische Vorlesung.

Sam: Und ob du die brauchst, Banane,
analphabetische. Geistige Bildung Fehlanzeige,
häh, wissen wir doch.

Serna: Was bitte ist das?

Jonas: Sam, mein Taschencomputer. Die Enzyklopädie
des letzten Detektivs. Wer wird einen Sack Bücher
mit sich rumschleppen, wenn er einen Sam hat.

Serna: Bücher haben ihr gutes, Senior, sie äußern
sich nur, wenn sie gefragt werden, ansonsten
schweigen sie.

Jonas: Das tut Sam nicht.

Sam: Ne.

Jonas: Das kann er gar nicht.

Sam: Ne, niemals never nevermore, garnienicht.

Jonas: Sprach der Rabe, das heißt Sam, und zum
Beweis machte er gleich weiter. Mit Nachhilfe in
Sachen Che. Daß die Überreste 30 Jahre nach dem
Tod entdeckt, nach Kuba überführt und mit viel
Pomp in einem Mausoleum bestattet wurden.

Sam: Doch aus der revolutionären Staatsgruft
entschwanden sie, nur wenige Monde sind’s erst
her, bei den Unruhen nach dem Tod des alten
Castro. Geklaut worden sollen sie sein, außer
Landes verscherbelt.

Serna: Ihr Computer hat ein seltsames Aussehen.

Sam: Was ist, was ist, was ist? Seltsam? Haben Sie
was gegen Blech und Plastik, gegen Skalen und
Knöpfe, Räderuropa? Sie sind auch nicht gerade ne
Schönheit, weißgottnetle.

Serna: Und er hat eine seltsame Art, sich
auszudrücken.

Sam: Haha.

Serna: Aber er hat recht. Che Guevaras Gebeine
sind hier, auf Palmera. Richten Sie Ihren Blick
gen Westen, Senior Jonas, was sehen Sie?

Jonas: Was man hier überall sieht. Das Superhotel.

Sam: Palmera Beach Tower. 250 Meter vom Zeh bis
zum Scheitel. Piep.

Serna: Und genau dort oben, Senior, ein viertel
Kilometer über dem Meer, befinden sie sich, im
Penthouse der Condessa Gloriana.

Jonas: Gloriana von und zu, Kind und Kegel,
Knautsch und Knitter, oder so. Eine Gräfin aus
nördlichen Gefilden, stinkreich, weil sie es sich
zur Gewohnheit gemacht hatte, Milliardäre zu
heiraten und zu überleben. Früher eine große
Nummer im Jetset, als es so was noch gab. Heute
bekannte Sammlerin prominenter Reliquien. Sie
hatte Lenin. Evita, als Mumie und in Wachs, und
jetzt auch das Skelett von Che Guevara.

Serna: Sie hat es gekauft und stellt es aus in
einer Vitrine in ihrem Penthouse. Valgusto. Sie
werden die Gebeine retten, Senior Jonas, und sie
mir überbringen.

Jonas: Warum gerade Ihnen, Senior, was gehen Sie
Che Guevaras Knochen an?

Serna: Ich bin ein Verwandter, zwar nur ein
entfernter Cousin mütterlicherseits, doch sehe ich
es als meine Pflicht an, für die würdige
Bestattung des prominentesten Mitglieds meiner
Familie Sorge zu tragen.

Jonas: Das ist ein Grund.

Serna: Ich zahle Ihnen 10.000 Euros, wenn Sie
Erfolg haben.

Jonas: Und wenn nicht?

Negrita: Sie sind Jonas, nur Jonas, der letzte
Detektiv. Sie schaffen es.

Sam: Naja.

Jonas: Wenn Sie das sagte. Ich dachte kurz nach.
Ein interessanter Auftrag. Einträglich
möglicherweise. Irgendwie moralisch war er auch.
Der letzte Detektiv für den letzten Revolutionär.
Das hat etwas.

Jonas: Einverstanden.

Serna: Naturalmente. Ich habe mir erlaubt, Ihnen
ein Zimmer im Palmera Beach Tower zu buchen,
Senior Jonas, im unteren Drittel, weiter oben ist
es sehr teuer.

Jonas: Das Penthouse der Gräfin Gloriana war eine
Festung, zugänglich nur über einen Spezialschnell-
Lift vom Erdgeschoß, für Besucher und Dienstboten
mit Spezialzugangsscheibe. Keine Treppen.
Schwierig. Frische Luft ist gut für die grauen
Zellen. Ich öffnete das Fenster. Ich sah einem
kleinen dunkelhäutigen Mann ins braune Auge, der
Fensterputzer auf seiner Plattform, die ihn von
morgens bis abends rauf und runter fuhr. Rauf, das
brachte mich auf eine Idee. Ich winkte ihm, mit
einer Flasche Brandy. Quecho, Kasador.

Fensterputzer: No no, yo Islam, komprende? No
Alkohol.

Jonas: Du bist Muslime und darfst nicht trinken.
Dein Pech, Kamerad. Wie wär’s denn hiermit? 20
Euros. Dinero. Mucho Dinero.

Fensterputzer: Dinero? Si si.

Jonas: Er stieg ein. Ich zog ihm den weißen
Overall aus und fesselte ihn ans Klo. Er sah mich
an, ängstlich, mit großen Augen. Ich klopfte ihm
auf die Schulter, steckte ihm den 20 Euro-Schein
ins schmutzige Unterhemd, stieg in den Overall,
zwei Nummern zu klein, mindestens, stieg auf die
Plattform, und fuhr nach oben. Nicht zum
Penthouse, vor der letzten Etage war Endstation,
unter der überhängenden Dachbrüstung. Jonas mußte
free-climben, erst am Seil, dann am schieren
Beton, in einer Höhe von 250 Metern, im zu engen
Overall. Ein echter Cliffhänger. Fünf lange
Minuten Quälerei, dann hing ich mit dem Oberkörper
über der Brüstung. Ich konnte mich verpusten und
mich umsehen. Das Dach des Palmera Beach Tower war
ein großer Garten, Blumenbeete, Hecken, Minibäume,
und mitten im Bunt und Grün ein Hexenhaus, braun
und gelb, mit Giebeln und Türmchen, gotisch und
grimmig. Brüder Grimmig. Auf dem ganzen Dach kein
freier Fleck. Keine Landemöglichkeit für einen
Helikopter zum Beispiel, deshalb schwebte er auch
10 Meter darüber, der Helikopter. Grau. An der
offenen Tür ein großes rotes A. Aus der Tür hing
ein Seil. Am Seil hing ein Mann, in einer Livree
aus braunem Samt, gelb abgesetzt. Kniehosen. Kurze
Jacke. Schnallenschuhe. Ein Lakai.

Sam: Ein dummes Ding, zu deutsch Domestik, der
gnädigen Frau Gräfin zweifelsohne.

Jonas: Er hat einen Rucksack über der Schulter.

Sam: Jajajajajajaja, und da ist was drin. Was
mag’s nur sein, hä? So, jetzo ist er drin im
Helikopter. Türen schließen. Abfahrt.

Jonas: Ich stieg über die Brüstung, richtete mich
auf. Der Helikopter flog Richtung Südost. Ich sah
ihm nach, sah, wie er die Seniorensiedlungen an
der Südküste streifte, Bon Retirdo, Sanssouci,
HCIs, Lebensabend und wie sie alle hießen, die
Tennis- und Golfplätze, die Parks und die
Schwimmbäder, bis er Kurs ins Innere der Insel
nahm, wo’s nur kahle Berge gab, keine Siedlungen,
keine Menschen, und da wurde er abgeschossen.

Sam: Bodenluftrakete, melde gehorsamst, Herr
Heißluftmarschall. Ja wo sammer denn, auf
Feuerland, hmh? In Küßnacht? Äh Kusbekistan?

Jonas: Er ist getroffen, aber er hält sich noch,
er trudelt weiter, noch weiter.

Sam: Ui, jetzt ist er unten, mitsamt Lack-Ei, und
Rucksack. Friede ihrer Asche. Wie spricht
Friedrich von und zu Schiller, hmh? Runter kommen
sie immer.

Jonas: Nimm die Koordinaten, Sam.

Sam: Piep. Schon passiert. Pup.

Jonas: Ich hatte so eine Ahnung. Aber vorher mußte
ich mich um das Penthouse kümmern. Die Tür stand
offen, und als ich näher kam, hörte ich was. Ein
nagendes nervendes Geräusch. Jemand zeterte, ohne
Punkt, ohne Pause.

Gloriana: Ich bezahle ihn gräflich, fürstlich, und
behandelt wird er wie ein Sohn... Ein freier Abend
pro Woche, Holo-TV im Zimmer, dasselbe Essen wie
für mich selbst. Na, nach mir natürlich in der
Küche. Unterschiede muß es geben. Die Herrin ist
die Herrin, der Diener ist der Diener, und wenn
der Diener meutert, dann wackeln die Werte, dann
stürzen die Grundfesten.

Jonas: Hallo.

Gloriana: Meine Haare, junger Mann, geben Sie mir
meine Haare, na da auf dem Teppich. Meine Haare,
schnell.

Jonas: Ein großer Raum, nicht sehr hell, an den
Wänden Vitrinen, und längliche Kästen aus Glas,
indirekt beleuchtet. Eine Vitrine war leer und
stand offen. In den übrigen lagen Knochen,
menschliche Körperteile, Mumien. Was da zeterte
war auch eine Art Mumie, eine noch sehr lebendige
allerdings, wenn auch alt. Sehr alt. Eine Frau.
Klein, krumm, und kahl, auf einen Stuhl geschnürt.
Über den Falten strahlendes Make-up. Über den
müden Knochen ein kurzes Dirndlkleid. Braun und
gelb. Die Hexe vom Hexenhaus. Gräfin Gloriana. Ich
setzte ihr die Perücke auf und band sie los.

Gloriana: Wer sind Sie, was wollen Sie, was haben
Sie hier zu suchen. Machen Sie den Mund auf, Mann.

Jonas: Hotelsicherheitsdienst, Frau Gräfin. Was
ist hier los?

Gloriana: Sehen Sie doch. Mein bestes Stück hat er
gestohlen, meinen Che Guevara, aus der Vitrine. Er
hat ihn in einen Rucksack gesteckt, ich bin
dazugekommen, er hat mich angebunden, dann ist er
raus und weg.

Jonas: Wer, Frau Gräfin?

Gloriana: Wer? Juan, wer denn sonst, mein
Kammerdiener, mein Butler, ja, lange hab ich ihn
noch nicht, erst ein viertel Jahr, aber er ist mit
den besten Empfehlungen gekommen, mit den
allerbesten, wirklich, von Gunter und Meck und
Prinzessin Carolins kleiner Großnichte.

Jonas: Sind Sie allein? Haben Sie nur einen
Diener?

Gloriana: Woher denn einen? Vier habe ich, aber
die anderen sind einkaufen, oder haben Ausgang,
faulenzen oder was weiß ich. Es geht ihnen einfach
zu gut. Viel zu gut. Stehen Sie nicht rum, junger
Mann, tun Sie gefälligst was, bringen Sie mir
meinen Che Guevara wieder. Nächste Woche brauch
ich ihn, dringend, da will ich ihn untersuchen
lassen, wissenschaftlich, gentechnisch.

Jonas: Untersuchen, warum?

Gloriana: Weil mir jemand gesagt hat, er ist
vielleicht nicht ganz echt, nicht der richtige
Che, ein Doppelgänger, verstehen Sie? Solche
Latrinenparolen gibt’s schon lange, praktisch seit
67, das muß ein Ende haben, die Gräfin Gloriana
hat nur absolut echte Stücke. Originale. Unikate.

Jonas: Sie sollten die Polizei verständigen, Frau
Gräfin.

Gloriana: Ja richtig, die Polizei, sehr gut, den
Commisario Pedasso wird ich anrufen, Großalarm,
Großeinsatz, hohe Belohnung, sehr hoch.

Jonas: Runter ging’s bequemer als rauf. Mit einer
Spezialliftscheibe, von der Vitrine neben der Tür.
Ali kriegte seinen Overall zurück, und verzog
sich, verwirt, aber nicht unglücklich, immerhin
hatte er 20 Euros verdient, im Sitzen. Jonas rief
seinen Auftraggeber an, um kurz zu berichten, was
vorgefallen war, dann fuhr ich zum Empfang und
mietete ein E-Car. Es war Zeit für eine Spritztour
in die Berge. Sammy dirigierte.

Sam: Straight away. Gerade aus. Bei nächster
Gelegenheit ein ganz klein wenig rechts.

Jonas: Leicht gesagt, Sam, wenn rechts keine
Straße ist, nicht mal ein Ziegenpfad.

Sam: Nun denn so brettere mein Meister Schuhmacher
doch tunlichst voll ins Gelände, holliadiö.

Jonas: Meinst du wirklich?

Sam: Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht, wo
der Helikopter runtergeplumst ist, und dorthin,
Monsieur, zieht es uns doch mit magischer
Sehnsucht, ne pas?

Jonas: Also gut. Rechts rum.

Sam: Jawoll, Vorsicht, sperr die Augen auf,
Blindschleiche, Blindgänger, Blindhahn,
Blindenhuhn, Blinddarm damischer. Auf Palmera
pflegt man es ganz und gar nicht zu schätzen, wenn
liebe Senioren von wüsten Straßenrowdies
umgenietet werden.

Jonas: Nichts passiert. Es konnte nichts
passieren. Mein E-Car war kaum schneller als der
Rollstuhl, den ich beim Abbiegen überholte. Der
Alte im Stuhl sah ein bißchen aus wie de la Serna.
Nur daß er noch ein paar Haare hatte, und einen
weißen Schnauzbart. Ein stämmiger Typ schob ihn
des Weges, zügig, obwohl er auch nicht mehr der
jüngste war. Jonas fuhr weiter, konzentrierte sich
aufs Gelände, und vergaß die beiden Alten. Das
hätte er nicht tun sollen.

Sam: Halt. Endstation. Alles aussteigen. Da wär
doch wohl mal ein klitzekleines Lob fällig, hmh,
für korrekte Koordination, gute Führung.

Jonas: Dafür haben wir keine Zeit, Sam.

Sam: Dafür haben wir keine Zeit, Sam. Dafür haben
wir keine Zeit, Sam. Na, typisch, tadeln und
schimpfen, und meckern und mosern, das kann er,
mein Jonas, wie ein Champion, doch loben, ach, das
kann er nicht, will er nicht, tut er nicht. O wie
das schmerzt, tief tief drinnen im Herzen.

Jonas: Im Prozessor willst du wohl sagen, Sam.

Sam: Ja Professor.

Jonas: Der Helikopter war an einen Felsen
geprallt. Jetzt war er kaputt. Nur kaputt, nicht
ausgebrannt. Zwei Insassen, auch kaputt. Der Pilot
und der Diener. Auf dem Rücken hatte er noch den
Sack, den brauchte er nicht mehr. Ich nahm ihn an
mich. Aber ich kam nicht dazu, ihn aufzumachen.

Prado: Halto. Rührt euch.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Schade, kein Feuer. Wären Sie verbrannt die
Knochen, könnten wir beruhigt nach Hause fahren,
Mario, Mission abgeschlossen.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Du hättest auf den Tank zielen sollen,
Mario.

Mario: Semi Coronell.

Jonas: Sie haben den Helikopter abgeschossen.

Prado: Aber ja. Ich habe überall Augen und Ohren,
auch im Palmera Beach Tower und bei den Kindern
des Aquarius. Geben Sie mir den Sack.

Jonas: Nein.

Prado: Doch.

Jonas: Er gewann. Ich gab ihm den Sack. Er hatte
unter die Decke gegriffen, die auf seinen Knien
lag. Gegen eine abgesägte Schrotflinte ist ein
waffenloser Jonas machtlos. Der Alte langte nach
dem Sack, mit der linken. Aber er kriegte ihn
nicht. Um den Felsen fegte ein E-Vespa in
höllischem Tempo. Die Fahrerin schnappte sich den
Sack, in der Luft, sehr sportlich, und schlug dem
Alten die Flinte aus der rechten Hand. Sehr
geschickt. Jonas fing die Waffe auf. Auch nicht
unflott. 2 zu 0. Für die Guten. Für Jonas und
Negrita.

Negrita: Ich bin gekommen so schnell ich konnte,
Senior Jonas braucht Hilfe, hat Urgroßvater
gesagt.

Jonas: Danke, aber lassen Sie den Senior weg.
Jonas. Nur Jonas, das genügt. Kennen Sie die
beiden, Negrita?

Negrita: Darüber reden wir später, Jonas, zuhause,
Urgroßvater wartet, auf den Sack. Ich muß gleich
wieder los.

Jonas: Augenblick. Das ist mein Fall. Geben Sie
den Sack her.

Negrita: Haben Sie Angst um ihr Honorar, Jonas?

Jonas: Darum geht’s nicht, aber bevor ich nicht
genau weiß, was hier gespielt wird, lasse ich mich
nicht ausbooten. Geben Sie mir den Sack.

Jonas: Diesmal gewann Jonas, weil er jetzt die
Schrotflinte hatte. Negrita war wütend, was ihr
ganz ausgezeichnet stand. Mit einer heftigen
Bewegung startete sie ihre Vespa und verschwand
zwischen den Felsen, wieder in höllischem Tempo.
Jonas folgte ihr, sehr viel gemächlicher.
Zunächst. Bis ihm was auffiel. Ein Helikopter.
Schon wieder. Halb links voraus. Als er die Straße
erreicht hatte, landete er, gut 200 Meter vor mir,
und wartete, auf Jonas. Das gefiel mir nicht. Ich
wollte zurück. Aber auch hinter mir war die Straße
dicht. Ein E-Laster hatte sich quer gestellt. An
der Seitenwand ein großes rotes A. Auf dem
Helikopter übrigens auch. Ich hielt, und nahm die
Flinte unter den Arm. Das hätte ich lassen können.
Vier Figuren kletterten aus dem Helikopter, zwei
postierten sich rechts und links an der Straße,
und nahmen Jonas aufs Korn. Mit Kalaschnikows. Die
beiden anderen kamen langsam auf mich zu. Eine
Frau und ein Mann. Alt. Wie alle auf Palmera. Die
Insel der fast schon Seligen.

Uschi: Eine potentiell revolutionäre Situation,
Dani?

Dani: Kaum, Uschi, aber eine dialektische.

Uschi: Richtig. Wir sind die These.

Dani: Natürlich. Und er ist die Antithese.

Uschi: Problem: Wie schaffen wir die Synthese,
Dani?

Dani: Ganz einfach, Uschi. Er gibt uns, was wir
wollen. Widerspruch aufgehoben, Situation geklärt.

Uschi: Wird er uns geben, was wir wollen, Dani?

Dani: Er wird, Uschi. Er ist cool.

Uschi: A grovy cat. Gib uns den Sack, cat.

Jonas: Das Spiel ging also weiter. Mit neuen
Mitspielern. Uschi und Dani sahen aus, wie sie
sprachen. Gesundheitslatschen, Jeans,
psychedelische Kittel, Hornbrillen, Stirnbänder um
die spärlichen grauen Locken. Eine Mischung von
68er und Flower-Power. Sehr nostalgisch, fast
rührend, aber nicht ungefährlich. Sie hatten einen
fanatischen Glanz in den Augen, und natürlich
Kalaschnikows.

Dani: Merci.

Uschi: Danke. You know, cat, er ist unser.

Jonas: Der Sack?

Uschi: Der heilige Che.

Dani: Wir sind seine Schwestern.

Uschi: Und Brüder.

Dani: Wir folgen ihm nach. Viva la revolution.

Uschi: So long, cat, love and peace.

Jonas: Drei Minuten später war nur noch Jonas auf
der Straße, in seinem E-Car, ganz allein,
abgesehen von Sam, aber der muffelte, und sagte
kein einziges Wort. Gerade wollte ich anfangen,
mich als einsamer Wolf zu fühlen, da kam
Gesellschaft. Negrita und ihre Vespa.

Negrita: Sie haben den Sack schon wieder verloren,
Jonas, das wird allmählich zur schlechten
Angewohnheit.

Jonas: Sie kommen zu spät, Negrita.

Negrita: Was hätte ich denn tun können bei so viel
Opposition. Ich habe gewartet zwischen den Felsen.

Jonas: Wer waren die Althippies?

Negrita: Kinder des Aquarius. Eine Art Sekte.
Revolutions-Romantiker: Nostalgiker.

Sam: Hallo? Hallo? Falls es irgend jemanden
interessiert, in den 70er Jahren des verflossenen
Jahrhunderts emigrierten sie nach Palmera, die
Sprößlinge des Wassermanns, allwo sie sich eine
neue Branche erschlossen, und fortan in Esoterik
machten, für betuchte Touristen, gestreßte Manager
und dergleichen intellektuell unterbelichtete
Zeitgenossen. Veganische Aromatherapie,
Feuerlaufen mit Essig und Öl, ganzheitliche
Sexmeditation mit praktischen Übungen,
neomarxististische Fußzonengymnastik, Spirouetten,
Korrektur, spirituelles Bogenschießen rambazamba
hodldibums.

Jonas: Und so weiter. Länger als ein paar Minuten
stehst du die beleidigte Leberwurst nicht durch,
Sammy.

Sam: Doch doch doch...

Jonas: Wissen wir doch. Willkommen im Club.

Sam: Ja ganz ohne Computer geht die Scho-hose
nicht.

Jonas: Ruhe. Und wo stecken sie, diese
überalterten Aquarianer?

Negrita: Im Aquarium natürlich. Das ist die
ehemalige Plaza de Torros, auf einer kleinen
Halbinsel im Osten, mit Palmera nur durch einen
schmalen Damm verbunden, und der wird permanent
bewacht.

Jonas: Es wird nicht einfach.

Negrita: Wie sieht’s aus, Jonas, arbeiten wir
zusammen oder einzeln, miteinander oder
gegeneinander?

Jonas: Versuchen wir es mal mit Kooperation.

Jonas: Sagte ich, und ich dachte: Bis auf
weiteres. Wir setzten uns zusammen, machten einen
Plan, und aßen die Sandwichs, die Negrita
mitgebracht hatte, in weiser Voraussicht. Kein
Whisky, schade. Einige Stunden vergingen. Es wurde
dunkel. Vor der Ostküste von Palmera strampelte
ein Touristenpaar auf einem Tretboot dahin. Man
hätte die beiden aber auch gut für Kinder des
Aquarius halten können, weil sie lange bunte
Schlabbergewänder trugen und sich ans Aquarium
heranarbeiteten, an die vorgelagerte Halbinsel,
langsam, beiläufig, wie unabsichtlich. Als es ganz
dunkel war, gingen wir an Land. Das Boot ließen
wir abtreiben. Wir versuchten uns zu orientieren,
mit Sams Hilfe. Die Wächterin sahen wir erst, als
sie direkt vor uns stand, mit Kalaschnikow und
schlechter Laune. Jonas reagierte blitzschnell. Ab
und zu kann er das. Er drückte Negrita fest an
sich und küßte sie. Mit Inbrunst. Das fiel mir
nicht schwer. Ihr übrigens auch nicht.

Wächterin: Auseinander! Müßt ihr ausgerechnet
jetzt privatistisch rumbumsen, ihr seid mir schöne
Revolutionäre. Ab in die Arena, zur großen
Trauerfeier, Teilnahme obligatorisch, hat das ZK
verfügt. Hopp Hopp! Viva la Revolution!

Negrita: Viva!

Jonas: Äh, viva!

Jonas: Die Stimmung in der Arena war ein kurioser
Cocktail aus Requiem, Zapfenstreich und 1. Mai an
der Kremlmauer. Schwelende Fackeln an offener
Gruft. Darüber Che Guevara in Beton, fünf Meter
hoch, wenn nicht mehr, im revolutionär-orthodoxen
Sahnetortenstil, linke Faust geballt, rechte am
Gurt der Kalaschnikow, kühne Augen in die Ferne
schweifend, Richtung Utopie. Erhebend. Um Gruft
und Denkmal die Kinder des Aquarius, trauernd,
aber nicht schweigend.

Uschi: Heiliger Che.

Dani: Messias der Revolution.

Uschi: Jesus Christus mit der Knarre.

Dani: Märtyrer der Entrechteten.

Jonas: Negrita und Jonas hielten sich am Rand, im
Schatten, und machten sich Gedanken. Wir waren ja
nicht gekommen, um mit Sektierern Trauerrituale zu
feiern.

Negrita: Wo ist Che?

Jonas: Den Sack, meinen Sie, Negrita.

Negrita: In der Gruft ist er nicht. Die ist leer.

Jonas: Im Sarg, nehm ich an.

Negrita: Und wo ist der Sarg?

Jonas: Irgendwo in der Nähe. Wenn die fertig sind
mit ihrer Litanei, wird er feierlich rausgetragen,
und in die Gruft gesenkt, zu den Klängen der
Internationale, oder Beethoven.

Negrita: Sehen wir uns mal um.

Jonas: Hinter dem offenen Tor der Matadore ging
rechts ein Korridor ab. Dem folgten wir, etwa 20
Meter, bis zu einer Tür, mit Glasscheibe,
Fackelschein von innen.

Negrita: Da ist er.

Jonas: Der Sarg. Schon geschlossen.

Negrita: Die Wächterin müssen wir loswerden.

Jonas: Das macht Sammy.

Sam: Ach ja, und wie meinen eure
Leichtdahinredefertigkeit macht Sammy dieses?

Jonas: Berliner Spießer 67/68.

Sam: Verstehe. Piep.

Jonas: Warte, bis wir um die Ecke sind. Dann
lockst du sie in die andere Richtung. In fünf
Minuten bist du zurück. Laß dich nicht erwischen.

Sam: Erwischen? Hähähä. Von einer alten Wasserfrau
mit Plattfüßen? Ha, hat Sam nicht seine flotten
Rollen, hmh? Abschaum, rotes Gesindel, geht doch
rüber ins Arbeitslager. Totschlagen. Aufhängen.

Wächterin: Provokateur, Diversant!

Sam: Schnauze.

Jonas: Wir machten den Sarg auf. Menschliche
Knochen. Ein sehr fragmentarisches Skelett, wie es
aussah. Auf rotem Samt. Jetzt brauchten wir einen
Sack. Keiner da. Aber Negrita fand vollwertigen
Ersatz. Sie zog ihr Kleid aus. Ein atemberaubender
Anblick, obwohl sie was drunter trug, einen
minimalen Bikini.

Negrita: Glotzen Sie nicht, Jonas, helfen Sie mir
lieber die Reliquien ins Kleid packen. So,
Vorsicht.

Jonas: Sagen Sie, Negrita, warum lassen wir ihnen
verehren Anverwandten nicht einfach in seinem Sarg
liegen. Würdiger als hier kann er gar nicht
bestattet werden.

Negrita: Das verstehen Sie nicht, Jonas.

Sam: Der versteht vieles nicht.

Jonas: Ich verstand so manches nicht an dieser
Geschichte. Abwarten. Bevor wir uns empfahlen,
schraubten wir den Sarg wieder zu. Die Wächterin
kam zurück. Fluchend. Dann rollte Sammy an, ganz,
ganz leise. Wir warteten. Bis sechs kräftige
Wassermänner auftauchten, und den Sarg auf die
Schulter nahmen. Musik setzte ein. Der
Trauermarsch von Chopin. Die Träger schritten in
die Arena. Feierlich. Gemessen. Und während sie
ahnungslos den leeren Sarg in die Gruft senkten,
setzten Negrita und Jonas sich ab. Zum Strand. Mit
Che. Im improvisierten Tragebeutel. Diesmal waren
wir vorsichtiger. Wir umgingen die Wache, stiegen
ins Meer, und schwammen zur nächsten kleinen Bucht
auf Palmera, wo Negrita ihre Vespa versteckt
hatte. Die E-Vespa schnurrte durch die
subtropische Nacht. Richtung Südwest, Bon Retiro,
und Urgroßvater de la Serna, ohne Licht.
Vorsichtshalber. Sam hatte seinen Infrarotsensor
eingeschaltet. Das war unser Glück.

Sam: Stop!

Negrita: Was ist los?

Sam: Straßensperre hinter der nächsten Kurve. Zwei
große E-Cars, blau. Acht große Typen, auch blau,
mit großen Füßen und großen Lasern.

Negrita: Inselpolizei.

Jonas: Dahinter steckt Gräfin Gloriana. Sie hat
die Polizei informiert und eine hohe Belohnung
ausgesetzt. Was tun wir, Negrita? Zurück?

Negrita: Das bringt nichts.

Jonas: Können wir die Sperre umfahren?

Negrita: Ich weiß nicht. Durchs Gelände schaffen
wir es nicht. Zu schwierig. Lava. Geröll. Hier muß
irgendwo rechts ein kleiner Weg abgehen. Versuchen
wir es da.

Jonas: Wir versuchten es, aber schon nach wenigen
Kilometern kamen wir an die nächste Straßensperre.
Nicht die letzte. Immer wieder mußten wir
ausweichen, nach rechts, nach Norden, wohin wir
nicht wollten, bis wir in einem weiten Bogen gegen
die Steilküste gedrückt wurden, wo’s nicht mehr
weiter ging. Das war nicht gut. Und noch weniger
gut war es, daß die Polizei uns inzwischen im
Visier hatte. Im Visier ihrer Nachtsichtgeräte und
ihrer Laserstrahler.

Sam: Nördliche Steilküste direkt voraus. Ende der
Fahnenstange.

Jonas: Du bist mein Ratgeber, Sam, analytisch,
logisch, elektronisch. Na gib uns mal einen Rat.
Wenn’s geht, einen guten.

Sam: Zwo Optionen, Sir.

Negrita: Besser als eine.

Sam: Option eins: Die Herrschaften entsteigen dem
Sattel und hüpfen über die Klippe, mit einem
fröhlichen Hironimo.

Negrita: Im Dunkeln? 200 Meter tief?

Sam: Bitte nichts übertreiben, geschätzte
Urenkelin, es sind nicht mehr denn 198.

Jonas: Und die zweite Option, Sam.

Sam: Option Zwo: Die Herrschaften halten, heben
die Arme und ergeben sich ihren Verfolgern.

Jonas: Gefällt mir auch nicht.

Negrita: Option drei?

Sam: Hah, gibt’s nicht, Allerwerteste,
Kurzzeitgedächtnis offensichtlich mangelhaft, häh?
Zwo Optionen, also sprach Sam, und Sam pflegt sich
nicht zu irren.

Negrita: Das glaubst du, du überhebliche
Blechdose.

Sam: Was?

Negrita: Kuck mal nach rechts.

Sam: Ach, da ist rechts. Ein Licht.

Jonas: Eine Tür.

Negrita: Eine offene Tür, im Felsen, die Rettung.

Jonas: Oder eine Falle.

Negrita: Haben wir eine Wahl?

Sam: Ne.

Jonas: Sah nicht so aus. Die Polizei kam näher.
Wir ließen die Vespa liegen, rannten zur Tür,
rannten durch die Tür, schlugen sie hinter uns zu,
Massivmetall, nicht leicht zu knacken, schoben
zwei schwere Riegel vor, dann erst hatten wir
Zeit, uns umzusehen. Wo waren wir?

Gloriana: Wo wir sind? Im Krematorium von Palmera.
Kennen Sie das nicht? Tolle Anlage, voll
automatisch. Dauerbetrieb, Tag und Nacht,
Kühlhalle immer voll. Kann man sich ja denken,
hier auf Palmera, nur Tote auf Urlaub. Apropos,
schön, daß Sie endlich gekommen sind, wir warten
schon seit Stunden, was Chico?
Hotelsicherheitsdienst, pfui, Sie kleiner
Schwindler, pfui, legen Sie ihre Schrotflinte auf
den Boden, langsam, sonst macht Chico Ihnen ein
paar neue Löcher ins Gesicht.

Sam: O wie schön.

Gloriana: Hmh, wär doch schade. So ist es brav,
und jetzt bitte Hände hoch, das Kind auch.

Jonas: Gräfin Gloriana. Diesmal in Shorts und T-
Shirt. Braun und gelb natürlich. Neben ihr ein
junger Mann, schwarze Locken, breite Schultern,
braungelbe Livree, in der Hand einen
Laserstrahler. Vom Regen in die Bratpfanne, wie
der Volksmund sagt, oder der weise Bosequo.

Gloriana: Und in diesem knalligen Fetzen haben Sie
meinen Che Guevara? Nicht gerade pietätvoll, von
Geschmack gar nicht zu reden, aber woher soll’s
auch kommen, egal, geben Sie ihn her, geben Sie
mir mein Eigentum zurück. – Das wird Commisario
Pedaso sein, guter Mann, hat uns die beiden
Verbrecher kunstgerecht in die Arme getrieben bzw.
vor den Laser, nach allen Regeln des edlen
Waidwerks. Mach die Tür auf, Chico.

Prado: Buenas Tardes. Niemand rührt sich vom
Fleck. Schieb die Leiche zur Seite, Mario, und,
äh, heb den Laserstrahler auf, die Schrotflinte
auch.

Mario: Semi Coronell.

Gloriana: Wer sind Sie denn?

Prado: Prado. Gari Prado Salmond. Coronell Prado.
Der Name sagt Ihnen etwas?

Negrita: Capitan Prado, der Henker, der Mann, der
Che erschossen hat.

Sam: Octobero Otscho, in anno uno millio mewo
siento sosenti isiette, oder für Doofe, am 8.
Oktober 1967 in der Schule von Igera, wenn er es
denn wirklich war, und nicht der Sergeant Mario
Teran.

Prado: Das ist die Frage.

Sam: Yes.

Prado: Und die Antwort kennen nur wir beide, nicht
wahr, Mario?

Mario: Semi Coronell.

Gloriana: Wie kommen Sie hierher?

Prado: Ah, ich habe überall Augen und Ohren,
Condessa, auch bei der Inselpolizei.

Gloriana: Aha. Und Commisario Pedaso, was haben
Sie mit dem gemacht? Wo steckt er?

Prado: Oh, hinter dem Felsen, ich habe ihn
angewiesen, Stellung zu beziehen und abzukochen,
bis er weitere Befehle erhält. Zur Sache,
Condessa, wo befinden sich die Überreste des
berüchtigten Banditen?

Gloriana: Wenn Sie damit Che Guevara meinen, den
hat die Kleine da, in ihrem bunten Beutelchen.

Prado: Ah, geben Sie mir den Behälter, Seniorita.

Negrita: No, nunca.

Gloriana: Kommt ja gar nicht in Frage. Che gehört
mir, ich habe ihn gekauft, für teures Geld, bar
bezahlt auf den Tisch des Hauses.

Prado: Mag sein, Condessa, aber ich verfüge über
zwei Schrotflinten und einen Laserstrahler. Ich
kann nicht dulden, daß Sie diesen, diesen
Abgesandten der Hölle öffentlich ausstellen. Eine
solche Ehre hat er nicht verdient. Ich habe andere
Pläne. Er soll verschwinden, ganz und gar, jede
Spur, jeder Knochen, jedes Staubkorn. Ich muß ihn
endlich loswerden, diesen Teufel aus dem Meer, der
mit im Genick sitzt seit einem halben Jahrhundert,
und der mir keine Ruhe läßt.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Na, und wo kann ich ihn loswerden? Hier,
genau hier.

Jonas: Natürlich, hier, im Krematorium, wo Palmera
sich vom Tod und von den Toten trennte. Sergeant
Mario nahm Negrita das Bündel mit den Knochen aus
der Hand, und legte es seinem Herrn in den Schoß.
Beide trieben uns in den hinteren Teil des Raumes,
durch eine Tür, durch einen Gang, in eine
Kühlhalle, so weit und so hoch wie der Tempel
eines unbekannten Gottes. Hier stapelten sich
Särge, aus billigem Plastik, Särge über Särge,
Hunderte, Tausende, ein ungeheurer Wartesaal des
Todes. Weiter nach hinten lief ein Förderband,
tiefer hinein in den Felsen, dorthin, wo der
gewaltige Ofen röhrte. Robots luden Särge auf das
Band, einen nach dem anderen, eine Reihe ohne
Ende.

Prado: Leg den Beutel auf das Band, Mario.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Gut so. Oh, Sie frieren, Seniorita?

Negrita: Ein wenig. Für arktische Temperaturen bin
ich nicht angezogen.

Gloriana: Ich etwa? Sehen Sie nur, Coronell,
überall Gänsehaut, ekelhaft, Sie sind kein bißchen
rücksichtsvoll, Coronell, das muß ich schon sagen,
oder finden Sie es etwa galant, eine Dame in
diese, in diese gräßliche Halle zu bringen? Zu den
Toten, in die Kälte.

Prado: Gleich wird Ihnen warm werden, meine Damen,
weiter, Mario.

Mario: Semi Coronell.

Jonas: Auch vollautomatische Anlagen müssen
gelegentlich gewartet werden, von Menschen. Ein
schmaler Gang verlief parallel zum Band, von ihm
getrennt durch eine dicke Mauer, darin runde
Fenster aus hitzebeständigem Plasti-Plex,
Bullaugen, bessere Gucklöcher. Mit bohrendem Blick
verfolgte Oberst Prado den Weg der Guevara-
Knochen, bis sie im brüllenden Feuerofen
verschwanden.

Prado: Ah, endlich, es ist vorbei, Mario.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Er ist verbrannt. Ich bin ihn los. Ich bin
frei.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Ich bedaure, Condessa, daß Sie meinetwegen
einen gewissen finanziellen Verlust hinnehmen
müssen. Leider ließ es sich nicht vermeiden.

Gloriana: Ach, was solls. Schwamm drüber. Ist nun
mal passiert, zurückdrehen kann man’s nicht. Kauf
ich mir halt was neues. Arni Schwarzenegger soll
auf dem Markt sein.

Sam: Ja, hat dort einen Gemüsestand.

Gloriana: Nicht gerade in der Guevara-Klasse, aber
ganz interessant, bestimmt sehr eindrucksvoll, und
wer weiß, Coronel, vielleicht haben Sie mir sogar
einen Gefallen getan.

Prado: Wie darf ich das verstehen, Condessa?

Gloriana: Vielleicht war es ja wirklich nur ein
Doppelgänger. Vielleicht haben sie damals in
Bolivien gar nicht den echten Guevara umgebracht.
Vielleicht ist der echte tatsächlich schon früher
gestorben.

Sam: Jajajajajajaja, und zwar im März des Jahres
1965, wie seinerzeit und auch später hie und da
gesprechmunkelt ward. Denn in jenem März, es ist
dies ein feststehendes unbegrabbelbares
historisches Faktum, meine Daumen und Hirn, in
jenem März kam es zu einer überaus heftigen
Streitauseinandersetzung zwischen Che Guevara,
soeben von einer Weltreise zurückgekehrt, und
seinem Chef, bis dato Freund, Geigenkasten, zu
deutsch, Fidel Castro. Che habe als
Industrieminister von Kuba versagt. Das war ein
Vorwurf. Der zweite: Che lasse es an der
notwendigen Verehrung für die große Sauwetunion
fehlen, den Patron und Sponsor der kubanischen
Revolution. Unter uns, Genossen, wahrscheinlich
war Castro bloß eifersüchtelig, weil Che viel
schöner war, viel mutiger, viel berühmter und
beliebter, besonders bei den Weibern.

Negrita: Das ist wahr.

Sam: Ja. Wie dem auch gewesen sein mag, und hier
verlassen wir die gesicherte Historie, und wagen
uns vor in den vagen, doch nicht gänzlich
unfundierten Bereich der Spekulatius, meint der
Spekulation. Castro, so wird gemutmunkelt, habe
damals Che töten und begraben lassen, in aller
Heimlichkeit.

Prado: Unsinn.

Sam: Ein doppeltes Lottchen wurde aufgebaut, ein
Doppelgänger, dieser trat zunächst im Kongo auf,
im Bananenkostüm, dann in Bolivien, um dort von
der Weltbühne, weil er keine Schauspielschule
besucht hat, wieder abzutreten. Höchst effektiv,
jajaja, zu einem Zeitpunkt, und auf eine Weise,
wie sie Castro und den Sowjets propagandistisch am
günstigen erschien. How, Sam hat gesprochen.

Prado: Kompletter Unfug. Wir haben den wirklichen
Che Guevara erschossen, nicht irgendeinen
Kleindarsteller, was Mario?

Mario: Semi Coronell.

Gloriana: Tja, also ich weiß nicht. Darum wollte
ich die Überreste ja gentechnisch untersuchen
lassen, und das Ergebnis vergleichen mit dem
Material eines Verwandten von Guevara, hier auf
Palmera soll’s einen geben. Dann hätten wir
gewußt, ob’s stimmt, was der kleine
Geschichtsprofessor uns gerade erzählt hat. Jetzt
werden wir’s wohl nie erfahren, irgendwie schade,
aber andererseits, das Leben geht weiter.

Sam: Jaja.

Jonas: Der Tod auch. Nicht weit vom Ofen ging ein
Servicelift nach unten. Weil Prado seinem Opfer
anscheinend noch immer nicht traute, verfolgte er
es weiter, vorbei an den Rosten aus Schamott, bis
zu einer großen in den Felsen gehauenen Kammer, wo
die Asche abkühlte, viel Asche, ein schmutzig-
weißer Montblanc, der immer wieder abgetragen
wurde, und sich immer wieder neu aufbaute. Ein
gewaltiges Gebläse pustete die Asche in einen
Tunnel, der schräg nach unten führte.

Gloriana: Ins Meer. Friedhöfe haben wir nicht auf
Palmera. Wir wollen nicht daran erinnert werden,
daß alles mal zu Ende geht. Alles vorüber, alles
vorbei. Ja, Trauerfeiern, die gibt’s natürlich,
wenn Freunde abtreten oder Verwandte, in
unauffälligen kleinen Kapellen, hell und
freundlich, ganz in türkis und pink gehalten. Aber
damit ist es dann auch gut.

Prado: Asche zu Asche. Zeit für einen kleinen
Umtrunk. Mario, aquariente.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Gib der Condessa auch einen.

Mario: Semi Coronell.

Prado: Salut.

Gloriana: Ti pesitas, mi Coronell, äh, Euros meine
ich natürlich. Und die beiden, der falsche
Hoteldetektiv und das Mädchen, was machen wir mit
denen?

Prado: Ah, unwichtig, Commisario Pedaso kann sie
später einsperren.

Gloriana: Wozu der Umstand, Coronell, wozu warten,
machen wir doch gleich klar Schiff. Entsorgen wir
sie gleich hier. Sache erledigt und ausgestanden.
Sind sowieso zu jung, unverschämt jung, passen
nicht auf unsere Insel.

Sam: Ich auch nicht mit meinem Pinsel.

Jonas: Hast keinen.

Sam: Vielleicht mehr als du.

Jonas: Negrita und Jonas sahen sich an, vom
Einsperren hielten wir wenig, vom Umbringen
weniger. Wir nickten uns zu. Ehe Oberst und
Sergeant zu ihren Waffen greifen konnten, waren
wir in der Abkühlkammer, vorbei am Aschenberg, an
der Mündung der Tunnelröhre. Wir sprangen, die
Füße voran. Gebläse und Fallwinkel sorgten für
einen flotten Rutsch. Wie im Freibad. Wir riefen
nicht fröhlich Jeronimo, wir hielten Mund und Nase
zu, wegen der Asche, der Asche von Che Guevara und
von vielen vielen ehrenwerten Senioren, die alle
mit uns gemeinsam ans Meer reisten.

Negrita: Jetzt bin ich froh, daß ich nur einen
Bikini anhabe.

Sam: Wie schön.

Jonas: An Land zu kommen wird nicht leicht sein,
die Brandung, die Steilküste.

Sam: Wenn ein ganz kleiner völlig unbedeutender
Computer sich mal wieder zu Wort melden dürfte,
hmh, ausnahmsweise.

Jonas: Tu das, Sammy.

Sam: Backbord voraus, für Landratten links, nich,
da dürfte sich eine Landung möglich machen lassen,
denn siehe, ein natürliches Bassin inmitten der
Riffe besänftigt die wilden Wogen, und die Küste
darüber erscheint weniger steil.

Negrita: Also los.

Sam: Yes.

Jonas: Wir schwammen, und kletterten die Klippe
hoch, durchgefroren, voller blauer Flecken,
ansonsten intakt. Oben ruhten wir uns eine Zeit
lang aus, hinter einem Felsen, und sahen den
Inselpolizisten zu. Die hatten offenbar die Geduld
verloren. Sie hatten sich vor der Tür zum
Krematorium versammelt, und gaben sich große Mühe,
sie aufzubrechen. Bislang vergeblich. Von dieser
ihrer Aufgabe waren sie so in Anspruch genommen,
daß sie nicht auf ihre abgestellten Fahrzeuge
achteten. Nett von ihnen. Wir beschlagnahmten den
Kommandowagen von Commisario Pedaso. Ausgestattet
mit allen Schikanen. Autopilot, Radar,
Ersatzuniform. Die teilten wir uns. Negrita
kriegte Mütze und Jacke, Jonas die Hose, viel zu
weit, aber warm. Eingebaute Bar. Die teilten wir
auch. Während das E-Mobil sich seinen Weg durch
die nächtliche Insel suchte. – Wir tranken Mate,
in der Morgensonne, auf der Terrasse in Bon
Retiro. Mit Urgroßvater Hector de la Serna. Jonas
fühlte sich nicht in Bestform. Sicher, die
verlangten Knochen waren gestohlen worden,
mehrmals, auch von Jonas, unter anderem. Aber
jetzt waren sie weg. Es gab sie nicht mehr. Sie
waren verschwunden.

Jonas: Verbrannt. Im Krematorium von Palmera.

Serna: Sind Sie sicher, Senior Jonas?

Jonas: Leider ja, ich mußte zusehen. Negrita auch.

Serna: Ist das wahr, Besnieta? Du hast es gesehen?

Negrita: Si, Pisabelo. Mit eigenen Augen. Die
Knochen sind verbrannt.

Serna: Und die Asche?

Negrita: Ins Meer gestreut. Aufgelöst. Dahin.

Serna: Halleluja. Viva la revolution. Viva el Che.
Jetzt ist es unwiderruflich. Unabänderlich.
Unumstößlich. Es wird keine gentechnische
Untersuchung geben, Che wird ewig leben, weil er
für immer tot ist. Das ist Dialektik, Senior
Jonas. Mein Mythos ist unsterblich, gestern,
heute, morgen, bis in alle Ewigkeit.

Jonas: Ihr Mythos?

Serna: Die übrigen Gerüchte werden verstummen.
Jetzt müssen ihn die Neider mir lassen meinen
grandiosen revolutionären Tod, meine Hauptrolle in
der Geschichte steht fest. Ein für alle mal.

Jonas: Heißen Sie wirklich Hector de la Serna?

Serna: Ich bin Ernesto Guevara de la Serna,
genannt Che.

Jonas: Dann sind Sie also nicht 67 in Bolivien
gestorben.

Serna: Und auch nicht 1975 auf Kuba. Fidel konnte
mich nicht töten. Er verdankte mir zu viel. Er
versteckte mich, im Keller seiner Residenz.
Hausarrest. Nicht unbequem. Mir fehlte nichts als
die Freiheit. Fast 50 Jahre war ich gefangen. Dann
starb Fidel. Die wenigen, die außer ihm von mir
wußten, kamen in den Wirren um. Ich wurde befreit.
Mein Geheimnis behielt ich für mich. Etwas später
nahm ich Kontakt mit der Familie auf. Ohne
Aufsehen. Mit Negrita kam ich hierher, um in
Frieden zu sterben, zum dritten und letzten Mal.
Ich hatte nicht mit der törichten Gräfin
gerechnet, und damit, daß die Knochen des
Doppelgängers noch einmal auftauchen würden, doch
nun ist alle Gefahr vorbei. Dank Ihnen, Senior
Jonas.

Jonas: Eine erstaunliche Geschichte.

Sam: Eine schier unglaubliche Geschichte. Mein
Meister könnte sie an die Medien verkaufen und
Millionär werden.

Serna: Würden Sie das tun, Senior Jonas?

Jonas: Nein, Senior de la... Senior Guevara.

Serna: Sie geben mir Ihr Ehrenwort als Cabaliero.

Jonas: Sofort. Der Alte zog sich zurück, müde und
glücklich. Jonas war beeindruckt, und unsicher.
Glaubte ich ihm? War er wirklich Che Guevara, oder
war er ein armer Irrer, der sich einbildete, Che
Guevara zu sein.

Jonas: Was sagen Sie dazu, Negrita?

Negrita: Vielleicht.

Sam: Ken Sawe, das heißt.

Jonas: Ich weiß, Sammy.

Sam: Ah, nicht ich weiß, du linguistischer
Dösbattel, wer weiß, so heißt es. Wer weiß oder
Die Knochen von Che Guevara: Wer weiß, wo sie
sind, ob verstreut im Wind, tief unten im Meer,
ist die Gruft wirklich leer, sind sie gar noch
lebendig, wenn auch nicht sehr wendig, im
Rollstuhl ein Greis, ken sawe, wer weiß?

Jonas: Gut, daß diese Geschichte nicht mit Sam
endet, sondern mit Negrita, mit einem wunderbaren
Wochenende auf Palmera, und mit 10.000 Euros.

Sam: Und mit mir, hahahahaha.

Das war Knochenarbeit. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Hans Korte, Ilse Neubauer,
Christine Neubauer, Harald Dietl, Kerstin de Ahna,
Hans Günter Martens und andere (Juan Hetzenecker,
Anne Stegmann, Werner Klein). Ton und Technik:
Günter Heß und Christine Koller. Regieassistenz:
Holger Buck und Sieghard Fieber. Regie: Werner
Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks
aus dem Jahr 1998. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Invasion

Lili: Ich hätte nicht aus der Mine fliehen sollen,
Herr Jonas, das ist mir klar, ich hätte nicht nach
Babylon kommen sollen, aber ich mußte einfach. Ich
mußte wissen, was mit meinem kleinen Bruno ist, ob
er die Invasion überlebt hat.

Jonas: Die was?

Lili: Die Invasion, die Aliens, die aus dem
Weltraum gekommen sind, in ihren Raumkreuzern, die
hier alles kaputtgeschossen haben.

Jonas: Haben sie das?

Lili: Ja, dann sind sie gelandet und haben die
Erde besetzt. Aber das wissen Sie doch so gut wie
ich, Herr Jonas.

Jonas: Da bin ich mir nicht so sicher.

Jonas: Sie war nicht mein Typ. Sehr groß, grob,
unschön. Trotzdem wimmelte ich sie nicht ab. Als
sie sich zu mir setzte. Im Casablanca. Ich hörte
ihr zu. Warum weiß ich nicht. Vielleicht hatte ich
eine Vorahnung. Sie hieß Lili, sagte sie. Lili
Putowski.

Lili: Darum nennen mich alle Liliput. Lili Marlen
wäre mir lieber.

Jonas: Dann sagen wir doch Lili Marlen. Und Sie
sagen Jonas. Nur Jonas. Ich bin kein Herr. Ich bin
Detektiv. Der letzte. In Babylon, der großen
Stadt.

Lili: Mein kleiner Bruno hat gesagt, ich soll zu
Ihnen gehen, Herr... ich meine Jonas. Ich soll ins
Casablanca gehen, da sind Sie oft. Bruno kennt Sie
gut. Bruno ist acht. Sie sind sein Held, Jonas. Er
hat Sie im Holo gesehen. Und im Euronet. Er weiß
alles über Sie.

Jonas: Tatsächlich?

Lili: Und über Sam. Ihren Supercomputer. Was er
alles kann, und wie wunderbar er redet.

Sam: O Dank, vielmaligster tiefinnerlichst
empfundener Dank, allergnädigste Frau und Mutter,
wohl dem, der eine Mutter hat. Jonas, gewißlich,
der ist bekannt, doch wer kennt Sam? Den Äußerlich
nicht eben gewalttätigen, doch mit einem so
großen, so umfassenden, jaja, wer weiß ihn zu
schätzen.

Jonas: Hast du doch gehört, Sammy, der kleine
Bruno, acht Jahre alt.

Sam: Bald halb neun.

Jonas: Sonst wüßte ich keinen. Warum hat Ihr Sohn
Sie zu mir geschickt, Lili Marlen?

Lili: Wegen der Invasion natürlich.

Jonas: Natürlich.

Lili: Weil Bruno nichts davon wußte. Und weil ich
in Babylon keine neuen Ruinen gesehen habe. Nur
die alten im Reservat und in der Südstadt. Obwohl
die Aliens die halbe Stadt in Schutt und Asche
gelegt haben. Das hat mich irgendwie unsicher
gemacht.

Jonas: Aber nicht sehr. Lili wußte, was sie
gesehen hatte. Im Holo-TV. Tagelange
Sondersendungen. Vom ersten Erscheinen der
Raumschiffe am Himmel bis zur Landung und zur
Eroberung der Erde. Sagte sie. Jonas wunderte
sich. Es ging ihm wie dem kleinen Bruno. Er wußte
nichts von Aliens. Nichts von einer Invasion.
Nicht in Babylon, nicht in Europa, nicht auf der
Erde. War die Frau verrückt? Sollte ich auf sie
eingehen?

Jonas: Wann haben Sie das gesehen, Lili Marlen?

Lili: Im Januar.

Jonas: Dieses Jahres?

Lili: Ja, sicher. 3., 4., 5. Januar 2015.

Jonas: Vor fünf Monaten. Und wo haben Sie’s
gesehen?

Lili: In der Mine, wo ich arbeite. Gearbeitet
habe.

Jonas: Lili war Bergfrau. Beschäftigt beim REUBA-
Konzern. REUBA steht für Rare Elements Unlimited
Babylon. Das sagt alles. REUBA hat sich
spezialisiert. Auf die Gewinnung seltener Elemente
und Rohstoffe. Dusenium zum Beispiel, so benannt
nach seinem Entdecker, um 1900. Äußerst selten.
Und äußerst wichtig. In der Nanotechnik. Weil es
so gut leitet. Oder so schlecht. Jonas ist kein
Techniker. Dusenium kam auf der ganzen Welt nur an
einer einzigen Stelle vor. Weit draußen im
Niemandsland. Wo Europa, Rußland und die Drittwelt
aneinander stoßen. Da lag die Dusenium-Mine der
REUBA. Namens Dusechs. Der Abbau war mühsam. Und
gefährlich. Vor allem teuer. Weil Dusenium nur in
großer Tiefe auftrat. Und nur in minimalen
Einsprengseln. REUBA konnte weder Robots noch
Androiden einsetzen. Nicht mal normale Bergleute.
REUBA brauchte Elitels. Wie Lili.

Lili: Wir sind alle Elitels draußen in Dusechs.

Jonas: Sam, erklär den Hörern, was ein Elitel ist.

Sam: Jawoll, mit der allergrößten
Bereitestwilligstkeit, Chef. Ein Elitel ist kein
Eledil und Krokofant, nein, meine Daumen und Hirn,
ein Elitel ist die Kurzform von Element-Telepat,
hmh, dies Wort definiert einen Menschen, welcher
die Gaby besetzt, wos, ne, Korrektur, welcher die
Gabe besitzt, gewisse Elemente auf
extrasensorischem telepatischem Wege aufzuspüren,
so sieht's aus. Elitels sind nicht eben häufig,
nein nein, genau wie ich, und werden sehr gut
bezahlt.

Lili: Jetzt natürlich nicht mehr nach der
Invasion. Jetzt arbeiten wir umsonst. Aus
Patriotismus.

Sam: Gestatten, Herr Vizebergadjunkt, eine wenn
auch nicht angeforderte, so doch durchaus
relevante Anmerkung zum Thema Dusechs.

Jonas: Nur zu, Sam.

Sam: Po-Piep. Die Mine Dusechs existiert nicht
mehr. Piep-pup. Am 5. Jänner 2015 wurde sie durch
ein Erdbeben im Niemandsland total kaputtzerstört.
Alle dort Weilenden verblichen eines jähen Todes,
will sagen, sie wurden weiß. Requiesant in pace.

Lili: Unsinn.

Jonas: Das stimmt, Sammy. Es gab eine große
Trauerfeier. Auf dem Ernst-August-Platz. Vor der
REUBA-Zentrale.

Sam: Wonach übrigens REUBA bekannt gab, die
Prospektoren des Konzerns hätten kürzlich ein
neues Dusenium-Vorkommen entdeckt. Auch im
Niemandsland. Dusechs zwo. Welch glücklicher
Zufall. Nie wird Dusenium uns fehlen, nein nein.

Lili: Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr.

Sam: Macht nix.

Lili: Am 5. Januar war kein Erdbeben, da sind die
Aliens gelandet. Dusechs haben sie bisher nicht
entdeckt. Die Mine arbeitet weiter auf Hochtouren.
Für den Widerstand im Untergrund. Der baut eine
Superwaffe gegen die Aliens. Und dafür brauchen
sie Dusenium. Viel Dusenium. Ich hätte bleiben und
mit den anderen weiter nach Dusenium suchen
sollen. Aber der kleine Bruno.

Sam: Das Herz einer Mutter. Wer kann es ermessen.
Mama, du sollst doch nicht...

Jonas: Noch so ein Widerspruch. Lili hatte Dusechs
verlassen. Heimlich, sagte sie. Unbemerkt von
Wachen und Patrouillen. Aliens natürlich. Zu Fuß
hatte sie sich durchs Niemandsland geschlagen. 10
Tage, zwei Wochen. Bis nach Babylon. Zuerst hatte
sie den kleinen Bruno besucht, der in einer
Kinderkrippe untergebracht war. Jetzt war sie bei
Jonas. Was sollte ich mit ihr anfangen?

Jonas: Noch ein Bier, Lili Marlen?

Lili: Überall sind sie, die Aliens. Sie maskieren
sich als Menschen. Jeder von ihnen könnte einer
sein. Die dicke Frau, die sich mit Sojatorte
vollstopft, oder der große Typ da mit der roten
Baseballkappe an der Theke.

Jonas: Jedenfalls kein Stammgast. Ich kenne ihn
nicht.

Lili: Ich muß mal verschwinden. Bestellen Sie uns
inzwischen noch zwei Bier, Jonas?

Sam: Ja und für mich ne Kanne Benzin.

Jonas: Ihr Bier wurde schal. Sie kam nicht zurück.
Und ich rang mich dazu durch, sie zu suchen. Auch
der letzte Detektiv wagt sich nicht leichtfertig
an einen geheimen Frauenort. Ich ging nach hinten,
durch den dunklen Gang, vorsichtig, sah mich um,
machte die Tür auf, langsam. Keine Frau, auch
nicht Lili. Statt dessen ein frischer Blutfleck.
Und eine rote Baseballkappe. In einer Zelle, auf
dem Boden. Das gab mir zu denken. Ich steckte die
Mütze ein, und ging zurück. Noch langsamer, noch
vorsichtiger. An der Schwingtür blieb ich stehen.
Im Dunkeln, unsichtbar. Rotkäppchen stand noch
immer an der Theke. Er hatte Gesellschaft
bekommen. Noch ein Rotkäppchen. Und der große böse
Wolf. Kalte Wolfsaugen. Kaltes Wolfslächeln. Weiße
Zähne im grauen Stachelbart. Ein Boss, ein
Dominator. Er sprach mit Jacob, dem Wirt. Der
zeigte auf den Gang, auf Jonas. Verräter. Zeit zu
verschwinden.

Sam: Aller allerhöchste Zeit, Signor Trödilio,
ergebenster Vorschlag: Hintertür.

Jonas: Das heißt, durch die Küche.

Sam: Wo’s Schmalzbrote gibt.

Jonas: Wo Jacob sein berühmtes Gourmetmenü
zusammenrührt. Mit dem Chemiebaukasten.

Sam: Und seinen Synth-Whisky panscht.

Jonas: Weshalb die Küche im Casablanca nur das
Labor heißt. Und dies wiederum eröffnete einem
Detektiv auf der Flucht gewisse Möglichkeiten.
Sofern er über einen lauten Computer verfügte.

Sam: Achtung, zentrales Gesundheitsamt Babypsilon.
Ri-ra-Razzia. Hygienekontrolle. Keiner verläßt den
Raum. Punktum.

Koch: Aber wir haben doch immer pünktlich geza...

Sam: Schnauze. Wer den Mund aufmacht, wird mit dem
eigenen Küchenmesser geschnetz-bruzzelt.

Jonas: Übertreibs nicht, Sammy.

Sam: Hier wird mit Schwefelsäure gekocht, jawoll,
hier wird mit Dioxin abgeschmeckt. Das verstößt
gegen § 1 der Küchenverkehrsordnung, Herr
Portiers.

Jonas: Jonas war nur auf der Durchreise. Im
Vorbeilaufen riß er einem Küchenbullen die Mütze
vom Kopf. Dann war er draußen. Auf der Gasse
hinter dem Casablanca. Vor der Tür wartete ein
Rotkäppchen. Auf Jonas. Nicht auf einen Koch mit
Mütze.

Jonas: Sie sollen reinkommen. Ihre Kollegen
brauchen Hilfe.

Rotkäppchen: OK, haben Sie den Kerl?

Jonas: Sieht nicht so aus.

Rotkäppchen: Hey Hey, Moment mal.

Sam: Was is’n?

Jonas: Aber Jonas war schon um die Ecke. In
Sicherheit. Vorerst. Ich winkte mir eine Rikscha
und ließ mich in Zentrum bringen. Zum Ernst-
August-Platz. Untertauchen, das war der Plan.
Untertauchen in der Masse. Die war heute ganz
besonders massenhaft. Der Klimadom war geöffnet.
Ausnahmsweise. Und ein paar Sonnenstrahlen fielen
auf den Platz. Auf die Hochhäuser. Die zentrale
Sicherheitsverwaltung. Das Rathaus. Die REUBA-
Zentrale. Und auf das riesige Rondell aus
Fastrasen. Wo sich die Babylonier drängten. Dicht
an dicht. Halbnackt, fast nackt, ganz nackt. Jonas
stellte sich dazu. Nacktheit ist die beste
Verkleidung. Sherlock Holmes. Oder vielleicht
Siegmund Freud?

Stimme: Akute Hautkrebsgefahr. Setzen Sie sich
keinesfalls länger als 7 Minuten, ich wiederhole,
7 Minuten, der direkten Sonnenbestrahlung aus.

Jonas: Keine Rotkäppchen in Sicht. Entwarnung.

Sam: Fürs Erste, Chef. So lasset uns denn gelieb
dem Herrn die gewonnene Muße nutzen, und des Rates
pflegen.

Jonas: Ich brauch kein Rat von dir, Sam.

Sam: Wie? Mondieu. Kein Arroganz.

Jonas: Ich brauch Informationen. Daten. Lili
Putowski. Such, Sammy.

Sam: So nicht, Sir, ist Sam ein Hund, na?

Jonas: Du bist ein Frettchen, Sammy.

Sam: Auch noch.

Jonas: Ein virtuelles Frettchen im digitalen
Labyrinth. Oder umgekehrt. Los, Sammy, such, such,
such Lili Putowski in der REUBA-Datei.

Sam: OK OK, Frettchen Sammy sucht schon. Piep.
Pup. Pup. Pup.

Jonas: Lili Putowski war tot. Gestorben am 5.
Januar 2015. In der Mine Dusechs. Wo sie
gearbeitet hatte. Hinterlassen hatte sie einen
achtjährigen Sohn. Bruno Putowski. Wohnhaft in
Mirko Minkows Kinderkrippe. Die Kosten trug REUBA.
Sam konnte sogar ein Bild von Lili anbieten. Auf
seinem klitzekleinen Mini-Monitor. Zu klein, wenn
Sie mich fragen.

Sam: Bildschirm ist groß genug. An dir liegt's
mein Alter. Augen lassen nach, Zähne fallen aus,
Haare sind schon weg. Und wie steht's um die
vielgepriesene Libido?

Jonas: Halt dich zurück, Sam. Ja, das ist sie. Und
wenn sie das ist...

Sam: Dann ist sie nicht in Dusechs umgekommen.
Beim Erdbeben.

Jonas: Apropos Erdbeben. Da war doch was damals.
Gleich fällt's mir ein. Kanuk.

Sam: Kuckuk?

Jonas: Kuno Kanuk. Volksrentner. Stammgast im
Casablanca. Und Hobby-Seismologe. Mit einem
eigenen Anzeigegerät. Das am 5. Januar nicht
reagiert hatte. Kein großes Erdbeben im
Niemandsland auf seiner Richterskala. Auch kein
kleines. Gar kein Erdbeben. Kanuk hatte im
geologischen Institut der Uni Babylon nachgefragt.
Antwort: Geräte fehlerhaft. Kanuk war nicht
überzeugt. Er schwor auf seine Anlage. Das hatte
er mir erzählt. Damals im Casablanca. Und da fiel
mir noch was ein. Ich hatte Kuno Kanuk lange nicht
gesehen.

Jonas: Fonverbindung, Sam, Kanuk, Kuno.

Sam: Befehl. Piep. Kanuk, Kuno. Fonisch
unerreichbar.

Jonas: Was heißt das? Wo steckt er?

Sam: Ja, wo mag er wohl stecken? Im Himmel, hmh,
in der Hölle, häh, im Nirwana? Fragen Sie Ihren
Priester oder Guru.

Jonas: Kanuk ist tot.

Sam: Jui, wie ein Türnagel. Verstorben am 11.
Januar 2015. Verkehrsunfall. – Ein Anruf für
meinen Herrn und Jonas.

Jonas: Wer?

Sam: Chefinspektor Br-Brock. Sind wir zuhause?

Jonas: Stell ihn durch, Sam.

Brock: Jonas?

Jonas: Was wollen Sie, Brock?

Brock: Lassen Sie alles stehen und liegen, gehen
Sie ans nächste Hologerät.

Jonas: Warum?

Brock: Beeilen Sie sich.

Sam: Oha.

Jonas: Wenn es meinem guten alten Feind von der
Kripo so wichtig war. Außerdem waren meine 7
Minuten um. Ich zog mich an, und suchte mir einen
Multimedia-Shop. Über alle Holoschirme im
Schaufenster lief ein Programm. Sondermeldung.

Holo: Grauenhafter Serienmord in Kinderkrippe.
Fünf Opfer bestialisch zu Tode gefoltert. Drei
Kinder...

Jonas: Mein Gott, die Kinder.

Holo: Im Alter von 5 bis 8 Jahren.

Jonas: Der kleine Bruno.

Holo: Mirko Minkow, der Leiter der Krippe, und
eine bislang nicht identifizierte Frau.

Jonas: Lili. Das ist sie. Die Größe. Die Statur.

Holo: Sehen Sie alles weitere, alles nähere, alle
entsetzlichen Einzelheiten, heute Nachmittag, 15
Uhr 10 in unserer von REUBA gesponserten Show
Schwarze Dahlie, der Serienmörder der Woche. Und
nun noch eine Meldung der Kripo. Im Zusammenhang
mit dem Kinderkrippenmassaker wird gefahndet nach
Jonas, nur Jonas, bekannt als der letzte Detektiv.
Vorsicht! Jonas ist extrem gefährlich und
vermutlich bewaffnet.

Jonas: Schön wär’s.

Wolf: Sie waren es nicht, Jonas. Ich war es. Hat
Spaß gemacht. Mit Kindern tue ich’s besonders
gern. Man muß natürlich Ruhe haben, Zeit,
Fantasie, das richtige Werkzeug. Skalpell,
Lötkolben, Bohrmaschine.

Jonas: Er stand direkt hinter mir. Ich drehte mich
nicht um. Ich wußte, wer er war. Stachelige
Barthaare an meinem Ohr. Der große böse Wolf.
Blitzschnell rammte ich beide Ellebogen nach
hinten. In seinen Bauch. Er klappte zusammen. Und
Jonas rannte. Zum nächsten Metroeingang. Auf den
untersten Bahnsteig. Weiter in den Tunnel. Dann
durch Türen und Schächte, die nur wenige kannten.
Bis ich im alten Abwassersystem angekommen war. In
der Unterwelt von Babylon. Hier konnte ich mich
ausruhen. Und überlegen.

Jonas: Sammy, es stinkt.

Sam: Na was hast du denn erwartet, du
Schnarchnase? Rosenduft, häh? Chanell Numero se?
Lavendel und Rosmarie? Hier unten kann's doch nur
nach Exkrementen stinken. Nach antikem Kot. Gut
abgelagert, edel gealtert, gülden gefärbet.

Jonas: Ich meine den Fall, Sam. Der Fall stinkt.

Sam: Fall? Was für ein Fall?

Jonas: Das wüßte ich auch gern. Lilis Geschichte.
Rotkäppchen und der Wolf. Kuno Kanuk. Schlächterei
in Kinderkrippe. Fahndung nach Jonas. Was gibt das
zusammen?

Sam: Hab ich doch gesagt. Scheiße bis über die
Halskrause.

Jonas: Und wie komm ich da raus? Was hätte Bogie
gemacht?

Sam: Bogie ist tot. Und Philip Marlowe hat
geheiratet. – Chefinspektor Brock begehrte euer
wertes Ohr, Senior.

Jonas: Dann leihen wir’s ihm doch.

Brock: Sie laufen noch frei rum, Jonas? Gut, wenn
wir Sie erst mal haben, kann ich Ihnen nicht mehr
helfen.

Jonas: Helfen wollen Sie mir, Brock, Sie?

Brock: Nicht, weil ich Sie mag, Jonas. Weil ich
was gegen Serien- und Kindermörder habe. Und wenn
Sie ein Serienmörder sind, dann bin ich die
Heilige Diana.

Jonas: Danke.

Brock: Sie sind nur ein Arschloch.

Jonas: Danke.

Brock: Erinnern Sie sich noch an den Fall
Mustermann, Jonas?

Sam: Schneeflittchen, November 2011.

Brock: Wissen Sie noch, an welchem ungewöhnlichen
Ort dieser Fall zu Ende ging?

Jonas: Klar, im Keller der Zentralen
Sicherheitsverwaltung. Was soll das, Brock, ich
denke, Sie wollen mir helfen.

Brock: Wissen Sie, Jonas, ab und zu gehe ich da
mal hin. In den Keller. Um in Ruhe nachzudenken.
Nach Dienstschluß, so gegen halb fünf. Wollen Sie
sich übrigens die schwarze Dahlie im Holo ansehen?

Sam: Ne.

Jonas: Unbedingt. Fragte sich nur, wo. In der
Unterwelt gab's keine Holoapparate. Sam hatte eine
Idee. Und Jonas hatte einen Schlüssel. Zum
Apartment von Ines Sikorski. Fall Blackout. Vor
einem knappen Jahr. Ich blieb unten.
Vorsichtshalber. Und wanderte, ein paar Kilometer.
Dann war ich da. Unter dem riesigen Apartment-
block in Zentralost. Ines war nicht zuhause.
Wahrscheinlich Spätdienst im Krankenhaus. Von mir
aus. Zur Zeit hatte Jonas mehr Sehnsucht nach dem
Hologerät als nach Ines.

Holo: Schwarze Dahlie. Die mörderisch gute Show,
wird Ihnen präsentiert von Supermedia und REUBA.
Und hier ist Ihr Host. The one and only Jack the
Ripper.

Jack the Ripper: Danke, danke, hi, everybody. Es
ist mal wieder Mord- und Foltertime. Ich weiß, Sie
alle warten schon darauf in fieberhafter Spannung.
Wer wird heute Serienmörder der Woche. Wer kriegt
heute unseren wertvollen, heißbegehrten Preis, die
schwarze Dahlie aus antiken Bakelit, designt und
gestaltet im Auftrag unseres Sponsors REUBA.
Diesmal keine Ausscheidung, ladies und gentlemen,
keine Qual der Wahl. Durch einstimmigen Entscheid
unserer hochkarätigen Jury ist der Serienmörder
der Woche der Schlächter von der Kinderkrippe.
Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv. Er hat es
uns und der Kripo leicht gemacht, meine Damen und
Herren, er hat seine hochinteressante Arbeit
gewissermaßen signiert, nicht wahr, Chefinspektor
Brock?

Brock: Ja ja, das ist richtig. Auf einer Wand der
Kinderkrippe wurde mit dem Blut der Opfer folgende
Botschaft geschrieben...

Jack the Ripper: Herzlichst, Jonas, ihr letzter
Serienmörder.

Brock: Das heißt natürlich noch lange nicht...

Jack the Ripper: Danke, Chefinspektor, danke. Hier
sehen Sie die blutige Botschaft, boys and girls,
hier sehen Sie unseren Preis. Was Sie nicht sehen,
noch nicht, ist unser Preisträger, aber wir sind
sicher, Chefinspektor Brock und seine Kollegen
werden ihn bald haben, und wenn sie nicht, dann
der REUBA Sicherheitsdienst, der sich
dankenswerterweise in den Fall eingebracht hat,
unter dem persönlichen Kommando seines kompetenten
Chefs G. B. Wolf. Die Großfahndung läuft, meine
Herrschaften, und während sie läuft, kommen wir,
wie versprochen, zu den grauenvollen, den
gräßlichen, den geradezu unfaßbaren Einzelheiten
der von uns heute preisgekrönten Tat. Es geschah
in den frühen Nachmittagsstunden des heutigen
Tages. Friedlich und fröhlich spielten drei Kinder
im gemütlichen Aufenthaltsraum ihrer Krippe, nicht
ahnend, welch...

Jonas: Ines?

Ines: Hilfe! Jonas, der Mörder, er ist hier!
Hilfe!

Jonas: Das jähe Ende einer wunderbaren
Freundschaft. Wieder mußte Jonas rennen. Und sich
in der Unterwelt verstecken. Bis es Zeit war. Für
das Treffen mit Brock. 9. Juni 2015. Viertel vor
fünf. Im Keller der zentralen
Sicherheitsverwaltung sah es noch genauso aus wie
vor dreieinhalb Jahren. Grau. Staubig. Trübes
Licht aus alten Neonröhren. Uralte Aktenschränke
voll uralter Akten. Kafkaesk, würde Sam sagen.
Dazwischen wanderte ein einsamer Chefinspektor auf
und ab. Er sah nicht hoch, als Jonas auftauchte.
Er redete weiter vor sich hin.

Brock: Undurchsichtiger Fall, der Mord in der
Kinderkrippe. Daß es Jonas war glaub ich einfach
nicht.

Jonas: Es war Wolf. Der Sicherheitschef von REUBA.
Mit seinen Rotkäppchen. Er hat’s mir selbst
gesagt.

Brock: Aber REUBA hat sich Jonas ausgekuckt, warum
auch immer. REUBA ist ein mächtiger Konzern, mit
großem Einfluß auf die Regierung, auch auf die
zentrale Sicherheitsverwaltung. Hach, da halt ich
mich besser raus.

Jonas: Was soll ich tun, Brock?

Brock: Wenn ich Jonas wäre, würde ich bei REUBA
ansetzen. Da ist der Schlüssel.

Jonas: Aber nicht in Babylon. Im Niemandsland. In
der Mine Dusechs. Falls es die noch gibt. Frage:
Wie komm ich hin?

Brock: Schon merkwürdig, diese vielen nutzlosen
Informationen, die bei der Kripo zusammenlaufen.
Zum Beispiel, daß der monatliche Supertruck von
REUBA morgen früh startet. Zu den Minen im
Niemandsland. Er fährt übrigens mit Diesel. REUBA
hat eine Ausnahmegenehmigung, weil’s da draußen
keine E-Tankstellen gibt. Der Truck holt die
abgebauten Rohstoffe, und bringt alles, was
gebraucht wird. Lebensmittel, Treibstoff,
Batterien, Ersatzteile, Holobänder, etc. Ein
Kommando von REUBA Sicherheitsdienst fährt mit.
Als Begleitschutz. 20 Mann. Einer von denen hat
die Angewohnheit, sich vor dem Start noch mal
ordentlich abzuarbeiten. Im REUBA- Fitneßcenter,
gleich neben der Truckstation am südlichen
Stadtrand. Lorenz heißt der Mann. Warum merke ich
mir so was? Absolut nutzlos.

Jonas: Danke, Brock.

Brock: Um fünf fährt er, der Truck. Na,
Feierabend, Schluß für heute.

Jonas: Es war ein weiter Weg. Vom Zentrum zum
Stadtrand. Jonas stieg um. Vom Abwasserkanal ins
Atomschutzsystem. Zur Zeit nicht gebraucht. Aber
gewartet. Ein Labyrinth. Jonas kannte den
Zugangscode. Und er wußte, wo die E-Velos parkten,
die den weiten Weg erheblich abkürzten. - 10.
Juni. 4 Uhr 30 Morgens. Im REUBA- Fitneßcenter war
nichts los. Ein einziger Bodyfreak pumpte und
schwitzte. Lorenz. Neben ihm lag seine REUBA-
Passcheibe. Und seine rote Baseballkappe. Jonas
trug auch eine, die er im Casablanca gefunden
hatte. Perfekte Tarnung. Lorenz hielt mich für
einen Kollegen. Daß er sich irrte, wurde ihm erst
klar, als ich zuschlug. Zu spät. Ich schlug hart
zu. Bis er sich nicht mehr rührte. Ich dachte an
Lili und an die Kinder. Die REUBA-Passcheibe
steckte ich ein. 5 vor 5. Mit laufenden Motoren
stand der REUBA- Supertruck vor der Station. Eine
gigantische Zugmaschine, zwölf vollbeladene
Anhänger, ein nervöser Truckchef hielt auf der
Brücke Ausschau, nach dem fehlenden
Sicherheitsmann.

Truckchef: Na endlich. Moment mal, Sie sind nicht
Lorenz.

Jonas: Lorenz hat sich krankgemeldet.
Muskelfaserriß. Ich bin der Ersatz.

Truckchef: Ja und warum weiß ich davon nichts?

Jonas: Weil's gerade erst passiert ist. Sie haben
mich aus dem Bett geholt.

Truckchef: Name?

Jonas: Jogurta.

Truckchef: Schon mal Dienst am Supertruck gemacht,
Jogurta?

Jonas: Nein.

Truckchef: Auch das noch. Na, steigen Sie ein,
Mann, die Kollegen werden Ihnen alles erklären,
später. Achtung, wir starten.

Jonas: Jogurta kam zur Heckwache. Quartier im
letzten Anhänger. Die Einrichtung war spartanisch.
10 Kojen, 10 Spinde, ein angeschraubter Tisch, 10
Stühle, ganz ordentliches Essen, Dienst nicht
allzu anstrengend. Die Kollegen waren nicht
mißtrauisch, obwohl sie Jogurta nicht kannten. Der
REUBA-Sicherheitsdienst ist eine große Truppe.
Großer Umschlag. Großer Verschleiß. Zwei Tage
vergingen. Wir fuhren, durch die Wildnis. Dann
durchs Niemandsland. Keine besonderen
Vorkommnisse. Ab und zu hielten wir. An REUBA-
Außenstellen. Minen. Schürfplätzen. Wir luden ab
und luden auf. Jogurta tat seine Arbeit. Und
bemühte sich nicht aufzufallen. Jonas erinnerte
sich. An frühere Touren in dieser Gegend. Fall
Niemandsland vor vier Jahren. Fall
Weihnachtsmärchen vor zweieinhalb. Ich kannte sie
gut, diese tote Landschaft. Orange und grau.
Dazwischen Farbtupfer. Schwarz. Rot. Giftgrün.
Ruinen. Reste. Rost. Geschmolzener Sand. Und
Felsen. 12. Juni. Morgen. Jogurta hatte
Außendienst. Begleitschutz. Als letzter Mann fuhr
er hinter dem Truck. Auf seinem E-Bike. Hielt die
Augen offen. Gewissenhaft. Immer im gleichen
Rhythmus. Links. Rechts. Rückspiegel. Und da sah
ich plötzlich was. Weit hinter mir. Einen Punkt,
der allmählich größer wurde. Ein Fahrzeug. Wer war
das? Ich hatte eine Ahnung, die sich bald
bestätigte. Mein Funkgerät fing an zu reden.

Wolf: Hallo, Jonas. Trifft sich gut, daß Sie
gerade Hintermann sind, da können wir unser
Problem ohne großes Aufsehen klären. Ich brauche
Sie nicht aus dem Truck zu holen. Sie fragen sich
vielleicht, wie es mir möglich ist, Sie auf die
noch recht beträchtliche Entfernung zu
identifizieren. Ich habe ein gutes Glas, sehr gute
Augen, und den besten Willen, Sie in die Hände zu
kriegen.

Jonas: Sind Sie meinetwegen hier, Wolf?

Wolf: Selbstverständlich. Nur ihretwegen. Sie
waren verschwunden. Alle meine Leute suchten und
suchten. Aber sie fanden nicht Jonas. Sie fanden
Lorenz. Da wußte ich Bescheid. Ich habe meinen
Rover aus der Garage geholt, und mich auf den Weg
gemacht, ja, und da bin ich nun, und da sind Sie.
Wollen wir es kurz machen? Sie halten an und
ergeben sich.

Jonas: Lieber nicht.

Wolf: Ich kann’s Ihnen nicht verdenken. Aber was
wollen Sie tun? Sie haben nur eine Signalpistole.
Ich habe Laser. Und Neurofreezer. Ich denke, den
werde ich benutzen. Damit wir ein bißchen Spaß
miteinander haben können. Fahren Sie von mir aus
weiter, Jonas, ich hole Sie ein, wann immer ich
will. Ich bin schneller als Sie auf Ihrer
Elektrogurke.

Jonas: Da hatte Wolf recht. Er kam sehr schnell
näher. Kein Wunder. Er fuhr einen antiken Range
Rover RSE, Turbo Diesel, fast ein viertel
Jahrhundert alt. Ein Museumsstück. Jonas dachte
nach. Einen Vorteil hatte ich. Ich war wendiger.
Das mußte ich ausnutzen. Rechts am Horizont
zeichnete sich eine Felsengruppe ab. Ich ließ den
Supertruck weiter gerade aus fahren und schlug
einen Haken. Wolf folgte mir. Auch zwischen den
Felsen blieb er dran. Ohne Probleme. Zunächst. Bis
sich direkt vor mir ein tiefer Spalt auftat. Fast
schon eine Schlucht. Oben am Rand lief eine
schmale Felskante. Für zwei Räder gerade
ausreichend. Nicht für vier. Das war meine Chance.
Ich fuhr auf die Kante. Schnell. Wolf war nicht
schnell genug. Er riß das Steuer herum. Der Rover
brach aus. Und blieb stehen. Die Vorderräder über
dem Abgrund. Eine höchst labile Position. Jonas
stieg vom E-Bike. Und sah sich die Sache aus der
Nähe an.

Wolf: Die Tür geht nicht auf.

Jonas: Verklemmt. Sie haben beim Bremsen den
Felsen gerammt.

Wolf: Helfen Sie mir raus, Jonas.

Jonas: Warum sollte ich? Sie drinnen, ich draußen.
Find ich gut so.

Jonas: Er saß steif in seinem Sitz. Ganz weit nach
hinten gelehnt. Und wenn er sich bewegte, dann
ganz, ganz vorsichtig. Weil der Rover zitterte und
schwankte. Jeden Augenblick konnte er in die
Schlucht stürzen. Er lächelte immer noch sein
Wolfslächeln, der große böse Wolf. Aber in seinen
Augen stand Todesangst.

Jonas: Was wollen Sie tun, Wolf? Aussteigen geht
nicht. Laser geht auch nicht, dann kippt der
Rover. Interessante Situation.

Wolf: Holen Sie mich raus, Jonas. Ich tue Ihnen
nichts. Ich lasse Sie in Ruhe.

Jonas: Ach, da wir gerade so nett plaudern, warum
ist REUBA eigentlich hinter Jonas her?

Wolf: Weil Sie Bescheid wissen über unseren
Schwindel. Mit der Invasion.

Jonas: REUBA hat den Minenarbeitern einen Bären
aufgebunden, damit sie wie die Wilden schuften,
unbegrenzt und umsonst.

Wolf: Ja.

Jonas: Sehr unfeine Methode, Wolf.

Wolf: Darum darf’s ja auch nicht rauskommen.

Jonas: Und darum bringen Sie alle um, die was
wissen.

Wolf: Ich mach Schluß damit, Jonas. Ich kündige
bei REUBA. Ich engagiere Sie. Wieviel wollen Sie?
1000 Euros? 10.000? 100.000?

Jonas: Das ist ein Spaß, was Wolf? Aber jetzt habe
ich genug. Jetzt kommt der Schlußgag. Ich schiebe
Sie ein bißchen an.

Wolf: Nein! Nein!

Jonas: Doch.

Wolf: Nein! Nein!

Jonas: Schade um den Range Rover. Der große böse
Wolf war weg vom Fenster. Untergegangen wie die
Titanic. Nur nicht so schön. Die Rotkäppchen waren
noch da. Beim Truck hatten sie gemerkt, daß
Jogurta verschwunden war, und jetzt schwärmten sie
aus, um ihn zu suchen. Von meinem Standort hatte
ich gute Sicht auf die weite Ebene.

Jonas: Zehn E-Bikes. Zwölf. Großalarm. In ein paar
Minuten sind sie hier.

Sam: Und warum bist du dann noch nicht weg,
Zausel? Honigkuchen, Fertiggrinsender? Ha, hopp
hopp, aufs wackere E-Bike und von dannen
gebürstet, wieher...

Jonas: Ein theoretisch ausgezeichneter Rat, Sammy,
nur leider praktisch nicht durchführbar.

Sam: Wieso nicht?

Jonas: Die Batterie ist leer.

Sam: Aha.

Jonas: Das Ding springt nicht an.

Sam: Also Beinarbeit, schwing die Keulen, Kumpel.

Jonas: OK, wohin?

Sam: Sitzest du auf den Lauschern, Taubsack?
Vernimmst du nicht den dumpfen Ton der Pauke?

Jonas: Ich vernahm ihn. Und ich sah auch was.
Nomaden. Ein ganzer Stamm zog langsam über die
Ebene. Hunderte, vielleicht Tausende. Flüchtlinge
aus der Drittwelt, Mutanten, Freaks, Abgerutschte
aus Europa und Rußland. Nomaden nannten sie sich
selbst. Politiker und Militärs sprachen von
Banditen. Marodeuren. Es ist nicht leicht, im
Niemandsland zu überleben. Mit dem Gesetzbuch
unter dem Arm kommt man nicht weit. Alles was sie
besaßen hatten sie bei sich. Auf Handkarren,
gezogen von Mutanten. Und Mutanten schleppten auch
ein merkwürdiges Gebilde an der Spitze der
Karawane, anscheinend ein alter Panzer aus dem
vorigen Jahrhundert. Im Niemandsland findet man
die unglaublichsten Dinge. Jonas kam näher. Es war
wirklich ein Panzer. Ein russischer T54. Mit einem
roten Stern am Turm. Unter den Felsen tauchten E-
Bikes auf. Die Rotkäppchen. Die Pauke wurde stumm.
Die Nomaden hielten. Die Rotkäppchen drehten ab.
Mit einem ganzen Stamm wollten sie sich nicht
anlegen. Jonas kam noch näher und wurde von zwei
Nomaden gegriffen. Sie waren sehr mager, aber
kräftig. Und sie trugen Buschmesser.

Jonas: Bringt mich zu euerm Häuptling.

Nomade: Sto?

Jonas: Häuptling. Chef.

Nomade: Ah, Chef. Glawa. Karscho. Dawei.

Jonas: Er thronte auf der Kommandoluke des T54,
beschützt von zwei Leibwächtern mit rostigen
Pistolen. Hinter ihm der Schlagzeuger an der
Pauke. Der Häuptling der Nomaden war ein alter
Mann. Weißhaarig. Schmal. Drahtbrille auf der
Nase. Er trug eine grüne Schirmmütze. Eine
Russenbluse, vollgesteckt mit bunten Abzeichen und
Medaillen. Eine zerschlissene Reithose. Stiefel.
Er sah aus wie ein sibirischer Dorfschullehrer.
Aber er war der Oberkommandierende der Roten
Armee, so hieß sein Stamm.

Stalin: Da da krasni Armia, hier Generalissimus
Stalin.

Jonas: Wirklich? Es ist mir eine Ehre.

Stalin: Du?

Jonas: Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv.

Stalin: Jonas? Kto, wer? Jonas, Jonas nicht Sto,
nichts. Du nicht Bakutan, Kollege von goldene
Horde. Du nicht Stefan, Korol von Madjare. Du nur
Jonas. Du niemand. Du toter Mann.

Jonas: Sie lassen Ihren T54 schleppen,
Generalissimus, woran liegt’s? Kaputt? Kein
Diesel?

Stalin: Du kennen Tank pretscharatschiri?

Jonas: Das kann man wohl sagen. Ich hab ihn sogar
gefahren, den T54, vor Jahren auf Feuerland.

Stalin: Tank kaput. Du können tschenitsch
reparieren?

Jonas: Ich können. Hoffe ich.

Stalin: Boschingraso. Doproproschalowatsch Jonas,
willkommen in Rote Armee.

Jonas: Na bitte. Der Panzer war gut in Schuß.
Erstaunlicherweise. Als er noch fuhr, hat Stalin
ihn als Wunderwaffe eingesetzt, gegen befestigte
Siedlungen und Industrieanlagen. Bisher hatte die
Rote Armee den Norden des Niemandslands unsicher
gemacht, erzählte mir der Generalissimus. Jetzt
war sie dabei, ihr Aktionsfeld weiter nach Süden
zu verlegen. Die Bordkanone funktionierte noch.
Aber es gab kaum Munition. Nur fünf Granaten. Das
eigentliche Problem war die Zündung. Völlig
verdeckt. Jonas machte sie sauber. Und startete
den Motor.

Stalin: Hurra! Du bleiben Jonas. Du Schowior. Da.
Weiter. Dawei. Fahren, Jonas, fahren. Westra
westra.

Jonas: Natürlich kann ich Ihren Panzer fahren,
Generalissimus, aber ich mache Sie darauf
aufmerksam, daß der Treibstofftank so gut wie leer
ist. Wir kommen nicht weit. Oder haben Sie
irgendwo ein paar Kanister Diesel auf Lager?

Stalin: Diesel? Noi Kanutschki net.

Jonas: Sehen Sie, dann stelle ich mal den Motor
besser wieder ab. Und Sie lassen den Panzer erst
mal weiter schleppen.

Stalin: Nu, karrascho. Dawei!

Jonas: Da war Jonas also wieder Panzerfahrer. Wenn
auch zur Zeit nur ehrenhalber bzw. in Kurzarbeit.
Bis wir Diesel finden würden. Stalin hing offenbar
an seinem fahrbaren Häuptlingssitz, und war sehr
daran interessiert, die Ketten wieder ins Rollen
zu bringen. Daraus ließ sich was machen.

Jonas: Ich weiß, wo wir Diesel auftreiben können,
Generalissimus.

Stalin: Diesel? Knet. Wo?

Jonas: In Dusechs.

Stalin: Dusechs. Was Dusechs?

Jonas: Eine Mine. Ein Bergwerk.

Stalin: Ned ponimeio.

Sam: Rudnik.

Stalin: Ah, rudnik! Wer sprechen?

Jonas: Mein Computer.

Sam: Hohahahaha. Drigalarischi Ruski, Sir? Nanri
kalaku. Samuel ist der werte Name. Kurz Sam. Oder
auch Sammy. Hocherfreut Sie kennenzulernen,
Generalissimus. Ihr Rum soll gut sein, und Ihr
Ruhm eilt Ihnen voraus.

Stalin: Computer! Meiingento itowari kis. Kleiner
Genosse Blech.

Jonas: Hahahahaha, kleiner Genosse Blech. Das
gefällt mir.

Sam: Ha, mir aber gar nicht. Bin nicht Genosse.
Bin nicht Blech. Mich dünkt, der Kerl wird
reichlich frech.

Stalin: Computer mir geben.

Sam: Untersteh dich, Hinterfotz.

Jonas: Besser nicht, Generalissimus, wissen Sie,
Sam ist schwierig.

Sam: Was?

Jonas: Kompliziert.

Sam: Was?

Jonas: Mit ihm muß man umgehen können.

Sam: Ja.

Jonas: Jonas kann das.

Sam: Hehe, bildest du dir ein.

Stalin: Nu, karascho. Wo rudnik Dusechs.

Jonas: In der Nähe. Wo genau sagt uns Sam.

Sam: Ja, aber nur, wenn ihr ihn ganz lieb darum
bittet, ja.

Jonas: Abends kamen wir an. Die Nomaden schlugen
ein Lager auf. Einige Kilometer entfernt. Außer
Sicht, außer Hörweite. Ein Angriff bei Dunkelheit
war zu riskant. Kein Nachtsichtgerät im Panzer.
Außerdem wußten wir nicht, was uns erwartete.
Gleich nach Sonnenaufgang stiegen wir auf einen
Felsen. Jonas und Stalin. Und sahen uns Dusechs
an. Ein großes flaches Gebäude. Und ein
Förderturm, direkt vor einer schroffen Felswand.
Im weiten Halbkreis umgeben von Unterständen. In
jedem zwei Maschinengewehre. Eins nach innen, eins
nach außen. Bedient wurden sie von Typen in roten
Baseballkappen. REUBA-Sicherheitsdienst.
Vielleicht eine Hundert-schaft. Der Erdboden vor
den Unterständen war glatt. Eben. Sehr eben.
Verdächtig.

Stalin: Mini.

Jonas: Denk ich auch. Minen. Und MG’s. Es wird
Verluste geben.

Stalin: Nu egal. Wir müssen haben Diesel. I
Produkti. Essen.

Jonas: Lebensmittel? Die werden sich finden.
Diesel auch.

Stalin: Karascho. Krasnia armia. Wir machen
Sturmangriff. Mit Tank.

Jonas: Durchs Minenfeld? Das ist aber keine gute
Taktik, Generalissimus.

Stalin: Zuerst, wir schicken Mutanti, treten auf
Mini, machen Bum. Dann Tank. Du fahren Tank,
Jonas. Schießen mit Buschka.

Jonas: So geschah es. Etwa 20 Mutanten wurden ins
Minenfeld gejagt und sprengten eine Gasse frei.
Eher eine Landstraße. Für den T54. Von meinen fünf
Granaten verschoß ich drei. Drei MG-Nester außer
Gefecht. Dann stürmten die Nomaden. Alle. Männer.
Frauen. Kinder. Mit Messern und Knüppeln. Eine
wilde Horde hungriger Berserker. Die REUBA-Leute
hatten keine Chance. Sie wurden totgetrampelt. In
Stücke gehackt. Keiner überlebte. Die Nomaden
stürmten weiter. In das flache Gebäude, und
suchten Lebensmittel. Auch Stalin ging auf die
Suche. Nach Dieseltreibstoff. Jonas blieb im
Panzer und vergnügte sich damit, alle MG-Nester
plattzuwalzen. Wie sagt Sammy? Kaputtes MG tut dir
nicht mehr weh. Sie kamen zurück. Die Nomaden
still und langsam. Stalin forsch und laut.
Enttäuscht waren alle.

Stalin: Nix Sto. Nix Diesel. Nix Produkti. Du
gelogen Jonas. Du toter Mann.

Jonas: Nichts überstürzen, Generalissimus. Die
Vorräte sind unten. In der Mine. Im Schacht.

Stalin: Wir nicht gehen unter Erde. Du holen aus
Loch, Jonas. Du holen Diesel. Du holen Producti.
Sonst du toter Mann.

Jonas: Dann wollen wir mal sehen, was sich tun
läßt.

Jonas: Die Förderanlage stand still. Der Korb war
unten. Blockiert. Festgehalten. Von den
Minenarbeitern. Den Elitels. Im Kontrollraum stand
ein Bildfongerät. Für den Kontakt mit Schacht und
Stollen. Hunderte von Metern unter der Erde. Ich
drückte den Knopf.

Jonas: Hallo. Hier Kontrollraum. Ich rufe die
Arbeiter der Mine Dusechs. Bitte melden, dingend.
Die Minenarbeiter, bitte melden, hallo, hallo.

Jonas: Es dauerte nur eine knappe Minute. Dann
wurde der Bildschirm hell. Ein Gesicht erschien.
Das Gesicht einer Frau. Groß. Grob. Unschön. Wie
Lili Putowski. Aber sie war nicht Lili Putowski.
Natürlich nicht. Sie war Paula Putowski.

Paula: Lili ist meine Schwester. Woher kennen Sie
Lili?

Jonas: Das ist eine lange Geschichte.

Paula: Die ich Ihnen sowieso nicht glauben würde.
Sie sind ein Alien.

Jonas: Sehe ich aus wie ein Alien?

Paula: Geben Sie sich keine Mühe, wir wissen
Bescheid. Sie sehen aus wie ein Mensch, aber das
ist nur Tarnung. Sie sind ein Alien. Sie haben
Dusechs gefunden und angegriffen, aber Sie werden
nichts davon haben. Uns kriegen sie nicht. Und
Dusenium schon gar nicht. Wir warnen Sie. Wenn Sie
versuchen, in den Schacht einzudringen, sprengen
wir die ganze Mine in die Luft.

Sam: Oha.

Jonas: Sie waren gut indoktriniert. Durch Holo-TV.
Von REUBA, speziell für sie produziert und
ausgestrahlt. Jonas redete. Wie ein Buch. Fast wie
Sam. Er erzählte von Lili. Vom kleinen Bruno. Er
berichtete, was in Babylon abgelaufen war. Wie
Jonas sich ins Niemandsland aufgemacht hatte. Und
wie er schließlich in Dusechs angekommen war.

Jonas: Ihretwegen, Paula, um Sie aufzuklären, um
Sie nach Hause zu bringen. REUBA hat Sie belogen
und betrogen. Es gab keine Invasion. Es gibt keine
Aliens. Alles Schwindel. REUBA hat sich das
ausgedacht, um Sie da unten festzuhalten. Sie
sollen für REUBA schuften. Unbezahlt. Für immer.
Glauben Sie mir, Paula.

Paula: Die Leute, die jeden Monat mit dem Truck
kommen, haben uns gesagt, daß REUBA den Widerstand
organisiert, und daß REUBA dringend Dusenium
braucht, soviel wie möglich, für die geheime
Superwaffe gegen die Aliens. Sind Sie wirklich
Jonas? Der letzte Detektiv?

Jonas: Wirklich und wahrhaftig.

Paula: Der kleine Bruno schwärmt für Sie.

Jonas: Der kleine Bruno ist tot. Lili auch. REUBA
hat sie umgebracht.

Paula: Wenn Sie Jonas sind, dann müssen Sie Ihren
Supercomputer Sam bei sich haben. Zeigen Sie ihn.

Jonas: Bitte.

Paula: Er soll was sagen.

Jonas: Du hörst die Dame, Sammy. Sag was. Na los!

Sam: Sach was, sagt er, mein Mensch und Meister,
mein Herr und Heiler, mein Jott und Jonas, haha,
ganz was neues, sonst sagt er: Halt die Bappen,
Sam, halt die Klappe, halt dich zurück. Jetzt soll
Sam was sagen, irgendwas, jetzt wird er gebraucht,
der liebe Sammy, jetzt darf er, jetzt soll er,
jetzt muß er, ob er will oder nicht. Wer fragt
schon danach, was ein armer kleiner Computer will,
was er tief in seinem Innersten...

Paula: Alles klar, Jonas, wir kommen rauf.

Jonas: Wie viele sind Sie?

Paula: 42.

Sam: Und wie alt sind Sie?

Jonas: Bringen Sie nur das notwendigste mit. Sind
Sie bewaffnet?

Paula: Wir haben Uzis.

Sam: Und wir haben Futzies.

Jonas: Sehr gut. Damit hielten sie die Nomaden in
Schach, als Jonas sie zum T54 brachte. Stalin war
sauer. Kein Diesel, nichts zu essen. Statt dessen
42 Arbeiterinnen und Arbeiter, mit 42
schußbereiten Maschinenpistolen. Pech, alter
Junge, da kann man nichts machen.

Stalin: Du großes Arschloch, Jonas. Du wieder
gelogen. Wir dich töten. Langsam, ganz langsam.
Wir dich brennen mit Feuer. Wir dich schneiden mit
Messer. Wir dich spießen auf Stange. Wir dir
ziehen ab Haut. Wir dich graben lebendig in Erde.
Wir dich braten und essen.

Jonas: Guten Appetit. Die Nomaden waren unruhig.
Und rückten uns allmählich näher. Wenn sie
plötzlich losbrachen, würden sie uns überrennen.
Mitsamt dem Panzer. Einen Moment lang sah es sehr
danach aus. Aber da tauchte er endlich auf. Am
Horizont. Nicht ganz pünktlich. Nach Sams
Berechnungen hätte er eine Stunde früher kommen
sollen. Der Supertruck von REUBA.

Jonas: Egal, Hauptsache, er ist hier. Hey,
Generalissimus, da da, Diesel, da Producti.

Stalin: Du nicht wieder lügen, Jonas?

Jonas: Ich schwöre, Generalissimus.

Stalin: Kraschno, dawei towaritschi, kraschn
armeitschi, hurra...

Jonas: Die Nomaden rannten dem Truck entgegen. Mit
dem Panzer setzte Jonas sich an die Spitze. So
schnell es ging. Sehr schnell war das nicht. Wegen
der Minenarbeiter. Im T54. Auf dem T54. Aber es
reichte. Ich fuhr einen Vorsprung raus. Zwei
Granaten hatte ich noch. Eine schoß ich dem Truck
vor den Bug. Er stoppte. Besatzung und
Schutzmannschaft ließen ihn stehen. Und setzten
sich ab. Auf ihren E-Bikes. Richtung Westen.
Babylon. Die Minenarbeiter enterten Zugmaschine
und Anhänger und sicherten sie mit ihren Uzies.
Jonas knallte derweil die letzte Panzergranate ins
Blaue, kletterte aus der Luke, durchlöcherte den
Treibstofftank des Panzers, mit der Uzi, die Paula
ihm gegeben hatte, und stieg um auf den Truck.
Stalin und seine Nomaden hatten uns inzwischen
eingeholt.

Jonas: Da läuft dein letzter Tropfen Diesel in den
Sand, Stalin, Granaten hast du auch keine mehr. So
sieht's aus.

Stalin: Siskowena, du Arschloch. Jonas du Saukerl.

Jonas: Deinen T54 brauch ich nicht mehr. Mit Dank
zurück. Lassen Sie ein paar Container mit
Lebensmitteln abladen, Paula.

Paula: Wird gemacht, Jonas.

Jonas: Producti, Leute, gleich gibt’s was zu
futtern.

Nomaden: Producti, Producti, Producti...

Stalin: Diesel, Jonas, Diesel.

Jonas: Nichts Diesel, du alter Bandit. Machs gut.

Jonas: Liebend gern hätte Stalin seinen Stamm auf
Jonas gehetzt, aber die rote Armee war nicht
ansprechbar. Sie wühlte sich durch die Container
und fraß sich voll. In ohnmächtiger Wut mußte ihr
Generalissimus zusehen, wie der Supertruck wendete
und von dannen knatterte. Mit Jonas. Mit den
Minenarbeitern. Und mit vielen vielen Litern
Dieseltreibstoff. Während wir durchs Niemandsland
fuhren, funkten wir die ganze Geschichte voraus.
Nach Babylon. An alle Medien. Und die machten was
draus. Sondermeldungen. Schlagzeilen. Falsches
Erdbeben. Falsche Invasion. Die bösen Märchen der
REUBA. Profitgeile REUBA verurteilt Unschuldige zu
lebenslänglich Zwangsarbeit. Serienmörder in
REUBA-Diensten. REUBAs Firmenpolitik: Großbetrug
und Kindermord. In dieser Art. Der REUBA-Konzern
war plötzlich äußerst unbeliebt. 14. Juni 2015.
Später Nachmittag. Wieder war der Ernst-August-
Platz voller Menschen. Diesmal keine
Sonnenanbeter. Es schien ja auch nicht die Sonne.
Wütende Babylonier. Sie stürmten die REUBA-
Zentrale. Schlugen innen alles kurz und klein. Wen
sie fanden, übergossen sie mit Dieselöl, aus der
Direktorengarage. Dann steckten sie die Leute an
und schmissen sie aus dem Fenster. Oder vom Dach.
Feuerwerk. Es traf sich gut, daß der REUBA-
Vorstand gerade eine Sitzung abhielt, aber es traf
vor allem andere. Kleine Angestellte, Putzfrauen,
die nichts wußten. Wie das immer so ist.
Chefinspektor Brock war auch da. Dienstlich. Ganz
hinten. Der Mob hatte inzwischen die REUBA-
Zentrale in Brand gesteckt. Brock sah dem
Freudenfeuer zu. Eingreifen wollte er nicht.

Brock: Sinnlos. Was soll ich machen? Die
Rädelsführer festnehmen? Bin ich lebensmüde? Die
Feuerwehr alarmieren? Längst passiert. Die kommt
erst, wenn alles vorbei ist. Wenn die Leute sich
verlaufen haben. Sicherheitshalber. Morgen früh
nehme ich ein Protokoll auf. Mehr kann ich nicht
tun. Ja, wenn ich Jonas wäre, dann würde ich mich
vielleicht einmischen. Der steckt seine Nase in
alles. Ob es ihn was angeht oder nicht. Aber ich
bin nicht Jonas. Gott sein Dank. Ich bin Beamter.
So, halb fünf, Feierabend. Ich geh nach Hause. Ein
guter Schluck. Bequeme Schuhe. Was gutes im Holo.
Es muß ja nicht die schwarze Dahlie sein. Das
Leben kann auch schön sein.

Jonas: Jonas ging auch nach Hause. Und damit wäre
der Fall zu Ende. Wenn Sam nicht noch was zu
mosern gehabt hätte.

Sam: So nicht, Genosse, das gaht nicht.

Jonas: Was geht nicht, Sammy?

Sam: Daß Chefinspektor Brock das letzte Wort hat,
nos correcto.

Jonas: Findest du? Dann sag du doch was.

Sam: Ja. Ja. Ja. Wos soll i denn sogen?

Das war Invasion. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Ute Mora, Kornelia Boje,
Rainer Basedow, Horst Sachtleben, Detlef Kügow und
andere (Jochen Striebeck, Stefanie Walter, Werner
Klein, Anita Schlierf, Nicola Tiggeler, Harald
Dietl, Stephan Zinner). Ton und Technik: Günter
Heß und Christine Koller. Regieassistenz: Holger
Buck und Sieghard Fieber. Regie: Werner Klein.
Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem
Jahr 1998. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Traumschiff

Jonas: Sechs Uhr zehn. Die Sonne ging auf über
Babylon. Das stand im Kalender. Zu sehen war es
nicht. Seit Monaten streikten die städtischen
Putzbrigaden. Der Klimadom war dicht, total
verdreckt. Darunter taten 20 Millionen Babylonier
das, was sie immer taten. Standen auf. Gingen
schlafen. Liefen herum. Gingen arbeiten. Brachten
sich um. Machten Liebe. Machten gar nichts.
Machten weiter. Der 21. September 2015. Ein Tag
wie jeder andere. Nicht für Sam. Heute war sein
Geburtstag. Sagte er.

Sam: Hey, heute ist mein Geburtstag, jawoll. Der
Tag des Herrn. Der Tag des Herrn Samuel. Happy
birthday to me, happy birthday to me...

Jonas: Quatsch. Computer haben keinen Geburtstag.

Sam: Ach? Und wo, so frage ich euer Ehren,
gezielt, dezidiert und auf den Punkt gebracht, wo
kommen sie denn her, die kleinen Computer, hhm,
na?

Jonas: Aus der Fabrik natürlich.

Sam: Hohohohoho, und nochmals hohohohoho, aus der
Fabrik, mein Gott, warum nicht gleich vom
Klapperstorch.

Jonas: Ja, warum nicht?

Sam: Also piß mal auf, äh, ich meine, paß mal auf,
du Schnarchsack.

Jonas: Samuel alias Sam ist mein Computer. Ein
Versuchsmodell. Nicht mehr ganz neu. Mit einem
verbalen Tick. Korrektur: Mit zahllosen verbalen
Ticks. Unausstehlich. Und unentbehrlich. Ein ganz
besonderer Computer. Aber Geburtstag hatte er
deshalb noch lange nicht.

Sam: Also paß mal auf, mein Herr und Gebieter, da
ist Mama Computer, und Papa Computer, und wenn die
beiden sich sehr sehr lieb haben, dann machen sie
Interface, wie bei den kleinen Bienchen und den
Blümlein und den Vögelchen.

Jonas: Halt die Backen, Sam, und nimm das Gespräch
an.

Sam: Aye, aye, Sir, befehlen Sie Bildfon?

Jonas: Vor dem Frühstück? Lieber nicht. – Ja?

Aphrodite: Und auch Ihnen einen wunderschönen
guten Morgen, spreche ich mit Herrn Jonas?

Jonas: Das tat sie. Jonas am Apparat. Nur Jonas.
Genannt der letzte Detektiv. Einsamer Streiter für
Recht und Moral. Und Morgenmuffel. Aber das
brauchte ich der Anruferin nicht auf die Nase zu
binden.

Jonas: Kommt drauf an.

Aphrodite: Worauf?

Jonas: Mit wem ich spreche.

Aphrodite: Großreederei Parnassis, wir erwägen Sie
mit einem Auftrag zu betrauen, Herr Jonas.

Jonas: Reizend.

Aphrodite: Herr Parnassis erwartet Sie. Stellen
Sie sich pünktlich um 9 Uhr in unserem
Verwaltungsgebäude ein, Herr Jonas. Guten Tag.

Jonas: Sie mich auch. Brauchen wir einen Auftrag,
Sammy?

Sam: Brauchen wir Mäuse, Meister? Dodoslasdias.

Jonas: Das war ein Argument. Das Parnassisgebäude
stand am nördlichen Ende des Markgrafenboulevard,
genauer es stand nicht, es lag. Es lag vor Anker.
Das Parnassisgebäude war ein Schiff, ein klotziger
Dampfer, der aussah wie die selige Titanic,
riesig, steil, unsinkbar, oben drauf vier
Schornsteine, keine Holo-Illusion. Alles echt.
Beton und Stahl. Großreederei Parnassis war eine
altmodische Firma und konnte sich das leisten.
Jonas wußte, was sich gehörte. Er trug einen
Blazer, seinen besten und einzigen, den mit dem
Laserloch im Ärmel, aber das fiel kaum auf.
Außerdem war ich gewaschen, rasiert, gefrühstückt,
der korrekte Privatdetektiv, wie er im Buch steht.

Sam: Gebügelt, geschniegelt und gestriegelt, ha,
welch Wonne und Wohltat fürs schweifende Auge.

Jonas: Shipshape nennt man das in maritimen
Kreisen, Sammy.

Sam: Aha.

Portier: Ahoi! Wohin der Kurs?

Jonas: Der Portier. Mensch, nicht Robot. Wie
gesagt, Parnassis war altmodisch. Der Portier trug
eine Schirmmütze und dunkelblaue Uniform mit Gold
und Strippen. Ein Kommodore, mindestens.

Jonas: Ahoi, Hornblower. Zu Herrn Parnassis.

Portier: Stop! Drehen Sie bei oder ich feuere eine
Breitseite. Zu welchem Herrn Parnassis?

Jonas: Sie haben mehrere?

Portier: Wollen Sie zu Herrn Platon Parnassis, zu
Herrn Timon Parnassis, zu Bion Kriton Kliton Oton
Glaukon Straton Lykon Cnon Parnassis, oder gar zum
allergrößten und allerhöchsten Admiralissimus
Solon Parnassis, möge er lange leben und blühen
und gedeihen.

Jonas: Große Familie.

Portier: In der Tat, mein Herr, das sind wir.

Jonas: Ach, Sie gehören auch dazu?

Portier: Jawoll, mein Herr, und ich bin stolz
darauf, Timoleon Parnassis, zu Ihren Diensten. Und
Ihr werter Name?

Jonas: Jonas, nur Jonas.

Potier: Sie sind angemeldet, zu Herrn Jason
Parnassis, Abteilung 17, Seniorenschiffe auf dem
D-Deck, den Lift finden Sie an Backbord.

Jonas: Herr Jason Parnassis war Anfang dreißig,
klein, dunkel, und ein Nineties-Fan, Silberring im
linken Nasenflügel, Piercing-Stuts in Ohren und
Zunge, Fastglatze, ultraweite Klamotten,
überdimensionale Basketballtreter aus virtuellem
Leder. Altmodischer Typ. Die Frau an seiner Seite
gefiel mir besser, viel besser. Weil sie so aussah
wie sie hieß.

Jason Parnassis: Aphrodite, meine Assistentin. Sie
ist zuständig für die Kalispera.

Aphrodite: Und um die Kalispera geht es, Herr
Jonas.

Jason Parnassis: Die Kalispera ist unser
Seniorenschiff auf der Karibikroute.

Aphrodite: Ihre Aufgabe, Herr Jonas, ist es...

Jonas: Augenblick, ein Whisky gern, aber bitte
nicht das Synthzeug, das Sie Ihrer Putzfrau zu
Weihnachten schenken, nur ein Spritzer Soda,
danke, ich nehme Platz. So, wenn das geregelt ist,
fangen Sie noch mal an, in Ordnung?

Jonas: Jason lief rot an und ballte die Fäustchen.
Aphrodite blieb cool. Sie öffnete eine Klappe in
der Fast-Holzverkleidung und produzierte eine
Flasche Metaxa. 13 Sterne. Kein Whisky, aber auch
nicht schlecht. Jonas ließ es ruhig angehen. Mit
einem großen Brandy-Soda. Zeit für eine Kurzinfo
über die Seniorenversorgung in Babylon bzw. –
Entsorgung, darf ich bitten, Herr Samuel.

Sam: Ha-Hatschi. Gesundheit. Danke. Herr
Präsident, Frau Bürgermeisterin, Exzellenzen,
Kommilitonen, Heiligkeiten, meine Daumen und Hirn.

Jonas: Kurzinfo, Sammy.

Sam: Jaja, ist ja gut. Also, die große Masse
unsrer teuren Seniorinnen und Senioren,
Volksrentner und –rinnen allzumal lebt, sofern man
das so nennen kann, hähä, zu Babypsilon in
privaten oder öffentlichen Institutionen, welche
ab und an ausgekämmt werden, ausgedüngt,
ausgemistet.

Jonas: Fall Ufo, Herbst 2013.

Sam: Ja natürlich. Wer mehr Moos sein eigen nennt,
läßt sich nieder in angenehmeren Gefilden, hmh,
zum Bleistift auf der Mittelmeerinsel Palmera.

Jonas: Fall Knochenarbeit, vor einem knappen
halben Jahr.

Sam: Und die richtig Reichen kreuzen auf
luxuriösen Seniorenschiffen in den Tropen herum,
dideldum, im stillen Ozean, lauten Ozean, im
indischen Ozean, in der karibischen See...

Jonas: Wie die Kalispera der Großreederei
Parnassis, danke Sam.

Sam: Ja.

Jonas: Zurück zur Story.

Sam: Was? Wohin?

Jason Parnassis: Mit der Kalispera stimmt was
nicht.

Aphrodite: Das meint jedenfalls Frau von Kohlen
und Reibach.

Jason Parnassis: Ihr Großvater ist auf der
Kalispera, seit einem Jahr.

Aphrodite: Ab und zu ruft sie ihn an, liebevoll
und pflichtbewußt.

Jason Parnassis: Besuchen kann sie ihn leider
nicht. Sie hat überhaupt keine Zeit.

Aphrodite: Das intensive aufreibende Leben in der
Society, wissen Sie. Außerdem neigt sie zur
Seekrankheit.

Jason Parnassis: Unter uns, Herr Jonas, in der
Regel kümmern sich die Hinterbliebenen, die
Angehörigen wollte ich sagen, wenig um ihre
Senioren.

Aphrodite: Sie sind froh, daß sie sie los sind.

Jonas: Und für ihr schlechtes Gewissen müssen sie
zahlen. Ein Platz auf ihren Seniorenschiffen
kostet mindestens 30.000 Euros im Monat, hab ich
mir sagen lassen.

Aphrodite: Aber dafür bieten wir auch etwas, Herr
Jonas.

Jason Parnassis: Jeden erdenklichen Luxus, beste
Betreuung, absolut erstklassige medizinische
Versorgung, alles vom Feinsten.

Jonas: Na wunderbar, und trotzdem hat Frau von
Kohlen und Reibach was auszusetzen.

Aphrodite: Seit Wochen, sagt sie, kann sie ihren
Großvater nicht erreichen. Er kommt nicht ans Fon,
will nicht mit ihr reden...

Jason Parnassis: Verständlich, wenn man Frau von
Kohlen und Reibach kennt.

Aphrodite: Sie glaubt, ihrem Großvater sei etwas
zugestoßen, und die Schiffsführung versuche das zu
verheimlichen, weshalb auch immer. Und sie
behauptet, eine gute Bekannte, die auch jemanden
auf der Kalispera hat, habe eine ähnliche
Erfahrung gemacht.

Jason Parnassis: Frau von Kohlen und Reibach hat
eine blühende Fantasie.

Aphrodite: Aber sie ist eine Golffreundin des
Admiralissimus, sie hat ihn genervt.

Jason Parnassis: Und er, möge er lange leben,
blühen und gedeihen, er nervt uns. Vor ein paar
Tagen haben wir einen Mann unserer internen
Aufsichtsabteilung zur Kalispera geschickt, einen
diplomierten, staatlich geprüften Investigator,
leider...

Aphrodite: Ein tragischer Unfall. Kurz vor der
Landung auf dem Schiff ist sein Helikopter ins
Meer gestürzt, keine Überlebenden.

Jonas: Zufall? Oder steckte was anderes dahinter.
Aber vielleicht hatte auch Jonas eine blühende
Fantasie. Apropos Jonas, was hatte die Sache mit
mir zu tun?

Jason Parnassis: Der Admiralissimus besteht auf
einer unabhängigen Untersuchung. Durch einen
privaten Detektiv. Ihr Name kam ins Spiel, Herr
Jonas.

Jonas: Ich soll auf die Kalispera.

Aphrodite: Als verdeckter Ermittler. Sie werden
sich dort umsehen und nach ihrer Rückkehr dem
Admiralissimus Bericht erstatten.

Jason Parnassis: Damit er sich beruhigt.

Jonas: Möge er lange leben, blühen und so weiter.
Wieviel?

Jason Parnassis: Ihr Honorar meinen Sie? Soweit
wir informiert sind, verlangen Sie für gewöhnlich
130 Euros pro Tag.

Jonas: 150 plus Spesen, aber das gilt nur für
normale Fälle in und um Babylon, wenn ich in die
Karibik reisen muß.

Aphrodite: Also, wieviel?

Jonas: 3000 Euros pauschal. Bei erhöhtem
Schwierigkeitsgrad das doppelte.

Jason Parnassis: 5000.

Aphrodite: Zeigen Sie ihm das Bild, Jason.

Jason Parnassis: Wie finden Sie dieses
Holoporträt, Herr Jonas?

Jonas: Scheußlich, auf den Schreck brauch ich noch
einen Brandy. Wer ist der häßliche Gnom? Das
Phantom der Oper? Der Glöckner von Notre Dame?

Aphrodite: Das sind Sie, Herr Jonas.

Jonas: Hust, hust.

Jason Parnassis: Lassen Sie mich erklären.
Abgebildet ist der vor kurzem verschiedene
Großonkel einer meiner Ex-Partnerinnen. Sie, Herr
Jonas, werden seine Identität übernehmen und sein
Gesicht, per Plastiface.

Aphrodite: Und als genuiner betuchter Greis eine
Suite auf der Kalispera buchen.

Jason Parnassis: So können Sie ohne Verdacht zu
erregen ihre Aufgabe wahrnehmen.

Jonas: Mit diesem Gesicht.

Aphrodite: Sehen Sie es so, Herr Jonas, ein paar
schöne Tage in der Karibik.

Jason Parnassis: Ein Kurzurlaub im schwimmenden
Luxushotel.

Jonas: Mit diesem Gesicht.

Aphrodite: Und 5.000 Euros, Herr Jonas. Für einen
streßfreien, absolut ungefährlichen Job.

Jonas: Davon war ich nicht überzeugt, ganz und gar
nicht. Aber da war mein Kontostand. Und vor allem
war da die Sehnsucht nach einem weißen Schiff auf
blauem Meer, und nach der Sonne, sichtbar,
strahlend, und warm. Jonas übernahm den Auftrag.
Und ließ sich im nächsten Plastiface-Shop das neue
Gesicht verpassen.

Sam: Igitt. Igittigitt. Gar nicht hinschauen darf
man.

Jonas: Krieg dich ein, Sammy. Du wirst dich dran
gewöhnen.

Sam: Niemals. Sieht aus wie ein Schlunz. Und wie
lautet nunmehr dero werter Name, hm? Indem Sam
doch wissen muß, wie er den Meister zu titulieren
habe.

Jonas: Moment, die schöne Aphrodite hat mir’s
aufgeschrieben, ja hier, äh, Jodokus.

Sam: Haha.

Jonas: Jaromir Jodokus.

Sam: Hehe.

Jonas: 69 Jahre.

Sam: 96 Jahre.

Jonas: Wäh. Immerhin n’anständiger Name. Mit
Doppel-J.

Sam: Anständig? Jodukus? Der Name ist ein Jokus
und Fokus und Fidibus.

Jonas: Stop, jede weitere Reimerei verbitte ich
mir, ganz energisch.

Sam: Ja. Sind euer Ungnaden zu Hause für
Chefinspektor kotz-Brock?

Jonas: Brock? Was wollen Sie?

Brock: Wenn ich Sie wäre, Jonas, würde ich in den
nächsten Tagen nicht verreisen.

Jonas: Sie sind aber nicht Jonas, Brock, und was
noch besser ist, ich bin nicht Sie.

Brock: Bleiben Sie zu Hause, Jonas, Babylon ist
doch auch ganz schön.

Jonas: Ist Ihnen ein Aktenordner auf den Kopf
gefallen?

Brock: Die Tropen können sehr ungesund sein. Man
hört so dies und jenes in der zentralen
Sicherheitsverwaltung. Lassen Sie sich raten,
Jonas, fahren Sie nicht weg.

Sam: Ja wat denn nu? Hör mein Jonas, laß dir
sagen, der Auftrag tut mir nicht behagen, er
stinkt. Wenn Chefinspektor Brock irgendwie mit
drin steckt.

Jonas: Egal. Brock hat mir gar nichts zu sagen.
Ich fahre. Und du mein Sam kommst mit.

Sam: Ah, karibische Nächte, Kaipiri, Cuba Libre,
Limbo, Reggae und Calypso, dunkelhäutige
Schönheiten mit Glutaugen und biegsamen Körpern.

Jonas: Wovon ein 96jähriger Greis etwa so viel hat
wie, sagen wir ein Computer aus Metall und
Plastik, Parole Rollstuhl, Sammy.

Sam: Hörgerät und Herzschrittmacher. Haarausfall,
Hautausschlag.

Jonas: Harnkatheter.

Sam: Hirnverkalkung. In diesem Sinne, auf geht’s,
Herr Jodukus. Blow, boys blow, for Californio,
there’s plenty of golds, so I am told, on the
banks of Sacramento... Mit biegsamen Körpern,
Schönheiten, dunkle Cuba Libre, oah...

Jonas: Ein Panorama wie aus einem schicken
Reiseprospekt. Holo. Hochglanz. Wunderschön. Und
unwahrscheinlich bunt. Das Meer quietschblau, ganz
weit hinten ein dunkler Streifen, das
mittelamerikanische Festland, Costaguana, der
Himmel fast so blau wie das Meer, eine strahlende
Sonne aus Weißgold, keine Wolke. Nur ein
dunkelblauer Helikopter mit dem großen roten P für
Parnassis. Im Helikopter zwei Passagiere. Jonas,
alias Jaromir Jodokus, und eine ehrwürdige Greisin
in grün-gelb-geringelten Caprihosen. Sie hieß
Jacobea Bond und wollte auch auf die Kalispera.

Jacobea Bond: Natürlich ist es teuer, aber ich sag
immer: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Sein
Geld kann der Mensch nicht mitnehmen. An meinem
Lebensabend will ich es noch mal so richtig schön
haben. Wie alt schätzen Sie mich, Jaromir?
Jaromir?

Jonas: Ah, was?

Jacobea Bond: Wie alt, ich?

Jonas: Äh, wie jung, meinen Sie, Verehrteste, äh,
70?

Jacobea Bond: Hahaha, 89, im Oktober werde ich 90.

Jonas: Das... das... das glaub ich Ihnen nicht,
Sie halten mich zum Besten, Teuerste.

Pilotin: Schnallen Sie sich bitte an, in Kürze
landen wir auf der Kalispera.

Jacobea Bond: Da! Da ist sie!

Jonas: Was? Was? Wo? Ah, ja, schönes Schiff.

Jacobea Bond: So weiß und strahlend, aber so leer.

Jonas: Richtig. Wo waren Sie, die munteren
Senioren, die liebenswerten Altchen? Auf dem
Sonnendeck neben dem Swimmingpool, sah ich nur ein
paar leere Liege-stühle und zwei leere Rollstühle
am Heliport. Dahinter zwei muskulöse Geschöpfe in
weißen Kitteln, vage weiblich. Miss Body und Miss
Building. Eine trat vor, als Jaco-bea und ich aus
dem Helikopter stiegen. Mühsam, wie es sich für
alte Leute gehört.

Mai: Willkommen an Bord der Kalispera. Kapitän
Parnassis, Zahlmeisterin Parnassis und Schiffsarzt
Dr. Parnassis lassen sich entschuldigen. Ihre
unermüdliche Arbeit zum Wohl von Schiff und
Menschen verhindert ihre Anwesenheit. Seien Sie
versichert, Sie werden sich bei uns wohlfühlen und
wie alle unsere bisherigen Schutzbefohlenen,
überhaupt nicht mehr von Bord gehen wollen. Setzen
Sie sich in die Rollstühle.

Jacobea Bond: Wozu? Ich kann noch ganz gut laufen,
am Stock.

Mai: In den Rollstuhl. So ist es besser, für Sie
und für uns. Frau Jacobea Bond, meine Kollegin
April wird Sie zu Ihrer Kabine auf dem C-Deck
bringen.

Jacobea Bond: Wir sehen uns beim Essen, Jaromir.

Jonas: Ja.

Mai: Herr Jodokus, Sie haben eine unserer
Luxussuiten auf dem A-Deck gebucht.

Jonas: Mit Privatterrasse und Blick auf den Pool,
jawohl.

Mai: Ganz recht. Festhalten. Ich bin Ihre
persönliche Stewardeß. Mein Name ist Mai.

Jonas: November hätte besser gepaßt. Und wenn sie
wirklich Stewardeß war, dann hatte sie den Job in
Sing-Sing gelernt. Aber die Suite war grandios.
Ich kam mir vor wie Mr. Astor auf der Titanic, vor
dem Eisberg. Aber der Eisberg war nahe und kam
immer näher. Frau von Kohlen und Reibach hatte
recht. Auf der Kalispera gingen seltsame Dinge
vor. Warum war kein Mensch an Deck?

Mai: Es wird Ihnen erstaunlich vorkommen, Herr
Jodukus, aber man kann auch von der Sonne zuviel
kriegen. Ihre Mitpassagiere sind unter Deck. Ein
paar machen mit dem Schiffshelikopter einen
Ausflug nach Costaguana. So, und Sie legen sich
jetzt brav hin.

Jonas: Aber, aber ich will mir das Schiff ansehen.

Mai: Morgen. Jetzt wird geruht. Möchten Sie was
trinken?

Jonas: O ja, hehehe.

Mai: Ich bringe Ihnen einen schönen Kräutertee.

Jonas: Pfui Teufel! Whisky!

Mai: Kommt nicht in Frage, erst muß der Doktor Sie
untersuchen. Ich laß Sie jetzt allein, aber ich
bleibe in der Nähe, falls Sie was brauchen.

Jonas: Was?

Mai: Ja, damit Sie nicht auf dumme Gedanken
kommen, zum Beispiel Ihre Suite zu verlassen.

Jonas: Sammy?

Sam: Bei der Arbeit. Was steht zu Diensten,
Leuchter des Weltalls.

Jonas: Wozu hab ich dich mitgebracht?

Sam: Nanananana.

Jonas: Gib mir einen Rat, was soll ich tun?

Sam: Ja, was sollste tun, was sollste tun?
Abwarten. Abwarten und Kräutertee trinken. Jojojo,
und ne Buddel voll Rum, dumdum.

Jonas: Was blieb mir übrig. Ich setzte mich auf
die Terrasse, mit Blick auf den leeren Pool, das
leere Sonnendeck, das leere Promenadendeck, keine
Bewegung, kein Laut, richtig unheimlich. Es wurde
abend. Die Sonne stand tief. In der Ferne leises
Knattern. Näher. Lauter. Der Schiffshelikopter
landete auf der Kalispera. Aber es stiegen keine
fröhlichen Ausflügler aus der Luke, nur eine Frau.
Ein Weißkittel nahm sie in Empfang, mit
schußbereiter Maschinenpistole. Die Frau hob die
Hände. Verblüfft, wie es schien, und wurde sofort
unter Deck gebracht.

Sam: Eiverbibsch, da wird doch der Storch in der
Pfanne verrückt. Hast du sie erkannt, Kumpel?

Jonas: Ich kann noch ganz gut sehen mit meinen 96
Jahren. Das war Karla.

Sam: Karla, die Chefin der babylonischen
Stadtguerilla. Was hat die auf der Kapislehra,
Korrektur, Kalispera zu suchen?

Jonas: Das war die Frage. Schon einige Male hatten
sich die Wege von Jonas und Karla gekreuzt. Sie
war so eine Art gute alte Feindin. Wir mochten
uns, irgendwie. Und wir hatten es uns zur
Gewohnheit gemacht, einander das Leben zu retten.
Zuletzt im Unterwelt-Fall. Mai 2014. Karlas
Auftauchen an Bord machte die unerklärliche
Geschichte noch unerklärlicher. Und unerklärlich
ging’s auch gleich weiter. Der Helikopter stieg
auf, flog ein paar Meter zur Seite, aus der
offenen Luke fielen fünf Kisten, länglich, 1 mal 2
Meter. Sie fielen ins Meer, und gingen sofort
unter. Der Helikopter verschwand am Horizont.

Jonas: Sahen aus wie Särge, die Kisten.

Sam: Man gongt zum Dinner, Sir. Abendgarderobe
erforderlich, wenn Sie den Hinweis gestatten, Sir.

Jonas: Du meinst, ich soll mich umziehen, Sam.

Sam: Zum festlichen Dinner auf der Kalispera trägt
der sowohl wohlgekleidete als auch wohlberatene
Gentleman Smoking und Laserstruller, Korrektur, -
Strahler, letzteren tunlichst unauffällig in der
Tasche, Sir.

Jonas: Zusammen mit einem kleinen Computer namens
Sam, mit all diesen notwendigen Dingen versehen,
setzte Jonas sich in den Rollstuhl und klingelte
die schöne Mai herbei, auf daß sie ihn in den
Speisesaal rolle. Im ganzen großen Speisesaal der
Kalispera stand nur ein einziger kleiner Tisch,
ansonsten war er so leer wie das Deck. Abgesehen
von einem halben Dutzend kräftiger Gestalten an
der Wand, in weißen Kitteln, mit
Maschinenpistolen. Mai schob mich an den Tisch.

Mai: So. Bleiben Sie im Rollstuhl.

Jonas: Wo sind die anderen?

Mai: Welche anderen?

Jonas: Frau Jacobea Bond zum Beispiel.

Mai: Nie gehört. Sie sind unser einziger Gast,
Herr Jonas.

Jonas: Jodukus!

Mai: Lassen Sie doch die Geheimnistuerei. Wir
wissen, wer Sie sind, und weshalb Sie auf die
Kalispera gekommen sind. Wir haben Sie erwartet.
Die Speisekarte.

Jonas: Ich hab keinen großen Hunger.

Mai: Sie sollten tüchtig zulangen, Herr Jonas,
dies hier dürfte die letzte Gelegenheit sein, ihr
letztes Abendmahl sozusagen.

Jonas: Oder auch die Henkersmahlzeit. Das Menü war
reichhaltig. Austern, Cosome Olgar, pouschierter
Lachs, File Mijo, Spargelsalat, Pfirsiche in
Chartrö, kein Synth, alles echt. Auf der Kalispera
ließ es sich leben, und sterben, wie’s aussah.
Jonas langte zu, in Maßen. Dabei sah ich mich um.
Fenster und Türen waren bewacht. Bis auf eine Tür,
eine kleine, zu einem Nebenraum. Darin der
Speisenaufzug, aus der Küche in den unteren
Regionen. Eine Spüle, ein Wandschrank.

Sam: Na wonderbra, ne, wunderbar. Da geht’s raus,
Genosse.

Jonas: Das seh ich nicht, Sammy. Der Nebenraum ist
eine Sackgasse. Nur eine Tür. Zum Speisesaal.

Sam: Zweifelsohne. Doch ist euer optischen
Beschränktheit nicht aufgefallen, daß besagte Tür
einen Schokoriegel, wat, ne, ohne Schoko, einen
Riegel an der Innenseite ihr eigen nennt.

Jonas: Na und? Was bringt das? Kein Fenster.

Sam: Statt dessen ein Hinter- oder auch
Notausgang, nes pa?

Jonas: Den Aufzug meinst du? Hmh. Mai, räumen Sie
ab, und wenn Sie damit fertig sind, bringen Sie
mir Kaffee, Cognac und eine Havanna.

Mai: Selbstverständlich, Herr Jonas, was immer Sie
wünschen, Herr Jonas, und danach haben wir noch
ein ganz spezielles Dessert Surprise für Sie. Au!

Jonas: Mai hatte ihre Augen auf dem Tisch. Jonas
sprang aus dem Rollstuhl und rammte ihn Mai in die
Kniekehlen, sie ging zu Boden, mitsamt dem
Geschirr. Ehe die Typen an der Wand was
unternehmen konnten, war Jonas im Nebenraum,
machte die Tür zu, schob den Riegel vor, schnell.
Zum Glück war nur mein Gesicht 96. Muskeln,
Sehnen, und Knochen waren jünger, einige
Jahrzehnte. Zum Speisenaufzug. Ein Druck auf den
Knopf und er ratterte nach unten. Ohne Jonas. Der
blieb, wo er war, und quetschte sich in den
Wandschrank. Vom Greis zum Gummimenschen in 10
Sekunden. Reife Leistung.

Mai: Wo steckt der... Der Aufzug! Er fährt im
Aufzug runter. Los, zum Fahrstuhl, wir fangen ihn
in der Küche ab.

Jonas: Alle weg.

Sam: Bis auf Jonas. Und der sollte auch die Kurve
kratzen. Dieweil es demnächst hiererorts recht
ungemütlich zu werden verspricht.

Jonas: Wohin, Sammy?

Sam: Sie suchen dich unten.

Jonas: Also bleib ich oben.

Sam: Ganz oben. Bootsdeck. Welches so heißt, weil
da die Boote sind, wa? Die Rettungsboote, Mann.
Verstehen wir uns, mein Bester?

Jonas: Aber sicher. Ich suchte mir ein passendes
Boot aus, ein Boot im Dunkeln, vorn, im Bug, wie
Leichtmatrose Sam sagen würde, ich machte die
Persenning ein Stück weit auf, kroch rein, machte
wieder zu, derweil erfreute mich Sam mit nautisch-
musikalischen Darbietungen.

Sam: Das Monat ob seren tu trieven, dat is
gottverdammich nich lich, das ist gottverdammich
nich lich.

Jonas: Bravo.

Sam: Euer Lordschaft wünschen eine Zugabe? Bitte
sehr, bitte gleich, bitte hier.

Jonas: Nein.

Sam: What shall we do with the drunken sailor?

Jonas: Stop, Konzert vorbei, Schluß mit lustig.

Sam: Warum das?

Jonas: Jetzt wird gearbeitet.

Sam: Was denn?

Jonas: Was geht auf der Kalispera vor, Sammy?

Sam: Ja, was ganz, ganz beschissenes, Mann, halten
zu Gnaden.

Jonas: Klar, aber was?

Sam: Melde gehorsamst, man klöpfet.

Jonas: Das hör ich.

Sam: Ja willst du denn nicht mal nachkücken, wer
da ist?

Jonas: Jonas wollte eigentlich nicht. Aber er tat
es trotzdem. Ich hob die Persenning. Draußen stand
ein Marsmensch. Mit großen Glupschaugen. Und einem
Laserstrahler. Das war in Ordnung. Ich hatte auch
einen.

Jacobea Bond: Guten Abend.

Jonas: Oh, Jacobea Bond, hähä, fast hätte ich Sie
gelasert.

Jacobea Bond: Sie mich? Ich Sie!

Jonas: Glauben Sie, Sie sind schneller?

Jacobea Bond: Könnten wir diese Frage später
klären, Sie gestatten, daß ich nähertrete.

Jonas: Bitte sehr. Machen Sie es sich bequem.
Nehmen Sie Ihre Infrarotbrille ab.

Jacobea Bond: Damit habe ich gesehen, wie Sie ins
Boot geklettert sind, Jonas.

Jonas: Und sind mir nachgekommen. Jonas?

Jacobea Bond: Hmh, ich weiß, wer Sie sind.

Jonas: Alle wissen, wer ich bin, wird Zeit, daß
ich auch mal was weiß. Wer sind Sie?

Jacobea Bond: Wie alt schätzen Sie mich?

Jonas: Das Spiel hatten wir schon, Jacobea.

Jacky: Jacky. Nennen Sie mich Jacky, ich bin 32.

Jonas: Außerdem, sagte sie, war sie Agentin des
GD, des Babylonischen Geheimdiensts, der hatte
bekanntlich seine Augen und Ohren überall, auch
bei der Großreederei Parnassis. Und da stimmte was
nicht, hatte der GD festgestellt. Das konnte man
laut sagen.

Jacky: Wir haben einen interessanten Hinweis
bekommen, die berüchtigte Stadtguerilla wird hier
in Aktion treten, auf der Kalispera.

Jonas: Was Sie nicht sagen.

Jacky: Deshalb bin ich hier. Ich soll mich mal
umsehen, vergreist, per Plastiface.

Jonas: Ich auch.

Jacky: Hm, das wußten wir. Oberst Frank war gar
nicht erfreut, er hat Brock von der Kripo
Anweisung gegeben, Sie zurückzuhalten.

Jonas: Das hat er versucht, der gute Brock.

Jacky: Offensichtlich ohne Erfolg. Ja, um so
besser. Jetzt sind wir zu zweit.

Jonas: Falls ich mich mit Ihnen zusammentue,
Jacky.

Jacky: Das sollten Sie, Jonas. Wissen Sie, was auf
der Kalispera vorgeht?

Jonas: Och, die Frage kommt mir irgendwie bekannt
vor.

Jacky: Wissen Sie’s?

Jonas: Nein.

Jacky: Aber ich. Ich zeig’s Ihnen. Kommen Sie mit.

Jonas: Wohin?

Jacky: Unter Deck. Folgen Sie mir.

Jonas: Sie hatte die Infrarotbrille. Ich folgte.
Zuerst zu einem Aufzug. Dann nach unten, ganz nach
unten. Bis das Schiff zu Ende war, in den
Kielraum, oder heißt es Orlopdeck? Egal. Unten
ging’s horizontal weiter. Durch ein Labyrinth von
engen Gängen, vorbei an flüsternden Maschinen.
Neue Gänge, plötzlich blieb Jacky stehen.

Jacky: Wir sind da. Hier wollte sie mich für immer
ablegen, April, meine sogenannte Stewardeß.

Jonas: Aber Sie wollten nicht.

Jacky: Ich hab meinen Laser aus dem Handtäschen
gekramt und sie getötet. Die Leiche hab ich in
einem leeren Lagerraum versteckt, gleich nebenan.

Jonas: Und wo sind wir hier? Es stöhnt und stinkt.
Kanalisation? Knast?

Jacky: Hier. Sehen Sie mal durch.

Jonas: Durch die Infrarotbrille wurde das schwarze
Loch grün und das Dunkel heller. Wir standen in
einem größeren Raum vor einer Gitterwand, dahinter
Menschen, alte Menschen, etwa zwei Dutzend, fast
nackt, im eigenen Dreck. Beulen und Geschwü-re,
Hungerbäuche und dürre Rippen, stumpfe Augen,
monotone Bewegungen.

Jonas: Uh, das ist es also. Aber warum nur so
wenige?

Jacky: Die anderen sind längst über Bord. Wie der
Kapitän, die Zahlmeisterin, der Doktor, alle, alle
die nicht mitspielen wollten. Ein paar Alte mußten
sie aufheben, damit sie sie im Notfall den
besorgten Verwandten am Bildfon präsentierten
können.

Jonas: Sie? Wer? Mai?

Jacky: Mai, Oberschwester, Leiterin der
Pflegeabteilung und einige ihrer Untergebenen. Sie
haben die Kalispera übernommen und kassieren jeden
Monat für rund 500 Senioren, die es nicht mehr
gibt, oder die kaum was kosten.

Jonas: Bombengeschäft.

Jacky: 10 Millionen im Monat, wenn nicht mehr.

Jonas: Apropos Bombe, haben Sie gesehen, Jacky,
rechts an der Wand die Kiste, Sentex steht drauf,
und daneben, sieht aus wie ein Zeitzünder, nicht
aktiviert, das sollten wir uns mal genauer
ansehen.

Jacky: Später. Kommen Sie, Jonas. Schnell.

Jonas: Ein winziger Lichtpunkt, weit entfernt, er
kam näher, wurde größer, immer näher, immer
größer, dazu Schritte, Stimmen. Jacky zog mich
durch eine Tür in einen leeren Raum. Ganz leer war
er nicht. Auf dem Boden lag eine Frau im weißen
Kittel, April, ein Laserloch zwischen den Augen.
Durch den Türspalt konnten wir sehen, nicht viel,
aber es reichte. Mai und ein Begleiter, kräftig
und weißbekittelt. Mit Maschinenpistole und
starker Lampe.

Juli: Ich frag mich, wo April steckt.

Mai: Seit sie den Neuzugang nach unten gebracht
hat, ist sie verschwunden. Und dieser Schnüffler,
dieser Jonas, muß sich ja auch irgendwo
rumtreiben.

Juli: Wir sollten ein Suchkommando organisieren,
Mai.

Mai: Keine Zeit, Juli, vielleicht morgen, jetzt
hat Karla Priorität, das heißt, ihre zweite
Botschaft an Parnassis, diesmal nicht nur über
Funk, diesmal visuell, per Holo, oben auf Deck,
wegen der Dramatik.

Juli: Wen nehmen wir?

Mai: Na, der da sieht doch noch ganz passabel aus,
hol ihn raus.

Juli: Ich muß ihn aber noch waschen und ihm was
anziehen.

Mai: Beeil dich, in einer halben Stunde brauch ich
ihn an Deck. Für den großen Auftritt mit Karla.
Liveübertragung nach Babylon.

Jonas: An Deck. Das war unser Stichwort. Als Mai
und Juli mit dem apathischen Alten verschwunden
waren, verschwanden wir auch. Ganz schnell. Jacky
hatte den Plan der Kalispera gut studiert, besser
als Jonas, und brachte uns in einer Viertelstunde
zurück zur Basis, ins Rettungsboot.

Jacky: Eine Holo-Livesendung wollen sie machen,
mit Karla von der Stadtguerilla und dem Alten,
nachts, an Deck, wozu, was soll das?

Jonas: Keine Ahnung. Du, Sammy? Sammy!

Sam: Oh, man geruht doch tatsächlich sich Sams zu
erinnern. Kaltherzig hat man ihn in die Tasche
gesperrt, den alten kleinen Computer, abgeschaltet
hat man ihn, zum Stillschweigen verdammt.

Jonas: Ich schalt dich sofort wieder ab, wenn du
nicht mit dem Lamentieren aufhörst. Hast du was
konkretes beizutragen?

Sam: Well, wait. Wait and see, Samiel spricht, es
werde Licht, und siehe, es wird Licht, on the
banks of Sacramento.

Jonas: Wie man’s nimmt. Eigentlich am Heliport. Da
gingen plötzlich die Scheinwerfer an und machten
die Nacht zum Tage, wie man so sagt. Eine kleine
Prozession marschierte ins grelle Licht. Mai, Juli
mit seinem Alten, der war jetzt gesäubert und mit
einem weißen Bademantel bekleidet, aber noch
genauso apathisch wie unten. Lithium oder Valium.
Dann kam Karla zwischen zwei maskierten Frauen in
schwarz, mit Maschinenpistolen. Zum Schluß ein
Weißkittel mit Holokamera. Unter den Scheinwerfern
arrangierten Mai und ihr Kameramann ein
Gruppenbild um Karla. Jacky und Jonas sahen zu,
unter der leicht angehobenen Persenning, in der
ersten Reihe. Gute Sicht, gute Akustik.

Mai: So bleiben. Kein falsches Wort, Karla, keine
falsche Bewegung, wenn Sie nicht spuren, brechen
wir sofort ab und kümmern uns nur noch um Sie.
Langwierig und ausgiebig, ist das klar?

Karla: Ja.

Mai: Gut. Wenn die Kamera läuft, sagen Sie
folgendes: Ich wiederhole meine Forderung an die
Großreederei Parnassis, die ich bereits gestern 20
Uhr über Schiffsfunk gestellt habe. 100 Millionen
Euros in Diamanten für die Stadtguerilla, wenn sie
uns nicht bis heute abend 20 Uhr ausgehändigt
werden, sterben alle Senioren auf der Kalispera.
Es lebe die Revolution. Verstanden?

Karla: Ja.

Mai: Dann zeigen Sie nach links und sagen, damit
Sie sehen, daß wir es ernst meinen, die Kamera
schwenkt nach links auf den Alten und auf August.
Alles klar? Dann mal los, Karla auf der Kalispera,
Take 1, das erste und einzige Mal.

Jonas: Die Kamera lief, Karla sagte ihren Text
auf, die Kamera schwenkte, eine der schwarzen
Frauen hob die Maschinenpistole und mähte den
Alten im Bademantel um. Die Kamera stoppte. Mai
war zufrieden.

Mai: Sehr schön. Expressiv, dramatisch, dringlich.

Karla: Wie geht’s weiter?

Mai: Wir warten, bis die Diamanten kommen, und die
werden kommen, da bin ich sicher, dann, werteste
Karla, sind Sie überflüssig und werden entsorgt.

Karla: Was ist mit meinen Leuten? Wo sind Sie?

Mai: Immer noch in den Kisten, in denen sie
unbemerkt an Bord kommen sollten, aber nicht mehr
im Helikopter, sondern in der schönen blauen
Karibik. Wir wußten Bescheid und haben sie gleich
aus dem Verkehr gezogen.

Karla: Sie haben uns in eine Falle gelockt. Die
Kalispera mit ihren reichen Alten haben Sie uns
als Köder ausgelegt und wir haben angebissen. Es
geht Ihnen überhaupt nicht um die Sache.

Mai: Sache? Mein Gott Ihre Sache, Freiheit,
Gleichheit, Revolution, total veraltet, Sie sind
30 Jahre zurück, Karla, heute gibt es nur eine
Sache: money, money, money.

Karla: Aber warum haben Sie dann uns auf die
Kalispera geholt?

Mai: Na, weil Sie ein wunderbarer Sündenbock sind,
oder, oder Sündenziege, sagt man das? Mit Ihrer
geschätzten, wenn auch unfreiwilligen Hilfe können
wir unseren großen Fischzug sauber und profitabel
abwickeln. Es wird einen Knall geben und die
Kalispera wird mit Ihnen und den restlichen Alten
verschwinden, nach unten, wir werden auch
verschwinden, aber in eine ganz andere Richtung,
mit vielen Millionen in Bar und in Diamanten, und
alle Welt wird Karla und die Stadtguerilla
verantwortlich machen.

Jonas: Als wir in unserem Boot aufwachten, Jacky
und ich, war es hell, vormittag, ein Geräusch
hatte uns geweckt, ein Helikopter, ein kleiner
blauer Zweisitzer mit dem roten Parnassis-P. Er
kreiste über der Kalispera, wieder waren sie alle
am Heliport, Mai, Karla, die restlichen Monate,
diesmal nicht als Holocrew, diesmal als
Empfangskomitee. Der Helikopter landete, zwei
Figuren stiegen aus, Jason Parnassis im
dunkelgrauen Ninetees-Look, gekrönt von einer
schwarzen Baseballkappe, und Aphrodite, weiter
weißer Hut, weißes Sonnentop, knappe weiße Shorts,
wunderschön und schaumgeboren. Als die
Rotorblätter stillstanden, griff Jason hinter den
Sitz, zog einen schwarzen Aktenkoffer heraus.
Bewegung ging durch die Kalisperatruppe, darauf
hatten sie gewartet.

Jason Parnassis: Die Diamanten, im Wert von 100
Millionen Euros, wie Sie’s verlangt haben.

Mai: Geben Sie her. In Ordnung, erschieß ihn,
Juli.

Jason Parnassis: Was? Ah!

Mai: Aphroherzchen, komm in meine Arme.

Aphrodite: Wir haben es geschafft, Maischätzchen.

Jonas: Eine heiße Begrüßung. Der tote Jason wurde
derweil über die Reling befördert, und der letzte
noch fehlende Stein im großen Kalisperapuzzle
klickte ein.

Jacky: Eigentlich klar. Jemand im Parnassis-
Hauptquartier mußte am Coup beteiligt sein.

Jonas: Und wer ist geeigneter als die Person, die
für die Kalispera zuständig ist.

Jacky: Ich nehme an, Mai und Aphrodite haben die
Sache gemeinsam geplant.

Jonas: Mai hat die Kalispera in ihre Gewalt
gebracht, und Aphrodite hat dafür gesorgt, daß die
Gelder aus Babylon weiter flossen.

Jacky: Bis Frau von Kohlen und Reibach was merkte
und den alten Parnassis anspitzte.

Jonas: Da wurde den beiden die Sache zu heiß. Sie
beschlossen ein Ende zu machen.

Jacky: Und dabei noch mal ganz groß abzukassieren.
Hm, Mai kennt Karla, sie war vor Jahren bei der
Stadtguerilla.

Jonas: Ach was? Das wußte ich nicht.

Jacky: Aber der GD. Mai nahm Verbindung zu Karla
auf und überredete sie, die Kalispera zu
kidnappen. 500 betuchte Greissinnen und Greise,
das hätte ein gewaltiges Lösegeld gegeben.

Jonas: Es gab ein gewaltiges Lösegeld. 100
Millionen in Diamanten. Nur Karla hat nichts
davon.

Jacky: Sie hat ihre Rolle ausgespielt. Es wird ihr
gehen wie Jason Parnassis und wie ihren fünf
Stadtguerilleros. Und das ist gut so.

Jonas: Jonas sah das anders. Jonas hatte was übrig
für Karla, außerdem, Jonas gehörte nicht zum GD
und hatte nicht den Auftrag, die Stadtguerilla zu
liquidieren. Abwarten. Die Schöne und das Biest
hatten sich inzwischen voneinander gelöst. Es gab
viel zu tun. Die letzte Runde war eingeläutet.

Mai: Maschinen stop! Laßt das große Rettungsfloß
zu Wasser. Aphroherzchen, kümmerst du dich um
Karla?

Aphrodite: Liebend gern. Und du, Maischätzchen?

Mai: Ich gehe nach unten und aktiviere die Bombe.

Aphrodite: Hm.

Mai: Du kommst mit, Juli. Bin gleich wieder da,
Herzchen.

Jonas: Aphrodite warf ihr eine Kußhand zu,
graziös, hinreißend. Dann ließ sie sich eine
Maschinenpistole geben und trieb Karla vor sich
her, bis an die Reling. Karla sollte springen. Sie
wollte nicht, verständlicherweise. Jonas zog den
Laser.

Aphrodite: Spring!

Jonas: Es war Zeit, einzugreifen.

Aphrodite: Spring endlich, du Schlampe!

Jonas: Aphrodite wurde ungeduldig.

Aphrodite: Wie du willst, dann helf ich nach.

Jacky: Jonas, was tun Sie?

Jonas: Ich ziele.

Jacky: Auf Karla?

Jonas: Nein, auf Aphrodite.

Aphrodite: Ah!

Jonas: Getroffen.

Sam: Blow the mandownblow...

Jacky: Mein Laser, er funktioniert nicht.

Jonas: Ich habe mir erlaubt, ihn zu entladen,
heute nacht, als Sie schliefen.

Jacky: Aber wieso? Wir arbeiten doch zusammen.

Jonas: Nicht gegen Karla.

Jacky: Ich muß mich doch wehren. Die schießen auf
uns.

Jonas: Keine Angst, mit den paar Monaten wird
Jonas ganz allein fertig.

Jonas: Außerdem war ja Karla auch noch da. Sie
hatte sich Aphrodites Maschinenpistole geschnappt,
war hinter einem Schornstein in Deckung gegangen,
und half tatkräftig mit, Mai’s Leute
auszuschalten. Das war bald erledigt. Jonas stieg
aus dem Boot und machte Karla klar, wer er war.
Immerhin sah ich noch aus wie der gute alte
Jodokus. Wir hielten uns nicht lange auf mit
Begrüßungen und Erklärungen, an Deck war alles
klar, aber unter Deck gab’s noch einiges zu tun.
Für Jonas, für Karla, und für Jackie. Die mußte
mit, ob sie wollte oder nicht, sie fand sich im
Schiffsbauch am besten zurecht. Wir schlichen uns
an, leise, vorsichtig, hielten uns außerhalb des
Lichtkegels. Von dem Krawall an Deck hatten Mai
und Juli offenbar nichts mitbekommen. Mai war
dabei, den Zeitzünder für die Sprengladung
einzustellen, in aller Ruhe, ihre MP hatte sie
abgelegt, Juli paßte auf, er wirkte nervös, statt
Ausschau zu halten, sah er Mai auf die Finger.
Karla erschoß ihn, dann griff sie sich seine Waffe
und die von Mai. Mai fuhr hoch.

Mai: Jonas!

Jonas: Alias Jodukus nebst Begleitung, bleiben Sie
stehen, Mai.

Jacky: Nehmen Sie die Hände hoch.

Jonas: Jacky, Sie greifen ihr in die Kitteltasche
und nehmen den Schlüssel zum Käfig. So, schließen
Sie auf, holen Sie die Alten raus.

Jonas: Karla half ihr, Jonas behielt Mai im Auge
und im Visier seines Lasers. Es dauerte ein
bißchen, bis alle Alten draußen waren, sie waren
klapprig und vollgepumpt mit Ruhigstellern, die
zwei Frauen zerrten und schoben und zogen, bis der
Käfig leer war. Genügend Platz für eine einzelne
Person mit breiten Schultern. Mai zierte sich,
aber ein frisches Laserloch im Kittelsaum
überzeugte sie schnell. Jonas schloß ab und
steckte den Schlüssel ein. Der neue Aufenthaltsort
gefiel Mai gar nicht. Sie wollte raus.

Mai: Die Bombe! In einer halben Stunde geht sie
hoch, lassen Sie mich raus!

Jonas: Richtig, die Bombe, tickt munter vor sich
hin.

Sam: Fire, fire, fire down below, fetsche backe
tofotabeus, fire down below.

Jonas: Singen kannst du, Sammy.

Sam: Ja.

Jonas: Aber kannst du auch den Zünder
deaktivieren?

Sam: Ja aber ganz gewiß doch, Hochwürden, gib mir
nur ein zwei Stündlein Zeit, bis daß ich den
Speicher vom Programm befreit.

Jonas: Das dauert zu lange. Alternativvorschlag?

Sam: Laß ticken Kumpel und hau ab.

Jonas: Auch gut. Alle Mann an Deck.

Sam: Und alle Frau. Und alle Computer.

Jonas: Eine Frau bleibt hier.

Mai: Nein! Lassen Sie mich raus!

Jonas: Wir dachten nicht daran. Wir hatten
genügend damit zu tun, die Alten nach oben zu
scheuchen und das Rettungsfloß für sie klar zu
machen. Jemand mußte das Floß übernehmen, bei den
Alten bleiben.

Karla: Wer macht das?

Jonas: Sie natürlich, Jacky.

Jacky: Warum ich? Ich bin keine
Seniorenbetreuerin.

Jonas: Sie sind im öffentlichen Dienst.

Sam: Im öffentlichen Dunst, haha, das ich nicht
kichere.

Jonas: Sie haben geschworen, das Wohl Babylons und
aller seiner Bürgerinnen und Bürger zu schützen.

Karla: Außerdem haben Sie keine Wahl, weil Sie
keine Waffe haben.

Jonas: Grämen Sie sich nicht, Jacky, Sie werden
einen Orden kriegen.

Jacky: Von wem? Oberst Frank?

Jonas: Von der Bürgermeisterin oder vom roten
Kreuz.

Sam: Oder von mir.

Jonas: Und denken Sie an die reichen Verwandten
unserer Alten. Die werden sich freuen, wenn sie
Opa und Oma zurückkriegen und sich erkenntlich
zeigen.

Jacky: Glauben Sie wirklich?

Jonas: Tja, wenn Sie mich so direkt fragen.

Jacky: Warum fahren Sie nicht mit den Alten,
Jonas?

Jonas: Weil ich den Helikopter nehme.

Karla: Ich komme mit.

Sam: Ich auch.

Jonas: Und der Diamantenkoffer.

Jacky: Sieh mal an.

Jonas: Treuhänderisch. Für die Großreederei
Parnassis. Sie ist meine Auftraggeberin, ich
bringe ihr das Lösegeld zurück, das gehört sich
so.

Sam: Ja, ist er nicht ethisch, mein Jonas, ist er
nicht moralisch, was, hmhm.

Jonas: Die Bombe. Ein Zittern lief durch die
Kalispera. Sie begann zu sinken, nach vorn, über
den Bug, wie einst vor 100 Jahren die Titanic,
stilvoll und würdig. Mit vereinten Kräften hievten
wir die Alten ins Rettungsfloß. Jacky übernahm das
Kommando und das Steuer, das Ruder, die Pinne, wie
immer das heißt. Jonas und Karla stiegen in den
Helikopter, wir starteten und drehten ein paar
Runden, bis die Kalispera untergegangen war, dann
verabschiedeten wir uns von Jacky und ihren
Schutzbefohlenen.

Jonas: Und jetzt Kurs Babylon.

Karla: Ich bin für Brasilien. Da fühl ich mich
sicherer.

Jonas: Mag sein, aber ich hab das Steuer.

Karla: Aber nicht mehr lange. Ich übernehme.
Lassen Sie den Knüppel los. Suchen Sie Ihren
Laser, Jonas? Den habe ich Ihnen vorhin aus der
Tasche gezogen und über Bord gehen lassen.

Jonas: Ich habe Ihnen vertraut, Karla.

Karla: Vertrauen ist gut, Jonas.

Sam: Aber Kontrolle ist besser, Dämlack, Idiot,
Volltrottel, Kackstiefel.

Karla: Also geben Sie mir schon das Steuer. Ich
würd Sie nur ungern umbringen.

Jonas: Vielen Dank. Wir tauschten die Rollen,
Karla übernahm das Steuer, sie war ein Profi und
ließ mir keine Chance. Sie behielt immer eine Hand
am Laser, und die Lasermündung zeigte auf meine
Schläfe. Karla ging tiefer.

Karla: Springen Sie ab, Jonas.

Jonas: Ins Wasser?

Karla: Ja wohin denn sonst?

Jonas: Also das finde ich ausgesprochen unnett von
Ihnen, Karla.

Karla: Ich bin sogar sehr nett zu Ihnen, Jonas,
ich fliege tief und langsam, damit Sie sich beim
Aufschlag nichts tun. Sie dürfen Ihren äh Sam
mitnehmen.

Sam: Wuäh, Sam ist wasserscheu.

Jonas: Dich fragt keiner, Sam.

Karla: Einen Rettungsring kriegen Sie auch, nur
den Diamantenkoffer, den nehme ich, für die
Revolution, alle hopp.

Jonas: Wir sehen uns, Karla.

Sam: Jironimo.

Karla: Adios, Jonas!

Jonas: Glühende Mittagshitze, absolute Windstille.
Auf dem glatten Blau der Karibik treibt ein
Rettungsring, darin ein leicht verdatterter
Privatdetektiv, Sonnenbrand auf der Nase, grimmige
Gedanken im Herzen, und in der Brusttasche einen
kleinen, aber lauten Computer.

Sam: Jonnie, o I drink whisky when I can, o whisky
for my Jonnie.

Jonas: Schön wär’s, Sammy. Wir haben nicht mal
Trinkwasser.

Sam: No whisky, no cry. OK man, neues Lied, drei
vier. Rolling home, rolling home, rolling home
across the sea...

Jonas: Sammy, du nervst.

Sam: Rolling home to dear old Babylon, where my
hearts so longs to be, rolling home, rolling home,
rolling home across the sea, rolling home to dear
old Babylon, where my heart to longs to be.

Das war Traumschiff. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv sprach Bodo Primus, seinen
Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem
hörten Sie: Esther Hausmann, Philipp Moog, Tanja
Schleiff, Simone Solga, Jochen Striebeck, Saskia
Vester und andere (Michael Vogtmann, Hans Jürgen
Stockerl, Jürgen Donien, Helmut Gillitzer-Felber,
Anita Schlierf). Ton und Technik: Günter Heß und
Daniela Röder. Assistenz: Martin Trauner. Regie:
Werner Klein. Eine Produktion des Bayerischen
Rundfunks aus dem Jahr 2001 in Dolby Surround.
Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Totentanz

Wirt: Noch ein Bier, Gringo?

Jonas: Immer mit der Ruhe. Ich hab ja noch was.

Wirt: Hör zu, Gringo, du sitzt jetzt schon zwei
Stunden vor einem Bier. Bei solchen Gästen geh ich
Pleite. Hau ab, Gringo, verpiß dich.

Jonas: Der Wirt erinnerte mich sehr an seinen
Kollegen Jakob vom Casablanca. Genauso umgänglich.
Genauso liebenswürdig. Erstaunlich, wo die beiden
doch viele tausend Kilometer auseinander waren.
Die Cantina saluti pesetas stand nicht in Babylon,
sondern in Puerto Porco, im freundlichen Ländchen
Costaguana in Südamerika. Sam sagte Costamerda, er
war nämlich der Landessprache mächtig und fand es
hier genauso schön wie sein Herr.

Sam: Sammy will nach Hause.

Jonas: Jonas auch, Sam. Ich werd’ dich wohl
verkaufen müssen.

Sam: Verkaufen? Hör ich recht, wirklich und
wahrhaftiglich? Nein, das kann nicht sein, sag,
daß es nicht wahr ist, o du mein Jonas.

Jonas: Für meinen Rückflug nach Babylon brauch ich
Kohle.

Sam: Nur über meine verkohlte Leiche.

Jonas: Was soll ich denn sonst tun, Sammy, morgen
oder übermorgen ist das Geld alle.

Sam: Na und?

Jonas: Als ich Ende September in Costaguana an
Land gespült wurde, hatte ich nur ein paar Euros
in der Tasche, und die brauchte ich, weil ich mein
Jonas-Gesicht wiederhaben wollte. Vorher war ich
Jarmomir Jodokus gewesen, 96 Jahre und häßlich wie
die Nacht, dank Plastiface. Jetzt hatten wir
Oktober. Fall abgeschlossen. Traumschiff Kalispera
abgesoffen. Und Jonas hing in Puerto Porco herum,
mit seinem vertrauten Gesicht, aber ansonsten am
Ende. Der letzte Detektiv pfiff auf dem letzten
Loch.

Jonas: Morgen setze ich eine Annonce in das
schmutzige Stück Klopapier, das sich hier Zeitung
nennt. Gelegenheit. Verbaler Taschencomputer.
Nicht mehr ganz neu, aber voll in Schuß.
Selbständig und eigensinnig, äh eigenwillig, oder
eigenartig, war meinst du, Sam? Was ist besser?

Sam: Sam tritt in den Streik. Kein einziges Wort
sag ich mehr, von nun an bis in Ewigkeit. A-me-
hen.

Jonas: Wer’s glaubt, Sammy.

Sam: Nein, nicht verkaufen, bitte bitte, heul
kreisch schluchzt, was soll Sammy denn tun ohne
seinen innigst geliebten Jonas, ein armes
Waisencomputerlein wird er werden, einsam in der
bösen Welt herumirren wird er, huhuhuhu.

Jonas: Krieg dich wieder ein, Sammy. Ich werd
drüber nachdenken.

Sam: OK.

Jonas: Und darüber schlafen, in meinem Zimmer,
nicht weit, nur die Treppe hoch. Die Cantina war
nämlich auch das Grand-Hotel von Puerto Porco,
nettes Zimmer, nicht groß, nicht sauber, bewohnt
von Jonas und von vielen kleinen Tieren, munter
und bissig. Ich schlief trotzdem ein und hatte
einen merkwürdigen Traum. Ich lag im Zimmer, im
Bett und schlief. Das war nicht weiter merkwürdig,
doch dann flog durchs offene Fenster ein großer
bunter Vogel. Mit wunderschönen glänzenden Federn,
grün, rot, schwarz. Und als er im Zimmer war,
verwandelte er sich in einen Menschen, eine junge
Indio-Frau. Lange schwarze Haare. Rotbraune Haut,
viel Haut. Bekleidet war sie nur mit ein paar
grünen Federn, ein schöner Traum, dachte ich. Ich
wachte auf. Sie war immer noch da. Und lächelte
mich an.

Jamaro: So siehst du also aus, Jonas.

Jonas: Woher kennen Sie meinen Namen?

Jamaro: Du hast eine gute Aura, Jonas.

Jonas: Ich hätte mir gestern abend doch die Füße
waschen sollen.

Jamaro: Deshalb bin ich zu dir gekommen, Jonas. Du
wirst uns helfen, das weiß ich.

Jonas: Sie hieß Jamaro, sagte sie und lebte mit
ihrem Stamm im Urwald am Fuß des heiligen Berges
Juckamanie in Pueblo Mocoron. Ihr Vater war der
Kazike. Der Häuptling. Und sie selbst war die
Medizinfrau des Stammes, die Schamanin.

Jamaro: Dschilam, sagen wir, das heißt
Wahrsagerin, und Tochmen, Heilerin.

Jonas: Sehr erfreut. Jonas, nur Jonas, aber das
weißt du ja schon. Privatdetektiv meines Zeichens,
der sogenannte letzte, in Babylon, Europa. Zur
Zeit gestrandet und weit weg vom Fenster.

Jamaro: Das weiß ich. Du wirst uns helfen. Wir
werden dir helfen.

Jonas: Ich kann aber nicht heilen, und wahrsagen
schon gar nicht.

Jamaro: Das ist auch nicht nötig. Ich brauche
einen Helfer, der tatkräftig ist und entschlossen,
der keine Angst hat, einen wie dich, Jonas.

Jonas: Wenn du meinst, Jamaro. Worum geht’s denn?

Jamaro: Wir haben große Probleme mit Bio Global.

Jonas: Aha. Bio Global. Ein Weltunternehmen.
Chemie, Öl, Rohstoffe. Die südamerikanische
Filiale saß in Puerto Porco in einem gewaltigen
Komplex am Stadtrand, geschützt und gesichert.
Jonas kannte Bio Global, mit der Filiale in
Babylon war ich mal unschön zusammengerasselt.
Januar 2012. Vor dreieinhalb Jahren. Das sprach
für Jamaro.

Jamaro: Bio Global hat unser Land gekauft, nicht
von uns, von der korrupten Regierung in El Dorado,
Bio will unsere Bäume abholzen, nach Öl bohren,
unsere Erde nach Smaragden durchwühlen. Wir sollen
verschwinden, unser Dorf aufgeben, unsere
Maisfelder, unseren Wald, unseren heiligen Berg.
Mein Vater, der Häuptling, ist nach Puerto Porco
gekommen, Bio Global hatte ihn eingeladen, um mit
ihm zu verhandelt, aber das war eine Lüge, Bio
hält ihn fest und droht ihn umzubringen, wenn wir
unser Land nicht aufgeben.

Jonas: Typisch.

Jamaro: Ich bin gekommen, um meinen Vater zu
befreien, und dazu brauche ich deine Hilfe, Jonas.
In der Stadt ist meine Magie nicht stark genug, zu
viel Steine, zu viel Technik, du kennst dich damit
aus und du besitzt ein Werkzeug, das künstliche
Labyrinthe überwindet und stärkste Barrieren
durchbricht.

Jonas: Werkzeug? Ach du meinst meinen Computer.
Stell dich vor, Sammy.

Sam: Samuel. Für wilde Weiber, die nur drei Federn
am Hintern tragen, Herr Samuel. Sir. Von und zu.
Und ein Werkzeug, Verkehrteste, ist man schon gar
nicht, man ist ein Hirn, ein Superhirn, es ist der
schiere Intellekt, der in dem kleinen Sammy
steckt, der pure Geist, der alles weiß, auch jeden
Scheiß.

Jonas: Nimm ihn nicht wörtlich, Jamaro. Sam redet
gern und viel. Zu viel Sprachprogramme. Aber was
Codes angeht und elektronische Sperren, da ist er
wirklich ein Ass.

Sam: Man dankt gnädigst.

Jamaro: Komm Jonas, es wird bald morgen.

Jonas: Ich hatte mal eine Hexe gekannt in Babylon,
Megan hieß sie, das war keine gute Erfahrung, aber
Jamaro gefiel mir. Ihre Art. Ihr knappes Gefieder.
Ihr Anliegen. Es ging gegen Bio. Jonas kam mit. –
Der Mond schien auf den Bio-Komplex, der Mond und
zahllose Scheinwerfer auf hohen Masten. Sie
standen rund um einen gewaltigen Betonquader, 50
Meter hoch, mindestens. Keine Fenster, statt
dessen Malereien in freundlichen Pastellfarben,
putzige Tiere, bunte Blumen. Das war Bios Masche.
Vorn sorgte Bio sich um die Umwelt, die sie hinten
tatkräftig ausrottete. Eine einzige Tür, davor ein
Wächter mit Laserstrahler. Jamaro und Jonas
hockten hinter einem Busch und überlegten.

Sam: Abschießen, den Typ. Umnieten. Kaltmachen.

Jamaro: Es ist blutdürstig, das kleine Hirn.

Jonas: Ach was, Sam bläst sich nur auf. Wie
meistens.

Sam: Was?

Jonas: Der Mann macht doch bloß seinen Job, Sammy.
Auch wenn ich ihn umbringen wollte, womit denn?
Hab ich einen Laser, hab ich einen Revolver?

Sam: Ne.

Jamaro: Überlaß ihn mir, Jonas. Er ist ein Indio.

Jonas: Jamaro ging auf den Wächter zu. Er starrte
sie an, sie machte eine Bewegung mit der linken
Hand, er ließ den Laser fallen, eine zweite
Handbewegung, er fiel um und blieb liegen mit
offenen Augen.

Jamaro: In zwei Stunden wird er aus seiner Starre
erwachen.

Jonas: Das sollte reichen. Jetzt die Tür. Sam?

Sam: Ja?

Jonas: Du bist dran. Beeil dich.

Sam: Hahaha, leicht dahingesagt, euer
Klugschwätzen, doch nicht so leicht vollbracht,
wer muß sie denn machen die Knochenarbeit, hm, der
Knackerei, nicht der kommandiere Herr
Chefdetektiv, nicht die wilde Indianerin mit ihrem
Hokus-Pokokus, nein, der arme Computer, wer sonst.
Das Werkzeug soll sich schinden, o weh, o jäh, das
Leben ist hart und zäh.

Jonas: Zu schwer für dich, Sammy?

Sam: Na.

Jonas: Das läßt ein stolzer Computer sich nicht
zweimal sagen. Die Tür sprang auf, dahinter ein
Foyer, überall Holocams,
Standardsicherheitssystem, von Sam sofort
infiltriert, wer immer wo immer auf die Monitore
glotzte, sah das übliche, leere Räume,
Standbilder. Jamaro ging voran, sie wußte, wo ihr
Vater steckte, obwohl sie nie hiergewesen war, sie
spürte es, irgendwie. Wir fuhren im Lift nach
unten, bewegten uns vorsichtig durch Gänge und
Sicherheitsschleusen, Sam hatte ordentlich zu tun,
dann waren wir da, in einem hellen Raum,
weißgekachelt, ausgestattet mit einem
Operationstisch, einer Badewanne, einer starken
Batterie, diversen Brenn- und Schneidewerkzeugen,
auf dem Tisch lag ein alter Indio, angeschnallt,
blutig, bewußtlos und unförmig dick.

Jamaro: Mein Vater, Ballam ist sein Name.

Sam: Ballermann?

Jamaro: Das heißt Jaguar.

Sam: Aha, na ja, ein ausgesprochen fetter Jaguar,
wenn Sie mich fragen, Herr Doktor.

Jonas: Dich fragt aber keiner, Sam.

Sam: Na denn nicht.

Jamaro: Ein Häuptling ist stattlich, so muß es
sein. Sein Leib verkündet seine Würde. Sie haben
ihn gefoltert.

Jonas: Offensichtlich. Wie kriegen wir ihn hier
raus? Laufen wird er nicht können, und tragen...

Sam: Och jo, 3 Zentner, und das reicht nicht mal.
Soll sie doch was zaubern, unsere Miss Hokus-
Pokokus.

Jonas: Und das tat sie tatsächlich. Die Fesseln
lösten sich, der massige Körper des bewußtlosen
Häuptlings hob sich ein paar Zentimeter in die
Höhe. Levitation nennt man das, und eigentlich
gibt es so was nicht. Jamaro zog ihren Vater
hinter sich her, wie mit einem starken Magneten,
den Weg zurück, den wir gekommen waren. Es ging
langsam, Jamaro hatte Mühe, Schweiß trat ihr auf
die Stirn, sie bewegte sich im Zeitlupentempo. Als
wir den Ausgang erreichten, konnte sie nicht mehr.
Papa fiel auf die Erde und blieb liegen. Jamaro
lehnte sich schwer atmend an die Mauer.

Sam: Da liegt der alte Häuptling der Indianer.

Jamaro: Es geht nicht mehr, meine Kraft ist
erschöpft. Hilf mir, Jonas, hilf mir, meinen Vater
nach Hause zu bringen.

Jonas: Wir müssen ihn transportieren. Frage wie.

Sam: Schubkarre.

Jonas: Zu anstrengend und zu langsam. Mir fällt
was besseres ein.

Sam: Det glob ich nich.

Jonas: Die Großgarage von Bio lag gleich neben dem
Hauptgebäude. Sam knackte die Tür. Innen gab’s
eine Menge LKW, ein paar Prunkkarossen und
Geländewagen, und eine Harley Davidson, eine 250er
mit Beiwagen. Eine echte Antiquität aus dem
vorigen Jahrhundert, vermutlich das Spielzeug des
Direktors. Ich schob die Maschine raus, mit großer
Mühe bugsierten wir den Häuptling in den Beiwagen,
der Morgen dämmerte.

Jonas: Uff. Du steigst hinten auf, Jamaro.

Jamaro: Nein, Jonas, ich fahre.

Jonas: Ja kannst du das denn?

Jamaro: Ich habe es in El Dorado gelernt, als ich
auf der Universität war. Danke, Jonas, leb wohl.

Jonas: Sehen wir uns wieder, Jamaro?

Jamaro: Möglich ist alles.

Jonas: Du wirst mich noch brauchen, Jamaro, Bio
ist noch nicht fertig mit euch. Ich glaub nicht,
daß du’s allein schaffst.

Jamaro: Das wird sich zeigen. Wir bleiben in
Verbindung, Jonas.

Jonas: Die Harley verschwand in der Tropennacht.
Für Jonas hieß es zurück ins Zimmer. Noch eine
Runde schlafen, bevor der neue Tag da war.

Wirt: Du brauchst Geld, Gringo.

Jonas: Ach was.

Wirt: Bei Bio Global suchen sie Leute.

Jonas: Ach ja?

Wirt: Spezialisten. Kämpfer. Söldner. Du siehst so
aus, Gringo.

Jonas: Wie sehe ich aus, Cantinero?

Wirt: Wie einer, der was vom Töten versteht. Geh
zu Bio, Gringo, sie nehmen dich, du kriegst Geld,
du bezahlst deine Rechnung.

Jonas: Gute Idee.

Wirt: Eswerdat, Gringo.

Jonas: Also wieder zum Biokomplex, und diesmal bei
Tageslicht, offen und legal. Commandante Ramirez,
der Sicherheitschef, hatte Zeit für mich. Ein
kleiner drahtiger Mann mit Schnauzbart in einer
Art Operettenuniform, kurze schwarze Jacke mit
silbernen Litzen, wo es sich irgend machen ließ,
schwarze Reithosen, blankgewichste Stiefel mit
riesigen Silbersporen, auf dem Tisch ein schwarzer
Sombrero, groß wie ein Wagenrad, bestückt mit
Medaillen und alten Silberdollars. Aber der Typ
war moderner als er aussah.

Ramirez: Verstehen Sie was von Robokillern, Senior
Jonas?

Jonas: Sie haben Robokiller?

Ramirez: Einen. Aus amazonischen Heeresbeständen,
nicht das allerneueste Modell, war jahrelang
eingemottet, aber für den Dschungelkrieg
programmiert, und insofern mehr als ausreichend.
Wir haben es ja bloß mit Indios zu tun, also
Macheten, wenn’s hochkommt ein paar alte
Schrotflinten, ein Spaziergang. Sie haben mit
Robokillern gearbeitet, Senior Jonas?

Jonas: Im antarktischen Krieg. Ich war beim 9.
Guerillakommando.

Ramirez: Ah, Respekt. Willkommen bei der Bio-
Truppe, Tenjente Jonas.

Jonas: Nicht so schnell, Commandante. Was zahlen
Sie?

Ramirez: Ah, der Profi. Das wichtigste zuerst,
nicht wahr. Bio Global ist großzügig. 30.000
Peseten gleich 500 Dollar.

Jonas: 1000 Euros. Nicht schlecht.

Ramirez: Pro Woche. Im Voraus. Na, wie sieht’s
aus? Morgen früh geht’s los.

Jonas: Morgen schon?

Ramirez: Wir hätten es gern in Ruhe geregelt mit
dem Häuptling, aber der ist uns heute Nacht
ausgerissen. Keine Ahnung, wie er es gemacht hat,
er ist weg, und die Harley vom Chef auch.

Jonas: Was Sie nicht sagen, Commandante.

Ramirez: Das heißt Großeinsatz. Hart und schnell.
Robokiller, Helikopter. Alles was wir haben.
Machen Sie mit.

Jonas: Si, Commandante, sagte ich. Ich dachte an
die Euros, an die Rückkehr nach Babylon, aber vor
allem dachte ich an Jamaro, daran daß ich was für
sie tun konnte, als Undercover-Agent, als
Maulwurf, als fünfte Kolonne. In der
Morgendämmerung ging es los, zuerst per LKW, dann
als der Wald dichter wurde, zu Fuß. 20 Biokämpen,
Leutnant Jonas, und ein verbeulter angerosteter
Robokiller, hoch darüber Kommandante Ramirez im
Helikopter. Der Robokiller knarrte und quietschte
und kam nur mühsam vom Fleck.

Ramirez: Hier Condor. Condor ruft Tapir. Melden
Sie sich, Tapir. Hier Condor.

Jonas: Hier Jonas, äh, Tapir meine ich. Was
gibt’s, Commandante.

Ramirez: Lassen Sie ihre Leute kurz ausruhen,
Tenjente, genau 13 Uhr 30 greifen wir an. Over and
out.

Jonas: Sie mich schon lange.

Jonas: Die Sonne stand hoch, als wir eine Lichtung
im Urwald erreichten. Von hier war es nicht mehr
weit bis zum Indiodorf.

Jonas: Halt, Pause!

Jonas: Ich wurde nervös, wo blieb Jamaro?

Jamaro: Jonas? Jonas, hörst du mich?

Jonas: Jamaro, endlich. Was soll ich tun?

Jonas: Ich hörte sie, deutlich und klar. Nicht im
Walkie-talkie, nicht mit den Ohren. Jamaros Stimme
war in meinem Kopf. Telepathie, Schamanenzauber,
oder wie Sammy sagen würde, Hokus Pokus.

Jamaro: Nichts, Jonas. Du brauchst nichts zu tun.
Mit den Eindringlingen werde ich allein fertig.
Auf meine Weise, bleib sitzen, rühr dich nicht,
warte.

Ramirez: 13 Uhr 30, Tenjente. Angriff! Auf sie mit
Gebrüll. Ich fliege voraus und schieße ihnen den
Weg frei, keine Gefangene, lassen Sie keinen...

Jonas: Die Verbindung zu Ramirez riß ab. Plötzlich
setzte ein starker Wind ein, fegte über den
Urwald, ich sah nach oben, der Himmel war
wolkenlos, der Kommando-Helikopter geriet ins
Trudeln, große Vögel stürzten sich auf ihn, Geier,
von allen Seiten, sie hackten und krallten,
verdeckten die Fenster, der Rotor setzte aus, der
Helikopter trudelte stärker, stürzte, verschwand
hinter den Bäumen, ein Knall, eine Flamme, ein
dunkler Rauchpilz.

Jonas: Astaluego, Commandante Ramirez.

Jamaro: Nun siehst du es, Jonas. Auf meinem
eigenen Territorium bin ich stark.

Jonas: Ich sehe es, Jamaro, und ich bin
beeindruckt.

Jamaro: Es geht weiter, Jonas, sieh wieder nach
unten, sieh dich um.

Jonas: Auch die Bodentruppe war in
Schwierigkeiten, meine 20 Biokrieger hüpften,
rannten, ließen ihre Waffen fallen, wälzten sich,
wie von der Tarantel gestochen, aber es war keine
Taranteln, es waren... Bienen, Killerbienen, ganze
Schwärme gelber Killerbienen. Nicht zu vergessen
die roten Wanderameisen. Sie stürzten sich auf den
Robo-Killer, drangen in ihn ein, zerbissen seine
Kabel, fraßen seine Schaltungen, bis er umfiel. Um
ihn, über ihm, ein gigantisches rotes Gewimmel.
Der Robokiller zerfiel in Einzelteile, löste sich
auf.

Jamaro: Jetzt machen wir ein Ende, Jonas, bleib
ganz ruhig, hab keine Angst, dir wird nichts
geschehen.

Jonas: Die Indios kamen. Wie Schatten tauchten sie
auf zwischen Jakarandas und Tschiklebäumen, hinter
Lianen und Orchideen. Sie waren nackt, grüne
Kriegsbemalung auf rotbrauner Haut, bewaffnet
waren sie mit Blasrohren und mit Macheten. Es
dauerte nur wenige Minuten, dann waren die
Biosöldner tot. Alle. Bis auf Jonas. Der saß
hinter einer unsichtbaren Schutzwand, nichts und
niemand drang durch zu mir, kein Tier, kein Indio.
Der Wind legte sich, es wurde still.

Jonas: Gratuliere Jamaro, ihr habt gewonnen,
Invasion abgewehrt.

Jamaro: Danke Jonas. Es war nicht leicht.

Jonas: Aber das ist noch nicht der Endsieg. Bio
Global wird’s wieder versuchen. Da bin ich sicher.

Jamaro: Ich werde es früh genug erfahren, durch
dich, Jonas.

Jonas: Natürlich, aber wie?

Jamaro: Wenn es nötig ist, werde ich dasein,
Jonas, bei dir, in dir, wir bleiben in Verbindung.
Bis bald.

Jonas: Ich marschierte zurück nach Puerto Porco,
machte Meldung, nicht ganz wahrheitsgetreu, aber
überzeugend. Tenjente Jonas wurde zum Commandante
befördert. 2000 Euros die Woche. Ansonsten machte
der Krieg Pause. Drei Tage später. Commandante
Jonas wurde in den Bio-Komplex befohlen. Großer
Kriegsrat im kleinen Kreis. Big Boss war da. Don
Miguel Perez Escobar, Filialdirektor von Bio
Global, weißhaarig, würdig, langweilig, lahm. Und
ein noch größerer Boss bzw. Bossin, Miss Anna
Plotz, Vizepräsidentin von Bio Global, aus der
Zentrale in New York, jünger, bissig,
messerscharf, wie die Bügelfalten in ihrem
eleganten schwarzen Business-Suit. Sie ließ sich
berichten, vom provisorischen Sicherheitschef,
Commandante Jonas.

Anna Plotz: Danke Commandante, soweit, so
schlecht. Wir haben Zeit verloren.

Escobar: Und zwei Dutzend Sicherheitsleute, und
einen Robokiller, ganz zu schweigen vom
Helikopter.

Anna Plotz: Das ist nicht das Problem, Miguel.
Sicherheitskräfte lassen sich ersetzen, Maschinen
auch, unser Image macht mir Sorgen, hier, der
Daily New Yorker von gestern: nackte Wilde führen
High-Tech-Konzern vor.

Escobar: Peinlich.

Anna Plotz: Peinlich? Unmöglich, unerträglich.

Escobar: Ganz Ihrer Meinung, Anna.

Anna Plotz: Na also.

Escobar: Also was?

Anna Plotz: Was schlagen Sie vor, Miguel? Wie
gedenken Sie die Sache in den Griff zu kriegen?

Escobar: Nun, äh, wir werden neue Söldner
anwerben.

Anna Plotz: Selbstverständlich. Und?

Escobar: Wir könnten den Dschungel in Brand
stecken, die Indios ausräuchern.

Anna Plotz: Na wunderbar, wir verbrennen das
kostbare Tropenholz, das wir eigentlich verwerten
wollen. Kommt nicht in Frage.

Escobar: Vielleicht sollten wir einen
Nuklearangriff mit einer Baby-Bombe.

Anna Plotz: Und das Gebiet auf Jahre
kontaminieren? Schwachsinn. Weitere Vorschläge.
Ich warte, Miguel.

Escobar: Ich weiß nicht, äh, so auf die Schnelle.

Anna Plotz: Also keine Vorschläge ihrerseits. Gut,
ich nehme das zur Kenntnis.

Escobar: Aber ich habe doch, wenn Sie alles
ablehnen, Anna.

Anna Plotz: Was Sie vorgelegt haben, Miguel, ist
unbrauchbar, totaler Schrott.

Escobar: Dann machen Sie doch einen Vorschlag.

Anna Plotz: Ich werde viel mehr tun, Miguel. Sie
haben versucht, ein unkonventionelles Problem mit
konventionellen Mitteln zu lösen. Damit sind Sie
natürlich gescheitert. Jetzt machen wir’s auf
meine Weise. Unkonventionell. Ich habe Ihnen aus
New York was mitgebracht.

Jonas: Es wurde interessant. Commandante Jonas
wurde hellwach. Durch die Tür spazierte ein
seltsames Paar. Ein alter Mann, schlitzäugig,
schmutzig-gelbe Hautfarbe, viel Haut war
allerdings nicht zu sehen. Der Alte trug einen
überlangen Mantel aus Leder, der vor Dreck
starrte, dazu Filzstiefel und eine Pelzmütze,
verziert mit zwei Hörnern, an seinem Gürtel hing
ein Menschenschädel, in der Hand hielt er einen
großen runden Holzrahmen mit einer Membrane
bespannt und einen menschlichen Schenkelknochen.
Um ihn war eine starke Aura, alter Schweiß,
ranziges Fett, verrotteter Abfall, verwestes
Fleisch. Sein Begleiter war das ganze Gegenteil,
ein smarter junger Mann, vielleicht etwas zu
smart, zu modisches Outfit, zu dicke Rolex.

Jemeljan: Hi, Jemeljan mein Name, nennen Sie mich
Jim, ich bin der Dolmetscher, der Wärter, der,
katschkasatsch, wie sagt man, Assistent von
Utschym Schetan.

Schetan: How. Utschym Schetan. How.

Jemelja: Utschym Schetan ist ein großer Schamane
vom Stamm der Ewenken in Sibirien.

Escobar: Ein Schamane?

Jemeljan: Ein schwarzer Schamane, ein böser
Schamane, er steht in Verbindung mit bösen
Geistern, mit dem Teufel, sagt man.

Schetan: How.

Escobar: Anna, was soll das?

Anna Plotz: Die Kompania, die sogenannte russische
Mafia.

Jemeljan: Nicht dieses Wort, bitte.

Anna Plotz: Die Kompania bietet ein spezielles
Serviceprogramm an, Rent a Schaman, und genau das
habe ich für Bio Global getan. Hier ist der beste
Schamane, der in ganz Rußland aufzutreiben war.

Schetan: How.

Anna Plotz: Wir werden die Schamanin der Indios
mit unserem Schamanen bekämpfen. Homöopathie, wenn
Sie so wollen, den Teufel mit dem Belzebub
austreiben, oder mit dem Schetan.

Schetan: Schetan. How.

Escobar: So, was kann er denn, Ihr Schamane?

Jemeljan: Viel, sehr viel. Er kann Wetter machen.

Schetan: How.

Jemeljan: Er kann Menschen und Tiere töten auf,
wie sagt man, mentale Weise.

Schetan: How.

Jemeljan: Er kann die Waffen der Gegner verhexen.

Schetan: How.

Jemeljan: Er kann Menschen verwandeln in,
katschkasatsch, wie sagt man, Berserker.

Schetan: How.

Jemeljan: Sie werden weiterkämpfen, auch wenn sie
schwer verwundet sind, auch wenn sie schon fast
tot sind, werden sie kämpfen, und nichts kann sie
aufhalten.

Schetan: How. How. How.

Anna Plotz: Hört sich gut an, Jim. Er soll uns was
zeigen, lassen Sie ihn, äh, wie sagt man,
schamanisieren.

Jemeljan: Machen wir. Utschym, dawei.

Schetan: How. How How...

Jonas: Der Schamane schlug mit dem Knochen auf die
Handtrommel, grunzte und schwankte von einem Fuß
auf den anderen, ein ungelenker Tanzbär. Plotz und
Escobar sahen fasziniert zu. Ich machte mir
Sorgen, die neue Entwicklung gefiel mir nicht,
ganz und gar nicht. Ich machte die Augen zu und
rief Jamaro in Gedanken, laut und unhörbar.

Jamaro: Ich bin hier, Jonas. Ich war die ganze
Zeit hier und hab alles gehört.

Jonas: Und? Hast du Angst?

Jamaro: Angst? Nein. Doch, ein wenig. Der schwarze
Teufel ist ein gefährlicher Gegner.

Jonas: Was wirst du tun?

Jamaro: Ich muß mich auf ihn einstellen, mich auf
den Kampf vorbereiten, zur Sicherheit neue Kraft
schöpfen, damit ich ihm auf jeden Fall gewachsen
bin.

Jonas: Und wie soll das gehen?

Jamaro: Ich werde sterben.

Jonas: Was?

Jamaro: Und wieder auferstehen. Noch heute werde
ich mich in den Wald zurückziehen, eine Nacht und
einen Tag werde ich schlafen wie eine Tote. Ich
werde entsetzliche Träume haben, Dämonen werden
mich töten, mich zerstückeln, mein Fleisch essen,
wenn ich erwache, muß ich mich zwei Tage lang
erholen, dann bin ich stark und kann es mit dem
schwarzen Teufel aufnehmen. Leb wohl, Jonas.

Jonas: Jamaro! Weg war sie. Das war ein Fehler.
Sie hätte noch bleiben sollen, wenigstens ein paar
Minuten. Ich machte die Augen auf, die Trommelei
hatte aufgehört. Der Schamane und sein Bärenführer
steckten die Köpfe zusammen, Utyschym Schetan
fuchtelte mit den Armen, redete, irgendwas war
los.

Jemeljan: In diesem Raum ist ein Verräter, sagt
er.

Escobar: Unsinn, wir sind unter uns.

Jemeljan: Utschym Schetan hat ihn entlarvt.

Schetan: How.

Jemeljan: Der Verräter steht in Verbindung mit der
Medizinfrau der Indios durch, wie sagt man,
Telepathie. Utschym Schetan hat ihr Gespräch
abgehört.

Schetan: How.

Anna Plotz: Wer ist es? Wer ist der Verräter?

Jemeljan: Utschym, dawei.

Schetan: How. How. How. How.

Jemeljan: Der ist es.

Escobar: Commandante Jonas?

Jonas: Ich wollte den Laserstrahler ziehen, aber
ich konnte nicht, ich konnte kein Glied rühren.
Der Schamane war ganz nah, er stierte mir ins
Gesicht mit seinen bösen Schweinsaugen, sein
Gestank verpestete die Luft, ich rief Jamaro, aber
die Verbindung war abgebrochen. Sicherheitskräfte
kamen.

Anna Plotz: Entwaffnen. Fesseln!

Jonas: Nahmen mir den Laser weg, verschnürten
mich. Der Schamane drehte sich um.

Schetan: How.

Jonas: Und redete weiter mit Jemeljan.

Schetan: How.

Jemeljan: Aha. Meine Herrschaften, Utschym hat
etwas sehr interessantes erfahren.

Schetan: How.

Jemeljan: Unsere Gegnerin, die Indiofrau, ist für
mehrere Tage außer Gefecht. Sie befindet sich in,
wie sagt man, Trance, in, wie sagt man, Katatonie.
Man nennt das Schamanenkrankheit. Schamanen tun
das, um Energie zu gewinnen.

Schetan: How.

Anna Plotz: Großartig, dann greifen wir gleich
morgen an.

Escobar: Das geht nicht, Anna, wir haben weder
Robokiller noch Helikopter. Ersatz ist bestellt,
aber bis er hier ist.

Anna Plotz: Robokiller, Helikopter, brauchen wir
alles nicht. LKWs haben Sie doch, Miguel, oder?

Escobar: Sicher, aber was nützen uns LKWs, wenn
wir keine Söldner haben.

Anna Plotz: Söldner brauchen wir auch nicht.

Escobar: Wie bitte?

Anna Plotz: Wir holen uns Leute aus den Slums von
Puerto Porco, arme Schlucker, für ein paar Dollar
tun die alles, soviel wir kriegen, egal wie alt,
egal in welcher Verfassung.

Escobar: Und die sollen für Bio kämpfen?

Anna Plotz: Wie die Berserker. Dafür wird Utschym
Schetan sorgen.

Schetan: How.

Escobar: Wie Sie meinen, Anna, und wer soll den
Angriff leiten? Ich darf Sie darauf hinweisen, daß
wir zur Zeit keinen Sicherheitschef haben, äh,
vielleicht könnte ich unter Umständen...

Anna Plotz: Machen Sie sich nicht ins Hemd,
Miguel. Sie bleiben schön hier und fangen schon
mal an, Ihren Schreibtisch auszuräumen. Sie gehen
demnächst in Pension. Den Angriff morgen, den
kommandiere ich, persönlich.

Schetan: How.

Jemeljan: Und dieser, wie heißt er, Commandante
Jonas, was machen wir mit ihm?

Anna Plotz: Ein gefährlicher Typ. Wir nehmen ihn
mit, der Schamane soll ihn im Auge behalten.

Schetan: How, how, how.

Jonas: Vorerst steckten sie Jonas in den Knast,
nicht in den Folterkeller. Dazu hatten sie keine
Zeit. Weil sie in die Slums ausschwärmen und Leute
anheuern mußten. Ich kam in eine kleine kahle
Zelle. Nichts zu essen, nichts zu trinken. Aber
Gesellschaft. Sam hatten sie mir nicht
weggenommen. Leider.

Sam: Schamanen. Telepathie. Hexerei. Hokus Pokus.
Fauler Zauber. Igitt. Pfui Teufel. Mit so was läßt
er sich ein, mein Jonas, die klare Stimme der
Vernunft, die da genannt wird Samuel, hört er auf
dieselbe, hm, beherzigt er dieselbe? Mitnixen,
mitnichten, ich meine nix da, ne, abschalten tut
er mich, vergessen tut er seinen getreuen
Computer. Und porke, weshalb, hm, wosod
inwieferne, weil er verstockt ist und stupide, ein
typischer Mensch halt, wir sehen ja, was es ihm
gebracht hat. Wer sich mit Schamanen abgibt, kommt
dabei um. Sagt der weise Bosequo.

Jonas: Wenn es nicht Willy Wutzke war, der
Weltweise aus Waiblingen, hör auf mit der
Gardinenpredigt, Sam. Ich leb ja noch.

Sam: Ja ja, noch, noch, noch, schon morgen,
schwant mir, wird Sam mit Tränen in den Augen ein
Blümlein pflanzen auf ein frisches Grab, als
allerletzten Gruß an seinen Herrn und Meister, der
ihm trotz allem so ans Herz g’wachset war.

Jonas: Du hast kein Herz, Sammy. Schluß mit der
Unkerei. Sag mir lieber, wie ich hier rauskomme.

Sam: Nun ja, hm, schwierig, womöglich gar
impossiblie.

Jonas: Du weißt es also auch nicht.

Sam: Frag doch deine Schamanin, sie hat dich
reingeritten, soll sie dich auch wieder
rausreiten. Apropos reiten. Du bist doch bloß
scharf auf diese nackte Wilde, hä, diese wilde
Nackte, gibt’s zu, du Lustmolch, du geiles
Böckchen.

Jonas: Und warum nicht, sie sagt wenig und sie
sieht sehr gut aus viel besser als du.

Sam: Nur Blut kann sie tilgen, die tödliche
Schmach. Geben Sie Satisfaktion, Sier.

Jonas: Ach halt doch endlich das Maul.

Sam: Die Ente ist ein Schnabeltier, eins und zwei
und drei und vier. So.

Jonas: Es war eine kleine Karawane, 3 LKW, voll
mit Gesindel, Pack, Pöbel, Jammergestalten, mager
und zerlumpt, mit Macheten und Knüppeln, Flinten
hatten nur wenige, dahinter der fahrende
Kommandostand, ein Jeep Cherokee, rund 30 Jahre
alt, Besatzung Anna Plotz, ein Fahrer, der
Schamane mit seinem Wärter, hinten drin lag Jonas,
gefesselt. Der Weg wurde schmaler, die Wagen
blieben stehen. Ab jetzt hieß es laufen, wie beim
letzten Mal. Mir banden sie die Beine los und der
Fahrer zog mich am Strick hinter sich her. Es ging
langsam voran, auch wenn wir diesmal keinen lahmen
Robokiller hatten. Der Haufen war undiszipliniert
und schlecht zu Fuß. Am frühen Nachmittag
passierten wir die Lichtung. Es roch nicht gut,
überall tote Tiere, Ameisen, Bienen, Geier. Der
Schamane hatte ganze Arbeit geleistet. Dann war
der Wald zu Ende, wir hielten. Vor uns ein
Maisfeld, dahinter die kleinen weisen Häuser von
Pueblo Mocoron. Utschym Schetan zog eine hölzerne
Flasche aus dem Mantel, mit ihrem Inhalt
besprenkelte er unsere erstaunte Knüppelgarde,
sofort wurden die Leute unruhig, packten ihre
Waffen fester, verzerrten die Gesichter, manche
hatten Schaum vor dem Mund.

Anna Plotz: Was ist in der Flasche, Jim?

Jemeljan: Berufsgeheimnis. Bitte sehr, Ihre
Berserker, wie geordert.

Anna Plotz: Sehr schön. Angriff!

Jonas: Sie waren nicht mehr zu halten, rannten in
Richtung Dorf, schwangen Macheten und Knüppel. Der
Schamane folgte, langsamer, mit trommeln und
Grunzen. Jemeljan hielt sich an seiner Seite. Wir
blieben zu Dritt zurück, Anna Plotz, der Fahrer
und Jonas. Die Kommandöse war aufgeregt. Ihre
Augen glänzten, sie atmete heftig.

Anna Plotz: Sehen Sie gut hin, Jonas, jetzt machen
wir aus ihren Freunden Hackfleisch, Mord und
Totschlag, Blut in Strömen. Toll, wenn ich das in
New York erzähle, ich muß da mitmachen, gib mir
deine Kalaschnikow, Paco.

Paco: Si Hefe.

Anna Plotz: Du hast ja noch den Laser. Paß gut auf
Jonas auf.

Paco: Si Hefe.

Anna Plotz: Hurra, kill the bastards.

Sam: Da waren’s nur noch zwei. Weg ist sie, die
mörderische lady, vielleicht hat sie was vom
Berserkerwasser abgekriegt und ist ersoffen.

Jonas: Glaub ich nicht, Sammy, die ist von Natur
aus so.

Sam: Ach so.

Jonas: Es sieht nicht gut aus, Sammy.

Sam: Wieso?

Jonas: Die bringen alle Indios um.

Sam: Aha.

Jonas: Männer, Frauen, Kinder, den dicken
Häuptling, Jamaro. Jamaro! Wo bist du?

Tonto: Senior? Senior Jonas?

Sam: Ist er.

Jonas: Eine Stimme in meinem Kopf, nicht Jamaro,
eine sehr junge Stimme, ein Kind, ein Mädchen, wer
war das?

Tonto: Ich bin Tonto, Jamaros Schülerin.

Jonas: Wo steckt Jamaro? Wie geht es ihr?

Tonto: Sie hat mich geschickt, Senior Jonas, ich
soll Sie zu ihr bringen. Sie braucht Hilfe.

Jonas: Tonto, kannst du mich befreien? Kannst du
den Wächter ausschalten?

Tonto: Ich weiß es nicht. Ich bin Anfängerin. Ich
lerne erst die Schamanenkunst. Aber ich werde es
versuchen. Ich bin ganz in Ihrer Nähe.

Sam: Ich auch.

Jonas: Plötzlich stand sie neben uns, ein
Indiomädchen, 11, 12 Jahre, in grünen Jeans und
grünem T-Shirt, Paco griff zum Laser, langsam,
sehr sehr langsam, wie in Zeitlupe. Tonto zog ein
Messer aus der Tasche, schnitt meine Fesseln
durch, ich nahm Pacos Laser und erschoß ihn. Die
Zeit der freundlichen Zurückhaltung war vorbei.

Jonas: Für einen Schamanenlehrling war das nicht
schlecht, Tonto. Was ist mit Jamaro?

Tonto: Sie ist aufgewacht aus ihrem Todesschlaf,
Senior Jonas, zu früh, sie hat gespürt, daß unser
Dorf angegriffen wird und daß Sie in großer Gefahr
sind, Senior Jonas, der Stamm ist verloren, Jamaro
kann nichts tun, sie ist noch so schwach.

Jonas: Wo ist sie, Tonto?

Tonto: Im Urwald, direkt am Heiligen Berg. Sie muß
allein sein während ihrer Krankheit, nur ich war
bei ihr, kommen Sie, Senior Jonas, kommen Sie
schnell. Der schwarze Teufel wird sie aufspüren
und töten, sie kann sich nicht verteidigen.

Sam: Eine gewisse Beschleunigung dürfte sich in
der Tat empfehlen, Sir. Denn siehe, der
Kampfeslärm verebbt, wie die Kuh den Wald
zersteppt, und sie werden in Kürze wieder bei uns
sein, die wilden Berserker, die wilde Plotz, der
wilde Schamane.

Jonas: Wie weit ist es bis zum Heiligen Berg,
Tonto?

Tonto: Zwei bis drei Stunden zu Fuß.

Jonas: Zu lange.

Tonto: Können Sie ein Motorrad fahren, Senior
Jonas?

Jonas: Die Harley, wo ist sie?

Tonto: Nicht weit, Jamaro hat sie im Wald
versteckt.

Jonas: Bring mich hin, Tonto.

Sam: Aber Dalli.

Jonas: Im Dschungel Motorradzufahren ist nicht
leicht, ohne Tonto hätte ich es nicht geschafft,
sie saß auf dem Rücksitz, hielt sich mit einer
Hand an mir fest und zeigte mit der anderen auf
die Markierungen, die geheimen Zeichen für die
unsichtbaren Indio-Pfade. Die Harley tat sich
schwer, sie holperte und bockte.

Tonto: Jamaro hat versucht, mit Ihnen Verbindung
aufzunehmen, Senior Jonas, gleich nachdem sie
aufgewacht ist, aber es ging nicht.

Jonas: Weil sie noch zu schwach war.

Tonto: Und weil der schwarze Teufel sie abgeblockt
hatte.

Jonas: Trotzdem bist du zu mir durchgekommen,
Tonto.

Tonto: Die Blockade war nicht stark, der schwarze
Teufel war abgelenkt.

Jonas: Er mußte die Berserker bei der Stange
halten, solange der Angriff lief. Das dürfte.

Schetan: How.

Jonas: Der Schamane. Plötzlich war er in meinem
Kopf. Ich war wie gelähmt. Meine Hände und Füße
gehorchten mir nicht mehr, die Harley reagierte
auch, der Motor stotterte, setzte aus, wir saßen
fest.

Jonas: Tonto, der schwarze Teufel, er ist da. Er
blockiert mich und das Motorrad. Tu was!

Tonto: Ich versuche es, Senior. Aber er ist stark,
es ist sehr schwer.

Jonas: Es geht wieder. Gut, Tonto. Sehr gut, nicht
nachlassen.

Tonto: Ich gebe mir Mühe, Senior. Hier entlang,
gleich sind wir da.

Jonas: Über uns ragte der Juckamani auf, der
Heilige Berg. Vor uns stand eine Hütte aus Ästen,
Blättern und Schlingpflanzen. Tonto blieb draußen
und hielt weiter den Schamanen in Schach, sie
strengte sich an, unter ihrer dunklen Haut war sie
blaß. Schweißtropfen auf ihrer Stirn. Ein schwerer
Kampf, Lehrling gegen Großmeister. In der Hütte
lag Jamaro auf einer Pritsche, sie war noch
schlimmer dran als ihre Schülerin. Blasser und
viel schwächer.

Jamaro: Jonas, du bist gekommen.

Jonas: So schnell es ging, Jamaro. Für deinen
Stamm konnte ich nichts tun. Es tut mir leid, sie
sind alle tot.

Jamaro: Ich weiß, es war mein Fehler. Ich hätte
mich nicht in die Krankheit zurückziehen dürfen.
Das hat er ausgenutzt, der schwarze Teufel. Er
darf mich nicht finden, Jonas, erst in zwei Tagen
werde ich so stark sein, daß ich mit ihm kämpfen
und ihn besiegen kann, dann werde ich Rache nehmen
an ihm und an Bio Global.

Jonas: Bis es soweit ist, müssen wir ein sicheres
Versteck für dich finden, Jamaro, wo?

Sam: Äh, ist es einem unbedeutenden kleinen
Computer, der über keinerlei magische Fähigkeiten
verfügt, was immer man von diesen halten mag, ist
es ihm gestattet, sein Scherflein beizusteuern?

Jonas: Du hast eine Idee, Sammy, ganz was neues.
Raus damit.

Sam: Ja. Würde der Aufenthalt in einem High-Tech-
Ambiente bleistiftsweise einem modernen
Rechenzentrum...

Jonas: In Costaguana, du spinnst, Sammy.

Sam: Oder auch einem E-Werk die Seniorita Jamaro
nicht am effektivsten vor den mentalen
Nachstellungen des bösen Sibiriaken schützen?

Jonas: Vielleicht, Sammy. Aber Jamaro wäre da
genauso gehandikapt wie ihr Gegner und würde nicht
zu Kräften kommen.

Sam: Wieso?

Jonas: Vorschlag ist out, wir suchen weiter.

Sam: Na ja.

Jamaro: Die Höhle der Ahnen, oben am Berg.

Jonas: Was ist damit, Jamaro?

Jamaro: Dort hat der Feind keine Macht.

Jonas: Wirklich? Dann bringen wir dich doch da
hin, Jamaro.

Jamaro: Tonto kennt den Weg.

Jonas: Das hieß Bergsteigen. Vom heißen Tropenwald
in polare Regionen, Eis, Schnee, Kälte. Jonas
schleppte Jamaro, Tonto führte und schlug
gleichzeitig die mentalen Angriffe des Schamanen
zurück, tüchtiges Mädchen. Wir waren beide
erschöpft, als wir die Höhle erreichten, ein
dunkles Loch im verschneiten Felsen. Tonto ließ
sich fallen.

Tonto: Jetzt kann ich mich ausruhen. Hier schützen
uns die Ahnen vor dem schwarzen Teufel und seinen
Genossen. Sie werden nach uns suchen und uns nicht
finden.

Jonas: Hoffentlich. Jamaros Hütte haben sie
jedenfalls gefunden und in Brand gesteckt. Siehst
du den Rauch, der da unten aus dem Wald steigt.

Jonas: In der Höhle war es trocken und gar nicht
so kalt, aber unheimlich. Hinten im Dunkeln
hockten die Ahnen. Mumien. Viele Mumien. Sie sahen
aus wie leere Ledersäcke, uralt und verschrumpelt.
Weiter vorn lagen Felle und Decken, daneben
standen Körbe mit getrockneten Früchten, Mangos,
Guaven, Papayas, Chririmojas. Wir machten ein
Lager für Jamaro, wickelten uns in die restlichen
Decken, aßen und warteten. – Zweieinhalb Tage
später. Die Nacht vom 1. zum 2. November 2015.
Puerto Porco feierte das Fest der Toten, die
ofrenda. In dieser Nacht besuchen die Toten die
Lebenden, glaubt man in Costaguana, an allen
Häusern gelbe Lampions und gelbe Blumen, damit sie
den Weg finden, gelb ist die Farbe der Toten. Vor
und in den Häusern gedeckte Tische, volle Teller,
volle Gläser, dazwischen Knochen und Schädel aus
Zuckerguß und Schokolade. In den Straßen fröhliche
Menschen, kostümiert als Skelette, maskiert mit
Totenköpfen. Der Alkohol fließt in Strömen.
Pulkwe, Bier, Tequila. Kapellen musizieren. Ein
munterer Totentanz. Auch bei Bio Global wurde
gefeiert. Auf dem Vorplatz stand ein großer Tisch,
daran saß die Firmenleitung, an der Spitze die
Plotz und Escobar, dann eine Sperrkette von
Sicherheitsleuten, dahinter wartendes Volk. Bio
hatte ein großes Feuerwerk versprochen, in der
Menge Jamaro und Jonas, Pappschädel vor den
Gesichtern, Tonto war von Jamaro weggeschickt
worden in ein befreundetes Indiodorf, tief im
Urwald.

Jamaro: Ich kann ihn nicht spüren, Jonas.

Jonas: Am Tisch sitzt er nicht, sein Führer auch
nicht. Sind unsere Freunde aus Sibirien etwa nicht
mehr hier?

Jamaro: Es scheint so, aber die Biobosse sind noch
hier. Sie sind die Auftraggeber des schwarzen
Teufels, die wahren Schuldigen. Da sitzen sie, die
Mörder meines Stammes, sie essen, sie trinken, sie
lachen, es geht ihnen prächtig, das muß aufhören.
Sie sollen büßen.

Jonas: Das Feuerwerk hatte begonnen, Jamaro nahm
ihre Maske ab, ballte die Fäuste vor der Brust,
ihre Augen wurden riesengroß und starr. Sie
fixierten den Biokomplex. In das Knallen der
Böller, das Zischen der Raketen mischten sich
andere Geräusche. Knistern, Knacken, Knirschen,
dumpfes Donnerrollen, das immer lauter wurde. Der
gewaltige Bioquader bewegte sich, zitterte,
schwankte, immer stärker, immer heftiger.

Jonas: Bist du das, Jamaro?

Sam: Ach du liebes mein Gottchen, gegen die war
der selige Samson ja ein Waisenknabe.

Jonas: Du sagst es, Sammy.

Sam: Gelle.

Jonas: Jamaro war stark, ungeheuer stark, durch
den Biokomplex liefen Risse, Mauerteile lösten
sich, der riesige Betonklotz stürzte ein, brach
zusammen und begrub die Festtafel unter sich mit
allen, die daran saßen. Die Menge floh in Panik,
der aufgewirbelte Staub setzte sich, es wurde
still, bis auf das leise Stöhnen unter den
Trümmern.

Jonas: Das ist Escobar. Ich erkenne ihn an seiner
weißen Mähne.

Jamaro: Das war Escobar.

Jonas: Und wen haben wir hier?

Anna Plotz: Hilfe...

Jonas: Anna Plotz, Vizepräsidentin, coole
Macherin.

Jamaro: Mörderin.

Anna Plotz: Jonas, helfen Sie mir, ich, ich, ich
kann mich nicht bewegen.

Jamaro: Wo ist der schwarze Teufel?

Anna Plotz: Wer?

Jonas: Der Schamane. Ihr Schamane Utschym Schetan.

Anna Plotz: Abgereist. Mit Jim. Sie haben
kassiert, sind weg.

Jamaro: Wohin?

Anna Plotz: Weiß nicht. Ein neuer Auftrag, sagt
Jim, in einem anderen Land.

Jamaro: Wo?

Anna Plotz: Ich weiß es nicht, wirklich nicht.
Holen Sie mich raus, bitte, ich muß ins
Krankenhaus, meine Beine, ich spür meine Beine
nicht mehr.

Jamaro: Du wirst sie nie mehr spüren und nie mehr
bewegen, deine Arme auch nicht.

Jonas: Ihre Wirbelsäule ist kaputt. Wollen wir sie
töten?

Jamaro: Nein. Sie soll leben, gelähmt, zerstört,
hilflos.

Anna Plotz: Nein, bitte, helfen Sie mir, ich
bezahlte Sie.

Jonas: Wir gingen, nicht in Richtung Puerto Porco,
wir gingen ans Meer, die Wellen rauschten, sonst
war es ruhig, und es war dunkel. Nur die Lichter
der Touristenhotels strahlten in der Ferne.

Jamaro: Ich muß ihm folgen, dem schwarzen Teufel.
Er darf nicht davonkommen.

Jonas: Einverstanden, Jamaro, wenn du willst, komm
ich mit. Aber nicht mehr heute Nacht. Morgen.
Jetzt gehe ich in ein Hotel, nicht die Cantina,
ein richtiges Hotel mit Bad, Klimaanlage und
Frühstück ans Bett.

Jamaro: Wenn du willst, Jonas, komm ich mit.

Jonas: Und ob ich will.

Sam: Oho. Aha. Jetzt wird mir alles klar. Aber so
geht’s nicht, meine Herrschaften, hochverehrte
Daumen und Hirn, so geht es nicht.

Jonas: Meinst du, Sammy? Und warum nicht?

Sam: Weil in der internationalen Enzyklopädie des
Schamanismus und verwandter Phänomene in etwa
folgendes zu lesen steht: Teilt eine Schamanin das
Bett mit einem Nichtschamanen zwecks Unzucht, geht
sie all ihrer magischen Kräfte verlustig. Für
immer. Siehste. Da habt ihrs. So steht’s
geschrieben, und so ist es. Hauruck, Sam hat
gesprochen.

Jonas: Stimmt das, Jamaro?

Jamaro: Jonas.

Jonas: Ja.

Jamaro: Komm näher.

Jonas: So.

Jamaro: Noch näher.

Jonas: Näher geht’s nicht, Jamaro.

Jamaro: Weißt du, Jonas.

Jonas: Ja.

Jamaro: Was das kleine Hirn da gesagt hat.

Jonas: Ja.

Jamaro: Das ist nicht wahr, überhaupt nicht, kein
bißchen.

Sam: Ich hör nix.

Jonas: Und so hatte die finstere und blutige
Geschichte vom Totentanz in Costaguana doch noch
ein kleines Happy End.

Das war Totentanz. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv sprach Bodo Primus, seinen
Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem
hörten Sie: Donald Arthur, Astrid Jacob, Fred
Klaus, Detlef Kügow, Irina Wanka und andere
(Werner Klein, Thomas Meinhardt, Adela Florow,
Gerd Rigauer, Jürgen Donien, Helmut Gillitzer-
Felber). Ton und Technik: Günter Heß und Daniela
Röder. Assistenz: Martin Trauner. Regie: Werner
Klein. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks
aus dem Jahr 2001 in Dolby Surround. Redaktion:
Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Wildwest

Holo: Als das in Babylon erfolgreichste und
beliebteste Holoformat des vergangenen Jahres hat
sich noch vor Schwarze Dahlie, der Serienmörder
der Woche die von Supermedia produzierte Kain-und-
Abel-Show erwiesen. Eine schlichte Grundidee: fünf
Freiwillige werden zusammengesperrt und
eliminieren sich gegenseitig, bis nur noch eine
Person übrig bleibt, und eine aufwendige
Produktion in wechselnden Szenarien, erwähnt seien
hier nur die römischen Gladiatorenspiele im
Amphitheater, der Wüstenplanet oder die Schlacht
von Stalingrad. Diese Mischung kam offenbar an.
Damit hat wieder einmal Supermedia den begehrten
Big Brother gewonnen.

Waldorf: Glückwunsch, Beringer, das war doch Ihre
Idee, die Kain-und-Abel-Show. Beringer!

Beringer: Äh, was?

Waldorf: Sie hören mir nicht zu.

Beringer: Verzeihen Sie, teuerste Waldorf, ich war
in Gedanken.

Waldorf: Und woran dachten Sie so intensiv?

Beringer: An Jonas.

Waldorf: Den letzten Detektiv?

Beringer: Ich denke oft an Jonas, sehr oft, ich
hasse ihn, er hat mich reingelegt, er hat mich
blamiert, gedemütigt.

Waldorf: Mich etwa nicht? Diese
Weltkriegsgeschichte zum Beispiel. Wann war das?
2013?

Beringer: Im Oktober 2012. Vor drei Jahren und
vier Monaten.

Waldorf: Wie würde Jonas sich wohl in der Kain-
und-Abel-Show machen. Gut, nehme ich an.

Beringer: Würden Sie auf ihn wetten, Waldorf?

Waldorf: Auf seinen Sieg? Warum nicht. 10
Millionen Euros?

Beringer: 20.

Waldorf: Auch gut. Jonas wird sich allerdings kaum
freiwillig für die Show melden.

Beringer: Das lassen Sie meine Sorge sein.
Immerhin bin ich der Produzent der Show.

Holo: O großer Adolf Beringer von Supermedia.
Exzellent. Eminenz. Durchlaucht.

Beringer: Schon gut. Stell fest, wo Jonas sich zur
Zeit aufhält. Jonas, nur Jonas, der sogenannte
letzte Detektiv.

Jonas: Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv,
hielt sich an diesem 12. Februar 2016 in der Luft
auf. Hoch über dem Atlantik, im Flieger nach
Babylon, mit Sam, seinem redegewandten
ratspendenden Supertaschencomputer.

Jonas: Good by, America.

Sam: Und tschüs, Traumschiff und Totentanz. Nie
mehr Parapsychologie, nie mehr Schamanin.

Jonas: Adios, Jamaro.

Sam: Astalavista baby. Vergiß sie, du Traumtänzer,
kuck nach vorn. Babypsilon, wir kommen. O Babylon,
City of light, city of magic.

Jonas: Ansichtssache, Sammy. Auf jeden Fall wird
das Leben etwas ruhiger werden, vorhersehbarer,
normaler.

Sam: Glaubste?

Jonas: Ein gewaltiger Irrtum. Aber ich hatte ja
keine Ahnung von der Kain-und-Abel-Show und von
dem, was Beringer und Waldorf ausgeheckt hatten.
Deshalb schwante mir auch nichts böses, als mich
die junge Frau ansprach im Aerodrom von Babylon.
Ansprach ist nicht ganz richtig, weil sie Jonas
anrempelte.

Jespersen: O, tut mir leid.

Jonas: Und dann anhimmelte.

Jespersen: Aber, das, das kann doch nicht wahr
sein, Sie sind Jonas, der letzte Detektiv,
unverkennbar. Ich hab Sie im Holo gesehen und
dabei hab ich mir gedacht, den würdest du gern mal
kennenlernen und jetzt fall ich über Sie.

Jonas: Was wollen Sie, ein Autogramm?

Jespersen: Am liebsten würde ich mich mit Ihnen
hinsetzen, was trinken, reden, leider habe ich
überhaupt keine Zeit, ein dringender Termin.
Wissen Sie was, Sie wohnen doch irgendwo im Osten.

Jonas: Ost-Zentral.

Jerspersen: Wunderbar. Ich nehm Sie mit und bring
Sie nach Hause in meinem Helikopter. Da können wir
uns unterhalten.

Jonas: Der Helikopter gehörte Supermedia, der
großen Holoproduktion, so stand’s dran.

Jespersen: Ja, ich bin im Hologeschäft.
Produktionsassistentin. Meine Karte.

Jonas: Jytte Jespersen. Zweimal J. Sehr gut.

Jespersen: Sagen Sie Jytte zu mir. Ein Whisky?
Kein Synth, echter Scotch.

Jonas: Oh.

Jespersen: Gingin, auf unsere Bekanntschaft,
Jonas. Und auf Ihr Wohl.

Jonas: Danke.

Jespersen: Ich bin gerade unterwegs zu unseren
Studios, den neuen, in der Wildnis, östlich von
Babylon, wo wir alle unsere Shows drehen. Noch ein
Whisky?

Jonas: Ich, ich weiß nicht, was ist los mit mir,
im Whisky, was war im Whisky?

Jespersen: Machen Sie sich keine Gedanken, alles
ist in Ordnung, ja, ja, so ist’s recht. Legen Sie
sich hin und schlafen Sie ein bißchen.

Jonas: Nein, will nicht schlafen.

Jespersen: Tun Sie’s für mich. Schlafe mein Jonas,
schlaf ein.

Jonas: Ich war wieder in Costaguana. Im Regenwald.
Es war dunkel, kein Lichtstrahl drang durch die
dichten Baumkronen. Ich konnte nichts sehen, aber
hören konnte ich. Der schwarze Schamane trommelte
wie besessen, immer lauter. Plötzlich brach er ab
und ebenso plötzlich verschwand der Dschungel. Es
wurde hell. So hell, daß ich die Augen zukneifen
mußte.

Earp: Da! Da ist er, der Pferdedieb.

Sam: Sicher Marshall?

Earp: Ja sicher bin ich sicher. Ich kenn doch
meinen Gaul.

Jonas: Ich hörte Stimmen. Eine davon kam mir sehr
bekannt vor.

Earp: Steh auf, du Bastard.

Sam: Immer mit der Ruhe, Marshall, Sie brechen
sich die Zehen.

Jonas: Ich lag auf Sand. Im Kreis um mich ein paar
Männer auf Pferden. Pferde? Es gab keine Pferde
mehr. Die Männer kamen vom Kostümfest. Alle im
Wildwest-Outfit. Auch die zwei, die offenbar
abgestiegen waren und neben mir standen. Der eine
hielt mir einen riesigen Revolver vors Gesicht und
trat mir mit seinen schweren Stiefeln in die
Rippen. Das gefiel mir nicht. Der Kerl selbst auch
nicht. Knicknase, Schnauzbart, roter Cowboyhut,
Marshallstern am Flanellhemd. Der andere trug
schwarz, vom Hut bis zu den Schuhen. Nach allen
Regeln war er der Böse und der Marshall natürlich
der Gute, aber das glaubte ich nicht.

Earp: Machen wir kurzen Prozeß, Männer, hängen wir
ihn auf, gleich hier.

Sam: Aufhängen? OK, Marshall, und wo hatten Sie
gedacht?

Earp: Am nächsten Baum natürlich.

Sam: Natürlich. Und wo sehen Sie hier mitten in
der Wüste einen Baum?

Jonas: Das hatte ich noch nicht erzählt. Wir waren
in der Wüste. Die Sonne brannte. Um uns nur Sand
und Felsen, kein Strauch, erst recht kein Baum,
ein paar grau-grüne Kakteen. Die Stimme des
Schwarzen ließ mir keine Ruhe. Ich kannte sie, ich
kannte sie sehr gut.

Earp: Ja, was machen wir denn da? Sollen wir ihn
erschießen?

Sam: Erschießen? Ach du meine Güte, kommt gar
nicht in die Tüte. Pferdediebe werden aufgehängt,
allso dekretiertes ehernes Gesetz des Westens. Ich
sag Ihnen was, Marshall.

Earp: Ja?

Sam: Wir fesseln ihn und nehmen ihn mit.
Vielleicht finden wir ja unterwegs einen Baum.

Earp: Ja, gute Idee.

Sam: Und wenn nicht, hängen wir ihn in der Stadt.
Das macht auch mehr Spaß, hehehe. Viel mehr
Zuschauer.

Earp: OK, Doc.

Jonas: Hab ich schon gesagt, daß ich genauso
aussah wie die Typen vor mir. Buntkariertes Hemd,
Jeans, Stiefel, Stetson, rot, und ein Gürtel mit
zwei Revolvern, aber den nahmen sie mir weg, bevor
ich damit was unternehmen konnte. Dann fesselten
sie mir Arme und Beine und legten mich quer über
einen Gaul vor den Sattel. Das Pferd gehörte dem
Schwarzen, Doc Holiday. Er stieg auf.

Earp: Männer, ihr habt gehört, was Doc Holiday
gesagt hat, zurück nach Tombstone.

Jonas: Es ging los, durch die Wüste. Ich versuchte
mir über meine Situation Gedanken zu machen.
Unmöglich. Der Gaul wackelte, mein Kopf hing nach
unten, und kein guter Rat von Sam, statt dessen
plötzlich eine Stimme im Ohr, genauer im kleinen
Knopf, den ich im rechten Ohr trug.

Waldorf: Hallo Jonas, willkommen im Wilden Westen.

Jonas: Wer sind Sie?

Waldorf: Wir kennen uns. Waldorf. Astoria Waldorf.

Jonas: Die Chefin von Multipharm.

Waldorf: Sie erinnern sich, das freut mich.

Jonas: Ich erinnerte mich an die Fälle Spielwiese
und Westfront, vor fünf und vor dreieinhalb
Jahren. So wie es damals gelaufen war, konnte die
Dame Waldorf nicht gerade viel für Jonas übrig
haben.

Waldorf: Wo denken Sie hin, Jonas, im Gegenteil.
Sie sind mein Champion. Ich habe auf Sie gewettet,
eine Menge Euros. Lassen Sie mich nicht im Stich.

Jonas: Gewettet? Mit wem?

Waldorf: Mit Adolf Beringer natürlich, mit dem
wette ich am liebsten, das wissen Sie doch.

Jonas: Ist das wieder so ein Spiel wie damals bei
Westfront, nur daß Sie sich diesmal den Wilden
Westen ausgesucht haben?

Waldorf: Nicht ganz, heute agieren Sie in der
Öffentlichkeit. Ganz Babylon schaut Ihnen zu, na
jedenfalls 20 Prozent. Halten Sie sich fest,
Jonas, Sie sind auf Sendung, Sie sind in der Kain-
und-Abel-Show.

Jonas: Daher die vielen kleinen schwarzen Punkte,
die wie Hummeln in der Luft herumschwirrten.
Microcams. Mir fiel was ein. Jonas ist kein
Holofan, aber das wußte er, in der Kain-und-Abel-
Show treten nur Freiwillige auf.

Waldorf: Sehr richtig, Jonas, und Sie haben sich
freiwillig gemeldet, laut Beringer.

Jonas: Das ist mir neu. Wenn ich jetzt laut um
Hilfe rufe und erkläre, daß man mich gegen meinen
Willen in die Show gebracht hat.

Waldorf: Schaltet die Regie sofort um, auf einen
anderen Schauplatz, dafür hat Beringer gesorgt.
Die interaktive Verbindung zwischen Ihnen und dem
Publikum ist eingeschränkt. Nur ich kann mit Ihnen
reden, und Beringer, wenn er nicht gerade wie
jetzt ein Nickerchen macht, er ist nicht mehr der
jüngste, das wissen Sie ja, und darum hat er keine
Ahnung, daß ich Ihren Computer Sam ins Spiel
eingebracht habe.

Jonas: Sam. Aber natürlich, die bekannte Stimme,
Doc Holiday.

Waldorf: Ist ein Android, und Sam ist in sein
Programm eingestiegen.

Sam: Ah, da staunt der Laie und der Fachmann
wundert sich.

Jonas: Sammy, du als Revolverheld Doc Holiday.

Sam: Na und, steht mir doch prächtig, der Typ,
mysteriös, gefährlich, und extrem gut aussehend.
OK, keine Zeit zum Plauschen, Genosse, der
Grimmepreis, Korrektur, der grimme Greis wird in
Bälde erwachen. Also dann paß mal auf. In der
Kain-und-Abel-Show gibt’s fünf Menschen, ne, fünf
Konkurrenten bzw. Kandidaten, von denen am Schlunz
nur noch ein einziger übrig bleiben wird, ja, was
ansonsten hier so kreucht und fleucht, Cowboys,
Pferde und so weiter, alles Statisten, Androiden
oder Biomaschinen, die kannste vergessen, weil die
können dir nicht gefährlich werden.

Jonas: Nur die vier Menschen, verstanden, aber
woher weiß ich, wer Mensch ist und wer Android?

Sam: Pst. Siehe da, ich verrate dir ein großes
Geheimnis. Nur Menschen tragen rot auf ihren
Häuptern.

Jonas: Rote Hüte, wie Jonas. Und der Marshall.

Sam: Marshall Wyett Earp, yes indeed, ein Mensch,
und in sofern ein Feind meines geliebten Jonasses.

Jonas: Darum war er so scharf drauf, mich
aufzuhängen.

Sam: Darauf ist er immer noch scharf, und er
wird’s auch tun, sofern mein Herr und Meister
nichts dawider unternimmet.

Jonas: Was denn? Ich bin gefesselt, auf deinen
Vorschlag, wenn du dich erinnerst.

Sam: Wenn keine Microcam in der Nähe ist, steck
ich dir ein Messer zu, schneid die Fesseln durch,
zieh meinen Revolver aus dem Halfter, schmeiß mich
vom Pferd.

Jonas: Mit Vergnügen, vor allem letzteres, und
dann?

Sam: Erschießt du Wyett Earp.

Jonas: Einfach so.

Sam: Einfach so. Bum, und er fällt um.

Jonas: Nein, Sam, das tu ich nicht, nur in
Notwehr.

Sam: Ach du liebes Meingottchen, weich ist das
Herz, schwach der Verstand, so ist mein Jonas
weithin bekannt. Willst du denn nicht siegen?

Jonas: Ich will am Leben bleiben Sammy.

Sam: Jaja, haha, da sehe ich schwarz, wenn du so
pingelig bist. OK Partner, dann galoppiere
hinfort, so schnell es denn geht. Na, das wirst du
doch wohl noch hinkriegen, oder?

Jonas: Aber sicher. Ich galoppierte hinfort. Earp
und seine Kumpane ballerten hinter mir her und
ritten mir ein Stück weit nach, beides brachte
ihnen nichts, eine halbe Stunde später war Jonas
allein und zuckelte auf Holidays Gaul mehr oder
weniger gemütlich durch die Landschaft, bis er jäh
aufgeschreckt wurde.

Sam: Alarm, Alarm, hojejeto.

Jonas: Sam?

Sam: Ja wer denn sonst, der Weihnachtsmann?

Jonas: Wo steckst du, ich seh dich nicht.

Sam: Du siehst mich wohl, allein dir fehlt
Verständnis, denn wahrlich, Sam hat sie zeitweilig
verlassen die Androidenhülle des Dr. med. Holiday,
um sich, igitt, pfui Teufel, in einem Rosse
niederzulisten, ich meine einzunisten, was tut ein
treuer Computer nicht alles für seinen Gebieter.

Jonas: Oh, als Gaul gefällst du mir richtig gut,
Sammy, da kann ich dir doch mal ordentlich die
Sporen geben.

Sam: Aua, was im Augenblick auch durchaus
eigentlich angebracht, wenn nicht gar ratsam wäre,
wieher, richte den Blick nach links, Falkenauge.

Jonas: Diese Figuren auf dem Höhenzug.

Sam: Ja, sind mitnichten Präriehunde, auch nicht
Kojoten oder Stinktiere, vielmehr.

Jonas: Indianer?

Sam: Apuchen, Apachen, die wildesten und
blutdürstigen der roten Männer. Wieher. Ihre
Gefangenen pflegen sie stundenlang über kleinem
Feuer zu rösten, eine ausgesprochen unsoziale
Angewohnheit.

Jonas: Los, Sammy, schneller, noch schneller.

Sam: Wenn es denn ginge, faul ist der Gaul,
vielmehr arbeitsam, doch leider.

Jonas: Mach, mach.

Sam: Ich kann nicht... mehr.

Jonas: Halt durch, Sammy, nur noch ein paar Meter,
bis zu den Felsen da vorn.

Jonas: Die Indianer kamen immer näher, vorne weg
der Häuptling mit rotem Stirnband und roter Feder,
sie heulten wie die armen Seelen im Fegefeuer und
sie schossen mit Flitzbogen, mich trafen sie
nicht, aber der arme Gaul sah bald aus wie ein
Stachelschwein. Am Fuß der Felsen brach er
zusammen, Jonas ging hinter ihm in Deckung, die
Indianer hielten, etwa 100 Meter entfernt.

Sam: Es geht nicht mehr, Partner.

Jonas: Sam.

Sam: So long, und vergiß mich nicht.

Jonas: Sammy.

Sam: Es hängt ein Pferd zur Hälfte an der Wand.

Jonas: Wunderbar. Ich werde gleich massakriert,
und du singst in aller Gemütsruhe Schlager
schlecht daher, sag mir lieber, was ich tun soll.

Sam: Na was, schießen du Depp, du hast doch einen
Colt.

Jonas: Mit sechs Patronen, für einen ganzen
Indianerstamm, großartiger Rat. Die Kavallerie!

Sam: Ja das wurde auch Zeit.

Jonas: In einer Staubwolke kamen sie angeprescht,
gut 20 Reiter in blauen Uniformen, angeführt von
einem Kapitän, der trug gegen jede Armeevorschrift
eine knallrote Baseballkappe. Mit seinem Karabiner
feuerte er sofort auf den Häuptling der Apachen,
was dem nicht gut bekam, er fiel um, aber im
Fallen ließ er noch einen letzten Pfeil fliegen.
Sein Stamm ergriff die Flucht, verfolgt von der
Kavallerie. Indianer und Soldaten verschwanden am
Horizont. Zurück blieben ein toter Häuptling, ein
toter Kapitän mit einem Pfeil in der Brust, ein
toter Gaul, und ein lebendiger Jonas. Ganz allein
auf weiter Flur.

Waldorf: Sie irren, Jonas, ich bin doch bei Ihnen,
mein Champion. Bisher bin ich sehr zufrieden, zwei
ihrer Konkurrenten, Häuptling und Kapitän sind
erledigt.

Jonas: Nicht von mir, Frau Waldorf.

Waldorf: Das spielt doch keine Rolle. Jetzt noch
mal zwei und Sie sind der Sieger. Weiter so.

Jonas: Das sagt sich leicht, wenn man zuhause
sitzt und sich den Wilden Westen auf dem Monitor
ansieht, Jonas mußte laufen, über Stock und Stein,
durch Sand und Geröll, ein verwitterter Wegweiser
tauchte auf. Tumbstone, 3 Meilen. Die Sonne stand
noch immer hoch, als ich in Tumbstone ankam, im
Holoszenario war es ständig zwölf Uhr mittags,
High Noon. Jonas hielt Ausschau nach roten Hüten,
weit und breit keiner zu sehen, gut so. Ich
steuerte einen Salon an, Crystal Palace, nannte er
sich großspurig. Jubel, Trubel, Heiterkeit.
Kronleuchter, Spiegel, und nackte Frauen in Öl,
betrunkene Cowboys, Spieler, ein elektrisches
Piano, und eine Schwadron von Tanzmäusen, die ihre
Beine zeigten und sich in den Pausen an die Gäste
ranmachten.

Kate: Hey, gibst du mir einen aus, Fremder?

Jonas: Wenn du mir eine Flasche Whisky von der Bar
holst, kannst du mittrinken.

Kate: Oh, gleich ne ganze Flasche, hast du denn
soviel Geld, Fremder?

Jonas: Gute Frage. Jonas suchte und fand in der
Hosentasche ein Bündel Dollarnoten. Alles klar.
Die Flasche kam, mit zwei Gläsern, und es kam noch
was, noch wer.

Kate: Doc? Doc Holiday? Ich dachte, du bist in
Dodge City?

Sam: Denk nicht so viel, Kate Darling, sonst wird
deine Nase noch länger, hahaha.

Kate: Oh.

Sam: Ich bin deinetwegen zurückgekommen, Jonas,
Partner, alter Junge, um dich zu warnen, Marshall
Wyett Earp ist draußen und wartet auf dich, am OK
Corell.

Kate: Eye, ihr zwei kennt euch?

Jonas: Klar kenn ich ihn, schon lange. Doktor
Samuel Holiday.

Kate: Samuel? Du heißt Samuel, Doc?

Sam: Haha, manchmal Kate. Hör zu Jonas, wenn du
die Sache mit Earp jetzt ausfechten willst, dann
komm ich mit, OK.

Jonas: Langsam Sammy, immer mit der Ruhe, erst
austrinken und dann...

Sam: Da an der Tür, Billy the Kid, geht in Deckung
Leute, mit dem hab ich noch ne Rechnung offen.

Jonas: Die flotte Kate tauchte unter den Tisch, in
Windeseile, Jonas auch, oben knallte es, an der
Tür brach einer zusammen. Wir kamen wieder hoch,
langsam und vorsichtig.

Sam: Auf dein Wohl, Billy. Mögest du in Frieden
ruhen.

Jonas: Prost.

Kate: Ging Ging. Hust Hust. Ah...

Sam: Jaja, auf dein Wohl Kate, mögest auch du in
Frieden etcetera pp.

Jonas: Die Frau ist tot.

Sam: Na klar mein Alter. Hat ja auch deinen Whisky
getrunken, will sagen, den Whisky aus deinem Glas.

Jonas: Aus meinen Glas, aber wieso?

Sam: Ich hab die Gläser vertauscht, sie hat nichts
gemerkt, weil sie sich den Tisch von unten
angekuckt hat.

Jonas: Vertauscht, warum?

Sam: Wirf doch mal einen scharfen Blick auf sie,
du scheelsichtige Blindschleiche, was, so frage
ich, trägt sie auf ihrem wenig schönen Haupt,
Fragezeichen.

Jonas: Nichts.

Sam: Haare. Rote Haare. Na?

Jonas: Ach so.

Sam: Ja, ist es endlich gefallen das 10-Cent-
Stück. Merke, wer anderen Gift in den Whisky tut,
kommt selbst drin um. Poetische Gerechtigkeit
nennt man dieses, also Nummer drei geschafft,
bleibt nur noch Wyett Earp, und diesmal bitte
keine Skrupel, du Weichei, wenn du ihn nicht
erledigst, erledigt er dich, hm, Hauruck, Sam hat
gesprochen.

Jonas: Gemessen schritten wir die Hauptstraße von
Tumbstone entlang, Richtung OK Corell, Jonas und
Doc Holiday, alias Computer Sam.

Jonas: Das stimmt hinten und vorne nicht, Sammy.

Sam: Was belieben euer Gnaden zu meinen?

Jonas: Beim berühmten Gunfight am OK Corell war
Doc Holiday an der Seite seiner Freundes Wyett
Earp, das weiß jedes Kind, wenn es schon mal einen
Western gesehen hat.

Sam: Naja, künstlerische Freiheit, Herr
Bettmesser, wir kleben nicht am Stoff, wir erheben
uns leicht und locker über ihn. Ist es nicht zu
und zu schön, Victor Mature war Doc Holiday.

Jonas: Wer?

Sam: Na sogenannter Filmstar, Mitte 20.
Jahrhundert. Kirk Douglas war Doc Holiday, und
jetzt ist Sam Doc Holiday, voll kraß Wahnsinn, wa?

Jonas: Wir sind da Sam, am OK Corell. Wer nicht
da, ist Wyett Earp, oder?

Sam: Hinter dir, auf dem Dach.

Jonas: Ich drehte mich um, schoß, ein Reflex, vom
Dach des Schuppen stürzte ein Mann zur Erde, blieb
liegen, regungslos, Blut floß in den Staub, Blut,
so rot wie der Hut des Toten.

Holo: Und damit ist Sie für heute zu Ende, unsere
Kain-und-Abel-Show, meine Damen und Herren, liebe
Kinder, schalten Sie nicht weg, schalten Sie nicht
ab, nach einer ganz kurzen Werbepause bringt
Supermedia Ihnen Sexytrends, die tolle Erotikshow,
also dranbleiben, wir sehen uns bei Supermedia.

Jonas: Hallo? Wie geht’s weiter? Was wird aus mir?
Hey, holt mich hier raus!

Jonas: Im Wilden Westen herrschte absolute Stille,
die Microcams waren verschwunden, Doc Holiday
stand neben mir, steif und leblos wie eine
Schaufensterpuppe. Supermedia hatte uns den Saft
abgedreht, die Show war vorbei. Jonas hatte
gewonnen, aber das schien keinen zu interessieren.

Beringer: Nicht doch, mein Allerwertester, the
show will go on, the show must go on.

Jonas: Beringer.

Beringer: Beringer.

Jonas: Ihre Wette mit Waldorf haben Sie verloren,
Beringer.

Beringer: Wenn Sie wüßten, wie egal mir das ist,
mein lieber, die paar jämmerlichen Millionen habe
ich gern investiert, denn nicht wahr, die
Hauptsache ist doch, ich habe Sie in der Hand,
mein Bester. Und jetzt geht die Show erst richtig
los.

Waldorf: Achtung, Jonas, gehen Sie in Deckung.

Jonas: Das ist gegen die Regeln, Beringer,
Helikopter und MGs haben im wilden Westen nichts
zu suchen.

Beringer: Jetzt spielen wir nach neuen Regeln,
Jonas, nach meinen Regeln, und dieses Spiel werden
Sie nicht gewinnen. Sie sind ein toter Mann.

Waldorf: Nicht aufgeben, Jonas, wehren Sie sich,
kämpfen Sie, Sie sind doch mein Champion. Die
Wette gilt nämlich immer noch, meine gewonnenen 20
Millionen gegen 200 Millionen von Beringer,
enttäuschen Sie mich nicht, es geht um mein Geld,
und um ihr Leben.

Jonas: Das weiß ich selbst, Frau Waldorf, wenn Sie
Ihre Wette gewinnen wollen, helfen Sie mir, sagen
Sie mir, wo’s rausgeht aus dem Wildwestszenario.

Waldorf: Aber gern. Sehen Sie das
Bestattungsinstitut rechts an der Straße? Da gehen
Sie rein und durch die Hintertür wieder raus.

Jonas: Wenn’s sein muß, kann Jonas sehr schnell
sein, wenn ein MG aus einem Helikopter auf ihn
schießt, zum Beispiel, in Sekunden war ich drin,
im Bestattungsinstitut, ein kurzer Blick auf die
dort versammelten Särge, hoffentlich kein
schlechtes Vorzeichen, dann war ich an der
Hintertür, ich machte sie auf, trat durch, machte
sie hinter mir zu. Es war dunkel und es war laut.
Ich war im Krieg. Schwere Artillerie krachte,
Raketen jaulten, Panzerketten dröhnten, MGs
knatterten, im Schein der Brände, im Mündungsfeuer
der Haubitzen eine bizarre Ruinenlandschaft, hier
gefiel’s Jonas nicht, er wollte zurück in den
Wilden Westen, aber die Hintertür war nicht mehr
da.

Beringer: Stalingrad. Sie sind in Stalingrad, mein
Teurer, irgendwann im Winter 1942/43.

Waldorf: Präziser, Sie sind im Szenario der Kain-
und-Abel-Show von 2015.

Beringer: Ich hab es wieder anwerfen lassen,
eigens für Sie, Jonas, gefällt es Ihnen?

Jonas: Nein.

Beringer: Wollen Sie etwa wieder raus?

Jonas: Ja.

Beringer: Ihr Wunsch, mein Hochgeschätzter, ist
mir Befehl. Sehen Sie die Wand mit dem zerfetzten
Stalintransparent, etwa 300 Meter vor Ihnen?

Jonas: Ich sehe sie.

Beringer: Davor der Geröllhaufen, und links vom
Geröll ist ein Loch, eine Kellerluke, das ist der
Ausgang.

Jonas: Und wie soll ich da hinkommen, mitten durch
die Kampfzone?

Beringer: Ihre Sache, mein Freund, lassen Sie sich
was einfallen. Viel Glück.

Waldorf: Ich habe dafür gesorgt, daß Sie Hilfe
kriegen, Jonas, da ist sie schon.

Jonas: Neben mir stoppte ein Panzer.

Sam: Steig auf, dawarisch, dawei, dawei.

Jonas: Den Rotarmisten in verdreckter blutiger
Uniform, der mich durch die Turmluke zog, kannte
ich nicht, wohl aber seine Stimme.

Sam: Notawarisch, Leben noch frisch?

Jonas: Weißt du, woran ich denke, Sammy?

Sam: Woher soll ich wissen? Zwar weiß ich viel,
doch alles weiß ich nicht.

Jonas: So bescheiden kenn ich dich gar nicht. Ich
denke an Generalissimus Stalin und seine
Nomadenhorde im Niemandsland.

Sam: Haha, Fall Invasion vor 9 Monaten. Aber da
war’s ein T54, und jetzt sitzen wir in einem T34.
Ein kleiner feiner Unterschied, gelle.

Jonas: Von mir aus, Sammy, halt, hier steig ich
aus.

Sam: Do Swidanija, dawarisch Jonas, wie sehen uns.

Jonas: Hoffentlich bald. Erst mal hieß es für
Jonas rein ins Kellerloch. Ein paar Meter
unterirdischer Stollen, rechts um die Ecke, und
Jonas stand plötzlich im Hellen. Ich stand wieder
auf Sand, aber diesmal nicht in der amerikanischen
Wüste, in einer Art Zirkus, nur daß die Manege
nicht rund war, sondern oval. Um das Oval saßen
tausende von Zuschauern in mehreren Etagen, in der
Manege Artisten, nur Männer, ohne Hosen, statt
dessen Röckchen, ansonsten Brustpanzer, Helme,
Schilde, Arm- und Beinschienen und Waffen,
Schwerter, Dolche, Spieße, damit hackten sie
aufeinander ein, das kam mir bekannt vor, vor
Jahren war ich mal im Colloseum von Babylon
gewesen.

Jonas: Gladiatoren, das sind Gladiatoren.

Beringer: Sehr gut, Jonas, sehr gut. Sie befinden
sich in einem altrömischen Amphitheater.

Jonas: Kain-und-Abel-Szenario vor 2 Jahren.

Waldorf: Korrekt. Vorsicht!

Jonas: Die Warnung kam zu spät. Ich lag im Sand,
in ein Netz eingewickelt, ein unangenehmer Typ
hatte es mir übergeworfen, jetzt kam er näher, mit
geschwungen-em Dreizack, die Spitzen glitzerten in
der Sonne. Das sah nicht gut aus.

Sam: Nicht verzagen, Sammy fragen. Leg ihn um den
Retiarius, streck ihn danieder.

Jonas: Und womit? Mir haben sie keinen Dreizack
gegeben.

Sam: Du brauchst ihn nicht, o Jonas mein, hast du
doch deinen Colt, zieh, Jesse James, und ziele
gut.

Jonas: Sam war diesmal ein Sklave, ein kleiner
krummer alter Sklave, der mit einem Besen Sand
über die Blutlachen fegte, er sah aus wie ein
Idiot, aber sein Rat war gut. Ich zog und schoß,
der Dreizacktyp fiel um, mit meinem Boie-Knife
schnitt ich mich aus dem Netz.

Jonas: So, wenn mir jetzt mal jemand bitte den
Ausgang zeigen würde.

Waldorf: Mit Vergnügen, Jonas, durchqueren Sie die
Arena, drüben auf der anderen Seite sehen Sie die
Kaiserloge, ziehen Sie sich an der Brüstung hoch
und...

Jonas: Hallo? Hallo Frau Waldorf!

Sam: Die Verbindung ist unterbrochen, durch Sir
Samuel, alsquier und hochwohlgeboren.

Jonas: Bist du verrückt, Sammy, sie steht auf
meiner Seite.

Sam: Ja, das glaubst du, treuherziger Trottel.

Jonas: Aber sie hat doch auf Jonas gewettet.

Sam: Indeed, Sir, und sie will auch gewinnen, doch
in allererster Linie will sie was fürs Auge und
fürs Herz. Viermal S. Sport, Spiel, Spaß,
Spannung. Sie hätte dich cool ins nächste Szenario
geschickt. Starwars. Würde mein hochgemut, doch
eher niedrigbegabter Jonas sich gerne mit Darth
Vader anlegen?

Jonas: Muß nicht sein, Sammy.

Sam: Siehste, na also. Hör auf Sam, der bringt
dich raus, raus aus den Holostudios von
Supermedia, zurück in die wirkliche Welt. Die
kleine Holztür hinter dir.

Jonas: Vor der die wandelnde Eisenwarenmesse
steht.

Sam: Der Murmillo, den wirst du totschießen.

Jonas: Werd’ ich?

Sam: Stell dich nicht an, ist nur ein Android.

Jonas: OK, oder bene, wie die alten Römer sagen.
Hinter der Tür war ein Fahrstuhl, kein bißchen
antik, babylonische Postmoderne. Ich fuhr nach
unten, Sam blieb bei mir, nicht als Sklave, das
wäre ein Stilbruch gewesen, jetzt war er nur eine
Stimme in meinem Ohrkopfhörer. Nicht die einzige.

Beringer: Laufen Sie nur, mein Guter, laufen Sie
nur weg, ich krieg Sie.

Jonas: Stell ihn ab, Sam, er macht mich nervös.

Sam: Untergeschoß. Versorgungstrakt. Alles
aussteigen, Weiterfahrt per E-Vespa.

Jonas: Drei E-Vespas standen am Fahrstuhl, eine
griff ich mir, vor mir öffneten sich zwei Gänge,
sauber, indirekt beleuchtet, abgestandene Luft,
Sam schickte mich nach links, Richtung Babylon,
und Jonas ritt munter fürbaß. Ein Cowboy auf einer
Vespa, wenn das kein Stilbruch war. Nach ein paar
Kilometern hörte ich was, hinter mir, Verfolger,
Beringers Leute vermutlich, ganz allmählich kamen
sie näher, ich fuhr rechts ab in einen Seitengang,
bis es nicht mehr weiterging, jedenfalls nicht
horizontal. Ein enger Schacht führte nach oben, in
die Wand waren Stahlklammern eingelassen. Die
Verfolger waren nicht mehr weit. Jonas kletterte.
Wohin?

Sam: Zu eben jenem Ort, welcher meinem Jonas
vorerst ein gewisses Maß an Sicherheit zu
offerieren vermag. In den Keller von Holonetwork.

Jonas: Der schärfsten Konkurrenz von Supermedia,
keine schlechte Idee, Sammy. Die Frage ist nur,
werden Sie Jonas aufnehmen.

Sam: Sie werden, o www Punkt wonnig wuchernde
Warze des Weltalls, schon um Beringer eins
auszuwischen. Mach die Klappe auf.

Wächter: Halt! Sie betreten das Territorium von
Holonetwork. Wer sind Sie? Was wollen Sie?

Jonas: Ich beantrage Asyl. Supermedia ist hinter
mir her.

Wächter: Kommen Sie rein.

Jonas: Sie hörte sich an, was Jonas zu berichten
hatte. Eine noch junge Frau, modisch
kahlgeschoren, mit eleganten goldenen Lacksträhnen
auf der nackten Kopfhaut. Jana Jarmilova,
Vizepräsidentin von Holonetwork.

Jana: Verantwortlich für Sicherheitsfragen,
defensives Marketing und Ranking.

Jonas: Also für den Kampf mit der Konkurrenz.

Jana: Ein vulgärer Ausdruck, wir benutzen ihn
niemals. Was Sie mir da schildern, Herr Jonas,
klingt nicht uninteressant. Adolf Beringer soll
versucht haben, die von seiner Firma produzierte
Kain-und-Abel-Show zur Verfolgung eindeutig privat
motivierter Ziele zu nützen. Das wäre ein massiver
Verstoß gegen § 17 Absatz 4 der Allgemeinen
Wirtschaftsordnung von Babylon. Haben Sie Beweise,
Herr Jonas?

Jonas: Ich bin der Beweis.

Jana: Sie können mir viel erzählen. Um gegen
Beringer vorgehen zu können, brauchen wir
objektives Material. Holobilder, wenn möglich,
können Sie die beschaffen?

Jonas: Dazu müßte ich zurück zu Supermedia, zu
Beringer und seinen Spielchen, das kommt nicht in
Frage, Beringer will mich unbedingt umbringen.

Jana: Ihre Sache, Herr Jonas, Ihr Risiko. Wenn Sie
uns wasserdichte, juristisch stichhaltige Beweise
liefern, zahlen wir Ihnen 10.000 Euros.

Jonas: Nein.

Jana: Wie Sie wollen, Herr Jonas, Ihr Asylantrag
ist abgelehnt. Raus.

Jonas: Moment. 10.000 Euros?

Jana: 12.000.

Jonas: Das muß ich mir überlegen.

Jana: Tun Sie das, Herr Jonas, Sie haben eine
halbe Stunde Bedenkzeit.

Jonas: Sehr freundlich. Was sollte ich tun? Eine
schwierige Entscheidung, aber sie wurde mir
leichter gemacht, durch Adolf Beringer persönlich.
Er nahm wieder Kontakt zu Jonas auf, Sam ließ ihn
durch, das war gut so.

Beringer: Was soll das sein, mein Bester. Sich bei
der Konkurrenz verkriechen, wie jämmerlich,
hahaha, und es nutzt Ihnen nichts, nicht das
mindeste. Sie kommen doch zu mir zurück und
bringen die Sache zu Ende.

Jonas: Ich lasse mich umbringen, meinen Sie.

Beringer: Das will ich doch stark hoffen, mein
Guter.

Jonas: Mein Bester, darauf können Sie lange
warten.

Beringer: Das glaube ich nicht. Drei Stunden,
höchstens, wenn Sie nach Ablauf dieser Frist nicht
in den Supermedia-Studios auftauchen, mein Teurer,
dann...

Jonas: Was dann?

Beringer: Dann stirbt Chefinspektor Brock eines
jähen und unangenehmen Todes.

Jonas: Brock?

Beringer: Brock. Ich habe den Guten in meine
Gewalt gebracht, Verehrtester, um Sie zum Kommen
zu überreden.

Jonas: Ja sind Sie denn jetzt total ausgerastet,
Beringer. Sie kidnappen einen Kripobeamten und
drohen ihn zu töten.

Beringer: Der Zweck heiligt die Mittel. Und
außerdem, was ist schon so ein mickriger
Schreibtischfurzer gegen Ausnahmemenschen wie
Beringer oder Jonas.

Jonas: Danke für die Blumen.

Beringer: Keine Ursache. Für Sie, mein Lieber, tue
ich alles. Dreimal haben Sie Beringer schlecht
aussehen lassen, ein viertes Mal wird es nicht
geben, weil es sehr bald Jonas nicht mehr geben
wird. Das ist mein Ziel, mein großes Ziel, mein
Lebensziel.

Jonas: Sie sind verrückt, Beringer, verrückt wie.

Sam: Wie hundert Hutmacher, wie tausend Märzhasen.

Jonas: Mindestens. Machen Sie mit Brock, was Sie
wollen, Beringer, das ist mir völlig egal, schalt
ihn ab, Sam.

Sam: Völlig egal, wirklich und wahrhaftiglich? Geh
in dich, o Mensch.

Jonas: Was bedeutete mir Chefinspektor Brock. Mein
Freund war er nicht, mein Feind auch nicht, er war
mein Freundfeind, Feindfreund, immer wieder hatte
er Jonas Knüppel zwischen die Beine geschmissen,
immer wieder hatte er Jonas geholfen, zuletzt im
Fall Invasion, da hatte er mir das Leben gerettet.
Ich wollte nicht, aber ich hatte das Gefühl, ich
mußte. Beringer war entzückt.

Beringer: Sehr gut, mein Schöner, äh, wollte
sagen, sehr schön, mein Guter. Genau das hatte ich
erwartet. Wissen Sie, ich habe von meinen zahmen
Firmenpsychologen Ihr Persönlichkeitsprofil
erstellen lassen, und demnach ist ihr
wesentlicher, ihr entscheidender Charakterzug
Loyalität. Kommen Sie, mein loyaler Jonas, kommen
Sie schnell, der Wilde Westen wartet.

Jonas: Keine Helikopter, Beringer.

Beringer: Niemals.

Jonas: Keine MG’s.

Beringer: Auf keinen Fall.

Jonas: Nur klassischer Wilder Westen.

Beringer: Nichts anderes.

Jonas: Und Brock lassen Sie laufen.

Beringer: Versprochen. Mein großes Ehrenwort.

Sam: Nana.

Jonas: Wieder war Jonas im Wilden Westen, im
Szenario der Kain-und-Abel-Show, diesmal sah ich
es anders als vorhin. Klarer. Präziser. Jetzt
wußte ich Bescheid. Die Holzhäuser waren aus
Plastik. Die Cowboys und die Bürger am Straßenrand
waren Androiden, nur Jonas war echt. Er stand
mitten auf der Hauptstraße von Tombstone, einen
Colt in der Hand und wartete. Ganz hinten, wo die
Stadt zu Ende war, tauchte eine Figur auf, kam
langsam näher, nicht sehr groß, nicht sehr
schlank, der Mann kam mir bekannt vor.

Jonas: Brock.

Sam: Kotzbrock.

Jonas: Das ist Brock.

Beringer: Gut beobachtet, Jonas.

Jonas: Sie haben mir versprochen, ihn
freizulassen, Beringer.

Beringer: Ich hab's mir anders überlegt.

Jonas: Ihr Ehrenwort haben Sie mir gegeben.

Beringer: Ach wissen Sie, man muß flexibel sein.
Ein Duell Jonas gegen Brock, ist das nicht eine
Wahnsinnsidee? Jeder hat einen Revolver, in jedem
Revolver steckt eine Patrone, ehrlicher Kampf,
Mann gegen Mann.

Jonas: Und wenn’s keinen Kampf gibt, weil Jonas
nicht mitmacht?

Beringer: Dann lasse ich sämtliche Androiden im
Szenario auf Sie feuern, mit scharfer Munition,
wie ein Sieb werden Sie aussehen, mein
Hochgeschätzter.

Sam: Siehste.

Jonas: Und wenn ich Brock umlege, kann ich dann
gehen?

Beringer: Wenn Sie mich so direkt fragen, Jonas,
das wäre keine wirklich gute Lösung.

Jonas: Ich verstehe.

Waldorf: Bitte nicht kneifen, Jonas, seien Sie ein
Sportsmann, tun Sie Ihr Bestes. Ich will meine
Wette gewinnen.

Jonas: Und was danach mit mir passiert, Frau
Waldorf.

Waldorf: Geht mich nichts an. Machen Sie das mit
Beringer aus.

Jonas: Es sah schlecht aus für Jonas, aber ich
hatte ja noch einen Trumpf im Ärmel. Holonetwork.
Sam blockte Beringer und Waldorf ab und verband
mich mit Jana Jarmilova.

Jonas: Sie haben zugehört, Frau Jarmilova.

Jana: Und zugeschaut, dank der Microcam, die Sie
ins Szenario eingeschmuggelt haben, Jonas.

Jonas: Dann haben Sie jetzt genug Material gegen
Beringer. Greifen Sie ein, ich will raus. Das hier
macht mir schon lange keinen Spaß mehr.

Jana: Durchaus verständlich, Herr Jonas, doch ein
Eingriffen unsererseits wäre zu diesem Zeitpunkt
inopportun.

Jonas: Was soll das heißen?

Jana: Wir halten es für effektiver, noch ein wenig
abzuwarten, bis jemand tatsächlich zu Tode kommt.

Jonas: Jemand?

Jana: Sie oder der Chefinspektor. Am Besten
natürlich beide, dann haben wir wirklich was gegen
Beringer in der Hand.

Jonas: Sie wollen Brock und mich draufgehen
lassen.

Jana: So leid es mir tut. Natürlich sind wir Ihnen
dankbar, Herr Jonas, Sie waren uns eine große
Hilfe, aber.

Jonas: Der Zweck heiligt die Mittel.

Jana: Sie sagen es. Machen Sie’s gut.

Jonas: Der Trumpf im Ärmel hatte nicht gestochen.
Was nun. Jonas brauchte Hilfe. Dringend. Und es
gab schließlich noch jemand, an den ich mich
wenden konnte, der für Rat und Hilfe zuständig
war, und seinem Herrn aufs Wort gehorchte. Immer
und überall.

Jonas: Sammy. Sam!

Sam: Hier! Hier bin ich, Majestät, und steh zu
Diensten. Wenn alle dich verlassen, Sam bleibt dir
ewig treu.

Jonas: Wo hast du gesteckt?

Sam: Mein Gott, die Arbeit, der Streß.

Jonas: Streß? Hast du vielleicht auch Migräne?
Verdammt noch mal, die hauen mich hier in die
Pfanne und du machst einen Bummel durchs Netz.

Sam: O also das tut weh. Bummel. Migräne.
Undankbarkeit, dein Name ist Jonas. Hat Sam ihn
nicht geschindet und geschuftet wie ein Berserker,
um seinem Herrn eine Überlebenschance zu
ermöglichen.

Jonas: Ach wirklich, und was hast du anzubieten?

Sam: Ein Persönlichkeitsprofil, zwei
Persönlichkeitsprofile der Herrschaften Beringer
und Waldorf. Und was mögen besagte Profile uns
wohl verraten, Herr Nachbar.

Jonas: Vielleicht verrätst du’s mir, Sammy.

Sam: Sie sind hier.

Jonas: Beringer und Waldorf?

Sam: Yes, eben dieselben, hier im
Wildwestszenario, höchstpersönlich, alldieweil sie
den dramatischen Höhepunkt nicht am Monitor
erleben wollen, aus zweiter Hand sozusagen,
sondern echt, wirklich und real.

Jonas: Da könntest du recht haben, Sammy.

Sam: Könnte? Erlauben Sie mal, Gnädigste.

Jonas: Und wo genau stecken die beiden? Hast du
das rausgekriegt?

Sam: Jaja, es war nicht leicht, ich sag es frei
heraus, viel Schwitzen und Schwielen hat es mich
gekostet, viel Müh und Plag.

Jonas: Jajajajajajajajajaja. Wo stecken sie, Sam?

Sam: Ganz ganz ganz ganz ganz ganz nah, in der
ersten Reihe, symbolelisch gesprochen.

Jonas: Wo?

Sam: In der Postkutsche.

Jonas: Jonas stand direkt vor der Wells Fargo
Station. Neben der Postkutsche, die vor einer
Stunde aus Dodge City gekommen war. In der Kutsche
saßen zwei Passagiere. Ein Mann mit Vollbart und
dunkler Brille, eine Frau mit großem Schleierhut,
Beringer und Waldorf, falls Sam sich nicht irrte,
und wie man weiß, irrt sich Sam nur sehr selten.
Brock war nicht mehr weit entfernt. Er blieb
stehen, wir sahen uns an. In seinen Augen stand:
Wirst du schießen, Jonas. Meine Augen fragten
zurück: Wirst du schießen, Brock. Jonas hob die
rechte mit dem Colt, machte eine Drehung von 90
Grad und war mit zwei schnellen Sätzen an der
Postkutsche. Durchs Fenster zielte ich auf den
Vollbart.

Jonas: Hände hoch, Beringer. Sie auch, Waldorf.
Kommen Sie, Brock, helfen Sie mir, die beiden in
Schach zu halten. So, in jeder Waffe ist eine
Patrone. Das reicht für Sie beide.

Waldorf: Meinetwegen brauchen Sie sich keine
Sorgen zu machen, Jonas, ich stehe auf Ihrer
Seite, das wissen Sie doch.

Jonas: Ach ja.

Beringer: Was wollen Sie, Jonas?

Jonas: Raus, mein Guter. Stellen Sie das Szenario
ab. Los.

Beringer: Wenn Sie darauf bestehen. Abschalten!
Aber das bringt Sie nicht weiter, Jonas, und raus
schon gar nicht. Das Studio ist umstellt von
Supermedia-Sicherheitskräften.

Jonas: Und Sie Verehrtester, sind umstellt von
Jonas und Brock. Ihre Sicherheitskräfte sind
neutralisiert.

Beringer: Sie aber auch. Wie geht’s jetzt weiter?

Waldorf: Wie auch immer. Eins steht auf jeden Fall
fest. Jonas hat sich durchgesetzt. Das heißt, ich
habe unsere Wette gewonnen, Beringer.

Beringer: Wie kommen Sie denn auf die
hirnverbrannte Idee, Waldorf? Jonas hat sich vor
dem Kampf gedrückt, mit unfairen Methoden. Sie
haben verloren, Waldorf.

Waldorf: Die Methoden stehen nicht zur Debatte.
Das Ergebnis ist eindeutig. Sie müssen zahlen,
Beringer, 200 Millionen, wenn ich bitten darf.

Beringer: Ich denke nicht daran.

Waldorf: Was sind Sie doch für ein widerliches
Arschloch.

Beringer: Blöde Kuh!

Waldorf: Seniler Sack!

Beringer: Hysterische Gewitterziege!

Waldorf: Ha!

Jonas: Das war zu viel. Astoria Waldorf holte aus
und verpaßte ihrem Wettgenossen ein paar gewaltige
Maulschellen, gefolgt von einem rechten
Aufwärtshaken. Beringer ging zu Boden, Waldorf
trat zu, mehrmals, heftig, Beringer verlor Bart
und Brille.

Beringer: Aufhören. Jonas, helfen Sie mir, ich bin
ein alter Mann, ich bin krank.

Waldorf: Ein gemeiner Betrüger sind Sie, Beringer,
ein Gauner, ein mieses Schwein!

Sam: Wie die letzten Volkrentner im Dipsomaten.

Waldorf: Schuft! Scheißkerl!

Beringer: Ich bin verletzt, ich blute, Hilfe! Der
große Adolf Beringer von Supermedia verliert Blut.
Ein Arzt. Ambulanz!

Sam: Sehr schön, Herr Beringer, weiter so. Sie
haben ein großes Publikum, ein sehr großes. Wir
sind nämlich auf Sendung.

Jonas: Was?

Sam: Ja, bereits vor etlichen Minuten hat Sam sich
erlaubt, die Microcams zu reaktivieren und ihre
Bilder an alle Monitore in Babylon zu schicken.
Millionen sehen uns zu, Damen und Herren,
Millionen bilden sich eine Meinung.

Stimme: Achtung, Achtung, eine Eil- und
Sondermeldung für alle Mitarbeiter von Supermedia.
Mit sofortiger Wirkung entbindet der Aufsichtsrat
von Supermedia Herrn Adolf Beringer von seinen
Aufgaben als Präsident der Firma. Seine
Anordnungen sind unwirksam, ihnen ist keinesfalls
Folge zu leisten.

Waldorf: Haben Sie gehört, Beringer? Sie sind
gefeuert. Supermedia läßt Sie fallen. Sie sind
schlecht fürs Image.

Jonas: Damit war die Show vorbei, endgültig. Die
Sicherheitskräfte zogen sich zurück. Jonas war
frei. Brock wollte Beringer festnehmen, aber
Waldorf hatte eine ganz andere Idee.

Beringer: Ich blute, ich bin schwer verwundet.

Waldorf: So ist es, Beringer. Sie sind
kampfunfähig. Und nach den Regeln Ihrer Kain-und-
Abel-Show stimmt das Publikum über kampfunfähige
Mitspieler ab, ob sie endgültig erledigt werden
sollen oder weiterleben dürfen. Fragen wir doch
die Zuschauer, was wir mit Ihnen machen sollen,
Beringer.

Beringer: Nein.

Waldorf: Was meinen Sie, Jonas.

Jonas: Ich gehe, machen Sie das unter sich aus.

Jonas: Wie die Sache ausging, weiß ich nicht. Ich
sah zu, daß ich rauskam, raus aus dem
Wildwestszenario. Raus aus den Studios von
Supermedia. Raus aus der virtuellen Holowelt.
Zurück nach Babylon, ins echte grimmige Leben.

Sam: Wenn Sie denn wirklich echt ist, die
sogenannte Wirklichkeit. Stellt nicht vielleicht
Babylon auch nichts anderes dar, als ein
gigantisches Holostudio, in welchem an jedem Tag
und in jeder Nacht Millionen von Liveshows
ablaufen.

Jonas: Für wen, Sammy? Wo ist das Publikum?

Sam: Ja, irgendwo da oben?

Jonas: Eher ganz unten würde ich sagen.

Sam: Ja, oder vielleicht hinten?

Jonas: Vorne, rechts, links?

Sam: Salomo der Weise spricht: Nichts genaues weeß
man nicht.

Das war Wildwest. Eine Folge aus der Science-
Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael
Koser. Den Detektiv sprach Bodo Primus, seinen
Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem
hörten Sie: Carolin Fink, Achim Höppner, Horst
Sachtleben, Katja Schild, Ingeborg Solbrig und
andere (Holger Buck, Rena Zednikova, Peter Lersch,
Jürgen Donien, Helmut Gillitzer-Felber). Ton und
Technik: Günter Heß und Daniela Röder. Assistenz:
Martin Trauner. Regie: Werner Klein. Eine
Produktion des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr
2001 in Dolby Surround. Redaktion: Erwin Weigel.

Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Mafia

Jonas: Abends war ich im Casablanca gewesen.
Allein. Ich hatte an Jamaro gedacht. Kein Wunder,
daß ich in der Nacht von ihr träumte. Ein
erotischer Traum war’s leider nicht. Außer
vielleicht für einen Bondage-Fan. Jonas ist
keiner.

Jamaro: Hilf mir, Jonas! Sie haben mich gefangen,
die Russen und ihr schwarzer Teufel! Im
Aeropuert(o). Zuviel Technik. Ich war nicht stark
genug. Und jetzt halten sie mich fest. Gefesselt,
unter Drogen. Du mußt mir helfen, Jonas.

Jonas: Jamaro, indianische Medizinfrau. Schamanin.
Vor einem halben Jahr waren wir uns begegnet.
Drüben, in Costaguana. Die Totentanz-Geschichte.
Wir waren uns nahegekommen. Sehr nahe. Bis Jonas
nach Babylon zurückflog. Jamaro blieb dem Mörder
ihres Stammes auf den Fersen. Dem schwarzen
Schamanen aus Sibirien, der für die Kompania
arbeitete. Die Russen-Mafia.

Jamaro: Ich soll auch für sie arbeiten. Sie wollen
mich zwingen. Alle meine Geheimnisse wollen sie
mir entreißen. Und wenn sie sie haben, werden sie
mich töten. Komm, Jonas, komm zu mir! Hilf mir,
Jonas! Bitte!

Jonas: Jamaro?

Jamaro: Bitte.

Jonas: Wo bist du, Jamaro? – Jamaro?

Jonas: Am Fon war nicht Jamaro. Es war Juno
Belinda. Darling Belinda. Chefin des
Sicherheitsdienstes Safety First. Wir kannten uns
schon lange. Seit dem Antarkti-schen Krieg.
Zuletzt hatten wir im Fall Attentat zusammen
gearbeitet. August 2012.

Belinda: Es ist ein wunderschöner Morgen, Jonas,
die Sonne scheint, die Vögel singen.

Jonas: In Babylon? Glaub ich nicht.

Belinda: Ist auch nicht wahr. Aber darauf kommt’s
ja nicht an.

Jonas: Sondern?

Belinda: Auf die Haltung. Die innere Einstellung.
Das positive Denken.

Jonas: Was willst du, Belinda?

Belinda: Dir was Gutes tun. Ich hab einen Job für
dich.

Jonas: Danke. Für einen Sicherheitsdienst arbeite
ich nicht. Ich bin Detektiv. Freier Detektiv.

Belinda: Der letzte. Ich weiß. Und auch noch stolz
drauf. Krieg dich wieder ein, Jonas. Ich will dich
nicht bei mir anstellen. Nur ein kleiner
Aushilfsjob. Weil meine Leute zur Zeit alle
anderweitig zu tun haben.

Jonas: Lieber nicht.

Belinda: Oh, der Herr sind total ausgebucht.
Auftragsdatei voll bis zum Stehkragen - oder,
Sammy?

Sam: Was? Äh, äh, äh, bitte Sam aus der Sache
gütigst ausklammern zu wollen, Gnädigste. Ein
Computer hört und gehorcht. Sonst nix.

Jonas: Was du nicht sagst, Sammy.

Sam: Genau das.

Belinda: Also, hör mal zu, Jonas. Ein paar Tage
Ferien im Süden. Flug erster Klasse nach Palermo.
Da mietest du dir eine Luxuskarosse. Oder von mir
aus einen Helikopter. 5000 Euros Taschengeld.

Jonas: Es ging um den nächsten Eurogipfel. Alle
drei Jahre treffen sie sich. Nicht die Politiker-
Pappnasen und Plastikköpfe, die im Holo auftreten.
Die echten Leiter und Lenker. Die Strippenzieher.
Wirtschaft. Banken und Börsen. Forschung.
Industrie. Medien und Kommunikation. Sie ziehen
Bilanz. Und legen fest, wo’s in Zukunft langgeht.

Belinda: In fünf Tagen ist es soweit. Am 3. April
2016. Nicht in Davos oder Bilderberg, wie sonst,
sondern im Centro Venti Venti. Dem hochmodernen
neuen Kongreßzentrum in Sizilien. Und weil sich
der Gipfel da zum ersten Mal trifft, haben die
Teilnehmer aus Babylon mich beauftragt, die
Sicherheitsvorkehrungen zu checken. Für einen
Experten wie dich ist das eine Kleinigkeit.

Jonas: Ich werd mir’s überlegen.

Belinda: Was gibt’s da groß zu überlegen?

Jonas: Du hörst von mir, Belinda.

Sam: Greif zu, Knallschote. Dein Konto ist fast so
leer wie deine Birne.

Jonas: Langsam, Sam. Bei meinen letzten Ausflügen
in südliche Gefilde bin ich gewaltig auf die Nase
gefallen. Ich sag nur Traumschiff. Und
Knochenarbeit.

Sam: Wah, Schnee von gestern.

Jonas: Schnee, im Süden?

Sam: Egal. Ein neuer Fall, ein neues Glück. 5000
Euros, Mensch!

Jonas: Und dann Jamaro. Sie hat mich gerufen. Sie
braucht Hilfe. Das war kein normaler Traum, Sammy.

Sam: Ganz recht, Herr Specht. Herr Schluckspecht.
Das war ein alkoholischer Alb- und Katertraum,
erzeugt vom sogenannten Whisky, welchen sich der
Herr und Meister im Casablanca gestrigen Abends in
Unmengen zugeführt habet äh bzw. eingeflößt hat,
gelle?

Jonas: Davon war ich nicht so ganz überzeugt. Aber
ansonsten hatte Sam recht. Sam hat meistens recht.
Sam ist mein Computer. Er ist nicht nur schlau, er
ist auch der Rede mächtig. Weniger vornehm
ausgedrückt: Sam ist ein Quatschkopf. Eine
Quasselstrippe. Sein Hersteller hat ihn seinerzeit
mit Sprachprogrammen voll-gestopft. Und dann
kräftig geschüttelt. Ein Versuchsmodell. Nie in
Serie gegangen. Was besseres konnte Jonas sich
nicht leisten. Damals, als er sich selbständig
machte. Seitdem haben wir uns aneinander gewöhnt.
Mehr oder weniger. Ich rief Belinda an. Und sagte
zu. – 24 Stunden später flog ich den Leih-
Helikopter über den Golf von Castellamare.
Nordwest-Sizilien. Unter mir lag das Centro Venti
Venti. Eine künstliche Insel mitten im Golf. Mit
dem Festland verbunden durch einen schnur-geraden
Damm. Der endete am Haupttor in der Mauer, die um
die ganze Insel lief. Direkt vor dem Tor der
Heliport. Ich landete. Stieg aus. Das Tor ging
auf.

Juri Samarkand: Sieh da. Der große
Sicherheitsexperte aus dem großen Babylon.
Willkommen im Centro Venti Venti. Ich bin der
Manager. Juri Samarkand. Äh, nennen Sie mich Juri.
Und ihr Name ist äh?

Jonas: Jonas. Nur Jonas.

Juri Samarkand: Richtig. Jonas. Frau Belinda hat
Sie angemeldet. Ich soll Sie herumführen, Ihnen
alles zeigen, was Sie sehen wollen, äh und was
wollen Sie sehen, Jonas?

Jonas: Ihre Sicherheitsmaßnahmen.

Juri Samarkand: Versteht sich. Eine pure
Formalität, das versichere ich Ihnen. Unser
Zentrum ist state of the art. Wir haben alles, was
neu und gut und teuer ist: DNA Scanning, Voice
Scanning, Retina Scanning, Face-Structure
Scanning, Bodyheat Scanning, Monitor-Überwachung
auch der entlegensten Ecken, überall Sensoren,
überall Robodogs, kusch! Alles systhemisch
integriert, rechnergesteuert und chaostheoretisch
kalibriert, versteht sich.

Jonas: So. Und wenn Ihr Rechner abstürzt?

Juri Samarkand: Unmöglich.

Jonas: Versteht sich. Aber wenn doch?

Juri Samarkand: Äh dann, mein Lieber, greifen wir
zurück auf die rustikalen Methoden der guten,
alten Zeit. Mauer und Stacheldraht rundum,
menschliches Wachpersonal mit Sturmgewehren,
Laserstrahlern, Neurofreezern. Äh, kommen Sie.

Jonas: Wohin?

Juri Samarkand: Ich zeig Ihnen unsere
Sicherheitszentrale. Mitten auf der Insel, im
Tower, ganz oben. Da kriegen Sie den besten
Eindruck.

Jonas: Die Insel war groß, und weitgehend grün.
Hinter Tor und Mauer lag ein Park. Echtrasen.
Echtbäume. Darüber ragte das Kongreßgebäude auf.
Und darüber der Tower. Wir mußten nicht laufen.
Wir fuhren. Standesgemäß, in einem offenen Golf-
Cart.

Juri Samarkand: Den Golfplatz haben wir weiter
hinten. 18 Loch. Das hier ist unser genuin
sizilianischer Orangenhain. Im Sommer sollten Sie
mal kommen, Jonas. Apfelsinen in allen Farben, so
groß wie Bowlingbälle.

Jonas: Genmanipuliert?

Juri Samarkand: Hm, exklusiv für uns in Holland
maßgeschneidert. Immer das Neueste, immer das
Beste - das ist unser Motto.

Jamaro: Jonas! Du bist gekommen.

Jonas: Jamaro!

Jamaro: Hilf mir, Jonas! Hol mich raus! Jonas.

Jonas: Wo bist du, Jamaro?

Jamaro: Jonas!

Juri Samarkand: Äh, wie meinen Sie, Jonas?

Jamaro: Jonas!

Jonas: Ich habe nur laut gedacht.

Jonas: Sie war laut und klar, Jamaros Stimme in
meinem Kopf. Diesmal konnte es nicht Jacobs Whisky
sein. Fast mechanisch folgte ich dem Manager ins
Kongreßgebäude. In den Lift, der uns zum obersten
Stockwerk des Tower brachte. In die zentrale
Sicherheitsanlage der Insel. Computer.
Schaltpulte. Und Bildschirme. An allen Wänden
Bildschirme. Dunkel und tot. Bis Juri Samarkand
sie einschaltete.

Juri Samarkand: Wenn wir Gäste haben, ist die
Anlage natürlich besetzt. Und dann aktivieren wir
auch unsere Kuppel. Unsere wirkungsvollste
Sicherheitsvorrichtung. Sie müssen sich das etwa
so vorstellen wie den Klimadom über Babylon. Nur
viel, viel moderner und effektiver. Wenn die
Kuppel aufgebaut ist... so, dann kommt niemand und
nichts rein oder raus. Kein Attentäter, kein
Geschoß, keine Bombe, kein Laserstrahl.

Jamaro: Jonas! Hilfe! Hier bin ich!

Jonas: Wieder Jamaro. Und diesmal hörte ich sie
nicht nur. Ich sah sie auch. Auf einem der
Bildschirme. Sie lag auf einer Pritsche.
Gefesselt. In einem kahlen Raum ohne Fenster.
Neben ihr stand Utschym Schetan. Der schwarze
Schamane aus Sibirien. In seiner speckigen
Arbeitskleidung. Mit einem Menschenknochen drosch
er auf seine Trommel aus Menschenhaut. Dabei sah
er in die Kamera. Und fletschte seine graugelben
Zähne. Dann war er weg. Mitsamt Jamaro. Samarkand
hatte die Bildschirme abgestellt. Einen
Laserstrahler aus der Tasche gezogen. Und auf
Jonas gerichtet.

Juri Samarkand: Ich habe das Gefühl, Sie sind
nicht bei der Sache, Jonas.

Jonas: Jamaro ist hier. Auf der Insel. In Ihrem
Centro. Wo haben Sie sie versteckt?

Juri Samarkand: Sie werden lästig, Jonas. Platz,
Smert! Paß gut auf ihn auf! Wenn er sich bewegt,
beißt du! Wie gesagt, Jonas, Sie sind lästig. Ein
Ärgernis. Wir haben gewisse Pläne, was den
Eurogipfel betrifft, und würden es vorziehen,
dabei nicht von verliebten, telepathisch
alarmierten Detektiven gestört zu werden. Also
haben wir Maßnahmen getroffen, uns Ihrer, mein
Lieber, bereits im Vorfeld zu entledigen, und
zwar.

Jonas: Ich nahm Juri den Laser ab. Er war
überrascht.

Juri Samarkand: Smert! Faß, Smert!

Jonas: Und noch mehr überraschte es ihn, daß
Robodog Smert gar nicht daran dachte, Jonas an die
Kehle zu springen. Statt dessen machte er
Männchen.

Jonas: Braver Hund! Und jetzt fall tot um!

Juri Samarkand: Ich versteh das nicht.

Jonas: Mein Computer. Während Sie herumgetönt
haben, ist er in Ihrem System spazierengegangen.
Und hat ihren Fiffi umprogrammiert. Ist doch viel
netter so. Gut gemacht, Sammy.

Sam: Merci. Man dankt. Ganz einfach war es nicht,
das muß ich sagen, doch Sammy kennt kein Zittern
und kein Zagen. Analog, digital, das ist ihm egal.
Er hackt und knackt und packt und zwackt und
kackt.

Jonas: Das reicht, Sam. Wir müssen weg. Den Herrn
hier nehmen wir mit. Als Geisel.

Juri Samarkand: Sie kommen nicht weit, Jonas. Die
Wachen sind alarmiert.

Sam: Holdiodidö.

Jonas: Da hatte er recht. Leider. Als wir zum Tor
zurückfuhren, sah ich sie. Mindestens 20.
Schwerbewaffnet. Ein Ausweichmanöver war dringend
angesagt. Ich klopfte Juri auf den messerscharfen
Scheitel. Old Shatterhands berühmter Jagdhieb.
Kurz, aber schmerzhaft. Dann sprang ich ab. Und
wedelte wie ein Slalomläufer um die Orangenbäume.

Jonas: Welche Richtung, Sammy?

Sam: Nach hinten. Da geht’s raus.

Jonas: Ich will aber nicht raus. Ich muß zu
Jamaro.

Sam: Ja, viel Freude wird die Lady an meinem Jonas
haben, wenn er sich ihr als tote Leiche
präsentiert. Merke: Erst das Leben, dann die
Liebe. Es gilt, Prioritäten zu setzen. Zahllose
wilde Wächter wollen dir was. Mensch, hau ab.
Verschwinde wie die Wurst im Spinde, hihi hihi. Um
Jamaro kannst du dich später kümmern, hihi hihi.

Jonas: Das nahm ich mir vor. Ganz fest. Und lief.
Nicht zum Tor. Von da kamen die Wächter. Zurück.
Vorbei am Kongreßgebäude. Und am Golfplatz. Bis es
nicht mehr weiter ging. Ich stand vor der Mauer.

Sam: An der Mauer, vor der Mauer steht ne dumme
Pflanze, gell Chef?

Jonas: Und jetzt, Sammy?

Sam: Jetzt, äh, ja, äh.

Jonas: Rüberklettern?

Sam: Was? Ne, Einspruch, Euer Ehren. Kraxeln ist
ja soo anstrengend. Und total sinnlos. Weil, die
Kuppel ist noch immer aktiviert.

Jonas: Dann schalt sie ab, verdammt noch mal.

Sam: Is nich drin, Meista. Nich uff die Schnelle.
Hochkompliziertes System. Det braucht Zeit, ja,
und haben wir Zeit?

Jonas: Ach. Ich dachte, Sam hackt und knackt...

Sam: Gut Hack will Weile haben.

Jonas: Keine Sprüche, Sam. Rat und Tat. Das ist
ein Befehl.

Sam: Befehl. Jawoll. Sieh nach unten.

Jonas: Tu ich. Und?

Sam: Ja, was erblicken Dero Scharfsicht entzündete
äh entzückende Augen?

Jonas: Häh? Meine Schuhe.

Sam: Gott, ist der lahm! Unter den Schuhen!

Jonas: Äh, da ist ein Gullydeckel.

Sam: Aha. Heb ihn hoch, roll ihn weg.

Jonas: So. Und jetzt seh ich eine senkrechte
Röhre. Mit Sprossen, da.

Sam: Da steigst du munter, schnell mal runter.

Jonas: Ungern, Sammy. Huch, hier riecht’s aber
nicht gut, du.

Sam: In der Tat, Sir. Wir scheinen wieder einmal
in einem Fall von extrem schlechtem Odeur
verstrickt zu sein.

Jonas: Ja, ich hab’s wörtlich gemeint, Sam. Hier,
hier drin stinkt’s.

Sam: Jajaja.

Jonas: Oh, und es wird immer schlimmer.

Sam: Ja klar.

Jonas: Es wird immer schlimmer.

Sam: Ja, verläuft doch unter uns der
Hauptwasserkanal, welcher Abfälle und sonstige
menschliche Hinterlassenschaften auf direktem Weg
ins Meer befördert.

Jonas: Du, ich hab so ne Ahnung, was jetzt kommt.

Sam: Ja, Luft an, Nase zu, und dann: Sprung ab,
marsch, marsch!

Jonas: Es gab keine Wahl. Außerdem ist Jonas daran
gewöhnt, von Sam durch die Scheiße gejagt zu
werden. Allerdings noch nie so lange wie diesmal.
Ich war nah am Ersticken, als ich auftauchte. Weit
draußen im Golf von Castellamare. Gut einen
Kilometer vor der Insel. Ich schnappte nach Luft.
Und versuchte, mich notdürftig abzuspülen. Dann
schwamm ich in Richtung Festland. Nicht gerade
schnell. Bis ich was hörte. Motorengeräusch. Ein
Boot von der Insel. Es kam direkt auf mich zu. Das
gefiel mir nicht. Ich legte einen Zahn zu. Aber
das Boot war schneller. Plötzlich noch ein
Motorengeräusch. Ein zweites Boot. Vom Festland.
Maschinenpistolen ratterten übers Wasser. Das Boot
von der Insel drehte ab. Fuhr zurück. Das andere
kam näher. Was ging hier vor?

Sam: Unzureichende Daten, Hochwürden. Insofern:
Nix Genaues weiß man nicht.

Jonas: Unsere Rutschpartie durch den Schiet hast
du offenbar gut überstanden.

Sam: Ja, Halle-halleluja. Dank dem Herrn Jonas,
der in seiner unendlichen Güte seinem Sam einen
absoluten undurchdringlichen Mikrofaser-Anzug
spendiert und ihn sowohl wasser-, abwasser-, als
auch wasserabwehrdicht gemacht hat. Was man von
anderen Anwesenden nicht unbedingt behaupten kann.

Jonas: Du stinkst trotzdem.

Sam: Ja, auch Exzellenz stinken zum hohen Himmel,
und was Durchlaucht da in den Haaren hängt, wuäh,
igitt, pfui Teufel.

Basta: Hallo!

Pronto: Ahoi!

Basta: Kommen Sie ins Boot.

Pronto: Und halten Sie die Hände so, daß wir sie
gut im Blick haben.

Sam: Ach du liebes Meingottchen, wie sehen die
denn aus?

Jonas: Berechtigte Frage. Die beiden jungen
Männer, die mich in ihr Boot zogen, trugen Anzüge,
so schwarz wie ihre geölten Haare. Mit breiten
weißen Streifen. Dazu Gamaschen. Schwarzweiße
Schuhe. Weiße Krawatten zu schwarzen Hemden. Und
antike Maschinenpistolen Typ Thompson. Ein
historisches Outfit. Voll durchgestylt. Voriges
Jahrhundert, 20er, 30er Jahre. Gangster. Chicago.
Al Capone. Humphrey Bogart.

Jonas: Seid ihr aus einem Museum entsprungen? Oder
wird hier ein Film gedreht?

Basta: Später.

Pronto: Die Nonna wird Ihnen alles erklären.

Jonas: Die Nonna? Ihre Frau Großmutter?

Basta: Sie will Sie sehen.

Pronto: Wir bringen Sie zu ihr.

Jonas: Die Großmutter der beiden Typen residierte
offenbar auf dem Festland. Wir landeten in einer
einsamen Bucht an der Westseite des Golfs von
Castellamare. Vom Steg führte ein steiler Fußweg
den Berg hoch. Oben stand ein Haus. Ein unschöner
weißer Kasten. Mit einer gewaltigen Aussicht auf
den Golf. Meine Begleiter schoben mich durch die
Tür. Innen wartete eine alte Frau. Sehr alt.
Weißhaarig. Nicht groß, aber breit. In einem
schwarzen Taftkleid.

Nonna: Sehr gut, Basta. Sehr gut, Pronto. Wer ist
der Mann?

Jonas: Ich kann selbst reden. Jonas ist der Name.
Nur Jonas.

Nonna: Nur Jonas? Aus Babylon?

Jonas: Ja.

Nonna: Sie sind der letzte Detektiv!

Jonas: Haben Sie was dagegen?

Nonna: Keineswegs. Ich bin hocherfreut. Ihr Ruhm
ist bis nach Sizilien gedrungen. Willkommen!
Willkommen bei der Familie Malavita. Ich bin Donna
Benedetta Malavita.

Basta: Die Nonna.

Pronto: Die Patin.

Nonna: Mein Gatte, Don Antonio Malavita. Meine
Nichte Alessandra.

Jonas: Jetzt sah ich sie erst, in einer dunklen
Ecke des Zimmers. Ein schlafender Greis im
Rollstuhl. Auf dem Schoß eine Maschinenpistole.
Daneben eine unscheinbare Frau unbestimmten
Alters. Auch in schwarz.

Nonna: Alessandra kümmert sich um Don Toni. Seit
er vor 30 Jahren bei Familienstreitigkeiten in New
York schwer verletzt wurde, ist er an den
Rollstuhl gefesselt. Er kann nicht mehr gehen.

Basta: Nicht mehr reden, nicht mehr hören, nicht
mehr denken.

Pronto: Aber schießen kann er noch.

Nonna: Meine Urenkel kennen Sie bereits. Gianluca
und Leoluca Malavita.

Basta: Genannt Basta und Pronto.

Pronto: Die tödlichen Twins.

Nonna: Geht wieder auf eure Posten!

Basta: Si, Nonna.

Pronto: Bene.

Jonas: Die beiden stellten sich ans Fenster. Und
sahen hinaus. Auf den Golf. Wegen der schönen
Aussicht? Das konnte ich mir nicht vorstellen.

Nonna: Wir beobachten die Insel. Das Centro Venti
Venti.

Jonas: Warum?

Nonna: Wir wissen, daß dort in wenigen Tagen der
Eurogipfel stattfinden wird. Und wir wissen auch,
daß die Russen das Zentrum übernommen haben. Weil
sie einen großen Coup im Schilde führen.

Jonas: Die Russen-Mafia?

Nonna: Äh, wenn wir Freunde bleiben wollen, Jonas,
dann nennen Sie die russische Kompania nicht
Mafia. Niemals. Es gibt nur eine Mafia. Die echte,
die wirkliche, die historische, die einzige. Die
Cosa Nostra. Und das sind wir.

Basta: Das heißt, der Rest.

Pronto: Was von der Mafia noch übrig ist.

Nonna: Und das ist, wie Sie sehen, Jonas, nicht
eben viel. Eine Familie. Sie haben uns dezimiert,
die Russen, sie haben uns aus dem Geschäft
gedrängt, unsere Firmen übernommen, uns aus
Amerika vertrieben, und jetzt kommen sie auch noch
hierher, nach Sizilien.

Basta: In unsere Heimat.

Pronto: Unseren eigenen Hinterhof.

Nonna: Das lassen wir uns nicht bieten. Wir
behalten sie im Auge und, was immer sie vorhaben,
wir werden einschreiten!

Basta: Wir werden ihnen die Suppe versalzen.

Pronto: Und kräftig reinspucken.

Jonas: Die Kompania im Centro, mit Jamaro, ich muß
meine Auftraggeberin anrufen!

Jonas: Die Kompania hat den Tagungsort
unterwandert, sagte ich Belinda. Der Gipfel ist
gefährdet. Sie nahm die schlechte Nachricht
ausgesprochen cool auf.

Belinda: Das kriegen wir schon hin. Wo steckst du,
Jonas?

Jonas: Über dem Golf. In einem Bungalow in äh wie
heißt das hier?

Nonna: Monte Speziale.

Jonas: Am Monte Speziale.

Belinda: Gut. Bleib da. Rühr dich nicht. Warte auf
meinen Anruf. Ich werde das Nötige veranlassen.
Bis dann.

Jonas: Arrivederci, Belinda. Ich hatte nicht vor,
ihren Anweisungen zu folgen. Jamaro war im Centro.
Gefangen. In Gefahr. Ich mußte zurück zur Insel.
So schnell wie möglich. Vielleicht würden die
Malavitas mir helfen. Ich wollte das mit der Nonna
besprechen. Aber es kam was dazwischen.

Basta: Ein Helikopter, Nonna!

Pronto: Von der Insel!

Basta: Mit Raketen!

Pronto: Und MG!

Nonna: Die Russen. Sie greifen uns an.

Basta: Jetzt sind sie über uns!

Pronto: Sie wollen auf dem Dach landen!

Nonna: Wir setzen uns ab. Plan B. Mach die Klappe
auf, Alessandra.

Allesandra: Si, Mama.

Nonna: Basta und Pronto, ihr tragt den Rollstuhl
mit Don Toni.

Basta: Si.

Pronto: Bene.

Nonna: Kommen Sie, Jonas.

Jonas: Unter der Falltür im Boden führten Stufen
nach unten. In einen Felsenkeller. Und da fing ein
Gang an. In den Berg. Mit leichter Neigung nach
unten. Das war unser Fluchtweg. Nach etwa 200
Metern hielten wir. Die Nonna öffnete eine in die
Felswand eingelassene Stahltür. Hinter ihr war
eine Monitor-Anlage. Die Nonna schaltete sie an.
Auf dem Bildschirm erschien der Bungalow. Von
außen. Der Helikopter war gerade auf dem flachen
Dach gelandet. Bewaffnete steigen aus. Die Nonna
nickte zufrieden. Und drückte auf einen roten
Knopf.

Basta: Hurra!

Pronto: Eins zu null für uns!

Basta: Die Russen haben ihren Helikopter verloren!

Pronto: Und 10 Mann, mindestens!

Jonas: Ihr Haus ist aber auch draufgegangen.

Nonna: Das macht nichts. Es war häßlich. Und wir
brauchen es nicht mehr. Die Feindseeligkeiten sind
eröffnet. Weiter! Wir haben noch einen langen Weg
vor uns.

Jonas: Etwa 5 Kilometer. Durch den Berg. Immer
schräg nach unten. Und dann waren wir angekommen.
In einem gutbestückten Weinkeller. Darüber lag ein
weiter, heller Raum. Bunte Teppiche auf blauen
Fliesen. Massive Echtholzmöbel. An den Wänden
Heiligenbilder in schreienden Farben. Und eine
überlebensgroße Madonna aus bemaltem Gips. Direkt
neben ihr hingen Waffen: Maschinenpistolen. Und
Handgrananten. Es roch nach Wein und Weihrauch,
nach Friedhof, Knoblauch und Olivenöl. Vor dem
riesigen Fenster eine große Terrasse. Palmen in
Tonkübeln. Und ein Automobil. Ein antiker Cadillac
in schwarz und gelb.

Basta: Großonkel Als berühmte Panzerlimousine.
1928.

Pronto: Nonna hat sie aus Chicago mitgebracht.

Nonna: Sie befinden sich in der Villa Malavita,
Jonas. Am Standrand von Castellamare. Stammsitz
und Hauptquartier der Familie Malavita. Nun, was
sagen Sie?

Jonas: Eindrucksvoll. Ich kann ihn spüren. Hier
weht er.

Nonna: Wer?

Jonas: Der Wind der Geschichte.

Jamaro: Jonas! Hilf mir! Hast du mich vergessen?

Jonas: Nein, Jamaro. Signora Malavita, ich muß ins
Centro!

Nonna: Nennen Sie mich Nonna, wie die anderen.

Jonas: Die Russen halten da eine Freundin von mir
fest.

Nonna: Die wollen Sie rausholen. Und dazu brauchen
Sie unsere Hilfe.

Jonas: Allein werde ich's kaum schaffen.

Nonna: Wir tun uns zusammen, Jonas, Sie helfen
uns, wir helfen Ihnen. Was schlagen Sie vor?

Jonas: Ein Kommando-Unternehmen. Ein kleiner
Stoßtrupp dringt ein. Holt Jamaro. Kommt mir ihr
zurück.

Nonna: Basta und Pronto, ihr geht mit Jonas.

Basta: Aber sicher.

Pronto: Mit Vergnügen.

Jonas: Frage: Wie kommen wir ins Centro?

Nonna: Na, hat ihr schlauer kleiner Computer das
Sicherheitssystem noch immer nicht geknackt?

Jonas: Sam?

Sam: Sam arbeitet dran.

Nonna: Also noch nicht.

Sam: Oma, du hast ja keine Ahnung. Das ist
Elektronik, capisc'? Hochmoderne Technik.
Schwerstarbeit. Da muß ein kleiner Computer
mächtig transsibirien Korrektur transpirieren.

Jonas: Halt die Backen, Sam, knack weiter.

Sam: Ja.

Nonna: Also machen wir’s auf unsere Art. Wissen
Sie, Jonas, hier, wo wir zuhause sind, hier sind
wir noch wer. Wir werden respektiert, wir haben
Einfluß und Verbindungen. Zu den hier ansässigen
Firmen zum Beispiel, die das Centro Venti Venti
beliefern.

Jonas: Am nächsten Morgen fuhr ein E-Laster über
den Damm zur künstlichen Insel. Viveri stand dran,
und Traffico all Ingrosso. In der Fahrerkabine
saßen Basta und Pronto. In weißen Kitteln.
Darunter Maschinenpistolen. Die Ladung bestand aus
diversen Lebensmitteln. Aus Handgranaten.
Dynamitstangen. Und aus Jonas. Der auch eine MP
hatte. Auf der Höhe des Heliports, wo noch immer
mein Helikopter wartete, führte eine Rampe nach
rechts. Am Haupttor vorbei. Zum
Lieferanteneingang. Basta winkte freundlich. Der
Wächter drückte auf einen Knopf. Das Tor ging auf.
Wir fuhren ein. In die Sicherheitsschleuse. Von
hier ab mußten wir uns den Weg freisprengen. Und
freischießen.

Basta: Das war der Wächter.

Pronto: Er ruhe in Frieden.

Jonas: Basta, Dynamit an die Innentür.

Basta: Si.

Jonas: Pronto, gib Feuerschutz.

Pronto: Berto.

Juri: Hallo, Jonas. Ich heiße Sie zum zweiten Mal
im Centro Venti Venti willkommen. Wir sind auf Sie
vorbereitet. Unsere parapsychologische
Wunderwaffe, der Schamane aus Sibirien, hat Ihre
Gedanken gelesen und uns gewarnt.

Jonas: Juri Samarkand. Nicht leibhaftig. Auf einem
Bildschirm, der plötzlich hell geworden war. Seine
elegante Erscheinung wurde durch einen Kopfverband
erheblich beeinträchtigt. Was Jonas erfreute. Aber
das war auch der einzige Grund zur Freude.

Juri: Ihr törichter Drang, die Indianerin zu
befreien, macht Sie für uns zu einem immer
massiveren Störfaktor, Jonas. Darum haben wir
beschlossen, obwohl wir Jamaro gern an der Seite
des Schamanen für unsere Ziele eingesetzt hätten,
das Objekt Ihrer Begierde ein für allemal zu
beseitigen. Utschym Schetan! Fang an!

Utschym: How.

Jonas: Juri trat zurück. Ich sah Jamaro. Sie lag
auf der Pritsche. Anscheinend bewußtlos. Der
schwarze Teufel tanzte wie ein tapsiger Bär um sie
herum. Und trommelte. Jamaro fing an zu zittern.
Zu zucken. Plötzlich öffnete sie die Augen. Sie
sah mich an. Bäumte (Beugte) sich auf. Blut
strömte ihr aus Mund und Nase. Sehr viel Blut. Sie
fiel zurück. Und lag da. Ganz still. Mit offenen
Augen.

Juri: Gut gemacht, Utschym Schetan.

Utschym: How.

Juri: Jamaro ist tot.

Jonas: Nein.

Juri: O doch. Tot wie ein Türnagel. Sie sehen,
Jonas: Ihr weiterer Aufenthalt auf unserem Gelände
ist zwecklos.

Jonas: Nein!

Jonas: Ich sah rot. Ich feuerte auf den
Bildschirm. Auf Wände und Türen. Bis ich einen
heftigen Schlag auf den Kopf kriegte. Von hinten.
Und zusammenbrach. Ich wachte auf. In der Villa
Malavita. Der Kopf tat mir weh. Aber das war
nichts gegen den Schmerz tief innen.

Jonas: Jamaro ist tot. Sie haben sie umgebracht,
der schwarze Teufel und Samarkand.

Basta: Sie sind ausgerastet, Jonas.

Pronto: Wir mußten Sie beruhigen.

Basta: Nichts für ungut.

Pronto: Das Unternehmen haben wir abgebrochen.

Jonas: Ich mußte ihnen recht geben. Trotz meiner
Trauer. Und meiner Wut. Wir wären alle drei
draufgegangen. Jetzt konnten wir das tun, was
getan werden mußte. Ich dachte nicht an Belinda.
Nicht an meinen Auftrag. Ich dachte nur an Rache.
Rache an Jamaros Mördern. Die Malavitas waren
einverstanden. Sie wollten die verhaßte russische
Konkurrenz vernichten. Wir hielten Kriegsrat. Die
Nonna. Jonas. Und Sam.

Sam: Ein Tusch, Herr Kapellmeister! Tatatatui.
Meine Daumen und Hirn, es halt geschnackelt,
System ist geknackelt, na Oma, wat sachste nu?

Nonna: Ihr Computer ist recht laut, Jonas.

Sam: Wat bin ich?

Jonas: Da sind Sie nicht die erste, die das
feststellt. Und sensibel ist Sam, weiß Gott, auch
nicht gerade.

Sam: Ja, aber schlau. Und gerissen. Und einmalig
clever. Sozusagen genial. Und absolut und total
ganz und gar unentbehrlich.

Jonas: Leider, aber wie auch immer, jetzt kommen
wir rein. Ins Centro.

Nonna: Sie meinen, Frontalangriff? Durchs Tor und
über die Mauer?

Jonas: Was denn sonst?

Nonna: Wir bleiben draußen und lassen die Russen
kommen. Wir räuchern die Bande aus. Ihr Sam wird
die Schutzkuppel aktivieren.

Sam: Wat werd’ ich?

Jonas: Deaktivieren, wollten Sie sagen.

Nonna: Na, er wird sie aktivieren. Und
aufrechterhalten.

Sam: Na, Peanuts. Macht Sammy mit links.

Nonna: Oben in der Kuppel ist ein Loch.

Sam: Yes, für den Ausstoß von CO2. Kohlendioxid.
Sehr ungesund. Nur 25 cm Durchmesser.

Nonna: Da wird Gas eingeleitet. Reizgas,
Tränengas, Mace. Was die Polizei so hat.

Jonas: Die Polizei?

Nonna: Die brauchen wir natürlich. Aber das ist
kein Problem. Wie es der Zufall will, ist
Großneffe Salvatore Malavita Chef der Polizei von
Palermo.

Sam: Ja ist es denn die Possibility?

Nonna: Wir warten ein paar Stunden. Dann gehen wir
rein. Mit Gasmasken. Wir sammeln die hilflosen
Russen ein und lassen sie verschwinden. D'accordo?

Sam: Akkordeon?

Jonas: Am frühen Nachmittag lief sie an. Die
Operation Rattenjagd. Die Russen saßen auf der
Insel. Und fühlten sich sicher. Unter der
undurchdringlichen Kuppel. Bis der Polizei-
Helikopter kam. Mit einem Schlauch. Und einer
gigantischen Gasflasche. Als die leer war, wurde
das Loch abgedichtet. Der Helikopter flog zurück
nach Palermo. Um die Insel waren Boote postiert.
Voll mit Carabinieri. Falls die Russen versuchten,
durchs Abwasser zu fliehen. Wie Jonas. Vor dem
Haupttor standen wir. Jonas. Und die Mafia: Die
Nonna. Basta und Pronto. Nichte Allesandra, und
Don Toni im Rollstuhl. Er schlief nicht,
ausnahmsweise. Er streichelte seine MP. Und
lachte. In freudiger Erwartung. Die Nonna sah auf
die Uhr.

Nonna: Zwei Stunden. Das sollte reichen.

Jonas: Denk ich auch. Kuppel deaktivieren, Sam.

Sam: Zu Befehl. Piep. Kuppel ist deaktiviert.

Jonas: Dann sollten wir die Gasmasken, Moment. Was
ist das?

Basta: Das Tor! Es geht auf!

Pronto: Und zwei kommen raus.

Jonas: Juri Samarkand, und der schwarze Schamane.

Juri Samarkand: Sie wundern sich, uns gesund und
munter vor sich zu sehen, unbeeinträchtigt von
ihrem hinterhältigen Gasangriff? Sehen Sie, mein
Freund Utschym Schetan war so freundlich, uns
beiden mit seinen speziellen Fähigkeiten die
giftigen Schwaden vom Leib zu halten. Es war gar
nicht leicht, und man sollte annehmen, er sei
jetzt schwach und erschöpft. Aber ich kann ihnen
versichern, das ist nicht der Fall. Ganz und gar
nicht.

Utschym: How.

Nonna: Erschießt die beiden.

Sam: Jessesmaria.

Jonas: Es ging nicht. Die Maschinenpistolen
versagten. Alle. Der Schamane hatte Macht über
sie. Er trommelte. Juri grinste. Mir fiel was ein.
Was Jamaro mir früher mal gesagt hatte. Im
Regenwald von Costaguana.

Jonas: Messer! Über Messer hat er keine Macht.
Basta! Pronto! Stecht zu!

Basta: Bene.

Pronto: Machen wir.

Jonas: Es stimmte. Der Schwarze hatte keine Macht
über Messer. Aber er hatte Macht über Menschen.
Basta und Pronto... wollten auf Juri und den
Schamanen losgehen, aber sie konnten nicht, sie
wendeten sich gegeneinander...

Juri Samarkand: Das kommt davon. Mein Beileid,
verehrte Signora Malavita, ihre ohnehin
winzigkleine Familie ist nun noch mehr
zusammengeschrumpft. Seien Sie froh, wenn wir es
dabei bewenden lassen. Leben Sie wohl. Ach, äh,
Ihren zugelaufenen Detektiv, den überlassen Sie
besser uns. Wir nehmen ihn mit, als Geisel und
Schutzschild.

Jonas: Ob ich wollte oder nicht, ich mußte ihnen
folgen. Zu meinem Leih-Helikopter auf dem
Heliport. Sie fesselten mich. Und banden mich an
ein kurzes Seil. Das machten sie am Helikopter
fest. Sie stiegen ein. Juri setzte sich ans
Steuer. Der Helikopter startete. Flog eine große
Kurve über den Golf. Jonas hing unten dran. Drehte
sich. Pendelte hin und her. Unter mir sah ich
Bewegung. Der Bann des Schamanen war offenbar
aufgehoben. Die Nonna beugte sich über ihre toten
Urenkel. Don Toni im Rollstuhl sah dem Helikopter
nach. Hob seine MP. Zielte kurz. Und drückte ab.
Ein Ruck. Der Schuß hatte das Seil durchtrennt.
Jonas fiel. Klatschte ins Wasser. Ging unter. Kam
hoch. Ging wieder unter. Kam noch mal hoch. Bevor
ich ganz ertrunken war, fischten mich die
Carabinieri auf. Derweil verschwand der Helikopter
mit Juri und dem Schamanen am nördlichen Horizont.
Am Abend saßen wir in der Villa Malavita zusammen.
Don Toni schlief wieder. Den Schlaf des Gerechten
und Zielsicheren. Behütet von Alessandra. Die
Nonna und ich, wir hatten nur einen Gedanken.

Nonna: Vendetta.

Jonas: Rache.

Nonna: Für Basta und Pronto.

Jonas: Für Jamaro.

Nonna: Wir werden sie töten, Samarkand und den
Schwarzen.

Jonas: Das werden wir, Nonna. Aber dazu müssen wir
sie erst haben.

Nonna: Wir werden sie finden.

Jonas: Sicher, bloß wo?

Sam: Hach, da sitzen sie und zermartern ihre
mickrigen Gehirne. Menschen! Warum fragt ihr nicht
Superhirn Samuel, Computer, extraordinaire?

Jonas: Willst du uns erzählen, du weißt, wo die
beiden stecken, Sammy?

Sam: Nun, äh man hätte diesbezüglich, unter
Umständen, gewissermaßen, sozusagen, irgendwie so
eine Art Idee.

Jonas: Raus damit.

Sam: Leute, tretet rings heran, hört euch die
Geschichte an, hört, was bald zu Babylon.

Jonas: Kurz, Sam, bitte, und in Prosa, für deine
Gedichte oder was du dafür hältst hab ich im
Moment keinen Nerv.

Sam: Banause. 8. April 2016 Eröffnung Themenhotel
Metropole in Babylon. Betreiber ist Strohfirma für
Kompania, munkelt man.

Nonna: Das ist mir bekannt. Man ist deshalb vor
einiger Zeit an unsere Familie herangetreten.
Wegen Onkel Als Panzer-Cadillac. Den wollte man
gern für das neue Hotel kaufen.

Jonas: Warum denn das?

Sam: Metropole, Dummi. Themenhotel, Weichkeks. Das
Thema ist Al Capone. Gangster, Mafia, Chicago,
Prohibition, Roaring Twenties. Und wo hatte Omas
berühmter Onkel Alphonse sein Hauptquartier? Na?
Hotel Metropole, Chicago, Michigan Avenue.

Nonna: Wir haben den Wagen natürlich nicht
hergegeben.

Sam: Wenn also die Kompania hinter dem neuen Hotel
in Babylon steckt und wenn Gospodin Juri Samarkand
sowas wie der Hotelier der Kompania ist, dann,
allerwertester Jonas, herzliebste Omama.

Jonas: Dann eröffnen sich uns gewisse
Möglichkeiten.

Sam: Na bitte.

Jonas: Eine Woche später. Babylon.
Markgrafenboulevard. Das neue Themenhotel
Metropole wurde festlich eröffnet. Der übliche
Auftrieb. Nur geladene Gäste. Nur sogenannte
Prominenz. Die Bürgermeisterin natürlich. Holo-
Stars. Der Serienmörder der Woche. Superbosse.
Bischöfin und Erzdruide. Angesagte Drogen-
Designer. Der Hochadel. Und Jonas. Sam hatte mir
eine Einladung besorgt. Wie? Das müssen Sie ihn
schon selbst fragen. Computer haben ihre kleinen
Geheimnisse. Ich war also da. Wanderte herum. Es
gab Echtwhisky. Stilecht aus Teetassen. Cocktails
aller Art. Echtchampagner. Das echtmenschliche
Personal machte auf Gangster und Charleston-Girls.
Echtmusiker spielten Uraltjazz. Nostalgiker Jonas
fühlte sich gut. Und vergaß fast, weshalb er
gekommen war. Bis er Belinda traf.

Belinda: Jonas, was machst du denn hier?

Sam: Jonas, was machst du denn hier?

Belinda: Oh, der alte Sam.

Jonas: Ich trinke. Echten Scotch. Sowas kann ich
mir zuhause nicht leisten. Dein Wohl, Darling
Belinda.

Belinda: Du bist eingeladen?

Jonas: Nein. Aber du natürlich. Du bist sogar ein
ganz spezieller Ehrengast, nehm ich an.

Belinda: Meinst du? Warum?

Jonas: Weil das Hotel der Kompania gehört. Und du
gehörst auch der Kompania.

Belinda: Haha, ich? Wie kommst du denn auf die
Idee?

Jonas: Drei Gründe. Erstens. Gleich nachdem ich
dich angerufen und dir gesagt hatte, wo ich
stecke, haben die Russen den Bungalow der
Malavitas angegriffen. Zweitens. Die Kompania hat
das Centro Venti Venti unterwandert, hatte ich dir
gesagt. Du hast nichts unternommen. Der Gipfel
wurde nicht abgesagt. Warum hast du die Warnung
nicht weitergegeben?

Belinda: Das muß ich glatt vergessen haben. Und
drittens?

Jonas: Es gab gar keinen Auftrag für dich, die
Sicherheitsvorkehrungen in Sizilien zu checken.
Sam hat sich mal in deinen Daten umgesehen.

Sam: Ja grüß Gott, gnädige Frau, wie geht's, wie
steht's, wie schauts, kiß die Hand, bussi bussi.

Belinda: Du mich auch, Sam. Kreuzweise.

Sam: Jawohl.

Jonas: Warum hast du mich nach Sizilien geschickt,
Belinda?

Belinda: Wegen dieser Indianerin.

Jonas: Jamaro?

Belinda: Wir wußten, daß sie mit dir in Verbindung
stand. Telepatisch. Unser Schamane hat ihre
Hilferufe abgehört. Wir machten uns Sorgen, du
könntest durch Jamaro zuviel erfahren, womöglich
überraschend eingreifen und unseren großen Coup
stören. Wir wollten dich vorher aus dem Verkehr
ziehen. Zu unseren Bedingungen. In aller
Gemütsruhe.

Jonas: Darum hast du mich Juri Samarkand auf dem
Tablett serviert. Mich ans Messer geliefert.

Belinda: Gott, wenn du es so melodramatisch
ausdrücken willst.

Jonas: Der große Coup worum ging's da eigentlich,
Kidnapping der Gipfelteilnehmer.

Belinda: Ah, nicht doch. Das ist Altmafia-Stil.
Überholt. Uninteressant. Die Gipfelteilnehmer
sollten abgehört werden.

Jonas: Wanzen?

Belinda: Ach was. Jeder Gipfelmensch hätte seine
Sicherheitsexperten mitgebracht, und die hätten
jede Wanze gefunden.

Jonas: Also mental. Telepatisch. Durch den
Schwarzen Schamanen. Und Jamaro sollte auch dazu
gezwungen werden.

Belinda: Genau, Jonas. Und da bist du ganz allein
draufgekommen? Ohne Sam?

Sam: Oh da staunt der Laie und der Fachmann
wundert sich, doch wie spricht Volkes Stimme,
pock, pock, pock, pock, auch ein blindes Huhn
trinkt mal einen Korn, hick.

Jonas: Sam, halt die Klappe. Ich verstehe,
Belinda. Wenn die Kompania weiß, welche Weichen in
den nächsten Jahren gestellt werden, kann sie die
richtigen Aktien kaufen, die richtigen Immobilien,
in die richtigen Branchen investieren.

Belinda: Und so weiter. Elegant, nicht wahr? Und
viel einträglicher als Kidnapping. Komm mit,
Jonas. Ich will dir was zeigen.

Sam: Nana.

Jonas: Belinda ging voraus. Zu einem Lift, der nur
mit Sonder-Paßscheibe funktionierte. Belinda hatte
eine. Wir fuhren nach unten.

Jonas: Aus eurem großen Coup ist ja nun nichts
geworden, Belinda.

Belinda: Das verdanken wir dir, Jonas, und diesen
sizilianischen Dorftrotteln. Mit denen rechnen wir
später ab. Was dich betrifft, Jonas.

Juri Samarkand: Willkommen im Metropole, Jonas.
Ich bin der Manager, Juri Samar... was rede ich
da, äh das wissen Sie doch. Es scheint mein
Schicksal zu sein, Sie immer wieder willkommen
heißen zu müssen. Äh, treten Sie nur näher. Meinen
Freund Utschym Schetan kennen Sie ja bereits.

Jonas: Sam. Gehirnblockade.

Sam: Wüßte nicht, was es da viel zu blockieren
gäbe, Kumpel. Piep. Okay. Blockade steht.

Jonas: Om mani padme hum.

Sam: Om mani padme hum.

Jonas: Samarkand. Ein bewaffneter Bodyguard. Und
der Schamane. Sie saßen hinten. An der Wand der
großen Halle. Offensichtlich eine Garage. Vor
einer anderen Wand standen drei antike LKW. Alte
Autoteile lagen herum. Es roch nach Öl und Benzin.

Belinda: Ein historisch getreuer Nachbau der
Garage in der North Clark Street, Chicago, wo das
berühmte Massaker am St. Valentinstag stattfand.

Juri Samarkand: 1929, am 14. Februar. Al Capone -
Ihnen ist das zweifellos bekannt, Jonas - Capone
hat sich damals seiner schärfsten Konkurrenten
entledigt.

Jonas: Om mani padme hum, Om mani padme hum.

Sam: Om mani padme-he, Om mani padme-he.

Jonas: Immer wieder sagte ich leise das
buddhistische Mantra auf. Vorsichtshalber. Falls
Sams Blockade meiner Hirnfrequenzen nicht
100prozentig wirkte. Und der Schamane doch den
einen oder anderen meiner Gedanken lesen konnte.
Danach sah es allerdings nicht aus. Utschym
Schetan wirkte verunsichert. Er schüttelte den
Kopf. Rutschte auf seinem Stuhl hin und her.
Schließlich griff er sich die Trommel. Und klopfte
ein bißchen darauf herum.

Juri Samarkand: Das wird der Höhepunkt unserer
Einweihungsfeierlichkeiten, Jonas. Eine szenische
Darstellung des Massakers. Dafür hätten wir gerne
Al Capones Original-Automobil benutzt, aber da die
Besitzer sich nicht davon trennen wollten, haben
wir’s nachbauen lassen. Besetzt wird es von ein
paar schauspielerisch begabten Exekutivorganen in
unseren Diensten. Wir erhoffen uns eine umwerfende
Performance, einen grandiosen Event.

Belinda: Und daran, finde ich, sollten wir Jonas
teilhaben lassen.

Juri Samarkand: Jonas teil... ahaha, als Opfer,
ausgezeichnete Idee, meine Liebe. Aber nicht bei
der eigentlichen Vorführung. Wenn unsere
prominenten Gäste hier sein werden, um die Show
mitzuerleben. Das könnte zu Problemen führen. Zu
unwillkommenen Fragen.

Belinda: Bei der Generalprobe. Jetzt gleich. Da
sind wir ganz unter uns. Deshalb habe ich ihn doch
hergebracht.

Juri Samarkand: Sehr gut. Boris, gehen Sie raus
auf den Hof, wo der Cadillac steht. Bei der Probe
sollen unsere Gangster ihre Tommyguns mit scharfer
Munition laden. Eigens für Jonas.

Boris: Si Commodore.

Jonas: Bodyguard Boris entschwand nach hinten. Wo
eine Rampe nach oben führte. Inzwischen wurde der
Schamane immer unruhiger. Er ahnte, daß gleich was
schlimmes passieren würde. Jonas wurde an die
gegenüberliegende Garagenwand gestellt. Juri
grinste. Belinda lächelte. Ich stand da. Om mani
padme hum. Eine Minute verging. Eine sehr lange
Minute. Dann drückte Juri auf einen Schalter an
der Wand. Über der Rampe leuchtete ein grünes
Licht auf. Onkel Als Panzer-Cadillac rollte die
Rampe herunter. Blieb stehen. Die Türen öffneten
sich.

Juri Samarkand: Da! Da steht Jonas! Erschießt ihn!

Jonas: Zwei Gestalten waren aus dem Wagen
gestiegen. Zwei Frauen in schwarz. Die Nonna. Und
Nichte Alessandra. Ihre Maschinenpistolen
richteten sie nicht auf Jonas. Sondern auf Juri.
Auf Belinda. Und auf den Schamanen.

Juri Samarkand: Idioten! Nicht hier! Da drüben!
nein, ah...

Belinda: Ah, ah...

Jonas: Sie feuerten. Bis die Magazine leer waren.
Don Toni im Cadillac ballerte begeistert mit. Juri
und Belinda lagen auf dem Betonfußboden. Wie zwei
Haufen blutiger Lumpen. Utschym Schetan nicht. Er
stand noch. Irritiert. Verwirrt. Aber unverletzt.

Nonna: Der Kerl ist kugelfest!

Jonas: Sowas hatte ich mir gedacht. Und ein Messer
eingesteckt. Ich ging durch die Halle. Vorbei am
Cadillac. An den Malavitas. Zum Schamanen. Ich sah
in seine bösen schwarzen Augen. Ich dachte an
Jamaro... Ich ging über die Rampe. Durch den Hof.
Im Schatten lagen Leichen in Gangsteranzügen.
Männer der Kompania. Die Malavitas hatten sie
getötet, um ihre Rollen zu übernehmen. Ich ging
weiter. Durch eine Unterführung. Eine dunkle
Gasse. Und stand plötzlich auf dem
Markgrafenboulevard. Hell. Laut. Bunt. Voller
Menschen. Voller Leben.

Jonas: Om mani padme hum. Das war’s, Sammy.

Sam: Jaja, dideldum, gut gelaufen, Chef. Wie
geplant und berechnet. Die Bösen sind tot. Wir
haben überlebt, jajaha, alles bestens.

Jonas: Happy End, Sammy, hm, trotzdem fühle ich
mich mies. Wegen Jamaro? Wegen Belinda? Oder
weshalb?

Sam: Ja, das ist der Blues, Alter.

Jonas: Und was tut man dagegen?

Sam: Ja, was tut man dagegen. Pillen. Schnaps.
Drugs. Durchdrehen. Schlafen. Den Löffel abgeben.
Puhu, huhuhu huhuhuhu huhuhuhu, huhuhuhu...äh

Jonas: Jonas schaltete Sam ab. Und ging nach
Hause.

Das war Mafia. Eine Folge aus der Science-Fiction-
Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser.
Den Detektiv sprach Bodo Primus, seinen
Supercomputer Sam Peer Augustinski. Außerdem
hörten Sie: Kornelia Boje, Nils Clausnitzer, Jens
Holger Kretschmer, Doris Schade, Mark Oliver
Schulze und andere (Irina Wanka, Jürgen Donien,
Helmut Gillitzer-Felber). Ton und Technik: Günter
Heß und Daniela Röder. Assistenz: Martin Trauner.
Regie: Werner Klein. Eine Produktion des
Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 2001 in Dolby
Surround. Redaktion: Erwin Weigel.

Jonas. Nur Jonas. Und Sam.
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Comeback

Sam: Die Mitternacht zog näher schon, in stummer
Ruh lag Babylon.

Jonas: In stummer Ruh, nimm dir ein Beispiel dran,
Sammy, und was heißt Mitternacht, es ist fünf nach
8, früher morgen.

Sam: Das war nicht die Zeitansage, du Banane, äh
Banause, das war Pöesie, Poesie, Dichtkunst, du
verstehen.

Jonas: Sam, mein Computer. Ein Sondermodell.
Besonders verbal. Extrem verbal. Er kann seine
Klappe nicht halten. Auch wenn er keine hat. Er
nervt. Andererseits, was wäre mein Leben ohne Sam.
Entspannter. Ruhiger. Und viel, viel
uninteressanter. Wer will das schon?

Sam: Belsatzar von Heinrich Heine. Ein
unsterbliches Meisterwerk. Jehova, dir künd ich
auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon.

Jonas: Schluß mit dem Knattergemine, geh ans Fon.

Sam: Oh, da bemüht sich ein kleiner Computer um
ein winziges Quäntchen Bildung für seinen total
unterbelichteten Herrn und Meister, und was ist
der Dank, Knattergemine sagt er.

Jonas: Sam, geh ans Fon.

Sam: Ja, man hört und gehorcht, o Beherrscher der
Gläubigen.

Jonas: Wer ist dran.

Sam: Stadtverwaltung Babylon, Amt für freie
Berufe.

Jonas: So? Stell durch. Akustik, kein Bildfon.

Sam: Jawohl, kein Bildfon.

Computerstimme: Einen wunderschönen guten Morgen,
Herr Jonas. Sie werden hiermit nachdrücklich
aufgefordert, zwecks Erneuerung Ihrer Lizenz als
privater Detektiv, persönlich im Amt für freie
Berufe, Babylon Mitte-Ost, Piazza Sewastopol,
vorstellig zu werden, und zwar unverzüglich,
widrigenfalls Ihnen die Lizenz entzogen wird, was
wiederum Ihre soziale Rückstufung ins Prekariat
erforderlich macht, mit allen daraus
resultierenden Konsequenzen. Das Amt für freie
Berufe wünscht Ihnen noch einen angenehmen Tag,
Herr Jonas.

Jonas: Normalerweise springt Jonas nicht, wenn
irgendein Amtsschimmel wiehert. Aber hier ging's
um alles. Um den Job, den Sozialstatus, die
Existenz. Also sprang ich. Unverzüglich. Die
wichtigen Behörden in Babylon liegen um den Ernst-
August-Platz. Hier ragt das Rathaus in den Himmel,
die Sicherheitsverwaltung, das
Wirtschaftsministerium. Das Amt für freie Berufe
ist total unwichtig. Noch unwichtiger als die
Prekariatsverwaltung, mit der sich das Amt eine
frühere Kirche teilt. Die Prekariatsverwaltung
macht sich im Kirchenschiff breit. Die freien
Berufe haben sie in den Turm gequetscht. Unten die
Ärzte, Mensch, Tier und Zahn, darüber die
Rechtsanwälte, dann die Künstler, ganz oben
sonstige. Fahrstuhl Fehlanzeige.

Jonas: Hi.

Bürokrat: Können Sie lesen. Eintritt nur nach
Aufruf, steht an der Tür. Sind Sie aufgerufen?

Jonas: Genaugenommen bin ich angerufen. Von Ihnen.
Sie wollen was von mir.

Bürokrat: So. Name?

Jonas: Jonas.

Bürokrat: Vor- oder Nach?

Jonas: Beides.

Bürokrat: Also Jonas Jonas.

Jonas: Nein. Nur Jonas. Sie gestatten, daß ich
Platz nehme.

Bürokrat: Wenn Sie einen Stuhl finden.
Bürgernummer?

Jonas: Ich setzte mich auf den Schreibtisch. Und
verriet ihm meine Bürgernummer. Der Typ war grau.
Von den Haaren über Gesicht und Anzug bis zu den
Schuhen. Staubgrau. Er hockte in seinem grauen
Sessel wie angewachsen. Auch das Büro war grau.
Graue Aktenregale, graue Akten. Echtes Papier.
Grauer Schreibtisch. Darauf ein grauer Laptop.
Asbach Uralt. Zwanzig Jahre mindestens.

Bürokrat: Beruf?

Jonas: Detektiv. Privat.

Bürokrat: Ah richtig. Der letzte. Außer Ihnen
steht keiner mehr in meinen Akten. Und was machen
Sie so als Detektiv?

Jonas: Ich detektiviere.

Bürokrat: Aha. Nicht sehr erfolgreich, wie es
aussieht. Im laufenden Jahr 2016 haben Sie keinen
einzigen Euro verdient. Und heute ist schon der
30. Dezember.

Jonas: Es war ein schwieriges Jahr, ereignisreich.
Fall Wildwest. Fall Mafia. Beide kompliziert,
gefährlich sowieso. Allerdings nicht gerade
einträglich. Was kann Jonas dafür, wenn man ihn
kidnappt, oder wenn seine Auftraggeberin ihn
umbringen will. Aber darüber wollte ich mit dem
grauen Sesselfurzer nicht diskutieren. Ich wollte
ihn den Kopf voran in seinen grauen Papierkopf
stopfen. Das verkniff ich mir. Ich tat nichts, ich
sagte nichts.

Bürokrat: Unter diesen Umständen, Herr Jonas, ist
es mir nicht möglich, Ihre Lizenz zu erneuern, das
heißt, Sie verlieren Ihren Sozialstatus, der war
bisher, lassen Sie mal sehen, war unterer
Mittelstand, Volksrente plus Eigeneinkommen
zwischen 5 und 10000 Euro. Sie steigen ab ins
Prekariat, nur Volksrente, und das heißt, Sie
werden demnächst Babylon verlassen und in die
Prekariats-Heimstatt Nummer Eins umgesiedelt.

Jonas: Kurz PH 1, draußen in der Wildnis. Ein paar
hundert Kilometer südlich von Babylon.
Volkstümlich Prollhalde, oder Donut. Wegen der
Form. Ein riesiger Ring um einen Innenhof, 300
Stockwerke hoch, in jedem Stock 3000 Bewohner.
Macht nach Adam Riese 900.000. Das reichte
natürlich nicht. PH 2 und 3 waren schon im Bau. In
Babylon gab es immer mehr. Prekariatsangehörige.
Prolls. Volksrentner. Ohne Arbeit. Ohne
Zusatzeinkommen. Die anderen fühlen sich gestört.
Der obere Mittelstand. Die Reichen und
Superreichen. Babylon ging das Problem offensiv
an. Seit einem Jahr wurde die Stadt gesäubert.
Unter dem Motto: Macht Babylon sicherer, sauberer,
schöner. Prolls mußten raus. In die Wildnis. In
die neuen Prollhalden. Da waren sie unter sich und
störten nicht mehr. So weit so schlecht. Jonas
wollte in Babylon bleiben.

Bürokrat: Das können Sie, Herr Jonas, dazu müssen
Sie allerdings noch in diesem Jahr ein gewisses
Einkommen erzielen.

Jonas: Ich soll in zwei Tagen ein lukrativen Fall
an Land ziehen. Wie stellen Sie sich das vor?

Bürokrat: Das ist doch nicht meine Aufgabe, Herr
Jonas. Auf Wiedersehen.

Jonas: Jonas hatte den Kopf voll und ganz andere
Sorgen. Trotzdem fiel mir die Frau auf, die am Fuß
der Treppe stand. Sie war nicht grau, sie war
bunt: rote Haare, rote Schuhe, gelber
Businessanzug, grünes Hemd. Sie sah gut aus.
Außerdem sah sie mich an und hielt mich am Ärmel
fest.

Carmen: Sie haben ein Problem, Herr Jonas.

Jonas: Eins?

Carmen: Ich glaube, ich kann Ihnen helfen.
Prekariatsoberrätin Sakalauskas.

Jonas: So sehen Sie nicht aus.

Carmen: Ich möchte Ihnen ein Vorschlag machen.
Kommen Sie mit.

Jonas: Sie führte mich nicht in ihr Büro. Sie
führte mich zu einem der alten Beichtstühle an der
Wand. Holzimitat, verblaßt und verzogen, innen
hing noch immer ein Hauch von Weihrauch und
Sündenschweiß. Jonas war nicht nach beichten,
obwohl er ausgesprochen sündige Gedanken hatte,
als die attraktive Beichtmutter ihm im engen
Kabuff sehr nahe kam.

Carmen: Hier sind wir ungestört. Hören Sie zu. Wie
ich von meinem Kollegen im Turm erfahre, brauchen
Sie einen Fall? Und wir brauchen einen Detektiv.

Jonas: Wir?

Carmen: Die Prekariatsverwaltung. Wir haben ein
Problem mit PH 1.

Jonas: Ach was. Sie auch?

Carmen: Der Leiter der Heimstatt, mein Kollege
Prekariatsrat Arnold ist anscheinend verschwunden.
Vor drei Tagen war die elektronische Verbindung
von PH 1 zu uns unterbrochen: Video, Fon, Email,
nichts ging mehr. Und als etwa 4 Stunden später
die Verbindung stand, sahen wir auf unseren
Monitoren nur Flure und leere Wohnkapseln. Kein
Zentralbüro. Kein Arnold. Unsere Anrufe nimmt
keiner an, unsere Emails werden nicht beantwortet.
Wir sind besorgt. Irgendwas geht in PH 1 vor. Und
wir wissen nicht was.

Jonas: Warum wenden Sie sich nicht an die
Sicherheitsverwaltung?

Carmen: Zwecklos. Außerhalb der Stadtgrenzen hat
die babylonische Polizei keinerlei Befugnis. Die
Wildnis gehört zum Aufgabenbereich der
Grenztruppe, aber die hat in letzter Zeit so viel
um die Ohren, nach dem letzten großen
Mauerdurchbruch am Weihnachtstag müssen die
Grenzer noch immer illegale Drittweltler jagen.
Außerdem wären sie für unser Problem wohl kaum
geeignet. Das ist eine andere Sache.

Jonas: Wie wär's mit dem Geheimdienst?

Carmen: An den haben wir uns natürlich gewendet,
aber da kriegten wir eine glatte Abfuhr. Prolls
gehen uns nichts an, wurde uns gesagt. Da müßt ihr
euch schon selbst drum kümmern. Und weil wir in
der Prekariatsverwaltung keine Exekutivabteilung

Jonas: Schicken Sie Jonas. Den letzten Detektiv.
Sie wissen, was ich koste. 200 Euro pro Tag und
Spesen.

Carmen: Unmöglich, Herr Jonas, die
Prekariatsverwaltung hat kein Geld, und auch kein
Konto für Sonderausgaben. Passen Sie auf: Spesen
brauchen Sie nicht. Der Transport ist frei. Sie
werden in PH 1 untergebracht und verköstigt. Und
als Honorar kriegen Sie Bonuspunkte.

Jonas: Was heißt das?

Carmen: Wenn Sie den Auftrag für uns übernehmen
und erfolgreich durchführen, werde ich meinem
Kollegen im Amt für freie Berufe Anweisung geben,
Ihnen eine Lizenz für 2017 auszustellen, im Zuge
der Amtshilfe. Einverstanden?

Jonas: Einverstanden, sagte ich. Nicht mit
Begeisterung, aber was blieb mir übrig. Besser
eine Stippvisite in PH 1 mit Rückkehrgarantie als
demnächst für immer dorthin.

Carmen: Herr Jonas ich freue mich.

Jonas: Nur Jonas reicht. Und wie heißen Sie? Oder
muß ich weiterhin Frau Prekariatsoberrätin
Sakalauskas sagen?

Carmen: Carmen.

Jonas: Das klingt doch viel hübscher als
Sakalauskas, und paßt besser zu Ihnen. Also,
Carmen. Wie geht's jetzt weiter.

Carmen: In der nächsten Stunde schicke ich Ihrem
Computer zu, was Sie brauchen werden. Die Pläne
von PH 1, Organisationsstruktur, etc. etc. Und
natürlich Ihr offizielles Überstellungsdokument.
Das zeigen Sie in unserem Busbahnhof vor. Sie
wissen wo.

Jonas: Die frühere REUBA-Truckstation am südlichen
Stadtrand. Kenn ich.

Carmen: Gut. Heute Nacht um 11 fährt der
Prekariatsbus nach PH 1 ab. Seien Sie pünktlich.

Jonas: Heute noch. So eilig haben Sie's?

Carmen: Je eher Sie fahren, Jonas, desto eher sind
Sie zurück. Sie werden mir persönlich Bericht
erstatten. Ich freue mich darauf. Viel Glück,
Jonas.

Jonas: Als ich nach Hause kam, hockte Sam auf dem
Tisch und schmollte. Weil ich ihn nicht
mitgenommen hatte, und weil ihm der neue Auftrag
überhaupt nicht gefiel.

Sam: Scheiß Spiel euer Ehren, raus in die Wildnis
zu den igitt, Prolls. Und was kommt raus? Nichts.
Null Komma Garnichts. Kein müder Euro, kein
blasser Cent.

Jonas: Bonuspunkte, Sammy. Damit Jonas in Babylon
bleiben kann und weiter arbeiten. Hör auf zu
nöseln. Hast du das Material von der
Prekariatsverwaltung?

Sam: Hab ich.

Jonas: Druck das Überstellungsdokument aus, und
dann hilf mir bei den Vorbereitungen. Was zieh ich
an?

Sam: Na was schon, gnä Frau? Prolluniform.
Jogginganzug, aus billigem Plastik, und ein
hoffnungsloser Ausdruck in den Augen.

Jonas: OK, Anzug wird geordert, Ausdruck wird
geübt. Was brauch ich noch?

Sam: Sam natürlich. Indem daß mein Jonas ohne den
selben nichts weiter ist denn ein tönend Erz bzw.
eine klingende Schelle.

Jonas: Wie dem auch sein, wie du bist, als
Handgerät kann ich dich jedenfalls nicht
mitnehmen.

Sam: Hm?

Jonas: Das würde bei den Prolls auffallen, geklaut
würde es auch. Sammy, du wirst verkleinert.

Sam: Oh nein, nicht wieder als Zahn in meines
Jonas Mund, o noway.

Jonas: Daccord, daccord, ich habe heute noch
Kopfschmerzen, wenn ich dran denke, Fall
Strafkolonie vor dreieinhalb Jahren, ich laß dich
auf Kugelschreibergröße schrumpfen.

Sam: Ein so gigantisch Hirn in einem winzigen
Stift, muß dies denn wirklich sein?

Jonas: Es muß, Sam. Was brauchen wir aus der
Hausapotheke?

Sam: Ein Röhrchen Exsalt wäre dringlich zu
empfehlen. Als Gegenmittel. Bekanntlich wird in PH
1 Speis und Trank so allerlei zugesetzt. Lithium
zur Ruhestellung, Steril zur Erschwerung der
Fortpflanzung.

Jonas: Also Exalt. Eine Waffe. Ist mein Laser
aufgeladen?

Sam: Ja, warum nicht gleich ne Feldhaubitze, Herr
General. Einfuhr von Feuerwaffen in PH 1
strengstens verboten, aber auch aller aller
allerstrengstens.

Jonas: Ohne seinen Laser und seine alte Smith &
Wesson Detective Special fühlte Jonas sich nackt.
Aber ein paar Tage würde es gehen. PH 1 war kein
sehr gefährliches Pflaster, nicht wie das
Niemandsland oder das Reservat. Dachte ich. Und
lag voll daneben. Der überfüllte Prollbus rumpelte
durch die nächtliche Wildnis, über eine Piste
voller Steine und Schlaglöcher. Der Innenraum war
dunkel, die Passagiere hockten stumm auf den
harten Bänken, sahen aus dem Fenster, starrten vor
sich hin. Die meisten schliefen, auch die Kinder,
die zu Beginn der Fahrt noch kreischend
herumgerannt waren. Jonas machte die Augen zu. Er
wußte, wie es draußen aussah: totes Land in toten
Farben, vergiftet und zerstört, für immer. Jonas
schlief. Früh am Morgen waren wir da. Der Bus
hielt neben einer grauroten leicht abgerundeten
Betonwand, die bis in die Wolken ragte. Willkommen
in PH 1. Wir trotteten durch das einzige Tor in
der Wand, dahinter ein breiter Gang mit vielen
offenen Türen. Jonas ließ sich durch eine der
Türen treiben, in einen Empfangsraum. Dem Typ
hinter dem Schreibtisch zeigte er sein
Überstellungsdokument.

Stadtguerillero: Alles klar, Genosse, hier sind
deine Gutscheine, die kannst du in den PH-Läden im
ersten Untergeschoß einlösen. Oder in den Kneipen,
gleich daneben. So, und jetzt kriegst du noch
deinen Wohnchip. Single?

Jonas: Soweit ich weiß.

Stadtguerillero: Kleinkapsel 295-719. Der nächste.

Jonas: Wo ist das, wie komm ich dahin?

Stadtguerillero: 295. Stock. Ganz oben.

Jonas: Soll mir recht sein. Wo ist der Fahrstuhl?

Stadtguerillero: Fahrstuhl? Kaputt.

Jonas: Dann hätt ich lieber ne Wohnkapsel weiter
unten.

Stadtguerillero: Haha, und ein paar Kulis zum
Hochtragen, was? Mein Gott, Genosse, du bist doch
noch knackig. Treppensteigen ist gesund, und denk
doch mal an die tolle Aussicht. Der nächste.

Jonas: Der Typ vom Empfang sah nicht nach
öffentlichem Dienst aus, eher irgendwie
militärisch. Outfit in Tarnfarben, Stirnband,
Zottelbart a la Fidel, und eine gutgeölte
Kalaschnikow in der Armbeuge. Ein Söldner? Ein
durchgeknallter Bürokrat. Darüber dachte ich nach,
als ich nach oben stieg. Ich hatte viel Zeit, gut
4 Stunden. Ein guttrainierter Treppenläufer wäre
schneller gewesen. Jonas war in Form. So
einigermaßen, aber kein Treppenläufer. Eine halbe
Stunde kam noch drauf, ausruhen und Finden der
Wohnkapsel. Mit meinem Chip öffnete ich die
Metalltür, und wunderte mich. Die Kapsel war
besetzt.

Mann: Hi, Kumpel, da bist du ja endlich. Hast dir
mächtig Zeit gelassen. Na, besser spät als nie.

Jonas: Das ist doch Kapsel 295-719.

Mann: Aber haargenau, Kumpel. Und?

Jonas: Das ist meine Kapsel, Kumpel. Raus.

Mann: Deine Kapsel, Kumpel? Hähähä, klar ist das
deine Kapsel, aber weißt du was, du brauchst keine
Kapsel mehr.

Jonas: Ach ja, verschwinde, Kumpel. Aber ganz
schnell.

Mann: Immer mit der Ruhe, Kumpel. Erst muß ich
meinen Job erledigen.

Sam: Dann schmeiß ich dich raus.

Mann: Glaubst du, du schaffst das?

Sam: Ja haha.

Jonas: Noch so ein Durchgeknallter. Kein typischer
Proll. Er trug einen Overall aus silbergrauer
Ballonseide. Auf der Brust ein Logo: zweimal der
Buchstabe C in schwarz. Was sollte das heißen?

Mann: Möchtest du wissen, Kumpel, was?

Sam: Alarm. Tatü Tata. Feind greift an.

Jonas: Wo Sammy?

Sam: Na wo, hinter dir, du Traumtänzer. Ein
hinterlistiger Hinterlist äh Hinterhalt, dreh dich
um.

Jonas: Durch den Flur kam der Zwilling des Typs in
der Kapsel. Silberner Overall, CC auf der Brust,
in der rechten ein Laserstrahler. Das machte mir
Sorgen. Noch mehr Sorgen machte mir der Typ in der
Kapsel. Weil er auch einen Laser zog. Jonas mußte
was unternehmen, dringend. Ich machte einen großen
Schritt in die Kapsel und zog die Tür hinter mir
zu. Gleichzeitig ein schulmäßiger Thai-Kick gegen
die rechte Hand des Besetzers, sein Laser flog
durch die Luft, und verschwand hinter der
Pritsche. Sein Besitzer tauchte ab und krabbelte.
Ich nahm den Stuhl und zerlegte ihn auf seinem
Kopf. Er legte sich zur Ruhe, gut so. Ich griff
mir den Laser und verriegelte die Tür. Gerade noch
rechtzeitig. Typ Nr. 2 war da und trat gegen die
Füllung.

Sam: Hier ist unseres Bleibens nicht länger, o
Gefährte meiner Jugend.

Jonas: Du hast ja so Recht, Sammy. Hier drin ist
es eng, die Luft ist schlecht und der will mich
killen.

Sam: Nicht lange mehr, und es wird ihm einfallen,
daß er im Besitz eines Laserstrahlers ist, und
dann wird er beginnen die Tür zu demolieren, will
sagen, mein Meister hat nur noch ganz einige
wenige, einige ganz wenige, egal, Minuten sich vom
Acker zu machen.

Jonas: Wohin Sam, und wie? Durch die Wand geht's
nicht raus.

Sam: Fenster.

Jonas: Nicht zu öffnen. Und die Scheibe stabil,
bruchsicher.

Sam: Mit Hand, Fuß oder Stuhl ist das Glas nicht
knackbar, euer Merkwürden, mit einem Laser jedoch,
denn siehe, auch wir haben einen solchen.

Jonas: Gute Idee. Ich laserte ein Loch in die
Scheibe, gerade groß genug für einen schlanken
Jonas. Der kroch durch und wartete draußen, beide
Füße auf einem schmalen Sims, linke Hand am
Fensterrahmen, rechte mit dem Laser in Augenhöhe.
Durch die kaputte Tür stolperte der zweite Typ.
Ehe er die Lage peilen konnte, drückte ich ab. Er
fiel auf seinen Zwilling und blieb liegen.

Sam: Sagen Sie mal, Herr Oberförster, ist das
nicht eine wunderbare Aussicht, atemberaubend
geradezu, ah, die Wildnis, eine Symphonie in rot
und grau und gelb und schwarz, auch nicht das
kleinste bißchen Grün stört den erhabenen
Gleichklang. Unser heißgeliebtes Babypsilon als
Schmuddelfleck am Nordhorizont. Rechts die
Superkräne über den Baustellen von PH 2 und PH 3,
ist es nicht bonfotionös, o daß unsereiner malen
könnte.

Jonas: Genau was ich jetzt brauche Sam. Ich hänge
draußen an PH 1 in einer Höhe von 600 Meter,
mindestens, der Wind pfeift, und du sülzt mir die
Ohren voll mit der schönen Aussicht, die kannst du
dir sonst wo hin stecken.

Sam: Arschgeige, Banause, Dumpfbacke, Unästhet.

Jonas: Ich will hier weg, ich will rein, ich bin
keine Fliege.

Sam: Bleib auf dem Sims, Chef, jetzt langsam nach
rechts, ganz langsam, ganz ruhig, nicht nach unten
sehen, o Gott mir wird schlecht.

Jonas: Jonas krabbelte seitwärts, immer an der
Wand lang, extrem vorsichtig, die Füße rutschten
zentimeterweise über den Sims, die Hände krallten
sich in die Wand. Hinter den Fenstern, die ich
passierte massenhaft Prolls, stumpfsinnige
Glotzer, neugierige Nasenquetscher, wie im
Aquarium, dann war ich da, wo ich hinwollte, am
Regenrohr.

Sam: Up, up and away, oder wie die alten Römer
sagten, excelsior, steig, mein Jonas, steig, steig
hoch, 296. Stock, 297. 298. 299. 300.

Jonas: Und da verließen sie uns. Oder wie die
alten Römer sagen: Nonplusultra. Das heißt Sense,
Ende der Fahnenstange.

Jonas: Ich wollte aufs Flachdach, aber das ging
nicht, es sprang zu weit vor, ein professioneller
Akrobat hätte es geschafft, vielleicht. Jonas war
bestenfalls Amateur. Was jetzt. Ausruhen wäre
schön gewesen. Ging aber auch nicht. Der Typ im
silbernen Overall war zu sich gekommen und steckte
seinen unschönen Kopf aus meinem Fenster, fünf
Stockwerke tiefer. Ich hielt mich mit den Pobacken
fest und mit einer Hand, mit der anderen zog ich
meinen Laser aus dem Gürtel, und schoß. Ich traf
nicht, aber der Typ verschwand, soweit OK, richtig
weiter half mir das aber auch nicht. Plötzlich
baumelte was vor meinem Gesicht. Ein Seil, von
oben, vom Dach.

Mira: Halt dich fest, wir ziehen dir rauf.

Sam: Halleluja. Wenn die Not am Größten, ist
Gottes Hilfe am nächsten. Nicht wahr Monsignore.
Schnapp dir das Seil, oder willst du hier
überwintern?

Jonas: Lieber nicht. Ich griff zu, erst mit der
einen, dann mit der zweiten und wurde aufs Dach
gezogen, über den Vorsprung, das war schwierig,
weh tat es auch, wegen der Abschürfungen, aber
schließlich stand Jonas oben, und sah, wer ihn
gerettet hatte: ein blonder Hüne, er hatte sich
das Seil um die rechte Schulter gewickelt, den
linken Arm hielt er unter einem bunten Tragetuch,
das er sich um den Hals geknotet hatte, und in dem
Tuch, ein Kind, ein Mädchen, nein eine junge Frau,
schwarzhaarig, sie trug eine Brille und ein rotes
Tanktop. Mehr brauchte sie nicht, sie hatte weder
Arme noch Beine. Ein Torso.

Mira: Willkommen auf dem Dach, Fremder.

Jonas: Danke.

Mira: Gut, daß wir dich gesehen haben. Ist es hier
oben nicht schön, so ruhig. Die anderen kommen
nicht rauf, weil sie Angst vor Hautkrebs haben.
Wir haben vor nichts Angst, weil wir schon alles
mitgemacht haben. Ich bin Mira, Miss Landmine
Kosovo 2015, mein Freund und Helfer heißt Rußlan,
Mister HIV russische Föderation 2014. Aber
inzwischen geht's ihm viel besser, nicht Rußlan?

Jonas: Ein seltsames Paar, aber nicht
unsympathisch. Schon weil sie Jonas hochgezogen
hatten. Sie redete, er schwieg, und überließ ihr
alles, offenbar auch das Denken. Wie war Jonas an
die Außenwand unterm Dach geraten? Wollte Mira
wissen. Zwei Killer sind hinter mir her, sagte
ich, in silbernen Overalls mit einem schwarzen
Doppel-C auf der Brust.

Mira: Killer? Bei uns in PH 1. Unerhört, dagegen
muß was unternommen werden. Rußlan, wir fahren
gleich runter ins Zentralbüro und melden die
Sache. Du kommst mit, Fremder.

Jonas: Jonas, so heiße ich. Nur Jonas. Sag mal,
Mira, ist das Zentralbüro nicht ganz unten, im
Erdgeschoß?

Mira: Genau. Zum Fahrstuhl, Rußlan.

Jonas: Der ist doch kaputt.

Mira: Ach was, das erzählen sie den
Neuankömmlingen. Die Fahrstühle sind nicht für
jeden, nur für besondere Bewohner. Wir haben ein
Chip, Rußlan und ich.

Jonas: Da kommt einer der Killer!

Jonas: Er war aus einer Tür aufgetaucht, etwa 100
m entfernt, ein alter Bekannter, silbergrau und
schwarz, ich hob den Laser, aber ehe ich abdrücken
konnte, schlug Rußlan mir den Arm hoch.

Mira: Nicht gleich schießen, Jonas, wir machen das
hier anders. Bring mich zu ihm rüber, Rußlan.
Jonas, du wartest hier.

Jona: Jonas sah aus der Ferne zu, wie Mira mit dem
Silberoverall redete. Der hörte zu, zuckte die
Achseln, drehte sich um und verschwand durch die
Tür. Sehr merkwürdig. Ansonsten lief es gut, für
Jonas und seinen Auftrag. Wir waren im Fahrstuhl
unterwegs zum Zentralbüro. Wo der PH-Chef
residierte. Prekariatsrat Arnold. Oder doch nicht?

Mira: Arnold gibt's nicht mehr, Jonas, wir haben
ihn vor vier Tagen abgeschafft.

Jonas: Abgeschafft. Was heißt das?

Mira: Revolution, heißt das, Genosse Jonas,
Aufstand der Unterdrückten und Entrechteten. Es
lebe die Revolution. Es lebe die Stadtguerilla.

Jonas: Sieh an, die Stadtguerilla steckt also
dahinter.

Mira: Jawohl, wir haben die Führung der
ausgebeuteten Massen übernommen. Unsere Erfahrung
eingebracht, unseren revolutionären Elan. Weißt
du, Jonas, du hast ja keine Ahnung, wie es in PH 1
zuging. Arnold hat regiert wie ein König. Wie ein
Diktator. Mit seinen Guerillas hat er alle
terrorisiert, von jedem Gutschein nahm er
Prozente, jedes Privileg, Urlaubsscheine für
Babylon, Fahrstuhlbenutzung ließ er sich bezahlen.
Keine hübsche Frau war vor ihm sicher. Wer nicht
tat, was Arnold wollte, dem ging's schlecht.

Jonas: Und Arnolds vorgesetzte Dienststelle? Die
Prekariatsverwaltung in Babylon.

Mira: Hatte keine Ahnung, oder interessierte sich
nicht für das, was in PH 1 los war. Wie auch
immer, jetzt hat die Stadtguerilla die Macht
übernommen. Seit Monaten haben wir unsere Leute
eingeschleust. Wir haben Schlüsselpositionen
besetzt.

Jonas: Der Typ am Empfang, mit der Kalaschnikow.

Mira: Einer von uns. Eine neue Zeit bricht an für
PH 1, Genosse Jonas, eine bessere Zeit.

Jonas: Schön wär's. Was ist mit Arnold passiert?

Mira: Revolutionäre Gerechtigkeit. Es war nicht
leicht, ihn in unsere Gewalt zu bekommen, er war
umgeben von Leibwächtern, und in der Monitorwand
im Zentralbüro konnte er praktisch in jeden Winkel
von PH 1 kucken. Aber er machte den Fehler, sich
eine von uns ins Bett zu holen, und da kriegte er
eine andere Art Nahkampf, als er sich vorgestellt
hatte, wir haben ihn und seine Leute vor ein
revolutionäres Tribunal gestellt und abgeurteilt.
Sie wurden aufs Dach gebracht, und mußten durch
ein Spalier wütender Prolls Spießrutenlaufen. Alle
wollten mal zuschlagen oder zustechen. Hast du
oben nicht die Blutlachen gesehen? Ja und dann
haben wir sie vom Dach geworfen. 300 Etagen. Bis
er unten ankommt, hat der Mensch viel Zeit in sich
zu gehen.

Jonas: Das Zentralbüro von PH 1 war so groß wie
ein Fußballfeld. Hallenfußball. Kein Fenster, eine
Längswand bestand nur aus Monitoren, davor ein
Stadtguerillero am Schaltpult, schräg im Raum ein
riesiger Schreibtisch. Sah aus wie Echtholz, und
im Sessel dahinter eine Frau, die ich kannte.

Jonas: Karla?

Karla: Jonas, so sieht man sich wieder.

Jonas: Du bist also immer noch Chefin der
Stadtguerilla.

Karla: Generalsekretärin des Politbüros, ja.

Jonas: Ich dachte, du hättest dich in Südamerika
zur Ruhe gesetzt, mit der Tasche voller Diamanten,
die du mir auf dem Traumschiff geklaut hast in der
Karibik, vor über einen Jahr.

Karla: Ja, die Diamanten, 100 Millionen Euro, alle
ausgegeben für die Weltrevolution.

Jonas: Hast du noch immer nicht genug vom
Revolutionsgeschäft, Karla?

Karla: Das ist kein Geschäft, Jonas, das ist eine
Aufgabe, eine Lebensaufgabe.

Jonas: Wenn du meinst.

Karla: PH 1 ist nur eine Zwischenstation. Morgen
ist Babylon dran.

Jonas: Und dann die ganze Welt.

Karla: Du warst schon immer ein Skeptiker, Jonas,
einer der am Rand steht und Witze macht. Wir haben
was vor, sehr bald, ein ganz großes Ding, und dann
wird man sehen, die Stadtguerilla lebt noch und
wie.

Mira: Es lebe die Revolution.

Sam: So eine Scheiße.

Karla: Mira, ist meine beste Helferin, ein tolles
Organisationstalent und clever. Kommen wir zu dir,
Jonas, was suchst du in PH 1, ha, wer schickt
dich?

Jonas: Niemand, sagte Jonas, ich wohne hier,
Babylon hat mich rausgeschmissen, als Proll,
reiner Volksrentner, ohne zusätzliches Einkommen.

Karla: Hahaha, armes Schwein. Bringt dein
Detektivgeschäft nichts mehr ein?

Jonas: Nicht genug.

Karla: Du bist zu anständig, Jonas, das war schon
immer dein Fehler. Hmh, was sollen wir jetzt mit
dir machen. Mira und Rußlan, durchsucht ihn.

Mira: Ein Laser, Gutscheine, Chip für Wohnkapsel,
billiger Kugelschreiber, Kleinpackung Exsalt, ein
paar Centmünzen.

Karla: Kein Kleincomputer?

Mira: Nein.

Karla: Was hast du mit Sam gemacht, Jonas?

Jonas: Verschrottet. Er wurde immer
unzuverlässiger, machte nur noch Fehler.

Karla: Er ruhe in Frieden. Irgendwie mochte ich
die kleine Nervensäge.

Sam: Siehste.

Mira: Wir sollten Jonas liquidieren, Karla.

Jonas: Charmant.

Karla: Ich weiß nicht.

Mira: Eine Vorsichtsmaßnahme, damit er unser
Projekt nicht stört.

Karla: Nein, wir werden dich einsperren Jonas, nur
ein paar Stunden, bis unser Ding gelaufen ist.

Jonas: Die Gefängniszellen lagen ganz unten, im 3.
Untergeschoß, neben den Versorgungsanlagen, den
Generatoren, der Abwasseraufbereitung, der
Ventilation usw. Das Loch, in das sie Jonas
steckten, war winzig, meine Wohnkapsel war dagegen
eine Villa. Ein Eimer, eine harte Pritsche für
einen Zwerg. Das war's. Ich hatte nicht vor zu
bleiben, nicht mal ein paar Stunden. Es wurde
Zeit, den Kugelschreiber ins Spiel zu bringen. Der
war sauer.

Sam: Unzuverlässig hat er gesagt, mein einer und
einziger Jonas. O welche Schmach.

Jonas: Mein Gott Sam, ich hab gelogen, damit Karla
nicht nach dir suchen läßt. Los, an die Arbeit,
was läuft hier?

Sam: Unzureichende Daten Hochwürden.

Jonas: Was für ein Ding haben Karla und die
Stadtguerilla vor?

Sam: Unzureichende Daten.

Jonas: Dann müssen wir sie uns besorgen, die
Daten, das heißt wir brechen aus. Frage wie.
Fenster gibt's nicht, Tür geht nicht, kein Laser
mehr. Aha. Oben an der Decke, ein Gitter. Was ist
das Sam? Du hast doch den Bauplan von PH 1 intus?
Was ist das für ein Gitter?

Sam: Belüftungssystem, euer Heiligkeit.

Jonas: Na bitte. Jonas stieg auf den umgedrehten
Eimer, drehte zwei Schrauben raus, mit einer 10-
Centmünze, nahm das Gitter ab. Schlangenmensch
Jonas paßte gerade so durch. Dann schlängelte ich
mich durch einen Querstollen, bis zu einem
vertikalen Schacht, den turnte ich hoch, ins 2.
Untergeschoß, wo ich Stimmen hörte. Jonas ist
Detektiv, das heißt neugierig, von Berufs wegen.
Ich robbte in die Richtung und landete über einem
großen Schlafsaal. Viele Feldbetten, belegt mit
dunkelhäutigen Frauen und Männern, alle apathisch,
offenbar chemisch ruhig gestellt. Sie starrten
stumpf vor sich hin, wie Zombies. An der Tür stand
Karla. Sie sprach mit einem Mann, hochgewachsen,
bärtig, dunkelhäutig, aber nicht apathisch.

Karla: Sag ihnen, sie sollen sich bereit machen,
in einer Stunden werden sie abgeholt und zum Bus
gebracht. Hier sind die Urlaubsscheine. Damit
kommen sie ganz offiziell nach Babylon. Am
Busbahnhof wird die Stadtguerilla sie übernehmen
und auf die festgelegten Ziele verteilen. Alles
klar?

Jonas: Karla ging. Zwei Stadtguerillas warteten
vor der Tür und begleiteten sie durch den Flur.
Jonas folgte, oben, im Belüftungsstollen, ein paar
Meter zurück, und daher sah er sie vor Karla und
ihren Leuten, zwei Typen in silbergrauen Overalls,
Doppel-C auf der Brust, Sie tauchten plötzlich aus
einem Seitengang auf und erschossen Karlas
Leibwächter. Dann nahmen sie Karla ins Visier. Das
konnte Jonas nicht zulassen. Durch das Gitter
unter sich brüllte er:

Jonas: Hände hoch!

Jonas: Die Typen zuckten zusammen, drehten sich
um, eine Sekunde, genug für Karla. Ihr Laser
zischte zweimal, die Typen fielen um und blieben
liegen. Jonas hatte indessen seine 10 Cent
aktiviert und das Gitter abgeschraubt, dann ließ
er sich in den Flur fallen.

Karla: Jonas, wie kommst du hierher?

Jonas: Ach weißt du Karla, in kleinen Löchern
krieg ich Platzangst. Danke.

Karla: Danke?

Jonas: Danke Jonas, du hast mir das Leben
gerettet. Hättest du sagen sollen. Was sind das
für Kerle, die Silbergrauen?

Karla: Keine Ahnung.

Jonas: Jedenfalls wollten sie dich umbringen
Karla, und mich vorhin auch schon mal.

Karla: So, ich hab jetzt keine Zeit mir darüber
den Kopf zu zerbrechen.

Jonas: Klar, dein großes Projekt. Du willst
Selbstmordattentäter nach Babylon einschleusen.

Karla: Woher... Ach natürlich, du hast sie
gesehen. Im Schlafsaal. Jawohl Jonas, wir bringen
sie nach Babylon, ins Zentrum der Unterdrückung
und der Ausbeutung. Wir von der Stadtguerilla
haben viele Jahre dagegen gekämpft, ohne Erfolg,
aber jetzt haben wir uns mit der orientalischen
Befreiungsfront zusammengetan, gemeinsam werden
wir Babylon einen nachhaltigen Schlag versetzen.
Nach dem letzten Mauerdurchbruch sind sie aus der
Drittwelt zu uns gekommen, 100 wandelnde Bomben,
100 Fanatiker voll bis zur Halskrause, Semtex.
Überall, wo es möglich ist, im Magen und Darm,
unter der Haut, den Muskeln, in Fettgewebe ist
Sprengstoff eingelagert, heute abend werden wir
sie in Babylon verteilen.

Jonas: Die Stadtguerilla hatte eine lange Liste.
Das Rathaus sollte hochgehen, die
Sicherheitsverwaltung, Superkran Atlas, das Chips-
Hochhaus und das Moxcenter, der Turm zu Babel
natürlich, und sogar das Kulturministerium am van-
Dusen-Platz.

Karla: Unter anderem. Heute um Mitternacht,
pünktlich zum Jahreswechsel drückt jemand von uns
in unserem geheimen babylonischen Hauptquartier
auf den roten Knopf. Guten Rutsch, Babylon. Prosit
Neujahr 2017.

Jonas: Jonas fand das alles gar nicht gut. Das
wußte Karla. Sie hielt mir ihren Laser vor die
Nase und nahm mich mit ins Zentralbüro. Wo Mira
und Rußlan warteten.

Karla: Mira, wir haben ein Problem. Jonas weiß
Bescheid. Auch wenn er hier und da mit uns
sympathisiert, im Grunde ist er ein inkonsequenter
Kleinbürger und wird versuchen uns zu hindern, aus
der Zelle bist du ausgebrochen, daher wirst du
jetzt unter strenge persönliche Bewachung
gestellt. Mira und Rußlan, ihr bringt ihn nach
nebenan und paßt auf ihn auf. Um Mitternacht laßt
ihr ihn frei.

Jonas: Nebenan, das war ein kleiner Raum mit einem
Sofa, einem Tisch und diversen Sesseln, eine Art
Konferenzzimmer, Rußlan fesselte Jonas, sehr
professionell, Arme nach hinten, Ober- und
Unterschenkel zusammen, schlecht für die
Durchblutung, aber handlich. Rußland legte mich
auf dem Sofa ab, setzte sich mit Mira in einen
Sessel, zog seinen Laser und paßte auf. Die Zeit
verging, Rußlan und Mira wirkten müde, manchmal
machten sie sogar die Augen zu, warum auch nicht,
Jonas konnte nicht weglaufen. Jonas konnte
überhaupt nichts tun. Aber da war ja noch Sam, der
Kugelschreiber in meiner Brusttasche, der tat was.
Er ging auf Wanderschaft.

Sam: Hey.

Jonas: Sammy. Was ist?

Sam: Komm näher, laß den Kopf hängen, was glaubst
du was Sam entdeckt hat.

Jonas: Entdeckt. Wo?

Sam: In Miras Computer. Rußlan trägt ihn in seiner
Hosentasche spazieren.

Jonas: Und?

Sam: Minderwertiges Modell, praktisch Analphabet
der Kollege, falls man ihn so nennen kann. Der
letzte Husten, der, nicht du, dennoch und
trotzalledem ist Sammy mal reingewandert, was tut
ein kleiner wackerer Computer nicht alles für
seinen inniggeliebten Herrn, und was hab ich
gefunden an jenem finsteren Ort?

Jonas: Sag's schon, Sammy, komm zu Potte.

Sam: Erstens eine umfangreiche Geheimdatei
betitelt CC.

Jonas: Ach was. Kannst du sie knacken?

Sam: Sam knackt alles, das weißt du doch. Dürfte
jedoch etliche Stündchen dauern.

Jonas: Zu viel. Und zweitens?

Sam: Zweitens. Ein höchst präziser Plan von PH 1,
ganz wie der in Sam abgespeicherte, mit einem
entscheidenden Unterschied. Genau mit 100
entscheidenden Unterschieden. Denn dies, o Scheich
ist die Anzahl der roten Kreuze, welche überall im
Plan angebracht sind. Ein Demolutionsexperte, und
ist Sam nicht ein Experte, erkennt sofort,
Sprengladungen, angebracht an den kreuzweise
markierten Punkten, würden ganz PH 1 zum Einsturz
bringen.

Jonas: Was sollte das nun wieder bedeuten. Jonas
hatte so eine Ahnung. 100 Kreuze, 100 Attentäter.
Ich gab Sam einen Auftrag, er sollte den
Hauscomputer kontakten und die Intercomleitung
zwischen Zentralbüro und Konferenzraum aktivieren.
So konnte Karla hören, was hier gesprochen wurde.
Hoffentlich war sie an ihrem Schreibtisch, das
wäre gut für sie, für Jonas, und für 900.000
Prolls in PH 1. Alles weitere hing von Jonas ab.
Er mußte Mira die Würmer aus der Nase ziehen. Das
ging besser als erwartet. Jonas fiel vom Sofa.
Mira wachte auf.

Mira: Oh, runtergefallen. Selber schuld. Jetzt
kannst du da liegen bleiben.

Jonas: Mir ist langweilig.

Mira: Na und. Und auch.

Jonas: Spielen wir ein Spiel, Spielen wir fragen
und antworten, ich fang an. Meine erste Frage
lautet: Wer oder was ist CC? Keine Antwort, auch
gut. Nächste Frage, warum wollt ihr beiden Karlas
wandelnde Bomben dazu benutzen, PH 1 in die Luft
zu sprengen.

Mira: Ich weiß nicht, wie du das rausgekriegt
hast, Jonas, aber das spielt eigentlich keine
Rolle. Du bist eine Leiche auf Urlaub. Sobald
Karla ausgeschaltet ist, bist du dran. Warum
sollte ich dir also nicht deine Fragen
beantworten. CC steht für Club Caligari, so
benannt zu Ehren der seligen Frau Prof. Caligari,
du kanntest sie, Jonas, du hast ihre Pläne
vereitelt und sie schließlich umgebracht.

Jonas: Das war schon mehr als 6 Jahre zurück. Fall
Testmarkt, Fall Schlachthaus, Fall Kidnapper.
Caligari hatte sich auf ein Thema konzentriert,
die Reduzierung der Überbevölkerung durch
Reduzierung der Bevölkerung.

Mira: Mit zugegeben noch recht kruden Methoden.
Wir vom Club Caligari haben sie erheblich
verfeinert.

Jonas: Wer ist Mitglied in diesem Club? Du nehm
ich an. Rußlan.

Mira: Wir sind stolz darauf, obwohl wir nur
Rädchen im Getriebe sind. Club Caligari ist eine
extrem geheime Organisation, der die Spitzen von
Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Babylon
angehören. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, das
Prekariat zu beseitigen, eine viel zu große
Schicht nutzloser Fresser, die nur öffentliche
Gelder verschlingen und nichts zum Sozialprodukt
beitragen. Der CC erfuhr von Karlas Projekt Prosit
Neujahr Babylon, der Geheimdienst, der die
Stadtguerilla seit langem beobachtet, hat uns
informiert. Tja, hier bot sich uns eine geradezu
geniale Gelegenheit, Prolls in großer Menge zu
eliminieren, und die Urheberschaft der
Stadtguerilla und orientalischen Fanatikern in die
Schuhe zu schieben.

Jonas: Genial.

Mira: Nicht wahr. Meine Wenigkeit hat den Plan
ausgearbeitet. Ich habe Karla vorgeschlagen, die
lebenden Bomben in PH 1 zu lagern, demnächst, das
glaubt die gute Karla, wird ein Bus sie nach
Babylon bringen, doch in Wahrheit wird dies
geschehen: Unsere Leute, die wir hier versammelt
und in Untergeschoß versteckt haben, in
Lagerräumen, die nicht videoüberwacht sind, werden
Karla und die Stadtguerillas töten und dann die
Selbstmordattentäter im Gebäude verteilen, und
wenn um Mitternacht ein ahnungsloser Typ in
Babylon auf den Knopf drückt.

Jonas: Bumm. Aber nicht für Babylon, für PH 1.
Genial.

Mira: Ach, du wiederholst dich, Jonas.

Jonas: Die Typen in Silbergrau, eure Leute?

Mira: Exakt. Wir haben, wir haben vom Geheimdienst
erfahren, daß, daß die Prekariatsverwaltung dich
angeheuert hat, Jonas, und und da haben wir gleich
zwei Killer auf dich angesetzt.

Jonas: Dann verstehe ich nicht, wieso du mich
gerettet hast, Mira. Vorhin auf dem Dach. Auf dem
Dach.

Mira: Eine Laune. Wollte sehen, was du für einer
bist. Wußte ja nicht, wußte ja, wußte ja, wir
würden dich kriegen, jederzeit, wann immer wir es
wollen. Was... was.

Jonas: Keine Ahnung. Mira konnte nicht mehr reden,
Jonas auch nicht. Und obwohl ich mich bemühte, die
Augen offen zu halten, sah ich nichts, nur
Schatten, die immer dunkler wurden, immer größer,
ich verlor das Bewußtsein. Ich wachte auf, mit
einem Brummschädel, aber ich konnte mich bewegen,
die Fesseln lagen zerschnitten auf dem Boden, Mira
und Rußlan waren nicht mehr da, ich hinkte rüber
ins Zentrallabor, Karla und ihre Leute, alle weg.
Ich sah auf die Monitorwand, die orientalischen
Attentäter waren auch verschwunden, die
silbergrauen CC-Typen waren noch da, allerdings
mausetot. Das sah ich nicht auf einem Monitor, das
sagte mir Sam, der war auch noch da.

Sam: Ein Tusch, Herr Kapellmeister. Trara. Ein
bißchen Gas bringt Sam nicht um.

Jonas: Gas?

Sam: Ja, Giftgas, durch Karla in die Lagerräume
geleitet, nachdem sie euer Gnaden Gespräch mit
Miss Mira vernommen hatte. Menschen sind ja so
schwach, so unzulänglich, eine Prise Giftgas, und
siehe, sie waren einmal. Computer dagegen sind
stark, ohne Fehl und Tüdel, äh Tadel.

Jonas: Hör auf dich in die Hühnerbrust zu werfen.
Erklär mir lieber warum ich noch lebe. Karla hat
doch sicher auch ins Konferenzzimmer Gas
eingeleitet.

Sam: Hat sie, Herr Kammerjäger, jedoch kein
tödliches Gift, vielmehr ein sanftes
Betäubungsgäslein. Alldiweil besagte Dame in ihrem
schwarzen terroristischen Herzen ein winziges
warmes Plätzchen hat für einen gewissen Detektiv,
ne pas?

Jonas: Mag sein, Karla ist also weg, mit ihren
lebenden Bomben, im Bus nach Babylon. Wie spät
Sam?

Sam: Mit dem Gongschlag ist es, oink, 19 Uhr 23
Minuten.

Jonas: Wir müssen hinterher Sammy, sie aufhalten.
Wie? Gibt's noch einen Bus?

Sam: Mit Neffen, äh Nichten. Wir fliegen,
Kommandante, gegen England, sieh auf den Monitor.

Jonas: Im kreisförmigen Innenhof landete ein
Helikopter, silbergrau, schwarzes Doppel-C am
Rumpf. Kein Zwei-Personen-Winzling: Ein großes
Gangship, bestückt mit Raketen und zwei schweren
MGs.

Sam: Schneller geht's nicht, Genosse.

Jonas: Ich vermute, der Helikopter soll die Typen
vom Club Caligari abholen, bevor hier alles in die
Luft geht. Zwei Piloten, die müssen wir
ausschalten.

Sam: Null Problemo. Wir gehen nach unten, da
liegen genug CC-Uniformen herum, wir suchen uns
einen Typ, der eine ähnlich maskuline Statur
aufzuweisen hat, wie Jonas, ziehen ihn aus, nehmen
seinen Laser, und dann heia Safari.

Jonas: 20 Minuten später startete der Helikopter,
mit neuen Piloten, und flog in die Wildnis, immer
der Piste nach, Richtung Babylon. Es war schon
ziemlich dunkel, als ich ihn sah, den Bus, ein
Stück voraus, ich überholte ihn, knipste den
Scheinwerfer an und knallte ihm eine Rakete vor
die Motorhaube. Der Bus hielt. Jonas nahm über
sein Bordradio Verbindung mit Karla auf.

Karla: Jonas, wie kommst du in diesen Helikopter?

Jonas: Erzähl ich dir vielleicht ein andermal.
Jetzt haben wir keine Zeit.

Karla: Was willst du?

Jonas: Dein Projekt ist gestorben, Karla, du wirst
den Bus wenden und mit den lebenden Bomben in die
Wildnis fahren, immer weiter, bis ich halt sage,
verstanden.

Karla: Und wenn ich mich weigere, wenn ich weiter
Richtung Babylon fahre.

Jonas: Dann setze ich die nächste Rakete direkt in
den Bus. Und alle gehen hoch, auch du und deine
Stadtguerillas. Das muß nicht sein.

Karla: Gut, wir wenden.

Jonas: Und dann fährst du nach Südosten, dem
Helikopter nach, weit weg von Babylon und von PH
1.

Karla: Verstanden.

Jonas: Noch was, Karla, falls du vorhast, euren
Knopfdrücker in Babylon zu erreichen, laß es, Sam
war in deinem Computer und hat die Verbindung
gekappt.

Jonas: Eine halbe Stunde vor Mitternacht ließ ich
den Bus halten, in einem Felsental, wo er keinen
großen Schaden anrichten konnte. Karla und ihre
Leute durften aussteigen, die Selbstmordattentäter
blieben im Bus. Der Helikopter schwebte über der
Szene. 10 Meter oder so, Jonas behielt alles im
Auge.

Jonas: Was ist mit Mira und Rußla?

Karla: Die Verräter? Die sind noch im Bus.

Jonas: Steigen sie nicht aus?

Karla: Können nicht, wir haben Rußla die Beine
gebrochen.

Jonas: Auch gut. Und jetzt lauft. Ihr habt einen
mühsamen Weg vor euch. Durch die Wildnis.

Karla: Könntest du mich nicht im Helikopter
mitnehmen, Jonas?

Jonas: Könnte ich. Aber ich will nicht. Als ich
das letzte Mal mit dir im Helikopter flog, mußte
ich abspringen in die karibische See. Lauf du nur,
eine lange Wanderung fördert die Gehirntätigkeit,
und das hast du nötig.

Karla: Danke.

Jonas: Keine Ursache, beeilt euch. Es ist jetzt,
Sam?

Sam: 23 Uhr und 49 Minuten.

Jonas: Du weißt ja, was demnächst hier passiert,
Karla.

Sam: Hehe.

Jonas: Karla und Gefolge verschwanden zwischen den
Felsen, so schnell sie konnten. Jonas stieg auf
300 m und ließ den Helikopter über dem Bus
kreisen, bis 3 Minuten vor 12. Dann flog ich ab,
Richtung Babylon, mit Vollgas.

Sam: 7,6,5,4,3,2,1, zoro. Happy new year Boss...

Jonas: Turmhohe Flammen hinter uns, der
Sternenhimmel wurde ausgelöscht durch eine
gigantische schwarze Wolke. Ich fühle mich nicht
gut, 100 lebende Bomben waren in Feuer und Rauch
aufgegangen, Mira und Rußla auch, aber was hätte
ich anderes tun können. Außerdem hatten sie es so
gewollt, und verdient sowieso. Ich war müde und
kaputt. Jonas ist nicht mehr 20, auch nicht mehr
30 oder 40, in den letzten 24 Stunden hatte ich
kaum geschlafen, nichts gegessen, statt dessen ein
intensives Sportprogramm, Treppensteigen, kriechen
durch enge Höhlen, klettern, von Fesseln und
Laserstrahlern gar nicht zu reden. Ich hatte
genug. Am Nachmittag war Jonas wieder zuhause.
Falls man ein schäbiges Büroapartment von 22 qm
Zuhause nennen kann. Und auch Sammy bezog wieder
sein gewohntes Gehäuse.

Sam: Ach, das tut gut, jetzt kann ein kleiner
Computer sich doch mal wieder so richtig recken
und strecken. Ah, welche Wohltat.

Jonas: Raum ist in der kleinen Hütte, Sam. Ruf die
Prekariatsverwaltung an.

Sam: Soll ich? Heute? Am Neujahrstag. Spinnst du
total.

Jonas: Also am nächsten Tag. Jonas erstattete
seiner Auftraggeberin Bericht. Persönlich. Wie
besprochen. Diesmal nicht im engen Beichtstuhl, in
ihrem Büro. Und sie war auch nicht mehr Carmen,
sie war Prekariatsoberrätin Sakalauskas. Was ich
ihr mitteilte, schien sie wenig zu beeindrucken.

Carmen: Revolution, Stadtguerilla, Club Caligari,
eine erstaunliche Geschichte. Kaum zu glauben.

Jonas: Ich habe Ihren Auftrag ausgeführt und dabei
Babylon vor einem massiven Anschlag bewahrt. Und
PH 1 vor der Zerstörung.

Carmen: Das sagen Sie. Haben Sie Beweise,
eindeutige, stichhaltige gerichtsfeste Beweise?
Also nicht. Das macht die Sache sehr, sehr
schwierig. Hmh, ich werde sehen, was sich tun
läßt. Sie hören von uns.

Jonas: Ich hörte, zwei Wochen später. Per Fon.

Computerstimme: Und deshalb gewähren wir Ihnen in
Anerkennung geleisteter Dienste einen Aufschub bis
zum 30. Juni 2017. Sie haben also ein halbes Jahr
Zeit durch die Akquirierung des erforderlichen
Zusatzeinkommens dafür Sorge zu tragen, daß Ihre
Lizenz als privater Detektiv und damit Ihr
Sozialstatus erhalten bleiben. Sollte Ihnen das
nicht gelingen, Herr Jonas, verzagen Sie nicht,
nicht jeder ist zu höherem berufen. Sie werden in
eine Prekariats-Heimstatt umziehen. Dort erwartet
Sie ein durchaus angenehmes Leben, sofern Sie
keine überzogenen Ansprüche stellen. Das Amt für
freie Berufe wünscht Ihnen noch einen schönen Tag.
Auf Wiederhören.

Das war Comeback. Eine Folge der Science-Fiction-
Krimiserie Jonas. Nur Jonas. Und Sam. Von Michael
Koser. Nähere Informationen und die Folgen zum
kostenlosen Download finden Sie unter jonas-nur-
jonas-und-sam.de. Eine Produktion der Kanzlei Dr.
Bahr. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Thomas Karallus, Vanida
Karun, Werner Klein, Deef Pirmasens, Angelika
Thomas, Henning Venske und Elena Wilms. Ton und
Technik: Marcus Giersch und Christoph Guder.
Aufgenommen im Tonstudio Fährhauston in Hamburg
(2008). Regie: Werner Klein.

Jonas. Nur Jonas. Und Sam.
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Abgesang

Jonas: Sie war jünger als ich. Um die 40. Dunkles
Haar. Dunkle Augen. Eine wohlgefällige Figur in
einem dieser Outfits, die nach nichts aussehen und
mehr kosten, als ein Detektiv im Monat verdient.
In meinem schäbigen Büroapartment wirkte sie wie
ein Kirschblütenzweig in einer alten Bierflasche.

Judith 2: Mein Name ist Judith.

Jonas: Judith?

Judith 2: Sie sehen mich an, als ob Sie mich
kennen. Kenne ich Sie?

Jonas: Sie hieß Judith, und so sah sie auch aus.
Was war das? Eine Halluzination?

Sam: Dejavu, Monsignore.

Jonas: Deschawas?

Sam: Ach vergiß es.

Jonas: Dabei hatte er so mies angefangen, dieser
1. Mai 2017. Der Geburtstag eines gewissen
Detektivs. Ich war früh geweckt worden. Im Prinzip
keine schlechte Sache, weil ich böse geträumt
hatte. Ich war draußen, in PH 1, kroch durch
Röhren, stand auf dem blutigen Dach, 600 m hoch,
saß in einer überfüllten Kneipe, versoff meine
Gutscheine. Ein Proll unter vielen. Das Leben war
vorbei. Erinnerung. Oder Zukunftsvision? Gestern
hatte das Amt für freie Berufe mich erinnert, daß
ich nur noch zwei Monate Zeit hatte, einige
tausend Euro zu verdienen, ansonsten drohte
Ausweisung aus Babylon, in die Prekariats-
Heimstatt. Das war kein Albtraum.

Sam: Happy birthday, lieber Jonas, happy birthday
to you.

Jonas: Du mich auch, Sammy.

Sam: 50 Jahre sind es wert, daß man ihn besonders
ehrt. Er lebe hoch, höher, am höchsten.

Jonas: 50. Auch das noch. Ist doch kein Alter für
einen Detektiv. 30 OK, 40 geht noch. Fit und
erfahren, eingedellt, Narben an Körper und Seele,
oder 70 von mir aus, keine Exen mehr, dafür
Kopfarbeit auf dem Sofa. Altersweise. Aber 50?

Sam: Hörst du das Fon, welch lieblicher Ton, ein
Glückwunsch.

Jonas: Es war kein Glückwunsch, es war die
Kündigung. Mein Viertel wurde saniert, mein Haus
abgerissen. In einem Monat mußte ich raus aus
meinem Büroapartment. Das Casablanca war schon
seit Wochen geschlossen.

Sam: Und nun gerade: Happy Birthday!

Jonas: Halt die Backen, Sammy. Nachrichten.

Sam: Jawohl. Euer Wunsch o Herr sei mir Befehl.

Nachrichtensprecher: Im Sicherheitsrat der UN.
Bekanntlich beansprucht China jedes chinesische
Restaurant, wo immer es sich befindet, als
Hoheitsgebiet, inklusive einer...

Jonas: Weiter.

Nachrichtensprecher: Unruhen in PH 1, die durch
energisches Eingreifen der Grenztruppen beendet
wurden. Die genaue Zahl der Toten und Verletzten
ist nicht bekannt. Wie...

Jonas: Weiter.

Nachrichtensprecher: Hat sich trotz Bemühungen der
Aktion Lebensabend die Zahl hilfsbedürftiger
Senioren weiter alarmierend erhöht. Und nun zum
Wetter. Babylon registriert heute den 209.
Regentag in Folge. Damit sind wir vom Rekord des
Jahres 2014 nur noch 20 Tage...

Jonas: Na wunderbar. Dauerregen. 50. Geburtstag.
Kündigung. PH 1. Graue Gegenwart. Schwarze
Zukunft. Jonas steckte voll drin, im Babylon
Blues. Aber dann kam sie. Judith. Nicht meine
Judith. Nicht Judith Delgado. Natürlich nicht.
Judith Delgado war seit 5 Jahren tot. Aber sie
hieß Judith. Und sie sah aus wie Judith Delgado.
Es war doch nicht alles mies, dachte ich. Doch
dann sagte sie mir, wohin sie mich schicken
wollte.

Judith 2: Ins Niemandsland.

Jonas: Will ich nicht. Mach ich nicht.

Judith 2: Sie müssen, Herr Jonas. Es geht um
Nicolas, meinen Mann. Nicolas Toulemonde,
Vizebischof der apostolischen Kirche.

Sam: Vize was?

Judith 2: Das ist sein Beruf.

Jonas: Halt den Rand, Sam. Hochanständiger Job.

Judith 2: Gewiß, aber auch, wie soll ich mich
ausdrücken, vorhersehbar. Langweilig. Und darum
unternimmt Nicolas zum Ausgleich Abenteuerreisen.

Jonas: Ins Niemandsland.

Judith 2: Vor einer Woche ist er aufgebrochen.

Jonas: Ohne Sie?

Judith 2: Er fährt immer allein. Ich mache mir
nichts aus Strapazen, aus Hunger und Durst und
Blasen an den Füßen.

Jonas: Sehr vernünftig. Ihr Mann ist also ins
Niemandsland aufgebrochen, wann genau.

Judith 2: Am 24. April. Morgens. Am Abend hat er
sich kurz gemeldet über Satellitenfon. Gut
angekommen, alles in Ordnung.

Jonas: Angekommen, wo?

Judith 2: In Besalam. Zwischen Wildnis und
Niemandsland, wo die Abenteuerkarawanen starten.

Jonas: So. Und dann?

Judith 2: Nichts mehr. Kein Anruf, keine
Nachricht. Bis gestern.

Jonas: Haben Sie nicht versucht, ihn anzurufen.

Judith 2: Ja natürlich, immer wieder hab ich's
versucht, aber ich hab nicht mal seine Mailbox
erreicht. Ja, und dann kam gestern nachmittag
dieser Anruf.

Jonas: Von ihrem Mann.

Judith 2: Von seinem Fon. Aber es war nicht
Nicolas. Ein Fremder. Mit Drittweltakzent. Er
gehört zu den Freiheitskämpfern des Orients. Hat
er gesagt.

Jonas: Freiheitskämpfer des Orients. Nie gehört.

Judith 2: Ich habe das Gespräch selbstverständlich
aufgenommen.

Kidnapper: Wir Freiheitskämpfer haben gefangen
Bischof Toulemonde, wenn wir nicht bekommen drei
Millionen Euro in Diamanten als Spende für
Freiheitskampf wir werden töten Bischof
Toulemonde.

Judith 2: Drei Millionen. Wann und wie soll ich...

Kidnapper: Planquadrat SW 170-2. Dort in Wüste
großer roter Felsen, sieht aus wie Kamel. An diese
Felsen wir warten Spende bis 4. Mai abend. Wenn
Sonne untergeht und Diamante nicht da, wir werden
zerschneiden Bischof und verteilen in Wüste.
Verstanden.

Judith 2: Ja, aber...

Judith 2: Aufgelegt. Ich war geschockt, das werden
sie verstehen, Herr Jonas.

Jonas: Sehr erschüttert schien sie allerdings
nicht zu sein. Aber vielleicht war das
Charakterstärke und Beherrschung. Alle Judiths
sind starke Frauen.

Judith 2: Als ich mich ein bißchen beruhigt hatte,
rief ich die Firma an, die Nicolas Reise
organisiert hat.

Jonas: Name?

Judith 2: Extrem. Der ultimative Kick.

Jonas: Adresse?

Judith 2: Markgrafenboulevard 727.

Jonas: Was haben Sie erfahren.

Judith 2: Nichts. Der zuständige Sachbearbeiter
hatte keine Ahnung. Er wollte sich schlau machen
und mich dann zurückrufen.

Jonas: Hat er?

Judith 2: Bis jetzt nicht. Dann dachte ich an die
Polizei.

Sam: Ha, die Bullen? Kannst du vergessen,
Schwester.

Judith 2: Was ist das?

Jonas: Mein Computer. Sam. Redet viel, weiß dummes
Zeug.

Sam: Nanana.

Jonas: Aber ab und zu hat er recht. Draußen im
Niemandsland ist die babylonische Polizei
machtlos.

Judith 2: Das hat mir Chefinspektor Brock auch
gesagt.

Jonas: Sieh an, wir kennen Brock, was Sammy?

Sam: Ja, gewiß doch euer Gnaden. Hat der gute
Chefinspektor nicht des öfteren in unseren Fällen
figuriert, hmh?

Judith 2: Brock hat mir geraten, mich an Sie zu
wenden, Herr Jonas, Sie könnten das Lösegeld
überbringen, sie kennen das Niemandsland, hat er
gesagt, sie waren schon mehrmals da.

Jonas: Dreimal. Und ich habe keine schönen
Erinnerungen an die Trips. Beim letzten Mal war's
am schlimmsten.

Sam: Fall Invasion, o Grödaz.

Jonas: Grödaz?

Sam: Ja, Grödaz. Größter Detektiv aller Zeiten.
Dummie. Juni 2015.

Jonas: Das reicht mir. Noch mal muß ich da nicht
hin.

Judith 2: O doch Sie müssen, Herr Jonas, weil ich
Sie darum bitte. Außerdem zahle ich. 5 Prozent vom
Lösegeld.

Sam: Fünf Prozent... sind 15.000 Euro.

Jonas: 150.000 du Dödel.

Sam: Siehst du, ein erkleckliches Sümmchen, Herr
Rechnungsrat. Statuserhaltend gewissermaßen.
Umzugsverhindernd.

Judith 2: Was meint er?

Jonas: Ah, nicht so wichtig.

Sam: Importane.

Judith 2: Brock hat noch mehr gesagt, Herr Jonas.
Sie sind ein anständiger Mensch, und für den Job
ist keiner so geeignet wie sie.

Sam: Ja das stimmt, ja ja ja.

Jonas: Mußte Jonas wirklich nochmals ins
Niemandsland. Nur weil seine Auftraggeberin Judith
hieß und aussah wie Judith Delgado, die erste und
einzige Liebe eines älteren Detektivs. Vielleicht.

Jonas: Ich werde darüber nachdenken und sie
anrufen, heute noch, nachdem wir ein paar
Nachforschungen angestellt haben. Sammy und ich.

Judith 2: Danke, Herr Jonas.

Sam: Ja, denn wie spricht der weise Bosequo?
Vorsicht ist der weibliche Elternteil des
Keramikbehälters.

Jonas: Oder so ähnlich. Judith ging, und Jonas
scheuchte Sam durch alle Datenbanken, zugängliche
und weniger zugängliche. Ergebnis:

Sam: Sie ist echt, unsere JuTou.

Jonas: Wer?

Sam: JuTou. Kurz und prägnant für Judith
Toulemonde, oder auch Judith zwo.

Jonas: Es gibt sie also wirklich.

Sam: Ja, die Dame ist astrein, Herr Oberförster,
wie auch ihr Ehegespons, Nicolas Toulemonde, Vize
der apostolischen Kirche, hochangesehene Bürger
Babylons beide und betucht, ja, Haus im Golden
Ghetto, höchster Sozialstatus.

Jonas: Schön für sie. Es wurde Zeit für einen
Ausflug zum noblen Markgrafenboulevard, wo eine
ganze Etage in einem noblen Hochhaus von der Firma
Extrem belegt war. Ein gertenschlanker
türkisgelockter Jüngling ließ sich herab, Jonas zu
empfangen. Nösel hieß er. So stand es auf dem
Schild an seinem lavendelfarbenen Armanijäckchen.
Er musterte mich wie ein Angler einen alten
Stiefel, der sich an seinen Haken verirrt hatte.

Nösel: Sie wollen doch wohl keine Reise bei uns
buchen Herr äh... In diesem Falle gestatten sie
mir den gutgemeinten Hinweis, daß die dafür
erforderlichen Mittel weit über ihren
Möglichkeiten liegen dürften. Wenn ich sonst noch
was für sie tun kann.

Jonas: Sie können.

Nösel: Ach wirklich?

Sam: Wetten, der Typ heißt mit Vornamen Schorsch,
oder Scholastikus.

Nösel: Wie meinen.

Sam: Nösel äh Schnösel. Paßt wie der Pickel auf
den Arsch.

Nösel: Ich muß doch sehr bitten.

Sam: Ja dann bitten sie mal.

Jonas: Entschuldigen Sie meinen Computer, Herr äh
Nösel, er ist ein wenig ungehobelt, wie sein Herr.
Soll ich Ihnen ein Geständnis machen. Ich bin ein
exzentrischer Milliardär, wenn man mich ärgert,
werde ich grob, sehr grob, saugrob, und dann
könnte ich Ihnen zum Beispiel äh einige Knöchlein
in ihrem eleganten Leib zerschlagen. Strafe und
Schadenersatz zahle ich aus der Westentasche.

Jonas: Er wußte nicht, ob er mir glauben sollte.
Aber als vorsichtiger Mensch tat er es. Und war
bereit meine Fragen zu beantworten. Ja,
Vizebischof Toulemonde hatte bei Extrem eine Reise
gebucht, in den besonders wilden südöstlichen
Zipfel des Niemandslands, nicht weit von der
Mauer. Nein, er wußte nicht, was mit dem Kunden
geschehen war, auch der von Extrem gestellte
Reiseleiter war verschwunden. Ja, er hatte von
Frau Toulemonde erfahren, daß eine Gruppe namens
Freiheitskämpfer des Orients behauptete, den
Vizebischof entführt zu haben.

Nösel: Im Übrigen muß ich Sie, wie bereits auch
Frau Toulemonde nachdrücklich darauf hinweisen,
Herr äh, daß eine wie auch immer geartete Haftung
der Firma Extrem für die Folgen unvorhergesehener
unglücklicher Zwischenfälle auf den von uns
vermittelten Abenteuerreisen laut Vertrag völlig
ausgeschlossen ist. Dieser Ausschluß gilt
selbstverständlich auch für etwaige Entführungen
und vergleichbare Mißgeschicke.

Jonas: Freiheitskämpfer des Orients, kennen Sie
diese Gruppe, ist sie bei früheren Extrem-Reisen
schon mal in Erscheinung getreten?

Nösel: Noch nie, Herr äh... Wie kennen andere
Organisationen, die Taliban, die Waffen-SS, die
goldene Horde etc. die in der gleichen Branche
tätig zu werden pflegen.

Jonas. Entführung und Erpressung von Lösegeld.

Nösel: Äh, ja. Dies zu verhindern zahlt Extrem
besagten Gruppierungen gewisse
Anerkennungshonorare.

Jonas: Schutzgelder meinen Sie.

Nösel: Wenn sie es so ausdrücken wollen, Herr äh.

Jonas: Und die rote Armee, ist die nicht auch im
Niemandsland aktiv?

Nösel: Nicht mehr, Herr äh... Soweit uns bekannt
ist, hat sich die rote Armee vor einem Jahr weit
in den Norden, in die wilde Tundra zurückgezogen.

Jonas: Das war beruhigend. Denn die rote Armee,
und speziell ihr Häuptling Generalissimus Stalin
hatten mit Jonas noch ein Hühnchen zu rupfen. Das
mußte nicht sein. Zu Hause rief ich Chefinspektor
Brock an, um ihm ein paar Fragen zu stellen, aber
das war nicht mehr möglich.

Frauenstimme: Chefinspektor Brock wurde ein Opfer
des unermüdlichen Einsatzes der
Sicherheitsbehörden für die Bürger Babylons. Bei
einer Routine-Razzia heute Nacht im Reservat ist
er aus dem Helikopter gestürzt und an den Folgen
des Sturzes verstorben.

Jonas: Auch das noch. Meine Wohnung war gekündigt.
Ich hatte kein Geld und keinen Sozialstatus, das
Casablanca war zu. Dauerregen, 50. Geburtstag, und
jetzt hatte Brock den Löffel abgegeben. Mein
bester Feind. Mein einziger Freund. Wieder legte
sich der Babylon-Blues über Jonas, so laut und so
intensiv, als ob mir jemand Babylon unbedingt
vermiesen wollte. Wie auch immer, Babylon war mir
vermiest. Ich wollte raus, von mir aus sogar ins
Niemandsland. Ich rief Judith an, und sagte ihr,
ich würde ihren Auftrag annehmen.

Judith 2: Herr Jonas, ich bin hocherfreut.

Jonas: Den Herrn lassen Sie weg. Einfach Jonas,
nur Jonas. Haben Sie das geforderte Lösegeld?

Judith 2: Kein Problem. 3 Millionen Euro in
Diamanten liegen bereit.

Jonas: Dann bringe ich die Klunker für sie ins
Niemandsland.

Judith 2: Nicht für mich, Jonas, mit mir. Ich
komme mit.

Jonas: Haben Sie sich das gut überlegt, Judith, es
wird gefährlich werden, strapaziös, vielleicht
holen Sie sich sogar Blasen an den Füßen.

Judith 2: Ich bestehe darauf. Wann reisen wir ab?

Jonas: Sobald wie möglich, und das war sehr bald.
Geld spielte keine Rolle. Noch am Abend flogen wir
nach Bezalam. Von da ging's am nächsten Morgen
weiter auf der Erde, aber nicht zu Fuß, wir
mieteten den besten Wüstentruck, der zu haben war,
Kettenfahrwerk, stabile Panzerung, großer
Benzinvorrat in Zusatztanks, genügend Platz für
alles, was der Mensch so braucht, wenn er vorhat,
tagelang durch die Wüste zu ziehen. In diesem Fall
zwei Menschen. Jonas fuhr. Judith saß neben mir,
sehr schön anzusehen, in ihrem Safari-Overall von
Dolce & Gabana. Gelbe und rote Wüstenfarben. Das
Niemandsland war so, wie ich es in Erinnerung
hatte, ziemlich tot, orange und grau, dazwischen
Farbtupfer, schwarz, rot, giftgrün, Ruinen, Reste,
Rost, geschmolzener Sand, Felsen. Tagsüber war es
heiß, und nachts kalt, so kalt, daß Judith fror
und zu mir in den Schlafsack kroch. Zweiter
Reisetag, 3. Mai, wir erreichten Planquadrat
SW170-2. Die Strahlen der untergehenden Sonne
beschienen ein seltsames Gebilde am Horizont.
Einen riesigen roten Felsen, der aussah wie ein
liegendes Kamel, ein länglicher Kopf auf einem
ebensolchen Hals. Dann ein großer runder Höker.

Sam: Ein Höker? In diesem Falle, hochgeschätzte
Kommilitonen, handelt es sich keinesfalls um ein
Kamel oder auch Trampeltier, der Wissenschaft
bekannt als camelus bacterianus, vielmehr um ein
Dromedar, camelius dromedarius.

Judith 2: Danke für die Vorlesung, Prof. Sam.

Sam: O gern geschehen Gnädigste.

Jonas: Ich glaube kaum, daß die sog.
Freiheitskämpfer auf zoologische Finessen Wert
legen. Dromedar oder Kamel, dieser Felsen ist
unser Ziel.

Judith 2: Wir sind also angekommen.

Sam: Hurra!

Jonas: Noch nicht ganz, gleich wird's dunkel, wir
sollten hier lagern und morgen früh weiterfahren,
bei Helligkeit, damit wir sehen können, wer oder
was uns erwartet.

Judith 2: Einverstanden. Halt an Jonas.

Jonas: In einer Höhle schlugen wir unser Lager
auf. Nach dem Essen holte Judith eine Flasche aus
ihrem Gepäck. Echt Whisky. Scotch. Old Forrester.
Jonas Lieblingswhisky. Wenn er ihn kriegt, was
selten genug vorkommt. Wir stießen an.

Judith 2: Auf Kamele.

Sam: Und Dromedare.

Judith 2: Auf Jonas.

Jonas: Auf Judith.

Sam: Auf Sam.

Judith 2: Auf den Erfolg unsere Mission.

Jonas: Auf den Erfolg. Der gefährlichste Teil
kommt aber erst. Morgen.

Judith 2: Du hast ja so recht, Jonas, und du hast
nicht die mindeste Ahnung, wie recht du hast.
Trink aus.

Jonas: Ich wachte auf. Die ersten Sonnenstrahlen
fielen in die Höhle. Das Feuer war ausgegangen.
Mein Kopf tat weh. Mir war kalt. Kein Schlafsack.
Ich kam auf die Beine, mühsam, und humpelte nach
draußen. Keine Judith. Kein Wüstentruck. Kein
Laserstrahler am Gürtel, und vor allem kein Sam,
nicht in meiner Tasche, nicht auf dem Boden. Was
war passiert? Ich sah mich um. Nur Niemandsland
bis zum Horizont. Keine Bewegung. Kein Mensch.
Kein Fahrzeug. Dann sah ich doch was, Kettenspuren
vom Truck. Sie führten nach Osten, Richtung
Kamelfelsen. Im grobkörnigen Sand gut zu erkennen.
Ich ging ihnen nach. Die Spuren führten in einen
Canyon. Ich folgte ihnen. Langsam. Es wurde enger.
Die steilen Wänden rückten näher zusammen. Vor mir
eine Kurve. Ich ging noch langsamer und spähte
vorsichtig um die Ecke.

Stalin: Kiche. Jonas, galupschik, dawolowatsch,
willkommen.

Jonas: Stalin.

Stalin: Bada. Generalissimus Stalin. Du
überrascht, Arschloch, häh?

Jonas: Ich überrascht. Hinter der Kurve wurde der
Canyon weiter. Überall Menschen, vor mir, hinter
mir, über mir, zottige zerlumpte Gestalten,
bewaffnet mit Keulen und Macheten. Nomaden.
Hunderte, ein ganzer Stamm, Flüchtlinge aus der
Drittwelt. Freaks, Mutanten, die rote Armee. So
nannten sie sich. In der Menge stand unser Truck,
und daneben noch ein Gefährt, eine Art
gigantischer Bollerwagen, aus Holz und Metall,
eine Plattform auf 6 gewaltigen Rädern. Darauf ein
Blockhaus, eine Pauke mit Pauker, ein
rotlackierter Thron, und auf dem Thron ein alter
Bekannter.

Stalin: Du nicht gedacht Wiedersehen
Generalissimus Stalin, hä? Arschloch Jonas.

Jonas: Eine unerwartete Freude, weiß Gott. Hast du
dir ein neues Fahrzeug zugelegt, alter Gauner, was
ist mit dem T54.

Stalin: Äh, Problem mit Tank. Immer Problem. Kein
Diesel. Darum Tank verkauft.

Jonas: An wen? Wer ist denn noch blöder als ihr?

Stalin: An Stamm in Zewa, Norden. Alslutscher,
Trankstinker, behandelt T54 als Gott. Nun, wir
haben gebaut neue Auto.

Jonas: Ein Prachtstück. Und wie geht's selbst,
Generalissimus.

Stalin: Spazibo. Wunderbar. Täubchen. Vetterchen.
Hab ich doch endlich Arschloch.

Jonas: In den zwei Jahren hatte Stalin sich kaum
verändert. Er sah immer noch aus wie ein
sibirischer Dorfschullehrer. Schmal, weißhaarig,
Drahtbrille, grüne Schirmmütze, Russenbluse,
vollgesteckt mit bunten Abzeichen und Medaillen.
Zerschlissene Reithose, Stiefel, und im Kopf noch
klar. Er hatte nicht vergessen, daß Jonas ihn
damals reingelegt hatte.

Stalin: Was wir mit dir machen, Arschloch, hä?
Eingraben in Sand, alle Rotarmisten auf dich
pissen, bist du tot. Dich kochen in Kessel ganz,
ganz langsam und dann dich essen.

Judith 2: Ihre Wiedersehensfreude, verehrter
Generalissimus, sollten sie ein wenig später
Ausdruck verleihen, vorher hab ich noch mit Jonas
einiges zu klären.

Stalin: Karacho.

Jonas: Judith. Sie stand auf der Plattform, direkt
neben Stalins Thron. Wie eine Gefangene sah sie
nicht aus. Während die Nomaden Jonas griffen und
festhielten, stieg sie herunter, kam näher, und
stellte sich vor mich.

Judith 2: Weißt du Jonas, die Sache war ein wenig
anders geplant, aber Stalin wollte nicht warten,
er ist vorgeprescht, weil er dich unbedingt allein
in die Finger kriegen und nicht mit andern teilen
wollte. Im Grunde kein Problem, soll Stalin dich
eliminieren, meinen Auftraggebern wird das auch so
recht sein.

Jonas: Deinen Auftraggebern?

Judith 2: Ahnungslos wie er noch immer ist.
Richtig süß. Ich werde dir eine Geschichte
erzählen, Jonas, so viel Zeit muß sein. Immerhin
hast du mit mir den Schlafsack geteilt, das
verdient Belohnung. Also setz dich und hör zu. Es
war vor mehr als einem viertel Jahr, im Januar, da
trafen sich im Club Caligari zu Babylon fünf
Personen, die vieles verband, hohe Position,
Macht, Reichtum. Vor allem aber der Hass auf einen
Detektiv, der im Lauf der Jahre immer wieder ihre
Pläne durchkreuzt hatte.

Plotz: Ich bitte um Ruhe. Die konstituierende
Sitzung des Sonderkomitees Aktion Jonas ist
eröffnet. Anwesend sind:

Paretzky: Dr. Sandra Paretzky, Bürgermeisterin von
Babylon.

Waldorf: Astoria Waldorf, Vorstandsvorsitzende der
Firma Multipharm, Leiterin der babylonischen
Industrie- und Handelskammer.

Frank: Generalmajor Frank, Oberkommandierender der
Geheimdienste und der Sicherheitskräfte.

Kasbek: Kasbek von der Korporation.

Plotz: Als Vertreter der sogenannten Unterwelt.

Kasbek: Bitte. Der organisierten Extralegalität.

Plotz: Wie Sie wollen. Anna Platz. BIO Global. Wir
alle haben schwerwiegende Gründe gegen Jonas, den
sogenannten letzten Detektiv vorzugehen.

Er ist ein Störenfried.

Krebsgeschwür.

Eine Pestbeule.

Plotz: Und nicht zu vergessen ein Kostenfaktor.
Schon früher haben einzelne von uns versucht,
Jonas auszuschalten, ohne Erfolg, jetzt tun wir
uns zusammen, das Maß ist voll, erst vor wenigen
Tagen hat Jonas eine von langer Hand vorbereitete
bevölkerungspolitische Aktion des Club Caligari in
PH 1 verhindert, daher ist dieses Komitee
zusammengetreten, dessen Vorsitz ich übernommen
habe. Denn so großen Schaden Jonas Ihnen allen
zugefügt haben mag, ich Anna Plotz, sitze durch
seine Schuld gelähmt im Rollstuhl und habe darum
das größte Recht auf Rache.

Jonas muß weg!

Plotz: Jawohl, Jonas muß weg, Jonas muß
verschwinden, Jonas muß sterben. Um dieses Ziel zu
erreichen, bündeln wir unsere Ressourcen, wir sind
bereit, finanzielle Opfer zu bringen, in
unbegrenzter Höhe. Wir werden alle psychologischen
und kreativen Kräfte, die uns zur Verfügung
stehen, gegen Jonas einsetzen, sie sollen
Szenarien entwerfen, die zum erfolgreichen
Abschluß führen.

Abschuß.

Plotz: Sehr witzig. Jonas muß verschwinden, darin
sind wir uns einig. Die Frage ist wie.

Judith 2: Es wurde diskutiert und debattiert,
delegiert und konsultiert, und bald begannen sich
Leitlinien und Konturen abzuzeichnen.

Also keine Falle, kein maskierter Killer im
Hinterhalt, keine schnelle Kugel in den Rücken?

Nein nein nein, Jonas ist ein besonderer Gegner,
und verdient einen besonderen Abgang, eine große
Oper, wenn Sie so wollen, kein mickriges Tralala.

Eine elaborierte Elimination ist doch viel
befriedigender, viel interessanter.

Macht mehr Spaß, meinen Sie, General.

Wie dem auch sei, die äh, Elimination sollte
keinesfalls in Babylon stattfinden, hier hat Jonas
ein Heimspiel, er kennt sich hat, hat überall
Freunde.

Wir müssen ihn weglocken, so weit weg wie möglich.

Judith 2: Also ins Niemandsland, wo es am
wildesten ist, hier, ein paar Kilometer entfernt,
wartet ein Sonderkommando auf dich, Jonas. Killer
der Korporation, Spezialisten vom Geheimdienst,
ausgesuchte Sicherheitsexperten aus Großkonzernen,
dazu als Sahnehäubchen gewissermaßen der eigens
für dich aus dem hohen Norden angeforderte
Generalissimus Stalin mit seiner Roten Armee.

Stalin: Dada. Wir hören, wir kommen, wir fangen
Arschloch Jonas, wir machen tot Arschloch Jonas.

Judith 2: Geduld, Generalissimus, bald kriegen sie
ihn und können mit ihm machen, was sie wollen,
meine Geschichte ist gleich zu Ende. Über das
Problem, wie Jonas ins ferne Niemandsland zu
locken sei, zerbrachen sich diverse Experten,
Kreative, Psychologen, Motivationsforscher, die
gutbezahlten Köpfe. Schließlich schlugen sie zwei
sich ergänzende Szenarien vor.

Erstens: Jonas wird psychischem Druck ausgesetzt,
er wird

Weichgekocht.

In eine praktisch ausweglose Situation gebracht,
sein Umfeld bricht zusammen, er verliert die
Wohnung, den Sozialstatus, das Stammlokal, den
Freund.

Außerdem wird er 50, am 1. Mai, das dürfte ihn
zusätzlich deprimieren.

Zweifellos. Zweitens. Frau Delgado, Judith
Delgado, hohe Beamtin in der
Sicherheitsverwaltung, 2012 verstorben, Jonas
große Liebe.

Ja, die Frau seines Lebens.

Auf den Knopf müssen wir drücken.

Wir schaffen eine zweite Judith. Eine
Schauspielerin, die der Delgado ähnelt. Den Rest
macht Plastiface. Wir geben ihr reale und
virtuelle Existenzen.

Um die Dateien kümmere ich mich.

Diese Frau wird bei Jonas auftauchen, ihm was
erzählen, er wird verwirrt sein, verliebt,
womöglich, auf jeden Fall weniger argwöhnisch.

Judith 2: Wie's weitergeht, weißt du. Es war eine
interessante Aufgabe. Und daß sie jetzt zu Ende
geht, tut mit fast ein bißchen leid.
Generalissimus, Jonas steht zu Ihrer Verfügung.

Stalin: Konetschko. Wirklich. Dawei!

Jonas: Judith stieg in den Truck, und startete.
Bevor sie losfuhr, lehnte sie sich aus dem
Seitenfenster. In der linken Hand hielt sie was
hoch: Sam.

Judith 2: Leb wohl, Jonas, in der kurzen Zeit, die
dir noch vergönnt ist. Sag deinem Herrn Tschüß,
Sammy. Und auf Nimmerwiedersehen.

Sam: Nein, o harsche Trennung, grausames Geschick.
Jonas, was wird aus ihm werden, ohne Sam. Und was
wird aus Sammy ohne seinen Jonas. Sind wir
getrennt für immer...

Stalin: Dawei Dawei!

Jonas: Die Rotarmisten nahmen ihre Plätze ein,
vorn an der Deichsel, an den Querstangen rechts
und links. Jonas wurden die Hände gefesselt, dann
band man ihm ein Seil um den Bauch, das andere
Ende hielt Generalissimus Stalin höchstpersönlich
fest.

Stalin: Wir haben gewartet auf dich, zwei Jahr,
Arschloch, wir weiter warten, ein Tag, zwei Tag,
dieser Platz nix gut. Nur Dawei. Kollegen. Dawei.
Dawei! Jucha.

Jonas: Die Riesenräder begannen sich zu drehen,
knarrend und quietschend setzte der Bollerwagen
sich in Bewegung. Die Nomaden zogen und schoben
aus Leibeskräften. Der Pauker paukte. Stalin hatte
seinen Thron verlassen und sich hinten auf die
Plattform gesetzt, um Jonas zuzusehen. Der bemühte
sich Schrittzuhalten. Ab und zu zog Stalin kurz am
Seil, dann schlug Jonas hin, und wenn er sich
nicht schnell genug aufrappelte, wurde er über
Sand und Steine geschleift, zum großen Vergnügen
des Generalissimus. So verging der Tag.

Stalin: Halt! Stoi! Hier machen wir Lager. Ruh
dich aus, Arschloch, freu dich, morgen machen wir
dich tot, langsam, ganzen Tag. Wir haben Zeit,
hahahaha.

Jonas: Nette Aussichten. Natürlich kriegte ich
nichts zu essen. Den abgearbeiteten Rotarmisten
ging's kaum besser. Stalin schlug sich den Bauch
voll, und legte sich dann zur Ruhe, im Blockhaus.
Auch die Nomaden schliefen. Sogar die Wächter, die
auf Jonas aufpassen sollten. Jonas schlief nicht,
er machte sich Sorgen, außerdem hatten sie mich
auf jede Menge Steine gebettet, scharfe spitze
Steine. Die Nacht verging langsam, sehr langsam,
plötzlich hörte ich was, an meinem linken Ohr. Ein
Flüstern, das mir vorkam wie die Trompeten der
Kavallerie oder ein Chor von rettenden Engeln.
Dabei war es nur einer.

Sam: Erwache, mein Jonas, denn siehe, hier bin
ich.

Jonas: Sam!

Sam: Ja wer denn sonst du Trantüte. Entfleucht bin
ich der falschen Schlange der armen
Computerklauerin. Wie gut daß ich meine Rollen
dabei hatte. Gerollt bin ich durch brennendheißen
Wüstensand, trotzend allen Gefahren, allen
Strapazen. Bis ich ihn erreicht habe, meinen Herrn
und Meister, meinen Jonas, mein ein und alles.

Jonas: Machs halblang Sam.

Sam: Nichts halblang. Jauchzet und frohlocket.
Hurra. Hurra. Sam der Computer ist wieder da. Ah.
Freust du dich denn gar nicht.

Jonas: Doch Sammy.

Sam: Und nun, teurer Freund, wird alles alles gut.

Jonas: Na hoffentlich. Sehr weit mußte Sam
übrigens nicht durch den Wüstensand rollen, Judith
traute dem Generalissimus nicht und war ihm
gefolgt, nur wenige Kilometer entfernt hatte sie
ihr Lager aufgeschlagen, mit dem Sonderkommando
des 5er Komitees, das sie unterwegs aufgesammelt
hatte.

Sam: Sie wartet ab, die schnöde Verräterin, bis
mein Jonas seinen letzten Atemzug getan. Wenn hier
was dazwischenkommt, greift sie ein mit ihren
Spezialisten, denn vernimm, o Sultan, sie weiß
haarscharf was hier abgeht, hat sie doch vor ihrem
Aufbruch am gestrigen Tag eine hochsensible
Minikamera ausgesetzt, und diese, o du mein
ahnungsloser Engel umschwirrt dich bei Tag und in
der Nacht.

Jonas: Jetzt auch.

Sam: Na klar jetzt auch.

Jonas: Dann sieht sie, daß wir miteinander reden.

Sam: Sieht und hört. Und nicht nur sie. Auch die
rachsüchtigen 5 zu Babylon sind mit der Minicam
verbunden, auf daß sie die Unbilden und das Ende
ihres Todfeindes so recht von Herzen genießen
können.

Jonas: Kannst du die Minicam abschalten Sam.

Sam: A little bit, Sir. Hier und da, ab und zu.
Mit Mühe. Denn wisset: Sam hat nicht mehr all zu
viel Saft.

Jonas: Das war ein Problem. Wo sollte ich hier im
tiefsten Niemandsland einen Akku finden, oder eine
Steckdose. Darüber mußte ich nachdenken, später.
Jetzt war nur eins wichtig: von hier zu
verschwinden. Sam blockierte die Minicam, mit
Ächzen und Stöhnen und leisem Protest. Jonas
scheuerte derweil Handfesseln und Seil durch, an
Sams scharfer Kante, was seinen Protest noch
verstärkte, weil es angeblich kitzelte. Und dann
ab in die Büsche, die es hier natürlich nicht gab.
Der Tag brach an. Jonas trabte durch die
Landschaft gefolgt von der Minicam. Ich konnte sie
sehen, wie ein Kolibri flatterte sie über mir,
immer außer Reichweite, sie stieg und sank und
kreiste, auf der Suche nach dem interessantesten
Winkel, dem scharfen Bild.

Sam: Hä, geht nicht mehr, Meister, Sam muß die
Minicam loslassen, seine Kraft ist verpafft äh
verpufft meine ich.

Jonas: Dann können sie uns sehen, orten und
verfolgen. Wir müssen weg, Sammy, weiter, wohin?

Sam: Nur einen Ausweg gibt es, hoher Herr, nur
eine Richtung steht dir offen, die Wege nach Nord,
West und Süd sind versperrt, durch Judith und die
Rote Armee.

Jonas: Also nach Osten. Dann mal los.

Sam: Gemach Chef, wenn's doch nur so einfach wäre.
Im Osten erhebt sich die Grenzmauer, und dahinter,
ah, tief im Herzen des Niemandslandes, dort wo
noch niemals nicht kein wißbegieriger Fuß eines
Babyloniers trat, hinter jener großen Mauer, auf
welcher zu unserem Schutze die wackeren
Grenztruppen stehen, auf nimmermüder Wacht, am Tag
und in der Nacht, dort liebe Kinder erstreckt sich
das erschreckliche tote Land.

Jonas: Das tote Land, ein Gebiet totaler
radioaktiver Verseuchung. Seit vor einigen Jahren
die östlichen Kernkraftwerke in Kettenreaktionen
hochgingen. Während der sog. kleinen Atomkriege
zwischen Indien und Pakistan, zwischen Iran und
seinen Nachbarn. Gegen das tote Land war das
Niemandsland eine städtische Parkanlage, sagte
man. Lemuren und Monster sollte es dort geben.
Aber niemand wußte genaues, niemand war je
dagewesen.

Sam: Hä, so sieht's aus, euer Lordschaft, wollt
ihr im Kessel gekocht bzw. im Sand verbuddelt und
totgepullert werden, oder euch ins tote Land
bewegen. Thats the question. Hörst du der Pauke
tiefen Ton, die rote Armee, da ist sie schon. Auch
Judith ist nicht mehr weit.

Jonas: Dann schon lieber das tote Land. Judith und
Stalin überlebe ich ganz sicher nicht, das tote
Land, wer weiß.

Sam: Jaja. Jaja. Mein Jonas ist ein Wandersmann,
das steckt im so im Blut, drum wandert er so
schnell er kann und schwenket seinen Hut,
fallera...

Da rennt er durch den Sand.

Schade, ich hatte mich schon gefreut, mir
ausgemalt, was dieser Stalin mit Jonas anstellen
würde. Fantasievoller Bursche.

Eine Treibjagd ist doch auch ganz nett, Frau
Plotz, und aufgeschoben ist bekanntlich nicht
aufgehoben. An der Mauer werden sie Jonas stellen,
da geht's nicht weiter.

Und dann kommen wir zu unserem Schauspiel. Dauert
nicht mehr lange. Cocktails, jemand?

Jonas: Jogging im heißen Niemandsland ist kein
Vergnügen, besondern nicht wenn Sam dazu singt.
Und eine nervige Minicam dir um den Kopf schwirrt,
ganz zu schweigen von blutdürstigen Killern nicht
weit hinter dir. Vergnügen oder nicht, Jonas
trabte weiter, bis es nicht mehr ging, dafür
sorgte die Mauer. Schwarz und dräuend, 30 m hoch
und bewacht, nicht von wackeren Grenztruppen. An
der Grenze zum toten Land sind Roboguards
eingesetzt. Fehlerlos. Unbestechlich, sie schlafen
nie und lassen nicht mit sich reden.

Roboguard: Halt, nicht weiter, das war die erste
und letzte Warnung, der nächste Schuß trifft.

Jonas: Und da sind sie auch schon, Stalin und
Judith. Was nun.

Sam: Spricht Zeus, die Götter sind besoffen.

Jonas: Red keinen Stuß, Sam, denk dir was aus.

Sam: Ist Sam ein Magier, wächst ihm ein Kornfeld
auf der flachen Hand?

Karla: Jonas, hierher!

Jonas: Karla, meine Lieblingsterroristin, Chefin
der babylonischen Stadtguerilla. In den
vergangenen Jahren waren wir uns mehrmals über den
Weg gelaufen, zuletzt Sylvester 2016. In der
Wildnis. Wir hatten die Angewohnheit, uns zu
helfen, was nicht hieß, daß ich ihr trauen konnte.
Jetzt war sie hier, im Niemandsland, am Fuß der
Mauer, sie steckte den Kopf aus einem Loch im
Felsen, und winkte mir zu.

Karla: Komm her, Jonas. Beeil dich.

Jonas: Augenblick Karla. Sam?

Sam: Was steht zu Diensten?

Jonas: Die Minicam, kannst du sie noch mal
blockieren?

Sam: Na, mal sehen, Kumpel, Leben ist schwer für
'nen kleinen Computer.

Jonas: Streng dich an, Sammy.

Sam: Was tu ich denn wohl, du Obergurke. Melde
gehorsamst, Herr Oberleutnant, Minicam blockiert.
Aber lang schaff ich's nicht.

Jonas: Jonas kroch durch das Loch im Felsen. Zu
Karla. Dahinter war ein niedriger Gang, abgestützt
durch Metallstreben, ein aufgegebenes Bergwerk,
aus der alten Zeit, als hier Menschen lebten und
arbeiteten. Karla ging voran und leuchtete, mit
einer starken Taschenlampe. Gut für uns, aber auch
gut für die Minicam. Sie war uns gefolgt, unter
die Erde, wir konnten sie nicht abschütteln, nur
blockieren. Was Sam immer schwerer fiel.

Jonas: Geht's noch Sammy.

Sam: Soso lala.

Jonas: Halt durch.

Sam: Ja, Sam tut was er kann. Sam gibt alles.

Karla: Stop. Hier beginnt ein Schacht, da müssen
wir runter.

Jonas: Nur zu. Karla hatte alles bei sich, in
ihrem Rucksack, Seile, Steigeisen, Wandhaken. Wir
kletterten. Tiefer, immer tiefer, die Luft wurde
schlecht, Sam stöhnte, dann war der Schacht zu
Ende, und es ging waagerecht weiter, die Luft
blieb schlecht. Zum Glück gab es hier keine
Ratten, wie in der babylonischen Unterwelt. Wieder
ein Schacht, diesmal nach oben, wieder klettern,
Stunden um Stunden, so kam es mir vor, bis wir
über uns Licht sahen. Ich zog mich hoch und war
draußen. Die Minicam folgte, in vorsichtigem
Abstand.

Sam: Ich kann nicht mehr. Sam muß aufgeben, kein
Strom. Hast du mal ein Watt Mister.

Jonas: Woher nehmen Sammy. Karla, wo sind wir?
Karla?

Sam: Weg. Verschwunden. Wie die Wurst im Spunde.
Spinde. Terroristin. Mal da mal weg, einfach so.
Denn unergründlich sind ihre Wege. Amen.

Ah, Bild und Ton sind wieder da.

Ziemlich unscharf. Und wackelig.

Die Radioaktivität. Jonas ist im toten Land.

Sieht so aus. Irgendwie muß er über die Mauer
gekommen sein.

Eher unten durch.

Ins tote Land werden sie ihn nicht verfolgen,
unsere Leute und Stalin.

Das können wir von ihnen auch nicht verlangen.

Heißt das, Jonas ist uns entwischt?

Kein Stück. Im toten Land wird er krepieren.
Langsam und unschön.

Und wir sind dabei. Wunderbar.

Jonas: Jonas stand auf einem schmalen Streifen
Land, Felsen besser gesagt. Über ihm eine
brennende rote Sonne, rechts die Mauer, die von
hier noch bedrohlicher wirkte als vom
Niemandsland. Auf der linken Seite ein riesiger
See, bis zum Horizont. Gewaltige Öllachen
schwammen auf dem trüben Wasser. Sie schimmerten
in allen Regenbogenfarben. Ab und zu blubberten
Blasen aus der Tiefe und zerplatzen an der
Oberfläche, mit infernalischem Gestank. Nicht sehr
einladend. Ich dachte an Fall Euromüll. Die
Giftmülldeponie in Afrika. Aber ich dachte nicht
lange, dazu war keine Zeit.

Sam: Man schießt, Genosse.

Jonas: Auf uns, Sammy, die Roboguards auf der
Mauer.

Sam: Willst du warten, bis sie sich auf dich
eingeschossen haben, Stupido.

Jonas: Nicht unbedingt, aber was.

Sam: Schiffahrt tut not, Herr Vizeadmiral. Unser
Kuzunft, Zukunft liegt auf dem Wasser. Steche in
See.

Jonas: Ungern Sammy.

Sam: Ja, fällt dir was besseres ein?

Jonas: Leider nicht.

Jonas: Am Ufer lagen verrottete Plastikteile, ich
griff mir einen leeren Behälter, groß und rund wie
ein Baumstamm, noch einigermaßen in Schuß, damit
sprang ich in den See, ein leiser müder Platsch,
Jonas strampelte mit den Beinen, und kam so
schnell weg vom Ufer, auf daß die Roboguards
eifrig ballerten. Sollten sie. Ich strampelte
weiter und weiter, Stunden vergingen, vielleicht
Tage, hinter mir verschwand die Mauer, vor mir
erschienen Berge, in weiter Ferne. Plötzlich
packte mich was am Bein, eine Hand, eine Flosse,
ein Wesen mit Menschenaugen und einem Fischmaul
voller scharfer Zähne tauchte aus der Brühe auf,
es war nicht allein, das Wasser geriet in
Bewegung, mehrere Fischmenschen schnappten nach
Jonas, der schlug aus und schlug um sich, es waren
zu viele. Sie hätten mich unter die Oberfläche
gezerrt, aber es wurde flacher, die Fischmenschen
blieben zurück. Ein Stoß, mein Behälter saß fest,
in schwarzem Sand. Jonas watete an Land und
stolperte weiter.

Können Sie was sehen, General.

Grau in Grau.

Die Signale der Minicam werden immer schwächer.

Von Fischmenschen zerfleischt, das wär's doch
gewesen.

Abwarten.

Ah, wir haben wieder Bild.

Aber keinen Ton.

Mein Gott, wo sind wir, wie sieht's denn da aus?

Jonas: Knallbunt giftgrün signalrot gallegelb der
Boden bestand aus geschmolzenem Plastik, spitze
Zacken scharfe Kanten, das Gehen war mühsam wohin
ich ging wußte ich nicht, immer weiter nach Osten,
immer tiefer ins tote Land, das mit jedem Schritt
toter wurde. Ich blieb stehen. Am Weg ragte eine
hohe Eisenstange auf. Verrostet und zerfressen.
Darin hing die ausgestopfte Haut eines Menschen
mit zwei Köpfen.

Sam: Zweifellos eine Warnung, Meister.

Jonas: Für mich?

Sam: Ja, und wer sonst noch vorbei kommt.

Jonas: Warnung. Wovor?

Sam: Weiß nicht. Spielen nicht mehr mit, die
kleinen grauen Zellen. Sammy verblödet. Demenz.
Alzheimer.

Jonas: Sam, du redest irre.

Sam: Sag ich ja. To... Total irre. Total Irrsinn.
Sammy muß aufgetankt werden, dringend.

Jonas: Es geht nicht, Sammy. Versuch
durchzuhalten.

Sam: Gib mir Strom, Meister, nur ein ganz kleines
bißchen. Bitte.

Jonas: Noch einer mußte dringend aufgetankt
werden. Seit Tagen hatte ich nichts in den Magen
gekriegt. Ich merkte, wie ich immer schwächer
wurde und immer schwerfälliger voranstolperte, bis
ich weit vor mir was sah und sofort wieder zu
Kräften kam.

Jonas: Da, Sammy, ein Haus. Da steht Ca-sa-blanca.
Das Casablanca. Da gibt's Strom, Sammy und
Synthwhisky und was zu essen. Gleich, Sammy,
gleich sind wir da. Ohh, oh oh... Das Casablanca
ist weg. Einfach weg.

Sam: Ja, schon mal was von Fata Morgana gehört.
Glotzkopf. Vater Morgana. Mutter Morgana. Oma Opa
Onkel Morgana. Ganze Familie Morgana.

Jonas: Jetzt drehst du endgültig durch, Sammy.

Sam: Na und. Keine Kraft. Kein Saft. Sam wird
dahingerafft.

Jonas: Sammy.

Sam: Nein hilft alles nichts, Chef. Sammy muß
sterben.

Jonas: Nein, Sammy, nein.

Sam: Ist noch so jung. So jung.

Jonas: Computer können nicht sterben.

Sam: Wetten daß doch. Leb wohl Meister.

Jonas: Sammy.

Sam: War schön mit dir, echt super. Vergiß Sammy
nicht. Und und begrab mein Herz an der Biegung des
Flusses.

Jonas: Du hast kein Herz, Sammy.

Sam: Wetten daß doch. Sammy hat Gefühle. Sammy ist
ein Mensch.

Jonas: Du übertreibst.

Sam: Vielleicht ein bißchen. Klingt aber schön.
Irgendwie richtig schön. Und tschüß.

Jonas: Tschüß Sammy. Natürlich war ich traurig,
sehr sogar, aber nicht nur. Ganz tief unten regte
sich ein völlig anderes Gefühl. Ein Gefühl der
Erleichterung, der Befreiung, endlich Ruhe. Ich
stolperte weiter, und irgendwann muß ich dann
eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, war alles
anders. Die Luft, das Land, die Farben. Um mich
nicht mehr das bunte Gift des toten Landes. Ich
sah Grün. Gesundes, lebendiges Grün, Bäume, viele
Bäume. Lianen und Orchideen. Ein richtiger Urwald.
Affen turnten durch die Zweige, Vögel sangen,
unter meinen Füßen war Erde, braune Erde. Träumte
ich?

Jamaro: Hier Jonas, hier ist dein Weg.

Jonas: Jamaro?

Jamaro: Folge mir.

Jonas: Aber du bist doch tot.

Jonas: Jamaro ging voraus, undeutlich,
schattenhaft, zwischen den wuchernden Pflanzen
kaum zu erkennen. Dann wurde es vor uns heller,
immer heller. Jamaro winkte mir zu, und
verschwand. Ich trat aus dem Wald ins Licht. Vor
mir eine wunderschöne Landschaft, braune Hügel,
grüne Wiesen, goldene Felder, vom tiefblauen
Himmel schien eine freundliche gelbe Sonne, und in
der Ferne sah ich eine Stadt, Häuser, Giebel,
Türme, Wetterfahnen. Babylon? Aber diese Stadt war
kleiner, ohne Klimadom, und viel schöner. Babylon,
wie es vielleicht einmal war, wie es hätte sein
können. Ich ging auf die Stadt zu, und aus der
Stadt kam mir jemand entgegen. Ich blieb stehen.
Ich steckte mitten in einem Wunder, aber ich
konnte es nicht glauben. Judith. Judith Delgado.
Keine Doppelgängerin mit Plastiface und Mord im
Herzen. Judith, meine Judith, sie lief auf mich
zu, und auch ich begann zu laufen.

Judith: Jonas.

Jonas: Judith.

Judith: Endlich bist du da, ich warte schon so
lange. Komm.

Jonas: Wohin?

Judith: Nach Babylon natürlich. Da wirst du
gebraucht. Philip Marlowe wartet auf dich, Sam
Spade, Nestor Burma, die freuen sich mit dir zu
arbeiten. Und ich freu mich, weil du nun endlich
da bist. Komm.

Noch immer kein Bild.

Die Minicam ist endgültig hinüber.

Was ist mit Jonas.

Er ist zusammengebrochen. Das war das letzte, was
wir gesehen haben.

Der kommt nicht mehr hoch.

Jonas sind wir los. Oder meine Dame, meine Herren?

Ich schlage vor die Aktion Jonas für erfolgreich
beendet zu erklären, was meinen sie.

Etwas unbefriedigend, aber wie die Dinge liegen.
Einverstanden.

Von mir aus. Machen wir ein Ende.

Das war Abgesang. Eine Folge der Science-Fiction-
Krimiserie Jonas. Nur Jonas. Und Sam. Von Michael
Koser. Nähere Informationen und die Folgen zum
kostenlosen Download finden Sie unter jonas-nur-
jonas-und-sam.de. Eine Produktion der Kanzlei Dr.
Bahr. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus,
seinen Supercomputer Sam Peer Augustinski.
Außerdem hörten Sie: Karin Anselm, Katja Brügger,
Gisela Ferber, Uwe Friedrichsen, Stefan Gnad,
Thomas Karallus, Vanida Karun, Andrea Lienau,
Christoph Morgenroth, Klaus Nietz, Deef Pirmasens,
Christian Stark, Angelika Thomas, Henning Venske,
Peter Weis und Elena Wilms. Ton und Technik:
Marcus Giersch und Christoph Guder. Aufgenommen im
Tonstudio Fährhauston in Hamburg (2008). Regie:
Werner Klein.

 Senf Nr. 4009 von Prof van Dusen vom 18.02.2026 um 14.33Uhr
Michael Koser: Es tickt bei Prof. van Dusen (RIAS
1993)

Hatch: 14. November 1902, Freitag, ein Tag wie
jeder andere, am frühen Nachmittag verläßt Prof.
van Dusen sein Haus in der 35. Straße West
Manhattan NewYorkCity wie an jedem andren Tag er
sieht nicht nach rechts er sieht nicht nach links,
er sieht in das offene Buch vor seiner Nase, wie
jeden Tag und wie jeden Tag hebt er die linke Hand
mit dem Regenschirm, die Droschke, die wie immer
ein Haus weiter gewartet hat, fährt vor, wie jeden
Tag, der Prof. steigt ein, vertieft in seine
Lektüre, wie jeden Tag, der Kutscher schließt die
Tür, diesmal vielleicht ein wenig sorgfältiger als
sonst, die Droschke fährt die 35. Straße entlang,
nach Osten, wie jeden Tag, Richtung Universität,
so, meine Damen und Herren, beginnt es, das
unglaubliche Abenteuer um den Bombencountdown im
Luxushotel, Prof van Dusen fährt zur Uni wie jeden
Tag was ist daran unglaublich so werden sie
fragen, haben sie noch einen ganz kleinen Moment
Geduld, die Droschke biegt links ab in die 5.
Avenue und sie wird schneller, der Kutscher
schlägt auf seinen Gaul ein, der Gaul geht über in
Galopp, van Dusen sieht aus dem Fenster, ein
Ausdruck der Verwunderung tritt in seine
durchgeistigten Züge.

vanDusen: Dies ist nie und nimmer die Madison
Avenue, he da guter Mann sie verfehlen den rechten
Weg, zur Universität wünsche ich verbracht zu
werden, Madison Avenue nicht 5 Avenue, biegen sie
rechts ab, halt guter Mann, halten sie ihre
Gefährt an, lassen sie mich aussteigen, halt,
halten sie an, ich will aussteigen, ich will zur
Universität.

Hatch: Türen und Fenster sind verriegelt, immer
schneller rast die Droschke die 5 avenue entlang,
nicht weit vom Central park kommt sie abrupt zum
stillstand, vor einem hochherrschaftlichen Gebäude
an der Ecke der 58 Straße.

Butler: Prof van Dusen wie ich vermute.

vanDusen: In der Tat.

Butler: Sie werden erwartet, Herr Prof, würden sie
mir bitte ins Haus folgen.

vanDusen: Nein ich würde nicht, was geht hier vor,
wo bin ich.

Butler: Helft dem Herrn Prof, achtet darauf, daß
er den Weg nicht verfehlt.

vanDusen: Lassen sie mich los, auf der Stelle.

Butler: Wir wollen doch kein Aufsehen, folgen sie
mir.

vanDusen: Hilfe, ich werde entführt.

Hatch: Höflich aber sehr bestimmt wird der Prof
ins Haus geleitet, durch ein prunkvolles Foyer in
einen noch prunkvollen Salon, hier sitzen drei
Personen, die ihm erwartungsvoll entgegensehen,
ein stattlicher älterer Mann umgeben von der Aura
des Erfolgs, neben ihm eine etwa gleichaltrige
Frau, kleiner eher unfällig, und meine Wenigkeit,
falls sie mich noch nicht kennen, Hatch heiße ich,
Hutchinson Hatch Reporter von Beruf und aus
Berufung Begleiter und Chronist von Prof van
Dusen.

Butler: Meine Herrschaften, Prof DrDrDr Augustus
van Dusen.

Hatch: Der größte Wissenschaftler und
Amateurkriminologe unserer Zeit.

vanDusen: Hatch, sie hier.

Hatch: Wie sie sehen, Prof.

vanDusen: War es etwa ihre Idee mich entführen zu
lassen, ein exerzitium ihres beklagenswerten
Sinnes für Humor oder was sie dafür halten.

Morgan: Ich muß Mr Hatch in Schutz nehmen, Prof
ich bin der Übeltäter, willkommen in meinem Haus.

vanDusen: So, und wer sind sie.

Morgan: John Pierpont Morgan, schon von mir
gehört.

Hatch: Mr Morgan ist einer der reichsten Männer
der Welt, ein Multimillionär, einer aus dem Club
der Astor, Vanderbild, Rockefeller, nicht zu
vergessen meinen verehrten Papa.

Morgan: Sie sehen, Prof sie sind nicht unter die
Räuber gefallen.

Dotty: John würdest du.

Morgan: Machen wir, Dotty, Prof van Dusen, meine
Gattin Dorothy.

Dotty: Liebster Prof endlich, wie oft hab ich mir
gewünscht sie leibhaftig kennenzulernen, doch da
sie Gesellschaften niemals zu besuchen pflegen.

vanDusen: Aus gutem Grund, Mrs Morgan, man trifft
dort so unerfreuliche Zeitgenossen, Mr Morgan, was
geht hier vor, erklären sie sich, rechtfertigen
sie soweit dies überhaupt möglich ist ihr
skandalöses Verhalten.

Morgan: Nicht die feine Art Prof, muß ich zugeben,
aber was hätte ich sonst tun sollen, ich habe
alles versucht, ans Telefon sind sie nicht
gegangen, und meine Boten hat ihr Diener an der
Haustür abgewimmelt, weil sie gerade in einer
wichtigen wissenschaftlichen Arbeit stecken.

Hatch: Radium, Prof.

vanDusen: So ist es mein lieber Hatch.

Morgan: Also hab ich ihren Droschkenkutscher
geschmiert und ich hab Mr Hatch zu mir bestellt
und ihm kurz erzählt was los ist weil sie ohne
ihren Schlappenschamies nichts tun, Prof, hab ich
mir sagen lassen.

Hatch: Assistent, heißt das Mr Morgan, Assistent.

Morgan: Ja und genau das sollen sie, Prof was tun,
für mich, ich engagiere sie, nennen sie ihren
Preis, ich zahle was sie wollen, gutes Geld für
gute Ware, mein Motto, oder wenn ihnen ein
Blankoscheck lieber ist, setzen sie jede Summe
ein, na ist das ein Angebot Prof.

vanDusen: Ersparen sie sich weitere Worte Mr
Morgan, ich wünsche zu gehen.

Hatch: Mr Morgan sie machen das falsch, lassen sie
mich mal, ein Fall Prof, ein wunderschöner, ein
sensationeller Fall, ein bizarrer, ein
hochkomplizierter Fall, ach was ein Fall, drei
Fälle mindestens, und einer immer ausgefallener
als der andere.

vanDusen: Ich bin nicht interessiert.

Hatch: Da hätten wir erstens die mysteriöse Affäre
um den üblen Geruch in der Fürstensuite, zweitens
die kuriose Episode des geschmorten Mopses,
drittens das Rätsel des spurlos verschwundenen
Detektivs.

vanDusen: In der Tat mein lieber Hatch.

Morgan: Und viertens wird in meinem Hotel eine
Bombe hochgehen wenn sie das nicht verhindern
Prof.

vanDusen: Tja, unter diesen Umständen, berichten
sie, Mr Morgan.

Hatch: Knapp präzise etc, sie kennen das, meine
Damen und Herren, nicht das man John Pierpont
Morgan sowas extra ans Herz legen mußte, time ist
money, so lautete sein Motto, und entsprechend
fiel sein Bericht aus.

Morgan: Hotel Galaxy kennen sie bestimmt Prof.

vanDusen: Notgedrungen sofern sie das monströse
Bauwerk südlich des central park meinen.

Morgan: Zwei Blocks von hier gleich um die Ecke,
genau Prof, 100m hoch, 24 Stockwerke, das größte
höchste, schönste, feinste, teuerste Luxushotel in
New York, in Amerika, in der ganzen Welt.

Hatch: Moment das Waldorf Astoria.

Morgan: Ne Hütte, Mr Hatch, nichts als ne schäbige
Hütte, gehört mir.

Hatch: Das Waldorf.

Morgan: Ne quatsch das Galaxy.

vanDusen: Ich gratuliere Mr Morgan.

Morgan: Vor einem Jahr hab ich es übernommen vom
Bauherrn und Vorbesitzer Philip T Smart, kennen
sie sicher auch Prof.

Hatch: Kannte er nicht, woher auch, Philip T Smart
war kein unübersehbarer Wolkenkratzer, Philip T
Smart war Unternehmer, und von Geschäften,
Finanzen und dergleichen hat der Prof keinen
Schimmer, Morgan mußte ihn aufklären, Smart hatte
sich aus der Gosse hochgearbeitet und noch in
jungen Jahren durch Finanz-spekulation ein ganz
anständiges Vermögen zusammengekratzt, dann hatte
er ganz hoch gegriffen und das Galaxy gebaut, ein
Superhotel wie es die Welt noch nicht gesehen hat,
dabei ging ihm das Kapital aus, er mußte sich was
pumpen.

Morgan: Meine Bank hat den Bau finanziert, Prof
das Haus Draxel und Morgan Wallstreet, Smart
kriegte soviel wie er brauchte bis das Hotel
stand, tja und dann.

Hatch: Dann haben sie die Klappe zugemacht, Mr
Morgan.

Morgan: Wie das so läuft, keine neue Kredite
bewilligt, die laufenden gekündigt, die Smart ging
pleite, ich erbte die Konkursmasse, sprich das
Galaxy, ein Hotel wollte ich schon immer mal
haben.

Hatch: Kein schlechtes Geschäft, moralisch
vielleicht nicht ganz astrein, aber.

Morgan: Aber legal, Mr Hatch, nicht dran zu
tippen, von nichts kommt nichts, mein Motto, jeder
ist sich selbst der nächste, der bessere gewinnt.

Hatch: Geschäft ist Geschäft.

Morgan: So ist es, Mr Hatch, eine ganz normale
Transaktion, aber Smart sah das anders, nach der
pleite war er total aus dem Gleis, hier oben meine
ich im kopf, verleumdet hat er mich, beschimpft,
sogar bedroht an leib und leben, richtig
gemeingefährlich ist er geworden, was sollte ich
machen, ich hab dafür gesorgt daß er untersucht
und in ein Irrenhaus eingewiesen wurde.

vanDusen: In welches Mr Morgan.

Morgan: Happy Valley, drüben in Osweg, eine
geschlossene Anstalt, nicht gerade billig, aber
sicher, überall Gitter, kräftige Wärter, da kommt
er nie raus, hab ich jedenfalls gedacht, bis vor 5
Tagen, letzten Sonntag.

vanDusen: Was geschah am letzten Sonntag Mr
Morgan.

Morgan: Das Telefon klingelte in meinem Büro im
Galaxy, das Hotelmanagement hab ich nämlich selbst
übernommen, als Hobby sozusagen, interessante
arbeit, viel interessanter als das Bankgeschäft.

Dotty: Deshalb hält sich mein Gatte auch so oft im
Galaxy auf, nicht wahr John.

Morgan: Was du tust tue ganz oder gar nicht, mein
Motto.

vanDusen: Ihr Telefon klingelte, Mr Morgan.

Morgan: Richtig, Sonntag 9 November kurz nach 2
Uhr nachmittag, ja hier Morgan fassen sie sich
kurz.

Smart: Das hab ich vor, Morgan sie wissen, wer ich
bin, erkennen sie meine Stimme.

Morgan: Smart.

Smart: Smart, Smart, den sie in den Ruin getrieben
und ins Irrenhaus gebracht haben, aber ich bin
nicht mehr in happy valley, Morgan, ich bin frei
und ich werde mich rächen, an ihrem gestohlenen
Hotel werden sie nicht mehr lange Freude haben,
Morgan, das versprech ich ihnen, bis bald.

Morgan: Vermittlung, der Anruf eben, stellen sie
fest woher er kam.

Morgan: Und woher kam er, nicht von draußen,
sondern über die Hausleitung.

vanDusen: Aus dem Hotel, woher genau.

Morgan: Das war nicht zu klären, im Galaxy haben
wir nämlich ein ganz modernes Vermittlungssystem,
teilautomatisch.

vanDusen: Ich verstehe Mr Morgan, fahren sie fort.

Morgan: Ich ließ mich sofort mit happy valley
verbinden, mit dem Direktor Dr. Daffy.

Daffy: Smart, den haben wir heute morgen
entlassen, aber das wissen sie doch, Mr Morgan.

Morgan: Entlassen, sind sie noch zu retten.

Daffy: Aber das war ihr ausdrücklicher Wunsch Mr
Morgan.

Morgan: Mein Wunsch, wie kommen sie denn auf die
Idee.

Daffy: Ihr Brief, Mr Morgan, ihr Brief, darin
haben sie mich angewiesen, Smart zu entlassen und
weil sie doch die Rechnung für ihn bezahlen, Mr
Morgan.

Morgan: Haben sies getan, sie sind ein Idiot,
Daffy, so einen Brief hab ich nie geschrieben.

Daffy: Ich versteh das nicht, Mr Morgan, die Dame
hat ihn mir heute morgen vorgelegt und dann hat
sie Smart gleich mitgenommen.

Morgan: Dame, welche Dame.

Daffy: Die Dame, die Smart seit Wochen besucht,
seine Cousine.

Morgan: Blödsinn, Smart hat keine Cousine, keine
Schwester, keine Tante, keine Großmutter,
überhaupt keine verwandten, smart ist ein
Findelkind und im Waisenhaus aufgewachsen.

Morgan: Viermal war sie bei Smart gewesen seit
September, beim ersten mal hatte sie auch schon
einen Brief von mir angeblich, sie darf Smart
besuchen, stand drin.

Dotty: Anscheinend eine Komplizin, so sagt man
wohl.

vanDusen: Wie sah die Frau aus, Mr Morgan haben
sie sich eine Beschreibung gegeben lassen.

Morgan: Aber klar Prof, tief verschleiert,
unauffällig gekleidet, nicht sehr groß, gebildete
Sprechweise, nicht gerade viel.

vanDusen: Und der Brief, Mr Morgan.

Morgan: Mein Briefpapier, mein privater Briefkopf,
meine Handschrift, sah jedenfalls aus wie meine,
haargenau.

vanDusen: Weiter Mr Morgan.

Morgan: Sonntag abend hatten wir was vor,
irgendsoeine Wohltätigkeitsabfütterung bei
Delmonico, Dotty macht viel in Wohltätigkeit.

Dotty: Verbringe dein leben sinnvoll, mein Motto.

Morgan: Beim umziehen hab ich Lotty die Sache
erzählt.

Dotty: Ich war entsetzt, schockiert, dieser
Wahnsinnige in Freiheit, was konnte er nicht alles
anstellen.

Morgan: Ein Luxushotel ist ein empfindlicher
Organismus, sehr anfällig für Störungen, ich
machte mir Sorgen, irgendwas mußte ich
unternehmen, frage was, die Antwort ergab sich
beim essen.

Dotty: Du meinst Collinson.

Morgan: Genau Dotty, Peter Collinson saß bei uns
am Tisch, interessanter Typ Sicherheitsexperte von
Beruf, spezialisiert auf große Hotels, kam gerade
aus London, da hatte er im Savoy gearbeitet.

Morgan: Und womit beschäftigen sie sich zurzeit Mr
Collinson.

Collinson: Ich spanne ein wenig aus, ich muß nicht
arbeiten, ich bin finanziell unabhängig, wenn sich
eine neue reizvolle Aufgabe bietet.

Dotty: John.

Morgan: Ja Dotty.

Dotty: Greif zu.

Morgan: Wo was.

Dotty: Collinson für dein Hotel.

Morgan: Als Hausdetektiv, aber ich hab doch schon
einen.

Dotty: Simpsons, der wird mit Smart nicht fertig,
du brauchst einen neuen, einen echten Experten,
dynamisch, energisch.

Morgan: Meinst du, sagen sie mal, Collinson.

Collinson: Ja.

Morgan: Hör auf deine Frau, mein Motto, ich habe
Simpson gefeuert und Collinson eingestellt, montag
früh gleich am nächsten Morgen fing er an, er
kriegte alle Schlüssel, ein Büro unten gleich am
Empfang, ein Zimmer in den oberen Regionen, wo das
Personal untergebracht ist.

vanDusen: Zur Sache Mr Morgan.

Hatch: Zeit ist Geld.

Morgan: Ist recht, Prof also Smart.

vanDusen: Ja Mr Morgan was war mit Smart.

Morgan: Nichts, keine Störung, kein Anruf, nix am
montag nix, am dienstag nix, mittwoch nix, ich
dachte Smart tut nix, hat wohl angst vor meinen
neuen Hoteldetektiv, aber dann am donnerstag.

Hatch: Gestern.

vanDusen: Was ereignete sich am donnertag Mr
Morgan.

Morgan: Das Telefon klingelte in meinen Büro
morgens gegen 9.

vanDusen: Smart.

Morgan: Nein Prof nicht Smart, der Anruf kam aus
unserer Fürstensuite im 5 Stock, zufällig wohnt da
gerade ein echter Fürst aus Deutschland der
regierende Herzog von Sonderbar-Schwarzhausen,
Hoheit war persönlich am Apparat, Hoheit war
sauer, stinksauer im wahrsten Sinne des Wortes.

Fürst: Unerhört, stinkt im Badezimmer, wollte Bad
nehmen, unmöglich, infernalischer Gestank, nicht
auszuhalten, Kammerdiener ohnmächtig.

Morgan: Tut mir leid das zu hören, Hoheit werde
mich sofort drum kümmern.

Fürst: Kümmern, abstellen den Gestank, aber dalli,
sonst unverzüglicher Umzug ins Waldorf Astoria,
verstanden.

Morgan: Ich hab gleich den neuen Detektiv
hingeschickt, der durchsuchte das Bad mit
zugehaltener Nase und zusammengebissenen Zähnen
und was fand er schließlich hinter der
Wandtäfelung, einen Fasan schon lange tot sehr
lange, der Küchenchef hatte ihn schon vermißt.

vanDusen: Und Sie meinen Smart haben besagten
Vogel hinter die Täfelung praktiziert.

Morgan: Ich meine nicht, Prof ich weiß, Collinson
hat nämlich nicht nur den vergammelten Fasan
gefunden, sondern auch das hier.

vanDusen: Ein beschriebenes Stück Papier, mein
lieber Hatch würden sie.

Hatch: Weiß schon, Prof vorlesen, nur ein Satz,
dieses war der erste Streich und der zweite folgt
sogleich, Unterschrift Philip T Smart.

Morgan: Und tatsächlich der zweite Streich folgte
noch am gleichen Tag abends in Suite Nr 7, bewohnt
von Lady Ribbondale, reiche Witwe aus England,
gestern abend hatte sie sich ein Spanferkel auf
die suite bestellt, der Etagenkellner nahm die
Platte aus dem Serviceaufzug und trug sie in Lady
Ribbondales Speisezimmer, oben drüber war
natürlich so ein gewölbter Metalldeckel zum
warmhalten.

Kellner: Darf ich servieren Milady.

Lady: Noch nicht Kellner, Wini, Wini, Liebling
komm zu Frauchen, komm Fresschen, lecker, lecker
Spanferkel, Wili wo steckst du denn, Kellner haben
sie meinen Wili gesehen.

Kellner: Euer lady Schoßmops leider nein milady.

Lady: Wo mag er sich herumtreiben, der kleine
Strolch, da muß ich wohl ohne meinen Wilielein
anfangen, legen sie mir vor Kellner.

Kellner: Sehr wohl Milady.

Lady: Ah, Willie mein Willie, mein kleiner Wili,
will was hat man dir angetan, oh.

Morgan: Auf der Platte der Mops, statt Spanferkel.

vanDusen: Tot.

Morgan: Mausetot.

Dotty: Arme Lady Ribbondale.

Morgan: Allerdings nicht geschmort wie Mr Hatch
vorhin meinte.

Hatch: Schade das wäre das itüpfelchen gewesen
journalistisch gesehen aber doch wohl mit einem
Zettel im Schnabel von Smart einen Gruß.

Morgan: Diesmal kein Zettel, Mr Hatch, Smart rief
mich an eine Stunde später, Lady Ribbondale war
knall auf fall ausgezogen, Collinson hatte gewühlt
und das gebratene Spanferkel im Keller entdeckt,
in einem Abfalleimer bei der Küche.

vanDusen: Der Austausch fand demnach nicht auf der
Etage oder im Servicelift statt vielmehr im
Küchenbereich, interessant, was hatte Smart ihnen
mitzuteilen Mr Morgan.

Smart: Bisher habe ich gescherzt, Morgan,
Verwesungsgeruch im Bad, ein Schoßhund zum Soupe,
gewiß nicht angenehm für sie und das Galaxy, aber
doch eher Nadelstiche denn Katastrophen, es wird
Zeit die Schraube anzuziehen, in dieser Nacht
werde ich zuschlagen, Morgan ich werde ein
Mitglied ein wichtiges Mitglied des Hotelpersonals
töten.

Morgan: Hören sie Smart, wenn sie Geld wollen.

Smart: Ich will Rache, Morgan, ich will sie
ruinieren.

vanDusen: Wie ich vermute kam dieser Anruf
ebenfalls aus dem Hotel.

Morgan: So ist es Prof, ich habe sofort Collinson
informiert, und der versprach die Augen
offenzuhalten, besonders achten wollte er auf den
Küchenchef und den maiter de hotel, aber die hatte
Smart gar nicht gemeint, heute früh erscheint
Collinson nicht in seinem Büro, ich rufe in seinem
Zimmer an, niemand geht ran, ich lasse die Tür
aufbrechen, das Zimmer ist leer, und auf Collinson
Bett finden wir.

vanDusen: Doch wohl nicht seine Leiche.

Morgan: Leiche, ne, großen Blutfleck und diesen
Zettel.

Hatch: Geben sie mal her ich schreite zur
Verlesung, an Morgan den Schuft und Betrüger, ihr
neuer Hoteldetektiv sollte mich erwischen, ich
habe ihn erwischt, Collinson ist tot, sie werden
ihn niemals wieder sehen, ich führe meine
Drohungen aus, das habe ich bewiesen, jetzt mache
ernst, ein für alle mal, heute freitag 14.
November 1902 wird im Galaxy eine Bombe
detonieren, um Mitternacht mit dem Glockenschlag
wird ihr Hotel zur Ruine werden, wer zuletzt
lacht, lacht am besten, mein Motto, haha, steht
hier, haha.

vanDusen: Hatch, nach Empfang der Epistel haben
sie doch wohl sogleich.

Morgan: Klar hab ich Prof mich hingesetzt und
scharf nachgedacht.

vanDusen: Nachgedacht nun gut Mr Morgan und des
weiteren.

Morgan: Des weiteren, was denn zum Beispiel.

vanDusen: Z.B. hätten sie das Hotel Galaxy
gründlich durchsuchen lassen sollen.

Morgan: Hunderte von Räumen, über 30.000 qm wie
stellen sie sich das vor.

vanDusen: Aber die polizei haben sie doch wohl
verständigt.

Morgan: Eher weniger Prof.

vanDusen: Was soll das heißen Mr Morgan.

Morgan: Ehrlich gesagt nein.

vanDusen: Nicht.

Morgan: Sehen sie Prof, es geht um ein Hotel ein
Luxushotel, voll mit hochkarätigen Gästen,
Fürsten, Ladys, Millionären, wenn die erfahren,
daß ein irrer Killer mit einer Bombe im Galaxy
herumgeistert, was meinen sie, was dann los ist,
Panik, Chaos.

Hatch: Finanzieller Ausfall.

Morgan: Auch das Mr Hatch und sie glauben doch
wohl nicht, daß ich die Geschichte unterm Deckel
halten kann wenn Horden von Plattfüßen durch die
Fluren trampeln, nein Prof, die Polizei ist fehl
am Platz zu laut, zu indiskret.

vanDusen: Andererseits ist es ihre Pflicht als
Staatsbürger.

Morgan: Und was das wichtigste ist, die Polizei
ist einfach nicht gut genug oder trauen sie ihr
zu, Smart zu fangen.

vanDusen: Wenn sie mich so direkt fragen Mr
Morgan.

Hatch: Caruso würde ein Bombe nur finden, wenn sie
ihm unterm Hintern losgeht, und vielleicht nicht
mal dann.

vanDusen: Hatch.

Morgan: Also keine Polizei, für John Pierpont
Morgan ist das beste gerade gut genug, mein Motto.

Dotty: Der beste John.

Morgan: Genau Dotty und wer ist der beste.

Hatch: Wer wohl Prof van Dusen, der größte
Amateurkriminologe der Welt.

vanDusen: Ich kann ihnen nicht widersprechen, mein
lieber Hatch.

Dotty: Ich denke an den Vampir von Brooklyn, an
den Mann der seinen Kopf verlor und was sie erst
kürzlich im wilden Westen geleistet haben, Prof
brillant, genial.

Morgan: Und darum bin ich ganz sicher Prof, sie
werden die Bombe finden und unschädlich machen,
sie werden Philip T Smart stellen.

vanDusen: Nicht nur ihn, Mr Morgan, haben sie die
Frau vergessen, welche Smart aus der Anstalt
befreite.

Dotty: Die verschleierte Komplizin.

vanDusen: Eben diese Misses Morgan.

Hatch: Die kriegt er auch der Prof, darauf können
sie wetten.

Dotty: Hoffentlich.

Hatch: Ja und wie ich ihn kenne hat er schon die
eine oder andere Spur, was Prof.

vanDusen: Durchaus möglich, und vielleicht auch
den einen oder anderen Verdacht.

Hatch: 5 Uhr nachmittags, der countdown lief, nur
noch 7 Stunden bis zur angekündigten Explosion, es
wurde Zeit, in Aktion zu treten, Prof van Dusen
trat in Aktion, indem er die Operationsbasis ins
Galaxy verlegte, Morgan begleitet uns, unterwegs
ließ van Dusen sich den gesuchten Bombenleger
beschreiben, Smart war um die 30, sagte Morgan,
mittelgroß, mausblond, unscheinbar ohne besondere
Kennzeichen.

vanDusen: Und ihr verschwundener Hausdetektiv
Collinson, Mr Morgan.

Morgan: Collinson, ach sie meinen, falls sie
zufällig über seine Leiche stolpern, Ende 30
Glatze, Schnurrbart, Kneifer, 7 Stock steigen sie
aus meine Herren, nehmen sie sich Suite 7 die ist
frei.

Hatch: Von wegen der Lady mit dem Mops, und sie Mr
Morgan.

Morgan: Ich fahr weiter, mein Büro liegt ganz oben
im 24 Stock, da finden sie mich, wenn sie mich
brauchen.

Hatch: Im Salon von Suite 7 hing noch ein leichter
Hauch von Mops, der Prof achtete nicht darauf, er
wanderte und dachte nach, leicht geistesabwesend
wie immer, ich hatte die Füße auf dem Tisch einen
doppelten Whisky vor mir, und sah zu, nicht lange,
nach ein paar Minuten gings weiter in den obersten
Stock wo die Wohnräume des Personals lagen, ein
paar billige Gästezimmer und Morgans Managerbüro,
seltsam warum hier oben in eher ärmlicher
Umgebung, na seine Sache, Collinsons Zimmer war
klein, kahl und leer, abgesehen von der nötigsten
Möblierung, Bett, Nachttisch, Stuhl, Schrank, van
Dusen machte sich wieder ans wandern, er dachte,
suchte, bückte sich ab und zu, wanderte weiter,
das übliche, der dicke braunrote Blutfleck auf dem
Kopfkissen interessierte ihn überhaupt nicht,
merkwürdig, warum wollte er ihn nicht untersuchen.

vanDusen: Ich könnte es tun, mein lieber Hatch,
ich könnte den erst kürzlich von meinem deutschen
Kollegen Uhlenhuth entwickelten Präzipitintest
durchführen, doch wozu, es wäre Zeitverschwendung.

Hatch: Wie sie wollen Prof.

vanDusen: Von weit erheblicher kriminologischer
Relevanz als jener lächerlicher Fleck ist das was
wir im Schrank vorfinden.

Hatch: Im Schrank aber da ist nichts.

vanDusen: Eben dies meine ich, und auf dem
Nachttisch.

Hatch: Auch nichts, kein Bild, keine Uhr, gar
nichts.

vanDusen: Keinerlei persönliche Habseligkeiten,
keine Kleidung.

Hatch: Als ob hier niemand gewohnt hat.

vanDusen: Sehr gut und sehr richtig.

Hatch: Aber hier hat doch jemand gewohnt,
Hausdetektiv Collinson.

vanDusen: Collinson ist und war nicht existent,
ein Phantom, besser gesagt ein alias.

Hatch: Alias, sie meinen Collinson war in
Wirklichkeit jemand anders, wer denn.

vanDusen: Wer wohl, Smart natürlich.

Hatch: Smart, der entsprungene Irre, der Stänker,
der Mopskiller, der Bombenleger, wie kommen sie
darauf.

vanDusen: Dies habe ich unter dem Schrank
entdeckt.

Hatch: Ein rundes Stück Glas aus einer Brille
oder.

vanDusen: Oder aus einem Kneifer.

Hatch: Richtig Collinson trug einen Kneifer.

vanDusen: Warum trug Collinson einen Kneifer.

Hatch: Warum, blöde frage, würde ich sagen, damit
er besser sehen konnte.

vanDusen: Keineswegs, Collinson trug einen Kneifer
um sich besser sehen lassen zu können, um nicht
erkannt zu werden, das Glas ist nicht geschliffen,
ordinäres Fensterglas, der Kneifer war Bestandteil
einer Maskerade, wie übrigens auch dies Objekt,
auf welches ich ebenfalls unter dem Schrank stieß.

Hatch: Ein Büschel schwarze Haare.

vanDusen: Längst abgestorben, mit Spuren von Leim
an den Wurzeln.

Hatch: Aber Collinson war kahl, hat Morgan gesagt.

vanDusen: Wie so oft denken sie auch hier zu kurz.

Hatch: Und wie so oft werden sie mir den verstand
schon lang ziehen.

vanDusen: Später, später lassen sie uns zunächst
folgendes festhalten, Collinson trug eine Maske,
Collinson war Smart, sie scheinen nicht völlig
überzeugt zu sein.

Hatch: Wenn sie mir ein bißchen erklären würden
Prof.

vanDusen: Also passen sie auf, der angebliche
Collinson, ein angeblicher Sicherheitsexperte für
Luxushotels taucht gerade zu jedem Zeitpunkt auf,
da der entkommene Smart das Galaxy bedroht,
Zufall.

Hatch: Unwahrscheinlich.

vanDusen: Er bietet sich Morgan an, läßt sich
einstellen, kann sich als Detektiv ungehindert im
Hotel bewegen.

Hatch: Tote Fasane verstecken, Möpse anrichten,
und wenns soweit ist, sich problemlos umbringen
lassen.

vanDusen: Indem er unter Hinterlassung eines
falschen Blutflecks verschwindet.

Hatch: Einverstanden, aber viel weiter sind wir
damit auch nicht, wo steckt der Kerl.

vanDusen: Im Galaxy ohne jeden zweifel.

Hatch: Ja aber wo und wo ist die Bombe.

vanDusen: Nehmen sie sich des Telefons an, mein
lieber Hatch.

Hatch: Sehr wohl, Prof, ja.

Morgan: Prof van Dusen.

Hatch: Der ist hier, Mr Morgan, wollen sie ihn
sprechen.

Morgan: Er soll sofort runterkommen in den Keller.

Hatch: Ist was passiert.

Morgan: Die Bombe, Mr Hatch, die Bombe ist
gefunden.

Hatch: Morgan schickte uns einen Pagen als Führer
und den hatten wir auch nötig, unter dem Hotel
erstreckte sich ein unübersehbares Labyrinth
zahlloser niedriger Gänge, nur spärlich erhellt,
sie verzweigten und kreuzen sich, kamen aus der
Dunkelheit, führen ins nichts, dazwischen düstere
Lagerräume, verschimmelte Weinkeller, dunkle
Katakomben mit rostigen Spülbecken, überall
Schmutz, Dunst, Gestank, und armselige graue
Gestalten die schattenhaft vorüberhuschten, in der
Mitte wie eine Spinne im Netz die Küche, ein
gewaltiges dröhnendes Inferno aus
überdimensionalen Öfen und Herden schlugen rote
Flammen, warfen zuckende Lichter auf Kessel,
Kasserollen und auf die armen Teufel die in dieser
Hölle schufteten, muß auch mal sein, gehobene
Prosa, bildhafte Sprache, schöner Stil, wozu ist
man Starreporter beim Daily New Yorker, aber keine
Angst jetzt geht ganz normal weiter, Morgan
erwartete uns mit seinem Küchenchef, dem unter
Feinschmeckern weithin gerühmten Missio Anatole
hinter der Küche in kleinem Raum voller schmaler
Wandschränke.

Morgan: Der Umkleideraum für Küchenpersonal.

Hatch: Na die Fürstensuite ist es gerade nicht, Mr
Morgan.

Morgan: Wissen sie Mr Hatch, ich sag immer ein
großes Hotel ist wie die Welt, oben sind die, die
es geschafft haben, es geht ihnen gut, sie werden
bedient, leben im luxus, und unten im Dreck da
sind die anderen, die meisten, die sich für die
oben abarbeiten müssen, so ist das.

Anatole: Sie halten Vortrag missiö sie
philosophieren, la bomb, sie machen tick tack tick
tack.

vanDusen: In der Tat.

Anatole: Missio sil vous plait, Missio Anatole.

vanDusen: Die Bombe, in diesem offenen
Wandschrank.

Anatole: Oui missio.

Morgan: Hören sie doch auf mit dem französischen
Getue, sie Anatole, uns brauchen sie nichts
vorzumachen, Brown, heißt er, James A Brown.

Anatole: A wie Anatole.

Morgan: Geboren und aufgewachsen in Jouplin,
Missouri, Paris haben sie nicht mal von weitem
gesehen.

Anatole: Missio, ok aber behalten sies für sich,
meine Herren, ein guter Küchenchef muß Franzose
sein, die Kundschaft besteht darauf, sonst
schmeckts ihr nicht.

Hatch: Wer angibt, hat mehr vom leben, ihr Motto,
Anatole Brown und nicht nur ihrs.

vanDusen: Ich ersuche um Ruhe, aha beim corpus
delicti handelt es sich nicht im eigentlichen Sinn
um eine Bombe das heißt um einen mit Sprengstoff
gefüllten Hohl-körper vielmehr könnte man von
einer Höllenmaschine primitivster Konstruktion
sprechen bestehend aus 2 Stangen Dynamit, einer
kupfernen Zündkapsel und einer Uhr.

Morgan: Höllenmaschine Bombe seien sie nicht
pingelig Prof wenn das Ding hoch geht, ist es egal
wie es heißt, dann ist das Galaxy ein
Trümmerhaufen so oder so.

vanDusen: Nicht doch Mr Morgan, zwei kleine
Dynamitstangen dürften kaum im Stande sein
nennenswerten Schaden anzurichten.

Anatole: Mondieu ich meine verflixt noch mal,
können sie das Ding nicht trotzdem lieber
abstellen.

vanDusen: Entschärfen meinen sie, Anatole, gewiß
kann ich das.

Anatole: Dann tuns sies doch endlich, macht einen
ganz nervös dieses ticken.

vanDusen: Beruhigen sie sich, der Alarm der
Weckuhr welcher über die Zündkapsel die detonation
des dynamit auslöst wird erst um mitternacht
einsetzen, wie spät ist es.

Hatch: Fünf vor 7.

vanDusen: Wir haben also noch gut 5 Stunden Zeit,
meine Herren, wer hat die Bombe entdeckt.

Anatole: Eine von unseren Küchenhelferinnen.

vanDusen: Holen sie sie.

Hatch: Während der falsche Franzose sich nach der
Helferin umsah, machte van Dusen die Bombe
unschädlich, indem er die Kapsel vom Wecker und
Dynamit trennte mit ruhiger Hand und einem
silbernen Tafelmesser.

Anatole: Tut mir leid Prof, die Frau ist nirgends
zu finden, seltsam.

vanDusen: Wie ich vermute, arbeitet die
Betreffende erst seit kurzem in ihrer Küche.

Anatole: Das stimmt Prof, 2 3 Tage.

vanDusen: Klein, unauffällig.

Anatole: Woher wissen sie das.

Morgan: Smarts Komplizin meinen sie Prof.

vanDusen: Nicht jetzt, diese Botschaft befand sie
unter der Höllenmaschine.

Morgan: Wenn sie diesen Zettel finden, Morgan
haben sie meine Bombe rechtzeitig entdeckt,
Glückwunsch diese Runde gewinnen sie, aber der
Kampf geht weiter, sie hören von mir Smart, also
fürs erste haben wir Ruhe oder wie sehen sie das
Prof.

vanDusen: Vielleicht.

Anatole: Bleibt es beim erlesenen soupe zu zweit,
das sie für heute nacht bestellt.

Morgan: Aber sicher Anatole, jetzt wo wir uns um
Smarts Bombe kein Sorgen mehr machen müssen, um
Mitternacht, im Penthouse, geben sie sich Mühe.

Hatch: Worum gehts denn Mr Morgan.

Morgan: Nichts für sie, Mr Hatch, na Prof gönnen
sie sich auch ne Pause, machen sie Feierabend,
morgen können sie ja weiter nach Smart suchen, wie
wärs mit einem guten Abendessen.

Hatch: Prima Idee, ich fürchte nur der Prof.

vanDusen: Der Prof ist einverstanden, schicken sie
uns das Menu in die Suite.

Hatch: Erstaunlich, wenn er in einem Fall steckt,
hält er von Speis und Trank nämlich überhaupt
nichts, als das essen kam, 6 Gänge vom feinsten,
erstklassige Weine, da rührte er es nicht an, ich
muß also für den Meister mitessen, dachte ich aber
da dachte ich falsch, wie so oft, der Meister
hatte anderes mit mir vor.

vanDusen: Sie werden 2 Aufträge für mich
erledigen.

Hatch: Wenn es sein muß.

vanDusen: Selbstverständlich muß es sein, der Fall
verlangt es.

Hatch: Ja dann was befehlen Prof.

vanDusen: Zunächst suchen sie ein zweites mal die
kulinarischen Niederungen des Galaxy auf.

Hatch: Die Küche meinen sie.

vanDusen: Was denn sonst und dort werden sie
einige Fragen an Mr Anatole richten.

Hatch: Und wenn er nicht antworten will.

vanDusen: Sie werden ihn dazu überreden.

Anatole: Und wie gedenken sie das anzustellen.

Hatch: Ganz einfach, ich werde einen Artikel über
sie schreiben im Daily New Yorker mit ihrem vollen
Namen, ihrem Geburtsort.

Anatole: Alles nur das nicht.

Hatch: Also.

Anatole: Im Penthouse oben auf dem Dach wohnt eine
Miss Maria Lankton.

Hatch: Lankton schon mal gehört.

Anatole: Eine junge Dame, sehr vertraulich mit
Morgan, vom Theater.

Hatch: Schauspielerin, jetzt weiß ich Mary Lankton
alias Mimi Lamuset, Schlangen- und Schleiertanz
nur für Erwachsene, ich habe sie längere Zeit
nicht gesehen, ein Jahr oder so.

Anatole: Tanzt nur noch für Mr Morgan im
Penthouse.

Hatch: Deshalb hat er sich sein Büro im obersten
Stock eingerichtet der alte Sünder, damit er in
unauffällig in sein Liebesnest flattern kann, wenn
Mrs Morgan wüßte, was ihren Mann so am
Hotelbetrieb fasziniert.

Anatole: Ohne Mr Morgans ausdrückliche Erlaubnis
darf niemand aufs Dach, im Sommer haben sie da mal
einen Privatdetektiv erwischt.

Hatch: Und achtkantig rausgeschmissen.

vanDusen: Im Sommer, sehr interessant, und höchst
aufschlußreich.

Hatch: Morgen hat die Dame Lantkon Geburtstag,
heut nacht um 12 fängt sie an zu feiern, in
trauter Zweisamkeit mit Morgan.

vanDusen: Mitternachtssoupe im Penthouse, ich
verstehe, mein lieber Hatch der Fall.

Hatch: Ist klar.

vanDusen: Ist weitgehend aufgeklärt, zur
endgültigen Lösung fehlt nur noch ein kleiner
Mosaikstein, sie werden ihn mir beschaffen.

Hatch: Machen wir Prof und wie.

vanDusen: In dem sie sich stehenden Fußes ins
Erdgeschoß begeben zum Empfang, wo sie sich
folgende Frage beantworten lassen.

Empfang: Letzten Sonntag.

Hatch: Ja.

Empfang: Vor 2 Uhr mittag, lassen sie sehen,
Sonntag 9. November viele Gäste, wir sind ein
großes Haus von internationalem Rang.

Hatch: Geschenkt, ich brauch nur einen Gast,
männlich vermutlich mit Bart, hat
höchstwahrscheinlich eins von den billigen Zimmern
ganz oben bezogen.

Empfangsdame: Ah ja ich erinnere mich, ein
bärtiger Ausländer, dunkle Brille, sehr schwerer
Koffer, der Page hat sich darüber beschwert, hier
ist er, Igor Bolonski aus Kravonien, Zimmer 367 im
24 Stock.

Hatch: Und Zimmer 367 liegt direkt unter dem
Penthouse.

vanDusen: Sieh an damit ist der Fall gelöst.

Hatch: Wenn sie meinen Prof, jetzt müssen wir bloß
noch Smart finden.

vanDusen: Wir haben ihn gefunden.

Hatch: Igor Bolonski.

vanDusen: Alias Peter Collinson alias Philip T
Smart, ein vielseitiger Zeitgenosse und begabter
Schauspieler, wie es den Anschein hat, wir kennen
seinen Schlupfwinkel.

Hatch: Zimmer 367.

vanDusen: Und wir kennen seine Komplizin.

Hatch: So.

vanDusen: Korrektur ich kenne sie, nunmehr gilt es
dem nächsten Zug unserer Kontrahenten
zuvorzukommen.

Hatch: Zug was für ein Zug.

vanDusen: Der letzte Spielzug, der Zug der zum
Schachmatt führt sofern wir ihn nicht verhindern.

Hatch: Schachtmatt für wen oder was.

vanDusen: Für Mr Morgan und seine Geliebte Miss
Lankton, ich spreche von der angekündigten
Bombenexplosion um Mitternacht.

Hatch: Aber das ist doch schon längt abgehakt, die
Bombe im Keller.

vanDusen: War ein bewußtes Ablenkungsmanöver, dazu
bestimmt um uns ins Sicherheit zu wiegen, schauen
sie auf die Uhr.

Hatch: Mach ich Prof 9 Uhr 48, 12 min vor 10.

vanDusen: 2 Stunden und 12 Minuten bis
Mitternacht.

Hatch: Na und was tun wir solange, Prof.

vanDusen: Wir verlassen das Hotel, offiziell,
inoffiziell jedoch.

Hatch: Bleiben wir.

vanDusen: Sehr gut, verschließen sie die Tür,
löschen das Licht.

Hatch: Was dagegen wenn ich im dunkeln was esse.

vanDusen: Wenn sie sich dabei ruhig verhalten.

Hatch: Zwei Stunden später, zehn Minuten vor
Mitternacht, zwei Männer, einer groß, einer
kleiner, stehen vor Zimmer 367, sie sehen sich um,
alles ruhig, der kleine zeigt auf die Tür, der
große nickt und klopft, Pause, niemand da.

vanDusen: Klopfen sie nochmal, Hatch.

Hatch: Zimmerservice, Mr Bolonski nix, Tür
aufbrechen Prof.

vanDusen: Wozu, die Tür ist offen.

Hatch: Und jetzt.

vanDusen: Wir treten ein, nach ihnen.

Hatch: Hannemann geh du voran, altbekanntes Motto.

vanDusen: Machen sie Licht.

Hatch: Ach du dicker Vater.

Hatch: Mitten im Zimmer auf dem Teppich hatte
jemand eine menge Dynamitstangen zu einer
eindrucksvollen Konstruktion aufgestapelt
inklusive Zündkapsel und Wecker, daneben lag ein
Mann auf dem Rücken, regungslos, ein mittelgroßer
Mann, unscheinbar, abgesehen von einem gewaltigen
schwarzen Rauschebart, van Dusen bückte sich,
packte den Bart und.

vanDusen: Der Bart ist ab, mein lieber Hatch, darf
ich vorstellen, Mr Philip T Smart.

Hatch: Ist er tot Prof.

vanDusen: Ohne jeden zweifel, eine interessante,
nicht unbedingt zu erwartende wenn auch kaum
überraschende Entwicklung.

Hatch: Ermordet.

vanDusen: Was erblicken sie auf dem Tisch.

Hatch: Eine Flasche Sherry Brandy pfui und zwei
Gläser, eins voll, eins leer.

vanDusen: Riechen sie.

Hatch: Bittere Mandel, Zyankali.

vanDusen: Zyankali und 2 Gläser das heißt Mord und
wenn sie mich nach dem Mörder fragen.

Hatch: Sehrgern aber vielleicht lieber später es
ist 11 Uhr 58 und in zwei Min. knallts.

vanDusen: In der tat, der Alarmzeiger steht auf 12
Uhr.

Hatch: Sollten sie da nicht besser.

vanDusen: Die Sprengladung unschädlich machen.

Hatch: Ja natürlich.

vanDusen: Wenn es sie beruhigt geben sie mir ihr
Taschenmesser ganz ruhig danke, so.

Hatch: Das wars.

vanDusen: Das wars, die Zündkapsel nehm ich
tunlichst an mich und den Wecker.

Hatch: Ah, das war höchste Zeit, nichts zu trinken
da außer Sherry Brandy mit Zyankali, wie gehts
weiter.

vanDusen: Sie werden sich an den Telefonapparat
verfügen und einer gewissen Person eine gewisse
Mitteilung machen sodann.

Hatch: Viertel nach 12 klopfen wir an die Tür zum
Penthouse, Morgan war nicht gerade erfreut, ließ
uns aber rein, Mary Lankton alias Mimi Lanuset
hatte ich zuletzt im Junggesellenclub gesehen, auf
dem Tisch, jetzt hatte sie ein bißchen mehr an als
damals, aber viels wars auch nicht, ein
interessanter Anblick, allerdings nicht für van
Dusen, unbeeindruckt sang er seine bekannte und
beliebte Aufklärungsarie.

vanDusen: Als Bronski bezog Smart am Sonntag ein
Zimmer im Galaxy, mit einem Koffer voller Dynamit,
verwandelte sich in Collinson, ließ sich als
Detektiv anstellen, beging als solcher diverse
Anschläge.

Hatch: Siehe Fasan, siehe Mops.

vanDusen: Um nach seiner scheinbaren Ermordung von
neuem in die Bolonskirolle zu schlüpfen, bei
alledem agierte Smart nicht allein, er hatte
Hilfe.

Morgan: Klar die Komplizin.

vanDusen: Ganz recht Mr Morgan, sie befreite Smart
aus der geschlossenen Anstalt, sie schlich sich
als angebliche Küchenhilfe ins Hotel ein, ein
Kinderspiel bei 100en von Angestellten und
unterstützte Smart tatkräftig bei seinen
Missetaten, indem sie etwa den Fasan entwendete,
das Spanferkel gegen den Mops austauschte.

Morgan: Und so weiter, wer ist diese Frau, wo
steckt sie, das will ich wissen Prof.

vanDusen: Sie ahnen es nicht, Mr Morgan, selbst
dann nicht, wenn ich ihnen verrate, daß besagte
Person sich ganz in ihrer Nähe befindet.

Morgan: In meiner Nähe.

Frau: Ich.

Morgan: Sie wollen doch nicht sagen.

Dotty: Mein Mann, was ist mit ihm, ist er tot.

Morgan: Dotty, wie kommst du hierher.

Dotty: Du lebst John, aber Mr Hatch doch am
Telefon gesagt.

vanDusen: Mr Morgan sei das Opfer einer gewaltigen
Explosion in der oberen Region des Galaxy
geworden, eine Fiktion, Mrs Morgan, ein Kunstgriff
um sie zu veranlassen sich hierher zu bemühen.

Hatch: Sie ist Smarts Komplizin.

vanDusen: Selbstverständlich.

Morgan: Dotty, Unsinn, sie müssen sich irren Prof.

vanDusen: Ich irre nie, Mr Morgan, hören sie zu.

Hatch: Weil ihr Mann sich so oft und so lange in
seinem neuen Hotel aufhielt sagte der Prof, wurde
Dotty Morgan mißtrauisch, sie schickte einen
Privatdetektiv aus, der entdeckte das Geheimnis
des Penthouse, und Mrs Morgan schwor Rache, sie
plante, sie traf Vorbereitungen, sie tat sich
zusammen mit Philip T Smart und holte ihn raus,
mit gefälschten Briefen ihres Mannes, sie half
Smart bei seinem Rachefeldzug und arbeitete
gleichzeitig auf ihr eigenes Ziel hin, nämlich
Morgan und seine Geliebte beim gemeinsamen
Geburtstagssoupe in die Luft zu sprengen.

vanDusen: Zur Feier des bevorstehenden
Bombenerfolgs wenn ich mich so ausdrücken darf,
kredenzte Mrs Morgan ihrem ahnungslosen
Verbündeten ein Zyankalicocktail.

Hatch: Aus welchem Grund.

vanDusen: Um sich des Mitwissers zu entledigen und
um selbst nicht verdächtigt zu werden, nach der
Detonation so ihre Kalkulation würde man Smarts
Überreste finden und identifizieren, man würde
annehmen, der Täter sei versehentlich ein Opfer
des eigenen Bombenanschlag geworden, man würde den
Fall als gelöst ad acta legen.

Hatch: Raffiniert.

Morgan: Ist das alles wahr, Dotty.

Dotty: Und wenn, sie können mir nichts beweisen,
Prof van Dusen, wer soll gegen mich aussagen,
Smart.

vanDusen: Sie selbst, Mrs Morgan, ihre kleine
Statur und ihre Hände, vor allem sie sprechen eine
deutliche Sprache, bereits vorhin in ihrem Salon
sind sie mir aufgefallen, rot rauh abgearbeitet,
nicht die Hände einer Dame der Gesellschaft, die
Hände einer Küchenmagd.

Hatch: Mrs Morgan kam nicht vor Gericht, in
Multimillionärskreisen ist das nicht üblich, sie
kam in eine Anstalt nach happy valley, durch
Smarts Tod war glücklicherweise gerade ein Platz
freigeworden und Mr Morgan, auf dringende
Einladung des Prof tauchte er am nächsten abend in
der 35. Straße west auf.

Morgan: Haben sie es sich anders überlegt mit dem
Scheck meine ich, hier ist er, welche Summe soll
ich einsetzen 1000 Dollar, 2000.

vanDusen: 50.000 Dollar, Mr Morgan.

Morgan: Ihr Ernst.

vanDusen: Meine Exkursion in die Unterwelt ihres
Hotel hat mir auf krasse Weise die harten um nicht
zu sagen unmenschlichen Arbeits- und
Existenzbedingungen ihrer Angestellten vor Augen
geführt, das Geld wird helfen ihr Los zu
verbessern.

Morgan: 50000 Dollar für Tellerwäscher, ich denke
nicht daran.

Hatch: Apropos Mr Morgan, wissen Sie woran ich
denke, ob ich ihren Fall nicht groß in der Presse
rausbringe, mit allen hochinteressanten
Einzelheiten, ihre Frau, ihre Geliebte, ihr
Penthouse, ihre Geschäftsmethoden.

Morgan: Das ist Erpressung, Mr. Hatch.

Hatch: Naja vielleicht nicht ganz astrein, Mr
Morgan, aber legal und gerechtfertigt.

Morgan: Also gut, 50.000, welchen Empfänger soll
ich schreiben.

vanDusen: Die Stiftung für unterbezahlte
Hotelbedienstete.

Morgan: So eine Stiftung gibts überhaupt nicht.

vanDusen: Dann gründen sie sie gefälligst.

Hatch: Unter dem Motto, tue gutes und setze es von
der Steuer ab.

Professor van Dusen: Friedrich W. Bauschulte
Hutchinson Hatch: Klaus Herm
John Pierpont Morgan: Hans Teuscher
Dorothy Morgan, seine Frau: Jutta Wachowiak
Anatole, Küchenchef: Dieter Ranspach
Philip T. Smart: Max-Volkert Martens
Peter Collinson: Max-Volkert Martens
Dr. Daffy: Klaus Jepsen
Herzog von Sonderbar-Schwarzhausen: Lothar
Blumhagen
Lady Ribbondale: Barbara Witte
Empfangsdame: Helga Lehner
Butler: Helmut Ahner
Kellner: Rainer Clute

 Senf Nr. 4008 von Prof van Dusen vom 18.02.2026 um 14.33Uhr
Michael Koser: Prof. van Dusen beschwört einen
Geist (RIAS 1992)

Hatch: Auf Ihr Wohl, Professor, auf Prof. Dr. Dr.
Dr. Augustus van Dusen, die Denkmaschine, den
größten Wissenschaftler und Amateurkriminologen,
den die Welt je gesehen hat, nicht schlecht Prof,
gar nicht schlecht, das muß man Ihnen lassen, Sie
trinken zwar selbst nicht, aber Ihre Hausbar,
erstklassig, zum Wohl, ihre Türklingel, Prof wer
kann das sein, am Pfingstsonntag morgens viertel
nach neun?

vanDusen: Zu solch einer ungehörigen Stunde, mein
lieber Hatch, pflegt mich nur eine einzige Person
heimzusuchen, und diese Person.

Hatch: War schon da, nämlich meine Wenigkeit,
Hutchinson Hatch, einerseits Journalist beim Daily
New Yorker, andererseits Begleiter, Assistent und
Chronist von Prof. van Dusen, ich hatte kurz mal
meine Nase reingesteckt zwecks Frühschoppen und
weil ich ein bißchen über unsere letzten Fälle
reden wollte, vor allem über die sensationelle,
unglaubliche, einmalige Affäre der verschwundenen
Millionäre, die erst von ein paar Wochen zuende
gegangen war, ein Glück daß ich gerade jetzt beim
Prof war sonst hätte ich nämlich den Fall um den
Opernsänger und das mörderische Gespenst im
verschlossenen Raum verpaßt, der war womöglich
noch sensationeller, noch unglaublicher, noch
einmaliger, gleich fängt er an, und zwar damit daß
ein uns allen nicht unbekannter Mensch auf großen
Füßen in van Dusens Salon stolpert.

Caruso: Hoppla.

Hatch: Hals und Beinbruch, Caruso.

vanDusen: Hatch, treten sie nur näher, Detective
Sergeant, was verschafft mir das unverhoffte
Vergnügen, bitte nehmen sie doch Platz.

Caruso: Tut mir leid Prof, daß ich so früh bei
ihnen reinschneie meine ich und das auch noch am
Sonntag.

Hatch: Pfingstsonntag, Caruso.

Caruso: Aber was soll ich machen, ich weiß einfach
nicht mehr weiter.

Hatch: Bei ihnen ist das doch ein ganz normaler
Zustand, nicht nur zu Pfingsten, nein auch zur
Weihnacht wenn es schneit und Ostern sowieso.

vanDusen: Seien sie nicht albern.

Caruso: Wenn ich gewußt hätte daß sie beim Prof
sind, Mr Hatch.

Hatch: Wären sie nicht gekommen was Caruso.

Caruso: Doch ich wäre gekommen, nicht mal sie
hätten mich abgehalten, da können sie mal sehen
wies mir geht.

Hatch: Ach armer Caruso, fröhliche Pfingsten.

Caruso: Fröhliche Pfingsten, ich hab einen total
unmöglichen mordfall am hals und sie wünschen mir
fröhliche pfingsten.

van Dusen: Beruhigen sie sich, trinken sie etwas,
Hatch, bedienen sie meinen Gast.

Caruso: Danke, danke, lieber nicht, ich brauche
einen klaren Kopf, wissen sie, aber vor allem
brauche ich ihre Hilfe, was heute nacht in der
Elmstreet passiert ist, das ist unfaßbar,
ungeheuerlich unmöglich.

Hatch: Nichts ist unmöglich Caruso.

Caruso: So na dann passen sie mal gut auf, ein
leerer Raum Tür und Fenster ständig beobachtet von
mir und von mehreren zuverlässigen Kollegen,
niemand ging rein, niemand kam raus und trotzdem
wurde er drinnen erstochen dieser Opernsänger, ich
seh da nicht durch, vielleicht wars ja wirklich
ein Geist oder einer der sich unsichtbar machen
kann.

vanDusen: Reden sie keinen Unsinn, erstatten sie
Bericht, detailliert, präzise.

Caruso: Und von Anfang an, ich weiß bescheid Prof.

Hatch: Ganz was neues, Caruso ach und reden sie
möglichst wie ein Mensch nicht wie ein Detective
Sergeant, sie wissen ja, in strikter Befolgung des
an meine Person ergangenen dienstlichen Auftrags
begab ich mich eilends usw.

Caruso: Begab, begab ich begab mich überhaupt
nicht, Mr Hatch, jedenfalls zuerst nicht, ich saß
auf mein Stuhl in meinem Büro im Polizeipräsidium
in der Mulberry Street, und da rauschte er
plötzlich rein, 1.90m, drei Zentner, Ende 50,
dunkelrotes Cape, schwarzer Kalabrese,
überlebensgroß wenn sie verstehen was ich meine.

vanDusen: Wann war das.

Caruso: Vorgestern Freitag, 24. Mai 1901 vormittag
kurz vor 11.

vanDusen: Sehr gut Caruso, exakt und extensiv,
bitte fahren sie fort.

Caruso: Also dieser Mensch kommt in mein Büro,
setzt sich, sieht sich um, ganz langsam, ganz
ruhig, ganz selbstverständlich, wenn sie verstehen
was ich meine.

vanDusen: Ich verstehe Caruso.

Hatch: Ich auch.

vanDusen: Halten sie uns nicht auf Hatch, bitte
weiter.

Caruso: Ja und dann holte er ein Zigarettenetui
aus der Tasche, ein goldenes mit Monogram, er
nimmt ein Zigarre raus, steck sie in den Mund,
guckt mich an.

King: Geben sie mir Feuer, guter Mann.

Caruso: Ich bin nicht ihr guter Mann.

King: Dann eben Wachtmeister oder was immer sie
sein mögen.

Caruso: Detective Sergeant, Detective Sergeant
Rigoletto Caruso.

King: Rigoletto Caruso, sind sie verwandt mit
Enrico Caruso dem neapolitanischen Tenor.

Caruso: Kann sein, wir sind eine große Familie,
wir Carusos was wollen sie wer sind sie.

King: Mein guter Mann, Sie kennen mich, oder gehen
sie etwa nicht in die Oper, ich meine natürlich
die richtige Oper, die Met, nicht Klitschen wie
das Grand oder das Haus in der Lexington avenue.

Caruso: Viel zu teuer.

King: Was sie nicht sagen, zahlt die Stadt ihnen
nicht ein großzügiges Gehalt.

Caruso: Haha.

King: Nun gut, ich bin Lawrence King,
Heldenbariton, der Heldenbariton, die Stimme
Amerikas, der König der Met, Lawrenco il
magnicifco.

Caruso: Ach was.

King: Sie sind erstaunt, was mag einen begnadeten
Künstler dieses Ranges veranlassen in die dumpfen
Niederungen des gemeinen Alltags hinabzusteigen
sprich in die Amtsstube eines detective sergeant
der New Yorker Kriminalpolizei das ist die
brennende Frage die ihnen auf der Zunge liegt.

Caruso: Genau Mr King.

King: Ich werde es ihnen sagen.

Caruso: Das finde ich riesig nett von ihnen.

King: Ich hab ein Haus erworben.

Caruso: Sehr interessant Mr King aber damit müssen
sie zum Grundbuchamt, hier sind sie falsch.

King: Nun hören sie mal zu guter Mann wenn sie so
weitermachen kriegen sie Ärger jede Menge mit Mr
Delamir, ihrem Chef mit dem bin ich bekannt, sehr
gut bekannt, befreundet könnte man sagen.

Caruso: Ach so, das konnte ich nicht ahnen, Mr
King was kann ich für sie tun.

King: Das guter Mann wird sich finden, leihen sie
mir zunächst ihr Ohr, ich habe wie bereits erwähnt
ein Haus erworben in Greenwich Village, Elm street
Nr 27.

Caruso: Elmstreet 27 ist das nicht.

Hatch: Genau, ein ganz spezielles Haus, im Volk
bekannt als Mordhaus auch als Spukhaus oder
Mörderhöhle, vor etwa 10 Jahren hatte hier ein
besonders schauderhafter Massenmörder namens
Frederick Kruger sein Unwesen getrieben, 17
Menschen hatte er in diesem Haus abgeschlachtet
mit seinem scharfen Fleischermesser, bis man ihn
erwischt und in Sing Sing auf dem elektrischen
Stuhl vom leben zum tode befördert hatte und jetzt
hatte King Krugers Haus gekauft.

King: Erstaunlich preiswert, guter Mann, fast
geschenkt.

Caruso: Kann ich mir vorstellen wer kauft so was
schon.

King: Lawrence King guter Mann Lawrence King ist
furchtlos und unerschrocken jeglicher Aberglaube
liegt ihm fern, unter uns guter Mann natürlich
lasse mir vor Premieren über die Schulter spucken
und um schwarze katzen mach ich einen weiten Bogen

Caruso: Aber Kruger soll in dem Haus umgehen, Mr
King, sein Geist meine ich.

King: Lächerlich es gibt keine Geister, doch seit
heute nacht, guter Mann bin ich mir nicht mehr
ganz so sicher.

Caruso: Heute nacht, was ist heute nacht passiert
Mr King.

King: Um ihnen dies zu erklären guter Mann muß ich
ein wenig ausholen.

Hatch: In seinem neuen Haus wohnte Mr King vorerst
allein, mit einem Diener, seine Frau war in der
gemeinsamen Wohnung geblieben am unteren Ende der
5 Avenue.

Hatch: Sehr vernünftig von der Dame.

Caruso: An dem bewußten abend, Donnerstag 23 Mai
war Mr King gegen 11 Uhr ins Bett gegangen und
bald darauf eingeschlafen.

King: Plötzlich erwachte ich vom Turm der
Josefskirche schlug es 12 mal Mitternacht,
Geisterstunde, ein unheimliches Gefühl überkam
mich, ein Gefühl des Schrecken, ja des Grauen,
mein Herz schlug heftig, ich öffnete die Augen,
richtete mich auf und was sah ich da im schwachen
Schein des Mondes der durch den Vorhang drang.

Caruso: Was Mr King was haben sie gesehen.

King: Eine Gestalt, eine dunkle Gestalt, sie
wirkte wie soll ich mich ausdrücken unscharf,
undeutlich.

Caruso: Undeutlich Mr King, meinen sie vielleicht
unwirklich.

King: Keinesfalls, guter Mann, die Gestalt war
wirklich, so wirklich wie ich selbst, sie stand
vor meinem Lager, starrte mich aus düsteren
Augenhöhlen an, und dann auf einmal streckte sie
die rechte Hand nach mir aus, in der Hand hielt
sie ein Messer, die Spitze nach oben und auf die
Klinge ich sah es ganz deutlich war ein Blatt
Papier gespießt, in jähem Schauer schloß ich
unwillkürlich die Augen, als ich sie wieder
aufschlug, da.

Caruso: Ja, Mr King.

King: Da mein guter Mann war die Gestalt
verschwunden und auf meiner Bettdecke lag ein
Blatt Papier, dieses Blatt Papier.

Caruso: Hier ist der Zettel Prof, Mr King hat ihn
mir gegeben und ich hab ihn gut aufgehoben als
Beweisstück.

vanDusen: Ein Durchstich ca 3 cm breit, diverse
dunkle Flecken.

Hatch: Sieht aus wie Blut was Prof.

vanDusen: So ist es mein lieber Hatch, es sieht so
aus, es sieht aus wie Blut und Moder, durchaus
passend und angemessen, handelt es sich doch um
eine Botschaft aus dem Grabe, so sieht es aus,
lesen sie vor mein lieber Hatch.

Hatch: Wenn sie mich nicht hätten, muß ich mich
doch tatsächlich selber bemühen aufgehts, kein
Datum keine Anrede, ich beginne, dies ist mein
Haus, du wirst verschwinden, sonst werde ich ein
zweites mal mit meinem schönen scharfen Messer zu
besuch kommen in der Nacht vor Pfingsten zur
Geisterstunde und dann werde ich dich abstechen,
Unterschrift F. Kruger, schwarze Tinte, zittrige
Schrift.

Caruso: Sieht wirklich aus wie Krugers
Handschrift, das haben wir überprüft, na Prof was
sagen sie.

vanDusen: Ein dummer Streich, Caruso eine törichte
Mystifikation, kaum ein Fall für die Polizei und
schon gar keiner für Prof van Dusen.

Caruso: Meinen sie Prof und wenn ich ihnen sage,
daß Mr King wirklich und wahrhaftig umgebracht
wurde, wies da steht, in der Nacht vor Pfingsten,
12 Uhr.

vanDusen: In der Tat Caruso, abgestochen.

Caruso: Jawohl Prof mit Krugers Messer, in einem
leeren und rundum bewachten Raum.

vanDusen: Erstaunlich, bitte setzen sie ihren
Bericht fort, Caruso.

Caruso: Wo war ich stehengeblieben.

Hatch: Nacht zum Freitag, King hatte gerade diese
interessante Epistl gekriegt.

Caruso: Richtig, Mr King klingelte sofort seinen
Diener aus dem Bett, beide kämmten das ganze Haus
durch, Ergebnis alles in Butter, Türen
abgeschlossen, nichts verdächtiges, kein Hinweis
auf einen Einbrecher und da sagte Mr King wurde
ihm doch etwas mulmig, am nächsten morgen ging er
zu seinen Freund Delamir, und der schickte ihn zu
mir.

King: Verstehen sie mich nicht falsch, guter Mann,
ich habe keine Angst.

Caruso: Natürlich nicht Mr King.

King: Ich werde das Haus keinesfalls aufgeben.

Caruso: Und die Nacht vor Pfingsten Mr King.

King: Werde ich in der Elm street verbringen.

Caruso: Sehr couragiert Mr King.

King: Unter Polizeischutz.

Caruso: Ach so.

King: Sie werden mir Gesellschaft leisten, guter
Mann.

Caruso: Ich Mr King.

King: Nebst einigen Kollegen, Anweisung von Mr
Delamir.

Caruso: Ja dann Mr King.

King: Sagen sie, guter Mann, sind sie sicher daß
dieser Kruger, daß er wirklich, daß er ganz und
gar tot ist, meine ich tot und begraben.

Caruso: Ganz sicher, Mr King, Frederick Kruger ist
zum Tode verurteilt und auf den elektrischen Stuhl
gesetzt worden und das hat er nicht überlebt,
glauben sie mir.

King: Wenn ich nur könnte guter Mann.

Caruso: Ich werde es ihnen beweisen, Mr King
kommen sie mit.

King: Wohin guter Mann.

Caruso: In den Keller, ins schwarze Museum der
Polizei von New York, ich zeigte Mr King Krügers
Exekutionsprotokoll, sein handschriftliches
Testament und seine Totenmaske, sein Tatwerkzeug
das berüchtigte Fleischermesser wollte ich ihm
auch zeigen, aber ich kanns nicht finden, Mr King
müßte hier sein in diesem Schrank, vermutlich
verlegt oder zur Reparatur, werd mich bei
Gelegenheit drum kümmern, sie sehen Mr King kein
Grund zur Sorge, Kruger ist tot und kann ihnen
nichts mehr tun.

King: Ihr Wort in gottes ohr guter Mann, aber auf
den zugesagten Polizeischutz bestehe ich dennoch.

Caruso: Ja und darum begab ich mich gestern abend
zur Elmstreet in strikter Befolgung.

Hatch: Caruso.

vanDusen: Hatch.

Caruso: Mit den Wachtmeistern Donovan, Paretzky
und Obrien, um 10 Uhr waren wir da wie besprochen,
Donovan blieb auf der Straße und behielt Haustür
und front im Auge, Paretzky überwachte den
Hintereingang.

Hatch: Und sie Caruso.

Caruso: Ich bezog innen Posten Mr Hatch, mit
Wachtmeister Obrien, zuerst haben wir das Haus
durchsucht, gründlich vom Dach bis zum Keller.

Hatch: Und haben sie einen Geist gefunden.

Caruso: Nix, Mr Hatch, kein Geist, kein Versteck,
keine Geheimtür, kein doppelter Boden, gegen halb
12 waren wir damit durch und dann warteten wir, in
Mr Kings Salon, er war ein nobler Gastgeber, das
muß ich sagen, auf seinem Phonografen spielte er
uns Opernmusik vor, sein Diener servierte Whisky
und Zigarren, Mr King trank viel, vielleicht
wollte er sich Mut machen.

King: Auf zum Fest froh soll es werden leporello,
preso, eine neue Flasche von diesem Nektar.

Diener: Sehr wohl Sir.

King: Sie trinken ja gar nicht guter Mann und der
andere gute Mann auch nicht.

Caruso: Wir sind im Dienst Mr King.

King: Hinweg mit Bedenken mit kleinlichen Sorgen,
was schlägt die Stunde guter Mann.

Caruso: 5 vor 12 Mr King.

King: So mag er denn kommen der steinerne Gast,
wir lachen seiner nicht wahr guter Mann.

Caruso: Sie haben Telefon Mr King.

King: Versteht sich, gleich nach Erwerb des Hauses
hab ich die Leitung legen lassen, an den Apparat
Leporello.

Diener: Sehr wohl Sir.

King: Mein Telefonkabinett liegt gleich neben dem
Salon.

Diener: Mr Kings Residenz, ah guten abend Madam,
sehr wohl Madam, einen Augenblick Madam, Mrs King
wünscht sie zu sprechen Sir.

King: Meine Frau, um diese Zeit.

Caruso: Lassen sie die Tür zum Kabinett geöffnet,
Mr King.

King: Erlauben sie, guter Mann, dies ist ein
privates Telefongespräch, und Privatgespräche
pflege ich privat zu führen, was soll schon
passieren, sie haben doch alles unter Kontrolle.

Caruso: Und das hatten wir auch Prof, das
Telefonkabinett ist ein kleiner Raum etwa 3mal 3
meter nur eine einzige Tür, davor ich und
Wachmeister Obrien, ganz zu schweigen von diesem
Leporello, ob er wirklich so heißt.

Hatch: Warum nicht Rigoletto mio.

vanDusen: Hatch.

Caruso: Nur ein einziges kleines Fenster zur
Straße, und da stand Wachtmeister Donovan, wir
machten uns also keine Sorgen, ich und Obrien, wir
warteten, Mr King telefonierte, die Turmuhr
schlug, elf, zwölf.

Diener: Es ist Mitternacht.

King: Hilfe.

Diener: Sir, sir.

Caruso: Abgeschlossen, die Tür ist abgeschlossen,
Obrien Leporello Tür aufbrechen.

Diener: Sehr wohl, Sir.

Caruso: Auf mein Kommando eins zwei und drei, ach
du lieber Gott, das Telefonkabinett war ein Bild
der Verwüstung, Stuhl und Tisch waren umgeworfen,
die Seidentapete hing in Fetzen und zwischen dem
Wandtelefon und dem Fenster da lag er, Mr Lawrence
King, Blut auf der linken Brust und am rechten
Bein, kein Puls, keine Atmung, tot, neben ihm auf
dem Teppich ein blutiges Messer, sonst nichts,
nichts und niemand.

vanDusen: Beleuchtung Caruso.

Caruso: Eine Gaslampe, Prof, an der Wand über dem
Telefon nicht sehr hell aber ausreichend, ich sah
mich um, kein Mörder, kein Mensch, kein Geist,
dann ging ich zum Fenster und riß es auf, Donovan.

Donovan: Ja.

Caruso: Ist jemand durch dieses Fenster gestiegen,
Donovan.

Donovan: Nein, weder rein noch raus.

Caruso: Ach haben sie was gesehen hinter dem
Fenster.

Donovan: Nichts genaues, bewegung hin und her,
undeutlich was ist denn los soll ich kommen.

Caruso: Bleiben sie auf ihrem Posten, Donovan,
halten sie die Augen auf.

Donovan: Was ist denn passiert.

Caruso: Ich hörte etwas eine Stimme leise
entfernt, wo kam sie her ah aus dem Telefon.

Hatch: Sie machen sich Caruso ein richtig guter
Bericht, spannend, dramatisch, wissen sie was,
kommen als Volontär zum Daily Newyorker, bei der
Kripo sind sie doch sowieso fehl am platz.

vanDusen: Halten sie sich zurück Hatch, und sie
Caruso lassen sie sich nicht beirren, fahren sie
fort, sie hörten eine Stimme aus dem Telefon.

Caruso: So war es Prof, ich ging hin und nahm den
Hörer.

Mrs King: Hallo, Lawrence bitte sag doch was.

Caruso: Mrs King.

Mrs King: Wer sind sie.

Caruso: Kriminalpolizei, Detective Sergeant Caruso
spreche ich mit Misses King.

Mrs King: Ja hier ist Senta King, wo ist Lawrence,
ich habe mit ihm gesprochen und plötzlich, was ist
geschehen.

Caruso: Es tut mir leid Mrs King.

Mrs King: Ist ihm etwas zugestoßen, so reden sie
doch Mann.

Caruso: Wo sind sie Mrs King.

Mrs King: In meiner Wohnung natürlich, was ist mit
Lawrence, ist er krank.

Caruso: Sie sollten hierherkommen, Mrs King so
schnell wie möglich.

Mrs King: O gott Leo, Lawrence ist was passiert,
du mußt mich sofort zur Elmstreet fahren, ich
komme.

Caruso: Eine halbe Stunde später war sie da, mit
einem Freund der Familie, einem gewissen Mr Leo
Lyneker.

Hatch: Lyneker, der Opernkritiker.

Caruso: Keine Ahnung was er ist, beide sind noch
im Hause, in der Zwischenzeit haben wir natürlich
die üblichen Untersuchungen vorgenommen, der
Polizeiarzt ist verständigt.

vanDusen: Dr Clanan nehm ich an.

Caruso: So ist es Prof, er muß jeden Augenblick
eintreffen, außerdem.

vanDusen: Das von ihnen erwähnte Messer, Caruso
haben sie.

Caruso: Ich habe, Prof es ist Krugers
Fleischermesser, die Waffe, die aus unserem
schwarzen Museum verschwunden ist, bloß daß jetzt
die Spitze fehlt, offenbar abgebrochen aber sonst
dasselbe Messer, eindeutig.

vanDusen: Was sie nicht sagen.

Hatch: Tolle Story Caruso, toter Massenmörder
schlägt zu, Frederick Krugers 18. Opfer,
Opernsänger durch Geisterhand getötet,
Fragezeichen.

Caruso: Genau das ist die Frage, Mr Hatch
vielleicht gibts ja wirklich mehr Dinge zwischen
Himmel und Erde, ja und da hab ich gedacht wenn
sie sich in der Elmstreet mal umsehen würden und
diesen, diesen Geist.

vanDusen: Beschwören mein guter Caruso, mit
Vergnügen.

Caruso: Wo sie doch neulich sogar den Teufel
ausgetrieben haben.

Hatch: Fall Bliss alias Dr Faustus Januar 1901,
sie erinnern sich.

vanDusen: Caruso, mein lieber Hatch, lassen sie
uns eine Pfingstexkursion nach Greenwich Village
unternehmen.

Hatch: Die Elmstreet ist eine ruhige kleine Straße
nicht weit vom Washington Square, die Häuser die
sich in zwei schnurgeraden Reihen gegenüberstehen
sehen absolut gleich aus, alle aus rotem Backstein
alle dreistöckig, alle aus der zeit um 1850,
damals war die Elmstreet eine gute Adresse.

Caruso: Heute ist die Gegend bißchen
runtergekommen, sie sehen ja ein paar Häuser
stehen leer.

Hatch: Komisch daß King ausgerechnet Krugers
Mörderhöhle gekauft hat, wenn er schon hier wohnen
will warum nicht ein anderes Haus zb das direkt
gegenüber das steht leer und ist viel besser in
Schuß.

Caruso: Das Fenster ganz rechts im ersten Stock,
das ist es, Prof.

vanDusen: Das Oberlicht steht offen, war das
bereits gestern abend der Fall.

Caruso: Sicher Prof, es war eine warme Nacht.

vanDusen: Interessant.

Caruso: Ach das ist nur eine Luftklappe, ein Loch,
sie glauben doch nicht, daß da jemand
durchgekrochen ist ganz abgesehen davon daß
donovan nichts gesehen hat.

vanDusen: Außer vagen Bewegungen sehr richtig
caruso führen sie mich zum Tatort.

Hatch: King hatte sich vorerst nur ein paar Räume
eingerichtet, Schlafzimmer, Bad, Salon,
Telefonkabinett, alle im 1. Stock, aber wie hatte
er sie eingerichtet, alle gleich und alle gleich
scheußlich, dunkelrote Teppiche von Wand zu Wand,
dunkelrote Seidentapeten, sogar die Lampen hatten
bordeauxrote Schirme, auch die im Telefonkabinett.

Caruso: Rot, alles rot, rot wie Blut, wie Mord,
Massenmord.

Hatch: Also ich denke dabei eher an große Oper,
Kitsch und Kulisse aber davon verstehen sie
nichts, Caruso und sie Prof woran denken sie wenn
sie des Orgie in rot sehen.

vanDusen: In erster Linie daran, daß vor einem
uniform dunkelroten Hintergrund wie ihn dieses
Haus sowohl außen als auch im innern darbietet ein
dunkelrotes Objekt sich als quasi unsichtbar
erweist.

Caruso: Objekt was für ein Objekt, Prof, meinen
sie das Messer, das ist nicht rot, das sehen sie
doch der Griff ist grün und die Klinge.

vanDusen: Ich meine nicht das Messer, ich meine ua
diese dunkelrote Feder.

Caruso: Feder wo.

vanDusen: Auf dem Teppich unmittelbar vor dem
Fenster.

Caruso: Richtig ein Feder, die sehe ich zum ersten
mal, Prof und wir haben das Kabinett gründlich
durchsucht.

vanDusen: Woran ich nicht zweifel, daß sie die
Feder dennoch übersahen, unterstreicht auf
markanteste meine soeben getroffene Feststellung
zum Thema Tarnung und Mimikri.

Caruso: Mimiwas.

vanDusen: Nunja heben sie die Feder auf Caruso und
verwahren sie sie gut, sie stammt übrigens aus dem
Gefieder eines Puters, mineagris galopaus ein
Faktum von erheblicher ich möchte sagen
außerordentlicher Relevanz.

Caruso: Ja also ich versteh nicht was ein Truthahn
mit dem Mord an King zu tun haben soll.

vanDusen: Das wundert mich nicht im geringsten,
apropos ihr sogenanntes schwarzes Museum ist
soweit mir bekannt ist für bestimmten zeiten für
das allgemeine Publikum geöffnet.

Caruso: Jawohl Prof jeden Mittwoch von 10 bis 4
und da ist was los, kann ich ihnen sagen, Himmel
und Menschen und dabei nehmen wir einen halben
Dollar pro Nase.

vanDusen: So so, tja dann wollen wir jetzt zum
eigentlichen corpus delicti schreiten, die Lage
der Leiche haben sie ja wohl nicht verändert
Caruso.

Caruso: Was denken sie von mir Prof natürlich
nicht.

Clennam: Wochenende, immer am Wochenende, 7 Tage
hat die Woche, und wann lassen die Leute sich
umbringen, Montag Mittwoch nie, am Sonntag, nur am
Sonntag, morgen morgen Caruso, wo ist der Kadaver.

Caruso: Direkt vor ihrer Nase, Doc.

Hatch: Fröhliche Pfingsten Doctor Clennam.

Clennam: Sie mich auch, nanu, Hutchinson Hatch und
Prof van Dusen.

vanDusen: Wie sie sehen Herr Kollege.

Clenam: Sagen sie mal Caruso wenn vanDusen schon
hier ist warum haben sie mich auch aus dem Bett
geholt, am Sonntag morgen vor dem Frühstück, habe
die Ehre.

vanDusen: Kollege Clanan, bleiben sie, ich habe
lediglich vor eine kursorische Examination der
Leiche vorzunehmen wobei sie mir zur hand gehen
können, die eigentliche Obduktion bleibt voll und
ganz ihnen überlassen.

Clennam: Zu gütig Prof, na dann wollen wir mal.

Hatch: Die beiden Koryphäen gingen ans Werk, sie
drückten und zogen, stocherten und bohrten,
rollten den unglückseligen Lawrence King auf dem
Teppich herum mit Feuereifer und Hingabe.

vanDusen: Der Tod trat ein vor knapp 11 Stunden,
genau Mitternacht und zwar durch einen Stich ins
herz, durchs herz, wenn sie unbedingt pingelig
sein wollen, die Waffe traf schräg von oben in
einem Winkel 45 grad auf die linke Brust des
Opfers unter dem Schlüsselbein, durchbohrte das
herz und blieb in der linken hälfte der hinteren 8
rippe stecken, die spitze blieb stecken und dabei
brach sie ab, hier ist sie, zeigen sie mal Doc, ah
ja sehen sie her die Spitze paßt haargenau auf die
Bruchstelle an Krugers Messer, das heißt Mr King
wurde tatsächlich mit diesem Messer erstochen, der
Mörder stand vor ihm, die spitze nach unten und
stach zu, alles klar.

vanDusen: Sie vergessen die Wunde im rechten
Oberschenkel des Opfers Kollege.

Clanan: Ein ganz oberflächlicher Schnitt, Prof
vermutlich entstanden als King sich wehrte, ohne
Bedeutung, sie scheinen anderer Ansicht zu sein,
Prof.

vanDusen: Drei wichtige Tatsachen empfehle ich
ihrer Beachtung, der Stichkanal erweist sich als
relativ schmal, nur eine schneide des Messers ist
mit Blut bedeckt und schließlich an der
Bruchstelle der Messerspitze hat bereits der
Oxidationsprozeß eingesetzt.

Clanan: Ja und das ändert doch nichts am
pathologischen Tatbestand und der ist eindeutig.

Caruso: Augenblick Stichkanal 8. Rippe,
Oxidationsprozeß alles gut und schön aber damit
weiß ich immer noch nicht wie der Mörder hier rein
und wieder raus gekommen ist, das erklären sie mir
mal Doc.

Clennam: Ich denke nicht daran, ich bin
Polizeiarzt, verantwortlich für die medizinischen
Untersuchungen, alles weiter ist ihre Sache
Caruso.

Hatch: Ich habe eine Idee, vielleicht gibt es gar
keinen Mörder, ich meine könnte King sich nicht
selber.

Clennam: Selbstmord ausgeschlossen ein
Selbstmörder sticht sich nicht in herz und wenn
doch ausnahmsweise dann tut er das zögernd tastend
mit mehrmaligem ansetzen, hier aber wurde nur
einmal zugestochen, energisch und entschieden,
kein Selbstmord, mit sicherheit nicht,
einverstanden Prof.

vanDusen: In diesem Punkt Kollege Clanan stimme
ich ihnen ohne vorbehalt zu.

Clanan: Wenigstens etwas, also dann meine Herren
schicken sie mir Leiche ins Bellevuehospital,
Caruso.

Caruso: Wenn sie fertig sind Prof mit der Leiche.

vanDusen: Ja dieser Abschnitt meiner Untersuchung
ist abgeschlossen, Caruso wo befinden sich Mrs
King und ihr Begleiter.

Caruso: Im Schlafzimmer, unter Aufsicht, wollen
sie mit ihnen reden Prof.

vanDusen: Warum eigentlich nicht, vor allem aber
wünsche ich ihnen die Hände zu drücken.

Caruso: Im ernst, Prof.

Hatch: Senta King, eine statuarische Blondine um
die 30 hatte sich tatsächlich den bekannten
Opernkritiker Leo Lyneker mitgebracht, ein
geschliffener Kulturmensch vom Scheitel bis zur
Sohle, will sagen von den schon leicht ergrauten
länglichen locken über loniette und Zigarrenspitze
aus Bernstein bis zu den Zugstiefel aus gelben
Ziegenleder, aber ich kam kaum dazu mir die beiden
genau anzugucken weil ich mich nämlich wundern
mußte und zwar über den Prof, der marschierte
stracks auf die trauernde Witwe zu, griff sich
ihre rechte hand und zog sie an die Lippen, van
Dusen beim Handkuss, das hatte die Welt noch nicht
gesehen.

vanDusen: Erlauben sie mir Madame ihnen meine
tiefempfundene Teilnahme auszudrücken.

Mrs King: Sehr freundlich Prof, ein herber
Verlust.

vanDusen: Für sie Madame und für die gesamte
Menschheit.

Mrs King: Ach Prof daß Lawrence uns auf so
schreckliche weise verlassen mußte, dieses
grauenhafte Haus, er hat darauf bestanden, es zu
kaufen und darin zu wohnen, obwohl ich ihn immer
wieder angefleht habe.

Lyneker: Beruhige dich Senta.

vanDusen: Geben sie mir ihre Hand Lyneker, auch
sie standen ihm nahe.

Lyneker: So ist es, Prof ich habe einen Freund
verloren.

vanDusen: Ich fühle mit ihnen.

Hatch: Ich auch Kollege beileid.

Lyneker: Kollege Mr.

Hatch: Hatch, Hutchinson Hatch, Kriminalreporter
beim Daily NewYorker, sie müßten mich kennen
Kollege.

Lyneker: Ach wirklich, Mr Hatch ja, sie schmieren
sensationellen Schmutz für ein Revolverblatt
zusammen.

Hatch: Ich höre wohl nicht richtig.

Lyneker: Wohingegen ich meine hohe Berufung darin
erblicke Operndarbietungen kritisch zu taxieren
für die exklusive highbrow review, bei dieser
krassen Diskrepanz der Aktivitäten kann von
Kollegialität denn doch wohl kaum die Rede sein.

Hatch: Hören sie mal zu Lyneker, wenn wir nicht in
einem Trauerhaus wären dann würde ich ihnen ihre
affige Brille.

vanDusen: Hatch, bewahren sie contenance,
gestatten sie mir eine Frage, Mrs King.

Mrs King: Bitte, Prof.

vanDusen: Wie haben sie den gestrigen abend
verbracht.

Mrs King: In der Met natürlich, gestern war Don
Giovanni.

Lyneker: Senta singt die Zerlina.

vanDusen: Jaja ich verstehe Mr King war nicht
besetzt ich hätte vermutet die titelrolle

Lyneker: Das war früher, Prof heute singt den Don
Giovanni Antonio Scotti.

vanDusen: Ahja sie befanden sich also im
Metropolitanoperahaus Madam bis wann.

Mrs King: Um 11 war die Vorstellung zu ende,
abschminken bis etwa halb 12 dann hat Leo mich
nachhause gefahren.

Lyneker: Ich habe der Aufführung beigewohnt Prof
in meiner Loge.

Mrs King: Und dabei hat Leo mir von dem Brief an
Lawrence erzählt, von diesem, diesem entsetzlichen
Krüger.

Lyneker: Ein lapsus linguae, Prof unabsichtlich
und unwillkürlich.

vanDusen: Sie waren also informiert, Lyneker.

Lyneker: Lawrence King hat mir vertraut, Prof.

vanDusen: Ah ja.

Mrs King: Ich war natürlich außer mir von Sorge,
und hab Lawrence sofort angerufen, kaum hatten wir
ein paar Worte gewechselt da, da.

vanDusen: Bitte Mrs King.

Mrs King: Da ließ Lawrence plötzlich den Hörer
fallen, ich hörte wie er sagte, Kruger da ist er,
und wie er um hilfe rief, dann irgendwelche
Geräusche und schließlich Stille, totenstille.

Lyneker: Da ich mich zum Glück noch in Sentas
Wohnung aufhielt, konnte ich sie auf der Stelle
hierherbringen in meinem Automobil, seitdem hält
man uns fest, wann werden sie uns freilassen.

Hatch: Bald sagte Caruso, nachdem er in einer Ecke
leise mit dem Prof konferiert hatte, der war damit
in der Elmstreet erst einmal fertig, ihn zog es
zum Broadway, zur Met und ich mußte ihn hinfahren,
in meinem Automobil, wenn er mich nicht hätte, der
große Mann müßte er nicht nur selber lesen, er
müßte auch laufen, was wollte van Dusen in der
Oper, Kunstgenuß, innere Erhebung durch Musik,
keine Spur, er suchte Lawrence Kings Garderobiere,
eine gewisse Mrs Kaplan und er fand sie natürlich
in Lawrence Kings Garderobe.

Caplan: Nicht nur seine Prof, er muß sie teilen
mit Mrs King, früher hätten sie das nicht gewagt.

vanDusen: Wer Mrs Caplan.

Caplan: Die Intendanz, die hat Mr King die halbe
Garderobe weggenommen, früher häts das nicht
gegeben, oh da war er ein Star.

vanDusen: Und jetzt ist er nicht mehr, Mrs Caplan.

Caplan: Machen sie doch die Augen auf, besser
gesagt die Ohren, was hat Mr King vor 2-3 Jahren
gesungen, Don Giovanni, Graf Luna, Rigoletto, Hans
Sachs, und was gibt man ihm heute, den Herrufer in
Lohengrin, den Bretine im Manon, den Sprecher aus
der Zauberflöte, in den Meistersingern den
Nachtwächter, kleine Partien, alles kleine
Partien, die großen singt seit der letzten Saison
Senior Scotti.

vanDusen: Eine Entwicklung, welcher Mr King wohl
kaum freudig zustimmte.

Caplan: Das können sie laut sagen, Prof.

vanDusen: War er sehr niedergeschlagen, Mrs
Caplan, so sehr daß ein Selbstmord im Bereich des
möglichen gelegen hätte.

Caplan: Selbstmord, Mr King, niemals, Mr King war
eine Kämpfernatur, der hat sich nicht abgefunden,
der hat sich angelegt mit allen, mit der
Intendanz, mit Scotty, mit dem ganzen Ensemble,
mit dem Chor, mit dem Orchester, mit jedem im Haus
hat er sich gestritten.

vanDusen: Auch mit Mrs King.

Caplan: Ja wie mans nimmt, sie hat schon zu
gehalten ja meistens.

vanDusen: Aber, Mrs Caplan.

Caplan: Ja manchmal da, da hat sie ihm Vorwürfe
gemacht, sie wollte die großen Wagnerpartien
singen und sie hat sie nicht gekriegt, seinetwegen
weil er sich mit der Intendanz überworfen hat.

vanDusen: So, und Mr Lyneker, sie kennen doch Mr
Lyneker.

Caplan: Klar kenn ich Mr Lyneker, Mr Kings bester
Freund, wenn sie sich nicht gerade in der Wolle
hatten.

vanDusen: In der Wolle, Mrs Caplan weshalb.

Caplan: Mr King hat verlangt, daß Mr Lyneker über
ihn schreibt, daß er immer noch der größe und
beste Heldenbariton ist, aber Mr Lyneker wollte
nicht, er kann es mit seinem künstlerischen
Gewissen nicht vereinbaren, hat er gesagt.

vanDusen: Aha, sagen sie, wie würden sie Mr Kings
Gemütszustand in den letzten Tagen einschätzen,
Mrs Caplan, hat er sich verändert.

Caplan: Oh ja Prof, Mr King hatte richtig gute
Laune, seit er dieses, dieses Spukhaus gekauft
hat, er war munter, optimistisch, passen sie auf
Mrs Caplan, hat er gesagt, es dauert nicht mehr
lange, dann singt den Don Giovanni wieder Lawrence
King, wie in alten zeiten.

Hatch: Zurück zur Elmstreet, wo wir sehnlichst
erwarten wurden, 2 Uhr war es inzwischen geworden,
Prof van Dusen hatte sich jetzt fast 5 Stunden mit
dem Fall beschäftigt, mehr Zeit brauchte er nicht,
der Fall war gelöst, van Dusen wußte, wer King
ermordet hatte und vor allem wie der Mord vor sich
gegangen war, er wußte alles, und weil er sein
Licht bekanntlich nicht unter den Scheffel zu
stellen pflegt, beeilte er sich, sein Wissen kund
zu tun, das heißt er schritt zum
Aufklärungsvortrag und wir, Mrs King, Lyneker,
Detectivsergeant Caruso und meine Wenigkeit, wir
hörten zu.

Caruso: Also kein Geist, Prof.

vanDusen: Natürlich nicht, Caruso, was immer der
verblichene Kruger begangen haben mag, an diesem
Mord ist er völlig unschuldig.

Caruso: So und wie ist der Mörder ins
Telefonkabinett rein und nach dem Mord wieder
rausgekommen Prof.

vanDusen: Eine ganz und gar irrelevante Frage
Caruso.

Caruso: Unwichtig, meinen sie, Prof.

vanDusen: Ja völlig unwichtig.

Caruso: Das verstehe ich nicht.

vanDusen: Natürlich nicht Caruso, lassen sie es
mich so sagen, zum Zeitpunkt der Tat hat der Täter
sich nicht im Kabinett aufgehalten.

Caruso: Er war gar nicht drin also das.

Hatch: Verstehen sie auch nicht Caruso was.

Caruso: Sie etwa, Mr Hatch.

Hatch: Von mir erwartet das auch niemand Caruso.

Caruso: Von mir erst recht nicht.

Hatch: Da haben sie recht und wo sie recht haben.

vanDusen: Bitte bitte meine Herren ich habe das
Wort, ich werde ihnen und natürlich auch unseren
beiden schweigsamen Gästen Mrs King und Mr Lyneker
präzise rekonstruieren, was sich um Mitternacht im
Telefonkabinett dieses Hause zu trug.

Caruso: Da bin ich gespannt Prof.

vanDusen: Meine Herrschaften, wie ihnen bekannt
ist, begab Lawrence King sich in der vergangenen
nacht etwa 3 min vor 12 Uhr in seinen Telefonraum,
um einen für diese zeit verabredeten Anruf seiner
Gattin entgegen zu nehmen, er zog die Tür hinter
sich ins Schloß, drehte leise den Schlüssel.

Caruso: Was King hat sich selbst eingeschlossen.

vanDusen: Wer sonst Caruso, sodann schritt King
zum Telefonapparat an der Wand um mit ihnen, Mrs
King einige Worte zu wechseln, als es Mitternacht
schlug, brach der das Telefonat ab, er lief im
Kabinett hin und her, stieß die Möbel um, rief um
Hilfe, kurz er verhielt sich so, als sei der
brieflich annoncierte Geist des Massenmörders
Kruger tatsächlich erschienen, um ihn zu töten,
zur Verstärkung dieser Illusion fügte King sich
mit dem Messer welches er in seiner Kleidung
verborgen bei sich trug eine geringfügige
Schnittverletzung am Oberschenkel zu.

Caruso: Das ist doch verrückt, Prof, warum hat er
so was gemacht.

Mrs King: Lawrence war doch nicht wahnsinnig oder.

Lyneker: Kaum, ein wenig impulsiv, das Temperament
eines Künstlers.

vanDusen: Nein meine Herrschaften King war nicht
von sinnen, im Gegenteil, seinem scheinbar
irrationalen tun lag eine durchaus rationale
Absicht zugrunde, sein künstlerischer Stern wir
wissen es, war im sinken begriffen, um ihn wieder
zum strahlen zu bringen, um seinen Namen einer
vergeßlichen Öffentlichkeit in die Erinnerung
zurück zu rufen, und zwar auf möglichst
nachhaltige eindringliche weise, unternahm King
eine sorgsam vorbereitete und detailgenau
inszenierte Aktion, mein Freund Hatch hat mir
versichert, daß solche wie sagten sie Hatch.

Hatch: Stunts, Prof, publicity stunts.

vanDusen: Danke mein lieber Hatch, solche stunts
scheinen heutzutage in gewissen Kreisen durchaus
üblich zu sein, ich fahre fort, vor wenigen Wochen
erstand King dieses Gebäude, die frühere Behausung
eines hingerichteten Massenmörders, welchem der
abergläubische Volksmund nachsagt, er pflege an
der Stätte seines Wirkens umzugehen, zu spuken, so
lauten ja wohl die einschlägigen Begriffe, als
nächstes beschaffte King sich Krugers Messer aus
dem schwarzen Museum der Polizei und schrieb in
Krugers Handschrift jenen makabren Drohbrief
welchen er ihnen Caruso präsentierte, samt einer
selbstverständlich fingierten Horrorgeschichte von
der nächtlichen Heimsuchung durch einen
gespenstischen Briefträger, den Höhepunkt der
Inszenierung sollte die Geistererscheinung im
Telefonkabinett darstellen, ohne Zweifel hatte
King geplant, nach dem Aufbrechen der Tür durch
die zu diesem zwecke bemühte Polizei dieser eine
zweite Gespenstergeschichte zu erzählen, Krugers
Geist sei plötzlich aufgetaucht mit geschwungenem
Messer und nach heftigem Kampf ebenso plötzlich
wieder verschwunden, später hätte King die Presse
informiert.

Hatch: Das wäre was gewesen, Prof ganz New York
hätte darüber geredet, eine unbezahlbare Reklame
für Lawrence King.

Caruso: Aber.

vanDusen: Ganz recht Caruso, aber, King wurde
ermordet.

Hatch: Mord ist auch gute publicity aber das kann
King ja wohl nicht gewollt haben.

vanDusen: Kaum, kein zweifel, Kings Plan schlug
fehl.

Caruso: Das klingt ganz plausibel, Prof aber viel
weiter sind wir damit nicht, wie wurde King
ermordet, das ist doch die frage, wie.

vanDusen: Durch ein Geschoß Caruso, genauer durch
einen von außen abgeschossenen Pfeil.

Caruso: Pfeil, was für ein Pfeil, ich hab keinen
gefunden.

vanDusen: Das konnten sie auch nicht, Caruso, weil
der Pfeil zum Schützen zurückschnellte, wie zu
vermuten steht durch ein an ihm befestigtes
schmales Kautschukband selbstverständlich nachdem
King tödlich getroffen und die Pfeilspitze dh. die
abgebrochene Spitze von Krugers Messer in seiner
Rippe stecken geblieben war, letzteres war für den
Mörder und seinen Plan von primärer Bedeutung, die
Spitze war daher mit dem Schaft des Pfeils
lediglich locker verbunden und es versteht sich
von selbst daß Pfeilschaft und Band von dunkler
Farbe und daher von Wachtmeister Donovan nicht
wahrgenommen konnte.

Caruso: Eine fantastische Geschichte Prof.

vanDusen: Fantastisch, Caruso wäre ein mordender
Geist akzeptabler für sie.

Caruso: Kompliziert meine ich, weit hergeholt,
irgendwie ich weiß nicht.

Hatch: Wenn ich mal dolmetschen darf, Prof, Caruso
wünscht zu erfahren wie sie das alles rausgekriegt
haben, 2 plus 2 und so.

Caruso: Genau Mr Hatch.

vanDusen: Ich werde es ihn erklären, Caruso und
auch ihnen mein lieber Hatch, der sie fraglos
nicht weniger neugierig sind als ihr
Dauerkontrahent von der Kriminal polizei, wie sie
zweifellos wissen, werden Pfeile am unteren Teil
des Schaftes mit Federn versehen zur
Gewährleistung eines gleichmäßigen Fluges,
erfahrene Sportschützen verwenden hierfür in der
Regel Truthahnfedern.

Hatch: Aha.

vanDusen: Des weiteren verweise ich auf das offene
Oberlicht im Telefonkabinett.

Caruso: Da kam er rein der Pfeil ok, aber wo kam
er her.

vanDusen: Von höherer Warte, schräg von oben, wie
der verlauf des Schußkanal eindeutig beweist, ich
schlage vor Caruso daß sie dem leerstehenden Haus
gegenüber einen Besuch abstatten, an einem der
Fenster im Dachboden werden sie deutliche Hinweise
finden, Spuren im Staub und dergleichen, Hinweise
darauf daß sich dort jemand kürzlich aufgehalten
hat.

Caruso: Also gut Prof.

vanDusen: Aber doch nicht jetzt, Caruso warten sie
gefälligst bis ich meine Vorlesung beendet habe,
setzen.

Caruso: Wie sie wollen Prof, setzen.

vanDusen: Gestern abend kurz vor 12 Uhr begab sich
der Mörder bewaffnet mit Pfeil und Bogen in das
erwähnte Haus, durch den hinteren Eingang welcher
durch einen schmalen Weg von der zur Elmstreet
parallel laufenden Christopherstreet zugänglich
ist, Lyneker wußte, daß King sich um Mitternacht
im Telefonkabinett aufhalten würde.

Hatch: Lyneker.

vanDusen: Leo Lyneker der Mörder.

Lyneker: Unfug ich bin im Besitz eines Alibi, so
nennt man das doch in Krimi kreisen.

Caruso: Er hat recht Prof, ich kanns bestätigen.

Lyneker: Na bitte.

Caruso: Heute nacht habe ich am Telefon.

vanDusen: Wen haben sie gehört Caruso, Lyneker.

Caruso: Ja.

vanDusen: Nein, sie hörten Mrs King.

Mrs King: Aber.

Caruso: Sie hat doch mit Lyneker gesprochen
während er.

vanDusen: Sie sprach nicht mit Lyneker, sie sprach
zu ihm, zu einem abwesenden, und versuchte so ihm
ein Alibi zu verschaffen.

Caruso: Ja wenn sie das sagen Prof.

vanDusen: Leo Lyneker hat Lawrence King ermordet,
als Vertrauter des Opfers war er Mitwisser,
womöglich gar Initiator der publicity action, er
betreibt den Sport des Bogenschießens.

Lyneker: Woher wollen sie denn das wissen Prof.

vanDusen: Ihre Hand hat es verraten, Lyneker,
präziser die typische Schwielen am Daumen und am
unteren Glied des Zeigefinger, sie besitzen ein
Automobil welches sie in kurzer zeit von Mrs King
Wohnung in der 5 Avenue zur Christopher Street und
nach dem Mord wieder zu Mrs King zurück brachte.

Mrs King: Aber ich hab doch.

vanDusen: Mrs King ist Lynekers Komplizin, beide
waren dran interessiert Lawrence King zu
beseitigen aus beruflichen Gründen und wohl auch
aus anderen privaten.

Hatch: Da war mal was, Prof vor einem halben Jahr
in den Klatschspalten, in welcher Belcanto-Ehe
würde Kritiker gern den dritten im Bunde spielen,
so etwa war das.

vanDusen: Senta King, Leo Lyneker, sie beide waren
in Kings Aktion eingeweiht und haben beschlossen,
sie ohne sein wissen zu einem Kapitalverbrechen
umzufunktionieren, sie sind überführt.

Caruso: Und sie werden gestehen, Donovan,
Paretzky, Obrien abführen die beiden, aber eins
hab ich noch nicht verstanden Prof die Sache mit
dem oxi.

vanDusen: Oxidationsprozeß Caruso.

Caruso: Ja so hieß das.

vanDusen: Passen sie auf, der Oxidationprozeß
welcher wie die leichte Verfärbung erkennen ließ
an beiden Bruchstellen bereits eingesetzt hatte
verriet mir, daß der Bruch nicht wie es den
Anschein hatte vor Stunden erfolgte sondern vor
etwa 10 Tagen, vermutlich hatte Lyneker am
Mittwoch dem 15. Mai das schwarze Museum
aufgesucht, das Messer entwendet und bevor er es
an King weitergab die spitze abgebrochen, um sie
als Mordwerkzeug zu benutzen.

Caruso: Ach so.

Hatch: Auf der Heimfahrt wirkte van Dusen etwas
mitgenommen, kein Wunder er ist nicht mehr der
jüngste und das dauernde lösen kriminologischer
Probleme das schlaucht ungemein, aber am Fall King
hatte ihn was ganz spezielles irritiert.

vanDusen: Ich meine die den Fall bestimmende
theatralische, genauer musik-theatralische
Atmosphäre, mein lieber Hatch, die Aura des
Irrealen, Irrationalen, des so tun als ob, des
eher Schein als Sein, wenn sie verstehen was ich
meine.

Hatch: Ja…

vanDusen: Äußerlichkeiten, Kulissen,
Inszenierungen, Reklame, Publicity, große Opern,
kleine Partien, nicht das rechte Milieu für Prof
van Dusen, von derartigen Fällen werde ich mich in
Zukunft strikt fernzuhalten wissen.

Hatch: Bekanntlich kommt es manchmal anders, als
man denkt, ein knappes Jahr später legte sich der
Professor mit dem Phantom der Oper an, und das
sollte einer seiner größten Triumphe werden doch
davon meine Damen und Herren erzähle ich ihnen
vielleicht ein andermal.

Professor van Dusen: Friedrich W. Bauschulte
Hutchinson Hatch: Klaus Herm
Detective-Sergeant Caruso: Heinz Giese
Lawrence King, Helden-Bariton: Otto Mellies
Senta King, Sopran, seine Frau: Susanna Bonaséwicz
Dr. Clennam, Polizei-Arzt: Wolfgang Condrus
Mrs. Caplan, Kings Garderobiere: Ruth Pipho
Leo Lyneker, Opern-Kritiker: Peter Matic
Leporello, Kings Diener: Hans Teuscher
Wachtmeister Donovan: Klaus Jepsen

 Senf Nr. 4007 von Prof van Dusen vom 18.02.2026 um 14.33Uhr
Michael Koser: Prof. van Dusen Augustus im
Wunderland (RIAS 1992)

Horrocks: Wer sind Sie?

vanDusen: Ich, ich bin Prof. Dr.Dr.Dr. Augustus
van Dusen…

Jellypot: Gebrülstig wars, die schloimen Düxe sich
in dem Burden gröll verschlotzten, gar mieslich
frümpelten die Flüxe und die Mohm-Ralben krotzten.

vanDusen: Wie bitte.

Jellypot: Und die Mohm-Ralben krotzten.

vanDusen: Aha, sie pflegen sich mit
Psychopathologie abzugeben, Kollege Jellypot.

Jellypot: Wie kommen Sie darauf, Kollege van
Dusen.

vanDusen: Weil Sie uns mit den Ejakulationen eines
offensichtlich wahnwitzigen traktieren.

Jellypot: Aber werter Kollege, wo denken Sie hin,
was ich zum Vortrag brachte, ist ein Kunstwerk,
ein Poem.

Hatch: Jabberwocky von Lewis Carroll.

Jellypot: Ah Sie kennen Jabberwocky Mr.

Hatch: Hatch Hutchinson Hatch Begleiter Assistent
und Chronist von Prof.van Dusen.

Jellypot: Nun Mr. Hatch da Sie Jabberwocky kennen
ist ihnen zweifellos auch bewußt daß es mit dem
Datum des heutigen Tages eine ganz besondere
Bewandtnis hat.

Hatch: 4 Juli 1903, klar unser Nationalfeiertag,
Unabhängigkeitserklärung, George Washington,
Konfetti, Pappnasen, Feuerwerk, allgemeines
Besäufnis.

Jellypot: Ihr transatlantischer Patriotismus in
ehren, doch ich meine etwas anderes, der 4. Juli
ist ein historischer Meilenstein in der
Entwicklung von Fantasie und Kreativität, denn am
4. Juli 1862 vor 41 Jahren wurde sie zum ersten
Male erzählt, die unsterbliche Geschichte von
Alice im Wunderland, erzählt von ihrem Schöpfer
Charles Ludwig Dowson, der sich als Autor Lewis
Carroll nannte und zwar hier, meine Herren, an
diesem Ort, sie wissen doch, ein goldener
Sommernachmittag, geruhsam treibt das Boot.

Hatch: Jetzt war es Vormittag, aber sonst stimmte
alles, der Sommer, das Boot und auch der Fluß war
derselbe, nämlich die Themse, nur daß sie hier in
der Gegend von Oxford nicht Themse hieß sondern
Isis, am Vorabend hatte Prof van Dusen vor
auserwählten Lehrkörpern der Universität einen
Vortrag gehalten über die atomare Strukturtheorie
der Elemente und ihre Bedeutung für den
Fortschritt der Wissenschaft, oder so ähnlich,
unser Gastgeber Dekan Jellypot war davon offenbar
so angetan gewesen, daß er uns für den nächsten
Vormittag zu einer traditionellen oxforder
Bootsparty eingeladen hatte, Sektfrühstück am Ufer
inklusive, wir landeten an einem stillen
Seitenarm, Diener arrangierten Decken, Kissen und
Klappstühle, richteten den Imbiß her, öffneten
Champagnerflaschen.

Jellypot: Du hast gefällt den jaberwok, umarme
mich, mein Sohn und Held, o quarlich tag, heisa
halop so strohlt er stolzgeschwelt.

Hatch: Bravo Dekan, schönes Plätzchen genau
richtig für ein Picknick, da hinten der graue Turm
über den Bäumen.

Jellypot: Schloß Twickenham, Mr Hatch, seit
Jahrhunderten im Besitz der Familie, ein
hochinteressantes Stück normannischer Architektur.

Diener: Wenn sie gestatten Sir, es ist
angerichtet.

Jellypot: Sehr schön Blackstock, so lassen sie uns
denn der improvisierten Tafel zusprechen meine
Herren.

vanDusen: Dodgson, Dodgson, vor Jahren ein
mittelmäßiger Mathematiker zu Oxford wenn ich
nicht irre.

Jellypot: Und ein begnadeter Schriftsteller,
Kollege van Dusen.

vanDusen: Doch wohl eher ein müßiger Produzent
kindlichen Unsinn, Kollege Jellypot, eine
Aktivität welche mit dem profunden Streben des
seriösen Wissenschaftlers schlichterdings nicht in
Einklang zu bringen ist.

Jellypot: Meinen sie, werter Kollege, nun wie dem
auch sei, ist an der Zeit, das Walroß sprach meine
Herren, ich erhebe mein Glas auf den Geburtstag
der vereinigten Staaten von Amerika.

Hatch: Hipp Hipp Hurra und auf den großen Lewis
Carroll.

Jellypot: Ehre seinem Andenken.

Hatch: Komischer Nachgeschmack, ich weiß nicht,
ich bin auf einmal so müde, die Augen, kann sie
nicht mehr aufhalten.

vanDusen: Auch ich mein lieber Hatch vermag mich
einer gewissen Somnolenz nicht zu erwehren.

Hatch: Der Champagner, Prof.

Jellypot: Nimm dich vor Jabberrok in acht.

Hatch: Da war was darin.

Jellypot: Es schnappt der Zahn.

vanDusen: Veronal.

Jellypot: Die Klaue kratzt.

vanDusen: Chloralhydrat.

Jellypot: Hüt dich vorm Jupjup in der Nacht und
vor dem Wanderschnatz.

Hatch: Die Augen fielen mir zu, die Sinne
schwanden, ich hatte das Gefühl zu fallen, zu
stürzen, tiefer immer tiefer in die Erde durch die
Erde, dann nichts mehr, ich kam zu mir, schlug die
Augen auf, sah mich um, die Uferwiese an der
Themse war verschwunden, ich lag auf einer kleinen
Waldlichtung, verschwunden waren auch der Dekan,
sein Diener, sein Picknick und sein
einschläfernder Champagner, van Dusen war zum
glück noch da, er lag neben mir im Tiefschlaf und
säuselte durch die Nase, sonst kein Geräusch, doch
schnelle Schritte aus der ferne, eine Stimme
murmelte, da kam jemand, ich richtete mich auf.

Lord: Oje oje ich komm zu spät, o meine armen
Pfoten, o mein Pelz, o meine Schnurhaare, zu spät,
ich komm zu spät.

Hatch: Hallo sie da Augenblick mal, warten sie, es
hörte nicht auf mich, es raste vorbei und war weg,
es, ja sie haben richtig gehört, es, ein weißes
Kaninchen fast so groß wie ich, in Weste und
karierter Jacke, eine mächtige Zwiebel von Uhr in
der Hand, ich starrte ihm nach aber ehe ich
überhaupt anfangen konnte mich zu wundern,
räusperte sich wer oder was hinter mir, ich drehte
mich um, auf einem riesengroßen Fliegenpilz saß
eine riesengroße Raupe, rauchte eine riesengroße
Wasserpfeife und sah mich kritisch an.

Horrocks: Wer sind sie.

Hatch: Tja wer bin ich, heute früh war ich noch
Hutchinson Hatch, alles klar, keine Probleme, aber
inzwischen ist so viel passiert, wissen sie.

Horrocks: Ich weiß nicht, erklären sie sich.

Hatch: Das ist gar nicht so leicht.

vanDusen: Hatch was ist geschehen, wo befinden wir
uns.

Hatch: Keine Ahnung Prof, gut geschlafen, wie
fühlen sie sich.

vanDusen: Leidlich danke, nach dem Stand der Sonne
haben wir mittag.

Hatch: 3 nach 12 sagt meine Uhr.

vanDusen: Das heißt ich befand mich für ca 2
Stunden im zustand der Bewußtlosigkeit, mein gott
was ist das.

Horrocks: Wer sind sie.

vanDusen: Ich bin Prof DrDrDr Augustus van Dusen.

Hatch: Die Denkmaschine, Wissenschaftler und
Amateurkriminologe von Weltruf, und jetzt ist es
wohl an der zeit, daß sie sich vorstellen.

Horrocks: Warum.

vanDusen: Mein lieber Hatch.

Hatch: Prof.

vanDusen: Sehen sie dasselbe was ich sehe, eine
Raupe, etwa 1m70 groß.

Horrocks: 1,72.

vanDusen: Eine Raupe welche spricht und
Wasserpfeife raucht.

Hatch: Und wenn man genauer hinsieht große
Ähnlichkeit mit einem älteren Herrn in einem
Raupenkostüm hat.

vanDusen: Finden sie, mein lieber Hatch, was
geschieht mit mir, halten sie es für möglich daß
ich der das Genie stets bedrohenden Gefahr erlegen
bin und ohne es wahrzunehmen die Schwelle zum, zum
Wahnsinn überschritten habe.

Hatch: Nicht doch, Prof, machen sie sich keine
Sorgen, mir gehts genau wie ihnen, und daß ich
kein Genie bin, das wissen sie.

vanDusen: Niemand besser als ich, wenn nicht
Wahnsinn was dann, ein Traum.

Hatch: In diesem Fall erhebt sich die Frage, bin
ich in ihrem oder sind sie in meinem Traum.

vanDusen: Ich bitte sie, ein Prof van Dusen hat es
wohl kaum nötig die Träume anderer zu
frequentieren.

Hatch: Ist ja gut Prof und total unnötig, ich weiß
jetzt was hier los ist, wir sind nicht in einem
Traum, wir sind in einem Buch.

vanDusen: In der Tat, mein lieber Hatch.

Hatch: Bei mir war der Groschen gefallen, endlich,
wir waren im Wunderland, im Wunderland von Alice,
in Lewis Carrolls Wunderland am 4. Juli am Lewis
Carroll Tag, wieso warum weswegen das wußte ich
natürlich nicht, aber ich machte mir deshalb auch
keine Sorgen, die Sache war nicht ernst und schon
gar nicht gefährlich, vermutlich eine Art Spiel.

vanDusen: Und was sollen wir tun mein lieber
Hatch.

Hatch: Mitspielen Prof.

vanDusen: Ich denke nicht dran.

Hatch: Seien sie kein Spielverderber, Prof machen
sie mit, und wenn das Spiel zu Ende ist, wird sich
alles in wohlgefallen auflösen und dann verehrter
Meister Mr Raupe werden wir auch erfahren wer sie
sind.

Horrocks: Durchaus denkbar.

Hatch: Ganz netten Pilz haben sie hier.

Horrocks: Finger weg, machen sie nichts kaputt.

Hatch: Eine Holzkonstruktion mit Stoff bespannt,
kommen sie Prof.

vanDusen: Wohin mein lieber Hatch.

Hatch: Sehen sie, das kommt davon, wenn man das
Buch Alice im Wunderland nicht kennt, hätten sie
sich ein bißchen mehr mit wie haben sie gesagt
kindischen Unsinn abgegeben, dann wären sie jetzt
nicht drauf angewiesen daß ich sie führe, na seien
sie froh daß sie mich haben, Prof, kommen sie hier
gehts lang.

vanDusen: Wie sie meinen mein lieber Hatch.

Hatch: Ich war der Chef, ich sagte wos langging
und van Dusen war zahm und parierte aufs Wort,
verkehrte Welt, wenn sie wissen, wie der Prof
sonst mit mir umgeht, dann können sie sich
vorstellen, wie mir zumute war, wunderbar, ganz
wunderbar, und so ging ich denn wie auf rosa
Wolken voran durchs Wunderland und hielt Ausschau
nach dem Haus der Herzogin, aber das hatten sie in
dieser Wunderlandausgabe anscheinend eingespart,
jedenfalls ging es gleich weiter mit der
Chesshirekatze, sie hockte an einem Baum am
Wegesrand und grinste über ihr ganzes rundes
Mondgesicht.

vanDusen: Die Gesichtszüge dieser Kreatur erfreuen
sich sofern dies der korrekte Ausdruck ist einer
geradezu erstaunlichen Übereinstimmung mit denen
meines werten Kollegen Dekan Jellypot.

Hatch: Ganz ihrer Meinung Prof, wenn man den Dekan
in ein Katzenkostüm steckt, ihm Schnurrhaare
verpaßt und ihn auf einen Ast setzt, moment wie
war denn das noch, aja, verehrteste
Chesshirekatze, können sie uns sagen welchen Weg
wir einschlagen sollen.

vanDusen: Aber Hatch es gibt doch nur diesen einen
Weg.

Jellypot: Das hängt davon ab, wohin sie gehen
wollen, auf einen Seite wohnt ein Hutmacher und
auf der anderen Seite wohnt ein Märzhase, ob sie
den einen oder den anderen besuchen, sie sind
beide verrückt, wir sind alle verrückt hier, ich
bin verrückt, sie sind verrückt, sie auch Kollege
van Dusen.

vanDusen: Ich verbitte mir ihre Verbalinjurien
Kollege Jellypot, steigen sie herunter von ihrem
Ast und erklären sie mir gefälligst.

Hatch: Immer mit der Ruhe Prof, nicht so
verbiestert, mitspielen heißt die Parole, wie
kommen sie darauf, daß wir verrückt sind.

Jellypot: Sie müssen verrückt sein, sonst wären
sie nicht hier.

Hatch: Ok das reicht, denke ich, weiter Prof,
nächste Station sollte die verrückte
Teegesellschaft sein beim Märzhasen, wird auch
Zeit nach dem abgebrochenen Picknick und dem
ausgefallenen Lunch daß wir was in den Magen
kriegen, bleiben sie nur dicht bei mir.

vanDusen: Sie sind der Führer, mein lieber Hatch.

Hatch: Unterwegs begegneten wir zum zweiten mal
dem weißen Kaninchen, es wetzte wieder vorbei ohne
uns zu beachten, und dann waren wir auch schon am
Haus des Märzhasen, auf der Wiese davor stand ein
langer Tisch mit vielen Gedecken, Teetassen,
Tellern, Teekannen, an einem Ende saßen drei
Personen dicht beieinander, der Hutmacher, ein
älterer Mann mit Hakennase und Schnauzbart unter
seinem hohen Zylinder, der Märzhase mit langen
Ohren in einem lila Samt- anzug und zwischen den
beiden die Haselmaus in einem altmodischen
schwarzen Seidenkleid und einer braunen Kappe mit
spitzen Mauseohren, viel sah man nicht von ihr,
sie hatte die Arme auf dem Tisch und den Kopf auf
den Armen, sie schlief dachte ich, alles so wie es
sein sollte.

Roselli: Kein Platz.

Tiptoe: Alles besetzt.

Hatch: Ach was, Platz genug, setzen sie sich Prof.

vanDusen: Wenn sie das für richtig halten mein
lieber Hatch.

Roselli: Nehmen sie einen Schluck Champagner meine
Herren.

Hatch: Ich kann mich beherrschen, außerdem ich
sehe hier keinen.

Tiptoe: Ist ja auch keiner da, bloß Tee.

Hatch: Gestatten daß wir uns bedienen, naja kein
Whisky aber besser als gar nichts.

Tiptoe: Können sie mir vielleicht sagen, welchen
Tag wir heute haben.

Hatch: Den 4.

Tiptoe: Ah, ich muß meine Uhr stellen, die geht 2
Tage nach, ich hab ihnen gesagt Butter ist nicht
gut fürs Werk.

Roselli: Es war beste Butter.

Tiptoe: Ja aber es müssen auch ein paar Krumen
reingeraten sein, sie hätten die Butter nicht mit
dem Brotmesser in die Uhr tun sollen.

Hatch: Um die Sache ein bißchen abzukürzen schlage
ich vor daß sie jetzt die Haselmaus wecken damit
sie uns die Geschichte von den drei Schwestern im
Sirupbrunnen erzählt.

Tiptoe: Einverstanden, wachen sie auf, Haselmaus.

Roselli: Los, los Haselmaus aufwachen.

Tiptoe: Sie rührt sich nicht, Märzhase.

Roselli: Geben sie ihr einen Stoß Hutmacher,
stups.

Hatch: Die Haselmaus fiel um mit ihrem Stuhl,
blieb liegen und rührte sich nicht, das stand
nicht im Buch, ich starrte, der Hutmacher starrte,
der Märzhase starrte, van Dusen starrte auch aber
nicht verdutzt oder erschrocken wie wir übrigen
sondern interessiert, angeregt, fast erfreut, er
beugte sich über die reglose Haselmaus.

vanDusen: Die Frau ist tot, gestorben von einer
halben Stunde.

Hatch: Zehn nach 1 weniger 30 Minuten, zwanzig vor
1 Prof.

vanDusen: Ganz recht, mein lieber Hatch 12 Uhr 40,
kommen sie her Hatch.

Hatch: Gewiß doch.

vanDusen: Bücken sie sich tiefer, tiefer, so was
riechen sie.

Hatch: Bittere Mandeln.

vanDusen: Sehr richtig und das heißt.

Hatch: Zyankali.

vanDusen: Sehr gut, auf welche weise hat die Frau
das todbringende Gift zu sich genommen, aha
bringen sie ihre Nase in Kontakt mit dieser
Teetasse.

Hatch: Zyankali und noch was.

vanDusen: Jene hellbraune Flüssigkeit von der sich
noch ein Rest am Boden der Tasse befindet.

Hatch: Sieht aus wie Tee, Sherry, eindeutig Sherry
medium dry.

vanDusen: Sehr schön, die Teetasse der toten
enthielt mit Zyankali versetzten Sherry, ein Fall,
womöglich ein Mord, ausgezeichnet, ganz
ausgezeichnet.

Hatch: Prof van Dusen vor wenigen Minuten noch
gedrückt und ziemlich durcheinander hatte sich
bekrabbelt, ein bißchen Zyankali, eine Leiche und
schon war er wieder der alte, während er die Tote
untersuchte, mußte ich ihr die Kappe mit den
Mauseohren abnehmen, und die dicke braune Schminke
aus dem Gesicht wischen, zum Vorschein kam eine
Frau etwa mitte 30 gepflegt, gutaussehend, und da
wurden Märzhase und Hutmacher, die uns bisher
stumm und wie gelähmt zugeschaut hatten plötzlich
munter.

Roselli: Das das das ist noch nicht Mrs
Marshmellow.

Tiptoe: Das ist Lady Twickenham.

Roselli: Aber das ist doch gar nicht möglich, Lady
Twickenham ist nicht die Haselmaus.

Tiptoe: Die Haselmaus spielt Mrs Marshmellow.

Roselli: Und wieso.

vanDusen: Bitte meine Herren, sie werden später
hinreichend Gelegenheit zu ausführlichen
Erklärungen erhalten, sehen sie her, dies Blatt
Papier habe ich im ausschnitt der toten entdeckt,
übrigens von ihrer Kleidung abgesehen das einzige
was sie bei sich trug, ein bedeutsamer Hinweis.

Hatch: Das Papier.

vanDusen: Gewiß auch das, doch von erheblich
größerer Bedeutung ist das was ich nicht bei der
Leiche fand, lesen sie.

Hatch: Aye aye Sir, Vorleser vom Dienst Hutchinson
Hatch waltet seines Amtes, es war stets mein
brennender Wunsch einmal, ein einziges mal im
Wunderland mitzuwirken, doch man erwies sich allen
meinen Bitten gegenüber als unzugänglich, mein
Verlangen wurde übermächtig, ich tötete Mrs
Marshmellow, um ihren Platz und ihre Rolle im
Wunderland einzunehmen, mein gott was habe ich
getan, als Mörderin kann und will ich nicht
weiterleben, Unterschrift, soweit zu entziffern,
Gertrud Twickenham, ja Selbstmord also.

vanDusen: Meinen sie.

Hatch: Was denn sonst, sie hat sich selbst
vergiftet diese Gertrud Twickenham klarer Fall.

Roselli: Seine Lordschaft, Tiptoe, da kommt seine
Lordschaft.

Hatch: Lordschaft, meinen sie das weiße Kaninchen.

Tiptoe: Das weiße Kaninchen ist Lord Twickenham.

Hatch: Ach was.

Roselli: Wir müssen es ihm sagen Tiptoe, das mit
seiner Frau.

Tiptoe: Ja Roselli das müssen wir wohl, Milord,
Lord Twickenham hallo.

Lord: Was soll das, Tiptoe, sie fallen aus der
Rolle.

Roselli: Es muß sein, Milord, kommen sie, es ist
was passiert.

Tiptoe: Was furchtbares Milord.

Hatch: Lord Twickenham kam sah und wurde
informiert und war konsterniert, verständlich,
aber mit Tee und guten Worten kriegten wir ihn
soweit hin, daß er van Dusen eine Frage
beantworten konnte.

Lord: Ja Prof das ist die Handschrift meiner Frau,
kein Zweifel, sie hat den Brief geschrieben.

vanDusen: Danke Milord, und nun meine Herren ist
es wohl an der Zeit, daß sie mir Aufklärung zuteil
werden lassen.

Hatch: Und mir bitte auch.

vanDusen: Was geht hier vor, was wird gespielt,
ich höre.

Tiptoe: Also wenn sie gestatten Milord werde ich
das übernehmen, sie sind wohl kaum in der Lage,
verehrte anwesende ich beginne.

vanDusen: Am besten damit daß sie sich vorstellen.

Tiptoe: Ja gewiß Tiptoe, Oberst Tiptoe,
Chiefconstable dieses Bezirks und mein Partner der
Märzhase ist Mr Rafael Roselli.

Hatch: Der Dichter.

Roselli: Der weltberühmte Poet Mr Hatch.

vanDusen: Was sie nicht sagen und was veranlaßt
einen Polizeichef, einen namhaften Lyriker, und
ein Mitglied des Hochadels sich in kurioser
Maskerade ausgefallenen Spielen hinzugeben.

Tiptoe: Das will ich ihnen ja gerade erklären Prof
und dazu muß ich wenig ausholen, meine Herren, als
anno domini 1898 vor 5 Jahren Lewis Carroll alias
Prof Dodgson diese Welt verließ, da fand sich eine
kleine erlesene Schar von Verehrern und
Bewunderern des dahingeschiedenen zusammen und
beschloß dem Andenken jenes ungewöhnlichen
Menschen und Autors auf eine Weise ehre zu zollen
die ihm angemessen, die seiner würdig sei.

Hatch: Hört, hört.

Tiptoe: Am 4. Juli jeden Jahres sollte so der
feierliche Beschluß, Carrolls bedeutendste
Schöpfung, das Wunderland mitsamt seinen Bewohnern
den Bereich der Fiktion verlassen und für kurze
Zeit Gestalt in der Realität annehmen, zu diesem
zwecke stellte unser Mitglied der ehrenwerte Lord
Twickenham großzügigerweise ein Grundstück zu
Verfügung, das Grundstück auf welchem wir uns
befinden.

Lord: Früher mal ein Fanasengehege wissen sie
Prof.

Tiptoe: Es ist von einer hohen Mauer umgeben, und
diese wie auch das einzige Tor wird von den
Dienern seiner Lordschaft auf strengste bewacht.

Lord: Wir wollen nämlich nicht gestört werden.

Tiptoe: Und legen großen Wert darauf unter uns zu
bleiben.

Hatch: Das konnte ich mir denken, jedes Mitglied
des exklusiven Kreises spielte am 4. Juli eine
Figur aus Alice im Wunderland, Hutmacher, Märzhase
weißes Kaninchen usw die qualmende Raupe hieß Dr.
Horrox weiland Leibarzt ihrer Majestät Königin
Viktoria gott hab sie selig und die Chesshirekatze
war tatsächlich Dekan Jellypot.

vanDusen: Ein Wissenschaftler von seinem Ruf auf
einem Baum, angetan mit Katzenohren und einem
geringelten Katzenschwanz, es ist unfaßbar.

Tiptoe: Der Bischof von Snodbury spielt die
Herzkönigin und wie ich seine ehrwürden kenne wird
er es sehr bedauern, daß er dieses mal nicht zum
Einsatz kommt.

Roselli: Er kann zwar nicht herumlaufen weil er
ein steifes Bein hat, aber das macht er wett durch
Lautstärke und eine unglaublich blutdürstige
Mimik.

Hatch: Runter mit den Köpfen.

Tiptoe: Ganz recht und dann wäre da noch Mrs
Marshmellow.

vanDusen: Richtig Mrs Marshmellow und wer ist Mrs
Marshmellow.

Tiptoe: Mrs Marshmellow ist ein Sonderfall, das
einzige weibliche Mitglied unser Runde, an sich
sind wir ein reiner Herrenclub, Damen sind bei uns
nicht willkommen grundsätzlich nicht.

Hatch: Find ich altmodisch und langweilig, sie
sind ein bißchen hinter dem Mond alter Freund.

Tiptoe: Sie als Amerikaner und Journalist haben
wohl kaum das rechte Gespür für historische Werte
und Traditionen, Mr Hatch, nicht einmal Lady
Twickenham haben wir in unseren Kreis aufgenommen,
obwohl sie in ihrer Kindheit mit Lewis Carroll gut
bekannt war.

Lord: Immer wieder hat sie uns bekniet, aber daß
sie so versessen drauf war, das haben wir nicht
gewußt.

vanDusen: Und warum haben sie bei Mrs Marshmellow
eine Ausnahme gemacht.

Tiptoe: Wie gesagt Prof ein Sonderfall, Mrs
Marshmellow hat Carroll jahrelang die Wirtschaft
geführt, in Eastbourne, wo der Meister sich nach
seiner Emeritierung vorzugsweise aufgehalten hat,
er hat sie sehr geschätzt so sehr daß er sie zu
seiner alleinigen Testamentvollstreckerin
einsetzte.

Hatch: Und sie ist also die Haselmaus in ihrem
Wunderland.

Tiptoe: So ist es aber dieses mal.

vanDusen: Dazu später Oberst, vorher wünsche ich
Antwort auf eine Frage, welche mich bereits seit
geraumer zeit beschäftigt, was haben meine Person
und die meines Freundes Mr Hatch mit ihrer
kindischen Komödie zu schaffen.

Roselli: Sie sind unsere Ehrengäste Prof.

Hatch: Sieh mal an, ohne daß wir was davon wissen.

Tiptoe: Ja aber das ist es doch gerade Mr Hatch,
sehen sie.

Hatch: Jedes Jahr sagte Oberst Tiptoe, guckte der
Lewis Carroll Club sich einen prominenten
Ehrengast aus, der wurde dann ohne daß er ahnte
wie ihm geschah am 4 Juli im Wunderland
ausgesetzt, in der Rolle von Alice sozusagen, wenn
der Gast sich gut aus der Affäre gezogen hatte,
trug man ihm nach der Demaskierung beim großen
Festbankett auf Schloß Twickenham die
Ehrenmitgliedschaft im exklusiven Kreis der
Carroll Fans an.

Tiptoe: Ja und in diesem Jahr Prof sind sie unser
Ehrengast, mit Mr Hatch natürlich bekanntlich
bilden sie beide ein unzertrennliches Duo, der
Vorschlag kam übrigens von Jellypot, und Jellypot
hat es auch übernommen für ihre wie soll ich sagen
Überstellung ins Wunderland sorge zu tragen.

vanDusen: Ich verstehe, sobald der Fall
abgeschlossen ist, beabsichtige ich mit dem werten
Kollegen Jellypot einige ernsthafte Worte zu
wechseln, bleiben wir beim Geschehen des heutigen
Tages, wann haben sie und Genossen dieses Gelände
betreten.

Tiptoe: Das Wunderland, halb 12 wie immer, wir
sind zusammengekommen zu fuß, von Schloß
Twickenham.

Lord: Nur ein paar hundert Meter, Prof.

Tiptoe: Wir haben uns schon gestern abend auf dem
Schloß getroffen wie immer und die meisten von uns
haben da übernachtet.

vanDusen: Auch Mrs Marshmellow.

Lord: Ja Prof.

vanDusen: Als sie alle sich um 11 Uhr 30 an diesem
Ort begaben, da waren sie wie ich vermute bereits
kostümiert.

Tiptoe: Natürlich wie immer.

Roselli: Darum ist uns ja an der Haselmaus nichts
aufgefallen, daß sie nicht Mrs Marshmellow war
sondern Lady Twickenham meine ich oder haben sie
was gemerkt Tiptoe.

Tiptoe: Nicht das geringste, Roselli.

vanDusen: Sie nahmen dann ihre Plätze ein.

Tiptoe: Ja wir drei, Mrs Mars äh ich meine die
Haselmaus, Roselli und ich sind gleich
hierhergekommen.

vanDusen: Wann war das.

Tiptoe: Viertel vor 12 ungefähr und dann haben wir
gewartet.

Hatch: Auf uns.

Tiptoe: Natürlich.

vanDusen: Wie hat sich die Haselmaus in dieser
Zeit verhalten.

Tiptoe: Wie immer, Prof, sie hat kein Wort gesagt
und vor sich hin gedöst.

vanDusen: So und bis zum erscheinen von mir und
Hatch saßen sie zu dritt an diesem Tisch zusammen.

Tiptoe: So ist es Prof.

vanDusen: Die ganze Zeit, jede Sekunde.

Roselli: Moment, einmal haben wir uns kurz
verabsentiert, Tiptoe und ich, ins Haus.

vanDusen: Ah, wann war das.

Tiptoe: Muß so kurz nach halb 1 gewesen sein.

vanDusen: Aha, aus welchem Grund haben sie sich
entfernt meine Herren.

Tiptoe: Ja wissen sie Prof bevor es losging
wollten wir uns noch schnell einen Schluck
genehmigen, einen richtigen.

Roselli: Tee müssen wir später genug trinken.

vanDusen: Was genau haben sie zu sich genommen.

Tiptoe: Whisky natürlich.

Hatch: Natürlich.

Tiptoe: Aus meiner Taschenflasche.

vanDusen: Sehr interessant, aus ihrer
Taschenflasche, Milord Twickenham, Mr Roselli,
gehen sie, informieren sie ihre Mitakteure,
bringen sie sie hierher, die Komödie ist zu ende.

Tiptoe: Leider Prof für dieses Jahr.

vanDusen: Sie bleiben Oberst Tiptoe.

Hatch: Ich blieb auch, sie wissen ja ein
unzertrennliches Duo, und als Lord und Dichter
verschwunden waren, stellte van Dusen an Tiptoe
ein etwas ungewöhnliches Ansinnen.

Tiptoe: Meine Taschenflasche, wenn sie meinen Prof
bitte.

vanDusen: Mein lieber Hatch, prüfen sie den
Inhalt.

Hatch: Mit Vergnügen.

vanDusen: Nicht trinken, riechen.

Hatch: Okay, allerfeinster schottischer
Maltwhisky.

Tiptoe: Das will ich meinen Mr Hatch.

vanDusen: Kein Sherry.

Hatch: Niemals Prof.

vanDusen: Ist Mr. Roselli ebenfalls im Besitz
einer solchen Taschenflasche Oberst.

Tiptoe: Wissen sie, Prof wir haben alles was zur
Stärkung bei uns, wenn wir Wunderland spielen,
bloß Roselli nicht, der ist ein typischer
Mittrinker.

vanDusen: Und wie ich mich überzeugen konnte
enthalten die Gefäße auf dem Tisch lediglich Tee,
damit steht es fest, Lady Twickenham wurde
ermordet.

Tiptoe: Ja aber der Brief.

vanDusen: Richtig der Brief, falls sein Inhalt
zutrifft haben wir es mit 2 Morden zu tun.

Tiptoe: Mrs Marshmellow, meinen sie Prof ob sie
wirklich tot ist.

vanDusen: Dies werden wir auf Schloß Twickenham zu
verifizieren haben.

Hatch: Und das taten wir auch, allerdings nicht
sofort, wir mußten erst auf die andern warten, auf
Dr Horrox die Raupe, auf die Chessarketze Dekan
Jellypot, den der Prof keines Blickes würdigte,
und auf lord twickenham nebst roselli, die den
hochwürdigen aber steifbeinigen Bischof von
Snodbury auf einem Karren vor sich herschoben, als
Herzkönigin trug Eminenz eine voluminöse
rotschwarz gemusterte Robe, fuchtelte mit einem
herzförmigen Fächer herum und schrie ab und zu um
nicht aus der Übung zu kommen Kopf ab, gemeinsam
machten wir uns auf den kurzen Weg nach Schloß
Twickenham, unterwegs stellte ich fest daß das
Wunderland sprich lord twickenhams Fasanengehege
tatsächlich ein höchst privates Gelände
darstellte, die Mauer ringsum war 5 m hoch und
trug eine Krone aus Stacheldraht, in engen
Abständen waren Wachen postiert, was das hieß
wußte auch ein bescheidener kriminologischer
Assistent, Lady Twickenhams Mörder konnte nicht
von außen gekommen sein, auf Schloß Twickenham
zogen sich Jellypot, Roselli, Dr Horrox und der
Bischof zurück, das abgebrochene Wunderlandtheater
hatte offenbar an ihren Nerven gezerrt, der Prof
gönnte sich keine Ruhe, er ließ sich sofort von
Lord Twickenham in Mrs Marshmellows Zimmer führen,
ich mußte natürlich mit und Oberst Tiptoe als
verantwortlicher polizeimensch auch, seine
Lordschaft öffnete die Tür, wir traten ein und van
Dusen steuerte gleich auf den Kamin zu.

vanDusen: Asche, noch warm, vor nicht allzulanger
Zeit brannte in diesem Kamin ein Feuer.

Tiptoe: Im Juli.

vanDusen: Ganz offensichtlich sollte etwas
verbrannt werden aber was Papier Karton ah scheint
sich um die Reste photografischer Aufnahmen
gehandelt zu haben.

Hach: Fotos, sie meinen jemand hat im Kamin Fotos
verbrannt Prof.

vanDusen: Abzüge von fotografischen Platten, ganz
recht, mein lieber Hatch, was darauf dargestellt
war, läßt sich leider nicht mehr feststellen, wir
sind was dies betrifft auf Konjekturen angewiesen,
Fotografien, Fotografien, interessant, sehr
interessant, nanu was haben wir hier denn.

Hatch: Ein kleiner Koffer würde ich sagen offen.

Lord: Mrs Marshmellows Schmuckschatulle.

vanDusen: Mhm, Gold, Perlen, Brillanten, echte
Steine, kein Imitationen, ein beachtlicher Besitz
für eine Wirtschafterin.

Lord: Oh Mrs Marshmellow ist eine recht
wohlhabende Person, sie besitzt mehrere Hotels in
Eastbourne.

Tiptoe: In den letzten Jahren gekauft Prof.

vanDusen: Soso sehr aufschlußreich sehr
aufschlußreich.

Lord: Sagen sie mal Prof.

vanDusen: Ja bitte.

Lord: Eigentlich wollten wir doch nachsehen was
aus Mrs Marshmellow geworden ist, ob sie noch lebt
oder, ich seh sie nicht.

Tiptoe: Ich auch nicht Milord.

vanDusen: Wir werden sie suchen, meine Herren,
Hatch.

Hatch: Prof.

vanDusen: Sehen sie unter dem Bett nach.

Hatch: Ach immer ich.

Tiptoe: Sie suchten mit Flicken, sie suchten mit
Fleiß.

Hatch: Lewis Carroll die Jagd nach dem Schnarch.

vanDusen: Mein lieber Hatch widmen sie sich ihre
Aufgabe, was sehen sie.

Hatch: Nichts, jedenfalls keine Leiche, nur Staub,
sie sollten mal mit ihrem Butler reden, Milord.

vanDusen: Der Wandschrank, mein lieber Hatch,
öffnen sie ihn.

Hatch: Ja und da war sie, eine alte Frau im
Unterrock, tot oder was haben sie erwartet, meine
Damen und Herren ermordet, vergiftet.

vanDusen: Und diese Karaffe auf dem oberen Bord
enthält, mein lieber Hatch, ihr Riechorgan ist
gefragt.

Hatch: Sherry mit Zyankali.

vanDusen: Danke, mein lieber Hatch, wie spät ist
es.

Hatch: 5 vor 4 Prof.

vanDusen: Der Tod trat vor 17 Stunden ein das
heißt.

Tiptoe: Gestern abend gegen elf.

vanDusen: Wo hielt sich ihre Frau um diese Zeit
auf Milord.

Lord: Das kann ich ihnen nicht sagen, Prof wir
sind ein modernes Ehepaar, wir haben getrennte
Schlafzimmer.

vanDusen: Und heute vormittag.

Lord: Hab ich sie auch nicht gesehen, mein gott
warum hat sie das getan, sie muß wahnsinnig worden
sein.

vanDusen: Sieht ganz so aus, Milord, Tiptoe.

Tiptoe: Ja Prof.

vanDusen: Ein Wort im Vertrauen.

Hatch: Was van Dusen dem Oberst in der Ecke neben
dem Kamin zu sagen hatte, konnte ich nicht hören,
aber ich sah daß Tiptoe verdutzt wirkte, fast
bestürzt, daß er offenbar Einwände machte,
schließlich aber nickte, dann führte ein
dienstbarer Geist uns den Prof und mich in ein
freundliches Zimmer und versorgte uns mit Speis
und Trank, leider kam ich kaum dazu dem gebotenen
die gebührende Ehre zu erweisen, van Dusen fragte
mir Löcher in den Bauch, stundenlang über Lewis
Carroll, sein Leben, sein Werk, seine Vorlieben
und Eigenheiten, nicht daß ihn das alles
interessierte an sich meine ich, es ging ihm wie
immer um den Fall und seine Lösung, pünktlich um 7
begann im großen Saal auf Schloß Twickenham das
Bankett, auch durch 2 plötzliche Todesfälle ließen
sich die Carrolljünger nicht von der
traditionellen Feier zum Abschluß ihres Ehrentags
abhalten, am Kopf der Tafel hatte der Präsident
der Festivität seinen Platz, Dekan Jellypot, zu
seiner rechten saßen die Ehrengäste Prof van
Dusen, und meine Wenigkeit, zur linken saß der
Gastgeber Lord Twickenham, dann folgten Oberst
Tiptoe, der Bischof von Snodbury, Dr Horrox, und
Roselli, zwischen Roselli und mir blieb ein Platz
frei, davor auf dem Tisch lag die mit einer
Schleife verzierte Kappe der Haselmaus, nach den
Regeln ihres Clubs trugen alle noch ihre
Wunderlandkostüme.

Jellypot: Meine Herren, erlauben sie mir der
Festlichkeit ein kurzes Wort des Gedenkens
vorauszuschicken, wie sie wissen, hat die
Haselmaus, unsere geschätzte Mrs Marshmellow uns
für immer verlassen, wir werden ihr Gedächtnis in
Ehren halten, gleichzeitig nehme ich die
Gelegenheit wahr, unserem Mitglied, unserem
Freund, unserem Gastgeber Lord Twickenham unser
aller beileid zum jähen ableben seiner Gattin, und
damit sei der Pietät genüge getan, meine Herren
das Fest mag beginnen.

vanDusen: Einen Augenblick, Kollege Jellypot seit
gestern abend sind am und im Schloß zwei Menschen
auf gewaltsame Weise zu tode gekommen, sind sie
denn überhaupt nicht interessiert daran, aus
welchem Grund, durch wessen Hand, auf welche
Weise.

Jellypot: Aber Kollege van Dusen, das alles ist
doch längst bereinigt, Dr Horrox hat zwei amtliche
Totenscheine ausgestellt.

Horrox: Jawohl, für Lady Twickenham und für Lady
Marshmellow.

vanDusen: In der Tat und welche Todesursache haben
sie angegeben, Doktor.

Horrox: Herzversagen.

vanDusen: Was.

Horrox: In beiden Fällen.

Hatch: Alles klar, Prof die wollen die Sache
vertuschen, unter den Teppich kehren.

Jellypot: Kollege van Dusen Mr Hatch, Sie müssen
das verstehen, auf gar keinen Fall darf es zu
einem öffentlichen Skandal kommen, Lord Twickenham
wenn ich das hier erwähnen darf, hat berechtigte
Aussichten demnächst zum Minister berufen zu
werden, und auch wir übrigen bekleiden nicht ganz
unwichtige Positionen im öffentlichen Leben.

vanDusen: Ja aber ich hab den Fall gelöst.

Jellypot: Schön für sie, Kollege, das wäre also
geklärt und damit meine Herren.

vanDusen: Und ich werde ihnen die Resultate meiner
Untersuchungen vortragen.

Jellypot: Muß das denn jetzt sein Kollege van
Dusen.

vanDusen: Ich bestehe darauf, widrigenfalls sehe
ich mich veranlaßt Mr Hatch zu ersuchen über die
erstaunlichen Vorgänge dieses 4. Juli 1903 einen
Artikel für den dailynewyorker zu verfassen, und
dieser Artikel dessen bin ich sicher wird trotz
oder gerade wegen seiner sensationellen Aufmachung
auch hier in Großbritannien für Furore sorgen.

Hatch: Das wirkte, nach kurzer Debatte durfte der
Prof seine Aufklärungsarie vorsingen, wäre ja auch
jammerschade gewesen wo er sich schon so
draufgefreut hatte.

vanDusen: Meine Herren, die erste Frage welche es
zu lösen gilt lautet, aus welchem Grund wurde Mrs
Marshmellow vergiftet.

Lord: Aber das wissen wir doch, der Brief meiner
Frau.

vanDusen: Ist eine Fälschung.

Jellypot: Was.

vanDusen: Rekapitulieren wir folgende Fakten,
erstens Prof Dodgson alias Lewis Carroll huldigte
einer ausgefallenen um nicht zu sagen anrüchigen
Passion, er suchte die Bekanntschaft junger sehr
junger Mädchen um sie zu fotografieren, mit
vorliebe im gänzlich unbekleideten Zustand,
zweitens diese Fotografien so bestimmte er in
seinem Testament sollten nach seinem Tod
vernichtet werden.

Jellypot: Muß denn das sein.

vanDusen: Drittens Mrs Marsmellow war Dodgsons
Testamentsvollstreckerin, viertens seit einigen
Jahren, Dodgson starb 1898 erfreut sich
Marshmellow eines beträchtlichen Vermögens,
fünftens in ihrem Zimmer wurden Fotografien
verbrannt, sechstens Lady Twickenham geborene
Gertrud Schaterway war als Kind gut bekannt mit
Dodgson, Fazit meine Herren.

Tiptoe: Erpressung.

vanDusen: So ist es, Oberst, Mrs Marshmellow hat
entgegen Dodgens Anweisungen seine Aktfotografien
nicht beseitigt, sondern zurückbehalten, um die
dargestellten zu erpressen.

Lord: Meine Frau.

vanDusen: Jawohl Milord, vermutlich drohte die
Marshmellow Lady Twickenhams Fotografien, sofern
sie nicht zahlte, in Umlauf zu bringen.

Lord: Deshalb hat sie ihr Zyankali gegeben.

vanDusen: Ohne Frage, wenden wir uns nun dem Mord
an Lady Twickenham zu.

Lord: Sie meinen Selbstmord, Prof.

vanDusen: Ich sagte Mord Milord und ich meinte
Mord.

Jellypot: Was.

vanDusen: Lady Twickenham trank mit Zyankali
versetzten Sherry, aus ihrer Teetasse, woher
stammte diese tödliche Mixtur, Lady Twickenham
hatte sie nicht mitgebracht, an ihrer Person und
in weiterem umkreis um ihre Person fand sich
keinerlei Behälter, der Sherry enthielt oder
enthalten hatte, von Zyankali ganz zu schweigen,
jemand hatte ihr den giftigen Sherry eingegossen,
aus einem Gefäß, daß dieser jemand dann wieder an
sich genommen haben mußte, unbedachterweise, denn
dadurch hat er sich als Mörder decuvriert, wer ist
der Mörder, mit Sicherheit eine Person, welche
sich zur Tatzeit 12 Uhr 40 im sog. Wunderland
aufhielt, und das heißt da wir einen unbekannten
Außenseiter ebenso ausschließen dürfen wie mich
oder Mr Hatch, einer von ihnen, meine Herren, wer
ist es, wer, sie Kollege Jellypot.

Jellypot: Erlauben sie Kollege van Dusen.

vanDusen: Regen sie nicht auf Kollege Jellypot,
sie haben ein Alibi, um 12.40 führten sie ein von
ihrer Seite übrigens äußerst törichtes Gespräch
mit mir und Mr Hatch.

vanDusen: Dr Horrox.

Horrox: Was ich.

vanDusen: Auch sie stehen nicht unter Verdacht,
ein Mann in ihren Jahren besitzt nicht mehr die
Schnelligkeit die erforderlich gewesen wäre, mich
und Mr Hatch auf unserem Weg zu überholen, der
Bischof von Snodbury ist ohne fremde Hilfe
gänzlich unbeweglich, Oberst Tiptoe.

Tiptoe: Ich.

vanDusen: Mr Roselli.

Roselli: Also.

vanDusen: Entlasten sich gegenseitig, wer bleibt.

Roselli: Lord Twickenham.

vanDusen: Das weiße Kaninchen, dessen Rolle wie Mr
Hatch mich informierte, permanente Bewegung
vorschreibt und das uns kurz nach der Tatzeit vom
Tatort her entgegen kam, sie haben ihre Frau
ermordet Milord und am Mord an Mrs Marshmellow
waren sie gleichfalls beteiligt.

Roselli: Was, Mrs Marshmellow auch, woher wollen
sie das wissen Prof.

vanDusen: Aus dem falschen Abschiedsbrief, den der
Mörder Lady Twickenham unterschob, gehen zwei
Tatsachen ganz klar hervor, der Mörder wußte daß
Lady Twickenham nicht wie zu erwarten war, Mrs
Marshmellow die Rolle der Haselmaus verkörperte
und er wußte daß Mrs Marshmellow in der
vorangegangen Nacht ermordet worden war, dh. er
war an der Tat beteiligt, ich rekonstruiere.

Hatch: Und ich übernehme, damit es etwas schneller
geht, also Mrs Marshmellow erpresst Lady, Lady
informiert Gatten, beide wissen Erpresser kriegen
den Hals nie voll, Beschluß Mrs Marshmellow wird
umgebracht, in der Nacht vom 3. zum 4. Juli, wenn
sie auf Schloß Twickenham ist mit Zyankali im
Schlaftrunk, die Sache klappt, Mrs Marshmellow ist
tot, Aktfotos werden verbrannt, dann sagt lord zu
lady, du gehst morgen mit ins Wunderland als Mrs
Marshmellow dh. als Haselmaus, ich hole dich im
richtigen Moment ab und bring dich zurück ins
Schloß durch einen Geheimgang oder so, es soll
aussehen als ob Mrs Marshmellow am 4. Juli im
Wunderland spurlos verschwindet, für die polizei
ein unlösbares Rätsel, die Leiche graben wir
später heimlich ein, lady ist einverstanden, sie
weiß nicht, daß lord ihr die hucke vollgelogen
hat, in Wahrheit will er lady auch umbringen,
warum weil sie ihm lästig ist, weil er Angst hat
daß es noch mehr verfängliche Foto gibt, weil er
denkt keine Frau mehr, kein Skandal, weil er so
das Problem der toten Marshmellow am besten los
wird.

vanDusen: Und als heute gegen 12 Uhr 40 wie jedem
Jahr Tiptoe und Roselli die Haselmaus allein
ließen um unter sich dem Alkohol zu frönen war
Lord Twickenham sogleich zur stelle, bevor er sie
zum natürlich nicht existenten geheimen Ausgang
bringe, sagte er möge sie ihre Nerven beruhigen,
er goß ihr Sherry ein, sie trank, sie starb, der
Mörder schob ihr den präparierten Abschiedsbrief
in den Ausschnitt und eilte auf schnellstem Weg
von dannen, wobei er mich und Mr Hatch passierte,
er ahnte ja nicht, der unglückselige, daß es sich
beim diesjährigen sog. Ehrengast nicht nur um
einen Wissenschaftler von hohem Grade handelte
sondern auch um einen nicht völlig unbekannten
Amateurkriminologen, sie hätten es ihm und ihren
übrigen Genossen mitteilen sollen, Kollege
Jellypot.

Jellypot: Mag sein, Kollege van Dusen, ich hielt
es nicht für wichtig.

Lord: Sind sie fertig, Prof, sie haben viel
geredet, aber nur wenig gesagt, haltlose Indizien,
an den Haaren herbeigezogene Hypothesen, das ist
alles was sie zu bieten haben, wo sind ihre
Beweise, wenn sie welche haben legen sie sie vor
hier und jetzt auf den Tisch.

vanDusen: Nicht ich, Milord sie werden ihn auf den
Tisch legen, den einen, den endgültigen, den
letzten Beweis ihrer Schuld, sie tragen ihn bei
sich Milord, in der Tasche ihrer karierten Jacke,
ich sehe sie wissen worauf ich hinaus will, legen
sie sie auf den Tisch Milord ihre Taschenflasche,
nach dem Mord an ihrer Frau steckten sie sie
wieder zu sich und danach konnten sie auch wenn
sie es gewollt hätten sich ihrer nicht entledigen,
sie waren niemals allein, zunächst behielt ich sie
im Auge, später tat dies auf meine Anweisung
Oberst Tiptoe.

Lord: Sie haben gewonnen Prof, hier ist die
Flasche.

Jellypot: Er trinkt.

vanDusen: Fallen sie ihm in den Arm, Tiptoe.

Tiptoe: Zu spät, seine Lordschaft ist verschieden.

Hatch: Sherry plus Zyankali.

Jellypot: Dabei war seine Lordschaft
Whiskytrinker, na werden sie wohl einen dritten
Totenschein ausstellen müssen Dr Horrox.

Hatch: Wieder Herzversagen.

Horrox: Nein Mr Hatch, Selbstmord mittels Zyankali
aus unstillbaren Gram um den Tod der geliebten
Gattin.

Hatch: Lord Twickenhams Leiche wurde weggeschafft,
dann konnte es endlich losgehen, das große
Festbankett, trotz der geschrumpften
Teilnehmerzahl wurde es das muß ich sagen ganz
lustig, besonders zum Schluß, es gab Portwein,
Zigarren und Dekan Jellypot klopfte zum letzen mal
an sein Glas.

Jellypot: Meine Herren, bevor wir an diesem
denkwürdigen 4. Juli auseinandergehen wollen wir
uns wie in jedem Jahr unseren Ehrengästen widmen,
Prof van Dusen.

vanDusen: Passen sie auf, mein lieber Hatch, man
wird mir nunmehr die Ehrenmitgliedschaft dieses
kindischen Vereins offerieren und es wird mir ein
Vergnügen sein, sie höflich aber bestimmt
auszuschlagen.

Jellypot: Durch ihre amateurkriminologischen
Fähigkeiten haben sie in erheblichen Maße dazu
beigetragen unseren diesjährigen Gedenktag auf
recht spezielle Weise unvergeßlich zu machen,
nehmen sie dafür unsern Dank, und nun zu ihnen Mr
Hatch, sie haben sich als ein wahrer Kenner der
Werke unsere großen Lewis Carroll erwiesen und
mehr noch, als ein Mann von echtem rechten Lewis
Carroll Geist, deshalb sind stolz und glücklich
ihnen Mr Hutchinson Hatch die Ehrenmitgliedschaft
in unserer exklusiven Gemeinschaft zu verleihen.

Hatch: Das ist ja.

Roselli: Eine Rede, eine Rede Mr Hatch.

Hatch: Ja danke meine Herren ich danke ihnen von
Herzen für diese große und ganz unerwartete Ehre,
wenn sie gestatten, will ich versuchen mich dafür
auf bescheidene Weise zu revanchieren, in dem ich
ihnen ein paar Zeilen vortrage natürlich aus einem
Gedicht von Lewis Carroll, aus seinem
unsterblichen Lied des Gärtners.

vanDusen: Mein lieber Hatch, was soll das.

Hatch: Ihm deucht er säh nen wilden Stier auf
einer hohen Fichte, er schaut noch mal und fand es
sei des eigenen Schwagers Nichte, verschwinde
sprach er, anderenfalls bemühe ich die Gerichte.

vanDusen: Das ist doch kindischer Unfug.

Hatch: Ihm deucht, er sah ein Känguru ne
Kaffeemühle drehen, er schaut noch mal und fand es
sei ein Brötchen mit Arsen.

vanDusen: Sind sie von allen guten Geistern
verlassen.

Hatch: Sag er wird es mir schlecht ergehen, ihm
deucht er sei ein Axiom, das zog sich an den
Haaren, er schaut noch mal und fand es sei ein
Korb von Seifenwaren, wie schrecklich sprach er
vor sich hin, laß alle Hoffnung fahren.

Professor van Dusen: Friedrich W. Bauschulte
Hutchinson Hatch: Klaus Herm
Dekan Jellypot (Chesshire-Katze): Lothar Blumhagen
Oberst Tiptoe (Hutmacher): Christian Rode
Lord Twickenham (Weißes Kaninchen): Horst Bollmann
Dr. Horrocks (Raupe): Helmut Kraus
Raphael Roselli (Märzhase): Moritz Milar
Diener: Klaus Jepsen

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